Arne Dahl Serie
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Radikal. Kompromisslos. Spannend.

Der neue Krimi von Bestsellerautor Arne Dahl

Montag, 03. September 2018 von Piper Verlag


Exklusiv im PIPER-Webshop: Signierte Krimis von Arne Dahl

Fünf plus drei. Signierte Buchausgabe

Kriminalroman

Sam Berger wird gejagt - für einen Mord, den er nicht begangen hat. Doch dann braucht der Geheimdienst seine Hilfe: Der unter dem Tarnnamen Carsten operierende Ex-Geheimdienstler hält ein Mädchen in seiner Gewalt. Und Sam Berger ist der einzige, der sie finden kann. Er setzt sich auf Carstens Fährte, der er nur allzu leicht folgen kann. Denn Carsten verfolgt einen perfiden Plan - er will, dass Berger das Mädchen findet: Sie ist der Schlüssel zu einem terroristischen Verbrechen, das ganz Schweden bedrohen könnte ...
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Montag, 30. November, 8:10

Der Hausflur lag im Dunkeln. Trotzdem konnte Berger ein geflügeltes Insekt ausmachen, das langsam an der Decke entlangkrabbelte. Er folgte ihm eine Weile mit dem Blick. Erst als er nicht mehr hinsah, wurde ihm bewusst, dass es eine Biene gewesen war.

Obwohl das einzige Licht in dem Flur kaum als Beleuchtung bezeichnet werden konnte, war das Tier ganz deutlich durch den Türspion zu erkennen. Er stand mit dem anderen Mann neben der verschlossenen Tür, sie drückten sich rechts und links davon an die kühle Betonwand. Beide mit erhobenen Schusswaffen. In dem schalen Licht fixierte der ältere Mann Berger, dann nickte er energisch. Ohne die Waffe zu senken, zog Berger einen Gegenstand aus der Tasche, der wie eine Lupe aussah. Er hob ihn an den Spion und spähte hinein.

Die Perspektive war verzerrt, dennoch zeichnete sich das Innere der Wohnung klar ab. Ein Flur öffnete sich zu den Umrissen eines Wohnzimmers. Im ersten Morgengrauen schienen riesige Adler auf die großen Fenster zuzusegeln. Wie in Zeitlupe näherten sie sich, schwarze Silhouetten, die für einen Moment im Aufwind direkt vor den Fenstern zu schweben schienen. Dann nahmen die Adler menschliche Konturen an und standen reglos da, fest mit den Füßen am Boden. Einer von ihnen hob die Hände und zeigte zehn Finger, dann neun, dann acht. Berger steckte das Gerät, das wie eine Lupe aussah, in die Tasche zurück und holte den Dietrich hervor. So leise wie möglich schob er ihn ins Schloss. Trotzdem klirrte das Werkzeug beunruhigend, als er damit nach unsichtbaren Zacken und Haken tastete. Sechs, fünf, vier. Er traf nicht auf Widerstand, zum ersten Mal seit Jahren bekam der Dietrich nichts zu fassen. Drei, zwei. Jetzt hatte Berger Erfolg, er hörte das Klicken, als der Dietrich einrastete. Mit erhobener Waffe stieß Berger die Wohnungstür auf. Genau im selben Moment traten die zwei Schwarzgekleideten die Balkontür auf, ihre kleinen MPs im Anschlag. Lautlos verschwanden sie nach links. Berger schlich sich nach rechts.

Nun sah er das gesamte Wohnzimmer: ein Kachelofen mit offenem Kamin, ein Sofa, ein Lesesessel, ein Servierwagen. Auf dem Tischchen neben dem Sessel ein dickes Buch. Berger ging darauf zu, ohne die Pistole zu senken. Eine Brille lag auf dem Buch, eine Brille mit absurd dicken Gläsern. Außerdem erkannte Berger, dass es sich um eine Originalausgabe von Shakespeares Gesammelten Werken handelte.

Er fasste nichts an, hob stattdessen den Blick. An den Wänden hing nur ein einziges Bild, eine Landschaftsfotografie. Der magische Schein des Sonnenuntergangs verzauberte einen Hügel mit Pinien und Zypressen, einige weiße Häuser, ein paar Esel mit gesenkten Köpfen, eine Reihe von Bienenstöcken, die auf Terrassen den Hang hinauf standen, und ein Feld mit buttergelben Blumen, das bis zum funkelnden Meer hinunterreichte. In der Ferne erhob sich ein großer Felsen aus dem Wasser. Gibraltar, dachte Berger.

Er wandte sich wieder dem Buch zu, ging in die Hocke, musterte eingehend die Brille, sah ein Lesezeichen zwischen den dünnen Seiten hervorragen, rührte jedoch weiterhin nichts an.

»Hier«, rief eine gedämpfte Stimme.

Berger richtete sich auf und drehte sich um. Der ältere Mann stand draußen im Wohnungsflur und beobachtete ihn. Sein kurz geschorenes Haar erinnerte an Eisenspäne auf einem Magneten. Sein Name war August Steen, und er war der Chef der Abteilung für Nachrichtendienste bei der Säpo.

Berger und Steen folgten der Stimme und durchquerten dabei eine Küche. Aus dem hintersten Raum drangen Gesprächsfetzen. Berger ging hinein.

Die Schwarzgekleideten hatten sich die MPs über die Schultern gehängt. Mit einer gewissen Skepsis musterte Berger die beiden externen Ressourcen von August Steen.

»Wohnung gesichert«, erklärte Roy Grahn.

»Aber hier hat sie gesessen«, ergänzte Kent Döös und deutete auf die offensichtlich schallisolierten Wände des fensterlosen Zimmers.

Berger sah sich um. Ein vollkommen anonymer Raum und das genaue Gegenteil des gemütlichen Wohnzimmers. Dass keinerlei Spuren von Ketten, Lederbändern oder Infusionsständern zu sehen waren, hieß nicht, dass es sie nicht gegeben hatte, und auch nicht, dass kein Betäubungsmittel zum Einsatz gekommen waren. Doch im Moment klaffte hier nur eine schweigende Leere.

Dafür verriet das Schlafzimmer umso mehr.

Berger sank neben den zerwühlten Bettlaken auf die Knie. Er legte den Kopf schief, betrachtete das Kissen und konnte in der zunehmenden Morgendämmerung mindestens drei lange schwarze Haare entdecken.

»Unser Freund ist nicht gerade darum bemüht, seine Spuren zu verwischen«, sagte er.

»Warum sollte er auch?«, erwiderte August Steen. »Das Einzige, was er geheim halten muss, ist der Ort, an den er sie gebracht hat.«

Plötzlich hörte Berger ein leises Summen. Er blickte zur Decke. Eine Biene flog quer durch das Schlafzimmer. Dieselbe Biene? Berger folgte ihr durch die Küche ins Wohnzimmer. Vor dem Sessel blieb er stehen und streifte die Handschuhe über. Er schob die dicke Brille zur Seite, schlug die Seiten des Buches dort auf, wo das Lesezeichen steckte, und las.

Hamlet. Dritter Akt. Das Lesezeichen zeigte auf eines der bekanntesten Zitate der Weltliteratur.

To be, or not to be …

Berger ging zu dem Foto an der Wand und betrachtete es noch eingehender. Sah das Meer, den Felsen, die Blumen. Sah die Bienenstöcke, die sich den Hang hinaufzogen.

Sah die Bienenstöcke.

Die Biene summte erneut. Aber sie war lauter geworden. Berger blickte zur Zimmerdecke, jetzt saßen zwei oben in der Ecke.

Lebten Bienen Ende November noch? In Schweden?

To bee, or not to bee …

»Er züchtet Bienen«, sagte Berger laut.

Kent und Roy beäugten ihn skeptisch, Steen sah ihn lediglich neutral an.

»Was?«, fragte Roy schließlich. »Hier drinnen?«

»Wohl kaum«, antwortete Berger.

»Ist das nicht ein Trend?«, fragte Kent. »Bienenstöcke auf Hausdächern?«

»Was für ein Quatsch«, schnaubte Roy.

Steen runzelte die Stirn. »Es gibt drei Wege hinauf aufs Dach. Das Treppenhaus, eine Feuertreppe und die Balkone. Grahn, können Sie noch zwei Stockwerke weiter hinaufklettern?«

Roy warf einen Blick zum Balkon, auf den zwei Seile herabhingen. Er nickte.

Steen fuhr fort: »Döös die Feuertreppe. Berger das Treppenhaus. Ich suche eine Überblicksposition. Vorherige Abstimmung. Teilt euer Eintreffen mit. Wartet meine Anweisungen ab. Und: Beeilt euch.«

Roy lief auf den Balkon, Berger und Kent stürzten durch die Wohnungstür hinaus. Berger schaltete das Licht an und ging den Flur entlang. Als er das Treppenhaus betrat, sah er eine Biene an der Wand entlangkrabbeln.

Es gab zwei Alternativen. Entweder waren die Bienen Ausreißer, oder sie waren eine Geschmacksprobe, ein Hinweis. Wenn sie Ausreißer waren, konnte der Täter ganz ahnungslos mit seinem Entführungsopfer dort oben sitzen. Wahrscheinlicher war allerdings, dass er die Polizisten aus einem bestimmten Grund aufs Dach hinauflocken wollte.

Dennoch mussten sie dort hoch, es führte kein Weg daran vorbei. Und es gab auch keine andere Spezialtruppe, die man hätte hinzuziehen können, in diesem Fall herrschte absolute Geheimhaltung. Berger wusste nicht einmal, inwieweit Kent und Roy eigentlich eingeweiht waren. Er beobachtete einen Moment lang, wie die Bienen scheinbar ziellos über die Wand wanderten. Dann begab er sich nach oben.

Das schmuddelige, von Neonröhren erleuchtete Treppenhaus führte zu einer robusten Stahltür mit einem Knauf. Berger nahm sein Walkie-Talkie zur Hand und meldete seine Ankunft. Es knisterte, und Roys Stimme erklang.

»Auf Position.«

Neuerliches Knistern, dann meldete sich August Steen.

»Überblick von der benachbarten Immobilie. Es gibt tatsächlich ein kleines, niedriges Häuschen auf dem Dach, nordöstliche Ecke. Grahn, du bist vielleicht fünf Meter entfernt. Die Tür liegt aber in Ihrer Richtung, Berger, von Ihnen aus sind es zwanzig Meter. Döös befindet sich zehn Meter entfernt auf der Feuertreppe auf der gegenüberliegenden Seite.«

»Verstanden«, sagte Roy. »Kent?«

»Zugestellte Feuertreppe«, keuchte Kent. »Brauche noch ein paar Minuten. Melde mich.«

Stille breitete sich aus.

Die Neonröhren im Treppenhaus erloschen, und die Dunkelheit umfing Berger. In der Stille ertönte ein Summen, in der Dunkelheit leuchtete ein roter Lichtschalter. Berger streckte sich danach. Das Licht ging blinkend wieder an. Die Biene summte weiter, blieb jedoch unsichtbar.

Jetzt hieß es warten.

Unerträgliches Warten.

Aus Bergers Erinnerung trat ein dunkles Motelzimmer hervor, in das lediglich die Lichter der dröhnenden Autobahn hereinsickerten. Berger schlüpfte mit seiner traurigen Plastiktüte in der Hand hinein, gefüllt mit Tankstellensandwiches und Trinkjoghurts, und wollte sich gerade in dem Sessel niederlassen, als er bemerkte, dass dort schon jemand saß. Sein Herz schlug bis zum Hals, und August Steen sagte: »Das nennen Sie untertauchen?«

Die Sekunden verstrichen. Berger fuhr mit der Hand über seine Brust: Die Konturen der schusssicheren Weste waren ihm so vertraut wie die seiner eigenen Rippen.

Erneut drängte sich das Motelzimmer vor seinem inneren Auge auf. Mittlerweile saß Berger auf dem Bett und atmete schwer, sein Blick fixierte Steen in dem Sessel.

»Wir glauben, dass wir den Ort lokalisiert haben, wo sich Carsten mit Aisha befindet«, sagte Steen. »Halten Sie sich morgen früh bereit.«

Berger schüttelte langsam den Kopf und sah sich in dem deprimierenden Motelzimmer um.

»Was um Himmels willen mache ich hier?«, fragte er.

»Sie sind Schwedens meistgesuchter Mann«, antwortete Steen. »Aber Sie halten sich versteckt.«

»Und Sie sind einer der hochrangigsten Säpo-Chefs«, sagte Berger. »Ich bin nicht bei der Säpo, das war ich auch nie. Warum sollten Sie mir helfen?«

»Wir helfen uns gegenseitig«, entgegnete Steen.

Die Biene summte weiter durch das Treppenhaus, konnte die nächtliche Szene jedoch nicht vertreiben.

Berger starrte weiter in die Dunkelheit und auf August Steen, der sich am Ende genötigt sah fortzufahren: »Sie gehören jetzt zu meinem Team, Sam. Sobald wir mehr darüber wissen, was hier gerade vor sich geht, werde ich Sie dringend brauchen. Bis dahin muss ich Sie um Geduld bitten. Ein Safehouse wird für Sie vorbereitet, aber morgen müssen Sie unbedingt auf der Matte stehen.«

»Was zum Teufel passiert hier gerade? Irgendein Terroranschlag?«

»Der schlimmste Terroranschlag aller Zeiten …«

»Schon klar«, fiel Berger ihm ins Wort. »Der schlimmste Terroranschlag in der Geschichte Schwedens. Aber ich weiß verdammt noch mal nichts darüber. Und ich kann diese dämliche Geheimniskrämerei der Säpo nicht ertragen.«

Steen seufzte laut und lehnte sich in dem mottenzerfressenen Sessel zurück.

»Carsten war mehrere Jahre mein engster Vertrauter, eine der wichtigsten Stützen der Säpo. Dann wurde er als Spitzel enttarnt, als jener Landesverräter in der Organisation, nach dem ich schon eine Weile gesucht hatte. Er hat Aisha Pachachi aus demselben Grund entführt, aus dem er auch Ihre Kollegin und Freundin Katharina Andersson, also Cutter, ermordet hat. Um aus ihnen herauszupressen, wo sich mein wichtigstes Ass – nämlich Aishas Vater, Ali Pachachi, der Mann mit dem Netzwerk – aufhält. Kurz gesagt: Er hat Aisha entführt, um Ali mundtot zu machen.«

Als Berger dort in dem tristen Motelzimmer auf dem Bett saß, spürte er widerwillig, wie sein Polizisteninstinkt erneut zum Leben erweckt wurde.

»Weil Ali gerade herausfindet, wann und wie der schlimmste Terroranschlag in der Geschichte Schwedens stattfinden soll?«, fragte er.

»Ja.« Steen nickte. »Meiner Einschätzung nach will eine internationale Terrororganisation Ali zum Schweigen bringen und hat deshalb Carsten gekauft. Vermutlich handelt es sich dabei um den IS, den sogenannten Islamischen Staat, aber das ist noch nicht sicher.«

Berger sah sich noch einmal in dem deprimierenden Motelzimmer um, aber es gab nichts, worauf er seinen Blick heften konnte. Nichts als den ausweichend antwortenden Chef der Abteilung für Nachrichtendienste bei der Säpo.

»Also hat mir Carsten diesen ganzen Mist eingebrockt?«, fragte Berger. »Er hat mich zum meistgesuchten Mann gemacht? ›Fahndung nach Ex-Polizist wegen Mordes an Tatverdächtiger‹. Der mit meiner alten Dienstwaffe eine Mörderin erschossen hat. Warum zur Hölle?«

Steen schüttelte den Kopf.

»Das ist noch nicht geklärt«, sagte er. »Aber er hat irgendeine emotionale Bindung zu Molly Blom entwickelt. Wie Sie sich sicher erinnern, hat er dort oben im Inland observiert. Seine Berichte hatten einen komischen Unterton, das ist mir erst im Nachhinein bewusst geworden, als ich sie am Stück las. Er nannte Sie ›den Mann und die Frau‹, wenn auch mit Symbolen.«

»Symbolen?«

»Solchen hier«, antwortete August Steen, zog einen Stift hervor und malte zwei Zeichen auf die Rückseite einer Tageszeitung.

Berger sah zwei Symbole – ♂ und ♀ – und zog die Augenbrauen hoch. Steen fuhr fort und zeigte mit dem Finger auf die Bilder.

»♂ waren Sie, und ♀ war Molly.«

»Molly, die im Koma liegt und mein Kind in sich trägt«, erwiderte Berger finster und schüttelte den Kopf.

Steen stemmte sich aus dem schäbigen Sessel hoch und legte die Hand auf Bergers Knie. Das kam ein wenig unerwartet.

»Wir haben einen großen Vorteil gegenüber Carsten«, sagte er mit einer Stimme, wie sie Berger noch nie bei ihm gehört hatte. »Er ist zweifellos ein sehr gefährlicher Mensch – wir dürfen ihn wohl als einen erfahrenen Berufskiller bezeichnen –, aber er ist kurz davor zu erblinden. Er ist an der unheilbaren Augenkrankheit RP erkrankt, Retinitis pigmentosa. Morgen früh haben wir die beste Chance, ihn zu erwischen. Und dabei brauche ich Sie, Sam.«

Dabei brauche ich Sie, Sam, hallte es in Bergers Kopf nach, in diesem nichtssagenden Hochhaustreppenhaus, vor dieser nichtssagenden Tür, während das Warten ihm immer unendlicher vorkam. Gewaltsam kehrte er in die Gegenwart zurück und betrachtete seine entsicherte Waffe. Sie zitterte in einem merkwürdigen, regelmäßigen Takt, der vermutlich dem seines Herzschlags entsprach.

Seine einzige Hoffnung bestand darin, dass Carsten allmählich erblindete.

Das Summen einer unsichtbaren Biene war weiterhin das einzige Geräusch, das Berger hörte. Lang und monoton.

Plötzlich knisterte das Walkie-Talkie.

»Auf Position«, sagte Kents Stimme.

»Na dann«, entgegnete Steen. »Drei. Zwei. Eins.«

Berger schob die Tür auf und blickte hinaus. Die erste Morgendämmerung verbreitete ihren vagen Schein über das Hausdach. Zwanzig Meter weiter rechts lag das kleine Haus wie ein Betonklumpen. Schräg vor sich sah Berger Kent die Feuertreppe emporklimmen und auf das Haus zustürzen. Im selben Moment zog sich Roy an einem der Seile hoch und rollte über die kleine Mauer am Rand des Dachs.

Jetzt rannte Berger los. Dabei fühlte er sich eigentümlich abwesend, er betrachtete alles aus der Distanz, verzerrt, und wartete nur auf die Schüsse.

Roy kam als Erster an, Kent kurz darauf. Dann spurtete auch Berger auf die Hütte zu und sah aus der Entfernung, wie Roy den Fuß hob, die Tür eintrat und verschwand. Auch Kent war da, er zögerte kurz, ehe er ebenfalls in das Häuschen abtauchte.

Berger hatte es fast erreicht, da verspürte er einen starken Schmerz am Hals, als hätte jemand eine lautlose Waffe auf ihn abgefeuert. Reflexartig fasste er sich an den Nacken, und nun schmerzte auch seine Hand. In dem Moment stolperte Kent seltsam gebeugt aus dem Häuschen. Er schlug um sich, wobei die Dienstwaffe wie in Zeitlupe in hohem Bogen davonflog. Kent sackte auf die Knie, warf sich zu Boden und wälzte sich herum. Das Summen wurde immer lauter. Berger quälte nun ein stechender Schmerz, der sich in seinem Körper ausbreitete und bis in die Glieder brannte.

Eine weitere Gestalt kam aus dem Haus. Sie sah aus wie ein Bär, ein Bär im aufrechten Gang. Die Gestalt hob ihre Arme wie zum Gebet, doch da waren keine Hände, da waren Pfoten, Tatzen, die mit dickem, flauschigem Fell überzogen waren. Der restliche Körper wirkte ebenfalls bullig, geradezu wollig, doch aus der bärengleichen Gestalt ragte ein kreidebleiches Gesicht hervor, ein Schädel mit starrem Blick und einem weit geöffneten, aber stummen Mund. Und das Summen wurde immer lauter. Da verstand Berger endlich, was er sah.

Dies war Roys Gesicht. Nur war sein ganzer Körper von Bienen bedeckt. Roy taumelte mit eigentümlichen, schweren Schritten wie bei einer Mondlandung an der Befestigung des Seils vorbei zur Dachkante. Dort kletterte er auf die kleine Mauer, hinter der sich der Abgrund auftat.

Berger hörte sich selbst rufen, doch es war die Stimme eines anderen: »Bleib stehen, bleib stehen, verdammt!«

Stattdessen wankte Roy einfach weiter und stieg auf die Mauer, als würde er von einer fremden Kraft angetrieben. Dann tat er den fatalen Schritt in den Abgrund.

