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Christliche Bücher

Christentum Sachbücher

Christliche Bücher: Entdecken Sie neue Aspekte des Glaubens und der Theologie. Unsere Autoren wie Hans Küng beschäftigen sich mit vielen Fragen, die im christlichen Glauben eine Rolle spielen:

  • Was bedeutet es heute, Christ zu sein?
  • Wohin führt der Weg der katholischen Kirche?
  • Hat das Zölibat und das Priestertum in der heutige Form eine Zukunft?
  • Wie kann zeitgemäßes Papstum aussehen?

Ein blinder Fleck in der christlichen Kulturgeschichte

Blick ins Buch
Gott - Eine AnatomieGott - Eine Anatomie

Der göttliche Körper im Wandel der Zeit

Auf Gottes Spuren
In früheren Zeiten war Gott kein abstraktes Wesen, sondern hatte eine stark physische Komponente. Erst spät wurde die Lehre verbreitet, Gott habe keine Gestalt. Dieses Buch erzählt eine andere Geschichte: die des biblischen Gottes in all seinen körperlichen, unzensierten und skandalösen Formen.

Indem es die theologische Fassade jüdisch-christlicher Frömmigkeit einreißt, offenbart es eine Gottheit, die ganz anders ist als der Gott, der heute von Juden und Christen auf der ganzen Welt verehrt wird. Denn für die frühchristlichen Menschen war Gott nicht nur muskelbepackt und gutaussehend: Er hatte übermenschliche Kräfte, irdische Leidenschaften und sogar eine Schwäche für das Ungeheuerliche.

„Fesselnd, frisch und umwerfend.“ The Sunday Times

Prolog

Denken Sie mal zurück. Wann sind Sie das erste Mal mit einer Bibel in Berührung gekommen? Ich war fünf, vielleicht auch sechs Jahre alt, saß im Schneidersitz auf einem kratzigen beigen Teppich und hatte ein großes Bilderbuch auf dem Schoß. Das Buch war eine illustrierte Kinderbibel, und seine Seiten rochen köstlich – herb, wie Plakatfarbe, wenn auch ein bisschen muffig, wie die Leihbibliothek. Ich kann mich noch lebhaft daran erinnern, was ich da alles sah. Abraham hatte seinen Sohn Isaak gefesselt auf etwas gelegt, das aussah wie ein noch nicht entzündetes Lagerfeuer. Er hatte ein Messer und war drauf und dran, ihn damit zu erstechen und dann zu verbrennen. Doch da wurde er plötzlich von einem Engel am Himmel gestoppt, einem Engel mit gelben Haaren und einem wallenden Gewand, der auf ein fettes, flauschiges Schaf zeigte. Es waren noch mehr Bilder in dem Buch: ein alter Mann auf einem Berg mit zwei großen Steintafeln in den Händen; ein anderer alter Mann in einem Streitwagen, der von zwei Pferden aus Feuer gezogen wurde. Ich blätterte weiter und weiter. Da war ein Mann, ganz mit Seetang überzogen, er saß im Bauch eines großen blauen Wals. Der kleine Jesus in einem Bett aus Stroh, um den sich Schafe, Kühe und ein Esel scharten, die ihn ansahen. Eine Frau, die mit Schals herumwirbelte, während sie vor einem Kopf auf einem Teller tanzte. Ich hielt kurz inne und schaute auf das Bild des Mannes, der an ein großes Holzkreuz genagelt war. Er war über und über mit Kratzern bedeckt, und an seinem Kopf tropfte Blut herunter.

Ich habe nie an Gott geglaubt, aber Religion hat mich immer fasziniert. Als ich aufwuchs, war sie allgegenwärtig, drängte sich in mein Blickfeld und strukturierte den Lebensablauf – von den täglichen Schulversammlungen und dem Fernsehprogramm am Sonntagabend bis zur freudigen Erwartung vor weihnachtlichen Krippenspielen und Ostereiersuchen. Doch erst die Familienausflüge ins Museum machten Religion für mich konkret. Riesige Steinstatuen von Göttern, rundlich, fleischig und machtvoll. In Tuniken gehüllte Götter mit Sandalen an den Füßen. Götter mit Zehennägeln, Ellbogen, Augenbrauen. In anderen Räumen standen farbenfroh bemalte Särge mit Leichnamen, die in schmutzige Stoffstreifen eingewickelt waren, umgeben von Göttern mit den Gesichtern von Tieren. Eine Katze. Ein Hund. Ein Vogel. Ein Krokodil. Einmal die Ecke rum, und da waren noch mehr Götter, dieses Mal in kleine polierte Steine geritzt; in langen Röcken saßen sie auf Thronen, hatten Hörner auf ihren Kronen und Ungeheuer zu ihren Füßen liegen. In Museen lernte ich, dass die Gottheiten aus Ägypten, Mesopotamien, Griechenland und Rom zu der größeren Welt gehörten, in der die Bibel entstand. Aber wo waren die Statuen vom Gott der Bibel selbst – der einzigen Gottheit, die bis in die heutige Zeit überlebt hat?

Als ich Theologie und Religionswissenschaft studierte, gingen Dozenten wie Studenten gleichermaßen davon aus, dass der Gott der Bibel keinen Körper besitzt. Es war ein gestaltloser, unsichtbarer Gott, von dem es kein Bild gab und der sich in der hebräischen Bibel (dem Alten Testament) in geheimnisvoll von Propheten gesprochenen Worten offenbarte und dann im Neuen Testament in Jesus Christus Fleisch wurde, um für die Sünden der Menschheit zu sterben, bevor er wiederauferstand und in den Himmel zurückkehrte. Doch als ich mir die Bücher, aus denen die Bibel besteht, einmal etwas genauer anschaute, konnte ich diesen körperlosen Gott nicht finden. Vielmehr beschworen die alten Texte ein überraschend leibhaftiges Bild von einem Gott in Menschengestalt herauf, der herumlief, redete, weinte und lachte. Einem Gott, der aß und schlief, Gefühle hatte und atmete. Und einem Gott, der eindeutig männlichen Geschlechts war.

Während meines Grundstudiums schien niemand ein Wort über den Körper des biblischen Gottes verlieren zu wollen – bis zu einer denkwürdigen Vorlesung, in der es um die Genderthematik in der modernen christlichen Theologie ging. Begeistert stellte ich fest, dass feministische Theologen sowohl auf jüdischer als auch auf christlicher Seite schon lange Widerspruch gegen den rein männlichen Gott in ihren heiligen Schriften erhoben. Doch stellte sich schnell heraus, dass sowohl feministische als auch traditionalistische Theologen dieses heikle Thema dadurch zu umschiffen gedachten, dass sie sich darauf zurückzogen, Gott könne unmöglich ein Geschlecht haben, denn Gott habe ja keinen Körper. Ich weiß noch genau, dass ich in der Diskussionsrunde am Ende der Vorlesung Protest einlegte. „Aber viele biblische Texte lassen den Schluss zu, dass Gott männlich ist und einen männlichen Körper hat.“

„Das Problem ist nicht Gott“, erwiderte der Professor, ein hoch angesehener christlicher Theologe und Geistlicher. „Problematisch wird es nur, wenn wir die Beschreibungen der Bibel zu wörtlich nehmen.“ Dann führte er weiter aus, dass jene lästigen biblischen Darstellungen eines leibhaftigen, männlichen Gottes schlicht und einfach metaphorisch gemeint seien oder poetisch. „Wir sollten uns nicht zu sehr von Anspielungen auf seinen Körper ablenken lassen“, sagte er. Denn sonst würde man sich zu vereinfachend mit den biblischen Texten auseinandersetzen. Anscheinend sollten wir nicht nur auf die Texte schauen, sondern durch sie hindurch, um ihren theologischen Wahrheiten auf die Spur zu kommen.

Alle anderen im Raum schienen mit dieser Herangehensweise an den Gott der Bibel erstaunlich zufrieden zu sein, aber ich fand sie zutiefst frustrierend. Warum sollte ich an dem klaren Bild von Gott als riesenhaftem Mann mit einem schweren Schritt, Waffen in der Hand und einem Atem so heiß wie Schwefel vorbeisehen? Einem Gott, der es in einem physischen Kampf mit einem gewaltigen Seeungeheuer aufnahm – und siegte? Einem Gott, der in seinem himmlischen Garten und in den Friedhöfen seines Volkes herumlief? Einem Gott, der eine Frau nackt auszog und sie der Gruppenvergewaltigung und Verstümmelung preisgab? Einem Gott, der auf einem Thron in einem Tempel saß und sich am Aroma von verbranntem Tierfett erfreute, während er auf sein Abendessen wartete? Einem Gott, der nicht nur Kinder hatte, sondern auch noch bereitwillig und mutwillig seinen geliebten Sohn hergab, damit er den Opfertod erlitt? Wie konnte ich davon nicht abgelenkt werden? Hier war eine Gottheit, genau wie die, die ich als Kind in Museen besucht hatte – ein Gott aus alten Mythen, fantastischen Geschichten und längst verloren geglaubten Ritualen, ein Gott aus der fernen Vergangenheit, aus einer Gesellschaft so ganz anders als die unsere. Unter diesen Vorzeichen wollte ich ihm begegnen, nicht als distanziertes, abstraktes Wesen, sondern als Produkt einer bestimmten Kultur, zu einer bestimmten Zeit, nach dem Bild der Menschen gemacht, die damals lebten; ein Gott, den sie nach ihren eigenen physischen Gegebenheiten formten, nach ihrer Weltsicht – und nach ihren eigenen Vorstellungen.

