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Kann denn Lüge Sünde sein?

Kann denn Lüge Sünde sein?

Roman

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Kann denn Lüge Sünde sein? — Inhalt

Vicky ist durchs Studium gerasselt und steht nun ohne Geld da. Ein Job muss her, und zwar schnell. Sie bekommt eine Stelle als Putzfrau in der Redaktion eines legendären Modemagazins. Tja, hier hätte sie gerne nach ihrem Studium als Redakteurin angefangen. Doch wer sagt, dass man seine Träume nicht auch leben soll? Vicky beginnt, heimlich Texte in den Computern der Redakteurinnen zu hinterlassen. Schon bald gilt sie als geniales Phantom der Redaktion und bekommt sogar eine eigene Kolumne. Die Frage ist nur: Wann fliegt alles auf?

€ 9,99 [D], € 9,99 [A]
Erschienen am 10.12.2013
256 Seiten, WMEPUB
ISBN 978-3-492-98020-3

Leseprobe zu »Kann denn Lüge Sünde sein?«

Leseprobe

Pass auf, was du dir wünschst, es könnte in Erfüllung gehen

Montagmorgen, 4 Uhr 45. Es ist noch nicht einmal richtig hell, als ich zu Fuß die Adresse erreiche, die auf dem Zettel in meiner Hand steht. Müde verkneife ich mir ein Gähnen. Das frühe Aufstehen liegt mir einfach nicht, da weiß man die Vorzüge des Studentendaseins erst richtig zu schätzen. Aber damit ist es jetzt vorbei, und an meine verpasste Chance darf ich auch nicht mehr dauernd denken. Denn heute fängt ein neuer Lebensabschnitt für mich an – auch wenn ich meine Zukunft bislang [...]

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Leseprobe

Pass auf, was du dir wünschst, es könnte in Erfüllung gehen

Montagmorgen, 4 Uhr 45. Es ist noch nicht einmal richtig hell, als ich zu Fuß die Adresse erreiche, die auf dem Zettel in meiner Hand steht. Müde verkneife ich mir ein Gähnen. Das frühe Aufstehen liegt mir einfach nicht, da weiß man die Vorzüge des Studentendaseins erst richtig zu schätzen. Aber damit ist es jetzt vorbei, und an meine verpasste Chance darf ich auch nicht mehr dauernd denken. Denn heute fängt ein neuer Lebensabschnitt für mich an – auch wenn ich meine Zukunft bislang nicht als hauptberufliche Reinigungskraft in einem Bürogebäude gesehen habe. Aber da muss ich jetzt durch.

Ich werfe zur Sicherheit noch einen Blick auf den zerknüllten Zettel in meiner Hand, auf dem ich die Adresse notiert hatte. Hausnummer 35. Gähnend versuche ich, mich auf der nächtlichen Straße zu orientieren. Links von mir erkenne ich die Hausnummer 33, also muss hier rechts … Vor mir streckt sich in der Dunkelheit ein riesiges Gebäude dem Himmel entgegen. Als ich mich dem Eingang nähere, erkenne ich auch die Nummer – es ist eindeutig die 35. Und darunter befindet sich ein Firmenschild. Doch was ich darauf lese, muss ein schlechter Scherz sein! In großen, geschwungenen Lettern steht dort der Name Stunning Looks. Soll ich etwa die Redaktion von Stunning Looks putzen? Dem angesagtesten Frauenmagazin in Deutschland?

Ich beginne vor Aufregung zu zittern Wie oft hatte ich mich in meinen Träumen genau hier stehen sehen, vor dem Eingang dieses imposanten Gebäudes? Allerdings trug ich darin ein Kostüm von Marc Jacobs, an den Füßen Jimmy Choos und hatte meine Haare zu einem strengen, glänzenden Business-Pferdeschwanz gebunden. Und nun stehe ich hier in einer alten Jeans, einem ausgewaschenen T-Shirt und ausgetretenen Sneakers und habe meine Haare notdürftig im Nacken zusammengeknotet. Auf Styling hatte ich heute großzügig verzichtet, denn sonst hätte ich noch früher aufstehen müssen.

Während ich ehrfürchtig auf das Firmenschild vor mir starre, wird mir allmählich klar, wie unfair diese Situation ist. Und ich komme mir schrecklich verarscht vor! Denn mein ganzes Leben hatte ich auf eine Karriere als Journalistin hingearbeitet, natürlich mit dem klaren Ziel, Chefredakteurin zu werden, am liebsten bei einem so namhaften Magazin wie der Stunning Looks. Und jetzt stehe ich an ihren Pforten – aber als Putzfrau – und besitze den niedrigsten Rang, den man in solch einem Unternehmen überhaupt haben kann! Mir ist echt nach Heulen zumute. Nur zu gern würde ich diesen einen Morgen ungeschehen machen, an dem alles begann …

23.

23 Sekunden benötigt das Blut, um einmal durch den kompletten menschlichen Körper zu zirkulieren. Cäsar wurde mit 23 Messerstichen getötet. Der Mensch hat 23 Bandscheiben. 23 ist eine Primzahl. Außerdem sind 23 Jahre eine verdammt lange Zeit, obwohl sie doch so schnell vorübergeht. Und in genau diesem Moment wurde ich 23 Jahre alt. Na ja, wenn man nach meiner Geburtsurkunde geht, dann hatte ich offiziell erst in einer Dreiviertelstunde Geburtstag. Aber wer bitte schön war schon so kleinkariert? Eben. Außerdem konnte ich keine Dreiviertelstunde mehr warten, denn ich wollte Geschenke, jetzt gleich, am besten sofort!

Das waren noch Zeiten, als meine Eltern morgens in mein Zimmer geschlichen kamen, meinen Bruder Moritz zur Ruhe ermahnend, um mir dann im Schein der vielen kleinen Kerzen auf Mamas selbstgebackenem Kuchen (natürlich hatte ich am Vorabend schon längst meinen geliebten Schokobananenkuchen gewittert) flüsternd »Happy Birthday« vorzusingen. Und dann durfte ich das Wohnzimmer betreten und noch im Schlafanzug Geschenke auspacken. Doch wo blieb mein Geburtstagskomitee jetzt? Fast hatte ich vergessen, dass ich mittlerweile alleine wohnte. Nur Caruso, mein Ca de Bestiar, ein schwarzer spanischer Schäferhund, den ich aus einem Mallorca-Urlaub mit nach Deutschland gebracht hatte, teilte sich diese vier Wände mit mir, und der würde mir höchstens ein paar schlabbrige Hundeküsse schenken, danach aber wieder genauso frech sein wie sonst. Auf richtige Geschenke musste ich wohl noch ein paar Stunden warten.

Ich versuchte, mich lautlos aufzusetzen, doch sofort riss Caruso ruckartig den Kopf hoch, entfaltete seine schlanken Gliedmaßen, um sich aus seinem Körbchen zu schälen, und kam dann schwanzwedelnd und aufgeregt hechelnd zu mir herübergestürmt. Seine Rute schlug laut klopfend gegen den hölzernen Bettrahmen, und mit ein wenig Fantasie konnte man meinen, er trommele mir ein Geburtstagsständchen. Gerührt versprach ich ihm ein besonders leckeres Frühstücksmenü zur Feier des Tages.

Dann stand ich auf, um einen Blick in den Spiegel zu werfen, der in meinen riesigen Kleiderschrank integriert war. Ich nahm mein Gesicht genau unter die Lupe und ging ganz nah an das Glas heran, um auch ja jede Veränderung katalogisieren zu können. Gut, Falten fand ich noch keine, außer der Knautschzone auf meiner Wange, aber die hatte mein Plüschhase verursacht, als ich versehentlich auf ihm geschlafen hatte. Zum Glück würde diese Spur vermutlich in wenigen Minuten wieder restlos verschwunden sein. Was fiel mir noch auf? Ich musste zum Friseur, mal wieder die Spitzen schneiden lassen. Aber das hatte wohl nichts mit dem Alter zu tun – Spliss konnte jeder haben. Und was sah ich noch? Ich drehte und wendete mich, ohne den Blick von meinem Spiegelbild zu lösen. Meine Figur war schlank wie eh und je, ein bisschen mehr Busen und Po wären schön gewesen, aber sonst konnte ich nicht klagen. Ich entdeckte weder graue Haare noch verlor ich die ersten Zähne oder litt an spontaner Blasenschwäche. Gut, 23 schien also ein akzeptables Alter zu sein. Zufrieden griff ich mir meinen geblümten Kimono und ging, begleitet von Caruso, der meine skeptischen Begutachtungen schwanzwedelnd verfolgt hatte, in die Küche, um uns endlich Frühstück zu machen.

Während ich meinem Hund unter lautem Geklapper sehr teures (weil sehr biologisches) Trockenfutter in seinen Napf rieseln ließ und hinter mir mein Kaffeevollautomat mit beinahe asthmatischem Prusten und Schnaufen meine Tasse füllte, checkte ich mein Handy nach möglichen SMS-Glückwünschen. Tatsächlich, drei neue Kurzmitteilungen.

Huhu Vicky! Ich wünsche dir aaaaalles Gute und Liebe zum Purzeltag! Hab dich lieb! Viele Bussis, deine Nina.

Die SMS wurde Punkt Mitternacht in meinem Eingang verzeichnet. Auf beste Freundinnen konnte man sich eben verlassen! Die nächste Nachricht war von Stephan.

Hi, ich wünsch dir alles Gute! Lass knacken! Gruß Stephan.

Stephan war ein guter Freund von mir und ein Teil der Clique, die als chaotische Männer-WG im Erdgeschoss, also zwei Etagen unter mir, wohnte. Die Jungs hatten mich heute Nachmittag zu sich eingeladen, um mit mir anzustoßen.

Die letzte Kurznachricht war von einer Kommilitonin, nämlich Juliane.

Hey Victoria, hast du schon deine Prüfungsergebnisse?

Keine Glückwünsche? Na ja, Juli war schließlich noch nie eine Frau der großen Emotionen gewesen, vielleicht hielt sie Geburtstage für überflüssig und unspektakulär. Aber das musste nicht für mich gelten! Ich war fast ein wenig gekränkt. Und dann erreichte die eigentliche Kernaussage der SMS endlich meinen Verstand – die Prüfungsergebnisse. Verdammt! Die hatte ich total verdrängt!

Ich griff nach dem dampfenden Becher, nachdem mir meine Kaffeemaschine mit lautem Klappern verkündet hatte, dass sie mit ihrem Job fertig war. Im geblümten Kimono lehnte ich mich an die grüne Anrichte, den heißen Kaffee in meiner Hand, und stierte angsterfüllt ins Nichts. Ich wollte die Ergebnisse meiner Prüfung gar nicht wissen! Und warum? Weil ich nach unzähligen Wiederholungen genau wusste, was auf dem Aushang stehen würde, nämlich die zwei kleinen Worte: Nicht bestanden.

Klar, Journalistin zu werden, war immer mein Traum gewesen, am liebsten Redakteurin einer wichtigen Zeitung. Recherchieren, Schreiben und Formulieren waren schon immer meine großen Talente gewesen, aber für ein Studium der Kommunikationswissenschaften brauchte es mehr als das. Viel mehr, nämlich Fleiß und Ausdauer – und beides besaß ich nicht. Denn während ich ständig von meiner großen Karriere geträumt hatte, von meinem funkelnden Mercedes, meinem stilvoll eingerichteten Haus und den prominenten Menschen um mich herum, hatte ich das Lernen und den Besuch der Vorlesungen immer weiter in den Hintergrund gestellt. Doch ohne das eine konnte es auch das andere nicht geben – aber bis ich das kapiert hatte, war es schon zu spät gewesen, um das Verpasste nachzuholen. Deshalb hatte ich während dieser einen Prüfung, meiner letzten Chance, richtig geschwitzt, schrecklich gezittert und mir Traubenzucker bis zum Kollaps eingeworfen. Ob das was genutzt hatte? Wohl kaum. Aber ich musste es trotzdem herausfinden.

Eine kalte Hundeschnauze stupste gegen meinen Handrücken und ich erwachte aus meiner Schreckensstarre. Liebevoll blickte ich auf meinen Vierbeiner hinab, der mit treuherzigen braunen Augen nach dem Grund meiner Unaufmerksamkeit forschte.

Ich nahm einen Schluck von meinem Kaffee, der inzwischen ziemlich kalt war, kippte ihn angewidert in den Ausguss und hoppelte dann eilig ins Badezimmer, um zu duschen, mich zu schminken und mich öffentlichkeitstauglich anzuziehen.

Eine Stunde später nahm ich Caruso an die Leine, und wir verließen die Wohnung in Richtung Universität.

Carusos Krallen klickten über den Flur, als er brav bei Fuß neben mir her zu den Aushängen trottete, welche die Prüfungsergebnisse der Studenten preisgaben. Ich hatte es schon immer gehasst, dass so persönliche Dinge wie Noten einfach publik gemacht wurden, immerhin war das Privatsache. Doch es ließ sich nicht ändern – so konnten nun alle, die sich dafür interessierten, meinen Untergang öffentlich mitkriegen.

»Hey, Sie da! Sie können Ihren Hund hier nicht mit reinnehmen!«, brüllte mir eine Männerstimme hinterher und hallte von den Wänden der Universitätsflure wider.

Ich drehte mich gar nicht erst um, sondern ging stur geradeaus.

»Haben Sie nicht gehört? Tiere sind hier verboten!« Ein dicklicher Professor im grauen Strickpullunder hatte mich schnaufend eingeholt und versuchte verzweifelt, mit mir Schritt zu halten. Sein Gesicht war gerötet und verriet seine Aufregung.

»Komisch, ich habe nirgends ein Schild gesehen«, antwortete ich knapp und bog mit Caruso rasch rechts in den Flur ein.

»Aber in der Hausordnung …« Der ordnungsliebende Typ blieb mir dicht auf den Fersen. Fast wäre er mir in die Hacken gerannt, als ich abrupt vor dem schwarzen Brett zum Stehen kam. Nachdem er mit quietschenden Schuhsohlen wenige Millimeter hinter mir abgebremst hatte, stemmte er wütend die Hände in seine ausladenden Seiten. »… in der Hausordnung steht klar und deutlich, dass Haustiere jeglicher Art auf dem Gelände der Universität untersagt sind! Wenn Sie den Regeln dieses Hauses nicht entsprechen können, dann sind Sie vielleicht nicht geeignet für ein Studium dieses Niveaus!«

Ich hörte seinen Ausführungen nur mit einem Ohr zu, denn gleichzeitig studierte ich angestrengt die Namenslisten meines Studiengangs. Mein Zeigefinger wanderte das Alphabet hinunter.

»Sacher, Sandmann … Schäfer«, murmelte ich. Mein sorgsam manikürter Finger hatte meinen Nachnamen gefunden und fuhr dann die Zeile entlang nach rechts. Und da standen sie, die zwei kleinen Worte: Nicht bestanden. Ich schluckte und mein letzter Rest Hoffnung, den ich die ganzen Wochen über in mir genährt hatte, löste sich auf wie ein Tütchen Brausepulver in einem Glas Leitungswasser. Zisch und weg.

»Ich muss Sie jetzt bitten, das Gelände zu verlassen! Und zwar augenblicklich!«, keifte der Professor neben mir und ich wartete darauf, dass er jede Sekunde vor Wut explodierte.

»Wissen Sie was?« Ich drehte mich zu ihm um und reckte ihm kampfeslustig mein Kinn entgegen. »Das mache ich jetzt tatsächlich. Und zwar endgültig. Dann haben Sie hier Ihren spießigen Frieden und können anderen unschuldigen Studenten auf den Sack gehen! Komm, Caruso.« Ich machte auf dem Absatz kehrt und ging hoch erhobenen Hauptes den Gang hinunter. Dann warf ich noch einen Blick über meine Schulter zurück.

