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This is Our Life (Hollywood Dreams 2)

Kathinka Engel
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Roman

„Ein wirklich schöner Abschluss einer Reihe die sehr viel Mehrwert hat, super gefühlvoll und leidenschaftlich war.“ - heavenlybooks

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This is Our Life (Hollywood Dreams 2) — Inhalt

Kann die große Liebe in Hollywood bestehen?

Die Netflix-Serie „This is our Time“ ging durch die Decke – vor allem wegen der Dynamik zwischen Rio und Ferne. In der Show sind die beiden ein Paar, doch im echten Leben stehen sie vor dem Scherbenhaufen ihrer Liebe. Rio ist abgetaucht und Ferne konzentriert sich wieder auf ihr Studium. Als der Drehstart der zweiten Staffel ansteht, kommen die Produzenten auf die Idee, eine Fake-Beziehung zwischen den beiden zu Promotionzwecken zu nutzen. Rio und Ferne können zwar kaum in einem Raum sein, ohne sich an die Gurgel zu gehen, aber wo Hass ist, da herrscht alles andere als Gleichgültigkeit …

Der zweite Band der „Hollywood Dreams“-Reihe von SPIEGEL-Bestsellerautorin Kathinka Engel, in der sie vom Auf und Ab einer großen Liebe im Rampenlicht erzählt.

€ 15,00 [D], € 15,50 [A]
Erschienen am 30.11.2023
432 Seiten, Klappenbroschur
EAN 978-3-492-06412-5
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€ 3,99 [D], € 3,99 [A]
Erschienen am 30.11.2023
432 Seiten, WMePub
EAN 978-3-492-60452-9
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Leseprobe zu „This is Our Life (Hollywood Dreams 2)“

1 Ferne


Seit drei Monaten und acht Tagen ist mein Leben aus den Fugen. Vor drei Monaten und acht Tagen wurde die erste Folge der Netflixserie This is Our Time ausgestrahlt – mit mir als Hauptfigur wider Willen. Und seither ist nichts, wie es war. Um ehrlich zu sein, es war auch schon davor eine ganze Weile nicht mehr, wie es war oder wie es hätte sein sollen oder was auch immer. Kurz dachte ich mal, es wäre sogar besser, als es hätte sein sollen, aber am Ende ist es dann doch zu der Katastrophe geworden, die eine kitschige Romanvorlage für eine [...]

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1 Ferne


Seit drei Monaten und acht Tagen ist mein Leben aus den Fugen. Vor drei Monaten und acht Tagen wurde die erste Folge der Netflixserie This is Our Time ausgestrahlt – mit mir als Hauptfigur wider Willen. Und seither ist nichts, wie es war. Um ehrlich zu sein, es war auch schon davor eine ganze Weile nicht mehr, wie es war oder wie es hätte sein sollen oder was auch immer. Kurz dachte ich mal, es wäre sogar besser, als es hätte sein sollen, aber am Ende ist es dann doch zu der Katastrophe geworden, die eine kitschige Romanvorlage für eine Schmachtschnulze hergeben würde – minus das Happy End. Nicolas Sparks, wie wär’s?

Vor zwei Monaten und dreiundzwanzig Tagen hatte jedes Familienmitglied seine eigene Strategie entwickelt, mit den Paparazzi umzugehen, die für eine Weile vor unserem Haus im Stadtviertel Burbank regelmäßig aufgetaucht sind. Mein Dad begegnete ihnen mit einer enormen Geduld und völlig unangebrachter Höflichkeit. Wenn er morgens das Haus verließ, um zur Arbeit zu fahren, nickte er ihnen zu, wünschte ihnen einen schönen Tag. Meine Mom hingegen warf ihnen auf Serbisch wüste Beschimpfungen an den Kopf, sobald sie ihr zu nahe kamen. Eric, mein fünfzehnjähriger Bruder, brauchte auf einmal doppelt so lange im Bad, fing an, sein Taschengeld für teure Sneakers und stylische Jeans auszugeben, und genoss den Gang zum Schulbus unter dem Klicken der Kameras geradezu.

Und ich? Ich rannte. Rannte zu meinem Auto, fuhr mit quietschenden Reifen aus der Einfahrt auf die Straße und zur Uni, wo ich mir die Kapuze meines Hoodies tief in die Stirn zog, in der Hoffnung, nicht erkannt zu werden.