Als ich da so in dem Hörsaal saß, kam es mir vor, als wäre diese kraftvolle Gestalt irgendwie wegtheoretisiert und ersetzt worden durch das abstrakte Wesen, mit dem wir heute vertrauter sind: einen Gott, den wir in unseren kulturellen Ritualen feiern, auf den unsere Politiker sich gerne berufen und der jeden Sonntag im Fernsehen gepriesen wird. Einen Gott, dem ich, nach Meinung vieler meiner Kommilitonen und Dozenten, Rechenschaft schuldig war, ob nun in diesem Leben oder im nächsten. Einen Gott, dessen angebliche Gebote unsere gesellschaftlichen und kulturellen Konventionen bezüglich Gender, Sex und Moral, Macht und sozialer Schicht, Leben und Tod geprägt haben. Und dann dämmerte es mir mit einem Mal. Alle anderen im Raum, mein Theologieprofessor eingeschlossen, zensierten die Bibel, desinfizierten ihren Gott, befreiten ihn von allen mythologischen, diesseitigen und verstörenden Merkmalen. Ich war enttäuscht von ihnen. Und sie taten mir leid.

Das hier ist das Buch, das ich gern gelesen hätte, als ich auf der Uni war. Es erzählt die Geschichte des wahren Gottes der Bibel in all seinen leiblichen, unzensierten, skandalösen Ausprägungen. Indem es die theologische Fassade über die Jahrhunderte angesammelter jüdischer und christlicher Pietät herunterreißt, befreit das Buch den Gott der Heiligen Schrift von seinen biblischen und dogmatischen Fesseln und bringt eine Gottheit hervor, die ganz anders ist als der Gott, der heute von Juden und Christen verehrt wird. Der in diesem Buch enthüllte Gott ist die Gottheit, als die seine Anhänger im Altertum ihn sahen: ein überdimensionaler, muskelbepackter, gut aussehender Gott mit übermenschlichen Kräften, irdischen Leidenschaften und einer Schwäche für das Fantastische und Monströse.


Einleitung

1 Die Gottheit auf dem Seziertisch

Im Juni 2018 veröffentlichten Nachrichtenplattformen in aller Welt eine Fotografie von Gott. „Zeigt DIESES Foto das wahre Gesicht Gottes?“, tönte eine Clickbait-Überschrift. „Die Wissenschaft enthüllt das Gesicht Gottes, und es sieht aus wie Elon Musk“, spottete eine zweite. Andere, darunter die Webseite von NBC, waren weniger effekthascherisch in ihren Aufmachern: „Das Gesicht Gottes liegt im Auge des Betrachters.“ Das besagte Foto zeigte das unscharfe Schwarz-Weiß-Bild eines männlichen Weißen mittleren Alters mit einem weichen, runden Gesicht und dem Anflug eines Lächelns. Das Bild war von Forschern der University of North Carolina in Chapel Hill erzeugt worden, die einer demografisch repräsentativen Auswahl US-amerikanischer Christen eine Abfolge von computergenerierten Gesichtern vorgelegt hatten, in denen sich bestimmte kulturelle Stereotype von emotionalen, ethischen, sozialen und spirituellen Werten ausdrückten, und sie gebeten hatten, die herauszusuchen, die ihrem geistigen Bild von Gott am nächsten kamen. Einige dieser Gesichter hatten ein androgynes Aussehen, manche waren eher feminin, andere maskuliner. Alle waren sie grau, wie auf einer schwarz-weißen Fotokopie, doch hatten einige eine hellere Haut und andere eine dunklere. Manche Gesichter waren ausdrucksstark, andere eher nichtssagend. Doch jedes Gesicht war eine Leinwand, auf die die Teilnehmer an dem Experiment nach Belieben ihre eigenen Mutmaßungen projizieren konnten. Die Ergebnisse wurden ausgewertet und dazu genutzt, ein Phantombild von Gott zu erstellen. Wenig überraschend förderte die Studie zutage, dass in den USA Gott dem Bild eines weißen männlichen Amerikaners entspricht.

Psychologen und Sozialanthropologen haben schon lange erkannt, dass bei der Deutung des Göttlichen in menschlichen Gesellschaften ein hohes Maß an kognitiver Verzerrung zum Tragen kommt. Doch auch wenn moderne Studien wie die aus Chapel Hill uns etwas über die psychologischen und sozialen Prozesse sagen, die dieser Neigung zugrunde liegen, ist das nicht eben neu. Vor mehr als zweieinhalbtausend Jahren, im späten 6. beziehungsweise frühen 5. Jahrhundert v. Chr., war der griechische Denker und Abenteurer Xenophanes von Kolophon bereits zu einer ähnlichen Schlussfolgerung gelangt: „Wenn Kühe, Pferde oder Löwen Hände hätten und damit malen und Werke wie die Menschen schaffen könnten, dann würden die Pferde pferde-, die Kühe kuhähnliche Götterbilder malen und solche Gestalten schaffen, wie sie selber haben.“ Für Xenophanes war die menschliche Neigung, sich Götter nach ihrem Ebenbild zu schaffen, ebenso sehr lokalen kulturellen Vorlieben geschuldet wie übergeordneteren, ambitionierten Idealen, was die Vielfalt von Gottheiten in seiner Welt nur bestätigte: „Die Äthiopen stellen sich ihre Götter schwarz und stumpfnasig vor, die Thraker dagegen blauäugig und rothaarig.“ Was Xenophanes betraf, so war die weitverbreitete Annahme, die Götter hätten Körper wie die ihrer Anhänger, untrennbar mit der Vorstellung verbunden, Götter benähmen sich ganz so wie Menschen – und das war überaus problematisch, denn es entwertete unweigerlich die moralische Natur des Göttlichen. Beweise dafür ließen sich in den griechischen Mythen selbst finden: „Alles haben Homer und Hesiod den Göttern angedichtet, was nur immer bei den Menschen Schimpf und Schande ist: Stehlen, Ehebrechen und sich gegenseitig betrügen“, beklagte Xenophanes. Es war ein Einwand, der in seiner Philosophensicht wurzelte, dass ein Gott von Natur aus und zwangsläufig „weder an Aussehen den Sterblichen ähnlich [sei] noch an Gedanken“.

Ähnliche Ideen wurden schon bald auch von anderen griechischen Denkern verfochten, vornehmlich von Plato (um 429–347 v. Chr.) und seinem Schüler Aristoteles (um 384–322 v. Chr.) sowie nachfolgenden Generationen ihrer elitären, gebildeten Anhänger in der griechisch-römischen Welt, die darüber spekulierten, dass die göttliche Macht, die letzten Endes das Universum trägt, zwangsläufig ohne Körper sein muss – ein körperloses, unsichtbares abstraktes Prinzip beziehungsweise eine entsprechende Macht oder ein Intellekt, ganz und gar jenseits und verschieden von der materiellen Welt. Nicht, dass solche abgehobenen Ansichten größere Auswirkungen auf das religiöse Leben der Durchschnittsmenschen gehabt hätten. Ob sie nun in Philosophie geschult waren oder nicht, und auch unabhängig davon, welche Gottheiten sie verehrten, die meisten der in der griechisch-römischen Welt lebenden Menschen stellten sich ihre Götter auch weiterhin als leibhaftige Wesen mit Körpern wie ihren eigenen vor – ganz wie eh und je.

Doch gegen Ende des ersten vorchristlichen Jahrtausends und bis in die frühen nachchristlichen Jahrhunderte hinein hielten diese gelehrten philosophischen Ideen allmählich Einzug in das Denken bestimmter jüdischer und christlicher Intellektueller, die ihre Vorstellung von ihrem Gott gründlich überdachten, bis er für sie zunehmend körperlos und immateriell wurde. Dabei machten sie immer feinere Unterschiede zwischen dem Himmlischen und dem Irdischen, dem Göttlichen und dem Menschlichen, dem Geistigen und dem Körperlichen. Das im Großen und Ganzen platonische Konzept von der Unterschiedenheit des Göttlichen von allem im Universum und darüber hinaus hat die formaleren theologischen Deutungen Gottes in der religiösen Vorstellungswelt des Westens entscheidend geprägt. Allerdings bauen diese Deutungen auf einem konzeptionellen Bezugsrahmen auf, der in großem Widerspruch zur Bibel selbst steht, denn in diesen alten Texten wird Gott auf verblüffend menschenähnliche Weise dargestellt. Dort haben wir eine Gottheit mit einem Körper.