Es sah so aus, als würde er kurz in der Luft stehen. In einem Brummen, das immer mehr einer Kakofonie glich, schien Roys Körper für einen Moment in der Unendlichkeit zu schweben, als wäre die Schwerkraft aufgehoben, als gäbe es kein Oben und Unten mehr. Dann ließen die Bienen wie auf Befehl von ihm ab und flogen von seinem Körper auf wie ein kleiner Tornado.

In diesem Moment blickte Berger Roy in die Augen. Und was er sah, war der Tod. Er schaute dem Tod direkt ins Gesicht. Bis Roy fiel.

Berger hörte sich selbst brüllen. Er stolperte vorwärts, und der Schmerz, der für einige Sekunden wie weggeblasen gewesen war, kehrte mit voller Kraft zurück. Unterdessen rappelte Kent sich auf und bürstete mit der Hand wie wild seinen Körper ab. Zusammen mit Berger wankte er zum Rand des Dachs. Wo Roy in die Tiefe gestürzt war.

Genau in dem Moment, als sie dort ankamen, wandte Berger sich um und sah einen enormen Bienenschwarm aus der weit geöffneten Tür des Häuschens schwirren. Er bildete eine schwarze Wolke über der ohnehin noch dunklen Stadt.

Berger und Kent wechselten einen Blick. Kent zupfte eine Biene von seiner bleichen Wange und nickte. Dann sahen sie über die Kante.

Roys Körper war in zwei Stücke gerissen und lag dreißig Meter unter ihnen auf dem Parkplatz.

Die eine Hälfte auf einem Auto.

Kent entfuhr ein Laut, der nicht mehr menschlich klang.

»Berger!«, bellte das Walkie-Talkie. »Rettungswagen unterwegs. Sichert das Haus.«

Langsam erhob sich Berger neben dem zusammengesunkenen Kent, der vor Trauer und Schmerz schrie. Er sammelte die Bienen von allen frei liegenden Hautoberflächen seines Körpers und spürte, wie sich ein seltsamer Rausch in ihm ausbreitete. Schwankend bewegte er sich auf das kleine Haus zu. Dort presste er sich an die Betonwand und warf einen hastigen Blick hinein, ehe er schnell den Kopf zurückzog. Drinnen war kein Mensch, und es gab auch keine verborgenen Räume. Dafür mindestens sechs geöffnete Bienenstöcke. Es waren nur noch einzelne Bienen zu sehen, von denen ein zähes Summen ausging. Es sollte also möglich sein, das Häuschen zu betreten. Berger griff seine Waffe fester und betrat die Hütte.

Wild fuchtelnd versuchte er, die letzten Bienen hinauszuscheuchen. Dann sah er sich um. Außer den Bienenstöcken gab es einen Tisch und einen Stuhl, sonst nichts.

Hier hatte Carsten Aisha wohl kaum gefangen gehalten. Sein Ziel war es gewesen, auch die Polizisten hier heraufzulocken. Um ihnen zu schaden, um sie zu töten? Wohl kaum, Carsten war kein Sadist. Wahnsinnig, das schon. Ein Landesverräter. Skrupellos. Aber rational. Er hatte einen anderen Grund gehabt, sie herzuführen.

Boden, Decke, Wände – nichts. Ein vollkommen neutraler Raum. Demnach musste in den Bienenstöcken oder auf dem Tisch irgendetwas zu finden sein. Den Bienenstöcken wollte Berger sich nicht weiter nähern, er hatte schon genug Körperkontakt mit ihren Bewohnern gehabt.

Erst jetzt sah er, dass einige der Insekten auf dem kleinen Tisch ausharrten. Sie waren ruhiger als ihre Verwandten und krabbelten in einer festen Formation umher, einem Rechteck, etwa einen Dezimeter breit. Berger nahm seine frisch ausgehändigte Säpo-Pistole und wischte die Bienen damit von der Tischplatte. Unter ihnen lag ein Stück Papier. Er wagte es nicht, das Blatt anzufassen, stellte jedoch fest, dass es mit etwas Süßem, Klebrigem bestrichen war. Einer Substanz, die Bienen vermutlich mochten.

Das Papier sah aus wie ein kleiner Umschlag von der Sorte, die normalerweise Glückwunschkarten enthielten.

Berger reinigte ihn ganz von den Bienen, ließ ihn jedoch liegen. Gegen alle Instinkte wollte er auf die Kriminaltechniker von der Säpo warten. Da entdeckte er unter der Tischplatte eine Schublade. Er ging in die Knie und zog sie vorsichtig heraus.

Der Knall war überirdisch, und die Kraft, die Berger zurückwarf, gigantisch. Ein alles umfassender Schock, ein verwirrender Schmerz. Berger wurde schwarz vor Augen.

Es existierte nur noch ein einziger, einfacher Gedanke, der im unendlichen Nichts kreiste.

Dies ist eine beschissene Art zu sterben.

Dann umfasste ihn die Dunkelheit.

Als Berger seine Augen wieder aufschlug, war er sich nicht sicher, ob er noch lebte. Doch er sah in einen eisgrauen Blick, darüber ein metallgrauer Bürstenschnitt.

»Tatsächlich ist der perfekte Spion ein kastrierter Spion«, sagte August Steen, »aber ganz so drastisch hätte es auch nicht sein müssen.«

»Wie bitte?«, keuchte Berger.

»Hätten Sie sich nicht hingekniet, wäre Ihnen der Schwanz weggeschossen worden.«

Berger blickte an seiner schusssicheren Weste hinab. Es war deutlich sichtbar, wo die Kugel ihn getroffen hatte. Mitten ins Herz.

»Verdammte Axt«, sagte er.

Steen streckte ihm die Hand entgegen. Berger ergriff sie, kam, begleitet von einer Kaskade von Schmerzstrahlen, wieder auf die Beine und stand vor der offenen Schublade. Hinter der weggeschossenen Front war eine Pistole eingeklemmt, deren Abzug mit einem Stahldraht verbunden war. Berger erkannte die Waffe sofort wieder. Es war eine Sig Sauer P226. Höchstwahrscheinlich Bergers eigene ehemalige Dienstwaffe. Am Lauf klebte ein kleiner handgeschriebener Zettel.

Darauf stand, kurz und knapp: »Boom!«

»Carsten hat es auf Sie abgesehen, Sam«, sagte Steen. »Jetzt müssen wir Sie aber definitiv unsichtbar machen.«

Berger warf einen letzten Blick auf den kleinen Umschlag, seufzte schwer und stolperte zur Tür. Steen holte ihn ein und stützte ihn.

Am blassgrauen Novemberhimmel näherte sich langsam, beinahe unwirklich, ein Rettungshubschrauber.



2

Montag, 30. November, 9:03

Seine Sinne spielten verrückt. Die ganze Welt schaukelte. Der herannahende Helikopter klang immer mehr wie das Summen einer gewaltigen Biene.

Berger saß auf dem Dach, durchlief alle möglichen Stadien des Schmerzes und war nicht mehr imstande, zwischen Körper und Seele zu unterscheiden.

Emotionslos beobachtete er, wie August Steen eine Rolle mit Gazebinde aus einer Tasche nahm und damit näher kam.

»Sie müssen mit dem Helikopter mitfliegen«, sagte Steen und fing an, Bergers Kopf mit der Binde zu umwickeln. »Und Sie sind immer noch Schwedens meistgesuchter Mann. Sie dürfen auf keinen Fall erkannt werden.«

Der Windzug des landenden Helikopters erfasste sie. Berger sah, dass Steen die Gazebinde aus der Hand gerissen wurde, der Wind sie sofort weiter aufrollte und wie einen riesigen Wimpel in der Luft flattern ließ, ehe sie über die Hochhausdächer von Tensta davonschwebte. Steen holte eine neue Rolle, und es gelang ihm, Bergers Kopf zu verbinden.

»Bleiben Sie cool. Ich hole Sie im Söder-Krankenhaus ab.«

Dann saß Berger da, unbeachtet, in einer Ecke des Helikopters zusammengekauert, reisekrank, mit Schussschmerzen in der Brust und einem diffus verteilten Bienenstichbrennen. Trotzdem ging es ihm eindeutig besser als den anderen Patienten in dem kleinen, krängenden Innenraum.

Die beiden Hälften von Roy Grahns zerschmettertem Körper lagen unter einer blutdurchtränkten Decke. Kent Döös war wach genug, um zu wimmern, und das Wimmern schwoll hin und wieder zu Schmerzens- und Trauergebrüll an, doch er wehrte jeden Versuch ab, wenigstens seine äußerlichen Qualen zu lindern. Der Rettungssanitäter malte mit seiner Morphiumspritze vergeblich ganze Bilder in die Luft.

Berger meinte sich zu erinnern, dass er ähnliche Szenen aus Kriegsfilmen kannte. Eine starke Übelkeit stieg in ihm auf, und er war kurz davor, sich schwallweise in seinen blickdichten Kopfverband zu übergeben, als er ein Fenster entdeckte.

Der Anblick von Wasser hatte seine Eingeweide schon immer beruhigt. Er sah die Oberfläche dort unten, aber es dauerte einen Moment, ehe er den Ulvsundasjön, die Tranebergsbron und Lilla Essingen wiedererkannte. Dann Reimersholme, die Liljeholmsbron und Årstaviken. Der Helikopter folgte dem Wasser bis zu einem Dach mit einem Kreis, einem Pluszeichen und einem großen H in der Mitte. Dort landete er auf dem Buchstaben, offenbar ohne dabei seine Geschwindigkeit zu drosseln.

Dann ging alles ganz schnell.

Die Türen wurden geöffnet, Roys Bahre hinausgerollt, und weg war sie. Kent, dessen großer Körper endlich auf die Morphiumspritze reagiert hatte, wurde auf die Helikopterplattform des Söder-Krankenhauses getragen.

Berger blieb zurück.

Während der Pilot hinaussprang, die Rotorblätter nun langsamer kreisten und schließlich sanft zum Stehen kamen, hockte Berger in seiner Ecke, den ganzen Kopf bandagiert. Nach einer Weile schaute ein weiß gekleideter Mann herein und winkte ihn zu sich. Berger nahm seine Tasche und kletterte hinaus. Gemeinsam betraten sie das große Krankenhaus. Der Sanitäter blickte nicht einmal in ihre Richtung.

Ganz im Einklang mit dem übrigen Empfang ließ man Berger auf der Akutstation in einer Ecke hinter vorgezogenen Vorhängen sitzen, über einen Zeitraum, den er irgendwann nicht mehr einschätzen konnte. Es verging viel Zeit. Unfassbar viel Zeit. Eine Stunde folgte auf die nächste.

Berger konzentrierte sich auf seinen Körper. Am meisten schmerzte die Stelle, an der die Kevlar-Weste die Kugel der Sig Sauer P226 abgehalten hatte, doch er bezweifelte, dass seine Rippen verletzt waren. Das Gift der Bienenstiche war schwieriger einzuschätzen, würde für eine Einweisung jedoch auch nicht ausreichen. Also hatte August Steen ihn aus anderen Gründen hierherbringen lassen. Weil es der sicherste Ort war, an dem er sich aufhalten konnte? Während ein Safehouse für ihn vorbereitet wurde? Während seine Sachen dort hingebracht wurden? Von zu Hause? Ob sie in seiner Wohnung gewesen waren? Durchwühlte die Säpo gerade seine Zimmer, während er hier saß wie ein Schluck Wasser in der Kurve?

Er selbst war schon sehr lange nicht mehr bei sich zu Hause gewesen. Wobei es sich wohl vor allem lange anfühlte. Dabei war kaum mehr als ein Monat verstrichen, wahrscheinlich sogar weniger.

Die Stunden rannen noch immer zwischen seinen Fingern hindurch. Er versuchte nachzudenken, der freie Flug der stillen Gedanken.

Wenn Carsten dieses ganze Bienenhaus einzig und allein präpariert hatte, um niemand anderen als Sam Berger umzunieten, war er dann hier wirklich sicher? Ins Söder-Krankenhaus einzudringen und hinter schützenden Gardinen einige schallgedämpfte Kugeln in einen gewöhnlichen Patienten zu feuern dürfte nicht gerade schwer sein. Vermutlich würde es lange dauern, bis es überhaupt jemand bemerkte.

Im nächsten Moment wurden die Vorhänge tatsächlich beiseitegezogen.

Berger sah Carsten, der blinzelnde, nicht zu deutende Blick hinter den dicken Brillengläsern, er sah, wie die Pistole erhoben wurde, und registrierte das kleine, beinahe unmerkliche Lächeln, welches das allerletzte Bild sein würde, das Sam Berger mit sich ins Totenreich nähme.

Doch es war nicht Carsten, der da hereinkam, auch kein Arzt, es war ein Mann, dessen Bürstenschnitt an Eisenspäne auf einem Magneten erinnerte.

»Gehen wir«, sagte August Steen knapp.

Sie gingen. Berger schwieg, Steen ebenfalls.

In einer versteckten Ecke des Krankenhausparkplatzes stiegen sie in ein Auto, und Steen fuhr nach Süden, aus der Stadt hinaus. Erst als die Dämmerung hereinbrach, wurde Berger klar, wie lange er im Krankenhaus gesessen und auf einen Arzt gewartet hatte, der nie kam. Der auch nie die Absicht gehabt hatte zu kommen.

Als sie auf der Höhe von Haninge waren, brach Steen das Schweigen.

»Das Arschloch hat Roy umgebracht.«

Berger starrte vor sich hin. Vor seinem inneren Auge sah er den übernatürlich schwebenden Körper, in Bienen gehüllt. Dann den halbierten Körper unten auf dem Parkplatz.

Mit Carsten war nicht zu spaßen.

Und er hatte es definitiv auf Sam Berger abgesehen.

Steen war anscheinend zum Reden aufgelegt. »Verzeihen Sie die Verzögerung«, sagte er.

Berger lachte nicht gerade überschwänglich.

»Ich musste den Vorgang sogar noch beschleunigen. Schneller ging es meinerseits nicht«, fuhr Steen fort.

»Wohin fahren wir?«, fragte Berger.

»Sie werden leider ein Boot nehmen müssen«, antwortete Steen. Berger starrte ihn an.

»Ich weiß, dass Sie das können«, fuhr Steen fort. »Ich weiß, dass Sie Wasser mögen. Ich weiß, dass Sie als Kind einen Großteil Ihrer Sommer in den Stockholmer Schären verbracht haben.«

»Da wissen Sie mehr als ich«, brummte Berger.

»Der Anblick von Wasser beruhigt Sie.«

Berger schüttelte den Kopf. Doch Steen ließ nicht locker.

»Keine Sorge, es ist ganz einfach, die moderne Navigationsausrüstung übernimmt fast die ganze Arbeit.«

»Und dann soll ich also einfach in einem Safehouse herumhocken?«

»Der Auftrag, den ich für Sie habe, hat enorme Bedeutung.«

»Aber Sie wollen mir nicht mehr darüber verraten als diese lahme Formulierung ›der schlimmste Terroranschlag in der Geschichte Schwedens‹?«

»Zu diesem Zeitpunkt kann ich es nicht«, erklärte August Steen. »Aber vorerst müssen Sie um jeden Preis untertauchen. Und zwar vollständig. Das bedeutet auch, dass Sie das Boot nur ein einziges Mal benutzen dürfen, danach nie wieder, nur im äußersten Notfall. Die Navigationsausrüstung wird Sie zu einem Bootshaus führen, dort parken Sie das Boot und lassen es stehen.«

»Ein Bootshaus?«

»Ein richtiges Bootshaus«, sagte Steen mit versteinerter Miene. »Wo man ein Boot hineinfährt. Sie fahren es dort hinein und vertäuen es, und dann lassen Sie es stehen. In dem Safehouse gibt es jede Menge gutes Essen, eine sichere Internetverbindung und einen Haufen Bücher. Betrachten Sie die Zeit als bezahlten Urlaub. Haben Sie ein Hobby?«

Berger starrte ihn ungläubig an.

»Uhren«, antwortete er schließlich. »Uhrwerke.«

August Steen brach in Gelächter aus.

Die restliche Fahrt über schwiegen sie. Sie fuhren nach Nynäshamn hinein, durch Nynäshamn hindurch, aus Nynäshamn hinaus. Es erschien Berger wie das Ende der Welt.

Der Gasthafen war ungastlich. Vermutlich waren es die freundlich blinkenden Lichter der nahe gelegenen Inseln, die das Meer so schwarz wirken ließen. So unbarmherzig.

Vielleicht erschien die Welt ringsherum auch nur deshalb so verlassen, weil Berger und Steen weit und breit die Einzigen waren. Sie wanderten die Anlegebrücke entlang, an deren Rändern die Boote schaukelten, als würden sie von der Dunkelheit selbst hin- und hergewiegt.

Kein Niederschlag, zum Glück, und besonders windig war es auch nicht. Das einzig Beängstigende war die Schwärze. Und die glasklare Einsicht, dass Sam Berger schon ungeheuer lange kein Boot mehr gesteuert hatte. Vor allem nicht in der Winterfinsternis.

Sie blieben stehen. Berger stellte seine Tasche ab, Steen reichte ihm ein iPad. Berger nahm es entgegen und blickte auf den schwarzen Bildschirm. Steen strich darüber, und eine Kartenansicht erschien.

»Einwandfreie GPS-Navigation«, erklärte Steen. »Die Streckenführung umgeht alle Untiefen, das schwöre ich.«

»Heißt das, Sie haben es selbst getestet?«

»Ein Helikopter wird Ihnen ein paar Sachen von zu Hause liefern. In Kürze werden vier große Umzugskartons vor der Hütte stehen.«

»Und was werden Sie so lange tun? Was wird die Säpo tun? Carsten finden, bevor er mich findet?«

»Bilden Sie sich bloß nicht zu viel ein«, entgegnete Steen. »So wichtig sind Sie auch wieder nicht. Aber natürlich werden wir ihn kriegen, die Ermittlungen laufen auf Hochtouren. Doch wir werden ihn in erster Linie einkassieren, um Aisha Pachachi zu befreien und damit auch Ali Pachachi zum Reden zu bringen. Solange Aisha gefangen gehalten wird, spricht er nicht. Und ich bin der Einzige auf der ganzen Welt, der weiß, wo sich Ali aufhält. Bisher hat unser Spitzel noch darauf gewartet, dass Ali Kontakt mit ihm aufnimmt und ihm anbietet, seine Tochter als Geisel abzulösen. Aber jetzt scheint Carsten vorzuhaben, Ali Pachachi von sich aus aufzusuchen. Die Fährte, die uns in Tensta in die Falle locken sollte, war gelegt. Carsten wollte uns dort vorführen.«

»Ihr fangt Carsten, bekommt Informationen von Pachachi, und dann soll ich auf der Grundlage dieser Informationen in Aktion treten? Ist das der Plan? Womit wir wieder bei der Frage wären: Warum ausgerechnet ich?«

»Möchten Sie diese Diskussion wirklich jetzt führen?«, fragte Steen. »Dazu hätten Sie eine ganze Autofahrt lang Zeit gehabt.«

»Ich will es wissen, ja. Ansonsten steige ich nicht in dieses Boot, verdammt noch mal.«

»Und was wollen Sie stattdessen tun? Sich in einem anderen Bootshaus verstecken? Außer Landes flüchten?«

»Warum? Ausgerechnet? Ich?«

August Steen seufzte und führte Berger zu einem stabilen, aber kompakten Boot mit einem veritablen Außenbordmotor.

»Sie verfügen über eine Spezialkompetenz, die von äußerster Wichtigkeit für uns sein wird, wenn der Zeitpunkt gekommen ist«, sagte Steen schließlich.

»Eine Spezialkompetenz? Ich?«

»Außerdem haben Sie auch meine Frage noch nicht beantwortet«, fuhr Steen fort und reichte Berger seine Säpo-Pistole mit der entsprechenden Munition. »Aber sie war ernst gemeint.«

»Welche Frage?« Berger nahm die Pistole.

»Haben Sie ein Hobby?«


3

Dienstag, 1. Dezember, 10:21

Er durchbrach die Oberfläche genau in dem Moment, als sich die Eisschicht auf dem Wasser bildete. Während er durch die Luft geflogen war, hatte er gesehen, wie einige Segmente der glatten Oberfläche einen anderen Schimmer annahmen. Er hatte das Gefühl, für eine Millisekunde erkennen zu können, wie sich die einzelnen Flüssigkeitsatome den fremden Sauerstoffatomen entgegenstreckten und eine äußerst zerbrechliche Membran bildeten.

Die er im nächsten Moment durchbrach.

