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Schlechte Karten für den BaristaSchlechte Karten für den Barista

Schlechte Karten für den Barista

Ein Toskana-Krimi

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Schlechte Karten für den Barista — Inhalt

Wenn Toskana, dann mit Barista Massimo und seinen vier Senioren!

Das Leben könnte so schön sein. Gerade hat Massimo seine Bar renoviert, es ist Sommer, und vom Meer weht eine leichte Brise. Wenn nur nicht Tiziana, seine Kellnerin, gekündigt hätte und kein Ersatz für sie in Sicht wäre. Und wenn nicht sein Großvater und seine drei alten Freunde den schönsten Platz unter der Ulme okkupiert hätten, um den ganzen Tag Karten zu spielen. Und es kommt noch schlimmer: Massimo stürzt über eine Wurzel und liegt im Krankenhaus, während die Alten mal wieder einen Mörder ins Visier nehmen - und nebenbei die Bar für ihn schmeißen.

€ 10,00 [D], € 10,30 [A]
Erschienen am 12.05.2014
Übersetzt von: Luis Ruby
208 Seiten, Broschur
EAN 978-3-492-30333-0
€ 8,99 [D], € 8,99 [A]
Erschienen am 12.05.2014
Übersetzt von: Luis Ruby
208 Seiten, WMEPUB
EAN 978-3-492-96663-4

Leseprobe zu »Schlechte Karten für den Barista«

Prolog

Alles wäre perfekt gewesen.

Massimo stand am offenen Fenster und besah sich seinen frisch gemähten Rasen. Barfuß, Espressotasse in der Hand, der Espresso noch zu heiß, um einen ersten Schluck zu wagen, so begutachtete unser Freund mit stolzem Blick das Ergebnis seiner Arbeit.

Ja, es wäre alles wunderbar gewesen.

Sicher, um den Rasen zu mähen, hatte er ein Stündchen früher aufstehen müssen als sonst; aber die zehn Minuten nach Abschluss der Unternehmung waren immer ein Hochgenuss. Nachdem er den Rasenmäher gereinigt und auch noch fein [...]

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Prolog

Alles wäre perfekt gewesen.

Massimo stand am offenen Fenster und besah sich seinen frisch gemähten Rasen. Barfuß, Espressotasse in der Hand, der Espresso noch zu heiß, um einen ersten Schluck zu wagen, so begutachtete unser Freund mit stolzem Blick das Ergebnis seiner Arbeit.

Ja, es wäre alles wunderbar gewesen.

Sicher, um den Rasen zu mähen, hatte er ein Stündchen früher aufstehen müssen als sonst; aber die zehn Minuten nach Abschluss der Unternehmung waren immer ein Hochgenuss. Nachdem er den Rasenmäher gereinigt und auch noch fein säuberlich die Ränder gestutzt hatte, war Massimo also mit einem frisch gekochten Espresso ans offene­ Fenster getreten, wo ihm der belebende Duft des geschnittenen Grases in die Nase stieg. Ein geruhsamer Morgen, saubere Frische in der Luft, einen schönen, ordentlichen Rasen vor Augen.

 

Früher hatte Massimo nie einen Garten gehabt; weder in der Kindheit, als er mit seiner Mutter und den Großeltern in einem tristen Gründerzeitbau im Zentrum von Pineta gewohnt hatte, noch als Erwachsener, als er jung verheiratet nach Pisa gezogen war, ins geschichtsträchtige und völlig überfüllte San-Martino-Viertel. Übrigens auch hinterher nicht: Nach der Scheidung von seiner Exfrau (dem Miststück) hatte er zwar nominell den Wohnsitz in San Martino behalten, tatsächlich aber sein ständiges Lager in der Bar aufgeschlagen. Zu Hause schlief er (meist auf dem Sofa), spielte auf seiner PlayStation (ebenda) und verfolgte die Champions-League-Spiele, hin und wieder mit ein paar Freunden und immer mit einer Quattro Stagioni (siehe oben).

Bis er eines Tages im vergangenen Jahr seine ehemalige, nie genug betrauerte Kellnerin nach Hause fuhr, Tiziana mit den kupferroten Haaren und den spektakulären Titten, und auf einmal das Zweifamilienhaus am Meer vor ihm stand. Da machte etwas klick. Vor allem wegen des Gartens. Denn das Haus hatte auf der Rückseite eine riesige Glasfront zu einem Garten hin, den Mauern in genau der rich­tigen Höhe umgaben, weder so hoch, dass sie einem die Wohnung verdunkelt hätten, noch so niedrig, dass einem die Leute durchs Fenster hätten schauen können. Und eben­dort schlürfte Massimo heute befriedigt den ersten Espresso des Tages und blickte auf den Rasen wie eine Katze auf ihren Wurf. So wie jeden Morgen.