Meine Freunde Leia, Chloe und Marcello machten sich eines Tages einen Spaß daraus, in This is Our Time-Masken zu erscheinen. Weiß der Geier, woher sie die hatten. Marcello ging als Lidia Penning aka Amber, Chloe war Rio McQuoid aka Ryder, Leia Theo, der von Casimir Lapine gespielt wird, und mir reichten sie mein eigenes Gesicht als Maske. Die Witzbolde.

Immerhin haben sich die Paparazzi inzwischen spannendere Motive für ihre Schnappschüsse gesucht als die Familie Resnik und sind wieder weg. Vermutlich hat die Welt langsam verstanden, dass ich eine Eintagsfliege war, und dieser Gedanke tröstet mich.

Denn am liebsten würde ich vergessen, was war und was nicht mehr ist und was nicht war und jetzt ist. Aber die Erinnerungen sind zu präsent. Zu mächtig. Erinnerungen an Küsse, an Berührung, an Nähe. An Spiel, aus dem Ernst wurde, und Ernst, der auf einmal nichts mehr wert war.

Und selbst wenn die Erinnerungen an meine kurze Romanze mit dem Hollywood-Star Rio McQuoid nicht so präsent wären, gäbe es immer noch Eric, der rein gar nichts davon hält, dass ich mich vor der Welt verstecke, indem ich nur zwischen Zuhause und Uni hin- und herpendle. Noch weniger hält er davon, dass ich nicht mehr mit Rio McQuoid zusammen bin. Und am allerwenigsten hält er davon, nicht über die ganze Sache zu sprechen.

„Aber ihr liiiiiiebt euch doch!“, sagt er. Oder: „Ich glaube nicht, dass das schon vorbei ist.“ Dabei wirkt er sehr überzeugt. Oder: „Vielleicht solltest du ihm einfach mal schreiben. Oder ich? Ich könnte ihm schreiben, wenn du willst.“

Ich lehne jedes Mal dankend ab, erinnere Eric an die Verschwiegenheitserklärung, die ich nach dem Ende unserer Beziehung unterschreiben musste, obwohl Rio mir versichert hatte, dass er mir vertraut. So viel zu Spiel und Ernst, echt und fake. Und wenn Eric sich dann mit seiner Minihündin Chaplin in sein Zimmer verzogen hat, bleibt mir nichts anderes übrig, als ein bisschen vor mich hin zu weinen, weil … na ja.

 

„Hast du’s gesehen?“, fragt Eric und stürzt in diesem Moment ohne anzuklopfen in mein Zimmer. Ein Königreich für ein bisschen Privatsphäre.

„Habe ich was gesehen?“ Ich sitze an meinem Schreibtisch und versuche trotz allem, genug Hirnschmalz für das Exposé meines Abschlussprojekts zu mobilisieren. Nachdem ich mich den Sommer über exzessiv ins Nachholen des Stoffs aus dem Vorsemester vertieft hatte, um nicht an Rio zu denken, habe ich erstaunlicherweise alle Nachholklausuren bestanden und bin theoretisch zu den Abschlussprüfungen inklusive Abschlussarbeit zugelassen. Jetzt wartet meine Wunschbetreuerin auf das Exposé. Es muss richtig gut werden, damit sie mich trotz ihrer geringen Kapazitäten akzeptiert, dementsprechend stehe ich ein bisschen unter Druck.

„Auf dem Instagram-Kanal von This is Our Time?“ Er ist so aufgeregt, dass seine Stimme bricht. Pubertät und Stimmbruch haben bei ihm lange auf sich warten lassen, was einer der Gründe war, warum die letzten Schuljahre für ihn nicht gerade einfach waren. Das und die Tatsache, dass er sich geoutet hat. Das woke Amerika schafft es leider immer noch nicht über die Schwelle jeder Highschool. „Das Internet explodiert gleich!“

Ich meide die sozialen Netzwerke, so gut ich kann. Nicht nur, weil die Menschen dort jede Distanz und jede Höflichkeit ablegen, wie ich am eigenen Leib erfahren habe. Ich, ein No-Name an der Seite des heißesten Schauspielers des Landes (so die gängige Meinung), die seiner beliebten Ex-Freundin Lidia Penning die Show stiehlt. Das hat viele zu ziemlich fiesen Kommentaren verleitet. Aber ich meide Instagram und Co außerdem, um nicht mit Neuigkeiten über Rio und Lidia bombardiert zu werden. Denn die beiden sollten ihre Fake-Reunion als Hollywood-Couple feiern, um This is Our Time zu promoten. Dabei ist es mir sogar egal, ob sie nun fake-zusammen sind oder echt-zusammen. Die Qualität des Schmerzes ist von der Qualität der Beziehung faszinierenderweise relativ unbeeindruckt.