Im Anfang

Der Hochgott hatte bereits mehrere Tage damit zugebracht, neue Wunder ins Dasein zu rufen – er hatte die urzeitlichen Wasser des Chaos in ein himmlisches und ein unterweltliches Reservoir aufgeteilt, trockenes Land geschaffen und es mit Obstbäumen und Feldfrüchten bepflanzt, hatte die Sonne angewiesen, den Tag, und den Mond, die Nacht zu erleuchten, und schließlich dem neu entstandenen Land, Meer und Himmel befohlen, Landtiere, Fische und Vögel hervorzubringen. Jetzt war er im Begriff, erneut das Wort zu ergreifen. „Lasst uns Menschen machen als unser Bild, uns ähnlich“, sagt er zu den anderen Gottheiten in seinem Gefolge. Es ist eher eine Ansage als ein Vorschlag, aber dennoch eine gute Idee, denn die neuen Menschen werden die Aufgabe haben, in der neu geschaffenen irdischen Sphäre Ordnung zu halten. Und so formt der Hochgott den allerersten Menschen: „Gott erschuf den Menschen als sein Bild, als Bild Gottes erschuf er ihn.“ Das neue Geschöpf – adam, was so viel bedeutet wie „Erdling“ – weist große Ähnlichkeit mit seinem göttlichen Schöpfer auf und bekommt rasch eine weibliche Version an die Seite gestellt: „Männlich und weiblich erschuf er sie.“ Ausgestattet mit Gott nachempfundenen Körpern werden die Menschen vor den übrigen neu erschaffenen Geschöpfen auf der Welt bevorzugt, über die ihnen die Herrschaft verliehen wird. Nachdem er die Menschen mit Fruchtbarkeit gesegnet hat, überträgt der Hochgott ihnen zwei Aufgaben: sich zu vermehren und zu herrschen. Sie sollen seine Welt mit ihrer Nachkommenschaft füllen und die übrigen Geschöpfe unter Kontrolle halten. Zufrieden mit seinem Werk entscheidet der Hochgott, dass seine Arbeit getan ist. Am folgenden Tag ruht er sich aus.

In akademischen Kreisen wäre wohl an dieser freien Wiedergabe der Eingangsgeschichte des Buches Genesis nichts auszusetzen. Die meisten Bibelwissenschaftler würden zustimmen, dass Gott, wenn er sagt: „Lasst uns Menschen machen als unser Bild, uns ähnlich“, die übrigen Mitglieder seiner „himmlischen Versammlung“ anspricht – das Etikett, das die Bibel Gottes Rat aus niederen Gottheiten und göttlichen Wesen verpasst hat. Und die meisten würden auch unterschreiben (obgleich der eine oder die andere sich dabei ein wenig winden würde), dass die frisch geformten Menschen dadurch, dass sie nach dem Ebenbild der Götter gemacht wurden, eine sichtbare Ähnlichkeit mit ihren eigenen Gottheiten aufweisen, so, wie später in der Genesis von Adams Sohn Set gesagt wird, dass er wie „das Bild“ seines Vaters sei, und wie in anderen biblischen Texten Götterstatuen das „Ebenbild“ der Götter sind, die sie darstellen. Die unsere heutige Bibel eröffnende Schöpfungsgeschichte, die um das 5. Jahrhundert v. Chr. verfasst wurde, jedoch auf ältere Mythen zurückgreift, zeugt von einer Zeit, als Jahwe – die Gottheit von Jerusalem, heutzutage besser bekannt unter dem Namen „der Herr“ – erst noch in die Rolle des einzigen göttlichen Wesens im Universum hineinwachsen musste. Wie der babylonische Marduk oder der griechische Zeus war diese altbekannte Gottheit schon seit Langem als König des Alls gefeiert worden, war aber, wie diese beiden, bei Weitem nicht allein im Himmel. Vor allem war er noch mehrere Jahrhunderte von der immateriellen, körperlosen Abstraktion aus der späteren jüdischen und christlichen Theologie entfernt. Er war einfach wie jede andere Gottheit in der Welt des Altertums auch. Er hatte einen Kopf, Haare und ein Gesicht mit Augen, Ohren, einer Nase und einem Mund. Er hatte Arme, Hände, Beine und Füße, eine Brust und einen Rücken. Er war ausgestattet mit einem Herzen, einer Zunge, Zähnen und Genitalien. Er war ein Gott, der ein- und ausatmete. Hier hatten wir es mit einer Gottheit zu tun, die nicht nur aussah wie ein Mensch – wenn auch in weitaus imposanterem, glanzvollerem Umfang –, sondern sich auch noch sehr oft wie ein Mensch benahm. Er mochte gern Abendspaziergänge und herzhafte Mahlzeiten, er hörte Musik, schrieb Bücher und stellte Listen auf. Er war ein Gott, der nicht nur sprach, er lachte auch, schrie laut, weinte und führte Selbstgespräche. Er war ein Gott, der sich verliebte und raufte, ein Gott, der sich mit seinen Anhängern zankte und mit seinen Feinden kämpfte, ein Gott, der Freundschaften schloss, Kinder großzog, sich Ehefrauen nahm und Sex hatte.

Diese Darstellung Gottes wurde nicht von irgendwelchen obskuren, auf längst vergessene Tontafeln eingeschriebenen Mythen zusammengesucht. Sie stammt aus der Bibel selbst – einem Buch, so komplex wie die Gottheit, deren Werbetrommel sie rührt, nicht zuletzt, weil die Bibel eigentlich gar kein einzelnes Buch ist, sondern eine Sammlung von Büchern, die sich in zwei Teile gliedert. Der erste ist die hebräische Bibel, die im Judentum Tanach und im Christentum Altes Testament heißt. Sie ist eine Anthologie aus uralten Texten, die ursprünglich als Schriftrollen verfasst wurden. Die meisten dieser Texte sind selbst komplexe Zusammenstellungen unterschiedlicher literarischer Überlieferungen. Die Mehrzahl von ihnen wurde zwischen dem 8. und dem 2. Jahrhundert v. Chr. in Juda, einem kleinen, südlich gelegenen Staatswesen in der Levante verfasst, der Region, die wir heute als Palästina, Israel, Jordanien und Westsyrien kennen. Im 8. Jahrhundert v. Chr. wurde das Königreich Juda von den Assyrern erobert; zu Beginn des 6. Jahrhunderts widerfuhr ihm das Gleiche noch einmal, nur waren die Eroberer diesmal die Babylonier. Bis zum 5. Jahrhundert v. Chr. war aus Juda eine persische Provinz geworden, um das Jahr 333 v. Chr. wurde es dem riesigen Reich Alexanders des Großen einverleibt. Einige Texte aus der hebräischen Bibel berichten von Judas wechselvollen politischen Entwicklungen, andere sind Geschichten über legendäre Helden und Mythen aus sehr weit zurückliegenden Zeiten. Bei einigen handelt es sich um Orakelsammlungen, die verschiedenen Propheten zugeschrieben werden, bei anderen um Zusammenstellungen von Gedichten, rituellen Gesängen, Gebeten und Lehren. Doch keiner dieser Texte ist uns in der „Originalfassung“ überliefert. Vielmehr wurden an allen im Lauf der Zeit wiederholt sowohl inhaltlich als auch formal Überarbeitungen, Ergänzungen, Verbesserungen und Bearbeitungen vorgenommen, worin sich die wechselnden ideologischen Interessen ihrer Kuratoren spiegeln, die sie als heilige Schriften verstanden.

Es war dieser lange Prozess der schöpferischen Bearbeitung, der der biblischen Geschichte von Gottes Beziehung zu „Israel“, dem Volk, das er unter seine Fittiche genommen hat, narrative Form gegeben hat. Die ersten fünf Bücher der hebräischen Bibel erzählen von der Begründung und Verfestigung dieser Beziehung. Nach der Erschaffung der Welt und der Sintflut schließt Gott einen Bund (oder Vertrag) mit den Vorfahren der Israeliten – Abraham, seinem Sohn Isaak und seinem Enkel Jakob –, denen er zahlreiche Nachkommenschaft verspricht als Gegenleistung für ihren Gehorsam, den sie vor allem dadurch unter Beweis stellen sollen, dass sie nur ihn allein verehren. Als die Israeliten in Ägypten in Sklaverei geraten, befreit Gott sie und beauftragt Mose damit, sie ins „Gelobte Land“ Kanaan zu führen und sie gleichzeitig in Gottes Lehren (tora) zu unterweisen – die Bestimmungen, die ihr weiteres Verhältnis zur Gottheit prägen werden, darunter auch Anweisungen für den prächtigen Tempel, den sie in dem ihnen von Gott geschenkten Heimatland errichten sollen. Zusammen genommen sind diese fünf Bücher – Genesis, Exodus, Levitikus, Numeri und Deuteronomium – unter dem Namen Tora bekannt, und gemeinsam arbeiten sie die vermutlich rivalisierenden Überlieferungen über Vorfahren und Ursprünge der Israeliten zu einem weitgehend kohärenten Narrativ einer „israelitischen“ Identität um.

