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Dunkle LegendenDunkle Legenden

Dunkle Legenden

Bitter & Bad 1

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Dunkle Legenden — Inhalt

Jill arbeitet seit drei Jahren als Dämonenjägerin, doch in letzter Zeit laufen all ihre Aufträge schlecht. Sie hat ihre Magie nicht mehr unter Kontrolle und bei ihren Einsätzen ist es mehrmals zu Unfällen gekommen. Auch die Vampire und Werwölfe in ihrem Umfeld verhalten sich seltsam. Etwas scheint die Lebensenergie der übernatürlichen Wesen zu beeinflussen. Als Jill herausfindet, dass einige Vampire dem Wahnsinn verfallen sind und einen grausamen Mord begangen haben, macht sie sich auf die Suche nach der Ursache. Dabei kommt sie einer vergessen geglaubten Legende auf die Spur und stößt auf einen Feind, der gefährlicher ist als alles, was Jill bisher gekannt hat ...

€ 13,00 [D], € 13,40 [A]
Erschienen am 03.04.2018
368 Seiten, Klappenbroschur
EAN 978-3-492-70437-3
€ 9,99 [D], € 9,99 [A]
Erschienen am 01.03.2018
368 Seiten, WMEPUB
EAN 978-3-492-97829-3

Leseprobe zu »Dunkle Legenden«

Prolog

 

Als Henry Cole in sein Büro kam, schwirrte ihm der Kopf. Erschöpft ließ er sich in seinen Drehsessel fallen und stützte die Stirn auf die Hände.

Was für ein Tag. Langsam spürte er das Alter in den Knochen, dabei war er nicht einmal fünfzig. Die Papiere unter seinem Ellenbogen raschelten, doch er würde die Berichte später einsehen. Für heute hatte er genug, was ihm Kopfzerbrechen bereitete.

Diese Konferenz, in der er eben gewesen war, war mehr als nur aufschlussreich gewesen. Tagelang hatte sein Team sich darauf vorbereitet, einen waschechten [...]

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Prolog

 

Als Henry Cole in sein Büro kam, schwirrte ihm der Kopf. Erschöpft ließ er sich in seinen Drehsessel fallen und stützte die Stirn auf die Hände.

Was für ein Tag. Langsam spürte er das Alter in den Knochen, dabei war er nicht einmal fünfzig. Die Papiere unter seinem Ellenbogen raschelten, doch er würde die Berichte später einsehen. Für heute hatte er genug, was ihm Kopfzerbrechen bereitete.

Diese Konferenz, in der er eben gewesen war, war mehr als nur aufschlussreich gewesen. Tagelang hatte sein Team sich darauf vorbereitet, einen waschechten Dämon zu beschwören. Und das mitten in der Verborgenenorganisation in London. Vor ein paar Jahren noch wäre so etwas nicht denkbar gewesen. Die Verborgenenorganisation, kurz VO, war so etwas wie die zentrale Verwaltung aller Angelegenheiten übernatürlicher Wesen und nahm gleichzeitig eine Funktion ähnlich der Polizei der Normalsterblichen ein. Man kümmerte sich um kleinere und größere Verbrechen von Hexen, Werwölfen und Vampiren. Zudem schützte man die Menschen vor den gefährlichen Halbdämonen, den Mairas. Aber einen Dämon direkt ins Haus holen? Man hatte das Ritual bis ins kleinste Detail erforscht und durchgezogen, denn ein einziger Fehler konnte verheerende Auswirkungen haben. Die besten Männer hatte er um sich geschart, zusammen mit einigen Professoren in weißen Kitteln, die mit ihren Messinstrumenten nach Informationen gegiert hatten. Es war eine kleine Sensation gewesen, in die man nur eine ausgewählte Handvoll Leute eingeweiht hatte.

Und dann war der Dämon in dem Beschwörungskreis aufgetaucht, zugegeben anders, als Henry ihn sich vorgestellt hatte. Der Mann hatte einen Anzug getragen und war so kultiviert dahergekommen, dass Henry fast auf ihn hereingefallen wäre. Lackschuhe und Krawatte, also wirklich. Wen wollte er damit täuschen? So schnell würde Henry nicht vergessen, zu was diese Dämonen fähig waren.

Umso entsetzter war er darüber gewesen, wie seine Berater auf den Vorschlag des Dämons reagiert hatten – nämlich durchaus positiv.