Und während Massimo seinen zärtlichen Blick über die Grasdecke schweifen ließ, erklang wie jeden Morgen aus dem oberen Stockwerk des Hauses ein leises, aber vertrautes Schnalzen, unverzüglich gefolgt von lebhaften Brutzelgeräuschen; nur Sekunden später begann sich ein so dichter wie unausweichlicher Gestank nach Frittiertem in der Wohnung auszubreiten. Massimo hob die Augen zum Himmel und zündete auch etwas an: seine erste Kippe des Tages.

Alles wäre phantastisch gewesen, hätte es da nicht das Gorgonendings gegeben.

Das Gorgonendings war ein Lebewesen, das sämtliche Merkmale in sich vereinte, die eine Nervensäge erster Güte aus Massimos Sicht besitzen musste. Erstens war es weiblichen Geschlechts, wenn auch einzig und allein in verwaltungstechnischer Hinsicht; zweitens handelte es sich dabei um seine Nachbarin. So lästig das beides allerdings war, man hätte mit Leichtigkeit darüber hinwegsehen können, wenn die fragliche Person eine Fünfunddreißigjährige mit strahlendem Lächeln gewesen wäre, eine, die fröhlich grüßte und mit der man sich möglicherweise auch noch einiges­ mehr vorstellen konnte. Nur glich die Betreffende leider einer Art Nachttisch von knapp anderthalb Metern Höhe und lief mit einem Gesichtsausdruck herum, der so sauertöpfisch war, dass die Scheiben knirschten. Vermutlich hatte sie ihr Lebtag niemanden gegrüßt: eine vage menschenähnliche Erscheinung von schäbigem Äußeren, stets in Pantoffeln und Morgenmantel, die, wenn sie nicht gerade in einem völlig unverständlichen Mittelsüditalienisch den Kindern hinterherplärrte, tagein, tagaus die Bratpfanne schwenkte.

Was sie da briet, war Massimo unbekannt – ihrem Gesichtsausdruck nach zu urteilen, vielleicht Glasscherben. Worin sie ihr Bratgut frittierte, hatte Massimo sich schon oft gefragt – der Geruch deutete auf Mammutfett hin. Und wann das vor sich ging, wusste Massimo inzwischen nur zu gut. Von Anbruch der Dämmerung bis Sonnenuntergang, winters wie sommers, an Werk- wie Feiertagen, es machte keinen Unterschied: An jedem einzelnen Tag wurde Massimos Wohnung früher oder später (so gut wie immer früher) zu einer veritablen Räucherkammer.

Nach einem nutzlosen Versuch, die übel riechenden Dämpfe mit einem Schluck Espresso zu überdecken, stellte sich Massimo resigniert unter die Dusche.

Gehen wir in die Bar, das wird das Beste sein.

 

 

Anfang

An einem Badeort sind die Dinge ständig in Bewegung.

Früher einmal waren die Strandbäder in Pineta solide, funktionale Bauten aus Stahlbeton, offenbar inspiriert von den ästhetischen Konzepten der Sowjetarchitektur: große, düstere graue Würfel, mit der Hauptstraße verbunden durch asphaltierte Wege, die auf einen ungeteerten Parkplatz führten, unter Aufsicht (na ja) eines Wachmanns in Holzschuhen und Unterhemd. In der Regel war das der minderbemittelte Cousin des Eigentümers, und er assistierte im besten Fall den Kunden beim Einparken, um sich dann wieder für den Rest des Tages hinter einer Mauer aus rosa Papier zu verschanzen, der Gazzetta dello Sport.

Heute dagegen sind die Strandbäder natürlich und nachhaltig, schön anzusehen und anzufassen; man erreicht sie zu Fuß, über einen Holzsteg, und aus Holz sind auch die Gebäude selbst. Wo sich der Parkplatz befand, steht eine Cocktailbar, wer darin allerdings die Gazzetta sucht, den erwartet eine bittere Enttäuschung. Am Strand sieht man junge, nicht ganz so junge und auf ihre Weise schon auch noch junge Leute, die von Santo Domingo reden, von den Malediven, von Bali und Kalifornien, und man fragt sich nur, warum sie einem dann Jahr für Jahr in Pineta auf den Senkel gehen. Wie dem auch sei, Holz ist jedenfalls angenehmer als Beton, immerhin das lässt sich als positiver Wandel vermerken.

