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Das stumme Mädchen

Thriller

Taschenbuch
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Das stumme Mädchen — Inhalt

Das Leben von Emma Joseph könnte perfekt sein. Sie hat ein entzückendes Baby und einen liebevollen Ehemann – David. Doch David hat eine dunkle Vergangenheit: Bei einem mysteriösen Autounfall starb seine erste Frau und seine kleine Tochter verschwand spurlos. Als das Mädchen sechs Jahre später wie aus dem Nichts wieder auftaucht, wird Emma das Gefühl nicht los, dass von dem Mädchen eine stumme Bedrohung ausgeht. Handelt es sich tatsächlich um Davids Tochter? Und wenn ja, was hat sie zu verbergen?

€ 9,99 [D], € 10,30 [A]
Erschienen am 01.08.2017
Übersetzt von: Karin Dufner
384 Seiten, Broschur
EAN 978-3-492-31049-9
€ 8,99 [D], € 8,99 [A]
Erschienen am 02.05.2017
Übersetzt von: Karin Dufner
368 Seiten, WMEPUB
EAN 978-3-492-96590-3

Leseprobe zu »Das stumme Mädchen«

Prolog

Noch zehn Minuten und sie würde wohlbehalten zu Hause sein.

Caroline Joseph erschauderte vor Erleichterung, weil die lange Fahrt endlich vorbei sein würde. Sie war noch nie gern nachts gefahren, denn sie hatte dabei stets ein wenig das Gefühl, die Dinge nicht mehr richtig im Griff zu haben. Jedes sich nähernde Scheinwerferpaar schien sie anzuziehen; immer wieder erleuchtete weißes Licht das Wageninnere, während sie das Lenkrad umklammerte und sich bemühte, das Auto auf Spur zu halten.

Aber jetzt war es ja nicht mehr weit. Sie freute sich darauf, [...]

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Prolog

Noch zehn Minuten und sie würde wohlbehalten zu Hause sein.

Caroline Joseph erschauderte vor Erleichterung, weil die lange Fahrt endlich vorbei sein würde. Sie war noch nie gern nachts gefahren, denn sie hatte dabei stets ein wenig das Gefühl, die Dinge nicht mehr richtig im Griff zu haben. Jedes sich nähernde Scheinwerferpaar schien sie anzuziehen; immer wieder erleuchtete weißes Licht das Wageninnere, während sie das Lenkrad umklammerte und sich bemühte, das Auto auf Spur zu halten.

Aber jetzt war es ja nicht mehr weit. Sie freute sich darauf, Natasha in die warme Badewanne zu stecken, ihr eine Tasse heiße Schokolade zu machen und sie ins Bett zu bringen. Dann konnte sie sich den Rest des Abends David widmen. Etwas belastete ihn, und Caroline glaubte, dass sie ihm, vor dem Kaminfeuer und bei einem Glas Wein, wenn Natasha fest schlief, das Problem vielleicht würde entlocken können. Es musste etwas mit der Arbeit zu tun haben.

Sie warf einen Blick in den Rückspiegel auf ihre wundervolle Tochter. Tasha war sechs – oder sechsdreiviertel, wie sie gern stolz betonte –, auch wenn sie wegen ihres zierlichen Körperbaus jünger wirkte. Das hellblonde Haar fiel ihr in weichen Wellen über die Schultern. Jedes Mal, wenn sie eine Straßenlaterne passierten, wurden ihre zarten Gesichtszüge in gelbes Licht getaucht. Sie hatte die Augen geschlossen und sah so friedlich aus, dass Caroline lächeln musste.

Wie immer war Tasha brav gewesen und hatte zufrieden mit ihren jüngeren Cousins gespielt, während die Erwachsenen herumhasteten, um Carolines Vater jeden Wunsch von den Augen abzulesen. Er hatte einen seiner Befehle erteilt – diesmal lautete er, dass Caroline und ihre Geschwister samt Familien sich zu einem vorweihnachtlichen Abendessen einzufinden hatten. Wie immer hatten alle gehorcht. Das hieß alle mit Ausnahme von David.

