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Wilderness – Nicht die Wildnis wird dich tötenWilderness – Nicht die Wildnis wird dich töten

Wilderness – Nicht die Wildnis wird dich töten

B. E. Jones
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Thriller

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Wilderness – Nicht die Wildnis wird dich töten — Inhalt

Erschüttert von der Entdeckung, dass ihr Mann Will eine Affäre hat, beschließt Olivia, dass sie ihre Ehe um jeden Preis retten muss. Vielleicht bietet ihr lang geplanter gemeinsamer Roadtrip durch die Nationalparks der USA eine Chance, die Wunden zu heilen? Doch was Olivia ihrem Mann nicht verrät: Er hat auf dieser Reise drei Gelegenheiten, ihr zu beweisen, dass er ihre Vergebung verdient. Wenn er versagt? Nun, in der Wildnis, meilenweit entfernt von jeder Hilfe, lauern viele tödliche Gefahren. Wenn ihre Ehe nicht überleben kann, kann er es auch nicht ...

€ 11,00 [D], € 11,40 [A]
Erschienen am 01.04.2021
Übersetzt von: Stefan Lux
368 Seiten, Klappenbroschur
EAN 978-3-492-31656-9
Download Cover
€ 9,99 [D], € 9,99 [A]
Erschienen am 01.04.2021
Übersetzt von: Stefan Lux
352 Seiten, WMePub
EAN 978-3-492-99880-2
Download Cover

Leseprobe zu „Wilderness – Nicht die Wildnis wird dich töten“

Prolog

Erst sechs Monate nachdem ich das Video gesehen hatte, kam es zum ersten Todesfall. Das Timing war schwierig, und vorab musste ich wichtige Entscheidungen treffen, zum Beispiel: Sollte ich weggehen oder bleiben? Nachgeben oder kämpfen? Heilen oder zerstören? Mich zum Sterben hinlegen oder …
So oder so ließ sich das nicht aus einer Laune heraus entscheiden, mit einem Fingerschnippen oder durch das Werfen einer Münze. Denn wenn ich die falsche Entscheidung traf, war ein Leben in Einsamkeit meine Zukunft. Ich sah mich durch den Schutt kriechen, vorbei [...]

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Prolog

Erst sechs Monate nachdem ich das Video gesehen hatte, kam es zum ersten Todesfall. Das Timing war schwierig, und vorab musste ich wichtige Entscheidungen treffen, zum Beispiel: Sollte ich weggehen oder bleiben? Nachgeben oder kämpfen? Heilen oder zerstören? Mich zum Sterben hinlegen oder …
So oder so ließ sich das nicht aus einer Laune heraus entscheiden, mit einem Fingerschnippen oder durch das Werfen einer Münze. Denn wenn ich die falsche Entscheidung traf, war ein Leben in Einsamkeit meine Zukunft. Ich sah mich durch den Schutt kriechen, vorbei an Haufen verkohlter Knochen, den Gestank des Todes in der Nase – mit anderen Worten: geschieden.
Na gut, vielleicht wäre es nicht ganz so schlimm geworden, wenn ich ihn verlassen hätte. Es wäre nicht das Ende der Welt gewesen, doch damals hat es sich so angefühlt. Ganz egal, dass ich nicht die erste Frau war, die von ihrem Mann betrogen wurde – und wohl auch nicht die letzte. Ganz egal, dass es sich um ein Klischee handelt, etwas Alltägliches und letztlich Unbedeutendes. Denn wenn es einem selbst passiert, ist es genau das: das Ende der Welt.
Deswegen versuche ich die vergangenen zwölf Monate zu erklären, all die Zerstörung, nachdem sich herausgestellt hatte, dass mein Mann mit einer dürren Hurenschlampe schlief, die einige Jahre jünger war als ich. Es sind nicht immer die besonders spektakulären Dinge, die den größten Schaden anrichten, nicht das Chaos, das täglich in den Nachrichten kommt, mit den rauchenden Kratern und Rettungshubschraubern im Sturzflug. Es gibt auch die stillen Massaker, die sich zum Beispiel in einer Dreizimmerwohnung in den Stahl- und Steinschluchten von New York ab-
spielen.
An solch ganz gewöhnlichen Orten werden täglich die Kriege geführt, die sich ganz still in unseren eigenen vier Wänden abspielen, in unseren Köpfen. Wir können ihnen nicht entrinnen, egal, wie weit wir uns entfernen. Und trotzdem versuchen wir es, nicht wahr? Wir versuchen zu fliehen. So kam es, dass alles in einer einzigen Sekunde unseres rundum perfekten „Traumurlaubs“ kulminierte, auf unserem lang ersehnten Roadtrip, dem Sommerurlaub meiner Träume, den wir antraten, obwohl ich von der Affäre wusste, von Wills Komplizin mit Körbchengröße A. Letztlich hätte ich ihm verziehen, wenn nicht …
Wenn nicht irgendwo in meinem Hinterkopf dieser schwer atmende Zweifel gelauert und sich geweigert hätte, einfach den Mund zu halten, sich zu verziehen. Der stattdessen den ganzen New Yorker Winter lang mit den Klauen gescharrt und die Zähne gebleckt hatte, der mir mit leiser Stimme eingeflüstert hatte: Verdient er es, eine zweite Chance zu bekommen? Kann man ihm jemals wieder trauen? Kannst du es?
Ich habe geglaubt, der Roadtrip würde mir zu so etwas wie einer Perspektive verhelfen. Ich wollte Wills Entschlossenheit testen, die Dinge in Ordnung zu bringen, ohne weitere Worte, diese endlosen, trügerischen Worte, so glatt und glitschig. Ich musste wissen, ob es ihm wirklich leidtat. Und falls ich dafür bis zum Ende der Reise keine Beweise hätte, nun ja, für diesen Fall hatte ich meine Optionen.
Das soll nicht heißen, dass ich regelrechte Mordpläne hegte. Aushecken, planen, vorausdenken – diese Worte setzen Logik und Strukturiertheit voraus, wo es bei mir eigentlich nur um „Eventualitäten“ ging. Schließlich ist es gefährlich in der Wildnis, dort draußen im Maul des großen Unbekannten, das nur aufs Zuschnappen wartet. Dort ist die Zivilisation allenfalls eine dünne Schicht, und glauben Sie mir, Sie müssen sich nicht weit von unseren gepflegten Städten und gelackten Metropolen entfernen, um die Fassade aufbrechen, die Maske fallen zu sehen, hinter der die Bestie auf der Lauer liegt. Sie müssen nicht mal ihr eigenes Zuhause verlassen oder das, was noch davon übrig ist – um den Reißverschluss einer selten benutzten Tasche zu öffnen oder eine unerwartete E-Mail anzuklicken. Dann spüren Sie plötzlich, wie sich Ihnen die Nackenhaare aufrichten, wie Sie die Krallen ausfahren, wie Sie sich verwandeln …
Als Will und ich zur ersten Etappe unserer Urlaubsreise aufbrachen, hatte ich jedenfalls nur meine üblichen Recherchen angestellt, war aber immer wieder darüber gestolpert, mit welcher Regelmäßigkeit Menschen in den Nationalparks Nordamerikas ums Leben kommen. In jenen ausgedehnten Gebieten, wo man aus großer Höhe abstürzen kann, wo Lebewesen wohnen, die einen nur zu gern anfallen und fressen wollen, wo es Gegenden gibt, in denen man sich auf Nimmerwiedersehen verlaufen kann. Ein falscher Schritt, mehr ist nicht nötig. Ein Abrutschen, ein Stolpern, ein gieriges Maul – all das kann sich zur Katastrophe ausweiten, wenn man meilenweit von jeder Hilfe entfernt ist, den Objektiven von Überwachungskameras entzogen und ohne jedes Handysignal.
Das macht es so leicht, dort draußen zu sterben. Oder dort draußen zu töten. Glauben Sie mir, ich weiß, wovon ich rede.
Denn zu dieser Zeit, als ich mich unter den gewaltigen Himmeln und in den endlosen Weiten verlor, ging es nicht nur um Wills Überleben, sondern auch um meins. Und wenn man ehrlich ist, ist das normalerweise das Allerwichtigste. Dafür kämpfen wir, bis wir blutüberströmt und atemlos am Boden liegen – oder jemand anders. Vernichtet und mit offenen Augen irgendwo im Unterholz oder hingestreckt auf dem heißen Pflaster eines städtischen Gehwegs. Und mit der Zahl der Leichen wächst auch die Zahl der Entschuldigungen, bis man endlich zugeben muss, was man ist – Schluss mit dem Versteckspiel.
Nichts zwingt einen zu größerer Ehrlichkeit gegenüber sich selbst als das Eingeständnis, dass man darüber nachdenkt, wie man den eigenen Mann töten könnte. Na ja, vielleicht noch die Tat selbst. Aber wie gesagt, an jenem makellosen Junimorgen, mit fünfzehnhundert Meilen und vier Staaten vor uns, gab es noch keinen Plan. Es gab nur Möglichkeiten.


