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Blutrecht

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Greatcoats

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Blutrecht — Inhalt

Falcio ist der Anführer der Greatcoats. In der Kunst des Kampfes ebenso geschult wie im Gesetz des Reiches Tristia, ziehen die Greatcoats als reisende Gesetzeshüter durchs Land, um Gerechtigkeit zu bringen und das Wort des Königs zu verbreiten. Sie sind Helden. Oder vielmehr waren sie es, bis sie tatenlos zusahen, wie die dunklen Herzöge von Tristia das Königreich übernahmen und den Kopf des Königs auf einen Pfahl spießten. Nun bewegt sich Tristia am Rande des Untergangs, und die Barbaren an den Grenzen warten nur darauf, ins Land einzufallen. Die Herzöge reigieren mit Willkür und Chaos, und die Greatcoats sind weit verstreut, gebrandmarkt als Verräter, Diebe und Mörder. Ihren legendären Uniformen sind nur noch Fetzen, die an eine ruhmreiche Vergangenheit erinnern. Alles, was ihnen geblieben ist, ist ein letztes Versprechen, dass sie ihrem getöteten König gaben. Das Versprechen, eine letzte Mission zu erfüllen. Doch wenn sie damit Erfolg haben wollen, müssen sie sich wieder vereinen – oder miterleben, wie die Welt um sie herum in Feuer untergeht ...

€ 8,99 [D], € 8,99 [A]
Erschienen am 12.05.2014
Übersetzer: Andreas Decker
448 Seiten, WMEPUB
ISBN 978-3-492-96481-4

Leseprobe zu »Blutrecht«

Kapitel 1 – Lord Tremondi

 

Man stelle sich einen Augenblick lang vor, man hätte sich seinen sehnlichsten Wunsch erfüllt. Nicht die einfachen, plausiblen Dinge, von denen man seinen Freunden erzählt, sondern den Traum, den man tief im Herzen bewahrt, den man selbst als Kind niemals laut in Worte fassen würde. Man stelle sich beispielsweise vor, man hätte sich danach verzehrt, ein Greatcoat zu sein, einer jener legendären Magister und Fechter, die das Land vom kleinsten Dorf bis zur prächtigsten Stadt bereisen und dafür sorgen, dass jeder Mann und jede [...]

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Kapitel 1 – Lord Tremondi

 

Man stelle sich einen Augenblick lang vor, man hätte sich seinen sehnlichsten Wunsch erfüllt. Nicht die einfachen, plausiblen Dinge, von denen man seinen Freunden erzählt, sondern den Traum, den man tief im Herzen bewahrt, den man selbst als Kind niemals laut in Worte fassen würde. Man stelle sich beispielsweise vor, man hätte sich danach verzehrt, ein Greatcoat zu sein, einer jener legendären Magister und Fechter, die das Land vom kleinsten Dorf bis zur prächtigsten Stadt bereisen und dafür sorgen, dass jeder Mann und jede Frau, egal ob von hoher oder niederer Geburt, das Gesetz des Königs für sich in Anspruch nehmen kann. Für viele ein Beschützer – für manche sogar ein Held. Man fühlt also den Greatcoat, den schweren Ledermantel, das Symbol des Amtes, auf den Schultern, das täuschend geringe Gewicht der eingenähten Knochenplatten, die einen wie eine Rüstung schützen, und die Dutzenden verborgenen Taschen, die mit den nötigen Werkzeugen und Schlichen, esoterischen Tränken und Pillen gefüllt sind. Man greift nach dem Schwert an der Seite, von dem Wissen beflügelt, dass einem als Greatcoat beigebracht wurde, falls nötig, zu kämpfen. Schließlich verfügt man über die entsprechende Ausbildung, jeden anderen Mann im Duell zu bezwingen.