Der Kälteschock traf ihn wie erwartet, aber Theorie ist nicht gleich Praxis. Er wurde überwältigt. Die eisige Kälte drang durch den engen Neoprenanzug bis auf seine schockierte Haut. Das Wasser des Schärengartens umfing ihn, als wollte es ihn einfrieren und für die Nachwelt bewahren, die dann das Urzeitwesen im Eisblock schockiert bestaunen würde. Forscher würden ihn unter kontrollierten Bedingungen auftauen, und er würde, ohne seinen staunenden Gesichtsausdruck zu verlieren, in die schwerelose Atmosphäre des künstlichen Planeten schweben, der die zerstörte Erde bis dahin längst ersetzt hätte.

Das eigenartige Bild hatte eine beruhigende Wirkung. Außerdem erinnerten ihn seine ersten Schwimmzüge tatsächlich an eine Weltraumwanderung. Gierig sog er die abgestandene Luft aus der Gasflasche ein, spürte den Schmerz im Brustkorb, dort, wo er vor nicht allzu langer Zeit eine Kugel abgefangen hatte, und meinte sich zu erinnern, warum er mit diesem verwegenen Hobby aufgehört hatte.

Eine Hand, die einen riesigen, blau-gelb gestreiften Fisch mit Kussmund gestreichelt hatte, hatte ihn zu dieser Leidenschaft, dem Tauchen, gebracht. Diese vergoldete Erinnerung übersprang jene fünfzehn Jahre, die vergangen waren, seit Sam Berger zuletzt ein Mundstück mit Gummigeschmack zwischen den Zähnen gehabt hatte. Sie radierte auch den Kälteschock aus – und vermutlich eine ganze Reihe anderer Faktoren, die ihn dazu veranlasst hatten, seine Taucherausrüstung nach einem magischen Tauchurlaub vor Lombok in Indonesien für immer in den Schrank zu räumen.

Damals war der Bartwuchs hinter dem gehärteten Glas seiner Tauchermaske bedeutend spärlicher und wohl kaum so irritierend gewesen wie heute. Das braun-graue Gestrüpp, der Schnurrbartteil seines Vollbarts, der jetzt sein halbes Gesichtsfeld bedeckte, kratzte unter der Maske.

Als es ihm schließlich gelang, die Gedanken von seiner Körperbehaarung wegzulenken, offenbarte sich ihm eine ganz eigene Welt.

Von dort oben hatte die Oberfläche so dunkel ausgesehen, als hätte er in einen Eimer Teer springen müssen. Noch dazu war es ein bewölkter, schmutziggrauer Vormittag, ziemlich typisch für den ersten Dezembertag, und Berger hatte nicht erwartet, unten in der sauerstoffarmen Ostsee sonderlich viel zu sehen. Doch das Licht, das trotzdem durchsickerte, enthüllte eine graugrüne Welt mit Klippenformationen und diffus wogenden Tangbüscheln, die ihn tatsächlich berührte. Ein kleiner, farbloser Fischschwarm flitzte vorüber, und Berger beschleunigte seine Schwimmzüge in dem kaum mehr als fünf Grad warmen Wasser. Jetzt erinnerte er sich wieder an seine Faszination, diese verborgenen Teile der Erde zu besuchen, die größten und heimlichsten. Er spürte, wie sein Wesen zu neuem Leben erwachte, während der Meeresboden seinen Charakter änderte und flacher und karger wurde. Und abfiel. Zweifellos schwamm er tieferen Gewässern entgegen.

Er achtete darauf, nicht in Hektik zu geraten, sondern in die Ferne zu sehen und auf das Ende seines Blickfelds zu achten, wie ein Fahranfänger. Es waren kaum mehr als fünf, sechs Meter bis dorthin, doch plötzlich konnte Berger den Boden vor sich nicht mehr erkennen. Er verschwand einfach. Berger hielt inne, ließ sich treiben und beobachtete das Szenario. Dann schwamm er einige Züge heran. Tatsächlich schien es, als würde der Boden des Binnenmeers abbrechen und einer plötzlichen Tiefe Platz machen.

Jetzt stand er am Rand des Abgrunds. Es war ein merkwürdiges Gefühl, vor ihm lag eine Schlucht, in die man nicht fallen konnte.

Dies war Schweden, der Stockholmer Schärengarten, sicher und vertraut – und hier tat sich dieser plötzliche Abgrund auf, hinab in vollkommen unbekanntes Terrain. Berger war klar, dass er sich fernhalten sollte.

Doch wie es so oft der Fall ist, wenn man weiß, dass man sich fernhalten soll, näherte er sich stattdessen.

Er glitt über die Kante, blickte nach oben, blickte nach unten und sah nichts. Er wartete ab. Ahnte eine leichte Strömung am rechten Oberschenkel, aber mehr nicht. Dann unternahm er einen vorsichtigen Schwimmzug in die Tiefe.

Im ersten Moment verstand er nicht, was da vor sich ging, abgesehen davon, dass sich sein Gesicht kälter anfühlte. Dann begriff er, dass es nicht nur kalt war, sondern auch nass. Sein Schnurrbart unter der Tauchermaske wogte leicht hin und her, wie die Tangbüschel auf dem Meeresboden.

Die Maske war undicht.

Als ihn diese Erkenntnis traf, hatte sie handfeste Folgen. Sein Körper geriet ins Taumeln, die Panik schoss direkt in seine Seele, und er zappelte in der Leere des Nichts.

In der rohen Kälte.

Auf unbekannten Pfaden kehrte die Vernunft dennoch zurück. Berger bremste sein Taumeln. Er beschränkte die Panik. Die Maske musste entleert werden, das gehört zu den ersten Handgriffen, die man als Tauchschüler lernt. Er versuchte, sich an die Prozedur zu erinnern. Dann zog er die Maske nach unten, während er nach oben blickte und Luft durch die Nase ausstieß. Das wiederholte er mehrmals, bis die Maske so gut wie leer war. Er musste sich zusammenreißen, um nicht vor Erleichterung zu seufzen.

Anschließend sah er sich nach allen Seiten um. Das Problem war nur, dass er kein Oben und Unten mehr ausmachen konnte, kein Hier und kein Da. Es gab keinerlei Richtung mehr. Und da begriff Berger, in was er geraten war.

Er war im Tiefenrausch.

Es gab keine Schwerkraft, keine Strömung. Keinerlei Auftrieb. Keine Anhaltspunkte. Der nächste Schwimmzug konnte ihn direkt in den Abgrund führen oder hinauf zur Oberfläche oder aufs Meer hinaus.

Sam Berger ließ sich im großen Nichts treiben, denn jeder Schwimmzug konnte ihn dem Tod näher bringen. Er war vollkommen orientierungslos.

Als würde er in der Mitte der Weltmeere schweben. Als wäre er endgültig in diesem leeren, verlassenen, unendlichen Weltall verloren.

Immerhin hatte er seine Maske entleert. Erst vor wenigen Sekunden hatte er sich zusammengerissen und auf seine Erfahrungen berufen.

Die Bläschen, die er ausgeatmet hatte, schwirrten um ihn herum. Eine Weile kreiselte er noch im großen Nichts, dann schoss ihm etwas in den Kopf.

Er konnte freier atmen und richtete sich in diesem Nichts ein. Für eine Weile hielt er den Atem an, bis alle Bläschen um ihn herum verschwunden waren. Dann atmete er kräftig aus.

Plötzlich hatte der Strom der Luftblasen eine klare Richtung. Berger drehte sich um und beobachtete, wie die Blasen nach unten strömten.

In die Richtung, die er für unten gehalten hatte.

Die eigentlich oben war.

Noch einmal atmete er kräftig aus und schwamm dann hastig den Bläschen hinterher.

Nach oben.

Er tauchte aus dem Abgrund, konnte wieder den Meeresboden erkennen und begriff, dass er nun auf dem Heimweg war. Als seine Füße wieder den kargen Felsgrund erreichten, entleerte er seine Maske noch einmal.

Der Tiefenrausch.

Ihn hatte er ganz vergessen, jenen Zustand, bei dem die Naturgesetze vollkommen aufgehoben waren. Dabei war er schon einmal dort gewesen, kurz nach seiner Begegnung mit dem großen, blau-gelb gestreiften Fisch. Aber die gute Erinnerung hatte die böse überlagert.

Im Hafen von Lombok hatte er sich geschworen, nie wieder zu tauchen. Nur war er einfach nicht gut darin, aus seinen Fehlern zu lernen.

Als er auf die Hütte auf der kleinen Insel vor Landsort zuschwamm, schwor er sich erneut, nie wieder zu tauchen.



4

Dienstag, 1. Dezember, 13:44

Sam Berger beobachtete die Wasseroberfläche. Die Temperatur war erneut über null gestiegen, und die dünne Eisschicht, die er vor ein paar Sekunden durchbrochen hatte, als er nach dem Tiefenrausch wieder an die Wasseroberfläche gekommen war, schien fast gänzlich verschwunden zu sein. Er folgte einer winzigen Eisscholle mit dem Blick, sie schmolz vor seinen Augen.

Er sah zu dem schmutziggrauen Himmel empor. Es war einer dieser unbarmherzigen Tage, ohne Licht, ohne Hoffnung. Ein schadenfrohes graues Zwinkern, das einem mitteilen wollte, es werde das nächste halbe Jahr so bleiben.

Bergers Blick wanderte bis zur letzten Schäre des äußeren Schärengartens. Dahinter kam nur noch das offene Meer, bis nach Gotland hinüber.

Die Zeit war so seltsam. Alles war nichts als Warten. Dabei war er noch gar nicht besonders lange auf dieser einsamen Insel, aber die Rastlosigkeit fraß ihn bereits auf.

Er machte kehrt und begab sich wieder hinauf zur Hütte. Auf halbem Weg hielt er inne und warf einen Blick auf den Anlegesteg. Er war nicht zu sehen. Die Tarnung war beinahe perfekt. Und das Bootshaus, das ein Stück entfernt lag und in dem er das schnelle Motorboot geparkt hatte, das ihn durch die nächtliche Schärenlandschaft hierhergebracht hatte, war überhaupt nicht zu erkennen.

Dasselbe galt für die Hütte. Die Äste der Bäume streckten sich mit einer scheinbar zufälligen Präzision über das moosbedeckte Dach. Sollte ein Besucher wider Erwarten doch einen Eingang entdecken, würde er dahinter allenfalls  ein kleines, vollkommen verfallenes Häuschen vermuten.

Es war eine Illusion. Eine zielstrebig und professionell inszenierte Illusion. Berger öffnete die Tür und betrat den Weinkeller. Ganz nach seinem Geschmack hatte man die gediegene Weinsammlung durch einige Flaschen hochklassigen Single-Malt-Whisky ergänzt. Er durchquerte den perfekt temperierten dunklen Raum und gelangte in den riesigen Wohnbereich. Die vollkommen unerwartete Größe, eine Sitzgruppe, ein Esstisch, ein Schreibtisch. Dazu eine Kücheninsel hinter einer Ecke, ein komplett ausgestattetes Bad mit Sauna. Eine solche luxussanierte Fischerhütte auf einer einsamen Insel würde auf dem freien Markt Millionen kosten.

Doch weder die Hütte noch die Insel waren auf dem freien Markt zu haben. Ganz im Gegenteil. Dies war nicht das erste Safehouse der Säpo, das Berger betreten hatte, aber definitiv das gemütlichste. Und sein Auftrag lautete: warten.

Er schlenderte durch den Wohnbereich bis zu der Wand mit dem Schreibtisch. Neben einer großen Karte über den Stockholmer Schärengarten gab es auch ein Whiteboard. Dort hingen etliche Papiere in unsortierten Gruppen. Sie schienen aber eindeutig dem Zentrum der Tafel untergeordnet zu sein.

Und im Zentrum der Tafel prangte eine Fotografie.

Ein schlichtes Schulfoto von einem lachenden dunkelhaarigen Mädchen. Aisha Pachachi, der Beweis für Sam Bergers Scheitern. Das einzige von sieben entführten Mädchen, das Molly und er noch nicht hatten befreien können.

Sieben minus eins.

Bald wurde sie volljährig.

Berger sah natürlich ein, dass die Säpo gerade eine Jagd in viel größeren Dimensionen veranstaltete. Selbst wenn es ihm erlaubt wäre, daran teilzunehmen, wäre sein Beitrag eher marginal. Trotzdem war es frustrierend, einfach nur hier zu sitzen, wie eine Art ruhende Ressource, »definitiv unsichtbar«, wie August Steen gesagt hatte.

Aisha Pachachi. Einst von dem Mann gefangen genommen, der sie schützen sollte. Anschließend ein zweites Mal, von einem Spitzel, der die Säpo unterwandert hatte, einem brandgefährlichen Mann namens Carsten, den jetzt alle jagten.

So war die Lage.

Mit einer Grimasse wendete sich Berger von Aishas Fotografie ab. Jetzt fiel sein Blick auf das einzige Element im Raum, das nicht perfekt war. Vier überdimensionale Umzugskartons mit hastig zusammengerafftem Zeug. Die Grimasse in seinem Gesicht verzerrte sich zu einem eindeutigen Ausdruck von Abscheu. Bei dem Gedanken, dass Steens Vertraute – bei denen es sich nicht mehr um das Duo Kent und Roy gehandelt haben konnte – in seinen Kommodenschubladen herumgekramt hatten, drehte sich ihm der Magen um. Aber Sam Berger war Schwedens meistgesuchter Mann, weshalb es natürlich ausgeschlossen war, dass er selbst in die Ploggatan auf Södermalm zurückkehren würde. Trotzdem konnte er nicht anders, als sich diese groben Hände vorzustellen, wie sie in der untersten Kommodenschublade herumwühlten und respektlos die Kinder- und Frauensachen beiseiteschoben, um Sam Bergers Unterhosen zu finden. Und natürlich hatte man aus seiner schrecklich unaufgeräumten Kleiderkammer einen Haufen Schrott mitgeliefert. Berger warf einen finsteren Blick in den erstbesten Karton. Ganz bestimmt würde er hier einen gelben Fahrradhelm, zwei Fernbedienungen, eine Schachtel mit Reißzwecken, ein paar alte Schulbücher, eine Stoff-Anaconda, einen kaputten Badmintonschläger und einen wilden Haufen Buchseiten brauchen, die sich aus Frejas Taschenbuch zum Thema Erste Hilfe gelöst hatten.

Er hatte die Kisten kaum angerührt, seit der Hubschrauber sie auf der Insel abgesetzt hatte. Zwar hatte er sie hereingetragen und geöffnet, war jedoch sofort von Widerwillen gepackt worden und hatte sie stehen lassen. Ihm genügte die Tasche, die er aus dem Inland mitgenommen hatte und die die beiden vorangegangenen Fälle enthielt.

Als Erstes hatte er jedoch die Uhrenschachtel herausgeholt. Sie stand jetzt auf seinem Schreibtisch, und er hatte sowohl die Lupe als auch den Gehäuseöffner mitgebracht. Auf einem Tuch lag seine Rolex Oyster Perpetual Datejust aus dem Jahr 1957. Geöffnet wie ein seziertes Tier. Darin erahnte er die perfekt koordinierte Konstellation von kleinen Zahnrädern und Räderwerken. Doch hier draußen auf der Insel schienen sie sich gemächlicher zu drehen als gewöhnlich, als würde jede Sekunde länger währen als in der wirklichen Welt. Jener Welt, in der man nicht unbarmherzig unbeweglich war, nicht schonungslos einsam.

Das Zweite, was er aus der Tasche herausgezogen hatte, war das Schulporträt von Aisha Pachachi. Er hängte es in die Mitte des Whiteboards. Dann packte er das übrige Material zu den beiden Fällen aus. Er holte seinen Laptop hervor und Molly Bloms Maschinenpark aus geheimnisvollen Anordnungen – Dosen und Kabeln, Routern und Netzknoten –, all das, was ihm in einer Idealwelt einen unbemerkten Zugang zum Netzwerk der Säpo sichern sollte, wie er Molly als verdeckter Ermittlerin zur Verfügung gestanden hatte. Ehe sie von einem Wahnsinnigen halbtot geprügelt und zerschunden worden war.

Nein, jetzt nicht.

Jetzt nicht daran denken. Es war schlimm genug, dass ihm diese Gedanken den Schlaf raubten. Jetzt wollte er sie nicht auch noch haben.

Berger war sich nicht hundertprozentig darüber im Klaren, wie Mollys Netzsicherheitsausrüstung funktionierte. Und es brachte große Risiken mit sich, seinem »Wohltäter« August Steen zu trotzen, indem er versuchte, in das interne Netzwerk der Säpo einzudringen und sich still und heimlich durch die verschiedenen Sicherheitsebenen vorzuarbeiten. Er war gezwungen, in sehr kleinen, sehr vorsichtigen Schritten zu agieren. Aber er besaß Mollys Passwörter, es musste also möglich sein. Jedenfalls war es eine Möglichkeit, ihn von seiner Rastlosigkeit zu befreien.

Nein, das stimmte nicht. Die Rastlosigkeit war nicht heilbar. Sie war nicht persönlich, nicht privat, es war eine professionelle Rastlosigkeit, gegen die nur Arbeit half. Und dies war trotz allem eine Art Arbeit. Auch wenn sie nur in winzigen Schritten voranging.

Für was auch immer August Steen ihn aufhob, es erschien Berger unerträglich, hier auf Sparflamme zu sitzen und sich langsam verbrennen zu lassen. Hier ging es nicht um seinen eigentlichen Auftrag. Der war noch nicht erledigt, und Sam Berger brach seine Arbeit nicht mittendrin ab.

Sein Auftrag lautete, Aisha Pachachi zu finden.

Also musste er mehr über Carsten erfahren. Doch bis dahin war es noch ein weiter Weg.

Denn tatsächlich wusste er nicht das Geringste über ihn.

Er hatte nur Bilder. Unauslöschliche Bilder. Das Bild von Cutter mit dem schwarzen Strumpf im Rachen. Das Bild der Mörderin aus dem Inland, die von drei Schüssen mitten ins Herz getroffen worden war. Das Bild von Roys pelzigem Körper, der in die Unendlichkeit schwebte, als wäre die Schwerkraft aufgehoben worden.

Keines dieser Bilder würde jemals aus seinem Gedächtnis verschwinden. Nicht, ehe er starb.

Berger wurde von Zorn gepackt, einem harten, schweren, kantigen Zorn. Er musste Carsten kriegen.

Er musste ihn unschädlich machen.

Als er auf seine rechte Hand blickte, sah er, dass sie zitterte. Sie zitterte vor Zorn. Berger fasste sie mit seiner Linken und hielt sie fest. Er tat sein Äußerstes, um wieder klar denken zu können.

Carsten war August Steens rechte Hand gewesen, und wenn er es geschafft hatte, diese Position zu erreichen, musste er eine lange Karriere bei der Säpo hinter sich haben. Die Säpo hatte ihn sicherlich pedantisch überprüft und kannte ihn in- und auswendig. Dennoch war es ihm gelungen, sie alle zu täuschen. Steen hatte den Verräter in seinen eigenen Reihen fast ein Jahr lang erfolglos gejagt, obwohl er den Spitzel direkt vor der Nase gehabt hatte. Aber das passte zu jenem Carsten, den Berger selbst getroffen hatte, wenn auch nur sehr kurz – natürlich war er smart und tatkräftig gewesen. Und vermutlich auch eine Spur verrückt – sonst hätte er sich nie von einer fremden Macht kaufen lassen, und zwar von der übelsten, dem einst so blühenden und nun welkenden Kalifat.

Ja, Carsten war gerissen, tatkräftig, verrückt, obendrein kurz vor dem Erblinden – und er hatte sich offenbar während seines Überwachungsauftrags in den letzten Wochen ein klein wenig in Molly Blom verliebt.

Nichts von alledem war der Säpo jedoch neu gewesen. Steen hatte es Berger selbst erzählt. Es waren Daten, die diese große und gut geschmierte Maschinerie bereits auf Hochtouren verarbeitete. Berger hingegen hatte nichts beizutragen, keine neuen Informationen, keine Perspektive, die der Säpo fehlte. So sehr er auch in seinem Inneren suchte, er konnte keinen Punkt finden, der ihm, dem Ex-Polizisten, nach dem wegen des Mordes an einer Tatverdächtigen gefahndet wurde, einen Vorteil gegenüber der Säpo verschafft hätte.

Außer womöglich der Tatsache, dass er nichts zu verlieren hatte.

Denn es war bereits alles verloren.

Berger setzte sich an den Schreibtisch, fuhr mit der Hand über das Mousepad des Laptops und stellte fest, dass die laufende Suche immer noch nicht beendet war. Er bemühte sich, in das System der Säpo einzudringen, so wie Molly es ihm erklärt hatte. Aber er hatte wie immer nur mit halbem Ohr zugehört, in der lächerlichen Gewissheit, dass sie immer da sein und sich um die Technik kümmern würde.

Doch dann hatte er sie im Stich gelassen. Ein geisteskrankes Serienmörderpaar hatte sie ihm entrissen, und Berger hatte es zugelassen.

Er hatte es zugelassen.

Nein, jetzt nicht.

Es würde ihn ohnehin nachts wieder heimsuchen.

