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Wolken wegschiebenWolken wegschieben

Wolken wegschieben

Roman

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Wolken wegschieben — Inhalt

Manchmal hat Willow Briar das Gefühl, unter einer dicken Regenwolke zu leben. Sie könnte es darauf schieben, dass sie ein paar Pfunde zu viel auf die Waage bringt. Oder dass sie verlernt hat zu lieben. Oder dass ihre skrupellose Chefin sie als ihre Leibeigene betrachtet. Doch der eigentliche Grund für ihre Unzufriedenheit liegt tief in ihrer Vergangenheit. Willow weiß: Sie muss etwas ändern und ihre Dämonen besiegen. Denn nur Verlierer stehen im Regen – aber wahre Gewinner schieben die Wolken einfach weg.

€ 9,99 [D], € 10,30 [A]
Erschienen am 01.04.2016
Übersetzt von: Marieke Heimburger
448 Seiten, Broschur
EAN 978-3-492-30796-3
€ 8,99 [D], € 8,99 [A]
Erschienen am 01.04.2016
Übersetzt von: Marieke Heimburger
448 Seiten, WMEPUB
EAN 978-3-492-97300-7

Leseprobe zu »Wolken wegschieben«

1

Im Leben eines jeden Menschen gibt es Augenblicke, die alles für immer verändern können: einmal falsch abbiegen, eine impulsive Entscheidung, eine sanft sich schließende Tür. Augenblicke, die – das wusste niemand besser als Willow Briars – nicht mehr rückgängig gemacht werden können. Augenblicke, die, wenn man nicht aufpasst, den Rest des Lebens entscheidend beeinflussen.
Und genau deshalb konzentrierte sie sich jetzt sehr darauf, Lucy Palmer nicht umzubringen. Man hatte in den letzten neununddreißig Jahren schon viele Wörter gefunden, um Willow zu [...]