Und jetzt stelle man sich vor, diesen Traum in die Tat umgesetzt zu haben – sämtlichen Hindernissen zum Trotz, die Götter und Heilige in die Welt setzen. Man ist also ein Greatcoat geworden. Aber halt, tatsächlich sollte der Traum noch ehrgeiziger sein: Man stelle sich vor, zum Ersten Kantor der Greatcoats erhoben worden zu sein, und seine beiden besten Freunde stehen einem zur Seite. Nun versuche man sich vorzustellen, wo man ist, was man sieht, was man hört, welches Unrecht man bekämpfen will …

»Sie ficken schon wieder«, sagte Brasti.

Ich zwang meine Augen auf und erhielt zur Belohnung den verschwommenen Blick auf den Korridor des Gasthauses, einen pompös dekorierten, aber schmutzigen Gang, der einen daran erinnerte, dass die Welt einst wohl ein hübscher Ort gewesen war, nun aber langsam verrottete. Kest, Brasti und ich bewachten den Korridor von dem Komfort heruntergekommener Stühle aus, die aus dem Gemeinschaftsraum im Erdgeschoss stammten. Uns gegenüber befand sich eine große Eichentür, die zu Lord Tremondis gemietetem Zimmer führte.

»Lass es sein, Brasti«, sagte ich.

Er schenkte mir einen bewusst vernichtenden Blick, der allerdings nicht besonders effektiv war; Brasti ist etwas zu hübsch, als ihm oder sonst jemandem guttut. Starke Wangenknochen und ein breiter, von einem kurzen rotblonden Bart eingerahmter Mund machen ein Lächeln noch strahlender, das ihn meistens vor den Kämpfen bewahrt, die er mit seinen Worten anzettelt. Sein meisterliches Bogenschießen erledigt den Rest. Aber wenn er versucht, einen niederzustarren, sieht er einfach nur aus, als würde er schmollen.

»Was soll ich denn bitte schön sein lassen?«, fragte er. »Soll ich nicht mehr davon sprechen, dass du mir ein Heldenleben versprachst? Damals, als ich mich bei den Greatcoats verdungen habe, weil du mich dazu überredet hast? Stattdessen nenne ich keine Münze mein Eigen und werde verachtet und verdinge mich notgedrungen als niederer Leibwächter für reisende Händler. Oder die Tatsache, dass wir hier sitzen und unserem großzügigen Gönner – was übrigens eine höfliche Bezeichnung ist, da er uns bis jetzt noch keine lausige schwarze Kupfermünze gezahlt hat – dabei zuhören müssen, wie er eine Frau vögelt? Zum übrigens wievielten Mal seit dem Abendessen? Dem fünften? Wie schafft der fette Sack das überhaupt? Ich meine …«

»Könnten Kräuter sein«, unterbrach Kest ihn und streckte sich mit der natürlichen Anmut eines Tänzers.

»Kräuter?«

Kest nickte.

»Und was versteht der sogenannte ›größte Fechter der Welt‹ von Kräutern?«, wollte Brasti wissen.

»Vor ein paar Jahren verkaufte mir ein Apotheker ein Gebräu, das den Schwertarm angeblich auch dann noch stark hält, wenn man halb tot ist. Ich habe es benutzt, als ich ein halbes Dutzend Meuchelmörder abwehren musste, die einen Zeugen umbringen wollten.«

»Und, hat es funktioniert?«, fragte ich.

Kest zuckte mit den Schultern. »Kann ich wirklich nicht sagen. Sie waren bloß zu sechst, also war es keine richtige Prüfung. Aber ich hatte die ganze Zeit über einen ordentlichen Ständer.«

Hinter der Tür ertönte ein schweres Grunzen, dem ein Stöhnen folgte.

»Bei allen Heiligen! Können die nicht einfach aufhören und schlafen?«

Wie zur Erwiderung wurde das Stöhnen lauter.

»Wisst ihr, was ich merkwürdig finde?«, fuhr Brasti fort.

»Hältst du in absehbarer Zeit die Klappe?«, fragte ich.