Sein Blick wanderte zurück zu den Zeichen, die über den Bildschirm des Laptops liefen. Erneut überkam ihn die Rastlosigkeit. Musste er wieder zum Bootssteg hinabgehen, auf den äußeren Schärengarten von Landsort blicken und nichts entdecken? Jedenfalls hatte er nicht vor, während dieser trostlosen Warterei in den Neoprenanzug zu schlüpfen und sich in das eiskalte Wasser zu stürzen. Dieses Hobby gehörte der Vergangenheit an.

Plötzlich fiel ihm ein, dass er ja auch freies Internet hatte. Er hatte das anonyme Proxynet bereits aktiviert. Man hatte ihn darüber informiert, dass es auf der Insel eine Reihe von Überwachungskameras gab, die jederzeit aktiviert und auf den Bildschirm geschaltet werden konnten.

Er erlaubte es sich, das Google-Fenster zu öffnen und seine beinahe mechanische Suchprozedur zu starten, der er sich schon seit Jahren regelmäßig, aber erfolglos widmete. Zunächst suchte er »Freja Babineaux«. Wie gewöhnlich erhielt er keine Treffer, es schien, als wäre seine frühere Lebensgefährtin mit ihrem neuen Mann in Paris untergetaucht. Vermutlich, dachte er ein wenig bittersüß, war sie eine Hausfrau ohne eigenes Leben. Dann suchte er »Marcus Babineaux«. Obwohl auch das kein vernünftiges Ergebnis brachte, dachte er nicht eine Sekunde daran, auf die Suche nach Marcus’ zehn Minuten jüngerem Zwillingsbruder zu verzichten. Er gab »Oscar Babineaux« ein.

Zwillingsbrüder.

Das Licht in seinem Leben, ein starker Schein, der allein durch Abwesenheit glänzte und dadurch nur umso stärker war. Der Polarstern, the still point of the turning world. Von dem alles ausging.

In diesem Moment geschah etwas. Eine Facebook-Seite wurde angezeigt. Oscar Babineaux, Paris.

Und tatsächlich prangte auf dem Profilbild sein jüngster Sohn – elf Jahre alt und, dem Foto nach zu urteilen, ein Profi-Hip-Hopper. Die Seite war erst vor wenigen Tagen eingerichtet worden, und es gab nur wenige Kommentare, alle auf Französisch. Oscar hatte erst zwölf Freunde beisammen. In seinem ersten Post drückte er seine Trauer über den großen Terroranschlag in Paris aus, der verübt worden war, als Sam Berger bewusstlos irgendwo im lappländischen Inland gelegen hatte. Der neueste Eintrag war erst wenige Tage alt – ein Foto, das ein chaotisches Jungenzimmer zeigte. Jemand lag im unteren Teil eines Etagenbetts unter einer Decke, streckte beide Hände in die Höhe und hatte die Finger zu einem Victoryzeichen geformt. Doch unter der Decke ragten die Füße hervor, und auch die Zehen bildeten ein V.

Berger zuckte innerlich zusammen. Sein Hals schnürte sich zu. Er streckte die Hand aus und strich sanft über den kalten Laptopbildschirm. Es war seine Geste, Papa Sams übertriebene Geste für große Freude. Keinem der Zwillinge hatte er dieses Talent vererbt, sie hatten hart arbeiten müssen, ehe sie die beiden größten Zehen voneinander trennen und die übrigen drei einrollen konnten. Das Ergebnis war ein ziemlich seltsamer Fuß. Genau so sollte man sich unter die Bettdecke werfen, nachdem man zum Beispiel ein Videospiel gewonnen hatte, und die Beine und Arme, Hände und Füße hinausstrecken.

Und dabei vier Victory-Zeichen bilden.

Der einzige Kommentar zu dem Bild war »14 – 8«, offenbar ein Spielergebnis. Vermutlich hatte einer der Zwillinge seinen Bruder übertrumpft, aber wer genau unter der Decke lag und sein nicht ganz von Schadenfreude bereinigtes Glück zur Schau stellte, war unmöglich auszumachen.

Sam Berger beschloss, das als ein Zeichen aufzufassen. Seine Zwillinge – die seit fast drei Jahren verschwunden waren, von der Großstadt Paris verschluckt – kommunizierten mit ihrem Versager-Vater. Der ihrer Mutter Freja ohne Proteste das alleinige Sorgerecht überlassen hatte. Der, obwohl er Polizist war, keinerlei Nachforschungen angestellt hatte, ob es ihnen in ihrem neuen Zuhause, bei ihrem französischen Stiefvater Jean Babineaux, gut ging. Jenem Vater, der nach dem zweifelhaften Motto Keine Nachrichten sind gute Nachrichten gehandelt und stattdessen in seiner eigenen Verlassenheit gebadet hatte.

In diesem Augenblick beschloss Berger, Facebook beizutreten. Doch während er dort saß und grübelte, ob er seinen echten Namen oder eine Art Code benutzen sollte, den nur die Zwillinge verstehen würden, gab der Laptop ein Pling von sich. Er wechselte die Ansicht, die laufende Suche war beendet, und der Bildschirm blinkte bejahend. Es war Berger immerhin gelungen, einen Schritt tiefer in Molly Bloms ausgeklügeltes System vorzudringen.

Molly.

Die möglicherweise Sams Kind in sich trug.

Nein, jetzt nicht. Warte bis heute Nacht. Lass den Mist reifen, gären, faulen, sich zu neuen Albträumen anhäufen.

Vorsichtig aktivierte er den weiteren Log-in-Prozess. Wieder musste er warten.

Also wechselte er zurück zu Facebook. Jetzt wusste er immerhin, wie er die nächtlichen Albträume bekämpfen konnte.

Mit vier Victory-Zeichen.

Buchtrailer

»Fünf plus drei« - Der dritte Fall für Berger und Blom

 

Sam Berger wird gejagt - für einen Mord den er nicht begangen hat und seine Kollegin Molly Blom liegt im Koma. Berger, der meistgesuchte Mann des Landes, muss einen Ex-Geheimdienstler aufspüren, der ein Mädchen in seiner Gewalt hält. Auf dem Spiel steht nicht nur ihr Leben, sondern die Sicherheit des ganzen Landes...

Mit »Fünf plus drei« legt Spiegel-Bestsellerautor Arne Dahl einen radikalen, kompromisslosen und spannenden Thriller vor. Arne Dahls Bücher sind ein Muss für alle Fans von skandinavischen Krimis und Schwedenkrimis. Nach »Sieben minus ein« und »Sechs mal zwei« führt der dritte Band der Reihe um das Ermittlerduo Sam Berger und Molly Blom den Leser an die schwedische Schärenküste. Deshalb verlosen wir in unserem Gewinnspiel eine achttägige Rundreise durch Schweden für zwei Personen. Dazu müssen Sie nur die untenstehende Frage beantworten. Wir wünschen viel Spaß mit dieser nervenaufreibenden Lektüre und viel Glück bei der Verlosung! 

Blick ins Buch
Fünf plus dreiFünf plus drei

Kriminalroman

Sam Berger wird gejagt – für einen Mord, den er nicht begangen hat. Doch dann braucht der Geheimdienst seine Hilfe: Der unter dem Tarnnamen Carsten operierende Ex-Geheimdienstler hält ein Mädchen in seiner Gewalt. Und Sam Berger ist der einzige, der sie finden kann. Er setzt sich auf Carstens Fährte, der er nur allzu leicht folgen kann. Denn Carsten verfolgt einen perfiden Plan – er will, dass Berger das Mädchen findet: Sie ist der Schlüssel zu einem terroristischen Verbrechen, das ganz Schweden bedrohen könnte ...
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1

Montag, 30. November, 8:10

Der Hausflur lag im Dunkeln. Trotzdem konnte Berger ein geflügeltes Insekt ausmachen, das langsam an der Decke entlangkrabbelte. Er folgte ihm eine Weile mit dem Blick. Erst als er nicht mehr hinsah, wurde ihm bewusst, dass es eine Biene gewesen war.

Obwohl das einzige Licht in dem Flur kaum als Beleuchtung bezeichnet werden konnte, war das Tier ganz deutlich durch den Türspion zu erkennen. Er stand mit dem anderen Mann neben der verschlossenen Tür, sie drückten sich rechts und links davon an die kühle Betonwand. Beide mit erhobenen Schusswaffen. In dem schalen Licht fixierte der ältere Mann Berger, dann nickte er energisch. Ohne die Waffe zu senken, zog Berger einen Gegenstand aus der Tasche, der wie eine Lupe aussah. Er hob ihn an den Spion und spähte hinein.

Die Perspektive war verzerrt, dennoch zeichnete sich das Innere der Wohnung klar ab. Ein Flur öffnete sich zu den Umrissen eines Wohnzimmers. Im ersten Morgengrauen schienen riesige Adler auf die großen Fenster zuzusegeln. Wie in Zeitlupe näherten sie sich, schwarze Silhouetten, die für einen Moment im Aufwind direkt vor den Fenstern zu schweben schienen. Dann nahmen die Adler menschliche Konturen an und standen reglos da, fest mit den Füßen am Boden. Einer von ihnen hob die Hände und zeigte zehn Finger, dann neun, dann acht. Berger steckte das Gerät, das wie eine Lupe aussah, in die Tasche zurück und holte den Dietrich hervor. So leise wie möglich schob er ihn ins Schloss. Trotzdem klirrte das Werkzeug beunruhigend, als er damit nach unsichtbaren Zacken und Haken tastete. Sechs, fünf, vier. Er traf nicht auf Widerstand, zum ersten Mal seit Jahren bekam der Dietrich nichts zu fassen. Drei, zwei. Jetzt hatte Berger Erfolg, er hörte das Klicken, als der Dietrich einrastete. Mit erhobener Waffe stieß Berger die Wohnungstür auf. Genau im selben Moment traten die zwei Schwarzgekleideten die Balkontür auf, ihre kleinen MPs im Anschlag. Lautlos verschwanden sie nach links. Berger schlich sich nach rechts.

Nun sah er das gesamte Wohnzimmer: ein Kachelofen mit offenem Kamin, ein Sofa, ein Lesesessel, ein Servierwagen. Auf dem Tischchen neben dem Sessel ein dickes Buch. Berger ging darauf zu, ohne die Pistole zu senken. Eine Brille lag auf dem Buch, eine Brille mit absurd dicken Gläsern. Außerdem erkannte Berger, dass es sich um eine Originalausgabe von Shakespeares Gesammelten Werken handelte.

Er fasste nichts an, hob stattdessen den Blick. An den Wänden hing nur ein einziges Bild, eine Landschaftsfotografie. Der magische Schein des Sonnenuntergangs verzauberte einen Hügel mit Pinien und Zypressen, einige weiße Häuser, ein paar Esel mit gesenkten Köpfen, eine Reihe von Bienenstöcken, die auf Terrassen den Hang hinauf standen, und ein Feld mit buttergelben Blumen, das bis zum funkelnden Meer hinunterreichte. In der Ferne erhob sich ein großer Felsen aus dem Wasser. Gibraltar, dachte Berger.

Er wandte sich wieder dem Buch zu, ging in die Hocke, musterte eingehend die Brille, sah ein Lesezeichen zwischen den dünnen Seiten hervorragen, rührte jedoch weiterhin nichts an.

»Hier«, rief eine gedämpfte Stimme.

Berger richtete sich auf und drehte sich um. Der ältere Mann stand draußen im Wohnungsflur und beobachtete ihn. Sein kurz geschorenes Haar erinnerte an Eisenspäne auf einem Magneten. Sein Name war August Steen, und er war der Chef der Abteilung für Nachrichtendienste bei der Säpo.

Berger und Steen folgten der Stimme und durchquerten dabei eine Küche. Aus dem hintersten Raum drangen Gesprächsfetzen. Berger ging hinein.

Die Schwarzgekleideten hatten sich die MPs über die Schultern gehängt. Mit einer gewissen Skepsis musterte Berger die beiden externen Ressourcen von August Steen.

»Wohnung gesichert«, erklärte Roy Grahn.

»Aber hier hat sie gesessen«, ergänzte Kent Döös und deutete auf die offensichtlich schallisolierten Wände des fensterlosen Zimmers.

Berger sah sich um. Ein vollkommen anonymer Raum und das genaue Gegenteil des gemütlichen Wohnzimmers. Dass keinerlei Spuren von Ketten, Lederbändern oder Infusionsständern zu sehen waren, hieß nicht, dass es sie nicht gegeben hatte, und auch nicht, dass kein Betäubungsmittel zum Einsatz gekommen waren. Doch im Moment klaffte hier nur eine schweigende Leere.

Dafür verriet das Schlafzimmer umso mehr.

Berger sank neben den zerwühlten Bettlaken auf die Knie. Er legte den Kopf schief, betrachtete das Kissen und konnte in der zunehmenden Morgendämmerung mindestens drei lange schwarze Haare entdecken.

»Unser Freund ist nicht gerade darum bemüht, seine Spuren zu verwischen«, sagte er.

»Warum sollte er auch?«, erwiderte August Steen. »Das Einzige, was er geheim halten muss, ist der Ort, an den er sie gebracht hat.«

Plötzlich hörte Berger ein leises Summen. Er blickte zur Decke. Eine Biene flog quer durch das Schlafzimmer. Dieselbe Biene? Berger folgte ihr durch die Küche ins Wohnzimmer. Vor dem Sessel blieb er stehen und streifte die Handschuhe über. Er schob die dicke Brille zur Seite, schlug die Seiten des Buches dort auf, wo das Lesezeichen steckte, und las.

Hamlet. Dritter Akt. Das Lesezeichen zeigte auf eines der bekanntesten Zitate der Weltliteratur.

To be, or not to be …

Berger ging zu dem Foto an der Wand und betrachtete es noch eingehender. Sah das Meer, den Felsen, die Blumen. Sah die Bienenstöcke, die sich den Hang hinaufzogen.

Sah die Bienenstöcke.

Die Biene summte erneut. Aber sie war lauter geworden. Berger blickte zur Zimmerdecke, jetzt saßen zwei oben in der Ecke.

Lebten Bienen Ende November noch? In Schweden?

To bee, or not to bee …

»Er züchtet Bienen«, sagte Berger laut.

Kent und Roy beäugten ihn skeptisch, Steen sah ihn lediglich neutral an.

»Was?«, fragte Roy schließlich. »Hier drinnen?«

»Wohl kaum«, antwortete Berger.

»Ist das nicht ein Trend?«, fragte Kent. »Bienenstöcke auf Hausdächern?«

»Was für ein Quatsch«, schnaubte Roy.

Steen runzelte die Stirn. »Es gibt drei Wege hinauf aufs Dach. Das Treppenhaus, eine Feuertreppe und die Balkone. Grahn, können Sie noch zwei Stockwerke weiter hinaufklettern?«

Roy warf einen Blick zum Balkon, auf den zwei Seile herabhingen. Er nickte.

Steen fuhr fort: »Döös die Feuertreppe. Berger das Treppenhaus. Ich suche eine Überblicksposition. Vorherige Abstimmung. Teilt euer Eintreffen mit. Wartet meine Anweisungen ab. Und: Beeilt euch.«

Roy lief auf den Balkon, Berger und Kent stürzten durch die Wohnungstür hinaus. Berger schaltete das Licht an und ging den Flur entlang. Als er das Treppenhaus betrat, sah er eine Biene an der Wand entlangkrabbeln.

Es gab zwei Alternativen. Entweder waren die Bienen Ausreißer, oder sie waren eine Geschmacksprobe, ein Hinweis. Wenn sie Ausreißer waren, konnte der Täter ganz ahnungslos mit seinem Entführungsopfer dort oben sitzen. Wahrscheinlicher war allerdings, dass er die Polizisten aus einem bestimmten Grund aufs Dach hinauflocken wollte.

Dennoch mussten sie dort hoch, es führte kein Weg daran vorbei. Und es gab auch keine andere Spezialtruppe, die man hätte hinzuziehen können, in diesem Fall herrschte absolute Geheimhaltung. Berger wusste nicht einmal, inwieweit Kent und Roy eigentlich eingeweiht waren. Er beobachtete einen Moment lang, wie die Bienen scheinbar ziellos über die Wand wanderten. Dann begab er sich nach oben.

Das schmuddelige, von Neonröhren erleuchtete Treppenhaus führte zu einer robusten Stahltür mit einem Knauf. Berger nahm sein Walkie-Talkie zur Hand und meldete seine Ankunft. Es knisterte, und Roys Stimme erklang.

»Auf Position.«

Neuerliches Knistern, dann meldete sich August Steen.

»Überblick von der benachbarten Immobilie. Es gibt tatsächlich ein kleines, niedriges Häuschen auf dem Dach, nordöstliche Ecke. Grahn, du bist vielleicht fünf Meter entfernt. Die Tür liegt aber in Ihrer Richtung, Berger, von Ihnen aus sind es zwanzig Meter. Döös befindet sich zehn Meter entfernt auf der Feuertreppe auf der gegenüberliegenden Seite.«

»Verstanden«, sagte Roy. »Kent?«

»Zugestellte Feuertreppe«, keuchte Kent. »Brauche noch ein paar Minuten. Melde mich.«

Stille breitete sich aus.

Die Neonröhren im Treppenhaus erloschen, und die Dunkelheit umfing Berger. In der Stille ertönte ein Summen, in der Dunkelheit leuchtete ein roter Lichtschalter. Berger streckte sich danach. Das Licht ging blinkend wieder an. Die Biene summte weiter, blieb jedoch unsichtbar.

Jetzt hieß es warten.

Unerträgliches Warten.

Aus Bergers Erinnerung trat ein dunkles Motelzimmer hervor, in das lediglich die Lichter der dröhnenden Autobahn hereinsickerten. Berger schlüpfte mit seiner traurigen Plastiktüte in der Hand hinein, gefüllt mit Tankstellensandwiches und Trinkjoghurts, und wollte sich gerade in dem Sessel niederlassen, als er bemerkte, dass dort schon jemand saß. Sein Herz schlug bis zum Hals, und August Steen sagte: »Das nennen Sie untertauchen?«

Die Sekunden verstrichen. Berger fuhr mit der Hand über seine Brust: Die Konturen der schusssicheren Weste waren ihm so vertraut wie die seiner eigenen Rippen.

Erneut drängte sich das Motelzimmer vor seinem inneren Auge auf. Mittlerweile saß Berger auf dem Bett und atmete schwer, sein Blick fixierte Steen in dem Sessel.

»Wir glauben, dass wir den Ort lokalisiert haben, wo sich Carsten mit Aisha befindet«, sagte Steen. »Halten Sie sich morgen früh bereit.«

Berger schüttelte langsam den Kopf und sah sich in dem deprimierenden Motelzimmer um.

»Was um Himmels willen mache ich hier?«, fragte er.

»Sie sind Schwedens meistgesuchter Mann«, antwortete Steen. »Aber Sie halten sich versteckt.«

»Und Sie sind einer der hochrangigsten Säpo-Chefs«, sagte Berger. »Ich bin nicht bei der Säpo, das war ich auch nie. Warum sollten Sie mir helfen?«

»Wir helfen uns gegenseitig«, entgegnete Steen.

Die Biene summte weiter durch das Treppenhaus, konnte die nächtliche Szene jedoch nicht vertreiben.

Berger starrte weiter in die Dunkelheit und auf August Steen, der sich am Ende genötigt sah fortzufahren: »Sie gehören jetzt zu meinem Team, Sam. Sobald wir mehr darüber wissen, was hier gerade vor sich geht, werde ich Sie dringend brauchen. Bis dahin muss ich Sie um Geduld bitten. Ein Safehouse wird für Sie vorbereitet, aber morgen müssen Sie unbedingt auf der Matte stehen.«

»Was zum Teufel passiert hier gerade? Irgendein Terroranschlag?«

»Der schlimmste Terroranschlag aller Zeiten …«

»Schon klar«, fiel Berger ihm ins Wort. »Der schlimmste Terroranschlag in der Geschichte Schwedens. Aber ich weiß verdammt noch mal nichts darüber. Und ich kann diese dämliche Geheimniskrämerei der Säpo nicht ertragen.«

Steen seufzte laut und lehnte sich in dem mottenzerfressenen Sessel zurück.

»Carsten war mehrere Jahre mein engster Vertrauter, eine der wichtigsten Stützen der Säpo. Dann wurde er als Spitzel enttarnt, als jener Landesverräter in der Organisation, nach dem ich schon eine Weile gesucht hatte. Er hat Aisha Pachachi aus demselben Grund entführt, aus dem er auch Ihre Kollegin und Freundin Katharina Andersson, also Cutter, ermordet hat. Um aus ihnen herauszupressen, wo sich mein wichtigstes Ass – nämlich Aishas Vater, Ali Pachachi, der Mann mit dem Netzwerk – aufhält. Kurz gesagt: Er hat Aisha entführt, um Ali mundtot zu machen.«

Als Berger dort in dem tristen Motelzimmer auf dem Bett saß, spürte er widerwillig, wie sein Polizisteninstinkt erneut zum Leben erweckt wurde.