1
Phoenix, Arizona – Monument Valley, Utah

Gleich nach dem Frühstück in Phoenix trugen wir Sonnencreme auf und machten uns auf den Weg. Es war schon so heiß wie in einem Glutofen, und das grelle Sonnenlicht blendete. Will saß am Steuer, auf meinem Schoß lag die mit bunten Linien und orangefarbenen Kästchen überzogene Karte des „Great State of Arizona“. Wills Aufgabe war es, immer daran zu denken, dass hier Rechtsverkehr herrschte, meine bestand darin, die Strecke durch die Berge und Wüsten zu finden, vor allem wenn wieder einmal das Navi aussetzte. Wir befanden uns in der Landschaft, von der ich jahrzehntelang geträumt und die ich mir all die Zeit ausgemalt hatte. Nicht zu vergessen die Monate der Planung für unseren Trip.
Hätte ich in diesem Moment ein Lifestyle-Foto für einen Zeitschriftenartikel über den „Great American Road Trip“ gemacht, dann wäre es mit Sicherheit perfekt geworden: Wir beide mit Sonnenbrille und lächelnd, das strahlende Weiß von Wills Abercrombie-Hemd, meine wehenden Haare vor dem endlosen Asphaltband der Straße.
Seht her, wie locker und aufregend unser Leben ist, hätte das Foto gesagt. Schaut euch Mr und Mrs Taylor an – verheiratet und glücklich, ineinander verliebt, eine Werbung für Abenteuerlust und eine dauerhafte Beziehung. Hier kommen wir, lachend, lächelnd.
Beinahe war es tatsächlich so – das Auto vollgetankt, Steaksandwichs und Mineralwasser in der Kühltasche. Wir waren gut ausgerüstet, wie Flüchtlinge aus der Ersten Welt es eben sind. Beim Davonlaufen vor unserer inneren Krise sollte es zumindest komfortabel zugehen. In unseren Rucksäcken steckten Nalgene-Wasserflaschen und vakuumverpacktes Studentenfutter, schnell trocknende Fleecejacken und Creme mit hohem Sonnenschutzfaktor, hochwirksames Insektenmittel und Antihistaminika – Amulette und Talismane für praktisch jede Eventualität. Als könnten diese Dinge uns vor dem schützen, was auf den Pfaden durch einsame Wälder oder hier bei uns im Auto lauerte, was uns auf jeder einzelnen Meile begleitete und sich schon gierig die Lippen leckte.
Während wir durch sandige Canyons nordwärts fuhren, schienen weit mehr als die vierundzwanzig Stunden vergangen zu sein, seit wir in Manhattan ein Taxi zum JFK-Airport genommen hatten, um in kürzester Zeit in der linken unteren Ecke der Vereinigten Staaten zu landen. Der Inlandsflug nach Phoenix hatte uns praktischerweise 2144 Meilen, acht Staaten und siebenunddreißig Stunden Autofahrt erspart. Wir würden also in aller Ruhe vom Rand des Grand Canyon aus in das größte Loch der Erde schauen können. Und vorher gemütlich durch den gelben Staub des Wilden Westens gondeln, vorbei an den rötlichen Tafelbergen, die in den Western Hollywoods so präsent waren wie der angespannte Kiefer John Waynes.
Später wollten wir dann den langen Anstieg zu den von hohen Kiefern gesäumten Pässen der Sierras in Angriff nehmen und El Capitan im Yosemite Valley einen Besuch abstatten. Und von dort schließlich hinunter ins Death Valley fahren, ehe wir uns wieder auf den Rückweg machten. Ein nettes kleines Abenteuer: zwei blasse Briten in einem japanischen Mietwagen unter der Yankee-Sonne. Zwei Men-
schen von einer grauen, trüben Insel, die bis vor einem 
Jahr unter den jegliche Dunkelheit vertreibenden Lichtern Londons gelebt hatten, wo sie ständig darauf gefasst sein mussten, jeden Moment einen Schirm aufspannen zu müssen.
Es fällt schwer, sich einen Begriff von der Größe des Landes zu machen, solange man es nicht mit dem Auto durchquert hat. Vor allem, wenn man von einer kleinen Insel kommt, die einmal über ein großes Empire geherrscht hat und sich noch heute aufbläht, als gehörte sie zu den großen Jungs. Erst wenn man begreift, dass das komplette Vereinigte Königreich in … sagen wir mal … die Westentasche von Arizona passt und dass South Wales, woher ich stamme, höchstens einen Taschentuchzipfel in dieser Tasche ausmacht, erst dann bekommt man ein Gefühl für die Möglichkeiten, im Guten wie im Schlechten. Ein Gefühl für all das, was einem zustoßen kann, wenn man nicht gut auf sich aufpasst. Ich schätze, dass Will und ich an jenem Morgen auf der Strecke ziemlich verschiedene Vorstellungen davon hatten, was das bedeutet.
Was ihn betraf, ging es um eine Chance zur Erholung vom Stress in New York und in seinem Beruf. Und um eine Chance für uns als Paar, wieder zusammenzufinden, die Romantik neu zu entdecken, zu heilen, zu wachsen, die Affäre hinter uns zu lassen. Sie wissen schon, all dieses Psychogequatsche und der Selbsthilfe-Blödsinn, mit denen die Leute versuchen, sich die Illusion von Kontrolle zu verschaffen.
Ich hatte etwas anderes im Sinn, etwas Strukturierteres – einen kleinen Test, dem ich ihn auf unserem Roadtrip unterziehen wollte. Mit der sich wandelnden Landschaft und dem Wegfall der Sicherheit und Ordnung des Alltags nahm dieser Test immer deutlicher Gestalt an. Man könnte sagen, dass ich ihm drei Chancen gab, sein Leben zu retten, unser gemeinsames Leben, ein für alle Mal. Was konnte für einen Mann, der so ernsthaft darauf beharrte, alles wiedergutmachen zu wollen, einfacher sein, als drei unkomplizierte Aufgaben zu erfüllen:
1.    Überrasch mich mit einer aufmerksamen 
romantischen Geste.
2.    Sei spontan, und stell dein Gespür für 
den Anlass unter Beweis.
3.    Bleib ruhig, wenn etwas schiefläuft, 
und pass auf mich auf.
Klingt einfach, oder? Eigentlich kaum der Rede wert, keine schwerwiegende Sache. Aber ich kann Ihnen versichern, dass alles vom jeweiligen Kontext abhängt. Dann ergibt alles Sinn. Der Umstand zum Beispiel, dass ich Will von diesem Test nichts erzählt hatte. Er kannte weder die Regeln noch die drohenden Strafen.
Denn es ist ja nicht so, als hätten wir das Gespräch nicht schon früher geführt. Oder ähnliche Gespräche, damals in unserem Schuhkarton von Wohnung am Rand von Kensington. Wir hatten sie für die Hälfte des marktüblichen Preises von einem reichen Freund von Wills Mutter gemietet. Schon damals war dieselbe Grundmelodie angeklungen, die in unserem Eheleben alle paar Monate wiederkehren sollte und mich meist frustriert und in Tränen aufgelöst zurückließ. Jedes Mal dachte ich: Warum nimmst du mich immer für selbstverständlich?