Auch im Rest des Dorfes wird den Touristen nun anderes geboten: Die Pizzerien a taglio sind nach und nach ausgestorben, und mit der Verrentung des jeweiligen Betreibers verschwanden auch die kleinen Bars mit ihren Marmortresen und Resopaltischen. Dafür schießen Franchiselokale wie Pilze aus dem Boden. Da ist die Sandwichbar Typ »super­nachhaltig«, in der ausschließlich regionale Produkte Verwendung finden und wo man trotzdem sein Schwertfischbaguette bekommt. Da ist die ayurvedische Eisdiele, in der einzig natürliche Zutaten verwendet werden, was eine subtile, wenn auch etwas verzerrte Logik mit gesund und förderlich gleichsetzt; offensichtlich gibt es Leute, die überzeugt sind, dass Opium nicht aus Klatschmohn gewonnen wird und Gifte wie Atropin oder Kurare im Labor erzeugt werden. Wer das glaubt, ist auch für eine Rhabarberdiät zu haben.

All diese Etablissements bedienen sich für ihre vertrauensbildenden Maßnahmen der sokratischen Methode. Sprich, in jedem einzelnen davon sieht man mehr Infoposter als freie Wandfläche, und auf diesen Postern offenbart sich dem Kunden, warum er sein Vertrauen genau diesem Laden schenken soll. Weshalb haben unsere Eissorten so eine sämige Konsistenz? Wir verwenden keine gehärteten Fette, sondern ausschließlich natürliche Zutaten. Weshalb sind eure Handtaschen so teuer? Weil wir strikt auf Kin­derarbeit verzichten. Unsere Einrichtungsgegenstände und Accessoires werden in China hergestellt, und die Fabrik­arbeiter sind zwar völlig rechtlos, aber garantiert volljährig. Wieso haben diese Tischsets so eine komische Farbe? Sie sind aus Recyclingtoilettenpapier hergestellt, ausgesprochen umweltschonend. All dies macht dem Kunden bewusst, dass das, was er da zu sich nimmt, nicht nur authentisch ist und ernährungsphysiologisch über jeden Zweifel erhaben – es musste dafür auch kein einziger Baum gefällt werden, und da fühlt man sich doch gleich anständiger und besser.

 

Auch Massimo hat sich dem Trend wohl oder übel anpassen müssen. Weshalb die Bar neu gestaltet worden ist, von Grund auf und radikal. Vorbei die Zeiten des kastanienbraunen Tresens mit seiner Kunstmarmorplatte und dem Messingschild »D’Anteo Licurgo – Innenausstattung für Gaststätten – Navacchio (PI)«. Stattdessen erstrahlt dort nun ein grandioser Block aus dunklem, gebürstetem Metall, den man zwar nur mit der doppelten Anstrengung sauber bekommt, aber es ist eben doch ein ganz anderes Niveau. Die vorn aufklappbare Vitrine mit den Backwaren wurde in den Ruhestand versetzt, und an ihrer Stelle prangt ein gläsernes Reliquiar der neuesten Generation, in dem eine stattliche Anzahl von Leuchtdioden die Farbe der Croissants erst so richtig zur Geltung bringt. Ebenfalls abgeschafft wurde der große Wandspiegel mit der Ceres-Bierwerbung, die das Lokal ungefähr doppelt so hässlich machte. An seiner statt zeigt ein prächtiger Spiegel das Logo »BarLume« in satinierten Lettern. Das ist nur ein Teil der vorgenom­menen Verbesserungen. Fassen wir es mal so zusammen: Wer heute die BarLume betritt, fühlt sich nicht aufgefordert, sich mit volkstümlicher Geste zwischen die Beine zu fassen.

Einige der Veränderungen sind rein ästhetischer Natur: Das frische Obst beispielsweise, aus dem Massimo Säfte und Granite herstellt, wird nicht mehr hinten ins Lager verbannt, sondern glänzt dem Gast aus einem hölzernen Kasten entgegen, und wenn in der Bar nicht viel Betrieb ist, gönnt Massimo den Früchten ein paar erfrischende Spritzer aus dem Zerstäuber, da sieht das Obst gleich verlockender aus. Andere Veränderungen wurden hingegen bewusst unterlassen. So liegt neben der Kasse noch immer ein Satz Karten, vierzig an der Zahl, und wenn es ans Begleichen der Rechnung geht, kann Massimo dem Kunden ein Spielchen vorschlagen: Zieht der Gast die höhere Karte, geht die Rechnung aufs Haus; ist das Glück Massimo hold, kassiert er doppelt.