»Weil Ali gerade herausfindet, wann und wie der schlimmste Terroranschlag in der Geschichte Schwedens stattfinden soll?«, fragte er.

»Ja.« Steen nickte. »Meiner Einschätzung nach will eine internationale Terrororganisation Ali zum Schweigen bringen und hat deshalb Carsten gekauft. Vermutlich handelt es sich dabei um den IS, den sogenannten Islamischen Staat, aber das ist noch nicht sicher.«

Berger sah sich noch einmal in dem deprimierenden Motelzimmer um, aber es gab nichts, worauf er seinen Blick heften konnte. Nichts als den ausweichend antwortenden Chef der Abteilung für Nachrichtendienste bei der Säpo.

»Also hat mir Carsten diesen ganzen Mist eingebrockt?«, fragte Berger. »Er hat mich zum meistgesuchten Mann gemacht? ›Fahndung nach Ex-Polizist wegen Mordes an Tatverdächtiger‹. Der mit meiner alten Dienstwaffe eine Mörderin erschossen hat. Warum zur Hölle?«

Steen schüttelte den Kopf.

»Das ist noch nicht geklärt«, sagte er. »Aber er hat irgendeine emotionale Bindung zu Molly Blom entwickelt. Wie Sie sich sicher erinnern, hat er dort oben im Inland observiert. Seine Berichte hatten einen komischen Unterton, das ist mir erst im Nachhinein bewusst geworden, als ich sie am Stück las. Er nannte Sie ›den Mann und die Frau‹, wenn auch mit Symbolen.«

»Symbolen?«

»Solchen hier«, antwortete August Steen, zog einen Stift hervor und malte zwei Zeichen auf die Rückseite einer Tageszeitung.

Berger sah zwei Symbole – ♂ und ♀ – und zog die Augenbrauen hoch. Steen fuhr fort und zeigte mit dem Finger auf die Bilder.

»♂ waren Sie, und ♀ war Molly.«

»Molly, die im Koma liegt und mein Kind in sich trägt«, erwiderte Berger finster und schüttelte den Kopf.

Steen stemmte sich aus dem schäbigen Sessel hoch und legte die Hand auf Bergers Knie. Das kam ein wenig unerwartet.

»Wir haben einen großen Vorteil gegenüber Carsten«, sagte er mit einer Stimme, wie sie Berger noch nie bei ihm gehört hatte. »Er ist zweifellos ein sehr gefährlicher Mensch – wir dürfen ihn wohl als einen erfahrenen Berufskiller bezeichnen –, aber er ist kurz davor zu erblinden. Er ist an der unheilbaren Augenkrankheit RP erkrankt, Retinitis pigmentosa. Morgen früh haben wir die beste Chance, ihn zu erwischen. Und dabei brauche ich Sie, Sam.«

Dabei brauche ich Sie, Sam, hallte es in Bergers Kopf nach, in diesem nichtssagenden Hochhaustreppenhaus, vor dieser nichtssagenden Tür, während das Warten ihm immer unendlicher vorkam. Gewaltsam kehrte er in die Gegenwart zurück und betrachtete seine entsicherte Waffe. Sie zitterte in einem merkwürdigen, regelmäßigen Takt, der vermutlich dem seines Herzschlags entsprach.

Seine einzige Hoffnung bestand darin, dass Carsten allmählich erblindete.

Das Summen einer unsichtbaren Biene war weiterhin das einzige Geräusch, das Berger hörte. Lang und monoton.

Plötzlich knisterte das Walkie-Talkie.

»Auf Position«, sagte Kents Stimme.

»Na dann«, entgegnete Steen. »Drei. Zwei. Eins.«

Berger schob die Tür auf und blickte hinaus. Die erste Morgendämmerung verbreitete ihren vagen Schein über das Hausdach. Zwanzig Meter weiter rechts lag das kleine Haus wie ein Betonklumpen. Schräg vor sich sah Berger Kent die Feuertreppe emporklimmen und auf das Haus zustürzen. Im selben Moment zog sich Roy an einem der Seile hoch und rollte über die kleine Mauer am Rand des Dachs.

Jetzt rannte Berger los. Dabei fühlte er sich eigentümlich abwesend, er betrachtete alles aus der Distanz, verzerrt, und wartete nur auf die Schüsse.

Roy kam als Erster an, Kent kurz darauf. Dann spurtete auch Berger auf die Hütte zu und sah aus der Entfernung, wie Roy den Fuß hob, die Tür eintrat und verschwand. Auch Kent war da, er zögerte kurz, ehe er ebenfalls in das Häuschen abtauchte.

Berger hatte es fast erreicht, da verspürte er einen starken Schmerz am Hals, als hätte jemand eine lautlose Waffe auf ihn abgefeuert. Reflexartig fasste er sich an den Nacken, und nun schmerzte auch seine Hand. In dem Moment stolperte Kent seltsam gebeugt aus dem Häuschen. Er schlug um sich, wobei die Dienstwaffe wie in Zeitlupe in hohem Bogen davonflog. Kent sackte auf die Knie, warf sich zu Boden und wälzte sich herum. Das Summen wurde immer lauter. Berger quälte nun ein stechender Schmerz, der sich in seinem Körper ausbreitete und bis in die Glieder brannte.

Eine weitere Gestalt kam aus dem Haus. Sie sah aus wie ein Bär, ein Bär im aufrechten Gang. Die Gestalt hob ihre Arme wie zum Gebet, doch da waren keine Hände, da waren Pfoten, Tatzen, die mit dickem, flauschigem Fell überzogen waren. Der restliche Körper wirkte ebenfalls bullig, geradezu wollig, doch aus der bärengleichen Gestalt ragte ein kreidebleiches Gesicht hervor, ein Schädel mit starrem Blick und einem weit geöffneten, aber stummen Mund. Und das Summen wurde immer lauter. Da verstand Berger endlich, was er sah.

Dies war Roys Gesicht. Nur war sein ganzer Körper von Bienen bedeckt. Roy taumelte mit eigentümlichen, schweren Schritten wie bei einer Mondlandung an der Befestigung des Seils vorbei zur Dachkante. Dort kletterte er auf die kleine Mauer, hinter der sich der Abgrund auftat.

Berger hörte sich selbst rufen, doch es war die Stimme eines anderen: »Bleib stehen, bleib stehen, verdammt!«

Stattdessen wankte Roy einfach weiter und stieg auf die Mauer, als würde er von einer fremden Kraft angetrieben. Dann tat er den fatalen Schritt in den Abgrund.

Es sah so aus, als würde er kurz in der Luft stehen. In einem Brummen, das immer mehr einer Kakofonie glich, schien Roys Körper für einen Moment in der Unendlichkeit zu schweben, als wäre die Schwerkraft aufgehoben, als gäbe es kein Oben und Unten mehr. Dann ließen die Bienen wie auf Befehl von ihm ab und flogen von seinem Körper auf wie ein kleiner Tornado.

In diesem Moment blickte Berger Roy in die Augen. Und was er sah, war der Tod. Er schaute dem Tod direkt ins Gesicht. Bis Roy fiel.

Berger hörte sich selbst brüllen. Er stolperte vorwärts, und der Schmerz, der für einige Sekunden wie weggeblasen gewesen war, kehrte mit voller Kraft zurück. Unterdessen rappelte Kent sich auf und bürstete mit der Hand wie wild seinen Körper ab. Zusammen mit Berger wankte er zum Rand des Dachs. Wo Roy in die Tiefe gestürzt war.

Genau in dem Moment, als sie dort ankamen, wandte Berger sich um und sah einen enormen Bienenschwarm aus der weit geöffneten Tür des Häuschens schwirren. Er bildete eine schwarze Wolke über der ohnehin noch dunklen Stadt.

Berger und Kent wechselten einen Blick. Kent zupfte eine Biene von seiner bleichen Wange und nickte. Dann sahen sie über die Kante.

Roys Körper war in zwei Stücke gerissen und lag dreißig Meter unter ihnen auf dem Parkplatz.

Die eine Hälfte auf einem Auto.

Kent entfuhr ein Laut, der nicht mehr menschlich klang.

»Berger!«, bellte das Walkie-Talkie. »Rettungswagen unterwegs. Sichert das Haus.«

Langsam erhob sich Berger neben dem zusammengesunkenen Kent, der vor Trauer und Schmerz schrie. Er sammelte die Bienen von allen frei liegenden Hautoberflächen seines Körpers und spürte, wie sich ein seltsamer Rausch in ihm ausbreitete. Schwankend bewegte er sich auf das kleine Haus zu. Dort presste er sich an die Betonwand und warf einen hastigen Blick hinein, ehe er schnell den Kopf zurückzog. Drinnen war kein Mensch, und es gab auch keine verborgenen Räume. Dafür mindestens sechs geöffnete Bienenstöcke. Es waren nur noch einzelne Bienen zu sehen, von denen ein zähes Summen ausging. Es sollte also möglich sein, das Häuschen zu betreten. Berger griff seine Waffe fester und betrat die Hütte.

Wild fuchtelnd versuchte er, die letzten Bienen hinauszuscheuchen. Dann sah er sich um. Außer den Bienenstöcken gab es einen Tisch und einen Stuhl, sonst nichts.

Hier hatte Carsten Aisha wohl kaum gefangen gehalten. Sein Ziel war es gewesen, auch die Polizisten hier heraufzulocken. Um ihnen zu schaden, um sie zu töten? Wohl kaum, Carsten war kein Sadist. Wahnsinnig, das schon. Ein Landesverräter. Skrupellos. Aber rational. Er hatte einen anderen Grund gehabt, sie herzuführen.

Boden, Decke, Wände – nichts. Ein vollkommen neutraler Raum. Demnach musste in den Bienenstöcken oder auf dem Tisch irgendetwas zu finden sein. Den Bienenstöcken wollte Berger sich nicht weiter nähern, er hatte schon genug Körperkontakt mit ihren Bewohnern gehabt.

Erst jetzt sah er, dass einige der Insekten auf dem kleinen Tisch ausharrten. Sie waren ruhiger als ihre Verwandten und krabbelten in einer festen Formation umher, einem Rechteck, etwa einen Dezimeter breit. Berger nahm seine frisch ausgehändigte Säpo-Pistole und wischte die Bienen damit von der Tischplatte. Unter ihnen lag ein Stück Papier. Er wagte es nicht, das Blatt anzufassen, stellte jedoch fest, dass es mit etwas Süßem, Klebrigem bestrichen war. Einer Substanz, die Bienen vermutlich mochten.

Das Papier sah aus wie ein kleiner Umschlag von der Sorte, die normalerweise Glückwunschkarten enthielten.

Berger reinigte ihn ganz von den Bienen, ließ ihn jedoch liegen. Gegen alle Instinkte wollte er auf die Kriminaltechniker von der Säpo warten. Da entdeckte er unter der Tischplatte eine Schublade. Er ging in die Knie und zog sie vorsichtig heraus.

Der Knall war überirdisch, und die Kraft, die Berger zurückwarf, gigantisch. Ein alles umfassender Schock, ein verwirrender Schmerz. Berger wurde schwarz vor Augen.

Es existierte nur noch ein einziger, einfacher Gedanke, der im unendlichen Nichts kreiste.

Dies ist eine beschissene Art zu sterben.

Dann umfasste ihn die Dunkelheit.

Als Berger seine Augen wieder aufschlug, war er sich nicht sicher, ob er noch lebte. Doch er sah in einen eisgrauen Blick, darüber ein metallgrauer Bürstenschnitt.

»Tatsächlich ist der perfekte Spion ein kastrierter Spion«, sagte August Steen, »aber ganz so drastisch hätte es auch nicht sein müssen.«

»Wie bitte?«, keuchte Berger.

»Hätten Sie sich nicht hingekniet, wäre Ihnen der Schwanz weggeschossen worden.«

Berger blickte an seiner schusssicheren Weste hinab. Es war deutlich sichtbar, wo die Kugel ihn getroffen hatte. Mitten ins Herz.

»Verdammte Axt«, sagte er.

Steen streckte ihm die Hand entgegen. Berger ergriff sie, kam, begleitet von einer Kaskade von Schmerzstrahlen, wieder auf die Beine und stand vor der offenen Schublade. Hinter der weggeschossenen Front war eine Pistole eingeklemmt, deren Abzug mit einem Stahldraht verbunden war. Berger erkannte die Waffe sofort wieder. Es war eine Sig Sauer P226. Höchstwahrscheinlich Bergers eigene ehemalige Dienstwaffe. Am Lauf klebte ein kleiner handgeschriebener Zettel.

Darauf stand, kurz und knapp: »Boom!«

»Carsten hat es auf Sie abgesehen, Sam«, sagte Steen. »Jetzt müssen wir Sie aber definitiv unsichtbar machen.«

Berger warf einen letzten Blick auf den kleinen Umschlag, seufzte schwer und stolperte zur Tür. Steen holte ihn ein und stützte ihn.

Am blassgrauen Novemberhimmel näherte sich langsam, beinahe unwirklich, ein Rettungshubschrauber.



2

Montag, 30. November, 9:03

Seine Sinne spielten verrückt. Die ganze Welt schaukelte. Der herannahende Helikopter klang immer mehr wie das Summen einer gewaltigen Biene.

Berger saß auf dem Dach, durchlief alle möglichen Stadien des Schmerzes und war nicht mehr imstande, zwischen Körper und Seele zu unterscheiden.

Emotionslos beobachtete er, wie August Steen eine Rolle mit Gazebinde aus einer Tasche nahm und damit näher kam.

»Sie müssen mit dem Helikopter mitfliegen«, sagte Steen und fing an, Bergers Kopf mit der Binde zu umwickeln. »Und Sie sind immer noch Schwedens meistgesuchter Mann. Sie dürfen auf keinen Fall erkannt werden.«

Der Windzug des landenden Helikopters erfasste sie. Berger sah, dass Steen die Gazebinde aus der Hand gerissen wurde, der Wind sie sofort weiter aufrollte und wie einen riesigen Wimpel in der Luft flattern ließ, ehe sie über die Hochhausdächer von Tensta davonschwebte. Steen holte eine neue Rolle, und es gelang ihm, Bergers Kopf zu verbinden.

»Bleiben Sie cool. Ich hole Sie im Söder-Krankenhaus ab.«

Dann saß Berger da, unbeachtet, in einer Ecke des Helikopters zusammengekauert, reisekrank, mit Schussschmerzen in der Brust und einem diffus verteilten Bienenstichbrennen. Trotzdem ging es ihm eindeutig besser als den anderen Patienten in dem kleinen, krängenden Innenraum.

Die beiden Hälften von Roy Grahns zerschmettertem Körper lagen unter einer blutdurchtränkten Decke. Kent Döös war wach genug, um zu wimmern, und das Wimmern schwoll hin und wieder zu Schmerzens- und Trauergebrüll an, doch er wehrte jeden Versuch ab, wenigstens seine äußerlichen Qualen zu lindern. Der Rettungssanitäter malte mit seiner Morphiumspritze vergeblich ganze Bilder in die Luft.

Berger meinte sich zu erinnern, dass er ähnliche Szenen aus Kriegsfilmen kannte. Eine starke Übelkeit stieg in ihm auf, und er war kurz davor, sich schwallweise in seinen blickdichten Kopfverband zu übergeben, als er ein Fenster entdeckte.

Der Anblick von Wasser hatte seine Eingeweide schon immer beruhigt. Er sah die Oberfläche dort unten, aber es dauerte einen Moment, ehe er den Ulvsundasjön, die Tranebergsbron und Lilla Essingen wiedererkannte. Dann Reimersholme, die Liljeholmsbron und Årstaviken. Der Helikopter folgte dem Wasser bis zu einem Dach mit einem Kreis, einem Pluszeichen und einem großen H in der Mitte. Dort landete er auf dem Buchstaben, offenbar ohne dabei seine Geschwindigkeit zu drosseln.

Dann ging alles ganz schnell.

Die Türen wurden geöffnet, Roys Bahre hinausgerollt, und weg war sie. Kent, dessen großer Körper endlich auf die Morphiumspritze reagiert hatte, wurde auf die Helikopterplattform des Söder-Krankenhauses getragen.

Berger blieb zurück.

Während der Pilot hinaussprang, die Rotorblätter nun langsamer kreisten und schließlich sanft zum Stehen kamen, hockte Berger in seiner Ecke, den ganzen Kopf bandagiert. Nach einer Weile schaute ein weiß gekleideter Mann herein und winkte ihn zu sich. Berger nahm seine Tasche und kletterte hinaus. Gemeinsam betraten sie das große Krankenhaus. Der Sanitäter blickte nicht einmal in ihre Richtung.

Ganz im Einklang mit dem übrigen Empfang ließ man Berger auf der Akutstation in einer Ecke hinter vorgezogenen Vorhängen sitzen, über einen Zeitraum, den er irgendwann nicht mehr einschätzen konnte. Es verging viel Zeit. Unfassbar viel Zeit. Eine Stunde folgte auf die nächste.

Berger konzentrierte sich auf seinen Körper. Am meisten schmerzte die Stelle, an der die Kevlar-Weste die Kugel der Sig Sauer P226 abgehalten hatte, doch er bezweifelte, dass seine Rippen verletzt waren. Das Gift der Bienenstiche war schwieriger einzuschätzen, würde für eine Einweisung jedoch auch nicht ausreichen. Also hatte August Steen ihn aus anderen Gründen hierherbringen lassen. Weil es der sicherste Ort war, an dem er sich aufhalten konnte? Während ein Safehouse für ihn vorbereitet wurde? Während seine Sachen dort hingebracht wurden? Von zu Hause? Ob sie in seiner Wohnung gewesen waren? Durchwühlte die Säpo gerade seine Zimmer, während er hier saß wie ein Schluck Wasser in der Kurve?

Er selbst war schon sehr lange nicht mehr bei sich zu Hause gewesen. Wobei es sich wohl vor allem lange anfühlte. Dabei war kaum mehr als ein Monat verstrichen, wahrscheinlich sogar weniger.

Die Stunden rannen noch immer zwischen seinen Fingern hindurch. Er versuchte nachzudenken, der freie Flug der stillen Gedanken.

Wenn Carsten dieses ganze Bienenhaus einzig und allein präpariert hatte, um niemand anderen als Sam Berger umzunieten, war er dann hier wirklich sicher? Ins Söder-Krankenhaus einzudringen und hinter schützenden Gardinen einige schallgedämpfte Kugeln in einen gewöhnlichen Patienten zu feuern dürfte nicht gerade schwer sein. Vermutlich würde es lange dauern, bis es überhaupt jemand bemerkte.

Im nächsten Moment wurden die Vorhänge tatsächlich beiseitegezogen.

Berger sah Carsten, der blinzelnde, nicht zu deutende Blick hinter den dicken Brillengläsern, er sah, wie die Pistole erhoben wurde, und registrierte das kleine, beinahe unmerkliche Lächeln, welches das allerletzte Bild sein würde, das Sam Berger mit sich ins Totenreich nähme.

Doch es war nicht Carsten, der da hereinkam, auch kein Arzt, es war ein Mann, dessen Bürstenschnitt an Eisenspäne auf einem Magneten erinnerte.

»Gehen wir«, sagte August Steen knapp.

Sie gingen. Berger schwieg, Steen ebenfalls.

In einer versteckten Ecke des Krankenhausparkplatzes stiegen sie in ein Auto, und Steen fuhr nach Süden, aus der Stadt hinaus. Erst als die Dämmerung hereinbrach, wurde Berger klar, wie lange er im Krankenhaus gesessen und auf einen Arzt gewartet hatte, der nie kam. Der auch nie die Absicht gehabt hatte zu kommen.

Als sie auf der Höhe von Haninge waren, brach Steen das Schweigen.

»Das Arschloch hat Roy umgebracht.«

Berger starrte vor sich hin. Vor seinem inneren Auge sah er den übernatürlich schwebenden Körper, in Bienen gehüllt. Dann den halbierten Körper unten auf dem Parkplatz.

Mit Carsten war nicht zu spaßen.

Und er hatte es definitiv auf Sam Berger abgesehen.

Steen war anscheinend zum Reden aufgelegt. »Verzeihen Sie die Verzögerung«, sagte er.

Berger lachte nicht gerade überschwänglich.

»Ich musste den Vorgang sogar noch beschleunigen. Schneller ging es meinerseits nicht«, fuhr Steen fort.

»Wohin fahren wir?«, fragte Berger.

»Sie werden leider ein Boot nehmen müssen«, antwortete Steen. Berger starrte ihn an.

»Ich weiß, dass Sie das können«, fuhr Steen fort. »Ich weiß, dass Sie Wasser mögen. Ich weiß, dass Sie als Kind einen Großteil Ihrer Sommer in den Stockholmer Schären verbracht haben.«

»Da wissen Sie mehr als ich«, brummte Berger.