Wir hatten „das Gespräch“ erneut geführt, an jenen Winterabenden, als alles auf Messers Schneide stand, nachdem ich ihn zurückgenommen hatte. Ich hatte ihm erklärt, was er tun müsse, um mein Vertrauen zurückzugewinnen. Aber letztlich sind es eben die unausgesprochenen Dinge, die in einer Ehe zählen, nicht wahr? Der Instinkt. Das gegenseitige Verständnis. Was man für den anderen aufgibt.
Natürlich kann das zu Enttäuschungen führen. Als wir nun durch Landstriche voller Kakteen fuhren, wie sie die Etiketten von Tequilaflaschen zieren – die Arme zum Gruß hochgereckt –, empfand ich die Möglichkeit, dass er den Test nicht bestehen könnte, als ziemliche Belastung. So wie er vermutlich mächtig unter Druck stand, aus dem Urlaub etwas ganz Besonderes zu machen. Denn was würde es wirklich bedeuten, wenn in Las Vegas, in zehn Tagen also, der Schlusspfiff ertönte? Wenn der Schiedsrichter sein Urteil fällte und keine Nachbesserung, keine Gnadenfrist mehr möglich war? War das Spiel für uns dann aus? Für ihn?
Ehrlich gesagt, erlaubte ich es mir einfach nicht, alles wirklich bis zum Ende zu durchdenken. Ich beließ es bei der Vorstellung, dass ich jederzeit einen Schlussstrich unter alles ziehen konnte – unter die Reise, unter den Test, unter unsere acht Ehejahre. Dann musste ich mir nicht den Kopf darüber zerbrechen, dass die häufigste Todesursache in den US-Nationalparks das Ertrinken ist, dicht gefolgt von tödlichen Autounfällen, Stürzen und Fehltritten.
Meine Onlinerecherchen (für den Kasten mit Touristentipps, der meinen geplanten Artikel begleiten sollte) hatten ergeben, dass diese banalen Erklärungen auf dem Totenschein von jährlich hundertsechzig Menschen auftauchten. Erklärungen für Unfalltode, bei denen es keine Verantwortlichen oder gar Schuldigen gab. Dazu kamen noch einzelne Todesfälle aufgrund von Dehydrierung, Unterkühlung und Angriffen wilder Tiere. Wie auch immer, das alles musste nichts zu bedeuten haben. Er war kein schlechtes Omen, kein Wink des Schicksals, kein versteckter Hinweis.
Mein Plan, was diverse Möglichkeiten betraf, war zu diesem Zeitpunkt noch vage, geboren in den verschwommenen, tief betrübten Winterstunden, in denen ich mir auf dem Sofa Schwarz-Weiß-Filme angeschaut und Bourbon aus der Flasche getrunken hatte, um mich später in den Schlaf zu weinen. Bis zur allerletzten Sekunde, im Regen, im Sturm, war es nicht mehr als eine Fantasie, die mich auf den langen, heimlichen, nächtlichen Wanderungen durch das frostglitzernde New York begleitet hatte. Damals, als ich mit verhülltem Gesicht von Straßenecken aus beobachtet und in beleuchtete Fenster geblickt hatte, voller Vorstellungen, Fragen, Sehnsüchte …
… hatte ich mir das Geräusch vorgestellt, wenn eine Faust Knochen bricht …
… hatte ich mir gewünscht, in diesem Land, das auf sein Recht zum Waffenbesitz pocht, selbst eine dabeizuhaben …
… hatte ich mich nach einer Gewissheit gesehnt, die so klar und eindeutig war, dass ich nicht mehr das Beste hoffen und das Schlimmste befürchten musste – mit anderen Worten: dass es kein Zurück mehr gäbe.
Ich nehme an, die Idee, die sich später zum ultimativen Ultimatum konkretisiert hat, war für mich einfach ein Weg, die Kontrolle ein Stück weit zurückzugewinnen, denn die hatte ich verloren, als Will beschlossen hatte, unser Leben zu ruinieren, Erinnerungen zu torpedieren, Versprechen in die Luft zu sprengen und meinem Vertrauen aus dem Hinterhalt eine Kugel durch den Kopf zu jagen. Will und sein Schwanz – letztlich ging es um nichts weiter als eine verfrühte Midlife-Crisis.
Eine Zeit lang hatte die Wut, die ich empfand, mich mehr überrascht als irgendetwas, das ich je zuvor empfunden hatte. Dieser schwarz-rote Geschmack von etwas ganz Archaischem, der mir plötzlich in den Mund stieg, das Rauschen von Blut in den Ohren. Nur ein einziges Mal hatte ich ansatzweise so etwas gespürt, vor langer Zeit, als James Scott mich ausgelacht hatte und Natalie zu Abwechslung einmal allein gewesen war, weinend … und ich …
Jedenfalls hatte ich das Gefühl damals, an einem warmen Juninachmittag in meiner Schuluniform, so wenig unter Kontrolle wie Jahre später in diesem schicken Hotel, mit Seidenbluse und Pfennigabsätzen. Aber ganz ehrlich: Als Will und ich die Highway-Abfahrten Richtung Camp Verde und Sedona hinter uns ließen und weiter auf den Bahnknotenpunkt Flagstaff zuhielten, unserem neuen Anfang entgegen – in diesem Moment lag das Gefühl sicher an der Leine.
Während wir über den Asphalt brausten, traten die Sorgen und Nöte der letzten Monate vor der elementaren Größe der Landschaft tatsächlich in den Hintergrund. Will schien manche meiner Gedanken zu erspüren. Er legte mir die Hand in den Nacken, lächelte verkrampft, schluckte und sagte: „Ich bin wirklich froh, dass wir das machen, Liv. Ich bin so froh, dass du mir eine Chance gibst. Das ist ein neuer Anfang für uns. Ich weiß, dass ich das, was ich getan habe, nie wiedergutmachen kann, aber ich werde es versuchen. Das verspreche ich dir. Ich liebe dich.“
„Ich dich auch“, erwiderte ich lächelnd, nahm seine Hand und drückte sie. Ich wollte mich nicht dem inzwischen vertrauten Gefühl unserer Spannungen hingeben, dem heimtückischen Gedanken, dass ich ihn nicht kannte. Nie gekannt hatte. Auch er kannte mich nicht, hatte keine Ahnung davon, was ich im Winter in der Stadt getrieben hatte. Er konnte nicht ahnen, was ich sehr bald tun würde – über dem Abgrund stehend, den peitschenden Wind in den Haaren, die Zähne zusammengebissen, die Fäuste geballt, während meine Füße sich von allein nach vorn bewegen würden, eins, zwei, eins, zwei … eins zwei drei …
Als ich nun auf die Abzweigung deutete, die uns nordöstlich Richtung Utah bringen würde, lag das alles noch vor uns. In diesem Moment zeigte Will grinsend nach rechts: „Nächster Halt Monument Valley. Cowboyland, wir kommen. Der Planwagen der Taylors rollt in die Stadt.“
Zwei Stunden später fuhren wir immer noch durch die Einsamkeit, durch diese endlose, trockene, durchgebackene Welt, in der nur hier und dort ein grüner Flecken Gras oder ein Flüsschen auftauchten. In mir erwachte ein neuer Respekt vor den ersten Amerikanern, die am Plymouth Rock die Zehen ins Wasser getaucht, sich die Stiefel angezogen und die Wagen Richtung Westen in Gang gesetzt hatten.