»Und suchen Sie sich mal einen professionellen Outfit-Berater! Pullunder sind ja so was von out!«

»Vicky!?« Als Jan mir nur eine halbe Stunde später schwungvoll die Tür öffnete und mich mit verschmierter Wimperntusche auf seiner Fußmatte stehen sah, weiteten sich seine Augen ungläubig. »Du bist viel zu früh!« Nervös warf er einen Blick über seine Schulter in das Innere der Wohnung, in der es laut klapperte. Dann wendete er sich wieder mir zu und musterte mich besorgt.

»Ich weiß«, schniefte ich, und um meinen Kummer noch zusätzlich zu unterstreichen, gab Caruso neben mir einen jaulenden Laut von sich.

»Komm erst mal rein.«

Jan hielt mich vorsichtig am Arm und zog mich in die Wohnung. Er führte mich und Caruso schnell am Wohnzimmer vorbei und wollte uns in die Küche lotsen, doch als hinter der Tür ein lautes Scheppern erklang, schleuste er uns spontan weiter durch den Flur und öffnete schließlich die Tür ins WG-Arbeitszimmer. Dort setzte er mich auf einen Drehstuhl und sah ein wenig hilflos zu mir herunter.

»Störe ich euch?«, schniefte ich.

»Ach was, du störst doch nie!« Jans Stimme klang irgendwie nervös. »Aber jetzt erzähl erst mal, was los ist.«

»Ich bin raus«, heulte ich und ließ meinen Kopf in meine Hände fallen.

»Wo raus?«

»Aus dem Studium. Ich hab wieder nicht bestanden.«

»Bist du dir sicher?«, hakte Jan ungläubig nach.

Ich nickte. »Ja, die Prüfungsergebnisse hingen heute in der Uni aus.«

»Mann, Vicky!« Jan seufzte und lehnte sich mit verschränkten Armen gegen den Schreibtisch. »Man geht doch an seinem Geburtstag nicht in die Uni, um nach den Prüfungsergebnissen zu sehen.«

»Ich schon«, erwiderte ich trotzig und wischte mir die Tränen von den Wangen.

Die Tür ging auf und Andreas, einer meiner Jungs-WG-Kumpels, steckte den Kopf herein. Er hielt einen halb aufgepusteten Luftballon in der Hand, und als er mich neben Jan sitzen sah, versuchte er, ihn blitzschnell hinter seinem Rücken zu verstecken. Dabei musste er ihn versehentlich losgelassen haben, denn das verdächtige Geräusch schnell entweichender Luft war hinter ihm zu hören. Weil das klang, als hätte Andy gepupst, musste ich wider Willen lächeln.

»Vicky! Was machst du denn hier?«, rief er erschrocken, sah aber statt zu mir zu Jan. »Sie ist viel zu früh«, zischte er ihm zu.

Jan hob nur hilflos die Schultern. »Victoria ist aus ihrem Studium geflogen«, erklärte er.

»Was? Heute?«, fragte Andy verständnislos. Jan nickte, und mir schossen erneut die Tränen in die Augen.

»Ich bin eine Versagerin!«, schluchzte ich, und mein Hund legte treuherzig sein Kinn auf mein Knie, um mich zu trösten.

»Ach, Quatsch!«, widersprach Jan energisch und ging neben mir in die Hocke, um mir meine Tränen aus dem Gesicht zu wischen, »Hey, Andy, geh mal mit Caruso in die Küche und mach ihm ’ne Dose Chappi oder so was auf. Und jemand soll uns mal Taschentücher besorgen!«

Andreas tat wie ihm geheißen und führte den schwanzwedelnden Caruso hinüber in die Küche. Die Jungs verwöhnten ihn immer, wenn wir in der WG waren – und grundsätzlich schlug der Ca de Bestiar ungern ein Angebot aus, und schon gar nicht, wenn es sich dabei um etwas Essbares handelte.

Als die Tür hinter den beiden zufiel, spürte ich Jans Zeigefinger unter meinen Augen entlangfahren, dann strich er mir eine Haarsträhne aus dem Gesicht und klemmte sie mir vorsichtig hinters Ohr. »Nicht weinen … Du hast doch heute Geburtstag!«

»Na und? Wie soll ich feiern, wenn ich jetzt förmlich auf der Straße sitze?« Meine Stimme bekam einen hysterischen Unterton. Doch Jan ging nicht weiter darauf ein, sondern sprach beruhigend weiter.

»Du sitzt nicht auf der Straße, Vicky. Momentan sitzt du auf einem zugegeben etwas schmutzigen Drehstuhl und bist in unserer Wohnung. Und du hast im gleichen Haus sogar eine eigene, sehr hübsche Wohnung. Und die wirst du auch behalten.«

»Und wenn nicht?«

»Für den Fall haben wir eine sehr gemütliche Ausziehcouch – solange du dich nicht an den Brandlöchern und Chipsbröseln störst.« Ich öffnete die Augen und sah durch meinen Tränenschleier hindurch, dass Jan grinste. Nun musste ich ebenfalls lächeln. Es stimmte, man sah den Möbeln hier durchaus an, dass sie einer Männer-WG entstammten. Aber mich hatte das noch nie gestört, ganz im Gegenteil. Ich fühlte mich bei den Jungs immer unheimlich wohl – aber ich musste ihnen ja auch nicht hinterherräumen.

Die Tür ging wieder auf, und Andreas warf Jan eine Rolle Klopapier zu. »Taschentücher gibt’s in diesem Haushalt leider nicht. So ’nen Unsinn brauchen nämlich nur Frauen.« Er zwinkerte mir zu und verschwand dann wieder im Flur, aus dem man immer noch seltsame Arbeitsgeräusche vernehmen konnte. Als hinter der geschlossenen Tür wieder etwas klirrte, hörte ich Caruso bellen.

»Was ist hier eigentlich los?«, fragte ich schniefend und riss ein Stück Toilettenpapier ab, um mir lautstark die Nase zu putzen.

»Wie schon gesagt, du bist viel zu früh …«, antwortete Jan geheimnisvoll.

»Was? Schmeißt ihr etwa eine Geburtstagsfeier für mich?«, rief ich.

Er hob die Schultern und blickte mich betont unschuldig an, aber ich kannte ihn lange genug, um zu wissen, dass ich recht hatte.

»Und ich platze einfach rein und mache euch die ganze Überraschung kaputt!« Meine kurze Euphorie wurde bereits wieder von meinem schlechten Gewissen zunichtegemacht.

»Ach was, das ist nicht schlimm. Im Katastrophenmanagement sind die Jungs und ich einsame Spitze und auf alle Eventualitäten vorbereitet.«

Als ich leise lachen musste, grinste Jan zufrieden.

»Und was machen wir jetzt?«, fragte ich unsicher.

»Keine Ahnung. Du bleibst erst mal hier, während ich nach den anderen gucke und schau, wie weit sie sind.« Jan knuffte mich aufmunternd in die Seite und ging dann hinaus, um nach dem Rechten zu sehen.

Ich blieb auf meinem Bürostuhl sitzen, drehte mich quietschend um meine eigene Achse und war dabei gedanklich schon wieder weit weg. Warum hatte ich mir nie einen Plan B zurechtgelegt? Es war doch absehbar gewesen, dass ich auch dieses Mal die Prüfungen in den Sand setzen würde. War ich wirklich so naiv? Oder einfach nur schrecklich blöd?

»Vicky?« Dieses Mal war es Stephan, der seinen Kopf zur Tür hereinsteckte.

»Ja?«

»Wenn du willst, kannst du jetzt rüberkommen. Aber sei bitte nicht enttäuscht – hättest du uns mehr Zeit gelassen, hätten wir dekomäßig noch viel mehr hingekriegt.« Er grinste, und ich erhob mich von meinem Stuhl, um ihm neugierig Richtung Wohnzimmer zu folgen. Bevor wir eintraten, legte er mir schnell eine Hand über die Augen, mit der anderen führte er mich vorsichtig an möglichen Hindernissen vorbei und dirigierte mich in die richtige Richtung.

»So, Vorsicht Stufe!« Ich hob meinen Fuß, um über die angekündigte Schwelle zu treten, und als ich ihn wieder absetzte, spürte ich weiches Gras unter meinem Schuh. Frische Luft wehte mir um die Nase, vermischt mit dem Geruch von glühender Kohle. Stephan zog seine Hand weg, und ich öffnete meine Augen.

»Überraschung!«, grölte es mir vielstimmig entgegen. Vor mir stand die versammelte Jungsclique und reckte feierlich ihre Bierflaschen in die Höhe. Hinter ihnen befanden sich ein Grill, zwei Biertische und ein Büfett mit Salaten, Würstchen und Fleisch. Im Gras standen mehrere Getränkekisten, in den Bäumen hing eine Papiergirlande, und Caruso trug eine lilafarbene Schleife um den Hals.

»Jungs …«, stammelte ich, »ihr spinnt ja total!« Stephan, Andy und Jan boxten sich vor Freude in die Seite, dann traten sie auf mich zu, um mich der Reihe nach zu umarmen und mir zu gratulieren.

»Alles Gute zum Geburtstag! Du siehst immer noch so hübsch aus, wie mit 22!«, grinste Andy und drückte mich an sich.

»Danke«, murmelte ich und war immer noch völlig überrumpelt. Dann schob Stephan Andy zur Seite und nahm mich ebenfalls in den Arm. »Wir hatten das Vergnügen heute Morgen schon per SMS.« Er zwinkerte mir zu. »Aber trotzdem auch von mir noch mal alles Gute zum Geburtstag! Lass dir den Tag nicht verderben, okay? Wir lassen es heute krachen.«

Ich nickte und versuchte, dankbar zu lächeln.

Dann war Jan an der Reihe. Er stellte seine Flasche auf einem der Biertische ab und kam lächelnd auf mich zu. Dann schloss er die Arme um mich und zog mich an sich. Ich ließ meinen Kopf an seine breite Brust sinken und atmete den Duft seines Aftershaves ein. Komisch – auf einmal kribbelte es so verdächtig in meinem Bauch … Jan war ein Kumpel, ein guter Freund, genauso wie Andy und Stephan auch. Was sollte das also jetzt?

»Happy Birthday, Vicky!«, sagte er und fügte dann etwas leiser hinzu: »Lass dich nicht unterkriegen, du schaffst das schon. Alles wird wieder gut, du wirst schon sehen.« Sein Mund war ganz dicht an meinem Ohr, woraufhin sich das Kribbeln in meinem Bauch verstärkte. Mann, was war denn nur los?

»Danke, Jan.« Ich räusperte mich und löste mich aus seiner Umarmung. Jemand tippte mir auf die Schulter, und ich drehte mich um.

»Nina!?«, rief ich überrascht und fiel meiner besten Freundin um den Hals. »Was machst du denn hier?«

»Ich hab gehört, hier steigt heute ’ne Geburtstagsparty.« Sie lachte und drückte mir rechts und links Küsschen auf die Wange. »Alles Gute zum Geburtstag! Hast du meine SMS bekommen?«

»Klar doch.«

»War ich die Erste?«

»Ja, verlässlich wie immer.«

»Gut.« Sie strahlte mich an und trat dann einen Schritt zur Seite, denn jetzt schob sich Andy mit einer riesigen Torte, auf der 23 kleine, bunt gestreifte Kerzen brannten, an ihr vorbei.

»So, ich hoffe, ihr habt alle ’ne Menge Hunger mitgebracht!« Er stellte den Kuchen auf die Mitte des Büfetts und blickte mich dann erwartungsvoll an.

»Komm, Vicky, du musst die Kerzen ausblasen und dir was wünschen!«

»Aber auspusten, nicht ausspucken!«, kommentierte Stephan grinsend, gerade als ich mich über die Torte beugte und tief Luft holte. Ich musste lachen, dann riss ich mich zusammen, atmete tief ein und pustete dann auf einen Streich alle 23 Kerzen aus. Natürlich nicht, ohne mir dabei etwas zu wünschen …

Der Duft der großen weiten Welt

»Frau Schäfer? Mein Name ist Sommer, ich bin vom Gebäudereinigungsservice Kohlmann. Sie hatten sich bei uns als Reinigungskraft für ein Objekt in München beworben, ist das richtig?«, meldete sich eine sympathische Frauenstimme an meinem Telefon.

»Ja …«, antwortete ich zögernd.

»Wir wollten uns für Ihr Interesse an unserem Unternehmen bedanken und Ihnen hiermit mitteilen, dass wir uns für Sie entschieden haben. Sie dürfen nächste Woche Montag bei uns anfangen, falls Sie sich inzwischen nicht anders entschieden haben?«

»Ähm, nein … Vielen Dank, das … freut mich«, stotterte ich und schwankte zwischen Verzweiflung und Dankbarkeit.

»Sehr schön, dann sehen wir uns Montag um fünf Uhr. Bitte kommen Sie direkt zum betreffenden Objekt, dann werden Sie vor Ort eingewiesen.« Frau Sommer nannte mir eine Adresse und ich kritzelte sie schnell auf den kleinen Betty-Boop-Block, der immer neben meinem Telefon lag.

»Fünf Uhr morgens?«, fragte ich verunsichert nach.

»Ja, genau. Der frühe Vogel fängt den Wurm, nicht wahr?« Die Dame von der Reinigungsfirma lachte ein glockenhelles Lachen, dann verabschiedete sie sich förmlich und legte auf. Bestimmt musste die nicht so früh aufstehen, die hatte ja leicht reden.

Ich legte das Mobilteil meines Telefons zurück auf die Ladestation und starrte auf die Notiz, die vor mir auf dem Tisch lag. Diese Adresse kam mir irgendwie bekannt vor … Aber warum? Ich zog sämtliche Schubladen meines Gedächtnisses auf und wühlte in meinen Erinnerungen, kam aber zu keinem nennenswerten Ergebnis. Scheinbar nahm das Erinnerungsvermögen schon mit 23 ab.

Tja, jetzt hatte ich also einen Job als Reinigungskraft. Auf gut Deutsch bedeutete das: Ich war Putzfrau. Klasse! Ich hatte mein Abitur gemacht und Kommunikationswissenschaften studiert, um Putzfrau zu werden!

Dass ich mich überhaupt auf diese Stelle beworben hatte, war eher ein Verzweiflungsakt gewesen, nachdem ich auf all meine anderen Bewerbungen nur Absagen erhalten hatte. Eine Studienabbrecherin ohne abgeschlossene Ausbildung … Jemand wie ich hatte auf dem derzeit so umkämpften Arbeitsmarkt eher schlechte Karten, und das bekam ich auch deutlich zu spüren.

Ich griff nach dem Telefon und wählte Ninas Nummer.

»Nina, ich bin’s.«

»Hi, Vicky. Na? Was gibt’s Neues?«

»Ich habe einen Job.«

»Wirklich?«, kreischte sie begeistert los. »Als was denn?«

Es dauerte einen Moment, bis ich antwortete. »Als Putze«, sagte ich dann trocken und kritzelte mit meinem Kugelschreiber wilde Muster auf den Block vor mir.

»Oh.« Ninas Begeisterung verebbte hörbar. »Na, ist doch besser als gar nichts.« Als ich nicht antwortete, hakte sie nach. »Oder?«

»Ja, schon. Zumindest bin ich froh, dass ich jetzt endlich irgendwas gefunden habe.«

»Das klingt ja sehr motiviert!«, stellte Nina nüchtern fest.

»Na ja, ist ja auch nicht unbedingt mein Traumjob.«

»Schon klar.«

»Aber für den Anfang ist der Job ganz okay. Ich kann ja nebenher die Augen nach etwas Besserem offen halten.«

»Ja, da hast du recht. Wann musst du denn anfangen?«, fragte sie dann.