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1

Im Leben eines jeden Menschen gibt es Augenblicke, die alles für immer verändern können: einmal falsch abbiegen, eine impulsive Entscheidung, eine sanft sich schließende Tür. Augenblicke, die – das wusste niemand besser als Willow Briars – nicht mehr rückgängig gemacht werden können. Augenblicke, die, wenn man nicht aufpasst, den Rest des Lebens entscheidend beeinflussen.
Und genau deshalb konzentrierte sie sich jetzt sehr darauf, Lucy Palmer nicht umzubringen. Man hatte in den letzten neununddreißig Jahren schon viele Wörter gefunden, um Willow zu beschreiben, aber bisher hätte niemand sie als mordlustig bezeichnet. »Kompetent« und »effizient« waren Begriffe, mit denen ihre Chefin Victoria Kincade, ihres Zeichens Geschäftsführerin von Victoria Kincade Talent Ltd., sie häufig beschrieb. Und auch »unbezahlbar«, »genial« und »ein echter Schatz«.
Bei vielen ihrer Kollegen war sie »die gute alte Will«. Die humorvolle, witzige, bodenständige Willow Briars, immer bereit, nachts um die Häuser zu ziehen und rundheraus ihre Meinung zu sagen. Und Willow wusste sehr wohl, wenn irgendjemand von ihnen gebeten würde, ihr Äußeres zu beschreiben, so würden sie betonen, was für eine wunderbare Haut sie hatte, was für schöne blaue Augen, glänzendes Haar – und dieses bezaubernde Lächeln – und dass sie immer wieder ihren ausgesuchten Geschmack für spektakuläre Schuhe bewies, mit dem sie ihre ansonsten recht eingeschränkten Entfaltungsmöglichkeiten in Sachen Mode kompensierte.
Ihre eineiige Zwillingsschwester Holly, genau sechsundzwanzig Minuten jünger als Willow, nannte sie ihren Fels, ihren Liebling, ihre Seelenverwandte, ihre zweite Hälfte – und dasselbe galt auch umgekehrt. Und für ihre vierjährigen Zwillingsnichten Jo-Jo und Jem war Willow wahlweise »Tante Kuschelkissen«, »liebste Tante Will« und – der unübertroffene Superlativ – »Beste Tante der Welt Tante Will«. Zwar ließ sich das Kompliment relativieren, denn Willow war zufällig die einzige Tante der Zwillinge, aber trotzdem freute es sie.
Ihre Mutter titulierte sie, je nach Laune, als »der Londoner Zwilling« oder »die große Enttäuschung«.
Willows Exmann hatte sie anfangs »Liebling« genannt. Nach zwei Jahren Ehe bezeichnete er sie als Platzverschwendung. Seiner Tochter Chloe hatte es eine sehr kurze Zeit lang überhaupt nichts ausgemacht, wenn man Willow für ihre Mutter hielt.
Willow Briars war für so viele Menschen schon so vieles gewesen – aber gewalttätig war sie noch nie geworden. Jedenfalls nicht, bis Lucy Palmer, Tochter eines Freundes von Victorias Familie, vor sechs Wochen ein Volontariat in der Agentur begonnen hatte. Victoria hatte ihr den Schreibtisch gegenüber Willow zugewiesen und Willow gebeten, sich um die gerade mal einundzwanzigjährige Unschuld vom Lande zu kümmern. Zu Willows eigener Überraschung war ihr von dem Augenblick an klar gewesen, dass sie durchaus in der Lage wäre, einem anderen Menschen eins mit einem Ziegelstein überzuziehen und ihn dann an einen Holzschredder zu verfüttern.
»… echt jetzt, Will, du wärst gestorben!«, schrie Lucy förmlich vor Begeisterung. »Ich meine, du hättest deinen Augen nicht getraut. Er war wirklich komplett draußen, unterm Tisch, mitten im Nobu! LOL!«
Und das war genau das an Lucy, was in Willow Anflüge von Mordlust weckte: Sie beendete so gut wie jeden Satz mit diesem hirnrissigen »LOL«.
Eine Frau von weniger Format als Willow hätte eine Abneigung gegen Lucy entwickelt, weil sie so glatte Haut, glänzendes Haar und endlos lange Beine hatte und jedes noch so banale Detail ihres sinnfreien Lebens mit hundertvierzig Anschlägen oder weniger in die Welt hinausposaunte (»Lucy Palmer isst ein Sandwich, LOL.« – »Lucy Palmer denkt schon ans Mittagessen, LOL.« – »Lucy Palmer hat ihre Tage, LOL.« – »Lucy Palmers Freund hat mitten im Restaurant seinen Schwanz aus der Hose geholt, LOL.«), aber das juckte Willow gar nicht. Denn sie wusste, dass dieses ewige »LOL«, dieses Unwort, das Lucy Palmer benutzte, kein herzhaftes Lachen ersetzen konnte.
»Also ich so zu ihm, ich so: Wenn du den jetzt nicht sofort wieder wegpackst, dann gibt’s heute Abend keinen Nachtisch, wenn du verstehst, was ich meine, LOL.« Lucy glotzte Willow kurz an, die sich alle Mühe gab, sie zu ignorieren.
»Ich meine einen Blowjob!«, erklärte sie. »LOL!«