Die Integration der Dämonen aus der Unterwelt in die Realität. Das war doch lächerlich! Doch er würde ihnen schon den Kopf waschen. Er war der Leiter der Verborgenenorganisation, sie unterstanden ihm alle. Eine Veränderung dieser Art kam nicht infrage. Die Dämonen sollten bleiben, wo der Pfeffer wächst. Hexen, Werwölfe und Vampire in Schach zu halten und zu gewährleisten, dass ihre Existenz vor den Normalsterblichen verborgen blieb, war kein leichtes Unterfangen. Es erforderte genug Energie, Durchsetzungsvermögen und Entschlossenheit – alles Dinge, die ihm in die Wiege gelegt worden waren und ihm seit zehn Jahren den Posten des VO-Leiters sicherten.

Allerdings konnte man die Vorteile, die der Dämon aufgezeigt hatte, nicht von der Hand weisen. Dämonen konnten mit Hexen Kinder bekommen. Bisher gab es nur einen einzigen ihm bekannten Fall eines Halbdämons – Jillian Benett. Den Dämonen den Weg in die Realität zu ebnen, würde auf Dauer dazu führen, dass sich die Blutlinien vermischten. Das wiederum würde eine Stärkung der Spezies bedeuten. Ein äußerst interessanter Punkt, wie er fand. Außerdem waren Dämonen, die unter seinem Kommando standen, eine sehr wirksame Waffe.

Der Dämon hatte ja nicht davon gesprochen, sofort eine Pforte zu öffnen, die es allen Dämonen möglich machte, aus der Unterwelt zu fliehen. Man hatte von vereinzelten Dämonen gesprochen, einer kleinen Auswahl an Männern und Frauen, die sich über die Jahre hinweg bewährt hatten und denen der Dämonenfürst Baal vertraute. Dämonen, die sich Henrys Befehlen beugen würden. Konnte das gut gehen?

Womit er wieder bei der Frage war, was er von Baal halten sollte. Henry erinnerte sich noch gut daran, was vor drei Jahren passiert war, als einer seiner Mitarbeiter dem falschen Dämon vertraut hatte. Baals Konkurrent Leviathan war mit einer Armee von Dämonen in die Realität gedrungen und hatte halb London in Schutt und Asche gelegt, bis die VO sie besiegte.

Doch hatte der Dämon Baal nicht dabei geholfen, London zu retten? Zudem war er Jillians Vater, sie vertraute ihm. Und hatte er selbst nicht Jillian Benett in seinen Diensten, die eine seiner vertrauensvollsten Mitarbeiterinnen war? Allerdings war sie nur ein Halbdämon und in der Realität aufgewachsen. Man konnte ihr Gemüt nicht mit dem eines richtigen Dämons vergleichen.

Wie er es auch drehte und wendete, es blieb ein zu großes Risiko, sich mit einem Dämon einzulassen, egal ob er behauptete, auf der guten Seite zu stehen. Dämonen waren gefährlich. Sie waren unberechenbar. Und sie waren skrupellos.

 

 

 

Kapitel 1

 

Der Eisregen fühlte sich an wie kleine Nadelstiche auf der Haut. Ich zog die Kapuze meines Mantels tiefer ins Gesicht und verschränkte die Arme, während ich an der Hausmauer gegenüber einer heruntergekommenen Bar lehnte und den Blick zu dem nachtschwarzen Himmel wandern ließ. Irgendwo unter dieser undurchdringlichen, grauen Wolkendecke musste der Mond aufgegangen sein.

Ich hasste den Vollmond. Er bedeutete nichts als Ärger. Vor nicht einmal zehn Minuten hatte mich mein Chef, Henry Cole, angerufen und zu diesem Auftrag geschickt. Seufzend ignorierte ich die Kälte, die in meine Knochen fuhr, und wartete schweigend. Außer dem entfernten Geräusch von Motoren und dem Prasseln der Regentropfen auf meiner Haut war nicht viel zu hören. Die Straße war abgelegen und nur eine Laterne spendete sanftes Licht. Zu viele Schatten. Es war keine gute Gegend, um sich nachts allein aufzuhalten. Doch ich wusste mich zu wehren und spürte nicht den geringsten Anflug von Nervosität.