Der wahre Gott der Bibel war eine levantinische Gottheit des Altertums, dessen Schritte die Erde erbeben ließen, dessen Stimme durch den Himmel donnerte und dessen Schönheit und Strahlkraft seine Anhänger blendete.


Francesca Stavrakopoulou

Dem historischen Jesus auf den Fersen

Blick ins Buch
Auf Jesu SpurenAuf Jesu SpurenAuf Jesu Spuren

Eine Wanderung durch Israel und Palästina

„Straatmann zieht einen hinein in den Alltag derer, die er unterwegs trifft.“ Süddeutsche Zeitung

Zwischen Jordan, Jericho und Jerusalem
Der Theologiestudent Nils Straatmann reist mit einem alten Schulfreund in den Nahen Osten, um der Route des historischen Jesus zu folgen: vom vermeintlichen Geburtsort Bethlehem bis auf den Hermon an der syrisch-libanesischen Grenze.

Ein abenteuerlicher Roadtrip durch den Nahen Osten sowie zu den Wurzeln des Abendlandes – und „ein besonderes Lesevergnügen!“ (Pierre Jarawan).

Voller Neugier erkundet der Autor, was von den Ideen des einstigen Erlösers im Heiligen Land geblieben ist, und räumt mit weitverbreitetem Halbwissen auf. Und als er bei Beduinen auf Harry Potter trifft, am Lagerfeuer im Golan die Gefechte jenseits der Grenze hört und beim Barbier im Westjordanland für einen Spion gehalten wird, ist klar, dass dies keine Reise auf den Spuren der Vergangenheit bleibt.

  • Mit zahlreichen Fotos und Landkarte

Prolog


8. Juli 2016, Zgheib-Militärbasis, Sidon, Libanon
Mehrere Rollen NATO-Draht schirmen die Straße vom restlichen Verkehr ab. Ein Panzer steht in der Einfahrt, das Rohr direkt auf uns gerichtet. Ein Typ in Uniform sitzt am Geschützturm und raucht eine Zigarette. Hinter ihm an einer Schranke stehen weitere Soldaten. Von ihren Schultern hängen Gewehre.
„Was wollt ihr hier?“, fragt einer von ihnen auf Englisch.
„Wir brauchen eine Genehmigung, um in den Süden des Landes zu kommen“, antworte ich so naiv wie möglich. „Uns wurde gesagt, wir sollen uns an euch wenden.“
„Wer hat das gesagt?“
„Freunde. Im Hostel.“
Der Soldat winkt uns zu einem weiß getünchten Empfangshäuschen, wo ein schlecht gelaunter Beamter hinter einem abgewetzten Schreibtisch unsere Pässe kontrolliert.
„Telefone?“, fragt er barsch. „Abgeben!“
Wir ziehen unsere Handys aus der Tasche und händigen ihm damit unsere einzige Sicherheit aus. Sein Blick fällt auf unsere Flipflops.
„Was sind denn das für Schuhe? Das sind keine Schuhe! Habt ihr andere dabei?“
Ich schüttle den Kopf.
„Ich mag eure Schuhe nicht. Die werden Probleme bereiten. Besorgt euch andere Schuhe!“
„Wir haben kei…“
„Dann haut ab!“
Ich blicke zu Sören, er blickt zurück. 12 000 Kilometer, Hamburg–Tel Aviv–Hamburg und dann zurück in den Nahen Osten. Wochen voller Recherchen, je ein zweiter Reisepass, ein kompletter Gepäckwechsel, und das alles, nur um jetzt von einem mies gelaunten Typen mit schlecht gestutztem Schnurrbart wegen unserer Flipflops abgewiesen zu werden. Danke, Jesus! Hätten sich die Torwachen in Jerusalem wegen deiner Sandalen so angestellt, hätte sich deine Botschaft nie verbreiten können.
„Gibt es wirklich keine Möglichkeit, mit diesen Schuhen …“, setze ich an, doch der Beamte grätscht dazwischen: „Hört zu: Entweder ihr steht hier jetzt noch eine Weile rum, und ich lasse euch von den Jungs da draußen abführen oder ihr besorgt euch von irgendwoher vernünftige Schuhe und kommt morgen wieder!“
Wir treten auf der Stelle. Morgen wollen wir uns bereits auf dem Weg in die Berge befinden. Kurz überdenke ich unsere Möglichkeiten. Dann schultere ich meinen Jutebeutel und mache mich schleunigst auf den Rückweg nach Beirut.

Knapp drei Stunden später bin ich wieder da. In der Hand trage ich meine Nikes und Sörens schwere Wanderstiefel, die auf beinahe 400 Kilometern in ehrlichem Männerschweiß durchgewalkt wurden. Sören, der im Schatten einer Pinie gewartet hat, hebt den Blick. Seit das Display seiner Kamera kaputt ist, sieht er beim Sichten der Aufnahmen immer so aus, als würde er sehr konzentriert seine Füße fotografieren.
„Der Geruch Ihrer Schuhe hat Ihr Kommen bereits angekündigt, Sir“, begrüßt er mich. „Shall we?“
Ich nicke.
Diesmal bereitet uns der Beamte keine Probleme. Wir geben unsere Handys und Jutebeutel ab, dann werden wir ins Lager geleitet. Militärfahrzeuge und aufgeschichtete Sandsäcke. Überwachungskameras, derbe Jungs mit Maschinengewehren. Ein hagerer Kerl in Flipflops führt uns hinter das Hauptgebäude zu einem schlecht klimatisierten Container, in dem wir erwartet werden.
Wir sitzen auf einem mit schwarzem Kunstleder überzogenen Drahtgestell. Zwei Schreibtische, Furnierholz, darüber ein sich träge drehender Ventilator, der den Muff von zu oft geatmeter Luft im Raum verteilt. Vor uns ein Mann, dessen aufgesetztes Lächeln nicht darüber hinwegtäuschen kann, dass er in seiner Freizeit wahrscheinlich gerne Menschen frisst.
„Pässe?“, blafft er, während sein Kollege im hoffnungslosen Versuch, eine Fliege zu erschlagen, eine zusammengerollte Zeitschrift durch die Luft schwingt.
„Deutsche, ja?“ Er wirft uns einen misstrauischen Blick zu. „Und ihr wollt in den Süden? Was habt ihr da vor?“
Jetzt bloß nichts über Israel sagen, denke ich. So, wie es uns eingebläut wurde: Kein Wort über Israel und Palästina.


Das geheime Gatsby

„Sie müssen doch Gatsby kennen.“
F. Scott Fitzgerald


16. Mai 2016, Ben Gurion Airport, Tel Aviv, Israel
Sören und ich stehen vor einer Scheibe aus Panzerglas, die uns und unsere Pässe voneinander trennt. Geschäftig dreinblickende Reisende schauen auf ihre Uhren, schreiende Kinder und ungeduldige Blicke rempeln uns an. Durch einen Spalt unter der Scheibe sprechen wir mit zwei Grenzbeamten.
„Zum ersten Mal in Israel?“, fragt ein junger Mann in dunkelblauer Uniform durch den Schlitz.
„Ja“, antworte ich.
„Ihr gehört zusammen?“
„Jupp.“
„Wie lang bleibt ihr?“
„Zwei Monate.“
„Was macht ihr?“
„Wir wollen so nah wie möglich an der historischen Route Jesu entlangwandern.“
Er tippt etwas in seinen Computer. „Wandern? Wieso wandern? Es ist heiß!“
„Weil Jesus auch gewandert ist. Kein Auto, kein Führerschein. Die hatten ja nichts …“
Der Beamte lacht nicht. „Und wo wandert ihr lang?“
„Wir beginnen in Bethlehem. Von dort fahren wir nach Nazareth und wandern am See Genezareth entlang bis zum Hermon an die Nordgrenze. Von da aus dann zurück nach Jerusalem.“
Der junge Mann berät sich kurz und mit ernsten Blicken mit seiner Kollegin, dann schaut er wieder zu uns. „Und warum kommt ihr dafür nach Israel? Warum fahrt ihr nicht in ein anderes Land?“
Ich zögere. „Na ja … In England auf den Spuren Jesu zu wandern wäre nicht sehr klug, oder?“
Ein paar ruppig geschriebene Notizen mit dem Kugelschreiber, und abschließend noch genau vier Fragen an meinen Begleiter:
„Du heißt Sören?“
„Ja.“
„Wie heißt dein Vater?“
„Peter.“
„Und dein Großvater?“
„Hans-Joachim.“
„Wieso heißt du dann Sören? Das ist kein deutscher Name!“ Der Beamte macht ein Gesicht, als hätte er ihn gerade bei einer Straftat überführt.
Sören schaut verdutzt. Er streicht sich das lange Haar zurück. „Also … wir kommen aus Norddeutschland. Da macht man so was. Wir sind Wikinger da oben, wissen Sie?“ Wobei er offenlässt, ob er mit „da oben“ den Norden oder seinen Kopf meint.
Fünf Minuten später befinden wir uns auf dem Weg zum Gepäckband. „Nice“, flüstert Sören. „Wikinger ziehen immer.“

