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This is Our Time (Hollywood Dreams 1)

Kathinka Engel
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Roman

„Von mir gibt es eine klare Leseempfehlung“ - lenisworldofbooks

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This is Our Time (Hollywood Dreams 1) — Inhalt

Zwischen gespielten Küssen und echten Gefühlen | „Dieses Buch ist wie die perfekte Netflix-Serie: Es macht absolut süchtig! Lest es unbedingt!“ Bianca Iosivoni

Für Hollywoodstar Rio McQuoid sollte die neue Serie „This is our Time“ nach einem Absturz das große Comeback werden. Doch als die weibliche Hauptrolle durch eine wahnwitzige Idee des Regisseurs an die ahnungslose Praktikantin Ferne geht, rastet Rio aus. Während Ferne überfordert ist von der oberflächlichen Glamourwelt, ist dem Hollywood-Frauenschwarm die Gnadenlosigkeit des Showbiz bereits in Fleisch und Blut übergegangen. Die gegenseitige Abneigung weicht Verwirrung, als die beiden sich vor der Kamera näherkommen – und sie bald nicht mehr wissen, was echt ist und was fake.

Band eins der „Hollywood Dreams“-Reihe von SPIEGEL-Bestsellerautorin Kathinka Engel, die zwei junge Schauspieler auf der Suche nach ihrem Real-Life-Happy-End begleitet. Aus dem Stand auf Platz 8 der SPIEGEL-Bestsellerliste gesprungen!

€ 15,00 [D], € 15,50 [A]
Erschienen am 31.08.2023
432 Seiten, Klappenbroschur
EAN 978-3-492-06411-8
Download Cover
€ 3,99 [D], € 3,99 [A]
Erschienen am 31.08.2023
432 Seiten, WMePub
EAN 978-3-492-60451-2
Download Cover

Leseprobe zu „This is Our Time (Hollywood Dreams 1)“

1 Ferne


Fakt Nummer 11: Ferne Resnik hasst Rio McQuoid. Und bedankt sich bei ihrem kleinen Bruder Eric dafür, dass er ihr vorhin in ihrer Fünf-Minuten-Pinkelpause diesen aufschlussreichen Clickbait-Artikel aufs Handy geschickt hat.

Vor zehn Sekunden habe ich – Ferne Resnik – dem Frauenschwarm und Hollywood-Hottie seinen Decaf-Frappuccino mit einem Drittel Hafermilch und zwei Dritteln Sojamilch in den Casting-Raum gebracht, wo heute die Entscheidung fällt, wer neben Rio McQuoid die weibliche Hauptrolle in der neuen Netflix-Hit-Show This is Our Time spielen [...]

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1 Ferne


Fakt Nummer 11: Ferne Resnik hasst Rio McQuoid. Und bedankt sich bei ihrem kleinen Bruder Eric dafür, dass er ihr vorhin in ihrer Fünf-Minuten-Pinkelpause diesen aufschlussreichen Clickbait-Artikel aufs Handy geschickt hat.

Vor zehn Sekunden habe ich – Ferne Resnik – dem Frauenschwarm und Hollywood-Hottie seinen Decaf-Frappuccino mit einem Drittel Hafermilch und zwei Dritteln Sojamilch in den Casting-Raum gebracht, wo heute die Entscheidung fällt, wer neben Rio McQuoid die weibliche Hauptrolle in der neuen Netflix-Hit-Show This is Our Time spielen wird. Seit zehn Sekunden starrt er mich unter seiner bescheuerten Cap an, als würde ich ihn vergiften wollen. Ob Ethan Hawke ihm deswegen eine verpasst hat? Weil er schon damals ein unausstehliches Arschloch war? Nervigerweise fällt mir jetzt tatsächlich die Narbe an seiner ansonsten perfekten Augenbraue auf. Der einzige Makel in seinem viel zu perfekten Gesicht mit dem viel zu perfekten Dreitagebart und den viel zu perfekten dunkelgrauen Augen. Und wenn überhaupt möglich, macht ihn das für die Welt natürlich nur noch attraktiver.

Nun beugt er sich zu seinem Manager und flüstert ihm etwas ins Ohr.

„Rio trinkt das nicht“, sagt Steve Abbott, sein Blick mitleidig und spöttisch zugleich. Steve ist Mitte vierzig, glaubt offenbar, Ziegenbärtchen seien der letzte Schrei, und trägt eine blau getönte Brille. Vom ersten Moment an war er mir unsympathisch.

„Äh, was?“, frage ich.

„Rio wird das nicht trinken.“

Ich runzle die Stirn, ziehe den klein zusammengefalteten Zettel aus meiner Rocktasche und versuche, ihn zu glätten. „Es ist ein Decaf-Frappuccino mit einem Drittel Hafermilch und zwei Dritteln Sojamilch“, lese ich und adressiere Rio direkt, weil diese Kommunikation über seinen Manager absolut bescheuert ist.

„Es steckt ein Plastikstrohhalm darin“, fährt Abbott fort.

„Äh …“ Ich weiß nicht, was ich dazu sagen soll. Stört es ihn auch, dass ein Becher um das Getränk herum ist? Hätte ich es in meinen Händen transportieren sollen?

Neben Abbott stöhnt Ferris Linch, der Regisseur von This is Our Time, leise. Er ist ohnehin schon angepisst, weil bislang keine der Schauspielerinnen, die die Casting-Direktorin gemeinsam mit Izzy, der Regieassistentin, in der ersten Castingrunde ausgewählt hat, auch nur ansatzweise überzeugen konnte. Vor einer Stunde hatte er den ersten seiner berüchtigten Wutanfälle, bei dem die wartenden Kandidatinnen mit Sicherheit sogar durch die Tür hindurch jedes Wort verstehen konnten. Unter Ferris’ höhnischen Worten stolperte die junge Schauspielerin völlig aufgelöst an mir und der Taschentuchpackung, die ich ihr hinhielt, vorbei und rauschte aus dem Raum Richtung Toiletten. Die nächste Kandidatin war daraufhin so verunsichert, dass sie wieder rausgeschickt wurde, noch ehe sie die Tür hinter sich geschlossen hatte.