Willow biss sich auf die Lippe und starrte auf die Excel-Tabelle, in die sie regelmäßig Victorias Ausgaben eintippte, und fragte sich, ob der Bilanzbuchhalter es der Geschäftsführerin wirklich durchgehen lassen würde, vier Nächte auf einer Jacht in Cannes mit einem jungen Schauspieler, der noch kein einziges Mal erfolgreich aus einem Vorsprechen herausgekommen ist, als Betriebskosten geltend zu machen. Doch Victoria rückte nicht von ihrer Einschätzung ab, dass dieser Adonis ein absolutes Naturtalent war – vermutlich auf dem Gebiet, das Lucy wiederum als »Nachtisch« bezeichnete.
»Kundenpflege, meine Liebe«, kommentierte Victoria Willows skeptisch hochgezogene Augenbraue, nachdem sie ihr den Beleg gegeben hatte.
»Wer hat denn da wen gepflegt?«, hatte Willow gefragt.
»Ach, wer weiß das schon«, hatte Victoria geseufzt. »Ich weiß nur, dass alles Viagra dieser Welt nicht ausreicht, um meinem Mann ausreichend Stehvermögen zu verleihen.«
»Der arme Robert … Vielleicht würde es helfen, wenn du mal nett zu ihm wärst?« Willow hatte sich an dem Tag ziemlich weit aus dem Fenster gelehnt.
»Süße, du weißt ganz genau, dass ich nur auf Roberts Geld und auf das Haus in Suffolk scharf bin. Beim dritten Ehemann steht ›nett sein‹ wirklich nicht mehr auf der Tagesordnung.«
Da Willow dieser sehr speziellen Victoria-Logik nicht folgen und sie auch nicht infrage stellen konnte, zuckte sie nur die Achseln und tippte den Betrag in die Spalte »Kundenpflege« ein. Victoria umgab sich gerne mit jungen Männern, und es machte ihr überhaupt nichts aus, für sie zu bezahlen – mal mit Naturalien, mal mit Geld, aber vor allem auf Firmenkosten. Willow war da etwas anders gestrickt, aber gleichzeitig bewunderte sie ihre Chefin für die Entschlossenheit, mit der sie sich nahm, was sie vom Leben wollte – selbst wenn das bedeutete, dass sie sich einen jungen Lover bestellte, als orderte sie eine Pizza. Manchmal fragte sich Willow, was Victorias Mann wohl von alldem hielt.
»Aber er hat dann doch noch Nachtisch bekommen. Im Taxi auf dem Weg nach Hause! LOL!«
Willow bedachte Lucy mit einem langen Blick, verbunden mit der Hoffnung, dieser würde der jungen Frau klarmachen, wer hier die Dienstältere und die Autorität war, und sie zum Schweigen bringen. Es funktionierte nicht.
»Und, was hast du gestern Abend so gemacht?«, fragte Lucy sie. »Wenn du überhaupt was gemacht hast?«
»Ach, du weißt schon«, gab Will ganz entspannt zurück. »Das Übliche.«
»Irgendwo was zu essen geholt?« Lucy blinzelte mehrmals unschuldig mit ihren langen Wimpern.
»Kleine Orgie.« Willow nahm den Blick nicht vom Bildschirm und tippte weiter Zahlen ein.
»Wow!« Lucy hatte die Augen aufgerissen, wahrscheinlich versuchte sie sich vorzustellen, wie Willow ihre umfangreichen Schenkel um einen oder mehrere Männer schlang. »LOL.«
Tatsächlich war Willow zuletzt am Samstag aus gewesen – für ein Blind Date mit Dave Turner, dem Freund eines Freundes ihres Schwagers, der kürzlich nach London gezogen war und noch niemanden kannte. Insgeheim wehrte Willow sich gegen die Annahme so vieler verheirateter Menschen, Singles ab einem bestimmten Alter seien angesichts ihrer Unfähigkeit, so kurz vor dem unmittelbar bevorstehenden Lebensende noch einen Lebenspartner zu finden, so verzweifelt, dass sie unweigerlich zu jedem anderen Single passen, den man ihnen vorstellt. Trotzdem hatte sie sich darauf eingelassen, schließlich hatte sie, wenn sie ehrlich war, nichts anderes vor, und außerdem meinte Holly es ja nur gut mit ihr. Und was sie auch sonst so alles verbockte, Willow tat wirklich alles, um ihre Schwester nicht zu enttäuschen, weil Holly ihre Mitmenschen nämlich wirklich am Herzen lagen. Sie machte sich Sorgen um sie, selbst um Leute, die sie gar nicht kannte, und Willow fühlte sich wie ein besserer Mensch, wenn sie Dinge tat, um Holly einen Gefallen zu tun. Einerseits, weil sie ohnehin alles für Holly tun würde, andererseits aber auch, weil sie manchmal das Gefühl hatte, Holly sei ihr fleischgewordenes Gewissen.
Holly war der gute Zwilling, ihre Mutter betonte das oft genug.
