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Never a Hero (Die Dynastie der Zeitreisenden 2) Never a Hero (Die Dynastie der Zeitreisenden 2) - eBook-Ausgabe

Vanessa Len
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Roman

— Fantastischer Young-Adult-Zeitreise-Roman

„Romantische Fantasy in Vollendung! Finster und unglaublich.“ - kulturbote.de

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Never a Hero (Die Dynastie der Zeitreisenden 2) — Inhalt

Finster und unglaublich: Die YA und TikTok-Sensation geht weiter!

Tauche ein in Vanessa Lens Universum: versteckte Welten existieren im Schatten, wunderschöne Monster mit unsäglichen Mächten bewegen sich zwischen ahnungslosen Menschen, und Geheimnisse gelten als mächtigste Waffe aller Zeiten.

Joan hat das Unmögliche geschafft und die Zeitlinie zurückgesetzt. Doch ihr Erfolg hatte einen hohen Preis: Nur sie kann sich noch an alles erinnern. Aaron, dessen Freundschaft sie sich hart erkämpft hat – und aus der vielleicht mehr hätte werden können –, ist wieder ein Feind. Als ein Angriff Joan zwingt, in die Welt der Monster zurückzukehren, findet sie sich plötzlich an der Seite ihres alten Widersachers Nick wieder. Hin- und hergerissen zwischen Liebe, Familie und monströsen Entscheidungen, muss Joan alte Verbündete um sich sammeln, um sich den tödlichsten aller Feinde zu stellen.

#TikTok made me buy it

€ 17,00 [D], € 17,50 [A]
Erschienen am 11.01.2024
Übersetzt von: Bettina Ain
496 Seiten, Klappenbroschur
EAN 978-3-492-70615-5
Download Cover
€ 14,99 [D], € 14,99 [A]
Erschienen am 11.01.2024
Übersetzt von: Bettina Ain
589 Seiten
EAN 978-3-492-60542-7
Download Cover

Leseprobe zu „Never a Hero (Die Dynastie der Zeitreisenden 2)“

EINS


„Lauft schneller!“, schrie der Trainer. Einer der Jungs war zu spät gekommen, und jetzt musste die ganze Fußballmannschaft dafür bezahlen. Vom Zaun aus sah ­­Joan dabei zu, wie sie in einer weiteren Runde an ihr vorbeizogen. Die meisten Jungs keuchten schon, aber Nick lief ganz vorne standhaft weiter, als könnte er tagelang so weitermachen.

Geh heim, sagte ­Joan zu sich selbst. Heute war sie schwach geworden und nach der Schule hergekommen, um einen Blick auf ihn zu erhaschen. Wie immer fühlte es sich an wie ein Schlag in den Magen.

Er erinnert sich [...]

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EINS


„Lauft schneller!“, schrie der Trainer. Einer der Jungs war zu spät gekommen, und jetzt musste die ganze Fußballmannschaft dafür bezahlen. Vom Zaun aus sah ­­Joan dabei zu, wie sie in einer weiteren Runde an ihr vorbeizogen. Die meisten Jungs keuchten schon, aber Nick lief ganz vorne standhaft weiter, als könnte er tagelang so weitermachen.

Geh heim, sagte ­Joan zu sich selbst. Heute war sie schwach geworden und nach der Schule hergekommen, um einen Blick auf ihn zu erhaschen. Wie immer fühlte es sich an wie ein Schlag in den Magen.

Er erinnert sich nicht an dich. Er kennt dich nicht mehr.

„Also gut“, rief der Trainer. „Ich denke, das reicht.“

Die Jungs stöhnten erleichtert auf und blieben taumelnd stehen. Einige ließen sich erschöpft ins Gras fallen, andere stützten sich auf ihre Knie und schnappten nach Luft. Ein paar Schritte von ihnen entfernt wurde Nick allmählich langsamer und drehte sich schließlich um, um zu seinen Mannschaftskameraden zurückzulaufen.

Träge ließ er den Blick zum Zaun schweifen, und ­Joan blieb das Herz stehen, als er sie ansah und dann desinteressiert und ohne sie wiederzuerkennen den Kopf abwandte.