Denn wir sind alle Pioniere, nicht wahr? Wenn wir anfangen, wenn wir am Hochzeitstag „Ich will“ sagen, wenn wir neue Wege beschreiten. Wir bauen uns ein Heim, umzäunen es und versuchen, in der Nähe des Lagerfeuers zu bleiben, wo es sicher ist. Nur der Anblick der Bussarde, die müßig über der friedhofsartigen Landschaft kreisten, erinnerte mich daran, dass ich nicht in Sicherheit war. Nichts ist je wirklich sicher.
Kurz vor 18 Uhr erreichten wir, müde und hungrig, endlich Monument Valley. Und hier bestand tatsächlich Gefahr für Leib und Leben, wenn auch aus einem viel prosaischeren Grund, als ich vermutet hatte. Nach fünfeinhalb Stunden auf der Straße freute ich mich auf ein bisschen Ruhe, um zusammen mit Will von der Hotelterrasse aus die berühmten Härtlinge und „Mittens“ zu bewundern, die John Ford im Breitwandformat unsterblich gemacht hatte.
Die roten Felsfinger gen Himmel gereckt, die Daumen angelegt, boten sie einen auf schmerzliche Weise instagramtauglichen Anblick. Ich erkannte sie auf Anhieb aus einer oft durchgeblätterten Ausgabe meiner National Geographic-Sammlung wieder (Seite 39, ein Navajo im Profil, Blick 
auf die Mittens, ND-Filter). Aber warum war mir nicht in den Sinn gekommen, dass in einem Hotel mit Logenplatz an einer der meistfotografierten Sehenswürdigkeiten der Welt alle anderen auf die gleiche Idee kommen würden?
Zu gut gekleidete, zu laute und zu enthusiastische Touristen aus allen Ecken der Welt drängelten sich auf der Terrasse und im geräumigen Andenkenladen, schwenkten ihre Rucksäcke wie Rammböcke, waren wie Packpferde mit Fotoapparaten und Videokameras behängt, mit frisch gekauften Navajo-Schnürsenkelkrawatten, türkis-silbernen Ohrringen und Windcatcher-Anhängern.
In jeder Ecke schienen sich knutschende Flitterwöchler, grinsende Hochzeitstagstouristen und großspurige Ge-
burtstagskinder zu drängen, die sich fürs perfekte Facebook-Update gegenseitig anrempelten oder sich begeistert abklatschten.
Nachdem Will und ich zu Recherchezwecken im überfüllten Restaurant Navajo Frybread und andere Spezialitäten probiert hatten, traten wir hinaus, um den Sonnenuntergang zu genießen. Doch hier gab es noch weniger Privatsphäre, eher erinnerte die Atmosphäre an ein Rockkonzert. Alle steckten ihre Ohrhörer ein und nahmen sie wieder heraus, tippten auf den leuchtenden Displays ihrer Handys herum, seufzten wegen des schlechten Empfangs und widmeten sich daraufhin ihren Kamera-Apps.
„Komm. Suchen wir uns eine ruhigere Stelle“, schlug Will vor, dem mein mörderischer Blick nicht entgangen war, nachdem sich mir zum wiederholten Male beinahe ein Selfiestick ins Auge gebohrt hätte. Er führte mich vom Gedränge fort zu einer nur wenige Minuten entfernten Stelle, wo der rote Fels eine Art Sessel bildete.
„Hier ist es viel besser“, seufzte er, sobald ich mich in seine Arme geschmiegt hatte und den Kopf an seine Brust lehnte. „Es erinnert mich an die Nacht oben auf dem Pen y Fan. Die Nacht, als wir dort geblieben sind, um die Perseiden zu beobachten. Weißt du noch? Wie wir die ganze Nacht zugeschaut haben?“ Als könnte ich den magischen Abend in den Brecon Beacons je vergessen, als ich, in eine seiner teuren Jacken gekuschelt, die Lightshow der Milchstraße beobachtet hatte, die Sterne, die nur für uns vom Himmel tropften.
Dort oben habe ich immer atmen können, richtig atmen. Nie war ich so glücklich gewesen wie an den Tagen, wenn der Nebel uns wie ein Laken einhüllte und ich gerade eben noch meine Schuhe auf dem Pfad erkennen konnte. Bis sich das Weiß dann plötzlich teilte und den Blick auf ein Tal voller kleiner Seen und Felder freigab, auf das strahlend weiße und blaue Licht. Ich war entsetzt gewesen, dass Will, ein Kind aus Monmouth, gleich an der Grenze zu England, nie einen Fuß in unseren atemberaubenden Nationalpark gesetzt hatte. Allerdings hatte er bald nach unserem Kennenlernen ein Faible für die halsbrecherischen, strapaziösen Klettertouren entwickelt, auf die ich ihn mitnahm.
Er war immer gern bereit gewesen, mir die Führung zu überlassen, mit der Karte in der Hand, bis sein liebster Moment kam: Dann machte er uns auf seinem kleinen Kocher Tee und holte die Schokoladenplätzchen aus dem Rucksack.
Ich weiß, warum er an diesem Abend den Meteorschauer erwähnte, hier, an diesem anderen Ende der Welt, unter den unvertrauten Sternen von Utah. In der Nacht damals hatte er mir einen Heiratsantrag gemacht, aus einem spontanen Impuls heraus – ohne Ring, den gab es später. Mir war klar, dass er versuchte, die Erinnerung wie einen Verband zu benutzen, um die Wunde zu heilen, die er mit seiner Untreue gerissen hatte. Als er mich in den Nacken küsste, hätte das wohl als erstes „Bestanden“ in meinem Test gelten können. Schließlich war es eine Art romantische Geste. Doch sie kam zu früh und war zu unbedeutend, um wirklich zu zählen. Die Worte klangen hohl, auch wenn wir uns in den Armen lagen wie das Idealbild eines glücklichen Paares.
Denn in diesem Moment waren wir kein glückliches Paar, jedenfalls nicht so, wie es einmal gewesen war. Nicht mal, als Will sagte: „Ich liebe dich sogar noch mehr als damals, und ich hätte nie gedacht, dass das überhaupt geht, Liv.“ Ich war eine Fremde in seinen Armen, und ein Fremder drückte seine Lippen auf meine Wange. Eine warme Berührung, verglichen mit der Kühle unter meiner Haut. Denn ich fühlte mich schon eine ganze Weile nicht mehr wie seine Frau, kam mir längst nicht mehr so vor wie die Geografieestudentin, die sich vor mehr als einem Jahrzehnt das Sprunggelenk verstaucht hatte, als sie ein geliehenes Kajak aus dem trägen Wye gezogen hatte und dankbar für die Hilfe des wuschelköpfigen Lehrers mit der sanften, vornehmen Stimme und den kräftigen Händen gewesen war.
Während die wallenden pinkfarbenen und korallenroten Bänder über den Härtlingen sich gegenseitig in ihrer Pracht überboten, bemühte ich mich, nicht an meine Dankbarkeit an jenem Tag zurückzudenken. An meine Faszination, als Wills geschickte Finger sich unter meiner Socke am Gelenk zu schaffen machten und mir einen stabilen Kreppverband anlegten. „Hoffentlich sehen wir uns bald wieder“, sagte er, als er mir zum Minibus der Uni half. „Das hier ist übrigens nicht mein Hauptberuf. Ich studiere in Bristol Betriebswirtschaft, bin aber jeden Samstag hier. Frag einfach nach William.“