Brasti ignorierte mich. »Ich finde es merkwürdig, dass sich ein vögelnder Adliger fast so anhört wie einer, der gefoltert wird.«

»Du hast also schon viele Adlige gefoltert?«

»Du weißt schon, was ich meine. Hier hört man nur Stöhnen und Grunzen und kleine spitze Schreie, nicht wahr? Irgendetwas läuft da verkehrt.«

Kest hob eine Braue. »Und wie klingt richtiges Vögeln?«

Brasti schaute sehnsuchtsvoll zur Decke. »Die Frau muss viel öfter begeistert jauchzen, so viel steht fest. Und es muss mehr süße Worte geben. So wie: ›O Brasti, ja so, genau da an der Stelle! Du legst dich mit Herz und Seele ins Zeug!‹«

»›Du legst dich mit Herz und Seele ins Zeug‹? Sagen Frauen im Bett wirklich so was?«, wollte Kest wissen.

»Hör auf, den lieben langen Tag nur mit dem Schwert zu üben, geh mit einer Frau ins Bett, und du wirst es herausfinden. Komm schon, Falcio, hilf mir hier.«

»Ist schon möglich, aber es ist so verdammt lange her, ich erinnere mich nicht mehr.«

»Ja, natürlich, der heilige Falcio. Aber du hast doch sicherlich mit deiner Frau …«

»Lass es«, sagte ich.

»Ich wollte nicht … ich meine …«

»Bring mich nicht dazu, dir eine reinzuhauen, Brasti«, sagte Kest leise.

Schweigend saßen wir ein paar Minuten da, während Kest Brasti meinetwegen finster anstarrte und der Lärm aus dem Schlafzimmer ununterbrochen weiterging.

»Ich kann noch immer nicht begreifen, wie er das schafft«, fing Brasti schließlich wieder von vorn an. »Ich frage dich noch einmal, Falcio, was machen wir hier eigentlich? Tremondi hat uns noch nicht einmal bezahlt.«

Ich hob die Hand und bewegte die Finger. »Hast du seine Ringe gesehen?«

»Klar«, sagte Brasti, »groß und protzig. Oben mit einem wie ein Rad geformten Edelstein.«

»Das ist der Ring eines Karawanenlords – was du wissen würdest, hättest du der Welt vor deinen Augen einmal Beachtung geschenkt. Damit versiegeln sie bei ihrer jährlichen Zusammenkunft ihre abgegebene Stimme – ein Ring, eine Stimme. Nicht jeder Karawanenlord schafft es jedes Jahr zur Zusammenkunft, also haben sie die Möglichkeit, ihren Ring an jemanden zu verleihen, der dann bei allen wichtigen Abstimmungen für sie stimmt. Und wie viele Karawanenlords gibt es noch einmal?«

»Das weiß doch keiner genau, es ist …«

»Zwölf«, sagte Kest.

»Und an wie vielen seiner Finger steckten diese protzigen Ringe?«

Brasti starrte zu Boden. »Ich weiß es nicht … vier oder fünf?«

»Sieben«, sagte Kest.

»Sieben«, wiederholte ich.

»Das bedeutet also, er könnte … Also gut, Falcio, worum geht es dieses Jahr bei der Abstimmung der Lords?«

»Alles Mögliche«, sagte ich nüchtern. »Wechselkurse, Abgaben, Handelsbestimmungen. Ach ja, und die Sicherheit.«

»Die Sicherheit?«

»Seit die Herzöge den König umgebracht haben, verfallen die Straßen. Die Herzöge geben weder Geld noch Männer, nicht einmal, um die Handelswege zu verteidigen, und die Karawanenlords müssen für jede Reise ein Vermögen für Wächter aufbringen.«

»Na und?«

Ich lächelte. »Tremondi will vorschlagen, dass die Greatcoats die Straßenhüter werden sollen, was Autorität, Respekt und ein anständiges Leben bringt. Wir sorgen dafür, dass ihre kostbare Fracht nicht in die Hände von Banditen fällt.«

Brasti sah wenig überzeugt aus. »Sie würden zulassen, dass wir die Greatcoats wieder zusammenrufen? Also statt mein Leben damit zu verbringen, als Verräter aus jeder überfüllten Stadt und jedem von den Göttern verlassenen Dorf verjagt und von einem Ende des Landes zum anderen gehetzt zu werden, würde ich auf den Handelswegen reisen und Banditen verprügeln? Und dafür sogar bezahlt werden?«

