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Ein Moment fürs Leben Ein Moment fürs Leben - eBook-Ausgabe

Cecelia Ahern
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Roman

— Ein inspirierender Roman von Bestsellerautorin Cecelia Ahern
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Ein Moment fürs Leben — Inhalt

Was würde dein Leben über dich sagen?

Mit kleinen Lügen mogelt sich Lucy durchs Leben: eine winzige Flunkerei hier, eine verdrehte Wahrheit dort. Doch irgendwann beschließt ihre Familie, dass Lucy ihr verlogenes Leben in der viel zu kleinen Wohnung mit dem zu großen Sofa, und dazu noch arbeitslos, nicht weiterführen kann. Deshalb wird eine „Lebensagentur“ eingeschaltet, und Lucy trifft, ob sie will oder nicht, ihr Leben in Gestalt eines Mannes. Und der ist alles andere als attraktiv, aber dafür sehr, sehr anhänglich … 

„Liebenswert und witzig.“ Buchjournal

„Wunderbare und kluge Unterhaltungsliteratur. DER Roman für jeden, der sein Leben richtig leben will.“ Alex Dengler, denglers-buchkritik

„Hintersinnige Unterhaltung von Dublins Bestsellerautorin Cecelia Ahern, die mit ihrem humorvollen Roman auch Denkanstöße für das eigene Leben liefert.“ Hör zu

€ 12,00 [D], € 12,40 [A]
Erschienen am 27.04.2023
Übersetzt von: Christine Strüh
496 Seiten, Broschur
EAN 978-3-492-31393-3
Download Cover
€ 9,99 [D], € 9,99 [A]
Erschienen am 27.04.2023
Übersetzt von: Christine Strüh
496 Seiten
EAN 978-3-492-60420-8
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Leseprobe zu „Ein Moment fürs Leben“

Kapitel 1

Liebe Lucy Silchester,

ich möchte Sie am Montag, dem 30. Mai 2011, zu einem Treffen bitten.

 

Den Rest las ich gar nicht mehr. Das war auch nicht nötig, denn ich wusste genau, wer mir diesen Brief geschickt hatte. Es war mir sofort klar, als ich von der Arbeit in mein Studio-apartment zurückkam und ihn auf halbem Weg zwischen Tür und Küche auf dem Boden liegen sah, auf dem angekokelten Stück Teppich – vor zwei Jahren war der Weihnachtsbaum umgekippt und hatte mit seinen Lichtern den Teppichflor versengt. Der Teppich war ein altes billiges Ding, [...]

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Kapitel 1

Liebe Lucy Silchester,

ich möchte Sie am Montag, dem 30. Mai 2011, zu einem Treffen bitten.

 

Den Rest las ich gar nicht mehr. Das war auch nicht nötig, denn ich wusste genau, wer mir diesen Brief geschickt hatte. Es war mir sofort klar, als ich von der Arbeit in mein Studio-apartment zurückkam und ihn auf halbem Weg zwischen Tür und Küche auf dem Boden liegen sah, auf dem angekokelten Stück Teppich – vor zwei Jahren war der Weihnachtsbaum umgekippt und hatte mit seinen Lichtern den Teppichflor versengt. Der Teppich war ein altes billiges Ding, das mein knauseriger Vermieter ausgesucht hatte. Er war aus schäbigem grauem Synthetikmaterial, das aussah, als wären schon mehr Füße darübergelaufen als über die angeblich Glück bringenden Hoden des Stiers auf dem Mosaik in der Mailänder Galleria Vittorio Emanuele II. In dem Bürogebäude, in dem ich arbeitete, lag ein ähnliches Material aus – aber dort passte es besser hin, denn dieser Teppich war nie zum Barfußlaufen gedacht, sondern für den stetigen Strom glänzender Lederschuhe, die sich vom Schreibtisch zum Kopierer bewegten, vom Kopierer zur Kaffeemaschine, von der Kaffeemaschine zum Notausgang und von dort ins Treppenhaus, denn paradoxerweise war hier der einzige Ort, wo der Feueralarm nicht ausgelöst wurde und man in Ruhe ein heimliches Zigarettenpäuschen machen konnte. Ich selbst war an der Suche nach diesem Rauchereck beteiligt gewesen – wenn der Feind uns wieder einmal aufspürte, machten wir uns stets unverzüglich auf die Suche nach einem neuen Versteck, und auch dieses hier war leicht an den Hunderten am Boden aufgehäufter Kippen zu erkennen. In panischer Hektik saugten die Raucher den Zigaretten das Leben aus und entledigten sich achtlos der äußeren Hülle, während die Seelen noch in ihren Lungen schwebten. Keinem anderen Ort des Bürogebäudes wurde so intensiv gehuldigt wie diesem – mehr als der Kaffeemaschine, mehr als den Ausgangstüren abends um sechs, mehr als dem Stuhl vor dem Schreibtisch von Edna Larson, unserer Chefin, die die guten Absichten ihrer Angestellten in sich aufsaugte wie ein kaputter Automat, der die Münzen schluckt und sich dann weigert, den Schokoriegel auszuspucken.

