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When the Night Falls (Sommer in Kanada 2)

Carina Schnell
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Roman

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When the Night Falls (Sommer in Kanada 2) — Inhalt

Manchmal muss man jemanden verlieren, um sich selbst zu finden

Will hat den perfekten Plan. Nach der Schule möchte er das Tourismusgeschäft seiner Familie im Südosten Kanadas übernehmen und seine Jugendliebe Liv heiraten. Doch alles kommt anders: Liv trennt sich von ihm, um allein auf Weltreise zu gehen und erst einmal sich selbst zu finden. Vier Jahre später hat Will sich gerade von seinem gebrochenen Herzen erholt, da taucht Liv auf einmal wieder in St. Andrews auf. Im Gepäck hat sie neben allerlei Anekdoten auch einen neuen Freund. Trotzdem wird Will das Gefühl nicht los, dass sie noch etwas für ihn empfindet. Doch wie soll er ihr je wieder vertrauen?

Band 2 der Sommer-in-Kanada-Reihe

Carina Schnell schreibt am liebsten Geschichten mit einer ordentlichen Prise Romantik. Die Autorin und Übersetzerin hat selbst eine Weile im wunderschönen Kanada gelebt. Ihr Aufenthalt hat sie zu ihrer Sommer-in-Kanada-Reihe inspiriert.

€ 14,00 [D], € 14,40 [A]
Erschienen am 29.09.2022
384 Seiten, Klappenbroschur
EAN 978-3-492-06282-4
Download Cover
€ 9,99 [D], € 9,99 [A]
Erschienen am 29.09.2022
384 Seiten, WMePub
EAN 978-3-492-60192-4
Download Cover

Leseprobe zu „When the Night Falls (Sommer in Kanada 2)“

Will

Ich war bereit.

Zufrieden rückte ich meine dunkelblaue Fliege im Spiegel zurecht, straffte die Schultern und strich mein Sakko glatt. Es war ein seltsamer Anblick, mich im Anzug zu sehen. Bisher hatte ich in meinem Leben noch nicht oft Gelegenheit gehabt, einen zu tragen. Meine Schultern wirkten breiter, die Beine länger. Meine braunen Locken waren frisch geschnitten, an den Seiten kürzer, oben etwas länger. Irgendwie wirkte ich älter. Reifer. Das gefiel mir. Heute Abend konnte ich jedes bisschen Selbstbewusstsein brauchen, das ich aufbringen konnte.

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Will

Ich war bereit.

Zufrieden rückte ich meine dunkelblaue Fliege im Spiegel zurecht, straffte die Schultern und strich mein Sakko glatt. Es war ein seltsamer Anblick, mich im Anzug zu sehen. Bisher hatte ich in meinem Leben noch nicht oft Gelegenheit gehabt, einen zu tragen. Meine Schultern wirkten breiter, die Beine länger. Meine braunen Locken waren frisch geschnitten, an den Seiten kürzer, oben etwas länger. Irgendwie wirkte ich älter. Reifer. Das gefiel mir. Heute Abend konnte ich jedes bisschen Selbstbewusstsein brauchen, das ich aufbringen konnte.

Der teure Stoff lag kühl auf meiner Haut. Trotzdem war mir heiß, meine Hände waren bereits seit über einer Stunde schweißfeucht, in meinem Magen kribbelte es beinahe schmerzhaft. Zum gefühlt hundertsten Mal wischte ich mir die Handflächen an der teuren Anzughose ab. Ich warf meinem Spiegelbild mit den dunkelbraunen Augen und dem Bartschatten ein gewinnendes, wenn auch leicht schiefes Lächeln zu. Du packst das, sagte ich mir in Gedanken, bevor ich mich der Treppe zuwandte. Trotz meines inneren Aufruhrs waren meine Schritte beschwingt und entschlossen, als die alten Stufen unter meinem Gewicht knarzten. Auf dem Weg nach unten kam ich an unzähligen Kinderfotos von meiner Schwester und mir, Hochzeitsfotos von Mom und Dad und Schwarz-Weiß-Aufnahmen meiner Großeltern vorbei.