„Nick!“, keuchte einer der Jungen am Boden. „Du musst mithalten, Kumpel. Der Mannschaftskapitän kann nicht die ganze Zeit hinter uns herhängen.“

Nick lachte und half seinem Kameraden auf die Füße. „Brauchst du Hilfe, Jameson?“

„Ich brauch einen Defibrillator“, brummte der Junge, griff aber nach Nicks Hand und ließ sich hochziehen.

­Joan stockte der Atem bei Nicks unbefangenem Lächeln. Als sie ihn noch gekannt hatte, war er immer ernst gewesen. Die Welt hatte auf seinen Schultern gelastet. Doch sie kannte ihn nicht mehr – nicht diesen Nick.

Sie spürte die vertraute Sehnsucht nach dem Jungen, der nicht hier war, und unterdrückte sie gnadenlos. Jener Nick war fort, und sie sollte ihn sich nicht zurückwünschen. Das hier war Nick, wie er hätte sein sollen. Ein Junge mit einem gewöhnlichen Leben.

Geh heim, intonierte sie wieder in ihrem Kopf. Dieses Mal zog sie sich den Rucksack höher auf die Schulter und wandte sich vom Zaun ab.

 

Es war Mitte November, und die Bäume waren schon fast kahl. Die Kälte drang schneidend durch ­Joans Hose, als sie über das leere Schulgelände lief, das jetzt nach Schulschluss ganz verlassen wirkte. Der Parkplatz der Lehrkräfte war trostlos – nur Beton und Grasbüschel. ­Joan lief über den Platz, an der Bibliothek vorbei und zum hinteren Feld.

Ihr Smartphone klingelte, als sie eine Nachricht von ihrem Dad erhielt.

Bist du gleich da? Ich hab Ananastörtchen gemacht.

 

Er schickte ihr ein Foto von den Gebäckstücken, die auf einem Gitter abkühlten.

Sieht total professionell aus, nicht?!

 

In letzter Zeit meldete er sich oft bei ­Joan, als würde er wissen, dass etwas nicht stimmte. „Du bist so still“, hatte er ihr gestern Abend gesagt. „Alles okay in der Schule? Mit deinen Freunden?“

Manchmal wünschte sie sich, sie könnte ihm einfach die Wahrheit sagen.

Gran ist gestorben, Dad. Sie sind alle gestorben. Gran, Tante Ada, Onkel Gus und Bertie.

Aber das konnte sie ihm nicht sagen, denn sie waren nicht gestorben. Nur ­Joan erinnerte sich an jene Nacht. Nur sie erinnerte sich an die letzten verzweifelten Momente ihrer Gran, an das warme, klebrige Blut, den metallischen Geruch. ­Joan hatte die Hände auf die Wunde gedrückt, um das Blut zu stoppen, und Grans Atem hatte gerasselt, bis er ganz gestoppt hatte.

Jetzt sog ­Joan die kalte Luft in ihre Lunge. Nichts davon war passiert. Ihre Gran und der Rest der Hunts waren in London – nur eine Stunde mit dem Zug entfernt. Es ging ihnen gut.

Sie tippte eine Antwort an ihren Dad.

Die sehen toll aus! Bin gleich da.

 

Dann steckte sie die Hände in die Taschen. Es wurde kälter. Am Himmel über ihr hingen dunkle Wolken. Ein Sturm nahte.

Auf dem Weg über das Feld musste sie gegen den Wind ankämpfen; er wehte ihr das Haar ins Gesicht, und ihr blauer Blazer bauschte sich auf. Sie hätte nicht bleiben sollen, um nach Nick zu schauen. Ihn zu sehen – und von ihm nicht gesehen zu werden – hatte sie an den ersten Schock erinnert, als sie in dieser Welt ohne ihn aufgewacht war. Es gab keinen Ort und keine Zeit, wohin sie reisen konnte, um ihn zu sehen. Er war fort.

Ein Blitz zuckte über den Himmel, und ein strenger Geruch lag in der Luft. ­Joan beeilte sich und zählte abgelenkt die Sekunden. Eine Sekunde, zwei Sekunden, drei Sekunden … Bei der fünften Sekunde grollte der Donner. Das Gewitter war vielleicht fünfzehn Minuten von ihr entfernt. Sie zog sich den Blazer aus und stopfte ihn in ihre Tasche. Der Regen machte ihr nichts aus, aber sie hatte nur eine Schuljacke, und sie hatte keine Lust, sie morgen zu tragen, wenn sie feucht war.

