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Wisting und der Atem der AngstWisting und der Atem der Angst

Wisting und der Atem der Angst

Kriminalroman

Paperback
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Wisting und der Atem der Angst — Inhalt

Ein Wanderer findet im Wald die menschlichen Überreste einer jungen Frau. Der Polizei ist schnell klar: Die Art und Weise, wie sie getötet wurde, entspricht dem typischen Vorgehen des Serienkillers Tom Kerr. Doch der kann es nicht gewesen sein, denn er sitzt seit mehreren Jahren im Gefängnis. Stimmen etwa die Gerüchte, dass er damals einen Komplizen hatte? Schon vor Jahren nannte die Presse diesen vermeintlichen Partner des Serienkillers „Der Andere“. Tom Kerr erklärt sich bereit, mit der Polizei zu kooperieren. Bei einer Tatortbegehung soll er wichtige Hinweise liefern. Doch dann passiert das Unfassbare: Dem Killer gelingt die Flucht. Wisting wird plötzlich zum Sündenbock und muss beide Täter dringend hinter Gitter bringen!

€ 15,00 [D], € 15,50 [A]
Erscheint am 30.11.2020
Übersetzt von: Andreas Brunstermann
416 Seiten, Klappenbroschur
EAN 978-3-492-06143-8
€ 12,99 [D], € 12,99 [A]
Erscheint am 30.11.2020
Übersetzt von: Andreas Brunstermann
416 Seiten, WMEPUB
EAN 978-3-492-99705-8

Leseprobe zu „Wisting und der Atem der Angst“

1

Line hob den Kopf und schaute durch das kleine Fenster in der Tür. Dahinter, am Ende des Gangs, sah sie ihn. Tom Kerr. In Begleitung zweier Vollzugsbeamter kam er auf sie zu.

Er hatte sich verändert.

Nach der Festnahme und während des Prozesses vor vier Jahren war sein Gesicht in allen Medien zu sehen gewesen. Glatt rasiert, mit dunklen Augen und dichtem, kurz geschnittenem Haar. Gepflegt, um einen möglichst guten Eindruck zu hinterlassen. Jetzt ähnelte er dem Mann, der er eigentlich war. Fähig, die Dinge zu tun, derentwegen er hinter Gittern saß. [...]

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1

Line hob den Kopf und schaute durch das kleine Fenster in der Tür. Dahinter, am Ende des Gangs, sah sie ihn. Tom Kerr. In Begleitung zweier Vollzugsbeamter kam er auf sie zu.

Er hatte sich verändert.

Nach der Festnahme und während des Prozesses vor vier Jahren war sein Gesicht in allen Medien zu sehen gewesen. Glatt rasiert, mit dunklen Augen und dichtem, kurz geschnittenem Haar. Gepflegt, um einen möglichst guten Eindruck zu hinterlassen. Jetzt ähnelte er dem Mann, der er eigentlich war. Fähig, die Dinge zu tun, derentwegen er hinter Gittern saß. Die Schultern waren breiter geworden, der Brustkasten wirkte etwas kräftiger. Die Haare hingen ihm in die Stirn. Sein Gesicht war blass, die Haut unrein. Er blickte nach vorn und kaute mit offenem Mund auf einem Kaugummi herum. In einem seiner Mundwinkel klebte etwas schaumiger Speichel.

Jetzt trat er an die Tür, hinter der die Polizeibeamten auf ihn warteten. Tom Kerr bewegte den Kopf von einer Seite zur anderen und ließ die Schultern kreisen, als wolle er irgendwelche Verspannungen lösen.

Line sah zu Adrian Stiller, der ihr kurz zunickte.

Sie hob die Kamera und machte sich bereit, trat einen Schritt zurück.

Ein kalter Luftzug fuhr durch den Gang, als der Vollzugsbeamte die Tür öffnete. Tom Kerr verzog den Mund zu einem Lächeln, als hätte er gerade etwas Angenehmes gehört. Dann trat er über die Türschwelle. Line richtete das Objektiv auf ihn und startete die Aufnahme. Kerr trug Jeans, ein graues T-Shirt und eine schwarze Trainingsjacke.