Der Brief lag also auf dem schmutzigen, angesengten Teppichboden. Ein cremefarbener Leinenumschlag, auf dem in gewichtigen George-Street-Lettern und eindeutiger schwarzer Tinte mein Name stand, neben einem goldenen Stempel in Form von drei sich berührenden Spiralen.

Die Dreifachspirale des Lebens. Ich kannte sie, denn ich hatte bereits zwei Briefe dieser Art erhalten und das Symbol gegoogelt. Aber ich hatte den Termin beide Male nicht wahrgenommen und auch nicht die angegebene Nummer angerufen, um ihn zu verlegen oder abzusagen. Ich hatte die Briefe einfach ignoriert, sie sozusagen unter den Teppich gekehrt – jedenfalls hätte ich das gern getan, aber dank der Weihnachtslichter war er ja leider hinüber – und vergessen. Nein, nicht wirklich vergessen. Dinge, die man getan hat, obwohl man sie nicht hätte tun sollen, vergisst man ja nie, sie bleiben einem im Kopf, lungern dort herum wie Einbrecher, die ein neues Ziel ausbaldowern. Man sieht sie gelegentlich, wie sie sich unauffällig irgendwo rumdrücken, aber sobald man sie anvisiert und zur Rede stellen will, sind sie blitzschnell hinter dem nächsten Briefkasten verschwunden. Oder es ist, als sieht man in der Menge ein bekanntes Gesicht auftauchen, das man gleich wieder aus den Augen verliert. Ein irritierendes Wimmelbild, für immer ins Gedächtnis eingeprägt und in jedem Gedanken versteckt, der durchs Gewissen zieht. Immer ist es da, die Erinnerung an das, was man nicht hätte tun sollen, sie lässt einen einfach nicht in Frieden.

Einen Monat nach dem zweiten von mir ignorierten Brief war dieser hier mit einem erneut verlegten Termin eingetrudelt, ohne den kleinsten Hinweis darauf, dass ich auf die ersten beiden Einladungen nicht reagiert hatte. Und genau wie früher bei meiner Mutter führte die Tatsache, dass meine Unzulänglichkeit höflich übergangen wurde, dazu, dass ich mich umso schlechter fühlte.

Ich hielt das schicke Papier zwischen Daumen und Zeigefinger in die Höhe und legte den Kopf schief, um es zu lesen, weil es zur Seite klappte. Anscheinend hatte der Kater mal wieder daraufgepisst. Ironie des Schicksals. Ich machte ihm keinen Vorwurf, denn da ich mitten in der Stadt in einem Hochhaus wohnte, in dem Haustierhaltung verboten war, und außerdem einem Vollzeitjob nachging, hatte das arme Tier ja keine Gelegenheit, seine Notdurft draußen zu verrichten. In dem Versuch, mein schlechtes Gewissen zu beruhigen, hatte ich überall in der Wohnung gerahmte Fotos von der Welt draußen aufgehängt: Wiesen, Meer, ein Briefkasten, Kieselsteine, Autos, ein Park, eine Auswahl anderer Katzen und ein paarmal Gene Kelly. Letzterer natürlich eher meinetwegen, aber ich hoffte, die anderen Bilder würden dazu führen, dass der Kater irgendwann gar nicht mehr den Wunsch verspürte, nach draußen zu gehen. Oder frische Luft zu atmen, Freunde zu finden, sich zu verlieben. Oder zu singen und zu tanzen.

Da ich fünf Tage die Woche morgens um acht die Wohnung verließ und oft erst abends um acht oder gar nicht zurückkam, hatte ich den Kater darauf dressiert, sich auf Papier zu „erleichtern“, wie die Katzentrainerin immer gesagt hatte, damit er sich allmählich daran gewöhnte, sein Katzenklo zu benutzen. Und dieser Brief, das einzige Papier, das noch auf dem Boden lag, hatte ihn sicher verwirrt. Ich beobachtete ihn, wie er sich verlegen in der Zimmerecke herumdrückte. Er wusste, dass er etwas Falsches getan hatte. In seinem Gedächtnis lauerte die Erinnerung an das, was er nicht hätte tun dürfen.

