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A Thousand Words Missing A Thousand Words Missing - eBook-Ausgabe

Linda Schipp
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Roman

— Mit limitiertem Farbschnitt | Das exklusive Community-Buch für alle New Adult LeserInnen: Mit Abstimmungen auf TikTok und spannenden Einblicken in die Buchwelt!

„Genau die Richtige Mischung aus Spannung, Emotion, Humor und natürlich genau an den richtigen Stellen spicy.“ - Radio Schwaben

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A Thousand Words Missing — Inhalt

Don't Kiss the Intern! 

Leyla Ahmadi ist Gründerin und CEO der Storyhacker Agency, einer erfolgreichen Marketingagentur. Von ihrem Team geliebt und landesweit für ihre starke Haltung bekannt, zählt für Leyla nichts mehr als die Arbeit. Dass sie dabei längst zum Workaholic geworden ist, mag sie sich nicht eingestehen. Und erst recht nicht, welch furchtbarer Vorfall dazu geführt hat. Als der unverschämt attraktive Praktikant Kolja die Agentur aufmischt, wird Leylas Welt aus den Angeln gehoben. Obwohl alle Zeichen dagegensprechen, weckt der jüngere Kolja Gefühle in ihr, die sie nie wieder fühlen wollte. Und er öffnet Türen, die für immer verschlossen bleiben sollten …


#Booktokprojekt entscheidet! 

Zusammen mit Lindas #BookTok-Community und dem everlove-TikTok-Account dürft ihr abstimmen und diskutieren – nicht nur über Gestaltung und Coverdesign, sondern auch über die Buchinhalte. Als gelernte Redakteurin bindet Linda Schipp eure Wünsche schon während des Schreibprozesses ein: Wie viel Spice muss sein? Gendern die Protagonist:innen? Welches Trope darf nicht fehlen? Was entsteht, ist ein Buch von und für #Booktok, abgestimmt mit euch, den Leser:innen! 

€ 15,00 [D], € 15,50 [A]
Erschienen am 28.03.2024
384 Seiten, Klappenbroschur
EAN 978-3-492-06403-3
Download Cover
€ 9,99 [D], € 9,99 [A]
Erschienen am 28.03.2024
384 Seiten
EAN 978-3-492-60627-1
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Leseprobe zu „A Thousand Words Missing“

Vorwort

Liebe Leserinnen, liebe Leser,

 erst einmal möchte ich mich herzlich bei Ihnen für Ihre Bereitschaft bedanken, der Wahrheit eine Chance zu geben. Garantiert ist die Medienberichterstattung der vergangenen Monate nicht an Ihnen vorbeigegangen. Nachdem ein Gerücht das nächste jagte, was nicht nur mein Leben für immer verändert hat, habe ich entschieden, unsere Geschichte selbst zu erzählen. Mit unseren eigenen Stimmen. So offen, transparent und ehrlich wie nie zuvor. In der Hoffnung, das Rätselraten, was im vergangenen Jahr hinter verschlossenen [...]

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Vorwort

Liebe Leserinnen, liebe Leser,

 erst einmal möchte ich mich herzlich bei Ihnen für Ihre Bereitschaft bedanken, der Wahrheit eine Chance zu geben. Garantiert ist die Medienberichterstattung der vergangenen Monate nicht an Ihnen vorbeigegangen. Nachdem ein Gerücht das nächste jagte, was nicht nur mein Leben für immer verändert hat, habe ich entschieden, unsere Geschichte selbst zu erzählen. Mit unseren eigenen Stimmen. So offen, transparent und ehrlich wie nie zuvor. In der Hoffnung, das Rätselraten, was im vergangenen Jahr hinter verschlossenen Türen der Storyhacker Agency vorgefallen ist, ein für alle Mal zu beenden.

An einigen Stellen werden Sie überrascht sein. An anderen schockiert. Wir möchten Sie darauf hinweisen, dass die Wahrheit nicht immer angenehm ist und stellenweise Themen aufwirft, die Sie in unserer Geschichte nicht erwartet hätten, weil bislang keine einzige Investigativredaktion dahintergekommen ist. Gegebenenfalls möchten Sie sich mit diesen Themen nicht beschäftigen. Für diesen Fall finden Sie eine vollständige Übersicht auf S. 384. Sollten Sie sich entscheiden, diese vorab zu lesen, machen Sie sich bewusst, dass sie Spoiler enthält. Ich sags ja nur. Als kleine Warnung. Eine verdammt gute Geschichte muss überraschen. Habe ich im Praktikum gelernt.

 Herzliche Grüße

gez. Kolja Barker


Kolja

„Lieber will ich in einem Eimer Kotze baden, als da reinzugehen“, murmelte Kolja Barker und ließ den Blick durchs Taxifenster auf die andere Straßenseite gleiten. Über den Bürgersteig und den gepflasterten Vorplatz, zum Eingangsportal des in der Sonne funkelnden Wolkenkratzers.

Da stand er. The Cone.

