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Junge Autoren und Autorinnen

Mittwoch, 21. März 2018 von Piper Verlag


»Ein Geständnis« von Thekla Chabbi

Durch eine einzige Entscheidung steht eine ganze Existenz auf dem Spiel

»Ein zum (leeren) Himmel schreiender Liebesroman, ein abgründig leuchtender Kriminalroman, ein erstaunlich konkreter Wirtschaftsroman, und das alles EIN Roman.
Ein Leseerlebnis! Das gelingt der Autorin durch ihre Erzählkunst. Mit einer fantastischen Genauigkeit schafft sie Poesie.«


Martin Walser über »Ein Geständnis«

Blick ins Buch
Ein GeständnisEin Geständnis

Roman

Amelie Frank wurde zur Zuschauerin ihres eigenen Lebens. Erst im Gefängnis legt sie dieses Geständnis ab. Vor der Haft verteidigt sie als erfolgreiche Wirtschaftsanwältin einen Anlageberater, der in großem Stil Cum-/Ex-Geschäfte betrieben hat. Doch sie möchte ihrem bisherigen Leben den Rücken kehren. Als sie den Mut dazu fasst, verhindert ein Fahrradunfall den nächsten Schritt. Diszipliniert führt sie ihren Alltag fort, bleibt aber auf der Suche nach einem Ausweg. Da begegnet ihr der rätselhafte Mario, der sich der Welt verweigert und mit seinem musikalischen Talent ihre Sehnsucht berührt. Mit beeindruckender sprachlicher Genauigkeit und psychologischem Feinsinn lotet Thekla Chabbi die Grenzen menschlicher Wahrnehmung aus und erzählt, wie Amelies Suche in ein Verbrechen mündet.

»Wer dich verlässt, denkt nicht an dich, sondern an sich.«

»Die Grenze des Verstehens ist schwer zu ertragen. Kein Mensch kann sich von der Verlassenheit eines anderen Menschen eine Vorstellung machen.«

»Offenbar.«

»Bis nächsten Mittwoch, Amelie.«

»Danke, Herr Blum. Machen Sie es gut.«

Amelie bleibt sitzen, als Herr Blum mit seinem Mantel überm Arm und dem Hut in der Hand schon an der breiten grauen Stahltür steht. Die Tür öffnet sich beinahe im selben Moment, in dem der hagere, dunkelblau uniformierte Wärter seinen Schlüsselbund zückt, einen Schlüssel mit dumpfem Scheppern ins Schloss drückt und ihn harsch herumdreht. Die vergangenen fünfundvierzig Minuten hatte er geräuschlos in der Ecke des matt erleuchteten Raumes mit den beiden Klappstühlen vor einem mit Eichenoptik-Folie beklebten Tisch abgesessen. Herr Blum geht, ohne sich umzuschauen. Der Uniformierte wirft Amelie einen leeren Blick zu, der ihr verständlich macht, sie solle aufstehen und mit ihm zusammen den Raum verlassen.

Um vier ist sie wieder in der Zelle. Abendessen und Frühstück stehen schon da. Sie zieht sich Sporthose, Turnschuhe und eine leichte Jacke an und bindet ihr braunes Haar mit einem Gummi zu einem Pferdeschwanz. Hinunter in den Innenhof. Sie rennt eine Stunde im größtmöglichen Radius an den Mauern entlang. Erst langsam, bis sich die Fußgelenke nicht mehr wehren, dann schneller und schneller, in die Stille und Schwerelosigkeit hinein. Als die Glocke schrillt, steht sie inmitten des Gewühls. Die Häftlinge strömen in den Trakt. Gedränge am Eingang und auf der Treppe.

Zurück in der Zelle. Sie zieht sich aus, verteilt ihre durchtränkte Kleidung auf Stuhl, Bettgestell und Heizkörper. In der Nasszelle hält sie den Waschlappen unter das Wasser, reibt ihn mit Seife ein und wäscht sich eilig, trocknet sich ab, zieht Hose und Hemd an. Kaum ist sie fertig, ein Schlag gegen die Tür. Im selben Moment brüllt jemand: »Lebendkontrolle!« Dann fliegt die Tür auf, kurz darauf wieder zu. Sie lässt den Putzeimer mit warmem Wasser halb volllaufen, greift Wischmopp und Besen und geht hinaus, über den Flur bis zum Freizeitraum, der ihr zur Reinigung zugeteilt ist. Wie ihr Schatten folgt der Wärter in schweren Stiefeln und Uniform einen Schritt hinter ihr. Im Türrahmen bleibt er stehen. Sie kehrt den Staub von den Ecken aus in die Mitte, dann alles zur Türschwelle. Sie taucht den Mopp ins Wasser, wischt den Fußboden, wieder von den Seiten auf die Mitte zu. Zweimal. Sie umschließt den Kehricht und lässt den Mopp in den Eimer gleiten. Zurück in der Zelle leert sie das Putzwasser in die Toilette, sie spült den Lappen aus und hängt ihn über den Eimerrand.

Sie stellt sich auf den Stuhl, schaut durch das vergitterte Fenster. Krächzende Raben ziehen über dem Gefängnishof ihre Kreise. Zu ihrer Linken gibt die Zelle den Blick über die Gefängnismauer hinweg auf einen stattlichen Baum frei. Die letzten Sonnenstrahlen des Tages lassen seine roten und goldenen Blätter leuchten. Einige haben sich gelöst und gleiten zu Boden. Heute ist mehr schwarzes Geäst sichtbar als gestern noch. Inzwischen beherrscht Rot das Gold des Laubes. Als hätte sie kaum einen Wimpernschlag getan, sieht sie den Baum in frischem gelbgrünen Kleid vor sich. Das saftige Grün hat er abgelegt, nachdem er sich ihr zartgrün beblättert gezeigt hatte. Sie hatte gesehen, wie er spross und sich mit feinen Ästen, die in Frühjahrsstürmen wogten, immer mehr Raum unter dem Himmel verschaffte. Denselben Baum hatte sie schwarz und starr erlebt in tobendem Regen und krustigem Eis, sich totstellend, von einer wärmenden Schneedecke nackt zurückgelassen. Die Sonne schwindet und überlässt den Blick einem diffusen Dämmerlicht.

Plötzlich ein erneuter Schlag gegen die Tür. Amelie schreckt auf. »Lebendkontrolle!« Danach lautes Scheppern im Schloss, Riegelkrachen. Sieben Uhr. Nachtruhe. Sie geht die zwei Schritte zum Tisch, nimmt den Wasserkocher, dreht sich herum, wieder zwei Schritte, dann füllt sie ihn am Waschbecken. Sie stellt den Stuhl vor den Tisch, setzt sich und hebt den Deckel des Abendbrot-Tellers an. Sie bestreicht die dünne Scheibe Graubrot mit Butter, während das Wasser zu rauschen beginnt, legt eine Scheibe Käse und etwas Gurke darauf. Sie unterbricht das Grollen des dampfenden Wassers und gießt einen weißen Kunststoffbecher voll. Dann hängt sie einen Teebeutel hinein, sieht das Wasser nach und nach die Farbe der grünen Schlieren aufnehmen. Minzgeruch steigt ihr in die Nase. Nach dem Essen stellt sie beide Tabletts in das Regal über dem Tisch. Abermals bringt sie Wasser zum Kochen und gießt eine zweite Tasse Tee auf.

 

 

 

Sehr geehrter Herr Kugler,

hiermit kündige ich fristgerecht zum Ende des Quartals meine Anstellung in Ihrem Hause.

Mit freundlichen Grüßen

Amelie Frank

 

Sie musste den Brief nur noch in ein Kuvert stecken und eine Briefmarke darauf kleben. Sie las die Zeilen. In sechs Wochen würde die Zukunft beginnen. Der Gang zum Briefkasten wäre ihr Weg in ein neues Leben. Abermals las sie die Zeilen vor sich. Sie musste das Kuvert nur noch zukleben und in den Briefkasten werfen. Was war das schon? Aber ihr zitterten Hände und Knie. Vor dem Fenster bot sich ein trüber Anblick – grauer Februarhimmel, im Sturm wogende Äste und von Zeit zu Zeit kurze heftige Regengüsse. Trotzdem nahm sie das Fahrrad und fuhr etwas wackelig gegen die Böen an. Vielleicht würde sie in ein paar Monaten als Kellnerin arbeiten oder ihre Wohnung verkaufen müssen, ging es ihr durch den gegen Sturm und Regen gesenkten Kopf. Vielleicht würde sie alles bereuen und sich für diese Fahrt verfluchen. Sie durchquerte einen kleinen Park und schlingerte in den aufbrausenden Windböen über den Schotterweg, als sie plötzlich jemanden hinter sich brüllen hörte.

