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Lady of the Wicked (Lady of the Wicked 2)

Laura Labas
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Die Seele des Biests

„WOW! Was für ein toller Abschluss dieser Hexendilogie. Klare Leseempfehlung für alle Fans von Hexen- oder Fantasybücher, die einem den Atem rauben und nicht loslassen.“ - my.bookish.paradise

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Lady of the Wicked (Lady of the Wicked 2) — Inhalt

Darcia Bonnet musste dreizehn Hexen töten, auf einem Scheiterhaufen verbrennen und im See der Sterne ertrinken – und wurde so zur Herrin der Wicked, der bösartigsten Hexenseelen. Doch sie ist nicht die Einzige, die Anspruch auf die Macht der Wicked erhebt. In den Schatten der magischen Stadt Babylon erhebt sich der Dunkle, ein Hexer, der sich die Seelen der Wicked in einem Ritual unterwerfen will. Während Valens noch immer gegen den Fluch in seinem Inneren und um seine Freiheit kämpft, muss Darcia sich dem Dunklen stellen, dessen unheilvolle Macht sich bereits in der Stadt ausgebreitet hat ...

€ 15,00 [D], € 15,50 [A]
Erschienen am 02.12.2021
432 Seiten, Klappenbroschur
EAN 978-3-492-70642-1
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€ 9,99 [D], € 9,99 [A]
Erschienen am 02.12.2021
432 Seiten, WMePub
EAN 978-3-492-99942-7
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Leseprobe zu „Lady of the Wicked (Lady of the Wicked 2)“

DARCIA


Das Biest zerfleischte meine Seele.

Ich wehrte mich.

Tiefste Schwärze zog wie ein Sturm auf, drückte mich nieder und zog gleichermaßen an meinen Gliedmaßen. Schmerzen, wie ich sie nie gekannt hatte, erfüllten mein Sein. Ich drehte mich um die eigene Achse, wollte mich befreien. Schwerelos und gleichzeitig unfassbar schwer.

Ein Zischen ertönte, wiederholte sich zu einem endlosen Echo.

Jäh riss ich die Augen auf. Nach und nach wurde die Dunkelheit vertrieben, ersetzt durch schwarze Punkte, die sich durch die babylonische Landschaft zogen. Weite Felder [...]

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DARCIA


Das Biest zerfleischte meine Seele.

Ich wehrte mich.

Tiefste Schwärze zog wie ein Sturm auf, drückte mich nieder und zog gleichermaßen an meinen Gliedmaßen. Schmerzen, wie ich sie nie gekannt hatte, erfüllten mein Sein. Ich drehte mich um die eigene Achse, wollte mich befreien. Schwerelos und gleichzeitig unfassbar schwer.

Ein Zischen ertönte, wiederholte sich zu einem endlosen Echo.

Jäh riss ich die Augen auf. Nach und nach wurde die Dunkelheit vertrieben, ersetzt durch schwarze Punkte, die sich durch die babylonische Landschaft zogen. Weite Felder außerhalb der Stadtmauern, ein Sonnenaufgang in blassen Farben. Die aufragende Stadt und der riesige Turm zu Babel. Der Königspalast.

Das Zischen wurde lauter, während ich über die Stadt schwebte.

Ich blickte über meine Schulter. Eine riesige Himmelsschlange in glitzernden Regenbogenfarben verfolgte mich. Sie riss ihr Maul weit auf, spitze Zähne blitzten in den ersten Sonnenstrahlen des Tages.

Mein Herz setzte aus.

Panisch kämpfte ich mich nach vorne. Nach unten. In die Arme meiner Familie. Mein Zuhause. Wo war es?

Ich erkannte seine Silhouette, doch es war nicht Babylon, das ich betrat, sondern New Orleans. Ich stand vor meinem Haus in der Dauphine Street und blickte in meinen Vorgarten. Wüst und überwuchert. Verschiedene Stühle unter dem Dach aus Weintraubenranken und wartende Patienten mit Flüchen aller Art. Einer von ihnen erhob sich aus der Masse, die augenblicklich in den Hintergrund rückte.

Val.

Valens Hill.

Nein. Valens Mariquise. Der Bruder der Königin, die ich mir geschworen hatte zu vernichten. Aus Rache für den Tod meiner Schwester und den unzähliger anderer. Aus Vergeltung für meine Verbannung aus Babylon, meiner Heimat, weil ich mich getraut hatte, die Wahrheit zu sagen und sie öffentlich zu beschuldigen.

Ich näherte mich ihm langsam. Er öffnete seine Arme für mich, der Schirm der Baseballcap warf einen Schatten auf sein braunes Gesicht, und mir wurde der Blick in seine blauen Augen verwehrt.

Mein Herz klopfte schneller. Ich streckte ihm meine Arme entgegen, als er mich an den Schultern packte und herumwirbelte.

Er hielt mich fest – der weißen Schlange entgegen. Sie stürzte auf mich nieder. Ein riesiges Monster.

Vals Atem kitzelte an meiner Wange. Er beugte sich herunter.

„Du hast mich zuerst verraten“, hauchte er an mein Ohr und schubste mich auf das geöffnete Maul der Schlange zu.

Schreiend hielt ich die Hände vors Gesicht. Die Magie vergessend. Meine Runen nicht nutzend. Das Zischen wurde lauter.

Ich erwartete den Tod.

Stattdessen erwachte ich aus diesem furchtbaren Albtraum.

Wie in Zeitlupe drehte ich mich auf den Rücken, spuckte Wasser vermischt mit Sand. Meine Muskeln schmerzten, schrien nach Entspannung.

Der Vollmond glitzerte hell am Firmament und tauchte den See der Sterne in weißes Licht. Ich hatte mich unbewusst an Land gekämpft, atemlos und als … neue Herrin der Wicked.

Meine Tattoos leuchteten weiterhin golden. Die Runen an meinen Händen, Armen und fast an meinem gesamten Körper, eine Erinnerung an alte Zeiten. Meine Vergangenheit, in der ich bloß eine Hexia gewesen war. Kaum dazu in der Lage, einen ordentlichen Zauber zu wirken, ohne meine Runen als Stütze zu verwenden.

Vorsichtig setzte ich mich auf. Die Kleider klebten nass und sandig an meiner Haut. Das schwarze Haar hing mir strähnig ins Gesicht. Ein paar Perlen hatte ich verloren, doch einige Fäden blieben hineingeflochten.

Ich machte Anstalten, mich hinzustellen, als dort, wo nur wenige Sekunden zuvor meine Hand im Sand gelegen hatte, ein greller Blitz einschlug.