Dieser hässliche Glaskegel, der seit der Fertigstellung letztes Jahr aufgrund seiner einzigartigen Form, geschwungen wie eine gläserne Sahnehaube, als Topattraktion der Stadt galt. Was wirklich schade war, wenn man Kolja fragte. Auckland hatte so viel Wunderbares zu bieten. Dramatische Klippen, die steil abfielen ins tosende Meer. Wilde Naturstrände und schroffe Küsten, von denen aus man die Windsurfer beobachten konnte, wie sie abgefahrene Backflips performten und wieder sanft auf den Wellen landeten. Mount Eden, einen mit Gras überzogenen Vulkan mitten in der Stadt. Am Abend konnte man von dessen Gipfel den Sonnenuntergang beobachten und in der Nacht die Lichter Downtowns, die sich am Fuß des Hügels ergossen wie ein funkelndes Sternenmeer. Die Waitomo Glowworm Caves etwas außerhalb, die erleuchtet wurden von blau biolumineszierenden Glühwürmchen an den Höhlenwänden, überlegte Kolja, während er mit den Fingern auf die Innenverkleidung seines Wagens trommelte. Nicht zu vergessen der Baumkronenpfad im Regenwald der Waitakere Ranges, die Hunua Falls, das Goat Island Marine-Reservat, in dem eintausend unterschiedliche Unterwasserspezies lebten … Kolja könnte ewig so weitermachen.

Die Maori hatten Auckland einst Tāmaki Makaurau getauft, was „von hundert Männern begehrt“ bedeutete – wenn man ihn fragte, mit Recht. Aber ihn fragte ja keiner. Wenn die Touristen in sein Taxi stiegen, wollten sie The Cone sehen. Einfach nur The Cone, obwohl sie das Helix-Glasgebilde online schon von allen Seiten bewundert hatten. Sie wollten davon träumen, wie es wohl wäre, dazuzugehören zu jener Elite, der es tagtäglich vergönnt war, hinter den Scheiben sechzehn erhabene Stunden lang ohne Pause an Stehschreibtischen in ergonomische Tastaturen zu hacken.

„Nicht mit mir“, wisperte Kolja zu sich selbst und beugte sich näher an das Seitenfenster. Er musste es fast mit der Nase berühren, um bis zur geschwungenen Spitze des Kegels hinaufsehen zu können, wo sich das Sonnenlicht brach. Von genau diesem Punkt aus schlängelte sich das architektonische Highlight das Gebäude hinab – spiralförmig, immer um den Glaskegel herum, bis zum Boden: ein begrünter Pfad. So breit, dass ganze Schulklassen ihn begehen konnten. Er war üppig bepflanzt mit Gras, Büschen und sogar Bäumen. Wenn man bereit war, sich zwei Jahre im Vorfeld dafür anzumelden, durfte man den Glasturm darauf besteigen. Wie einen Berg. Immer um den Kegel herum bis zum Gipfel.

Die Taxischeibe beschlug, so lange atmete Kolja nun schon dagegen. Er warf sich zurück in den Fahrersitz. Verdammt. Wie sehr konnte man das nachhaltigste Gebäude Neuseelands verabscheuen? Kolja Barkers Antwort darauf: Ja! Dabei hatte es ihm nicht das Geringste getan. Was das, was er gleich vorhatte, ehrlich gesagt noch schlimmer machte.

Kolja schielte auf den Zettel, den er mit einer Hand fest umklammert hielt. Ließ seinen Blick über die gedruckten Zeilen fliegen, ohne ein einziges Wort zu lesen. Dann sah er wieder auf zu The Cone. Dem Arbeitsplatz, zu dem die Leute aufschauten. Dem Ort, den sie einmal im Leben besuchen wollten. Alle außer Kolja.

Mit dem Papier in der Hand langte er nach dem Autotürgriff und verfehlte ihn, seine Finger zitterten. „Reiß dich zusammen“, flüsterte er zu sich selbst. „Reiß dich verflucht noch mal zusammen und machs.“

Ein zweites Mal tastete er nach dem Griff, diesmal erfolgreich. Mit einem Ruck stieß er die Taxitür auf und stolperte auf die Straße, den Zettel in der rechten Hand, eine bis oben hin gefüllte Wasserflasche in der linken. Morgenhitze schlug ihm entgegen, viel zu warm für einen Septemberfrühling. Kolja legte den Kopf in den Nacken und sah zu dem imposanten Platinschriftzug auf halber Höhe des Gebäudes. Die Buchstaben verschwammen vor seinen Augen, plötzlich begann sich alles zu drehen. Der Bürgersteig, der verwirbelte Glasturm, die Bäume auf dem Grünpfad. Seine Kehle verengte sich wie ein Strohhalm, den man zusammendrückte. Zwar kam Luft hindurch, aber sie reichte nicht. Sosehr er auch darum rang, sie reichte nicht! Kolja tastete nach seinem Taxi hinter sich, um sich daran entlang bis zur Bürgersteigkante zu hangeln.

Dann dachte er an das Telefonat von gestern Abend. Was sein Vater zu ihm gesagt hatte. Nein, was er ihm eingebläut hatte, sodass er es auf gar keinen Fall jemals wieder vergessen würde. Die Flecken verschwanden. Und die Übelkeit wich einer eiskalten Wut. Kolja kniff die Augen zusammen und nestelte am Drehverschluss seiner PET-Flasche. Er setzte sie an. Die Flüssigkeit rann seine Kehle hinab und breitete sich wie eine wärmende Decke in seiner Magengegend aus. Der Knoten in seinem Bauch lockerte sich.