Ich hasse Katzen, aber diesen Kater mochte ich. Ich hatte ihn Mr Pan getauft, nach Peter Pan, dem allseits bekannten fliegenden Jungen. Mr Pan ist zwar weder ein Junge, der nicht älter wird, noch kann er fliegen, aber es besteht trotzdem eine seltsame Ähnlichkeit, und mir erschien der Name damals passend. Ich hatte Mr Pan eines Abends in einem Müllcontainer auf einem Hinterhof gefunden, laut schnurrend, als wäre er völlig verzweifelt. Oder war ich verzweifelt? Was ich auf dem Hinterhof zu suchen hatte, ist meine Privatangelegenheit und soll es auch bleiben. Jedenfalls regnete es in Strömen, und ich trug einen beigefarbenen Trenchcoat. Ich hatte gerade bei einer Überdosis Tequila einem perfekten Freund nachgetrauert und gab nun mein Bestes, wie eine aus Frühstück bei Tiffany wiedergeborene Audrey Hepburn diesem Tier nachzujagen und mit klarer, einzigartiger und völlig verzweifelter Stimme „Katze!“ zu rufen.

Wie sich herausstellte, war das Kätzchen gerade mal einen Tag alt und als Zwitter geboren. Offensichtlich hatten seine Mutter oder sein Besitzer oder beide es ausgesetzt. Als ich dem Tier dann einen Namen gab, hatte ich das Gefühl, ganz allein entscheiden zu müssen, welchem Geschlecht es von nun an angehören würde, auch wenn der Tierarzt mir ausführlich erklärt hatte, dass es eine eher männliche Anatomie besaß. Aber ich dachte an mein gebrochenes Herz und daran, dass ich bei der letzten Beförderung übergangen worden war, weil meine Chefin meinte, ich wäre schwanger – dabei war nur gerade Weihnachten gewesen, und ich hatte mich wie jedes Jahr vollgestopft wie bei einem mittelalterlichen Bankett, den wilden Eber ausgenommen. Als mir dann noch einfiel, dass ich letzten Monat während meiner Tage furchtbare Bauchschmerzen gehabt hatte, eines Nachts in der U-Bahn von einem Penner angegrapscht worden war und mich meine männlichen Kollegen als Zicke bezeichnet hatten, nur weil ich deutlich meine professionelle Meinung vertreten hatte, kam ich zu dem Schluss, dass das Leben für die Katze als Kater vermutlich einfacher sein würde. Inzwischen glaube ich allerdings, dass es die falsche Entscheidung war, denn wenn ich das Tier aus Versehen Samantha oder Mary rufe, was gelegentlich vorkommt, schaut es mich mit einem Ausdruck an, den ich nur als Dankbarkeit bezeichnen kann. Meistens lässt es sich dann in einem meiner Schuhe nieder und starrt wehmütig auf den Pfennigabsatz, als symbolisiere er die Welt, die ihm geraubt worden ist. Aber ich schweife ab. Zurück zu dem Brief.

Diesmal würde ich den Termin wohl oder übel wahrnehmen müssen. Es gab keinen Weg daran vorbei. Ich konnte ihn nicht erneut ignorieren und den Absender weiter verärgern.

Aber wer war denn der Absender?

Vorsichtig hielt ich das langsam trocknende Papier mit spitzen Fingern an einer Ecke fest, neigte erneut den Kopf und versuchte, das umgeklappte Blatt zu lesen.

Liebe Lucy Silchester,

ich möchte Sie am Montag, dem 30. Mai 2011, zu einem Treffen bitten.

Mit freundlichen Grüßen,

Ihr Leben

 

Mein Leben. Na klar.

Mein Leben brauchte mich. Es machte gerade eine schwere Zeit durch, und ich hatte ihm nicht genügend Aufmerksamkeit geschenkt, war nachlässig geworden, hatte mich mit allerlei anderem Zeug abgelenkt – mit dem Leben meiner Freunde, Problemen bei der Arbeit, mit meinem immer klappriger werdenden Auto, all so was. Mein Leben dagegen hatte ich komplett ignoriert. Und jetzt hatte es mir geschrieben und mich zu einem Treffen bestellt. Es blieb mir im Grunde gar keine andere Wahl, als seiner Bitte nachzukommen und ihm von Angesicht zu Angesicht gegenüberzutreten.


