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Sieben minus einsSieben minus einsSieben minus eins

Sieben minus eins

Kriminalroman

Paperback
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Sieben minus eins — Inhalt

Der Meister des Schwedenkrimis erfindet sich neu - Arne Dahl so psychologisch raffiniert wie nie zuvor!

Als er das blutverschmierte Kellerloch sieht, ist sich Kriminalinspektor Sam Berger sicher: Das unerklärliche Verschwinden der jungen Frau ist kein Einzelfall. Und diese geheimnisvolle Molly Blom, die an allen Tatorten gesehen wurde, hat etwas damit zu tun. Doch als er ihr endlich gegenüber sitzt, dreht sich der Spieß um. Auf einmal ist es Sam Berger, der hier gerade verhört wird. Und Molly Blom ist nicht, wer sie vorgibt zu sein. Doch ob sie es wollen oder nicht: Da draußen quält ein perfider Täter junge Frauen. Nur zusammen haben Sam und Molly eine Chance, ihm auf die Schliche zu kommen. Denn sie machen eine schockierende Entdeckung: Sie beide verbindet etwas mit dem Täter. Etwas, das lange Zeit tief in ihrer Vergangenheit begraben lag.

€ 16,99 [D], € 17,50 [A]
Erschienen am 01.09.2016
Übersetzt von: Kerstin Schöps
416 Seiten, Klappenbroschur
EAN 978-3-492-05770-7
€ 10,00 [D], € 10,30 [A]
Erschienen am 01.03.2018
Übersetzt von: Kerstin Schöps
416 Seiten, Broschur
EAN 978-3-492-31181-6
€ 9,99 [D], € 9,99 [A]
Erschienen am 01.08.2016
Übersetzt von: Kerstin Schöps
416 Seiten, WMEPUB
EAN 978-3-492-97559-9

Leseprobe zu »Sieben minus eins«

1

Das Espenlaub zittert. Obwohl es so windstill ist, lassen die Espen ihr rauschendes Lied erklingen, sie ergießen ihr drängendes Flüstern über die Sommerwiese, die im gleißenden Licht liegt. Er kann das hören, obwohl er so schnell wie nie zuvor durch das Gras rennt, das ihm bis zur Brust reicht.
Kurz bevor sich die Wiese lichtet, nimmt das Rauschen zu. Er wird langsamer. Die Bäume scheinen auf ihn zuzukommen, als würde ihn jemand aus einer anderen Zeit bedrängen. Er gerät ins Stolpern, und das Rauschen nimmt plötzlich wieder ab. Er strauchelt, und als [...]

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1

Das Espenlaub zittert. Obwohl es so windstill ist, lassen die Espen ihr rauschendes Lied erklingen, sie ergießen ihr drängendes Flüstern über die Sommerwiese, die im gleißenden Licht liegt. Er kann das hören, obwohl er so schnell wie nie zuvor durch das Gras rennt, das ihm bis zur Brust reicht.
Kurz bevor sich die Wiese lichtet, nimmt das Rauschen zu. Er wird langsamer. Die Bäume scheinen auf ihn zuzukommen, als würde ihn jemand aus einer anderen Zeit bedrängen. Er gerät ins Stolpern, und das Rauschen nimmt plötzlich wieder ab. Er strauchelt, und als er wieder nach vorn blickt, ist der goldblonde Haarschopf vor ihm fast schon verschwunden in dem hohen Gras, und er ist gezwungen, sich anzustrengen, um nicht abgehängt zu werden.
Es ist einer jener Sommertage, die es viel zu selten gibt. Federleichte Wolken ritzen zarte Kratzer in den hellblauen Himmel, jeder einzelne Grashalm schimmert in seinem ganz eigenen grünen Farbton.
Sie sind weit gelaufen, zuerst den viel zu trostlosen Weg von der Bushaltestelle, dann über diese Wiese, und von dort konnten sie in der Ferne das Glitzern des Wassers sehen.
Um auf diese Entfernung das Bootshaus erkennen zu können, darf er nicht so schnell rennen, das ist ihm bewusst, aber er weiß, dass es dort steht, verborgen hinter den Bäumen am Strand, grün-braun und hässlich und einfach nur sagenhaft.
Der goldblonde flatternde Haarschopf wird langsamer. Während er sich zu ihm umdreht, weiß er, dass er wieder staunen wird. Er hat nie aufgehört zu staunen, ihm würde es niemals gelingen, damit aufzuhören. Und als die ersten Konturen des kantigen Profils sichtbar werden, hört er es wieder.
Es stehen keine Espen in der Nähe. Und dennoch hört er plötzlich nichts anderes als das Rauschen des Espenlaubs, das zu einem Flüstern und dann zu einem Lied wird.
Irgendwo ist jemand, der etwas von ihm will.
Dann stehen sie sich gegenüber, Auge in Auge.
Er muss glucksen.