 

Sie hatte das Tor fast erreicht, als der nächste Blitz einschlug. Eine Sekunde, zwei …

Eine vertraute Stimme ertönte hinter ihr, und sie zuckte erschrocken zusammen. „Entschuldige, ich hab …“ Der Rest des Satzes wurde vom Donnergrollen verschluckt.

­Joans Herzschlag klang in ihren Ohren noch lauter. Nick.

Das ist er nicht, sagte sie sich. Sie hörte nur, was sie hören wollte.

Doch als sie sich umdrehte, sah sie ihn. Nick, allein mit ihr auf dem Feld, sein Gang mühelos und geschmeidig, genauso vertraut wie seine Stimme. Das dunkle Haar trug er jetzt anders – es hing ihm in die Stirn –, aber der Blick aus seinen Augen war wie immer ernst und aufrichtig wie der eines klassischen Helden, der Katzen aus Bäumen und Menschen aus brennenden Gebäuden rettete.

Ganz kurz konnte ­Joan sich vorstellen, dass er es wirklich war – ihr Nick mit all seinen Erinnerungen, der ihr nachlief, weil er sie nicht vergessen hatte. Ihre Gefühle waren ein wirres Chaos aus Beklommenheit, Angst und schrecklicher Hoffnung.

Knapp außer Reichweite blieb er stehen. So nahe war sie ihm seit der Nacht in der Bibliothek nicht mehr gewesen, als sie sich geküsst hatten. In jener Nacht hatte der andere Nick aufgehört, zu existieren. Nein, korrigierte sie sich. Sie hatte seine Existenz beendet. Sie hatte sich für ihre Familie und gegen ihn entschieden. Für die Monster und gegen den Helden.

Was auch immer er in ihrem Gesicht sah, veranlasste ihn jetzt dazu, sich zu entschuldigen. „Tut mir leid, ich wollte dir keine Angst machen.“ Er hielt ihr ein Smartphone hin. „Das hast du fallen gelassen.“

­Joan betrachtete sein Gesicht. Jetzt, da er ihr näher war, konnte sie sich nichts mehr vormachen. Er sah sie direkt an und erkannte sie nicht wieder. Diese Version von ihm stand sogar anders da. Der andere Nick hatte eine gewisse gefährliche Anspannung ausgestrahlt – weil er gewusst hatte, dass er jederzeit würde kämpfen oder töten müssen. Dieser Nick hatte eine offene Haltung, er war nicht dazu trainiert worden, zu kämpfen. Sie hätte erleichtert sein sollen, doch stattdessen überkam sie eine Trauer, die schmerzte wie eine tiefe Wunde.

Sie nahm ihm das Telefon ab und versuchte, nichts zu empfinden, als sich ihre Finger berührten. „Danke“, hörte sie sich sagen.

Nick lächelte, schmal und so vertraut, dass ­Joan es kaum ertrug. „Ich verliere meins ständig.“

„Echt?“ ­Joan war so überrascht, dass die Frage aus ihr rausplatzte. Er war immer so vorsichtig gewesen. Soweit sie wusste, hatte er nie etwas verloren.

„Also …“ Sein Lächeln wurde wärmer und wirkte entspannter, als ­Joan es je bei ihm gesehen hatte. „Eigentlich klauen mir meine kleinen Brüder es dauernd.“

„Brüder?“, wiederholte ­Joan. Sie hörte das Staunen in ihrer eigenen Stimme. Seine Brüder waren am Leben. Das hatte sie natürlich gewusst, aber es von ihm zu hören, glich einem wahren Wunder. Der Nick, den sie gekannt hatte, war immer wieder gefoltert worden, immer wieder war seine Familie vor seinen Augen ermordet worden. Sie hatte die Aufnahmen gesehen. Sie würde sie nie vergessen – nicht eine Sekunde davon. All die Leichen auf dem Küchenboden.

„Brüder und Schwestern“, sagte Nick noch immer lächelnd. „Wir sind zu sechst, ist das zu glauben?“ Da hörte ­Joan ein Echo von dem anderen Nick, der ihr mit Schatten in den Augen von seinen drei Brüdern und zwei Schwestern erzählt hatte und davon, wie er und seine Brüder im Wohnzimmer geschlafen hatten, bis er sieben Jahre alt gewesen war.

