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HassHass

Hass

Thriller

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Hass — Inhalt

Am gefährlichsten ist das Verbrechen, wenn es persönlich wird. - »Hass« ist der vierte Fall für Paul Hjelms geheime Opcop-Ermittler, die in jeder Hinsicht um ihr Überleben kämpfen. Dem Gegner geht es um nichts geringeres als die Manipulation der menschlichen DNA. Arne Dahls kriminalistisches Meisterstück und der Abschluss »des besten Thriller-Quartetts unserer Zeit«! Dagens Nyheter

€ 9,99 [D], € 10,30 [A]
Erschienen am 01.07.2016
Übersetzt von: Kerstin Schöps
576 Seiten, Broschur
EAN 978-3-492-30912-7
€ 8,99 [D], € 8,99 [A]
Erschienen am 16.02.2015
Übersetzt von: Kerstin Schöps
576 Seiten, WMEPUB
EAN 978-3-492-96908-6

Leseprobe zu »Hass«

Los Indignados


Madrid, 23. Juli


Es hätte ihn nicht weiter überraschen sollen. Er hatte alles darüber gelesen, es seit Mitte Mai aufmerksam verfolgt. Aber dann war sein Universum tief erschüttert worden. Seine Welt war von einer Liga verschluckt worden, die alle Bettler in ganz Europa kontrollierte. Danach hatten mehrere Rippen daran glauben müssen, als er einer fliegenden Glaskugel hinterhersprang, in der ein Höllenzeug schwappte, und schließlich war sein blinder Sohn auf ihm herumgehüpft und hatte ihm den Rest gegeben.
Lange Rede, kurzer Sinn, Felipe [...]