Sieben Tage später humpelte ich zurück dorthin. Natürlich war mir klar, dass wir aus verschiedenen Welten stammten. Doch das machte nichts, weil Will keine Ahnung hatte, dass das eine Rolle hätte spielen können. Und warum sollte es das auch? Schließlich hatte er das Mädchen, das in Cardiff aufgewachsen war, bis dahin nicht gekannt. Und sie würde ihm ihr Elternhaus auch nicht zeigen, bis es irgendwann abgerissen war. Genauso wenig kannte er die Frau, die jetzt in seinen Armen lag und in der Kühle der sich verdunkelnden Wüste zitterte.
In dieser ersten richtigen Nacht unserer Reise konnte er nicht ahnen, dass ich schon wenige Zentimeter von der rothaarigen Hure entfernt gesessen hatte, mit der er mich betrogen hatte. Dass ich, ungesehen und ungehört, über Monate hinweg jede Naht ihrer Designerkleidung und ihrer teuren Schuhe unter die Lupe genommen hatte. Dass ich ihr beim Begrüßen von Kunden und beim Organisieren von Abendessen zugesehen und mir unaufhörlich die Frage gestellt hatte, wie ich, verglichen mit ihr, aussah und klang. Wie ich in Bereichen hinter ihr zurückblieb, die keine Rolle hätten spielen sollen. Die bis dahin nie eine Rolle gespielt hatten.
Ich glaube, das war einer der Gründe, weshalb ich sie so sehr hasste, nachdem ich erst einmal herausbekommen hatte, wer sie war. Mit ihrem schicken Bob und der jugendlichen Kein-Gramm-Fett-zu-viel-Figur. Ein Albtraum in Kleidergröße 32, der noch durch den Umstand verschlimmert wurde, dass sie dem Idealbild entsprach, das ich so gern erreicht hätte, dem ich hätte entsprechen können … beinahe … wenn nicht …
In jedem von uns lauert eine grünäugige Bestie, nicht wahr? Und andere Monster, hager und überaus geduldig. In mir wohnte eins, das sich bereits ausgemalt hatte, wie es der Nuttenschlampe die Augen auskratzte. Der Frau, die mir den Mann gestohlen hatte und in der Stadt meiner Träume den Lebensstil meiner Träume genoss. Jeden Tag führte sie mir vor Augen, dass ich – weil ich keinen reichen Daddy wie Will hatte, der mich „ein paar Geschäftsfreunden mit einem neuen Projekt“ vorstellen konnte – nicht vor allen anderen zu Vorstellungsterminen eingeladen wurde, sobald irgendwo eine feste Journalistenstelle frei wurde. Dass meine Karriere nicht durch ein Nicken oder ein Zwinkern beschleunigt werden konnte. Dass ich neben meiner freien Tätigkeit für Reisemagazine zehn Jahre lang zusätzlich drei Tage pro Woche in einem Reisebüro hatte arbeiten müssen, um mein Einkommen aufzubessern. Und ich war immer noch auf der Jagd nach den glanzvollen und richtig lohnenden Aufträgen.
Seit unserer Ankunft in den USA hatte ich als Wills Ehefrau nach den Bedingungen seines Visums überhaupt nicht arbeiten dürfen. Offiziell nahm ich also eine „berufliche Auszeit“ und schrieb an einem Reisebuch, eine Idee, die ich schon seit Jahren mit mir herumschleppte: ein Reiseführer für Millennials, die keine Pauschalreise buchen wollen, für die Airbnb aber eine grässliche Vorstellung ist. Doch das alles ging nur mühsam voran. Ich musste neue Kontakte knüpfen und verdiente zum ersten Mal, seit ich sechzehn war, kein eigenes Geld.
Und dann tauchte diese Tussi auf, die sich mit sechsundzwanzig „Senior Executive PR“ nennen durfte, verdammt. Mit ihren Kitten Heels, ihrer Louis-Vuitton-Tasche und dem Trägerkleid von Chanel. Während ich mich in Fünfzehn-Dollar-Leggings an meinem Laptop abrackerte, eilte sie zwischen eleganter Hotellobby und Uptown-Geschäftsmeeting hin und her. Ich hatte sie seit Weihnachten Abend für Abend beobachtet, hatte ihre quirlige, kokette Leichtigkeit und den unverkennbaren Geruch nach Privilegien geatmet. Sie gehörte zu den „richtigen Leuten“, denen sich auf ein flüchtiges Nicken hin Türen öffneten. Nach einer Weile hatte ich mir das Klicken vorgestellt, mit dem ich den Abzug der Schrotflinte betätigen würde, hatte mir ausgemalt, wie ihr Kopf von der Ladung explodierte.
Trotz unseres romantischen, sternengeschmückten Sonnenuntergangs in Utah dachte ich ausgerechnet an sie, während sich die Sonne im Westen dem Horizont näherte. Ich fragte mich, ob sie wie jeden Montag mit ihrem Ashtanga-Yoga beschäftigt war. Ob sie wusste, was sie uns angetan hatte, den Menschen, die Will und ich einmal gewesen waren, den Leben, die sie zerstört hatte, indem sie ihr rosafarbenes Spitzenhöschen mal eben ausgezogen hatte.
War ihr bewusst, dass sie uns auf Schritt und Tritt be-
gleitete? Dass ich sie sozusagen in meiner Brust trug, ihre Klauen in meinem weichen Gewebe spürte? Selbst jetzt, als ich an Will geschmiegt in dieser Felsnische saß und die rötlichen Mittens sich langsam in der Schwärze der Nacht auflösten? Wusste sie, dass Will und ich nie mehr richtig allein sein würden, egal, wo wir wohnten, wie weit wir wegfuhren, wie viele Urlaube wir machten?
Die Sonne verschwand nun endgültig, und diese Gedanken weckten in mir das Bedürfnis nach einem schnellen, heißen Schluck Jack Daniel’s, damit wenigstens ihr Bild vor meinen Augen verschwamm. Zu jener Zeit hatte ich mich schon viel zu sehr an mein Beruhigungsmittel, den Bourbon, gewöhnt, jedenfalls mehr, als gut für mich war. Ich brauchte ihn, um die Unruhe zu vertreiben, die mich stets nachmittags überfiel. Um zu ertragen, dass mein Inneres sich zerfetzt und blutig anfühlte, wie ein Monster, das nur durch fadenscheinige Versprechungen notdürftig zusammengehalten wurde. Und ich bedauerte, dass das Navajo-Reservat aufgrund entsprechender gesetzlicher Regelungen in mehr als einer Hinsicht „trocken“ war.
Als wir an jenem Abend in unserem „Sternengucker“-
Zimmer in der obersten Etage zu dritt ins Bett stiegen, fühlte ich mich beengt. Die Stille und die plötzliche Kühle der Wüste lasteten schwer auf mir. Für jemanden, der so dünn war, nahm sie eine Menge Platz ein. Sie füllte das Bett aus, die Zentimeter zwischen meinem und Wills Körper. An meinem Hals spürte ich ihren warmen Atem. Jedenfalls war ich in dem Moment ziemlich sicher, dass es ihr Atem sein musste – irgendetwas befand sich bei uns im Zimmer. Doch in Wirklichkeit war es etwas Älteres, etwas Schwärzeres, etwas Lauerndes. Wir hatten offiziell das Ende des ersten Tages erreicht, und es sollte nicht mehr lange warten müssen.