Jeden Moment musste eine Gruppe Werwölfe um die Ecke kommen, die gerade erst die Kneipe hinter sich ließ, in der sie randaliert hatte. Ein Gast hatte gehört, in welche Bar sie als Nächstes ziehen wollte, und prompt hatte man mich dazu genötigt, sie dort festzunehmen. Vor genau dieser Bar stand ich nun, müde und frierend. Aus der heruntergekommenen Spilunke ertönte gedämpfte Musik, doch durch die verhangenen Fenster ließ sich nicht viel erkennen.

Je schneller die Werwölfe auftauchten, damit ich sie festnehmen konnte, umso besser war es. Ich wollte endlich nach Hause und meinen Feierabend genießen.

Wieder warf ich dem versteckten Vollmond einen grimmigen Blick zu. Es war jedes Mal dasselbe. Die runde Scheibe strahlte am Himmel und schon spielten alle verrückt. Werwölfe wurden aggressiv und unruhig, Vampire durstiger und Hexen mächtiger. Keine gute Grundlage, unsere Existenz weiterhin vor den Normalsterblichen zu verbergen.

Wir Übernatürlichen lebten wie normale Menschen, gingen anständiger Arbeit nach und integrierten uns in die Gesellschaft. Meistens jedenfalls. Wie auch bei den Normalsterblichen gab es unter den Verborgenen einige, die aus der Reihe tanzten und es schwer machten, unsere Existenz geheim zu halten. Für solche Fälle war die Verborgenenorganisation, die Polizei der Übernatürlichen, unter der Leitung von Henry Cole zuständig. Und hier kam ich ins Spiel, denn seit drei Jahren arbeitete ich für ihn, wenn auch normalerweise mit aufregenderen Aufträgen als diesem.

Dass ich ausgerechnet eine Dämonenjägerin geworden war, hatte einen nicht unerheblichen Hauch von Ironie. Eine Zeit lang hatte ich mich zu den Hexen gezählt. Mittlerweile wusste ich jedoch, dass ich gar keine Hexe war, sondern ein Halbdämon. Meine Mutter war eine Hexe gewesen, mein Vater einer der einflussreichsten Dämonenfürsten der Unterwelt.

Dämonen waren Gott sei Dank in der Unterwelt gefangen, mein dämonischer Vater eingeschlossen, auch wenn ich ihn tatsächlich ins Herz geschlossen hatte. Das hieß aber nicht, dass ich in meinem Job als Dämonenjägerin nichts zu tun hatte. Denn obwohl die Realität für die Bewohner der Unterwelt verschlossen war, hatten sie einen Weg gefunden, uns das Leben schwer zu machen.

Umso mehr ärgerte es mich, dass man mich mal wieder zu einem dieser ungeliebten Aufträge gerufen hatte. Ich hätte irgendwo dort draußen in den Wäldern sein müssen, um Mairas zu jagen. Sie waren todbringende, Albtraum verursachende Kreaturen, die sich von Blut und Angst ernährten. Die Jagd auf Mairas war eine ehrenvolle und gefährliche Sache, der ich mein Leben verschrieben hatte. Doch stattdessen wurde ich in Londons Straßen vom Eisregen durchnässt und musste ein paar halbstarke Werwölfe festnehmen, die einen über den Durst getrunken hatten. Was für ein Sprung in meiner Karriere.

Ein Kälteschauer durchzog meinen Körper und ich verlagerte das Gewicht. Wenn ich noch länger hier stehen musste, würde ich festfrieren. Um mir die Zeit zu vertreiben, bereitete ich mich auf die Festnahme vor. Ich würde Magie verwenden müssen, darauf lief es meistens hinaus. Ich schloss die Augen und konzentrierte mich auf mein Inneres.

Wie üblich spürte ich das Pulsieren der Magie in meiner Brust. Alle Lebewesen besaßen eine Prana, die Lebensenergie. Bei Normalsterblichen war sie kaum vorhanden, bei Vampiren dagegen bewirkte sie Stärke und Schnelligkeit sowie einen kaum zu bändigenden Blutdurst. Bei den Mondkindern, den Werwölfen, verursachte die erhöhte Menge an Prana, dass sie nicht nur schnell und wendig waren, sondern auch einige tierische Eigenschaften annahmen. Die Hexen waren die Einzigen, die ihre Prana in Form von Magie nutzen konnten. Und ich als Dämon natürlich auch.

Vor meinem inneren Auge sah ich das Geflecht aus wild durcheinanderwirbelnden Energiesträngen, die mitternachtsblau aufleuchteten und wie flüssige Bindfäden in meinen Adern tobten. So durcheinander und gelöst störten sie mich nicht, waren aber auch zu nichts zu gebrauchen.