Adrian Stiller trat einen Schritt vor und erschien im Kamerabild. Er war einen halben Kopf kleiner als der Mann vor ihm. In einer Hand hielt er eine Dokumentenmappe und in der anderen einen Funksender, weswegen er sein Gegenüber nicht mit Handschlag begrüßen konnte.

„Tom Kerr“, sagte er in einem betont offiziellen Ton. „Sie haben sich bereit erklärt, an diesem strafrechtlich relevanten Ortstermin teilzunehmen. Alles, was Sie sagen, wird aufgenommen und ist Teil ihrer offiziellen Aussage. Sie können sich jederzeit mit Ihrem Rechtsanwalt beraten, ohne dass diese Gespräche aufgezeichnet werden.“

Line zoomte etwas zurück, damit auch Claes Thancke ins Bild kam. Der Anwalt trug einen dunklen Anzug und schwarze Schuhe, die für die bevorstehende Begehung ungeeignet schienen.

Claes Thancke hatte schon in vielen umstrittenen Fällen die Strafverteidigung übernommen. Seine Mandanten gehörten zur schlimmsten Sorte – Menschen, vor denen die Gesellschaft beschützt werden musste. Er galt als fähiger Verteidiger, allerdings mochte Line es nicht, wie er seine Fälle in der Öffentlichkeit verharmloste.

„Ich werde den Ortstermin leiten“, fuhr Stiller fort. „Wir werden beide mit Mikrofon und Sender ausgestattet, damit Ihre Aussage aufgezeichnet werden kann.“

Er machte eine Bewegung mit der Hand, in der er den Funksender hielt.

„Ich befestige jetzt den Sender.“

Tom Kerr reagierte mit einem Nicken. Stiller reichte ihm das kleine Mikrofon, damit er es sich an den Halsausschnitt seines T-Shirts anklipsen konnte. Daraufhin trat Stiller hinter Kerr und befestigte den Sender an seinem Gürtel.

„Können Sie bitte etwas sagen, damit wir wissen, ob es funktioniert?“

„Test, Test“, sagte Kerr.

Seine Stimme klang rau wie Sandpapier.

Line überprüfte die Tonqualität an der Kamera und nickte Stiller zu. Aufnahmekapazität und Batterie reichten für zwölf Stunden. Mehr Zeit, als sie mit dem Babysitter vereinbart hatte.

„Tragen Sie etwas bei sich?“, wollte Stiller wissen.

„Was meinen Sie?“, fragte Kerr.

„Haben Sie etwas bei sich? In den Taschen?“

„Nein.“

Stiller zog ein Paar Latexhandschuhe aus der Gesäßtasche.

„Ich muss das überprüfen“, erklärte er.

Kerr hob die Hände über den Kopf, offenbar kannte er die Prozedur bereits. Stiller fuhr mit der Hand über Kerrs Hosentaschen.

„Mund auf!“

Tom Kerr streckte die Zunge heraus und hob sie dann an den Gaumen, um zu beweisen, dass er nichts in der Mundhöhle versteckt hatte.

„Ziehen Sie die Schuhe aus“, fuhr Stiller fort.

Kerr streifte den rechten Schuh ab.

„Ich habe vier Jahre da drinnen gesessen“, sagte er, während er den linken Schuh auszog. „Glauben Sie etwa, ich hätte hier irgendwas gefunden, was ich mit nach draußen schmuggeln wollte?“

Stiller gab keine Antwort, sondern hob die Schuhe auf und blieb halbwegs mit dem Rücken zur Kamera stehen, während er sie untersuchte.

Line blickte auf, betrachtete seinen Rücken und die harten Muskeln unter dem dünnen Hemd.

„In Ordnung“, sagte Stiller schließlich und stellte die Schuhe wieder vor den Häftling. „Abgesehen vom Fahrer, der Kamerafrau und Ihnen sind wir sechs Leute im Auto.“

Er streifte die Latexhandschuhe ab und schaute sich nach einem Mülleimer um, sah aber keinen.

„Kommissar Gram ist während des Ortstermins für die Sicherheit zuständig“, fuhr Stiller fort und deutete auf einen Polizisten in Einsatzmontur.

Line richtete die Kamera auf ihn.

Gram hielt Handschellen und Fußfesseln für den Transport bereit. Er trat zu dem Häftling und bedeutete ihm, die Hände vorzustrecken.