»Der Anblick von Wasser beruhigt Sie.«

Berger schüttelte den Kopf. Doch Steen ließ nicht locker.

»Keine Sorge, es ist ganz einfach, die moderne Navigationsausrüstung übernimmt fast die ganze Arbeit.«

»Und dann soll ich also einfach in einem Safehouse herumhocken?«

»Der Auftrag, den ich für Sie habe, hat enorme Bedeutung.«

»Aber Sie wollen mir nicht mehr darüber verraten als diese lahme Formulierung ›der schlimmste Terroranschlag in der Geschichte Schwedens‹?«

»Zu diesem Zeitpunkt kann ich es nicht«, erklärte August Steen. »Aber vorerst müssen Sie um jeden Preis untertauchen. Und zwar vollständig. Das bedeutet auch, dass Sie das Boot nur ein einziges Mal benutzen dürfen, danach nie wieder, nur im äußersten Notfall. Die Navigationsausrüstung wird Sie zu einem Bootshaus führen, dort parken Sie das Boot und lassen es stehen.«

»Ein Bootshaus?«

»Ein richtiges Bootshaus«, sagte Steen mit versteinerter Miene. »Wo man ein Boot hineinfährt. Sie fahren es dort hinein und vertäuen es, und dann lassen Sie es stehen. In dem Safehouse gibt es jede Menge gutes Essen, eine sichere Internetverbindung und einen Haufen Bücher. Betrachten Sie die Zeit als bezahlten Urlaub. Haben Sie ein Hobby?«

Berger starrte ihn ungläubig an.

»Uhren«, antwortete er schließlich. »Uhrwerke.«

August Steen brach in Gelächter aus.

Die restliche Fahrt über schwiegen sie. Sie fuhren nach Nynäshamn hinein, durch Nynäshamn hindurch, aus Nynäshamn hinaus. Es erschien Berger wie das Ende der Welt.

Der Gasthafen war ungastlich. Vermutlich waren es die freundlich blinkenden Lichter der nahe gelegenen Inseln, die das Meer so schwarz wirken ließen. So unbarmherzig.

Vielleicht erschien die Welt ringsherum auch nur deshalb so verlassen, weil Berger und Steen weit und breit die Einzigen waren. Sie wanderten die Anlegebrücke entlang, an deren Rändern die Boote schaukelten, als würden sie von der Dunkelheit selbst hin- und hergewiegt.

Kein Niederschlag, zum Glück, und besonders windig war es auch nicht. Das einzig Beängstigende war die Schwärze. Und die glasklare Einsicht, dass Sam Berger schon ungeheuer lange kein Boot mehr gesteuert hatte. Vor allem nicht in der Winterfinsternis.

Sie blieben stehen. Berger stellte seine Tasche ab, Steen reichte ihm ein iPad. Berger nahm es entgegen und blickte auf den schwarzen Bildschirm. Steen strich darüber, und eine Kartenansicht erschien.

»Einwandfreie GPS-Navigation«, erklärte Steen. »Die Streckenführung umgeht alle Untiefen, das schwöre ich.«

»Heißt das, Sie haben es selbst getestet?«

»Ein Helikopter wird Ihnen ein paar Sachen von zu Hause liefern. In Kürze werden vier große Umzugskartons vor der Hütte stehen.«

»Und was werden Sie so lange tun? Was wird die Säpo tun? Carsten finden, bevor er mich findet?«

»Bilden Sie sich bloß nicht zu viel ein«, entgegnete Steen. »So wichtig sind Sie auch wieder nicht. Aber natürlich werden wir ihn kriegen, die Ermittlungen laufen auf Hochtouren. Doch wir werden ihn in erster Linie einkassieren, um Aisha Pachachi zu befreien und damit auch Ali Pachachi zum Reden zu bringen. Solange Aisha gefangen gehalten wird, spricht er nicht. Und ich bin der Einzige auf der ganzen Welt, der weiß, wo sich Ali aufhält. Bisher hat unser Spitzel noch darauf gewartet, dass Ali Kontakt mit ihm aufnimmt und ihm anbietet, seine Tochter als Geisel abzulösen. Aber jetzt scheint Carsten vorzuhaben, Ali Pachachi von sich aus aufzusuchen. Die Fährte, die uns in Tensta in die Falle locken sollte, war gelegt. Carsten wollte uns dort vorführen.«

»Ihr fangt Carsten, bekommt Informationen von Pachachi, und dann soll ich auf der Grundlage dieser Informationen in Aktion treten? Ist das der Plan? Womit wir wieder bei der Frage wären: Warum ausgerechnet ich?«

»Möchten Sie diese Diskussion wirklich jetzt führen?«, fragte Steen. »Dazu hätten Sie eine ganze Autofahrt lang Zeit gehabt.«

»Ich will es wissen, ja. Ansonsten steige ich nicht in dieses Boot, verdammt noch mal.«

»Und was wollen Sie stattdessen tun? Sich in einem anderen Bootshaus verstecken? Außer Landes flüchten?«

»Warum? Ausgerechnet? Ich?«

August Steen seufzte und führte Berger zu einem stabilen, aber kompakten Boot mit einem veritablen Außenbordmotor.

»Sie verfügen über eine Spezialkompetenz, die von äußerster Wichtigkeit für uns sein wird, wenn der Zeitpunkt gekommen ist«, sagte Steen schließlich.

»Eine Spezialkompetenz? Ich?«

»Außerdem haben Sie auch meine Frage noch nicht beantwortet«, fuhr Steen fort und reichte Berger seine Säpo-Pistole mit der entsprechenden Munition. »Aber sie war ernst gemeint.«

»Welche Frage?« Berger nahm die Pistole.

»Haben Sie ein Hobby?«


3

Dienstag, 1. Dezember, 10:21

Er durchbrach die Oberfläche genau in dem Moment, als sich die Eisschicht auf dem Wasser bildete. Während er durch die Luft geflogen war, hatte er gesehen, wie einige Segmente der glatten Oberfläche einen anderen Schimmer annahmen. Er hatte das Gefühl, für eine Millisekunde erkennen zu können, wie sich die einzelnen Flüssigkeitsatome den fremden Sauerstoffatomen entgegenstreckten und eine äußerst zerbrechliche Membran bildeten.

Die er im nächsten Moment durchbrach.

Der Kälteschock traf ihn wie erwartet, aber Theorie ist nicht gleich Praxis. Er wurde überwältigt. Die eisige Kälte drang durch den engen Neoprenanzug bis auf seine schockierte Haut. Das Wasser des Schärengartens umfing ihn, als wollte es ihn einfrieren und für die Nachwelt bewahren, die dann das Urzeitwesen im Eisblock schockiert bestaunen würde. Forscher würden ihn unter kontrollierten Bedingungen auftauen, und er würde, ohne seinen staunenden Gesichtsausdruck zu verlieren, in die schwerelose Atmosphäre des künstlichen Planeten schweben, der die zerstörte Erde bis dahin längst ersetzt hätte.

Das eigenartige Bild hatte eine beruhigende Wirkung. Außerdem erinnerten ihn seine ersten Schwimmzüge tatsächlich an eine Weltraumwanderung. Gierig sog er die abgestandene Luft aus der Gasflasche ein, spürte den Schmerz im Brustkorb, dort, wo er vor nicht allzu langer Zeit eine Kugel abgefangen hatte, und meinte sich zu erinnern, warum er mit diesem verwegenen Hobby aufgehört hatte.

Eine Hand, die einen riesigen, blau-gelb gestreiften Fisch mit Kussmund gestreichelt hatte, hatte ihn zu dieser Leidenschaft, dem Tauchen, gebracht. Diese vergoldete Erinnerung übersprang jene fünfzehn Jahre, die vergangen waren, seit Sam Berger zuletzt ein Mundstück mit Gummigeschmack zwischen den Zähnen gehabt hatte. Sie radierte auch den Kälteschock aus – und vermutlich eine ganze Reihe anderer Faktoren, die ihn dazu veranlasst hatten, seine Taucherausrüstung nach einem magischen Tauchurlaub vor Lombok in Indonesien für immer in den Schrank zu räumen.

Damals war der Bartwuchs hinter dem gehärteten Glas seiner Tauchermaske bedeutend spärlicher und wohl kaum so irritierend gewesen wie heute. Das braun-graue Gestrüpp, der Schnurrbartteil seines Vollbarts, der jetzt sein halbes Gesichtsfeld bedeckte, kratzte unter der Maske.

Als es ihm schließlich gelang, die Gedanken von seiner Körperbehaarung wegzulenken, offenbarte sich ihm eine ganz eigene Welt.

Von dort oben hatte die Oberfläche so dunkel ausgesehen, als hätte er in einen Eimer Teer springen müssen. Noch dazu war es ein bewölkter, schmutziggrauer Vormittag, ziemlich typisch für den ersten Dezembertag, und Berger hatte nicht erwartet, unten in der sauerstoffarmen Ostsee sonderlich viel zu sehen. Doch das Licht, das trotzdem durchsickerte, enthüllte eine graugrüne Welt mit Klippenformationen und diffus wogenden Tangbüscheln, die ihn tatsächlich berührte. Ein kleiner, farbloser Fischschwarm flitzte vorüber, und Berger beschleunigte seine Schwimmzüge in dem kaum mehr als fünf Grad warmen Wasser. Jetzt erinnerte er sich wieder an seine Faszination, diese verborgenen Teile der Erde zu besuchen, die größten und heimlichsten. Er spürte, wie sein Wesen zu neuem Leben erwachte, während der Meeresboden seinen Charakter änderte und flacher und karger wurde. Und abfiel. Zweifellos schwamm er tieferen Gewässern entgegen.

Er achtete darauf, nicht in Hektik zu geraten, sondern in die Ferne zu sehen und auf das Ende seines Blickfelds zu achten, wie ein Fahranfänger. Es waren kaum mehr als fünf, sechs Meter bis dorthin, doch plötzlich konnte Berger den Boden vor sich nicht mehr erkennen. Er verschwand einfach. Berger hielt inne, ließ sich treiben und beobachtete das Szenario. Dann schwamm er einige Züge heran. Tatsächlich schien es, als würde der Boden des Binnenmeers abbrechen und einer plötzlichen Tiefe Platz machen.

Jetzt stand er am Rand des Abgrunds. Es war ein merkwürdiges Gefühl, vor ihm lag eine Schlucht, in die man nicht fallen konnte.

Dies war Schweden, der Stockholmer Schärengarten, sicher und vertraut – und hier tat sich dieser plötzliche Abgrund auf, hinab in vollkommen unbekanntes Terrain. Berger war klar, dass er sich fernhalten sollte.

Doch wie es so oft der Fall ist, wenn man weiß, dass man sich fernhalten soll, näherte er sich stattdessen.

Er glitt über die Kante, blickte nach oben, blickte nach unten und sah nichts. Er wartete ab. Ahnte eine leichte Strömung am rechten Oberschenkel, aber mehr nicht. Dann unternahm er einen vorsichtigen Schwimmzug in die Tiefe.

Im ersten Moment verstand er nicht, was da vor sich ging, abgesehen davon, dass sich sein Gesicht kälter anfühlte. Dann begriff er, dass es nicht nur kalt war, sondern auch nass. Sein Schnurrbart unter der Tauchermaske wogte leicht hin und her, wie die Tangbüschel auf dem Meeresboden.

Die Maske war undicht.

Als ihn diese Erkenntnis traf, hatte sie handfeste Folgen. Sein Körper geriet ins Taumeln, die Panik schoss direkt in seine Seele, und er zappelte in der Leere des Nichts.

In der rohen Kälte.

Auf unbekannten Pfaden kehrte die Vernunft dennoch zurück. Berger bremste sein Taumeln. Er beschränkte die Panik. Die Maske musste entleert werden, das gehört zu den ersten Handgriffen, die man als Tauchschüler lernt. Er versuchte, sich an die Prozedur zu erinnern. Dann zog er die Maske nach unten, während er nach oben blickte und Luft durch die Nase ausstieß. Das wiederholte er mehrmals, bis die Maske so gut wie leer war. Er musste sich zusammenreißen, um nicht vor Erleichterung zu seufzen.

Anschließend sah er sich nach allen Seiten um. Das Problem war nur, dass er kein Oben und Unten mehr ausmachen konnte, kein Hier und kein Da. Es gab keinerlei Richtung mehr. Und da begriff Berger, in was er geraten war.

Er war im Tiefenrausch.

Es gab keine Schwerkraft, keine Strömung. Keinerlei Auftrieb. Keine Anhaltspunkte. Der nächste Schwimmzug konnte ihn direkt in den Abgrund führen oder hinauf zur Oberfläche oder aufs Meer hinaus.

Sam Berger ließ sich im großen Nichts treiben, denn jeder Schwimmzug konnte ihn dem Tod näher bringen. Er war vollkommen orientierungslos.

Als würde er in der Mitte der Weltmeere schweben. Als wäre er endgültig in diesem leeren, verlassenen, unendlichen Weltall verloren.

Immerhin hatte er seine Maske entleert. Erst vor wenigen Sekunden hatte er sich zusammengerissen und auf seine Erfahrungen berufen.

Die Bläschen, die er ausgeatmet hatte, schwirrten um ihn herum. Eine Weile kreiselte er noch im großen Nichts, dann schoss ihm etwas in den Kopf.

Er konnte freier atmen und richtete sich in diesem Nichts ein. Für eine Weile hielt er den Atem an, bis alle Bläschen um ihn herum verschwunden waren. Dann atmete er kräftig aus.

Plötzlich hatte der Strom der Luftblasen eine klare Richtung. Berger drehte sich um und beobachtete, wie die Blasen nach unten strömten.

In die Richtung, die er für unten gehalten hatte.

Die eigentlich oben war.

Noch einmal atmete er kräftig aus und schwamm dann hastig den Bläschen hinterher.

Nach oben.

Er tauchte aus dem Abgrund, konnte wieder den Meeresboden erkennen und begriff, dass er nun auf dem Heimweg war. Als seine Füße wieder den kargen Felsgrund erreichten, entleerte er seine Maske noch einmal.

Der Tiefenrausch.

Ihn hatte er ganz vergessen, jenen Zustand, bei dem die Naturgesetze vollkommen aufgehoben waren. Dabei war er schon einmal dort gewesen, kurz nach seiner Begegnung mit dem großen, blau-gelb gestreiften Fisch. Aber die gute Erinnerung hatte die böse überlagert.

Im Hafen von Lombok hatte er sich geschworen, nie wieder zu tauchen. Nur war er einfach nicht gut darin, aus seinen Fehlern zu lernen.

Als er auf die Hütte auf der kleinen Insel vor Landsort zuschwamm, schwor er sich erneut, nie wieder zu tauchen.



4

Dienstag, 1. Dezember, 13:44

Sam Berger beobachtete die Wasseroberfläche. Die Temperatur war erneut über null gestiegen, und die dünne Eisschicht, die er vor ein paar Sekunden durchbrochen hatte, als er nach dem Tiefenrausch wieder an die Wasseroberfläche gekommen war, schien fast gänzlich verschwunden zu sein. Er folgte einer winzigen Eisscholle mit dem Blick, sie schmolz vor seinen Augen.

Er sah zu dem schmutziggrauen Himmel empor. Es war einer dieser unbarmherzigen Tage, ohne Licht, ohne Hoffnung. Ein schadenfrohes graues Zwinkern, das einem mitteilen wollte, es werde das nächste halbe Jahr so bleiben.

Bergers Blick wanderte bis zur letzten Schäre des äußeren Schärengartens. Dahinter kam nur noch das offene Meer, bis nach Gotland hinüber.

Die Zeit war so seltsam. Alles war nichts als Warten. Dabei war er noch gar nicht besonders lange auf dieser einsamen Insel, aber die Rastlosigkeit fraß ihn bereits auf.

Er machte kehrt und begab sich wieder hinauf zur Hütte. Auf halbem Weg hielt er inne und warf einen Blick auf den Anlegesteg. Er war nicht zu sehen. Die Tarnung war beinahe perfekt. Und das Bootshaus, das ein Stück entfernt lag und in dem er das schnelle Motorboot geparkt hatte, das ihn durch die nächtliche Schärenlandschaft hierhergebracht hatte, war überhaupt nicht zu erkennen.

Dasselbe galt für die Hütte. Die Äste der Bäume streckten sich mit einer scheinbar zufälligen Präzision über das moosbedeckte Dach. Sollte ein Besucher wider Erwarten doch einen Eingang entdecken, würde er dahinter allenfalls  ein kleines, vollkommen verfallenes Häuschen vermuten.

Es war eine Illusion. Eine zielstrebig und professionell inszenierte Illusion. Berger öffnete die Tür und betrat den Weinkeller. Ganz nach seinem Geschmack hatte man die gediegene Weinsammlung durch einige Flaschen hochklassigen Single-Malt-Whisky ergänzt. Er durchquerte den perfekt temperierten dunklen Raum und gelangte in den riesigen Wohnbereich. Die vollkommen unerwartete Größe, eine Sitzgruppe, ein Esstisch, ein Schreibtisch. Dazu eine Kücheninsel hinter einer Ecke, ein komplett ausgestattetes Bad mit Sauna. Eine solche luxussanierte Fischerhütte auf einer einsamen Insel würde auf dem freien Markt Millionen kosten.

Doch weder die Hütte noch die Insel waren auf dem freien Markt zu haben. Ganz im Gegenteil. Dies war nicht das erste Safehouse der Säpo, das Berger betreten hatte, aber definitiv das gemütlichste. Und sein Auftrag lautete: warten.

Er schlenderte durch den Wohnbereich bis zu der Wand mit dem Schreibtisch. Neben einer großen Karte über den Stockholmer Schärengarten gab es auch ein Whiteboard. Dort hingen etliche Papiere in unsortierten Gruppen. Sie schienen aber eindeutig dem Zentrum der Tafel untergeordnet zu sein.

Und im Zentrum der Tafel prangte eine Fotografie.

Ein schlichtes Schulfoto von einem lachenden dunkelhaarigen Mädchen. Aisha Pachachi, der Beweis für Sam Bergers Scheitern. Das einzige von sieben entführten Mädchen, das Molly und er noch nicht hatten befreien können.

Sieben minus eins.

Bald wurde sie volljährig.

Berger sah natürlich ein, dass die Säpo gerade eine Jagd in viel größeren Dimensionen veranstaltete. Selbst wenn es ihm erlaubt wäre, daran teilzunehmen, wäre sein Beitrag eher marginal. Trotzdem war es frustrierend, einfach nur hier zu sitzen, wie eine Art ruhende Ressource, »definitiv unsichtbar«, wie August Steen gesagt hatte.

Aisha Pachachi. Einst von dem Mann gefangen genommen, der sie schützen sollte. Anschließend ein zweites Mal, von einem Spitzel, der die Säpo unterwandert hatte, einem brandgefährlichen Mann namens Carsten, den jetzt alle jagten.

So war die Lage.

Mit einer Grimasse wendete sich Berger von Aishas Fotografie ab. Jetzt fiel sein Blick auf das einzige Element im Raum, das nicht perfekt war. Vier überdimensionale Umzugskartons mit hastig zusammengerafftem Zeug. Die Grimasse in seinem Gesicht verzerrte sich zu einem eindeutigen Ausdruck von Abscheu. Bei dem Gedanken, dass Steens Vertraute – bei denen es sich nicht mehr um das Duo Kent und Roy gehandelt haben konnte – in seinen Kommodenschubladen herumgekramt hatten, drehte sich ihm der Magen um. Aber Sam Berger war Schwedens meistgesuchter Mann, weshalb es natürlich ausgeschlossen war, dass er selbst in die Ploggatan auf Södermalm zurückkehren würde. Trotzdem konnte er nicht anders, als sich diese groben Hände vorzustellen, wie sie in der untersten Kommodenschublade herumwühlten und respektlos die Kinder- und Frauensachen beiseiteschoben, um Sam Bergers Unterhosen zu finden. Und natürlich hatte man aus seiner schrecklich unaufgeräumten Kleiderkammer einen Haufen Schrott mitgeliefert. Berger warf einen finsteren Blick in den erstbesten Karton. Ganz bestimmt würde er hier einen gelben Fahrradhelm, zwei Fernbedienungen, eine Schachtel mit Reißzwecken, ein paar alte Schulbücher, eine Stoff-Anaconda, einen kaputten Badmintonschläger und einen wilden Haufen Buchseiten brauchen, die sich aus Frejas Taschenbuch zum Thema Erste Hilfe gelöst hatten.

Er hatte die Kisten kaum angerührt, seit der Hubschrauber sie auf der Insel abgesetzt hatte. Zwar hatte er sie hereingetragen und geöffnet, war jedoch sofort von Widerwillen gepackt worden und hatte sie stehen lassen. Ihm genügte die Tasche, die er aus dem Inland mitgenommen hatte und die die beiden vorangegangenen Fälle enthielt.