Kapitel 2

Mir waren ähnliche Vorkommnisse schon zu Ohren gekommen, deshalb regte ich mich auch nicht besonders auf. Ich rege mich ohnehin nicht so leicht auf, dafür bin ich einfach nicht der Typ. Mich wundert eigentlich so schnell nichts. Vermutlich, weil ich so ziemlich alles für möglich halte. Vielleicht klingt das jetzt, als wäre ich gläubig oder so, aber das stimmt eigentlich nicht. Ich versuche es mal anders auszudrücken: Ich akzeptiere, was passiert, ganz egal, was es ist. Deshalb fand ich es zwar ungewöhnlich, aber nicht wirklich überraschend, dass mein Leben mir Briefe schrieb. Es war mir hauptsächlich lästig. Denn ich wusste ja, dass mein Leben eigentlich sehr viel von meiner Aufmerksamkeit brauchte, aber wenn es einfach für mich gewesen wäre, diesen Anspruch zu erfüllen, dann hätte ich den Brief ja gar nicht erst bekommen.

Ich schlug das Eis vom Gefrierfach des Kühlschranks mit einem Messer ab und befreite mit blauer Hand einen Cottage Pie. Während ich darauf wartete, dass die Mikrowelle piepte, aß ich eine Scheibe Toast. Und einen Joghurt. Weil mein Essen immer noch nicht fertig war, leckte ich den Deckel ab und beschloss, dass das Eintreffen des Briefs eine gute Entschuldigung dafür war, eine Flasche Pinot Grigio für 3,99 Euro zu öffnen. Dann kratzte ich das restliche Eis vom Gefrierfach. Mr Pan rannte entsetzt davon und versuchte, sich in einem rosa, mit Herzen verzierten Gummistiefel zu verstecken, an dem noch reichlich Schlamm von einem Musikfestival im Sommer vor drei Jahren klebte. Ich ersetzte eine Weinflasche, die ich im Gefrierfach vergessen hatte und die zu einem eisigen Alkoholklotz erstarrt war, mit einer frischen Flasche. Diesmal würde ich den Wein nicht vergessen. Auf gar keinen Fall. Immerhin war es die letzte Flasche aus dem Weinkeller Schrägstrich Eckschrank-unter-der-Keksdose. Was mich an die Kekse erinnerte. Also verdrückte ich noch schnell einen Doppelschokokeks. Dann piepte die Mikrowelle endlich. Ich kippte den Cottage Pie aus der Packung auf den Teller – ein großer unappetitlicher Pampe-Berg, der in der Mitte noch kalt war. Aber ich hatte nicht die Geduld, das Zeug noch mal in die Mikrowelle zu schieben und weitere dreißig Sekunden zu warten, sondern stellte mich zum Essen an die Küchentheke und stocherte in den warmen Teilen am Rand der Pampe herum.

Früher habe ich richtig gekocht. Fast jeden Abend. Wenn ich mal nicht kochte, dann kochte Blake, mein Freund. Und es machte uns Spaß. Wir hatten eine große Wohnung in einer umgebauten Brotfabrik gekauft, mit deckenhohen Metallsprossenfenstern, unverputzten Originalbacksteinwänden und einem offenen Koch-Ess-Bereich. Beinahe jedes Wochenende kamen Freunde zum Essen. Blake kochte wahnsinnig gern, fand Besuch wunderbar und versammelte am liebsten sämtliche Freunde und dazu noch unsere Familien um sich. Er liebte den Trubel, wenn viele Leute gemeinsam lachten, redeten, aßen, diskutierten. Er liebte die Gerüche, den Dampf, die genüsslichen Ohs und Ahs. Dann stand Blake an der Kücheninsel und erzählte wortgewandt spannende Geschichten, während er eine Zwiebel klein schnitt, Rotwein in ein Bœuf Bourguignon kippte oder ein Omelette Surprise flambierte. Er maß nie etwas ab, und trotzdem traf er immer die richtige Mischung. Er bekam überhaupt immer die perfekte Balance hin. Blake arbeitete als Reise- und Food-Journalist, und er liebte es, überall hinzureisen und alle möglichen neuen Gerichte zu probieren. Er war extrem unternehmungslustig. An den Wochenenden waren wir immer unterwegs, bestiegen alle möglichen Berge, und im Sommer bereisten wir Länder, von denen ich davor noch nie etwas gehört hatte. Wir machten Fallschirmspringen und Bungee-Jumping. Blake war perfekt.

