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Für den Rest des LebensFür den Rest des Lebens

Für den Rest des Lebens

Roman

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Für den Rest des Lebens — Inhalt

Chemda Horovitz liegt in ihrem Bett und blickt mit schwindendem Bewusstsein auf ihr Leben zurück. Sie denkt an ihre Kindheit im Kibbuz, an ihre Ehe und ihre zwei Kinder, von denen sie eines zu sehr und das andere zu wenig liebte. Ihr geliebter Sohn Avner ist zu einem Mann herangewachsen, dessen Erfolg als Anwalt ihn nicht von seiner tiefen Verbitterung erlösen kann. Er verfällt einer geheimnisvollen Frau, die seine Liebe nicht erwidert. Chemdas Tochter schenkt alle Liebe und Aufmerksamkeit ihrer Tochter. Als diese sich immer weiter von ihr entfernt, entsteht in ihr das mächtige Verlangen, ein Kind zu adoptieren und noch einmal von vorne zu beginnen. Doch der Widerstand ihrer Familie treibt sie in eine Sackgasse. Sie kann den Traum nicht überwinden, der das zu sprengen droht, was er eigentlich retten soll: ihre Familie. In Für den Rest des Lebens erzählt Zeruya Shalev von den elementaren Kräften zwischen Eltern und Kindern, von Wut, Enttäuschung und Sehnsucht, von Verletzungen und Liebe und davon, wie sich die Familienbande als stärker und beständiger erweisen als alles Sehnen und Streben, diese zu zerschneiden, und stärker als alle Kräfte, die uns trennen.

Erschienen am 16.04.2013
Übersetzer: Mirjam Pressler
528 Seiten, Broschur
ISBN 978-3-8333-0895-6
Erschienen am 21.01.2012
Übersetzer: Mirjam Pressler
528 Seiten, WMEPUB
ISBN 978-3-8270-7543-7
»Die Botschaft dieses literarisch und psychologisch so kunstvollen wie süffig zu lesenden Textes: So schwierig das Leben auch insgesamt sein mag, so große Fehler wir auch machen, so viele Wiedersprüche wir aushalten und so viele Schläge und Niederlagen wir einstecken müssen: Nichts ist starr in diesem Leben; Veränderung ist möglich. Und damit die Hoffnung.«
Süddeutsche Zeitung Extra
»Gnadenlos konfrontiert Shalev ihre Figuren mit den Trümmern eines Lebens, das sie zu lange irgendeiner Idee geopfert haben: der Idee, einen neuen Menschen zu schaffen, eine ideale Gesellschaft oder eine harmonische Familie. Suggestiv erzählt die Autorin davon. Mit atemlosen, absatzlosen Sätzen. Sie reißen beinahe körperlich spürbar, von Miriam Pressler großartig übersetzt, den Leser in psychische Tiefen, doch weisen kraftvoll und bildreich immer auch über die Protagonisten dieses Romans hinaus.«
Radio Bremen
»In ihrem neuen Roman 'Für den Rest des Lebens' errichtet die israelische Autorin Zeruya Shalev das Denkmal einer Mutter.«
Süddeutsche Zeitung
»Jedes Wort das Zeruya Shalev anbietet ist wertvoll. Dieser Roman ist ein bewegendes, vielleicht auch erschütterndes Zeugnis von der Tiefe der Gefühle, die uns ein Leben lang begleiten und bestimmen können. Familienbande über Generationen und Umstände hinweg, die Kraft und Einfluss besitzen.«
NDR 1 "Bücherwelt"

Leseprobe zu »Für den Rest des Lebens«

Erstes Kapitel

Ist das Zimmer gewachsen oder ist sie es, die geschrumpft ist? Schließlich ist es doch das kleinste Zimmer in einer Wohnung, klein wie eine Handfläche, und nun, da sie von morgens bis abends im Bett liegt, kommt es ihr vor, als hätte sich das Zimmer ausgedehnt, als wären Hunderte von Schritten nötig, um zum Fenster zu kommen, und wer weiß, ob ihr Leben ausreichen würde. Der Rest ihres Lebens, besser gesagt, die letzte Frist des Lebens, die ihr zusteht, kommt ihr absurderweise wie eine Ewigkeit vor, denn weil ihr jede Bewegung fehlt, [...]