Das Sammeltaxi, das uns in die Jerusalemer Altstadt bringen soll, teilen wir uns mit einigen orthodoxen Juden. Schläfenlocken, weiße Hemden, dunkle, breitkrempige Hüte. Ich schäme mich dafür, wie neugierig ich sie anstarre.
Die Ledersitze sind von Brandflecken durchlöchert, durch die Fenster pfeift Wind herein. Dörfer fliegen vorbei, deren Namen auf den Straßenschildern in drei Sprachen ausgewiesen sind. Die arabischen Schriftzeichen erinnern mich immer an einen Schwerttanz. An den Hängen der Hügel wachsen Olivenbäume, grau und knorrig, seit Tausenden von Jahren. Manchmal auch Kakteen. Dann verändert sich die Landschaft, und wir passieren Zäune, NATO-Draht und rauchende Soldaten. Die westlichen Ausläufer Jerusalems.
Unser Fahrer setzt uns am Damaskustor ab. Eine Gruppe Polizisten bewacht den Verkehrskreisel davor, ein Scharfschütze hockt zwischen den Zinnen der Altstadtmauer. Im Licht der untergehenden Sonne sieht es beinahe schön aus.
Die Altstadt ist in vier Bezirke aufgeteilt: das muslimische Viertel, das jüdische Viertel, das armenische Viertel und das christliche Viertel. Wir durchwandern die von Millionen Füßen blank gebohnerten Gassen, riechen Baklava und Falafel, und just als wir unsere Herberge erreichen, knackt irgendwo ein Lautsprecher, und über die geschäftig klingende Geräuschkulisse aus fremden Sprachen, Souvenirgeklimper und Taubengurren erhebt sich das übersteuerte Lied eines Muezzins, das von einem Minarett gegenüber unserer Unterkunft schallt.
Das „Österreichische Hospiz zur Heiligen Familie“ liegt im muslimischen Viertel. Als sichtbare Präsenz der Habsburger wurde es 1856 im Heiligen Land erbaut, diente als Pilger-, dann als Waisenhaus, später als Hospital und schließlich wieder als Pilgerhaus. Kaiser Franz Joseph war zu Besuch, der jordanische König Hussein und nun wir, die wir uns den Reisestaub von den Hosen klopfen und von der Veranda des Hospizes das Treiben der jahrtausendealten Stadt bestaunen.
Anschließend machen wir uns auf schnellstem Weg zurück in die Stadt, denn wir haben noch einen Termin: Chris, der Freund eines Freundes, erwartet uns im „Gatsby“. Eine angesagte Cocktailbar, die versteckt hinter einem anderen Café liege, welches wiederum in einer Parallelstraße der Jaffa Street sei. Zweimal laufen wir an besagtem Café vorbei, bis Chris selbst uns an der Schulter packt und erklärt, dass wir schon beim ersten Mal richtig gewesen seien. Er trägt einen ansehnlichen Fünftagebart und einen Bauch, der nicht groß genug ist, um ihn als dick zu bezeichnen. Er führt uns über die Terrasse des Cafés, an deren Ende wir durch eine schäbig aussehende Tür in einen schwach ausgeleuchteten Raum treten.
Ein junger Mann mit gezwirbeltem Schnurrbart steht an einem Tresen aus dunklem Tropenholz. An der Decke hängen milchige Pub-Lampen, der Boden ist mit rotem Teppich ausgelegt. Überall Bücherregale. Die gesamte Einrichtung zitiert den dekadenten Wohlstand der Roaring Twenties, und man wartet nur darauf, gleich Leonardo DiCaprio oder Tobey Maguire hereinkommen zu sehen. Das einzige Problem: Es ist keine Bar. Es gibt keinen Zapfhahn, keine Spirituosen, nur den Typen mit dem Schnurrbart, die Bücher an der Wand und eine kleine silberne Tischglocke, die auf dem Tresen steht und darauf wartet, gedrückt zu werden.
„Die Jungs gehören zu mir“, erklärt Chris. Der Rezeptionist betätigt die Klingel, das Bücherregal vor uns schwingt zur Seite, und wir treten ein.
Das „Gatsby“ wirkt wie ein geheimer Klub des schönen Stils. Weiße Wände, mit Marmor ausgekleidet, dahinter diffuse Lichtquellen, in deren Schein alles weich und attraktiv aussieht. Die Winkelgasse der Boheme. Die Bar im Jugendstil, an der Rückwand ein großer Spiegel, der von Spirituosen in allen Variationen verdeckt wird. Die männlichen Gäste tragen Hosenträger und Hut, die weiblichen meist Cocktailkleid und Federboa. Die Getränke werden hier designt. Sie haben Namen mit zu vielen Silben und werden in ausgefallenen Gläsern mit dazupassenden Eiswürfeln serviert.
Viele Frauen kommen und umarmen Chris, er unterhält sie charmant und untermalt seine Sätze mit kleinen Gesten der Finger. Wie nebenbei berichtet er uns, dass er vor zwei Tagen einen Anruf vom Militär erhalten habe. Er solle sich als Reservist bereithalten, die dritte Intifada sei in vollem Gange. Gerade heute Morgen sei wieder jemand mit einem Messer vor dem Damaskustor attackiert worden. Daher der Name: Messer-Intifada.
Ich zucke zusammen. Meine Frage, wie beunruhigend die Lage sei, wischt Chris mit einem Wink beiseite. „Wir haben die beste Armee der Welt. Wenn sie uns angreifen, schlagen wir zurück!“
„Aber das schützt doch nicht vor den Angriffen an sich.“
Chris nippt an seinem Cocktail. Gelassen erwidert er: „Angst ist etwas, womit du hier leben musst. Am besten, du ignorierst sie. Dann geht sie irgendwann von allein.“ Er schnipst, und die Angst verpufft. Nach kurzem Überlegen fügt er hinzu: „Und Gras. Gras hilft auch. Wir kiffen wie die Idioten.“
Als Sören und ich zu unserem Hospiz in der Altstadt zurückkehren, kann ich den Scharfschützen auf der Mauer nicht mehr sehen. Ein paar Katzen rascheln in verschiedenen Müllhaufen, ansonsten treffen wir keine Seele. An der Rezeption trägt ein trauriger Jesus am Holzkreuz auch heute Abend das Leid der Welt. Ich sage ihm gute Nacht, um ihn aufzuheitern, dann folge ich der Treppe ins Untergeschoss und schlafe zum urigen Sound knarzender Betten ein.