Die Abzweigung in die Seitenstraßen, die zu ihrem Haus führten, näherte sich rasch, und Caroline warf noch einen Blick auf Tasha. Sobald sie die Hauptstraße verlassen und sich von den hell erleuchteten Schaufenstern und dem gelblichen Schein der hohen Straßenlaternen entfernt hatten, würde der Rücksitz des Wagens in Dunkelheit liegen. Das Mädchen hatte den Großteil der Fahrt verschlafen, regte sich aber allmählich.

»Alles in Ordnung, Tasha?«, fragte Caroline. Das Kind murmelte nur eine schlaftrunkene Antwort, war noch nicht wach genug, um etwas zu sagen, und rieb sich mit den Fingerknöcheln die Augen. Caroline lächelte. Sie bremste leicht ab und schaltete herunter, um die Kurve zu umrunden. Jetzt musste sie nur noch die letzten Kilometer der Fahrt hinter sich bringen, durch enge, von Hecken gesäumte, stockfinstere Straßen. Dann hatte sie es überstanden. Sie war ein wenig ärgerlich auf David. Er wusste doch, wie ungern sie nachts fuhr. Also hätte er sich die Mühe machen können – für Natasha, wenn auch nicht für sie. Sie hatten ihn beide vermisst.

Plötzlich bemerkte Caroline eine Bewegung auf ihrer linken Seite und bekam Herzklopfen. Eine Eule sauste im Tiefflug über die Hecken. Der Strahl der Autoscheinwerfer fing sich hell in ihrer weißen Brust, die sich vom schwarzen Himmel abhob. Caroline atmete auf.

Der Mond schien nicht, und auf dem schwarzen Asphalt der schmalen Straßen, die zu ihrem Haus führten, glitzerte der Raureif. Es war so still, als wäre die Welt stehen geblieben. Nun, da die Eule fort war, war ihr Auto das Einzige, was sich rührte. Caroline wusste, dass außer dem leisen Brummen ihres Motors auch kein Geräusch zu hören sein würde, wenn sie das Fenster öffnete. Weder vor ihr noch hinter ihr war Licht zu sehen, und kurz drohte ihre beständige Angst vor der Dunkelheit sie zu überwältigen.

Sie beugte sich vor, stellte das Radio leiser und ließ sich von den fröhlichen, für diese Jahreszeit typischen Weihnachtsliedern beruhigen. Bald würde sie das Gedudel satthaben, doch im Moment empfand sie diese vergnügte Alltäglichkeit als Trost.

Sie lächelte, als neben ihr auf dem Beifahrersitz das Telefon läutete. Das war sicher David, der wissen wollte, wann sie zurück sein würde. Sie warf nur einen flüchtigen Blick auf das Display, bemerkte jedoch im letzten Moment, dass es sich um eine unterdrückte Nummer handelte. Also tippte sie aufs Display und drückte den Anruf weg. Wer immer es auch sein mochte, konnte warten, bis sie zu Hause war. Mit einer Hand steuerte sie um eine scharfe Kurve und legte mit der anderen das Telefon wieder auf den Sitz. Der Wagen geriet auf der glatten Straße leicht ins Schlittern. Kurz bekam sie es mit der Angst zu tun. Doch das Auto hielt die Spur, und sie atmete auf.

Vorsichtig nahm Caroline die nächsten Kurven, aber ihre angespannten Schultern lockerten sich erst, als sie das kurze gerade Stück Straße erreichte, wo hohe Hecken zu beiden Seiten die Sicht auf tiefe Gräben versperrten. Caroline beugte sich zur Windschutzscheibe vor und spähte in die Nacht hinaus. Die Scheinwerfer erfassten eine dunkle Kontur – etwas vor ihr auf der Straße. Sie bremste leicht ab und schaltete vorsichtshalber einen Gang herunter.

Im zweiten Gang näherte sie sich dem Hindernis und erkannte schließlich erschrocken, dass es sich um ein Auto handelte, das quer auf der Fahrbahn stand. Die Vorderreifen waren im Graben auf der rechten Straßenseite versunken. Sie glaubte, eine über dem Lenkrad zusammengesackte Gestalt im Wageninneren zu erkennen.

Langsam rollte Caroline auf das Auto zu. Als sie auf den Knopf drückte, um ihr Fenster herunterzulassen, bekam sie plötzlich Herzklopfen. Offenbar brauchte da jemand Hilfe.