Um der herrschenden Mode konsequent zu folgen, hat sich Massimo schließlich dazu durchgerungen, seine Kunden mithilfe der erwähnten sokratischen Methode über die Alleinstellungsmerkmale seines Lokals zu informieren. So hängen nun in jedem Winkel der BarLume diverse Plakate, auf denen in beruhigender Achtzig-Punkt-Helvetica ihre diver­sen Vorzüge aufgelistet sind. Unter der Sandwich­theke (»Warum sind unsere Panini so lecker? Weil ich am Morgen jeden Schinken mit einem persönlichen Segensspruch bedenke«), am Südende des Lokals (»Auf der Suche nach dem Lokus? Sie finden ihn in der rechten Ecke, wo auch sonst die Kacke dampft«) und sogar an dem Tisch unter der Ulme (»Müssen diese Opas eigentlich den ganzen Tag hier rumhängen? Ja, das wüsste ich auch gern«).

Denn da ist einfach nichts zu machen. Du kannst das Dorf umkrempeln, du kannst die Bar umkrempeln, die Welt könnte sich in die andere Richtung drehen – aber an jedem Morgen, den euer Herrgott werden lässt (Massimo ist Atheist), darf man sich einer Sache sicher sein: Ob einzeln oder zusammen, früher oder später erscheinen diese vier Überbleibsel aus dem 20. Jahrhundert und machen es sich in ihren Sesseln bequem. Und wenn sie da erst mal sitzen, bekommt sie so leicht keiner weg.

 

Heute Vormittag zum Beispiel strecken drei der vier alten Herren schon seit acht Uhr die Latschen unter den Tisch, ungewohnt bedächtig und schweigsam allerdings. Irgend­­­wo muss auch der Barbesitzer Massimo stecken, vermutlich im Hinterzimmer, aber momentan hört man nur seine Stimme, er ist nämlich am Telefon. Genau genommen hört er vor allem zu, das Gespräch wird eindeutig von seinem Gegenüber dominiert.

»Ja, ich verstehe. Aber schauen Sie, Signora, ich ...«

Erzwungenes Schweigen.

»Nein, hören Sie mir doch bitte zu. Ich kann da nichts unternehmen, Signora. Um es geradeheraus zu sagen: Das ist hier eine Bar und kein Kurort. Wenn jemand reinkommt und ein Panino mit Schweinshaxe will, dann mache ich eines und stelle es ihm auf den Tisch. Das ist mein Beruf.«

Längeres Schweigen.

»Cappuccino, das ist wieder etwas anderes. Eine Frage der Kultur, nicht der Gesundheit. Und überhaupt ... Ja. Ja. Gut, Signora, ich verstehe. Gleich sage ich’s ihm. Ja. In Ordnung. Ebenfalls.«

Massimo trat aus der Tür, in der Hand ein leeres Tablett. Am Tisch unter der Ulme angekommen, machte er sich daran, das schmutzige Geschirr abzuräumen, und fragte beiläufig:

»Sagen Sie mal, Pilade, wie haben Sie das eigentlich geschafft, eine Frau zu finden, die eine noch größere Nervensäge ist als Sie selbst?«

»Gleich und Gleich gesellt sich gern«, sagte Rimediotti. »Aber deine Frau war auch nicht übel, was, Massimino?«

»Erstens reden wir hier nicht über mich. Und zweitens bin ich dreißig Zentimeter größer als Sie. Wenn Sie jemanden Massimino nennen wollen, suchen Sie sich einen passenderen Kandidaten.«

Sein ursprünglicher Adressat, Pilade Del Tacca, zuckte mit fatalistischer Geste die schmalen und doch fleischigen Schultern.

»Die Arme tut doch nur ihre Pflicht. Aber es stimmt schon, seit ich beim Doktor war, hält man es mit ihr kaum noch aus.«

Pilade hatte den Satz noch nicht beendet, da traf Ampelio ein. Und verlor keine Zeit.