»Bist du besoffen? Fahr geradeaus, Schabracke!«

Erschrocken riss sie den Lenker nach rechts. Aber der erregte Radfahrer hatte bereits auf derselben Seite zum Überholen angesetzt. Sie stießen zusammen und stürzten mit ihren Rädern auf die nasse Wiese. Der Mann sprang laut fluchend sofort wieder auf. Amelie entschuldigte sich, noch im Gras liegend. Der Radfahrer wollte davon nichts hören.

»Pass gefälligst auf und sauf nicht so viel am helllichten Tag. Das kommt dich teuer zu stehen, wenn mein Rad kaputt ist!«

Er fuhr ein flottes Rennrad und war offenbar im Training. Das verrieten seine Radlermontur, der Helm und das Tempo, mit dem er in ihr Vorderrad gerast war. Er überprüfte, ob sein Fahrrad Schaden genommen habe, drückte die Bremsgriffe und rüttelte an der Gangschaltung, dann stellte er es auf Sattel und Lenker, um ein paarmal an Reifen und Pedalen zu drehen. Mit einem Schwung drehte er das Rad wieder herum und jagte wortlos davon. Amelie setzte sich auf. Ihre Kleidung triefte, der Inhalt ihrer Handtasche lag verstreut neben ihr, der Vorderreifen ihres Fahrrads hatte die Form einer Acht. Als sie versuchte aufzustehen, fuhr ihr ein scharfer Schmerz ins rechte Knie, und sie sah, dass ihre Hose nicht nur vom Regen, sondern auch von Blut durchnässt war. Auf den Ellenbogen und dem linken Knie – das rechte Bein ließ sich nicht beugen – robbte sie zu ihrer Tasche und sammelte die Sachen zusammen.

»Be careful with that axe, Eugene!«, hörte Amelie jemanden laut rufen.

Eine Frau in dunkler Regenkleidung kam auf sie zu.

»Ist Ihnen etwas passiert?«, fragte sie und half Amelie beim Aufsammeln. »Was für ein blöder Kerl! Kann ich Ihnen helfen?«

»Danke, es geht schon«, antwortete Amelie knapp.

»Da war bestimmt der Mars im Spiel, das war eine eindeutige Mars-Situation«, sagte die Frau.

»Was für eine Situation?«

»Man müsste es sich genauer anschauen. Unfälle sind oft eine Warnung. Der Mars-Einfluss. Machete, Mauser, Massaker, martialisch, Messer, Metzelei. Marsch-Marsch, Mephisto, Mine, Mörder, Munition, Metall. Attentat, Auslöschung, Axt. Anschlag, Attacke, Arglist, Acheron, Amok, Angst, Aggression. Ares, Asche!«

Amelie starrte die Frau an.

»Wissen Sie, ich bin Astrologin, und wenn ich so etwas sehe, interessiert mich immer, was dahintersteckt.«

»Aha«, erwiderte Amelie befremdet, während die Frau ihr das Rad aufstellte. »Danke für Ihre Hilfe.«

Als sie dann ihr aufhelfen wollte, lehnte Amelie ab. Sie beachtete die Frau nicht mehr und mühte sich wieder auf die Beine. Mit dem linken Fuß schob sie den Fahrradständer hoch, humpelte zwei Schritte vorwärts. Beinahe wäre sie erneut gestürzt, als der zerstörte Reifen blockierte. Das Rad ließ sich nicht schieben. Also schloss sie es an einem Baum fest und winkte an der nahen Straße ein Taxi herbei.

Zu Hause leerte sie ihre Tasche aus und verteilte den Inhalt zum Trocknen auf der Heizung. Der Umschlag ihres Kündigungsschreibens war verdreckt, die Adresse verlaufen. Unter Schmerzen zog sie sich aus und ließ die Badewanne mit warmem Wasser volllaufen. Sie stieg vorsichtig hinein, streckte Arme und Beine von sich. Eine Wunde am Schienbein färbte das Wasser rosa. Sie schloss die Augen. Was für ein Tag: Alles zunichte wegen eines fanatischen Rennfahrers – und dann noch diese seltsame Frau; sie war wohl verrückt gewesen.

 

Am nächsten Morgen um sieben klingelte der Wecker. Amelie stieg aus dem Bett, ging in die Küche und setzte Wasser auf. Unter der Dusche ließ sie sich mit geschlossenen Augen das Wasser über den Körper laufen. Dieses Mal war sie schnell wach, denn der Strahl brannte auf der Wunde. Sie desinfizierte sie und verband ihr Schienbein und Knie. Mit umgeschlungenem Handtuch setzte sie sich an den Küchentisch, trank Tee und frühstückte. Anschließend stand sie ratlos vor ihrem Kleiderschrank, bis im Radio die Zeit durchgesagt wurde. Eilig zog sie eine Hose, eine Bluse und einen Blazer heraus, schlüpfte hinein und verließ das Haus. Sie ging zum Auto und fuhr los. An der ersten Ampel legte sie den Gang ein, hielt die Kupplung gedrückt. Sie holte Wimperntusche hervor und färbte die untere Wimpernreihe des rechten Auges. Da schaltete die Ampel auf Grün. An der nächsten Ampel schminkte sie die untere Wimpernreihe des linken Auges und begann mit der oberen des rechten, bevor sie wieder anfahren musste. Bis sie ankam, war sie fertig, hatte Lippenstift aufgetragen und mit einem Wattestäbchen die ungewollten Sprenkel der Wimperntusche entfernt. Sie nahm den Aufzug.

»Guten Morgen, Frau Frank«, wurde sie von der Sekretärin begrüßt.

»Guten Morgen, Frau Kamp«, antwortete Amelie, »wie geht es Ihnen? Hatten Sie ein schönes Wochenende?«

»Ja, sehr schön. Meine Tochter war mit den Kleinen zu Besuch. Möchten Sie einen Kaffee? Ich mache Ihnen gerne einen.«

Sie tranken ihren Kaffee, und Amelie erzählte Frau Kamp von ihrem Fahrradunfall. Sie erwähnte auch die merkwürdige Frau, die ihr nach dem Sturz geholfen hatte.

»Meine Tochter hat sich auch mal mit Astrologie beschäftigt«, erwiderte Frau Kamp, »aber ich halte nicht viel davon. Manchmal fragte sie nach Dingen, die unsere Familie betrafen. Das waren gespenstische Fragen. Gott sei Dank hat sie es wieder sein gelassen, als die Kinder zur Welt kamen.«

Kugler betrat die Kanzlei und ging zügigen Schrittes in sein Büro. Im Vorbeigehen war ein ›Guten Morgen‹ zu erahnen, dann wurde aus seinem Büro ein leises Quietschen hörbar. Amelie begab sich ebenfalls an ihren Schreibtisch. Der Anblick der Akten rief ihr die missglückte Kündigung ins Gedächtnis zurück. Sie hätte sie ausdrucken und Kugler persönlich überreichen sollen, dachte sie kurz. Aber der Postweg war ihr lieber, weil es für sie nichts weiter zu sagen gab. Bis Ende der Woche musste sie das erledigt haben, sagte sie sich und schaltete den Computer an.

Als sie spät abends nach Hause kam, öffnete sie eine Flasche Rotwein, schenkte sich ein Glas ein und setzte sich an den Küchentisch. Durch das Fenster schaute sie in eine klare Nacht. Sie ging auf den Balkon und blickte zu den Sternen hinauf. Da fiel ihr wieder die verrückte Frau aus dem Park ein. Vielleicht könnte sie auch einmal etwas Verrücktes tun, etwas, dessen Sinn ihr bisher verborgen war, wenn es überhaupt einen hatte, etwas wie Astrologie; vielleicht würde sie dadurch Erklärungen für den Schwebezustand finden, in den sie vor einer ganzen Weile geraten war. Ihr Verstand tat ja offensichtlich nur noch willkürlich seinen Dienst. Kurz entschlossen ging sie in den Flur, öffnete die Schublade der kleinen Kommode und nahm ihren Laptop heraus. Am Esszimmertisch klappte sie ihn auf und gab in den Gelben Seiten »Astrologie« ein. Dann setzte sie den Entfernungsradius der Suche auf die maximal möglichen fünfzig Kilometer und begann die am weitesten entfernten Orte zu durchstöbern. Eine »Schule für Astrologie« fand sie dort und notierte Telefonnummer und Adresse. Als sie den Zettel in ihren Geldbeutel steckte, spürte sie auf einmal, dass ihr die gerade getroffene Entscheidung Kraft gab. Sie ging zum Regal, holte die CD mit der Musik des Films Frida hervor und legte sie auf. Dann streckte sie sich mit ihrem Glas in der Hand auf dem Sofa aus.