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Erstes Kapitel

Ist das Zimmer gewachsen oder ist sie es, die geschrumpft ist? Schließlich ist es doch das kleinste Zimmer in einer Wohnung, klein wie eine Handfläche, und nun, da sie von morgens bis abends im Bett liegt, kommt es ihr vor, als hätte sich das Zimmer ausgedehnt, als wären Hunderte von Schritten nötig, um zum Fenster zu kommen, und wer weiß, ob ihr Leben ausreichen würde. Der Rest ihres Lebens, besser gesagt, die letzte Frist des Lebens, die ihr zusteht, kommt ihr absurderweise wie eine Ewigkeit vor, denn weil ihr jede Bewegung fehlt, scheint sich die Zeit bis in die Ewigkeit zu dehnen. Es stimmt, sie ist knochig und geschrumpft, leicht wie ein Windhauch, es stimmt, dass jeder Luftzug sie vom Bett heben kann, es ist, als würde nur das Gewicht der Decke sie daran hindern, durch den Raum zu schweben, es stimmt, dass jeder Atemzug den letzten Faden zerreißen kann, der sie mit dem Leben verbindet, aber wer sollte es sein, der atmet, wer sollte es sein, der sich überhaupt die Mühe macht, in ihre Richtung zu pusten.
Ja, sie wird noch Jahre und Jahre hier unter der schweren Decke liegen, sie wird ihre Kindern älter werden sehen, sie wird sehen, wie ihre Enkel erwachsen werden. Ja, in bitterer Gleichgültigkeit hat man sie zu ewigem Leben verurteilt, und plötzlich kommt es ihr vor, als sei auch zum Sterben Kraft nötig, eine Art Vitalität des zukünftigen Toten oder seiner Umgebung, eine persönliche Aufmerksamkeit, ein umständliches Kümmern wie bei den Vorbereitungen zu einem Geburtstag. Auch zum Sterben braucht es ein gewisses Maß an Liebe, und vielleicht wird sie nicht mehr genug geliebt und vielleicht liebt sie selbst nicht mehr genug, noch nicht einmal dafür.
Nicht dass sie nicht kommen, fast jeden Tag betritt einer von ihnen ihre Wohnung, sitzt neben ihr im Sessel, interessiert sich angeblich für ihr Wohlergehen, doch sie spürt den alten Groll, bemerkt ihre Blicke auf die Uhr, das erleichterte Aufatmen, wenn ihr Telefon klingelt. Plötzlich verändert sich ihre Stimme, wird energisch und lebendig, ein Lachen löst sich aus der Kehle, ich bin bei meiner Mutter, verkünden sie schließlich ihrem Gesprächspartner mit theatralischem Augenrollen, ich rufe an, wenn ich wieder weg bin, und wenden ihr dann ihre hohle Aufmerksamkeit wieder zu, sie machen sich die Mühe, etwas zu fragen, hören aber nicht zu, was sie sagt, und sie ihrerseits vergilt es ihnen mit ermüdenden Antworten, berichtet in absoluter Ausführlichkeit, was der Arzt gesagt hat, zählt angesichts ihrer glasigen Augen die Namen der Medikamente auf. Wer von uns schreckt stärker vor dem anderen zurück, ich vor ihnen oder sie vor mir, fragt sie sich, macht sie zu einer Einheit, ihre beiden Kinder, die so verschieden von einander sind und sich nur ihr gegenüber verbünden können, und erst in der letzten Zeit, vor der alten Mutter, die von morgens bis abends in ihrem kleinen Zimmer im Bett liegt, losgelöst von der Schwerkraft.
Es ist überfüllt und quadratisch, das Zimmer, dessen einziges Fenster zu dem arabischen Dorf geht, an der nördlichen Wand ein alter Schreibtisch, an der südlichen ein Schrank mit ihren Kleidern, jenen bunten Kleidern, die sie nie mehr anziehen wird. Schon immer haben kräftige Farben sie angezogen, ein bisschen beschämend, der Schnitt war ihr egal, eine lange, weite Tunika, ein um die Hüften spannendes Kleid, Faltenröcke, bis heute weiß sie nicht, was ihr besser steht, sie wird es schon nicht mehr wissen. Ihre Augen wandern zu dem runden Kaffeetisch, zu dessen Anschaffung ihre Tochter sie vor vielen Jahren genötigt hatte, sie hatte im Laden zu weinen angefangen, obwohl sie schon ein junges Mädchen war, ihr habt mich gezwungen, in diese hässliche Wohnung umzuziehen und habt mir noch dazu das kleinste Zimmer gegeben, dann lasst mich wenigstens die Möbel kaufen, die mir gefallen. Hör auf zu weinen, hatte sie sie angeschrien, alle schauen schon zu dir hin, aber natürlich hatte sie nachgegeben, und mit vier Händen hatten sie den Tisch, der sich als erstaunlich schwer erwies, die Treppe hinaufgeschleppt in dieses Zimmer, das einmal ihr Zimmer gewesen war, sie hatten ihn mitten in den Raum gestellt, und er hatte in seiner prahlerischen Pracht die Ärmlichkeit der anderen Möbel betont.
Jetzt ist auch er langsam in die Jahre gekommen, hat die Zeit in sich aufgesaugt und seine Farbe verloren, doch die Medikamentenschachteln verdecken ohnehin den Blick auf das massive, schwere Eichenholz, Medikamente, die eine Entzündung heilten, aber zu einer Allergie führten, Medikamente gegen die Allergie und Tabletten zur Regulierung des Herzschlags, gegen Schmerzen, gegen hohen Blutdruck, Medikamente, die sie so geschwächt haben, dass sie umkippte und sich verletzte und es ihr seither schwer fällt, zu laufen, und manchmal hat sie Lust, alle in bunten Beeten auf ihr Bett zu pflanzen, sie nach Farben zu sortieren und ein kleines Haus aus ihnen zu bauen, mit rotem Dach und weißen Wänden, mit einem grünen Rasen, mit Vater, Mutter und zwei Kindern.
Was ist das alles, fragt sie, und fragt schon nicht mehr, warum alles so ist, wie es ist, auch nicht, wie es so gekommen ist, sondern nur, was es eigentlich ist, wie die Tage vergingen, bis sie in dieses Zimmer kam, in dieses Bett, womit haben sich die zigtausend Tage gefüllt, die an diesem Körper hochkletterten wie Ameisen an einen Baumstamm, schließlich ist es ihre Aufgabe, sich zu erinnern, und sie erinnert sich nicht. Auch wenn sie sich anstrengt und alle Erinnerungen zusammenkramt wie alte Zettel, wo sind all die Jahre geblieben, denn an was sie sich nicht erinnert, wird nicht mehr existieren und hat vielleicht nie existiert.