Wieder läutete ihr Telefon.

Ihr erster Gedanke war, nicht darauf zu achten, doch wenn sich hier ein Unfall ereignet hatte, musste sie Hilfe holen. Rasch griff sie nach dem Telefon und nahm den Anruf an. Dabei bemerkte sie, dass ihre Hand zitterte.

»Hallo?«

»Caroline, bist du schon zu Hause?«

Die Stimme kam ihr bekannt vor, doch sie konnte sie nicht einordnen. Ihr Blick ruhte weiter auf dem Hindernis vor ihr, als sie stoppte und ihren Sicherheitsgurt öffnete.

»Noch nicht. Warum? Wer spricht da?«

»Hör mir einfach nur zu. Ganz gleich, was du auch tust, halt unter gar keinen Umständen an.« Der Mann sprach schnell und leise. »Fahr nach Hause. Fahr sofort nach Hause. Hörst du?«

Der panische Tonfall am Telefon spiegelte Carolines eigene wachsende Furcht wider. Sie zögerte.

»Aber da steht ein Wagen quer auf der Straße. Offenbar hatte jemand einen Unfall. Vielleicht ist er krank oder verletzt. Warum darf ich nicht anhalten? Was ist los?«

»Tu einfach, was ich dir sage, Caroline. Steig auf keinen Fall aus. Und jetzt gibst du Gas und fährst an dem Auto vorbei. Bleib unter keinen Umständen stehen, ganz gleich, was passiert. Tu es einfach.«

Die Stimme klang angespannt und drängend. Caroline spürte, wie ihr die Angst in der Kehle hochstieg. Was sollte das? Nach einem Blick in den Rückspiegel traf sie eine Entscheidung. Sie warf das Telefon auf den Beifahrersitz und umklammerte das Lenkrad mit beiden Händen. Der Kombi war lang und tiefergelegt, und das Heck blockierte den Großteil der Straße. Die Hinterreifen schwebten ein Stück über dem Boden, da die Motorhaube im Graben hing. Es war nicht viel Platz, um am Heck des Wagens vorbeizukommen. Aber sie würde es schaffen. Sie musste es schaffen.

Sie trat das Gaspedal kräftig durch. Die Reifen schlitterten auf der vereisten Fahrbahn. Doch dann griffen sie, und sie riss das Auto nach links. Die Reifen auf der Fahrerseite holperten entlang der Böschung unterhalb der Hecke, sodass der Wagen in eine gefährliche Schieflage geriet. Sie lenkte wieder nach rechts, und landete mit einem dumpfen Geräusch; das Auto zeigte nun auf die entgegengesetzte Straßenseite. Caroline lenkte erneut nach links, um das Fahrzeug auszurichten. Der Motor heulte auf, als sie beschleunigte.

Plötzlich spürte sie, dass sie zu rutschen anfing. Panisch lenkte sie erst in die eine, dann in die andere Richtung, doch was sie auch tat, das Auto reagierte nicht. Blitzeis, und sie fuhr viel zu schnell. Sie erinnerte sich, dass man ihr beigebracht hatte, in die Rutschbewegung hineinzusteuern, doch das fühlte sich irgendwie falsch an.

Ein Name schoss ihr durch den Kopf. Plötzlich war ihr klar, wer sie angerufen hatte. Aber warum er? Sie rief seinen Namen, wusste jedoch, dass er nichts mehr unternehmen konnte. Als ihr Blick durch den Rückspiegel in den hinteren Teil des Wagens fiel, sah sie das Weiße in Natashas entsetzt aufgerissenen Augen.

Sie trat heftig auf die Bremse, doch nichts geschah. Das Auto geriet ins Schleudern, prallte erneut gegen die Böschung, neigte sich auf eine Seite, fiel um, kippte aufs Dach, brach durch die Hecke und landete im Graben. Carolines zerschmetterter Körper hing halb aus dem offenen Fenster.