Okay. Kolja festigte den Griff um das Papier, bis es zerknitterte. Er konnte das schaffen. Er konnte und er würde es schaffen. Auch wenn Kolja Barker nicht vieles gelang, sollte er doch diese eine Sache hinbekommen: es zu verkacken.

Denn so lautete sein Plan. Nicht mehr und nicht weniger.

Er würde da jetzt reingehen, mit dem Scheißzettel und der Wasserflasche, und es so richtig deftig verkacken.


Leyla

Am anderen Ende der Stadt, wo die Mieten unaufhörlich in die Höhe schossen und die Klippen steil abfielen ins tosende Meer, saß Leyla Ahmadi auf einen Schlag aufrecht im Bett. Sie zwang sich, die Augen zu öffnen. Gott, wieso war es denn schon wieder hell? Hatte die Nacht nicht gerade erst begonnen?

Es waren höchstens Sekunden vergangen, seit der Schlaf sie in seine Arme gehüllt hatte. Seit er sie mit sich gezogen hatte in die Dunkelheit, als Leyla gestern Abend endlich erschöpft genug gewesen war, um keinen Widerstand mehr zu leisten. Doch kaum hatte sie die Augen geschlossen, hatte der Wecker geschrillt. Der alte Terrorist.

Leyla rieb sich mit den Ballen die Wangen, im Versuch, die Kissenfalten herauszureiben, reckte sich und strich Haarsträhnen zurück an ihren Platz. Erst dann schaltete sie den Handywecker aus und schwang die Beine aus dem Gästebett. Ihre Knochen knackten beim Aufstehen. Die Matratze war viel zu schmal und unbequem gewesen, wie jede Nacht, und wie jeden Morgen wusste sie, dass sie trotzdem auch diesen Abend wieder darauf einschlafen würde. Komme, was wolle.

Sie seufzte.

Auf nackten Füßen tappte Leyla durch ihr Penthouse. Raus aus dem Gästezimmer, über den Marmorboden, auf dem ihre Schweißfußabdrücke sofort wieder verblassten. Vorbei an dem frei stehenden Kamin, durch den offenen Wohnraum bis in den lichtdurchfluteten Essbereich. Die drei Küchenblöcke waren aus dem gleichen Marmorstein gefertigt wie der Boden und sahen aus, als würden sie wie quadratische Pilze direkt daraus hervorwachsen.

„Grace, Jalousien runter“, wies Leyla das Smart-Home-System mit ihrer rauen Guten-Morgen-Stimme an, als die Sonne sie jäh blendete. Sie blinzelte. „Bitte.“

Lautlos glitten weiße Lamellen vor die Fensterfront und verbargen den atemberaubenden Blick aus dem sechsten Stock auf den Ozean.

„Und Grace?“

Das System pingte freundlich als Zeichen, dass es zuhörte.

„Ein Wasser hätte ich gern. Und sobald Alba im Office eingeloggt ist, bitte sie, mir eine kurze Tageszusammenfassung als Sprachmemo zukommen zu lassen. Nach ihrem ersten Tee, versteht sich.“

„Gerne, Leyla“, antwortete Grace’ digitale Stimme. „Brauchst du heute ein SharedCar zur Arbeit?“

„Nein danke. Ich fahre mit der Bahn.“

Auf der Küchenzeile stand das Glas unter einem in der Rückwand verbauten Hahn bereit. Leyla leerte es in einem Zug, stellte es ungespült wieder zurück und setzte ihre Morgenrunde fort ins Badezimmer.

„Routine ist alles“, flüsterte sie zu sich selbst, während sie ihr Schlafshirt abstreifte und sich, ohne die Temperatur zu testen, unter die prasselnde Regendusche stellte. Der eiskalte Strahl spülte die letzten Spuren der Nacht von ihrer Haut. Tropfen verfingen sich in ihren Wimpern und rannen ihre Wangen hinab. Dieser Teil des Tages war der schlimmste. Eine Zwischenwelt, in der Leyla nie wusste, wohin sie gehörte. Ihre Gedanken schwirrten längst im Büro umher, doch ihr Körper befand sich noch immer an dem Ort, den sie ihr Zuhause nennen wollte, aber nicht konnte. Hätte Grace eine Funktion, sie vom Weckerklingeln binnen eines Fingerschnips gestriegelt und geleckt in ihr Office zu teleportieren, Leyla hätte ihr aktuelles Lieblingsbuch dafür geopfert.

Keine fünf Minuten später kam sie unter der Dusche hervor, hüllte sich in einen flauschigen Bademantel und trat vor den Spiegel. Der nervige Part war vorbei, ab jetzt ging es bergauf. Denn von nun an wurde aus Zombie-Leyla ein Mensch. Sie nannte diesen Teil des Tages genau wie Kafkas Meisterwerk: Die Verwandlung.

Leyla betrachtete ihre Augenringe im Spiegel – kein Wunder, wenn der Wecker immer schon Sekunden, nachdem sie eingeschlafen war, schrillte. Die eingefallenen Wangen – na ja, besser als die aufgeplusterten von letztem Jahr. Die fahle Haut – selbst schuld, wenn sie nie in die Sonne ging. Es hatte schon bessere Zeiten gegeben. Aber das dachte sie jeden Morgen, wenn sie der nackten Wahrheit ins Gesicht sah.

