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Beim Leben meiner MutterBeim Leben meiner MutterBeim Leben meiner Mutter

Beim Leben meiner Mutter

Roman

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Beim Leben meiner Mutter — Inhalt

Als Marissa stirbt, beschließen ihre beiden Töchter Luna und Pia nach Brooklyn, Marissas Geburtsort, zu reisen. Hier wollen sie mehr über das dunkle Geheimnis erfahren, das ihre Mutter jahrelang gehütet und sie schließlich zugrunde gerichtet hat. Doch die beiden Schwestern stoßen nur auf noch mehr Fragen, statt auf Antworten. Bis Luna eines Tages eine rätselhafte – ja, magische – Erfahrung macht: Sie begegnet ihrer Mutter als junge Frau, im Sommer 1977.

Erst glaubt Luna, verrückt geworden zu sein. Doch dann wird ihr klar: Wenn sie tatsächlich die Fähigkeit besitzt, durch die Zeit zu reisen, dann kann sie auch die Vergangenheit ändern. Doch ist es möglich, das Leben ihrer Mutter zu retten, ohne ihr eigenes zu opfern?

 

€ 16,00 [D], € 16,50 [A]
Erschienen am 02.11.2017
Übersetzt von: Marieke Heimburger
416 Seiten, Klappenbroschur
EAN 978-3-492-06079-0
€ 10,00 [D], € 10,30 [A]
Erscheint am 04.12.2018
Übersetzt von: Marieke Heimburger
416 Seiten, Broschur
EAN 978-3-492-31384-1
€ 12,99 [D], € 12,99 [A]
Erschienen am 02.11.2017
Übersetzt von: Marieke Heimburger
416 Seiten, WMEPUB
EAN 978-3-492-97797-5

Leseprobe zu »Beim Leben meiner Mutter«

Prolog
Oxfordshire, 6. Juni 2007
Zum ersten Mal, seit meine Mutter gestorben ist, sehe ich sie wieder, und plötzlich bin ich ein anderer Mensch. Mein Selbst löst sich auf, und von einer Sekunde auf die andere fühle ich mich als eine Fremde in meiner eigenen Haut.
Es gibt eine Theorie, dass man allein durch das Betrachten Einfluss auf die Umgebung nehmen kann, dass man allein durch den Akt des Hinschauens das Universum und seine Quantenfunktionen verändern kann. Die Physik nennt das den »Beobachtereffekt«. An dieses Phänomen muss ich denken, während ich das [...]