Natürlich wartete Mom im Eingangsbereich mit den hohen Fenstern und dem glänzenden Parkett auf mich. Sie hatte Dads alte Kamera in der Hand und strahlte über das ganze Gesicht. „Sieh dich nur an. Du siehst so erwachsen aus, Will!“

„Ach, Quatsch, Mom.“ Ich winkte zerknirscht ab. Ohne Vorwarnung schoss sie ein Foto, sodass ich gegen den grellen Blitz anblinzeln musste.

Meine jüngere Schwester Emilia, die am Türrahmen des Esszimmers lehnte, schnaubte theatralisch. „Wohl eher wie James Bond für Arme.“

Mom warf ihr einen tadelnden Blick zu. „Der Anzug war sündhaft teuer, Emmy!“

Emilia hob entschuldigend die Hände mit den schwarz lackierten Nägeln, warf sich ihr langes, kastanienbraunes Haar über eine Schulter und verdrehte die Augen. Erst letzte Woche hatte sie sich einen Undercut schneiden lassen, was einen riesigen Streit mit unseren Eltern zur Folge gehabt hatte.

„William!“, rief Mom in Richtung Wohnzimmer. „Komm und sieh dir deinen Sohn an, bevor er losfährt.“ Dad grunzte etwas Unverständliches. Er saß über seinen Laptop gebeugt am Esstisch und hackte auf der Tastatur herum. Nichts Ungewöhnliches für einen Samstagabend.

„Ist schon gut, Mom.“ Ich konnte es kaum erwarten, endlich aus dem Haus zu kommen. Sonst würde ich jeden Moment vor Vorfreude platzen.

Zu meiner Überraschung gesellte Dad sich zu uns, mit hochrotem Kopf und einer steilen Falte zwischen den Brauen. Er musterte mich von Kopf bis Fuß, nickte einmal abgehackt und wollte schon wieder ins Wohnzimmer verschwinden.

„Halt!“ Mom packte ihn am Arm und schob ihn neben mich. „Emmy, du auch. Rückt alle zusammen und … lächeln!“

Sie schoss ein Foto von uns dreien, wie wir steif und in gebührendem Abstand zueinander am Fuß der Treppe standen. Ich war wahrscheinlich der Einzige, der auf diesem Foto lächelte. Das fiel mir allerdings nicht schwer, da ich seit Tagen nichts anderes mehr tat. Meine Mundwinkel widersetzten sich der Schwerkraft, indem sie sich pausenlos nach oben reckten.

Dad flüchtete zurück zu seinem Laptop, während Emmy sich an mir vorbei die Treppe hochdrängte.

Mom sah ihr kopfschüttelnd hinterher. „Wenn sie in ein paar Jahren zu ihrem Abschlussball aufbricht, wird sie sich freuen, ihren großen Bruder an ihrer Seite zu haben.“

Das bezweifelte ich. Trotzdem nickte ich und schenkte Mom ein Lächeln.

Sie kam zu mir und rückte meine Fliege gerade, obwohl ich das eben erst getan hatte. Mit glänzenden haselnussbraunen Augen strich sie mir unsichtbare Fusseln von den Schultern und trat dann einen Schritt zurück, um mich nochmals zu begutachten.

„Bello mio“, murmelte sie mit belegter Stimme und schob eine dunkelbraune Strähne zurück in ihren Dutt. Mom war die Einzige, die wusste, was ich heute Abend vorhatte. Mit Ausnahme meiner beiden besten Freunde. Nur war sie nicht besonders gut darin, ihre Gefühle zu verbergen. Das hatte ich von ihr.

Automatisch schob ich eine Hand in meine Hosentasche und tastete nach der kleinen, samtbezogenen Schachtel darin, wie ich es in der letzten halben Stunde schon hundertmal getan hatte.

„Sie wird Ja sagen“, flüsterte Mom und gab mir einen Kuss auf die Wange.

Mein Herz schwoll noch mehr an, sodass ich glaubte, es müsste jeden Moment meinen Brustkorb sprengen. Mom strich mir eine Locke aus der Stirn und gab dann den Weg zur Tür frei.