„In einer halben Stunde sieht das anders aus“, murmelte sie und öffnete die Flügeltüren ihrer Make-up-Vitrine. Augenblicklich sprang die Beleuchtung an und hüllte die zahllosen Fächer ihrer Schatzkammer in ein warmweißes Licht.

Zielsicher griff Leyla nach den Utensilien auf Augenhöhe, Serum, Foundation, Make-up, reihte sie auf der Ablage vor ihrer Spiegelwand auf und begann mit der Arbeit. Wenn sie einem Kunstwerk gleichen wollte, musste sie die Künstlerin sein. Jeden Tag lag es in ihrer Macht, zu entscheiden, was die Welt von ihr sah. Die Powerfrau, die vor rotem Lippenstift und scharfen Konturen nicht zurückschrak? Die Understatement-Aktivistin, die geschminkt-ungeschminkt natürliche Eleganz ausstrahlte? Die Boss Bitch, die die Züge ihrer Wangenknochen noch härter hervorhob?

„Heute mal eher natürlich“, murmelte Leyla, während sie mit in die Länge verzogenem Gesicht Mascara auftrug, was sie immer etwas an Der Schrei von Edvard Munch erinnerte. Tja, Kunst eben. „Oder sagen wir: So, wie ich gerne in Natur aussehen würde.“

Noah hatte sie regelmäßig damit aufgezogen, dass sie für ihr ganz natürliches Make-up sage und schreibe vierundzwanzig Produkte benötigte. Einmal hatte er sie gefragt, ob es sich nicht widerspräche, Feministin zu sein und all diese Beauty-Produkte für den Eindruck zu verwenden, sie hätte kein einziges gebraucht.

„Wieso?“, hatte Leyla unschuldig entgegnet, während sie ihren Lidstrich mit einem Wattestäbchen korrigierte.

„Na, weil du dagegen kämpfst, dass man von Frauen bestimmte Dinge erwartet, die Männer nicht tun müssen, um gesellschaftlich anerkannt zu werden. Wie zum Beispiel, morgens ihr Gesicht zu restaurieren.“

Daraufhin hatte Leyla einen Lip Primer nach Noah geworfen und gegengehalten: „Erstens restauriere ich nicht, ich veredele.“

„Soso.“ Grinsend hatte er eine Augenbraue hochgezogen.

„Und zweitens ist die Annahme, Frauen sollten sich auch ungeschminkt selbstbewusst fühlen, für mich der unfeministischste Gedanke. Ich kleide mich, wie es mir guttut, und ich schminke mich, wie es mir gefällt. Darüber zu urteilen, ist niemandes Recht. Gilt für dich übrigens genauso. Willst du etwas Rouge?“

Daraufhin war zwischen Noah und ihr eine heiße Debatte ausgebrochen, ob es legitim war, Menschen anhand ihrer Kleidung zu beurteilen. Wonach beide Parteien sich murrend hatten eingestehen müssen, dass die jeweils andere in manchen Aspekten recht behielt. So war das immer zwischen ihnen gewesen. Bis es ein jähes Ende gefunden hatte.

Nur noch achtzehn Tage.

Leyla stellte das letzte Produkt zurück in die Vitrine, schloss die Türen und betrachtete sich im Spiegel. Keine Augenringe mehr. Alles, wie es sein sollte. Perfekt.

Eine Melodie aus den versteckten Lautsprechern kündigte den Eingang einer Nachricht an.

„Grace?“, sprach Leyla in den leeren Raum hinein, und ihre samtige Stimme hallte von den hohen Wänden wider. „Bitte spiele die Sprachmemo von Alba mit meiner Tagesplanung ab. Und danach: Finde die schnellste U-Bahn-Verbindung zu The Cone.“


Kolja

Kolja Barker erwartete, dass eine Airconditioning-Welle seinen Körper herunterkühlte, sobald er den Glaskegel betrat. Doch nichts dergleichen geschah. Im Gegenteil. Er stand im Eingangsportal und schwitzte noch immer. The Cone wurde offenbar nicht klimatisiert. Zumindest nicht auf die üblichen minus drölfzig Grad, wie es sich in modernen Gebäuden dieser Art gehörte. Stattdessen fühlte sich die Luft schwer an. Und feucht. Ein bisschen wie in einem Tropenhaus.

Mit wenigen Schritten eilte Kolja an den Rand der Eingangshalle und stellte sich mit dem Rücken gegen die Wand, darauf bedacht, die urwaldgrünen Pflanzen nicht zu zerdrücken, die sich an einem feinen Netz entlang die innere Glasmauer hinaufrankten. Seine Pupillen zuckten hin und her, um alles gleichzeitig erfassen zu können. Das hohe Gewölbe. Den glänzenden Boden aus einem ihm unbekannten jadegrünen Stein. Vielleicht war es sogar Jade? Die Sicherheitsschleusen rückseitig. Die Aufzüge dahinter. Die beleuchteten Notausgänge zu den Seiten.

Er prüfte alle Risiken. Alle Gefahren. Doch sosehr Kolja sich auch darauf konzentrieren wollte, seine Umgebung zu sichern, er konnte sich nicht losreißen von dem, was über ihm schwebte. Wovon er schon so viel gehört hatte und das er sich so doch niemals in seinen kühnsten Träumen hätte vorstellen können.