Kerr drehte sich zu Stiller um.

„Fußfesseln auch?“, fragte er resigniert.

„Er hat hier das Sagen“, erwiderte Stiller und zeigte auf Gram.

Die Rollenverteilung wirkte abgesprochen, wobei der Polizist in Uniform den strengen Part übernahm.

„Sie gelten als fluchtgefährdet“, konstatierte Gram knapp.

Der Anwalt mischte sich ein.

„Schon im Wagen sind Sie acht gegen einen“, gab er zu bedenken. „Vor Ort sind vermutlich noch mehr von Ihren Kollegen. Ist das wirklich nötig?“

„Keine weiteren Diskussionen“, erwiderte Gram. „Ihre Beschwerde bei der Polizeibehörde hat immerhin dazu geführt, dass wir bei diesem Termin keine Waffen dabeihaben.“

„Und das aus gutem Grund“, fuhr der Anwalt fort. „Bei der Festnahme haben zwei Beamte Schüsse abgegeben, ohne dass dafür der geringste Anlass bestand. Es war reiner Zufall, dass mein Mandant nicht erschossen wurde.“

Gram ignorierte ihn und blickte Tom Kerr direkt an.

„Lösen Sie den Gürtel“, forderte er ihn auf.

Tom Kerr tat, was von ihm verlangt wurde. Line hielt die Kamera auf die beiden und dokumentierte, wie Gram eine Kette durch eines von Kerrs Hosenbeinen zog und den daran montierten Schließbügel an Kerrs Knöcheln befestigte. Das andere Ende der straffen Kette wurde mit den Handschellen verbunden.

Die Gefahr eines Fluchtversuchs bestand durchaus. Kerr war zu einundzwanzig Jahren Gefängnis verurteilt worden, wovon er mindestens fünfzehn absitzen musste. Nach Ablauf dieser Zeit war Sicherungsverwahrung angeordnet worden, die jeweils um fünf weitere Jahre verlängert werden konnte. So lange, bis nach Ansicht des Gerichts keine Gefahr mehr bestand, dass er nach der Freilassung neue Verbrechen beging. Letztlich konnte die Sicherungsverwahrung auch eine lebenslängliche Unterbringung bedeuten. Kerr hätte mit einem eventuellen Fluchtversuch also nichts zu verlieren gehabt.

„Sind wir so weit?“, fragte Stiller.

Gram nickte und gab etwas über Funk durch. Einer der Vollzugsbeamten öffnete die nächste Tür, um die Gruppe zu dem wartenden Minibus durchzuschleusen.

Line war auf Abstand geblieben und hatte sich Tom Kerr nur durch die Kameralinse genähert. Jetzt kam er auf sie zu. Aufgrund der Fußfesseln konnte er nur kleine, schlurfende Schritte machen. Als er an Line vorbeikam, drehte er sich zu ihr um und warf einen Blick direkt in die Kamera. Er war plötzlich so nah, dass Line seinen Geruch wahrnehmen konnte. Ein muffiger und abgestandener Geruch wie bei einem Haus, das lange leer gestanden hatte.





2

„Da drüben“, sagte Hammer und zeigte auf einen Streifenwagen, der den schmalen Schotterweg blockierte. William Wisting bremste ab, betätigte den Blinker und hielt am Wegesrand.

Der andere Wagen setzte etwas zurück, um Platz zu machen. Das Seitenfenster fuhr herunter, und eine junge Polizistin blickte zu ihnen herüber. Wisting war ihr Name entfallen, sie war noch nicht so lange beim Streifendienst.

Er fuhr ein Stück vor, blieb neben dem Streifenwagen stehen und ließ das Fenster auf seiner Seite herunter. Marlene hieß sie, wie ihm plötzlich einfiel. Marlene Kohr.

„Sie sind noch nicht eingetroffen“, verkündete sie.

„Wir sind ziemlich früh“, sagte er. „Irgendwelche Bewegungen?“

Marlene Kohr schüttelte den Kopf.

„Wir stehen seit drei Stunden hier“, erwiderte sie und hielt ein Klemmbrett mit einer Liste der Personen hoch, die vorbeigekommen waren.

„Nur Ortsansässige“, erklärte sie.

Hammer beugte sich vor. „Und bislang keine Presse?“

„Keine Presse“, versicherte Marlene Kohr.