»Ach, du warst beim Doktor? Schön blöd. Was hat er gesagt?«

Del Tacca drehte sich zu Ampelio um und erwiderte mit feierlicher Stimme:

»Dass ich Diät halten soll.«

»Junge, Junge, das ist ja eine richtige Koryphäe. Du bist so groß wie eine Korbflasche und wiegst so viel wie ein Geschirrschrank, was hast du erwartet? Dass er dir ein paar Schlückchen Arznei verschreibt? Und für den Rat bezahlst du ihn?«

»Na ja, er meint, das wäre gut fürs Herz«, sagte Pilade und steckte sich eine Stop an. »Seiner Meinung nach sollte ich zwanzig Kilo abnehmen, so schnell es irgend geht.«

»Schneid dir doch ein Bein ab«, schlug Ampelio vor. »Die brauchst du doch sowieso nicht ...«

»Und jetzt gibt meine Frau seit zwei Tagen keine Ruhe«, überging Pilade die Bemerkung. »Und das nicht nur daheim. Gerade hat sie angerufen, damit Massimo ... Was wollte sie eigentlich von dir?«

»Kein Essen, keinen Alkohol, keinen Kaffee. Und zum Rauchen soll ich Ihnen auch nichts geben.«

»Und was hast du jetzt vor?«

»Was ich vorhabe? Ich bin Barbesitzer. Um Pilade am Essen zu hindern, müsste man Chuck Norris engagieren und ihn fragen, ob er noch schnell Ernährungswissenschaften studieren könnte.«

Massimo ging hinüber zur Kaffeemaschine, was soll Ampelio um die Uhrzeit schon wollen, fragte dann aber zur Sicher­heit doch:

»Soll ich dir einen Espresso machen, Großvater?«

»Ja doch, Junge, danke. Und deine Frau hat jetzt also gemerkt, dass du fett bist?«

»Ach woher. Das kommt doch alles nur von diesem Fernsehquatsch. Die tun ja fast so, als ob es keine alten Leute gäbe. Da siehst du Achtzigjährige, die Marathon laufen, neunzigjährige Rallyepiloten, alte Weiblein, die mit hundert noch Fallschirm springen ...«

»Ach Gottchen«, sagte Ampelio. »Wenn’s dich in dem Alter auf dem Boden zermatscht, entgeht dir auch nicht mehr viel.«

»... da kriegst du das Gefühl, du musst mit achtzig noch so leben wie ein Jungspund«, schloss Pilade. »Herr im Himmel, ich bin alt. Ich bin alt und fett, weil ich eben schon immer gern gegessen habe, und so ist das auch heute noch.«

»Ja, aber wenn’s um die Gesundheit geht ...«, versuchte es Rimediotti.

»Lass mich doch mit der Gesundheit in Ruhe. Wenn der Moment gekommen ist, gebe ich den Löffel ab. Aber wie ein Kranker leben, bloß um gesund sterben zu können, darauf habe ich nun überhaupt keine Lust. Wozu soll das gut sein – zur Vorbereitung auf die Organtransplantation?«

Pilade drückte plump seine stinkende Zigarette aus und servierte sich ein großzügiges Glas Amaro, als wollte er seine Worte noch unterstreichen. Dann fuhr er fort:

»Ich bin alt, und ich will auch wie ein alter Mensch leben. Viel Erfreuliches habe ich nicht mehr vor mir, aber das wenige­ will ich genießen. Wenn es Leute gibt, die mit achtzig noch den Frauen nachlaufen oder Berge hochrennen wollen, schön für sie. Mich interessiert das einen Scheißdreck. Ich genieße das Essen und Trinken, soll doch jeder nach seiner Fasson selig werden.«

Der Ton, in dem er das sagte, ließ keinen Widerspruch zu. Ich, Pilade Del Tacca, erkläre im vollen (im rappelvollen) Besitz meiner körperlichen und geistigen Kräfte, dass es mein fester Vorsatz ist, meine gewohnte Lebensart im selben Umfang fortzuführen wie bisher – also auch mit demselben Leibesumfang –, und wer versucht, mich an der Verwirklichung dieses Vorhabens zu hindern, ist höflichst gehalten, mir den Buckel runterzurutschen. Mein Speck gehört­ mir.

»Bravo«, sagte jetzt Aldo mit einer Spur Sarkasmus in der Stimme. »Aber eines wüsste ich schon noch gern: Wo isst du eigentlich zu Mittag und zu Abend?«

»Na, daheim.«

»Und wer kocht bei dir daheim?«

»Na, die Clelia.«

»Da haben wir’s. Und wer hat gerade hier angerufen?«

Während Del Tacca die schreckliche Wahrheit dämmerte, versetzte ihm Aldo den Gnadenstoß:

»Glaubst du wirklich, dass eine Frau wie die deine weiter dabei zusieht, wie du jeden Mittag und jeden Abend das Essen in dich hineinschaufelst? Willst du mir etwa erzählen, dass dich zu Hause schon ein Nudelauflauf erwartet? Oder ist es vielleicht doch nur eine Frischkäseecke?«

Wenn du mit dem Rücken zur Wand stehst, geh zum Angriff­ über. Wie bereits Schopenhauer sagte: Wenn man dich verhöhnt und du nicht die geringste Chance hast, dich mit logischen Argumenten zu verteidigen, so ist die beste Strategie, den Ankläger und seine durchsichtigen Winkelzüge direkt anzugehen – mach anstelle deiner Probleme die seinen zum Gegenstand des Streits.