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Prolog
Oxfordshire, 6. Juni 2007
Zum ersten Mal, seit meine Mutter gestorben ist, sehe ich sie wieder, und plötzlich bin ich ein anderer Mensch. Mein Selbst löst sich auf, und von einer Sekunde auf die andere fühle ich mich als eine Fremde in meiner eigenen Haut.
Es gibt eine Theorie, dass man allein durch das Betrachten Einfluss auf die Umgebung nehmen kann, dass man allein durch den Akt des Hinschauens das Universum und seine Quantenfunktionen verändern kann. Die Physik nennt das den »Beobachtereffekt«. An dieses Phänomen muss ich denken, während ich das Bild meiner Mutter betrachte, wie es zitternd an die Wand projiziert wird.
Ich habe vor wenigen Sekunden erfahren, dass mein Vater – der Mann, der mich großgezogen hat und den ich liebe – nicht mein leiblicher Vater ist. Ja, durch den Akt des Hinsehens hat sich das Universum um mich herum verschoben und für immer verändert. Im Grunde hatte ich es schon immer geahnt. Ich hatte schon immer das Gefühl gehabt, nicht richtig dazuzugehören – meine Schwester so anders als ich, und meine blauen Augen einfach zu blau.
Jetzt bleibt mir nichts anderes übrig, als weiter zuzusehen. Ich muss zusehen, ganz gleich, was kommt, obwohl dieses Zusehen alles komplett verändern wird. Das ist schlichte Physik. Aber es gibt keine Gleichung dafür, wie es mir dabei geht, das Gesicht der Frau vor mir zu sehen, die ich in den letzten acht Monaten jede einzelne Sekunde so schmerzlich vermisst habe.
Sie sitzt im Garten meines Elternhauses in Oxfordshire. Dieser Garten steht in voller, prächtiger Blüte – die von ihr beschnittenen Rosen, die von ihr gepflanzten Azaleen. Doch der Garten, in dem ich sie sitzen sehe, könnte sich genauso gut auf dem Mars befinden, so endlos weit entfernt scheint das alles. Meine Mutter ist außerhalb meiner Reichweite. Für immer. Der Wind spielt mit dem hellgrauen Baumwollkleid über ihren gebräunten Beinen, Silberfäden durchziehen ihr Haar. Ich sehe einen von den alten Küchenstühlen, seine Beine versinken leicht im weichen Rasen. Sie muss die Aufnahme im Spätsommer gemacht haben, denn die Rhododendren blühen, ihre dunklen Blätter glänzen in der Sonne. Wahrscheinlich letztes Jahr, kurz nachdem unser Vater nach mehreren Wochen des Bangens erfahren hatte, dass er doch nicht an Darmkrebs litt. Das hieß, sie wusste bereits letzten Sommer, viele Monate vor ihrem Tod, was sie tun würde. Die Erkenntnis schmerzt mich. Körperlich. Ein heißes Brennen in der Brust.
»Die Zeit vergeht wie immer …«, sagt meine im Bild festgehaltene Mutter, deren Haar im Wind weht, »aber ich stecke immer noch in der Vergangenheit fest. Oder zumindest ein Teil von mir. Wie ein Schmetterling bin ich aufgespießt von der einen Minute in der einen Stunde an jenem Tag, der mein Leben verändert hat.«
Ihre Augen schwimmen in Tränen.
»Um mich herum hatten wohl alle den Eindruck, dass ich ganz normal durchs Leben ging, wie alle anderen sechzig Sekunden pro Minute hatte, aber in Wirklichkeit stand ich still und dachte immer nur an diesen einen Moment, diese eine … Entscheidung.«
Sie verbirgt das Gesicht hinter ihren Händen, vielleicht möchte sie damit weitere Tränen zurückhalten. Als sie die Hände wieder in den Schoß sinken lässt, lächelt sie. Ich kenne dieses Lächeln gut: Es ist ihr tapferes Lächeln.
»Ich liebe euch, meine schönen Töchter.«
Diesen Satz hat sie fast jeden Tag unseres Lebens zu uns gesagt, und ihn jetzt wieder von ihr zu hören ist wie Zauberei. Ich möchte ihn am liebsten einfangen und in der Hand halten.
Sie lehnt sich auf ihrem Stuhl nach vorn, richtet den Blick direkt auf die Linse, direkt auf mich, und ich merke, wie ich zurückweiche, als glaubte ich, sie würde gleich die Hand nach mir ausstrecken und mich berühren.
»Diesen Film nehme ich auf als meinen Abschiedsgruß an euch, weil ich nicht weiß, ob und wann ich den Mut haben werde, es euch persönlich zu sagen. Das hier ist mein Abschied an euch, aber auch noch etwas anderes. Nämlich eine Botschaft für dich, Luna.«
Als sie meinen Namen ausspricht, kann ich förmlich ihren Atem an meinem Hals spüren.
»Ehrlich gesagt, weiß ich gar nicht, ob ich überhaupt will, dass du das hier siehst. Vielleicht siehst du es ja auch nie. Vielleicht ist der heutige Tag und diese Art und Weise die einzige Möglichkeit für mich, dir und Pia von meinem anderen Leben zu erzählen, von dem Leben, das ich neben dem Leben mit euch und eurem Vater führte, dem Leben in einem Paralleluniversum, in dem sich die Zeiger der Uhr nie weiterbewegen. Ja, ich glaube … Ich glaube, es ist die einzige Möglichkeit. Hier und jetzt habe ich den nötigen Mut.« Sie schüttelt den Kopf, erneut glitzern Tränen in ihren Augen.
»Vor vielen Jahren ist mir nämlich etwas Schreckliches passiert, und ich habe auch etwas Schreckliches getan. Und seitdem verfolgt mich etwas, ein Geist, auf Schritt und Tritt. Ganz gleich, wohin ich gehe, er ist auch da, wie ein Schatten. Und ich weiß, ich bin mir sicher, dass ich eines Tages nicht mehr in der Lage sein werde, ihm davonzulaufen. Eines Tages wird er mich einholen. Eines Tages wird er sich rächen. Und dieser Tag ist nicht mehr fern. Wenn ihr das hier seht …«, ihre Stimme bohrt sich in mich, »… dann hat er mich bereits …«
Sie kommt so nah an die Linse heran, dass wir nur noch ein Viertel ihres Gesichts sehen können, und auch nur sehr unscharf. Sie senkt die Stimme und flüstert. »Wenn du ganz genau hinschaust, dann wirst du mich in Brooklyn finden, genau da und genau zu dem Zeitpunkt, den ich seither nie wirklich hinter mir lassen konnte. In unserem Haus, in meinem Elternhaus, da wirst du mich finden. Mich und die anderen Filme, die ich für dich gemacht habe. Luna, wenn du ganz genau hinschaust – wenn du herausfinden willst, was ich getan habe … Er wollte mich nicht loslassen. Bitte … du musst mich finden.«
7. JULI 2007
»Der Unterschied zwischen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft ist lediglich eine verbissen hartnäckige Illusion.«
Albert Einstein