„Okay, was ist passiert?“ Ich kann mir ein Seufzen kaum verkneifen.

„Es wurde gerade verkündet, dass die zweite Staffel von This is Our Time schon nächstes Frühjahr anlaufen soll! Ihr fangt bald an zu drehen!“ Er schlägt sich die Hände vor den Mund und quietscht, was mit seiner Stimme klingt, als würde man eine kettenrauchende Badeente durch einen Fleischwolf drehen.

„Was?“, entfährt es mir. Mein Herz rast. Und es rast von unter meiner Brust irgendwo in meine Eingeweide. „Nein!“

„Doch! Wie cool ist das!“

Ich schüttle langsam den Kopf. Das kann nicht sein. Das … Nein! Es ist unmöglich. Wie in Zeitlupe entsperre ich mein Handy und rufe mit klammen Fingern den Post auf. Die Buchstaben verschwimmen vor meinen Augen, weil mein Verstand sich weigert, zu lesen, was dort steht. Doch es ist eindeutig.

„Aber … die haben mich doch gar nicht gefragt!“ Ungläubigkeit mischt sich mit Verwirrung mischt sich mit einer Art müder Frustration, die in den letzten drei Monaten und acht Tagen zu meinem Dauerbegleiter wurde.

„Was meinst du damit?“, will Eric wissen.

„Die haben nicht gefragt, ob ich bei einer zweiten Staffel dabei bin.“ Natürlich gab es Gerüchte, dass es eine zweite Staffel geben würde, vor allem, weil This is Our Time zwei Monate lang auf Platz 1 der meistgeschauten Netflixserien in den USA, in UK und in diversen anderen Ländern war. Nicht, dass ich regelmäßig die Rankings gecheckt hätte, aber Eric hat mich gegen meinen Willen auf dem Laufenden gehalten. Doch für mich stand fest, dass ich nichts auf diese Gerüchte geben würde, bis sie mich fragten. Und es stand ebenso fest, dass ich dann ablehnen würde. Weil ich mein Leben zurückhaben möchte beispielsweise. Weil ich Drehbuchautorin werde und keine Schauspielerin. Weil ich die Wutausbrüche von Regisseur Ferris Linch nicht mehr ertragen würde. Und weil ich Rio McQuoid nie wieder begegnen will.

„Na ja, aber es steht da, oder?“, fragt Eric, dessen Begeisterung so etwas wie Unsicherheit gewichen ist. Er hat bestimmt Sorge, dass seine bescheuerte Schwester bescheuert genug ist, nicht seinen bescheuerten Traum zu leben.

„Es steht da“, gebe ich zu. „Aber sie haben nicht gefragt, also wollen sie mich vielleicht gar nicht mehr für eine zweite Staffel.“ Der Gedanke erleichtert mich. Für einen kurzen Moment horche ich in mich hinein, um zu schauen, ob da auch so etwas wie gekränkte Eitelkeit ist, weil ich offenbar nicht gut genug für eine zweite Staffel bin. Aber nein, da ist einfach nur Erleichterung.

„Aber warum haben sie dich dann getaggt?“

„Weil es Sadisten sind?“, schlage ich vor, aber auch wenn das zu hundert Prozent stimmt, ist es doch merkwürdig.

„Lidia und Casimir haben sich schon in ihren Storys dazu geäußert. Ich finde, du solltest das auch tun.“

„Ich finde, ich sollte mich raushalten und hoffen, dass sie mich vergessen haben.“ Und wenn nicht, werde ich einfach Nein sagen.

„Sie können dich schon deswegen nicht vergessen haben, weil #Rydison auf TikTok trendet, seit der Post online gegangen ist.“

„Was?“

„Hab ich dir das nicht gesagt? Ihr habt einen Hashtag, weil die Leute euch so gut zusammen finden.“

Jetzt verknotet sich mein Inneres. Denn das, was die Leute sehen, das, was sie gut finden, ist das Echte. Echte Emotionen. Von meiner Seite. Und es ist ein richtig beschissenes Gefühl, dass dieses Echte jetzt da draußen ist. Auch wenn es ein abgeschlossenes, in sich geschlossenes gefilmtes Gefühl ist.