Mit einem kleinen Gedankenstoß brachte ich sie dazu, sich zu ordnen und zu einer einzigen, leuchtenden Kugel zusammenzufließen. Die damit geschaffene Energiequelle brannte warm in meiner Brust und erfüllte mich mit Macht.

Man konnte diesen Vorgang mit einfacher Elektrizität vergleichen. Wäre ich eine gewöhnliche Hexe gewesen, hätte ich diese Energiequelle wie eine Steckdose anzapfen können, um meine Gedanken zu verstärken. Als Hexe hatte man nur ein magisches Spezialgebiet. Manche Hexen konnten Dinge gefrieren lassen, andere einen Wind heraufbeschwören oder die Telekinese einsetzen. Wieder andere konnten das Feuer beherrschen, oder auch die Elektrizität. Als Halbdämon hatte ich den Vorteil, auf sämtliche Spezialgebiete zurückgreifen zu können. Außerdem brachte meine Herkunft mit sich, dass ich diese pure Energie direkt nutzen konnte, was in etwa dem Spiel mit Strom gleichkam. Nur dass es kein Strom war, der in mir pulsierte, sondern die viel mächtigere Magie.

Die Luft knisterte. Ich war bereit.

Aus der Kneipe drangen Stimmen, lauter als zuvor. Ich runzelte die Stirn und konzentrierte mich wieder auf meinen Auftrag. Die Mondkinder hätten schon längst hier sein müssen. Hatten sie sich am Ende für eine andere Bar entschieden, um ihrer Zerstörungswut freien Lauf zu lassen, oder . . .

»Verdammt«, fluchte ich leise, als ich schweres Poltern aus der Bar vernahm, gefolgt von zornigen Stimmen. Ich war zu spät gekommen, sie waren bereits hier. Statt sie festzunehmen, hatte ich hier draußen gewartet.

Schnell rannte ich über die Straße, während der Klang meiner Stiefel auf Kopfsteinpflaster laute Geräusche zwischen den Häusern widerhallen ließ. Meine kalten Muskeln protestierten, doch ich war gut trainiert und noch bevor ich die Bar erreicht hatte, erfüllte mich kribbelndes Adrenalin. Ich öffnete die Tür und hielt einen Moment inne, um die Situation zu erfassen.

Die Luft war stickig und es stank nach Bier und Rauch. Ich blinzelte einen Moment, um in dem gedämpften Licht etwas zu erkennen. Drinnen herrschte bereits das reinste Chaos. Einige Tische und Stühle waren umgeworfen, Scherben über den Boden verteilt und ich sah gerade noch, wie die Barfrau hinter den Tresen flüchtete. Einige junge Männer waren damit beschäftigt, sich die Köpfe einzuschlagen und lauthals zu beschimpfen. Es waren mehr, als ich angenommen hatte.

Der Geruch nach nassem Hund ließ mich das Gesicht verziehen und wieder einmal meinen Job verfluchen. Ich versuchte zu erfassen, wie viele der Gäste zu den Normalsterblichen gehörten. Glücklicherweise war die Kneipe bis auf die ungebetenen Besucher weitestgehend leer, nur ein Vampirpaar hielt sich am Rande und beobachtete die Szene stillschweigend. Ich erkannte sie an der bleichen Haut und den tiefschwarzen Augen.

Ich räusperte mich lautstark, doch bis auf die beiden Vampire schien mich niemand zu bemerken. Ein abgebrochenes Stuhlbein flog dicht an meinem Gesicht vorbei. Also schön, dann eben doch auf die harte Tour.

Ich schloss für einen winzig kleinen Moment die Augen und sammelte mich. In nur dem Bruchteil einer Sekunde war mein Körper erfüllt von der knisternden Prana. Leichte blaue Funken umspielten meine Finger und tropften zischend zu Boden. Es kostete mich nicht einmal einen Wimpernschlag, den Raum mit einem eisigen Wind zu füllen, der die Tischdecken von den Plätzen wehte. Augenblicklich kehrte Stille ein und die Raufbolde wandten sich zu mir um.

»Schön, das mit der Aufmerksamkeit wäre also geklärt«, sagte ich lächelnd und schickte einen unschuldigen Augenaufschlag in die Runde. Für einen Moment sah es so aus, als wollten sie meine Anwesenheit ignorieren und sich weiter ihrer sinnlosen Schlägerei hingeben, doch einer der Männer zögerte und kniff die goldgelben Augen zusammen.