Aber was hat das alles jetzt mit Jesus zu tun?
Ich komme aus einer relativ christlichen Familie. Für norddeutsche Verhältnisse wahrscheinlich sogar sehr christlich. Ich war in einem evangelischen Kindergarten und habe in mehreren Krippenspielen verschiedene Schafe mit Bravour verkörpert. Einmal hatte ich sogar eine Sprechrolle: „Oh, seht, ein Stern! Was hat er wohl zu bedeuten?“ Sitzt bis heute. Die Kinderbibel habe ich wie das Sams oder lustige Taschenbücher gelesen. Das Sams hatte Wunschpunkte, Jesus war der Typ, der Wasser zu Kindersekt machen konnte.
Meine Gemeinde war schrecklich. Die Pastorin sah aus wie Dracula und benahm sich ähnlich. Immerhin, mein Kumpel Alex und seine damalige Freundin hatten ihre ersten sexuellen Erfahrungen in der Abstellkammer neben dem Konfirmandensaal. Bremen-Nord, wo wir aufwuchsen, war kein Ort für keusche Lämmchen. Ich hatte zwei Onkel, die Pastoren waren und von denen ich lernte, dass man auch als Pastor ein echter Mensch sein kann. Die Fußball guckten und fluchten, manchmal zu viel Erwachsenensekt tranken und doch mitunter sehr weise waren. Und trotzdem dachte ich zu jedem Weihnachts- und Osterfest, zu jeder Taufe, jeder Konfirmation in meiner Gemeinde: „Ach, Leute! Warum denn so langweilig? Das kann man doch viel spannender, viel wirklichkeitsnäher machen!“ Jedes Mal, wenn ich in der Kirche saß, wuchs in mir der Wunsch, Pastor zu werden, um diesem Elend ein Ende zu bereiten.
Nach meinem Abitur schwankte ich zwischen Theologiestudium und Kirchenaustritt. „Entweder“, sagte ich mir, „du versuchst, das ganze Ding zu verstehen und bestenfalls zu verbessern, oder du musst damit nichts zu tun haben.“ Ich entschied mich für Ersteres.
Im Studium erlebte ich, wie Kommilitonen manche Professoren als Ketzer beschimpften. Wie bei Fußballspielen die Nächstenliebe so weit ging, dass jedes Tor für beide Mannschaften zählte, damit sich alle gemeinsam freuen konnten. Aber ich traf auch Menschen, denen ihr Glaube die Kraft gab, ihr Leben zu bestreiten. Denen die Kirche Lebensinhalt und vor allem -sinn stiftete. Ich machte ein Praktikum bei einem schwulen Pastor in Lübeck, mit dem ich am Küchentisch saß, wo wir mithilfe seines „Gaydars“, seines „Schwulensensors“, gemeinsam versuchten herauszufinden, wer von den katholischen Kollegen in der vatikanischen Kurie schwul war und wer nicht. Dieser Pastor stand für eine Kirche, von der ich Teil sein wollte. Eine realistische Kirche für alle, in der Lachen nicht verboten war, in der Fehlbarkeit akzeptiert und thematisiert wurde. Kein sakrales Tüdelü.
Mein Theologiestudium hatte ich immer als hervorragenden Plan B beschrieben. Einen Plan A gab es lange nicht. Bis ich merkte, dass ich vom Schreiben und dem dazugehörigen Auftreten leben konnte. So stellte ich mir irgendwann die Frage, wie sich Studium und Arbeit verbinden ließen.
Es war ein Freitagmorgen, als ich in einer Vorlesung zur Kulturgeschichte des Neuen Testaments saß. Ich hörte nicht richtig zu, denn ich war in diesem esoterischen Zustand zwischen noch betrunken und schon verkatert. Der Professor erzählte etwas über die Höhlen am Berg Arbel und die Ausgrabungen in Magdala, und mit einem Mal entwickelte sich in mir die Idee, den Weg Jesu nachzuwandern. Ich kannte so viele Orte, an denen er gewesen sein sollte, und doch hatte ich keinen davon mit eigenen Augen gesehen. Wie sollte ich das Christentum verstehen, wenn ich seine Wurzeln, die Kultur und Region, denen es entstammt, nicht kannte?
Mich faszinierte vor allem der menschliche Jesus: Wer war der Typ, der die Evangelisten zu ihren Texten inspirierte? Was ließ die Leute an ihn glauben? Was lässt sie heute glauben? Wer war Jesus von Nazareth, und was hat ihn zu dem gemacht, der er war? Was würde heute aus ihm werden? Wo wäre er zu finden?
Diesen Fragen wollte ich nachgehen. Im wahrsten Sinne des Wortes. Aber vorher brauchte ich eine Aspirin.

Leugnen, vertuschen, verschweigen

Blick ins Buch
Nur die Wahrheit rettetNur die Wahrheit rettet

Der Missbrauch in der katholischen Kirche und das System Ratzinger

Seit bekannt ist, dass katholische Priester jahrzehntelang ungestraft Kinder sexuell missbraucht haben, steckt die katholische Kirche in einer existenzbedrohenden Krise. Joseph Ratzinger hat mehr damit zu tun, als viele glauben.

Ausgehend von exklusiven Interviews mit Weggefährten und Vertrauten Ratzingers sowie einem sorgfältigen Quellenstudium, zeigen die Autoren: Der frühere Papst hat die routinemäßig gepflegte Vertuschungspraxis der Kirche nicht nur stillschweigend geduldet, sondern sie als Teil einer konsequent durchdachten religiösen Ideologie selbst stetig praktiziert und gefördert.

Vorbemerkung

Dieses Buch ist anders als alle anderen Bücher über Joseph Ratzinger/Papst Benedikt XVI. Es ist keine biografische Erzählung. Es ist kein Pamphlet und sicher keine Apologie, und es erhebt auch keinen wissenschaftlichen Anspruch. Es will nicht so sehr den Menschen Joseph Ratzinger beschreiben, sondern vielmehr hartnäckig einer Frage nachgehen: Welche Rolle spielte dieser Mann, der über ein Vierteljahrhundert die katholische Kirche entscheidend prägte, in ihrem Versagen in der Missbrauchskrise? Dabei versuchen wir, so nah an Joseph Ratzinger/Benedikt XVI. zu sein wie möglich und seine ureigensten Beweggründe nachzuvollziehen: Was wusste er? Was hätte er tun können? Was tat er? Was tat er nicht, und, vor allem, warum? Warum beispielsweise ließ Ratzinger Missbrauchstäter im Priesteramt jahrelang unbehelligt, während er vermeintliche Abweichler in der Doktrin gnadenlos verfolgte? War er sich der Widersprüche seines Handelns bewusst?
Dieses Buch beschränkt sich nicht auf einzelne isolierte Fälle. Es möchte ein größeres Bild zeichnen. Dafür bleiben – mangels Zeit und Raum – nur wenige Pinselstriche. Unsere Methode ist einfach: Wir betrachten Ratzinger als eine Figur in einem komplexen kirchlichen System. Wir bringen seine Biografie in Kontakt mit Ereignissen und Fakten, die zwar längst öffentlich, aber erstaunlich wenig bekannt sind. Wir stellen Ereignisse, Daten und Namen nebeneinander, führen Handlungsfäden zusammen, die uns immer wieder zu Ratzinger führen, die seinen Charakter erhellen, die sein Handeln in neuem Licht erscheinen lassen, die manche Fragen klären und viele andere aufwerfen. So entsteht Seite für Seite ein Bild von diesem Mann, das ganz anders ausfällt als jenes vom schüchternen Gelehrten, vom stillen Helden, vom „Panzerkardinal“ oder vom „Mozart der Theologie“. Letztlich wirkt nicht nur das Scheitern seines Pontifikats vor diesem Hintergrund als unvermeidlich, sondern womöglich sogar das Scheitern seiner Kirche.


1 Eine hagiografische Skizze
oder: Ratzingers Geschichte als die eines Helden


In der Frage, wer für die Missbrauchskrise in der römisch-katholischen Kirche verantwortlich ist, wer den massenhaften Missbrauch von Schutzbefohlenen durch Priester hätte verhindern können, wer geholfen hat, ihn zu vertuschen, wer Täter gedeckt und Opfer zum Schweigen gebracht hat, leuchtet zwischen den Namen vieler inzwischen verurteilter, angeklagter oder zwielichtiger katholischer Würdenträger der Name Joseph Ratzingers als rühmliche Ausnahme hervor. Selbst Gegner bescheinigen dem Kardinal und späteren Papst, dass er den Ernst der Lage und das Leid der Opfer früher als andere gesehen und verstanden hätte. Sie rechnen ihm hoch an, dass er als erster Papst Missbrauchsopfer getroffen hat, und sagen, er hätte entschieden gegen Täter durchgegriffen, und zwar trotz des scharfen Widerstands seiner Kardinalskollegen im Vatikan, die ihn später, in den schwierigsten Momenten seines Pontifikates, alleinließen, bis hin zu seinem historischen Amtsverzicht im Jahr 2013.
Dass ihm bis heute kaum jemand seinen Einsatz gegen den Missbrauch zu danken scheint, macht die Heldenhaftigkeit dieses Mannes in den Augen seiner Anhänger perfekt. Für sie ist er ein verkannter Heiliger. Und auch wenn seine Theologie und Amtsführung in den Augen mancher weltfremd, autoritär oder unbarmherzig gewesen sein mag, in einem sind sich Anhänger wie Gegner Ratzingers bis heute weitgehend einig: Wenn es um die Verfolgung und Verhinderung von Kindesmissbrauch in der katholischen Kirche ging, war er unbestechlich und handelte als einer der wenigen frühzeitig und mutig.
Aber stimmt das?
Um beurteilen zu können, was von der Geschichte des einsamen Helden Joseph Ratzinger zu halten ist, muss man sie erst einmal kennen. Daher beginnt dieses Buch mit den zentralen Elementen der Geschichte Ratzingers, die insbesondere von seiner Anhängerschaft propagiert und weit darüber hinaus von vielen bis heute geglaubt wird.