***

Der Polizist fuhr durch die schmalen Straßen und genoss den seltenen Moment der Ruhe, bevor das weihnachtliche Chaos ausbrechen würde. Ein anonymer Anrufer hatte gemeldet, irgendwo hier in der Nähe sei ein Auto von der Straße abgekommen. Doch laut Zentrale hatte der Mann keine Einzelheiten nennen können. Also hoffte der Polizist, dass nur irgendein Idiot seine Kiste hier abgestellt hatte, wegen einer Panne oder weil ihm der Sprit ausgegangen war. So kurz vor den Feiertagen hatte er genug davon, sich mit Betrunkenen herumärgern zu müssen, und ein verlassenes Fahrzeug würde ihn für eine Weile beschäftigen – vielleicht sogar bis zum Ende seiner Schicht.

Allerdings wurde ihm bald klar, dass er sich zu früh gefreut hatte. Es waren die Scheinwerfer, die seinen Verdacht erregten. Niemand ließ sein Auto mit eingeschalteten Scheinwerfern stehen, und dennoch sah er vor sich ein unbewegtes weißes Licht, das die kahlen Bäume am Straßenrand hell erleuchtete. Als er näher kam, blendete ihn der grelle Strahl der Scheinwerfer. Er hielt sich schützend den Handrücken vor Augen und rollte so langsam wie möglich heran, nur für den Fall, dass da jemand auf der Straße lag, den er nicht sehen konnte. Etwa zwanzig Meter vor dem Auto blieb er stehen und stellte den Motor ab.

Er erkannte auf den ersten Blick, dass die Lage ernst war. Das Auto lag auf dem Dach an der Böschung am Straßenrand. Jedoch war es der Lärm, der ihn bis ins Mark traf. Er durchschnitt die Stille der menschenleeren Landschaft. Das leise Schnurren eines teuren Motors bildete den Hintergrund zu den unverkennbaren Klängen von Bing Crosbys »White Christmas«. Die sanfte Musik wehte durch die offene Scheibe in die eisige Nacht hinaus. Und aus der Öffnung ragte der Kopf einer Frau in einem so bizarren Winkel, dass der Polizist nicht näher zu kommen brauchte, um zu wissen, dass sie tot war.

Langsam näherte er sich dem umgekippten Fahrzeug, um den Motor und damit auch die Musik abzustellen. Nun konnte er wieder atmen. Es handelte sich nur um einen Verkehrsunfall ohne Fremdverschulden, wenn auch um einen tragischen. Er griff zum Funkgerät.

Während er auf die Sanitäter wartete, obwohl er wusste, dass sie auch nichts weiter tun konnten, als seine Erkenntnis zu bestätigen, machte sich der Polizist daran, die Straße zu sperren, forderte ein Spurensicherungsteam an, damit dieses den Unfall untersuchte, und führte eine Halteranfrage durch, um festzustellen, wem der Wagen gehörte. Dann holte er eine Taschenlampe aus seinem Kofferraum und leuchtete Straße, Gräben und die Böschung ab, nur für den Fall, dass sich ein Verletzter aus dem Auto gerettet oder etwas auf der Straße den Wagen ins Schlingern gebracht hatte. Da war nichts. Die Straße war leer.

Der Polizist war erleichtert, als das Geräusch von sich nähernden Sirenen durch die Stille hallte. Wenige Minuten später traf der Krankenwagen ein. Seine Scheinwerfer fielen auf einen einsamen Radfahrer, der zögernd herankam.

Der Mann stieg vom Rad und blieb in einiger Entfernung stehen. Der Polizist ging auf ihn zu.

»Verzeihung, Sir, aber Sie müssen Abstand halten.«

»Okay, Officer, ich möchte nur nach Hause.«

»Ich verstehe. Doch im Moment kann ich Sie diesen Straßenabschnitt nicht passieren lasssen. Sicher sehen Sie das ein.«

»Wurde jemand verletzt? Das ist doch das Auto von Caroline Joseph, habe ich recht?«, fragte der Radfahrer.

»Das kann ich im Moment nicht bestätigen, Sir.«

Der Mann spähte an dem Polizisten vorbei.

»Ist sie das? Oh, mein Gott. Sie ist tot, oder?« Den Mund halb offen vor Schreck, musterte er den Polizisten. »Der arme David. Ihr Mann. Er wird völlig fertig sein.«

Der Polizist antwortete nicht. Er konnte nicht mehr tun, als den Mann so weit wie möglich auf Distanz zu halten, bis die Verstärkung eintraf. Doch selbst aus dieser Entfernung war der Kopf der Frau nur allzu deutlich auszumachen.