»Am Montag. Um fünf Uhr!«

»Morgens?«, fragte Nina entsetzt. »Spinnen die?«

»Schätze, die wollen, dass alles sauber ist, bevor die Leute in die Arbeit kommen. Ich muss irgendwelche Büroräume putzen, stand zumindest in der Stellenanzeige damals.«

»Aber so früh?« Nina konnte es immer noch nicht fassen.

»Na ja, ich werd an dich denken am Montag. Natürlich erst, wenn ich wach bin …«

»Bis dahin bin ich zwar bestimmt schon fertig mit meiner Arbeit, aber danke trotzdem.« Ich seufzte schwer.

»Lass den Kopf nicht hängen, Vicky! Du musst es positiv sehen: Sobald du wieder ein bisschen mehr Geld hast, können wir endlich mal wieder zusammen in die Grinsekatze gehen!?«, schlug Nina vor.

»Tolle Idee. Also mach’s gut.«

»Mach’s besser. Ciao, Süße.«

Und nun stehe ich in der Dunkelheit vor dem Eingang dieses riesenhaften Gebäudes, das ich nicht als Journalistin, sondern als Reinigungskraft betreten soll. Ich spüre Tränen in mir aufsteigen, blinzele ein paarmal und steige dann entschlossen die Stufen bis zur gläsernen Drehtür hinauf. Ich werde mich nicht kleinkriegen lassen! Jetzt erst recht nicht!

Als ich das Foyer betrete, entdecke ich eine ältere Frau, welche in einem blauen Kittel steckt und mir erwartungsvoll entgegensieht. Im Gegensatz zu mir scheint sie kein bisschen müde zu sein.

»Frau Schäfer?« Ihre Stimme klingt wie Sandpapier auf einem Stück Holz.

Ich nicke und trete näher.

»Ich bin Frau Weiler. Ich soll Sie heute anlernen und Ihnen die Räume zeigen. Kommen Sie.« Sie geht zu den Aufzügen hinüber und drückt einen der leuchtenden Knöpfe. Als die Aufzugtüren lautlos auseinandergleiten, geben sie den Weg frei zu einer vollkommen verspiegelten Kabine. Frau Weiler betritt den Lift und drückt einen weiteren Knopf. Ich folge ihr ehrfürchtig und zucke zusammen, als mir beim Einsteigen mein zerknittertes Spiegelbild entgegenblickt. Erneut muss ich mit den Tränen kämpfen. So hatte ich mir meinen ersten Tag bei Stunning Looks garantiert nicht vorgestellt.

Nachdem sich die Türen hinter uns geschlossen haben, schießt der Lift plötzlich und viel zu schnell mit uns nach oben. Echte Panik legt sich über meine Enttäuschung, und als sich nach wenigen Sekunden die Türen in einer neuen Etage wieder öffnen, habe ich das Gefühl, mein Gehirn im Erdgeschoss vergessen zu haben. Auch mein Magen scheint noch einige Stockwerke im Rückstand zu liegen, und der Boden unter meinen Füßen fühlt sich an wie Gummi.

Frau Weiler mustert mich und lacht. »Keine Sorge – an die Geschwindigkeit dieser neumodischen Aufzüge muss man sich erst gewöhnen, das ging uns allen so.«

Ich nicke und presse meine Lippen aufeinander, um die aufwallende Übelkeit in den Griff zu bekommen. Als ich mich wieder einigermaßen sicher auf den Beinen fühle, folge ich Frau Weiler. Sofort erkennt man, dass man sich in den Räumen eines hippen Frauenmagazins befindet: An den Wänden hinter dem Empfang hängen hochglänzend und akkurat eingerahmt die Cover der vergangenen Ausgaben der Stunning Looks, Autogramme berühmter Models oder Designer, die in der Redaktion zu Besuch waren. Der Gang, durch die mich meine neue Chefin führt, ist schnurgerade, rechts und links gehen immer wieder absolut identische Türen ab, und der Boden ist überall mit königsblauem Teppich ausgelegt. Als Frau Weiler im Vorübergehen die vielen Deckenlampen anschaltet, beginnt der Flur in strahlendem Licht zu glänzen. Ich frage mich insgeheim, wo man hier überhaupt sauber machen soll – alles scheint perfekt zu sein.

»Die Redaktion macht immer einen sehr aufgeräumten Eindruck, aber lassen Sie sich nicht täuschen, es gibt immer genug zu tun«, sagt Frau Weiler, die scheinbar meine Gedanken erraten hat.

Ich nicke stumm und stolpere ihr tief beeindruckt hinterher.

»Dies hier …«, Frau Weiler deutet auf einen Gang zur rechten Seite, »… ist die Moderedaktion. Für die sind Sie nicht zuständig, das übernehmen Kollegen von Ihnen. Das Gleiche gilt für die Beautyredaktion.« Wir passieren eine schwere Glastür und betreten einen neuen Flur. Inzwischen fühle ich mich wie in einem Labyrinth und habe völlig die Orientierung verloren.

Dann bleibt meine Chefin stehen. »Hier beginnt die Textredaktion, für die Sie jetzt zuständig sind. Die Fenster müssen Sie nicht putzen, dafür wurde eine eigene Firma beauftragt. Ihre Aufgabe ist es, die Böden zu saugen, alle Oberflächen abzuwischen, die Papierkörbe zu leeren und die Blumen zu gießen. So weit klar?« Abwartend sieht sie mich an.

»Ja, alles klar.« Ich schlucke, als ich bemerke, dass meine Stimme brüchig klingt.

»Als Nächstes zeige ich Ihnen die Kammer, in der die Reinigungsmittel aufbewahrt werden.« Sie öffnet eine weitere Tür und knipst dahinter ein Licht an. Vor mir türmen sich Flaschen voller Reinigungsmittel, verschiedenste Besen, Kehrschaufeln, Staubsauger, Tücher, Eimer und Wischmopps sowie rollenweise Müllbeutel auf. Dann dreht sich Frau Weiler um und zeigt mir noch die Büroräume, die der Textredaktion angehören.

»So, jetzt muss ich mich um ein anderes Objekt kümmern. Meinen Sie, Sie kommen nun allein zurecht?«

»Ich denke schon …«, erwidere ich unsicher und lasse meinen Blick über die vielen Türen wandern.

»Gut.« Frau Weiler wühlt in einer Tasche ihres Kittels und befördert mit lautem Klimpern einen Schlüsselbund zutage. »Das hier ist der Schlüssel für die schweren Glastüren, welche die einzelnen Redaktionen voneinander trennen. Und dieser Schlüssel öffnet die jeweiligen Büroräume. Der kleine Schlüssel hier ist für die Tür der Putzkammer. Die Drehtür unten im Foyer öffnet sich ab einer bestimmten Uhrzeit automatisch, das heißt, um sie müssen Sie sich keine Gedanken machen. Wenn Sie morgens Ihren Dienst antreten, wurde der Haupteingang bereits freigegeben, damit die Reinigungskräfte ungestört Zugang zum Gebäude haben.« Abschließend klopft Frau Weiler ihren Kittel ab und macht ein nachdenkliches Gesicht. »Habe ich noch irgendetwas vergessen? Wenn Sie Fragen haben, wenden Sie sich einfach an Ihre Kollegen auf dem Stockwerk, die sind hier ja auch überall verstreut.«

»Okay, kein Problem«, erwidere ich. Zwar bin ich mir noch nicht so sicher, ob die Situation an sich kein Problem für mich darstellt, aber ich will mein Bestes versuchen. Frau Weiler reicht mir die Hand, wünscht mir viel Erfolg und geht dann den langen Flur zurück Richtung Aufzug. Der blaue Teppich verschluckt ihre Schritte und es dauert nicht lange, da fällt die schwere Glastür hinter ihrem Rücken zu, und auf einmal stehe ich alleine inmitten der Textredaktion von Stunning Looks.

Es dauert einen Moment, bis ich mich gesammelt habe. Dann gehe ich zurück in die Kammer mit den Reinigungsmitteln, suche mir ein Putztuch und einen Allzweckreiniger heraus und gehe dann mit weichen Knien zum ersten Büro hinüber. Vier Schreibtische stehen darin, auf jedem ein ultramoderner Computer. An den Wänden hängen ein großer Kalender und weitere gerahmte Schwarz-Weiß-Fotografien mit bekannten Persönlichkeiten aus der Film- oder Musikwelt, welche scheinbar für Interviews oder Fotoshootings in der Redaktion zu Gast waren. Die Schreibtische sind absolut aufgeräumt – ohne jeden persönlichen Gegenstand, der in irgendeiner Weise auf den Charakter des Besitzers hätte schließen lassen. Kein Familienfoto, keine Souvenirs, nichts.

Ich schiebe die Tastaturen und Computermäuse zaghaft beiseite und beginne, die Arbeitsflächen abzuwischen. Die Monitore und Tastaturen werden von mir sorgsam entstaubt, die Papierkörbe in die Müllbeutel entleert, die ich vorher entfaltet habe, und der Teppich so lange mit dem Staubsauger bearbeitet, bis man auch darauf schlafen könnte. Als ich damit fertig bin, sehe ich mich um und suche nach weiteren Einsatzmöglichkeiten, kann aber beim besten Willen nichts entdecken. Der blitzsaubere Raum erstrahlt im elektrischen Licht der Deckenbeleuchtung, und ich mache mich auf, um das Prozedere im nächsten Büro zu wiederholen. Insgesamt sind es vier Räume, die ich sauber zu machen habe. Der nächste ist mit dem ersten absolut identisch, auch hier stehen vier Schreibtische beisammen. Das Zentrum der letzten zwei Büros ist einzig ein großer Schreibtisch, hinter dem sich ein lederner Chefsessel und davor zwei kleinere Besucherstühle befinden. Und irgendwie erscheinen diese Büros noch steriler als die zuvor.

Als ich das letzte Zimmer betrete, bemerkte ich jedoch einen entscheidenden Unterschied: An der Wand hinter dem Schreibtisch hängt ein großes Hochglanzfoto der berühmtberüchtigten Anna Wintour, der Chefredakteurin der amerikanischen Vogue. Mir stockt der Atem, und ich trete einen Schritt näher, um das Bild besser begutachten zu können. Am rechten unteren Rand des Bildes steht eine persönliche Widmung, mit schwarzem Edding verfasst. Ich lege den Kopf leicht schief und bewege lautlos meine Lippen, als ich lese: »For Evelyn, my German darling.«

Evelyn? Ja, klar! Evelyn Kern, die Chefredakteurin der Stunning Looks. Ich kenne ihren Namen aus dem Editorial des Magazins, und oftmals war auch in Klatschzeitungen die Rede von ihr, wenn sie auf irgendeiner Veranstaltung zugegen war.

Ich stehe hier also in ihrem Büro. Mein Magen zieht sich schmerzhaft zusammen bei dieser Erkenntnis. Eigentlich hatte ich vorgehabt, dieses Büro erstmals bei einem Vorstellungsgespräch zu betreten, kurz bevor ich einen Job als Redakteurin angeboten bekäme. Und irgendwann, nach einiger Zeit, hätte ich Evelyns Platz eingenommen, den hinter dem schweren Schreibtisch, auf dem ledernen schwarzen Chefsessel …

Ich muss mich zusammenreißen, um nicht loszuheulen, und beginne mit der Aufgabe, wegen der ich hier bin: nämlich Frau Kerns Arbeitsplatz sauber zu machen.

Der frühe Vogel kann mich mal

Ich kann mich einfach nicht an das frühe Aufstehen gewöhnen. Der frühe Vogel fängt den Wurm – was interessiert mich schon so ein doofer Wurm? Soll ihn doch ein anderer Vogel fangen, ist mir auch egal.

Als ich mit der Rolltreppe aus dem U-Bahn-Schacht an die Oberfläche fahre, schlägt mir die kühle Luft des Morgengrauens entgegen. Es ist noch völlig ruhig, selbst solch eine pulsierende Stadt wie München dreht sich um diese Uhrzeit noch einmal um und zieht sich das Kissen über die Ohren, um noch ein Viertelstündchen schlafen zu können. Irgendwie fühle ich mich menschenunwürdig behandelt. Ich kann nur hoffen, dass ich und meine Kolleginnen irgendwann statt am frühen Morgen in den späten Abendstunden unsere Arbeit verrichten können. Dann käme ich zwar später ins Bett, dürfte aber dafür länger darin liegen bleiben, was in meinen Augen deutlich mehr wert ist.

Der Anblick des Logos von Stunning Looks am Eingang des Gebäudes bereitet mir immer noch ein unangenehmes Ziehen in der Herz- und Magengegend, obwohl ich schon seit inzwischen zwei Wochen regelmäßig an ihm vorbeigehen muss. Jeden Morgen das eigene Versagen aufs Butterbrot geschmiert zu bekommen, tut einfach verdammt weh. Auch wenn man es verdient hat. Na ja, das nennt man dann wohl die gerechte Strafe.

Als ich an diesem Morgen mit hängenden Schultern durch den Flur der Textredaktion schleiche, um mich an die Arbeit zu machen, stelle ich erstaunt fest, dass eine der Bürotüren offen steht und Licht brennt. Ob sich eine meiner Kolleginnen in meinen Bereich verirrt hat? Ich trete mit einem Wischmopp bewaffnet durch die Tür.

»Huch!« Erschrocken starrt mich eine junge Frau an, die an einem der Schreibtische vor einem Computer sitzt. Sie muss ungefähr mein Alter haben, nur dass sie viel puppenhaftere Gesichtszüge hat als ich. Ihre Haut ist absolut ebenmäßig, ihre dunklen Haare glänzen im elektrischen Licht der Deckenlampen, und sie trägt eine weiße Designerbluse, an deren Revers eine teuer aussehende Ansteckblüte befestigt ist. Unter ihren großen veilchenblauen Augen zeichnen sich allerdings vor Müdigkeit dunkle Schatten ab. Sie ist blass, und die Züge um ihren Mund wirken verhärtet.

»Sie haben mich ganz schön erschreckt.« Seufzend sinkt sie in ihren Bürostuhl zurück.

»Tut mir leid«, murmele ich und stehe etwas verloren im Türrahmen herum. Neben ihr fühle ich mich in meinem Putz – Outfit wie Aschenputtel höchstpersönlich.

»Kein Problem, Sie können ja nichts dafür. Normalerweise würde ich um diese Zeit zu Hause in meinem Bett liegen, aber ich habe so viel Arbeit, und ich komme einfach nicht weiter …« Sie stützt ihren Kopf in die Hände und richtet ihren Blick starr auf den Monitor. »Ich soll eine neue Kolumne erfinden und muss unbedingt den Text dazu fertig kriegen, aber ich weiß einfach nicht, was ich schreiben soll. Die Muse küsst mich nicht, verstehen Sie?« Dann sieht sie mich ratlos an, und ich stelle fest, dass ihre Augen schon ganz rot sind.

Ich räuspere mich verlegen. »Über was müssen Sie denn schreiben?«

»Ach«, sie macht eine wegwerfende Handbewegung, »irgendwas Frauentypisches. Unsere Leserinnen sollen sich angesprochen fühlen, sich im Thema wiederfinden können. Aber mir fällt einfach keines ein, ich bin so schrecklich ausgelaugt!« Die junge Frau seufzt erneut und wendet sich wieder ihrem Monitor zu.

Ich kann die Last, die auf ihren Schultern liegt, förmlich sehen. Vielleicht sollte ich mich einfach wieder zurückziehen und mich um meinen eigenen Kram kümmern. Helfen kann ich ihr ohnehin nicht.