Wie nach einer Katastrophe hat sie die Pflicht, gegen das Vergessen anzukämpfen, die Pflicht, die Toten und die Vermissten zu bewachen, und wenn sie wieder zum Fenster schaut, scheint es ihr, dass er dort auf sie wartet, der See, der buchstäblich vor ihren Augen dahinging, der neblige See und der weiche, schwüle Morast, der ihn umgibt, bewachsen mit übermannshohem Schilfrohr, aus dem Zugvögel mit aufgeregtem Flügelschlag auffliegen. Dort befindet er sich, ihr See, im Herzen ihres Tals, das sich von den Hängen des Hermon bis zu den Bergen von Galiläa erstreckt, gepackt von den Fäusten erstarrten Lavas, wenn sie es nur schaffen würde, aus dem Bett aufzustehen und das Fenster zu erreichen, dann würde sie ihn sehen, sie versucht sich aufzurichten, die Entfernung mit den Augen zurückzulegen, ihr Blick schweift vom Fenster zu ihren schmerzenden Beinen. Seit sie gefallen ist, scheint ihr das Gehen zu einem gefährlichen Schweben geworden zu sein, aber er ist dort, wartet auf ihren Blick, trauert wie sie, steh auf, Chemdale, hört sie ihren Vater drängen, nur noch einen Schritt, nur einen letzten kleinen Schritt.
Sie war das erste Baby in ihrem Kibbuz gewesen, und alle hatten sich im Speisesaal eingefunden, um zuzuschauen, wie sie ihre ersten Schritte machte. Es schien, als hätten sich alle Sehnsüchte nach den kleinen Geschwistern, die in der Fremde geblieben waren, nach ihrer eigenen Kindheit, aus der sie aufgrund einer harten Ideologie herausgerissen worden waren, nach der Liebe ihrer Eltern, die sie nicht mehr gesehen hatten, seit sie weggegangen waren, manche im Zorn, manche mit gebrochenem Herzen, dort im gerade fertig gebauten Speisesaal versammelt.. Mit strahlenden Augen schauten sie ihr zu, spornten sie an zu laufen, für sie, für die alten Eltern, für die kleinen Geschwister, die inzwischen erwachsen geworden waren und in ein paar Jahren vernichtet werden würden, und sie war erschrocken, aber willfährig, stand auf ihren wackligen Beinen, an der Hand ihres Vaters, rochen sie bereits damals nach Fisch oder kam das erst später, als sie in den anderen Kibbuz umgezogen waren, näher zum See und zum sumpfigen Ufer, in jenen Kibbuz, der gegründet worden war, um das Seeufer und die Sümpfe zu trocknen, und sie streckte ein zitterndes Bein vor, genau in dem Moment, als ihr Vater ihre Hand losließ und alle Anwesenden ihr zu Ehren mit lautem Getöse in die Hände klatschten, und sie fiel auf den Rücken und brach in Weinen aus, unter den sturmblauen Augen ihres Vaters, der sie auf die Beine stellen wollte, damit sie es wieder versuchte und allen zeigte, dass sie es schaffte, nur noch einen kleinen Schritt, aber sie blieb auf dem Rücken liegen und wusste, dass sie ihm dieses Geschenk nicht machen konnte und dass er es ihr nie verzeihen würde.
Danach weigerte sie sich zwei Jahre lang zu laufen, bis sie drei war, wurde sie auf den Schultern getragen, als wäre sie lahm, obwohl bei allen Untersuchungen nichts herauskam und man schon überlegte, sie zu einem Spezialisten ins ferne Wien zu bringen, Babys, die nach ihr geboren waren, rannten schon herum, nur sie lag in ihrem Laufstall auf dem Rücken und schaute hinauf in den Wipfel des Pfefferbaums, dessen Zweige winzige rote Kugeln schmückten, die ihr entgegenrauschten und denen sie zulächelte, nur sie drängten sie zu nichts, nur sie akzeptierten ihre stille Existenz, denn ihr Vater ließ nicht locker, er trug sie von Arzt zu Arzt, getrieben von einem Gefühl der Schuld und der Frage, ob ihr Sturz damals zu einer Schädigung ihres Gehirns geführt hatte, bis ein Spezialist in Tel Aviv schließlich entschied, sie habe nichts am Gehirn, sie habe einfach Angst davor, zu laufen, Sie müssen etwas finden, hatte er gesagt, was ihr noch mehr Angst macht.
Warum soll man ihr noch mehr Angst machen?, fragte ihr Vater, und der Arzt antwortete, Sie haben keine Wahl, wenn Sie wollen, dass sie läuft, müssen Sie dafür sorgen, dass sie vor Ihnen noch mehr Angst hat als vor dem Laufen, und von da an wickelte ihr großer, schöner Vater ein Handtuch um ihren Rücken, hielt das Geschirr fest, versuchte, sie zum Laufen zu bringen, und er versetzte ihr kräftige Schläge, wenn sie sich weigerte. Ich tu das für dich, Chemdale, hatte er heiser hervorgestoßen, vor ihrem vom Weinen geschwollenen Gesicht, damit du wie die anderen Kinder bist, damit du aufhörst, Angst zu haben, und der Arzt hatte recht gehabt, ein paar Wochen später machte sie schon die ersten, schwankenden Schritte, den Körper glühend von seinen Schlägen, mit versteinertem Bewusstsein, dem Bewusstsein eines kleinen, grausam dressierten Tieres, und weit entfernt von jedem Triumph, weit entfernt von jeder Freude, verstand sie verschwommen, dass es, auch wenn sie es schaffen würde, zu laufen und zu rennen, keinen Ort gab, zu dem zu laufen sich lohne.
Weit entfernt von jedem Triumph, weit entfernt von jeder Freude, und trotzdem kommt es ihr an diesem Morgen vor, als wisse sie, wohin sie zu gehen habe, zum Fenster, Chemda, um deinen See zu sehen und sein Flüstern zu hören. Wenn ich es zu dir geschafft habe, flüstert er, wenn ich mein ganzes grünes Wasser zusammengesammelt habe, die Fischzucht und all die Zugvögel, wenn ich es geschafft habe, mich aufs Neue in der Bergstadt vor deinem Fenster zu sammeln, trotz der schrecklichen Mühe, die in meiner Vernichtung steckt, warum stehst du dann nicht aus dem Bett auf und kommst zum Fenster, um mich zu sehen? Und sie antwortet ihm mit einem Seufzer, vor ein paar Wochen bin ich mit langsamen Schritten durch den Flur gelaufen, warum bist du nicht damals gekommen? Warum bist du gerade jetzt gekommen, nach meinem Sturz, und nicht nur du, schon immer kommt alles zu spät oder zu früh zu mir, doch er schickt ihr eine feuchte Antwort, schon seit Dutzenden von Jahren sammle ich Tropfen um Tropfen, Zweig um Zweig, Flügel um Flügel, nur um mich dir wieder zu zeigen, um dich zu sehen, komm zu mir, Chemda, komm zum Fenster, und sie bewegt erstaunt den Kopf, was war in all diesen Jahren, und wozu waren sie gut, wenn sie kein Zeichen hinterlassen haben, wenn sie letztlich ein kleines Mädchen geblieben ist, das sich danach sehnt, nackt in seinem See zu baden.