Pilades Unkenntnis der deutschen Philosophie war ­umfassend, aber im Laufe seiner an Widersprüchen reichen Karriere als Kommunalbeamter war er ganz von ­allein zu demselben Schluss gelangt. Unzählige Male hatte er die ­Anschuldigung, sich von früh bis spät einen schönen Lenz zu machen, erfolgreich dadurch abgewehrt, dass er in aller Seelenruhe den Ankläger ins Visier nahm.

»Ich verstehe«, sagte Pilade jetzt. »Na, dann machen wir’s doch so: Von morgen an komme ich zum Mittag- und Abendessen zu dir ins Restaurant. Vorausgesetzt natürlich, du schaffst es, bis morgen wieder zu eröffnen.«

Und das war ein echter Schlag unter die Gürtellinie.

Drei Monate zuvor war im Boccaccio, dem von Aldo geführten Restaurant, ein nächtliches Feuer ausgebrochen, aus heiterem Himmel und nicht gerade durch Zufall. Ob un­­lauteres Mittel der Konkurrenz oder russische Mafia, man wusste es nicht: Jedenfalls stand Aldo ohne Restaurant da und musste fünf Angestellte durchbringen, denen er weiterhin regelmäßig ihr Gehalt bezahlte – wenn der Allmächtige es so wollte, würde er sich mit den zwei oder drei Versicherungen schadlos halten, die er auf sein geliebtes Lokal abgeschlossen hatte.

»Weißt du, wenn ich’s mir so überlege, würde dir ein kleiner Infarkt nicht schaden«, sagte Aldo, ohne die Fassung zu verlieren. »Ich versuche einfach nur herauszufinden, ob ich der Sache trauen kann oder nicht.«

»Ist uns schon klar«, versicherte Pilade ihm. »Mit der Geschichte liegst du uns seit einem geschlagenen Monat in den Ohren. Aber wenn du immer nur redest und nicht zum Ende kommst, wird wohl kaum etwas daraus werden. Durch Meditieren ist nur einer reich geworden, und das war Sai Baba.«

»Und was soll ich dann deiner Meinung nach unternehmen?«

»Na, du könntest doch in Rente gehen«, sagte Ampelio.

»Nein, Ampelio, da haben wir uns falsch verstanden. Bevor ich nicht mein Restaurant an jemanden übergeben kann, der es in meinem Sinne weiterführt, gehe ich ganz sicher­ nicht in Rente.«

»Verstehe. Aber warum du dich mit diesem Pack von der Villa del Chiostro einlässt, das kapiere ich nicht. Da hat doch noch der Sauberste die Krätze.«

Aldo seufzte.

Sofern Sie nicht neu sind am Ort, wissen Sie wohl: Wer Ampelio etwas anderes nahebringen will als die geeignete Taktik, um das Rennen Mailand – San Remo zu gewinnen, der kommt in Schwierigkeiten, das ist auf dieser Welt Naturgesetz. Für Ampelio Viviani, diesen fünfundachtzigjäh­rigen ehemaligen Eisenbahner mit seiner Leidenschaft für Radsport und die Angelegenheiten anderer Leute, gibt es so gut wie nichts, das nicht in Zweifel gezogen werden kann und sollte.

Und jetzt kam ihm Aldo auch noch damit, dass er keine Lust habe, in Rente zu gehen. Eine derartige Aussage konnte sich keiner leisten, weder ihm gegenüber noch gegenüber den beiden anderen Superlebenserfahrenen am Tisch, oder nur um den Preis erheblichen Missfallens. In der Tat hat jeder von den jungen Hüpfern, von Aldo abgesehen, schon vor geraumer Zeit die sogenannte »Überrundung« gefeiert, das heißt, sie sind inzwischen länger in Rente, als sie gearbeitet haben – eine von jenen typisch italienischen Traditionen, die nach und nach zum Aussterben verurteilt sind, trotz des Anstiegs der Lebenserwartung.