Seine kindliche Einfachheit
Praktisch alle Weggefährten und Beobachter sind sich einig: Joseph Ratzinger ist von seinem Wesen her ein eher introvertierter Mensch, mehr ein feinsinniger Denker als ein zupackender Politiker. Er gilt nicht nur als ausgesprochen einfach, schüchtern und zurückhaltend, sondern habe zeitlebens ein geradezu kindliches Gemüt bewahrt. Einem seiner engsten Freunde, dem ehemaligen Kölner Erzbischof Kardinal Joachim Meisner wird die Äußerung zugeschrieben, Ratzinger sei „der Mozart der Theologie, gescheit wie zehn Professoren und dabei fromm wie ein Kommunionkind“ , und Wolfgang Beinert, ein langjähriger Weggefährte in Ratzingers jungen Jahren, formuliert es so: „Trotz der vielen wichtigen Ämter, die er innehatte, kann man wohl sagen, dass Ratzinger im tiefsten Grunde seines Herzens ein sehr schlichter, einfacher – ja, ein Junge geblieben ist.“ In biblischer Sprache könnte man sagen, er war rein, arglos, ohne Falsch (ἀκεραίους ). Er meint die Dinge so, wie er sie sagt, und sagt sie so, wie er sie denkt, und denkt, sie seien so, wie er glaubt.
Seine Einfachheit und Bescheidenheit behielt er auch als Papst. Menschen, die ihn aus der Nähe kennen, fiel seine geradezu berührende kindliche Frömmigkeit auf. Sie ist tief in der kirchlichen Prägung seiner Kindheit verwurzelt, im dörflichen bayerischen Katholizismus der 1920er- und 30er-Jahre. Wie eng seine Herkunftsfamilie, seine Kindheit und sein Glaube miteinander verflochten sind – und wie einfach sein Glaube trotz seiner akademischen und kirchlichen Laufbahn geblieben ist –, wurde gelegentlich auch vor einer größeren Öffentlichkeit sichtbar. So zum Beispiel, als er beim Weltfamilientreffen in Mailand 2012 auf die Frage eines kleinen Mädchens sagte: „Wenn ich mir vorzustellen versuche, wie wohl das Paradies aussehen könnte, dann kommt mir immer die Zeit meiner Jugend, meiner Kindheit in den Sinn (…), und ich denke, dass es im Paradies ähnlich sein muss wie in meiner Kinder- und Jugendzeit. In diesem Sinn hoffe ich, eines Tages ›heimzugehen‹, der ›anderen Welt‹ entgegen.“ Ein anderer Moment, in dem seine Schlichtheit spürbar wurde, waren seine ersten Worte als neu gewählter Papst auf der Loggia des Petersdomes: Er, der jahrzehntelang Präfekt einer der wichtigsten Behörden des Vatikans gewesen war, der die Weltkirche geprägt hatte wie wenige seiner Generation, nannte sich einen „einfachen und demütigen Arbeiter im Weinberg des Herrn“ und fügte hinzu, es tröste ihn, dass Gott auch mit ungenügenden Werkzeugen arbeiten könne. Ebenso schlicht und bescheiden mutete sein Rücktritt vom Papstamt an, ein Schritt mit einer historischen Dimension, unwägbaren Konsequenzen und rechtlichen Komplikationen, der jedem anderen in seiner Situation unerträgliches Kopfzerbrechen bereitet hätte. Für Joseph Ratzinger dagegen war es nach eigenem Bekunden vor allem eine Frage des Glaubens und seiner persönlichen Gottesbeziehung. Seine Antwort auf die Frage, wie er eine Entscheidung von solcher Tragweite treffen konnte, lautete ganz einfach: „Mit dem lieben Gott spricht man ja ausgiebig darüber.“ Wer Ratzinger kennt, weiß: Das meinte er wörtlich. Das Kindliche an Ratzinger ist alles andere als kindisch, vielmehr schwingt in Aussagen wie dieser eine ganz besondere Art von Ernsthaftigkeit mit, eine, der doppeldeutige, ironische oder zynische Zwischentöne fremd sind.
Das ist wichtig, denn es hilft zu verstehen, woher gerade in Glaubensdingen jene Geradlinigkeit rührte, die ihn auszeichnet. Man könnte auch sagen: Er ist ein durch und durch korrekter Mensch, der den Glauben und seine hohen moralischen Anforderungen ausgesprochen ernst nimmt. Das bedeutet auch: Es verbindet ihn nichts mit jenen Kirchenmännern, die es gewohnt waren, in moralischen Dingen beide Augen zuzudrücken und ohne Gewissensbisse großzügige Ausnahmen für sich selbst und ihre Freunde zu machen. Und es gibt keinen Zweifel daran, dass es vor allem solche Männer waren, die auch nicht davor zurückschreckten, sexuelle Gewalt gegen Kinder sehenden Auges zu vertuschen, Opfer zum Schweigen zu bringen und ungerührt weitere Opfer in Kauf zu nehmen. Die Mentalität dieser Männer ist Joseph Ratzinger fremd. Mehr noch: Sie ist ihm zuwider. Denn für ihn ist sie ein Verrat an dem, was ihm heilig ist, am christlichen Glauben.
Auch ist ihm schleierhaft, warum Menschen so agieren. Joseph Ratzinger ist kein guter Menschenkenner. Er tut sich schwer, hinter die Fassade und Selbstinszenierung eines Menschen zu blicken, und er war auch als Papst noch nicht auf menschliche Abgründe in seiner vermeintlich vertrauten und vom Glauben geprägten Umgebung gefasst. Er konnte mit diesen Abgründen nicht umgehen, erst recht konnte er sich mit ihnen nicht abfinden. Entsprechend fiel auch seine Reaktion aus, wenn er mit Missbrauchsfällen konfrontiert wurde. Charles Scicluna, viele Jahre Chefankläger an der Glaubenskongregation, arbeitete lange Zeit eng mit Ratzinger an solchen Fällen. Er beschreibt, wie Ratzinger auf Missbrauchsfälle reagierte: „Ich habe Kardinal Ratzinger als einen Mann gekannt, der den Menschen vertraut und von ihnen das beste Verhalten erwartet, und er war schockiert, als er mit Fällen konfrontiert wurde, die zeigten, wie ungeheuerlich bestimmte von Geistlichen begangene Verbrechen waren. (…) Sein Schock angesichts der Realität war sehr tiefgreifend, und er verursachte Kardinal Ratzinger großes Leid.“ Das heißt, anders als andere Kirchenmänner konnte Ratzinger schon von seiner Gemütsveranlagung her solche Taten nicht entschuldigen oder relativieren, denn er glaubte ehrlich an die Heiligkeit der Kirche und ihrer Sendung.

Seine geniale Theologie
Ratzingers Charakter prägt seine Theologie. Das genial Anmutende an ihr ist gerade ihre Einfachheit. Er will keinen abgehobenen theologischen Elfenbeindiskurs führen, er will den Glauben in verständlichen Worten erklären und damit überzeugen, und zwar über rein akademische Debatten hinaus. Sein Wirken als junger, aufstrebender Theologe in der Mitte des 20. Jahrhunderts war ganz wesentlich darauf ausgerichtet, den Glauben vom Ballast der damals dominierenden hochkomplexen neuscholastischen Denksysteme zu befreien und ihn wieder in Kontakt zu bringen mit dem Glauben der einfachen Leute, ihn wieder verständlich zu machen in einer Zeit, in der er anscheinend immer weniger verstanden wurde. Diesem Ziel blieb er durch alle Stationen seiner Laufbahn treu, denn „Ratzinger zielte sicherlich nicht auf eine große Karriere. Er wollte eigentlich nur eines sein, und zwar Professor. Ein Lehrer der Theologie. Und das ist er auch durch alle Karrierestufen eigentlich geblieben. Bis hin zum Pontifikat. Es hat meines Wissens nie einen Papst gegeben, der als Papst (…) ein auf Wissenschaftlichkeit Anspruch erhebendes Werk veröffentlicht hat wie das Jesus-Buch. Und eben zwar als jemand, der Papst ist, aber nicht mit päpstlicher Autorität, sondern der das als Diskussionsbeitrag eines Wissenschaftlers geschrieben hat. Das ist sicher einmalig und sagt etwas aus über seine Persönlichkeit. Er ist im Grunde seines Herzens ein Lehrer der Theologie.“
Um verstehen zu können, worin die genial anmutende Einfachheit von Ratzingers theologischem Stil besteht, muss man sie vor dem Hintergrund der theologischen Standardsprache seiner frühen Zeit betrachten. Das heißt, man muss sich vor Augen führen, wie hölzern und schwer verdaulich, durchsprenkelt mit lateinischen Formeln und vor allem bar jeden Gegenwartsbezuges und jeglicher kritischen Selbstreflexion typische theologische Texte Mitte des 20. Jahrhunderts in aller Regel daherkamen. Als Beispiel kann der „Ott“ dienen, ein theologisches Standardwerk, das in über zehn Sprachen übersetzt wurde und im Deutschen insgesamt elf Auflagen erreichte. Auf rund 600 Seiten listet dieses Lehrbuch Satzwahrheiten auf, klassifiziert nach Gewissheitsgraden, angefangen mit „absolut gewiss“ (sententia de fide) bis „geduldete Lehrmeinung“ (opinia tolerata). Dort heißt es beispielsweise über die Existenz Gottes:

An der Spitze der kirchlichen Glaubenssymbole steht der fundamentale Glaubensartikel: Credo in unum Deum. Das Vatikanische Konzil lehrt: Sancta catholica apostolica Romana Ecclesia credit et confitetur, unum esse Deum. Die Leugnung der Existenz Gottes erklärt dasselbe Konzil als Häresie. Nach Hebr 11,6 ist der Glaube an die Existenz Gottes eine unerlässliche Heilsbedingung (…). Die übernatürliche Offenbarung der Existenz Gottes bestätigt die natürliche Gotteserkenntnis und bewirkt, dass das Dasein Gottes von allen leicht, mit fester Gewissheit und ohne Beimischung von Irrtum erkannt werden kann.