Die Decke drei Stockwerke über ihm bestand aus Glas. Ohne Ausnahme. Sogar Stützbalken und Verbindungselemente waren transparent, er konnte von hier aus die Schemen der Menschen erkennen, die dort oben geschäftig umherwanderten. Doch die Oberfläche war nicht ebenmäßig glatt. Das Glas war gesplittert. Abertausende von Rissen zogen sich über die Decke, was sie milchig erscheinen ließ. Teile schienen herausgebrochen, riesige Glasscherben schwebten an unsichtbaren Fäden über ihm, als könnte die gesamte Konstruktion jeden Moment mit einem ohrenbetäubenden Klirren in sich zusammenstürzen und ihn unter sich begraben. Die Gläserne Decke. Die Medien verwendeten den Ausdruck meist im Zusammenhang damit, dass bestimmte Bevölkerungsgruppen, beispielsweise Frauen, oft nicht in Führungspositionen aufsteigen konnten und stattdessen auf der Ebene des mittleren Managements hängen blieben. Eine unsichtbare Aufstiegsbarriere, sozusagen. Eine Gläserne Decke.

„Nur dass diese Decke gesprengt worden ist“, flüsterte Kolja ehrfürchtig, legte den Kopf in den Nacken und ließ den Blick durch das scherbenförmige Loch in der Mitte schweifen, durch das man wie in einer Kathedrale hinauf bis in die Spitze des Turms schauen konnte. Bis zum obersten Büro. Das Glass Office.

„Verzeihung, kann ich Ihnen helfen?“, riss ihn eine Stimme aus seiner Starre.

Er zuckte zusammen, das Blatt Papier in seiner Hand knisterte.

„Bestimmt“, entgegnete Kolja und räusperte sich. „Ich suche die Storyhacker Agency.“

Er löste sich von dem Deckenspektakel, sah umher und stockte, als er bemerkte, dass er seinen Blick nicht nur auf Augenhöhe, sondern noch weiter runter senken musste. Der Empfangsherr im Rollstuhl lächelte ihn geduldig an.

„Beeindruckend, beängstigend und bestärkend zugleich, nicht wahr?“, kommentierte er und ignorierte, wie Kolja nervös von einem Fuß auf den anderen trat, im Versuch, zu dem Mann nach unten zu schauen, aber nicht auf ihn herab. Er wusste nicht genau, warum, aber es fiel ihm schwer, eine natürliche Körperhaltung in seiner Gegenwart zu finden.

„Die Gläserne Decke ist wirklich ein architektonisches Meisterwerk.“ Der Mann schielte auf die PET-Flasche in Koljas Hand, und er glaubte, einen Hauch von Missbilligung in dessen Blick zu erkennen. Im nächsten Moment war er wieder verschwunden. „Na, dann folgen Sie mir mal.“

Der Empfangsherr wendete auf der Stelle und rollte lautlos über den glatten Steinboden. „Haben Sie gut hergefunden?“

„Ja. Problemlos.“

„U-Bahn? Fahrrad?“

„Äh. Taxi.“

„So?“

„Ich, ähm, bin Taxifahrer. War Taxifahrer.“ Warum hatte er das gesagt?

Sie hielten vor einer Sammlung Holzkästen, die kunstvoll in den Raum gewürfelt wirkten. Manche hüfthoch, andere reichten bis zum Knie. Der Rezeptionist stoppte vor einem kniehohen und tippte darauf herum. In der Oberfläche war, wie Kolja jetzt erkannte, ein Tablet eingelassen.

„Na, wer beehrt die Storyhacker denn heute?“

Scheiße. Das hier passierte wirklich.

„Kolja Barker.“

„Kolja mit K, nehme ich an?“ Der Typ tippte. „Mein Name ist übrigens Blake. Auch mit K. Ah, hier habe ich Sie. Ihr erster Arbeitstag, Glückwunsch!“

Und mein letzter, hätte Kolja am liebsten geantwortet, sagte aber stattdessen: „Danke.“

„Sind Sie zum ersten Mal in The Cone?“

„Ja.“ Kolja nutzte die Chance, die sich ihm bot. „Ich kenne mich noch gar nicht aus.“ Lüge. „Das hier ist … monumental.“

Blake lachte. „In der Tat! Nehmen Sie mal an einer Führung teil. Das ganze Grünzeug hier, allein in der Eingangshalle …“ Er deutete auf die bepflanzten Wände, die begrünten Säulen und die Ranken, die sich durch das Loch in der Decke bis nach oben zum Glass Office schlängelten. „Es entspricht ungefähr der Menge, die alle zwanzig Sekunden im Amazonas abgeholzt wird. All das! Alle zwanzig Sekunden!“ Er schüttelte den Kopf. „Verrückt, wer sich das ausgedacht hat.“

Kolja nickte und versuchte, gegen den gigantischen Kloß in seinem Hals anzuschlucken. Das hier war schon wieder zu viel. Viel zu viel. Er wollte weg.

„Ich bin etwas spät dran“, log er und schielte in Richtung der Sicherheitskontrollen im hinteren Bereich der Empfangshalle. „Wo genau muss ich denn hin?“

„Ganz einfach. Einmal durch die Schleusen dort, wo Sie Ihre Ankunft und ein paar Datenschutzdetails unterzeichnen – nur am ersten Tag. Und Ihren Ausweis müssen Sie scannen lassen.“

Kacke.