Als Erstes hatte er jedoch die Uhrenschachtel herausgeholt. Sie stand jetzt auf seinem Schreibtisch, und er hatte sowohl die Lupe als auch den Gehäuseöffner mitgebracht. Auf einem Tuch lag seine Rolex Oyster Perpetual Datejust aus dem Jahr 1957. Geöffnet wie ein seziertes Tier. Darin erahnte er die perfekt koordinierte Konstellation von kleinen Zahnrädern und Räderwerken. Doch hier draußen auf der Insel schienen sie sich gemächlicher zu drehen als gewöhnlich, als würde jede Sekunde länger währen als in der wirklichen Welt. Jener Welt, in der man nicht unbarmherzig unbeweglich war, nicht schonungslos einsam.

Das Zweite, was er aus der Tasche herausgezogen hatte, war das Schulporträt von Aisha Pachachi. Er hängte es in die Mitte des Whiteboards. Dann packte er das übrige Material zu den beiden Fällen aus. Er holte seinen Laptop hervor und Molly Bloms Maschinenpark aus geheimnisvollen Anordnungen – Dosen und Kabeln, Routern und Netzknoten –, all das, was ihm in einer Idealwelt einen unbemerkten Zugang zum Netzwerk der Säpo sichern sollte, wie er Molly als verdeckter Ermittlerin zur Verfügung gestanden hatte. Ehe sie von einem Wahnsinnigen halbtot geprügelt und zerschunden worden war.

Nein, jetzt nicht.

Jetzt nicht daran denken. Es war schlimm genug, dass ihm diese Gedanken den Schlaf raubten. Jetzt wollte er sie nicht auch noch haben.

Berger war sich nicht hundertprozentig darüber im Klaren, wie Mollys Netzsicherheitsausrüstung funktionierte. Und es brachte große Risiken mit sich, seinem »Wohltäter« August Steen zu trotzen, indem er versuchte, in das interne Netzwerk der Säpo einzudringen und sich still und heimlich durch die verschiedenen Sicherheitsebenen vorzuarbeiten. Er war gezwungen, in sehr kleinen, sehr vorsichtigen Schritten zu agieren. Aber er besaß Mollys Passwörter, es musste also möglich sein. Jedenfalls war es eine Möglichkeit, ihn von seiner Rastlosigkeit zu befreien.

Nein, das stimmte nicht. Die Rastlosigkeit war nicht heilbar. Sie war nicht persönlich, nicht privat, es war eine professionelle Rastlosigkeit, gegen die nur Arbeit half. Und dies war trotz allem eine Art Arbeit. Auch wenn sie nur in winzigen Schritten voranging.

Für was auch immer August Steen ihn aufhob, es erschien Berger unerträglich, hier auf Sparflamme zu sitzen und sich langsam verbrennen zu lassen. Hier ging es nicht um seinen eigentlichen Auftrag. Der war noch nicht erledigt, und Sam Berger brach seine Arbeit nicht mittendrin ab.

Sein Auftrag lautete, Aisha Pachachi zu finden.

Also musste er mehr über Carsten erfahren. Doch bis dahin war es noch ein weiter Weg.

Denn tatsächlich wusste er nicht das Geringste über ihn.

Er hatte nur Bilder. Unauslöschliche Bilder. Das Bild von Cutter mit dem schwarzen Strumpf im Rachen. Das Bild der Mörderin aus dem Inland, die von drei Schüssen mitten ins Herz getroffen worden war. Das Bild von Roys pelzigem Körper, der in die Unendlichkeit schwebte, als wäre die Schwerkraft aufgehoben worden.

Keines dieser Bilder würde jemals aus seinem Gedächtnis verschwinden. Nicht, ehe er starb.

Berger wurde von Zorn gepackt, einem harten, schweren, kantigen Zorn. Er musste Carsten kriegen.

Er musste ihn unschädlich machen.

Als er auf seine rechte Hand blickte, sah er, dass sie zitterte. Sie zitterte vor Zorn. Berger fasste sie mit seiner Linken und hielt sie fest. Er tat sein Äußerstes, um wieder klar denken zu können.

Carsten war August Steens rechte Hand gewesen, und wenn er es geschafft hatte, diese Position zu erreichen, musste er eine lange Karriere bei der Säpo hinter sich haben. Die Säpo hatte ihn sicherlich pedantisch überprüft und kannte ihn in- und auswendig. Dennoch war es ihm gelungen, sie alle zu täuschen. Steen hatte den Verräter in seinen eigenen Reihen fast ein Jahr lang erfolglos gejagt, obwohl er den Spitzel direkt vor der Nase gehabt hatte. Aber das passte zu jenem Carsten, den Berger selbst getroffen hatte, wenn auch nur sehr kurz – natürlich war er smart und tatkräftig gewesen. Und vermutlich auch eine Spur verrückt – sonst hätte er sich nie von einer fremden Macht kaufen lassen, und zwar von der übelsten, dem einst so blühenden und nun welkenden Kalifat.

Ja, Carsten war gerissen, tatkräftig, verrückt, obendrein kurz vor dem Erblinden – und er hatte sich offenbar während seines Überwachungsauftrags in den letzten Wochen ein klein wenig in Molly Blom verliebt.

Nichts von alledem war der Säpo jedoch neu gewesen. Steen hatte es Berger selbst erzählt. Es waren Daten, die diese große und gut geschmierte Maschinerie bereits auf Hochtouren verarbeitete. Berger hingegen hatte nichts beizutragen, keine neuen Informationen, keine Perspektive, die der Säpo fehlte. So sehr er auch in seinem Inneren suchte, er konnte keinen Punkt finden, der ihm, dem Ex-Polizisten, nach dem wegen des Mordes an einer Tatverdächtigen gefahndet wurde, einen Vorteil gegenüber der Säpo verschafft hätte.

Außer womöglich der Tatsache, dass er nichts zu verlieren hatte.

Denn es war bereits alles verloren.

Berger setzte sich an den Schreibtisch, fuhr mit der Hand über das Mousepad des Laptops und stellte fest, dass die laufende Suche immer noch nicht beendet war. Er bemühte sich, in das System der Säpo einzudringen, so wie Molly es ihm erklärt hatte. Aber er hatte wie immer nur mit halbem Ohr zugehört, in der lächerlichen Gewissheit, dass sie immer da sein und sich um die Technik kümmern würde.

Doch dann hatte er sie im Stich gelassen. Ein geisteskrankes Serienmörderpaar hatte sie ihm entrissen, und Berger hatte es zugelassen.

Er hatte es zugelassen.

Nein, jetzt nicht.

Es würde ihn ohnehin nachts wieder heimsuchen.

Sein Blick wanderte zurück zu den Zeichen, die über den Bildschirm des Laptops liefen. Erneut überkam ihn die Rastlosigkeit. Musste er wieder zum Bootssteg hinabgehen, auf den äußeren Schärengarten von Landsort blicken und nichts entdecken? Jedenfalls hatte er nicht vor, während dieser trostlosen Warterei in den Neoprenanzug zu schlüpfen und sich in das eiskalte Wasser zu stürzen. Dieses Hobby gehörte der Vergangenheit an.

Plötzlich fiel ihm ein, dass er ja auch freies Internet hatte. Er hatte das anonyme Proxynet bereits aktiviert. Man hatte ihn darüber informiert, dass es auf der Insel eine Reihe von Überwachungskameras gab, die jederzeit aktiviert und auf den Bildschirm geschaltet werden konnten.

Er erlaubte es sich, das Google-Fenster zu öffnen und seine beinahe mechanische Suchprozedur zu starten, der er sich schon seit Jahren regelmäßig, aber erfolglos widmete. Zunächst suchte er »Freja Babineaux«. Wie gewöhnlich erhielt er keine Treffer, es schien, als wäre seine frühere Lebensgefährtin mit ihrem neuen Mann in Paris untergetaucht. Vermutlich, dachte er ein wenig bittersüß, war sie eine Hausfrau ohne eigenes Leben. Dann suchte er »Marcus Babineaux«. Obwohl auch das kein vernünftiges Ergebnis brachte, dachte er nicht eine Sekunde daran, auf die Suche nach Marcus’ zehn Minuten jüngerem Zwillingsbruder zu verzichten. Er gab »Oscar Babineaux« ein.

Zwillingsbrüder.

Das Licht in seinem Leben, ein starker Schein, der allein durch Abwesenheit glänzte und dadurch nur umso stärker war. Der Polarstern, the still point of the turning world. Von dem alles ausging.

In diesem Moment geschah etwas. Eine Facebook-Seite wurde angezeigt. Oscar Babineaux, Paris.

Und tatsächlich prangte auf dem Profilbild sein jüngster Sohn – elf Jahre alt und, dem Foto nach zu urteilen, ein Profi-Hip-Hopper. Die Seite war erst vor wenigen Tagen eingerichtet worden, und es gab nur wenige Kommentare, alle auf Französisch. Oscar hatte erst zwölf Freunde beisammen. In seinem ersten Post drückte er seine Trauer über den großen Terroranschlag in Paris aus, der verübt worden war, als Sam Berger bewusstlos irgendwo im lappländischen Inland gelegen hatte. Der neueste Eintrag war erst wenige Tage alt – ein Foto, das ein chaotisches Jungenzimmer zeigte. Jemand lag im unteren Teil eines Etagenbetts unter einer Decke, streckte beide Hände in die Höhe und hatte die Finger zu einem Victoryzeichen geformt. Doch unter der Decke ragten die Füße hervor, und auch die Zehen bildeten ein V.

Berger zuckte innerlich zusammen. Sein Hals schnürte sich zu. Er streckte die Hand aus und strich sanft über den kalten Laptopbildschirm. Es war seine Geste, Papa Sams übertriebene Geste für große Freude. Keinem der Zwillinge hatte er dieses Talent vererbt, sie hatten hart arbeiten müssen, ehe sie die beiden größten Zehen voneinander trennen und die übrigen drei einrollen konnten. Das Ergebnis war ein ziemlich seltsamer Fuß. Genau so sollte man sich unter die Bettdecke werfen, nachdem man zum Beispiel ein Videospiel gewonnen hatte, und die Beine und Arme, Hände und Füße hinausstrecken.

Und dabei vier Victory-Zeichen bilden.

Der einzige Kommentar zu dem Bild war »14 – 8«, offenbar ein Spielergebnis. Vermutlich hatte einer der Zwillinge seinen Bruder übertrumpft, aber wer genau unter der Decke lag und sein nicht ganz von Schadenfreude bereinigtes Glück zur Schau stellte, war unmöglich auszumachen.

Sam Berger beschloss, das als ein Zeichen aufzufassen. Seine Zwillinge – die seit fast drei Jahren verschwunden waren, von der Großstadt Paris verschluckt – kommunizierten mit ihrem Versager-Vater. Der ihrer Mutter Freja ohne Proteste das alleinige Sorgerecht überlassen hatte. Der, obwohl er Polizist war, keinerlei Nachforschungen angestellt hatte, ob es ihnen in ihrem neuen Zuhause, bei ihrem französischen Stiefvater Jean Babineaux, gut ging. Jenem Vater, der nach dem zweifelhaften Motto Keine Nachrichten sind gute Nachrichten gehandelt und stattdessen in seiner eigenen Verlassenheit gebadet hatte.

In diesem Augenblick beschloss Berger, Facebook beizutreten. Doch während er dort saß und grübelte, ob er seinen echten Namen oder eine Art Code benutzen sollte, den nur die Zwillinge verstehen würden, gab der Laptop ein Pling von sich. Er wechselte die Ansicht, die laufende Suche war beendet, und der Bildschirm blinkte bejahend. Es war Berger immerhin gelungen, einen Schritt tiefer in Molly Bloms ausgeklügeltes System vorzudringen.

Molly.

Die möglicherweise Sams Kind in sich trug.

Nein, jetzt nicht. Warte bis heute Nacht. Lass den Mist reifen, gären, faulen, sich zu neuen Albträumen anhäufen.

Vorsichtig aktivierte er den weiteren Log-in-Prozess. Wieder musste er warten.

Also wechselte er zurück zu Facebook. Jetzt wusste er immerhin, wie er die nächtlichen Albträume bekämpfen konnte.

Mit vier Victory-Zeichen.

Hörprobe
»Sechs mal zwei« - Der zweite Fall für Berger und Blom
Blick ins Buch
Sechs mal zweiSechs mal zweiSechs mal zwei

Kriminalroman

Zwei Dinge sind Desiree Rosenqvist von der Stockholmer Polizei sofort klar: Der Brief, den sie in Händen hält, wurde in einem Zustand völliger Verzweiflung und Paranoia geschrieben. Und er enthält Details eines ihrer alten Mordfälle, die nur der Mörder selbst oder eine ihm vertraute Person kennen kann. Desiree kontaktiert Sam, der zusammen mit Molly Blom in den schwedischen Norden aufbricht, um die Verfasserin des Briefs zu finden: Wer ist sie, und warum wendet sie sich an Desiree und Sam? Jemand aber scheint sie um jeden Preis davon abhalten zu wollen, dem Geheimnis auf den Grund zu gehen. Doch das ist nicht Berger und Bloms einziges Problem – denn nach den Enthüllungen ihres letzten Falls werden sie auch vom schwedischen Geheimdienst verfolgt. Und sie wissen nicht einmal, ob sie einander vertrauen können ...
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Teil I

1

An Kommissarin Desiré Rosenkvist.

Zum ersten Mal habe ich das Geräusch vor zwei Monaten gehört. Es ist schwer zu beschreiben. Es klingt, als befände sich jemand in der Wand und im Boden. Das Geräusch kommt weder von innen noch von außen, und es ist nicht menschlich. Aber der Vorschlag der zwei jungen Polizisten, die mich neulich besucht haben, kommt mir jetzt, nachdem ich ein wenig darüber nachgedacht habe, fast wie eine Beleidigung vor. Zu dem Zeitpunkt wusste ich noch nicht einmal, was ein Hausbock ist.

Jetzt weiß ich es.

Die Larven des Hausbocks leben sehr lange in trockenem Nadelholz, bis zu zehn Jahren, bis sie sich dann verpuppen und als Käfer schlüpfen. Sie höhlen das Holz von innen vollständig aus, von außen aber erscheint es gesund. Die einzige Möglichkeit, die Larven des Hausbocks zu bekämpfen, besteht darin, das befallene Holz zu verbrennen oder das Gebäude mit Gift zu begasen.

Und sie sind laut, man kann die Larven nagen hören. Sie sind weder drinnen noch draußen. Sie sind im Verborgenen.

Aber um so ein Geräusch handelt es sich nicht. Außer ich hätte meinen ganz eigenen, bösartigen Hausbock. Denn es fühlt sich wirklich so an, als wäre jemand hinter mir her.

Ich wohne sehr einsam, Frau Kommissarin. Ihnen würde es hier gefallen. Es ist fast wie zu Hause. Niemand kommt hier zufällig vorbei, hierher verlaufen sich keine Camper, es gibt keine neugierigen Immobilienspekulanten, keine Managerhorden, die so tun, als würden sie ihre innere Mitte mit ein bisschen Ironman-Training wiederfinden. Tiere gibt es dagegen schon, und natürlich dachte ich am Anfang, es sei ein verirrtes Rentier, vielleicht sogar ein Elch, der über den Zaun gesprungen ist und meine winterfesten Stauden zertrampelt. Aber es waren weder Spuren in den Beeten noch Beschädigungen am Zaun. Und ich weiß, dass Rentiere und Elche nicht über diesen Zaun springen können. Deshalb ließ ich ihn ja hochziehen.

Es kann sich also um keine andere Kreatur handeln als um einen Menschen. Auch Menschen können unmenschlich sein. Die Frage ist, ob wir unter den Millionen von Tierarten auf der Erde nicht den Weltrekord in Unmenschlichkeit halten. Obwohl wir ja eigentlich gerade das Menschliche repräsentieren.

Außerdem gehen die Forscher davon aus, dass wir bislang höchstens die Hälfte aller Tierarten auf der Erde entdeckt haben.

Trotzdem muss es sich um einen Menschen handeln, der mir nachschleicht. Und er – ich gehe davon aus, dass es ein Mann ist – kann sich auch aus keinem anderen Grund hier oben aufhalten. Es hat geschneit, und ich habe die Schneedecke nach Hinweisen abgesucht, habe aber nichts entdeckt, auch keine Spuren, abgesehen von meinen eigenen. Dennoch weiß ich, dass es kein Ende nehmen wird. Es geht immer weiter.

Jemand spioniert mir nach.

Im 19. Jahrhundert wurden alle Frauen als hysterisch abgetan und eingesperrt, wenn sie nach Freiheit und Gerechtigkeit verlangten, und leider sind wir heute noch nicht viel weitergekommen. Ich weiß, dass die Polizei mich längst als Hysterikerin abgestempelt hat. Obwohl Ihr Eure Vorverurteilungen mit Bezeichnungen wie »Querulantin« und »Verschwörungstheoretikerin« verschleiert, habt Ihr wahrscheinlich schon längst eine schicke neuropsychiatrische Diagnose für mich parat. Ich hoffe, Euch bleibt diese Diagnose dann im Hals stecken, wenn Ihr Euch über meine übel zugerichtete Leiche beugt.

Denn dieser Mann will mir nichts Gutes.

Es macht mich wirklich traurig, dass mir niemand glaubt. Oder, noch schlimmer, dass man glaubt, ich sei verrückt. Ich habe ja den Tonfall der Beamten gehört, als sie hier waren. Ich hörte, wie sie laut über ihren Witz vom »Hausbock« lachten, während sie in ihren Streifenwagen stiegen. Als wäre ich nicht in der Lage, den Unterschied zwischen dem verhaltensauffälligen Nachwuchs eines Käfers und einem gefährlichen, bösartigen erwachsenen Mann zu hören. Als würde ich diese Geräusche verwechseln.

Ich habe es schon so oft versucht, aber niemand hört auf mich. Ich bin wirklich am Boden zerstört.

Ihr wisst genauso gut wie ich, dass die »Operation Gladio« tatsächlich stattgefunden hat und dass die Tabakfirmen in den USA Zusatzstoffe in die Zigaretten gemischt haben, die Abhängigkeiten erzeugen. Auch die Herzinfarktpistole der CIA, die keine Spuren hinterlässt, gibt es wirklich, und die »Operation Snow White« haben die Scientologen in der Tat selbst durchgeführt, obwohl das niemand glauben wollte.

Ich selbst habe mehrmals darauf hingewiesen, dass Victor Gunnarsson kurz nach dem Mord an Olof Palme unzweifelhaft in der Luntmakargatan gesehen wurde – das ist sogar protokolliert –, und ich habe persönlich mit einem Polizisten gesprochen, der zugab, dass zwei voneinander unabhängige Zeugen an jenem Juliabend vor dem Café auf dem Kinnekulle einen weißen Sportwagen beobachtet haben, der einem Kriminalbeamten aus dem Bezirk gehörte.

Ich habe auch versucht, Euch mit einem gewissen Nachdruck klarzumachen, dass Essam Qasims DNA nicht auf dem Messer zu finden ist, das in dem Abfluss in Strömstad entdeckt wurde, und Penny Grundfelt vor dem Mord an Anders Larsson drei Jahre lang unter dem Hassparolen verbreitenden Profil »DeathStar« auf Flashback aktiv war. Auch die Erwähnung der Kugelschreiberzeichnung auf Lisa Widstrands Gesäß in der Lokalpresse führte nicht dazu, dass die Polizei Karl Hedbloms Schuld erneut überprüfte, und ich hatte Einblick in eine E-Mail-Korrespondenz der Zwillinge Abubakir, in dem sogar die Munition für die Ruger Mini 14 namentlich genannt wird, die Sanchez kurz darauf den Kopf weggeblasen hat.

Aber Euch interessiert das alles nicht.

Ihr kümmert Euch erst um mich, wenn ich ermordet sein werde. Erst als Leiche bin ich für Euch interessant.

Ja, ich schreibe mit einer Schreibmaschine. Ich benutze keinen Computer mehr, seit ich die Wahrheit über die NSA erfahren habe. Deshalb gelingt es Edward Snowden ja, in Russland unter dem Radar zu bleiben: Er benutzt keinen Computer. Wenn jemand unter Entzug leiden müsste, dann ja wohl er, aber man kann es schaffen. Ich surfe mit einem geschützten Tablet, aber ich schreibe kein einziges Wort auf einem Computer. Denn das könnte überall mitgelesen und weiterverbreitet werden. Wenn beispielsweise die Zwillinge Abubakir erführen, was ich weiß, hätte ich ziemlich schlechte Karten.

Jetzt höre ich das Geräusch schon wieder, in diesem Moment. Oh Gott.