Im Juni vergangenen Jahres war sie mit Luna für vier Tage nach London gereist, zum Tanzen, Einkaufen und Schlemmen, und um es sich einfach gut gehen zu lassen. Zufällig waren sie dort in der Michael Hoppen Gallery auf die Ausstellung einer japanischen Fotografin gestoßen, die in Frida Kahlos Geburtshaus in Mexiko deren Gebrauchsgegenstände abgelichtet hatte. Luna, die vor einigen Jahren selbst einmal dort gewesen war, verehrte Frida Kahlo seither. Amelie kannte sie nicht. In der Ausstellung erfuhr sie, dass die mexikanische Malerin als Schülerin einen schweren Busunfall erlitten hatte und dabei fast zerteilt worden war. Fortan führte sie ein Leben unter unerträglichen Schmerzen. Zunächst vollends ans Bett gefesselt, begann sie mit der Malerei. Sie malte und unterrichtete unermüdlich, bis sie mit nur siebenundvierzig Jahren starb. Amelie und Luna bewunderten Kahlos Katzenaugen-Sonnenbrille mit gelbem Gestell, Nagellackfläschchen, Kleidungsstücke und Schuhe – Gegenstände aus einer versunkenen Zeit in grellen Farben und schön anzuschauen. Trotzdem bedrückte der Anblick, weil mehr sichtbar wurde, als zu sehen war: Zwei unterschiedlich verformte Stiefel mit unterschiedlich abgenutzten Absätzen, die nur noch durch ihre grellrosa Farbe als Paar zu erkennen waren, verrieten, wie beschwerlich das Gehen gewesen sein musste; oder ein roter, um ein Gipskorsett geschwungener Rock oder eine Beinprothese in einem feuerroten Lederstiefel mit Stickereien und einem Glöckchen am Schnürriemen ließen in all den Accessoires Steinchen eines Schicksalsmosaiks erahnen. Doch ungeachtet ihres Leidens und ihrer Drogensucht lebte Frida Kahlo voll kräftiger Leidenschaft. Seichtigkeit hatte bei ihr keinen Platz gehabt. Sie gab sich hin dem Leid, der Freude, Liebe, Wut, Gewalt, Schmerz, Genuss und notierte einmal: Ich habe niemals meine Träume gemalt. Ich habe meine eigene Wirklichkeit gemalt.

Die raue Stimme der unvergleichlichen Chavela Vargas hob an, Stimme einer verletzten Seele, und erfüllte den Raum mit mexikanischen Rhythmen und Melodien, mit Freudenklängen, Sehnsuchtsfeuer, Mollschmerz. Seit dem Besuch der Ausstellung wollte Amelie den Film über diese faszinierende Frau anschauen, jedoch hatte sie in all den Monaten nie die Zeit dafür gefunden.

 

Gleich am nächsten Vormittag rief sie vom Büro aus in der Astrologieschule an. Es meldete sich eine freundliche weibliche Stimme.

»Guten Tag«, sagte Amelie, »ich bin an einem Astrologiekurs für Anfänger interessiert.«

»Dann kommen Sie am besten gleich heute Abend vorbei, denn der Kurs fängt gerade heute an! Er findet immer am Dienstag- und Donnerstagabend statt. Sie benötigen keinerlei Vorkenntnisse«, hörte Amelie die Dame sagen.

»Das geht jetzt ziemlich schnell. Wann wäre denn der nächste Kurs?«, fragte Amelie.

»Erst in sieben Monaten. Wenn Sie am Anfang kaum etwas verstehen, machen Sie sich nichts draus, sondern fragen Sie immer wieder nach. Nach ein paar Wochen wird sich alles gesetzt haben, und Ihr Blick wird klarer.«

Für einen Moment zögerte Amelie.

»Na gut, dann komme ich heute«, sagte sie schließlich.

Die Frau erklärte ihr noch den Weg, dann legten sie auf. Seufzend und fassungslos über sich selbst, ließ sich Amelie in ihren Stuhl zurücksinken und atmete durch. Dann machte sie sich wieder an die Arbeit. Gerade hatte sie eine Akte aufgeschlagen, als das Telefon klingelte.

»Das hatte ich noch vergessen«, erklang Kuglers Stimme. »Die Sache Pascal Matt wird jetzt heiß. Wenn wir das nicht hinbekommen, ist der Mann ruiniert. Und unser Ruf auch. Hier geht es um unseren Scharfsinn, Frau Frank. Vor allem um Ihren. Die Akte liegt auf meinem Schreibtisch.«

»Ich bin unterwegs.«

Amelie stand auf, ging über den Flur zu Kuglers Büro, klopfte kurz und trat ein. Mit ausgestreckter Hand hielt er ihr schon die Mappe entgegen, sein Blick starr aus dem Fenster gerichtet, während er ein Glas Cola in sich hineinschüttete. Amelie übernahm, schloss hinter sich die Tür und begann, zurück in ihrem Büro, mit der Lektüre der Notizen, Briefe, Protokolle. Pascal Matt war ein Anlageberater aus Zürich, der in Zusammenarbeit mit deutschen Banken Großanlegern dazu verholfen hatte, mehr Steuern erstattet zu bekommen, als der deutsche Staat von ihnen kassiert hatte. Den Gesprächsprotokollen zwischen ihm und Kugler entnahm sie, dass Matt gesagt hatte:

»Wenn es keinen Anspruch auf einen Geldbetrag gibt, gibt es auch keinen Schaden. Das ist geltendes Recht.«

Und Kugler hatte erwidert:

»Ich haue Sie da raus, Herr Matt. Steuern sind ein Kostenfaktor. Und wo steht, dass es illegal ist, Kosten zu minimieren?«

Amelie vertiefte sich in die Akte. Matt hatte mit Anlegergeldern in Milliardenhöhe Aktiengeschäfte betrieben. Erwarb ein Anleger über ihn Anteile eines deutschen Großkonzerns in Höhe von einer Million Euro, verkaufte Matt dieselben Aktien, ohne sie noch zu besitzen, kurz vor dem Dividendenstichtag abermals an einen zweiten Anleger. Wenn am Tag der Ausschüttung eine Dividende von hunderttausend Euro fällig wurde, erhielt der erste Anleger fünfundsiebzigtausend Euro sowie eine Bescheinigung seiner Bank darüber, dass der Konzern fünfundzwanzig Prozent der Dividende, also fünfundzwanzigtausend Euro, als Kapitalertragssteuer einbehalten habe. Gleich nach der Dividendenausschüttung erstand Matt die Wertpapiere vom ersten Anleger abzüglich der Dividende für nun neunhunderttausend Euro und leitete sie an den zweiten Anleger weiter, dem er sie zuvor nur auf dem Papier als Leerkauf bereits veräußert hatte. Da der zweite Anleger den Preis der Aktien ohne Abzug der Dividende entrichtet hatte, glich Matt fünfundsiebzigtausend Euro aus. Über die fehlenden fünfundzwanzigtausend Euro stellte die Bank, bei der der zweite Anleger sein Aktiendepot unterhielt, diesem ganz selbstverständlich ebenfalls eine Steuerbescheinigung aus. So konnten beide Anleger die Kapitalertragssteuer geltend machen, obwohl sie in Wirklichkeit nur einmal vom ersten Anleger abgeführt worden war. Matt trug das Geschäft einen Gewinn von fünfundzwanzigtausend Euro ein, den er für sich behalten oder mit seinen beiden Komplizen brüderlich durch drei teilen konnte.

Einem unauffälligen Nebensatz entnahm Amelie, dass Matt dieses Geschäft zuletzt auf die Spitze getrieben hatte. Immer häufiger hatte er die von einem Anleger erworbenen Anteile kurz vor dem Stichtag an fünf bis acht weitere Kunden leer veräußert und dadurch bewirkt, dass jeder Anleger von seiner Bank eine Steuerbescheinigung erhielt. Somit erstatteten die deutschen Finanzämter fünf- bis achtfach eine einmalig entrichtete Steuerabgabe.