„Rio ist sehr umweltbewusst“, sagt Abbott jetzt, ohne von Linch Notiz zu nehmen. „Er trinkt nur mit Papierstrohhalmen.“

„Okay, sorry, das wusste ich nicht“, erwidere ich. „Sie hatten leider keine …“

„Ah, ah, ah“, macht Abbott und wackelt mit seinem Zeigefinger hin und her.

Ich stehe unschlüssig herum. Was soll ich jetzt machen? Einen neuen Kaffee ohne Strohhalm holen? Wie umweltbewusst wäre das bitte?

Wieder flüstert Rio seinem Agenten etwas ins Ohr, und das nervt mich so über die Maßen, dass ich kurzerhand den bescheuerten Strohhalm einfach selbst aus Rios Kaffee ziehe. Ich tropfe ein bisschen Kaffee-Hafermilch-Sojamilch-geschmolzenes-Eiswürfel-Gemisch auf den Tisch vor ihn, das ich pragmatisch, wie ich bin, mit dem Ärmel aufwische. Auf dem gelb-weiß gepunkteten Stoff breitet sich ein brauner Fleck aus, aber es ist mir egal. Dann zerknülle ich den Strohhalm demonstrativ in meiner Hand.

„So“, sage ich. „Besser?“

Rio hat die Arme lässig vor der Brust verschränkt, bedenkt mich mit einem spöttischen Lächeln. „Und wie soll ich den Kaffee jetzt trinken?“, fragt er. Seine Stimme ist tief, heiser irgendwie. Als hätte er trainiert, so sexy wie möglich zu klingen. Hat er vermutlich auch. Neulich hat er in irgendeinem Pixar-Film den Bösewicht gesprochen, sodass ein paar Wochen lang seine Stimme in jeder Werbeunterbrechung zu hören war – sehr zu Erics Freude.

Ich atme langsam ein und löse dann vorsichtig den Deckel vom Becher, darauf bedacht, nicht schon wieder auf den Tisch zu kleckern. Kurz bin ich versucht, ihm zu erklären, dass man den Becher nun in die Hand nimmt, sich an die Lippen führt – diese fast schon ekelhaft perfekten Lippen –, ihn dann leicht neigt, bis Flüssigkeit in den Mund läuft, um dann zu schlucken. Aber ich bin klug genug, meine Veranlagung zu ungefilterter Ironie einem Hollywoodstar gegenüber einigermaßen im Zaum zu halten. Noch dazu, wenn er die Hauptrolle in der Serie hat, bei der ich ein Praktikum mache, um wichtige Kontakte in der Branche zu knüpfen. Stattdessen lächle ich also übertrieben freundlich.

„Ich hoffe für dich, du hast deine Hände gewaschen“, sagt Rio.

Wie auf Kommando erhebt sich Steve Abbott und macht tatsächlich Anstalten, meine Hand zu greifen, doch ich ziehe sie schnell weg. Was denkt er, wer er ist?

„Hier geht es um Rios Sicherheit“, sagt Abbott, und auch Linch schaltet sich wieder ein.

„So unterhaltsam dieses Spektakel ist, aber können wir dann langsam weitermachen?“ Er fährt sich ungeduldig durch die kinnlangen schwarzen Locken. „Zeig ihm deine Hände, Praktikantin.“

„Ich habe den Becherrand nicht mal berührt“, sage ich, aber dann kapituliere ich und strecke meine Handflächen aus, sodass alle den braunen Fleck sehen können, den Rios Kaffee auf meiner bunten Bluse hinterlassen hat.

Abbott nickt, Rio grinst und nimmt endlich einen Schluck von seinem Getränk.

„Lidia ist auch eingetroffen“, verkündet Izzy mit einem Blick auf ihr Handy. Sie ist, soweit ich das bislang beurteilen kann, die Netteste von all den Leuten hier. Freundlich, professionell. Und sie sieht kaum älter aus als ich mit ihrem mädchenhaften Lächeln, der schwarz umrandeten Brille und dem blonden Pferdeschwanz. „Sie macht sich nur noch schnell frisch.“

Lidia Penning ist Linchs große Hoffnung und auch Rios nicht ganz so heimliche Wunschkandidatin für die Rolle, obwohl sie seine Ex ist. In den vergangenen Jahren gab es ab und zu Gerüchte, die beiden würden sich wieder annähern. Für die Promotion der Serie wäre es natürlich ein genialer Schachzug, Rio und sie Elizabeth-Taylor-und-Richard-Burton-mäßig als On-off-Hollywood-Power-Couple zu inszenieren. Rio sieht das anscheinend ebenso, denn vorgestern hat er ein gemeinsames Foto von ihr und sich auf irgendeinem roten Teppich gepostet. Instagram ist daraufhin fast explodiert, wie Eric mich natürlich sofort hat wissen lassen. Eigentlich sollte sie bereits ganz am Anfang vorsprechen, aber ihr Flug aus New York wurde in letzter Minute gecancelt.

„Dann holen wir so lange die Nächste rein“, sagt die Casting-Direktorin. Sie ist sichtlich erleichtert, dass ihr Star endlich da ist. Zumindest ist die mulmige Blässe aus ihrem Gesicht gewichen. „Ferne?“

Ich nicke, stecke meinen Kopf ins Vorzimmer, rufe die letzte übrig gebliebene Schauspielerin rein und setze mich dann auf den Stuhl neben der Tür.

„Hi, ich bin Melanie.“

„Hi, Melanie“, sagt Linch gelangweilt. Und an seiner Körperhaltung kann man jetzt schon erkennen, dass Melanie keine Chance hat, die Rolle der Madison Maguire zu bekommen. „Leg los.“

„Also, ich habe den Monolog vorbereitet“, sagt Melanie. „Soll ich einfach?“

Ferris Linch rutscht mit seinem Stuhl nach hinten, stützt die Ellenbogen auf seine Knie, legt die Fingerkuppen aneinander und atmet tief ein, als müsse er sich selbst beruhigen.

„Wir sind bereit.“ Die Casting-Direktorin lächelt bemüht und nickt Melanie zu.