2
Sonntag, 25. Oktober, 10:14
Das Espenlaub zitterte, und obwohl der Himmel auf mittelalterliche Weise dunkel und verhangen vom Regen war, erschien das Rauschen der Blätter viel zu laut. Berger schüttelte den Kopf, vertrieb so alle unerwünschten Gedanken und zwang sich, den Blick von den Baumwipfeln zu nehmen. Augenblicklich spürte er wieder die Kälte der morschen, fast schwammigen Holzwand an seinem Rücken.
Er warf einen Blick hinüber zu den anderen Ruinen des Sommerhausgrundstücks, die in dem zunehmenden Regen kaum auszumachen waren. Je zwei Kollegen kauerten davor, alle mit triefend nassen schusssicheren Westen und den Waf­fen im Anschlag. Die Blicke waren auf Berger gerichtet. Sie warteten auf sein Zeichen. Er drehte sich um und sah in ein Paar Rehaugen, die weit aufgerissen waren. Das Wasser lief über Deers Gesicht, als wäre ihr Kopf ein weinendes Auge.
Sechs Bullen auf einem verlassenen Grundstück im Platzregen.
Berger spähte um die Ecke. Die Hütte konnte er von dort nicht ausmachen. Aber sie hatten sie vorhin gesehen, als sie sich von der Seitenstraße angeschlichen und auf dem Grundstück verteilt hatten. Nun hatte sie der Regen verschluckt.
Er holte tief Luft, es ließ sich nicht länger aufschieben.
Daher folgte ein kurzes Nicken, und die ersten beiden Männer stürmten geduckt durch den Regen. Ein Nicken in eine andere Richtung, und zwei weitere Männer folgten ihnen durch die dicke Suppe. Dann machte sich auch Berger auf den Weg, begleitet von schluchzenden Atemgeräuschen hinter ihm.
Die vier geduckt rennenden Gestalten strahlten eine große Ernsthaftigkeit und Entschlossenheit aus, obwohl Berger nur ihre Rücken sehen konnte.
Holzplanke für Holzplanke tauchte die Hütte aus dem Nebeldunst auf. Dunkelrot mit weißen Ecken, schwarze Jalousien, kein Lebenszeichen. Und der Regen weigerte sich nachzulassen.
Sie waren jetzt ganz nah. Vielleicht sogar nah an der Auflösung.
Berger wusste, dass er so nicht denken durfte. Nur die Gegenwart zählte. Das Hier und Jetzt.
Sie kamen alle an den untersten Stufen der vergilbten und abgeblätterten Veranda zusammen. Wasserfallartig ergossen sich zwei Regenrinnen vor ihren Füßen. Der Boden war sumpfig und von Nässe durchtränkt.
Erneut wandten sich die Männer ihm zu. Vier Augenpaare und Deers Atemgeräusche in seinem Rücken. Er nickte. Daraufhin schlichen zwei der Männer die Verandatreppe hinauf. Dem Kleineren der beiden leuchtete das Adrenalin aus seinen hellgrünen Augen, der Größere trug den Rammbock.
Berger gab ihnen ein weiteres Zeichen. Erinnerte sie mit einer Geste an seine Warnung: Achtet auf Sprengfallen und Selbstschussanlagen!
Auf einmal war der Regen ihr Vertrauter geworden, ein Gehilfe. Sein Prasseln auf den Dachziegeln übertönte die Schritte der Männer. Der Rammbock wurde nach hinten ge­­schwungen, gleichzeitig entsicherten die anderen ihre Waffen. Erst als die Tür getroffen wurde, drang ein weiteres Ge­­räusch durch den Lärm des Regens. Ein dumpfes Krachen von splitterndem Holz.
Dahinter tat sich ein großes dunkles Loch auf.
Der Hellgrünäugige schlich hinein, die Waffe im Anschlag. Ein paar Sekunden verstrichen. Sie fühlten sich wesentlich länger an.
Berger hörte seinen eigenen Atem durch das Regenprasseln, sonderbar langsam und gleichmäßig. Die Zeit zog sich unendlich in die Länge.
Da durchdrang ein Schrei den Lärm des Unwetters. Aber er klang nicht menschlich. Dann veränderte sich der Laut, war jetzt eher fassungslos als leidend. Der Klang reiner Todesangst.
Der Beamte mit den hellgrünen Augen wankte aus der Dunkelheit ins Freie. Er war kreidebleich. Seine Dienstwaffe fiel auf den Boden der Veranda. Erst als er zusammenbrach, verwandelte sich der Laut wieder in einen Schrei. Aber noch immer klang er nicht menschlich. Das Blut des Mannes vermischte sich mit dem Wasser auf den Holzplanken, während ihn zwei Kollegen in Sicherheit brachten. In seinen Oberarmen steckten Messerklingen.
Berger hörte sein Stöhnen, den Schmerz. Ein Schmerz, der weder verweilen noch vergehen durfte. Er warf einen kurzen Blick in die Hütte, starrte in die Dunkelheit, dann zog er den Kopf zurück. Er drehte sich zu Deer um, die unter dem Fenster kauerte, die Waffe im Anschlag, die Taschenlampe in der anderen Hand, die braunen Augen vollkommen klar und wach.
»Selbstschussanlage«, flüsterte sie.
»Wir sind schon wieder zu spät«, erwiderte er mit lauter Stimme und betrat die Hütte.
Der Mechanismus, der die Messer abgefeuert hatte, war an der Wand im Flur angebracht. In einer bestimmten Höhe, in eine bestimmte Richtung. Deer hielt die Taschenlampe auf die linke Seite des Flurs, eine angelehnte Tür. Wahrscheinlich führte sie ins Wohnzimmer.
Der Schrei auf der Veranda hatte mittlerweile an Lautstärke zugenommen, jetzt überwog der Schmerz die fassungslose Todesangst. Und paradoxerweise schwang Hoffnung darin mit. Es war der Schrei eines Mannes, der wusste, dass er überleben würde.
Berger hob seine Taschenlampe, aber bevor er sie einschaltete, gab er den verbliebenen Einsatzbeamten ein Zeichen damit: die Treppe zur Rechten der Eingangstür, die nach oben führte. Er machte eine ungelenke Geste mit der Lampe, um zu verbergen, dass seine Hand zitterte.
Die Kollegen schlichen die Stufen hoch, die Lichtkegel ihrer Lampen zuckten über die Wand, dann verschwanden sie. Berger sah zu Deer und nickte. Sie wandten sich der an­­gelehnten Tür zu. Durch den Spalt drang reinste Dunkelheit.
Sie zogen die Spiegel aus den Taschen, Rückspiegel an Stielen, mit denen sie das Innere des Türrahmens absuchten. Keine Anzeichen für weitere Fallen. Berger schob sich als Erster in den dunklen Raum, Deer dicht hinter ihm, sie gaben einander Deckung. Das Licht der Taschenlampen offenbarte ein kaltes und karges Wohnzimmer, dann ein ­klinisch sauberes, kleines Schlafzimmer und eine blankgescheuerte Küche. Es roch nach gar nichts.
Die Küche erstickte die letzte Hoffnung. Blitzblank.
Und so leer.
Sie kehrten in den Flur zurück, als die Kollegen die Treppe herunterkamen. Der vordere schüttelte wortlos den Kopf.
Im Flur war es jetzt heller.
Der verletzte Kollege draußen schrie nicht mehr, er jammerte. Zwei lange, schmale Messerklingen ohne Schaft lagen auf der Veranda. Der Regen hatte das Blut weggespült und die Veranda gesäubert.
Blitzblank.
Berger trat hinaus. Ein Notarztwagen hielt vor dem Gartentor, das zu dem großen verwahrlosten Grundstück führte, wo bereits zwei Streifenwagen mit Blaulicht neben zwei Übertragungswagen verschiedener Fernsehanstalten standen. An der Absperrung sammelten sich die ersten Schau­lustigen. Mittlerweile nieselte es nur noch.
Bergers Blick fiel auf die Treppe, die zur Veranda hinaufführte – sie war mindestens zwei Meter hoch –, und ging zurück in den Flur.
»Es gibt einen Keller«, sagte er.
»Wissen wir das?«, fragte Deer. »Es gab keine Kellertür.«
»Das stimmt. Wir suchen nach einer Luke. Handschuhe an.«
Sie zogen sich Einweghandschuhe über, und Berger öffnete die Jalousien. Das Licht brach sich in den Wassertropfen auf den Fensterscheiben. Berger zog das Bett von der Wand und den Schreibtisch beiseite. Nichts. Er hörte Geräusche aus dem benachbarten Raum und kurz darauf Deers gedämpfte Stimme aus der Küche.
»Komm mal her.«
Sie zeigte auf den Holzfußboden neben dem Kühlschrank. Dort zeichnete sich ein etwas helleres Quadrat von derselben Größe ab.
Gemeinsam schoben sie das Gerät zur Seite. Der Rest der Einsatztruppe kam dazu, drei zusätzliche Kräfte. Sie halfen mit, und schließlich stand der Kühlschrank wieder an seinem angestammten Platz. Daneben waren die Umrisse einer Luke zu erkennen. Aber kein Griff.
Berger musterte die Kanten. Alles würde sich verändern, wenn sie diese Luke öffneten. Der wahrhaftige Abstieg in die Finsternis würde beginnen.
Sie mussten die Luke aufstemmen, vier Männer mit diversen Küchenwerkzeugen. Endlich gab sie nach. Als sich der erste Spalt zeigte, unterbrach Berger die Arbeiten und tastete mit dem Lichtschein seiner Taschenlampe die Ränder der Luke ab, während Deer einen Spiegel in die Öffnung schob und damit dem Lichtkegel folgte. Keine Vorrichtung für eine Selbstschussanlage. Dann wurde die Luke geöffnet. Ein Knirschen. Eine Staubwolke. Stille.
Berger konnte eine Treppe ausmachen. Er stieg hinunter, die Waffe im Anschlag.
Treppenstufe für Treppenstufe. Die Dunkelheit umschloss ihn, und die Taschenlampe verheimlichte mehr, als sie enthüllte. Eine fragmentierte Welt aus beklemmend engen Kellerwänden und niedrigen, angelehnten Türen, die nur weiter in die Dunkelheit führten. Ein finsteres Labyrinth.