Meine nagelneuen, frisch polierten Schuhe klackten laut auf dem Parkett. Kühle Frühlingsluft schlug mir entgegen, als ich die Haustür öffnete. Allerdings lag heute schon der erste Hauch von Sommer in der Luft. Vor dem Haus blühten Tulpen und Primeln, ihr Duft vermischte sich mit der salzigen Brise, die vom Meer heranwehte. Es war noch nicht vollständig dunkel, doch ich hoffte, dass sich die Sonne mit dem Untergehen beeilen würde. Für meinen Plan brauchte ich den Schutz der Nacht.

Mit weichen Knien ging ich durch unseren gepflegten Vorgarten, schloss kurz die Augen, um dem Zwitschern der Vögel und dem Verkehr auf der fernen Water Street zu lauschen, genoss die Wärme der letzten Sonnenstrahlen. Es war der perfekte Abend für den perfekten Plan.

Ich seufzte leise und konnte plötzlich gar nicht schnell genug durch das Gartentor zur Einfahrt kommen.

Mit zitternden Fingern und flatterndem Herzen stieg ich in den silbernen Pick-up-Truck, ein frühzeitiges Geschenk von meinen Eltern zum Highschool-Abschluss.

Ich startete den Motor und sah mich noch einmal zur Haustür um. Natürlich stand Mom dort, um mich zu verabschieden. Sie hatte eine Hand auf ihr Herz gepresst und winkte mir mit tränenfeuchten Wangen. „Viel Glück“, formte sie lautlos mit den Lippen. Meine Mundwinkel wanderten noch höher. Ich ließ die Scheibe herunter, streckte die Hand aus dem Fenster und winkte ihr zurück.

Als hätte es sich jemand für mich gewünscht, ertönten in diesem Moment die ersten Klänge von Marry you von Bruno Mars im Radio. Hochzeitsglocken. Mein Magen kribbelte, und ich packte das Lenkrad fester, als ich rückwärts aus der Einfahrt fuhr.

Ich war bereit.



Liv

Ich tanzte zu David Bowie durch mein Zimmer. Meine nackten Füße versanken im weichen Teppich, die Zehennägel hatte ich silbern lackiert. Singend drehte ich mich einmal um mich selbst und pustete mir eine blonde Strähne aus der Stirn. Als ich am Spiegel vorbeitanzte, gefiel mir, was ich sah. Ich trug kein weit ausgestelltes Prinzessinnenkleid, wie es die meisten Mädchen in meinem Alter zur Prom gewählt hätten, sondern ein eng anliegendes Wickelkleid aus dunkelblauem Samt, das mir bis zu den Knien reichte und meine helle sommersprossige Haut perfekt in Szene setzte. Außerdem ließ es mir die Beinfreiheit, um heute Abend ordentlich zu tanzen.

Denn es gab etwas zu feiern.

Mein Blick fiel auf den geöffneten Umschlag, der zwischen unzähligen Nagellackfläschchen, Kaugummipackungen und alten Schulbüchern auf meinem Schreibtisch lag. Es war eine Zusage der Universität Genf, Studiengang Internationale Menschenrechte. Wie schon seit Tagen machte mein Herz bei diesem Gedanken einen aufgeregten Sprung. Ich konnte es immer noch kaum fassen, dass mein Traum in Erfüllung gegangen war. Dass ich St. Andrews tatsächlich bald verlassen würde. Das Semester würde zwar erst im September beginnen, doch ich war bereit für Europa. Bereit, die Welt zu entdecken. Bereit, aus dieser verschlafenen Kleinstadt zu verschwinden. Bereit für meine Zukunft.

Allein bei der Vorstellung, noch länger hierzubleiben, rückten die Wände meines Zimmers auf mich zu. Plötzlich hörte ich die Musik nicht mehr, da mir das Blut laut in den Ohren rauschte. Meine Brust wurde eng, und ich blieb wie erstarrt stehen, um mich auf meine Atmung zu konzentrieren. Beide Hände auf den Schreibtisch gestützt, schloss ich die Augen und tat einen Moment nichts, als langsam ein- und wieder auszuatmen.