1
Wir befinden uns in einer Art Blase, meine kleine Schwester Pia und ich. Wir sitzen im Schutz der ruhigen, kühlen Kabine eines klimatisierten Taxis und fahren durch uns unbekannte, brütend heiße Straßen in einem fremden Land. Wir kommen an Brücken und Gebäuden vorbei, die uns doch irgendwie bekannt vorkommen, weil sie immer wieder in den Erzählungen vorkamen, mit denen wir aufwuchsen. Keine von uns ist je hier gewesen, und doch ist ein Teil dieser Welt ein Teil unserer DNA.
Ich habe im Laufe meines Lebens viele in New York spielende Kinofilme gesehen, aber in der Realität sieht der Brooklyner Stadtteil Bay Ridge ganz anders aus, als ich ihn mir vorgestellt hatte: breite Straßen, maximal zwei Stockwerke hohe Häuser mit Holzfassaden – amerikanisches Kleinstadtflair gleich neben einer der größten und großartigsten Städte der Welt. Mir kommt es vor, als würde New York über den breiten Hudson hinweg nach Bay Ridge schielen und dabei gleichgültig mit den Schultern zucken.
Die Julisonne brennt vom Himmel, und es herrscht eine ruhige Atmosphäre. Die Fußgänger auf den Straßen wirken alle so gelassen, als wäre dies hier ihr ganz eigener, sicherer Ort, ein Ort, um den sich der Rest der Welt sonst nie kümmert, ein Ort, an dem Geheimnisse, wenn man sie gut versteckt, für immer unentdeckt bleiben. Hier können das Leben, die Liebe und der Tod sich leise entfalten, ohne dass es sonst irgendwo auf der Welt bemerkt wird. Fast kommt es mir vor, als würde die Zeit ein klein wenig langsamer vergehen, wenn man erst die Brooklyn Bridge hinter sich gelassen hat.
Dies ist die Welt, in der unsere Mutter aufwuchs, die Welt, aus der sie floh und in die sie nie wieder zurückkehrte. Uns war nie in den Sinn gekommen, dass ausgerechnet wir – Pia und ich – eines Tages eine Reise hierher unternehmen würden, eine Reise zurück an den Anfang des Lebens unserer Mutter. Offiziell sind wir hier, um ihren Nachlass zu regeln und den Verkauf eines heruntergekommenen, mit Brettern vernagelten Hauses in die Wege zu leiten, das ihr gemeinsam mit ihrer Schwester gehört hatte – einer Frau, mit der sie die letzten dreißig Jahre keinen Kontakt mehr hatte. Das Haus ist ihr Elternhaus und war viele Jahre ihr Lebensmittelpunkt. Inoffiziell und insgeheim sind wir hier, weil sie uns dazu aufgefordert hat. Weil sie möchte, dass wir sie suchen und etwas über meinen leiblichen Vater herausfinden. Mir kommt das immer noch alles wie ein böser Traum vor.
»Vielleicht hat sie da einfach nur was durcheinandergebracht«, hatte Pia gesagt, als der Film fertig war und aufgewirbelter Staub im Lichtstrahl des Projektors tanzte, den wir uns unbemerkt von unserem Vater geliehen hatten. »Ich meine, in ihren dunkelsten Phasen hat sie doch Wahnvorstellungen gehabt. Hat sich Sachen eingebildet. Vielleicht erzählt sie in Wirklichkeit nur von einem schrecklichen Albtraum und an der Sache ist gar nichts weiter dran.«
»Ja«, sagte ich. Langsam. Verunsichert. Ich ließ ihre Worte in mich hineinsickern. »Ja, könnte schon sein … aber …«
Ich sah meine Schwester an, und jetzt begann sie zu begreifen, was ich längst wusste. Meine strahlend blauen Augen, die einzigen blauen Augen seit Generationen.
»Aber du musst der Sache auf den Grund gehen«, beendete Pia den Satz für mich. »Die beiden haben sich so geliebt, vor allem damals, als sie aus Brooklyn weg ist und für ihn ihre Familie aufgegeben hat. Das passt doch hinten und vorne nicht zusammen, dass da ein anderer Mann im Spiel gewesen sein soll … Und selbst wenn, dann ändert das ja nichts. Du bist immer noch du. Du bist immer noch unsere Luna.«
Pia konnte nicht wissen, dass ich mich zeit meines Lebens ein wenig fremd gefühlt hatte in unserer Familie. Ein klein wenig außer Takt. Und dass das, was unsere Mutter in ihrer Videobotschaft offenbart hatte, mir ein seltsamer Trost war.
Unser Vater hätte uns gerne begleitet, aber wir konnten ihn überzeugen, zu Hause zu bleiben. Selbst jetzt, Monate später, litt er immer noch enorm unter dem Verlust, und sein Blutdruck war so hoch, dass sein Arzt ihm von einer Flugreise abgeraten hatte. Von dem Video haben wir ihm nichts erzählt. Dabei hätten wir das tun können. Wir hätten ihn rundheraus nach der Wahrheit fragen und ihm dann glauben können. Aber genau das taten wir nicht. Es wäre zu grausam gewesen, ihm innerhalb weniger Monate nicht nur die Frau, sondern auch eine Tochter zu nehmen – auch wenn wir uns hinterher noch genauso lieben würden wie vorher. Ich war sicher, wenn er wüsste, dass ich es wusste, hätte ihn das zu sehr geschmerzt. Darum beknieten wir ihn, zu Hause zu bleiben bei unseren Freunden, die sich um ihn kümmern würden, während wir den Papierkram erledigten. Und vielleicht ein paar Geheimnisse entdeckten. Und einen Teil meiner selbst.