Was Berger aber am meisten irritierte, war der Geruch. Er war anders, als er befürchtet hatte. Und es dauerte lange, bis er ihn identifizieren konnte.
Der Keller war größer als erwartet und verzweigte sich in alle möglichen Richtungen weiter. Die Betonwände waren eindeutig jünger als die der Hütte darüber.
Es war stickig und roch übel. Und es gab keine Spur einer anderen Lichtquelle als die fünf Lichtkegel, die über die Wände zuckten.
Der Geruch wurde immer stärker. Eine Mischung. Exkremente. Urin. Eventuell auch Blut. Aber kein Verwesungs­geruch.
Keine Leiche.
Berger musterte seine Kollegen. Sie sahen alle ziemlich mitgenommen aus, wie sie durch die winzigen Räume schlichen. Berger hielt sich links. Aber dort war nichts, absolut nichts. Er versuchte an Architekturelemente zu denken, an Grundrisszeichnungen. Am Ende hatte er sieben kleine Zellen gezählt.
»Leer«, sagte Deer, deren blasses Gesicht hinter einer der Türen auftauchte. »Aber dieser Geruch muss ja irgendwo herkommen.«
»Der Keller ist asymmetrisch«, stellte Berger fest und legte eine Hand an die Wand. »Es gibt noch einen zusätzlichen Raum. Aber wo?«
Er leuchtete in die Gesichter seiner Mitarbeiter. Ihre ­Denkfalten wirkten in dem Licht der Taschenlampe noch tiefer.
»Verteilt euch hier überall«, sagte er. »Sucht die Wände ab. Nach Farbunterschieden, Veränderungen der Oberfläche, was auch immer.«
Er selbst konzentrierte sich auf die hintere linke Ecke. Einheitliche Farbe des Betons, nichts schien sich von seiner Umgebung abzuheben. Berger schlug mit der Faust gegen die Wand, ein harter Schlag. Der Plastikhandschuh riss und darunter die Haut seiner Knöchel.
»Ich glaube, wir haben es gefunden«, hörte er Deers Stimme aus einer anderen Ecke.
Berger schüttelte seine Hand. Deer hockte in der hinteren rechten Ecke desselben Raums, einer der Kollegen hielt zitternd seine Taschenlampe auf die Stelle.
»Da ist doch ein farblicher Unterschied, oder?«, sagte Deer.
Berger untersuchte die Wand. Dasselbe Material, Beton, aber in der unteren Ecke war eine Fläche von etwa einem halben Meter im Quadrat, die vielleicht einen minimalen Farbunterschied aufwies.
Von der Treppe erklangen Schritte. Ein Kollege kam mit dem Rammbock in der Hand die Stufen hinunter.
Berger hielt ihn vorerst zurück und sorgte dafür, dass alle Taschenlampen auf die Stelle gerichtet wurden. Dann machte er mit seinem Handy ein Foto.
Es war nicht leicht, genügend Schwung zu bekommen. Der Kellerraum war zu niedrig, der Platz beschränkt. Aber dennoch drang der schwarze Zylinder ohne Widerstand durch die Wand. Berger prüfte das Material. Einfache Gipsplatten. Er nickte dem Kollegen zu, und der Rammbock erfüllte noch ein paarmal seine Aufgabe, bis sich eine quadratische Öffnung in der Wand aufgetan hatte. Rechts und links davon traf das Werkzeug nur auf harten Beton. Das Loch würde ohne anderes Gerät nicht größer werden.
Das Loch in den Abgrund.
Die Spiegel, die in die Öffnung geschoben wurden, offenbarten nur Dunkelheit. Berger sah, dass Deer sich bereit machte. Sie würde am leichtesten durch das Loch passen. Deer sah ihn an. In ihren Augen stand die Angst.
»Sei vorsichtig«, sagte er mit so milder Stimme wie möglich.
Deer schauderte. Dann ging sie in die Knie und glitt durch die Öffnung, unerwartet einfach.
Die Zeit verstrich. Mehr Zeit als notwendig.
Mit jeder Sekunde, die verging, wuchs Bergers Panik. Das Gefühl, Deer ohne jede Absicherung in die Hölle geschickt zu haben.
Plötzlich drang ein Stöhnen aus dem Loch zu ihnen empor, ein unterdrückter Aufschrei.
Berger warf einen Blick auf die Kollegen. Sie waren alle kreidebleich, einer versuchte fieberhaft, das Zittern seiner linken Hand zu verbergen.
Dann ging Berger ebenfalls auf die Knie, holte tief Luft und schob sich durch das Loch.
Auf der anderen Seite angekommen, sah er Deer, die beide Hände vor den Mund gepresst hatte. Berger leuchtete den Raum aus. Auf dem Boden und am unteren Teil der Wand waren Flecken, große Flecken. Und der Geruch war hier zu einem Gestank geworden.
Nein, nicht zu einem Gestank, zu mehreren.
Während er gegen die aufsteigende Übelkeit ankämpfte, sortierte Berger seine Sinneseindrücke. Er blickte sich um, die Taschenlampe fest umklammert.
Deer stand vor einer Wand und starrte auf eine Stelle. Zwischen zwei morschen Stützbalken zog etwas ihre Aufmerksamkeit auf sich, wie ein Bühnenbild. Auf dem Zementboden befand sich ein Fleck, ein großer Fleck, neben einem umgestoßenen Eimer. Und zwischen den Stützbalken zog sich ein noch größerer Fleck die Wand hinauf, in einer ähnlichen Farbe und doch so vollkommen anders.
»Verdammte Scheiße«, stöhnte Deer.
Berger untersuchte den Fleck, der sich über die Wand er­­streckte.
Jede Menge Blut.
Allerdings war das Blut schon längst eingetrocknet. Sie wa­­ren nicht zu spät gekommen. Sie waren viel zu spät ge­­kommen.
Berger untersuchte auch die übrigen Wände. Er hatte das Gefühl, als würden sie schreien.
Deer ging zu ihm, und sie umarmten sich, flüchtig. Die Scham darüber würde erst später kommen.
»Wir müssen das hier so unberührt wie möglich lassen«, sagte er. »Geh du zuerst.«
Er sah, wie ihre Füße aus dem Lichtkegel verschwanden. Folgte ihr. Blieb dann aber stehen. Kehrte zurück zu den Stützbalken und ließ die Taschenlampe an ihnen hinun­terwandern. Dabei entdeckte er Kerben im linken Balken, ebenso im rechten, in drei verschiedenen Höhen. Er wandte sich dem Boden zu. Am Fuß des rechten Balkens war ein Gegenstand eingeklemmt. Winzig. Er hob ihn auf. Es war ein Zahnrad, ein winziges Zahnrad.
Er steckte es in eine kleine Plastiktüte, verschloss sie und schob sie in seine Jackentasche.
Mit dem Handy machte er mehrere Fotos von den Stützbalken. Dann auch von der getrockneten Blutlache. Er ließ die Taschenlampe die Wand mit dem Blutfleck abtasten und machte noch weitere Aufnahmen, auch von den Stellen, an denen kein Blut zu sehen war.
Dann lief er zurück zur Öffnung, streckte die Arme hindurch und ließ sich nach draußen ziehen.
Sie kletterten die Kellertreppe hinauf und tauchten einer nach dem anderen in ein betäubend helles Licht ein. Als sie auf die Veranda traten, hatte es aufgehört zu regnen. Berger und Deer standen dicht nebeneinander. Und atmeten be­­freit.
Vor dem Haus warteten einige klinisch sterile Kriminaltechniker und scharrten ungeduldig mit den Füßen. Ihr übergewichtiger Chef Robin stieg gerade die Treppe zur Veranda hoch, glücklicherweise war kein anderer Chef zu sehen, kein Allan. Der verletzte Kollege war mittlerweile verschwunden, der Notarztwagen stand nicht mehr da. Die Streifenwagen aber parkten noch mit eingeschaltetem Blaulicht vor dem Grundstück, und an den Absperrungen drängten sich Reporter mit Mikrofonen und Kameraleute, auch die Zahl der Schaulustigen hatte markant zugenommen.
Während sich die Kriminaltechniker auf den Weg ins Höllenhaus machten, ließ Berger seinen Blick über den kleinen Volksauflauf schweifen. Und wurde von einem eigenartigen, flüchtigen Gefühl gepackt. Er zog den zerrissenen Einweghandschuh von seiner linken Hand, holte sein Handy hervor und machte ein Foto, und dann noch ein paar zusätzliche, aber dieses sonderbare Gefühl hatte sich bereits wieder verflüchtigt.
Er warf einen Blick auf seine alte Rolex. Sie fühlte sich noch etwas fremd am Handgelenk an, denn er wechselte jeden Sonntag die Armbanduhr. Zaghaft bewegten sich die Zeiger tickend voran, er konnte beinahe dabei zusehen, wie das feine Uhrwerk der Sinnlosigkeit jede einzelne Sekunde abtrotzte.
Als er sich zu Deer umdrehte, dachte er zuerst, sie würde auf seine Uhr starren, aber dann begriff er, dass ihr Blick auf seinen Händen ruhte, von denen die linke noch in dem Plastikhandschuh steckte.
»Du blutest«, sagte sie.
»Nein«, sagte er und zog sich auch den zweiten Handschuh aus. Und schnitt dabei eine Grimasse.
Sie lachte kurz auf und musterte ihn dann wachsam. Viel zu wachsam.
»Was ist denn noch?«, fragte er irritiert.
»›Schon wieder‹?«, sagte sie.
Er hörte förmlich die Anführungszeichen.
»Was?«, erwiderte er trotzig.
»Bevor wir die Hütte betreten haben, hast du gesagt, dass wir schon wieder zu spät sind. Schon wieder.«
»Ja, und?«
»Ellen ist doch eigentlich unser erster Fall?«
Er lächelte. Spürte, wie er lächelte. Und es kam ihm unpassend vor, dort auf der Veranda zum Reich des Todes.
»Es freut mich, dass du sagst, es ist unser Fall.«
»Ellen ist nicht tot«, entgegnete sie.
Ihr Blick ließ nicht locker.
»›Schon wieder‹?«, wiederholte er mit einem Seufzen.
»Ja?«, fragte sie auffordernd.
»Ich hatte da offenbar an etwas Existenzielleres gedacht«, entgegnete er und zuckte mit den Schultern. »Mein Motto lautet ja eher zu spät.«
Es hatte aufgehört zu regnen.