Mit krummen Fingern versucht sie, das Nachthemd von ihrer Haut zu streifen, das sie einmal von ihrer Tochter missmutig geschenkt bekommen hat. Schon immer gehörte zu ihren Geschenken ein missmutiges Gesicht, obwohl die Geschenke stets schön und großzügig waren, immer verletzte sie ihre Tochter, ausgerechnet in den Momenten, in denen sie gefallen wollte. Mach auf, Mama, drängte sie, ich bin stundenlang von einem Geschäft ins andere gezogen, bis ich etwas gefunden habe, das mir gefallen hat, mach schon auf, probier´s an, gefällt es dir? Und sie zerriss das prächtige Einwickelpapier, begutachtete misstrauisch das weiche Päckchen, der Geruch, den es verströmte, der Anblick, der sich dahinter verbarg, die Landschaften, durch die ihre Tochter ohne sie gegangen war, all das weckte einen plötzlichen Widerstand in ihr, sie murmelte danke, wirklich, vielen Dank, Dina, das war nicht nötig gewesen, zerdrückte die leere Verpackung, überraschte auch sich selbst durch das Ausmaß ihres Unbehagens. Führte die kleinste Zuwendung zu den größten Schuldgefühlen, forderte sie denn eine vollkommene, grenzenlose Zuwendung? Am liebsten hätte sie gesagt, nimm mich mit, statt mir Erinnerungen an deine Abwesenheit zu bringen, und Dina hatte sie gekränkt angeschaut, liebst du es nicht, Mama?
Lieben, zu viel lieben, war das die richtige Antwort, die nie ausgesprochen wurde, zu viel lieben oder zu wenig lieben, zu spät oder zu früh, und dann hatte sie den Stoff in die Packung zurückgelegt und in ihrem Schrank verstaut, und erst nach langer Zeit, als die Kränkung bereits zu tief war, zu spät für eine Wiedergutmachung, hat sie sich zornig mit diesen vergessenen Geschenken geschmückt, einem Pullover, einem Schal, einem Nachthemd mit grauem Blumenmuster, wer hat je eine graue Blume gesehen, und sie versucht, ihre Hand aus dem Ärmel zu befreien, der an ihr klebt, ihr Blick fällt überrascht auf die entblößte Brust, Brustwarzen wie graue Blumen, die ihre Köpfe über die flache Brust senken, graue, faltige, verwelkte Blumen. Ihre Finger streichen misstrauisch über die Hautfalten, sie erinnert sich an ihren kleinen Enkel, sie haben ihn ihr vor einigen Monaten auf die Knie gesetzt, beim letzten Festessen, und gleich hat er ein Glas Wasser über sich gekippt, und als sie ihm das Hemd überstreifen wollte, zog er plötzlich den nackten Arm heraus und betrachtete ihn erstaunt, als sähe er ihn zum ersten Mal, bewegte ihn nach oben, nach unten, betastete ihn, leckte an ihm und rieb ihn dann heftig an der weichen Haut seines Bauchs und genoss die Berührung. Ein jungfräulicher Liebestanz war das, eine Hymne der Selbstliebe, falls das Bewusstsein eines Babys überhaupt erfasst, dass es um seinen Körper geht, und falls ihr Bewusstsein heute in der Lage wäre, die Herrschaft über ihren schwachen Körper zu erlangen. Nein, ihr kommt das Alter noch immer wie Schmutz vor, der im Lauf der Jahre an ihr kleben geblieben ist, oder wie eine vorübergehende Krankheit, eine Art Aussatz, und sobald sie den See erreicht, sobald sie in sein Wasser untertaucht, wird ihr Körper gesunden wie der Körper des Feldhauptmanns des Königs von Syrien, der sich siebenmal mit Jordanwasser wusch und vom Aussatz geheilt wurde.
Komm, Chemda, stell deine Fußsohle auf den Boden, halte dich an der Wand und richte dich auf, neben dem Bett wartet dein Stock auf dich, aber du brauchst ihn nicht, du brauchst nur mich, wie damals, als du ein ziehender Fischreiher warst und Unterschlupf unter den Fächern des Schilfs gesucht hast. Erinnerst du dich, wie du im Winter nackt geschwommen bist, wie du im Wasser triebst, bis deine Haut gebrannt hat, bis du krank geworden bist und dein Vater dir nicht mehr erlaubt hat, zurückzukehren, und trotzdem hast du dich immer wieder heimlich zu mir geschlichen, hast deine Kleider am Ufer ausgezogen, und einmal kam er und fand dich und befahl dir, das Wasser zu verlassen, und als du draußen warst, nackt, ergriff er die Flucht, und danach hat er dort nicht mehr nach dir gesucht, nur wir waren noch da, aber es hat etwas gefehlt.
Und wo war die Mutter? Immer war es ihr Vater, der ihre Haare zu Zöpfen geflochten hat, mit harten Händen, die nach Fisch rochen, der sie zwang, zu gehen, zu rennen, auf die Dächer der Kibbuzhäuser zu klettern wie die anderen Kinder, die einzuholen ihr nie gelang, die wie Äffchen von Dach zu Dach sprangen, und sie, ohnmächtig vor Angst, weigerte sich, es zu versuchen, bis er dort auftauchte und sein blauer, drohender Blick traf sie, wovor hast du mehr Angst, vorm Springen oder vor mir, vor dem Leben oder dem Tod, und sie kletterte aus aller Kraft, verfluchte ihn und weinte, was für ein Esel du bist, ein Esel bist du, ich werde Mama alles erzählen.
Aber wo war deine Mutter?, fragte ihre Tochter, als sie einmal bereit war, ihren Geschichten zu lauschen, die ihr bis zum Überdruss bekannt sind und dennoch überraschend, immer aufs Neue beunruhigend, du bist ohne Mutter aufgewachsen! Das sagte sie mit Genugtuung, und Chemda widersprach, nein, du irrst dich, ich habe meine Mutter so sehr geliebt und sie hat mich geliebt, nie habe ich an ihrer Liebe gezweifelt, aber Dina ließ nicht locker, eine ganze Kette von vergnüglichen Schlussfolgerungen rollten aus ihrem Mund, du bist ohne Mutter aufgewachsen, da ist es kein Wunder, dass du nicht weißt, wie sich eine Mutter verhält, deshalb hatte auch ich keine Mutter, und sogar meine Tochter hat darunter gelitten, siehst du nicht, wie das Fehlen deiner Mutter, das dich noch nicht mal zornig macht, uns alle beeinflusst?
Du irrst dich, wirklich, sie schüttelt den Kopf, ich war nicht zornig auf meine Mutter, weil ich wusste, dass sie schwer arbeitete. Sie arbeitete in der Stadt und kam nur zum Wochenende nach Hause, und auch als sie einmal für ein ganzes Jahr wegfuhr und ich sie bei ihrer Rückkehr nicht erkannte und dachte, sie wäre eine fremde Frau, die meine Mutter ermordet hatte, war ich nicht zornig auf sie, denn ich verstand, dass sie keine Wahl hatte. Ihr mit euren zornigen Gefühlen, du und Avner und eure ganze benachteiligte Generation, was habt ihr von euren Vorwürfen? Aber manchmal scheint ihr, dass auch sie Zorn empfindet, einen schrecklichen, mörderischen Zorn, nicht nur auf ihre Eltern, nicht nur auf ihren Vater, der ihr auf seine strenge Art ergeben war, oder auf ihre Mutter, die immer beschäftigt war, sondern auch auf sie, auf ihre Kinder, und vor allem auf ihre Tochter, deren Haare schon grau werden.