„Okay.“ Melanie räuspert sich. Dann legt sie mit theatralischer Stimme los. „Aber du hast gesagt, ich sei etwas Besonderes. Du hast gesagt, wenn du mich ansiehst, verstehst du, was Schönheit bedeutet. Das, was wir hatten, das war echt.“

Ich bewege meine Lippen mit. Inzwischen kann ich den Text auswendig. Das war doch echt, Ryder, oder?

„Das war doch echt, Ryder, oder?“, sagt sie, und ihre Stimme bricht. „Wieso sagst du nichts? Wieso siehst du mich so an? Wieso ist da nichts in deinem Blick?“ Melanies Nasenflügel beben, dann läuft eine Träne ihre Wange hinab.

Linch beugt sich zu Amanda Nicholls, der Produzentin, flüstert etwas, schüttelt den Kopf. Sie gibt es an Charles Silverman, ebenfalls Produzent, weiter. Glücklicherweise scheint Melanie es nicht zu merken.

„Du bist ein verfluchter Scheißkerl, Ryder, weißt du das? Die Leute hatten recht, als sie mich vor dir gewarnt haben. Du hast kein Herz.“

„Okay, danke“, sagt Linch und wedelt mit der Hand.

„Äh“, macht Melanie, und ich hoffe für sie, dass sie einfach geht.

„War noch was?“, fragt Linch.

„Der Dialog?“

„Wir haben genug gehört.“

„War ich nicht gut?“

Ich fand sie nicht mal schlecht, aber offensichtlich hat sie nicht das, wonach Ferris Linch und Netflix suchen. Ich schüttle kaum merklich den Kopf, hoffe, dass sie zu mir sieht. Doch Melanie bleibt einfach, wo sie ist.

„Ich könnte wirklich …“

„Raus jetzt“, sagt Linch lauter.

„Okay, aber wenn Sie mir sagen, was ich besser …“

„RAUS!“, blökt er, und Melanie zuckt zusammen. „Hier sitzen neun erwachsene Menschen, deren Zeit teuer ist. Wenn du nicht auch noch eine Rechnung von mir bekommen willst, machst du, dass du hier rauskommst.“

Melanie schluckt, nickt hektisch und stolpert aus dem Raum.

„Ist Lidia endlich bereit?“

Izzy sieht zu mir und bedeutet mir mit einem Lächeln, nachzusehen. Und tatsächlich, vor der Tür wartet Lidia Penning.

Ich kenne Lidia lediglich von einer Kinderserie auf dem Disney Channel, die sie mit fünfzehn berühmt gemacht hat. Darin spielte sie die Tochter eines Hotelbesitzers und erlebte als diese mal mehr, mal weniger unterhaltsame Abenteuer in ebenjenem Hotel.

Man sieht ihr nicht an, dass sie gerade einen mehrstündigen Flug hinter sich hat. Die langen blonden Haare fallen ihr in perfekten Wellen über die Schultern. Ihre Haut ist makellos, und die großen blauen Augen sind mit dezentem Make-up betont.

„Lidia?“, frage ich. „Du kannst gleich weitermachen, wenn du bereit bist.“

„Ob ich bereit bin?“ Sie lacht glockenhell. „Schätzchen, willst du mich beleidigen?“

„Nein, ich dachte nur …“ Doch sie geht einfach darüber hinweg, rauscht in den Casting-Raum, und ehe ich michs versehe, tauscht sie Küsschen mit Rio McQuoid, Steve Abbott und Ferris Linch.

„Lidia, mein Augenstern“, sagt Linch. „Bitte erlöse mich von der allgemeinen Unfähigkeit.“ Dann fällt sein Blick auf Lidias Dekolleté, und er runzelt kaum merklich die Stirn. Anscheinend ist an den Gerüchten etwas dran, und Lidia hat sich wirklich die Brüste machen lassen.

Lidia kichert. „Stets zu Diensten.“ Sie blickt auf den Boden, um sich einen Moment lang zu konzentrieren. Dann strafft sie die Schultern, blickt auf und beginnt. „Aber du hast gesagt, ich sei etwas … Besonderes.“ Ihre Stimme ist schwach, wimmernd beinahe. Und ich finde es erstaunlich, wie unterschiedlich die Interpretationen dieser Rolle sind. Ich habe Madison als einen ziemlich starken Charakter gelesen. Aber man kann sie wohl auch auf diese Weise spielen. „Du hast gesagt, wenn du mich ansiehst, verstehst du, was Schönheit bedeutet.“ Die letzten Worte haucht sie nur noch, was für meine Begriffe ein bisschen zu erotisch aufgeladen klingt. „Das, was wir hatten, das war echt.“ Sie schluckt. „Das war doch echt, Ryder, oder? Wieso sagst du nichts?“ Sie beginnt zu weinen. „Wieso siehst du mich so an? Wieso ist da nichts in deinem Blick? Du bist ein ver…fluchter Scheiß…kerl, Ryder, weißt du das?“ Sie schluchzt nun. „Die L…eute hatten recht, als sie mich vor dir gewarnt haben. Du hast kein H…erz.“ Lidia erwacht aus ihrer Rolle und strahlt Ferris an. Sie ist sich sicher.

„Lidia, Liebes.“ Linch faltet die Hände und legt sie behutsam vor sich auf den Tisch. Ihm hat die Performance offenbar genauso wenig gefallen wie mir. „Kannst du das Ganze noch mal machen? Diesmal mit ein bisschen weniger theatralischem Rumgeheule? Ein bisschen mehr Girl next door?“

„Oh, okay, ich dachte, weil er doch Schluss macht …“

Aber Madison würde vor Ryder nie zusammenbrechen. Wenn man das Drehbuch gelesen hat, weiß man das eigentlich.

Lidia sieht Linchs aufeinandergepresste Lippen und beginnt noch mal von vorne. „Aber du hast gesagt, ich sei etwas Besonderes.“ Sie spielt sie jetzt mit Wut. Das ist besser, aber ich habe das Gefühl, sie übertreibt ein wenig. „Du hast gesagt, wenn du mich ansiehst, verstehst du, was Schönheit bedeutet.“ Die Worte spuckt sie beinahe aus. „Das, was wir hatten, das war echt. Das war doch echt, Ryder, oder?“

„Stopp“, sagt Linch. „Können wir den Dialog hören, um die Dynamik zu sehen?“ Mit irgendetwas ist Ferris Linch extrem unzufrieden.