Aufschreiend rollte ich mich zur Seite. Ich sah mich suchend um. Im Schein des Vollmonds eilte ein halbes Dutzend Hexenkommissare über den Hügel auf mich zu und ich hörte das Gebrüll eines Berserkers. Dieser kam aus der entgegengesetzten Richtung. Nur wenige Schritte hinter ihm ein Hexeninspektor, den ich an seiner weißblauen Uniform erkannte. Ich wusste aus meiner Erinnerung, dass an der linken Brust eine silberne Sichel steckte. Auch wenn ich sie aus der Entfernung nicht ausmachen konnte.

Der Hexeninspektor war es, der das beängstigende Schattengeschöpf kontrollierte.

Der Berserker rannte mit seinen hundertfünfzig Kilogramm Masse über den Sand auf mich zu. Sein Brüllen erschütterte die friedvolle Stille dieses magischen Ortes. Die grünliche Haut schimmerte und wies dunkle Flecken auf, als hätte jemand versucht, ihn mit Flüchen zu verwunden, und lediglich Blutergüsse hinterlassen. Ähnlich wie Trolle waren sie, wenn sie sich im Rausch befanden, immun gegen jegliche Zauber.

Seine Fäuste massig und riesengroß, in einer von ihnen schwang er eine mit Nägeln behaftete Keule in meine Richtung. Ich duckte mich unter dem Schlag hindurch.

Angstvoll.

Was war geschehen? Warum wurde Jagd auf mich gemacht?

Ich wirbelte herum und hob die Arme. Instinktiv rief ich nach meiner Runenmagie, die ich als Hexia gegen meine Angreifer einsetzen konnte. Doch sie gehorchte mir nicht.

Natürlich! Ich war die Herrin der Wicked. Deshalb sollte ich mich auch ihrer Macht bedienen.

Die Hexenkommissare, die sich mit ihrer dunkelblauen Uniform kaum von den Schatten abhoben, hatten mich fast erreicht. Die eine Hälfte umstellte mich, um vermutlich einen Bannkreis zu ziehen. Die andere kreierte Speere aus mehreren geballten Blitzen, mit denen sie mich bewarf. Gleichzeitig versuchte ich, den Schlägen des Berserkers auszuweichen. Der Hexeninspektor trug ein süffisantes Lächeln zur Schau. Als würde er wissen, dass meine Gefangennahme oder mein Tod nur noch eine Frage der Zeit wäre.

Der Berserker stieß ein weiteres Grollen aus und eine Salve grünen Speichels flog auf mich zu. Ich unterdrückte ein Schaudern.

„Wicked?“, zischte ich, als ich in mir selbst weder das Leuchten noch das Echo ihrer Macht vorfand. Nur eine unüberwindbare Barriere.

Angst verknotete meinen Magen.

Ich saß in der Falle.

Vom Berserker zum See gedrängt, flog ein Blitz auf mich zu, verbrannte meinen Unterarm, ehe ich mich zurückfallen lassen konnte.

Ich kam hart auf dem Boden auf, teilweise im Wasser, das um mich herum aufspritzte. Meine Haut wurde von spitzen Steinen aufgerissen. Schmerz lenkte mich ab.

„Vorsicht! Wir wollen sie nicht töten“, mahnte der Inspektor. „Noch nicht“, fügte er mit einem selbstzufriedenen Grinsen hinzu, als er meinen Blick auffing.

Der Berserker holte erneut mit seiner Keule aus. Dieses Mal traf er mich an der Schulter und ich rollte über den Sand direkt zu Füßen eines Kommissars. Er hielt die Spitze seines blitzenden Schwertes an meine Kehle. Meine Nackenhaare stellten sich auf. Das Knistern war unendlich laut. Erfüllte all mein Sein.

Ich roch verbranntes Fleisch. Meine Atmung ging stoßweise und meine Brust hob und senkte sich schwer. Heißes Blut rann meinen Hals hinab.

Jemand anderes zog mich an der verwundeten Schulter hoch. Ein Sack wurde über meinen Kopf gestülpt, gleichzeitig riss man meine Arme zurück und fesselte meine Hände. Zwei Finger berührten meine Haut. Ein magischer Impuls und ich verlor mein Bewusstsein.

Sank erneut in diese tiefe, willkommene und gleichzeitig unwillkommene Dunkelheit.

Doch dieses Mal erwartete mich nicht Val in meinem Traum, sondern ein hohes, breites Tor, das von der anderen Seite angeleuchtet wurde. Gusseiserne schwarze Stangen und goldene Spitzen. Gedämpfte Farben und graue Pinselstriche auf einem Gemälde einer anderen Welt.

Ein Flüstern erhob sich, ohne dass ich einzelne Wörter herausfiltern konnte. Hohn. Spott.

Ich streckte eine Hand nach dem Friedhofstor aus. Ich wusste, wer dahinter auf mich wartete.

Sobald meine Finger das kalte Eisen berührten, verlor ich mich selbst. Meine Gedanken rissen entzwei.

 

Ich erwachte mit klirrenden Ketten an Händen und Füßen. Der Sack war mir vom Kopf gerissen worden, doch er hatte seine Aufgabe erledigt. Ich konnte nicht sagen, wohin ich gebracht worden war.

Lange, feuchte Flure.

Meine nackten Sohlen berührten den kalten Stein. Links und rechts von mir je ein Kommissar, die mich an meinen Schulter hielten und hinter sich herzerrten.

Ich fühlte mich halt- und machtlos.

Erst zweimal zuvor war dies vorgekommen. Das erste Mal, als sich meine Schwester Rienne für mich geopfert hatte und von einem Chupacabra getötet worden war.

Das zweite Mal, als ich von einem Kunden fast zu Tode geprügelt worden war. Damals hatte ich noch für die Meerjungfrau Seda in ihrem Bordell gearbeitet. Wenn mein bester Freund Tieno nicht rechtzeitig gekommen wäre und meinen Peiniger getötet hätte, wäre ich selbst gestorben.

Nicht eine Sekunde hatte ich gezögert und die Schuld auf mich genommen. Als Schattengeschöpf hätte es für Tieno nämlich die unmittelbare Hinrichtung bedeutet.

Das hätte ich unter keinen Umständen zulassen können.

Stattdessen war ich bestraft worden. Der Bruder meines Kunden forderte mich dem „Grauen Buch der Hexen“ zufolge zu einem Blutracheduell heraus. Dieses sollte jedoch erst drei Jahre und drei Monate nach der Tat stattfinden.

Zum ersten Mal kam mir der Gedanke, dass ich vielleicht deshalb angegriffen worden war.

Oder hatte mich jemand dabei beobachtet, wie ich eine der dreizehn Hexen getötet hatte, um ihre Herzen für mein Ritual zu nutzen?

Das wäre mein Todesurteil. Mehr noch als das Duell, das ich nur mit der Macht der Wicked gewinnen könnte.