„Na ja, ihr habt schließlich nicht ohne Grund den besten Kuss gewonnen, oder?“

Ich schlucke. Bei der Preisverleihung habe ich einen familiären Notfall vorgeschoben, um nicht teilnehmen zu müssen. Zu groß war meine Angst, Rio wiederzusehen. Es war also keine komplette Lüge, wenn man mich selbst als Teil meiner Familie und meine mentale Gesundheit als Notfall sieht. Eric, der die gesamte Veranstaltung im Livestream geschaut hat, verkündete allerdings noch in seinem Jubel, dass Rio auch nicht da war.

„Jetzt hat Rio es auch geteilt. Aber nur den Post.“

„Das macht er nicht selbst“, sage ich. „Das macht sein Social-Media-Team.“

„Seltsam.“

„Dass er ein Team dafür hat?“ Ich schnaube.

„Nein, dass er nicht mal jetzt auftaucht.“ Er blickt von seinem Handy auf. „Alle anderen haben in ihren Storys Videos gepostet, in denen sie sagen, wie sehr sie sich freuen. Aber Rio ist seit der Premiere wie vom Erdboden verschluckt.“

Eric hat schon ein paarmal versucht, mit mir darüber zu mutmaßen, was es zu bedeuten hat, dass Rio McQuoid seit drei Monaten und acht Tagen keinerlei Online-Präsenz oder überhaupt irgendeine Präsenz mehr hat. Aber ich habe ihn jedes Mal abgewürgt, weil der bloße Gedanke an Rio McQuoid mir die Luft abschneidet.

„Und das ist interessant, weil …?“, frage ich.

„Weil du nicht über ihn hinweg bist.“

„Bin ich wohl. Du bist derjenige, der nicht über ihn hinweg ist.“

„Einigen wir uns auf ›wir beide‹.“

„Ich weiß auch nicht, wie man über ihn hinwegkommen soll, wenn es für dich kein anderes Thema gibt“, sage ich kleinlaut, denn er hat natürlich recht.

„Ferne.“ Eric legt die Hände in den Schoß, als wäre ich die kleine Schwester und er hätte die Weisheit mit Löffeln gefressen. Was er vielleicht auch hat. „Findest du es nicht merkwürdig? Normalerweise ist das Internet voll von Rio. Wie er Party macht, wie er sich mit irgendwelchen Models trifft, wie er mit Lidia ausgeht. Aber seit Monaten wurde er nicht mehr fotografiert.“

„Weil die alle vor unserem Haus abhingen?“ Ich versuche mich an einem dünnen Witz.

„Und das zeigt, dass er eben nicht angefangen hat, Lidia zu daten, so wie du es behauptet hast. Genau genommen hat er gar niemanden gedatet.“

„Das weißt du nicht.“

„Okay, selbst wenn. Findest du es nicht komisch, dass er so völlig von der Bildfläche verschwindet? Gerade wenn die Serie des Jahres durch die Decke geht? Nach all der schlechten Presse, die er hatte?“

Ja, es ist vielleicht tatsächlich komisch, dass Rio McQuoid so vollständig untergetaucht ist. Vor allem, nachdem es Netflix und seinem Manager und allen anderen, die irgendwas zu sagen hatten, so wichtig war, dass er sich mit Lidia zeigt, um die Show anzukurbeln. Was, wie sich herausstellte, nicht mal nötig war, weil die Kombination aus Rio McQuoids Gesicht und meinen sehr echten Gefühlen offenbar eine unschlagbare Kombination ist. Aber ich möchte nicht darüber nachdenken. Denn wenn ich damit anfange, messe ich seinem Verschwinden Bedeutung bei, was genau das Gegenteil von allem ist, was ich tun sollte. Mich auf mein Studium zu konzentrieren. Des Zufalls Schicksal schreiben – oder wenigstens das Exposé. Und parallel dazu: die letzten Monate aus meinem Gedächtnis streichen, um irgendwie klarzukommen.

 

Als Mom uns wenig später zum Abendessen ruft, liegt ein an mich adressiertes Päckchen auf der Kücheninsel.

„Was ist das denn?“, frage ich, doch eine Antwort ist überflüssig, da auf dem Adressaufkleber das Logo des Studios prangt.

„Kam vorhin mit einem Kurier“, sagt Mom trotzdem.

„Was ist es?“ Eric hüpft neben mir auf und ab. „Mach schon auf!“

„Es sind …“ Ich ahne es bereits. Aber es ist egal. Denn das hier wird nicht passieren. „… die Skripte für die ersten drei Folgen.“ Ich zeige Eric den Papierstapel, der von zwei goldenen Musterklammern zusammengehalten wird.