Dave Turner sah viel zu gut aus, als dass er ein ernsthafter Partnerkandidat für Willow gewesen wäre. Er war einer von den Männern, die sich in ein, zwei Jahren eine Frau anlachen würden, die zehn, fünfzehn Jahre jünger war als Willow und über jeden seiner Witze kichern würde, statt kritisch die Stirn in Falten zu legen. Jetzt war er ein selbstsicherer Junggeselle, ein Mann in der Großstadt, der keinen Freund brauchte. Willow erkannte etwas verspätet, dass Holly in Wirklichkeit versuchte, ihren eigenen sozialen Horizont zu erweitern. Ziemlich schnell wurde klar, dass Dave Turner nicht an einer ernsthaften Beziehung interessiert war. Er sah aus wie ein Mann, der der vielen Small-Talk-Versuche schnell müde sein würde, der schnellstmöglich heiraten, dann fünfzehn Zentimeter Leibesumfang zulegen und den Rest seines Lebens versuchen würde, sie wieder loszuwerden. Also, die Zentimeter, nicht die Frau. Aber immerhin war er so höflich gewesen, mit Willow zu flirten und sich für ihre Geschichten zu interessieren.
Im Laufe des Abends, nach einigen Gläsern Wein, verharrte sein Blick immer häufiger an ihrem Dekolleté, und er unterstrich seine Aussagen, indem er ihre Hände und Arme berührte. Willow beschlich das Gefühl, dass er eine Art Gegenleistung für die vier Gin Tonics erwartete, die er ihr spendiert hatte. Also hatten sie nach ein paar Minuten gierigen Fummelns hinter den Müllcontainern auf dem Parkplatz des Pubs die Gesellschaft verlassen. Dave bot an, Willow nach Hause zu begleiten, doch sie lehnte ab. Ganz gleich, wie betrunken sie war, ihr war die Vorstellung des folgenden peinlichen Sonntagmorgens mit höflichen Lügen und dem Austausch von Telefonnummern, die nie gewählt würden, ein Graus.
Willow gefiel es, begehrt zu werden. Und sie genoss es, wenn ein Mann heiß auf sie war. Aber sie wusste auch – und das hatte sie schon lange gewusst, auch schon vor ihrer zum Scheitern verurteilten Ehe –, dass sie sich nicht für eine dauerhafte Beziehung eignete. Sie war einfach nicht in der Lage, einen anderen Menschen glücklich zu machen.
»Oh! LOL!«, brabbelte Lucy vor sich hin, ganz sicher, weil sie etwas auf Twitter las. Willow sah sich genötigt, aufzustehen und »aufs Klo zu gehen«, nur für den Fall, dass ihr Verlangen, Lucy an ihren Schreibtisch zu tackern und ihre Halsschlagader zu lochen, überhandnehmen könnte.
»Will, Süße?« Victoria posierte aus ihrer Bürotür heraus wie ein ziemlich glamouröser Nosferatu, als Will vorbeiging. »Uno momento, s’il vous plaît.« Ja, sie schreckte nie davor zurück, andere europäische Sprachen im Freistil zu missbrauchen.
»Großartig«, sagte Victoria und bedeutete Will, sich zu setzen.
Victorias Büro mit seinem riesigen, antiken, dunklen Eichenschreibtisch, den scharlachroten Samtvorhängen, der Schreibtischlampe aus Messing und dem Ölgemälde an der Wand, das Victoria in einem blauen Seidenkleid mit beeindruckendem Dekolletté zeigte (Kleid wie Einblick entsprangen der puren Fantasie des Künstlers), hätte eigentlich besser in einen Roman von Dickens oder eine Gothic Novel gepasst als in dieses moderne Bürogebäude. Aber Victoria mochte es, sie fand, es verlieh ihr Authentizität. Willow hatte nie ganz begriffen, was ihre Chefin damit eigentlich meinte, aber sie war auch nie ganz dahintergekommen, wie alt Victoria eigentlich war. Ihr Gesicht sah seit Jahren so aus, als sei sie Ende vierzig. Möglicherweise hatte sie den Schreibtisch schon, seit er gebaut worden war.
»Toll, Süße. Ich find die klasse.« Victoria nickte in Richtung der hohen Mules, die unten aus Willows weiter Hose hervorlugten. Früher hatte Willow oft gesagt, sie würde hohe Absätze tragen, weil sie dann die passende Größe zu ihrem Gewicht habe, und dann hatten immer alle gelacht und die Augen verdreht und Sachen gesagt wie »Ach, Willow, du hast echt Humor«.
Aber Willow sagte das nur halb im Scherz. Schuhe waren die einzigen Kleidungsstücke, die ihr immer passten, ganz gleich, wie sich ihre Taille entwickelte. Ihre Füße waren lang und schlank. Sie konnte in jeder beliebigen Stadt in jeden beliebigen Schuhladen spazieren – das Verkaufspersonal beäugte sie zwar durchaus skeptisch, aber immerhin wurde ihr nicht so diskret und höflich wie möglich erklärt, dass sie keine Übergrößen führten. Zielsicher steuerte sie die Schuhe an, die einen langweiligen Rock aufpeppten, die Schuhe, die jedem mitteilten: »Ich bin nicht altbacken, ich habe meine besten Jahre noch nicht hinter mir, ich bin nicht einfach nur fett. Seht her, ich trage großartige Schuhe, die mich interessant machen und zeigen, dass ich modebewusst bin und noch eine ganz andere Seite habe.«
»Was kann ich für dich tun?«, fragte Willow Victoria, die nachdenklich mit den Fingern auf dem Schreibtisch trommelte.