»Sie hatte doch nicht etwa Natasha bei sich, oder?«, fragte der Radfahrer mit zitternder Stimme. »Ihre kleine Tochter? Ein niedliches Mädchen.«

Ziemlich erleichtert schüttelte der Polizist den Kopf.

»Nein, Sir. Der Kindersitz ist zwar hinten festgeschnallt, aber zum Glück leer. Sonst war niemand im Fahrzeug.«

 

SUCHE NACH VERMISSTEM MÄDCHEN

ZURÜCKGEFAHREN

Eine Polizeisprecherin hat bestätigt, dass die Suche nach der verschwundenen Natasha Joseph ab heute zurückgefahren wird.

Detective Inspector Philippa Stanley von der Greater Manchester Police gab die folgende Stellungnahme ab:

»Die Suchtrupps, bestehend aus Profis und Freiwilligen, haben die Umgebung mehr als zwei Wochen lang abgesucht. Wir glauben, dass jeder Zentimeter Landschaft in der Nähe des Unfallorts abgedeckt wurde. Zusätzlich zu den Trupps, die jeden erdenklichen Ort durchkämmt haben, wo sich ein kleines Mädchen hätte verkriechen können, um nicht zu erfrieren, haben wir auch Suchhunde und Helikopter mit Infrarotkameras eingesetzt. Bedauerlicherweise haben wir nichts gefunden.«

Natasha Joseph – von ihrer Familie Tasha genannt – verschwand, nachdem das Auto ihrer Mutter auf dem Rückweg von einer Familienfeier auf der Littlebarn Lane einen Unfall hatte. Caroline Joseph saß am Steuer, und es waren keine anderen Fahrzeuge beteiligt. Als die Polizei am Unfallort eintraf, fehlte von der kleinen Natasha jede Spur. Mrs Joseph wurde von den Sanitätern für tot erklärt.

Inzwischen sucht die Polizei nach weiteren Hinweisen. Insbesondere bittet sie Zivilpersonen, die sich in der Nähe des Unfallorts aufgehalten haben, sich zu melden.

»Ob die Menschen nun glauben, etwas zu wissen oder nicht, es führt immer wieder zu überraschenden Ergebnissen. Ein ums andere Mal sind wir erstaunt, wie die winzigste Information – die Sichtung eines bestimmten Fahrzeugs oder einer sich verdächtig verhaltenden Person – weiterhelfen kann, insbesondere dann, wenn man sie mit gesammelten Daten verknüpft. Hierzu greifen wir wenn nötig auf die automatische Nummernschilderkennung zurück und haben zudem Überwachungsvideos von Tankstellen und weiteren Kameras in der nahe gelegenen Ortschaft gesichert. Dennoch bitten wir jeden, der in jener Nacht in der fraglichen Umgebung unterwegs war, sich zu melden. Unsere ausgebildeten Vernehmer werden Sie darin unterstützen, jeden Moment jenes Abends zusammenzufügen. Und wir sind zuversichtlich, irgendwo da draußen die entscheidende Information zu finden, die uns weiterbringt.«

Die Polizei bestätigt, dass die Suche nach dem Mädchen zwar zurückgefahren wurde. Doch das mit dem Fall befasste Team von Detectives arbeitet unter Hochdruck weiter.

David Joseph, Ehemann von Caroline Joseph und Vater von Natasha, ist ein erfolgreicher Geschäftsmann in Manchester und hat letzte Woche im Fernsehen einen aufrüttelnden Appell an die Öffentlichkeit gerichtet.

»Jemand muss wissen, wo mein kleines Mädchen ist. Tasha hat ihre Mutter verloren und ist jetzt sicherlich verzweifelt, verwirrt und verängstigt. Bitte helfen Sie mir, sie zu finden. Ich brauche mein kleines Mädchen. Ich habe alles verloren.«

Wenn Sie sich vertraulich an jemanden wenden wollen, rufen Sie bitte unter der Nummer 08 00 6 12 57 36 oder 01 61 79 37 85 an. 