Doch obwohl ich das Ritual vollzogen hatte, spürte ich mich weiter entfernt von den Seelen der Wicked als währenddessen. Nach der ersten Phase hatte ich bereits unglaubliche Magie anwenden können. Es war nichts davon übrig geblieben.

Hatte ich mich geirrt, nachdem ich im See der Sterne ertrunken und wiederauferstanden war? Waren es nicht die machtvollen Seelen der verdorbensten Hexen gewesen, die ich gespürt hatte?

Enttäuschung breitete sich in mir aus.

„Wo bringt ihr mich hin?“, fragte ich, mich vorübergehend meinem Schicksal ergebend.

Es gab keine Fenster. Keine Kunst an den Wänden oder andere Hexen, die mir einen Hinweis auf meinen Aufenthaltsort geben könnten.

Oder das war bereits ein Hinweis an sich.

Keine Fenster? Im Untergrund.

Keine anderen Leute? Entweder ein geheimer Ort oder … weggesperrt.

Ich wollte den Gedanken nicht weiterspinnen, als wir um die nächste Ecke bogen und uns vor einer riesigen Flügeltür mit goldenen und roten Verzierungen wiederfanden. Meine beiden Begleiter hielten an. Ihre Griffe um meine Oberarme verstärkten sich. Schmerzten so sehr, dass ich die Zähne zusammenbeißen musste, um nicht laut zu keuchen.

Keine Schwäche zeigen.

„Könntet ihr mir wenigstens sagen, warum ich hier bin?“, fragte ich, obwohl ich nicht mit einer Antwort rechnete.

Das Schweigen zerrte an meinen Nerven. Ich verabscheute nichts mehr, als nicht die Kontrolle über meine eigene Lage zu haben. Das war ein weiterer Grund dafür, warum ich das schwarzmagische Ritual vollzogen hatte.

Ich wollte endlich stark genug sein, mein eigenes Schicksal zu bestimmen.

Der zweite Grund war, Königin Ciahra zu töten.

Und der dritte, der am schwersten wog und mir die nötige Kraft gegeben hatte, war, meine Schwester Rienne aus der Anderwelt zurückzuholen. Sie wiederauferstehen zu lassen.

Das hatte ich ihr versprochen.

Plötzlich wurden die Flügeltüren nach innen geöffnet, ohne dass jemand einen Finger rührte. Dahinter mussten sich Hexen befinden.

Ich wurde nach vorne gerissen und betrat einen ovalen Gerichtssaal, den ich schon einmal zuvor gesehen hatte – als Camin mich zum Blutracheduell herausgefordert hatte.

In der Mitte des Saals mit dem schwarz-weißen Marmorboden drückten mich die Hexenkommissare mit den Händen auf meinen Schultern nach unten. Widerwillig ging ich in die Knie, ließ mir jedoch nicht die Freiheit rauben, mich umzusehen.

Neben den in dunkelblauen Roben gekleidete Richterhexen und -hexern waren auch Rojas Hexe und Camin anwesend. Letzterer bestätigte meine erste Vermutung, warum man mich aufgegriffen und hergebracht hatte.

Rojas Hexe warf ein Fragezeichen auf. Roja, eine Zirkeloberste, war von dem Dunklen als letztes Opfer benutzt worden. Ihre Zirkelhexe hatte mich angefleht, ihr bei der Aufklärung des Mordes zu helfen, doch ich hatte abgelehnt. Nicht sonderlich freundlich. Warum war sie hier? Und was hatte ihr süffisantes Lächeln zu bedeuten?

Ich ließ meinen Blick weiter über die Reihen gleiten. Einige bekannte Gesichter, Kunden aus meiner Zeit im Seaheart und aus meinem Geschäft als Fluchbrecherin. Neugier stand auf ihren Gesichtern geschrieben. Ein Ghul saß nur wenige Meter von mir entfernt vor seinem Stenografen. Er war nicht hinter einem Schleier versteckt, zeigte seine spitzen Zähne und scharfen Krallen, mit denen er die Maschine zum Dokumentieren des Prozesses hervorragend betätigen konnte.

Ich spürte Camins gierigen Blick wie stechende Nadeln in meinem Nacken. Alles in mir sträubte sich dagegen, ihn anzusehen. Stattdessen wollte ich mir lieber vorstellen, wie ich meine Hände um seinen massigen Hals legte und zudrückte; ihn würgte, bis seine Augäpfel platzten und er nur noch um Gnade wimmern könnte.

„Sind Sie die Hexia Darcia Bonnet?“, fragte mich Richterhexer Gordon. Er war kein Kunde von früher, doch ich hatte ihn zusammen mit Val belauscht, als er von Ghulen bestochen worden war, einen Durchsuchungsbefehl für das Devil’s Jaw zu genehmigen. Sein grauschwarzer Spitzbart und die kleinen Augen in dem aufgedunsenen Gesicht ließen ihn argwöhnisch aussehen. In ständigem Misstrauen gegenüber seinen Mithexen.

Ich reckte das Kinn und blickte zu ihm auf. Es gab keinen anderen Ausweg. Ich konnte einzig der Situation mit erhobenem Haupt begegnen.

Die Handschellen unterdrückten meine normale Magie und die Macht der Wicked konnte ich aus mir unbekannten Gründen nicht nutzen. Es war unabdinglich, dass ich mich nicht von meiner Panik beherrschen ließ. Ich hatte immer noch einen klugen Kopf auf den Schultern.

„Die bin ich.“

Richterhexer Gordon schlug betont langsam eine dünne Akte zu und erwiderte ein paar Blicke seiner Amtskollegen. Ich bemerkte Verwirrung und Empörung.

„Es ist kurios, dass sie nicht in unserer Datenbank für registrierte Hexia und Waiżen auftauchen. Finden Sie nicht auch?“

„Ganz und gar nicht“, entgegnete ich. „Schließlich habe ich mich nie registrieren lassen.“

„So?“ Richterhexer Gordon legte seine Fingerspitzen aneinander und betrachtete mich einen Moment eingehend. „Und wie kommt es, dass dieser Fehler nicht vor drei Jahren revidiert wurde, als sie das letzte Mal vorgeladen waren?“

Ich zuckte mit den Schultern, um es sogleich zu bereuen. Niemand hatte sich bisher um meine Wunden gekümmert. Bis zu diesem Zeitpunkt war es mir gelungen, den Schmerz zu ignorieren, doch jetzt kehrte er mit aller Macht zurück.

„Warum fragen Sie mich über die Schludrigkeit Ihrer Leute aus?“ Ich würde ihm ganz sicher nicht verraten, dass ich damals einen Mitarbeiter in der Registrierung bestochen hatte. Auf seiner Mutter hatte ein außerordentlich starker Fluch für diesweltliche Verhältnisse gelegen und ich hatte diesen kostenlos gebrochen.