„Große Familie“, erwiderte ­Joan. Dieses Gespräch hatten sie schon einmal geführt, allein in einem Haus in London, während sie nebeneinandergesessen hatten und die Sonne untergegangen war.

Ein Blitz erhellte das Feld und riss ­Joan aus ihren Gedanken. Mit Schrecken stellte sie fest, dass sie fast über sich selbst gesprochen hätte. Davon, dass sie ein Einzelkind war, aber eine große Familie hatte. Was hatte sie sich nur dabei gedacht? Sie war nur eine Minute allein mit ihm gewesen und hätte sich fast selbst vergessen.

Sie zwang sich, weiterzugehen, und spürte ein leichtes Unbehagen, als Nick zu ihr aufholte. Es war zu vertraut, ein ausgetretener Pfad aus einem anderen Leben.

„Ich glaub, ich hab dich schon mal gesehen“, sagte Nick, und ­Joan sah ihn überrascht an. „Du bist eine Klasse unter mir, oder?“

„Ja“, brachte sie hervor. Sie versuchte, das warme Glühen zu ignorieren, das in ihr aufstieg. Sie war ihm aufgefallen. Sie hatte gedacht … Es spielte keine Rolle, was sie gedacht hatte. Zwischen ihnen durfte nichts geschehen – diesmal ebenso wenig wie letztes Mal. Niemals.

Nick zog schüchtern den Kopf ein. „Ich bin noch ziemlich neu an der Schule.“

Diesmal traute ­Joan ihrer Stimme nicht. Sie würde den ersten Tag an der Schule nach dem schrecklichen Sommer nie vergessen, als ihr Körper ihr noch immer sagen wollte, dass sie weglaufen sollte. Bei jeder lauten Stimme, jedem zugeschlagenen Schließfach war sie zusammengezuckt. Die kleinen, stickigen Klassenzimmer mit nur einem Ausgang waren fast unerträglich gewesen.

An jenem ersten Tag war sie mit ihrer Freundin Margie über den Schulkorridor gelaufen.

„Heilige Scheiße“, hatte Margie gesagt. „Hast du den neuen Typen schon gesehen?“

„Welchen neuen Typen?“, hatte ­Joan gefragt.

„Der ist so heiß“, hatte Margie geantwortet. „Wie ein Filmstar!“

Dann waren sie um die Ecke gebogen, und dort hatte er gestanden. Nick. In ihrer Schuluniform. Groß, mit seinem kantigen Kiefer und einfach perfekt. ­Joan hatte nicht gewusst, ob sie zu ihm laufen oder in die andere Richtung fliehen wollte.

Jetzt, ein paar Monate später, war er bereits beliebter, als ­Joan jemals gewesen war. Nick Ward, der neue Kapitän der Fußballmannschaft. Der heißeste Typ an der Schule. Der klügste Junge an der Schule. Die meisten aus ­Joans Klassenstufe waren in ihn verschossen.

„Hast du es noch weit?“, fragte Nick jetzt.

­Joan schüttelte den Kopf. Sie war nur ein paar Straßen von zu Hause entfernt.

Er lächelte – auf die Art, bei der die halbe Schule ganz schwach wurde. „Ich wohne hier.“ Er zeigte auf eines der Häuser auf der anderen Straßenseite.

Oh. Das war es also schon. Merk dir das, ermahnte sich ­Joan. Denn so ein Gespräch durften sie nie wieder führen. Das würde sie nicht noch mal zulassen.

Sein dunkles Haar fiel ihm in die Stirn. An seinem Kragen hing ein rotes Blatt von einer Eberesche – eines der letzten Laubblätter des Jahres. Ein letztes Mal fragte sie sich, ob Nick sich wirklich gar nicht daran erinnerte, wer er war.

„Du hast da ein Blatt …“ Sie deutete auf ihren eigenen Hals.

„Oh, echt?“ Er lachte, und Röte kroch an seinem Hals hoch. „Nicht gerade cool.“ Er wischte sich über den Kragen. „Ist es weg?“

Es hing noch immer auf der Schulter seines grau-grünen Fußballtrikots. ­Joan schüttelte den Kopf. „Soll ich?“ Sie versuchte, zu ignorieren, dass er noch roter wurde.

Er nickte.