3
Sonntag, 25. Oktober, 19:23
»Selbstschussanlage?«
Kriminalkommissar Allan Gudmundsson hatte sich of­­fensichtlich dafür entschieden, die Parodie einer Strafpredigt aufzuführen. Das Schauspiel drehte Berger den Magen um.
»Ja«, antwortete er scheinbar arglos, »dieses Satansding müssen wir wohl oder übel als eine solche bezeichnen.«
»Wobei das nicht meine Frage war, und das weißt du sehr genau.«
»Was wolltest du dann wissen?«
»Weshalb in Herrgotts Namen hast du die Beamten aus­­gerechnet vor einer Selbstschussanlage gewarnt?«
»Was ja sehr erfolgreich war …«
»Warum, Sam?«
»Der Wahnsinnige hat bisher keine einzige Spur hinter­lassen. Er ist clever, das ist alles. Clever und gefährlich ge­­nug, um in seinem verlassenen Höllenloch eine Selbstschuss­anlage zu installieren.«
»Aber die Hütte war doch verdammt noch mal eine Spur«, brüllte Allan.
Berger schluckte alles hinunter, was ungeduldig über seine Lippen wollte. Er sah aus dem Fenster. Der Herbstregen hatte wieder eingesetzt, und es dämmerte. Die meisten Kollegen hatten das Polizeipräsidium bereits verlassen. Deer war noch da, er sah ihr Gesicht, angestrahlt von ihrem Bildschirm, durch zwei regennasse Fensterscheiben.
»Nein, Sam«, tobte Allan ungewöhnlich streitlustig weiter. »Jetzt lügst du mich an!«
Berger wollte am liebsten auf der Stelle einschlafen. Einfach die Augen schließen und sich von Allans Geplärre in den Schlaf wiegen lassen.
Aber es war wahrscheinlich klüger, es nicht zu tun.
»Lügen?«, wiederholte er also, in erster Linie, um seine gedankliche Abwesenheit zu überspielen.
»Solange es nur Unterlassungslügen waren, konnte ich ja darüber hinwegsehen«, sagte Allan verdächtig sanft, es war offensichtlich, dass er ein Crescendo vorbereitete. »Dass du aber deinem Chef mitten ins Gesicht lügst, zeigt mir, dass deine Verschwörungstheorie ein neues und gefährliches Niveau erreicht hat.«
»Du bist einfach viel zu früh in deinem Leben Bürokrat geworden, Allan.«
»Du fährst hier deinen eigenen Film, und bei dem Versuch, das zu verheimlichen, belügst du deinen Vorgesetzten. Bist du ernsthaft der Ansicht, das ist auf Dauer tragbar?«
»Was hätte ich denn deiner Meinung nach anders machen sollen?«, fragte Berger achselzuckend. »Nicht dorthin fahren? Keine Warnung über eventuelle Selbstschussanlagen aussprechen?«
»Es geht eher darum, was du in Zukunft noch alles anrichten wirst.«
»Einen Serienmörder fangen!«
Allans so sorgfältig geplantes Crescendo verhungerte zu einem Ausatmen, das mehr als deutlich die Grenze zu einem Seufzen überschritt und ein beeindruckendes Lungenvolumen für einen Mann seines Alters verriet. Ohne Zweifel hatte er in seinem ganzen Leben noch keine einzige Zigarette geraucht.
Betont langsam formulierte er seine Antwort.
»Es gibt keinen Mörder, Sam, wir können höchstens von einem Entführer sprechen. Jedes Jahr verschwinden etwa achthundert Personen in Schweden, und eine überwältigend große Anzahl davon freiwillig. Das sind mehr als zwei Menschen pro Tag. Du kannst dir nicht einfach wahllos aus dieser Menge von freiwillig Untergetauchten ein paar aus­suchen und behaupten, dass sie von einem Serienmörder umgebracht wurden, den außer dir niemand sieht. Wir ha­­ben verdammt noch mal keinen Serienmörder in unserem Land. Nur in den Schädeln von korrupten Staatsanwälten und überambitionierten Bullen. Und die überambitionierten Bullen sind sogar noch schlimmer als korrupte Staats­anwälte.«
»Es gibt also keinen Mörder?«, fragte Berger bedeutungsschwanger.
»Es gibt kein Opfer, Sam.«
»Du warst nicht dort unten in dem Kellerverlies, Allan. Ich schwöre dir, dass es ein Opfer gibt.«
»Ich habe die Aufnahmen gesehen. Und ich habe mit dem Gerichtsmediziner gesprochen. Das Blut ist zu unterschiedlichen Zeiten und in unterschiedlichen Mengen ge­­ronnen. Und auf den ersten Blick sieht es nach wesentlich mehr Blut aus, als es eigentlich war. Nämlich höchstens drei Deziliter. Davon stirbt niemand.«
Berger starrte die Wand hinter Allan an. Aber es gab nichts zu sehen, sie war kahl.
»Vielleicht war Ellen nicht tot, als sie von dort weggebracht wurde. Vielleicht ist sie sogar noch am Leben. Aber sie wird sterben.«
Sauerstoff gefriert bei minus zweihundertachtzehn Grad Celsius. Da sowohl Stickstoff als auch Argon, die anderen Bestandteile der Luft, einen etwas niedrigeren Gefrierpunkt haben, gefriert die Luft also, wenn der Sauerstoff gefriert. Folglich mussten im Büro des Kriminalhauptkommissars Allan Gudmundsson, wenn auch nur kurz, etwa minus zweihundertachtzehn Grad Celsius geherrscht haben, denn was die beiden Polizeibeamten in diesem Augenblick voneinander trennte, war ohne Zweifel ein Block gefrorener Luft.
»Blutgruppe B negativ«, sagte Allan nach einer kleinen Un­­endlichkeit. »Die zweitseltenste Blutgruppe in Schweden. Nur zwei Prozent der Bevölkerung. Ellen Savinger ge­­hört dazu. Aber das ist nicht die einzige Blutgruppe, die sie gefunden haben.«
Der eisige Luftblock hing unverändert zwischen ihnen.
Berger blieb stumm.
»Sie haben auch Blutspuren der Blutgruppe A gefunden, was die Kriminaltechniker ziemlich verwirrt hat«, fuhr Allan fort. »Ist das unter Umständen deine Blutgruppe, Sam? Die Spuren wurden an einer Wand in den Kellerräumen und auf dem Boden im Verlies sichergestellt. Sie haben sogar Hautfragmente gefunden.«
Allans Blick wanderte an Bergers rechtem Arm hinunter. Die Hand war allerdings unter der Schreibtischkante verborgen. Allan schüttelte den Kopf.
»Wir warten in beiden Fällen noch auf das Ergebnis des DNA-Tests, aber eigentlich müssen wir das gar nicht.«
»Sie ist fünfzehn Jahre alt«, entgegnete Berger und versuchte, nicht laut zu werden. »Sie ist erst fünfzehn und hat jetzt drei Wochen in diesem Loch verbracht. In einem dunklen stinkenden Verlies mit einem Scheißeimer und einem sporadisch vorbeikommenden Wahnsinnigen. Außerdem hat sie eine Menge Blut verloren. Bin ich tatsächlich der Einzige, der hier einen Teufel am Werk sieht? Und dieser Kerl ist wahrhaftig keine Unschuld vom Lande, er hat schon einmal zugeschlagen. Wahrscheinlich sogar schon häufiger.«
»Aber das ist kein Argument, Sam. Ein Beweis ist ein Argument.«
»Beweise fallen einem aber nicht einfach vor die Füße. Die muss man sammeln, indem man Indizien ignoriert, indem man noch nicht bewiesenen Spuren folgt, sich auf sein Bauchgefühl verlässt, seinen Erfahrungen vertraut. Und am Ende werden aus Indizien Beweise. Allan, verdammt noch mal, sollen wir hier nur herumsitzen und auf Beweise warten? Ist das deine Auffassung von Polizeiarbeit?«
»Wie konnte es sein, dass ihr keine Kenntnisse über den Grundriss hattet?«
»Wie bitte?«
»Du wusstest nicht, dass die Hütte unterkellert ist. Wie konnte das passieren?«
»Als wir den Hinweis erhalten haben, hatten wir keine Zeit für Vorabprüfungen, das weißt du genau. Ich habe dich lediglich gebeten, mir ein paar Beamte zur Verfügung zu stellen. Ellen sollte keine Minute länger in seiner Gewalt sein.«
»Stell dir bitte vor, dass sie dort unten gewesen wäre«, bohrte Allan weiter. »Mithilfe einer Bauzeichnung hättet ihr euch direkt in den Keller sprengen können. Dann hättet ihr sie womöglich noch retten können. Aber wenn sie und der Täter heute tatsächlich in dem Versteck gewesen wären, hättet ihr das Mädchen mit eurer Herangehensweise eher umgebracht. Mit eurer Langsamkeit und Unkenntnis. Mit eurem verdammten Dilettantismus!«
Berger sah seinen Vorgesetzten verblüfft an. Zum ersten Mal hatte er das Gefühl, dass der Mann recht hatte, in gewisser Weise zumindest. Das störte ihn gewaltig. Allan hatte definitiv recht – wenn die Umstände so gewesen wären, hätte man ihre Vorgehensweise nicht anders als amateurhaft nennen müssen.
»Das war eine Einladung«, murmelte er.
»Und was soll das jetzt heißen?«, fragte Allan seufzend.
»Überleg doch mal. Plötzlich taucht eine neue Zeugenaussage auf, nach drei Wochen. Eine Adresse am Rand von Märsta, am Waldrand. Wo jemand ein junges Mädchen in Begleitung eines Kerls gesehen haben will, den dort niemand kennt. Wir von der Bereitschaft müssen schnell handeln, aber einige Recherchemöglichkeiten sind uns versperrt, weil es Sonntag ist. Das Gemeindeamt von Märsta zum Beispiel kam – trotz meines Drängens – nicht an die Unterlagen vom Bauamt. Das Erste, was uns vor Ort begegnete, war eine Selbstschussanlage, die wesentlich subtiler konstruiert war, als du gedacht hattest, nicht wahr, Allan?«
»Messerklingen im Oberarm. Ich hatte an so etwas ge­­dacht.«
»Zwei Details. Erstens: Der Mechanismus war für einen Polizeieinsatz konzipiert, für einen Beamten mit Schutzweste, die Messer sollten rechts und links an der Weste vorbeifliegen. Zweites Detail: Sie zielten nicht auf den Kopf. Der Täter hatte nicht die Absicht zu töten, er wollte uns nur verhöhnen. Hartgesottene Bullen sollten sich in Todesangst auf dem Boden wälzen. Das war alles ganz exakt justiert. Da liebt jemand die Perfektion.«