„Wow!“, entfährt es ihm, während ich es gerade zurück in den Umschlag stecken will. „Halt, was machst du da? Magst du sie nicht lesen?“

Ich schüttle den Kopf. „Es ist streng vertraulich.“ Ich deute auf die graue Schrift, die quer über jeder einzelnen Seite prangt. „Ich darf mir nichts zuschulden kommen lassen, bevor ich morgen mit denen kläre, dass sie sich eine andere Madison suchen müssen.“

„Du meinst das wirklich ernst.“ Eric lässt sich enttäuscht auf die Eckbank sinken.

„Natürlich meine ich das ernst.“

„Und wir unterstützen dich“, sagt Mom.

„Bei jeder deiner Entscheidungen“, fügt Dad hinzu.

„Ihr vielleicht“, mault Eric, aber ich weiß, dass er es verstehen wird. Noch nicht heute. Noch nicht morgen. Aber es ist die richtige Entscheidung.



2 Rio


„Ich habe die Anweisung, Sie nach unten zu bringen.“ Mit einem unsanften Ratschen wird der Vorhang zur Seite gezogen. Ich blinzle, denn obwohl der Vorhang cremefarben ist, dunkelt er mein Schlafzimmer dennoch vollständig ab.

„Hä?“ Verschlafen reibe ich mir die Augen. Dann blicke ich auf mein Handydisplay. Es ist Viertel nach zwölf.

„Das Training ruft.“ Hans klatscht motiviert in die Hände. Eigentlich heißt er anders, aber weil er deutsch ist und ich mir seinen echten Namen nicht merken kann, nenne ich ihn Hans. Außerdem kann ich ihn nicht leiden.

„Wer hat dich reingelassen?“, frage ich einigermaßen genervt und blinzle gegen die Helligkeit.

„Ich mich selbst.“ Er hat einen starken Akzent. In Kombination mit seinem blonden Bürstenschnitt und der bulligen Statur macht ihn das zur perfekten Besetzung für den Vollstrecker des genialen Bösewichts in einem Actionfilm.

„Dann kannst du dich selbst auch wieder rauslassen.“ Und dann würde ich gern mein Schloss austauschen lassen. Danke.

„Mr Abbott hat gesagt, es wird Zeit, dass Sie sich wieder in den Griff kriegen.“

Ich schnaube und ziehe mir die Decke über den Kopf. „Mr Abbott kann mich am Arsch lecken“, sage ich, weil Steve wirklich gar nichts zu melden hat nach der Shitshow der letzten Monate. Doch ich weiß nicht, ob Hans mich überhaupt hört.

„Das können Sie ihm gern selbst sagen.“ Hans zieht mir die Decke weg und hält mir sein Smartphone hin.

„Dein Ernst?“, frage ich, nehme es aber entgegen, weil mein pochender Kopf anscheinend noch zu langsam ist, um sinnvolle Entscheidungen zu treffen. „Hm?“

„Rio.“ Er klingt streng. Wie ein enttäuschter Vater. Nur dass Steve Abbott nicht mein verfickter Vater ist, sondern mein Manager. „Du reißt dich jetzt am Riemen.“

„Du reißt dich jetzt am Riemen? Bist du auf Koks oder was?“

„Ich sicher nicht.“ Der stumme Vorwurf, dass er es mir aber sehr wohl zutraut, entgeht mir nicht. Als ob. Um an Koks zu kommen, müsste ich vor die Tür. Oder jemanden haben, den ich vor die Tür schicken kann. Ich rufe ja wohl kaum an der Rezeption an, geschweige denn schicke ich Hans. Außerdem steht mir der Sinn nicht einmal nach Koks. Der Sinn steht mir nach Whisky und traumlosem Schlaf. „Hör zu, Rio. Du bist der Boss. Schon klar. Aber die haben den Drehstart vorverlegt. Und ich habe so eine Ahnung, dass du in der letzten Zeit nicht unbedingt ein regelmäßiger Gast im Gym warst. Wenn du also keine Vertragsstrafe riskieren willst …“

„Welcher Drehstart?“, frage ich.

„This is Our Time? Die zweite Staffel?“

„This is Our was?“ Wir haben doch gerade erst abgedreht. Wir hatten doch gerade erst Premiere. Aber den Gedanken daran schiebe ich sofort in die allerhinterste Ecke meines erbärmlichen, in Alkohol wabernden Hirns.

„Gib mir Ludger.“

„Wen?“ Ich schwöre, gleich werfe ich das Handy aus dem Fenster.

„Deinen Security.“

„Ich mag ihn nicht.“

Hans streckt seine Hand nach dem Smartphone aus. Er war so unbeweglich während der letzten Minuten, dass ich vergessen hatte, dass er da ist. Er heißt Ludger? Was ist das für ein Name?