Wisting bedankte sich mit einem Kopfnicken. Ein paar Steinchen knallten gegen den Radkasten, als er weiterfuhr.

Rechts und links des Wegs lagen frisch gepflügte Äcker. Nach einer Weile führte der unbefestigte Weg in einen dichten Laubwald. Es war Mitte September, etliche Blätter hatten sich bereits verfärbt, manche Bäume hatten ihr Laub schon ganz verloren.

Sie fuhren an einer flachen Feldmauer entlang. Einige kleine Zufahrten führten zu ein paar Sommerhütten. Nach fünf Minuten Fahrtzeit kamen sie zu einer Wiese, wo sich das Gemäuer eines alten Sägewerks befand.

Wisting wendete und stellte den Wagen so hin, dass er den anderen nicht im Weg sein würde, wenn sie ankämen.

Es war zehn vor elf.

Er öffnete die Autotür, fasste mit beiden Händen nach dem Rahmen und zog sich aus dem Wagen. Es war ein milder Herbsttag, die Sonne stand hoch am Himmel. Eine Weile verharrte er und lauschte dem Vogelgezwitscher in der Nähe. Schließlich schloss er die Tür, trat an die Motorhaube und stützte sich darauf ab.

Hammer stellte sich neben ihn und schob die Hände in die Hosentaschen.

„Was glaubst du?“, fragte er.

„Kann schon sein“, erwiderte Wisting und spähte zu dem Wäldchen hinter der Wiese.

Hammer und er waren vor vier Tagen schon einmal hier gewesen und hatten etliche der kleinen Wege untersucht. Sie kannten das Terrain. Eftangland war eine hügelige Halbinsel mit fünf Quadratkilometern Wald und landwirtschaftlichen Nutzflächen. In östliche Richtung zog sich ein Moorgebiet bis zum Ulavei, der natürlichen Begrenzung der Halbinsel. In allen anderen Richtungen endete das Gebiet an der Küste, die von Felseninseln und flachen Sandbuchten gesäumt war.

Irgendwo da draußen könnte sie liegen.

Taran Norum.

Sie war neunzehn, als sie auf dem Heimweg von einer Party mit Freundinnen im Osloer Stadtteil Bekkelaget spurlos verschwunden war. Die Strecke betrug nicht mehr als sechshundert Meter und verlief mitten durch ihre direkte Nachbarschaft. Gegen zwei Uhr am nächsten Tag war eine Suchaktion in Gang gesetzt worden. Alles, was man gefunden hatte, waren ihr Handy und ein Schuh.

Es gab in dieser Vermisstensache keine konkreten Hinweise auf eine Tatbeteiligung von Tom Kerr, doch zwei Monate zuvor war die etwa gleichaltrige Thea Polden unter ähnlichen Umständen in einem Wohngebiet in Stovner verschwunden. Ein Ermittler hatte bereits damals auf die Parallelen zwischen den beiden Fällen hingewiesen, allerdings war es erst dann zu heftigen Spekulationen gekommen, als ein weiteres Mädchen, Salwa Haddad, auf dem Heimweg von ihrem Freund in Hellerud verschwand. Thea Polden und Salwa Haddad hatte man tot am Nøklevann gefunden. Beide waren schwer misshandelt worden. Taran Norum war die zweite junge Frau, die vermisst wurde, doch im Laufe der Ermittlungen war von ihr stets als dem dritten Opfer die Rede, dem Mädchen, das niemals gefunden worden war.

„Die Hunde hätten ja was finden müssen, als sie hier waren“, meinte Wisting.

Hammer zog einen Snusbeutel unter der Oberlippe hervor und warf ihn auf einen großen Haufen grauer Sägespäne.

„Das ist jetzt fast fünf Jahre her“, wandte er ein. „Ich weiß ja nicht, wie gut diese Hunde sind. Außerdem ist gar nicht sicher, dass ihre sterblichen Überreste alle an einer Stelle liegen. Die anderen Leichen waren ja zerstückelt.“

Gedankenverloren bohrte Wisting seine Schuhspitze in den Boden. Vor fünf Tagen waren sie darüber in Kenntnis gesetzt worden, dass Tom Kerrs drittes Opfer womöglich in ihrem Polizeidistrikt verscharrt liegen könnte. Ein Mithäftling hatte sich an die Gefängnisleitung gewandt und berichtet, dass Kerr ihm gegenüber den Mord an Taran Norum zugegeben habe. Konfrontiert mit diesen Beschuldigungen, hatte Kerr überraschenderweise ein Geständnis abgelegt und sich bereit erklärt, den Ermittlern der Abteilung für ältere und ungelöste Fälle bei der Kriminalpolizei die Stelle zu zeigen, wo er sie begraben hatte.