»Du hast dich noch gar nicht erkundigt, wie es Ekman geht.«
»Wer ist Ekman?«, rief Berger irritiert.
»Der Kollege, in dessen Oberarmen die Messerklingen steckten.«
»Und wie geht es ihm?«
»Keine Ahnung. Sprich weiter.«
»Diese Selbstschussanlage ist doch nur die Schleife auf dem Scheißpaket. Ein Paket, das aus mehreren Schachteln und Schichten Geschenkpapier besteht. Ein Paket im Paket. Nach der Schleife und der Schnur müssen wir durch die erste Schicht, die verborgene Luke im Küchenboden. Danach geht es hinunter in den labyrinthartigen Keller. Dort befindet sich ein weiteres Paket, das wir öffnen müssen, indem wir die Wand einreißen. Und erst nachdem wir die Schleife und zwei Schachteln geöffnet haben, lässt er uns in sein Heiligtum.«
»Ich verstehe ja, was du damit sagen willst«, erwiderte Allan. »Aber das sind retrospektive Erkenntnisse. Das wusstest du zu diesem Zeitpunkt noch nicht. Da hättest du Bauzeichnungen zur Verfügung haben sollen, um mit maximaler Effektivität zuschlagen zu können.«
»Ich habe geahnt, dass es ein Matroschka-Paket ist«, sagte Berger.
»Ja, klar. Unser Superbulle Sam Berger. Warum hattest du es dann so verdammt eilig?«
»Weil es eine mikroskopisch kleine Chance gab, dass der Hinweis keine Finte war. Dass wir Ellen tatsächlich retten und ihren Entführer verhaften könnten.«
Kriminalhauptkommissar Allan Gudmundsson erhob sich von dem Sessel in seinem äußerst karg eingerichteten Büro.
»Konsequentes Denken zählt nicht zu deinen Stärken, Sam, aber ich werde dich dieses eine Mal noch damit durchkommen lassen. Ich kann nicht kontrollieren, was du denkst und glaubst. Aber ich kann dir immerhin eine deutliche Direktive erteilen, was die Richtung anbetrifft, in die unsere Ermittlung gehen soll. Ellen Savinger wurde vor gut drei Wochen vor ihrem Gymnasium auf Östermalm in Stockholm entführt. Mehr wissen wir nicht, und du bist mit deiner zahlenmäßig starken Gruppe bisher nicht weitergekommen. Ihr habt noch keinen einzigen brauchbaren Hinweis gefunden.«
»Was ebenfalls darauf hindeutet, dass er so etwas schon einmal getan hat, Allan.«
»Aber wir haben kein einziges Indiz dafür, Sam. Nur deine wilden Vermutungen, die du unter keinen Umständen deiner Gruppe mitteilen darfst. Und dieses Verbot hat sich mit dem heutigen Tag verschärft. Was du deiner Aktion zu verdanken hast. Wenn du dich meinen Anweisungen und diesem Verbot widersetzt, fliegst du.«
»Ich gehe davon aus, dass dies ein Scherz ist.«
»Sehe ich etwa aus, als würde ich Scherze machen?«
Sie starrten einander an. Wenn Allan tatsächlich gescherzt haben sollte, dann gelang es ihm hervorragend, das zu verbergen. Doch schließlich gab Allan auf, senkte den Blick, seufzte und schüttelte den Kopf.
»Was wirst du als Nächstes tun?«, fragte er.
»Ich werde sobald wie möglich mit Deer den Fall noch einmal aufrollen, wir müssen von Grund auf neu anfangen.«
»Du kannst eine erwachsene, gleichberechtigte Kollegin nicht einfach Liebling nennen, das ist einfach zu bizarr, Sam. Ich habe schon Gezeter über Sexismus und dergleichen in den Fluren gehört.«
»Sie heißt Desiré Rosenkvist«, entgegnete Berger. »Aber eine Polizistin kann verdammt noch mal nicht Desiré Rosen­kvist heißen. Deer ist eine Abkürzung für Desiré. Deer wie Hirsch oder Reh. Sie hat doch auch Rehaugen.«
»Du hast recht, so klingt es natürlich wesentlich weniger sexistisch!«, erwiderte Allan höhnisch und warf ihn aus seinem Büro.
Berger lächelte, während er durch den dunklen Flur lief und an dem Pfeiler um die Ecke bog, der den Eingang zum Großraumbüro markierte. Außer Deer war niemand mehr da. Sie hob den Kopf.
»Schimpfe?«, fragte sie.
»Ordentlich Schimpfe«, bestätigte er. »Ich soll zum Beispiel aufhören, dich Deer zu nennen.«
»Da hätte er doch auch mich fragen können.«
»Eines ist klar, er macht sich Sorgen um dich.«
Sie lachte auf.
»Hör dir das mal an«, meinte sie dann, während sie mit der Maus einen Link auf ihrem Bildschirm anklickte.
Es erklang eine ziemlich aufgeregte Frauenstimme. »Also, ich denke schon, dass ich sie vorhin gesehen habe, Sie wissen schon, dieses Mädchen, durchs Fenster … Obwohl ich mir nicht hundertprozentig sicher bin, dass sie es war, aber sie trug dieses, ich weiß nicht, rosa Lederband um den Hals mit so einem griechischen, schiefen Kreuz, keine Ahnung, ob das was Orthodoxes ist, die ist doch eine echte Blondine, wetten, die kann doch keine griechischen Wurzeln haben.«
Deer unterbrach die Aufnahme.
»Was bedeutet rosa in diesem Zusammenhang?«
Berger zuckte mit den Schultern.
»Es war das maßgebliche Detail und gab den Ausschlag dafür, dass wir ausgerückt sind.«
»Genau«, sagte Deer nachdenklich. »Es war allerdings kein griechisches Kreuz, sondern ein russisches, aber orthodox, das hätte die Zeugin also auch in der Zeitung lesen können. Doch mit der Information, dass es sich um ein rosa Lederband handelte, sind wir nie an die Öffentlichkeit ge­gangen. Aber ich mache mir vor allem über etwas anderes Gedanken, nämlich den Abstand. Wie nah muss man sein, um sehen zu können, dass ein Lederband um den Hals rosa ist?«
»Diese Frau hat nirgendwo gestanden, weil es sie so gar nicht gibt.«
Deer musterte ihn eine Weile wortlos und ließ dann die Tonaufnahme weiterlaufen: »Ja, ach so, ja, die Adresse. Also, das letzte Haus am Waldrand, es ist diese verfallene Hütte, ich kann mich jetzt gerade nicht an den Straßennamen erinnern, aber der Typ, der dort wohnt, ist ein komischer Kauz. Man bekommt ihn praktisch nie zu Gesicht, er haut immer gleich wieder ab. Er kann ganz einfach …«
Deer unterbrach die Aufnahme erneut.
»Dann fällt ihr aber doch noch der Straßenname ein und sie gibt uns die komplette Anschrift. Die Kriminaltechniker schätzen, dass der Keller vor mindestens zwei Tagen geräumt wurde. Die Zeugin von heute früh kann also Ellen gar nicht vorhin durchs Fenster gesehen haben, wie sie sagt. Die Zeugin behauptet ferner, sie lebe in der unmittelbaren Nachbarschaft, und unter der von ihr angegebenen Adresse wohnt tatsächlich eine Lina Vikström. Wir konnten diese Lina Vikström aber nicht erreichen, weil sie auf einer Reise in Südostasien ist. So eine Ich-finde-zu-mir-selbst-Reise ohne Handy und mit sehr viel Yoga.«
»Ach ja«, sagte Berger. »Mal was Neues.«
»Die Behauptung, man sei die unerreichbare Lina Vikström, zeugt von einer umfassenden Ortskenntnis und von Recherche in der Nachbarschaft.«
»Und leider noch von ein wenig mehr.«
»Gibt es also eine weibliche Gehilfin?«, fragte Deer. »Oder ist die Stimme dieser Zeugin die verfremdete Stimme des Ent­­führers?«
»Noch nichts Neues von den Tontechnikern?«
»Nein, noch nicht. Sollte der Täter aber einen Stimmenverzerrer benutzt haben, dann können wir die Originalstimme herausfiltern.«
»Ich habe da keine großen Hoffnungen«, sagte Berger. »Wenn die Techniker eine Originalstimme rekonstruieren können, wird diese unter Garantie auch verfälscht sein. Auf irgendeine Weise. Er hinterlässt nur gezielt Spuren. Wenn sie eine Funktion erfüllen.«
»Dann ist also keine Frau beteiligt?«
»Ich vermute, er arbeitet allein.«
»Aber das hier ist nicht sein erstes Mal? Wir waren schon wieder zu spät?«
Berger biss sich auf die Lippe. Dann drehte er Deers Schreibtischlampe so, dass sie das Whiteboard hinter ihnen beleuchtete. Darauf befand sich die Fallskizze. Wenn man denn davon sprechen konnte. Drei Wochen und noch kein einziger brauchbarer Hinweis, dafür aber jede Menge Sackgassen. Was das anbetraf, musste er Allan recht geben.
Berger ließ den Lichtkegel der Lampe über das Durcheinander aus Post-it-Zetteln, Fotos, Quittungen, Dokumenten, Zeichnungen und Verbindungspfeilen wandern, alles analog, manuell und altmodisch. Der matte Lichtkegel blieb schließlich an zwei Bleistiftzeichnungen hängen. Berger ging zum Whiteboard und nahm sie ab. Er legte sie auf Deers Tastatur, und gemeinsam betrachteten sie die beiden Phantombilder. Deer tippte auf das rechte.
»Den hier haben wir seit Tag eins. Der Mann, der in dem Lieferwagen vor der Schule auf Östermalm gesehen wurde, kurz bevor Ellen Savinger Unterrichtsschluss hatte. Zwei von­einander unabhängige Zeugen haben sich auf diese Darstellung geeinigt. Und das zweite Phantombild wurde nach den Angaben des Nachbarn aus Märsta erstellt, er ist der Einzige, der bisher überhaupt jemals den komischen Kauz am Waldrand zu Gesicht bekommen hat.«
»Und welche Schlussfolgerungen ziehst du daraus?«, fragte Berger.
»Wenn es denn ein und derselbe Mann ist, dann handelt es sich um ein Allerweltsgesicht. Ein weißer Mann um die vierzig. Immerhin haben wir Alter und Ethnie. Was uns nicht wirklich überrascht.«
»Sonst noch was?«
»Nein, mehr nicht«, antwortete Deer und schüttelte den Kopf.
»Sieht er aus wie ein Anfänger?«
»Das kann man nicht beurteilen.«
»Wenn er unser Mann ist, dann hat er es nicht zum ersten Mal getan, und ich weiß, dass du das auch so siehst, Deer.«