»Will, Süße, du musst mir etwas ganz, ganz Wunderbares besorgen. Du weißt schon, etwas Besonderes, Exotisches … etwas Seltenes, Teures. Okay?«
Will machte es Spaß, für Victoria zu arbeiten. Jeder Tag barg eine neue Herausforderung. Aber manchmal verlor sie sich in jeder Menge Adjektiven und sagte im Grunde gar nichts.
»Können wir das irgendwie ein bisschen mehr einkreisen?«, fragte Willow. »Wenn du von etwas Wunderbarem, Exotischem, Teurem und Seltenem sprichst, meinst du dann, dass ich mal wieder den Escort-Service anrufen soll?«
»Nein … nein, Süße, obwohl … Nein. Heute habe ich keine Zeit für Sex.«
Diese Erkenntnis hätte Enttäuschung hervorrufen können, doch es huschte nur ein Hauch von einem Schatten über Victorias zumeist reglose Miene. »Nein, ich meine etwas … du weißt schon … etwas Himmlisches, Köstliches – eine Explosion der Wonne im Mund …«
Willow musste kurz an Lucy und ihren Nachtisch denken.
»Pralinen, Süße, Pralinen! Wir brauchen für heute Nachmittag absolut erstklassige, megaangesagte Schokolade. India Torrance kommt, und die Ärmste muss dringend von uns aufgerichtet werden. Ich habe gehört, sie liebt Schokolade, obwohl man ihr das ja nun überhaupt nicht ansieht, Gott sei Dank, möchte ich sagen, mit einem Pummelchen kann ich schließlich kein Geld machen.« Victoria betrachtete Willow, deren Vorliebe für Pralinen aus allen überangespannten Knopflöchern strahlte. »Normalerweise würde ich jetzt etwas Nettes sagen, um die Tatsache, dass du ein Pummelchen bist, ein bisschen abzuschwächen, aber heute habe ich leider keine Zeit, mich empathisch zu zeigen. Wir haben jetzt noch ganz kurz die berühmte Ruhe vor dem Sturm, danach dampft die Kacke. Es wird sehr unangenehm werden.«
»Welcher Sturm und welche Kacke?« Willow schloss die Bürotür und setzte sich, zog ihr Hemd über den Hosenbund und faltete die Hände über ihrem Bauch. »Ich dachte, India rennt mit Perücke und Korsett in Cornwall rum und verzehrt sich nach einem Mann, den sie niemals heiraten kann?« India Torrance, irgendwo in den Zwanzigern, war eher unbekannt gewesen, bis sie im zarten Alter von achtzehn Jahren den Olivier-Newcomer-Award gewonnen hatte. Daraufhin eroberte sie erst Stratford und dann das Londoner West End im Sturm. In den folgenden vier Jahren hatte sie jedes Jahr einen Film gemacht, der sowohl bei der Kritik als auch an den Kassen ein Erfolg gewesen war, und seither war sie Victorias Goldesel.
Entrückt, schön, der Oberklasse entstammend und doch bodenständig – India war weltweit gefragt, und Victoria stand kurz davor, einige wichtige Verträge für sie abzuschließen: ein eigenes Parfüm, eine Make-up-Linie, ein hippes Modelabel, für dessen Design India selbst verantwortlich zeichnen würde. Und all das, während sie gerade ihren fünften Film drehte, ein britisches Kostümdrama, das laut Victoria »so was von oscarverdächtig« war.
»Ja, genau«, bestätigte Victoria. »Das dachte ich auch. Aber sie hat … es sich anders überlegt, Süße. Es gibt da ein paar winzig kleine Schwierigkeiten mit den Plänen, die ich für sie habe, sodass jetzt ein kleines Arrangement vonnöten sein wird.«
»Ein kleines Arrangement?« Willows Augen weiteten sich. Das war Victorias Codewort, wenn es darum ging, einen handfesten Skandal zu vertuschen und alles irgendwie doch noch so zu drehen, dass es ihrem Klienten zum Vorteil gereicht. Genau dafür war Victoria berühmt, und genau deshalb war sie so erfolgreich.
»Was hat sie gemacht?«
»Frag besser, was sie nicht gemacht hat.« Victoria hielt inne und bohrte die Spitze ihres geliebten Füllfederhalters in den Notizblock, der, wenn Willow sich nicht irrte, in diesem Moment sicher als Ersatz für Indias hübsches Gesicht herhielt. »Also, jedenfalls kommt sie heute Nachmittag her, und ich bin wild entschlossen, sie mit Samthandschuhen anzufassen. Ein paar leckere Pralinen wären da ein guter Anfang, glaube ich, damit können wir ihr zeigen, dass sie uns wirklich am Herzen liegt, blablabla – okay?«
»Mit Schokolade? Gut, wenn du meinst.« Willow wollte aufstehen, doch Victoria hob die Hand.
»Da ist noch etwas, Willow … Etwas, das ein bisschen über deine übliche Jobbeschreibung hinausgeht, um das ich dich aber bitten muss, und wenn ich bitten sage, meine ich natürlich, dass du keine Wahl hast.« Victorias Stirn legte sich so weit in Falten, wie es das Botox erlaubte, und dies war immer ein schlechtes Zeichen. Willow wartete geduldig. Nach fünf Jahren der Zusammenarbeit mit Victoria wusste sie, dass sie zuversichtlich sein durfte: Ihre Chefin würde schon bald zum Punkt kommen.