2
New York

Wie anders war vor einem Jahr noch alles für mich gewesen, so hoffnungsfroh, so arglos, dass ich mich nicht erinnern kann, im Terminal 5 des internationalen Abflugbereichs von Heathrow auch nur einen einzigen heimlichen Zweifel heruntergeschluckt zu haben. Will war endlich zum „Events and Client Manager“ befördert worden, wir hatten die Taschen gepackt und die Wohnung in London ausgeräumt. Nächster Halt Big Apple, und ich hatte nie zuvor solche Lust verspürt, in diesen Apfel hineinzubeißen.
Als wir uns an jenem ersten Tag in einem Wagen mit Chauffeur der schimmernden Stadt näherten, erschienen mir Freiheitsstatue, Empire State Building und Chrysler Building wie der Vorspann unseres ganz eigenen Films, eine visuelle Verheißung der Neuen Welt. Wills neuer Arbeitgeber Piper-Dewey hatte uns für die kommenden zwölf Monate ein firmeneigenes Apartment angeboten, sodass wir tatsächlich in Manhattan wohnen konnten, ohne dessen in den Himmel schießende Mietpreise zahlen zu müssen. Ich weiß noch, wie ich beim Auspacken unserer Sachen im achten Stock eines hübschen, teilweise gewerblich genutzten Hauses in SoHo lachte und Schampus aus der Flasche trank. Mir war schwindlig von der Aussicht auf die unbegrenzten Möglichkeiten.
Auch wenn unser Drei-Zimmer-Apartment nichts mit den großartigen, nur für Millionäre erschwinglichen Lofts zu tun hatte, die man in Filmen zu sehen bekommt – mit Dachschrägen und Licht, das sich wie Wasser in die Räume ergießt –, war es doch geräumig und charmant. Es besaß Charakter und, allem voran, einen wenn auch schmalen Ausblick auf die entfernten, glänzenden Wolkenkratzer im Zentrum von Manhattan. Als ich die ikonischen Wasserspeicher und die Werbetafeln über den Lofts und Designershops vor mir sah, verliebte ich mich mit jeder Faser meines Körpers in die Stadt, noch ehe ich überhaupt einen einzigen Schritt vor die Tür gesetzt hatte. Will legte mir die Arme um den Hals und sagte mit Pseudo-Brooklyn-Akzent: „Also, da sind wir. Willkommen zu Hause, Schatz.“
Das Viertel war so trendy, dass es mir eiskalt den Rücken herunterlief. Zu Hause in Kensington hätten wir uns über die Hipster lustig gemacht, die in portugiesischen Delis auf der Tastatur ihres Laptops herumtippten, Soja-Latte für acht Dollar tranken und sich über den Bart strichen. Oder sich in Neonmontur auf dem Fahrrad zwischen den mit schweren Taschen beladenen Touristen hindurchschlängelten. Aber wir waren nicht in London, sondern in New York, und das Neue, Fremde ist immer exotisch und bezaubernd, zumindest für eine Weile.
In diesen ersten Wochen im Juni, als die wolkenlose Stadt unter einer schwülen Hitzeglocke lag, waren wir faszinierte, über alle Maßen aufgeregte Touristen. Wie emsige Ameisen bahnten wir uns den Weg durch das Gewusel auf den Gehwegen, saugten gierig den Anblick der hupenden, hin und her flitzenden gelben Taxis auf. Will brachte mich zum Lachen, weil er einfach nicht aufhören konnte, mit offenem Mund die ringsum aufragenden Gebäude aus Stein und Glas zu bestaunen und auf diese Weise jedem Einheimischen zu verraten, dass er gerade dem Bus aus Hicksville, USA, entstiegen war – oder, in unserem Fall, aus London, England, beziehungsweise Monmouth, Wales.
Damals war er so sehr der „Englishman in New York“, dass man ihn einfach dafür lieben musste, auch wenn er in Wahrheit gar kein richtiger Engländer war. Doch jedes Mal, wenn wir gefragt wurden: „Hey, wo kommt ihr her?“, klang er wie der Engländer schlechthin. Wahrscheinlich reicht es aus, wenn man die richtige Privatschule besucht hat, ganz davon abgesehen, dass Will tatsächlich ein bisschen wie Hugh Grant daherkam: Er trug lange Shorts und kurzärmlige Hemden, verhaspelte sich bei komplizierteren Kaffeebestellungen und diskutierte gern über die genaue Höhe des Trinkgelds, das wir geben wollten.
Das mochte ich an ihm: dass er keinen Versuch unternahm, sich anzupassen oder zu verbergen, wer er war. Im Gegensatz zu mir fühlte er sich wohl in seiner Haut. Das war natürlich, bevor er zu einem betrügerischen Wichser wurde und ich alles an ihm in einem ganz neuen Licht betrachtete: die Button-down-Hemden, die er in der Zeit an der Universität ohne jede Ironie getragen hatte, die Weigerung, jenseits der dreißig auf den Parka zu verzichten, der Schal seiner Privatschule, den er beim Kneipenbesuch zu Jeans und Pullover trug.
Der dämliche rote Anorak war eins dieser affektierten Details. In jenem Sommer gekauft, weil wir schon mit Plänen für unseren Roadtrip beschäftigt waren, wurde er bereits im nieseligen Herbst „eingetragen“, sodass Will zwischen all den Hipstern und Stadtmenschen wie ein rotes Gore-Tex-Würstchen herausstach.
„Na ja, so werden die wilden Tiere Sie wenigstens kommen sehen. Und das Team von der Bergrettung“, erklärte der Mann im Outdoor-Laden grinsend. Damals ahnte keiner von uns, wie prophetisch die Bemerkung im Rückblick erscheinen würde.
Aber wir hatten Spaß. Wir waren glücklich.
Jedenfalls dachte ich das, als wir gleich auf dem Gehweg die Delikatessen der Dominique-Ansel-Konditorei testeten, Geburtsstätte des „Cronuts“. Oder als wir mit der Pferdekutsche durch den Central Park fuhren. Will ruderte uns sogar in einem kleinen Zweisitzer über den See, froh, endlich wieder Riemen in den Händen zu haben. Gebannt vom Reiz des Neuen, machte er bestimmt tausend Fotos. Dann kamen das Händeschütteln, die Hallos und die eisgekühlten Manhattans, als wir uns Wills neuen Arbeitsplatz anschauten: das Hotel Lowbeck, ein restauriertes Art-déco-Juwel, das sich in seiner neuen silbernen und goldenen Pracht herausgeputzt hatte wie ein Starlet für die Oscar-Nacht.