Sie hob die Hand und hielt selbst den Atem an, was ihm offenbar nicht entging. Seine Augen verdunkelten sich. Sie rechnete fast damit, dass er sie zurückhalten würde – dass er sie am Handgelenk festhalten würde. Aber er zuckte nicht zusammen, nicht mal, als sie mit den Knöcheln seinen Nacken streifte und die weichen Härchen in seinem Genick berührte.

„Hast du’s?“, fragte er. Seine Stimme klang tiefer, ganz genauso wie in dem Moment, kurz bevor er sie geküsst hatte.

­Joan brachte sich dazu, sein Lächeln zu erwidern. „Ja.“ Sie nahm das Blatt und löste ihre Hand von ihm, ganz vorsichtig, um ihm nicht versehentlich etwas von seinem Leben zu nehmen. „Es ist weg.“

Er war weg. Er war wirklich weg. Mit einem Mal fühlte sie sich leer. Und einsam. Sie war die Einzige, die sich an ihn erinnerte, daran, wie er einst gewesen war. Ein Junge, der unbewaffnet einen Raum voller Monster betreten konnte, die vor Angst vor ihm fliehen würden. Ein Junge, der die Menschen vor den Raubtieren unter ihnen beschützt hatte.

Selbst er erinnerte sich nicht. Er wusste nicht mal mehr, dass Monster existierten.

Nicks Wangen waren noch immer gerötet. Was sicherlich an der Kälte lag.

„Vielleicht sehen wir uns ja?“, sagte er.

Eine Antwort blieb ihr erspart, als vom Haus aus Rufe ertönten. Zwei Kinder rannten über die Straße – zwei Miniausgaben von Nick, ein Junge und ein Mädchen, die etwa sechs Jahre alt waren. Sie hatten das gleiche dunkle Haar wie Nick und die gleichen dunklen Augen. Der Junge trug eine Brille mit einem schwarzen Rahmen, durch die er wie ein kleiner Professor aussah.

Nick sprang ihnen entgegen und zerrte sie auf den Gehweg. „He, He! Was tun wir, bevor wir die Straße überqueren? Wir warten! Wir warten und schauen in beide Richtungen!“ Er zog sie fest an sich, jeweils einen Arm um ihre Schultern gelegt.

Ein weiteres Mädchen eilte den Kindern hinterher. Sie war älter als Nick, vielleicht neunzehn. „Vorsicht!“, rief sie, genau wie Nick. „Passt auf!“ Ihr braunes Haar war heller als das der anderen drei, und ihr nordenglischer Akzent war deutlicher herauszuhören als bei Nick.

„Wir helfen Mary mit dem Huhn!“, verkündete der Junge.

„Robbie hat’s fallen gelassen!“, sagte das Mädchen. „Auf den Boden!“

Der Junge warf ihr durch die Brille, auf deren Gläser Regentropfen hingen, einen finsteren Blick zu. „Das solltest du nicht verraten!“ Er drehte sich zu Mary, dem älteren Mädchen. „Sie hat die Haut abgeleckt! Die rohe Haut!“

Mary seufzte. „Kommt schon. Und haltet euch diesmal an den Händen.“ Sie streckte ihnen eine Hand entgegen und warf ­Joan ganz unerwartet ein schiefes Lächeln zu. „Hi!“, sagte sie. „Wir wollten euer Gespräch nicht stören.“

„Hi.“ ­Joan lächelte zurück.

Dann wandte Mary sich wieder den Kindern zu und winkte sie zu sich. Dabei fiel ­Joan ihr Ring auf. Er war schwarz und schmucklos. ­Joan hatte ihn schon mal gesehen. Nick hatte ihn an einer Kette unter seinem Hemd getragen, aber sie hatte nie gewusst, dass er seiner Schwester gehört hatte.

„Sehen wir uns in der Schule?“, fragte Nick sie. Er hatte den Jungen an die Hand genommen.

­Joan nickte. Mary. Robbie. Das kleine Mädchen musste Alice sein. Nick hatte von ihnen erzählt – nur ganz wenig. Damals hatte ­Joan es nicht gewusst, aber solange sie ihn gekannt hatte, hatte er um sie getrauert.

Wieder sah sie die Küche aus den Videos vor sich. Bilder von den dreien – Mary, Robbie und Alice –, die reglos dalagen, tot. Und Nick … ­Joans Herz zog sich zusammen, als sie sah, wie er auf die Kleinen herablächelte. Er hatte ihrem Mörder ein Messer in den Hals gerammt, das Gesicht qualvoll und vor Grauen ganz verzerrt. Das Geräusch, das er dabei gemacht hatte, würde sie nie vergessen.