»Na, dann wünsche ich Ihnen viel Erfolg!«, sage ich und hoffe, dass sie meine Worte nicht als Sarkasmus auffasst. Als sie nicht antwortet, drehe ich mich um und gehe in die Putzkammer zurück, um den Staubsauger zu holen und mich schon mal einem der anderen Büros zu widmen, solange die Stunning-Looks-Mitarbeiterin auf eine Eingebung wartet.

Nachdem ich mich durch die verschiedenen Reinigungsutensilien gewühlt und mir meine Sachen zusammengesucht habe, trete ich wieder auf den Flur. In diesem Augenblick verlässt die junge Frau ihr Büro, fährt sich müde mit den Händen übers Gesicht und lehnt sich erschöpft einen Moment lang an die blütenweiße Wand des Flurs. Dann sieht sie auf und winkt mir zu.

»Ich glaube, ich gehe jetzt besser nach Hause. Schönen Tag Ihnen noch!«

Mit einem freundlichen Lächeln nicke ich ihr zu und sehe ihr hinterher, wie sie den langen Gang hinunterstöckelt. Sie ist etwas größer als ich, aber viel dünner, und wirkt auf den hohen Absätzen ihrer Pumps beinahe zerbrechlich.

Jetzt, da sie fertig ist, beschließe ich, in ihrem Büro anzufangen, um meine inzwischen entstandene Routine nicht unnötig durcheinanderzubringen. Ich ziehe den schweren Staubsauger hinter mir her in den sterilen Raum und versenke den Stecker in eine der vielen Steckdosen. Gerade, als ich den Startknopf drücken will, fällt mir auf, dass die Redakteurin versehentlich ihren Computer angelassen hat.

Plötzlich verspüre ich eine große Versuchung, wahrscheinlich die gleiche, die ein Spielsüchtiger angesichts eines einarmigen Banditen fühlt. Irgendetwas zieht mich mit enormer Kraft an den Schreibtisch mit dem leuchtenden Monitor, und es fällt mir zunehmend schwerer, diesem Drang zu widerstehen.

»Tu es!«, höre ich eine innere Stimme flüstern. »Du willst es, also tu es einfach! Es ist doch keiner hier, der dich erwischen könnte …«

»Tu es nicht!«, widerspricht eine andere Stimme. »Du wirst es bereuen! Du bist nur die Putzfrau, dich geht das hier alles überhaupt nichts an!«

»Doch, tu es! Siehst du nicht, wie bequem der Stuhl ist?«, zischelt es von der anderen Seite zurück. »Ganz weich und gemütlich … Und diese Tastatur, auf ihr muss sich das Tippen einfach himmlisch anfühlen!«

Ich bin mir ganz sicher, dass der diabolische Besitzer dieses Zischelns keine Ahnung von allem hat, was himmlisch ist, aber seine Überredungskünste zeigen Wirkung, keine Frage. Ich nähere mich mit zaghaften Schritten dem Schreibtisch, meine Hand fährt beinahe zärtlich über die kühle, glatte Oberfläche. Dann halte ich inne.

»Komm, weiter! Trau dich ruhig!« Wieder ist da dieses teuflische Flüstern, dem ich keinen Widerstand leisten kann. Die Anziehung wird wieder stärker und ich fühle mich wie eine Büroklammer in unmittelbarer Nähe eines riesigen Magneten. Erneut trete ich ein kleines Stückchen näher, sehe mich zur Sicherheit noch mal schnell um – und dann lasse ich mich in das weiche Polster des Bürostuhls fallen.

Einen kurzen Moment schließe ich meine Augen und atme den Geruch von Papier, Druckerschwärze und Erfolg tief ein, der hier überall in den Räumen hängt. Dann fahre ich vorsichtig mit meinen zitternden Händen über die Tastatur; sie fühlt sich unter meinen Fingerkuppen samtweich an. Ich seufze glücklich und widme als Nächstes meine Aufmerksamkeit dem Bildschirm vor mir. Eine fast leere Seite strahlt mich an, auf der lediglich drei Worte stehen: »Papergirl findet, dass …« Oje, die arme Frau scheint wirklich einen völligen Blackout gehabt zu haben. Wie hatte sie es formuliert? Etwas Frauentypisches … Hm …

Einen Moment lang starre ich auf den Cursor vor mir, dann hole ich tief Luft und lasse meine Fingerknöchel knacken. Und wenige Sekunden später huschen meine Hände über die butterweiche Tastatur.

Als ich das erste Mal meinen Blick vom Monitor hebe und er auf die puristisch gestaltete Uhr an der Wand gegenüber fällt, kriege ich einen riesigen Schreck. Eine Dreiviertelstunde sitze ich nun schon an diesem Schreibtisch! Dabei müsste dieses Büro eigentlich längst sauber sein – zeitlich hänge ich sowieso hinterher!

Und warum mache ich das hier eigentlich? Bin ich die Putzfrau oder die Redakteurin? Irgendwie fühle ich mich wie ein Einbrecher, der beim Herumwühlen in der Wäschekommode erwischt worden ist. Und tatsächlich höre ich in diesem Moment draußen im Flur eine Tür schließen – sofort erfasst mich Panik. Mit zittriger Hand greife ich nach der Maus, schließe blitzschnell das Dokument und schalte den Monitor aus. Zum Glück hatte ich die Datei nirgendwo gespeichert!

Dann springe ich vom Schreibtisch auf, stolpere dabei über das Rohr des Staubsaugers und schalte ihn hastig an. Ein lautes Röhren und Summen erfüllt den Raum, und mit hochrotem Kopf jage ich durch das Zimmer, um mich möglichst schnell den anderen Büros widmen zu können.

Als ich später mit meiner Arbeit fertig bin, verlasse ich das Gebäude wie eine Verfolgte – nämlich schnellen Schrittes und mit einem furchtbar schlechten Gewissen.

Stunning Looks-Ausgabe: 23

Cover: Gisele Bündchen

Kolumne: ›Papergirl findet, dass …‹

Heute: ›… Cellulite völlig überbewertet wird.‹

Liebe Stunning-Looks-Leserin,

es gibt in der modernen Welt kaum noch Dinge, vor denen wir uns ängstigen müssen. Die Zeiten, in denen wir uns als Burgfräulein vor dem Drachen oder als Rothaarige mit medizinischem Hintergrundwissen vor dem Scheiterhaufen fürchten mussten, sind Gott sei Dank vorbei. Trotzdem hat es ein Schreckgespenst bis ins 21. Jahrhundert hinein geschafft – und ist sogar erst in dieser Zeit so richtig mächtig geworden. Die Rede ist von: Cellulite.

Cellulite, oft auch als Orangenhaut bezeichnet, tritt hauptsächlich an den Oberschenkeln weiblicher Wesen, hier jedoch in allen Altersgruppen, in Erscheinung. Bei Cellulite handelt es sich lediglich um deutlich erkennbare Dellen in der Haut, die durch eine hormonbedingte Bindegewebsschwäche hervorgerufen werden. So viel zur Theorie.

In der Praxis sieht das Ganze viel schlimmer aus. Für Mädchen, die unter diesem Makel leiden, ist jeder Gang ins Schwimmbad schlimmer als der Weg zur persönlichen Hinrichtung: Am liebsten würden sie den Bikini gegen einen Ganzkörperneoprenanzug eintauschen. Selbst die sensibelsten Geschöpfe unter uns Frauen quälen sich morgens mit einer eiskalten Dusche, um die sich dellende Haut zum Rückzug zu zwingen. Und jeder verfügbare Euro wird in die Investition teurer Mittelchen gesteckt, um die unschönen Stellen an Po und Oberschenkeln mit speziellen Rollern zu traktieren oder sich mit nutzlosen Cremes höchstpersönlich die letzte Salbung zu verpassen.

Ergebnis dieses ganzen Prozederes: ein widerstandsfähiges Immunsystem dank der Wechselduschen, ein schönes Schachbrettmuster auf der Haut dank dem Celluliteroller und zusätzlich eine speckig glänzende Oberfläche dank der täglich mühselig einmassierten Lotionen. Trotz allem: Die verhasste Cellulite ist treu wie ein Golden Retriever – sie lässt sich durch nichts und niemanden von uns trennen.

Zwar sind heutzutage aufgrund der hohen Nachfrage eine Vielzahl unterschiedlicher Behandlungsformen und Kosmetikartikel gegen Cellulite erhältlich, jedoch hat sich bisher keine als wirklich wirkungsvoll erwiesen. Warum? Weil es kein Mittel gegen Cellulite gibt. Zwar können die Menschen inzwischen auf den Mond fliegen oder sich in das andere Geschlecht umwandeln lassen, aber gegen diese Laune der Natur kommt die Wissenschaft einfach nicht an. Ich finde, wir sollten uns langsam damit abfinden.

Wir veranstalten diesen ganzen Zirkus doch ohnehin nur der Männer wegen! Aber mal ehrlich: Welcher Kerl weiß eigentlich, was Cellulite genau ist, und könnte eine dellige Hautpartie als solche entlarven? Genau – kein einziger. Orangenhaut kennen die Männer nur aus den Witzen vom Stammtisch oder aus dem Fußballverein – dabei sollten sie sich einfach vor Augen führen, dass ein kugelrunder Bierbauch auch nichts anderes als eine Form der Bindegewebsschwäche ist. Und hat schon mal ein Mann seine Wampe mit Gumminoppen und Cremes bearbeitet? Wohl kaum.

Also Mädels, spart euch das Geld in Zukunft für diesen Kosmetikquatsch und kauft euch stattdessen lieber ein Paar Manolo Blahniks. Ihr werdet sehen, dass die euer Selbstbewusstsein sofort heben und dabei eure Körperhaltung und Figur um einiges mehr straffen, als es irgendein Cellulite-Mittelchen vermag.

Denkt einfach immer daran: Selbst so tolle Frauen wie Beyoncé oder Scarlett Johansson haben Dellen – ihre Ausstrahlung und ihr Charme leiden aber nicht darunter. Ganz im Gegenteil.

Euer Papergirl

Wer nicht an Wunder glaubt, ist kein Realist

Als ich am nächsten Morgen in der Redaktion ankomme, erwarte ich beinahe, dass die junge Frau wieder verzweifelt vor ihrem Computer sitzt. Doch zu meiner Überraschung ist der Schreibtisch leer und der Raum dunkel wie eh und je. Entweder hatte sie am Tag zuvor doch noch die rettende Idee, oder sie hat sich zwischenzeitlich in die Isar gestürzt.

Als ich nach getaner Arbeit das Büro verlasse, beschließe ich, den Tag mit einer Zeitung, einem Cappuccino und einem Schokocroissant zu starten. Auf dem Weg in mein Lieblingscafé mache ich Halt bei einem Kiosk, um mir eine Zeitung zu besorgen. Meine Vernunft versucht, meine Hand zur Süddeutschen zu führen, doch meine Neugier deutet immer wieder auf die Stunning Looks, die hochglänzend in ihrem Regal steht.

Der Verkäufer bemerkt offenbar meinen inneren Kampf und murmelt unter seinem Schnauzbart: »Ist die neue Ausgabe, habe ich heute Morgen ganz frisch reingekriegt.«

Eigentlich will ich die Stunning Looks nicht lesen – es reicht schon, dass ich für sie putzen muss. Außerdem führt sie mir einfach zu deutlich vor Augen, was ich alles durch mein versemmeltes Studium verpasse und welche tollen Beiträge aus meiner Feder hätten stammen können. Andererseits interessiert es mich brennend, ob die verzweifelte Redakteurin gestern Nacht doch noch von der Muse geknutscht worden ist … Wieder einmal tue ich das, was ich nicht tun sollte: Ich schalte meine Vernunft aus und kaufe mir das Magazin.

Wenig später sitze ich im Café Jasmin, schlürfe meinen Kaffee und starre ehrfürchtig auf das Cover der Stunning Looks, welche vor mir auf dem Tisch liegt. Ich atme tief durch und schlage die erste Seite auf. Das Konterfei von Evelyn Kern blickt mir entgegen. Auf dem Bild hat sie die Arme verschränkt und lächelt, aber ihr Lächeln kommt nicht aus tiefstem Herzen, sondern ist das eines Profis. Ihre rabenschwarzen Haare sind kinnlang und so glatt, als hätte der Friseur beim Styling ein Lineal angelegt. Wie ein Seidentuch schmiegen sie sich an ihren Kopf, ihr kirschroter Lippenstift leuchtet mir entgegen und die dunklen Augen blitzen gefährlich. Ihr Blick ist bestimmend, sie weiß genau, was sie will und was sie kann. Evelyn Kern strahlt pure Macht aus. Es muss mehr als unangenehm sein, vor dieser Frau einen Fehler oder gar das eigene Versagen zugeben zu müssen. Plötzlich kann ich die Verzweiflung der jungen Redakteurin verstehen, die händeringend nach einer Idee für ihre Kolumne gesucht hatte. Ihr Gesicht spiegelte gestern nicht nur Müdigkeit wider, sondern auch Furcht vor den möglichen Folgen ihres Scheiterns …

Ich blättere weiter, betrachte die Modestrecken, lese mich durch die Beautytipps und überfliege die Rezensionen neuester Bücher und Filme. Irgendwo muss doch diese Kolumne sein! Vielleicht wurde sie ja ganz aus dem Programm genommen, nachdem die Redakteurin nichts zustande gebracht hat? Ich blättere zurück zum Inhaltsverzeichnis und lasse meinen Blick über die verschiedenen Themen gleiten. Und dann finde ich eine mir bekannte Headline: »Unsere neue Rubrik: ›Papergirl findet, dass … Cellulite völlig überbewertet wird‹.«

Cellulite? Was für ein Zufall! Ich hatte genau die gleiche Idee, als ich mich verbotenerweise an jenen verführerischen Schreibtisch gesetzt und wie in Trance eine Kolumne verfasst hatte … Ich blättere schnell zu der angegebenen Seite.

Und dann schlägt mir mein Herz bis zum Hals, das Blut rauscht in meinen Ohren, und in meinen Augenwinkeln beginnt es zu flimmern. Das ist mein Text! Haargenau, Wort für Wort, mein Text, so wie ich ihn während eines Anfalls purer Spinnerei auf den Bildschirm der Redakteurin gezaubert hatte! Aber das konnte doch nicht sein!? Ich hatte das Dokument ganz klar geschlossen, ohne zu speichern – arrivederci, liebe Kolumne!

Meine Gedanken rasen, ich versuche mich zu erinnern. Komm, Vicky, denk nach! Ich lasse das Magazin auf den Tisch sinken und massiere hektisch meine Schläfen, denn hinter meiner Stirn beginnt es schmerzhaft zu pochen. Wo zum Teufel haben die meinen Text her? Verzweifelt greife ich nach meinem Handy.

»Nina?«, kreische ich, kaum dass am anderen Ende abgehoben wird. »Notfall! Café Jasmin, komm bitte so schnell wie möglich!«

»Äh … alles … klar«, stottert Nina verwirrt und legt auf.

In der Zwischenzeit winke ich hektisch der Bedienung, bei der ich vor lauter Aufregung ein großes Stück Schwarzwälder und einen zweiten Cappuccino ordere. Nur mit Zucker und Koffein kann ich den Schock verdauen, dass mein Artikel gedruckt wurde! Träume ich das Ganze nur? Kann mich mal bitte jemand zwicken? Oder will mich irgendwer verarschen? Ja, bestimmt, so muss es sein! Bestimmt sitzt Andy im Hinterzimmer des Cafés und lacht sich ins Fäustchen – der erlaubt sich regelmäßig Späßchen mit mir, dafür ist ihm nichts zu teuer oder zu aufwändig. Wenn ich den in die Finger kriege, dann …

Die Bedienung stellt einen Teller mit Torte und eine dampfende Tasse vor mir ab und betrachtet mich besorgt. »Ist mit Ihnen alles in Ordnung? Sie sehen heute so blass aus«, fragt sie freundlich.