Der Teil, der meiner Mutter am meisten ähnelte, glaubte tatsächlich, sie würde irgendwo in Bay Ridge auf uns warten.
Ihre Schwester Stephanie hatte das Haus sofort verkaufen wollen, als ihr Vater, unser Großvater, 1982 starb. Ständig bekamen wir Post von irgendwelchen Anwälten, und obwohl ich nicht recht verstand, worum es dabei ging, bemerkte ich, dass meine Mutter auf jeden Luftpostumschlag mit Händezittern reagierte. Mum weigerte sich zu verkaufen, und sie gab nicht nach. Sie hatte ihre Gründe, in die sie uns nie einweihte, und vielleicht hatte sie das alles geplant, denn sie hatte ihre Hälfte des Elternhauses Pipi und mir vermacht.
Womit uns nun eine Finanzspritze beschert wäre, die wir beide sehr gut gebrauchen könnten. Einmal nach Bay Ridge fahren, das Haus zum Verkauf anbieten, und im Handumdrehen müsste genügend Geld herausspringen, um meiner Schwester wieder auf die Füße zu helfen, und zwar endgültig. Und ich finde vielleicht Antworten auf Fragen, die ich immer mit mir herumgetragen habe, ohne mir dessen bewusst zu sein.
Pipi – so nenne ich meine Schwester, seit sie geboren ist – sitzt da und verknotet nervös die Finger in ihrem Schoß. Ihre Fingernägel sind brüchig und abgekaut, ihre Knöchel gerötet und rau. Sie kämpft. Nicht im Sinne von prügeln. Aber sie kämpft. Jeden Tag. Gegen den Drang, zum Glas oder zu Tabletten zu greifen. Sie ist vierundzwanzig und seit acht Wochen trocken und clean. Letztes Mal hat sie achtzehn Monate durchgehalten, und ich dachte schon, sie hätte es geschafft – aber dann ist Mum gestorben, völlig unerwartet, ein totaler Schock. Ich habe getan, was ich konnte, um Pipi Halt zu geben inmitten der Trauer und des Chaos, die sie wegzureißen drohten. Aber ich war nicht stark genug.
Dieses Mal werde ich meine Schwester nicht hängen lassen.
Dieses Mal werde ich dafür sorgen, dass sie in Sicherheit ist. Wenn ich mich nur einfach an das halte, was wirklich zählt, an das, was wirklich wahr ist, dann werde ich sie retten können.
Ich lege die Kamera in den Schoß und nehme Pipis Hand. Sie sieht mich durch die rosafarbene, herzförmige Brille an, die sie am Flughafen gekauft hat.
»Wozu hast du eigentlich das olle Ding da mitgebracht?«, fragt sie mich und nickt Richtung Kamera. Es ist die alte Pentax meines Vaters. Die Kamera, durch die er unsere Mutter zum ersten Mal gesehen hat. »Für die würdest du bei eBay keine fünfzig Pfund mehr kriegen. Glaub mir, ich hab nämlich schon versucht, sie da zu verticken. Heutzutage ist einfach alles digital.«
»Ich weiß. Aber das hier ist mehr als eine Kamera, das hier ist ein … Relikt. Es ist ein Stück von Mums und Dads Geschichte, und abgesehen davon betrachte ich die Dinge gerne durch eine Linse. Ich dachte, ich könnte dieselben Sachen fotografieren, die Dad damals fotografiert hat, und ihm die Fotos dann zeigen. Seine Kamera ist ja zum Glück fit genug, um die Reise mitzumachen, im Gegensatz zu ihm, und ich dachte, das würde ihn freuen.«
»Wird es auch.« Pipi nickt. »Du hättest Fotografin werden sollen, nicht Wissenschaftlerin. Für eine Wissenschaftlerin bist du künstlerisch viel zu begabt.«
»Ich bin Physikerin«, erinnere ich sie. »Und ganz viel von dem, was ich tue, ist Kunst. Wie geht es dir?«
»Habe unbändigen Bock auf einen Drink. Oder ein paar Pillen. Oder beides«, sagt sie. »Aber gut, ich bin ja auch wach. Normal.«
Wir schweigen eine Weile.
»Aber wie geht es dir?«, fragt sie schließlich. »Jetzt mal ehrlich?«
Ich zögere. Die ehrliche Antwort wäre, dass ich unendlich wütend und traurig bin, eine Scheißangst habe, mich ziemlich verloren fühle und nicht sicher bin, ob ich je wieder festen Boden unter die Füße bekommen werde. Aber das behalte ich für mich. Unsere geliebte Mutter hat sich mit Tabletten das Leben genommen, und obwohl sich unser gesamtes Familienleben immer nur um ihre Depressionen gedreht hat, hatte das dann doch niemand kommen sehen. Keiner von uns konnte sie retten, und das kann ich mir nicht verzeihen. Und als wäre das nicht genug, weiß ich jetzt, dass ich zur Hälfte von einem Fremden abstamme, dass ich zur Hälfte eine Fremde bin, dass ich einen entscheidenden Teil meiner selbst nicht kenne, und das macht mich fertig.