Gordon errötete leicht. Vielleicht lag das auch an den dämmrigen Lichtverhältnissen. Glücklich wirkte er allerdings nicht.

„Nun, wie auch immer, das werden interne Untersuchungen aufklären.“

„Schön, kann ich jetzt gehen?“ Ich fand einen Teil meiner Unverfrorenheit zurück, da ich mir mittlerweile ziemlich sicher war, wegen Camin und nicht wegen der Morde hier zu sein. Andernfalls wäre er wohl kaum anwesend gewesen.

„Hexia Bonnet“, sagte Gordon, meine Frage übergehend, „Sie werden beschuldigt, versucht zu haben, vor dem bevorstehenden Blutracheduell zu fliehen. Was haben Sie zu Ihrer Verteidigung zu sagen?“

Ich öffnete den Mund und schloss ihn wieder. „Ich wollte fliehen?“

„Ist das ein Geständnis?“

„Was? Nein!“ Der Vorwurf kam so unerwartet, dass ich einen Augenblick brauchte, um mich zu sammeln. „Ich hatte nicht vor, mich vor dem Duell zu drücken.“ Im Gegenteil. Ich hatte vorgehabt, Camin mit der Macht der Wicked zu erdrücken.

„Der Inspektor und die Kommissare fanden sie außerhalb der Stadtgrenzen.“

„Sie ergriffen mich dort, ja“, stimmte ich zu. Machte ohnehin keinen Sinn, die Tatsache zu bestreiten. „Aber seit wann ist es verboten, einen Ausflug zu unternehmen?“

„Im Normalfall nicht, doch bei einem bevorstehenden Blutracheduell muss jede Reise vorher beim zuständigen Amt angemeldet und genehmigt werden, um Missverständnissen vorzubeugen.“

„Missverständnisse wie dieses hier“, versuchte ich den Richterhexer auf ein Urteil festzunageln.

Natürlich war er klüger und schüttelte den Kopf.

„Cassie Halmstrom sagte aus, dass Sie ihr mitgeteilt hatten, was Sie vorhatten. Eine Flucht vor dem Duell.“

Ich hob beide Augenbrauen und blickte Rojas Hexe an. „Hat sie das?“

Cassie, Rojas Zirkelhexe, lächelte grimmig. Das war ihre Rache dafür, dass ich ihr meine Hilfe verweigert hatte. Es ging nicht darum, dass sie so sehr auf mich angewiesen wäre, sondern dass ich es gewagt hatte, die Bitte einer Hexe abzuschlagen. Wie unverschämt von mir.

„Sie haben immer noch nichts zu Ihrer Verteidigung gesagt, Hexia Bonnet“, erinnerte mich eine Richterhexe mit gelockten grauen Haaren und eisblauen Augen.

Augen, die mich an Val erinnerten.

Denk nicht an ihn und seine Lügen.

„Was für Beweise wollen Sie sehen? Ich hatte nicht vor zu fliehen, aber ich habe die Stadtgrenze verlassen.“ Ich machte mir nicht die Mühe zu betteln. Sie hatten sich ihre Meinung ohnehin schon gebildet.

Camin grinste breit.

Er wusste das genauso gut wie ich.

Die Richterhexen und -hexer flüsterten miteinander, ehe Gordon einmal nachdrücklich nickte und sich aufrichtete.

„Die Urteilsverkündung wird vertagt. Wenn Sie einen rechtlichen Beistand wünschen, stellen Sie zeitnah einen Antrag, und das Verhör wird neu aufgerollt. Ist dies bis zum Dienstschluss des Tages nicht geschehen, wird unser Urteil auf Ihrer heutigen Aussage und denen der Zeugen beruhen. Bis dahin befinden Sie sich in Untersuchungshaft.“

Ein Gong ertönte. Allesamt erhoben sich und verließen den Saal durch drei verschiedene Türen im oberen Bereich. Camin zwinkerte mir zu.

Dann waren nur noch ich und die zwei Hexenkommissare anwesend, die mich erneut an den Oberarmen packten und auf die Beine zogen.

Untersuchungshaft? Ich?

Verfluchte Voodoohexenpisse!

Ich hatte so viel vor! Meine Schwester aus dem Reich der Toten holen zum Beispiel. Außerdem – obwohl ich wütend auf Val war – wollte ich sichergehen, dass er noch lebte. Adnan und Seda hatten sich zwar nach Babylon begeben, um nach dem Rechten zu sehen, doch ich vertraute meinen Fähigkeiten mehr als denen anderer.

Zumindest war dies bisher der Fall gewesen. Aber jetzt besaß ich weder meine Runenmagie noch die der Wicked.

Was hatte ich bloß getan?

Auf dem Weg durch die düsteren Gänge vernahm ich leises, mehrstimmiges Gelächter, das zunehmend lauter wurde. Gehässiger. Bösartiger.

Das Lachen der Wicked über mein Versagen.

Ich ballte die Hände zu Fäusten.

Noch hatte ich nicht aufgegeben.



II VALENS


Im besten Fall würde mich meine Schwester für immer einsperren. Im schlechtesten würde sie sich ihren Beratern beugen und mich hinrichten lassen. Ich war eine Gefahr für die Gesellschaft der Hexen und Hexer.

Deshalb hatte ich ihren Versuch, mich zu finden, unbedingt vereiteln wollen. Ciahra war vielleicht nicht die fürsorglichste Schwester, die man sich vorstellen konnte, doch ich glaubte nicht, dass sie Spaß daran hätte, mich für einen Fluch zu bestrafen, für den ich nichts konnte.

Ich wollte mich gegen meine Entführer wehren, doch sie hatten mich mit einem Bannzauber belegt, der meine vorübergehende Kooperation sicherstellte. Außerdem war ich mit Ketten an Händen und Füßen gefesselt, auf denen Runen eingeritzt worden waren. Sie verhinderten, dass ich meine Magie heraufbeschwor.

Während ich einen Fuß vor den anderen setzte, ließ ich mir meine Schmerzen nicht anmerken. Der Berserker hatte mich förmlich zu Brei geschlagen. Meine Nase, ein paar meiner Rippen und vermutlich ein Wangenknochen waren gebrochen. Mein eines Auge war zugeschwollen, ins andere troff Blut aus der Kopfwunde.

Bis zum Tor, das sich auf der Südseite der Sichelstadt befand, bewegten wir uns in einem schwarzen SUV fort. Niemand sagte ein Wort und keiner sah in meine Richtung – und wenn doch, dann bloß, um meine Fesseln zu überprüfen.