Und dann ist er gestorben.

Nein, das war ein Witz. Er ist gesund und munter. Der Witz war ziemlich daneben, ich weiß, aber ich habe trotzdem gelacht. Nein, Blake ist nicht tot, er ist quicklebendig. Und immer noch perfekt.

Aber ich habe ihn verlassen.

Inzwischen hat er eine eigene Fernsehsendung. Als er den Vertrag unterschrieben hat, waren wir noch zusammen. Er arbeitet bei einem Reisesender, den wir früher oft zusammen geschaut haben. Hin und wieder schalte ich seine Sendung ein und sehe mir an, wie er auf der Chinesischen Mauer herumspaziert oder in Thailand in einem Boot sitzt und Pad Thai isst. Nach jedem Bericht – natürlich stets perfekt formuliert – wendet er sich, mit seinem perfekten Gesicht und selbst nach einer Woche Bergsteigen ohne Klo und ohne Dusche makellos gekleidet, der Kamera zu und sagt: „Ich wollte, du wärst hier.“ Das ist auch der Name der Sendung. In den Wochen und Monaten, die auf unsere traumatische Trennung folgten, weinte er oft, wenn wir telefonierten, und erzählte mir, dass er die Sendung nur meinetwegen so genannt hätte und dass er, wenn er diesen Satz sagte, immer nur mit mir spräche, mit niemandem sonst. Er wollte mich wiederhaben. Jeden Tag rief er mich an. Irgendwann jeden zweiten Tag, dann nur noch einmal die Woche. Aber ich wusste, dass er sich die Tage davor zusammenreißen musste, um nicht schon früher zum Hörer zu greifen. Schließlich hörten die Anrufe auf, und er schrieb mir stattdessen E-Mails. Lange, ausführliche Mails, in denen er mir erzählte, wo er gewesen war, wie es ihm ging, wie traurig und einsam er ohne mich war – bis ich es irgendwann nicht mehr lesen wollte und ihm einfach nicht mehr antwortete. Daraufhin wurden seine Mails kürzer, weniger emotional, weniger detailliert. Aber immer wieder wollte er sich mit mir treffen, wollte immer noch, dass wir wieder zusammenkämen. Versteht mich nicht falsch, manchmal war ich durchaus in Versuchung, es zu tun. Blake ist ein perfekter Mann, und wenn ein perfekter, attraktiver Mann einen haben will, reicht das ja manchmal schon. Aber das war nur in den schwachen Momenten, wenn ich mich selbst einsam fühlte. Denn ich wollte ja nicht mit ihm zusammen sein. Es lag nicht etwa daran, dass ich einen anderen kennengelernt hatte, das beteuerte ich ihm immer wieder. Obwohl es für ihn vielleicht leichter gewesen wäre, denn dann hätte er vielleicht loslassen können. Aber ich wollte keinen anderen, ich wollte überhaupt niemanden. Ich wollte einfach eine Weile aufhören – aufhören, Dinge zu tun, aufhören, mich zu bewegen. Ich wollte einfach nur allein sein.

Ich kündigte meine Stelle und nahm einen Job bei einer Firma an, die Haushaltsgeräte herstellte und bei der ich halb so viel verdiente wie vorher. Wir verkauften die Wohnung, und ich mietete das Studio, etwa ein Viertel der Wohnfläche meiner bisherigen Wohnungen. Ich fand einen Kater. Wahrscheinlich würden manche Leute sagen, ich hätte ihn gestohlen, aber jetzt gehört er/sie trotzdem mir. Ich besuche nach wie vor meine Familie, wenn es sich nicht vermeiden lässt, ich gehe mit den gleichen Freunden aus wie früher, jedenfalls wenn er nicht dabei ist – mein Ex-Freund, nicht der Kater –, und das ist häufig der Fall, weil er ja so viel reisen muss. Ich vermisse ihn nicht, und wenn er mir doch mal fehlt, stelle ich den Fernseher an und schaue mir seine Sendung an, bis ich genug von ihm aufgetankt habe. Meinen Job vermisse ich auch nicht. Manchmal das Geld ein bisschen – zum Beispiel wenn ich in einem Laden oder in einer Zeitschrift etwas sehe, was ich gerne hätte, aber dann gehe ich schnell weiter oder schlage die nächste Seite auf, und schon bin ich drüber weg. Ich vermisse weder unsere Reisen noch unsere Essenseinladungen.