Studierende, die sich mit solchen Texten herumschlugen, lebten in Deutschland aber schon in den 1950ern, erst recht in den 60ern und 70ern, als Ratzingers akademische Karriere ihren Höhepunkt erreichte, in einer Welt, in der nicht nur der Duktus solcher Texte, sondern auch die Rede von „übernatürlicher Offenbarung“ oder „unerlässlichen Heilsbedingungen“ fragwürdiger wurde. Die Menge der Menschen, die nichts vom Dasein eines Gottes spürten, wuchs; und das war nur eine der vielen Fragen, die junge Theologiestudierende umtrieb. Außerdem stellten sich Fragen nach der jüngeren Vergangenheit. Nach und nach kamen mehr Details über die Verbrechen der Nazis ans Licht. Die Autorität der Elterngeneration, der Politik und Geistlichkeit wurde brüchig. Hinzu kamen neue Thesen der Sprachphilosophie, neue technische Möglichkeiten in der Raumfahrt, der Atomtechnik und den Humanwissenschaften, ganz zu schweigen von neuen Geschlechterrollen und Lebensmodellen. Alles das beschäftigte und prägte junge Studierende nachhaltig. Vor allem aber war die religiöse Sprache für viele von ihnen unzugänglich geworden. Ratzinger schien das zu spüren. Deshalb waren seine Vorlesungen zum Bersten voll. Denn wenn der junge Professor Ratzinger vom Glauben an das Dasein Gottes sprach, begann er nicht mit einem scheinbar unantastbaren Lehrsatz, zu dem er dann auswendig zu lernende Schriftbeweise und Kirchenvätertexte herunterbetete. Er tat nicht so, als wäre alles klar, er schreckte nicht davor zurück, die ungeheure Frage zu stellen:

Was ist das eigentlich, „Gott“? In anderen Zeiten mochte diese Frage problemlos klar scheinen, für uns ist sie wirklich neu zur Frage geworden. Was kann dieses Wort „Gott“ überhaupt sagen? Welche Wirklichkeit drückt es aus, und wie kommt den Menschen die Wirklichkeit zu, von der hier gesprochen wird?

Und seine Antwort liefert er nicht im Stile einer Satzwahrheit, sondern er nähert sich ihr mit einem existenzialistischen Impetus:

Wo der Mensch sein Alleinsein erfährt, erfährt er zugleich, wie sehr seine ganze Existenz ein Schrei nach dem Du ist und wie wenig er dazu gemacht ist, nur ein Ich in sich selbst zu sein. Dabei kann die Einsamkeit sich dem Menschen in verschiedenen Tiefen zeigen. Fürs Erste kann sie gestillt werden durch das Finden eines menschlichen Du. Aber dann gibt es den paradoxen Vorgang, dass nach einem Wort von Claudel jedes Du, das der Mensch findet, sich zuletzt als eine unerfüllte und unerfüllbare Verheißung erweist; dass jedes Du im Grunde doch auch wieder eine Enttäuschung ist und dass es einen Punkt gibt, wo keine Begegnung die letzte Einsamkeit übersteigen kann: Gerade auch das Finden und Gefundenhaben wird so wieder zum Rückverweis in die Einsamkeit, zu einem Ruf nach dem wirklich in die Tiefe des eigenen Ich hinabsteigenden, absoluten Du.

Es war ganz wesentlich diese eingängige theologische Sprache Ratzingers, die ihm eine große und begeisterte Zuhörerschaft einbrachte, sowohl in seiner Zeit als Professor als auch später als Bischof, Kardinalpräfekt und Papst. Joseph Ratzinger blieb diesem theologischen Stil und Vorhaben immer treu: Glaubenswahrheiten, die in einer modernen Zeit unverständlich geworden waren, in einer zugänglichen, bestechend einfachen und menschlichen Sprache so auszudrücken, dass die Menschen sie verstehen können. Dabei setzte er sich zunehmend auch von den akademischen Diskursen seiner Theologengeneration ab, die mit den Entwicklungen anderer Disziplinen Schritt zu halten versuchte, deren Fragestellungen aufgriff und deren Methoden für die theologische Forschung nutzbar machte. Die so entstehenden neuen theologischen Ansätze und Theorien erscheinen Ratzinger zu verkopft und abgehoben. Mit einem Seitenhieb auf die damalige Forschung zum „historischen Jesus“ bemerkt er schon in seiner Einführung ins Christentum: „Für meinen Teil gestehe ich freilich, dass ich (…) lieber und leichter zu glauben imstande bin, dass Gott Mensch wird, als dass ein solches Hypothesen-Konglomerat zutrifft.“
Nachdem er 1982 Präfekt der Glaubenskongregation (Congregatio pro doctrina fidei, CDF) geworden war, blieb er diesem Anliegen treu. Obwohl er sich in dieser Zeit durch eine Reihe von Instruktionen und Lehrverurteilungen den Ruf des „Panzerkardinals“ zuziehen sollte, sah er selbst seine Aufgabe völlig anders. Ganz im Einklang mit seiner Haltung als Theologe ging es ihm als Präfekt darum, den katholischen Glauben gegen seine Kritiker zu verteidigen, und zwar als Dienst am Glauben der einfachen Menschen. Das geht unter anderem aus einem Brief hervor, den er als scheidender Erzbischof an seinen Klerus schrieb. Dort heißt es über seine neue Aufgabe in Rom:

Das Amt, das mir übertragen wurde, hat ja in Deutschland keinen guten Ruf. Das Stichwort „Inquisition“ ist nahe bei der Hand; man spricht vom Ketzerjäger. Und einige haben mir das Wort vom „Wachhund“ untergeschoben. Wenn ich meinen Auftrag recht verstehe, geht es einfach darum, dem Petrusamt zu dienen, das im Neuen Testament mit verschiedenen Stichworten, wie Binden und Lösen, Schlüsselgewalt, Weiden, umschrieben wird. Der Aspekt, in dem ich mit meinem Teil Hilfe leisten soll, scheint mir am ehesten anzuklingen in dem lukanischen Herrenwort „Stärke deine Brüder“ (Lk 22,32). Dem Petrusnachfolger ist damit aufgetragen, das Wort des Glaubens immer neu in diese Welt hineinzusprechen und den Maßstab des Evangeliums aufzurichten.

Das Wort des Glaubens verkünden: Das war seine Aufgabe, und das war sein Ziel, nicht nur wenn er predigte oder wenn er Stellungnahmen herausgab, sondern auch wenn er einzelne Lehrmeinungen von Theologinnen und Theologen verurteilte. Es ging ihm nicht ums Verurteilen. Es ging ihm letztlich darum, den Glauben der Menschen zu schützen und zu stärken. Er hatte die Verantwortung dafür, dass sie nicht durch einen unkontrollierten Wildwuchs aller möglichen theologischen Trends verunsichert wurden. Der Glaube war Eigentum der Getauften, der einfachen gläubigen Menschen, nicht der Gelehrten. Er war Lebensgrundlage, nicht Spekulationsobjekt. Er durfte nicht zum Gegenstand eines intellektuellen Gedankenspiels oder akademischer Selbstbeschäftigung degradiert werden. So sagte Ratzinger es schon in einer Predigt, in der er sich an Silvester 1979 hinter die Lehrverurteilung Hans Küngs stellte: „Nicht die Gelehrten bestimmen, was an dem Taufglauben wahr ist, sondern der Taufglaube bestimmt, was an den gelehrten Auslegungen gültig ist.“ Theologen, die sich von diesem Taufglauben entfernen, betrieben wie Küng „Theologie sozusagen im Alleingang, allein mit sich und der modernen Vernunft“. Es ist keine Frage, dass viele Theologinnen und Theologen Ratzingers Verurteilungen für verfehlt hielten. Dabei wird gelegentlich übersehen, dass andere, weniger medial sichtbare und eloquente Menschen Ratzinger dankbar waren. Sie fühlten sich von ihm verstanden und beschützt.

Hans Küng

Über Hans Küng

Biografie

Hans Küng, geboren 1928 in Sursee/Schweiz, gestorben 2021 in Tübingen, war Professor Emeritus für Ökumenische Theologie an der Universität Tübingen und Ehrenpräsident der Stiftung Weltethos. Er galt als einer der universalen Denker seiner Zeit. Sein Werk liegt im Piper Verlag vor. Zuletzt erschienen von ihm „Was ich glaube“ – sein persönlichstes Buch –, „Erlebte Menschlichkeit“, der dritte Band seiner Memoiren, sowie „Sieben Päpste“ und „Glücklich sterben?“.

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