Ich grinste. »Und so hätten wir eine viel bessere Gelegenheit, des Königs …«

Brasti winkte ab. »Bitte, Falcio. Er ist seit fünf Jahren tot. Wenn du die verfluchten Charoite des Königs bis jetzt noch nicht gefunden hast … und übrigens weiß noch immer keiner, was man damit eigentlich anstellen …«

»Ein Charoit ist ein Edelstein«, sagte Kest ruhig.

»Was auch immer. Ich will auf Folgendes hinaus: Diese Edelsteine ohne jeden Hinweis auf ihren möglichen Aufenthaltsort zu finden ist ungefähr so wahrscheinlich, als würde Kest den Heiligen der Schwerter töten.«

»Aber ich werde den Heiligen der Schwerter töten, Brasti«, sagte Kest.

Brasti seufzte. »Ihr seid hoffnungslos, damit meine ich euch beide. Und selbst wenn wir die Steine finden, was hätten wir davon?«

»Ich weiß es nicht«, antwortete ich. »Aber die Alternative besteht darin, dass die Herzöge die Greatcoats jagen, bis wir alle tot sind. Also finde ich Tremondis Angebot gut.«

»Nun dann«, sagte Brasti und hob ein imaginäres Glas, »schön für Euch, Lord Tremondi. Macht nur weiter, was auch immer Ihr darin so großartig treibt.«

Wie als Erwiderung auf seinen Trinkspruch ertönte hinter der Tür neues Stöhnen.

»Wisst ihr, ich glaube, Brasti könnte recht haben«, sagte Kest, stand auf und griff nach einem der Schwerter an seinem Gürtel.

»Wovon sprichst du?«, fragte ich.

»Zuerst klang das wie ein Liebesspiel, aber langsam glaube ich, dass ich wirklich keinen Unterschied mehr zwischen diesen Lauten und denen eines Folteropfers feststellen kann.«

Ich erhob mich vorsichtig, aber der alte Stuhl quietschte laut, als ich mich zur Tür vorbeugte und zu lauschen versuchte. »Anscheinend haben sie aufgehört«, murmelte ich.

Kests Schwert verursachte kaum ein Flüstern, als er es aus der Scheide zog.

Brasti legte das Ohr an die Tür und schüttelte dann den Kopf. »Nein, er hat aufgehört, aber sie ist noch immer dabei. Er muss schlafen. Aber warum sollte sie weitermachen, wenn er …«

»Brasti, weg von der Tür.« Ich warf mich mit der Schulter dagegen. Der erste Versuch scheiterte, aber beim zweiten zersplitterte der Riegel. Auf den ersten Blick schien alles in dem grell ausgestatteten Raum in Ordnung zu sein. Der Wirt hatte ihn so dekoriert, wie er sich in seinen Träumen das Schlafzimmer eines Herzogs vorstellte. Kleidung und Bücher lagen auf einem einstmals kostbaren Teppich, der nun mottenzerfressen und vermutlich eine Heimstatt für Ungeziefer war. Das Bett wies staubige Samtvorhänge auf, die von einem Eichenrahmen hingen.

Vorsichtig hatte ich den ersten Schritt in den Raum getan, als eine Frau hinter diesen Vorhängen hervortrat. Ihre nackte Haut war mit Blut beschmiert, und auch wenn die hauchzarte schwarze Maske vor ihrem Gesicht ihre Züge verhüllte, war mir klar, dass sie lächelte. In der rechten Hand hielt sie eine große Schere – eine Schere von der Art, wie sie Metzger benutzen, um Fleisch zu schneiden. Sie streckte die linke Hand in meine Richtung, die Faust geschlossen, die Handfläche in Richtung Decke gehalten. Dann hob sie sie an den Mund, und es sah so aus, als wollte sie uns eine Kusshand geben. Stattdessen stieß sie die angehaltene Luft aus. Blaues Pulver wogte durch die Luft.