Dabei hat sie ihr erst gestern die schwarzen Krusseln zu Zöpfen geflochten, ihre Finger hatten sich in der Tiefe verhakt, wie sich die Finger ihres Vaters in ihren Haaren verhakt hatten, und jetzt sind die Haare dünn geworden, metallisch, und ihre Tochter färbt sie nicht, wie es die meisten Frauen ihres Alters tun, widerspenstig trägt sie die graue Mähne, die das jugendliche Gesicht beschattet, Chemda kommt es vor, als sei sogar dieser Schritt gegen sie gerichtet, denn ihre Tochter quält sich selbst, nur um ihr, Chemda, zu beweisen, dass jene Tage, die Tage der Kindheit, auf katastrophale Art zerstört waren, und deshalb vernachlässigt sie sich selbst, sie hungert, von Jahr zu Jahr wird sie knochiger, ihre Tochter ist noch magerer und kleiner als sie. Sie schrumpfen zusammen, die Frauen der Familie, in zwei, drei Generationen werden sie vielleicht verschwunden sein, während ihr Sohn so aufquillt, dass es ihr manchmal schwer fällt, in diesem runden, kahlköpfigen, schnaufenden Mann ihren schönen, gut gewachsenen Sohn zu erkennen, der von seinem Großvater die seltenen blauen Augen geerbt hat, und zuweilen betrachtet sie ihn zitternd, denn es kommt ihr vor, als habe dieser Mann ihren Sohn ermordet und lebe an seiner Stelle weiter, schlafe in seinem Bett, erziehe seine Kinder, so wie sie misstrauisch gegen die fremde Frau war, die vor vielen Jahren aus Amerika gekommen war und sie umarmen und küssen wollte und behauptete, ihre Mutter zu sein.
Der ganze Kibbuz wartete auf dem Rasen, um sie bei ihrer Rückkehr von dem ausgedehnten Auslandseinsatz zu empfangen, nur sie hatte sich auf einem der Bäume versteckt, eine kleine Äffin trotz allem, und das angespannte Warten beobachtet, das ganz und gar unpersönlich war, denn wer von den Kindern konnte sich an ihre Mutter erinnern, wenn selbst sie sie vergessen hatte, und wer von den Erwachsenen erwartete sie wirklich, außer ihrem Mann und einer Handvoll Verwandter. Schließlich waren die meisten neidisch auf sie, vor allem die Frauen, die viele Stunden lang in der Küche, im Kinderhaus, im Gemüsegarten, in der Näherei und im Lagerschuppen ihre Dienste machten, in blauer Arbeitskleidung und mit vor Krampfadern blauen Beinen, und nur sie, Chemdas Mutter, trug elegante Kostüme und saß in einem Büro in der Stadt, und manchmal reichte ihr das nicht und sie verschwand in irgendeinem Auftrag, und nur der Teufel wusste, wer sich geschickt hatte und warum. Ja, all diese Worte hatte sie gehört, als sie sich in den Zweigen versteckt hielt, und selbst wenn sie sie nicht hörte, konnte sie sie erraten, und wenn sie sie nicht erriet, erfand sie sie selbst, die feindselige Partnerin einer feindseligen Hoffnung, schließlich warteten sie nicht auf sie, sondern auf einen leichten Lufthauch aus der großen Welt, eine Hoffnung, eine süße Erinnerung, das alles sollte diese Frau mitbringen, die gerade schwerfällig aus einem schwarzen Dienstwagen stieg. Wer war sie? Sogar durch die Zweige konnte sie erkennen, dass es nicht ihre Mutter war, der lange Zopf war verschwunden, das Gesicht war voller und sehr blass, der Körper schwerfällig. Trauernd und erschrocken sprang sie aus der Baumkrone, niemand bemerkte, dass sie von dort verschwand, möglichst schnell und möglichst weit, zum See.
Du bist nicht meine Mutter, rief sie schließlich, als sie ins Zimmer der Eltern zurückkehrte und ihr gegenüberstand, und die fremde Frau schaute sie traurig an, ihre Augen blieben aus irgendeinem Grund an ihren knospenden Brüsten hängen, den spitzen Brüsten einer Zwölfjährigen, die von einer schmutzigen Bluse bedeckt wurden. Mein armes Mädchen, wie vernachlässigt du bist, sagte sie, als wäre es nicht sie selbst, die sie vernachlässigt hatte, und sofort versuchte sie, sie zu beruhigen, ich war lange krank, Chemdale, ich lag im Krankenhaus, deshalb hat man mir den Zopf abgeschnitten, ich hatte eine Nierenentzündung und mein Gesicht ist angeschwollen, und Chemda suchte in dem Gesicht gegenüber die bekannten Windpockennarben, zwei kleine Vertiefungen zwischen Kinn und Lippen. Du bist nicht meine Mutter, stellte sie enttäuscht fest, du hast keine Narben, und die fremde Frau strich sich über das Kinn, ich habe die Narben, man sieht sie nur nicht, schau, hier, und Chemda brach in Weinen aus, wo ist meine Mutter? Was hast du mit meiner Mutter gemacht? Und sofort stürzte sie sich auf die knochigen Oberschenkel ihres Vaters, fass ihn nicht an, tu ihm nicht das an, was du meiner Mutter angetan hast, jetzt habe ich nur noch ihn, und in den ersten Nächten warf sie sich in ihrem Bett im Kinderhaus herum und sah vor ihrem geistigen Auge, wie die fremde Frau, die ihre Mutter verschlungen hatte, jetzt an den Schenkeln ihres Vaters nagte, wie man an einem gebratenen Huhn nagt, wie sie seine Knochen auszutzelte, und bald würde sie auch ihr weniges Fleisch aufessen, ihre knospenden spitzen Brüste.
Zwei Brüste, zwei Schenkel, zwei Elternteile, zwei Kinder, und dazwischen sie selbst, die sich mehr mit ihren toten Eltern beschäftigt als mit ihren lebenden Kindern. Ein Sohn und eine Tochter waren ihr geboren, ein Kinderpaar, ein Spiegel des Paars, das sie geschaffen hatte, war herangewachsen, während das dritte Paar in der Familie, sie und ihr Mann, in ihren Augen immer nur eine provisorische Haltestelle zwischen zwei Hauptstädten war, und als sie jetzt ihre Füße auf den trotz der zunehmenden Hitze draußen noch kühlen Boden stellt, sieht sie es vor sich, das erste Paar, ihren Vater in der blauen Arbeitskleidung und die Mutter in einer weißen Seidenbluse und einem Faltenrock und mit dem Zopf, der ihren Kopf wie eine weiche Krone schmückt, und sie stehen am Ufer des Sees und lächeln ihr entgegen, winken mit den Händen zum stillen Wasser, das die Farbe von Milchkaffee hat.
Es ist schon spät, Chemda, du musst dich waschen und schlafen, sagen sie, deuten auf den See, als wäre er eine Waschschüssel, nur für sie allein bestimmt, schau mal, wie schmutzig du bist, und sie rennt kurzatmig auf sie zu, denn wenn sie sich nicht beeilt, wird der See wieder verschwinden, werden die jungen Eltern verschwinden, aber ihre Beine sind schwer, sie versinkt im dicken Morast, Mama, Papa, gebt mir die Hand, ich versinke, klebrige Schlammkraken umschlingen ihre Hüften, ziehen ihren Körper in die Tiefe des Moors, Mama, Papa, ich ersticke.