Im Bewältigen dieser Panikattacken war ich in letzter Zeit Expertin geworden. Bereits seit Monaten fühlte ich mich eingesperrt, als lebte ich in einem Käfig, der sich immer mehr um mich zusammenzog. Das Gefühl, nicht atmen zu können, war zu meinem täglichen Begleiter geworden. Als vorgestern die Zusage der Schweizer Universität gekommen war, hatte ich deshalb keinen Augenblick gezögert. Der Flug war gebucht. Ich hatte mich auf ein Zimmer im Studentenwohnheim beworben. Meine Reiseroute durch Europa stand bereits seit Jahren fest.

Ich öffnete die Augen und musterte die Weltkarte an der Wand über meinem Bett, auf der ich mit Stecknadeln all die Orte markiert hatte, die ich bereisen wollte. All die Wunder, die da draußen auf mich warteten. Langsam verschwand das beklemmende Gefühl und wurde von kribbeliger Vorfreude abgelöst. Noch fünf Tage in diesem Kaff. Fünf Tage, bevor mein Leben endlich beginnen würde.

Vor mich hin summend trug ich beerenfarbenen Lippenstift auf und wuschelte mir durch die langen blonden Wellen, die vom Duschen noch leicht feucht waren. Mit einem letzten Blick auf den Brief auf meinem Schreibtisch eilte ich aus dem Zimmer. Meine Beine waren zwar noch etwas wackelig, doch ich schüttelte mein Unbehagen ab wie eine Schlange ihre alte Haut. Es gab nun schließlich keinen Grund mehr dafür.

Als ich die Treppenstufen hinunterhüpfte, lag das Haus still und dunkel da. Meine Eltern waren auf irgendeiner Kunstausstellung in St. John. Natürlich war das wichtiger als der Abschlussball ihrer Tochter. Was bedeutete schon das Ende der Highschool, verglichen mit den Freuden der Kunst? Derartige Gedanken versetzten mir schon lange keinen schmerzhaften Stich mehr wie früher, als ich noch klein gewesen war. Ich hatte mich längst daran gewöhnt, alles allein zu schaffen.

Eilig tapste ich durch den dunklen Flur. Eine Diele knarzte unter meinen nackten Zehen. Das Licht der Abendsonne spendete gerade genug Licht, um meine Schuhe zu finden. Es waren silberne Riemchensandalen mit einem nicht besonders hohen, aber breiten Absatz, mit dem ich die ganze Nacht durchtanzen konnte. Ich freute mich darauf, einen letzten Abend mit meinen Freunden zu verbringen, bevor es nach Europa ging. Tortenschlacht mit Jack, Dance-Battle mit Blake und heimliche Schlucke aus dem Flachmann, den Fiona an den Aufsehern vorbeischmuggeln würde.

Und Will. Wir würden sicher irgendwann von der Tanzfläche verschwinden, um ein letztes Mal in den leeren Gängen unserer Highschool rumzumachen. Ich war nicht sicher, wie er meine Abreise aufnehmen würde, doch gleichzeitig konnte ich es kaum erwarten, allen meinen Freunden von meinem großen Abenteuer zu erzählen. Das hatte ich mir für heute Abend aufgespart. Wenn wir schon das Ende einer Ära feierten, konnten wir auch gleich auf den Beginn einer neuen anstoßen.

Ich warf einen raschen Blick auf die Wanduhr im Wohnzimmer. Mist, schon so spät! Will hatte mich gebeten, mich um acht Uhr hinter der Turnhalle mit ihm zu treffen. Er war immer pünktlich, also würde ich ihm den Gefallen tun, es diesmal auch zu sein. Eilig schnappte ich mir meine Handtasche von der klapprigen Bank neben dem Eingang und schlüpfte in die frische Abendluft hinaus.

Als ich die Haustür hinter mir schloss, achtete ich darauf, zweimal abzuschließen. Einen Schlüssel hatte ich schon seit der ersten Klasse. Rührei und Pasta konnte ich zubereiten, seit ich vier war. Die frühe Selbstständigkeit war notwendig gewesen, um in einem Haushalt zu überleben, in dem Kunst über alles ging. Selbst über das kleine Mädchen mit den blonden Zöpfen, das sich nichts sehnlicher wünschte, als Sonntagsausflüge mit seinen Eltern zu machen und wie die anderen Kinder eine Brotbüchse mit Käsesandwiches für die Schulpause zu bekommen.