»Nicht einatmen!«, rief ich Kest und Brasti zu, aber es war zu spät. Welche Magie auch immer in diesem Pulver lag, man brauchte es nicht einzuatmen, damit sie funktionierte. Plötzlich schien die Welt stehen zu bleiben; mir war, als wäre ich zwischen den bebenden Zeigern einer alten Uhr gefangen. Ich wusste, dass sich Brasti direkt hinter mir befand, aber ich konnte nicht den Kopf wenden, um ihn zu sehen. Kest sah ich aus dem rechten Augenwinkel, aber ich konnte ihn kaum ausmachen, während er wie ein Dämon darum kämpfte freizukommen.

Die Frau neigte den Kopf zur Seite und sah mich einen Augenblick lang an. »Großartig«, sagte sie leise und kam völlig unbefangen, fast schon schlendernd auf uns zu, und die Schere gab einen rhythmischen zuschnappenden Laut von sich. Ich spürte ihre Hand auf meiner Wange, dann strich sie mit den Fingern über meinen Mantel und schob das Leder zur Seite, bis sie die Hand darunterschieben konnte. Einen Augenblick lang legte sie die Handfläche auf meine Brust und liebkoste sie sanft, bevor sie sie nach unten führte und dann weiter an meinem Gürtel vorbei.

Schnipp-schnapp.

Sie stellte sich auf die Zehen und brachte das maskierte Gesicht an mein Ohr, während sich ihr nackter Körper an mich presste, als wollten wir uns umarmen. Schnipp-schnapp machte die Schere. »Man nennt den Staub ›Aeltheca‹«, flüsterte sie. »Er ist wirklich ausgesprochen teuer. Für den Karawanenlord brauchte ich nur eine Prise, aber wegen euch musste ich jetzt meinen ganzen Vorrat benutzen.« Ihre Stimme klang weder ärgerlich noch bedauernd, als würde sie bloß eine Feststellung treffen.

Schnipp-schnapp.

»Ich würde euch Lumpenmänteln ja die Kehle durchschneiden, aber ich habe jetzt eine bestimmte Verwendung für euch, und das Aeltheca wird verhindern, dass ihr euch an mich erinnert.« Sie trat zurück und machte eine theatralische Pirouette. »Sicher, ihr werdet euch an eine nackte Frau mit einer Maske erinnern – aber meine Größe, meine Stimme, die Rundungen meines Körpers, das werdet ihr alles vergessen.«

Sie beugte sich vor, drückte mir die Schere in die linke Hand und schloss die Finger darum. Ich wollte sie loslassen, aber meine Glieder gehorchten mir nicht. Mit aller Kraft versuchte ich mir ihren Körper einzuprägen, ihre Größe, die Gesichtszüge hinter der Maske, was auch immer mir dabei helfen konnte, sie wiederzuerkennen, sollte ich ihr noch einmal begegnen, aber das Bild verschwamm bereits während meiner Bemühungen. Ich versuchte, die für die Beschreibung nötigen Worte in Verse zu kleiden, damit ich mich daran erinnern konnte, aber auch sie verblassten sofort. Ich konnte sie anstarren, aber nach jedem Blinzeln war die Erinnerung verschwunden. Das Aeltheca war sehr wirkungsvoll.

Ich hasse Magie.

Die Frau begab sich kurz zu dem mit Vorhängen verhüllten Bett und kehrte mit einer kleinen Blutlache auf der Handfläche zurück. Sie ging zur gegenüberliegenden Wand, tauchte den Finger in das Blut und schrieb ein einziges Wort. Das tropfende Wort lautete Greatcoats.

Dann kam sie noch einmal zu mir zurück, und ich spürte einen Kuss durch den feinen Stoff der Maske.