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Los Indignados


Madrid, 23. Juli


Es hätte ihn nicht weiter überraschen sollen. Er hatte alles darüber gelesen, es seit Mitte Mai aufmerksam verfolgt. Aber dann war sein Universum tief erschüttert worden. Seine Welt war von einer Liga verschluckt worden, die alle Bettler in ganz Europa kontrollierte. Danach hatten mehrere Rippen daran glauben müssen, als er einer fliegenden Glaskugel hinterhersprang, in der ein Höllenzeug schwappte, und schließlich war sein blinder Sohn auf ihm herumgehüpft und hatte ihm den Rest gegeben.
Lange Rede, kurzer Sinn, Felipe Navarro war krankgeschrieben und verbrachte diese Zeit in seiner Heimatstadt Madrid. Die Dämmerung brach herein – auf der Puerta del Sol, dem großen Marktplatz in der Mitte von Madrid, Spaniens Nabel –, und die Demonstrationszüge drängten aus allen Teilen des Landes in die Stadt.
Es hätte ihn nicht weiter überraschen sollen, aber die Kraft, die Entschlossenheit und die Energie waren überwältigend. Und trotzdem galten seine Gedanken einer anderen Sache. Am Tag zuvor hatte eine dunkle und kranke Version dieser Kraft, Entschlossenheit und Energie ein zuvor verschontes Land im Norden Europas heimgesucht. Ein ideologisch vollkommen ge­­störter Norweger hatte in und außerhalb von Oslo eine bislang unbekannte Anzahl von Menschen ausgelöscht, hauptsächlich Jugendliche. Und diese dunkle Energie hatte die gesamte me­­diale Aufmerksamkeit von der hellen Energie abgezogen.
Und die helle Energie war hier. Hier in Spanien.
Die Leute in diesem Land hatten die Nase voll. Die Arbeitslosigkeit war die höchste in ganz Europa, die Finanzkrise hatte das Land härter getroffen als andere, und ununterbrochen wurden neue phantasievolle Korruptionsfälle in den höchsten politischen Ebenen aufgedeckt. Die Liste ließ sich beliebig ergänzen, und Felipe Navarro musste – aus der Distanz – mit­ansehen, wie sein Land verfiel.
Doch jetzt war diese Distanz aufgehoben. Er hatte Den Haag verlassen und war zum ersten Mal seit Jahren wieder in seine Heimatstadt geflogen. Was ihm dort entgegenschlug, war der Schmerz. Er war auf der Straße zu spüren. Schmerz darüber, nach Jahrzehnten der Diktatur keine richtige Ordnung in der politischen Landschaft geschaffen zu haben. Darüber, dass die empfindliche, noch junge Demokratie in die Hände von Leuten geraten war, die sich nur bereichern wollten.
Dieser Schmerz war am Ende explodiert. Inspiriert vom Arabischen Frühling, entstand in Spanien die digitale Plattform ¡Democracia Real YA ! in den verschiedenen sozialen Netzwerken. Ihre Parole lautete » Echte Demokratie JETZT ! «, und mittels Twitter und Facebook hatte die Organisation in fünfzig spa­nischen Städten zur Demonstration am 15. Mai aufgerufen. So wurde die Bewegung Movimiento 15-M geboren. Die Bewegung 15. Mai.
Allein in Madrid nahmen daran über fünfzigtausend De­­monstranten teil, und auf der Puerta del Sol beschlossen » die Empörten « – Los Indignados –, bis zur nächsten Wahl in einer Woche den Platz zu besetzen. Im ganzen Land herrschte Aufbruchstimmung, und die Demonstrationen fanden in Dutzenden Städten statt.
Mit der Zeit entschieden sich die Menschen, ein Protestkunstwerk zu schaffen, einen Demonstrationszug von Menschen aus sechzehn Städten, ähnlich einem achtarmigen Tintenfisch, der an ein und demselben Tag aus allen Ecken des Landes gleichzeitig auf der Puerta del Sol eintreffen sollte. Dieses Datum war der 23. Juli.
Heute.
Und gerade als Felipe und Felipa Navarro zusammen mit Félix im Kinderwagen an der Puerta del Sol saßen und in dem magischen Licht kurz vor der Abenddämmerung einen Kaffee tranken – in diesem Augenblick kamen sie an. Langsam, aber beständig erreichte der Sternmarsch sein Zentrum, das Zentrum, von dem aus alle Wege ins Land führten.
Die Puerta del Sol.
Nach dem einmonatigen Zug sahen die Wanderer des » Volksmarsches der Empörten « ziemlich erschöpft aus. Und dennoch ging von ihnen eine Kraft aus wie von Siegern eines Marathonlaufs. Der Körper war am Ende, aber die Seele unüberwindbar.
Als sich die Familie Navarro in das Café gesetzt hatte, war der Platz fast menschenleer gewesen. Plötzlich aber strömten die Leute von überall her, und während die Dämmerung hereinbrach, wurden gigantische Banderolen in den Himmel gehoben, und die Menschen versammelten sich unter den Worten » Bienvenida la dignidad «.
Willkommen, Würde.