Sie konnte das Lächeln nicht aufrechthalten. „Wir sehen uns“, brachte sie hervor, dann drehte sie sich hastig um und lief den steilen Hügel hinauf, bis die körperliche Anstrengung die Enge in ihrer Brust verdrängte. Windböen fegten Zweige und Blätter über den Weg, Regentropfen fielen schwer herab, und der Wind trug abgerissene Gesprächsfetzen hinter ihr her.

„… das hübsche Mädchen?“ Das war Nicks ältere Schwester, ihre Stimme neckend und voller Zuneigung.

„Mary!“ Nicks Tonfall, ganz wie ein verlegener jüngerer Bruder, brachte ­Joan zum Lächeln.

Von den Kindern ertönte kreischendes Gelächter, aber dann war ­Joan zu weit weg, um sie noch zu hören. Sobald sie außer Sicht war, kniff sie die Augen zu.

Sie atmete tief ein und langsam wieder aus. Es ist okay, sagte sie sich. Sie hätte nicht mit ihm reden sollen, aber das würde nicht noch mal passieren. Dafür würde sie sorgen. Das, was sie jetzt fühlte – das konnte sie ertragen. Regen klatschte ihr wie Tränen ins Gesicht. Sie ertrug es. Sie hatte es die ganze Zeit schon ertragen.

Sie war wieder in der realen Welt. Ohne Monsterjäger. Ohne Monster. Einfach nur ihr normales Leben zu Hause. Und daran würde sich nichts ändern.

 

„Ich bin da!“, rief sie ins Haus.

Wärme und der süße Duft nach Gebäck begrüßten sie: Butter, Ananasmarmelade und Ingwer.

„Hi!“, antwortete ihr Dad aus der Küche. Als ­Joan die Schuhe auszog, tauchte er mit einem Teller voller Ananastörtchen auf. „Ich hab schon fünf gegessen!“, sagte er, aber als er sie sah, runzelte er die Stirn. „Wo ist dein Blazer?“

­Joan schob ihre Schuhe mit dem Fuß unter das Regal und nahm sich von dem Gebäck auf dem Teller. „Ich wollte nicht, dass er nass wird.“ Sie biss in das Törtchen und hielt ihre freie Hand darunter, um die Krümel aufzufangen, während sie ihrem Dad in die Küche folgte.

„Dafür ist er da“, schimpfte ihr Dad. „Damit du eben nicht triefend nass wirst.“

„Das schmeckt richtig gut“, sagte ­Joan mit vollem Mund. „O mein Gott! Wie viele hast du gemacht?“

Dutzende Törtchen kühlten auf den Gittern – auf dem Herd, auf dem Tisch und auf dem Kühlschrank.

„Gib ein paar deinen Freunden! Und wir bringen morgen ein paar mit!“

„Morgen? Was ist denn …“ Sie verstummte. Auf dem Küchentisch klebte ein Zettel mit der Handschrift ihres Dads. Familienessen bei den Hunts, 18 Uhr. Die Marmelade wurde sauer in ­Joans Mund. „Was ist das?“

„Hmm? Oh. Deine Gran hat heute Nachmittag angerufen.“

„Wirklich?“

„Sie hat uns für morgen zum Abendessen eingeladen.“ Ihr Dad kramte in einer Schublade. „Drüben in London mit der ganzen Hunt-Familie.“

­Joans Magen verkrampfte sich. Seit sie nach Hause gekommen war, hatte sie kein Wort mit den Hunts gesprochen. Ihre Cousine Ruth hatte ihr ein paarmal geschrieben.

He, wenn du willst, können wir drüber reden, wie es ist, ein Monster zu sein.

 

Selbst wenn du nicht willst, sollten wir drüber reden. Du denkst vielleicht, du kannst es verdrängen, aber das solltest du nicht.

 

­Joan hatte sich eingeredet, dass sie darauf antworten würde. Aber dann waren erst Wochen und jetzt Monate vergangen, ohne dass sie auf Ruths Nachrichten reagiert hatte.

„Ich hab das Gefühl, dass deine Gran mit dir über etwas reden will“, sagte ihr Dad.