»Ich glaube, die nächsten Tage werden eine ziemliche Herausforderung werden«, sage ich stattdessen mit Bedacht. »So ganz ohne sie. Ich hab immer gedacht, eines Tages würden wir alle zusammen herkommen – du und ich, Mum und Dad. Ich hab immer gedacht, die Geschichte würde irgendwann ein ordentliches Ende haben, alles würde sich lösen, und Mum würde es besser gehen. Ich dachte, Mum würde irgendwann glücklich werden. Ich hätte nie gedacht, dass sie …«
»Sich umbringt«, beendet Pipi meinen Satz.
»Oh Gott.« Ich senke den Kopf, die Schuldgefühle schnüren mir fast die Kehle zu – warum habe ich das nicht kommen sehen? »Wie kann das sein? Wie kann das wirklich und wahrhaftig passiert sein? Ich habe es nicht kommen sehen. Aber ich hätte es kommen sehen müssen. Ich hätte … Aber ihr schien es doch besser zu gehen. Sie wirkte so froh. Gelöst. Da habe ich mich entspannt, und das hätte ich nicht tun sollen.«
»Vielleicht ist es besser so«, sagt Pipi. »Dass wir alle es nicht kommen sahen.«
»Wie kannst du so was sagen?«
»Luna. Mum war völlig alle. Ständig hat sie sich angestrengt, glücklich zu sein. Unsere ganze Kindheit hindurch hat sie uns und Dad zuliebe tapfer gelächelt. Das hat sie fertiggemacht, aber sie hat durchgehalten, weil sie uns liebte. Ich war über ein Jahr lang trocken, du hattest deinen Doktor in der Tasche und wolltest mit Brian zusammenziehen. Dads Krebsverdacht hat sich in Luft aufgelöst. Meinst du nicht, dass sie vielleicht dachte, jetzt, wo bei uns allen alles läuft, kann sie endlich Schluss machen? Schluss machen mit dem Schmerz und gehen? Meinst du nicht, dass sie vielleicht deshalb glücklicher wirkte? Weil ein Ende in Sicht war?«
Ich weiß nicht, was ich darauf entgegnen soll, und sage nichts.
»Hast du Brian mal gesehen?« Pipi wechselt völlig unbeschwert das Thema – von einer für mich unerträglichen Angelegenheit zur nächsten.
»Nein.« Ich schüttele den Kopf. »Zum Glück nicht. Er ist einfach nicht der Typ Mensch, den man gerne sehen möchte, wenn das Leben … problematisch ist.«
Pipi schnaubt. »Das Leben ist problematisch. Ist klar. Unsere Mutter bringt sich um, und unser ›Leben ist problematisch‹. Ich nehm’s zurück, du bist die perfekte Wissenschaftlerin – durch und durch analytisch.« Ihre Worte treffen mich, was sie mir offenbar ansieht, denn jetzt nimmt sie endlich die alberne Sonnenbrille ab und neigt sich mir zu. »Du weißt, dass ich das nicht so meine«, sagt sie. »Und in Wirklichkeit kannst du von Glück reden, dass du Brian von dieser unerfreulichen Seite kennengelernt hast, sonst hättest du ihn womöglich noch geheiratet. Ist immer gut zu wissen, wer in einer echten Krisensituation zu einem hält. Und er … na ja, weißt schon.«
In der Tat. Ich war dahintergekommen, dass Brian am Tag von Mums Beerdigung einen kleinen Kurzurlaub am Lake District eingelegt hatte – mit einer anderen Frau. Vielleicht hätte es mich mehr schmerzen sollen, schließlich waren wir zwei Jahre ein Paar gewesen und hatten bereits übers Heiraten gesprochen, aber irgendwie machte mir dieser Seitensprung nichts aus. Als ich Brian verließ, wurde mir bewusst, dass ich ihn zwar aufrichtig mochte und respektierte, ihn aber nie wirklich geliebt hatte. Und er wusste das. Wenn ich zurückdenke, bezweifle ich auch, dass er mich je richtig geliebt hat. Ich glaube, er war mehr fasziniert von mir, weil ich so anders war, eine Anomalie – und genau das gefiel ihm als Neurowissenschaftler. Ich war eine Frau, die sich der rationalsten aller Wissenschaften verschrieben hatte, fest entschlossen, sich nicht von ihrem Geschlecht zurückhalten zu lassen – das tat die Welt der Physik, in der ich mich bewegte, bereits zur Genüge.
Im Rückblick wurde mir klar, dass ich mich zu Brian hingezogen fühlte, weil ich dachte, er würde mich verstehen. Ich dachte, er wäre wie ich, aber da hatte ich mich geirrt. Ihm gefielen nicht unsere Gemeinsamkeiten – er interessierte sich für unsere Gegensätze.
Vermutlich war es auch nicht gerade hilfreich, ihm von meinem Geheimnis zu erzählen. Das hätte ich besser bleiben lassen. Aber kurz nach Mums Tod sind mir wieder Dinge passiert, die ich zuletzt als kleines Mädchen erlebt hatte. Und in letzter Zeit passieren sie immer häufiger. Ich sehe Sachen. Menschen … Orte …
Die ich überhaupt nicht sehen kann. Die gar nicht da sind.