Ihre spontanen Gedanken zum Sachverhalt notierte sie auf einen Zettel, den sie in die Akte klebte. Anschließend nahm sie die Abgabenordnung aus dem Regal und blätterte darin, um sich zu vergewissern, dass es tatsächlich zwei Eigentümer eines Wirtschaftsguts, also auch einer Aktie, geben konnte: einen sachenrechtlichen und einen wirtschaftlichen. Damit hatte sie sich den ersten Überblick verschafft, um ihre Argumentation auszuarbeiten. Abgesehen von der Sache Matt warteten etliche Routinearbeiten darauf, erledigt zu werden, und sie musste pünktlich Feierabend machen, um es zum Astrologiekurs zu schaffen.

Wieder klingelte das Telefon, wieder Kugler:

»Noch etwas. Bitte gehen Sie doch in die Galerie meines Vaters und leisten eine Unterschrift. Ich habe für unser Foyer einen Gerhard Richter bestellt. Vielleicht können Sie in der Mittagspause kurz vorbeischauen?«

»Wie Sie meinen.«

»Bestens. Mein Vater weiß Bescheid.«

Ohne ein weiteres Wort legte Kugler auf.



Thekla Chabbi, geboren 1968, studierte Sinologie in Trier und Nanjing. Sie übersetzte u.a. die Romane des chinesischen Schriftstellers Li Er ins Deutsche. Für ihr Lehrwerk »Liao Liao« erhielt sie den Friedhelm-Denninghaus-Preis. Sie ist Co-Autorin von Martin Walsers Roman »Ein sterbender Mann« und Herausgeberin des Essaybandes »Ewig aktuell«. Thekla Chabbi lebt in München.

»Der Kaktus« von Sarah Haywood

Kakteen küsst man nicht

»Originell, bezaubernd und absolut glaubwürdig«

 


Graeme Simsion über »Der Kaktus«

Blick ins Buch
Der KaktusDer Kaktus

Wie Miss Green zu küssen lernte

Susan Green mag keine Überraschungen. Oder Emotionen. Oder Menschen. Was Susan Green hingegen mag, ist ihr Job als Versicherungsmathematikerin. Ihre Kakteensammlung. Und, die Kontrolle über ihr Leben zu haben. Susan Green kommt wunderbar alleine klar. Doch als gleich mehrere Schicksalsschläge Susans Routine durcheinanderwirbeln, muss sie mit Mitte vierzig lernen, dass nichts im Leben planbar ist. Und dass es nie zu spät ist, sein Herz zu öffnen. »Originell, bezaubernd und absolut glaubwürdig« Graeme Simsion

August

1

Ich gehöre nicht zu den Frauen, die lange Groll hegen, sich über Meinungsverschiedenheiten groß den Kopf zermartern oder ständig die Motive anderer Leute hinterfragen. Genauso wenig, wie ich die Neigung habe, einen Streit um jeden Preis gewinnen zu müssen.

Selbstverständlich gibt es auch bei dieser Regel eine Ausnahme: Ich stehe nicht tatenlos daneben, wenn ein Mensch von einem anderen ausgenutzt wird, und das gilt eben auch, wenn ich diejenige bin, die ausgenutzt wird. Dann tue ich alles, was in meiner Macht steht, um der Gerechtigkeit zum Sieg zu verhelfen. So ist es wenig überraschend, dass die Ereignisse dieses Monats mir keine andere Wahl gelassen haben, als unverzüglich und energisch zur Tat zu schreiten.

Mein Bruder Edward hatte mir die Nachricht vom Tod unserer Mutter übermittelt. Obwohl es halb sechs war, war ich schon wach. Ich hing gerade unschlüssig über der Kloschüssel und überlegte, ob ich mir den Finger in den Hals stecken oder die Übelkeit weiter aushalten sollte. Erbrechen verschafft einem ja ein paar Minuten der Erleichterung, aber dann fängt es doch wenig später wieder an. Also beschloss ich nach einer Kosten-Nutzen-Analyse, dass Aushalten die beste Option war. Als ich gerade mein gallegelbes Spiegelbild musterte, klingelte das Telefon in der Küche. Auf dem Festnetz rufen mich so wenige Leute an, dass mir sofort klar war, es musste sich um einen Notfall handeln, der mit meiner Mutter zu tun hatte. Auch wenn es, wie sich herausstellte, kein Notfall mehr war. Jedenfalls gab es keinen Grund, warum mein Bruder so früh hätte anrufen sollen, außer um mich unvorbereitet zu überraschen.

»Suze, ich bin’s, Ed. Es gibt Neuigkeiten – und leider keine guten. Vielleicht setzt du dich lieber hin.«

»Was ist passiert?«

»Ich weiß nicht, wie ich es dir sagen soll, Suze. Ich befürchte …«

»Edward, reiß dich zusammen. Ist sie im Krankenhaus?«

»Suze, sie ist gegangen. Sie ist letzte Nacht verstorben. Ich bin erst um zwei nach Hause gekommen, ich war bei einem Freund ein paar Bierchen trinken. Ich hab gleich gesehen, was los war, weil sie so komisch zusammengesackt war. Unsere Hausärztin war schon hier, massiver Schlaganfall, hat sie gesagt. Ich kann es nicht glauben.«

Ich schluckte das Würgen, das in meiner Kehle aufstieg, herunter und setzte mich an den Küchentisch. Einen Augenblick war ich ganz damit beschäftigt, mit der Handkante ein paar verirrte Toastkrümel zu einem Häufchen zusammenzuschieben.

»Suze … Suze?«

»Sie war achtundsiebzig«, sagte ich schließlich, »und sie hatte schon zwei Schlaganfälle. Das kommt jetzt nicht völlig aus heiterem Himmel.« Ich zögerte. Mir war klar, dass ich etwas Mitfühlendes sagen musste, aber das fiel mir nicht leicht, wenn ich mit meinem Bruder redete. »Aber ich kann mir vorstellen, dass es ganz schön unangenehm war, sie so zu finden«, fügte ich hinzu. »Du, es tut mir leid, ich hab keine Zeit mehr zu reden, ich muss mich jetzt für die Arbeit fertig machen. Ich ruf dich später an. Und … Edward?«

»Ja, Suze?«

»Bitte nenn mich nicht Suze.«

 

Ich hatte nicht damit gerechnet, mit fünfundvierzig zur Waise zu werden, in einem Alter, in dem die meisten Leute noch beide Elternteile haben. Doch meine Mutter und mein Vater waren schon Mitte dreißig, als ich auf die Welt kam, und mein Vater hatte eine gewisse Charakterschwäche, die sein Leben wesentlich verkürzte. Ich habe meine Mutter in ihren letzten Jahren nicht so oft gesehen, wie ich es hätte tun sollen. Ich bin im öffentlichen Dienst in der Projektabwicklung tätig (ich analysiere komplexe Daten und erstelle ausführliche Controlling-Berichte), und ich merke, wenn ich nicht stundenlang mit großen Zahlen und kleinen Buchstaben ringe, hab ich das Gefühl, überhaupt nichts zustande zu bringen.

Ein anderer Grund für die Seltenheit meiner Besuche war der, dass Edward wieder bei meiner Mutter wohnte, und er und ich betrachten das Leben auf sehr unterschiedliche Art – um es mal vorsichtig zu formulieren. Um ehrlich zu sein, wir tun alles, um uns aus dem Weg zu gehen. Mein Bruder ist nur zwei Jahre jünger als ich, aber was seine emotionale und psychologische Entwicklung angeht, sind es mindestens dreißig, was in seinem Fall bedeutet, dass er im Teenageralter stehen geblieben ist. Ich sollte hinzufügen, dass er keine diagnostizierbare geistige Störung hat, sondern einfach nur einen schwachen Willen und sich selbst alles erlaubt. Während ich hart gearbeitet habe, um mir eine sichere Karriere und einen stabilen Lebensstil zu erkämpfen, ist Edward von einem Scheißjob zur nächsten sinnlosen Beziehung in die nächste grindige Wohnung gezogen. Wenig überraschend, dass er am Ende zu meiner Mutter zurückgekrochen kam, als er die vierzig überschritten hatte.