»Nein, nein. Bei mir ist alles bestens«, antworte ich und denke: »Bis auf die Tatsache, dass ich wieder einmal Andy auf den Leim gegangen bin, verdammt!«

Die Tür geht auf, und Nina kommt hereingeschwebt, elfengleich, in einer dunkelblauen Marlenehose, einer weißen Schluppenbluse und dazu passenden Ballerinas. Mit ihrem roten Mund und den lackierten Nägeln sieht sie mal wieder aus, als wäre sie gerade einer Mode- oder Kosmetikreklame entsprungen.

»Was ist denn passiert, Süße?« Sie kommt an meinen Tisch gehuscht, haucht mir ein Küsschen auf die Wange und lässt sich dann auf den Stuhl mir gegenüber sinken. Dann fällt ihr Blick auf das Cover des Magazins vor mir. »Oh, du liest die Stunning Looks?«, fragt sie verwundert. »Ich dachte, du hast Blättern wie diesem abgeschworen?«

Ich schenke Nina einen finsteren Blick und schiebe mir trotzig eine Gabel voll Torte in den Mund. Und nachdem ich runtergeschluckt habe, erkläre ich ihr mit Grabesstimme: »Ich glaube, ich werde verrückt.«

»Das bist du doch schon längst«, grinst Nina.

»Noch verrückter als sonst.«

»Verstehe. Warum?«

»Hier, schau dir das an.« Ich blättere das Magazin auf und tippe mit meiner Kuchengabel auf den Artikel vor mir. »Ich sollte zum Neurologen gehen und mich untersuchen lassen. Denn irgendwas stimmt nicht mit mir. Außer Andy hat mir mal wieder einen Streich gespielt. Anders kann ich mir das Ganze nämlich nicht erklären.«

Nina blickt mich irritiert an und legt ihre schöne Stirn in Falten. Dann zieht sie die Zeitschrift zu sich heran, beugt sich über die Kolumne und beginnt zu lesen. Und kichert.

»Das ist doch ein toller Artikel! Wo liegt das Problem? Und was hat das mit dir zu tun?«, fragt sie mich, als sie fertig gelesen hat.

»Ich habe den Artikel geschrieben.«

»Du …? Ich denke, du verdienst dein Geld mit putzen!?«, fragt meine Freundin verwirrt.

»Ja, das mach ich auch. Und zwar bei Stunning Looks.«

»Jetzt kapiere ich gar nichts mehr. Klär mich mal auf!«

»Mein Putzjob ist nicht in irgendeinem Büro«, erkläre ich. »Ich mache morgens die Büros der Textredaktion der Stunning Looks sauber. Und als ich gestern früh ins Büro kam, hat eine der Mitarbeiterinnen verzweifelt versucht, eine Kolumne zu verfassen. Es sollte irgendein Frauenthema sein, etwas, bei dem sich die Leserinnen persönlich angesprochen fühlen. Aber ihr ist absolut nichts eingefallen. Irgendwann hat sie dann kapituliert und ist nach Hause gegangen. Und als ich dann ihr Büro sauber machen wollte, ist mir aufgefallen, dass ihr PC noch an war, und da habe ich … na ja …«

»Vicky!«, ruft meine beste Freundin empört, und ein paar Gäste drehen verwundert den Kopf zu uns herum.

»Ich kann nichts dafür!«, versuche ich mich zu verteidigen. »Der Geist war stark, aber das Fleisch so schwach …«

»Ach, das Fleisch!« Nina schüttelt resignierend den Kopf, sodass ihre blonden Locken hin und her fliegen. »So ein Unsinn! Das war purer Trotz, weil du neidisch auf die Position dieser armen Frau warst und ihr zeigen wolltest, dass du ihren Job besser kannst als sie! Das ist alles!«

»Aber ich …«

»Widersprich mir nicht, ich kenne dich seit der Grundschule, und ich weiß genau, wie du tickst!«

»Hm, vielleicht hast du recht«, gebe ich mich geschlagen und stochere verunsichert in meiner Torte herum.

»Natürlich habe ich das.«

»Aber wie kommt mein Artikel dann ins Heft? Ich habe ihn nicht abgespeichert!«

»Ach, Vicky, hör auf zu träumen! Keine Redaktion der Welt arbeitet heutzutage ohne automatisches Speichern. Natürlich konnten die auf deinen Text zugreifen – und die wären auch schön blöd, wenn sie das nicht getan hätten. Irgendwas musste ja ins Heft, und da kommt doch so ein toller Text aus dem Nichts wie gerufen.«

Die Erkenntnis, dass Nina recht hat, trifft mich wie ein Schlag. »Okay … kann sein …«, stottere ich. »Aber das eigentliche Problem ist, dass jetzt alle denken, dass diese Tussi aus der Redaktion meinen Artikel geschrieben hat!«

»Ja, jetzt heimst jemand anderes deine Lorbeeren ein. Das hättest du dir eben früher überlegen müssen, du bist ja nicht doof«, erwidert Nina ungerührt und nippt an ihrem Cappuccino, wobei ihr Lippenstift einen roten Abdruck auf dem weißen Porzellan hinterlässt.

»Vielen Dank für deine tröstenden Worte!«, schelte ich sie empört. »Dafür hat man auch eine beste Freundin!«

»Ich meine es ja nicht böse, Vicky – das weißt du doch. Aber du hast es darauf angelegt, und dann musst du eben mit den Konsequenzen leben. Und sieh es doch mal so: Dein ganzes Leben lang wolltest du mit einem eigenen Artikel in einem Magazin wie der Stunning Looks erscheinen, und jetzt hast du es geschafft … wenn auch auf einem etwas fragwürdigen Weg. Und wer weiß, vielleicht kommst du früher oder später doch noch zu deinen Lorbeeren …«

Eine Frau zum Pferdestehlen

»Und du hast wirklich geglaubt, das wäre auf meinem Mist gewachsen?«, fragt Andy nun schon zum dritten Mal ungläubig und fällt fast vom Stuhl. So langsam habe ich keine Lust mehr, zu seiner Erheiterung beizutragen. Bin ich hier sein persönlicher Comedian, oder was?

»Habe ich doch schon gesagt! Wäre ja auch schließlich nicht das erste Mal gewesen, dass ich Opfer deiner Scherze werde, oder?«, antworte ich genervt und blicke beleidigt aus dem Küchenfenster.

»Also ich finde, dass dein Artikel ganz große Klasse ist!«, mischt sich Stephan ein und beißt krachend von einem Apfel ab. Und dann fügt er mit vollem Mund hinzu: »Ist doch egal, unter welchen Umständen er ins Magazin gekommen ist. Du hast es geschafft – nur das zählt!«

»Ja, das hat Nina auch gesagt«, gebe ich zu. Dann blicke ich neben mir zu Jan, doch der ist immer noch ganz in den Artikel vertieft.

»Nina ist ja auch eine intelligente Frau«, erklärt Andy, der sich mittlerweile von seinem Lachkrampf erholt hat.

»Das ist ja klar, dass du das so siehst«, feixt Stephan zu ihm hinüber. Es ist ein offenes Geheimnis, dass Andreas ganz vernarrt in meine beste Freundin ist und schon seit ewigen Zeiten immer wieder bei ihr zu landen versucht – doch bisher ohne jeden Erfolg.

»Ausnahmsweise muss ich Andy aber recht geben«, verteidige ich meinen Kumpel. »Nicht umsonst ist Nina zur stellvertretenden Chefin ihrer PR-Agentur befördert worden. Von nichts kommt nichts, und Nina weiß genau, wie man von ganz unten nach ganz oben kommt – und zwar nicht nur durch einen bezaubernden Augenaufschlag mit perfekt getuschten Wimpern!«

»Nina hat wirklich schöne Wimpern«, bemerkt Andy mit verträumter Stimme, und sein Blick hängt gedankenverloren in der Luft. Stephan, Jan und ich beobachten ihn dabei amüsiert. Dann findet Stephan zum eigentlichen Thema zurück.

»Also, Vicky, wenn ich du wäre, würde ich mich nicht ärgern, sondern mich darüber freuen, dass mein Artikel so gut ist, dass er es auf Anhieb in dieses Heft geschafft hat. Das ist ein Riesenkompliment an deine Schreibkünste! Jan, was sagst du denn dazu?«

»Hm?« Er hebt den Blick und sieht uns fragend an.

»Was du zu dieser Sache sagst?«, wiederholt Stephan.

Jan lässt seinen Blick noch einmal kritisch über den Text vor sich schweifen. Dann sieht er wieder auf. »Ich wundere mich wirklich, dass Vicky so gut über Cellulite schreiben kann, obwohl sie doch gar keine hat!«

Daraufhin prustet Stephan los, und ein kleines Apfelstückchen fliegt in hohem Bogen durch die Luft. »Woher willst du das denn wissen?«, lacht er dann.

»Meinst du, ich hab sie in all den Jahren nie im Bikini gesehen? Immerhin ist sie eine sehr gute Freundin von uns«, erklärt Jan und zieht verärgert seine dunklen Augenbrauen zusammen.

»Und dann achtest du so genau auf Details?« Stephan kann es immer noch nicht glauben.

»Und woher weißt du überhaupt, wie Cellulite aussieht?«, meldet sich nun auch Andy zu Wort.

»Na ja, das hat sie in ihrem Artikel ja recht gut beschrieben – und ich kann mich an keinen solchen Makel bei Vicky erinnern«, erwidert Jan genervt. Dem Tonfall nach und dank meiner langjährigen Erfahrung mit den Jungs, kann ich entnehmen, dass ihm die Situation tierisch unangenehm ist. Jan würde sich aber nie die Blöße geben, genau das den anderen gegenüber zu zeigen. Sein Blick huscht verlegen zu mir hinüber, und ich habe das dringende Gefühl, ihn verteidigen zu müssen. Immerhin hat er sich nur in diese Situation hineingeritten, um mir ein Kompliment zu machen!

Stephan klopft Jan lachend auf die Schulter: »Dann beglückwünsche ich dich zu deinem fotografischen Gedächtnis, mein Lieber!«

»Also, Jungs«, schreite ich ein, bevor der Spott noch größer wird. »Zum Glück gibt es noch Männer, die nicht wie ihr zwei alle Mädels nur auf Titten und Hintern reduzieren und deren Anatomiekenntnisse sogar über diese beiden Bereiche hinausgehen!«

»Ooooh, jetzt wird unsere Vicky wieder zum Skorpion – pass auf, Andy, dass dich ihr Giftstachel nicht trifft!«, grölt Stephan und stößt seinem Kumpel den Ellenbogen in die Seite.

»Ach, gegen das Gift bin ich nach all den Jahren schon immun«, feixt Andy in meine Richtung und lacht sich schimmelig.

Jetzt sieht mich Jan jedoch direkt an und ignoriert die beiden: »Was willst du nun machen, Vicky?«, fragt er. Die Jungs verstummen, und nun lasten wieder drei schwere Blicke auf mir. Ich seufze.

»Ich weiß es einfach nicht. Ich kann ja schlecht hingehen und sagen: ›Tut mir leid, aber ich habe mich, anstatt zu putzen, an einen ihrer Computer gesetzt und diese Kolumne hier geschrieben. Als Nächstes sollte ich zur Chefredakteurin befördert werden, finden Sie nicht?‹«

»Das wäre doch mal was«, grinst Jan.

»Ja, stimmt.« Ich seufze wieder, diesmal noch schwerer.

Einen Moment herrscht Stille. Dann fragt Stephan in absolut ernstem Ton: »Und was wäre, wenn du einfach weitermachst?« Nun sind alle Blicke auf ihn gerichtet. »Na ja, wenn du diese Situation nutzt, um denen vom Magazin zu zeigen, was in dir steckt und was für ein Gewinn du für die bist … Mach dich unentbehrlich, werde zur Redaktionsdroge. Während deiner Zeit als Putzfrau fixt du sie an, machst sie abhängig von dir, und dann, WAAAM – stellst du sie vor ein Ultimatum: Entweder du entziehst ihnen ihre Droge, oder sie müssen für ihr Wundermittelchen namens Victoria eine nette kleine Stelle in ihrer gemütlichen Runde springen lassen.«

Ich lasse mir das eben Gehörte durch den Kopf gehen, und auch nach der zweiten Runde durch die engen Kurven meiner Gehirnwindungen verliert Stephans Vorschlag nichts von seiner Genialität.

»Und was, wenn Vickys Spielchen auffliegt?«, gibt Andy zu bedenken. »Wenn sie jemand erwischt? Dann hat sie gar keinen Job mehr, weder als Putzfrau noch als Redakteurin – und noch dazu werden die dafür sorgen, dass sie in ihrer Traumbranche auch in Zukunft keinen Fuß mehr auf den Boden bekommt.«

»Ich glaube nicht, dass sich Vicky so leicht erwischen lassen würde«, widerspricht Stephan.

»Ach nein?«, frage ich überrascht.

»Nein«, stimmt Jan zu. »Jemand, der schon als Achtjährige monatelang von allen Erwachsenen unbemerkt krumme Dinger in der Schule drehte, der wird mit so was spielend fertig.«

»Vicky hat krumme Dinger gedreht? Mit acht Jahren?«, fragt Andy ungläubig.

»Wundert dich das?«, lacht Stephan. »Du kennst unsere Vicky doch schon so lange!«

»Nein, eigentlich nicht«, gibt Andy zu. »Aber ich weiß von der Geschichte gar nichts. Lass mal hören!«

»Also …«, will Jan zu einer Erklärung ansetzen, aber ich lege ihm schnell meine Hand auf den Mund.

»Psst! Nicht verraten!«, flehe ich ihn an. »Das ist so peinlich!«

Unter meiner Hand kann ich spüren, wie sich Jans Mund zu einem amüsierten Grinsen verzieht, und seine Bartstoppeln kratzen dabei leicht über meine Handfläche.

»Ach, Victoria war einfach nur eine prima Geschäftsfrau in der Grundschule. Nicht wahr?« Stephan genießt es sichtlich, mich in eine unangenehme Situation zu bringen. War ja klar, dass mein Titten- und Hintern-Spruch von vorhin nicht ohne Retourkutsche davonkommt.

»Ach ja?« Andy ist ganz Ohr.

»Ja. Vicky hat nämlich während ihrer Kindheit mit ihrer Familie in einem kleinen Vorort von München, sozusagen einem Bauernkaff, gewohnt, wo es auch Pferde und Ponys gab. Eine nette ländliche Idylle eben.« Genüsslich streckt Stephan seine langen Beine von sich, bevor er weitererzählt. »Und überall standen diese süßen Ponys herum, und wie jeder weiß, sind alle achtjährigen Mädchen verrückt nach diesen Viechern. Dann kam unsere kleine Freundin hier auf die tolle Idee, sich mit der weiblichen Pferdeaffinität das Taschengeld aufzubessern.«

»Vicky hat fremde Pferde verkauft?«, fragt Andreas fassungslos, und sein Blick wandert ungläubig zu mir.

»Neeeeein …« Stephan schüttelt heftig den Kopf, und ich spüre, dass Jan neben mir verzweifelt versucht, ein Lachen zu unterdrücken. Ich werfe Stephan einen flehenden Blick zu, doch es ist zu spät. »… sie hat sie vermietet!«

Ich kapituliere und lasse meine Hand von Jans Mund sinken, während er und die beiden anderen Jungs zeitgleich in dröhnendes Gelächter ausbrechen.

Dann blickt mich Andy japsend an: »Wie hast du das denn gemacht?« Also, wenn Lachen wirklich das Leben verlängert, dann hat Andy allein heute drei Jahre dazugewonnen.