„Selbstverständlich“, sagt Lidia und zwinkert Rio vertraulich zu.

Rio erhebt sich von seinem Platz. Er ist die Selbstsicherheit in Person in seinem weißen T-Shirt, seiner Markenjeans, seinen weißen Sneakers.

„Bereit?“, fragt er, und Lidia nickt. „Geh mit mir aus.“ Er macht einen Schritt auf sie zu.

„Nein.“ Sie schüttelt den Kopf und grinst ihn an. Provokativ. Beinahe lasziv.

„Geh mit mir aus, Madison.“

„Das ist keine gute Idee.“

„Warum nicht?“ Er steht nun dicht vor ihr, streckt seine Finger nach ihrem Haar aus und wickelt sich eine Strähne um seinen Finger.

„Weil du ein Arschloch bist, Ryder, deswegen.“ Lidias Stimme ist flirty. Zu flirty. Und ein Blick zu Linch sagt mir, dass er es ebenso sieht. Er hat den Mund verzogen, als hätte er einen schlechten Geruch in der Nase. Amanda Nicholls und Charles Silverman sehen ebenfalls unglücklich aus.

„Wer sagt das?“ Rios Stimmlage wird tiefer. Das Spielerische wird von etwas Dunklem verdrängt. Und obwohl ich ihn unerträglich finde, muss ich zugeben, dass er gut ist. Aber das ist auch nicht weiter überraschend.

„Alle, Ryder. Alle sagen das.“

„Und hörst du auf das, was alle sagen?“

„Ich …“ Sie blinzelt ihn beinahe verträumt an. Als hätte er sie hypnotisiert oder so.

„Aufhören!“, ruft Linch dazwischen. „Das ist ja grauenhaft!“

„Aber …“

„Den ganzen Tag sitze ich hier, schaue mir eine PEINLICHE VORSTELLUNG nach der anderen an. Und dann kommt eine LIDIA PENNING und spielt eine SCHEISSE zusammen, dass ich mich ernsthaft fragen muss, ob sie vielleicht einfach zu DUMM für die Rolle ist.“

Ich halte die Luft an.

„Was habt ihr euch dabei gedacht? IHR ALLE?“ Linchs Stimme wird noch lauter. „Ich habe die Schnauze gestrichen voll von dieser Stümperei! GESTRICHEN VOLL! WENN ICH NOCH EIN GOLDGELOCKTES VOLLBUSIGES SEX-PÜPPCHEN VORGESETZT BEKOMME, SCHREIE ICH!“ Dabei tut er das auch jetzt schon ziemlich eindrucksvoll.

„IN MEINEM GANZEN LEBEN ALS REGISSEUR HABE ICH NOCH NICHT SO VIEL UNFÄHIGKEIT AUF EINEM HAUFEN ERLEBT. IHR SEID EINE BELEIDIGUNG FÜR MEINEN VERSTAND! IHR ALLE ZUSAMMEN.“ Inzwischen ist er aufgestanden.

„Sag Bescheid, wenn er sich abgeregt hat“, flüstert Lidia mir zu. „Das muss ich mir nicht geben.“ Sie verlässt den Raum, und am liebsten würde ich mich ihr einfach anschließen. Doch gleichzeitig ist Linchs Ausbruch wie ein Unfall, bei dem man nicht wegschauen kann.

„WAS FÜR EIN UNFASSBARER MÜLL HIER ABGELIEFERT WIRD!“

Rio verkneift sich ein Lachen. War ja klar, dass es ihn amüsiert, wenn andere Leute zur Schnecke gemacht werden. Die Casting-Direktorin sieht aus, als wäre sie kurz davor, in Tränen auszubrechen. Amanda Nicholls macht Anstalten, Linch zu beschwichtigen, zuckt aber bei seinen nächsten Worten zurück.

„HAT AUCH NUR EINER VON EUCH DIESES BESCHISSENE DREHBUCH GELESEN? WEISS AUCH NUR EINER VON EUCH, WAS MADISON FÜR EIN CHARAKTER IST? ICH WETTE, JEDE DAHERGELAUFENE PRAKTIKANTIN KRIEGT DAS BESSER HIN!“, keift er. Dann blickt er zu mir, als wäre ihm eben eingefallen, dass ich anwesend bin. Und jetzt bereue ich doch, dass ich nicht mit Lidia den Raum verlassen habe. „Ich wette, die Praktikantin kriegt das besser hin“, wiederholt er und setzt sich wieder. Er nickt Rio zu. „Los geht’s.“

„Was?“, fragt Rio vollkommen entgeistert.

„Was?“, wiederhole auch ich, denn das ist ja wohl ein schlechter Scherz.

„Ferris“, sagt Amanda, „das ist doch Quatsch. Wir haben heute ein paar Kandidatinnen gesehen, die absolut okay waren.“

„Absolut okay? Das sind professionelle Schauspielerinnen. Und keine einzige hat es geschafft, etwas rüberzubringen, das über ›Ich will, dass Rio McQuoid mich fickt‹ hinausging. Du!“ Er zeigt auf mich. „Willst du Rio McQuoid ficken?“

„Ziemlich sicher nicht“, murmle ich, zu überrumpelt, um meinem natürlichen Fluchtinstinkt nachzugeben.

„Dann hoffe ich, dass du außerdem schlau genug bist, meine Wette für mich zu gewinnen. Mauerblümchen genug bist du schon mal.“ Ein selbstzufriedener Ausdruck hat sich auf sein Gesicht geschlichen.

„Ich …“ Was soll das? Es gehört sicher nicht zu meinen Aufgaben, für Ferris Linch den Tanzbär zu geben. Schon gar nicht, wenn er mich als Mauerblümchen bezeichnet.