»Es hat fast schon etwas Trauriges, die Greatcoats des Königs, seine legendären umherreisenden Magistrate, so gedemütigt zu sehen«, sagte sie leichthin. »Zusehen zu müssen, wie ihr euch einem fetten Karawanenlord anbiedert, den nur ein kleiner Schritt von einem gewöhnlichen Straßenhändler unterscheidet … Verrate mir doch, Lumpenmantel, wenn du schläfst, träumst du dann davon, wie du noch immer durch das Land reitest, das Schwert in der Hand und ein Lied auf den Lippen, während du den armen, erbarmungswürdigen, vom Joch eines launischen Herzogs unterdrückten Menschen Gerechtigkeit bringst?«

Ich wollte etwas erwidern, schaffte es aber trotz meiner Anstrengungen kaum, auch nur die Unterlippe beben zu lassen.

Die Frau hob den Finger und schmierte Blut auf die Wange, die sie eben noch geküsst hatte. »Leb wohl, mein hübscher Lumpenmantel. In wenigen Minuten bin ich nur noch eine verschwommene Erinnerung. Aber keine Sorge, ich erinnere mich an dich.«

Sie wandte sich ab, ging in aller Ruhe zur Kommode und nahm ihre Kleidung. Dann öffnete sie das Fenster und schlüpfte hinaus in die frühe Morgenluft, ohne sich vorher anzukleiden.

Wir standen noch vielleicht für eine Minute oder so wie Baumstümpfe da, bevor Brasti, der sich am weitesten von dem Pulver entfernt befunden hatte, die Lippen lange genug bewegen konnte, um »Scheiße!« sagen zu können.

Kest konnte sich als Nächster bewegen, dann war auch ich so weit. Ich rannte sofort zum Fenster, aber natürlich war die Frau schon lange verschwunden.

Ich ging zum Bett, um nach dem blutüberströmten Lord Tremondi zu sehen. Sie hatte ihn wie ein Chirurg behandelt und irgendwie lange am Leben gehalten – vielleicht eine weitere Wirkung des Aeltheca. Ihre Schere hatte für alle Ewigkeit einen Pfad der Verwüstung in seinen Körper geschnitten.

Das war nicht nur ein Mord. Das war eine Botschaft.

»Falcio, sieh doch«, sagte Kest und zeigte auf Tremondis Hände. An der rechten Hand waren noch drei Finger verblieben; alle anderen waren blutige Stümpfe. Die Karawanenlordringe waren verschwunden und mit ihnen unsere Hoffnung auf eine Zukunft.

Schritte dröhnten die Stufen hinauf, der gleichmäßige Rhythmus identifizierte sie als Stadtwächter.

»Brasti, versperr die Tür.«

»Die wird nicht lange halten, Falcio. Du hast sie irgendwie aufgebrochen, als wir reinkamen.«

»Mach es einfach.«

Brasti stieß die Tür zu, und Kest half ihm, die Kommode davorzuwuchten, bevor sie mir dabei halfen, nach einem Hinweis auf die Frau zu suchen, die Tremondi ermordet hatte.

»Glaubst du, wir finden sie?«, fragte Kest, während wir Tremondis geschlachtete Überreste betrachteten.

»Keine Chance«, erwiderte ich.

Kest legte die Hand auf meine Schulter. »Durch das Fenster?«

Ich seufzte. »Das Fenster.«

Fäuste hämmerten gegen die Tür. »Gute Nacht, Lord Tremondi«, sagte ich. »Ihr wart kein besonders guter Arbeitgeber. Ihr habt viel gelogen und uns nie den versprochenen Lohn gezahlt. Aber das geht wohl in Ordnung, denn am Ende waren wir ziemlich nutzlose Leibwächter.«

Kest kletterte bereits nach draußen, als die Konstabler anfingen, die Tür aufzubrechen.

»Warte mal«, sagte Brasti. »Sollten wir nicht … du weißt schon …«

»Was?«

»Du weißt schon, sein Geld nehmen?«

Das ließ sogar Kest noch einmal den Kopf wenden.

»Nein, wir nehmen sein Geld nicht«, erwiderte ich.