»Dämon«, zischte er leise und ballte die Hände zu Fäusten. Die anderen horchten auf und starrten mich an. Ich behielt sie vorsichtig im Auge. Scheinbar war der Dunkelhaarige, der mich zuerst erkannt hatte, ihr Anführer, denn einige Männer warfen ihm immer wieder fragende Blicke zu. Er fletschte die Zähne und ich stöhnte innerlich auf. An seinem Hals sprießte bereits etwas Fell, die Verwandlung stand kurz bevor. So gerne ich auch eine Strafpredigt gehalten hätte, dass Werwölfe die Pflicht hatten, sich zum Vollmond aus der Öffentlichkeit zurückzuziehen, die Zeit drängte und ich musste sie hier wegschaffen, bevor sie doch noch ein Normalsterblicher zu Gesicht bekommen konnte.

Die Männer waren sichtlich hin- und hergerissen. Sie hatten mich erkannt, wussten, wer ich war. Ihr Instinkt sagte ihnen, dass sie es mit einem Gegner zu tun hatten, gegen den sie keine Chance hatten, und dieser Instinkt rang mit dem Drang, mir die Kehle aufzureißen. Wie gesagt, ich hasste den Vollmond.

»Du hast mich also erkannt«, sagte ich mit einem freundlichen Lächeln, das so gar nicht zu meinen schwebenden Haaren und der knisternden Prana an meinen Händen passte. Um die Lage zu verdeutlichen, schob ich meinen Mantel auseinander, damit die blitzende Marke der VO zum Vorschein kam, ebenso wie einige Schwerter und Dolche, die ich grundsätzlich zusammen mit meinem ledernen Kampfanzug trug. Die Blicke der Männer verdüsterten sich. Das Bad-Girl-Image war so gar nicht mein Stil, doch wenn es mich vor einem Kampf mit den Mondkindern bewahren konnte, zog ich es durch.

Um die Situation etwas zu entschärfen, stoppte ich den Pranafluss in meinem Inneren und die blauen Funken verschwanden.

»Warum schickt die VO gleich ihren einzigen Dämon, um ein paar Mondkinder festzunageln?«, knurrte der Anführer und seine goldenen Augen glühten auf.

Diese Frage stelle ich mir auch, schoss es mir durch den Kopf.

»Weil ich es kann«, gab ich knapp zurück. »Wenn ihr klug seid, folgt ihr mir, ohne noch mehr Aufsehen zu erregen, dann geht das ganze ohne Verletzungen vonstatten.«

Ich fing den Blick der Bardame auf, die mich mit aufgerissenem Mund anstarrte. Sie war eine Vampirin, doch scheinbar hatte sie keine Ahnung, wer ich war. Es musste seltsam für sie aussehen, wie ich mich zwölf ausgewachsenen und mit der Beherrschung kämpfenden Werwölfen entgegenstellte.

Aus den Augenwinkeln heraus bemerkte ich eine Bewegung. Eines der Mondkinder spannte sich an, der Jüngste von ihnen mit der aufgeplatzten Lippe. Ich schnellte herum und ließ meine türkisen Augen gefährlich blau erstrahlen, ein nützlicher Trick, den mir mein Vater beigebracht hatte. Ich wusste, dass sie glühten.

Es zeigte die gewünschte Wirkung und der Junge wich knurrend zurück. Was war nur los mit ihnen? Selbst zu Vollmond konnte man Werwölfe zur Vernunft bringen, aber diese Gruppe schien geradezu von etwas angestachelt zu werden.

»Gehen wir«, sagte ich knapp in einem Ton, der keine Widerrede duldete. Je schneller wir hier weg und die Werwölfe über Nacht in eine Zelle kamen, umso besser war es. Danach waren sie nicht mehr mein Problem. Ich zückte mein Handy und drückte die Schnellwahltaste. Mit wenigen Worten hatte ich einige Wagen geordert, die uns abholen würden.

Ich trat einen Schritt zur Seite und bedeutete den Randalierern mit einem Kopfnicken, die Bar zu verlassen.