»Wenn das nächstes Jahr passiert wäre, wäre es egal, aber jetzt kommt sie doch gerade erst richtig in Schwung. Jetzt ist die entscheidende Zeit in ihrer Karriere, jetzt werden Weichen gestellt, jetzt bringt sie die Kassen zum Klingen. Ich stehe kurz davor, richtig viel Geld mit ihr – und für sie – zu verdienen, und dieses Geschäft …« Victoria schlug mit der Faust auf den Tisch, Willow zuckte auf ihrem Stuhl zusammen. »Also echt, ich will wirklich nicht harsch klingen, aber diese blöde kleine Schlampe! Man sollte doch meinen, dass sie nach der Ausbildung, in die ihre Eltern fünf Ärsche voll Geld investiert haben, ein klein wenig vernünftiger wäre als jede dahergelaufene Schlampe.«
»Du klingst überhaupt nicht harsch«, sagte Willow sanft.
»Sie ist erledigt, Willow. Sie hatte eine Affäre mit Hugh Cramner. Sie haben gevögelt, und jetzt, wo es heraus ist, hat er sie fallen lassen wie eine heiße Kartoffel und ist zu seiner Frau zurück und behauptet, er sei von einer Hure verführt worden.«
»Hugh Cramner!« Willow keuchte. Hugh Cramner, Schauspielerlegende, seit sechsundzwanzig Jahren bilderbuchmäßig mit einer wunderbaren Frau liiert, großartiger Vater von vier Kindern. Er wurde regelmäßig als »nationales Kulturgut« bezeichnet, und Gerüchte wussten, dass er in wenigen Monaten zum Ritter geschlagen werden sollte. Willow wurde ganz anders zumute. »Aber der könnte doch ihr Vater sein. Ist er doch quasi auch … O Gott, spielt er in dem neuen Film nicht sogar ihren Vater?«
»Ja, Süße.« Victorias Miene war vollkommen reglos, wie üblich, wenn sie kurz vorm Verzweifeln war. »Genau. India ist fix und fertig, wie du dir vorstellen kannst, am Boden zerstört, völlig am Ende und wie man Liebeskummer sonst noch so umschreibt. Aber das Schlimmste von allem ist, dass die Presse kurz davor ist, die Geschichte ganz groß rauszubringen. Es gibt Fotos mit leichter bis keiner Bekleidung und Aufzeichnungen von Telefongesprächen – na ja, Gesprächen … Du weißt schon. Heißes Geflüster. Sie wollen Indias Seite der Story und haben uns achtundvierzig Stunden Zeit gegeben, einem Interview zuzustimmen – dann lassen sie die Bombe hochgehen. Selbstverständlich habe ich die Gute erst mal vom Set genommen und für ein paar Tage in Blakes Hotel untergebracht. Die sind wirklich wahnsinnig diskret da – von der Geschichte mit mir und der Boyband ist niemals auch nur eine Silbe nach außen gedrungen – aber wenn die Story erst mal raus ist, kann sie dort nicht länger bleiben.«
»Aber wenn sie ein Interview gibt und ihre Version der Geschichte erzählt …?«
»Ach, Will, hast du denn wirklich gar nichts gelernt, mon petit amore? Selbstverständlich werde ich nicht zulassen, dass sie ihre Story dieser widerlichen Meute von Schmierfinken gratis erzählt. Nein, ich werde die Meute glauben lassen, dass sie ihre Story gratis bekommt, einfach, um Zeit zu gewinnen, und dann werde ich ihnen allen sagen, dass sie sich verpissen sollen, und werde India verschwinden lassen, bis a) die Kacke verdampft ist und b) ich richtig viel Geld damit verdienen kann, ihre Geschichte an eine Zeitschrift zu verkaufen, die dafür ordentlich was lockermacht.«
»Aber wird das nicht verdammt hart für India?« Willow rutschte auf ihrem Stuhl herum. Manchmal fand selbst sie Victorias Rücksichtslosigkeit beunruhigend.
»Liebes, ich bin nicht dazu da, sie zu schonen. Mein Job ist es, sie reich und berühmt zu machen.« Victoria zuckte die Achseln. »Und wenn die Story am Sonntag rauskommt, wird sie genau das sein. Und sie wird sich an einem absolut sicheren Ort befinden, an dem die Presse sie niemals finden wird.«
»Verstehe, und du willst, dass ich diesen Ort für sie finde? Ein Cottage auf dem Land zum Beispiel? In Irland?« Willow legte im Geiste bereits eine Liste an.
»Nein.« Victoria fackelte nicht lange. »Ich möchte, dass du sie bei dir aufnimmst.«
»Wie bitte?« Willow hätte gerne geglaubt, sich verhört zu haben, aber sie kannte Victoria gut genug, um zu wissen, dass dies nicht der Fall war.