„Willst du deinen Job behalten oder nicht?“

„Ja, aber …“

Er bedeutet mir, in die Mitte des Raums zu treten. „Hat mal jemand den Text für die Praktikantin?“

„Ferris, bitte. Das ist doch lächerlich“, sagt nun auch Steve Abbott. „Sie kann ja nicht mal Kaffee holen, wie soll sie dann …“

„Ich brauche keinen Text.“ Verdammt. Habe ich mich gerade von dem verfluchten Steve Abbott provozieren lassen?

„Was?“, fragen Abbott und Linch gleichzeitig.

„Ich kann den Text auswendig.“

„Na wunderbar!“ Linch klatscht in die Hände. Diesem widerlichen Sadisten macht das hier viel zu viel Spaß. „Noch mal den Dialog bitte. Rio?“

Rio hat die Augenbrauen spöttisch nach oben gezogen und streicht sich langsam mit dem Daumen über die Lippen. Lächerlich. Lächerlich heiß in den Augen seiner Fans. In meinen Augen: einfach nur lächerlich. Er setzt die Cap ab und wieder auf. Dann zuckt er mit den Schultern, ein diabolisches Grinsen auf den vollen Lippen.

„Geh mit mir aus.“ Wie schon bei Lidia tritt er einen Schritt auf mich zu. Das ist doch nicht sein Ernst. Er macht tatsächlich mit? Verflucht!

Ich bin völlig verwirrt. Mein Herz rast. Was sagt Madison jetzt noch mal? Mein Blick fällt auf den Fleck auf meiner Bluse. Ich höre, wie Steve Abbott verächtlich schnaubt. Dieser Drecksack.

„Nein.“ Ich weiche einen Schritt vor Rio zurück. Es ist eine ganz natürliche Bewegung.

„Geh mit mir aus, Madison.“ Er kommt mir nach wie ein großes Tier, das mit seiner Beute spielt.

„Das ist keine gute Idee.“ Ich zucke mit den Schultern, drehe mich um, gehe noch zwei Schritte. Hauptsache weg von Rio, seiner Narbe und seinem teuren Markenparfüm. Das muss ich nicht mal spielen.

„Warum nicht?“ Er packt mich von hinten an der Schulter, und ich bin so überrumpelt, dass ich einen Moment lang vergesse, mich loszureißen.

„Weil du ein Arschloch bist, Ryder, deswegen“, sage ich bestimmt. Selbstbewusst. Zumindest versuche ich es. Keine Ahnung, ob es mir gelingt. Jedenfalls wische ich seine Hand von meiner Schulter, weil ich nicht angetatscht werden will. Nicht von Rio und schon gar nicht zum Amüsement von Ferris Linch.

„Wer sagt das?“ Da ist sie wieder, die dunkle Färbung in seiner Stimme. Es ist eine Mischung aus Warnung und heißem Flirt.

„Alle, Ryder. Alle sagen das.“

„Und hörst du auf das, was alle sagen?“ Glücklicherweise sind die Strähnen, die aus meinem Messy Bun fallen, nicht lang genug, als dass er sie wie bei Lidia vorhin um seinen Finger wickeln könnte. Stattdessen drängt er mich Richtung Wand, stützt sich mit der Hand neben meinem Kopf ab und grinst mich an. Igitt.

„Ich höre auf mein Bauchgefühl“, erwidere ich und ducke mich unter seinem Arm hindurch.

„Dann muss ich also deinen Bauch überzeugen, bevor ich dein Herz für mich gewinnen kann?“ Er dreht sich um, lehnt sich gegen die Wand und verschränkt lässig die Arme. „Was ist dein Lieblingsessen, Madison?“

„Find’s raus“, gebe ich zurück und entferne mich ein paar Schritte, ohne den Blick zu ihm umzuwenden.

„Das werde ich, glaub mir. Und dann gehst du mit mir aus.“

„In deinen Träumen“, sage ich, während ich weitergehe.

„In meinen Träumen machen wir noch ganz andere Dinge.“

Und im letzten Moment kommt mir eine Idee. Eine kleine Rache für die Schikane mit dem Kaffee. Ohne mich noch mal umzusehen, recke ich meinen Mittelfinger in die Luft.



2 Rio


Klapp … Klapp … Klapp … Klapp … Ferris, das kleine Arschloch, klatscht langsam in die Hände.

„Okay, Leute, ich glaube, ihr schuldet mir was.“ Ein süffisantes Grinsen erscheint auf seinem Hipster-Gesicht, für das er eigentlich zu alt ist.

„Sorry, Ferris, aber nein.“ Amanda schüttelt den Kopf. „Das können wir nicht bringen. Nichts gegen dich …“ Sie hat den Namen der Praktikantin ebenso vergessen wie wahrscheinlich alle. Ich auf jeden Fall.

„… Ferne“, sagt Izzy, denn die Praktikantin selbst wirkt ein bisschen versteinert und schweigt. Steht ihr.

„Nichts gegen dich, Ferne, aber du bist keine Schauspielerin.“

„Sie ist nicht nur keine Schauspielerin, sie ist eine Liability.“ Steve hat seinen Verstand noch beisammen. Gott sei Dank. Auf ihn ist immer Verlass.

„Ich habe nie behauptet …“, murmelt die Praktikantin.

„Seid ihr alle blind, oder was?“, bellt Ferris. „Das war die erste Performance heute, die ein bisschen Feuer hatte. Klar sind …“ Ferris sucht wieder nach ihrem Namen.

„Ferne.“ Diesmal sagt die Praktikantin ihren Namen selbst.

„… sind Fernes Schauspielkünste ausbaufähig.“

Steve prustet.

„Aber ich für meinen Teil habe gerade die erste Madison des Tages gesehen.“ Er lehnt sich zurück und verschränkt die Arme vor der Brust, als wäre damit alles gesagt. „Alles andere waren B-Models, mit denen sich niemand aus der Zielgruppe je identifizieren wird. Ihr Gesicht hingegen“ – er nickt Richtung Praktikantin – „ist langweilig genug, um echt zu wirken. Und wenn man sich die bunten Klamotten wegdenkt …“

So langsam dämmert mir, dass das vielleicht nicht nur ein geschmackloser Witz von ihm ist, und das macht mich unruhig. Denn mit irgendeiner dahergelaufenen Praktikantin eine Szene zu spielen, um sie ein bisschen zu provozieren, ist eine Sache. Aber meine Karriere ruinieren, damit sie ihr nichtssagendes Gesicht in eine Kamera halten kann? Ohne mich. Keine Chance.