Auf dem Weg durch den Vorgarten winkte ich unserer Nachbarin zu, die gerade ihre Katze Princess Purrfect an der Leine an unserem Haus vorbeiführte. „Amüsiert euch gut, Liebes“, rief sie mir mit einem wissenden Lächeln zu.

„Danke, Mrs Crawford! Haben Sie auch einen schönen Abend.“

Natürlich wusste die ganze Stadt, dass heute der Abschlussball der Highschool stattfand. In St. Andrews wusste jeder über alles Bescheid – selbst über Dinge, die niemanden etwas angingen. Da war sie wieder, die bleierne Schwere, die auf meinen Brustkorb drückte. Ich presste mir eine Hand aufs Herz und geriet auf den unebenen Pflastersteinen kurz ins Straucheln. Keuchend konzentrierte ich mich auf meine Schritte und die silbernen Zehennägel, die vorne aus meinen Sandalen herauslugten.

Nicht mehr lange, erinnerte ich mich in Gedanken. Bald bist du frei.

Die Vorstellung, in wenigen Tagen in einer großen Stadt zu leben, unbemerkt in der Masse von Menschen, Farben und Gerüchen zu verschwinden, völlig neu anzufangen, zu sein, wer immer ich sein wollte, machte mich ganz schwindelig vor Glück.

Als ich vor meinem Auto zum Stehen kam, ging mein Atem bereits wieder gleichmäßig. Ich rüttelte mehrfach an der Tür meines knallgelben Käfers namens Metterming, dem Vorgängermodell des VW-Beatle. Es war ein Wunder, dass der uralte Wagen noch nicht auseinandergefallen war, doch ich liebte ihn heiß und innig. Neben meinen Freunden und meiner Granny war Metterming eins der wenigen Dinge, die ich vermissen würde.

Als ich es endlich geschafft hatte, die Tür zu öffnen, seufzte ich erleichtert. Manchmal blieb der Schlüssel im leicht verrosteten Schloss stecken, sodass man ihn nur mit Schmiere oder etwas Butter herausbekam. Dann wäre ich wirklich zu spät gekommen.

Als ich einstieg, begrüßte mich ein bunter Haufen Hubba-Bubba-Papier auf dem Beifahrersitz mitsamt dem beißenden Melonengeruch meiner Lieblingskaugummis. Auf der Rückbank stapelten sich Bücher, hauptsächlich feministische Schriften und Werke von Jane Austen und Virginia Woolf.

Ich steckte mir einen Kaugummi in den Mund und checkte meinen Lippenstift im Rückspiegel. Dann hielt ich einen Moment inne und sah mir in die grünen Augen. In ihnen lag ein verheißungsvolles Funkeln. Bald, schienen sie mir zuzuflüstern. Bald beginnt dein Leben so richtig.

Mit einem breiten Lächeln und Tausenden tanzenden Glühwürmchen im Magen ließ ich den laut knatternden Motor an. Im weichen Licht der untergehenden Sonne fuhr ich durch die langsam dunkler werdenden Straßen von St. Andrews in Richtung unserer Highschool.

Zum letzten Mal.



Will

Ich parkte meinen Wagen hinter der Turnhalle, in der die Prom stattfand. Laute Musik drang aus dem Gebäude. Die ersten Gäste strömten bereits durch den Haupteingang auf der anderen Seite. Liv hatte nicht gewollt, dass ich sie an diesem Abend abholte, sondern vorgeschlagen, dass wir uns auf der Feier trafen. Heute war mir das recht, denn es gab mir Zeit, alles vorzubereiten. Außerdem hatte ich ihrem starken Drang nach Selbstbestimmung und Freiheit sowieso nie viel entgegenzusetzen gehabt. Das war eins der Dinge, die ich so sehr an ihr liebte.

Jack und Blake, meine beiden ältesten Freunde, warteten bereits auf der weiten Rasenfläche zwischen Turnhalle und Footballfeld auf mich. Hier war es ruhiger, die Musik war kaum noch zu hören, und keine Menschenseele würde heute Abend herkommen. Deshalb hatte ich diesen Ort ausgewählt. Und weil Liv und ich uns hier in den Pausen oft heimlich getroffen hatten. Nicht weit weg vom Schulhof, aber weit genug für Zweisamkeit. Sie liebte die Ruhe hier, nur durchbrochen vom Zwitschern der Vögel in den nahen Bäumen.