 

1 Sechs Jahre später

DCI Tom Douglas ertappte sich dabei, dass er ein Liedchen vor sich hinsummte, als er den Flur entlang zu seinem Büro ging. Er hatte den ersten Arbeitstag nach den Feiertagen schon immer genossen, genau wie er damals in seiner Kindheit nach den langen Sommerferien gern in die Schule zurückgekehrt war. Es war ein Gefühl der Vorfreude, das Wissen, dass der Tag für ihn Herausforderungen bereithalten würde. Und er brannte darauf, sich ihnen zu stellen. Er freute sich über die Kameradschaft in seinem Team – sie waren zwar nicht unbedingt Freunde, aber Verbündete, die einander unterstützten und wussten, dass sie immer auf ihn zählen konnten. Es war nicht der leichteste Job der Welt, doch zumindest langweilte er sich nur selten, und das hatte etwas für sich.

Er schob die Tür zu seinem Büro auf und streckte den linken Fuß aus, um den Türstopper an seinen Platz zu befördern. Sein Fuß traf ins Leere. Als er nach unten schaute, fehlte von dem dicken Schwein, das sonst die Tür offen hielt, jede Spur. Er hängte seine Jacke an den Garderobenständer und ging in die Hocke, um unter dem Schreibtisch nachzusehen. Als er ein kurzes Klopfen an der Tür hörte, murmelte er »herein«.

Die Tür öffnete sich, und eine ihm wohlbekannte Stimme erklang. Offenbar musste sich die Person ihre Erheiterung verkneifen.

»Fühlen Sie sich wohl da unten?«

»Ich fühle mich prima, aber jemand hat, verdammt noch mal, mein Schwein geklaut.«

Tom erhob sich und klopfte sich den Staub von der Anzughose. »Wirklich. Man möchte doch meinen, dass man sich in einem Polizeipräsidium einigermaßen darauf verlassen kann, ausschließlich gesetzestreue Bürger anzutreffen, oder? Ich dachte, es sei irgendwie da runtergetreten worden oder so. Aber es hat sich in Luft aufgelöst.«

»Falls jemand Ihr Schwein getreten hätte, würde er jetzt wahrscheinlich mit einer gebrochenen Zehe herumhinken. Außerdem beklaut nur ein absoluter Idiot einen Detective Chief Inspector – obwohl wir auf dieser Grundlage einige Verdächtige in Erwägung ziehen könnten. Ich höre mich für sie um.«

Tom zog seinen Stuhl heran, setzte sich und bedeutete Becky, seinem Beispiel zu folgen. »Und wie war es bei Ihnen, Becky? Irgendetwas Spannendes, während ich weg war?«

»Im Großen und Ganzen nur der übliche Kram«, erwiderte Becky und nahm sich ebenfalls einen Stuhl. »Abgesehen von einer besonders brutalen Vergewaltigung. Anfangs dachten wir, es handle sich um eine Vergewaltigung durch einen Fremden. Stimmte aber nicht.«

»Wer war es dann?«

»Ihr Mistkerl von einem Freund. Er hat sich maskiert, mit allem Drum und Dran, und ihr auf dem Heimweg von der Arbeit aufgelauert. Er hat sie zu Brei geschlagen, sie übelst vergewaltigt und dann liegen gelassen.«

»Was hat ihn verraten?«

»Das Opfer. Als sie im Krankenhaus wieder zu sich kam, hat sie behauptet, sie hätte keine Ahnung, wer es war. Aber wir haben ihr angemerkt, dass sie uns etwas verschweigt. Wie sich herausstellte, hatte sie eine Todesangst, ihr Freund würde sie umbringen, wenn sie ihn belastet. Schließlich ist sie eingeknickt und hat es uns gesagt. Allerdings wollte sie keine Anzeige erstatten, da es keine Beweise gab.«

Becky lehnte sich zurück und verschränkte die Arme.

»Aber wir haben ihn drangekriegt. Er war zwar so schlau, ein Kondom zu benutzen, aber auch so blöd, es fünfzig Meter weiter in eine Mülltonne zu werfen. Behauptete, seine Freundin habe es nicht anders verdient, weil sie mit den Typen im Pub flirtet, wo sie arbeitet.«

Becky kräuselte angewidert die Lippen. Tom konnte sich gut vorstellen, mit welch eisiger Entschlossenheit sie den Kerl verhört hatte. Seine Mitarbeiterin war zwar ein verletzlicher Mensch, besaß jedoch eine ans Unheimliche grenzende Fähigkeit, Menschen die Wahrheit zu entlocken.