Ich ließ all das über mich ergehen, weil es sowieso keine Optionen für mich gab, bis ich meiner Schwester gegenüberstand. Vielleicht ließ sie ja mit sich reden. Ich könnte ihr versprechen, nie wieder zurückzukehren und in New Orleans zu bleiben.

Mit Darcia an meiner Seite erschien mir die Vorstellung gar nicht mehr so trist wie noch vor wenigen Monaten. Sie würde mich herausfordern, mit mir lachen und mich auf den Boden der Tatsachen zurückholen, wenn ich versuchte, meinen Gefühlen zu entkommen.

Ich machte mir Sorgen um sie. Was dachte sie von mir? Suchte sie mich? Schließlich hatte ich unsere Verabredung nicht einhalten können, war nicht zum Treffpunkt vor dem Haus der Waiża erschienen. Höchstwahrscheinlich die Waiża, die mich verflucht hatte.

Und Adnan? Hatte er fliehen können? Was passierte nun mit seinem Etablissement, dem Devil’s Jaw? Er hatte so viel für mich aufs Spiel gesetzt. Mir immer und immer wieder geholfen. Ich würde es mir nicht verzeihen, wenn er meinetwegen seine Lebensgrundlage verlor. Denn dass die Durchsuchung der Spielhölle nur ein Vorwand gewesen war, um mich zu bekommen, stand fest.

Die Frage, die blieb und die an mir nagte, war jedoch, warum hatte Ciahra Himmel und Hölle in Bewegung gesetzt, um mich endlich zu ergreifen? Warum ließ sie mich nicht einfach im Exil dahinsiechen?

Es gab ein fehlendes Puzzlestück. Aber ich wusste nicht, ob ich es wirklich finden wollte. Eine dunkle Vorahnung braute sich wie ein Gewitter am Horizont meines Verstandes zusammen …

Ich konnte sie jedoch nicht greifen.

Ein Hexer überprüfte den Knebel, bevor wir aus dem Auto stiegen und uns zum magischen Tor begaben.

Es schimmerte im Licht der Mittagssonne. Ein steinerner Bogen zwischen zwei beeindruckenden Villen. Menschen nahmen die knisternde Magie nicht wahr, sahen auch nicht das silbrige Schimmern. Ein Meer aus geschmolzenen Sternen.

Mein Herz zog sich zusammen.

In den seltenen Momenten, da ich mir vorgestellt hatte, nach Hause zurückzukehren, war dies nur möglich gewesen, wenn es mir gelungen war, den Fluch zu brechen. Dem fliegenden Biest in mir zu entkommen.

Alles, was ich in meiner Zeit in New Orleans geschafft hatte, war, eine Hexe ausfindig zu machen, die mir mit einem Beutel um meinem Hals geholfen hatte, mich nicht im Schlaf zu wandeln. Abgesehen davon war ich noch ganz genauso wie vor drei Jahren.

Ein Versager.

Ein verfluchter Prinz.

Ich konnte das Biest unter meiner Haut spüren. Es war hellwach, beäugte die Situation mit Misstrauen und unterschwelliger Furcht. Es wartete auf eine Gelegenheit auszubrechen und Blut zu vergießen. Hexer zu zerfleischen und sich an ihnen zu laben.

Ein eiskalter Schauer rann mir den Rücken hinab.

Auch wenn ich meinen Entführern die unfaire Behandlung übel nahm, ich wünschte ihnen nicht den Tod. Schließlich gehorchten sie nur den Befehlen ihrer Königin. So wie es sein sollte.

Wir waren insgesamt zu fünft, als uns der Durchgang von zwei wachhabenden Offizieren gewährt wurde. Ich schloss das gesunde Auge, als ich den ersten Schritt durch das Portal machte.

Aus Erfahrung wusste ich, dass sich einem schnell der Magen umdrehte, wenn man die Augen offen hielt. Ich wollte mich nicht der Peinlichkeit aussetzen, mich in meinen eigenen Mund zu übergeben, weil ich noch geknebelt war.

Zuerst fühlte man Schwerelosigkeit. Man ging weiter voran, doch es gab keinen Boden. Der Magen sackte zusammen, drehte sich. Ich presste die Lider fester zusammen. Meine Ketten klirrten. Ein Stöhnen von einem meiner Begleiter.

Heftige Böen rissen an meiner zerfetzten Kleidung, schmerzten an meinen offenen Wunden. In der nächsten Sekunde mischte sich das Rauschen von einem rauen Wind zum Stöhnen der Männer, ehe er abrupt abnahm. Sofort im Anschluss an die unheimliche Stille wurden wir auf der anderen Seite wieder ausgespuckt.

Babylon.

Meine Heimat.

Während sich die Hexen und Hexer um mich herum sammelten, blickte ich mich auf der Brücke, an deren Ende sich das Tor befand, um. Ich konnte über den nord-westlichen Teil der Schattenstadt blicken.

Nichts und alles hatte sich verändert.

Der blaue Himmel wirkte intensiver, die Reetdächer düsterer und die Straßen enger und verwinkelter. Mehr Dattelpalmen in den Gassen, als ich in Erinnerung gehabt hatte, weniger Menschen.

Stimmen wurden laut und rissen mich aus meiner ehrfurchtsvollen Beobachtung. Ich konnte kaum fassen, wieder zu Hause zu sein.

„Du hast nichts gesehen. Kümmere dich um deine Arbeit“, zischte der Begleiter links von mir in Richtung eines Wachmannes.

Jemand anderes stülpte mir einen Kartoffelsack über den Kopf. Er müffelte und die raue Struktur kratzte unangenehm über meine Kopfwunde. Ein neuer Strom Blut floss seitlich an meinem Gesicht herab. Ich wurde grob an den Ketten nach vorne gezogen.

Ich ahnte, wohin man mich brachte, und hasste es bereits. Der Turm zu Babel war mir schon immer ein Dorn im Auge gewesen. Obwohl ich ihn nicht sehen konnte, erinnerte ich mich zu gut an seine monströse Struktur.

Dieser kunstvolle hohe Stufentempel, der Gelehrte und mächtige Hexer gleichermaßen beherbergte, warf seinen Schatten auf den Königspalast und die Stadt Babylon, als wäre er der Herrscher und wir seine getreuen Untertanen. Aus von der Sonne getrockneten Lehmziegeln erbaut, ermahnte er in seiner Düsternis jeden dazu, der zu ihm hinaufschaute, gewissenhaft seiner Arbeit nachzugehen und die Gesetze weder infrage zu stellen noch zu brechen. Und die Spitze – bestehend aus blau glasierten Ziegeln – erstrahlte als einziger Hoffnungsschimmer.