„Worüber?“

„Ach, du kennst doch deine Gran.“ Ihr Dad klang abgelenkt. „Sie redet nicht gern am Telefon. Da sind sie ja!“ Er zog zwei schwarze Ofenhandschuhe aus der Schublade.

­Joan erinnerte sich an eine andere Küche – die Küche ihrer Gran in London, in der Kakao auf dem Herd geblubbert hatte. ­Joan hatte ein seltsames Erlebnis mit einem Nachbarn gehabt. Er hatte sie am Morgen gegen eine Wand gestoßen, aber dann war es plötzlich Nacht gewesen.

Erschrocken war ­Joan zu ihrer Gran zurückgelaufen, um ihr zu sagen, dass er ihr etwas angetan hatte.

Im schwachen Küchenlicht hatten die grünen Augen ihrer Gran geleuchtet. „Er hat dir gar nichts angetan“, hatte sie ­Joan widersprochen. »Sondern du ihm. Du bist ein Monster, ­Joan.«

Vor ein paar Monaten hatte ­Joan erfahren, was die anderen Hunts schon immer gewusst hatten. Die Familie ihrer Mum waren Monster, echte Monster. Sie stahlen Menschen Lebenszeit, um damit durch die Zeit zu reisen.

Jetzt spürte ­Joan in ihrer eigenen Küche eine Brise, obwohl sich im Raum nichts bewegte. Ihr Dad reagierte nicht darauf, denn ­Joan hatte es nur mit ihrem Monstersinn gespürt. Die Welle rollte erneut durch die Welt, ohne etwas zu bewegen.

Manchmal war die Zeitlinie wie ein Lebewesen – eine Kreatur mit einem eigenen Willen. An diesem Abend erlebte ­Joan sie als Naturgewalt, als wäre ein Sturm ins Haus eingedrungen.

Ihr Dad schloss mit dem Ellbogen die Ofentür. „Morgen Abend also?“

„Du denkst vielleicht, du kannst es verdrängen, aber das solltest du nicht“, hatte Ruth geschrieben.

­Joan verschränkte die Arme vor der Brust. „Ich weiß nicht“, sagte sie. „Ich arbeite morgen.“

„Aber du bist um sechzehn Uhr fertig, oder?“

„Ich muss noch einen Aufsatz schreiben.“

„Kannst du das nicht am Sonntag machen?“, fragte ihr Dad. „Deine Gran hat mich daran erinnert …“ Er zögerte. „Morgen ist der fünfzehnte Todestag von deiner Mum. Ich denke, deine Gran will etwas Zeit mit dir verbringen.“ Er sah auf die Ofenhandschuhe herab. „Ich hätte daran denken sollen, dass es ein besonderer Tag ist. Wir beide feiern ja stattdessen immer den Geburtstag deiner Mum.“

Ein vertrautes Gefühl kroch in ihr hoch, aber ­Joan drängte es zurück. Diese Worte hatte sie von ihrem Dad nicht erwartet. Er redete ständig über ihre Mum, aber ihre Gran tat das nie.

„Ist das okay für dich?“ Da ­Joan nicht sofort antwortete, fügte er sanfter hinzu: »­Joan, ist alles in Ordnung?«

Seit Wochen schon stellte er ihr diese Frage, immer wieder auf eine andere Art. Du bist so still in letzter Zeit. Stimmt etwas nicht? Hast du dich mit einer Freundin gestritten?

­Joan testete die Wahrheit in ihrem Kopf aus.

Ich hab rausgefunden, dass ich ein Monster bin, Dad. Die Hunts sind alle Monster.

Oder eine andere Wahrheit.

Der Junge, den ich geliebt hab, ist ein Monsterjäger. Er hat Gran getötet und den Rest der Familie. Aber ich hab ihn zurückverwandelt. Ich hab das, was er getan hat, rückgängig gemacht. Jetzt leben die Hunts wieder, aber sie erinnern sich nicht.

Und er erinnert sich nicht an mich.

Die tiefe Trauer überkam sie erneut. Nichts davon konnte sie ihrem Dad erzählen. Er würde ihr nicht glauben. Sie wollte nicht, dass er ihr glaubte. Sie wollte, dass er sicher war, weit weg von der Welt der Monster.