»Du hast mich verstanden«, sagte Victoria. »Hör zu, Liebes, ich habe wirklich lange darüber nachgedacht … also so lange, wie ich nun mal Zeit hatte … und ich bin zu einer wichtigen Erkenntnis gekommen. Du weißt doch, wie die Paparazzi sind: Wenn sie erst kapieren, dass India sich nicht an ihre Spielregeln hält, werden sie sich ihr an die Fersen heften. Und sie werden keine Ruhe geben, bis sie die Frau, die Hugh Cramner verführt hat, gefunden haben.« Victoria straffte die gepolsterten Schultern und hob das Kinn ein wenig an. »Ich weiß, ich bin ein Monster, aber mir liegen die Leute, mit denen ich viel Geld verdiene, sehr am Herzen, und India ist eine von ihnen. Und sie ist manchmal ein bisschen empfindlich. Du weißt doch, wie Kreative so sind: manisch-depressiv und mit einem Hang zur Melodramatik. India hat monatelang an einer schlechten Kritik geknabbert – was meinst du wohl, wie sie mit gebrochenem Herzen infame Berichterstattung wegstecken wird? Wie dem auch sei, ihre Eltern leben weit weg in Devon, also muss ich mich um sie kümmern, und ich muss jemanden finden, der auf sie aufpasst. Jemanden, auf den hundertprozentig Verlass ist.« Victoria zeigte auf Willow. »Und dieser Jemand bist du. Wenn du sie also bitte für ein, zwei Wochen in deinem Gästezimmer unterbringen und sicherstellen könntest, dass sie sich nicht umbringt, dann wäre das wirklich großartig.«
Victorias Lächeln war bemerkenswert, es hatte etwas von der Grimasse einer ägyptischen Mumie im British Museum: wächsern und jeder menschlichen Wärme entbehrend. Es hätte Willow nicht überrascht, wenn ihr Gesicht geknarzt hätte, als sie das Lächeln genauso schnell wieder abschaltete, wie sie es angeknipst hatte.
»Victoria«, sagte Willow leise und ruhig und erhob sich dabei, um ihren Worten mehr Gewicht zu verleihen. »Ich werde India Torrance nicht bei mir aufnehmen. Was du da von mir verlangst, ist schlimmer als damals, als ich für Simeon Burton Drogen kaufen musste. Hast du überhaupt eine Ahnung, wie das ist, als Frau mittleren Alters in einem Hosenanzug morgens um drei in einer Drogenhöhle aufzukreuzen?« »Ja«, sagte Victoria ziemlich überzeugend. »Und heutzutage ist man erst ab fünfzig mittleren Alters, Liebes. Das weiß doch jeder. Stand in der Daily Mail: Fünfzig ist das neue Vierzig. Also bin ich ungefähr dreißig.«
»Ja, und das schon ziemlich lange«, brummte Willow. »Du willst allen Ernstes, dass ich eine Celebrity-Schauspielerin in meiner Wohnung in Wood Green vom Selbstmord abhalte? Wieso mietest du nicht einfach eine Wohnung? Und heuerst Fachpersonal an?«
»Willow, du kennst mich doch.« Victoria machte eine royal anmutende Geste. »Ich bin nett. Ich bin ein freundlicher Mensch. Und darum bitte ich dich, ein Auge auf India zu haben. Du willst doch hinterher nicht dafür verantwortlich sein, dass das Mädchen sich die Pulsadern aufgeschnitten hat, oder? Ich will auf keinen Fall, dass du dich mit Schuldgefühlen plagst.«
»Ich!?« Willow schäumte.
»Liebes. Tu es für mich. Als deine Chefin – ich meine, Freundin. Okay, Chefin. Sieh doch mal, was ich schon alles für dich getan habe. Ich habe … Also, ich bezahle dich ziemlich gut. Verhältnismäßig. Du hast das ganze Wochenende Zeit, alles vorzubereiten – aufzuräumen, auszulüften, zu desinfizieren. Und eh du dich versiehst, habe ich die Situation im Griff und zu unserem Vorteil gewendet. Ich habe diesen Wichser Hugh Cramner für immer auf den Pott gesetzt und jede Menge Geld für uns alle verdient. Na ja, gut, nicht für dich, um ehrlich zu sein, aber man weiß ja nie, vielleicht springt etwas mehr Weihnachtsgeld heraus … Okay?«
Willow ließ die Kinnlade herunterklappen. Sie betrachtete die aus ihren Schuhen lugenden Zehen. Zugegeben, es hatte in ihrem Leben – gelinde gesagt – so einige Höhen und Tiefen gegeben. Und im Großen und Ganzen gehörte die Zeit, seit sie für Victoria Kincade arbeitete, eher zu den Höhen. Ja, Victoria schien zu glauben, dass Willow so eine Art Leibeigene war, die ihr rund um die Uhr zur Verfügung zu stehen hatte – und vielleicht hatte Willow genau das seinerzeit mit jener verdächtig roten Tinte auch unterschrieben. Wie dem auch sei, Victoria hatte sie immer gut behandelt, und sie machte sich nichts aus Willows Macken – im Gegenteil, sie schien sie zu mögen. Außerdem war es sinnlos, gegen Victoria anzukämpfen, wenn sie erst mal eine Entscheidung getroffen hatte.
»Okay«, gab Willow nach. »Gut. Wie du meinst. Ich geh dann mal los, Schokolade besorgen.«
»Danke, Liebes.« Victoria klang längst nicht so dankbar, wie Willow es für angemessen gehalten hätte. »Die Einzelheiten besprechen wir dann, wenn India hier ist.« Victoria warf Willow eine Kreditkarte zu. »Kauf dir auch gleich welche mit. Ich kenn dich doch.«