 

Es ist ein Schock, wenn einem der Tod eines nahen Verwandten mitgeteilt wird, auch wenn derjenige alt und krank war. Ich merkte, dass ich ein paar Minuten ganz ruhig sitzen bleiben und meine Gedanken sammeln musste. Doch da ich in London war und meine tote Mutter in Birmingham, gab es wenig Praktisches für mich zu tun. Deswegen beschloss ich, in die Arbeit zu gehen und weiterzumachen, als wäre alles normal, oder zumindest so normal, wie ich es mit dieser ständigen Übelkeit vorspielen konnte. Ich würde niemandem im Büro vom Tod meiner Mutter erzählen. Ich konnte mir nur zu lebhaft vorstellen, was für eine Orgie des Jammerns und Seufzens ich damit ausgelöst hätte, feuchte Umarmungen und Beileidsbekundungen für den Verlust eines Menschen, den sie nie kennengelernt und von dessen Existenz sie nicht mal gewusst hatten. So was mag ich nicht so gern.

Als ich in der Nähe meines Bürogebäudes aus der U-Bahn stieg, traf mich die Hitze wie ein Keulenschlag. Sie hatte bereits einen Level erreicht, der ausreichte, um den frischen Asphalt vor dem Ausgang weich zu machen.

Der Lärm und die Abgase des schleichenden Verkehrs schienen um ein Vielfaches verstärkt, und die bohrende Intensität des Sonnenlichts stach mir auf der Netzhaut. Sobald ich die relative Geschütztheit meines Schreibtischs erreicht hatte – er steht in der ruhigsten Ecke eines Großraumbüros –, schaltete ich den Ventilator ein und richtete ihn auf mein Gesicht. Nachdem ich meine Lebensgeister wieder ein bisschen zurückgewonnen hatte, widmete ich wie jeden Morgen ein paar Minuten den Kakteen, die ich auf meinem Schreibtisch in einer Reihe aufgestellt habe. Ich überprüfte, ob irgendwo Fäule zu sehen war oder irgendwelche verwelkten oder trockenen Teile, ich wischte den Staub mit einem weichen Pinsel ab und vergewisserte mich, dass der Feuchtigkeitsgehalt in der Blumenerde korrekt war, und dann drehte ich sie so hin, dass sie gleichmäßig dem Tageslicht ausgesetzt waren. Nachdem das erledigt war, schlug ich eine Akte auf. Ich hoffte, dass die Arbeit an dem besonders kniffligen Bericht, den ich meinem Abteilungsleiter am Ende der nächsten Woche geben musste, mir helfen würde, die Geschehnisse des frühen Morgens in den Hintergrund zu drängen.

Für jemanden, der Jura studiert hat, ist mein Job vielleicht nicht der aufregendste, aber mir gefällt er. Die meisten Kommilitonen strebten eine Laufbahn als Staatsanwälte oder Strafverteidiger an, aber ich fühlte mich mehr zu der Sicherheit einer Beamtenkarriere hingezogen: das zwar nicht sonderlich großzügige, aber zuverlässige Gehalt, die annehmbare Rentenversorgung und der Umstand, dass ich nicht den Launen von Seniorpartnern oder Vorsitzenden irgendwelcher Anwaltskammern ausgesetzt war. Obwohl ich bei meiner Arbeit meinen Abschluss nicht nutzen kann und obwohl ich nicht die Erfahrung habe, die ich haben würde, wenn ich eine Berufsausbildung gemacht hätte, kommen mir meine breiten Kenntnisse der Gesetze und behördlichen Vorgänge sehr entgegen, wenn ich eine Beschwerde einreichen muss.

Wenn ich nicht Kollegen hätte, wäre das Büroleben direkt erträglich. An diesem Tag musste ich mich jedoch mit einer überdurchschnittlich langen Reihe von Ärgernissen auseinandersetzen. So war es zum Beispiel gerade mal halb elf, als der Geruch von den Resten eines chinesischen Take-away-Essens bis zu meinem Tisch herüberwaberte. Einer meiner untersetzteren Kollegen macht sich das gerne in der Mikrowelle unserer winzigen Kaffeeküche heiß und verzehrt es mitten am Vormittag. Mir stieg die Galle in die Kehle, und ich brauchte einen großen, kühlen Schluck zu trinken, wenn ich nicht ganz plötzlich auf die Toilette rennen wollte. Ich schaffte es zum Wasserspender, wo ich wenig erfreut war, Tom zu begegnen, dem energiegeladenen Verwaltungsassistenten, der erst kürzlich bei uns angefangen hatte. Er hatte immer noch die Reste seines Frühstücksbaguettes im Bart und schickte sich an, die nächste Quelle des Ärgernisses zu werden.

»Hey hey, Susan, du kommst gerade richtig. Du, ich wollte dir nur sagen, ich hab eine Facebook-Gruppe für unser Büro eingerichtet, auf der wir Stammtische organisieren und posten können, was sonst noch so los ist. Schick mir doch schnell eine Freundschaftsanfrage, dann nehm ich dich in die Gruppe auf.«

»Du bist noch nicht lange hier, stimmt’s?«, brachte ich heraus, während das Wasser gluckernd in mein Glas lief. »Jeder hier weiß, dass ich nicht auf Facebook bin.«

»Wow, echt? Wie kommst du denn dann mit den Leuten in Kontakt? Bist du auf Instagram oder WhatsApp? Da kann ich dich gerne auch in Gruppen reinbringen.«

»Ich bin auf überhaupt nichts. Ich finde, dass der Griff zum Telefonhörer oder eine kurze SMS normalerweise völlig ausreicht.«

»Na ja, das funktioniert vielleicht für, ich weiß nicht, für deine Mutter oder so, aber wie hältst du denn den Kontakt mit deinen alten Klassenkameraden oder Kommilitonen? Wie organisierst du dein Sozialleben?«

Für so was war ich jetzt nicht in der Stimmung. Aus irgendeinem Grund brannten meine Augen – vielleicht war es das grelle Deckenlicht. Ich erklärte ihm kurz angebunden, dass ich keinerlei Neigung hatte, den Kontakt zu Menschen aufrechtzuerhalten, mit denen ich vor Jahren mal flüchtig bekannt gewesen war, und dass ich mein Leben im Allgemeinen eher schlicht hielt. Wenn er den Drang verspüre, mich über Kollegenstammtische zu informieren oder wichtige Mitteilungen zur Lage im Büro zu machen, solle er mir einfach mailen. Ich hätte ihm auch vorschlagen können, dass er einfach die fünfzehn Schritte von seinem zu meinem Schreibtisch ging, aber solchen Aktionen muss ich nun auch nicht Tür und Tor öffnen.

Kurz nach ein Uhr, als ich das Weißbrot mit Butter in den Abfalleimer warf, von dem ich eigentlich gehofft hatte, ich würde es irgendwie herunterbringen, und mir Mühe gab, meine Gedanken zu bändigen, stellte ich mit einiger Gereiztheit fest, dass Lydia – eine Kollegin über dreißig, die seit Kurzem wieder Single war – um mein Büro herumstrich. Alle paar Minuten warf sie einen Blick auf ihr Armband. Ich wollte eigentlich gerade mit der Analyse einer Tabelle beginnen, die ich vor meiner kurzen Pause ausgedruckt hatte, aber es war mir unmöglich, solange meine Kollegin hier herumscharwenzelte.

»Lydia, willst du mir eigentlich absichtlich auf die Nerven gehen?«, schnauzte ich sie an, als sie zum vierten Mal an meinem Schreibtisch vorbeiparadierte.

Sie erklärte, sie habe einen Activity Tracker zum Geburtstag bekommen und absolviere jetzt ihre zehntausend Schritte am Tag. Sie müsse in Form kommen, jetzt, wo sie wieder »auf dem Markt« sei – nicht unbedingt die Worte, die ich wählen würde, um unseren gemeinsamen Status als Singlefrauen zu beschreiben. Als sie das fünfte Mal zu mir kam, fragte ich sie, warum sie nicht draußen spazieren gehen könne wie jeder andere normale Mensch. Anscheinend war das nicht möglich, denn sie hatte ein Blind Date an diesem Abend, und da wollte sie nicht verschwitzt und staubig auftauchen, nur weil sie die ganze Zeit auf der Straße rumgerannt war. Als sie das sechste Mal vorbeikam, meinte sie, ich interessierte mich ja offenbar so sehr für das, was sie da tue, dass ich vielleicht mitmachen wolle? Ich lehnte ab. Bei Runde Nummer sieben hatte ich schon gute Lust, die Frau zu erwürgen. Ich brauchte ganz dringend meine Ruhe, damit ich mich konzentrieren und durch diesen grässlichen Tag lavieren konnte. Ich schlug vor, sie solle doch einfach die Treppen rauf- und runterlaufen – auf die Art könnte ihr Hinterteil die überflüssigen Pfunde doppelt so schnell verlieren.