»Du sammelst hier wirklich Beweise von der Sorte, die Allan liebt. Jetzt erzähl endlich von deinen geheimen Ermittlungen.«
Und schon wieder dieser Blick aus den Rehaugen. Aber Berger wusste sehr wohl, dass er kein Zeichen von Schwäche war, im Gegenteil, dieser Blick war Deers größte Stärke.
»Allan hat es mir ausdrücklich verboten«, entgegnete er. »Außerdem gibt es nur diese eine Richtung in unserem Fall.«
»Und seit wann hältst du dich an Allans Verbote?«
»Seit er mir mit der Suspendierung gedroht hat.«
Ein kurzer Blickwechsel. Deer grinste. Berger richtete die Schreibtischlampe auf die Phantomzeichnungen.
»Erik Johansson«, sagte er und zeigte auf das eine Bild. »Das ist der Durchschnittsschwede.«
»Ja, der Name stand im Mietvertrag von der Hütte in Märsta. Der Makler hat den Mieter nie persönlich getroffen. Und die Immobilie gehört einem Schweden, der nach Argentinien ausgewandert ist.«
»Makler …«, wiederholte Berger. »Wie kann das sein, dass er dem Mieter nie persönlich begegnet ist?«
»Sie hatten nur E-Mail-Kontakt. Allerdings behauptet der Makler, dass er diesen Mail-Wechsel gelöscht hat. Das kann natürlich stimmen, unser Täter mietet die Hütte schon seit über zwei Jahren, und so alte E-Mails neigen ja dazu, plötzlich zu verschwinden. Allerdings habe ich den Verdacht, dass er diese Beweise vorsätzlich gelöscht hat. Samir hat nämlich die ursprüngliche Annonce mit den Mieteinnahmen verglichen. Da gibt es eine Differenz von dreitausend Kronen. Wahrscheinlich hat unser Mann drei Scheine draufgelegt, um nicht persönlich in Erscheinung treten zu müssen. Der Makler hat die Differenz einbehalten.«
»Kommen wir mit der Mail-Adresse weiter?«
»Samir arbeitet auf Hochtouren«, sagte Deer. »Und er hat sich bis zum Fundament durchgearbeitet.«
Berger fixierte nach wie vor die Zeichnung vom sogenann­ten Erik Johansson.
»Lass die Aufnahme noch einmal laufen.«
Konzentriert lauschten sie der energischen Stimme von »Lina Vikström«.
»Was ich am interessantesten finde ist diese Dramatisierung.«
»Ja, ich weiß, was du meinst.«
»Wenn da Erik Johansson selbst spricht – und ich bin mir sicher, dass er keine Gehilfen hat –, dann hätte doch ein einfacher Anruf ausgereicht. Er hätte nicht schauspielern müssen.«
»Und was sagt uns das?«
»Keine Ahnung«, entgegnete Berger. »Nichts Gutes, auf je­­den Fall.«
»Dramaqueen?«
»Im günstigsten Fall. Im ungünstigsten Fall spielt er beständig Rollen, verschiedene Rollen, und die spielt er gut. Er war so verdammt überzeugend als wortgewaltige White-Trash-Nachbarin, dass es sich hier unmöglich um seinen ersten Einsatz als Schauspieler handeln kann.«
»Jetzt vermischst du aber die Gesellschaftsschichten«, meinte Deer lachend. »Lina Vikström ist auf einer Yoga-Reise in Südostasien. Aber natürlich hast du recht, Sam, die gesamte Arbeiterklasse unternimmt mittlerweile Yoga-Reisen nach Südostasien.«
»Also, ich bitte dich. Lina Vikström wohnt in einer Architektenvilla und hat sich nach der Scheidung von ihrem Mann, dem Oberarzt, von ihrem Führungsposten in der Arzneimittelbranche freistellen lassen.«
»Ach was«, sagte Deer.
»Ja, ach was«, bestätigte Berger. »Hier geht es nicht um Realismus. Unser Täter hat sich eine ganz eigene Lina Vikström erschaffen, ihm ist es doch scheißegal, wer sie wirklich ist. Er ist Gott. Er bestimmt, wer sie ist. Die Wirklichkeit hat nichts damit zu tun. Er verändert sie so, wie es ihm in den Kram passt.«
»Und was, glaubst du, bedeutet das für Ellen Savinger?«
»Er wird sich jede Freiheit nehmen.«
»Das entspricht nicht so ganz unserem herkömmlichen Schmuddelbild von einem Pädophilen …«
»Ich glaube nicht, dass er ein Pädophiler ist«, erklärte Berger.
Deer erwiderte nichts darauf, sondern musterte ihren Chef nur, ihre braunen Augen fest auf ihn geheftet.
»Okay«, sagte sie nach einer Weile. »In genau dieser Se­­kunde hat deine geheime Ermittlung eine andere Richtung eingeschlagen als unsere derzeitigen Ermittlungen.«
Berger sah sie an.
»Es gibt keine geheime Ermittlung.«
»Aber du glaubst doch gar nicht an unseren Ermittlungsansatz«, rief Deer. »Wir sind die ganze Zeit davon ausgegangen, dass es sich bei diesem Satan, der im Lieferwagen vor einer Schule sitzt und Kinder entführt, um einen Pädophilen handelt.«
»Solange uns diese Prämisse nicht auf eine falsche Fährte geschickt hat, hat es für mich keine Rolle gespielt. Aber da bin ich mir jetzt nicht mehr so sicher.«
»Und was hat sich verändert?«
»Der Kerl ist einfach zu prätentiös.«
Deer war zurückhaltend und loyal, und das schätzte er so an ihr. Aber der Gesichtsausdruck, mit dem sie aus dem Fenster sah und das Unwetter betrachtete, war alles andere als zurückhaltend und loyal.
»Ich bin eine ganz normale Polizistin«, sagte sie schließlich zu den Regengöttern dort draußen. »Ich war nur auf der Polizeihochschule. Ich wurde von meinen sozialdemokratischen und zukunftsoptimistischen Arbeitereltern mit einem Namen aus der Oberschicht bestraft, Desiré Rosenkvist. Trotzdem bin ich die Einzige aus unserer Familie, die auf dem Gymnasium war und eine Ausbildung genossen hat, und ich habe echt geschuftet, um Kriminalkommissarin zu werden. Kannst du, Superbulle Sam Berger, mir bitte übersetzen, was prätentiös bedeutet?«
Berger sah in ihr von Regenbächen verzerrtes Spiegelbild.
»Stehst du eigentlich in heimlichem, direktem Kontakt zu Allan?«
»Was redest du da?«
Berger wechselte sofort das Thema.
»Er ist prätentiös, und das bedeutet gekünstelt, affektiert, übertrieben. Er verpackt sein Geschenk an die Polizei in schönes Papier. Er will Anerkennung und Lob, er will be­­wundert werden. Ich gebe zu, dass man dieses Verhalten auch in den Pädophilen-Netzwerken findet, aber dort handelt es sich um hermetisch abgeschlossene Kreise. Man überschreitet neue, immer bestialischere Grenzen, will sie Seinesgleichen vorführen und erwartet dafür Reaktionen, Lob, Bewunderung. Aber ich habe noch nie gehört, dass ein Pädophiler mit seinen Gräueltaten in aller Öffentlichkeit prahlen will, und schon gar nicht vor der Polizei. Außerhalb dieser geschlossenen Kreise herrscht nämlich eine große Scham.«
Langsam drehte sich Deer zu ihm um. Ihr Gesicht war nicht mehr von Regenbächen durchzogen.
»Und dann ist da ja noch das Alter. Fünfzehn«, sagte sie. »Ellen war fünfzehn Jahre und einen Monat alt, als sie verschwand. Hier gilt das nicht mehr als sexueller Übergriff auf ein Kind – es ist laut Definition keine Pädophilie, wenn man mit dem Kind nicht verwandt ist. Und die Verwandtschaft von Ellen haben wir abgegrast. Wenigstens das haben wir erfolgreich erledigt.«
»Wir könnten ja zumindest als eine alternative Hypothese annehmen, dass es noch ein drittes Motiv gibt, außer den beiden offensichtlichen: Lösegeld und Pädophilie.«
»Das könnten wir.«
Während Berger seine Siebensachen vom benachbarten Schreibtisch einpackte, klingelte Deers Telefon. Sie sagte kaum etwas, und das Gespräch war schon nach dreißig Sekunden beendet.
»Die Spurensicherung ist fertig mit der Hütte«, fasste sie den Inhalt des Anrufs zusammen. »Keine Fingerabdrücke, keine DNA außer diesen beiden Blutspuren. Laut Robin war die Hütte geradezu ekelhaft sauber.«
»Blitzblank!« Berger nickte. »Solltest du jetzt nicht zu Hause bei deiner Familie sein?«
»Johnny und Lykke sind mit ihrem Opa im Kino. Ich habe frei bekommen. Lust auf ein Bier?«
»Das klingt sehr verlockend. Aber ich wollte eigentlich noch ein paar Sachen erledigen.«
»Du meinst, ich sollte noch ein paar Sachen erledigen?«, fragte Deer und lächelte sanft. »Während der Superbulle Sam Berger ein weiteres suspektes Internetdate hat.«
Berger schnaubte und wusste selbst nicht, ob es als Lachen gedacht war oder nicht.
»Ich hatte nur ein einziges. Ein einziger vorsichtiger Annäherungsversuch. Und ja, es war sehr suspekt.«
»Was wollte diese Madame X noch gleich machen?«
»Du willst doch nur, dass ich es laut sage!«
»Merkwürdigerweise wird es jedes Mal, wenn du es sagst, ein bisschen lus­tiger.«
Berger unterdrückte ein Grinsen und schüttelte den Kopf, während er seinen Rucksack mit den dicken Laufakten zu­­schnürte. Dann wandte er sich mit einem Gesichtsausdruck zu Deer um, in dem nicht mehr der Hauch eines Lächelns zu erkennen war.
»Du warst als Erste von uns unten im Verlies. Was schätzt du, wie viel Blut das war?«
Deers Lächeln erstarb.
»Ziemlich viel«, sagte sie. »Als wir draußen in Märsta waren, habe ich gesagt, dass Ellen nicht tot ist, sondern noch lebt. Aber vielleicht habe ich das nur gesagt, um dich zu trösten, um uns beide zu trösten.«
»Und deine intuitive Einschätzung?«
»Ich weiß nicht. Zwei Liter?«
»Der vorläufigen Einschätzung der Gerichtsmedizin zu­­folge waren es nur drei Deziliter. Deine erste Aufgabe ist eine Hausaufgabe. Was für eine Funktion könnte es haben, Ellen mit Blutverdünnern vollzupumpen?«
Deer nickte, mit hochgezogenen Augenbrauen.
»Und meine zweite Aufgabe?«
»Die kannst du sofort erledigen, am Rechner. In welchem Krankenhaus liegt Ekman?«