»Wenn auch nur einer von euch aus der Reihe tanzt, werde ich ihm bei lebendigem Leib das Blut gefrieren lassen«, zischte ich, als sie an mir vorbeischritten. Einer der Jungen erbleichte sichtlich. Ich vermied es, ihn aufzuklären, dass ich es im Grunde genommen gar nicht tun durfte, ohne mit dem Gesetz in Konflikt zu kommen. Aber vielleicht reichte schon die Androhung.

Draußen atmete ich die eiskalte Luft ein, froh darüber, dem stickigen Raum entkommen zu sein.

»Dort entlang«, wies ich die Werwölfe an und deutete auf eine dunkle Nebenstraße. Obwohl die Bar abseits von bewohntem Gebiet lag und nur wenige Normalsterbliche den Weg hierherfanden, war es besser, so unbemerkt wie möglich zu bleiben.

»Keine Handschellen?«, spottete der Anführer, doch ich zuckte nur mit den Achseln.

Um genau zu sein, hätte ich ihnen welche anlegen müssen, aber zum einen hatte ich nicht mit mehr als fünf Mondkindern gerechnet und zum anderen war immer noch meine Magie der Teil, auf den ich mich am meisten verließ. Wenn sie fliehen wollten, würde ich sie einfach damit umhauen.

In der unbeleuchteten Straße wies ich sie an, sich an die Wand zu stellen. Sofort teilte sich die Gruppe nach rechts und links, wobei sie sich finster anstarrten. Ich hatte schon so etwas vermutet, doch ihr Verhalten bestätigte, dass es sich um Mitglieder zweier verschiedener Banden handelte.

»Du fühlst dich toll, was?«, keifte ein blonder Werwolf mit langer Narbe im Gesicht, scheinbar der Anführer der Gruppe links.

»Kann nicht klagen«, antwortete ich genervt. »Bisschen kalt vielleicht.«

»Hältst du dich für was Besseres, weil du anderen überlegen bist? Dämonenbrut!«

Ich wusste, dass er mich nur provozieren wollte. Dennoch trafen mich seine Worte. Wie gerne hätte ich ihm gesagt, dass ich sofort mit jeder normalen Hexe getauscht hätte? Wie oft war ich jetzt schon solchen Reaktionen ausgesetzt gewesen? Ich hatte aufgehört zu zählen.

Ich verschränkte die Arme und blickte finster zwischen den beiden Gruppen hin und her. Wo zum Henker blieben die Einsatzwagen?

Die Werwölfe wurden unruhig. Ihre Augen huschten durch die Schatten, um einen Ausweg zu suchen. Ein jüngerer Werwolf krümmte sich und zitterte. Ich versuchte, sein Stöhnen zu ignorieren, als die Verwandlung einsetzte. Die älteren waren beherrschter, sie zuckten nicht einmal mit der Wimper, als das Fell begann, aus ihrer Haut zu sprießen. Ich konnte die Anspannung in ihren Gesichtern erkennen. Obwohl ich die monatliche Verwandlung der Werwölfe nun schon oft miterlebt hatte, erfüllte mich noch immer Unbehagen dabei. Es hatte etwas Intimes, ihnen dabei zuzusehen.

Aus Höflichkeit blickte ich die Straße hinunter und ließ mir nichts anmerken. Als die menschlichen Laute immer mehr zu einem Knurren und Fletschen wurden, konnte ich mich schließlich nicht mehr davon abhalten, die Männer genauer im Auge zu behalten. Werwölfe mochten zwar berechenbar sein, aber nicht selten gingen ihre tierischen Instinkte mit ihnen durch, wenn der Vollmond am Himmel stand. Sie wurden wilder, animalischer. Die meisten Mondkinder zogen sich zu dieser Zeit zurück. Es war verboten, sich während dieser Phase auf öffentlichen Straßen aufzuhalten.

Ich blinzelte verdutzt und starrte die Männer an. Unwillkürlich trat ich einen Schritt zurück.

»Was zum Teufel . . .?«, brachte ich hervor, bevor ich mich wieder unter Kontrolle bekam. Die Verwandlung hatte nicht einmal fünf Minuten gedauert. Vor mir standen zwölf vollständig verwandelte Werwölfe in gebückter Haltung. Fell sprießte ihnen an Hals, Armen und Gesicht. Die Schnauzen waren lang gezogen und mit Reißzähnen besetzt, während die goldenen Augen in der Dunkelheit glühten. Aus den Händen waren messerscharfe Klauen geworden.