 

Rowan Coleman

Über Rowan Coleman

Biografie

Rowan Coleman lebt mit ihrer Familie in Hertfordshire. Wenn sie nicht gerade ihren fünf Kindern hinterherjagt, darunter lebhafte Zwillinge, verbringt sie ihre Zeit am liebsten schlafend, sitzend oder mit dem Schreiben von Romanen. Da kann das Bügeln schon mal zu kurz kommen. Rowan wünschte, ihr...

Pressestimmen

Mokka

»Gute Unterhaltung für dunkle Wintertage.«

Kommentare zum Buch

Etwas oberflächlicher Roman, in welchem die eigentlich interessante Geschichte um Willows Vergangenheit zu kurz kommt
Lena am 03.03.2018

Die 39-jährige Willow Briar ist seit fünf Jahren von ihrem Exmann Sam geschieden und lebt seitdem allein in einer kleinen Wohnung in London. Sie arbeitet in einer Talentagentur und lässt sich dort von ihrer Chefin Victoria ausboten, an die sie ihre Seele verkauft hat. Als unglücklicher Single und mit Kleidergröße 46 reduziert Willow ihren Lebensinhalt jedoch ohnehin auf die Arbeit. Dies ändert sich, als sie in einem Second-Hand-Geschäft ein Paar Schuhe findet, die ihr wie von Zauberhand mehr Ausstrahlung verleihen und ihre ehemalige Stieftochter Chloe, inzwischen 15 Jahre alt und schwanger, bei ihr überraschend erscheint und Zuflucht bei ihr sucht. Zeitgleich zwingt sie Victoria dazu, die exzentrische Schauspielerin India bei sich aufzunehmen, um diese vor der unliebsamen Presse zu verstecken.   Durch die "Zauberschuhe" und die beiden jüngeren Frauen, mit denen sie sich unfreiwillig ihre Wohnung teilt, wird Willows Alltag durcheinandergewirbelt, so dass auch ihr Kummer über ihr Übergewicht weniger präsent ist. Willow lebt nicht nur für die Arbeit, sondern übernimmt Verantwortung für Chloe und nähert sich dabei auch wieder ihrem Exmann Sam an. Auch ihr bester Freund Daniel sieht sie plötzlich in einem anderen Licht, während dessen Kumpel James schon lange ein Auge auf Willow geworfen hat, bislang jedoch zu schüchtern war, es ihr zu zeigen.   "Wolken wegschieben" ist der fünfte Roman, den ich von Rowan Coleman gelesen habe, der aber nicht an die anderen Romane heranreicht. Das Buch ist durchaus unterhaltsam zu lesen und überrascht durch Wendungen, die die Geschichte nicht vorhersehbar erscheinen ließen. Mir wurde allerdings zu sehr auf ihrer Konfektionsgröße und ihren Schwierigkeiten damit herumgeritten, auch wenn die Männer allesamt sehr positiv auf ihre üppigen Rundungen reagierten. Zudem empfand ich den Einfluss der Schuhe etwas zu undurchsichtig und nicht schlüssig genug in die Handlung eingearbeitet. Meiner Meinung nach haben mehr ihre neue Verantwortung und ihre zusätzlichen Aufgaben um Chloe und India dazu beigetragen, Willow zu neuem Selbstbewusstsein zu helfen. Hierzu hätte es keine magischen Schuhe geben müssen, die ihre Beine länger und ihre Statur schlanker wirken lassen.   Im Vergleich zu ihrem Körpergewicht und der neuen Rolle von Chloe in ihrem Leben kam das Geheimnis aus Willows Vergangenheit, das sie belastend mit sich herumträgt und das mich neugierig auf den Roman gemacht hat, zu kurz. So blieb der vielversprechende Roman um die Selbstfindung Willows für mich zu oberflächlich, die Geschichte um Willows Seelenschmerz, den sie nicht verarbeitet zu haben schien und der ihr Leben weiter belastete, zu sehr im Hintergrund und zu wenig tiefgründig.

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