„Das hättest du dir womöglich überlegen sollen, bevor du Ruben gefeuert hast.“ Ich kann an Steves Stimme hören, dass er grinst, der Wichser.

Der Tag, an dem ich komplett die Kontrolle verloren habe, war der Tag, an dem Steve endlich Ruben loswurde. Und dass er sich immer noch darüber freut, macht, dass mir übel wird. Aber Ruben hat Grenzen überschritten. Er glaubte zu wissen, was gut für mich war. Was ich wollte. Oder wollen sollte. Was meine Probleme lösen würde. Dabei hatte ich ihm im Vertrauen gesagt, wie beschissen es mir ging. Wie elend. Wie sehr ich sie vermisste, obwohl sie mir das verdammte Herz rausgerissen hatte. Und dann hat er es Steve erzählt. Arschloch. Selbstgerechtes Arschloch, das bis zum Ende Arbeit und Freundschaft nicht unterscheiden konnte, obwohl ich es ihm mehr als einmal gesagt habe.

„Gib mir jetzt Ludger“, sagt Steve wieder, und ich reiche dem deutschen Hünen das Handy.

„Jaaa“, sagt er gedehnt in seinem bescheuerten Akzent. „Jaaa.“ Gott, ich kann ihn wirklich nicht ausstehen.

„Und?“, frage ich.

„Dusche“, sagt er. „Kalt.“

„Fick dich.“

„Dusche“, sagt er erneut.

„Fick. Dich.“ Diesmal betone ich jedes Wort.

„Dusche.“ Er ist wie ein Stein. Vollkommen emotionslos. Und alles prallt von ihm ab. Ein beschissener Teflon-Stein.

„Wenn ich trainieren soll, macht eine Dusche wenig Sinn, du Genie“, sage ich.

In diesem Moment packt er mich. Er nimmt mich einfach hoch und trägt mich ins Badezimmer. Erst in der Dusche stellt er mich ab, dann macht er das Wasser an. Und ich … keuche!

„Das ist kalt, du Arschloch!“

„Anweisung vom Chef.“ Er schaltet das Handy, das er offenbar die ganze Zeit in der Hand hatte, auf laut.

„Sorry, Rio“, quäkt Steves Stimme aus dem Lautsprecher. „Aber so kann es nicht weitergehen.“

Ich stehe in meinen Boxerbriefs unter dem kalten Wasserstrahl und spucke einmal aus. Zur Hölle mit ihm. Zur Hölle mit Hans. Zur Hölle mit allen.

„Ist die Sache scheiße gelaufen am Ende von Staffel eins? Ja. Dachten wir, wir würden das Richtige tun? Ja. Hast du zugestimmt? Ja. Du bist selbst für dein Leben verantwortlich, Rio. Du kannst nicht anderen die Schuld für die Entscheidungen geben, die du selbst triffst. Aber hier und heute musst du wieder zur Vernunft kommen, hörst du?“

„Weil du weiter Kohle scheffeln willst“, murmle ich, aber ich sage es nicht laut. Er hat schließlich recht. Ich bin für diesen Witz von Leben verantwortlich. Welch beschissene Wonne mir doch zuteilwird! Und Steve ist und bleibt nun mal der einzige Mensch, der immer zu mir hält. Egal, was passiert. Egal, wie sehr ich verkacke. Egal, wie grenzenlos scheiße die Entscheidungen sind, die ich treffe. Nicht wie Ruben. Nicht wie … fuck it.

„Du bist Rio McQuoid. Du bist der verflucht talentierteste Schauspieler, den diese Schwachköpfe je erlebt haben. Und du bist der verflucht heißeste Kerl, den sie je gesehen haben. Also beweg deinen Hintern ins Fitnessstudio. Lern deinen Text. Krieg dich in den Griff.“

Das kalte Wasser prasselt unaufhörlich auf meinen Kopf. Langsam fange ich an zu zittern. Doch Hans steht drohend neben mir. Er wird ebenfalls nass, aber ihm scheint es nichts auszumachen, was wieder für die Theorie vom Teflon-Stein spricht. German Engineering oder so.

„In der letzten Zeit warst du so gut wie überhaupt nicht präsent. Die ganze Welt rätselt, wo du bist. Und die ganze Welt wartet nur darauf, dass du wiederauftauchst. Und ehrlich gesagt, ist schlechte Publicity immer noch besser als gar keine Publicity. Du hast also die Wahl: Zeigst du ihnen die zugedröhnte Version von dir in einem miefigen Hoodie und mit blutunterlaufenen Augen?“

„Nein“, sage ich.