2
Du hast jetzt keine Zeit, verrückt zu werden, ermahne ich mich immer wieder. Viel zu viele Leute brauchen dich jetzt. Also reiß dich zusammen. Was anderes bleibt mir ohnehin nicht übrig. Professionelle Hilfe kann ich nicht in Anspruch nehmen. Binnen weniger Stunden würde es in der Forschungsgemeinschaft die Runde machen, dass ich ein psychisches Problem habe, und es ist für mich als Frau unter dreißig ohnehin schon schwer genug, als Forscherin ernst genommen zu werden. Da wäre ich ganz schnell nur noch »die Verrückte«. Und wenn eine Psychose oder Ähnliches festgestellt würde, dann würde diese mit Medikamenten behandelt werden, deren Nebenwirkungen Brian mir bereits sehr anschaulich geschildert hatte. Ich würde nicht mehr richtig denken können.
Und wenn es sich nicht um eine psychische Erkrankung handelt, wenn es die Symptome einer somatischen Erkrankung sind, dann … Egal, ich habe auch keine Zeit, krank zu sein. Das Beste ist, gar nicht dran zu denken und die Sache zu ignorieren.
So schlimm ist es ja auch gar nicht. Diese Episoden treten ganz plötzlich auf und sind genauso schnell wieder vorbei. Wie das Aufblitzen der Sonne, wenn sie auf Glas trifft. Falls es schlimmer werden sollte, kann ich es mir ja immer noch anders überlegen, aber im Moment ist alles gut. Ich meine, ich höre ja keine Stimmen oder so. Brian tippt auf eine Form von Epilepsie, aber ich wollte kein EEG machen lassen, weil ich keine Ergebnisse möchte, die mich zum Handeln zwingen würden. Brian hat mir von einem jungen Franzosen erzählt, der so viele winzige, aber nie nachlassende Anfälle hatte, dass er ständig ein Gefühl von Déjà-vu hatte, so, als hätte er alles schon einmal erlebt. Das Universum in unseren Köpfen birgt mehr Geheimnisse und Rätsel als das Universum, das uns umgibt und das ich schon mein ganzes Leben zu verstehen versuche. Dennoch bin ich sicher, dass die beiden im Grunde dasselbe Phänomen sind. Kein Medikament der Welt wird mich von dem trennen, was wirklich zählt.
Konzentration. Ich muss mich konzentrieren. Auf jede einzelne Sekunde. Auf alles, was wahr ist. Ich muss mich auf Pipi konzentrieren, auf Bay Ridge, auf alles, was wir hier zu erledigen haben. Ich werde versuchen, so oft es irgend geht durch Dads Kameralinse zu gucken, weil – keine Ahnung, wie sich das erklärt – diese … Episoden … offenbar nicht auftreten, wenn ich durch die Kamera sehe. Als wäre die Linse ein Filter.
Also los jetzt. Konzentration.
Ich habe nämlich wirklich absolut keine Zeit, verrückt zu werden. Wir sind da.
Das Taxi bremst ab und bleibt vor unserer Unterkunft stehen – der einzigen Unterkunft, die für diese Reise infrage kam, weil sie nämlich einer der Schauplätze der Liebesgeschichte unserer Eltern ist. Hier hat mein Vater gewohnt, als er für seinen ersten größeren Auftrag als freiberuflicher Fotograf nach Bay Ridge kam: Er sollte sich unter die Filmcrew mischen und hinter den Kulissen des ersten Kinofilms seiner Karriere fotografieren: Saturday Night Fever. Meine kleine Schwester und ich haben den Streifen bestimmt tausendmal gesehen – schon als Kinder, als wir eigentlich noch viel zu jung dafür waren.
»Das sind also die Straßen, durch die Mum und Dad so oft gezogen sind«, sagt Pipi, als wir aus dem Taxi steigen und unsere müden, von der langen Reise steifen Glieder strecken. »Wer weiß, vielleicht haben sie sich genau hier auf dem Bürgersteig geküsst. Oder da, unter dem Baum. Hey, ist das der Baum?«
»Nein, falsche Straße«, sage ich. Ich weiß ganz genau, wo der berühmte Baum sich befindet oder befand. Er steht auf der Liste der Orte, die ich aufsuchen möchte, ganz oben. Ich will sehen, ob es ihn noch gibt, und wenn ja, dann mache ich ein Foto von Mums und Dads in die Rinde geritzten Namen.
Während Pipi den Fahrer bezahlt, halte ich mir die Kamera vors Auge und suche nach demselben Bildausschnitt eines ganz bestimmten Fotos, das ich so oft in Dads Alben gesehen habe. Damals war dieses etwas heruntergekommene Haus hübsch und gepflegt gewesen, es strahlte Stolz und Akkuratesse aus – wie auch an den sorgfältig gepflegten Geranien in den Fensterkästen abzulesen war. Jetzt wirkt Mrs Finkles kleine Pension müde und farblos. Der ehemals makellose blau-weiße Anstrich blättert an vielen Stellen ab, das Blau ist grau geworden, das Weiß gelb wie Raucherzähne. Und doch gibt es immer noch jemanden, der dieses Haus liebt, das spürt man sofort. Ich lasse die Kamera sinken, als ich etwas entdecke, das nicht auf dem alten Foto von Dad war: Auf der Fensterbank gleich bei der Tür steht wie zur Begrüßung eine gut einen halben Meter große Figur der Jungfrau Maria. Sie steht ziemlich schief und neigt sich gefährlich dem Abgrund zu. Sie muss schon lange so riskant dastehen, ihre Farben sind verblasst, ihre gütigen Hände angeschlagen, ihre Augen weiß und blind. Ich sehe noch einmal durch die Linse und schaue dann ohne Kamera hin – ja, sie steht da wirklich.
»Luna und Pia, richtig?« Eine Frau, die nur Mrs Finkle sein kann, steht auf der obersten Stufe in der offenen Tür. Ich hatte ein Hauskleid und Lockenwickler erwartet, doch weit gefehlt. Mrs Finkle ist regelrecht elegant. Das einst vermutlich blonde, jetzt silbergrau glänzende Haar hat sie sich auf der einen Seite hinters Ohr gestrichen. In ihrer schicken weißen Hemdbluse und der hellblauen Jeans-Caprihose sieht sie eher aus wie Lauren Bacall und nicht wie Mrs Finkle. Ich muss lächeln. Ich mag es, wenn ich mich irre, denn sich zu irren ist viel spannender, als immer recht zu haben.
»Ja, genau, hallo!«, begrüße ich sie. »Wir sind Luna und Pia Sinclair.«
»Endlich!« Entzückt klatscht sie auf dem Weg die Stufen hinunter in die Hände, dann nimmt sie mich so fest in den Arm, dass sich mir die Pentax in die Brust drückt. »Lass dich anschauen!« Sie tritt einen Schritt zurück, die Hände auf meinen Schultern, und richtet ihre haselnussbraunen Augen auf mein Gesicht.