 

Die Villa del Chiostro hatte einst einem örtlichen Bauunternehmer namens Ranieri Carratori gehört, bevor sie verkauft und zum Hotel umgebaut worden war. Später hatte man sie, dem Zeitgeist folgend, in eine Schönheitsfarm umfunk­tioniert. Und die lief. Sommers wie winters fielen aus der ganzen Toskana Schwärme dem Jugendwahn verfallener Damen ein, um sich ihre ausladenden Hinterteile massieren und sanieren zu lassen, auf sture Weise unfähig, sich damit abzufinden, dass es nun einmal in Richtung Altwerden ging und die Schwerkraft nicht zu den Gesetzen zählt, die sich mithilfe eines cleveren Anwalts aushebeln lassen. Um der Wahrheit die Ehre zu geben, sieht man in der Villa del Chiostro seit einigen Jahren auch eine erkleckliche Zahl männlicher Kandidaten, die offiziell nur da sind, um die Frau Gemahlin zu begleiten. Aber woher haben sie dann bei ihrer Abreise die tagesfrische Maniküre und diese beträchtliche Sonnenbräune, und das im Februar?

Fest steht jedenfalls, dass die Wellnessfarm trotz Krise ganz ausgezeichnet lief und mit der Zeit zu einer richtiggehenden kleinen Ortschaft angewachsen war, mit allen Schikanen. Als der Inhaber, ein gewisser Remo Foresti, erfahren hatte, dass Aldo auf der Suche nach einem neuen Lokal war, hatte er ihm den Vorschlag unterbreitet, gemeinsam ein Restaurant auf dem Areal der Villa zu eröffnen. Es sollte unabhängig von der bereits vorhandenen Gastronomie sein und sowohl den Gästen als auch auswärtiger Kundschaft offenstehen. Und so kam es, dass Aldo seit einem guten Monat keine Nacht mehr durchschlief.

 

»Eines weiß ich auf jeden Fall«, fuhr Aldo nach einer kurzen Pause fort. »Ich will wieder aufmachen, so viel ist sicher. Dazu brauche ich nur noch zwei Dinge: einen Menschen, der intelligent ist und nicht wie ein Monster aussieht, zum Anlernen als Geschäftsführer. Und einen schönen Standort, an dem ich das Lokal neu eröffnen kann. Jetzt liegt mir das Angebot dieses Foresti vor, und ich bin dabei, es zu prüfen.«

Während er sprach, streckte Aldo die Hand aus und schnappte sich eine Zigarette aus Massimos Hemdtasche, der sich kurz hinuntergebeugt hatte, um den Aschenbecher abzuräumen. »Selbst kaufen Sie keine mehr, was?« – »Tja, mir ist doch das Lokal abgebrannt, da stehen mir eine Menge Ausgaben bevor, und jetzt schränke ich mich mit dem Rauchen ein wenig ein.« – »Von wegen einschränken. Ich kaufe mir jeden Tag eine Schachtel, das sind zwanzig Stück, von denen bleiben mir sechs.«

»Also, eigentlich gibt es da nichts zu prüfen«, sagte Aldo, nachdem er sich das Beutestück angezündet hatte. »Das Angebot sieht einwandfrei aus. Niedrige Miete, vernünftige Fristen. Allerdings will er die Öffnungszeiten bestimmen, und im Sommer soll jeden Tag geöffnet sein. Darüber müssen wir noch reden.«

»Wie ist denn das Lokal? Etwas besser als die Katakombe?«

»Das Lokal ... Also, um das mal klarzustellen, im Boccaccio hat alles funktioniert.«

»Das stimmt«, bestätigte Massimo. »Da war nichts zu bean­standen, ein solider und respektabler Laden. Man hat sich bei dem Gemäuer zwar gewundert, dass die Speisekarte nicht auf Etruskisch ist, aber davon abgesehen ...«

»Das Lokal ist durchaus brauchbar«, unterbrach ihn Aldo in dem Ton dessen, der nichts davon hören will, dass seine verstorbene Frau ihm jeden Donnerstag Hörner aufgesetzt hat, dem aber durchaus klar ist, dass sein Zweitgeborener dem Bäcker nicht ganz unähnlich sieht. »Elegant, geräumig, große Fenster. Ein hübscher Jugendstilbau. Also, die Familie hat schon was verstanden vom Bauen, da kann man nichts sagen, vor allem damals. Später haben sie sich auf andere Dinge verlegt. Aber es läuft immer wieder aufs selbe hinaus: Ich weiß nicht, wie sehr ich der Sache trauen kann.«

»Wieso denn, was ist dieser Foresti für ein Typ?«, fragte Massimo mehr aus Höflichkeit als aus echtem Interesse.