Kurz vor der Eröffnung führte Will mich durchs Personaltreppenhaus nach oben, sodass wir einen Blick in die Suiten werfen konnten, vielleicht als Reaktion auf meine Beschwerde, dass „du nie etwas Spontanes machst; nie überraschst du mich“. Wegen dieser und ähnlicher Bemerkungen hatte ich mich während unserer letzten Monate in London häufiger über mich selbst geärgert. Im schmiedeeisernen und blausamtenen Bett teilten wir uns eine Flasche gekühlten Champagner und fühlten uns wie Filmstars. Später wurden wir zu Willkommensdrinks, Miniburgern und Thunfisch-Sashimi in den ledernen Sitzecken der Lobby eingeladen und kamen uns kosmopolitisch und erfolgreich vor. Bei einem Negroni in der Rooftop-Bar fühlten wir uns jünger, als wir waren – ein Paar, das herumkam.
Und im Zentrum von allem Will, blond und smart, grüßend und plaudernd. Mit seinem typisch britischen Charme gab er sich alle Mühe, die Modefreaks für sich einzunehmen, die schon bald in die wunderschöne Lobby strömten. Als ich ihn ansah, fragte ich mich noch immer, wie es möglich gewesen war. Wie wir uns hatten finden und aneinander festhalten können, allen Stürmen zum Trotz. Lange habe ich gedacht, es wäre Schicksal gewesen, wir wären zusammengekommen, um uns gegenseitig zu retten, vor der mangelnden Verlässlichkeit und der Undurchschaubarkeit anderer Menschen. Eine Selbstgenügsamkeit zu zweit. Dann kam das beschissene Aufwachen.
Wie dumm bin ich gewesen? Wie naiv?
Warum hatte es mir nichts ausgemacht, so viel allein zu sein, als es mit Wills Job losgegangen war? Warum hatte ich keinen Verdacht geschöpft, als er bis spätabends Kundentermine hatte? Wenn er an seinen freien Tagen derart erschöpft war, dass er ins Bett fiel und als Klumpen aus Bettzeug und schlechtem Atem dort bis mittags um eins vor sich hin schnarchte? Weil ich mir sagte, dass ich den Preis für die erstklassige Gelegenheit zu zahlen hatte, die sich uns bot. Das Mindeste, was ich tun konnte, war, Will die Zeit zu geben, sich nach all der Arbeit zu entspannen. Ihn in einem hübschen Top und mit aufgelegtem Lippenstift zu empfangen, wenn er nach Hause kam, damit er auch sehen konnte, dass ich nicht zu einer dieser Schlamperinnen wurde, die „im Homeoffice arbeiten“.
Also stürzte ich mich in die Rolle der guten Ehefrau und kümmerte mich um alles. Ich kochte gesundes Essen, das sich problemlos aufwärmen ließ, wenn seine Termine mal wieder länger dauerten und er ausgehungert und überdreht nach Hause schwankte, in sein makellos aufgeräumtes Apartment. Ich unterstützte ihn, weil er uns unterstützte, weil von uns beiden er derjenige war, der kurz davorstand, endlich richtig Geld zu verdienen. Und weil er mich liebte und ich ihm zeigen wollte, dass ich ihn ebenfalls liebte.
Dann waren die rosa Zeiten plötzlich vorbei, mit dem Eintreffen dreier Nachrichten – vielleicht nicht viele, aber genug, die magische Unglückszahl – an einem hellen Septemberabend, als der Sommer langsam seine Sachen packte, um für eine Weile die Stadt zu verlassen.
Wie üblich aßen wir am Küchentisch zu Abend. Will nervte mich, indem er ständig sein Handy checkte, während ich versuchte, ihm von der bezaubernden kleinen gotischen Kirche zu erzählen, die ich nachmittags entdeckt hatte, auf einem meiner Solo-Streifzüge durch die Stadt. Denn so hatte ich meine Tage ohne Will bis dahin ausgefüllt: indem ich die Gehwege und Nebenstraßen erkundete, die Häuserblocks und Zebrastreifen unserer neuen Heimatstadt. Ich liebte es, dem Tonfall und der Melodie der verschiedenen Stimmen zu lauschen, wollte ein Gefühl für das Land bekommen, ins Leben eintauchen.
Tatsächlich schlug ich mich mit meinen Versuchen, als Einheimische durchzugehen, so gut, dass mir gerade an diesem Nachmittag ein Lieferant das größtmögliche Kompliment gemacht hatte, indem er mich fragte: „Hey, Miss, wissen Sie, wo das Sushi Shack ist?“ Ohne nachzudenken, antwortete ich im selben New Yorker Tonfall: „Zwei Blocks weiter und dann über die Straße rüber, an den Briefkästen.“ Seine Antwort bescherte mir ein erregendes Gefühl der Zugehörigkeit: „Danke, Schätzchen. Nicht mal wir New Yorker kommen bei all den neuen Läden noch mit, hm?“
Als Wills Telefon zum dutzendsten Mal summte, war es mit meiner guten Laune vorbei. „Wer ist das?“, fauchte ich ihn an. „Schon wieder das Hotel, um diese Uhrzeit?“
„Bloß die Arbeit“, erwiderte er, ohne von seinem Display aufzublicken. „Rund um die Uhr – willkommen in der amerikanischen Arbeitskultur …“
„Ernsthaft, Will, ich verstehe ja, dass du einen guten Eindruck machen willst, aber es ist halb neun abends an deinem freien Tag. Wer ist es jetzt schon wieder?“
„Sol“, antwortete er, ohne zu zögern. „Was ist los? Gefällt dir mein neu entdecktes Karrierebewusstsein etwa nicht? In Kensington hast du immer gesagt, ich sollte mich mehr in die erste Reihe stellen und mich im Job beliebt machen. Jetzt zahlen wir den Preis dafür.“
Daraufhin verschwand er im Bad und ließ sein Handy auf dem Tisch liegen. Gereizt schnappte ich es mir, um zu sehen, was um alles in der Welt so wichtig sein konnte. Offenbar wusste er nicht, dass ich seine PIN kannte, meinen Geburtstag. Sonst hätte er es nicht dort liegen lassen, mitten auf dem Tisch, schutzlos und in der Lage, nach dem Eintippen von vier Ziffern eine Katastrophe auszulösen. In dem Moment, als die Nachricht auf dem Display erschien und die Welt unterging, dauerte es dennoch einige Augenblicke, bis ich begriff, was hier nicht stimmte. „Ich brauche dich xxx“, war die komplette Nachricht, im Absenderfeld stand der Name Sol Adler.
Ich kannte Sol, den gepflegten Nachtportier, der mir bei meinen gelegentlichen Besuchen Kaffee anbot und dem ich einmal ein Päckchen „English Tea“ und ein kleines Glas Marmite mitgebracht hatte, woraufhin er sich mit einer von Brooklyns leckersten Riesenbrezeln revanchierte. Die Nachricht klang nicht nach ihm. Eher hätte ich Wir brauchen dich erwartet oder Ich brauch dich hier, Kumpel. Außerdem konnte ich mir nicht vorstellen, dass Sol, der die fünfzig hinter sich hatte, am Ende drei Küsse hinzufügen würde.
Also öffnete ich den Messenger, von dem ich gar nicht gewusst hatte, dass Will ihn benutzte, und scrollte rückwärts durch den Chat. Fast alle Nachrichten waren aus offensichtlichen Gründen gelöscht, doch die letzten drei waren unmissverständlich.