Und ich bin nicht unglücklich.

Wirklich.

Okay, ich hab gelogen.

Er hat mich verlassen.


Kapitel 3

Die Weinflasche war halb leer, bis ich genug Courage aufgebracht hatte – nein, es lag nicht an der Courage, die brauchte ich nicht, ich hatte ja keine Angst. Erst nach der halben Flasche Wein war es mir wichtig genug, meinem Leben zu antworten, und erst da konnte ich mich aufraffen, die Nummer auf dem Brief zu wählen. Während ich auf die Verbindung wartete, holte ich mir einen Schokoriegel und biss hinein. Schon nach dem ersten Klingeln ging jemand dran, und mir blieb keine Zeit mehr zu kauen, geschweige denn zu schlucken.

„Oh, sorry“, sagte ich mit vollem Mund. „Ich hab Schokolade im Mund.“

„Kein Problem, Liebes“, antwortete eine muntere ältere Frauenstimme mit einem weichen amerikanischen Südstaatenakzent. Ich kaute hastig, schluckte und spülte mit einem großen Schluck Wein nach. Und musste erst mal würgen.

Dann räusperte ich mich. „Fertig.“

„Welche Sorte war es denn?“

„Galaxy.“

„Karamell oder Bubble?“

„Bubble.“

„Mmm, die ess ich am liebsten. Wie kann ich Ihnen helfen?“

„Ich habe einen Brief bekommen wegen einem Termin am Montag. Lucy Silchester ist mein Name.“

„Ja, Ms Silchester, ich hab Sie hier im System. Passt Ihnen 9 Uhr früh?“

„Hm, na ja, genau deswegen rufe ich an. Ich kann an dem Tag nicht, ich muss arbeiten.“

Ich wartete darauf, dass die Frau sagen würde: Ach, wie dumm von uns, Sie an einem ganz normalen Arbeitstag einzuladen. Dann blasen wir die Sache doch lieber ab. Aber nichts dergleichen.

„Aha. Nun, ich denke, wir kriegen das schon irgendwie hin. Wann haben Sie denn Feierabend?“

„Um sechs.“

„Wie wäre es dann mit 19 Uhr?“

„Das geht leider nicht. Meine Freundin hat Geburtstag, und wir gehen mit ihr essen.“

„Und in der Mittagspause? Ginge ein Treffen zum Lunch?“

„Da muss ich mein Auto in die Werkstatt bringen.“

„Zusammenfassend könnte man also sagen, dass Sie keinen Termin machen können, weil Sie tagsüber arbeiten, Ihr Auto in der Mittagspause in die Werkstatt bringen und abends mit Freunden essen gehen.“

„Ja, genau.“ Ich runzelte die Stirn. „Schreiben Sie das auf?“, fragte ich dann, weil ich ziemlich sicher war, im Hintergrund Tippgeräusche zu hören. Das störte mich – schließlich hatten sie mich einbestellt, ich hatte nicht um ein Treffen gebeten. Es war ihre Aufgabe, einen Termin zu finden.

„Wissen Sie, Schätzchen“, sagte die Frau in ihrem gedehnten Südstaatensingsang – ich konnte fast vor mir sehen, wie der warme Apple Pie von ihren Lippen rutschte und zischend auf der Tastatur landete, die Feuer fing, sodass meine Vorladung ein für alle Mal aus dem System gelöscht war, „Sie sind offenbar nicht mit diesem Verfahren vertraut.“ Die Frau holte tief Luft, und ich nutzte die Gelegenheit, ehe die heißen Äpfel das nächste Mal tropften, um zu fragen: „Sind das sonst alle?“

Anscheinend hatte ich ihren Gedankengang unterbrochen.

„Wie bitte?“

„Wenn Sie mit jemandem Kontakt aufnehmen, also wenn das Leben jemanden auffordert, sich mit ihm zu treffen“, erläuterte ich, „sind die Betreffenden dann normalerweise mit dem Verfahren vertraut?“

„Naaa jaaa“, erwiderte sie gedehnt. „Teils, teils. Kommt darauf an. Aber für die, die nicht Bescheid wissen, bin ich ja da. Würde es Ihnen die Sache denn erleichtern, wenn wir es so arrangieren, dass er zu Ihnen kommt? Wenn ich ihn darum bitte, ist er bestimmt bereit dazu.“

Ich ließ mir die Frage durch den Kopf gehen, dann fiel mir plötzlich etwas auf. „Er?“

Die Frau lachte leise. „Das überrascht die Leute auch meistens.“

„Ist es denn immer ein Er?“

„Nein, nicht immer, manchmal ist es auch eine Sie.“

„Und wann sind es Männer? Nach welchen Kriterien richtet sich das?“

„Oh, reiner Zufall, Schätzchen, da gibt es keine Kriterien. Wie bei der Geburt. Ist das ein Problem für Sie?“

Ich dachte nach, konnte aber nicht erkennen, warum es das sein sollte. „Nein.“

„Wann würde es Ihnen denn passen, dass er Sie besucht?“ Sie tippte wieder auf ihrer Tastatur herum.