Felipe und Felipa Navarrro sahen sich an. Sie saßen auf diesem Platz und hatten beide gleichzeitig das Gefühl, in Madrid angekommen zu sein. In Spanien. Zu Hause.
Ihr Sohn Félix war zum ersten Mal hier, doch es war auch sein Heimatland. Aber seitdem hatte sich sein Verhalten ver­ändert. Félix war von Geburt an blind, knapp ein Jahr alt und hatte außer seine Eltern bisher noch niemanden Spanisch sprechen hören. Und jetzt war alles anders. Plötzlich war seine Welt erfüllt von diesen vertrauten Geräuschen. Plötzlich hörte er überall seine Muttersprache – die er selbst noch gar nicht beherrschte. Es war sehr interessant, ihn dabei zu beobachten.
Obwohl das natürlich nicht das richtige Wort war. Es war vielmehr herzzerreißend, ergreifend und tief berührend.
Felipe Navarro sah zu, wie sein blinder Sohn nach Hause kam.
Es war unmöglich, sich zu unterhalten. Denn jetzt war alles Sprache. Die Sprechchöre, die am Anfang noch vereinzelt und schwach zu hören gewesen waren, wurden immer lauter und einheitlicher. Es ging um Menschenwürde und Demokratie, um Gemeinschaft und die Chance, eine gerechte Gesellschaft zu erschaffen. Und das alles auf Spanisch. Felipe beobachtete seinen Sohn, er versuchte zu begreifen, was Félix hörte. Wie er diese plötzliche Flut seiner Muttersprache wahrnahm. Sein Mund war geöffnet, als würde er die Sprache durch sich hindurchfließen lassen, ohne dass sie in seinem Körper auf Widerstand träfe. Aber allmählich überstieg der Geräuschpegel die Schmerzgrenze. Zumindest für einen blinden Einjährigen.
Felipa Navarro gab ihrem Mann ein Zeichen. Er sah es zwar, aber die Stimme, die ihre Geste unterstreichen sollte, konnte er nicht hören. Aber dennoch verstand er sie. Es galt, den Ort so schnell wie möglich zu verlassen, bevor es für Félix zu viel wurde. Aber ihre Geste hatte noch eine zweite Bedeutung. Offenbar wollte sie, dass er blieb. Dass sie ihren Sohn nach Hause zu der Großmutter bringen würde, wo sie unter zunehmend klaustrophobischen Umständen die Nächte verbrachten, und er auf dem Platz blieb.
Felipa stand auf, packte den Kinderwagen und verschwand. Er sah den beiden hinterher, wie sie in eine Seitenstraße einbogen und versuchten, die Menschenmassen hinter sich zu lassen. Sie waren in Sicherheit.
Auch Felipe Navarro konnte nicht auf seinem Stuhl sitzen bleiben. Ihr Cafébesuch war durch den Aufmarsch der Demonstranten beendet worden. Sofort wurde sein Stuhl von der Menge davongetragen bis in die Mitte des Platzes, auf dem das Denkmal mit dem Madrider Stadtwappen stand, der Bär am Erdbeerbaum. Auch Felipe wurde in diese Richtung geschoben. Ihn zog es magisch in das Zentrum des Sternmarsches. Dort fand eine Art Besprechung stand, die Arme des Tintenfisches konferierten nach ihrer einmonatigen Wanderung, und die Erfahrungen aus sechzehn spanischen Städten wurden ausgetauscht. Navarro beobachtete es, er hörte Schlagwörter wie » El libro del pueblo « und begriff, dass die Teilnehmer vorhatten, ein » Buch des Volkes « zusammenzustellen. Aber der Großteil der Menschenmenge interessierte sich dafür nicht besonders, weder für das Buch des Volkes noch für das Zentrum des Tintenfisches. Sie wollten zusammensitzen, ausruhen und vielleicht ein bisschen Schlaf finden. Navarro war in einem Strom von Menschen gefangen, der ihn förmlich vom Platz trug, bis er im Osten die große Hauptstraße Paseo del Prado erreichte, wo provisorische Lager für die Tausenden und Abertausenden von Demonstranten errichtet worden waren. Ihm wurde ein Platz auf einem Feldbett angeboten, den er höflich dankend ablehnte. Eines der Lager befand sich in der Nähe des Nationalmuseums Prado. Dort hockte er sich hin und kam endlich ein bisschen zur Ruhe. Als er seinen Blick über die unendlichen Reihen von Feldbetten und Schlafunterlagen gleiten ließ, auf die Jung wie Alt erschöpft niedersanken, wurde ihm erst bewusst, dass ihn die Menschenmasse fast einen Kilometer weit geschoben hatte. Da bekam er zum ersten Mal ein Gefühl für die Macht des Volkes. Die Kraft der Massen.
Und in dem Augenblick sah er den Mann, der nicht ins Bild passte.
Natürlich waren die Demonstranten eine heterogene Gruppe, sie entstammten jenen Teilen der Bevölkerung Spaniens, die am härtesten von der Finanzkrise getroffen worden waren. Unter ihnen waren Universitätsprofessoren und Gymnasiasten, Ärzte und einfache Arbeiter, Ingenieure und Krankenschwestern. Aber dieser Mann, der sich da von Schlafplatz zu Schlafplatz schlich, gehörte vom Typ her nicht dazu. Gerade hatte er sich neben einen jungen rothaarigen Mann gehockt und unterhielt sich mit ihm. Es sah sogar so aus, als würden sie etwas austauschen, und danach machte sich der Mann im Anzug Notizen auf einem kleinen Block.