»Hab schon verstanden, Susan«, schnaubte sie, änderte ihren Kurs und lief durch die Schwingtür hinaus. Ich war ganz bestimmt nicht die Einzige, die in dem Moment erleichtert aufatmete.

 

Es war mitten am Nachmittag, und Tom – der mit Lydia um den Titel des ärgerlichsten Kollegen des Tages konkurrierte – tauchte wieder an meinem Tisch auf. Ich versuchte, ihn zu ignorieren, aber er schien entschlossen, dort stehen zu bleiben und zu warten, bis ich seine Gegenwart zur Kenntnis nahm.

»Ich mach nächsten Monat eine Fundraising-Kneipentour zu einem wohltätigen Zweck und hab mir gedacht, vielleicht willst du mich sponsern?«, sagte er. »Ich kann dir den Fundraising-Link direkt mailen … da du ja vorläufig nicht vorhast, dich dem 21. Jahrhundert anzuschließen.«

»Was für ein wohltätiger Zweck ist es denn?«, fragte ich und warf meinen Stift auf den Tisch.

»Hab ich noch nicht entschieden. Ich weiß nur, dass ich mit meinem Leben irgendwas Sinnvolles anfangen will. Vielleicht mach ich es für Pandas – ich liebe Pandas – oder gegen die globale Erwärmung, denn das liegt mir im Moment echt am Herzen. Aber es gibt ja so viele gute Zwecke. Wo soll ein Mensch da anfangen?« Er machte ein überzogen trauriges Gesicht.

»Ich hab gehört, dass die Gesellschaft für Schlaganfallpatienten sehr gute Arbeit leistet«, sagte ich. Ich weiß auch nicht, warum, aber meine Augen fingen wieder an zu brennen.

»Vielleicht. Aber besonders sexy ist das jetzt nicht. Überhaupt glaube ich, dass sich mein Kumpel letztes Jahr seinen Bart für Schlaganfallopfer abrasiert hat, deswegen möchte ich was anderes machen.«

»Na, dann komm doch einfach wieder, wenn du dich entschieden hast«, sagte ich und drehte mich auf meinem Bürostuhl von ihm weg.

Derzeit sammelt bei uns im Büro jeder Geld für einen guten Zweck. Früher war es ein- oder zweimal im Jahr, aber jetzt ist es ein konstanter Strom von Wohltätigkeitsverein hier, Sponsoren dort: Gehen, Laufen, Fahrradfahren, Schwimmen, Klettern, Bergsteigen, Trekking, Schlammwaten. Ich will mich gar nicht darüber beklagen, das möchte ich klarstellen. Ich finde es aufrichtig gut, wenn Menschen ihre Energien für das Wohl anderer einsetzen statt für sich selbst – wobei sie ja durchaus gesundheitlich davon profitieren und sich sehr tugendhaft fühlen dürfen. Aber abgesehen davon, scheinen sich die persönlichen Interaktionen, die zu solchen Veranstaltungen einfach dazugehören, auf die Produktivität im Büro auszuwirken. Ich beschloss, mit meiner Vorgesetzten Trudy ein paar Takte darüber zu reden, obwohl ich nicht wirklich Lust dazu hatte. Ich wünschte, ich hätte mir die Mühe gespart, denn wie sich herausstellte, war sie der Anlass für erneuten Frust.

Trudy hatte am gleichen Tag und auf dem gleichen Level in der Abteilung angefangen wie ich, vor so vielen Jahren, dass ich sie am liebsten gar nicht zählen mag. Zuerst nervte sie mich, ich solle mit ihr in der Mittagspause Kaffee trinken oder mich nach der Arbeit auf ein Glas mit ihr treffen, aber dann merkte sie bald, dass sie ihre Zeit verschwendete. Seitdem hat Trudy sich ihren Weg in die schwindelnden Höhen des Teammanagements gebahnt, mit vier Unterbrechungen durch Mutterschaftsurlaub. Fotos von den Endprodukten dieser Unterbrechungen waren unübersehbar auf ihrem Schreibtisch ausgestellt, in ihrer ganzen hasenzahnigen, sommersprossigen Glorie.

Während sie sich zurücklehnte und nachsichtig lächelte, erläuterte ich, wie sinnvoll es für die Effizienz am Arbeitsplatz wäre, eine bestimmte Zeit im Monat festzulegen, zu der die Kollegen ihre Wohltätigkeitsunternehmung vorstellen, Sponsoren werben und echtes Geld einsammeln könnten. Trudy, die wahrscheinlich witzig sein wollte, meinte, es wäre sinnvoller, wenn man eine bestimmte Zeit im Monat festlegen würde, zu der ich meine produktivitätssteigernden Vorschläge vorbringen könnte. Sie kicherte, ich nicht. Vielleicht spürte sie meinen Unmut ob ihrer Reaktion, denn ihre Miene wechselte von Heiterkeit zu Besorgnis. Sie fragte, ob es mir gut gehe oder ob mich möglicherweise die Sommergrippe erwischt habe, die gerade rumging. Als sie mir Taschentücher anbot, entschuldigte ich mich und verließ ihr Zimmer.

 

Halb sieben. Das einzige Geräusch war das entfernte Brummen eines Staubsaugers, das lauter wurde, als es sich dem jetzt leeren Büro näherte. Übermächtige Gedanken drängten sich wieder in meinen Kopf. Ich schaltete meinen Computer aus und schob das Telefon in die Tasche, als unsere rumänische Putzfrau, Constanta, die Tür aufstieß und hereingeschnauft kam. Ich machte mich auf unseren üblichen Wortwechsel gefasst.

»’n Abend, Susan. Wie geht’s dir heute?«

»Super«, log ich. »Dir?«

»Gut, gut, mir immer gut. Du Letzte im Büro?«

»Wie immer.«

»Aah, du harte Arbeiterin, Susan, wie ich. Nicht wie andere faule Pelze.«

Sie kam an meinen Tisch und beugte sich herab, um mir mit heißem Atem verschwörerisch ins Ohr zu flüstern: »Der da drüben. Der wirft schmutzige Taschentücher auf Boden. Taschentücher voll Rotz und Popel. Igitt. Und die da drüben. Lässt viele Tassen auf ihren Tisch stehen mit dicke, fettige Lippenstift drauf. Warum sie nicht in die Küche zurück? Sie hat halbe Schrank voll. Früher hab ich ihre Schreibtisch für sie aufgeräumt, jetzt mir egal. Bin nicht ihre Mama. Große Babys.« Sie richtete sich wieder auf. »Und, Susan, du immer noch keine Mann?«

Wenn es jemand anders gewesen wäre, hätte ich der Person gesagt, sie solle sich um ihren eigenen Kram kümmern, aber sie und ich führen jeden Tag dasselbe Gespräch, und ich kenne meinen Text.

Ich erwiderte also, sie mache ja wohl Witze.

»Sehr vernünftige Dame. Männer! Wir wie Sklaven und verdienen Geld, dann nach Hause kommen und da weiter Sklavenarbeit. Und was machen sie, wenn ihr Arbeit aus? Füße hochlegen und denken, wir sind ihre Bedienungen. Oder sie verschwinden Gott weiß wohin mit ihre Lohn und kommen zurück mit leere Tasche. Meine eigene Mann, Gheorghe, er verschwunden, wie Rauch – puff. Hat mich mit vier Töchter sitzen lassen. Sie alle verheiratet jetzt, und ihre Mann auch alle Platzverschwendung. Ich hab drei Putzstellen, dass ich ihnen schicke Geld. Ich sage ihnen, versteck das unter dem Boden.«

»Sie können von Glück sagen, dass sie eine Mutter wie dich haben.« Ich schaltete meinen Ventilator aus und wollte hinaustraben, doch noch während ich mich vergewisserte, dass ich meine Oyster-Card in der Tasche hatte, blieb ich stehen; die Worte fühlten sich heute anders an.

Constanta strahlte. »Wir die Gleiche, du und ich. Wir wissen, was wir von Leben wollen, und wir wissen, wie wir kriegen. Und ist egal, was die Leute denken. Du bist gute Mensch, Susan.«

Sie machte Anstalten, mich in die Wange zu kneifen, aber dann fiel ihr ein, dass ich solchen körperlichen Kontakten grundsätzlich ausweiche, und so ging sie zur Steckdose, um ihren Staubsauger einzustecken.

Als ich das Bürogebäude verließ und mir einmal mehr die Hitze von den Pflastersteinen entgegenschlug, war ich zufrieden, heute so gut die Fassade gewahrt zu haben, obwohl mir meine Kollegen konstant zugesetzt hatten. Niemand hätte jemals erraten, was an diesem Morgen passiert war. Andererseits fällt es mir nie schwer, meine Gefühle vor anderen zu verbergen. Sie werden es noch sehen: Dafür habe ich wirklich ein Talent.