Bei jeder Gelegenheit, die sich ergab, hatte ich mich fern der Reichweite der Etemenanki gehalten; sah in die andere Richtung und ignorierte den immerwährenden Schatten des Turmes zu Babel auf meinem Haupt. Was für eine Ironie des Schicksals war es also nun, dass man mich in den Bauch des Turmes verfrachtete und keinesfalls als Freund und Verbündeten, sondern als Feind und Verräter. Denn so hatten mich die Schergen im Flüsterton tituliert, als sie mit dem Zellenwächter eilige Worte austauschten.

Furcht biss sich wie eine Zecke in mir fest.

Wieder der Gedanke, dass mir ein Stück Wahrheit fehlte.

In meiner Zelle wurde mir immerhin der Kartoffelsack abgenommen und ich durfte mich in dem halbrunden Raum frei bewegen. Es gab eine Schießscharte statt ein richtiges Fenster, durch die frische Luft hereindrang. Freiheit … Wenn ich mich nicht im fünfzehnten Stockwerk befunden hätte. Ein Fall aus dieser Höhe bedeutete meinen sicheren Tod. Massive Eisenstäbe und Mauern trennten mich vom Rest der Welt. Hielten mich in diesem Gebäude wie auf einer einsamen Insel gefangen.

Eine Wache saß am anderen Ende des Raumes und kritzelte Worte auf Papier, beachtete mich nicht weiter, als wäre ich nicht der Prinz von Babylon, den man in einer Zelle abgeladen hatte.

Willkommen zu Hause, Val, dachte ich mit einer ordentlichen Portion Sarkasmus. Ich legte mich auf die harte Pritsche und begutachtete meine Hände, die wie meine Füße weiterhin mit schwerem Eisen aneinandergekettet waren.

Ich versuchte, meine Magie heraufzubeschwören, eine kleine Flamme oder einen stürmischen Luftzug, aber da war nichts. Die Runen auf meinen Fesseln waren zu stark. Natürlich.

Stöhnend erhob ich mich und atmete gegen den Schmerz, der in meinen Gliedmaßen aufflammte.

Als ich beide Füße auf dem kahlen Steinboden platziert hatte, stützte ich meine Ellbogen auf die Knie und vergrub das Gesicht in meinen Händen. Ich wusste nicht, was mich nun anderes erwarten könnte außer ein schmerzhaftes Ende. Warum ich noch unter den Lebenden weilte, wusste ich nicht.

Hatte Ciahra vielleicht einen Weg gefunden, mich zu heilen, und sperrte mich bis dahin sicherheitshalber ein? Falls das Biest in mir ausbrach?

Meine Gedanken wanderten weiter, als ich nichts aus meiner misslichen Lage filtern konnte. Ich hoffte, dass es Darcia gut ging und sie nicht erfuhr, wer ich war und was ich ihr verheimlicht hatte. Sie würde mich hassen. Daran gab es wohl keinen Zweifel. Irgendwie hatte ich es geschafft, dass sie mir ihr Vertrauen schenkte, und gleichzeitig hatte ich ihr bewiesen, dass ich genau der lügende Schurke war, für den sie mich von Anfang an gehalten hatte.

„Verflucht“, murmelte ich und strich mir über den blutigen Mund.

Darcia, echote es erneut in mir und allein der Name entfachte meine Wut über diese Ungerechtigkeit. So nah war ich dem Glück gekommen. Fast wäre mir der Fluch egal gewesen, wenn ich nur mit ihr hätte zusammen sein können. Fast … Niemals würde sie mir verzeihen.

Wahrscheinlich arbeitete sie gerade jetzt an einem besonders grausamen Fluch, weil ich sie hatte warten lassen. Wenn sie nur wüsste …

Schritte ertönten und wenige Sekunden später wurde die Tür von einem Lakaien geöffnet, damit die Königin von Babylon gemeinsam mit ihrem Verlobten Magnus eintreten konnte.

Magnus war ein hochgewachsener Kerl, mit dem ich jahrelang gut befreundet gewesen war. Wir hatten viel Spaß im Kampfring gehabt sowie abends in den Gastlokalen der Stadt. Da er mich nun nicht ansehen konnte und den Blick streng auf den Boden gerichtet hielt, nahm ich an, dass unsere Freundschaft beendet war.

Meine Schwester besaß weder Scham noch falsche Scheu. Sie stolzierte in ihrem schwarzen Spitzenkleid bis zu den Eisenstäben und fixierte mich mit ihren dunklen Augen, als wäre ich ein unliebsames Tier. Ganz kurz fragte ich mich, ob unsere Mutter von meiner Ankunft wusste und ob sie mit alldem einverstanden war.

Die Absätze ihrer Sandalen klackerten laut auf dem kalten Stein, mischten sich mit dem Klirren ihrer goldenen Armreifen.

Ein Blick in ihre Augen verriet mir alles, was ich wissen musste.

Sie hatte nicht vor, mich von meinem Fluch zu heilen.

Sie wollte mir nicht helfen.

Sie hasste mich.

Mich. Ihren kleinen Bruder.

Der scharfe Schmerz, der mich bei dieser Erkenntnis durchzuckte, hätte mich beinahe in die Knie gezwungen. Doch ich hatte in den letzten Jahren gelernt, meine Gefühle für mich zu behalten. Mir nichts anmerken zu lassen.

Ich hatte drei Jahre allein in New Orleans überlebt. Daraus schöpfte ich Hoffnung und Kraft.

„So eine Behandlung lässt du also deinem einzigen Bruder angedeihen?“, durchbrach ich als Erster die Stille, um Ciahra aus ihrer arroganten Reservehaltung zu locken. Ich breitete die Arme aus und ließ die Ketten absichtlich laut klirren. „Ich bin enttäuscht.“

„Val, wie schön, dich zu sehen“, begrüßte sie mich mit klarer Stimme und verschränkte die Hände vor ihrem schlanken Oberkörper. „Wie ist es dir ergangen?“

„Hör auf mit der beschissenen Höflichkeit“, zischte ich unbedacht. Nun war es ihr gelungen, mich zu reizen und nicht andersherum. Ich wandte ihr mein Gesicht so zu, dass sie die scheußlichen Wunden und mein geschwollenes Auge besser sehen konnte, und da, ganz kurz, zuckte sie bei dem Anblick zusammen. „Was willst du?“

Sie schürzte die geschminkten Lippen. „Ich wünschte, du wärst damals zu mir gekommen. Als du von deinem Fluch erfahren hast.“

„Warum?“ Es juckte mich in den Fingern, den geringen Abstand zwischen uns zu überbrücken, mein Gesicht gegen die Gitterstäbe zu pressen und sie zu erschrecken, aber ich tat nichts dergleichen. „Damit du mich noch früher hättest erledigen können?“

„Du kennst mich zu gut.“ Sie stieß ein theatralisches Seufzen aus, verzog anschließend ihren Mund und senkte die Augen. Verlogene Demut. „Unglücklicherweise besaß ich einen redseligen Wachmann und nun weiß die ganze Stadt Bescheid, dass du zurück bist. Ich kann dich also nicht töten lassen. Noch nicht.“

Die Welt erzitterte unter ihrer Wahrheit. Unter den Worten, die ich geahnt und gefürchtet hatte. Seit wann war sie so kalt?