Im Näherkommen hob ich meine prall gefüllte Sporttasche wie eine Trophäe über den Kopf. Jack und Blake jubelten im Chor.

„Alles klar, Mann?“ Jack schlug mir auf den Rücken. „Bist du bereit?“

„So bereit, wie man nur sein kann“, antwortete ich grinsend.

„Das wird episch.“ Blake hielt mir seine Faust hin, gegen die ich mit meiner stieß. Seine umbrabraunen Fingerknöchel bildeten einen starken Kontrast zu meiner blassrosa Haut.

Das Kribbeln in meinem Magen verstärkte sich, als ich die Tasche abstellte und den Reißverschluss öffnete. Sie war mit vierzig Teelichtern in kleinen Gläsern gefüllt, die wir auf dem leicht ansteigenden Hang unter Livs Lieblingsbaum zu einem Herz anordnen würden.

Ich warf einen raschen Blick auf meine Armbanduhr. „Wir müssen uns beeilen. Ich habe Liv gesagt, sie soll um acht hier sein.“

Gut gelaunt machten wir uns daran, die Teelichter aufzustellen. Mein Herz klopfte mit jeder verstreichenden Sekunde schneller, bis ich das Gefühl hatte, augenblicklich vor Nervosität umzufallen. Ich konnte mich kaum auf Blakes Witze und Jacks gute Ratschläge konzentrieren. Dennoch war ich froh, die beiden an diesem Abend an meiner Seite zu wissen.

Nachdem wir alle Kerzen angezündet hatten, trat ich einen Schritt zurück, um unser Werk zu begutachten.

„Danke, ihr beiden“, murmelte ich ergriffen. „Es ist wirklich schön geworden.“ Ich blinzelte eilig, bevor sich eine Träne aus meinem Augenwinkel lösen konnte, und verfluchte einmal mehr, dass ich so nah am Wasser gebaut war. Die beiden schienen es jedoch nicht zu bemerken. Sie klopften mir zum Abschied auf die Schulter.

„Viel Glück.“ Jack fuhr sich durch das honigblonde Haar. „Aber ich glaube nicht, dass du es brauchen wirst. Liv und du, ihr seid füreinander bestimmt.“

Ich lächelte ihm dankbar zu und sah den beiden hinterher, als sie in der zunehmenden Dunkelheit in Richtung Turnhalle verschwanden.

Dann wandte ich mich dem flammenden Herz zu. Der flackernde Feuerschein erinnerte mich an Liv. An das Feuer in ihren leuchtend grünen Augen. An ihr Lachen, das immer ausgelassen, immer echt war. Und an die unzähligen Sommersprossen in ihrem Gesicht, die ich so oft zu zählen versucht hatte, obwohl es unmöglich war, da ständig neue hinzukamen. Wir waren mittlerweile schon lange zusammen. Nie hatte ich einen Menschen so gut gekannt wie sie, und nie hatte mich ein Mensch so gut gekannt. Lächelnd erinnerte ich mich daran, wie ich sie in der siebten Klasse auf Fionas Geburtstag gefragt hatte, ob sie meine Freundin sein wollte. Schon damals hatte ich gewusst, dass sie die Frau für mich war. Die einzige, die ich je geliebt hatte und je lieben würde. Sie hatte frech in meinen Muffin gebissen und mit schokoladenverschmierten Lippen Ja gesagt.

Hoffentlich würde sie das heute Abend wieder tun.

Ich wischte mir rasch über das Gesicht. Jetzt werd nicht sentimental. Dafür ist später noch genug Zeit.

Zur Ablenkung zog ich mein Handy aus der Hosentasche, um ein Foto von dem flammenden Herz zu schießen. Es war fünf vor acht.

Noch fünf Minuten, bevor sich mein Leben für immer verändern würde. Abermals wischte ich mir die feuchten Handflächen an meiner Hose ab und starrte in die Richtung, aus der Liv jeden Moment kommen würde.