„Alter, Ferris, mach mir keine Angst“, sage ich mit dem jovialsten Grinsen, zu dem ich gerade in der Lage bin. Ich vermeide, die Praktikantin anzusehen. Aber ich hoffe, dass sie sich unwohl fühlt. Das Beste wäre, sie würde selbst merken, dass das hier eine Nummer zu groß für sie ist.

„Ferne, kannst du dich mal im Profil zeigen?“, fragt Ferris. Er geht einfach über meinen Kommentar hinweg. Das passt mir nicht. Niemand geht über meine Kommentare hinweg.

„Lieber nicht“, sagt die Praktikantin, und kurz flackert mein Blick doch zu ihr. Braune Haare, die sie unordentlich hochgebunden hat, eine alberne gelb gepunktete Bluse mit Kaffeefleck, bunter Rock. Nur Farbe und Muster. Kein Style. Aber immerhin hat sie keinen Bock. Gut.

Ferris steht auf, geht auf sie zu, stellt sich vor sie und mustert sie von oben bis unten. „Wie würdest du Madison beschreiben?“, fragt er.

„Ähm …“ Sie räuspert sich. „Ich habe sie immer als Girl next door gesehen, die sich von niemandem was gefallen lässt. Sie ist normal, damit die Zuschauerinnen sich mit ihr identifizieren können. Aber eben auch leidenschaftlich in dem, was sie tut, und ein No-Bullshit-Charakter, damit es nicht langweilig wird, oder? So irgendwie.“

„Mhm“, macht Ferris und betrachtet sie von allen Seiten. „Und du, Rio?“

Ist das sein beschissener Ernst? Ich will der Praktikantin eigentlich nicht zustimmen. Aber auch eine Praktikantin kann wohl eine Figur charakterisieren. Sie zu spielen, ist allerdings etwas ganz anderes. Wie man gesehen hat.

„Würdest du auch sagen, Madison ist ein Girl next door?“, fragt er nun.

Und fuck it. Was soll ich machen? „Ja, klar.“

„Und was sagt mehr Girl next door?“, fragt Ferris. „Ein B-Model mit gemachten Möpsen oder ein tatsächliches Girl next door?“

Obwohl es nicht gerade nett ist, Lidia als B-Model zu bezeichnen – vor allem nicht mit den neuen Brüsten, die mir sofort aufgefallen sind –, finde ich die Formulierung ganz amüsant.

„Schaut sie euch an.“ Er nimmt ihr Kinn in die Hand, um sie zu präsentieren. „Sie hat ein absolutes Durchschnittsgesicht. Durchschnittshaare. Sie ist die perfekte Identifikationsfläche. Und sorry, aber was verursacht mehr Buzz? Lidia fucking Penning oder eine No-Name-Praktikantin?“

„Lidia fucking Penning“, sagen alle im Chor. Inklusive mir. Denn mit Lidia hatten Steve und ich Pläne. Die Liebesgeschichte vor der Kamera hätte zu einer Neuauflage unserer Liebesgeschichte für die Klatschpresse werden sollen, um mein Image wieder ein bisschen geradezurücken. Die Welt liebt Liebesgeschichten von attraktiven Menschen. Und die Welt hat mich und Lidia geliebt. Mit der Praktikantin würde ich mich höchstens ablichten lassen, wenn sie mich um ein Autogramm bittet. Aber auch dann wäre es medienwirksamer, sie wäre ein benachteiligter Teenager aus einem Problemviertel.

„Wenn ihr Lidia wollt, müsst ihr euch einen neuen Regisseur suchen. Ich will diese hier oder keine.“

Einen Moment herrscht Schweigen. Das meint er nicht ernst. Das kann er nicht ernst meinen. Das geht nicht. Aber Ferris meint es ernst. Er meint es tatsächlich ernst. Will er das Projekt schon ruinieren, bevor wir überhaupt mit dem Dreh angefangen haben?

„Ähm“, sagt die Praktikantin wieder, weil sie offenbar ein bisschen begriffsstutzig ist. „Ich will die Rolle nicht.“

„Sei nicht dumm, natürlich willst du die Rolle.“

„Ich will sie wirklich nicht.“ Diesmal sagt sie es mit mehr Nachdruck. Und das ist das erste Mal, dass ich sie nicht einfach nur lästig finde.

„Jeder will Fame.“

„Ich nicht.“ Sie hat zwar offensichtlich einen absoluten Knall, aber mir soll es recht sein. You go, Praktikantin! Lass dich nicht kleinkriegen!

„Schhhhh.“ Ferris legt ihr den Finger auf den Mund, und sie wischt barsch seine Hand weg.

Witzig. Vor allem, weil ich mindestens eine Handvoll Schauspielerinnen kenne, die mit Ferris ins Bett gehen würden, um die Rolle zu kriegen. Nacheinander und miteinander.

„Bei einer Sache muss ich dir recht geben“, sagt Amanda. „Sie hat diese Girl-next-door-Ausstrahlung.“

„Könnt ihr aufhören, über mich zu reden, als wäre ich nicht im Raum?“, fragt die Praktikantin. Langsam kriegt sie ihren wenigen Biss zurück. Dann hat das hier hoffentlich bald ein Ende.

„Sorry, wie unhöflich“, sagt Ferris. „Du hast völlig recht. Wo sind unsere Manieren?“ Er geht zur Tür, öffnet sie und bedeutet ihr mit einer Geste hinauszugehen. „Die Erwachsenen wollen sich unterhalten.“

„Ihr habt doch alle ’nen Knall“, murmelt sie, als sie an mir vorbeigeht und tatsächlich den Raum verlässt.