„Mich besuchen? Nein!“, schrie ich ins Telefon. Mr Pan zuckte zusammen, öffnete die Augen, sah sich irritiert um und schloss die Augen wieder. „Entschuldigung, ich wollte nicht schreien.“ Ich beruhigte mich wieder. „Er kann nicht hierherkommen.“

„Aber ich dachte, es wäre kein Problem für Sie.“

„Ich meinte, es ist kein Problem für mich, dass es ein Mann ist. Ich hab gedacht, das hätten Sie mich gefragt.“

Sie lachte. „Aber warum sollte ich denn so was fragen?“

„Keine Ahnung. Bei der Wellness wird man das manchmal gefragt, wissen Sie, wenn man zum Beispiel nicht von einem Mann massiert werden möchte …“

„Also, ich garantiere Ihnen, dass er keinen einzigen Körperteil von Ihnen massieren wird“, kicherte die Frau.

Aus ihrem Mund klang Körperteil irgendwie schmutzig. Ich schauderte.

„Na ja, sagen Sie ihm einfach, es tut mir leid, aber er kann nicht zu mir kommen.“ Ich sah mich in meinem jämmerlichen Studio um, in dem ich mich immer recht wohlgefühlt hatte. Es war ein Platz für mich ganz allein, mein persönlicher Rückzugsort. Nicht für Gäste, Liebhaber, Nachbarn, Familienangehörige oder auch nur die Feuerwehr – ich dachte daran, wie der Teppich Feuer gefangen hatte –, sondern nur für mich. Und Mr Pan. Ich kauerte in der Couchecke, ein paar Schritte hinter mir begann bereits mein Doppelbett. Rechts befand sich die Küchentheke mit der Arbeitsplatte, links waren die Fenster, und neben dem Bett ging es ins Badezimmer. Das war so ziemlich alles. Nicht, dass es mir zu klein war und ich mich deswegen schämte. Nein, es war eher der Zustand meiner Wohnung, der mir etwas ausmachte. Der Boden war mein Schrank geworden. Ich stellte mir meine überall verstreuten Habseligkeiten gern als Trittsteine vor, mein gelber Ziegelstein-Zauberweg, etwas in dieser Art. Der Inhalt des Kleiderschranks meiner schnieken Penthousewohnung von damals brauchte mehr Platz, als das ganze neue Studioapartment zu bieten hatte, und deshalb hatten meine Schuhe, von denen ich ohnehin zu viele besaß, nun eine Heimat auf dem Fensterbrett gefunden, meine Mäntel und längeren Kleider hingen auf Bügeln rechts und links an der Vorhangstange, und ich schob sie, je nach dem Stand von Sonne oder Mond, hin und her wie richtige Vorhänge. Den Teppich habe ich bereits beschrieben, die Couch beanspruchte den gesamten Wohnbereich vom Fensterbrett bis zur Küchenarbeitsplatte, sodass man von hinten über die Lehne klettern musste, weil man nicht um sie herumgehen konnte. In diesem Chaos konnte mir mein Leben unmöglich einen Besuch abstatten. Die Absurdität dieser Situation war mir allerdings durchaus bewusst.

„Mein Teppich wird gerade gereinigt“, sagte ich und seufzte, als wären die damit verbundenen Unannehmlichkeiten kaum zu ertragen. Eigentlich war es nicht mal eine richtige Lüge. Mein Teppich musste wirklich gereinigt werden, dringend sogar.