Liv

Schon von Weitem erkannte ich flackernden Kerzenschein im Gras. Der Hang stieg hinter der Turnhalle leicht an, und darauf … leuchtete ein riesiges Herz. Meine Mundwinkel hoben sich wie von selbst. Natürlich hatte Will, der notorische Romantiker, eine Überraschung für unseren Abschlussball geplant.

Er stand vor den flackernden Teelichtern und sah umwerfend aus. Sein lockiges braunes Haar wurde von der leichten Brise gezaust. Sein eleganter schwarzer Anzug war perfekt geschnitten. Wie immer, wenn er nervös war, rieb er sich über den Dreitagebart, den er als einziger Junge unserer Highschool schon hatte, seit wir sechzehn waren. Daraufhin färbte sich die helle Haut seiner Wangen leicht rosa. Seine tiefbraunen Augen glühten förmlich, als er mir entgegentrat. „Liv, du siehst wunderschön aus.“

„Du hast dich aber auch ordentlich schick gemacht.“ Ich küsste ihn auf den Mund und umarmte ihn fest.

Er hielt mich eine Weile an sich gepresst, sein Kinn auf meinem Kopf, sein frischer Duft nach Meer und Wind in meiner Nase. Täuschte ich mich, oder zitterte er ganz leicht? Als er zu mir herabsah, war sein Blick so intensiv, dass ich beinahe darin versunken wäre.

„Das alles ist wirklich schön“, raunte ich nah an seinem Mund. „Hast du das nur für mich vorbereitet?“

Er nickte. Lächelnd fuhr ich ihm mit der Hand durch die leicht kratzigen Bartstoppeln und seufzte wohlig auf. Noch etwas, das ich vermissen würde. „Du willst wohl, dass unsere Prom unvergesslich wird, was?“

Er lachte leise, seine Brust vibrierte unter meinen Fingern. „Kann man wohl sagen, ja.“ Er trat einen Schritt zurück und hob eine rote Rose vom Boden auf. „Die ist auch für dich.“

„Oh, vielen Dank.“ Verschmitzt deutete ich einen Knicks an und nahm sie entgegen. „Du hast dich aber wirklich ins Zeug gelegt.“ Wills Hand fuhr in seine rechte Hosentasche, als er scheu lächelte. „Das trifft sich gut“, fuhr ich fort, „weil ich etwas Wichtiges mit dir besprechen wollte.“

„Echt?“ Überrascht zog er die Hand aus der Hosentasche. „Ich habe nämlich auch etwas Wichtiges mit dir zu besprechen.“

„Okay.“ Ich grinste. „Du zuerst.“

Schon wieder vergrub er eine Hand in seiner Hosentasche. War das ein neuer Tick?

Ich hob die Rose an meine Nase und roch daran. Ihr starker Duft machte mich ganz benommen. Als ich wieder aufblickte, stand Will noch dichter vor mir. So dicht, dass ich wieder seinen vertrauten Geruch einatmete und ihn am liebsten gleich noch einmal geküsst hätte.

Doch plötzlich ging Will vor mir auf ein Knie, und meine Welt kippte von einem Moment auf den nächsten.

Carina Schnell

Über Carina Schnell

Biografie

Carina Schnell ist gelernte Übersetzerin, spricht mehrere Sprachen und hat in verschiedenen Ländern gelebt. Ihr Herz hat sie allerdings an Kanada verloren. Nach dem Abi lebte und arbeitete sie einige Zeit in Toronto und hat Familie in einem gewissen kleinen Küstenstädtchen namens St....

Veranstaltung
Signierstunde
Samstag, 22. Oktober 2022 in Frankfurt am Main
Zeit:
14:00 Uhr
Ort:
Frankfurter Buchmesse/Stand, Frankfurt am Main
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Lesung und Gespräch
Samstag, 22. Oktober 2022 in Frankfurt am Main
Zeit:
16:00 Uhr
Ort:
Azubistro Stand/Frankfurter Buchmesse, Frankfurt am Main

Lesung und Gespräch zwischen den Autorinnen beim Azubistro des mediacampus auf der Frankfurter[...]

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Weitere Titel der Serie „Sommer in Kanada“

Die Weite Kanadas und ein kleines Küstenstädtchen – in den drei Bänden der New-Adult-Romance von Carina Schnell sprühen die Funken!

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