„Braver Junge. Also sieh zu, dass du wieder in Form kommst. Und dann kehrst du zurück. Und zwar mit einem Knall. Du bist Rio McQuoid.“

Und eine Sache muss man Steve, dem alten Drecksack, lassen. Damit hat er beschissenerweise recht.

 

Im Gym stemmt Hans Gewichte, während ich erst mal versuche, klarzukommen. Mein Kreislauf ist im Keller, weil ich wochenlang kaum aus meinem Bett aufgestanden bin. Ich fühle mich unfit, im Spiegel erkenne ich mich kaum wieder, und das passt perfekt zu diesem leeren, völlig fremden Gefühl in meinem Inneren. Meine Augen liegen in tiefen, dunklen Höhlen. Ich bin blass und grause mich vor mir selbst. Herzlichen Glückwunsch, du bist also Rio McQuoid.

Ich beginne mit einem kleinen Warm-up, das meinen Puls deutlich schneller in die Höhe treibt, als mir lieb ist. Dass Hans mich dabei beobachtet, kratzt an meinem Ego, und zum ungefähr zehnten Mal heute und zum tausendsten Mal, seit er für mich arbeitet, habe ich große Lust, seinen beschissenen Arsch aus meinem Sichtfeld zu katapultieren. Aber ich weiß, dass Steve richtig sauer wäre. „Weißt du, wie schwer es ist, gute Leute zu finden?“, sagt sofort seine Stimme in meinem Ohr. Dabei könnte es mir nicht egaler sein.

Nach ein paar Sit-ups und Squats beschließe ich, dass es sinnvoller ist, ein bisschen aufs Laufband zu gehen, um mich erst einmal wieder an eine vertikale Position zu gewöhnen. Scheiße, ich habe mich echt so richtig gehen lassen. Steve hat mich gewarnt. Ruben auch, aber über den will ich nicht nachdenken.

Nach ungefähr einer Stunde deutet Hans mit einem knappen Nicken an, dass es reicht. Warum auch immer er das zu entscheiden hat, weiß ich nicht. Warum ich mich füge, noch viel weniger. Steve soll bis zum Drehstart einen Personal Trainer engagieren. So viel steht fest. Denn eine Sache weiß ich ganz genau: Ich werde mich dort nicht blamieren. Ich werde mit einem Knall dort auftreten, wie Steve gesagt hat. Wenn man ich ist, kann man sich etwas anderes schlicht und einfach nicht leisten. Das weiß ich jetzt, wo ich wach und schmerzhaft nüchtern bin.

Nach einer weiteren Dusche – warm diesmal – ziehe ich mir zum ersten Mal seit Tagen eine Jeans an.

„Hey, Hans“, sage ich in Ermangelung eines anderen Gesprächspartners. „Zockst du?“ Ich deute auf die Konsole neben dem Fernseher.

Hans hebt eine Augenbraue.

„Bisschen rumballern? Um uns kennenzulernen?“

„Nein, danke“, sagt er. „Ich bin nebenan, wenn Sie etwas brauchen.“

Mit diesen Worten verschwindet er. Und ich … ziehe mir die Jeans wieder aus und krieche zurück unter die Bettdecke, weil mich dieses schauderhafte Gefühl der absoluten, bodenlosesten Leere erfasst. Das ist mein Leben. Ich bin Rio McQuoid. Aber ich habe keine Ahnung, was, zur Hölle, das eigentlich bedeuten soll. Und ich kann beides ums Verrecken nicht ausstehen.


Kathinka Engel

Über Kathinka Engel

Biografie

Kathinka Engel kennt die Buchwelt aus verschiedensten Perspektiven: Als leidenschaftliche Leserin studierte sie allgemeine und vergleichende Literaturwissenschaft, arbeitete für eine Literaturagentur, ein Literaturmagazin und als Redakteurin, Übersetzerin und Lektorin für verschiedene Verlage. Wenn...