Felipes erster Eindruck war, dass es sich bei dem Mann um einen Polizisten in Zivil handelte. Das war bei Demonstrationen auch nicht weiter ungewöhnlich. Sie wurden zwar nicht verdeckt eingesetzt, um Organisationen zu infiltrieren, sondern es ging vielmehr darum, eine möglicherweise kritische Situation im Vorfeld zu erkennen und einschätzen zu können. Aber irgendetwas stimmte da nicht. Felipe hatte sich aufgerichtet und wollte sich dem Kollegen nähern und ihn ansprechen, doch im letzten Augenblick zögerte er. Mit dem Mann stimmte etwas nicht.
Aber dieser zuvor geduckt herumschleichende Mann, dessen Gesicht wegen der zunehmenden Dämmerung kaum zu erkennen war, war auch keiner dieser Kleinkriminellen, die solche Menschenansammlungen dazu nutzten, ihre Finger in Taschen und Jacken wandern zu lassen. Doch er war auch definitiv kein Demonstrant und schon gar kein Polizist. Kein echter.
Er stand noch immer im regen Austausch mit dem Rothaa­rigen. Etwas hatte den Besitzer gewechselt, es waren Notizen gemacht worden.
Eigentlich sollte Felipe Navarro sich umsehen und die Stadt seiner Jugend in sich aufnehmen, sein Madrid, und diese Stimmung genießen, die er schon so lange nicht mehr erlebt hatte. Diese plötzliche, urgewaltige Flut an Optimismus, diese Bewegungsabläufe potenzieller Veränderungen.
Aber im Moment reagierte nicht der Landsmann in ihm auf die Situation, sondern der Polizist. Und der Polizist beobachtete den Mann in der Hocke und konnte ihn nicht einordnen. Der Polizist sollte im besten Fall die rationale Hälfte von Felipe Navarro einnehmen, der Optimist die andere, irrationale Hälfte. Aber es war Instinkt. Der Mann hatte sich erhoben und lief die Straße hinunter, und bevor Navarro seine Entscheidung reflektieren konnte, hatte er die Verfolgung bereits aufgenommen.
Sein Anzug war viel zu fein für einen Zivilpolizisten, und auch die Schuhe waren zu teuer. Der Mann erinnerte Navarro an einen Leibwächter, so wie er sich durch die Menschenmenge auf dem Paseo del Prado zwängte. An einen amerikanischen Bodyguard, einen Agenten vom Secret Service, der Staatsmänner bewacht und immer eine Sonnenbrille trägt. Dieser trug zwar keine Sonnenbrille, und er bewachte gerade niemanden, so wie er sich fortbewegte. Und dennoch, er hatte im Lager eindeutig ein bestimmtes Ziel verfolgt.
Felipe Navarro ging den Paseo del Prado hinunter hinter ihm her und bog dann in eine sehr schmale Straße ein, die anmutete, als wäre sie eine breite, baumbestandene Allee. Während Felipe den Gutgekleideten nicht aus den Augen ließ, schoss ihm der Gedanke durch den Kopf, was wohl passieren würde, wenn die Laubbäume auf der Calle de las Huertas weiterwachsen würden. Die Häuser würden erdrückt werden.
Die Verfolgung war einfach. Der Mann ragte gut zehn Zentimeter aus der Menge heraus. Der fast kahle Kopf bewegte sich wie eine losgerissene Boje in dem Menschenmeer. Je weiter sie sich vom Paseo del Prado entfernten, desto weniger Menschen waren auf den Straßen unterwegs. Es wurde immer leichter, sich fortzubewegen, aber auch leichter, entdeckt zu werden. Navarro war zwar überhaupt nicht wie ein Polizist angezogen – kein Polizist mit einem Mindestmaß an Selbstachtung würde Shorts mit so überdimensioniertem Blumenmuster tragen –, aber er wusste sehr gut, dass sein Verhalten diesen Eindruck vermitteln konnte.
Die Straße wurde breiter, bis sie sich zu einem kleinen Platz öffnete, einem kleinen Stadtviertelmarktplatz. Der Mann überquerte die Plaza Ángel und ging dann eine große breite Straße hinauf bis zur riesigen Plaza Mayor, die merkwürdig menschenleer war. Aber sie war gesäumt von Restaurants, die Tische waren voll besetzt mit Menschen, die über ¡Democracia Real YA !, Movimiento 15-M und Los Indignados diskutierten.
Der Gutgekleidete überquerte die Plaza Mayor in einer sauberen Diagonale. Als er hinter der nächsten Häuserecke und in den Gassen der Altstadt verschwand, rannte Felipe los. Er wusste nach wie vor nicht, was für ein Ziel er hatte. Eigentlich war er nicht der Typ Mensch, der seiner Intuition folgte, auf sein Bauchgefühl hörte. Daher redete er sich ein, dass seinem Verhalten rationale Einschätzungen zugrunde lagen, keine eindeutigen, aber dennoch rationale. Als der Mann jedoch hinter einer weiteren Ecke verschwand, spürte Navarro das Adrenalin in seinem Körper. Und gleichzeitig tauchte in ihm die Frage auf, wie das funktionierte. Warum wurde plötzlich Adrenalin in den Körper gespült und führte dazu, dass er sich auf einmal ganz anders verhielt ?