»O ja. Ganz klar. Die Ähnlichkeit ist da. Die Nase, die Ohren – und die Haare. Damals, als deine Mutter von hier wegging, da dachte ich, ich würde sie nie wiedersehen. Aber da ist sie: in dir! Ach, und auch in dir!« Sie wendet sich Pipi zu und nimmt sie genauso herzlich in den Arm wie mich. Ich liebe diese Frau schon jetzt. Ich liebe sie dafür, dass sie nichts zu meinen blauen Augen sagt und sich nicht laut fragt, wem ich wohl am ähnlichsten sehe – aber vor allem dafür, dass sie findet, dass ich meiner wunderschönen Mutter ähnele.
»Du hast die verrückten Haare von deinem Vater«, sagt Mrs Finkle und betrachtet lächelnd Pipis wirren Lockenschopf, der eigentlich genauso dunkel ist wie meiner, den sie aber bei jeder sich bietenden Gelegenheit bleicht. »Aber du hast auch was von deiner Mutter. Marissa Lupo trug das Kinn immer ein klein wenig höher als alle anderen. Du auch, wie mir scheint.«
»Echt?« Pipi fasst sich ans Kinn, dann lächelt auch sie. »Cool.«
»Na los, was steht ihr hier draußen rum? Ist doch viel zu heiß. Kommt rein.« Pipi schnappt sich ihre Tasche und folgt Mrs Finkle die sauber gefegten Stufen hinauf, vorbei an der Jungfrau Maria. »Ist wirklich unerträglich dieses Jahr, ich weiß gar nicht mehr, wann wir zuletzt so eine Hitze hatten … Obwohl, doch, ich glaube damals, als euer Vater und die anderen Typen von der Filmcrew bei mir gewohnt haben. Die Hitzewelle von 1977 … Das war vielleicht ein Jahr!«
Ich habe ein Gefühl wie von einem winzigen Stromstoß in meinem Kopf, und das ist immer das erste Zeichen dafür, dass etwas passieren wird. Dann kommt es mir vor, als würde mich jemand beobachten, jeden Quadratzentimeter meiner Haut mit seinem Blick abtasten. Ich könnte versuchen, dieses Summen in meinem Kopf zu ignorieren und einfach ins Haus verschwinden – aber es würde nicht funktionieren. Diese Anfälle hören nur wieder auf, wenn ich mich ihnen stelle.
Während Pipi und Mrs Finkle bereits reingehen, bleibe ich draußen und sehe mich sehr aufmerksam um. Lasse den Blick bis zum Ende der nicht ganz unbelebten Straße wandern. Da steht, wie in goldenes Sonnenlicht getaucht, eine junge Frau und beobachtet mich. Das Licht tänzelt und schimmert, die Gestalt wirkt unscharf. Ich sehe sie nur eine Sekunde, dann ist sie weg und hinterlässt nichts als einen kühlen blauen Schatten. Mir ist schwindelig, ich schließe die Augen. Meine Knie werden weich. Mich schaudert. Ich halte mir die Kamera vors Gesicht und gucke noch einmal. Die Straße ist leer.
Konzentration. Auf das Hier. Und Jetzt.
»Was machst du da, Luna?«, fragt Pipi ungeduldig von der Tür aus und meint damit: »Bitte komm jetzt rein und hilf mir, mit dieser Frau Small Talk zu betreiben«. Ich werfe einen letzten Blick den Gehsteig hinunter und folge meiner Schwester dann ins Haus.
Unsere Gästewohnung ist ganz oben, unterm Dach. Wo die Grenze zwischen Mrs Finkles Territorium und dem ihrer Gäste verläuft, ist deutlich dadurch markiert, dass ihre Galerie gerahmter Fotografien einfach abbricht und eine saubere, weiß gestrichene Treppe beginnt. Die Wohnung ist schön hell und verfügt über ein kleines Schlafzimmer, ein Badezimmer, ein Wohnzimmer mit Schlafsofa und eine Küchenzeile.
»Euer Vater hat euch sicher erzählt, dass ich früher Zimmer vermietet habe«, sagt Mrs Finkle. »Alle Gäste mussten sich ein Bad teilen. Das waren lustige Zeiten.« Sie lächelt. »Aber heutzutage wollen die Leute mehr. Touristen habe ich nur selten zu Gast, die verirren sich kaum je nach Bay Ridge. Normalerweise mieten sich junge Leute hier ein, die eine günstige Bleibe wollen, damit sie es nicht so weit zur Arbeit haben. Ich habe mich so gefreut, als ihr angerufen habt. Meine letzte Mieterin ist mit ihrem Freund zusammengezogen und ich wollte gerade eine Annonce aufgeben. Kommt mir ein bisschen wie Schicksal vor, dass Marissas und Henrys Töchter jetzt bei mir unterkommen. Ich habe die beiden wirklich sehr gemocht.«
»Unser Vater spricht auch in den höchsten Tönen von Ihnen«, sagt Pipi, und das meint sie ganz ernst. Allerdings erwähnt sie nicht, dass Dad uns auch in epischer Breite erzählt hat, wie Mrs Finkle sich in einen der jüngeren Pensionsgäste verguckte und ihn nach allen Regeln der Kunst verführte. »Es tut ihm so leid, dass er nicht mitkommen und Sie wiedersehen konnte. Ich glaube, nachdem er sein ganzes Leben durch die Welt gegondelt ist und alles fotografiert hat, was schön und reich ist, genießt er es einfach nur, zu Hause in seinem Garten zu sitzen und die Hummeln zu beobachten.«
»Das tut mir so leid, das mit eurer Mutter. Und ich finde es auch schade, dass Henry nicht mitgekommen ist«, sagt Mrs Finkle und lächelt dabei etwas geheimnisvoll. »Das waren wirklich tolle Zeiten. Die Crew, die Schauspieler, die Aufnahmen. Ja, in dem Jahr hat es wirklich etwas Sternenstaub über Bay Ridge gerieselt! Und ich habe es in vollen Zügen genossen, dabei eine kleine Nebenrolle zu spielen. Wusstet ihr, dass Travolta fast mal mit zu mir nach Hause gekommen ist?«
»Echt?« Pipi grinst von einem Ohr zum anderen – ihre Hingabe und Bewunderung für Dads ersten größeren Auftrag als Fotograf ist grenzenlos. Sie hatte sich mal alle seine Fotos vom Set von Saturday Night Fever rahmen lassen und in ihrer Wohnung aufgehängt. Als wir jünger waren, hat sie sich den Film mindestens einmal pro Woche angesehen. »Hat er denn hier gewohnt?«
»Nein, nein. Und das war wohl auch besser so.« Mrs Finkle legt sich beide Hände ans Herz. »Sonst hätte ich wirklich für nichts garantieren können. Gott, sah der gut aus! Wie ein Michelangelo in Jeans. Aber jetzt richtet euch erst mal ein. Wenn ihr Lust habt, euch mit mir zu unterhalten, immer gerne, und wenn nicht, ist es auch okay. Ihr habt sicher viel vor. Wollt ihr jetzt endlich das Haus verkaufen?«
»Ja, das haben wir vor«, antworte ich. »Ist jetzt wohl endlich der richtige Zeitpunkt.«