Ich brauche dich. ☺
Was machst du gerade?

Rat mal, was ich mache. Xxx ☺

Lass mich nicht zu lange warten.
Ich bin schon feucht für dich.

Will blieb erstarrt im Türrahmen stehen, als er das Telefon in meiner Hand bemerkte. „Du und Sol, ihr seid plötzlich ziemlich vertraut.“ Ich spürte einen Faustschlag im Magen, der mich atemlos und benebelt zurückließ. Meine Hände begannen zu zittern. Ein Adrenalinstoß – Kampf oder Flucht – durchflutete jede Faser meines Körpers. Etwas tief Verwurzeltes, Instinktives regte sich, jener Selbsterhaltungstrieb, der einst dazu gedient hatte, uns das Leben zu retten. Als ich auf die Überreste des Schellfischfilets starrte, das ich vor nicht mal einer Stunde zubereitet hatte, begriff ich sofort, das ich nirgendwohin fliehen konnte. Ich betete, dass ich mich irrte, dass es eine Erklärung gab. Und es gab eine, natürlich, nur nicht die, die ich hören wollte.
„Was machst du da?“, fuhr Will mich an und riss mir das Handy aus den Fingern. „Hast du meine Nachrichten gelesen?“ Ich ließ ihm seinen Moment des Leugnens, denn wenn er vorbei wäre, müsste ich mir irgendwie klarmachen, dass er in dem kurzen Zeitraum zwischen dem Betreten und dem Verlassen das Bades zu einem anderen Mann geworden war als der, den ich geheiratet hatte. Er war nicht mehr mein guter Will, mein loyaler, ehrlicher Will, der den Kopf über die Eskapaden von Freunden und Kollegen schüttelte, die in der Gegend herumvögelten, weil sie nicht wussten, wie gut sie es hatten, und sich lieber von ihrem Schwanz leiten ließen, die Idioten. Mit jeder neuen Geschichte von einem, der erwischt worden war, wurden wir eine Spur arroganter, überheblicher und überzeugter: So werden wir nie. Gott sei Dank. Wir wissen, worauf es ankommt.
Das alles wurde vom einen zum nächsten Augenblick in Stücke geschlagen, während er noch sein Display checkte und den Beleidigten spielte, weil ich seine Privatsphäre verletzt hatte. Es war seine übliche Taktik. Bei jedem Streit versuchte er mir das Gefühl zu geben, ich hätte unrecht. Wovon redest du überhaupt?, sagte er gern. Ich verstehe es nicht. Du denkst immer das Schlimmste von mir. Und wenn das so ist, warum soll ich dir überhaupt etwas erklären?
So lief es jedes Mal, wenn er Angst hatte oder sich bedroht fühlte. Dann reckte er das Kinn vor und fragte herausfordernd: Worauf willst du eigentlich hinaus? Erst kämpfen, dann fliehen, normalerweise in Kombination mit einer zugeknallten Tür. Ich dagegen hielt mich immer zurück, atmete tief durch und brauchte eine ganze Weile, ehe ich irgendwann explodierte. Wenn wir uns stritten, waren wir zwei instinktgetriebene Tiere, die sich auf ihre je eigene Weise selbst schützten. Aber hier in unserem amerikanischen Traum-Apartment in unserem vermeintlichen Traumleben war es nicht vorgesehen, dass wir uns wie Tiere verhielten. Sondern zivilisiert, wie ein liebendes Paar.
„Also, wie heißt sie?“, fragte ich leise.
„Ich weiß nicht, wovon du redest“, beharrte er. Aber er fragte auch nicht: „Wer?“, und in diesem Moment war ich ganz sicher. „Zeig mir die anderen Nachrichten“, sagte ich so ruhig wie unbeugsam.
„Was?“, versuchte er zu bluffen. „Was redest du die ganze Zeit? Warum schnüffelst du herum und spionierst mir nach?“
„Ich hab sie gesehen, Will. Ich hab die letzte Nachricht gelesen. Wer ist feucht für dich? Hoffentlich nicht Sol, sonst hast du vergessen, mir etwas Wichtiges zu erzählen.“
Ich konnte sehen, wie seine Finger übers Display huschten, löschten, löschten. Ich hätte einen Satz nach vorn machen und ihm das Gerät entreißen können, aber wie sollte das gehen? Mir war klar, wie es enden würde: indem er mich locker mit einem Arm wegstieß und wir uns der beschämenden Erkenntnis stellen müssten, dass wir uns zu etwas Schäbigem herabließen, etwas außer Kontrolle Geratenem, etwas Handgreiflichem.
„Wer ist sie? Wie lange läuft das schon?“, brüllte ich ohnmächtig, eine Armeslänge von ihm entfernt. „Glaub nicht, dass ich nicht weiß, was du treibst.“
„Hör mal. Du hast alles falsch verstanden, Liv, wie üblich. Ein dummes Mädel von der Arbeit, das ist alles. Sie treibt Spielchen mit sämtlichen Kerlen, schickt ihnen Nachrichten und so. Ich hab ihr gesagt, sie soll es lassen, aber du weißt ja, wie die jungen Mädchen heute sind. Für sie ist es ein Spaß – sie denken sich nichts dabei.“
„Ein Spaß? Sie schickt verheirateten Männern solche Nachrichten und findet das lustig?“
„Entspann dich. So läuft es in der Generation. Tinder und One-Night-Stands und alles. Es hat nichts zu bedeuten. Ehrlich, wenn du dich jetzt so aufführst, lösche ich alles. Da, alle Nachrichten sind weg, sogar ihre Nummer. Okay, bist du jetzt zufrieden?“
Von Zufriedenheit war ich so weit entfernt, dass ich ihm locker die Augen hätte auskratzen können. Dass ich ihm die verdammte Haut von den Knochen reißen und ihm den Schädel hätte eintreten können. Stattdessen fragte ich: „Warum solltest du das tun, wenn du nichts zu verbergen hast? Also los jetzt, wie heißt sie?“
Nun endlich blickte er von seinem Handy auf und schaute mir zum ersten Mal in die Augen.
„Kath. Sie gehört zu denen, die es für cool halten, sich ganz unverblümt und sexy zu geben.“
„Und warum versteckst du sie in deinem Handy unter dem Namen Sol?“
„Was willst du mir eigentlich vorwerfen?“, brüllte er und ging zum Gegenangriff über. „Was immer du dir denkst, du liegst falsch. So ist es jedes Mal mit dir, Liv. Immer diese Kreuzverhöre, immer Hunderte von Fragen, obwohl ich nichts gemacht habe.“
Eine Stunde später, als ich ihn zum dritten Mal ein Stück Scheiße genannt, ihm einen Stoß gegen die stur vor der Brust verschränkten Arme versetzt und ihn gebeten hatte zu gehen, beteuerte er immer noch seine Unschuld. Gebeten, damit das klar ist. Ich habe es ihm nicht befohlen, denn meine Umgangsformen sind immer noch besser als mein Urteilsvermögen. Obwohl mir klar war, was hier ablief, konnte ich es einfach nicht glauben.
Aber verschwinden musste er, sofort und auf der Stelle, denn wer weiß, was ich ihm sonst angetan hätte. Der Stoß, den ich ihm bereits verpasst hatte, fühlte sich wie der erste in einer langen Reihe an, die noch folgen würde.
An jenem Tag hatte ich es geschafft, mich zusammenzureißen. Das, was in mir tobte und nach draußen wollte, im Zaum zu halten. Als Will sich seine Schlüssel schnappte und hinausstürmte, legte ich es tief in mir in Ketten, sodass es Monate dauerte, bis es ausbrechen und sich austoben konnte. Von dem Moment an war es nicht mehr möglich, es zu besänftigen und wieder unter Kontrolle zu bekommen.
Zu diesem Zeitpunkt gab es bereits eine Leiche, und ich steckte in Schwierigkeiten.

B. E. Jones

Über B. E. Jones

Biografie

B.E. Jones wurde in einem kleinen Dorf nördlich von Cardiff geboren. Bevor sie Autorin wurde, begann sie eine journalistische Laufbahn bei der Zeitung Trinity Mirror und anschließend als Rundfunkjournalistin bei BBC Wales Today. Dort arbeitete sie an allen Aspekten der Kriminalberichterstattung mit...

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