Arne Dahl

Über Arne Dahl

Biografie

Arne Dahl, Jahrgang 1963, hat mit seinen Kriminalromanen um die Stockholmer A-Gruppe eine der weltweit erfolgreichsten Serien geschaffen. International mit zahlreichen Auszeichnungen bedacht, verkauften sich allein im deutschsprachigen Raum über eine Million Bücher. Sein...

Medien zu »Sieben minus eins«



Pressestimmen

Westdeutsche Allgemeine Zeitung

»Arne Dahl ist ein Meister darin, die Handlung nach und nach zu entblättern, bis immer größere Zusammenhänge entstehen. Das ist spannend zu lesen. Auch seine Hauptfiguren – allesamt finstere Gestalten – sind überzeugend und die begangenen Verbrechen starker Tobak.«

Kölnische Rundschau

»Perfekte Krimi-Kost für Fans der Jagd nach perfiden Serienmördern.«

Siegener Zeitung

»Arne Dahl ist erwiesenermaßen ein filigraner Plot-Komponist, der Spannungsbögen auch über mehrere Romanbände hinweg aufrechtzuerhalten weiß.«

Westdeutsche Allgemeine

»Ein Thriller für verregnete, dunkle Wintertage!«

inforadio rbb

»Ein spannender, gut montierter Nervenkitzel.«

Sounds & Books

»Grandioser Auftakt einer neuen Krimireihe ...Einmal mehr tritt der 1963 geborene Dahl den Beweis seiner Klasse im Krimi-Bereich an.«

Hamburger Morgenpost

»Spannend, überzeugend gut«

Klotener Anzeiger

»Mit ›Sieben minus eins‹ ist Arne Dahl mal wieder ein großer Wurf gelungen. In seiner wundervollen Sprache hat er einen spannenden Thriller konstruiert, den man nur schwer aus der Hand legen kann.«

Schweizer Familie

»Die Geschichte ist spannend und voller Überraschungen. Man sieht, da ist ein Könner mit grosser Lust am Erzählen am Werk.«

Main Post

»›Sieben minus eins‹ ist eine großartige Mischung aus Thriller und psychologischer Studie. Das Buch hat allerdings einen Fehler: Das Ende ist so hammerhart, dass man unbedingt wissen will, wie es weitergeht. Und zwar sofort!«

Freundin

»Arne Dahl legt erneut einen nervenzerreißenden Krimi vor, der einen bis zur allerletzten Seite mitfiebern lässt. Perfekte Lektüre für graue Herbsttage.«

Hannoversche Allgemeine Zeitung

»Dahl jagt seine Leser regelrecht durch die 416 Seiten. Die Geschichte spielt gerade einmal in einer Zeitspanne von zwei Wochen. Immer wieder überraschen neue Wendungen im Fall. Der Plot funktioniert wie ein Schweizer Uhrwerk.«

Mitteldeutsche Zeitung

»An Spannung fehlt es dem neuen Werk wahrhaftig nicht: 416 kurzweilige Seiten, in denen so gut wie alles ins Gegenteil verkehrt wird. Und ist die letzte Seite erreicht, dann flaut die Spannung nicht etwa ab, dann will man sofort zum Folgeroman greifen – doch der wird von Dahl derzeit erst noch geschrieben«

Heilbronner Stimme

»›Sieben minus eins‹ ist ein vielversprechender, in schnellem Stil geschriebener Auftakt für weitere Fälle des Ermittler-Duos.«