Rowan Coleman

Über Rowan Coleman

Biografie

Rowan Coleman lebt mit ihrer Familie in Hertfordshire. Wenn sie nicht gerade ihren fünf Kindern hinterherjagt, darunter lebhafte Zwillinge, verbringt sie ihre Zeit am liebsten schlafend, sitzend oder mit dem Schreiben von Romanen. Da kann das Bügeln schon mal zu kurz kommen. Rowan wünschte, ihr...

Pressestimmen

Südhessen Woche

»Einfach nur schöööön...«

Kommentare zum Buch

Surreales Familiendrama im gewohnt gefühlvollen, lebensbejahenden Stil der Autorin
Lena am 24.11.2017

Marissa litt über Jahrzehnte an Depressionen und hat ihrem Leben vor einem halben Jahr ein Ende gesetzt. Ihre beiden Töchter Luna und Pia ("Pipi") trauern um ihre Mutter, die sie nur als traurige und gebrochene Frau kannten. Sie hinterlässt ihnen zum Abschied Videos mit Szenen aus ihrem gemeinsamen Leben und den Hinweis, dass die knapp 30-jährige Luna nicht die Tochter ihres Ehemanns und Vaters von Pia ist.   Die beiden Schwestern reisen gemeinsam von London nach Bay Ridge, einem Stadtviertel von Brooklyn/ New York, wo Marissa aufgewachsen ist und ihren späteren Ehemann, den Engländer Henry, kennen und lieben gelernt hat. Luna und Pia haben das Elternhaus von Marissa, das zur Hälfte Marissas Schwester Stephanie gehört, anteilig geerbt. Das Haus ist unbewohnt und in einem stark vernachlässigten Zustand. Es ist der Ort, wo Luna erstmalig eine surreale, über die Grenzen der Zeit hinausgehende Erfahrung macht, und ihrer Mutter im Jahr 1977 begegnet.   Luna sieht eine ganz andere, fröhliche, unbeschwerte und lebenslustige Frau, die sie nie kennenlernen durfte. In ihren Reisen in die Vergangenheit, deren Zeitpunkt und Dauer sie nicht beeinflussen kann, erfährt sie mehr über ihre eigene Herkunft, den Auslöser für Marissas Depressionen und warum sie damals fluchtartig mit Henry nach London gegangen ist.   Luna beschließt alles zu tun, um das Leben ihrer Mutter zu retten und nimmt dabei in Kauf, ihre eigene Existenz auszulöschen.   "Beim Leben meiner Mutter" erzählt das Schicksal von Marissa, die in jungen Jahren schwer traumatisiert wurde und versucht hat, in England mit ihrer Liebe Henry ein neues Leben anzufangen. Die Erlebnisse, die sie offensichtlich nicht verarbeitet hat, wogen allerdings so schwer, dass auch das vermeintliche Familienglück mit zwei Töchtern ihr nicht darüber hinweghelfen konnte. Dreißig Jahre danach nimmt sie sich das Leben und ihre Töchter suchen nach Erklärungen. Luna begibt sich bei der Reise nach New York auch auf die Suche nach ihrer eigenen Identität und muss Erschreckendes erfahren.   Von Rowan Coleman habe ich bereits "Zwanzig Zeilen Liebe" und "Im siebten Sommer" gelesen und auch bei diesem Roman schafft es die Autorin, sich einem heiklen Thema tiefgründig und voller Gefühl und gleichzeitig sehr lebendig und leichtgängig zu widmen. Ich mag ihren angenehmen Schreibstil und die Charakterzeichnungen der Protagonisten, die Ecken und Kanten haben, aber im Herzen gut sind. So ist Marissa nicht nur Opfer, sondern auch Täter, wohingegen Pia ihre Mutter für ihr Drogen- und Alkoholproblem verantwortlich macht.   Dieses Familiendrama unterscheidet sich von den anderen Romanen der Autorin aufgrund der unwirklichen, fantastischen Handlung, auf die man sich einlassen muss. Ich hätte mir zumindest einen Ansatz für eine realistische Erklärung gewünscht, warum Luna immer wieder ins Jahr 1977 reisen kann und hätte dabei auch eine psychische oder physische Erkrankung oder sehr lebendige Träume akzeptiert. Dennoch gefiel mir die Geschichte über die bedingungslose Liebe einer Tochter zu ihrer Mutter über den Tod hinweg trotz der surrealen Aspekte - gerade weil es einmal nicht die Mutter ist, die sich für ihre Kinder opfert. Bis zum Schluss bleibt es spannend, ob Luna es schafft, die Geschichte zu ändern und wie sich diese Eingriff auf ihre eigenes Leben auswirken könnte. Wie alle Romane von Rowan Coleman ist auch dieser trotz aller Schicksalsschläge unheimlich positiv und lebensbejahend und zeigt, dass Menschen über sich hinauswachsen können und dass passend zum Titel im Original "The Summer of impossible Things" nichts unmöglich ist. 

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