Ich richte mich auf – es ist ohnehin zu spät, um dieses peinliche Kapitel meines Lebens noch zu verbergen. Zumindest würde ich nun tapfer und ohne mich zu schämen untergehen. »Das war eigentlich ganz einfach: Ich habe den anderen Kindern in meiner Klasse erzählt, die Pferde würden mir gehören, und jedes Mädchen, das mir wöchentlich 50 Pfennig bezahlte, durfte sich ein Pony aussuchen und es regelmäßig besuchen. Liquidität vorausgesetzt!«, erkläre ich gefasst.

Stephan prustet wieder los. »Und das hat funktioniert?«

»Ja, richtig lange sogar. Weder die Lehrer noch die Eltern haben etwas davon mitbekommen, bis ich einem Kind irgendwann eine Mahnung nach Hause geschrieben habe, weil das Mädchen in der Schule seine 50 Pfennig nicht dabeihatte. Den Brief haben dann leider die Eltern in die Hände bekommen, und ab da war’s mit meinen Geschäften vorbei …« Als nun eine neue Lachsalve abgefeuert wird, muss ich selbst ein wenig grinsen.

»Also unter diesen Umständen mache ich mir wirklich keine Sorgen mehr, dass dein neuer Plan schiefgehen könnte«, erklärt Andreas und wischt sich eine Lachträne aus dem Augenwinkel.

»Solange Vicky keine Mahnungen an die Redaktion schreibt …«, fügt Jan hinzu, und wieder schlagen sich die drei Männer johlend auf die Schenkel.

Mein Name ist Bond, Jane Bond

Das Leben wäre so schön, wenn ich einfach eines dieser riesigen Fenster öffnen, mich auf meinen Wischmopp schwingen und damit davonfliegen könnte! Dann müsste jemand anderes diesen samtweichen königsblauen Teppich mit Reinigungsschaum malträtieren und versuchen, die vielen Abdrücke der Pfennigabsätze unzähliger Designerschuhe auszubügeln. Dann müsste jemand anderes die überquellenden Papierkörbe ausleeren, während die hochglänzenden Porträts namhafter Personen einen bei der Arbeit belächeln. Jemand anderes müsste ertragen, wie Lagerfeld mit behandschuhtem Finger auf einen zeigt, während Naomi Campbell oder Heidi Klum einem mit ihren Blicken folgen und über die Putzfrau lachen. Nein, halt! Heidi würde nicht spotten, unser German Fräuleinwunder ruht in sich selbst, ist glücklich mit ihrem Schmusegatten Seal und ihren niedlichen Kindern und ist durch und durch eine liebenswerte Person, die nie über eine arme, kleine Putzfrau lästern würde, die nur ihren Job macht. Nämlich den falschen.

Der Schreibtisch, an dem ich die Kolumne für die junge Redakteurin verfasst hatte, lockt mich auch heute an wie eine Blume die Biene. Und zwar eine große Blüte in schönen bunten Farben, der Kelch steht weit offen, und ich kann den gelben Stempel und die Pollen sehen, wie sie zwischen den farbigen Blättern hervorleuchten, und den Duft riechen, den der Nektar verströmt. Und ich, nichts weiter als ein wehrloses kleines Insekt, taumele immer wieder summend um die Blume herum, umkreise sie, schlage mit meinen Flügelchen und versuche, dem Reiz zu widerstehen, dort im Kelch zu landen, meine sechs Füßchen mit gelbem Blütenstaub schmutzig zu machen und – eine erstklassige Kolumne in die Tasten zu hämmern! Doch mit allerletzter Kraft kann ich widerstehen.

Warum kann ich nicht einfach Freunde haben, die mich wieder zur Vernunft bringen, wenn ich Dummheiten begehe? Die mir Flausen austreiben, anstatt mit mir zusammen Luftschlösser zu bauen? Und die mir schon gar nicht dabei helfen, verrückte Pläne zu schmieden, wenn ich doch eigentlich aus meinen Fehlern lernen sollte.

Als ich nach Hause komme, ist es noch verhältnismäßig früh, und andere Leute gehen um diese Zeit gerade erst zur Arbeit. Wenigstens habe ich schon Feierabend und kann mir einen schönen Tag machen. Und mich nachmittags mit Nina im Café Jasmin treffen. Oder einen ausgedehnten Spaziergang mit Caruso machen. Vielleicht sogar beides, Zeit genug habe ich ja.

Es klingelt, und als ich meine Tür öffne, steht Jan auf meiner Fußmatte. Er ist frisch rasiert und geduscht, und er verströmt einen unheimlich männlichen Duft, gemischt mit dem Aroma von kräftigem Kaffee, den er morgens becherweise in sich hineinschüttet, um überhaupt erst richtig wach zu werden. Er trägt schon seine Arbeitsmontur, einen grauen Overall und schwere Schuhe, denn Jan hat eine eigene kleine Werkstatt und arbeitet als Kfz-Mechaniker. Wenn er abends von der Arbeit kommt, dann riecht er meistens nach Schweiß und Motoröl, aber trotzdem immer noch irgendwie nach Jan und kein bisschen unangenehm … Hm, wie komme ich da jetzt eigentlich drauf? Komisch, sonst interessiert es mich doch auch nicht, wie er riecht!

»Hey, was machst du denn schon so früh hier bei mir?«, frage ich und halte die Tür auf, damit er meine Wohnung betreten kann. Caruso kommt um die Ecke gefegt und begrüßt seinen menschlichen Kumpel stürmisch.

»Morgen. Ich hab dir was mitgebracht.« Jan lächelt mich an (also zeigt der Kaffee schon seine Wirkung) und wühlt in einer der vielen Taschen seines Overalls, in der Schlüssel und Schrauben durcheinanderklimpern.

»Echt? Was denn?« Ich bin neugierig wie ein kleines Kind, echt schlimm ist das. Dann zieht er einen kleinen Plastikgegenstand aus seiner Tasche und hält ihn mir hin.

»Was ist das?«, frage ich und betrachte das blaue Ding skeptisch von allen Seiten.

»Das ist ein USB-Stick. Du schreibst deine Artikel ab jetzt zu Hause, speicherst sie auf diesen Stick hier und nimmst sie mit in die Redaktion. So musst du weniger Zeit an fremden Computern verbringen – und das Risiko, dass du erwischt wirst, ist viel geringer!«

»Das ist ja genial!«, rufe ich. Dass Jan sich darüber Gedanken gemacht und sich etwas hat einfallen lassen, freut mich ehrlich! »Das ist echt lieb von dir! Danke!«

»Kein Problem. Wie war’s denn in der Arbeit bei dir?«

»Ach …« Ich verdrehe die Augen. »Es macht einfach keinen Spaß. Aber das habe ich ja auch nicht erwartet. Das Schlimmste ist: Ständig lockt mich dieser blöde Schreibtisch mit diesem blöden Computer!«

»Na, dann wird’s Zeit, dass du diesem blöden Ding endlich zeigst, wo’s langgeht!« Jan grinst, lüpft einen imaginären Hut, zwinkert mir zu und entschwindet dann durch meine Tür, um sich auf den Weg zur Arbeit zu machen. Ich bleibe auf der Schwelle stehen und blicke auf den USB-Stick in meiner Hand, während ein leises Lächeln meine Mundwinkel umspielt.

»Da hast du dir ja schöne Komplizen angelacht«, schlussfolgert Nina, als wir im Café Jasmin sitzen und ich ihr von der Reaktion der Jungs erzähle.

»Ja, das trifft es ganz gut. Denn eigentlich ist es schon etwas Unrechtes, was ich da tue, oder?« Unsicher nage ich an meiner Unterlippe herum.

Nina zuckt die Schultern. »No risk, no fun«, erwidert sie ungerührt und lässt ihren Blick über die Kuchentheke schweifen.

»Aber was, wenn aus dem Spaß doch ganz schnell Ernst wird?« Ich bleibe skeptisch.

»Du denkst zu viel nach! Trau dich einfach, riskier auch mal was. Nur so kommt man in der Berufswelt voran. Und solltest du wirklich auf die Nase fallen, dann helfen wir dir schon wieder auf! Ich meine, sieh’s doch mal von der Seite: Wenn du anstatt einer Redaktion irgendwelche normalen Büroräume putzen würdest, dann müsstest du vielleicht auf immer und ewig Putzfrau bleiben. Du hättest dann gar nicht erst die Chance, das Ruder herumzureißen und vielleicht doch noch an deinen Traumjob zu kommen.«

Einen Moment lang sehe ich sie nachdenklich an. Damit hatte sie recht! Vollkommen recht! »So habe ich das noch gar nicht gesehen«, gebe ich zu und wickle mir eine Haarsträhne um den Zeigefinger.

»Siehst du.«

»Also soll ich es einfach versuchen?«

»Genau. Hast du denn schon eine Idee für eine mögliche nächste Kolumne?«, fragt Nina neugierig. Ich ziehe den Speicherstick aus der Tasche, den Jan mir heute Morgen geschenkt hat, und lege ihn vor ihr auf den Tisch.

»Eine? Hunderte! Und vielleicht wirst du dich in der nächsten Ausgabe schon selbst davon überzeugen können …«

Als ich an diesem Morgen das Verlagshaus betrete, spüre ich ein Kribbeln in meinem Bauch, wie ich es als Kind immer nach hemmungslosem Brausepulverkonsum hatte. Ich fühle mich wie in einem Film, wie eine Agentin in geheimer Mission, die sich unentdeckt an die Computer international bedeutender Firmen pirschen muss, um den Code zu entschlüsseln, der die Welt vor dem Untergang bewahren kann. Ich bin Bond, Jane Bond, und ich bin hier, um die Erde vor dem Aufprall eines Meteoriten zu retten, der alles Leben auf diesem Planeten innerhalb weniger Sekunden vernichten würde – und nur durch mein Zutun kann genau das verhindern werden.

Leider trage ich anstatt eines gut sitzenden Anzugs oder eines eng anliegenden Latexoveralls nur Jeans und T-Shirt und habe verschlissene Converse an meinen Füßen, aber immerhin bin ich als Undercover-Agentin unterwegs und muss mich absolut unauffällig verhalten. Nach erfolgreicher Ausführung meiner Mission werde ich dann mit meinem persönlichen Bondboy (wenn es Bondgirls gibt, muss es schließlich auch dementsprechende Jungs geben, oder?) in einem tiefschwarzen Aston Martin sitzen, und während er mir einen Martini rührt (keinesfalls schütteln!), düsen wir über italienische Küstenstraßen in den Sonnenuntergang hinein. Ach ja!

In der Realität ist mein Auftrag nicht ganz so brisant, das gebe ich zu, aber er ist für mich nicht weniger nervenaufreibend. Der Speicherstick in meiner Jeanstasche brennt förmlich durch den Stoff hindurch und versucht damit, an mein Gewissen zu appellieren. Aber: Ich habe mir fest vorgenommen, die Sache durchzuziehen. Mein Text, der sich auf dem Stick befindet, ist gut, und mein Wille, den Wischmopp endgültig und für alle Zeit gegen einen schicken Laptop zu tauschen, extrem groß. Also ignoriere ich das wilde Hämmern meines Herzens, das gegen meine Rippen schlägt, sowie das laute Rauschen in meinem Kopf und den Schweißfilm, der sich über meine Hände legt. Immer wieder wische ich sie an meiner Hose ab, während ich durch die langen Gänge der Redaktion schreite und mich anstrenge, möglichst unschuldig und unbeteiligt zu wirken.

Ich beschließe, erst zu putzen und dann den Text auf den Computer zu kopieren – auch auf die Gefahr hin, dass ich vielleicht keine Zeit mehr dafür habe, weil eine der Redakteurinnen schon früher in die Arbeit kommt. Ich muss mich einfach beeilen! Also schnappe ich mir Staubsauger, Müllbeutel und was ich sonst noch alles brauche und lege los. Es dauert auch wirklich nicht lange, bis ich all meine Aufgaben erledigt habe. Zugegeben, vielleicht war ich heute nicht ganz so gründlich wie sonst, aber dafür habe ich jetzt noch genug Zeit, meine geheime Mission auszuführen.

Ich gehe also in das Büro, den Speicherstick fest in meiner Hand, und bleibe vor dem Schreibtisch stehen, auf dem das Ziel meiner Begierde, der Computer, steht. Ich drücke einen kleinen Knopf, um ihn zu starten, und während er mit leisem Summen sein System hochfährt, lausche ich nach möglichen Schritten auf dem Flur, auch wenn der dicke Teppich dort jedes Geräusch verschluckt und aus jedem Trampeln ein Schleichen macht. Deshalb öffne ich die Tür einen Spaltbreit und halte nach möglichen Ruhestörern Ausschau.

Als ich dann meinen Blick wieder dem Computer zuwende, stehe ich plötzlich vor einem Riesenproblem: dem Passwortschutz. Ich schlage mir vor die Stirn. Natürlich! Der Computer war bei meinem ersten Vergehen ja bereits an gewesen! Aber jetzt … Wo zum Teufel soll ich jetzt dieses Passwort herbekommen? Fieberhaft schwirren meine Finger über die Tastatur und geben alle möglichen Kennwörter ein, die mir auf die Schnelle einfallen: Stunning Looks, Fashion, Heidi, Gisele, Prada … Natürlich ist keines von ihnen richtig.

Ich bin so konzentriert, dass ich fast nicht bemerke, als die Tür aufgeschoben wird. Und nur ganz kurz bevor sich ein wuscheliger Frauenkopf durch den geöffneten Türspalt schiebt, springe ich wie von der Tarantel gestochen auf, und das innerhalb von Millisekunden.

Alarmstufe rot!

»Hier bist du.« Es ist eine Kollegin von mir, die für die Reinigung der Moderedaktion verantwortlich ist. »Ich wollte dir nur sagen, dass ich jetzt Feierabend mache. Ich wünsch dir einen schönen Tag.«

In meinen Ohren höre ich mein Blut rauschen. »Ich dir auch. Bis morgen.«

»Bis dann.« Ihr Kopf verschwindet, und die Tür schließt sich wieder.

Puh, sie scheint nichts gemerkt zu haben. Dafür habe ich einen Puls wie nach einem Marathonlauf, und der Angstschweiß lässt mein T-Shirt an meinem Rücken kleben. So, nun aber zurück zu meinem Hauptproblem, dem Passwort.

Ich lasse mich wieder in den Drehstuhl zurücksinken und trommle mit meinem Finger hektisch auf der Tischplatte herum. Was soll ich nur tun? Ich brauche Hilfe. Das ist das Aus für Jane Bond, die Superagentin im Alleingang! Ich brauche Unterstützung, einen Assistenten. Sherlock Holmes hatte schließlich auch immer einen, und sogar die Kommissare vom Tatort sind nie allein, die dürfen ihre Fälle immer zu zweit lösen. Ich fische mein Handy aus einer Tasche meines Putzkittels und wähle, ohne lang darüber nachzudenken, die Nummer eines meiner Komplizen.

»Jan!?«, wispere ich ins Telefon, nachdem der nach einer gefühlten Ewigkeit endlich abhebt.

»Vicky?« Seine Stimme klingt noch ganz belegt vom Schlafen, und er hört sich richtig zerknittert an. Ach Mist, ich hatte ja ganz vergessen, wie früh es noch ist!

»Hab ich dich geweckt?«

»Ja.« Er gähnt. »Aber ist nicht schlimm. Warum flüsterst du? Und warum rufst du so früh an?«

»Der Computer«, zischele ich in mein schwarzes Klapphandy. »Er ist geschützt.«

»Welcher Computer?« Dann scheint es ihm zu dämmern. »Er ist passwortgeschützt? Dass ich da nicht selbst dran gedacht habe! War ja anzunehmen, dass die nicht blöd sind.«

»Was soll ich jetzt tun?«, frage ich verzweifelt und betrachte den Speicherstick, den ich in der freien Hand halte.