Südwest Presse

»Dass seine Plots gut gestrickt sind, kennt man von Dahl, so virtuos wie in seinem aktuellen Roman waren sie aber bislang noch nicht in sich verschachtelt. Kein Wunder, dass sich die schwedischen Kritiken überschlagen.«

Stern

»Furios erzählt«

Ruhr Nachrichten

»Arne Dahls neues Meisterwerk«

Kleine Zeitung

»Dieses Buch ist wie eine raffinierte Matrjoschka (...). Immer, wenn der Leser meint, zum Kern der Sache vorgedrungen zu sein, gilt es, eine weitere Schicht der Geschichte rund um Arne Dahls neuen Kriminalkommissar Sam Berger abzulösen.«

Buch-Magazin

»Der Meister des Schwednkrimis erfindet sich neu - Arne Dahl so psychologisch raffiniert wie nie zuvor!«

BÜCHER

»Ein neuer Höhepunkt des Schwedenkrimis, dessen Fortsetzung man voller Ungeduld erwarten wird.«

Brigitte

»Sie müssen es uns einfach glauben, wenn wir sagen: Es ist das raffinierteste Buch, das Arne Dahl je geschrieben hat.«

Kommentare zum Buch

Sieben minus eins
Freddy am 02.04.2017

Als altgedienter Uhrmacher und Juwelier hat das Werk von Arne Dahl große Enttäuschung hervorgerufen. Wie kann ein solches Buch in vollständiger Unkenntnis der Uhrmacherei geschrieben werden? Nur die Namen der Uhren von Rolex und Patek Philippe sind richtig wohl aus einem Katalog abgeschrieben. Alles was die Technik von Uhrwerken beschreibt, scheint dem Kindergarten entsprungen zu sein. Gibt es keine Fachleute in Schweden, die Korrektur lesen können??? Mit freundlichen Grüssen Freddy

Leider unzufrieden
Lini am 29.12.2016

Hallo zusammen, ich bin der Meinung, das Buch wurde schwer gehypet. Fernab der Realität, spannend aber naja und dann noch ein offenes Ende. Habe das Buch einfach so gekauft und mich hat das offene Ende als Viellesser echt gestört. Für mich gibt es bessere Autoren bzw. bessere Autoren Teams. Grüße...

Wer ist überhaupt Blom?
wal.li am 20.11.2016

Wer ist überhaupt Blom?   Kommissar Sam Berger ermittelt in einem Fall der Entführung einer 15jährigen. Seit Wochen schon ist die junge Frau unauffindbar und die Polizei tappt immer noch im Dunkeln. Sein Chef hat ihm verboten, das S-Wort (S = Serie) auszusprechen. Trotzdem ist Sam überzeugt, dass Ellen nicht das erste Opfer des Täters ist. Was offiziell nicht erlaubt ist, erledigt Sam Berger heimlich und er hält an seiner Theorie von einem Serientäter fest. Durch einen eigenartigen Hinweis finden die Ermittler eine Hütte, die zum einen mit einer Selbstschussanlage versehen ist und die zum anderen ein Labyrinth verbirgt, in dem offensichtlich zumindest eines der Opfer gequält wurde.   Sam Berger und seine Kollegin Desiré Rosenquist stellen ihre Nachforschungen an, wenn möglich mit dem Einvernehmen von Chef Allan Gudmundsson, wenn nicht eben auch ohne. Berger hat den begründeten Verdacht, dass es wenigstens zwei weitere Opfer gibt. Allerdings teilt er nicht alle seiner Erkenntnisse, denn die Wurzel des Falles scheint in seine eigene Vergangenheit zu führen.   Liest man den hinteren Klappentext dieses ausgesprochen spannenden Kriminalromans, erfährt man, dass mit diesem ersten Band einer Reihe das Ermittler-Duo Berger und Blom eingeführt wird. Und mit fortschreitender Lektüre fragt man sich, wer ist denn nun Blom? Etwa ein Täter? Was wäre denn das für ein Duo? Die Frage wird mit einem solchen Paukenschlag geklärt, dass man wirklich das Gefühl hat, im Denken und Rätseln wird in dem Moment etwas in eine völlig andere Position gerückt. Einfach genial, dieser Überraschungsmoment. Allein das schon macht einen großen Teil der außerordentlichen Güte dieses Romans aus. Doch auch die weiteren Ergebnisse, die Berger und sein Team erzielen, und Entdeckungen, die sie machen, decken einen Fall auf, der wesentlich vielschichtiger ist als es die ursprünglichen Entführungen vermuten lassen. Die Spuren deuten auf eine Beteiligung einer Partei, von der man es in keinem Fall erwarten würde.   Dieser Kriminalroman hat tatsächlich das Zeug, den Leser völlig in seinen Bann zu ziehen. Überraschende Wendungen ergeben eine wahre Achterbahnfahrt der Ermittlungen und einen Beginn einer Reihe, der den Leser sehnsüchtig und mit großer Spannung auf den nächsten Teil warten lässt.

Sieben minus eins
Jutta am 12.10.2016

Ich hätte es nicht für möglich gehalten, dass ein Blatt sich so oft wenden kann. Und dann der Schluss... Wahnsinn!

"Wir sind schon wieder zu spät."
goat am 18.09.2016

„Sieben minus eins“ ist der Auftakt zu einer neuen Krimireihe mit dem Ermittlerduo Sam Berger und Molly Blom. Drei Wochen nach der Entführung eines 15-jährigen Mädchens, hat die Polizei noch immer keine heiße Spur. Ein anonymer Hinweis führt die Ermittler zu einer verlassenen Hütte in einem Wald. Durch eine Selbstschussanlage wird ein Polizist schwer verletzt, doch außer einer Blutlache in einem Verlies im Keller, finden die Beamten nichts. Sie sind zu spät gekommen. Nur wo ist das Mädchen? Sam Berger erinnert dieser Fall an weitere Vermisstenfälle aus vergangenen Jahren. Er geht, im Gegensatz zu seinem Vorgesetzten von einem Serientäter aus. Weitere Nachforschungen führen ihn anhand von Pressebildern oder Videos zu einer Frau, die an jedem dieser Tatorte mit einem Fahrrad auftauchte. Sam Berger scheint in ein Wespennest gestochen zu haben, denn plötzlich wendet sich das Blatt und er ist derjenige, der unter Mordverdacht gerät …   Angesprochen hat mich als Erstes das Cover, welches in sehr dezenten Farben eine ungeheure Ruhe ausstrahlt mit dem Boot auf dem Wasser. Diese Ruhe ist natürlich trügerisch, wie sich später herausstellt. Aber das Cover passt sehr gut zum Roman, da ein Bootshaus eine sehr große Rolle in diesem Fall spielt. Der Krimi ist spannend – ohne Frage. Dennoch gehört „Sieben minus eins“ nicht zu Arne Dahls besten Romanen. Der Funke bei den beiden Protagonisten ist bei mir noch nicht hundertprozentig übergesprungen. Eigentlich mag ich eigenwillige Ermittler, aber Sam Berger hat es mir nicht gerade leicht gemacht. Seine permanenten Alleingänge und Geheimniskrämereien habe ich in sofern nicht nachvollziehen können, als er seine Kollegin zu nicht ganz ungefährlichen Aktionen verleitet, die sie nicht nur den Job kosten könnten, sondern auch eine Gefährdung fürs Leben darstellen. Vielleicht ist das der Grund, warum ich mit ihm einfach nicht warm geworden bin. Aber auch hier kann man sich täuschen – wie im wahren Leben und ich hoffe, je besser man einen Protagonisten kennenlernt, umso mehr wird man ihn mögen.   Arne Dahl hat in diesem Krimi mit vielen Perspektiv- und Szenenwechseln gearbeitet und das lässt den Spannungspegel enorm nach oben schnellen. Ich konnte das Buch kaum aus der Hand legen. Und immer stellte sich mir die Frage: Wo sind die Entführungsopfer abgeblieben? Sind sie tatsächlich tot oder leben sie vielleicht doch noch? Da die erste Hälfte des Buches sich fast ausschließlich auf die Ermittler konzentriert und dem Leser dann ganz abrupt mitgeteilt wird, wer der Täter ist, fällt ein Miträtseln bei diesem Krimi komplett weg. Doch das, was ich bei anderen Krimis bemängeln würde, tut der Spannung hier keinen Abbruch. Einen absoluten Cliffhanger liefert der Autor mit dem letzten Absatz. Ganz sicher weiß ich, wer den zweiten Band aus der neuen Reihe lesen wird. Für „Sieben minus eins“ vergebe ich vier Sterne

Sieben minus eins
Frau Buch am 04.06.2016

Ich hab das Leseexemplar bekommen und bin total begeistert !! Selten ein so spannendes Buch gelesen...von der ersten bis zur letzten Seite. Und erst der Schluss........jetzt heißt es wohl ungeduldig auf eine Fortsetzung warten :-) 

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