Ferris schließt die Tür wieder und sagt: „Das ist Madison.“

„Das ist definitiv nicht Madison“, sagt Steve. „Rio wird mit Sicherheit nicht an der Seite von irgendeinem No-Name spielen. Was ist das hier? Ein Kindergarten?“

„Je länger ich darüber nachdenke, desto vielversprechender finde ich es.“ Fuck. Jetzt schwenkt auch noch Amanda um. Sogar Charlie nickt. Haben die alle den Verstand verloren?

„Und es wäre auf jeden Fall kostengünstiger“, wirft die dämliche Casting-Direktorin ein. Was ist ihr fucking Problem? Erst macht sie einen absolut beschissenen Job, und jetzt kriecht sie Ferris in den Arsch?

„Es wäre auch kostengünstiger, wenn Ferris Ryder spielen würde“, sage ich. Schließlich bin ich ihr verfluchter Star. Ohne mich keine Show. Und wenn das ihr Ernst ist und sie wirklich eine dahergelaufene Praktikantin casten, können sie sich gleich jemand anderen suchen. Dann bin ich raus. So was von.

„Sei keine Dramaqueen, Rio. Für dich ändert sich nichts. Im Gegenteil, neben der bunten grauen Maus stichst du noch mehr heraus. Betrachte es einfach als Wohltätigkeit.“

„Fick dich“, sage ich.

„Jeden Tag mehrmals. Aber das ist kein Thema für eine große Runde.“

„Dann müssen wir über einen saftigen Bonus verhandeln“, ergreift Steve das Wort, und es gefällt mir nicht, wohin sich das Gespräch bewegt, „wenn wir dieser Farce zustimmen.“

„Ferne“, korrigiert die Casting-Direktorin, und ich beginne, ernsthaft an ihrem Verstand zu zweifeln.

„Es stehen Kuss- und Nacktszenen im Vertrag. Die kosten mehr, wenn der Spaßfaktor wegfällt.“ Gott sei Dank kann ich mich auf Steve verlassen.

Allerdings habe ich jetzt das traurige Bild im Kopf, wie die Praktikantin ihren mausgrauen Freundinnen kichernd bei einem Glas billigem Pinot Grigio davon erzählt. Na toll.

„Darüber können wir sprechen“, sagt Charlie. „Ich bin mir sicher, wir werden uns einig. Da ist ja jetzt ein bisschen Budget frei.“

Obwohl ich gegen mehr Kohle nichts einzuwenden habe, wäre es mir immer noch lieber, wir würden einfach Lidia die Rolle geben. Mit den neuen Brüsten habe ich sie schließlich noch nicht nackt gesehen. Da wäre der „Spaßfaktor“, wie Steve es nennt, definitiv hoch.

„Steve, können wir kurz unter vier Augen sprechen?“, frage ich. Mir geht das hier alles zu schnell, und so langsam habe ich das Gefühl, die Kontrolle zu verlieren.

„Du bist der Boss“, sagt Steve und steht auf. „Entschuldigt uns kurz.“

Als er die Tür von außen geschlossen hat, sage ich: „Alter, nein! Das ist eine völlige Wahnsinnsaktion von Ferris.“

Steve zuckt mit den Schultern. „Ich bin auch nicht gerade begeistert, das kannst du mir glauben. Es war anders abgesprochen.“

„Wie sieht das aus? Jetzt mal ernsthaft! Wohltätigkeit? Die können froh sein, dass ich ihnen ihr beschissenes Projekt nicht um die Ohren haue.“

„Na, na“, macht Steve. „Du bist und bleibst der Star. Das wissen die auch. Lass mich den Bonus klarmachen, dann ist es eine faire Nummer.“

Eigentlich geht es mir nicht so sehr ums Geld. Auch wenn nach der schlechten Presse in den letzten Monaten ein Filmprojekt weggefallen ist, brauche ich This is Our Time weniger, als This is Our Time mich braucht.

„Du bist der Boss“, sagt Steve erneut. „Wenn du keinen Bock auf das Farnmädchen hast, dann blasen wir es ab. Aber ich denke, du kannst davon profitieren. Nicht nur finanziell.“

Hinter uns räuspert sich jemand. Ich sehe mich um, und dort sitzt das Farnmädchen höchstpersönlich. Na großartig. Sie ist so unsichtbar, dass wir sie trotz leuchtender Bluse nicht mal wahrgenommen haben. Die perfekte Voraussetzung dafür, dass die Serie ein Erfolg wird, wenn sie dabei ist.

„Das Farnmädchen wird die Rolle nicht annehmen“, sagt sie und steht auf. „Ich habe es drinnen schon gesagt, und ich kann es gern noch mal wiederholen, damit ihr mir glaubt, dass nicht jeder Mensch auf dieser Welt wild darauf ist, Millionen von Instagram-Followern zu haben. Ich will hier einfach nur mein Praktikum machen. Okay? Leute kennenlernen, Kontakte knüpfen. Ich will Drehbücher schreiben, nicht mein Gesicht auf Netflix sehen. Das geht vielleicht in eure Köpfe nicht rein, aber so ist es.“

„Interessant“, sagt Steve. „Dann handle ich uns jetzt einen fetten Bonus aus, und dann sagt die Praktikantin ab. Wir machen gute Miene zum bösen Spiel, und sie ist diejenige, die den Plan dann ruiniert.“

„Bist du sicher?“, frage ich. Ich vertraue Steve. Blind. Aber ich vertraue der Praktikantin nicht. „Was, wenn sie lügt?“ Es ist mir inzwischen egal, dass sie uns hören kann.

„Entschuldigung?“, fragt sie empört. „Ich lüge nicht. Wenn ich Bock auf die Rolle hätte, hätte ich sie schon angenommen.“

Das klingt einigermaßen logisch. Trotzdem kann ich mir nicht sicher sein. Ich sehe sie an. Studiere ihr Gesicht. Ulkige Nase, kleine Pausbäckchen, normale Standard-Lippen, die niemandem auf der Welt je in Erinnerung bleiben. Lidias Lippen wurden von einem Online-Magazin mal als „perfekte Blaselippen“ betitelt. Und ja, sie hatten gar nicht mal unrecht. Doppelt schade also, wenn das mit der Promo-Fake-Beziehung nichts würde.