Ich fing mich schnell wieder und brachte meine Gefühle unter Kontrolle. Nach meinen Kenntnissen dauerte eine vollständige Verwandlung mindestens zwei Stunden, aber vielleicht hatte ich mich auch getäuscht. Das Letzte, was ich jetzt tun durfte, war, Nervosität zu zeigen. Ich zwang mich dazu, nicht ein weiteres Mal nach der Verstärkung der VO Ausschau zu halten. Noch standen die Männer an ihren Plätzen, mit dem Rücken zur Wand, doch ich konnte spüren, wie unruhig sie waren.

Aus reinem Selbstschutz ließ ich wieder meine mitternachtsblaue Prana über die Haut meiner Hände wandern, um die Männer daran zu erinnern, mit wem sie es zu tun hatten.

In der Ferne ertönte eine Polizeisirene und ich atmete kaum merklich auf. Wurde ja auch Zeit. Doch noch bevor ich den Gedanken zu Ende gedacht hatte, beanspruchte ein Fauchen meine volle Aufmerksamkeit. Ich schluckte, weil ich bereits wusste, was mich erwartete.

»Macht keine Dummheiten«, sagte ich mit ruhiger und fester Stimme, während ich die Hände beruhigend hob. Die Männer schienen meine Worte kaum zu vernehmen.

Plötzlich bildeten sie einen Halbkreis um mich. Sie schlichen in geduckter Haltung und mit blitzenden Augen um mich herum. Bedrohliches Knurren entfuhr ihren Kehlen. Der Zwist zwischen den beiden Gruppen schien vergessen zu sein und man hatte sich auf mich als Feindin geeinigt.

Unwillkürlich wurde ich zurückgedrängt, mit dem Rücken an eine kalte, feuchte Steinmauer.

»Was ist nur los mit euch?«, bellte ich und wurde von einer Welle der Wut überschwemmt. Legten sie es tatsächlich darauf an?

Ich hatte keine Angst, denn ich wusste, dass ich es locker mit ihnen aufnehmen konnte, ohne mich auch nur im Geringsten zu verausgaben. Doch ich hasste es, immer wieder den Dämon heraushängen lassen zu müssen, um ernst genommen zu werden. Dennoch bereitete ich mich gedanklich darauf vor, meine innere Energie zu einer Kugel zu formen und diese notfalls auf die Werwölfe abzuschießen. Ich konnte die Unruhestifter innerhalb von Sekunden für mindestens eine Stunde außer Gefecht setzen. Um es zu verdeutlichen, ließ ich den blauen Pranaball durch meine Venen bis in meine Hand gleiten, wo er lautlos und hell leuchtend vor mir schwebte, bereit, abgefeuert zu werden. Die blau knisternde Energie spiegelte sich in den glühenden Augen der Werwölfe, doch anstatt zurückzuweichen, wie ich es erwartet hatte, wurden sie nur noch mehr angestachelt. Wieder wurde ich angefaucht. Ich runzelte die Stirn. Hatten diese Männer keinen Instinkt, der sie vor Gefahren schützte? Das Ganze kam mir eigenartig vor.

»Kommt schon, ihr werdet allerhöchstens eine Nacht in der Zelle verbringen und vielleicht mit einer Geldstrafe rechnen müssen. Das ist es doch nicht wert, von mir gegrillt zu werden!«

Ich versuchte, an den menschlichen Teil in ihnen zu appellieren. Doch sie schienen meine Stimme kaum noch wahrzunehmen. In ihren Augen glänzte Mordlust. Als der Erste auf mich zusprang, reagierte ich blitzschnell und drehte mich um die eigene Achse, damit ich ihm meinen Fuß in den Magen rammen konnte. Noch bevor die anderen seinem Beispiel folgen konnten, schoss ich den Energieball in meiner Hand ab. Er setzte vier von ihnen außer Gefecht. Sie sanken bewusstlos zu Boden, überzogen von blauer Prana.

Zwei weitere Energiebälle genügten, um auch den Rest von ihnen schachmatt zu setzen. Ich atmete schwer und strich mir über die Augen. Es war ja nicht so, als hätte ich sie nicht gewarnt. Ich überlegte, ob ich sie aus dem Schneematsch der Straße herausziehen und an eine trockenere Stelle legen sollte, entschied mich aber dagegen. Sie hatten ihre Bewusstlosigkeit selbst provoziert.