„Ich weiß nicht, worauf Tom Kerr eigentlich hinauswill“, fuhr Hammer fort. „Aber irgendwie kann ich nicht so recht glauben, dass er mit der Polizei zusammenarbeiten möchte.“

„Strategie“, meinte Wisting.

Im Gegenzug für sein Geständnis hatte Kerr die Verlegung aus der Sicherungsverwahrung in die weniger strenge Haftanstalt Halden verlangt. Dort wäre er nicht mehr zusammen mit psychisch kranken Häftlingen untergebracht und hätte zudem bessere Weiterbildungsmöglichkeiten. Ein vorbehaltloses Geständnis galt als Beweis dafür, dass ein Häftling sich von seinen Taten distanzierte. Die damit einhergehende Verhaltensänderung war notwendige Voraussetzung für eine spätere Erwägung einer probeweisen Entlassung aus der Haft.

Wisting glaubte nicht, dass Kerr vorzeitig entlassen werden würde. Seine Taten waren so brutal und durch und durch bösartig gewesen, dass weit mehr geschehen musste, um ihn wieder in die Gesellschaft einzugliedern.

Bei den wochenlangen Verhandlungen mit Kerr waren die oberste Polizeibehörde und der norwegische Generalstaatsanwalt involviert gewesen. Wisting hatte bislang nie mit Kerr zu tun gehabt, da die Mordermittlungen vom Polizeidistrikt Oslo durchgeführt worden waren, aber Kerr hatte das alte Sägewerk Refsholt als Treffpunkt gewählt. Von hier aus würden sie zu dem Ort gehen, wo sein drittes Opfer begraben lag.

Ganz offensichtlich war Kerr schon einmal hier gewesen. Er hatte präzise Beschreibungen der großen Wiese, des alten Sägewerks und der Überreste der dort befindlichen Maschinen geliefert, allerdings hatte er sich bisher bedeckt gehalten, weswegen er ausgerechnet diesen Ort als Ausgangspunkt gewählt hatte.

Das Funkgerät an Hammers Gürtel meldete sich plötzlich. Ein Kollege im Minibus gab die Ankunft an der Hauptstraße durch.

Nachdem Kerr diesen Treffpunkt genannt hatte, war die Umgebung des Sägewerks mit Hunden abgesucht worden, denn man hatte gehofft, ihm zuvorkommen zu können. Die Aktion war jedoch ergebnislos geblieben, was von Kritikern als Beweis dafür gewertet wurde, dass Kerr den Ortstermin nur deshalb arrangiert hatte, weil er einen Fluchtversuch plante. Frühmorgens war am Zufahrtsweg ein Kontrollposten eingerichtet worden, und an den umliegenden Straßen waren unauffällige Beobachtungsfahrzeuge postiert. Man hatte alle Vorsichtsmaßnahmen ergriffen.





3

Der schwarze Minibus wurde von zwei Streifenwagen begleitet. Dahinter folgte Kerrs Anwalt in einem Mercedes mit getönten Scheiben.

Einer der Polizeihunde begann in seinem Käfig zu bellen, als die Fahrzeuge anhielten.

Adrian Stiller stieg zuerst aus. Seit vier Jahren hatte es keine aktiven Ermittlungen im Fall Taran Norum gegeben. Man hatte jeden Stein umgedreht, jede Möglichkeit in Betracht gezogen, doch die Spur war erkaltet, und nach einer Weile war der Fall routinegemäß an die Abteilung für ältere und ungelöste Fälle abgegeben worden. Somit war Stiller nun als Leiter für die Wiederaufnahme des Falls zuständig.

Wisting reichte dem Kollegen zur Begrüßung die Hand. Hammer folgte seinem Beispiel.