»Hm, keine Ahnung, ich brauch erst mal Kaffee.« Mein Kumpel geht wohl gerade in die Küche, und ich kann förmlich durch das Telefon hindurch hören, wie er in seinem Kopf nach einer schnellen Lösung kramt. »Lass ihn da.«

»Wen?«

»Den USB-Stick. Leg ihn auf die Tastatur oder an einen anderen Platz, wo man ihn gleich entdecken kann.«

»Aber … den hast du mir geschenkt! Den kann ich doch nicht einfach hierlassen!«, antworte ich aufgeregt.

»Du kriegst einen neuen!«, verspricht mir Jan. »Aber eine andere Möglichkeit haben wir nicht.« Er hat wir gesagt! Aber noch ehe ich mich darüber freuen oder wundern kann, wandern meine Gedanken zum eigentlichen Thema zurück.

»Es ist also nicht schlimm, wenn ich ihn hierlasse?«

»Nein. Das musst du sogar, wenn du die Sache noch durchziehen willst!«

»Na gut«, seufze ich.

»Dann viel Glück, und lass dich nicht erwischen«, sagt Jan – und im Hintergrund höre ich jemanden wiehern. Ich werde hellhörig.

»War das da gerade Stephan?«, frage ich.

Jan kichert amüsiert. »Du weißt doch, dass er morgens immer so früh aufstehen muss.«

»Was kein Grund ist, ihn in unser Gespräch miteinzubeziehen!«, zische ich beleidigt.

»Ach, Süße, hab dich nicht so!«, höre ich Stephans Stimme am anderen Ende der Leitung. Jan hat also auf Lautsprecher gestellt. »Immerhin stecke ich mit in deinem kriminellen Plan, schon vergessen?«

»Pah!«, erwidere ich und lege demonstrativ auf. Für solche Kindereien habe ich jetzt wirklich keine Zeit! Ich positioniere den Speicherstick wie mir befohlen auf der Tastatur und verlasse nach vollendeter Missetat gehetzt das Büro.

Stunning-Looks-Ausgabe 24

Cover: Agyness Deyn

Kolumne: ›Papergirl findet, dass …‹

Heute: ›… Männer und ihre Socken ein Phänomen sind.‹

Liebe Stunning-Looks-Leserin,

man muss noch nicht einmal zwingend mit einem Vertreter des männlichen Geschlechts zusammenleben, um das Phänomen der herumliegenden Socken zu beobachten. Auch vorübergehende Bekanntschaften neigen zu dem Verlust dieser – nicht unbedingt attraktiven – Kleidungsstücke.

Frauen, die noch keine Erfahrungen auf diesem Gebiet sammeln konnten, stehen dem Ganzen anfangs noch wohlwollend gegenüber. »Ach, er ist halt sehr beschäftigt, und es kann ja mal passieren, dass er vergisst, seine Socken in die Wäsche zu legen.« Neulinge begehen sogar den Fehler, diese Aufgabe für ihn zu übernehmen. Oder sie sind vernünftigerer Natur und lassen sie liegen, in der Annahme, der Besitzer würde früher oder später auf seine Abkömmlinge aufmerksam werden und sie selbstständig aufräumen.

Doch weit gefehlt! Erfahrene Frauen wissen: Männliche Socken auf dem Fußboden sind nicht minder dauerpotent wie ihre Besitzer und vermehren sich zusehends. Täglich kommen neue hinzu, und es drängt sich der Verdacht auf, es handele sich bei Strümpfen um ausgesprochene Herdentiere. Doch warum haben Männer denn überhaupt dieses Sockenherumliegenlassen-Gen?

Ich habe über die Jahre eine ganz eigene These aufgestellt. Männliche Hunde, das ist ja bekannt, markieren ihr Revier, um Gleichgesinnten klarzumachen: »Alles meins: meine Straße, meine Laterne, meine Bushaltestelle, und vor allem mein Baum!« Nun, ich glaube, dass Männer mit ihren Socken ebenfalls ihr Revier markieren. Ob es sich nun um den Bart-Simpson-Strumpf oder um die Hugo-Boss-Socke handelt, egal. Hauptsache, sie vermitteln allen anderen Männern, die das Schlafzimmer betreten: »Hier wache ich. Du hast hier nichts verloren. Meine Wohnung, mein Bett, meine Frau.«

Meine These zieht noch viele andere Überlegungen nach sich. So zum Beispiel über die Art des Markierens. Hunde heben ja ihr Bein, um ihre Duftmarke möglichst hoch zu setzen und in Nasenhöhe der anderen Vierbeiner platzieren zu können. Wäre es als Mann nicht auch sinnvoller, die Socken in Augenhöhe an der Wand zu montieren? Vielleicht sollte seine Partnerin ihm anbieten, entsprechende Haken zu befestigen. Dann würden die Strümpfe wenigstens nicht mehr auf dem Boden herumliegen.

Trotz der Erkenntnis, dass es sich beim männlichen Sockenverlust lediglich um einen Urinstinkt handelt und man(n) quasi nicht gegen seine Triebe aufbegehren kann, sollte man versuchen, ihm diese Unart abzugewöhnen. Am besten eignet sich hierbei die Methode, ihn bei erfolgreicher Ausführung seiner Aufgaben gründlich zu loben (womit wir wieder beim Hundevergleich angekommen wären). Hat er seine Socken selbstständig in die Wäsche gelegt, bekommt er ein Leckerli, ähm, pardon, einen Kuss natürlich. Damit erledigt sich das Problem bald ganz von allein. Ganz nach dem Motto:

»Komm her, Schatz, das hast du fein gemacht!«

»Wuff!«

Euer Papergirl

In der Höhle des Löwen

»Ich würde ja fast dagegenwetten«, gebe ich auf dem Weg zum Zeitungskiosk ums Eck zu. Nina, Jan, Stephan und Andy begleiten mich als kleine Menschentraube.

»Das werden wir ja gleich sehen«, ermuntert mich meine beste Freundin und beschleunigt ihre Schritte, um Andy loszuwerden, der ihr nicht mehr von der Seite weicht, seit wir von zu Hause los sind.

»Und was, wenn nicht?«, beginne ich wieder.

»Dann lassen wir uns etwas anderes einfallen«, sagt Stephan und klopft mir aufmunternd auf die Schulter.

»Ich bin mir ziemlich sicher, dass es geklappt hat«, gibt Jan seinen Senf dazu.

Beinahe zeitgleich bleiben wir alle vor dem hohen Zeitschriftenregal stehen. Da ist sie, die druckfrische Ausgabe der Stunning Looks – wie sie im Licht der Sonne funkelt und glänzt, als würde sie mir sagen wollen: Sieh nur her, ich bin viel zu fein und anspruchsvoll für dich! Du wirst nie für mich arbeiten dürfen, nie!

Wir sehen uns der Reihe nach unsicher an.

»Ich will es gar nicht sehen«, sage ich entschieden und trete mit geschlossenen Augen einen Schritt zurück, wobei ich fast eine kleine runzelige Frau umgestoßen hätte.

Andy streckt seine Hand aus und greift nach der Stunning Looks. Wir alle halten den Atem an, als er das Inhaltsverzeichnis aufschlägt und sein Finger suchend durch die Rubriken wandert.

»Und?«, fragt Nina gespannt, die offensichtlich ihre Vorbehalte Andy gegenüber vergessen und sich dicht an ihn gequetscht hat, um auch einen Blick ins Heft werfen zu können.

Auch ich werde immer hibbeliger, umso länger mein Kumpel auf die Hochglanzseiten vor sich starrt. Er runzelt die Stirn, blättert durch das Heft, Seite um Seite, grummelt etwas, schlägt dann eine bestimmte Seite auf und fliegt über die Zeilen.

»Was ist jetzt?«, fragt auch Stephan voller Ungeduld, und aus lauter Nervosität greife ich nach Jans Hand, der meine aufmunternd drückt.

»Tja …« Andreas sieht mich an, seine Miene verrät keine Gefühlsregung. Seine braunen Bartstoppeln schimmern im Sonnenlicht kupfern. Dann breitet sich ein Grinsen auf seinem Gesicht aus, und er streckt mir seine Hand zum Einschlagen hin. »Sieht so aus, als wäre der Plan aufgegangen.«

»Was?«, rufe ich fassungslos.

Nina reißt ihm ungläubig das Magazin aus der Hand, und ihre Augen jagen über die Zeilen. »Er hat recht!«, jubelt sie und fällt mir um den Hals. »Du bist im Heft!«

Jan reißt als Nächster die Stunning Looks an sich, und er und Stephan beugen sich tief über das Magazin, um sich selbst davon zu überzeugen.

Ich selbst kann es immer noch nicht glauben und angele mir jetzt ein eigenes Exemplar aus dem Zeitschriftenständer.

»Seite 64«, quietscht Nina, und ich schlage die entsprechende Seite auf.

»Das kann nicht wahr sein«, ächze ich und spüre, wie ich das Gleichgewicht verliere. Zum Glück fängt mich meine beste Freundin auf.

»Ist das nicht toll?«, ruft sie und zieht mich fest an sich. »Du hast es wieder geschafft! Zum zweiten Mal!«

»Jetzt müssen wir nur noch dafür sorgen, dass es auch so weitergeht«, bemerkt Andy trocken, und die beiden anderen Jungs nicken zustimmend.

Als ich am nächsten Morgen meine Schicht antrete, habe ich gute Laune. Ich bin irgendwie nicht so müde wie sonst, und die Tatsache, dass der Notfallplan mit dem Speicherstick aufgegangen ist, beflügelt mich zusätzlich. Ich streife mir meinen Putzkittel über und mache mich an die verantwortungsvolle Aufgabe, den Staubsaugerbeutel auszuwechseln. Ich befestige die Stöpsel meines MP3-Players an meinen Ohren, denn ich habe mir angewöhnt, mir die triste Arbeit mit schwungvoller Musik zu verschönern. Und dann mache ich mich, bewaffnet mit einem Putzlappen und den Sportfreunden Stiller in meinem Gehörgang, auf den Weg zum ersten Redaktionsbüro, in dem der lockende Computer steht. Ich lasse mich von diesem Wunderwerk der Technik nicht mehr verführen, sondern zeige ihm, wo’s langgeht, indem ich ihm provokant den Staub von jeder einzelnen Taste wischen werde …

Schwungvoll reiße ich die Tür auf und stürme, laut »Ich, Roque« grölend, in besagtes Büro. Dort bleibe ich wie erstarrt stehen, immer noch die Türklinke in der Hand, mit erschrocken aufgerissenen Augen und langsam erstickendem Gesang.

»Na, Putzteufelchen? So gut drauf heute? Ist ja auch kein Wunder nach dem Coup, den du wieder gelandet hast, oder?« Die junge Redakteurin von damals sitzt auf ihrem Stuhl, die Arme verschränkt und die Füße, welche in edlen Lederstiefeln mit schwindelerregenden Absätzen stecken, überkreuzt auf den Schreibtisch gelegt.

»Mor…gen«, stammele ich und suche verzweifelt nach einer Fluchtmöglichkeit.

»Kommst du zum Putzen oder um dich am Eigentum anderer Leute zu vergreifen?« Die Stimme der Redakteurin klingt spöttisch und gefährlich kühl.

»Also, so kann man das wirklich nicht sagen …«, versuche ich mich zu verteidigen. Plötzlich habe ich wieder zu meiner Stimme gefunden.

»Wie willst du diesen Übergriff denn sonst nennen? Ein Versehen? Hm, lass mich raten: Du hast einfach nur geputzt, und während des Staubwischens bist du – Hoppla – auf ein paar Tasten gekommen und hast damit unabsichtlich einen ganzen Artikel entstehen lassen?«

Wenn ich irgendetwas hasse, dann sind das Frauen, die genauso oder noch zickiger sind als ich. Und wenn sie meint, wir wären schon beim »Du« angekommen, dann bitte sehr. »Ich habe dir damals mehr oder weniger aus der Patsche geholfen«, erinnere ich sie.

Sie lacht gekünstelt auf. »So nennst du das also? Und das zweite Mal?«

»Offenbar warst du auch in diesem Fall dankbar für meinen Artikel«, traue ich mich zu erwidern. Ich ziehe die Stöpsel meines MP3-Players aus meinen Ohren, um mir ihre Feindseligkeiten ohne die Sportis im Hintergrund anhören zu können. Nicht, dass ich womöglich noch irgendwelche Nettigkeiten verpasse! Ruckartig zieht die Redakteurin die Beine vom Tisch und steht so schnell auf, dass sich ihr Stuhl noch einige Male um sich selbst dreht. Mein Herz rutscht mir in die Hose. Was, wenn sie mich mit einem ihrer High Heels erdolcht?

»Jetzt hör mir mal gut zu: Das hier ist mein Arbeitsplatz, an dem hast du rein gar nichts zu suchen, außer du wischst ihn ab – und das ist auch das höchste der Gefühle, haben wir uns verstanden? Ich lasse nicht zu, dass eine armselige Putzfrau meinen Job macht! Ich habe nicht umsonst so viele Jahre in meine Karriere investiert!«, zischt sie. Dabei kommt sie mir gefährlich nahe.

»Warum hast du dann meinen Text genommen und dafür gesorgt, dass er ins Heft kommt? Schließlich hat dich keiner dazu gezwungen, oder?«, wage ich entgegenzuhalten.

Einen Moment lang scheint die Redakteurin nach Worten zu suchen, denn sie funkelt mich nur stumm an. Dann hat sie ihre Sprache wiedergefunden. Leider.

»Es war eine Notsituation, das gebe ich zu. Ich habe zurzeit sehr viel Stress; mein Beruf ist etwas anspruchsvoller als deiner.« Herablassend mustert sie meinen Putzkittel. »Ich bin ausgelaugt und es hat mir an Ideen gefehlt, aber in diesem Job musst du funktionieren – immer! Hätte ich nichts abgeliefert, dann …« Diese Frau, die versucht, mich emotional wie physisch in die Enge zu treiben, schluckt und wirkt für einen Sekundenbruchteil richtig menschlich. Mir ist sofort klar, dass ein fehlender Artikel für sie das Todesurteil bedeutet hätte – und dass sie nicht zum ersten Mal versagt hat. Aber das würde sie mir gegenüber natürlich nie im Leben zugeben.

»Also, so wie ich das sehe, solltest du mir eher dankbar sein, anstatt mich jetzt so anzumachen.« Ich sehe ihr herausfordernd in die Augen.

»Bist du noch zu retten?«, faucht sie mich mit letzter Kraft an. Dann kommt aber völlige Erschöpfung über meine Kontrahentin, und sie beginnt zu taumeln. Sie ist ausgebrannt, nur noch ein Haufen Asche. Und angesichts dieser Tatsache reift in mir eine geradezu geniale Idee …

»Vielleicht könnten wir ja beide von dieser Sache hier profitieren«, wage ich zu sagen und geleite sie vorsichtig zu ihrem Stuhl.

»Auf keinen Fall! Du hast die längste Zeit diese Redaktionsräume geputzt, wenn du dich noch einmal an meinen Computer traust, das schwör ich dir!«, keift sie wieder los, aber ihre Stimme ist nicht mehr ganz so schneidend wie eben.