„Also, da kann ich Ihnen die Magic Carpet Cleaners empfehlen“, sagte die Frau vergnügt, als hätte sie flugs zur Werbepause umgeschaltet. „Mein Mann hat die Angewohnheit, seine Stiefel im Wohnzimmer zu putzen, und die Magic Carpet Cleaners kriegen die schwarze Schuhcreme immer problemlos wieder raus. Unglaublich! Mein Mann schnarcht, und wenn ich nicht vor ihm einschlafe, dann kann ich es ganz vergessen, und dann schaue ich mir immer diese Werbesendungen an, und eines Nachts habe ich einen Spot gesehen, in dem ein Mann seine Schuhe auf einem weißen Teppich putzt, genau wie meiner, und so bin ich auf die Magic Carpet Cleaners gekommen. Wie für mich gemacht. Sofort war der Fleck weg, und ich hab sie gleich beauftragt. Und die arbeiten einwandfrei. Magic Carpet Cleaners, schreiben Sie es sich auf.“

Sie erzählte das so eindringlich, dass ich auf einmal den Wunsch verspürte, schwarze Schuhcreme zu kaufen, um diese magischen Teppichreiniger aus der Werbung zu testen, und ich kramte tatsächlich nach einem Stift, der allerdings gemäß dem Stiftgesetz von anno dazumal nirgends in Sichtweite war, wie immer, wenn ich ihn brauchte. Immerhin lag ein Edding da, und ich schaute mich nach einem Zettel um, aber da ich keinen finden konnte, schrieb ich auf den Teppich, was mir ganz angemessen erschien.

„Warum sagen Sie mir nicht einfach, wann Sie Zeit für ein Treffen haben, dann können wir uns das ganze Hin und Her sparen.“

Meine Mutter hatte für Samstag ein Familientreffen anberaumt.

„Schauen Sie, ich weiß, wie wichtig es ist, dass ich von meinem Leben eingeladen worden bin, deshalb würde ich mich sehr gern am Samstag mit ihm verabreden, obwohl ich eigentlich zu einem Familientreffen muss.“

„O Schätzchen, ich mache mir sofort eine Notiz, dass Sie bereit waren, auf einen Tag mit Ihren Lieben zu verzichten, nur um sich mit Ihrem Leben treffen zu können, aber ich denke, Sie sollten sich die Zeit für Ihre Familie unbedingt nehmen, denn wer weiß, wie lange Sie alle noch vollzählig zusammen sein werden. Wir machen dann einfach einen Termin für den nächsten Tag. Sonntag. Ist das nicht eine gute Lösung?“

Ich stöhnte. Aber nicht laut, nur innerlich – ein lang gezogener gequälter Laut, der von einem gequälten Ort tief in meinem Innern ausging. Und so wurde der Termin vereinbart. Am Sonntag würden wir uns treffen, unsere Wege würden sich kreuzen und die Dinge sich von Grund auf ändern. Jedenfalls hatte ich in einem Zeitschrifteninterview mit einer Frau, die ihrem Leben begegnet war, gelesen, dass man mit so etwas rechnen musste. Für ungebildete Leserinnen, die sich so etwas nicht vorstellen konnten, gab es zur Veranschaulichung Vorher-Nachher-Fotos. Interessanterweise hatte die Frau, bevor sie ihrem Leben begegnet war, die Haare nicht gestylt, danach aber schon; vorher hatte sie weder Make-up noch Selbstbräuner aufgelegt, aber danach. Vorher hatte sie sich in Leggins und einem Mickymaus-T-Shirt unter grellem Licht fotografieren lassen, danach präsentierte sie sich in einem weich fallenden asymmetrischen Kleid in einer perfekt ausgeleuchteten Studio-Küche, wo eine große Schale kunstvoll arrangierter Zitronen und Limetten darauf hinwies, dass das Leben ihre Vorliebe für Zitrusfrüchte unterstützte. Vor ihrem Treffen mit dem Leben hatte die Frau eine Brille getragen, danach trug sie Kontaktlinsen. Ich fragte mich, was sie mehr verändert hatte – die Zeitschrift oder das Leben.

Nicht mal eine Woche, bis ich mein Leben treffen würde. Und mein Leben war ein Mann. Aber warum ich? Mein Leben war doch ganz in Ordnung. Es ging mir gut. Alles lief prima.

Dann streckte ich mich auf der Couch aus und studierte die Vorhangstange, um zu entscheiden, was ich anziehen sollte.

Cecelia  Ahern

Über Cecelia Ahern

Biografie

Cecelia Ahern erzählt Geschichten über Menschen, die gerade durch eine Phase der Veränderung gehen. Sie selbst beschreibt ihre Bücher mit den Worten: »Ich fange meine Figuren dort auf, wo sie gefallen sind, und begleite sie von ganz unten wieder zurück. Ich mische gern Dunkelheit und Licht, Trauer...

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