„Wie sieht’s mit dem Helikopter aus?“, fragte Stiller und richtete den Blick in den blauen Herbsthimmel.

„Der neue Helikopter wird gerade bei einer Suchaktion in Kongsvinger benötigt“, erklärte Hammer. „Ein verschwundener Neunjähriger. Aber die können in etwa fünfunddreißig Minuten hier sein. Der alte Hubschrauber wird derzeit repariert. Gram weiß Bescheid.“

Hammer deutete mit dem Kopf auf den großen Polizisten, der neben dem Minibus stand und telefonierte. Kittil Gram hatte an allen Vorbereitungstreffen teilgenommen, bei denen die Aufgaben verteilt worden waren. Während der eigentlichen Aktion würden Wisting und Hammer nur als Beobachter zugegen sein.

„Ich möchte, dass der Helikopter mit einer Wärmebildkamera über das Gelände fliegt. Ich will wissen, ob sich hier irgendwo Personen befinden“, sagte Stiller.

Er ging zu Gram hinüber. Nach einer kurzen Beratung schienen sie sich über das weitere Vorgehen einig zu sein. Gram gab ein paar knappe Befehle. Der Polizeihund wurde herausgelassen, dann stiegen die anderen aus dem Minibus. Zunächst zwei Polizisten, gefolgt von einer Kollegin. Stiller nickte ihr kurz zu. Maren Dokken hatte in der Ermittlungsabteilung hospitiert und war bei ihren Vorgesetzten positiv aufgefallen. Sie verfügte über den analytischen Blick, der nötig war, um wichtige Details zu erkennen. Bestimmt würde sie eine gute Ermittlerin werden, derzeit arbeitete sie aber beim Streifendienst.

Line kam mit ihrer Kamera aus dem Wagen. Wisting verschränkte die Arme vor der Brust. Es missfiel ihm, dass seine Tochter von Stiller für diese Sache engagiert worden war.

Ihre beruflichen Wege hatten sich schon mehrmals gekreuzt. Sie hatten klar verteilte Rollen gehabt – sie als Journalistin und er als Ermittler –, aber Wisting wollte nicht, dass Line einem Menschen wie Tom Kerr so nahe kam. Einem Menschen, der wie kein anderer die Bosheit verkörperte.

Line betrachtete die Sache von einer ganz anderen Seite. Sie hatte die Nutzungsrechte für die Aufnahmen im Rahmen eines späteren Dokumentarfilms ausgehandelt und war bereits in Kontakt mit einer Produktionsgesellschaft, die sich für ihre Idee interessierte. Tom Kerrs Taten waren selten bestialisch gewesen, und der Prozess gegen ihn hatte nicht alle Fragen beantworten können. Im Gegenteil. Tom Kerr hatte einen unbekannten Helfer, der von den Medien als „Der Andere“ bezeichnet wurde.

Wisting hatte Line auf einen schwierigen Interessenskonflikt im Rahmen des Projekts hingewiesen. Sie konnte nicht an einer Filmdokumentation arbeiten und gleichzeitig einen Auftrag für die Polizei übernehmen. Line hatte dem Vorschlag zugestimmt, ihre Tätigkeit für die Kripo offiziell zu beenden, bevor sie sich weiter mit ihrem Filmprojekt beschäftigte. Allerdings war sie der Meinung, dass ihre Anwesenheit während des Ortstermins eine einzigartige erzählerische Perspektive darstellte. Ungeachtet dessen würde noch viel Zeit vergehen. Zunächst musste der Mord an Taran Norum aufgeklärt und Tom Kerr rechtskräftig dafür verurteilt werden. Das Ganze konnte noch Jahre dauern, doch Line wollte den Prozess unbedingt mitverfolgen.

Wisting ging zu den anderen hinüber. In einem Halbkreis blieben sie vor dem Minibus stehen. Tom Kerr erschien in der Türöffnung. Die Fußfesseln klirrten, als er die Füße vom Trittbrett auf den Boden setzte.

Er blieb stehen. Hob den Kopf und sah in den Himmel. Dann blickte er reihum die Menschen an, die seinetwegen an diesen Ort gekommen waren.

„Wir müssen reden“, sagte er plötzlich und ließ den Blick dabei auf seinem Rechtsanwalt ruhen.