Als der Gutgekleidete eine Karte aus der Jackentasche zog, eine Schlüsselkarte, und sie durch ein Lesegerät an einer vollkommen unauffälligen Tür zog, jagte die nächste Dosis Adrenalin durch Felipes Blut. Der Mann beugte sich vor und starrte scheinbar die Wand an. Danach verschwand er in dem Ge­­bäude.
Es war ein sehr altes Gebäude in einem der ältesten Viertel der Stadt auf dem Hochplateau, die Anfang des 17. Jahrhunderts zu ihrer größten Überraschung zum Zentrum der einflussreichsten Kolonialmacht der Welt geworden war. Felipe Navarro schlich näher heran, und je geringer die Entfernung zu der Eingangstür wurde, desto deutlicher erkannte er, dass dieses Haus einer Festung glich.
Vielleicht nicht buchstäblich einer Festung, aber einem sehr gut bewachten Gebäude. Über der Tür entdeckte er ein paar Löcher im Mauerwerk, die dort nicht hingehörten, und als er an dem Haus vorbeischlenderte – so unauffällig wie möglich –, begriff er, warum sich der Mann vorgebeugt hatte. Auf den ersten Blick hatte es so gewirkt, als habe ein extrem Kurzsichtiger versucht, das Schild über der Klingel zu entziffern. Aber das war nicht der Grund. Navarro kannte das Gerät nicht, aber er wusste, was es war. Und es war nicht das Einzige, was sein be­­tont unbeschwerter Blick erfasste. Er konnte auch einen Firmennamen lesen. Polemos Seguridad S. A. Dann setzte er seinen Weg fort. Die Kameraaufzeichnungen von dem Mann mit den Blumenshorts würden niemals einen bleibenden Eindruck hinterlassen.
Denn das verbarg sich in den Löchern an der Hauswand: Überwachungskameras. Und das Gerät, vor das der Mann sein Gesicht gehalten hatte, war entweder ein Irislesegerät oder ein Netzhautlesegerät.
Auf seinem Rückweg zur Plaza Mayor gingen Felipe folgende Fragen durch den Kopf: Warum mischte sich ein Mann im Maßanzug, der bei einer professionell bewachten Sicherheitsfirma namens Polemos Seguridad S. A. arbeitete, unter die Demonstranten, die einen einmonatigen Protestmarsch aus unterschiedlichen spanischen Städten hinter sich hatten ?
Felipe Navarro blieb abrupt stehen, lehnte sich gegen eine der Mauern aus dem Mittelalter und versuchte, sich an das Ge­­schehen zu erinnern. Er sah die vielen Feldbetten vor sich und einen rothaarigen jungen Mann. Dann stürmte er los.
Er rannte durch die kleinen Gassen, über die Plaza Ángel und durch eine weitaus stärker bevölkerte Calle de las Huertas. Das provisorische Lager aus Feldbetten war noch voller als zuvor. Erneut schob Navarro sich durch die Menschenmenge, es war nicht einfach, sich zurechtzufinden, aber er hatte den Prado als Orientierungspunkt. Nachdem er eine Weile zwischen den Betten umhergeirrt war, hatte er entdeckt, was er suchte. Auf der Pritsche, neben der der Gutgekleidete gehockt hatte, lag eine Gestalt mit einem Kapuzenpulli. Felipe ging ebenfalls in die Hocke. Die Gestalt auf dem Feldbett drehte sich zu ihm um, und er sah in das überraschte Gesicht einer alten Frau. Erschrocken sprang er auf, entschuldigte sich und setzte seinen Weg zwischen den wahllos aufgestellten Betten fort. Erst als einer der Demonstranten ihm » Scheißbulle « hinterherrief, blieb Felipe Navarro endlich stehen.
Er wusste nach wie vor nicht, welches Ziel er verfolgte.
Aber er wusste, dass es wichtig war.

Arne Dahl

Über Arne Dahl

Biografie

Arne Dahl, Jahrgang 1963, hat mit seinen Kriminalromanen um die Stockholmer A-Gruppe eine der weltweit erfolgreichsten Serien geschaffen. International mit zahlreichen Auszeichnungen bedacht, verkauften sich allein im deutschsprachigen Raum über eine Million Bücher. Sein...

Medien zu »Hass«

Pressestimmen

Hersfelder Zeitung

»Mit ›Hass‹ hat Dahl für einen fulminanten Abschluss gesorgt.«

Wiener Journal

»Arne Dahl fügt Erzählstränge kunstvoll zu einem schockierenden Ganzen zusammen, das ein kritisches Licht auf aktuelle Entwicklungen in Wirtschaft, Wissenschaft und Politik wirft. Kurz: Spannung mit Moral als Thriller der Extraklasse.«

Bremer Stadtillustrierte

»Ein packender Abschluss, grandios erzählt, gut recherchiert und energiegeladen bis zur letzten Seite.«

Mokka

»Aktueller und philosophischer kann ein Buch kaum sein, spannend und unterhaltsam ist Dahl sowieso immer.«

Kommentare zum Buch

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