Ihr fällt ein, was ihr Naturkundelehrer ihnen einmal geraten hatte, als sie Schwalbennester gesucht hatten und der Schlamm über sie hergefallen war und ihre Knie gepackt hatte, kriecht auf den Knien. Ihr zu einem Schrei aufgerissener Mund füllt sich mit schlammiger Erde und sie keucht, gebt mir eine Hand, aber ihre Eltern bleiben bewegungslos vor ihr stehen, das Lächeln liegt auf ihren Lippen, als spiele sie ihnen ein fröhliches Theaterstück vor, sehen sie denn nicht, dass sie versinkt oder wollen sie, dass sie verschwindet? Ihr Körper wird heftig zu Boden geworfen, vor dem Fenster, es sieht aus, als würde sie weggeholt, schlammige Eingeweide nagen liebevoll an ihren Knöcheln. Wie sehr sie von den Tiefen der Erde begehrt wird, nie im Leben hat sie sich so begehrt gefühlt, aber sie kämpft noch, versucht, sich am Tischbein festzuhalten, die Zeit ist noch nicht gekommen, es ist zu früh oder zu spät, die Zeit ist noch nicht gekommen, und mit dem letzten Rest ihres schwindenden Bewusstseins kriecht sie zum Telefon. Kriecht wie Krokodile, hatte er geschrien, sonst versinkt ihr, ihre trockene Kehle zieht sich zu, Dina, komm schnell, ich ersticke.
Doch Dina, ihre Tochter, steht bewegungslos am Küchenfenster, betrachtet erstaunt die ineinander verflochtenen Kiefernnadeln, die sich ihr entgegenstrecken wie eine leere Hand, die um eine milde Gabe bettelt. Sie hat die Eier weggenommen, die graue Taube. Noch gestern Abend, vor dem Schlafengehen, hat sie auf die Fensterbank geschaut und die Eier gesehen, die ihr in der Dunkelheit aus dem Nest entgegenleuchteten wie zwei gute Augen, und sofort ist die Taube erscheinen und hat sie mit ihrem Körper bedeckt. Wärme strahlte ihr von dem Taubenkörper entgegen, eine weiche Gelassenheit, eine süße Erinnerung. Was gibt es Einfacheres als das, bewegungslos dazusitzen, Stunde um Stunde, mit wachen Augen, aber mit ruhigem Körper, ganz und gar konzentriert auf die Aufgabe. Sie hat die Eier weggenommen, ist in der dunklen Nacht aufgeflogen, ein weißes Ei im Schnabel, und hat es in ein anderes, rechtzeitig vorbereites Nest gelegt, um dann zurückzukommen, um das andere zu holen. Sind es ihre forschenden Blicke gewesen, die sie von hier vertrieben haben?
Was für ein seltsamer Schmerz, murmelt sie, während das Telefon klingelt, was für ein dummer Schmerz, wie überflüssig, hier zu stehen, in düsterer Ehrfurcht wie vor einem geschändeten Grabstein, als wäre diese Ansammlung von Nadeln, die gestern noch ein wunderbares Haus waren und heute nur noch ein bedeutungsloser Haufen sind, eine Entweihung, und sie streckt die Hand nach der kleinen Wiege aus und zerbricht sie. Der Frühlingswind wird das Reisig in kürzester Zeit verstreuen, und es bleibt nichts zurück von dem Leben, das eine Woche lang hier pochte und sie mit einer seltsamen Erregung erfüllte, zwei Eier in einem Nest, zwei Eier, aus denen nichts schlüpfte.
Warum hat sie sie weggenommen?, fragt sie laut. In der letzten Zeit hört sie ihre Stimme immer häufiger, laut und überraschend, vor allem, wenn niemand in ihrer Nähe ist, ihre Gedanken dringen ungebremst aus ihrer Kehle, und ausgerechnet ihre Stimme verrät eine Blöße, eine beschämende Einfachheit. Man muss Milch kaufen, hört sie sich mit feierlichem Nachdruck verkünden, als handle es sich um einen nationalen Auftrag, oder ich bin zu spät, oder wo ist Nizan. Es scheint, als sei diese Frage immer und immer wieder im Raum zu hören, der sie umgibt, und die Frage ist nicht, wo sich ihre einzige Tochter in diesem Moment wirklich befindet, darauf gibt es noch immer einfache Antworten, sie ist in der Schule oder bei ihrer Freundin oder auf dem Weg nach Hause, sondern wo ist ihr Herz, das die ganzen Jahre neben ihrem geschlagen hat und sich ihr jetzt entfremdet, mit kräftigen, energischen Schlägen gegen sie klopft. Wie verwandelt sich sogar die natürlichste Liebe zu einer enttäuschten Liebe, fragt sie sich verwundert, folgt ihrer Tochter mit sehnsüchtigen Augen, versucht, sie mit denselben Verführungen zu locken, die ihrer Kehle früher Schreie süßen Glücks entlockt hatten, Nizani, komm, wir backen einen Kuchen, komm, wir gehen ins Kino, hast du gesehen, dass eine neue Pizzeria aufgemacht hat, sollen wir eine Pizza essen? Doch jetzt begegnet sie einem distanzierten Blick, hört eine kühle Stimme, die antwortet, ein andermal, Mama, ich habe keine Zeit, aber für ihre Freundinnen hat sie mehr als genug Zeit, denn sie verabredet sich sofort mit Tamar oder mit Schiri, verschwindet, als würde sie vor ihr fliehen, und Dina begleitet sie mit einem eingefrorenen Lächeln, versucht, ihre Kränkung zu verbergen, einen sonderbaren Schmerz.
Hör doch auf, lass sie in Ruhe groß werden, schimpft Gideon immer, man könnte meinen, du hättest, als du herangewachsen bist, die ganze Zeit mit deiner Mutter zusammenstecken wollen, aber sie antwortet nicht, ausgerechnet die Antworten, die sie ihm geben möchte, bleiben still, schwimmen in ihrem Bauch und kommen nicht heraus, das ist etwas ganz anderes, meine Mutter hat meinen Bruder sowieso vorgezogen, meine Mutter war nie eine angenehme Gesellschaft, mit ihren düsteren Geschichten über den See, sie hat immer nur sich selbst gesehen, sie hat es nie geschafft, eine Mutter zu sein, sie hat es zu spät gelernt.
Zwei Augen, hört sie, wie ihre Stimme wieder die Stille durchbricht, rau wie die Stimme von Gehörlosen, zwei Edelsteine, Diamanten, aus der Tiefe einer dunklen Mine zum Fensterbrett aufgestiegen, warum hat sie sie weggebracht, was hat sie erschreckt? Das kehlige Jaulen des Katers drängt sich in ihre Frage, überdeckt das Klingen des Telefons, während eine warme, haarige Flamme sich zwischen ihren Unterschenkeln windet. Wo warst du, Hase?, kommt sie ihm feierlich zuvor, füllt seinen Teller mit Trockenfutter, wo warst du und was hast du getrieben? Aber der Kater beeilt sich nicht mit dem Fressen, er bleibt zwischen ihren nackten Füßen, reibt sich begeistert an ihnen. So wechselt er immer zwischen ihnen ab, als versuche er, sie alle drei mit seinem Schwanz zusammenzuhalten, als wolle er auf ihre, Dinas, Haut die Bedürfnisse ihres Mannes und ihrer Tochter notieren und die ihren auf die Haut ihres Mannes und ihrer Tochter, als sei dieser Kater, dieses ausgewachsene Tier, das wegen seines weißen Fells und seiner langen Ohren irrtümlich Hase genannt wurde und eigentlich Kaninchen hätte heißen müssen, das einzige noch verbliebene Bindeglied zwischen ihnen, wie ein spätgeborener Sohn zum leisen Echo einer Familie wird, außer den Gegenständen natürlich, den Möbeln, den Wänden, dem Auto, den Erinnerungen.