Claas Thancke trat einen Schritt vor und sah zu Stiller.

„Wo können wir uns ungestört unterhalten?“, fragte er.

„Sie können zusammen in den Bus steigen“, schlug Stiller vor.

Ein misstrauischer Zug erschien auf Thanckes Gesicht, als ob er fürchtete, dass sie abgehört werden könnten.

„Können wir uns in meinen Wagen setzen?“, fragte er.

Stiller blickte Gram fragend an.

„Wenn ich die Autoschlüssel bekomme“, entgegnete der Kommissar.

Thancke fischte sie aus der Hosentasche und warf sie ihm zu.

„Der Sender“, sagte Tom Kerr.

Adrian Stiller trat zu ihm, zog das Mikrofonkabel ab und nahm den Sender an sich. Währenddessen untersuchte Kittil Gram den Wagen des Anwalts.

„Auf der Rückbank“, sagte er und hielt die Tür auf.

Der Rechtsanwalt und sein Mandant setzten sich ins Auto. Die Streifenpolizisten positionierten sich um das Fahrzeug herum.

Wie schon sein Vater und Großvater war Claes Thancke Strafverteidiger und gehörte zu den bekanntesten Anwälten des Landes. Wisting war ihm einige Male begegnet und konnte ihm durchaus etwas abgewinnen. Er war äußerst umstritten und wurde häufig kritisiert, weil er unter anderem für eine Legalisierung von Drogen eintrat, aktive Sterbehilfe befürwortete, Prostitution zulassen und das Schutzalter für sexuelle Beziehungen abschaffen wollte. Provokante Ansichten, die viele Menschen verärgerten. Er hatte sich Chauvinist und Frauenhasser schimpfen lassen müssen, doch Wisting respektierte ihn als Verfechter individueller Meinungsäußerung und sah in ihm einen Garanten für Rechtssicherheit. Er war ein profilierter und mutiger Anwalt, der sich für die Schwachen und Ausgestoßenen der Gesellschaft einsetzte und schwierige Fälle übernahm. Thancke war vorurteilsfrei und kümmerte sich um seine Mandanten, die häufig als gesellschaftlicher Abschaum galten: Pädophile, Vergewaltiger, Mörder, Rassisten und Gewalttäter, die Frauen misshandelten.

Tom Kerr war einer dieser Menschen. Inzwischen war er dreiundvierzig Jahre alt. Thancke hatte ihn vor fünfundzwanzig Jahren zum ersten Mal vertreten. Damals war er wegen Voyeurismus in sieben Fällen sowie Tötung mehrerer Haustiere in der Nachbarschaft verurteilt worden. Wisting hatte die Akten gelesen. Vor Gericht hatte Kerr erklärt, dass er seine Wut abreagieren könne, wenn er Tiere quälte und tötete.

Wisting konnte die Konturen der beiden Männer hinter den getönten Scheiben erahnen. Ein paarmal glaubte er, ausladende Bewegungen zu erkennen, als ob einer der beiden etwas erklärte oder auf etwas zeigte.

„Worüber reden die wohl?“, fragte sich Hammer. „Die hatten doch im Gefängnis eine ganze Stunde zur Verfügung, ehe es losging.“

Wisting erwog, zu Line hinüberzugehen, doch im selben Moment wurden die hinteren Autotüren geöffnet, und die beiden Männer stiegen aus. Claes Thancke strich seine Anzugjacke glatt, Tom Kerr blieb abwartend neben dem Wagen stehen. Stiller trat zu ihm und befestigte abermals Sender und Mikrofon. Line setzte sich ihre Kopfhörer auf.

„Sind Sie bereit?“, fragte Stiller.

Kerr nickte und spuckte auf den Boden. Dann hob er die Hände, so weit es die Handschellen zuließen, und deutete auf einen Weg jenseits der Wiese.

„Da lang“, sagte er.

Jørn Lier Horst

Über Jørn Lier Horst

Biografie

Jørn Lier Horst, geboren 1970 in Bamble/Norwegen, war Kriminalhauptkommissar bei der norwegischen Polizei, bevor er 2004 als Kriminalschriftsteller debütierte. Seitdem schrieb er sich mit seinen Romanen um den Polizisten William Wisting in die erste Liga der norwegischen Krimiautoren.

 

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