„Danach bitte einmal die Treppen hochlaufen bis in den siebzehnten Stock. Fahrstühle haben wir keine. Energiesparmaßnahme.“

Blake wartete einen Wimpernschlag lang Koljas geschockten Blick ab und lachte dann auf.

„Der zieht jedes Mal! Ne, natürlich geht es mit dem Aufzug in die Siebzehn. Wir decken hundert Prozent unseres Eigenstrombedarfs selbst ab. Der Boden des Vorplatzes ist eine Fotovoltaikanlage. Und alles hier, was Sie für Glas halten, sind in Wirklichkeit transparente Solarzellen. Klingt jetzt vielleicht nach Science-Fiction, ist aber tatsächlich eine Erfindung einer deutschen Universität. Unsere Fenster sind dadurch in der Lage, Strom zu erzeugen. Für den Fahrstuhl reicht es gerade noch.“ Blake klang ein wenig monoton, als hätte er dieses Tonband schon einige Male abgespielt, aber Kolja hing trotzdem an seinen Lippen. „Oben landen Sie direkt im Eingangsbereich der Storyhacker, wo Dylan Sie in Empfang nehmen wird.“

Kolja nickte. Er hatte sich jedes Wort gemerkt. Was dazu führte, dass er am liebsten auf dem Absatz kehrtmachen, wieder in sein Taxi steigen und für immer verschwinden würde.

Aber sein Vater …

„Verstanden. Danke noch mal“, sagte er heiser, straffte die Schultern, biss die Zähne zusammen und wandte sich den Sicherheitskontrollen zu.

„Bisschen aufgeregt?“, gewann Blake seine Aufmerksamkeit zurück. Kolja drehte sich wieder um und sah, wie sich sein Blick veränderte. Von freundlich zu wachsam.

„Wie könnte ich nicht?“, entgegnete er und schluckte. „Die Storyhacker sind ein großes Ding. Hier zu sein, ist … einmalig für mich.“

Blake nickte.

„Du machst das schon“, wechselte er auf die persönliche Ebene. „Du wirst sehen, in keinem Arbeitsumfeld triffst du herzlichere Menschen als hier. Sieht man ja an mir.“ Er lächelte ihm aufmunternd zu.

„Ach, und Kolja!“

„Hm?“

„Die Wasserflasche musst du vorher austrinken oder in die Pflanzen kippen. Die schafft es sonst nicht durch die Sicherheitsschleusen.“

„Oh, danke.“

Kurzerhand löste Kolja den Verschluss und leerte die Flasche in einem Zug. Womit er höchstwahrscheinlich den größten Fehler seines Lebens beging.


Leyla

„Es tut mir wahnsinnig leid, Alba“, begrüßte Leyla ihre Assistentin, kurz nachdem der Fahrstuhl sie auf ihrer Etage ausgespuckt hatte. „Ich war zu Hause schon im Flur, wollte gerade los, als ein Kunde mich mit einem Krisenfall anrief, der ihn heute Morgen überraschend aus dem Bett geschmissen hat. Ich bin sofort an den Laptop und habe das Thema vom Küchentisch aus erledigt. Alle Unterlagen dazu in deinem Postfach. Wäre super, wenn du an Charlie und Team übergibst. Kunde weiß Bescheid.“

„Also business as usual bei Madame Ahmadi“, entgegnete Alba trocken und schob eine Emaille-Tasse über ihren Schreibtisch in Leylas Richtung. „Schluck kalten Grüntee? Heute: vier Stunden gezogen.“

„Deliziös.“ Leyla schnappte sich die Tasse und nahm einen Schluck. „Auf einer Skala von eins bis zehn, wie witzig findest du es, mir Tee für meine geplante Ankunftszeit im Büro vorzubereiten, wohl wissend, dass ich ihn eh viel zu spät trinken werde?“

Albas Mundwinkel zuckten. „Ich habe dich gewarnt, dass ich sadistische Züge habe. Dein Fehler, wenn du mich trotzdem einstellst.“

„Auch Giftnudeln eine Chance geben, lautet mein Motto in Personalangelegenheiten“, antwortete Leyla und stellte die Tasse zurück auf den Tisch. „Nun sag schon. Ich warte seit über vier Stunden auf die big news, die du in der Memo angekündigt hast. So lange lässt du mich warten! Was ich dir hiermit übrigens gern verbieten möchte. Dein Job ist es, mich schnellstmöglich zu informieren. Nicht, mich längstmöglich hinzuhalten. Das ist eine Arbeitsanweisung.“

„Abgelehnt. Ich habe dich lieber persönlich um mich, wenn es was zu feiern gibt. Du brauchst das.“ Alba erhob sich und kam um den Tisch herum auf sie zu. „Wir haben den Patagonia-Pitch gewonnen. Die E-Mail liegt als wichtig markiert in deinem Postfach. Wir kriegen deren Etat.“

„Ja!“

Leyla stieß die Faust in die Luft, legte sie sich gleich darauf voller Erleichterung ans Herz und schloss die Augen, woraufhin Alba sie umarmte.