»Lass mich doch erst mal ausreden«, erwidere ich gelassen. Nachdem sie sich gesetzt hat, gehe ich ein paar Schritte im Raum auf und ab. »Was wäre, wenn du dir eine kleine Auszeit gönnst? Du brauchst sie dringend, das wissen wir beide.« Sie holt Luft und öffnet den Mund, um mir zu widersprechen, aber ich hebe die Hand, und sie hält inne. »Du tust also einfach weiterhin so, als wärst du die fleißige Biene, für die du dich ausgibst, und veröffentlichst weiterhin deine tolle Kolumne.« Ich suche ihren Blick, und Bingo, ich habe mit meiner Vermutung ins Schwarze getroffen! »Und anstatt deine ganze Energie zu verschwenden, um meinen Stil zu imitieren, lässt du mich einfach weiter die Artikel für dich schreiben. Wir bilden eine Art Symbiose!«

»Für mich bist du eher ein Parasit!«, erwidert mein Gegenüber schnippisch, und ich spüre, wie mich Gift und Galle dieser Frau immer mehr erschöpfen. Ich seufze.

»Na gut, dann lassen wir es eben. Vielleicht kommst du ja doch noch nach weiteren schlaflosen Nächten auf einen grünen Zweig und kannst dir neue Folgen der Kolumne aus dem Ärmel schütteln.« Ich lasse meine Stimme gleichgültig klingen, zucke betont desinteressiert mit den Schultern und wende mich dann langsam zur Tür.

21, 22, 23 …

»Warte!« Ha! Es klappt doch immer wieder!

»Ja?« Ich drehe mich wieder zu ihr herum.

»Was springt dabei für dich raus? Du machst das doch sicherlich nicht umsonst!« Argwöhnisch betrachtet sie mich aus ihren müden Augen, die sie sorgfältig mit blauem Kajal umrandet hat. Ich überlege kurz.

»Ach, weißt du, verpetz mich einfach nicht, und lass mich meinen Job hier behalten, dann sind wir quitt«, erwidere ich.

Sie denkt kurz nach. In ihr tobt ein Kampf, das sieht man. Ihr Stolz gegen die Angst vor der eigenen Kündigung, wenn sie nicht das liefert, was man von ihr erwartet. Eine über die Jahre antrainierte Maske der Unantastbaren ringt mit der Furcht vor weiteren schlaflosen Nächten.

»Na gut.« Ihre Schultern sacken zusammen. Sie hat den Kampf auf jeden Fall verloren.

»Ich bin Vicky.« Ich mache ein paar Schritte auf sie zu und strecke ihr meine Hand entgegen, bleibe aber vorsichtshalber immer noch auf Abstand.

Sie betrachtet einen Moment lang meine Hand, als wäre sie etwas Giftiges. Dann reicht sie mir ihre feingliedrigen und kühlen Finger. Die ganze Frau ein wandelnder Nordpol – äußerlich und innerlich.

»Ich bin Julia.« Sie lächelt nicht, ihr Gesicht ist völlig reglos.

»Wann ist die nächste Kolumne fällig?«, frage ich sachlich, um auch nach unserer persönlichen Vorstellung Distanz zu wahren.

»In zwei Wochen sollte sie fertig auf meinem Tisch liegen.« Julias gefühlloser Blick ruht nachdenklich auf mir. Dann scheint sie innerlich eine Entscheidung gefällt zu haben, denn es kommt wieder Bewegung in die viel zu dünne Person mit den langen schwarzen Haaren, die glatt und glänzend ihren Rücken hinabfließen. Ohne ein weiteres Wort steht sie auf, stakst geräuschlos an mir vorüber und verschwindet durch die Tür. Als ich es endlich wage, ihr hinterherzublicken, sehe ich nur noch, wie die schwere Glastür im Flur ganz langsam zufällt.

Caruso jagt über die weiten Grünflächen des Englischen Gartens, dreht immer wieder um, umkreist mich schwanzwedelnd und bellt mich auffordernd an. Ich werfe die knallpinke Frisbeescheibe, und er hetzt wie der Blitz davon, um sie mir zurückzubringen, nur um das Spiel gleich wieder von vorne zu beginnen. Abwechselnd werfe und lobe ich und hänge dabei meinen Gedanken nach.

Ich kann es einfach nicht fassen, dass ich jetzt mitten im Spiel bin. Nein, ich meine nicht das Frisbeespiel mit meinem Hund, sondern das Katz-und-Maus-Spiel bei der Stunning Looks. Zwar bin ich mir noch nicht sicher, ob ich statt der Katze nicht doch die Maus bin, aber immerhin spiele ich jetzt mit, und zwar in der 1. Liga des Mode- und Lifestyle-Journalismus des Landes. Endlich war mir das möglich, was ich mir immer gewünscht hatte und was mir dann so plötzlich wieder genommen worden war – wenn auch vorerst nur als Undercover-Auftrag.

Ich bin so in meine Gedanken versunken, dass ich nicht merke, wie plötzlich Andy neben mir steht. »Hallo, Vicky!«

»Hey, wo kommst du denn auf einmal her?«

»Von der Arbeit.«

»Und auf dem Heimweg gehst du durch den Englischen Garten?«, frage ich mit gerunzelter Stirn.

»Ach, mir war nach frischer Luft«, antwortet er leicht melancholisch und beugt sich zu Caruso hinab, um ihn hinter den Ohren zu kraulen.

»War dein Arbeitstag nicht so erfolgreich?«, frage ich. Andreas arbeitet als Koch in einem gut gehenden Restaurant in Schwabing.

»Ging so …« Er wirft die Frisbeescheibe, und wir beide sehen meinem Ca de Bestiar nach, wie er ihr hinterherhetzt.

»Du … Vicky?«, fragt er dann.

»Ja, Andy?«

»Kannst du mir nicht irgendwelche Tipps geben?«

»Tipps?«

»Wie ich an Nina rankommen kann?«

»Ach, Andy …«, seufze ich. »Das Thema hatten wir doch schon …«

»Ja, ich weiß. Aber … Keine Ahnung. Vergiss es einfach!«

»Aber?«

»Egal!« Mit hängenden Schultern trottet er von dannen, und Caruso und ich blicken ihm verwundert hinterher. Was war das denn eben? So kenne ich Andy ja gar nicht! Aber dieses Drama geht nun schon wirklich lange, und ich kann einfach nicht verstehen, warum er nicht einsieht, dass er bei Nina keine Chance hat. Er hat es so oft versucht, und trotzdem hat sie ihn jedes Mal abblitzen lassen. Und dabei ist Andy wirklich ansehnlich – die Mädchen stehen regelrecht Schlange. Doch um ganz ehrlich zu sein: Andreas ist zwar ein wirklich feiner Kerl, aber keine seiner Beziehungen, welche er immer mal wieder mit einer seiner Verehrerinnen beginnt, war je von Dauer – und natürlich will ich Nina unnötigen Kummer ersparen. Ich glaube, sie weiß ganz genau, was gut für sie ist und was nicht, und wenn sie Andy nicht will, dann hat das seinen Grund. Bei ihr hat immer alles Hand und Fuß und ist gut überlegt. Und selbst wenn sie mal eine Dummheit begeht, ist das ganz genau vorher einkalkuliert worden. Ich dagegen bin ganz anders. Das fleischgewordene Chaos, Miss Planlos. Ich stolpere durchs Leben, hangel mich von einem Tag zum nächsten und weiß meist noch nicht mal, was mich innerhalb der kommenden Stunden erwartet. Das ist auch der Grund, weshalb ich von Ereignissen oft einfach überrollt werde und dann Schwierigkeiten habe, meinen platt gewalzten Körper wieder von der Straße zu kratzen. Aber bisher habe ich es immer irgendwie geschafft, wenn auch meine Freunde regelmäßig mit dem einen oder anderen Spaten nachhelfen mussten. Ja, es ist naiv, darauf zu vertrauen, dass ich dabei immer davonkomme. Aber so bin ich nun mal: verpeilt, aber zufrieden. Zumindest bis jetzt.

Ich stehe vor der Tür der Jungs-WG, auf der Fußmatte mit der Aufschrift‚ »Tritt ein und bring Bier herein«, und drücke den Klingelknopf. Wie hat Mario Barth so schön gesagt? Männer sind primitiv, aber glücklich. Ich muss grinsen. Da geht die Tür auf.

»Hallo, Vicky. So gut drauf heute?«

»Hi, Stephan.« Ich schiebe mich an ihm vorbei. »Nö, wieso? Hab ich ’nen Grund?«

»Dachte nur, weil du so grinst. Und ja, denn du betrittst soeben das Paradies.«

»Ach ja?«

»Na ja, so viel männliche Intelligenz und Pracht auf einem Fleck, das kann doch nur das Paradies sein.« Stephan grinst ebenfalls und schließt die Tür hinter mir.

»Stimmt. Aber auch nur, weil in der Hölle kein Platz mehr für dein Riesen-Ego war!«, kontere ich. Er grinst amüsiert weiter und beißt von einem riesigen Sandwich ab. Man trifft Stephan so gut wie nie an, ohne dass er irgendetwas Essbares in der Hand hält. Es ist mir ein Rätsel, wo dieser Mann das alles hintut, denn an ihm ist kein Gramm Fett zu viel. Aber wahrscheinlich geht das alles in die Vertikale, denn Stephan ist immerhin 1,90 m groß.

»Ist Jan da?«

»Ja, der ist in seinem Zimmer. Ist gerade von der Arbeit gekommen und hat geduscht …«

»Alles klar!«, meine ich und bin bereits auf dem Weg zu Jans Zimmer. Ich reiße nichtsahnend die Tür auf – und starre genau auf Jans splitternackte und durchaus knackige Rückseite. Ich japse erschrocken nach Luft, er fährt herum – und ich bekomme auch noch den nicht weniger annehmbaren Rest zu sehen. Einen Moment lang stehe ich wie ein von Scheinwerfern geblendetes Reh stocksteif und mit weit aufgerissenen Augen im Türrahmen, bis Jan endlich ein Shirt von einer Stuhllehne reißt und es sich schnell um die Hüften wickelt. Erst dann kneife ich meine Augen zusammen und lege vorsichtshalber noch eine Hand darüber. Wie peinlich!

»Mann, Vicky! Lern doch endlich mal, vorher anzuklopfen, bevor du irgendwo reinschneist!«, höre ich Jans Stimme. Zum Glück klingt sie aber kein bisschen verärgert, eher belustigt. Ich höre Stoff rascheln und einen Reißverschluss sich schließen.

»Du kannst wieder gucken.«

Ich blinzele vorsichtig durch meine Finger hindurch und stelle fest, dass Jan jetzt Jeans und T-Shirt trägt.

»Hat’s dir die Sprache verschlagen?«, fragt er neckend.

»Nein … ähm … gar nicht«, stottere ich und versuche mir mit einer herumliegenden Autozeitung kühle Luft ins Gesicht zu fächern.

»Wir haben uns als Kinder doch auch öfter nackt gesehen!?«, erinnert mich Jan.

»Ja, schon.« Als Kinder ist das ja auch etwas ganz anderes. Ich muss weg von dem Thema! Weswegen war ich noch mal hier?

»Heute Morgen hat es eine kleine Planänderung gegeben«, bemühe ich mich, zum Thema zu kommen.

»Wobei?«, fragt Jan, lässt sich auf seinen Schreibtischstuhl sinken und beginnt, knisternd Chips aus einer Tüte zu angeln und krachend zu zerbeißen. Warum sind Jungs eigentlich ständig am Essen?

»Als ich in das Büro mit dem Computer für die Kolumnen gekommen bin, saß da die Redakteurin an ihrem Platz und hat auf mich gewartet.«

»Nackt?« Jan grinst breit.

»Nein, nicht nackt!«, gebe ich kühl zurück. Mann, jetzt wo ich das Bild von eben fast verdrängt hatte! Wo war ich? Ach ja.

»Sie hat mir aufgelauert. Und war total aggressiv! Ich sag dir, wenn die da alle so sind, dann wundert es mich, dass ich noch keine Leichenteile im Abfall gefunden habe!«

»Die werden meistens gleich verbrannt, um Spuren zu beseitigen«, gibt Jan ohne mit der Wimper zu zucken zurück. Ich runzle die Stirn, aber er konzentriert sich ganz darauf, weiter Chips zu futtern. Unglaublich, wie die Jungs, die das ungesündeste Zeug in sich hineinstopfen, zugleich die bestaussehendsten sind! Nicht mal Andys kaum zu erahnendes Waschbärbäuchlein schmälert seine Wirkung auf Frauen – außerdem gehört es aus Gründen der Glaubwürdigkeit zu einem Koch auch irgendwie dazu. Aber Stephan und Jan … Muskulös, männlich, gut gebaut … Davon habe ich mich ja auch bei einem von beiden gerade hautnah überzeugen können. Schon wieder breitet sich Gänsehaut auf meinen Armen aus. Was ist nur mit mir los? Als wäre Jan der erste nackte Mann, den ich gesehen hatte! Pah, ganz bestimmt nicht! Da waren mindestens Hunderte vor ihm!

Ich versuche, diese Gedanken zu ignorieren, und erzähle meinem Kumpel vom restlichen Verlauf der Begegnung, die ich am Morgen mit der Redakteurin hatte.

»Mensch, Vicky! Dann hoffe und bete, dass diese Julia wirklich dichthält! Sonst hast du ein echtes Problem!«, meint Jan schließlich, als ich meinen Bericht abgegeben habe.

»Ich habe ihr doch den Arsch gerettet!«, empöre ich mich. »Wie charakterlos muss man sein, um seinen Retter zu verpfeifen?«

»Die Frage ist eher, ob sie dich als Retter oder als Bedrohung sieht. Das ist eine knallharte Branche; da wird mit allen Mitteln gekämpft. Und ihr Frauen seid ja bekanntlich besonders unfair.«

»Hm, da hast du wohl recht«, gebe ich zu, und plötzlich sehe ich die Sache aus einem ganz anderen Blickwinkel. Ich habe viel zu hoch gepokert und meinen Arsch auf Glatteis befördert, anstatt wie geplant Pirouetten darauf zu drehen und dem Sieg entgegenzutänzeln.

»Na ja, wir werden es ja sehen«, unterbricht Jan das Weltuntergangsszenario in meinem Kopf. »Chips?«

Als ich mich wieder auf den Weg zur Haustür mache, um die Jungs-WG und den in ihr herrschenden Wahnsinn zu verlassen, sehe ich aus den Augenwinkeln Andy auf der Terrasse stehen. Ich halte in meiner Bewegung inne und überlege kurz. Soll ich mit ihm reden? Immerhin ist er mein Freund, und er kann doch nichts dafür, dass er in meine beste Freundin verknallt ist. Man sucht sich ja bekanntlich nicht aus, wo die Liebe hinfällt, stimmt’s? Ich seufze und gehe durchs Wohnzimmer zu ihm hinaus auf die Terrasse. Stumm stelle ich mich neben ihn und warte einfach mal ab.

»Na«, sagt er, als er mich bemerkt, und atmet blaugrauen Dunst aus.

»Na«, antworte ich und beobachte entsetzt die Rauchkringel, die sich langsam in der Luft zersetzen. Andy raucht? Seit wann?

»Was verschafft mir die Ehre?«, fragt er mit monotoner Stimme.

»Ich musste mit Jan reden«, erwidere ich. Dabei folgt mein Blick seiner Handbewegung, mit der er die Zigarette an seinen Mund führt, um an ihr zu ziehen. »So wird das aber nichts mit Nina. Sie hasst Raucher!«, erkläre ich dann, atme aus Versehen zu tief ein, kriege eine ganze Rauchwolke in meine Lunge und muss heftig husten.

»Nina hasst mich auch als Nichtraucher«, meint Andy nur ungerührt, und Rauch quillt aus seiner Nase, wie bei einem kleinen Drachen.

Über Mina Wolf

Biografie

Mina Wolf ist gebürtige Münchnerin, hat nach dem Abitur Kommunikationsdesign studiert und als Jungredakteurin bei einem Frauenmagazin gearbeitet. Inzwischen lebt sie mit ihren zwei Hunden, einem Pfau und einigen Hühnern auf einem kleinen Hof bei Immenstadt, schreibt Bücher und malt.

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