 

Als ich zu Hause war, rief ich Edward an. Es war seltsam, zweimal an einem Tag mit ihm zu sprechen, und dann auch noch so höflich. Die Umstände verlangten, dass wir unsere beträchtlichen Differenzen beiseiteließen und zusammenarbeiteten, zumindest bis das Begräbnis gewesen und der Nachlass geklärt war. Er berichtete, die Bestatter seien bei ihm gewesen und er habe die Beerdigung vorerst für nächste Woche Freitag angesetzt. Eine Kremierung, sagte er. Ich hatte keine Einwände. Es ist mir unerklärlich, warum sich jemand wünschen sollte, dass der Körper eines Familienmitglieds in der schlammigen Erde verrottet, oder warum sie einen Schrein zum Besuchen haben wollen, als würde die Seele des Verstorbenen auf dem Grabstein hocken und drauf warten, dass jemand zum Plaudern vorbeikommt. Gut, da waren wir uns also schon mal einig.

»Ich gehe stark davon aus, dass sie kein Testament hinterlassen hat«, fuhr ich fort. »Sie hat nie irgendwas erwähnt. Es wird wahrscheinlich darauf hinauslaufen, dass das Haus verkauft wird und ihre Ersparnisse zwischen uns aufgeteilt werden. Ich werd mich drum kümmern.«

Es entstand eine kurze Pause. »Tatsächlich hat sie ein Testament verfasst, Suze. Vor ein paar Wochen. Sie hat in einer Radiosendung gehört, wie wichtig es ist, dass jeder eines gemacht haben sollte. Ich hab ihr gesagt, dass sie meiner Meinung nach keines braucht, aber du weißt ja, wie sie war.« Ich erinnere mich noch, dass seine Stimme an dieser Stelle einen defensiven Unterton bekam, aber vielleicht bilde ich mir das rückblickend auch nur ein.

»Wirklich? Mir gegenüber hat sie so etwas nie erwähnt.«

Er hatte bereits Kontakt mit den Anwälten aufgenommen, um sie vom Tod unserer Mutter in Kenntnis zu setzen, was meines Erachtens von erstaunlicher praktischer Handlungsfähigkeit zeugte – und das bei meinem Bruder, dessen Handlungsfähigkeit sich ansonsten darin erschöpfte, eine Sammelwette zu platzieren oder eine Pizza zu bestellen.

»Die haben gemeint, sie werden das Testament raussuchen und sich bei uns melden. Ich überlass das alles denen, ich kenn mich mit solchen Sachen nicht aus.«

Ich hatte in dieser Woche enorm viel Arbeit, deswegen musste ich mich auf Edward verlassen, obwohl ich insgeheim wusste, dass das keine schlaue Entscheidung war. Ich gab ihm minutiöse Anweisungen, wie er den Todesfall melden musste, diktierte ihm eine Liste mit passenden Veranstaltungsorten für die Gedenkfeier und beschrieb ihm, wo er das Adressbuch unserer Mutter finden würde, damit er ihre Freunde benachrichtigen konnte. Er schnaubte, als ich ihn fragte, ob er sich zu alldem in der Lage fühle.

 

Es war neun Uhr, als ich das Gespräch mit Edward beendete. Ich hatte den ganzen Tag über nichts gegessen, abgesehen von zwei Keksen zum Frühstück, und mir war schon etwas schwindlig. Ich machte mir eine kleine Portion Reis ohne alles und setzte mich an den Küchentisch, um die aufsteigende Übelkeit in den Griff zu bekommen. Die Flügeltüren zu meinem kleinen Garten im Erdgeschoss waren halb offen, und von draußen drang das Schreien des Neugeborenen aus dem oberen Stockwerk und der Geruch vom Mülleimer meiner Nachbarn herein. Ich muss das kurz erläutern: Ich lebe in einer Wohnung – im Erdgeschoss eines umgebauten viktorianischen Reihenhauses – in Südlondon. Nachdem ich zehn Jahre lang zur Miete darin gewohnt hatte, fiel dem Eigentümer ein, sie verkaufen zu wollen. Zu dem Zeitpunkt hatte ich genug von meinem mageren Gehalt gespart, um eine Anzahlung leisten zu können. Jetzt bin ich also Besitzerin einer Wohnung oder, andersherum betrachtet, Besitzerin eines gigantischen Kredits.

Ich musste alle Willenskraft aufbieten, um die Gabel zum Mund heben zu können. Dabei beobachtete ich die Katze meines Nachbarn, Winston, einen gedrungenen roten Kater, der auf den Terrakottafliesen meiner Terrasse saß und sich übergründlich putzte. Normalerweise mag ich keine Katzen, es nervt mich, wie sie unter geparkte Autos huschen oder sich durch Geländer zwängen, wenn man sie freundlich anlocken will. Winston ist jedoch eine Ausnahme. Wenn man sich ihm nähert, bleibt er genau dort sitzen, wo er ist, und er lässt sich streicheln und kraulen, bis er genug hat. Dann gähnt er, streckt sich und trottet davon, wie es ihm gerade passt. Er lässt sich von niemandem einschüchtern und hat nicht das Bedürfnis, sich irgendwo einzuschmeicheln. Er erinnert an Kiplings Die Katze, die allein herumspazierte, eine meiner Lieblingsgeschichten aus Kindertagen. Ich weiß noch, wie mein Vater mich in einem seiner lichteren Momente auf den Schoß nahm und mir die Erzählung aus einer abgegriffenen Ausgabe der Genau-so Geschichten vorlas. Während ich Winston beobachtete, überlegte ich, wo das Buch jetzt wohl war. Wahrscheinlich in einer vergessenen Kiste in einer Ecke unseres Elternhauses, was mich wieder daran erinnerte, was für eine Riesenarbeit das sein würde, wenn wir es für den Verkauf ausräumen mussten. In meinem momentanen Gemütszustand zwang mich dieser Gedanke förmlich in die Knie.

 

Als ich Edward ein paar Tage später anrief, um nachzufragen, wie er mit meiner Liste vorangekommen war, ließ ich es außergewöhnlich lange klingeln. Ich wollte schon fast aufgeben, als sich plötzlich eine Stimme meldete, die nicht Edward gehörte: »H’loo?« Ich zögerte, entschuldigte mich, ich hätte mich verwählt, und legte auf, bevor mir wieder einfiel, dass ich die Nummer meiner Mutter ja per Kurzwahltaste gewählt hatte. Also rief ich sofort noch einmal an. Wieder meldete sich dieselbe flapsige Stimme.

»Ich hab eben schon angerufen – bin ich da bei Green? Patricia Green – letzte Woche verstorben – und ihrem Sohn Edward?«

»Ja, genau.«

»Hier spricht Edwards Schwester, Susan. Ich würde gerne mit ihm sprechen.«

»Oh, Susan. Ja, stimmt, genau. Ich schau mal kurz, ob er in der Nähe ist.«

Ich hörte Gemurmel, dann ein unnatürlich fröhliches: »Hallo, Suze, wie geht’s, wie steht’s?«.

»Edward, was war das für ein Mann, und warum geht er an das Telefon unserer Mutter?«

»Ach, das ist bloß Rob. Ich hab ihm gesagt, er kann ein paar Wochen hier pennen, während er sich hier in England wieder einlebt. Er ist gerade von einer langen Reise zurückgekommen. Ein total toller Typ.«

»Es ist mir egal, wie toll er ist. Ich will nicht, dass Fremde im Haus unserer Mutter wohnen. Sag ihm, dass er gehen soll. Sie ist noch keine fünf Minuten tot, und das Haus ist voller Wertsachen.«

»Hör zu, Suze …«

»Susan.«

»Hör zu, ich kenn Rob seit dem College. Du hast ihn selbst mal kennengelernt vor ein paar Jahren. Er braucht im Moment ein bisschen Unterstützung. Er war für mich da, als es mir schlecht ging, und jetzt bin ich für ihn da. Ich werd ihn nicht rausschmeißen – er hat keinen Ort, an den er gehen könnte.«

Die Loyalität meines Bruders zu seinen Saufkumpanen ist wirklich rührend.