Die Sirenen waren bereits näher gekommen. Ich legte den Kopf in den Nacken und schaute zu den Häusern herauf. Henry würde mich umbringen, wenn schon wieder ein Normalsterblicher meine Energiebälle gesehen hatte.

Glücklicherweise war die Seitenstraße verlassen, die wenigen Fenster blieben dunkel. Was für ein trostloser Ort. Der Schneeregen wandelte sich zu dicken Flocken, die sich kühl auf meinem Gesicht niederließen.

Doch gerade, als ich mich entspannen wollte, weil der Feierabend immer näher rückte, stellten sich meine Nackenhärchen auf. Das Gefühl von Gefahr ließ mich alle Muskeln anspannen. Irgendetwas stimmte hier nicht.

Ich sah zu den Werwölfen, doch sie lagen noch immer am Boden und rührten sich nicht. Trotzdem kam ich mir beobachtet vor. Die Sirenen waren verstummt und Stille hüllte mich ein. Ich schärfte meine Sinne, doch das war gar nicht nötig.

Ich hörte ein dunkles Grollen und wirbelte herum. Aus den Schatten einer weiteren Gasse ertönte leises Scharren, dann ein Bellen, das mir das Blut in den Adern gefrieren ließ. Ich kannte diesen Laut, doch er gehörte nicht in diese Welt. Die Schatten bewegten sich. Blau glühende Augen leuchteten im Schwarz der Nacht und fixierten mich. Erst ein Paar, dann zwei weitere.

Ich stolperte zurück und fiel beinahe über einen bewusstlosen Werwolf. Es war einfach unmöglich. Diese Wesen hatten überhaupt keine Möglichkeit, in unsere Welt zu gelangen, sie hätten ebenso wie die Dämonen in der Unterwelt eingesperrt sein sollen. Trotzdem stand ich hier mitten in London drei Höllenhunden gegenüber. Und die waren weitaus gefährlicher als ein Rudel Werwölfe.

Linea Harris

Über Linea Harris

Biografie

Linea Harris ist seit 2012 als Werbetexterin und Grafikdesignerin tätig. Nach dem Abitur und einer Ausbildung zur Bürokauffrau veröffentlichte die junge Mutter 2014 ihren ersten Fantasyroman »Bitter & Sweet. Mystische Mächte« im Selfpublishing und landete damit einen großartigen Erfolg. Kurz darauf...

Pressestimmen

romanticbookfan.de

»Wer Urban Fantasy liebt, der sollte unbedingt zu Bitter & Bad Dunkle Legenden greifen!«

goood-reading.blogspot.com

»Der Auftakt zur neuen Trilogie von einer erwachsenen Jill war grandios.«

buchfeeteam.blogspot.com

»Eine sehr gute und vielseitige Geschichte mit tollen Protagonisten und Schauplätzen (…).«

buecherbunny.wordpress.com

»Total lesenswert!«

Kommentare zum Buch

Recht schön
dashausderbuntenbuecher.blogspot.com am 30.05.2018

Ich bin ohne den Inhalt zu lesen an das Buch rangegangen und war bald gefangen von der Contemporary-Fantasy-Geschichte, denn mit Jill hatte ich eine sehr angenehme Zeitgenossin, der so vieles passiert.   Der Inhalt an sich ist allerdings nicht noch nie dagewesen: Mairas jagen (eine Art Dämonen), der kleine süße Kobold mit seinen frechen Sprüchen, das kennen wir doch irgendwoher.   Trotzdem habe ich den Schreibstil genossen und auch die Liebesgeschichte, die doch einen sehr großen Teil einnahm, war interessant. Die Tatsache, dass ich die vorhergehende Reihe "Bitter & Sweet" nicht gelesen hatte, störte überhaupt nicht, denn der Leser wird immer wieder aufgeklärt.   Allerdings hat es mich wahnsinnig gestört, dass die magischen Leute über die "Muggels" immer als "Normalsterbliche" bezeichneten. Jetzt mal ehrlich, der Mensch geht doch immer von sich selber aus: Muggels sind keine Normalsterblichen, sondern entweder die Sterblichen oder die [hier ein geeignetes erfundenes Fantasywort einsetzen wie Muggel]. Aber sorry, kommt mir nicht mit "Normalsterblich"!   Eine schöne Fantasyliebesgeschichte, die mir zwar vielleicht nicht für immer im Kopf bleiben wird, weil sie nichts Neues ist, aber mir doch einige schöne Stunden beschert hat.

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