»Und wie war Ihr Urlaub?«, fragte Becky.

»Danke, gut. Leo und ich haben ein paar Tage in Florenz verbracht. Anschließend waren wir in meinem Wochenendhaus in Cheshire. Ich musste einige Papiere meines Bruders ordnen, und Leo hat für eine Prüfung gebüffelt. Es war eine dieser gleichförmigen Wochen, die wie im Fluge vergehen.«

Eigentlich sprach Tom nur ungern über sein Privatleben. Erst in letzter Zeit hatte er begonnen, Leo hin und wieder gegenüber seinen Kollegen zu erwähnen. Zu seiner Erheiterung hatten ein paar von ihnen nicht verstanden, dass es sich bei Leo um eine Abkürzung von Leonora handelte, was ihm einige verdatterte Seitenblicke eingebracht hatte. Doch Becky hatte die Sache richtiggestellt.

Nur wenige Menschen wussten von dem Haus in Cheshire, das Tom nach seinem Abschied von der Londoner Polizei gekauft hatte. Auch seinen Bruder Jack erwähnte er nur selten. Allerdings war Becky über den tragischen Unfall im Bilde, bei dem er vor einigen Jahren umgekommen war. Auch darüber, dass Jack Tom ein Vermögen aus dem Verkauf seiner Internet-Sicherheitsfirma vermacht hatte. Allerdings brachte sie das Thema nie zur Sprache, wenn Tom es nicht von selbst tat.

Toms Telefon unterbrach jedes weitere Urlaubsgeplauder.

»Tom Douglas«, meldete er sich. Er lauschte, als seine Vorgesetzte, Detective Superintendent Philippa Stanley, ihm die Art von Nachricht überbrachte, die er am allermeisten verabscheute. Seine gute Laune verflüchtigte sich schlagartig.

Er legte auf. »Holen Sie Ihre Jacke, Becky. Wir haben eine Leiche. Leider muss ich hinzufügen, dass es ein junges Mädchen ist, den Berichten zufolge kaum ein Teenager.«

Rachel Abbott

Über Rachel Abbott

Biografie

Rachel Abbott, geboren und aufgewachsen in Manchester, leitete viele Jahre als Systemanalytikerin ihre eigene kleine Softwarefirma. Seit 2005 lebt die freiberufliche Webdesignerin und Autorin mit ihrem Ehemann und ihren zwei Hunden in den Marken in Italien und auf der französischen Kanalinsel...

Weitere Titel der Serie »Tom-Douglas-Reihe«

Detective Chief Inspector Tom Douglas ermittelt in den Krimis von Rachel Abbott in London und später in Manchester.

Pressestimmen

vonmainbergsbuechertipps.wordpress.com

»So muss ein guter Thriller sein!«

Kommentare zum Buch

Das Stumme Mädchen
Nadine Maigatter am 04.02.2018

Erstmal Danke an den Piper Verlag für das kostenlose Leseexemplar :) Ich habe mich für das Buch beworben da der Klappertext sich interessant angehört hat. Erst später habe ich erfahren das es wohl schon andere Teile gibt die um die Detektive handeln, daher ist das für mich auch kein Spoilern. Viel verraten mag ich euch dennoch nicht, ihr müsst es selber lesen. Das Buch hält die Spannung im kompletten Buch aufrecht. Alle Charaktere sind genial beschrieben, jeder hat seine schwächen und stärken. Sehr hat mir Emma mit dem kleinen Ollie gefallen, da diese beiden für mich sehr heraus stechen. David war am Anfang ein Fall für sich wie er manchmal reagiert hat. Das Buch hat alles was es braucht und ich kenne wie gesagt die anderen Teile nicht und man braucht sie nicht. Wer in eine Familiengeschichte rein gezogen werden mag wo es echt an die Nieren geht , so müsst ihr das Buch lesen. Die Autorin schreibt flüssig und langweilt keinen mit mega Ausschreibungen das man die Lust verliert weiter zu lesen. Das Cover passt zu den ersten Seiten des Buches , da dort der Unfall erzählt wird.   Pluspunkte: - spannende Story von der ersten Seite an - Großartige Charaktere

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