„Ich fühle mich so erleichtert …“ Wir sahen uns einen Herzschlag lang an. „Darf ich zumindest den Grund erfahren, warum du mich so dringend tot sehen willst? Ich weiß, wir hatten nie das beste Verhältnis zueinander, aber ich habe dir nie im Weg gestanden. Bin mit meinem Leben als Stadtwache zufrieden gewesen. Was ist es also?“

Sie hob warnend einen Finger und ihre Stimme zeigte zum ersten Mal einen Teil ihrer Emotionen, als sie leicht zitterte. „Glaub nicht für eine Sekunde, dass ich nicht weiß, was du getan hast, Valens. Du hast dem Mädchen die geheime Information über die Zuchtstelle zugespielt! Du hast schon immer gegen mich gewettert und gearbeitet, auf die eine oder andere Weise. Damit ist jetzt Schluss! Ich werde nicht mehr den Hauch eines Zweifels zulassen, wenn ich mit dir fertig bin, dass ich die rechtmäßige Königin von Babylon bin. Ich werde dich und jeden vernichten, der gegen mich ist und denkt, dich zu unterstützen wäre eine gute Idee.“ Sie drehte sich abrupt auf ihren schwarzen Absätzen um und wandte sich dem demütig dreinschauenden Lakaien zu. „Wasch ihn und gib ihm saubere Kleidung, wir müssen ihn schon bald dem Volk präsentieren. Aber lass die Schellen an. Er ist zu gefährlich.“

Damit stolzierte sie mit Magnus aus meiner Zelle und ließ mich mit meinen dunklen Gedanken allein. Nun hatte ich endlich eine Antwort. Schon lange hätte ich sie erahnen sollen, aber niemals hätte ich geglaubt, dass sie von meinem Verrat erfahren würde.

Ihren Plan konnte ich mir allzu gut vorstellen. Sie würde mich dem Volk präsentieren, die Aufregung und Freude abwarten und wie ein Raubtier im Schatten lauern. Dann, wenn sich niemand mehr für den unscheinbaren jüngeren Bruder interessierte, würde sie verlauten lassen, dass ich an einer unheilbaren Krankheit litt. Einen Monat später wäre ich dann gestorben und die Bürger Babylons dürften mich während einer riesigen Beerdigungszeremonie betrauern. Ende.

Eine Horde aus Lakaien und Wachen riss mich aus meinen Gedanken. Ein Waschzuber wurde hereingetragen. Die Diener zupften bereits an meiner Kleidung, bevor ich sie von mir stieß.

„Ich kann mich allein entkleiden, vielen Dank“, knurrte ich, ignorierte die stoischen Blicke der Wachmänner, die ich zwar nicht kannte, die aber sicherlich von mir gehört hatten. Was sie wohl über mich und meine Situation dachten? Waren sie Ciahra so treu ergeben, dass sie ihr Wort nicht anzweifelten? Was hatte sie ihnen gesagt? Dass ich nicht mehr ganz bei Verstand wäre und deshalb bewacht werden müsste?

Eine Wache löste die Kette zwischen den Schellen an meinen Händen und Füßen, die Macht der Runen blieb dadurch intakt.

Mit müden Gliedern ließ ich mich in die Wanne sinken, die so klein war, dass ich bloß sitzend in ihr Platz nehmen konnte. Ein Diener reichte mir ein hartes Stück Seife. Ein anderer sammelte meine schmutzige Kleidung auf, nachdem er einen Stapel neuer Sachen auf die Pritsche gelegt hatte.

Ich spülte mir gerade mit einem Eimer Wasser die Seife aus dem kurzen Haar, als ich sofort die Stimmungsänderung unter den Männern wahrnahm.

Blinzelnd versuchte ich etwas mit meinem nicht zugeschwollenen Auge zu erkennen.

Ich war mit der Anwesenheit meines ehemals besten Freundes beehrt worden.

„Gerald“, sagte ich vorsichtig, suchte in seinem Gesicht nach Anzeichen des lustigen Gesellen, der er immer gewesen war. Obwohl er die höchste Position neben der Königin bekleidete, war er stets zu Scherzen aufgelegt gewesen und hatte Ruth und mich nicht nur einmal in Schwierigkeiten gebracht. Mein Magen krampfte sich zusammen, als ich nichts mehr davon in seiner Miene fand.

Leere und Dunkelheit, die ich von mir selbst kannte. Sie in ihm gespiegelt zu sehen, versetzte mich in eine ganz andere Verzweiflung, als ich sie bei meiner Schwester empfunden hatte.

Ciahra und ich waren nie beste Freunde gewesen. Doch Gerald war für mich wie die Person gewesen, auf die man sich ein Leben lang verlassen konnte. Der man bedingungslos vertraute.

Auch dieses Mal hatte ich mich getäuscht.

„Lasst uns allein“, befahl er mit leiser Stimme den Bediensteten und Wachen, die augenblicklich gehorchten. Schnell verschlossen sie die Zellentür, bevor sie das Turmzimmer verließen.

Um mein Unwohlsein zu überspielen, stieß ich mit den Schellen gegeneinander.

Drei Jahre lang hatten wir uns nicht gesehen, aber es kam mir vor wie gestern, dass ich mich von ihm verabschiedet hatte, um einem neuen Hinweis nachzugehen.

Da Gerald nichts weiter sagte und ich mich ebenfalls weigerte, in dieser Hinsicht auf ihn zuzugehen, erhob ich mich aus der Wanne und trocknete mich ab.

Gerald stand unbewegt da, während ich mich ankleidete. Man hatte mir eine Uniform ohne Abzeichen bereitgelegt. Hohn und Spott bis ins kleinste Detail von Ciahra initiiert. Eine schwarze Leinenhose, ein helles Hemd und darüber eine robuste Jacke, die seitlich mit einer Reihe Messingknöpfen zugehalten wurde. Dazu ein Paar Schnürstiefel, die wie angegossen passten. Das brachte mich auf den Gedanken, dass diese Sachen möglicherweise meine waren und sie nicht von Ciahra in einem Anfall von Wut während meiner Abwesenheit allesamt vernichtet worden waren.

Ich steckte das Säckchen mit den Kräutern unter meinen Kragen. Ließ mir Zeit.

Als Gerald noch immer nichts sagte, stellte ich mich direkt vor ihn. Nur die Stäbe zwischen uns.