„Glückwunsch, Boss.“

Und da kam er. Der Rausch, auf den Leyla sehnsüchtig gewartet hatte. Als flutete Serotonin ihre Adern, als schossen die Glücksgefühle in jede Zelle ihres Körpers. Wie Standing Ovations, nur als Gefühl. Die Wettstreite um Kundenaufträge gegen andere Agenturen zu gewinnen, sogenannte Pitchs, sättigte sie immer. Stillte einen Durst, den sie schon unzählige Male versucht hatte, auf anderen Wegen zu befriedigen, doch es gelang nie. Nur der Erfolg, einen Pitch zu gewinnen, verschaffte ihr diese Art der Erleichterung. Nur der Erfolg drang in jene Fasern, in denen sonst ein Kummer regierte, den Leyla vor einem Jahr nicht für möglich gehalten hätte. Der Erfolg nährte sie. Zumindest eine Zeit lang.

„Außerdem habe ich noch eine zweite Neuigkeit für dich“, ergänzte Alba und löste die Umarmung. „Aber ich bin nicht sicher, ob wir diese Nachricht zum Schreien komisch finden oder unfassbar schockierend. Besser, du setzt dich erst mal. Und nimm dir einen frischen Tee.“


Kolja

„Eine Unterschrift brauche ich noch“, verlangte der Sicherheitsbeamte hinter der Plexiglasscheibe, während er Kolja seinen Ausweis unter der Sicherheitsabtrennung hindurch zurückschob und ihn aufmerksam musterte.

Kolja bemühte sich, möglichst unbeteiligt dreinzuschauen. Die Übelkeit herunterzuschlucken und die Panik, die in seiner Brust wütete. Die darum kämpfte, endlich auszubrechen. Die Angst saß so fest in seinem Bauch, dass er sich am liebsten zu einer Kugel zusammengerollt hätte.

„Klar.“

Auf einem Tablet, das wie am Empfangswürfel in die Theke eingelassen war, erschien ein Dokument.

„Datenschutz“, erklärte der Beamte. „Sie haben das Formular im Vorfeld zur Prüfung an Ihre E-Mail-Adresse geschickt bekommen.“

„Richtig.“ Kolja scrollte mit einem digitalen Stift bis zum Ende. „Hier?“

„Dort, bitte“, sagte der Beamte und deutete auf eine Signaturzeile. Kolja setzte seine Initialen darauf, der zweite Buchstabe erinnerte im Entferntesten an ein B.

B wie Barker.

B wie Versager.

B wie der Typ, dem nicht mal ein Synonym für Versager mit B am Anfang einfiel.

„Keine Tasche dabei, kein Gepäck?“, erkundigte sich der Beamte.

„Nur das hier.“ Er hielt die leere PET-Flasche und den zerknitterten Zettel hoch.

„Gut. Sie dürfen.“

Kolja legte die beiden Gegenstände in eine Plastikkiste, passierte den Bodyscanner, nickte dem Wachmann zum Abschied zu und steuerte mit klopfendem Herzen die Fahrstühle an.

Es ging los.

„Sorry, auf welcher Etage finde ich noch mal die Storyhacker Agency?“, erkundigte sich Kolja mit zitternder Stimme bei einer rothaarigen etwa gleichaltrigen Frau, die mit ihm den gläsernen Aufzug betrat.

„In die Siebzehn müssen wir.“ Sie lächelte ihn an, und Kolja glaubte, den Bruchteil einer Sekunde ein etwas zu begeistertes Funkeln in ihren Augen zu lesen. Dann drückte sie den Knopf. „Ich fahre mit dir. Ein neues Gesicht oder ein Termin in der Agentur?“

„Mein erster Tag“, erklärte Kolja, ohne zurückzulächeln.

„Oh, stimmt! Heute ist Monatsanfang. Na dann, herzlich willkommen. Ich bin Marcie, Teil des Redaktionsteams. Vielleicht laufen wir uns ja noch mal über den Weg.“

„Vielleicht. Soweit ich weiß, bin ich in der Kommunikationsabteilung.“

„Sehr gut.“ Marcie freute sich sichtlich, ihre Wangen wurden rosig. „Das ist nicht ganz mein Bereich, aber das macht nichts. Bei uns gibt es eh keine festen Abteilungen. Die Leute setzen sich so auf der Fläche zusammen, wie es für sie Sinn ergibt. Open Space nennt sich das. Falls du mal kein Lunchdate hast, melde dich im Agentur-Chat bei mir. Die Kontakte sind voreingespeichert. Ich bin, äh, die einzige Marcie.“

Sie blinzelte ihn aus viel zu großen Augen an.

„Alles klar“, entgegnete Kolja, ohne es zu meinen. Er wickelte das Papier um die Flasche und zog sein T-Shirt glatt. Die Türen gingen auf.

Showtime.


Leyla

Alba drückte Leyla den Emaille-Becher in die Hand, diesmal mit dampfend heißem Tee.

„Okay, sitzt du?“, fragte sie, aber was sie eigentlich meinte, war: Bist du bereit? Dass Leyla auf ihrer Schreibtischplatte saß, die baumelnden Füße ineinander verschränkt, konnte Alba sehen.

„Schieß los.“

„Halt dich fest.“

Leyla umklammerte spaßeshalber die Tischkante mit der freien Hand. Ihre Assistentin war schon immer etwas sensationslüstern gewesen, aber wenn sie so ein großes Ding daraus machte, musste etwas auffallend Beunruhigendes passiert sein. Mal sehen, ob es zur Abwechslung auch Leyla aus der Ruhe bringen konnte.