„Mir geht’s gut“, sagte sie, darum bemüht, es echt klingen zu lassen. „Nur … du weißt schon.“

Ihr Dad musterte sie. „Was?“

„Das Übliche.“ Sie musste ihre Gefühle aus ihrer Stimme raushalten. „Nichts Besonderes. Wir sind alle wegen dem neuen Schuljahr gestresst – du weißt schon.“

»­Joan …«

„Du musst nicht dauernd fragen, Dad. Mir fehlt nichts!“ Es klang frustriert. ­Joan presste die Lippen aufeinander. Sie wollte sich deshalb nicht streiten, und sie wollte ihren Dad nicht noch mehr anlügen, als sie ohnehin schon getan hatte.

In der Stille rüttelte der Wind an den Fenstern, und ihr Dad seufzte kaum hörbar.

­Joan sah durch den Türbogen der Küche zu den Fotos im Wohnzimmer. ­Joan und ihr Dad. ­Joan als Baby. Ihre Mum. Alle drei im Park, während ihre Eltern ­Joans Hände hielten. Als Kind hatte sie die Bilder stundenlang angestarrt und versucht, ihr Aussehen mit dem ihrer Mum zu vergleichen. Aber sie hatte ihrem Dad schon immer ähnlicher gesehen. Eher chinesisch als europäisch.

„Du erinnerst mich an sie“, sagte ihr Dad. Er war ihrem Blick gefolgt. „Jeden Tag ein bisschen mehr. Sie wäre stolz auf dich.“

Da war es wieder, dieses Gefühl. Es gab Wahrheiten über ihre Mum, an die sie nicht denken wollte. Sie war gestorben, als ­Joan noch ein Baby gewesen war. Ihr Tod war immer eine Tatsache gewesen – etwas, das sie gewusst hatte, bevor sie etwas anderes gelernt hatte, bevor sie zählen oder lesen konnte. Eine unumstößliche Tatsache. Ein fundamentaler Fakt ihres Lebens.

„Gran redet nie über sie“, presste ­Joan hervor. „Nie! Findest du das nicht seltsam?“

Ihr Dad schwieg, den Blick noch immer auf die Fotos gerichtet. „Ich hab das auch lange nicht verstanden, aber … deine Gran und deine Mum haben sich nicht immer vertragen. Kurz bevor deine Mum gestorben ist, haben sie sich gestritten. Ich denke, deine Gran hat deshalb Schuldgefühle. Ich denke, auf eine verdrehte Art gibt sie sich selbst die Schuld am Tod deiner Mum.“ Er zog die Ofenhandschuhe aus.

Die musste ihre Mum gekauft haben. Alles, was im Haus dunkel war, hatte ihr gehört. ­Joans Dad mochte helle Farben viel lieber.

„Ich glaube, dieses Abendessen ist für deine Gran ein großer Schritt.“ Hinter der Brille schimmerten seine Augen feucht.

Da wurde ­Joan klar, dass er zum Abendessen gehen wollte. Er wollte die Hunts morgen sehen und sich mit der Familie ihrer Mum an ihrem Todestag an sie erinnern.

­Joan atmete tief ein. „Gehen wir zusammen?“, fragte sie. Die Hunts würden nicht über Monster reden können, wenn ihr Dad beim Abendessen dabei sein würde.

„Natürlich“, sagte er. „Es ist eine Familienangelegenheit.“

„Eine Familienangelegenheit“, wiederholte ­Joan. Kein Abendessen mit Monstern, sondern eines mit der Familie ihrer Mum und mit ihrem Dad. „Also gut. Ein Abendessen mit der Familie.“

Und danach würden sie nach Hause gehen und in ihr normales Leben zurückkehren. ­Joan würde sich nicht in die Monsterwelt zurückziehen lassen.

Vanessa Len

Über Vanessa Len

Biografie

Ähnlich wie ihre Protagonistin Joan, die chinesische und englische Vorfahren hat, ist Vanessa Len Australierin mit chinesischen und maltesischen Wurzeln. Sie schreibt Fantasy über Anti-Heldinnen, Monster und Feinde, die (vielleicht) ineinander verliebt sind. Wenn sie nicht gerade schreibt, probiert...

Pressestimmen
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„Romantische Fantasy in Vollendung! Finster und unglaublich.“

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„Ihre Figuren sind Menschen mit den uns allen bekannten emotionalen und rationalen Widersprüchen. Vanessa Len versteht es meisterhaft, diese in Handlungen zu kleiden und ihren Helden so Leben einzuhauchen.“

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