Ich beschloss, die Sache persönlich in die Hand zu nehmen, wenn ich nach Birmingham fuhr. Es würde nicht lange dauern, bis ich diesen Rob auf die Straße gesetzt hatte. Ich brachte das Gespräch also auf die vorläufig dringlichere Frage der Beerdigungsorganisation. Edward erklärte, es werde mich sicher freuen, zu hören, dass die Gedenkfeier organisiert sei. Er hatte das Nebenzimmer in einem Pub namens »The Bull’s Head« gemietet.

»Wir dürfen unser eigenes Essen mitbringen, wenn wir wollen, und am Ausschank können wir einfach alles anschreiben lassen und am Ende zahlen«, erzählte er stolz.

Ich setzte ihm auseinander, dass das völlig unangemessen sei und er die Reservierung sofort stornieren müsse. »Mum war abstinent. Sie wäre entsetzt gewesen bei dem Gedanken, dass ihre Totenfeier in einem Pub stattfinden soll.«

»Blödsinn, die war nicht abstinent. Die mochte schon ab und zu mal ihr Gläschen Sherry oder ein Radler. Und sie würde wollen, dass die Leute sich amüsieren, und das werden sie im Bull’s Head. Porzellantassen und höfliche Konversation hätte sie nicht gewollt.«

»Das ist genau das, was sie gewollt hätte. Genau diese Art Mensch war sie. Sie war ganz sicher nicht die Frau, die gerne mal zwanglos einen bechern ging.«

»Tja, so wird es jetzt aber laufen, Suze, und alle werden sich amüsieren und sich lustige Geschichten von ihr erzählen und sich einen antrinken, wenn sie Lust haben. Und wenn dir das nicht passt, dann kannst du dich von mir aus verpissen.«


Sarah Haywood

wurde in Birmingham geboren. Nach ihrem Jurastudium arbeitete sie in London und Birkenhead als Anwältin, in Toxteth als Beraterin, und in Manchester bearbeitete sie bei der Anwaltskammer Beschwerden über Anwälte. Heute lebt sie mit ihrem Mann und zwei Söhnen in Liverpool. 
»Der Kaktus« ist Sarah Haywoods Debütroman.

»Not Working« von Lisa Owens

Der Soundtrack der Generation Y

Lisa Owens ist die neue junge Stimme der britischen Literatur. Ihr von der Presse gefeiertes und in der Verlagswelt heiß umkämpftes Debüt »Not Working« ist der Soundtrack einer ganzen Generation. Er erzählt die Geschichte von Claire Flannery, Mitte zwanzig, die gerade ihren Job gekündigt hat. Ohne Alternative, das heißt, um ihre ›wahre Berufung‹ zu finden. Was das genau sein soll, steht noch in den Sternen. Aber ist der Sprung ins kalte Wasser wirklich der erste Schritt zur ersehnten Selbstverwirklichung?

Claire kündigt ihren Job, um sich auf die Suche nach dem für sie richtigen Karriere- und Lebensweg zu begeben. Haben Sie selbst je eine ähnliche Auszeit genommen und vielleicht ähnliche Erfahrungen wie Claire gemacht?

Ich gab meinen ersten Job auf, bevor ich einen nächsten in Aussicht hatte, weil ich – wie Claire – fürchtete, mich niemals weiterzuentwickeln, wenn ich mich nicht dazu zwingen würde.

Bevor ich meine neue Stelle antrat, hatte ich sechs Wochen frei, was sich für mich als eine sehr merkwürdige Erfahrung entpuppte: Genau wie Claire hatte ich große Pläne, die Stadt zu erkunden, anspruchsvolle Bücher zu lesen und mir mal wieder Kulturelles vorzunehmen, aber die Tage vergingen wie im Flug. Es war neu für mich, während der Arbeitszeiten durch die Nachbarschaft zu schlendern und Leuten zu begegnen, die ebenso wenig abhängig vom üblichen Arbeitsrhythmus waren wie ich. Mit dieser Zeit werde ich immer bestimmte Gefühle verbinden: Die Ziellosigkeit und Langeweile, genau wie den Unglauben über das eigene Unvermögen, die simpelsten Aufgaben zu erledigen.

»Wer will ich sein, wenn ich sein kann, wer ich will?«

Gab es Vorbilder für Ihr Buch, zum Beispiel aus Filmen oder Büchern?

Ich bin ein großer Fan von amerikanischer Literatur, vor allem von Autoren, denen es gelingt, zugleich humorvoll und tiefgründig über die Facetten des alltäglichen Lebens zu schreiben. Ann Beattie, Lydia Davis, A. M. Homes und Lorrie Moore haben mich alle auf unterschiedliche Art und Weise beeinflusst. Was Filme betrifft, bin ich ein großer Fan von Lena Dunhams „Girls“. Außerdem schaute ich mir, während ich Not Working schrieb, Noah Baumbachs „Frances Ha“ an und sah Überschneidungen unserer Themen und Anliegen.

»24/7 - Das innere Monster zu verbergen ist an sich schon ein Vollzeitjob«

Glauben Sie, diese Art Sinnsuche ist typisch für Ihre Generation? Oder vielleicht typisch für Frauen Ihrer Generation? In anderen Worten, ist die Suche nach dem richtigen Lebensweg heute das, was früher die Suche nach dem richtigen Mann war?

Ich sehe bei meinen Altersgenossen tatsächlich einen gewissen Druck, einen Beruf zu finden, der nicht nur gut bezahlt, sondern darüber hinaus existenziell erfüllend ist. Zum Teil liegt es wohl an der heutigen Vielfalt der Jobs und Berufsfelder, die es früher einfach nicht gab. So viel Auswahl kann auch verunsichern und Panik hervorrufen: Habe ich unter den unzähligen Möglichkeiten für mich die richtige gewählt?

Die sozialen Medien, in denen wir uns gern im bestmöglichen Licht präsentieren, verstärken dieses Gefühl noch: Wir sehen die perfekt inszenierten Ausschnitte aus dem Leben anderer und beginnen, unsere eigene Lebensweise zu hinterfragen.

Die ‚Suche nach dem richtigen Mann‘ scheint heute ein ausgelutschtes, ermüdendes Narrativ zu sein. In den Medien heißt es häufig, die Zeit der romantischen Komödie sei vorüber, und ich denke, dies zeigt sich so langsam auch in heutigen Filmen und Büchern: Die Idee, dass die Partnerfindung der einzige Weg zur Glücksfindung sei, erscheint mir doch als inzwischen überholt und kleingeistig. Und so einschränkend! Für mich war es beim Schreiben meines Buchs viel interessanter, in jemanden hineinzuschauen, der zwar eine gute Beziehung hat, sich aber dennoch persönlich nicht erfüllt fühlt.

IMMER DRAN DENKEN
»Ich habe nicht in der Schule hart gearbeitet und anschließend studiert, um mein Leben lang E-Mails zu verschicken.«

Ihr Debüt war heiß umkämpft – gleich acht Verlage wollten Ihren Roman in England veröffentlichen, und die Übersetzungsrechte sind in über zehn Länder verkauft. Das ist äußerst ungewöhnlich für ein Debüt. Inwiefern haben Ihre Insider-Kenntnisse aus Literaturagentur und Verlag zu diesem Erfolg beigetragen?

Meine Zeit im Verlagswesen war weitgehend auf Sachbücher begrenzt, sodass ich mich zwar in der Welt der Bücher bewegte, aber praktisch über keinen Wissensvorteil verfügte, was den Belletristik-Markt betrifft. Jedenfalls hatte ich nicht die leiseste Ahnung, ob mein Text kommerzielles Potenzial versprach, aber durch meine Kontakte landete mein Manuskript nicht auf dem großen Sammelhaufen, was den Prozess zweifellos beschleunigte. Ich hatte unglaubliches Glück, dass meine brillante Agentin Jane Finigan von Lutyens & Rubinstein früh etwas in »Not Working« zu sehen meinte und mich anspornte, es zu Ende zu bringen: Ohne sie wäre ich wahrscheinlich immer noch erst bei der Hälfte … 

LISTEN
»Für den Fall, dass mir ein risikofreudiger Millionär über den Weg laufen sollte, befindet sich auf meinem Handy eine Liste mit Geschäftsideen. Bislang steht dort: 1. Schwarze Milch (für Goths?)«

Lisa Owens, geboren 1985, lebt in London. Sie wuchs in Glasgow und Hertfordshire auf und besuchte das renommierte Emmanuel College in Cambridge. Sechs Jahre lang arbeitete Sie in Literaturagenturen und Verlagen, bis ihr Debütroman »Not Working« ihre ehemaligen Kollegen in Aufruhr versetzte. Sie gilt als interessanteste junge Stimme Englands.

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