»Warum nicht? Schließlich braucht er es nicht mehr.«

Erneut seufzte ich. »Weil wir keine Diebe sind, Brasti, wir sind Greatcoats. Und das muss etwas bedeuten.«

Er schob ein Bein aus dem Fenster. »Ja, das bedeutet in der Tat etwas. Es bedeutet, dass uns die Menschen hassen. Es bedeutet, dass sie uns für Tremondis Tod verantwortlich machen werden. Es bedeutet, dass wir von einem Strick baumeln, während der Mob unsere Leichen mit faulem Obst bewerfen und ›Lumpenmantel, Lumpenmantel!‹ singen wird. Und – ach ja, und es bedeutet, dass wir kein Geld haben. Aber zumindest haben wir ja noch unsere Mäntel.«

Er verschwand aus dem Fenster, und ich stieg hinter ihm her. Die Konstabler hatten gerade die Tür aufgebrochen, und als mich ihr Hauptmann dort sah, wie der Holzrahmen noch immer in meine Brust drückte, lag der Hauch eines Lächelns auf seinem Gesicht. Ich wusste genau, was dieses Lächeln zu bedeuten hatte: Er hatte Männer abkommandiert, die unten auf der Straße auf uns warteten, und jetzt konnte er uns mit Pfeilen beschießen, während sie uns mit Piken in Schach hielten.

Mein Name ist Falcio val Mond, Erster Kantor der Greatcoats, und das war der erste von vielen schlimmen Tagen, die noch folgen sollten.

Sebastien de Castell

Über Sebastien de Castell

Biografie

Sebastien de Castell hatte gerade sein Archäologiestudium beendet, als er mit der ersten Ausgrabung begann. Vier Stunden später begriff er, wie sehr er Archäologie hasste und ließ sie kurzerhand hinter sich, um Musiker, Projektmanager, Kampf-Choreograph und Schauspieler zu werden. Auf die eine oder...

Pressestimmen

www.booksection.de

»Hier bleibt nichts nur Schwarz und Weiß.«

http://readingtidbits.blogspot.de

»›Blutrecht‹ ist geladene Action mit einem faszinierenden Charakter im Mittelpunkt.«

www.lesemomente.net

»›Blutrecht‹ lebt von seinen heldenhaften Charakteren, seinem Wortwitz und spektakulären Kampfszenen. Wer mal ein etwas anderes Fantasy-Buch lesen und in eine Geschichte in der Art der Drei Musketiere eintauchen möchte, dem sei dieses Buch sehr ans Herz gelegt.«

bibliofantastica.wordpress.com

»Falcio ist eine Figur, die tatsächlich all das repräsentiert, was einen Helden ausmacht – und dennoch so greifbar, wie es kein Held sonst sein könnte. (...) ›Blutrecht‹ ist ein Buch, das begeistert, eines, das an manchen Stellen das Herz stocken ließ und schon weit vor dem Ende völlig überzeugt hat.«

http://leseratten-buchgefluester.blogspot.de

»Eine Geschichte, die mit einer großen Spannung, Herz und Pflichtgefühl, aber auch vielen überraschenden Wendungen und Enthüllungen aufwarten kann.«

http://gosureviews.blogspot.de

»Insgesamt hat das Buch alles, was man sich von einem guten Fantasy-Roman erhofft. Eine interessante Welt mit politischen Intrigen, eine spannend erzählte Handlung, die mit vielen überraschenden Wendungen aufwartet, und ansprechende Charaktere.«

Sonic Seducer

»Je mehr Seiten wie im Fluge vergehen, desto schwerer wird es, dieses Buch zur Seite zu legen.«

agm Magazin

»Ein Buch, wie es sich in der Fantasy-Literatur der jüngsten Zeit durchzusetzen scheint, weg von der klassischen High-Fantasy, hin zu einer abenteuerlichen Erzählweise, in der das Fantastische nicht mit der Streitaxt daherkommt. Weniger bombastisch, mehr auf die Figuren und die Geschichte fokussiert. Ein Weg, der zu gefallen versteht.«

www.rezensions-seite.de

»Ein temporeiches Lesevergnügen.«

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