Ihr ist aufgefallen, dass sie jedesmal, wenn sie sich an ihre Tochter wendet, mit einer Erinnerung beginnt. Weißt du noch, wie wir in jenem Park gespielt haben? Wir haben so gern hier gesessen, wenn es dunkel wurde, als alle schon gegangen waren, da ist das Haus von Bar, erinnerst du dich, dass du zum Schlafen bei ihr bleiben wolltest, aber dann hast du mitten in der Nacht angerufen, dass wir dich holen sollen, und seither hat sie dich nicht mehr eingeladen? Weißt du noch, wie ich dich zum Kurs gebracht habe und wir uns anschließend hier ein Eis gekauft haben? Warum ist ihr die Bestätigung der Tochter so wichtig, was spielt es für eine Rolle, ob sie sich an dieses oder jenes Detail erinnert, schließlich will sie sie nicht daran erinnern, sondern an ihre Liebe, weißt du noch, dass du mich einmal geliebt hast, Nizan?
Wo war dieser Moment hergekommen, in dem das Gleichgewicht zwischen Erinnerungen und Bedürfnissen verlorenging? Nichts und niemand hat sie darauf vorbereitet, weder Bücher noch Zeitungen, weder ihre Eltern noch ihre Freunde. Ist sie die Einzige auf der Welt, die das in einem so frühen Stadium des Lebens wahrnimmt, ohne dass eine Katastrophe offensichtlich ist, die erste, die spürt, dass die Waagschale, auf der die Erinnerungen liegen, überläuft, während die Schale mit den Hoffnungen federleicht ist, und die sich darauf richtet, den früheren Zustand wiederherzustellen?
Genug, sagt sie, es reicht, hörst du, Hase? Es reicht, aber der Kater lässt nicht locker, er schmiegt sich fest an sie, hebt den muskulösen Schwanz, als biete er ihr die Essenz der zu erwartenden Sommerwärme. Das ist nicht auszuhalten, sagt sie, plötzlich ist es zu heiß geworden, gerade war noch Winter und jetzt, innerhalb eines Tages, haben wir Sommer, ohne Abstufung, ohne eine Zwischensaison, was für ein verlorenes Land, ein verzweifeltes Land, immer von einem Extrem zum anderen.
Der Geruch nächtlicher Lagerfeuer hängt noch in der Luft, die immer heißer wird, wie schwer fällt ihr das Atmen, vielleicht ist es auch nicht mehr nötig, in der letzten Zeit kommt es ihr vor, als seien auch die einfachsten Tätigkeiten zu kompliziert für sie, vielleicht ist ihr Antrieb nicht mehr stark genug. Früher, als Nizan sie brauchte, hatte sie wie eine Wilde geatmet, hatte Sauerstoff aus den Mündern der Vorübergehenden gesogen, doch nun, da ihre Tochter sie ignoriert, sie absichtlich kränkt, braucht sie keinen Sauerstoff, sollen ihn doch die anderen einatmen. Was für ein unangenehmes Alter, sagt sie seufzend, fünfundvierzig, früher sind Frauen in diesem Alter gestorben, sie hatten die Aufzucht der Kinder beendet und sind gestorben, haben die Welt von ihrer Anwesenheit befreit, der dornigen Anwesenheit unfruchtbarer Frauen, die niemandem mehr gefallen.
Wir antworten nicht, Hase, verkündet sie ihm, während er mit einem Satz auf die Anrichte springt, von mir aus sollen sie bis morgen anrufen, ich habe keine Kraft, mit irgendjemandem zu reden, während der riesige weiße Kater mit dem schwarzen Schwanz und den Vorderpfoten, von der eine schwarz und die andere braun ist, was einen erbärmlichen Eindruck hinterlässt, er hat sich wohl die Socken im Dunkeln ausgesucht, mit majestätischer Langsamkeit zum Fensterplatz schreitet und zufrieden die leere Stelle beschnüffelt, die von den Eiern der Taube hinterlassen wurde, und sie versteht, jemand hat, trotz ihrer ausdrücklichen Anordnung, in der Nacht das Fenster offengelassen, er war es, der das Nest zerstört hat, Hase, das heißt der Kater, und als sie nun hinausschaut, entdeckt sie zu ihrem Entsetzen unten auf dem Bürgersteig aufgeplatzte Eierschalen, einen trüben Brei, Reste von Leben.
Gideon, schreit sie, ich habe dir die ganze Woche gesagt, mach das Küchenfenster nicht auf, aber er ist schon längst weggegangen, die alte Leica um den Hals gehängt wie ein kleines Kind den Frühstücksbeutel, und über der Schulter einen weiteren Fotoapparat, so wandert er ruhelos umher, mit hin- und herflitzenden Augen, auf der ständigen Suche nach den einmaligen Kombinationen, die das Leben für ihn bereithält. Hat sie es ihm wirklich gesagt? Sie zögert, vielleicht hat sie nur vorgehabt, es ihm zu sagen, und da ist wieder dieser seltsame Schmerz zwischen den Rippen, wieder erwacht der Zorn. Zwei Embryonen haben einmal in ihrem Nest gelegen, zwei Edelsteine, und nur einer von ihnen ist herausgekommen, ihre Nizan, ein winziges, aber vollendetes Baby, während das zweite nicht überlebte, sondern zu einem trüben Brei wurde, und es gab niemanden, dem man die Schuld hätte geben können, und trotzdem tat sie es, gab sich vor allem selbst die Schuld. Lag es daran, dass sie insgeheim das Mädchen vorzog? Lag es an ihrer Panik in den ersten Wochen ihrer Schwangerschaft, die von dem winzigen Geschöpf aufgesaugt worden war und ihm die Lust zum Leben genommen hatte. Wie werden wir es schaffen, sag mir das, hatte er seufzend gesagt, man hatte ihn gerade bei der Zeitung entlassen, er hatte sich stundenlang in dem kleinen, zur Dunkelkammer umfunktionierten Zimmer eingeschlossen und war düster herausgekommen, als drohe ihnen eine Katastrophe, zwei Elternteile, zwei Embryonen, zwei auf einmal, was wird sein, wer wird sie aufziehen, wer wird uns aufziehen? Stundenlang lagen sie auf dem Sofa und starrten die Wände ihrer engen Einzimmerwohnung an, was wird sein, wir müssen eine Wohnung finden, eine Arbeit, wir werden ein Darlehen aufnehmen müssen, die Liste ihrer Aufgaben war immer länger geworden, hatte ihre Hilflosigkeit vergrößert. Damals hatte sie eine bedrohliche Leere gespürt, die in einer Sackgasse auf seine Leere gestoßen war, bis er eines Tages einen kleinen Rucksack packte und verschwand, ich brauche ein bisschen Zeit, um zu mir zu kommen, hatte er ihr zugezischt, als handle es sich um einen schweren Schlag, den sie ihm versetzt hatte, und sie dachte, er würde am Abend zurückkommen oder vielleicht am Tag darauf, aber ein paar Tage später rief er sie aus Afrika an, und als er endlich zurückkehrte, hatte er in seinem Rucksack einzigartige Bilder, die ihn über Nacht zu einem begehrten Fotografen machten, während in ihrem geheimen Nest nur noch ein einziges Ei lag.