»Weißt du noch, was Rechtsanwalt Prisco über die Juve-Fans gesagt hat?«

»Na klar. ›Wenn ich einem Milan-Fan die Hand gebe, wasche­ ich sie mir danach mit Seife. Wenn ich sie einem Juve-Fan gebe, zähle ich erst mal die Finger.‹«

»Genau, Zwei plus. Tja, und Remo Foresti ist Juve-Fan. Beim Fußball wie im täglichen Umgang.«

Aldo drückte die Zigarette im Aschenbecher aus, erhob sich und begann, auf und ab zu spazieren, so wie immer, wenn er zu einem seiner Monologe ansetzte.

»Verstehen wir uns richtig, er verstößt nicht offen gegen die Spielregeln. Und er ist auch keiner von diesen Halunken, die andere Leute nur ausnutzen. Aber er geht gerne auf Nummer sicher. Wenn du mit Foresti Geschäfte machst, brauchst du dir keine Sorgen zu machen, er geht garantiert nicht leer aus. Vielleicht kommst sogar du auf deine Kosten. Aber dass du ihn aufs Kreuz legst, ist ziemlich unwahrscheinlich.«

»Verstehe. Aber wenn er dir das Angebot macht, dein Restaurant auf seinem Areal zu eröffnen, dann riskiert er doch auch etwas.«

»Ja, das stimmt. Aber weißt du, es kann so viel passieren. Und es gibt so vieles, das ich nicht weiß. Du musst auch bedenken: Vor zwanzig Jahren war der Bursche noch Zimmermann, und dann kauft er sich auf einmal ein Anwesen, so groß wie ein Dorf. Niemand weiß, mit welchem Geld. Ich habe zum Beispiel keine Ahnung, ob die Immobilie wirklich ihm gehört. Vielleicht fungiert er nur als Strohmann. Vielleicht kommen von einem Tag auf den nächsten die Carabinieri und beschlagnahmen mir den Komplex unterm Hintern weg.«

»Ach komm, Aldo, das ist doch paranoid«, sagte Ampelio­.

»Wieso paranoid? Er hat völlig recht«, schaltete sich Rimediotti ein. »Als hätte man noch nie erlebt, dass ein Richter morgens aufsteht und aus Jux und Tollerei eine Unter­suchung eröffnet.«

Aldo deutete mit der offenen Hand auf Gino, als wollte er sagen: »Siehst du, was ich meine?«

»Für mich seid ihr alle beide bekloppt«, verkündete Pilade feierlich. »Trotzdem, Aldo, es wird besser sein, dass du Erkundigungen einziehst. Wenn du möchtest, kann ich mich ein wenig auf der Gemeinde umhören, vielleicht erzählt mir jemand was.«

»Ja, sehr gut. Da würdest du mir einen Gefallen tun. Massimo­, wo du schon stehst, bringst du uns mal die Karten­?«

Damit setzte Aldo sich wieder hin und erklärte die Diskussion für beendet.

Schließlich ist der Tag doch nicht nur für Ernstes da, oder?

 

______

 

Die »Barista Massimo«-Reihe im Überblick:

Band I: Im Schatten der Pineta

Band II: Die Schnelligkeit der Schnecke

Band III: Die Einsamkeit des Barista

Band IV: Schlechte Karten für den Barista

Marco Malvaldi

Über Marco Malvaldi

Biografie

Marco Malvaldi, geboren 1974 in Pisa, arbeitete bis vor Kurzem als wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Fakultät für Chemie der dortigen Universität. Mit seinen Krimis um die vier alten Männer und den sympathischen Barbesitzer Massimo avancierte er zum Bestsellerautor. Daneben veröffentlichte er...

Pressestimmen

Ostthüringer Zeitung

»Ein wunderbarer Krimi in einer ebenso wunderbaren Sprache.«

www.galeria-kaufhof.de/blog

»Nicht nur Italien-Fans werden der Geschichte, die das italienische Landleben mit einem kleinen Augenzwinkern beschreibt, gebannt folgen.«

Wiener Journal (A)

»Ein Panoptikum schräger Typen und ein raffinierter Kriminalfall – Fans des Barista kommen wieder voll auf ihre Kosten.«

JOY

»Charmanter Toskana-Krimi, der Italien begeisterte.«

Mokka - Das Magazin für das westliche Münsterland

»Marco Malvaldi schreibt Krimis, die den Duft der Toskana atmen.«

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