Die braunen Augen des Farnmädchens funkeln mich wütend an. Sie soll mal chillen. Sie hat schließlich keinen Ruf zu verlieren.

„No Pressure, Rio. Ich stehe hinter dir. Hundert Prozent. Aber strategisch ist es sinnvoller, wenn Ferris, Amanda und Charlie in deinem Team spielen.“

Das Farnmädchen hat sich inzwischen wieder hingesetzt und schmollt oder so.

„Ja okay. Dann lass es uns so machen. Aber wehe, du überlegst es dir anders, Praktikantin.“

„Mit jeder Sekunde, die ich dir zuhöre, wird es unwahrscheinlicher“, gibt sie zurück.

„Gehen wir wieder rein, machen sie zum Buhmann und vergessen die Sache“, sagt Steve. Und das klingt nach einer guten Idee.

 

„Rio ist einverstanden unter den vorher dargelegten Bedingungen“, sagt Steve, als wir zu dritt vor ihnen stehen.

„Mein Mann, Rio.“ Ferris reibt sich die Hände. „Dann ist ja alles klar. Wir haben unsere Madison. Willkommen im Team, …“

„… Ferne“, sagt das Farnmädchen. „Aber sorry, ich will das nicht machen. Ich fühle mich geschmeichelt, dass ihr mir das zutraut, aber ich bin die Praktikantin, und das soll auch bitte so bleiben.“

„Willst du mich verarschen?“, fragt Ferris.

„Nein, und es tut mir leid, wenn ich euch enttäusche, aber ich bin keine Schauspielerin und habe auch keine Ambitionen in diese Richtung.“

Ferris schüttelt den Kopf. Und ich verstehe jetzt, dass Steves Idee genial war. Die Wut richtet sich nun gegen die Praktikantin. „Sorry, aber das ist keine Option.“

„Ihr könnt mich nicht zwingen.“

„Wir können dich nicht zwingen“, wiederholt Amanda. „Aber wir können dich dann leider auch nicht weiter als Setpraktikantin beschäftigen. Du solltest dir außerdem überlegen, welche Message das an Netflix sendet, aber das ist natürlich deine Sache.“

Ich stöhne innerlich. Warum müssen sie es so kompliziert machen?

„Euer Ernst jetzt?“, fragt sie. „Ich werde gefeuert, wenn ich nicht Madison spiele?“

„So sieht es leider aus. Wir können es uns nicht leisten, Leute zu beschäftigen, die nicht bereit sind, alles für This is Our Time zu geben.“ Sie zuckt bedauernd mit den Schultern.

„Ich werde nicht mal bezahlt!“

„Na dann ist unser Angebot ja umso besser. Denn als Schauspielerin verdienst du sogar noch Geld.“

„Aber ich will nicht …“

„Ferne, richtig?“ Ferris versucht, geduldig zu klingen. Leider ist er ein genauso schlechter Schauspieler wie die Praktikantin. „Du hast die Wahl. Du nimmst unser Angebot an, oder wir sorgen dafür, dass du nie wieder mit uns oder dem größten Streamer des Landes zusammenarbeiten wirst. Schlaf eine Nacht drüber, aber verschwende ansonsten nicht unsere Zeit. Klar?“ Mit diesen Worten steht er auf und verlässt den Raum. Nach ihm Amanda, Charlie, die anderen. Izzy ist die Letzte und zuckt entschuldigend mit den Schultern, als sie an uns vorbeigeht. Zurück bleiben Steve, Ferne und ich.

„Wir werden uns dann ja wohl nicht mehr sehen. Hat mich sehr gefreut“, sage ich sarkastisch und strecke ihr die Hand hin. Sie ist ungesund blass geworden.

„Shit“, sagt sie.

Und als Steve und ich schon fast draußen sind, höre ich, wie sie noch „Das würden die nicht machen“ murmelt. Und es klingt deutlich weniger überzeugt als noch vor ein paar Minuten.

Kathinka Engel

Über Kathinka Engel

Biografie

Kathinka Engel kennt die Buchwelt aus verschiedensten Perspektiven: Als leidenschaftliche Leserin studierte sie allgemeine und vergleichende Literaturwissenschaft, arbeitete für eine Literaturagentur, ein Literaturmagazin und als Redakteurin, Übersetzerin und Lektorin für verschiedene Verlage. Wenn...

Veranstaltung
Lesung und Gespräch
Freitag, 22. März 2024 in Leipzig - Zentrum
Zeit:
19:00 Uhr
Ort:
Schille-Theaterhaus,
Otto-Schill-Straße 7
04109 Leipzig - Zentrum

Moderation: Christian Handel

Mit anschließendem Get together und Sektempfang.

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„Wer einmal hinter die Kulissen eines Filmsets schauen möchte, ist hier goldrichtig - inklusive Stardom, Intrigen, Machtansprüchen und unmöglicher Selbstbestimmung; dafür aber mit ganz vielen wunderschönen Knistermomenten.“

Kommentare zum Buch
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nayezi am 10.09.2023

Kathinka Engel. Meiner Meinung nach wird diese Autorin, von Buch zu Buch besser. Man merkt, wie sie ihren Schreibstil immer mehr perfektioniert, und in diesem Buch würde ich soweit gehen, ihn als perfekt zu bezeichnen. Im Roman werden erfolgreich alle Emotionen vermittelt und dieser ist flüssig zu lesen. Zudem besitzt die Autorin - meiner Meinung nach - einen ganz eigenen Schreibstil. So erkennt man teilweise an Wortstellungen und Formulierungen, wirklich einen Teil ihrer Persönlichkeit, was zum Charme des Buches beiträgt. Inhaltlich mochte ich das Buch sehr, es war mal ein neuer Ansatz und man hat neben der Haupthandlung, noch interessante Einblicke in die Schauspielerei sowie den Dreh von Filmen erhalten. Die Liebesgeschichte selbst gefiel mir ebenfalls: Die Protagonisten hatten Witz und Tiefe, was das Buch unterhaltsam sowie berührend gestaltet hat. Ich empfehle das Buch absolut weiter und bin schon gespannt auf den zweiten Teil der Reihe!

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