„Heute ist ein neuer Praktikant bei uns in der Kommunikation gestartet.“

Leyla horchte auf. Dass zum Ersten des Monats Mitarbeitende in der Agentur anfingen, war nichts Besonderes. Doch sie hatte letztens etwas aus der HR aufgeschnappt, das jetzt relevant werden könnte.

„Okay?“

„Er ist heute Morgen angekommen. Zwei Stunden zu spät.“

„Der Arme!“

„Habe ich auch gedacht“, fuhr Alba dazwischen. „Kaum jemand kommt absichtlich zwei Stunden zu spät an seinem ersten Tag, nicht wahr? Da muss etwas Unglückliches dazwischengekommen sein. Aber bei ihm bin ich mir da nicht so sicher.“

„Wieso nicht?“

„Als er sich bei Dylan auf der Siebzehn angemeldet hat, kam kein Wort der Entschuldigung oder etwas in der Richtung von ihm. Da meinte Dylan noch: Gut, vielleicht hat er sich in der Uhrzeit vertan. Und er hat den Typen darauf angesprochen. Der zuckte jedoch mit den Schultern und sagte nur: ›Zeigst du mir jetzt endlich alles hier?‹“

Leyla sog scharf die Luft ein, aber Alba sprudelte einfach weiter.

„Unhöflich! Dylan war so perplex, dass er nichts Schlagfertiges entgegnen konnte, und hat ihn erst mal herumgeführt. Ihm seinen Laptop überreicht, die Kolleginnen und Kollegen vorgestellt, all so was. Bis dahin kaum ein Wort von ihm. Kein Lächeln, nichts.“

Leyla kniff die Augen zusammen und verschränkte die Arme vor der Brust.

„Alles etwas komisch, aber okay. Dann hat Sam ihm von dem Projekt erzählt, an dem ihr Team gerade mit Hochdruck arbeitet. Und bei dem er in nächster Zeit unterstützen sollte.“

„Die Cruelty-Free-Fashion-Show Anfang nächsten Monats?“

„Genau. Und anstatt zumindest ein wenig Interesse zu zeigen … hat er gekotzt.“

Leyla riss die Augen auf. „Nein!“

„Doch. In den Mülleimer. In so ein Ding mit Löchern, leider.“

„O Gott. Tut der mir leid“, nuschelte Leyla zwischen ihren Fingern, die sie sich vor den Mund geschlagen hatte.

„Alles lief raus, über den Korkboden. Wie wenn ein Kind Wasser in so ein Strandeimerchen mit Löchern gießt, weißt du? Alles läuft raus. Alles.“

„Shit. Wahrscheinlich war ihm den ganzen Morgen schon übel.“

„Unter Garantie. Und ich sage dir auch, warum. Gleich nachdem er unter lautstarkem Gewürge den letzten Rest Magensaft in den undichten Eimer gerotzt hat, rappelt er sich nämlich auf und rempelt gegen Marcie, die ihm ein Taschentuch hinhält. Er geht rüber zu einer der Schneiderpuppen, über der ein Stoffmuster für die Cruelty-Free-Show hängt. Und wischt sich damit den Mund sauber.“

Leyla rutschte von der Tischkante und richtete sich auf.

„Sam ist ausgerastet. Sie brauchen das Muster dringend, und es hat wohl ewig lange Lieferzeiten. Aber der Typ ist anschließend nur schnurstracks in die angrenzende Küche getorkelt. Zum Kühlschrank. Und hat sich ein Konterbier aufgemacht. Ein Konterbier, Leyla. Der Kerl ist total betrunken!“

Leyla schüttelte in Zeitlupe den Kopf. Niemals in den letzten neun Jahren seit der Gründung der Agentur hatte sich jemand derart danebenbenommen. Niemals zuvor hatte es jemand gewagt, einen der beliebtesten Arbeitgebenden des Landes so mit Füßen zu treten.

„Und jetzt kommt der Haken an der Sache“, kam Alba zum Finale, und an ihrer bedauernden Miene und dem leidigen Tonfall erkannte Leyla schon, dass ihr die eigentliche Katastrophe noch bevorstand.

„Der Typ ist der Sprössling von Ernst Barker.“

Linda Schipp

Über Linda Schipp

Biografie

 Linda Schipp war Director in einer bekannten PR-Agentur, ehe sie sich selbstständig machte. Als Autorin schreibt sie heute Romane, als freie Storytellerin erzählt sie Geschichten von Marken und Unternehmen – und das von überall auf der Welt aus.

Pressestimmen
Radio Schwaben

„Genau die Richtige Mischung aus Spannung, Emotion, Humor und natürlich genau an den richtigen Stellen spicy.“

Carpe Gusta

„Das Herausragende an dieser New-Adult-Romanze ist neben ihrer spritzigen Story und den espritvollen Charakteren zweifelsohne ihre Entstehungsgeschichte.“

chiyo.reads

„Eine klare Empfehlung für alle Leserinnen und Leser, die nach einer etwas anderen Geschichte mit Tiefgang suchen und sich von nahbaren Charakteren begeistern lassen möchten.“

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