Zeruya Shalev

Über Zeruya Shalev

Biografie

Zeruya Shalev, 1959 in einem Kibbuz am See Genezareth geboren, studierte Bibelwissenschaften und lebt mit ihrer Familie in Jerusalem. Ihre vielfach ausgezeichnete Trilogie über die moderne Liebe – «Liebesleben», «Mann und Frau», «Späte Familie» – wurde in über zwanzig Sprachen übertragen. Zeruya...

Pressestimmen

Süddeutsche Zeitung Extra

»Die Botschaft dieses literarisch und psychologisch so kunstvollen wie süffig zu lesenden Textes: So schwierig das Leben auch insgesamt sein mag, so große Fehler wir auch machen, so viele Wiedersprüche wir aushalten und so viele Schläge und Niederlagen wir einstecken müssen: Nichts ist starr in diesem Leben; Veränderung ist möglich. Und damit die Hoffnung.«

Radio Bremen

»Gnadenlos konfrontiert Shalev ihre Figuren mit den Trümmern eines Lebens, das sie zu lange irgendeiner Idee geopfert haben: der Idee, einen neuen Menschen zu schaffen, eine ideale Gesellschaft oder eine harmonische Familie. Suggestiv erzählt die Autorin davon. Mit atemlosen, absatzlosen Sätzen. Sie reißen beinahe körperlich spürbar, von Miriam Pressler großartig übersetzt, den Leser in psychische Tiefen, doch weisen kraftvoll und bildreich immer auch über die Protagonisten dieses Romans hinaus.«

Süddeutsche Zeitung

»In ihrem neuen Roman 'Für den Rest des Lebens' errichtet die israelische Autorin Zeruya Shalev das Denkmal einer Mutter.«

NDR 1 "Bücherwelt"

»Jedes Wort das Zeruya Shalev anbietet ist wertvoll. Dieser Roman ist ein bewegendes, vielleicht auch erschütterndes Zeugnis von der Tiefe der Gefühle, die uns ein Leben lang begleiten und bestimmen können. Familienbande über Generationen und Umstände hinweg, die Kraft und Einfluss besitzen.«

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