Das Licht der Fackeln schimmerte auf seinem bleichen, markanten Gesicht. Wenn ich mit ihm zusammen gewesen war, hatten die Leute ständig ihn angesehen. Weil er so anders und faszinierend war. Gerald war die Aufmerksamkeit stets unangenehm gewesen, aber er weigerte sich, sich anzupassen. Sein weiß-silbernes Haar zu schneiden oder in einem Zopf statt offen zu tragen. Seine helle Uniform abzulegen, um kein Aufsehen zu erregen.

Nur auf den Lorbeerkranz verzichtete er so wie jetzt.

„Wie ist es dir ergangen?“, fragte ich vorsichtig. Wieder einmal mangelte es mir an Geduld. „Wie geht es Ruth?“

„Du hast jedes Recht verspielt, dich nach ihrem Befinden zu erkundigen“, erwiderte er steif. „Du bist einfach verschwunden und hast sie mit dem Durcheinander zurückgelassen.“

Ich verengte das nicht geschwollene Auge. „Was für ein Durcheinander? Und warum interessiert es dich plötzlich? Du hast dich ständig über sie und ihre Anwesenheit beschwert.“

„Dinge ändern sich.“ Er reckte das Kinn, sodass sein weißes glattes Haar hin und her schwang.

„Ganz offensichtlich.“ Ich machte eine ausschweifende Geste. „Aber so stark? Kannst du einfach danebenstehen, während mich meine Schwester ermorden lässt? Grundlos?“

„Ich bin ein treuer Diener der Krone“, murmelte er wie auswendig gelernt.

Ich umfasste die Gitterstäbe mit den Händen und presste meine Stirn dagegen, um Gerald besser fokussieren zu können. So wie ich es bei Ciahra hatte tun wollen. Jetzt konnte ich mich nicht länger beherrschen.

„Ich gehöre zur beschissenen Krone“, brüllte ich vor Unglauben, dass er mir hier gegenüberstehen konnte, ohne das Geringste zu empfinden.

„Nicht mehr.“ Am liebsten hätte ich ihm einen Kinnhaken verpasst, ihm die Nase gebrochen, damit sein weißes Gewand mit seinem verfluchten Blut beschmutzt werden würde.

„Warum bist du also hier?“ Ich schüttelte fassungslos den Kopf.

Ich wollte ruhig sein. Innerlich brannte ich.

Sein Verhalten ergab keinen Sinn.

„Um mich von dir zu verabschieden. Von unserer Vergangenheit.“

„So melodramatisch“, murmelte ich. Meine Gedanken rasten. Es musste etwas geschehen sein. So wie das Puzzleteil, das mein Verrat an Ciahra gewesen war, so gab es auch hier eine Tatsache, die ich nicht kannte. Die Gerald gegen mich aufgebracht hatte.

„Du solltest dich von dem Gedanken verabschieden, dass uns noch irgendetwas verbindet. Wir befinden uns nun auf unterschiedlichen Seiten“, setzte Gerald nach, wirkte aber eher so, als würde er es sich selbst sagen müssen. Vielleicht war tief in ihm drin doch noch ein Fünkchen von demjenigen übrig, der mir stets den Rücken gestärkt hatte. Obwohl es mir schwerfiel, obwohl es wehtat, weigerte ich mich, aufzugeben.

„Das glaube ich nicht, Gerald“, sagte ich und bemerkte das leichte Stirnkräuseln, wertete es als Triumph. „Du siehst es vielleicht noch nicht, aber du befindest dich im Unrecht und wenn du das erkennst, werde ich auf dich warten.“

„Halt den Mund“, stieß er mit zusammengepressten Zähnen hervor. „Du weißt gar nichts! Du warst nicht hier in den letzten drei Jahren, Val, hast nicht gesehen, wie …“

Ich wartete, aber er setzte seinen Satz nicht fort. „Wie was, Gerald? Was ist geschehen, dass dich so einfach deinen besten Freund verraten lässt?“

„Du würdest es nicht verstehen.“ Er wandte sich ab und verließ den Raum, die Tür hinter sich schließend.

Angst und Verzweiflung vermischten sich mit dem Bedauern darüber, nicht mehr für Gerald tun zu können. Ich wünschte, er hätte mir gesagt, was passiert war. Etwas, das mir zunächst nicht aufgefallen war, aber ganz offensichtlich schien er im Inneren zu leiden. Regelrechte Qualen auszustehen.

Frustriert fuhr ich mir über den kurz geschorenen Kopf. Es gab nichts für mich zu tun. Ich konnte nur abwarten und auf das reagieren, was Ciahra tat.

Mein Magen grummelte. Ich konnte nicht sagen, wann ich meine letzte Mahlzeit zu mir genommen hatte. Und in naher Zukunft würde ich wohl nichts mehr essen, ohne damit rechnen zu müssen, vergiftet zu werden.

Ich ließ mich auf die Pritsche nieder, stützte den Kopf in meine Hände. Das Denken fiel mir schwer. Gelähmt von der eisigen Temperatur.

Irgendwann gab ich der Erschöpfung nach und schlief ein.

Laura Labas

Über Laura Labas

Biografie

Laura Labas wurde 1991 in der Kaiserstadt Aachen geboren. Schon früh verlor sie sich im geschriebenen Wort und entwickelte eigene fantastische Geschichten, die sie mit ihren Freunden teilte. Mit vierzehn Jahren beendete sie ihren ersten Roman. Spätestens da wusste sie genau, was sie für den Rest...

Pressestimmen
my.bookish.paradise

„WOW! Was für ein toller Abschluss dieser Hexendilogie. Klare Leseempfehlung für alle Fans von Hexen- oder Fantasybücher, die einem den Atem rauben und nicht loslassen.“

laurasforeststories

„Eine der besten Hexengeschichten die ich je gelesen habe, definitiv ein Highlight. Für Fans von Hexen, magischen Wesen und einem dunklen Setting! So unglaublich spannend und gut geschrieben.“

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„Wieder ein sehr gelungenes Buch, das Fantasy-Fans unterhalten und schockieren wird“

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„Band 2 hat mich durch seine Spannung, Magie, Plottwists, Intrigen und Humor begeistern können.“

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„Das Worldbuilding ist Laura Labas wieder sehr gelungen und es wurde alles wunderbar und detailreich beschrieben. Spannend und voller Wendungen hat man wieder Darcia und die anderen begleitet.“

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„Eine großartige, düstere und magische Hexengeschichte.“

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„Laura Labas hat mit diesem Buch erneut eine unfassbar spannende, düstere, magische und fesselnde Geschichte geschrieben.“

beautyandthebook26

„Die Geschichte bietet Spannung, Nervenkitzel, Humor und sehr, sehr interessante und vielschichte Charaktere.“

beautyandthebook26

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