In Interviews und bei Lesungen bezeichnest du dich als Feministin – New Adult und Feminismus – passt das zusammen?
Das passt sogar ganz hervorragend zusammen. Und meiner Meinung nach muss es sogar Hand in Hand gehen. New Adult Romance ist ein Subgenre, das vor allem für eine weibliche Zielgruppe geschrieben wird. Und alles, was auf unserer Welt dezidiert für Frauen ist, wird erst mal belächelt. Ob das nun Literatur, Film, Musik ist. Deswegen ist es mir umso wichtiger, dass meine Leserinnen (aber natürlich auch die Leser) sich wieder und in meinen Büchern Verbündete finden. Allerdings setze ich mich nicht hin und überlege, wie ich jetzt besonders starke Kritik am Patriarchat in meine Geschichten einbauen kann. Das kommt ganz automatisch, weil es Teil von mir ist. (Wichtig: Kritik am Patriarchat ist nicht Kritik an Männern. Das wird oft falsch verstanden oder absichtlich falsch interpretiert. Genug Männer leiden ebenfalls unter patriarchalen Strukturen.)

Deine Romane zeichnen sich auch durch starke, aber ganz unterschiedliche Frauenfiguren aus. Gibt es etwas, worauf du beim Schreiben und Charakterisieren besonders achtest?
Ich will grundsätzlich Figuren erschaffen, die sich so echt anfühlen, dass man das Gefühl hat, sie könnten einem auf der Straße begegnen. Authentizität steht für mich an erster Stelle. Starke Frauenfiguren bedeutet für mich deswegen nicht unbedingt, dass meine Protagonistinnen alle total badass sein müssen, keine Probleme mit ihrem Körper haben und sich von nichts und niemandem einschüchtern lassen. Im Gegenteil. Starke Frauen dürfen zweifeln, dürfen sich auch mal nicht mögen, dürfen Fehler machen. Ich glaube, das ist mir das Wichtigste: Ich will keine reinen Identifikationsflächen schaffen. Und wenn Figuren mit Ecken und Kanten eine Entwicklung durchlaufen – das müssen sie, wenn es eine gute Geschichte werden soll –, dann sind sie hinterher immer stärker als vorher. Auf welcher Ebene auch immer. Das gilt aber ebenso für meine männlichen Figuren, die manchmal gerade durch das Zeigen von Schwächen stark werden.

Was macht für dich gute Romance aus?
Eine packende Liebesgeschichte mit Fallhöhe, authentische Figuren, in die ich mich durch die Augen des jeweiligen Love Interests verliebe, Kribbelmomente, deren Gefühle sich auf mich übertragen, ein fesselnder Schreibstil und ein Setting mit runden Nebenfiguren und Nebenkonflikten, das die Geschichte lebendig und echt werden lässt.

Veranstaltung
Lesung und Gespräch
Freitag, 22. März 2024 in Leipzig - Zentrum
Zeit:
19:00 Uhr
Ort:
Schille-Theaterhaus,
Otto-Schill-Straße 7
04109 Leipzig - Zentrum

Moderation: Christian Handel

Mit anschließendem Get together und Sektempfang.

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Lesung
Mittwoch, 15. Mai 2024 in Bremerhaven
Zeit:
19:30 Uhr
Ort:
Thalia Bremerhaven,
Columbus Shopping Center / Obere Bürger 131
27568 Bremerhaven
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Lesung
Donnerstag, 10. Oktober 2024 in Rostock
Zeit:
20:00 Uhr
Ort:
Thalia Universitätsbuchhandlung,
Breite Str. 15-17
18055 Rostock
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Pressestimmen
heavenlybooks

„Ein wirklich schöner Abschluss einer Reihe die sehr viel Mehrwert hat, super gefühlvoll und leidenschaftlich war.“

bookspumpkin

„Wer Hollywood liebt, Netflixsüchtig ist und hinter die Kulissen einer Serie schauen will, sollte sich diese New Adult Geschichte nicht entgehen lassen.“

buecher_wuermchen_

„Eine wunderschöne Reihe mit viel Gefühl und ein Blick hinter die Kulissen!“

bluetenzeilen

„Eine berührende, vielschichtige Fortsetzung voller Gegensätze, der absoluten Realität und der großen Liebe zwischen all den Seiten!“

herzimbuch

„Mit dem zweiten Band dieser wundervollen Reihe hat Kathinka Engel einen grandiosen Abschluss gefunden und die Dilogie an die Spitze meiner liebsten Romane der Autorin katapultiert.“

himmelsblau

„Wenn ihr Streaming-Serien mögt und Lust auf Drama, High Society und ganz viel Ehrlichkeit habt, müsst ihr die Dilogie unbedingt lesen!“

heavenly_bookdreams

„Ein toller Abschluss einer tollen Dilogie mit wundervollen Charakteren und super schönen Story.“

sasaray_reads

„Für mich eine der schönsten Reihen, die ich dieses Jahr lesen durfte. Absolute Herzensempfehlung.“

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