Das Schlimmste dabei ist, dass er ganz bestimmt diese Blätter mitnehmen wird. Mit meinem Blut darauf. Dann wird er sie entsorgen, ohne darüber nachzudenken. Als hätten sie keinerlei Bedeutung.

Ich schreibe mit meinem Blut.

Es kommt von der Außenwand und wandert hinunter in den Keller. Ein schlurfendes Geräusch, als würde sich wirklich jemand in der Wand bewegen, in tiefster Dunkelheit. Natürlich weiß ich, dass er in Wirklichkeit draußen ist, dass er durch den Schnee geht, der die Beete bedeckt. Ich verstehe nur nicht, was er will.

Habe ich versehentlich doch ein paar unerwünschte Wahrheiten von mir gegeben, bevor ich aufhörte, Computer zu benutzen? Läuft hier doch noch ein Schuldiger ungestraft herum und meint, seine Freiheit sei von meinem Wissen bedroht? Oder ist es nur ein normaler, primitiver Sadist, der nichts im Sinn hat außer der Tat selbst? Ein Einbrecher, ein Vergewaltiger, ein Berufskiller? Aber eigentlich ist mir egal, wer es ist, ich möchte nur wissen, warum er das tut.

Ich will wissen, warum ich sterbe.

Ich weigere mich aufzustehen. Ich weigere mich, mit dem Schreiben aufzuhören. Die Abenddämmerung ist längst angebrochen, und ich ahne, dass der Himmel von Wolken bedeckt ist, denn hinter der Dunkelheit liegt eine weitere Dunkelheit und dahinter grenzenloser Boden.

Wieder dieses Geräusch. Es hat sich weiterbewegt. Ein hastendes, gezogenes, schleppendes Geräusch entlang der Wand, jetzt ganz in der Nähe der Eingangstür.

Wenn es doch nur die Larven des Hausbocks wären.

Mein Blick ist auf das Papier fixiert. Trotzdem spüre ich, dass ich mir einen Fluchtweg suchen muss. Meine Kerze flackert in der Dunkelheit, sie ist kurz vorm Erlöschen. Im Moment ist nur das Klappern meiner Schreibmaschine zu hören, was in allen anderen Situationen auf mich beruhigend wirken würde.

Aber nicht jetzt.

Denn jetzt höre ich das Geräusch erneut, das hastige Schlurfen, ein kurzes Rascheln. Noch nie war es so nah.

Seit fast zwei Monaten. Manchmal jeden Tag, manchmal nach einer unerträglichen Pause von mehreren Tagen. Nun höre ich das Geräusch an der Terrassentreppe, und es gibt mir beinahe ein gutes Gefühl. Viel länger hätte ich diese Ungewissheit nicht mehr ertragen.

Der Keller, den ich seit Jahren nicht mehr nutze – ich bin seitdem nicht ein einziges Mal unten gewesen. Mein Blick wandert zur Kellertür. Im selben Augenblick fährt plötzlich ein eiskalter Wind durch mein Schlafzimmer. Als die kleine Flamme meiner Kerze erlischt, höre

 

2

Donnerstag, 12. November, 14:17

Er hieß Berger. Sam Berger.

Das war alles, was er wusste. Und dass er wegmusste.

Fort von hier.

Er legte die Hand auf das Küchenfenster. Es war so kalt, dass seine Fingerkuppen am Glas haften blieben. Als er die Hand wegriss, blieben einige Hautfetzen hängen.

In der Fensterscheibe sah er sein Spiegelbild. Er formte mit der rechten Hand einen doppelläufigen Revolver.

Dann drückte er ab.

Draußen vor dem Fenster war alles weiß. Die dicke Schneedecke auf dem Feld schien sich bis in die Unendlichkeit zu erstrecken. Doch plötzlich machte Sam Berger in der Ferne eine Bewegung aus, ganz hinten am Horizont. Wenn er die Augen zusammenkniff, konnte er erahnen, dass der lang gestreckte Quader, der sich an der Kante des Ackers entlangbewegte, ein Bus war.

Dorthin musste er.

Offenbar gab es dort eine Straße, die von hier wegführte. Fort von hier.

Die Tür seines Zimmers war zum ersten Mal einen Spalt weit offen geblieben, und er hatte es geschafft, sich genau zur richtigen Zeit hinauszuschleichen, in der Nachmittag-dösigkeit, und dann hatte er die Küche gefunden, in der er, soweit er wusste, noch nie zuvor gewesen war.

Das Küchenpersonal hatte schon alles für den Nachmittagskaffee vorbereitet. Ein paar Thermoskannen standen auf einem Servierwagen neben einer Schüssel voller Zimtschnecken, die mit Frischhaltefolie abgedeckt waren. Neben dem Wagen hingen ein paar weiße Kittel.

Er sah erneut aus dem Fenster und lehnte sich ganz nah an die Scheibe. Die Kälte strahlte auf sein Gesicht ab. Dann sah er an sich hinunter. Unter dem Kleidungsstück, das man unter anderen Umständen für eine bequeme Jogginghose hätte halten können, waren seine Füße nackt. Er bewegte die Zehen, und sogar sie schienen einzusehen, dass er die Straße niemals ohne Schuhe erreichen würde.

Trotzdem musste er fort. Er hatte schon zu viel Zeit hier verbracht.

War zu lange weg gewesen.

Er warf einen Blick in die Vorratskammer. In einer Ecke stand tatsächlich ein Paar Stiefel, und obwohl sie mindestens drei Nummern zu klein waren, zog er sie an. Seine Zehen krümmten sich, aber er konnte damit gehen, vielleicht würde er sogar rennen können.

Als er wieder in die Küche trat, hörte er Stimmen hinter der Tür, die zum Hauptkorridor führte. Sie war geschlossen, das würde aber bestimmt nicht lange so bleiben.

Also riss er alle drei Kittel an sich, die neben dem Servierwagen hingen, und humpelte zur hinteren Tür. Die Schmerzen in den gekrümmten Zehen hielten ihn wach.

Er zog den ersten Kittel an, dann den zweiten, aber als er den dritten über die beiden vorhergehenden ziehen wollte, klangen die Stimmen im Flur plötzlich ganz nah. Vorsichtig drückte er die Türklinke hinunter und schlüpfte in den Seitenflur. Er schloss die Tür hinter sich, so leise er konnte, und hörte, wie die andere Tür zur Küche im selben Augenblick aufgestoßen wurde. Während er den immer dunkler werdenden Flur entlangrannte, zwängte er sich in den dritten Kittel. Wegen der viel zu engen Stiefel wirkte sein normalerweise dynamischer Laufschritt wie das Stampfen zweier riesiger Klumpfüße.

Normalerweise? Es gab kein »normal« mehr. Definitiv keinen normalen Laufschritt. Es kam ihm so vor, als wäre er in einer vollkommen leeren, vollkommen weißen Welt aufgewacht.

In einer Welt ohne Zeichen.

Was sich an Erinnerungen zeigte, war nichts anderes als der Phantomschmerz seiner Seele. Alles war gekappt, als hätte sein Gehirn zielgerichtet jede Spur vernichtet.

Dennoch erinnerte er sich an die Tür, sogar an den Spalt, durch den die Kälte in den Flur drang. Die letzten dunklen Meter.

Er stieß die Tür auf. Der Balkon war groß, geradezu riesig, als gehörte er zu einem königlichen Schloss, aber nur auf einem kleinen Quadrat direkt vor der Tür war der Schnee weggefegt worden. Überall lagen Zigarettenstummel herum. Er musste also auch diese Raucherecke aufgesucht und geraucht haben, in seiner Zeit in tiefer, bodenloser Dunkelheit. So musste es gewesen sein. Wie sonst hätte er hierherfinden können?

Aber hatte er nicht aufgehört zu rauchen?

Hinter dem freigeräumten Quadrat lag der Schnee meterdick auf dem Balkon. Man hatte ihn zusammengeschoben, sodass sich eine steile Rampe aus dicht gepresstem Schnee gebildet hatte, die zu einem Schneeplateau führte. Es waren etwa sechs Meter bis zum Balkongeländer, aber er konnte nicht erkennen, wie tief es nach unten ging.

Hinunter auf den Acker, der zur Straße führte. Zur Straße, die an einen anderen Ort führte. Fort von hier.

Er quälte sich auf das Schneeplateau. Die Kruste war so dick, dass er nicht einbrach. Doch erst, als er sich endlich zur Balustrade vorgekämpft hatte, hörte er hinter sich an der Balkontür Stimmen.

Von hier ging es bestimmt fünf Meter in die Tiefe. Die Schneedecke dort unten wirkte dicker als auf dem Balkon, aber wenn sie genauso hart war, würde er sich die Beine brechen. Doch es gab keine Alternative.

Er sah sich nicht um, als er im Schersprung über das Balkongeländer verschwand. Die drei Kittel übereinander flatterten wie eigenartige weiße Flügel. Sie flatterten ziemlich lange.

Er fiel in den Schnee und sank ein. Ja, er sank, der Schnee dämpfte den Fall, und er fiel nach vorn. Sein Mund füllte sich mit Schnee, und er bekam keine Luft mehr. Panik überfiel ihn. Lawinenpanik. Aber dann rappelte er sich auf, bis seine Beine Halt fanden. Er spuckte Schnee und lief los, quer über das Feld. Auf die Straße zu. Doch er kam nur quälend langsam voran.

Nach etwa zehn Metern warf er einen Blick über die Schulter. Zwei breite Männer standen an der Balustrade des Balkons und starrten ihm hinterher. Dann verschwanden sie.

Er stapfte weiter. Der Schnee war kompakt und machte jeden Schritt zu einem Kampf. Außerdem fror er trotz der drei Kittelschichten erbärmlich.

Jetzt fing es auch noch an zu schneien. Große Flocken segelten aus dem bleifarbenen Himmel herab. Die Sonne war bereits untergegangen.

Plötzlich nahm er neben seinem eigenen Keuchen ein anderes Geräusch wahr. Sam Berger blieb stehen, reckte die Nase ins Weltall und ließ die Schneeflocken auf seinem Gesicht eine Maske aus lauter kleinen Fragmenten bilden. Er hielt die Luft an und horchte.

Hoch konzentriert.

In dem schwachen, matten Licht, das seit dem Sonnenuntergang herrschte, erahnte er in der Ferne eine Bewegung. Schließlich nahm sie Form an. Durch das Weiß der Welt bewegte sich ein Quader.

Der Quader kam auf ihn zu. Sam Berger lief wieder los, wagte einen verschwenderisch großen Schritt, aus dem ein Fehltritt wurde, er wollte nicht nach vorn fallen und fiel stattdessen auf den Rücken. Sein Bein steckte bis zum Knie im Schnee fest, und er kam nicht mehr hoch. Tanzende Schneeflocken blieben an seinen Wimpern hängen und trieben ihm Tränen in die Augen.

Er kam wirklich nicht mehr hoch.

Tief in seinem Innersten musste er nach einem glühenden Rest seines Willens suchen, nach einer gut verborgenen Energiereserve. Komprimierte Gewalt. Mit einem Schrei richtete er sich auf, um ihn herum wirbelte der Schnee, und die Kittel flatterten, als würde er heftig mit den Flügeln schlagen. Er war ein gefallener, aber wiederauferstandener Engel.

Mühsam stolperte er weiter. Der Bus kam immer näher. Die Seiten des Fahrzeugs waren von aufgewirbeltem Schnee bedeckt, nur Teile der Fensterscheiben waren zu erkennen. Der Fahrer schaltete die Scheinwerfer ein, Lichtkegel schossen aus dem Quader. Und das Brummen des Dieselmotors wurde zunehmend lauter.

Das Geräusch der Freiheit.

Jetzt konnte er die Straße sehen, die sich durch die weiße Schneedecke wand. Er rannte los, plötzlich konnte er rennen, der Schnee hielt ihn kaum noch auf. Mit jeder Kurve kam der Bus näher, aber es waren nur noch zehn Meter bis zum Straßenrand. Er fiel auf die Knie, richtete sich aber schnell wieder auf. Der Bus war bloß noch wenige Meter entfernt. Sam Berger hob die Arme und winkte wie wild, der Fahrer konnte das mit Flügeln geschmückte weiße Wesen unmöglich übersehen, das, umgeben von einer Aura aus schwirrendem Pulverschnee, auf die Straße zuwankte.

Mit den Armen fuchtelnd, lief er weiter, erreichte den Straßengraben und sammelte seine allerletzten Kräfte für einen Sprung über das Gebüsch. Als der Bus auf seiner Höhe war, starrte er in die Fahrerkabine, und einen Augenblick lang trafen sich ihre Blicke.

Aber der Fahrer bremste nicht.

Der Bus bremste nicht.

Sam Berger streckte die Hand wie eine Klaue nach der schneebedeckten Flanke des Busses aus, wollte das tonnenschwere Gefährt mit reiner Willenskraft zum Halten bringen. Brüllend donnerte der Bus an ihm vorbei, ohne die Geschwindigkeit auch nur im Geringsten zu drosseln. An seiner Seite waren nun deutlich fünf unregelmäßige Kratzspuren im Lack zu erkennen.

Er musterte seine steif gefrorene rechte Hand und die blutigen Fingerkuppen, aber er spürte nichts. Gar nichts. Verzweifelt sank er auf die Knie. Er hatte nicht einmal mehr genügend Kraft, um zu schreien. Der Bus, der in der Ferne verschwand, hinterließ eine undurchdringliche Wolke aus feinem Pulverschnee, die ihn umfing. Langsam, ganz langsam senkte sie sich herab.

Da zeichneten sich am Straßengraben zwei Gestalten ab. Zwei breitschultrige Männer näherten sich ihm.

Wie in Zeitlupe nahm er wahr, dass der eine auf ihn zutrat und die Faust hob. Dann verpasste er ihm einen Schlag mitten ins Gesicht. Sam Berger hatte das Gefühl, dass er bereits bewusstlos war, als ihn die Faust traf. Das Letzte, was er hörte, war das Rieseln des Schnees, der atemlos durch das All fiel.

 

3

Donnerstag, 12. November, 17:48

Eine weiße Fläche. Sonst nichts.

Aber als sein Blick allmählich klarer wurde, erkannte er zwei Neonröhren vor diesem Weiß. Eine davon flackerte schwach, aber schnell, und verbreitete einen nervös schimmernden Schein auf der weißen Zimmerdecke. Er kannte dieses Licht. Er hatte es schon einmal gesehen, auch wenn er das wohl kaum als Erinnerung bezeichnen konnte.

Ein erster bewusster Gedanke: Wie seltsam es war, so leer zu sein, so ohne alles. Nur ein Körper. Das vermittelte ein groteskes Gefühl von Freiheit. Einer Freiheit von Vergangenheit.

Aber nun gesellte sich ein ganz anderes Gefühl dazu. Als würden sich nacheinander in seinem Gehirn Türen einen Spaltbreit öffnen. Als wollte er sich tatsächlich zum ersten Mal erinnern.

Eine autoritäre Männerstimme sagte: »Starke Unterkühlung, aber keine Erfrierungen.«

Er wandte den Blick von der Zimmerdecke ab. Der weiß gekleidete Mann, der zudem mit einer weißen Haarpracht ausgestattet war, wickelte die Bandage um seine rechte Hand wieder zu und verklebte sie mit ein paar Pflasterstreifen. Ihre Blicke trafen sich.

Der Mann sah ihm lange in die Augen, runzelte nachdenklich die Stirn und erklärte dann: »Ich bin Doktor Stenbom, erkennen Sie mich, Sam?«

Er schüttelte den Kopf. Diesen weißen Mann kannte er nicht. Obwohl ihm sein Gefühl sagte, dass er das sollte.

»Die Hand sieht jedenfalls gut aus«, sagte Doktor Stenbom und legte sie geradezu zärtlich zurück auf die Bettdecke.

»Die Bandage hat nichts mit den Erfrierungen zu tun, sondern damit, dass Ihre Fingerkuppen ordentlich in Mitleidenschaft gezogen wurden, als Sie versucht haben, den Überlandbus aufzuhalten. Wir haben jeden Finger einzeln verbunden. Der Bus fuhr zu diesem Zeitpunkt ungefähr achtzig Stundenkilometer, was das Ausmaß Ihrer Verletzungen erklärt. Aber das wird wieder verheilen. Erinnern Sie sich daran, dass Sie versucht haben, den Bus anzuhalten? Sam?«

Zu seinem eigenen Erstaunen nickte er. Er erinnerte sich tatsächlich daran. Er erinnerte sich an den irrsinnigen Marsch durch den Schnee. An die Küche, an den Balkon, die Raucherecke, an das Feld. Er erinnerte sich auch an den Schnee in seinem Mund. An den Bus. Und an die beiden breitschultrigen Männer.

»Was ich nicht ganz verstehe«, fuhr Doktor Stenbom fort »sind die Wunden in Ihrem Gesicht.«

Aber ich, dachte er und lächelte. Heimlich, in sich hinein. Sein Gesicht spannte. Er tastete es ab – sein ganzer Kopf schien bandagiert zu sein.

»Erinnern Sie sich, wie es zu den Wunden in Ihrem Gesicht gekommen ist?«, fragte der Arzt.

Er schüttelte den Kopf.

Doktor Stenbom wiederum nickte, ein wenig besorgt.

»Ich hatte das letzte Mal den Eindruck, Ihre Wachheit habe zugenommen, Sam, aber jetzt scheint das Gedächtnis Sie doch wieder im Stich zu lassen. Wissen Sie, was für ein Wochentag heute ist?«

Erneut schüttelte er den Kopf. Er war sich nicht einmal sicher, ob er die Namen aller Wochentage kannte. Es waren sieben, oder?

»Montag«, riet er.

»Leider nicht«, entgegnete Doktor Stenbom und runzelte die Stirn.

»Dienstag«, fuhr er fort. »Mittwoch, Donnerstag, Freitag, Sonntag.«

»Sie haben den Samstag vergessen, Sam.«

Er sah zur Decke hinauf. Den Samstag hatte er vergessen. Er hatte es nicht einmal geschafft, bis sieben zu zählen.

»Sie haben eine Gehirnerschütterung, Sam«, sagte Doktor Stenbom jetzt. »Die hat vermutlich mit Ihrem Unfall zu tun und nichts mit Ihrem … früheren Zustand. Können Sie mir sagen, wie Sie heißen?«

»Sam Berger.«

»Gut. Und erinnern Sie sich, wie Sie hierhergekommen sind?«

Vage Regungen, eher unten im Nacken als oben im Hirn. Im Rückenmark? Ein Bild: starker Schneefall gegen eine Windschutzscheibe, eine flüchtige Spiegelung, eine Haarmähne. Wieder verschwunden.

Er schüttelte den Kopf. Doktor Stenbom nickte.

»Aber Sie wissen noch, dass Sie versucht haben zu fliehen?«

Er nickte. »Natürlich habe ich versucht abzuhauen«, sagte er. »Ich weiß ja nicht, wo ich hier bin. Am Nordpol?«

Doktor Stenbom lachte kurz auf, wurde aber gleich wieder ernst. »Erinnern Sie sich, wer Sie hierhergebracht hat?«

Erneut vage Erinnerungen, Bilder wie zerrissene Fotos. Er schüttelte wieder den Kopf.

»Wissen Sie, ob es ein Mann oder eine Frau war?«

»Eine Frau«, antwortete er prompt und zu seiner eigenen Überraschung.

»Gut, Sam. Wissen Sie, wie sie ausgesehen hat?«

»Blond.«

»Wir haben Überwachungsbilder von unserem Haupteingang«, sagte Doktor Stenbom. »Es war eine blonde Frau. Aber sie hat Sie draußen liegen gelassen, im Schnee. Wir haben Sie hereingetragen, Sam. Wer war sie?«

Er spürte, wie er blinzelte. Bei jedem Blinzeln spannte die Bandage. War wirklich sein ganzer Kopf verbunden?

»Ich weiß es nicht«, erwiderte er.

»Wir auch nicht«, sagte Doktor Stenbom und breitete die Arme aus. »Wir haben auch keine Informationen über Angehörige, die wir kontaktieren könnten, jetzt, wo Sie allmählich wieder gesund werden.«

»Werde ich gesund?«, fragte er.

»Ja, trotz allem«, antwortete Doktor Stenbom lächelnd und erhob sich. »Ich finde, wir sind auf einem guten Weg, Sam.«

»Ich habe keine Ahnung, wohin ich unterwegs bin.«

»Wir müssen uns Zeit lassen, Sam. Wenn Sie nicht wissen, wohin Sie unterwegs sind, dann ist es vermutlich auch nicht besonders eilig, dorthin zu gelangen.«

»Was machen Sie jetzt?«

»Ich lege die Infusion wieder an, Sam, den Tropf, über den wir Sie seit ein paar Wochen versorgen. Bald können wir die Dosis reduzieren.«

»Was ist das denn?«

»Hauptsächlich flüssige Nahrung«, erklärte Doktor Stenbom. »Sie waren nicht in der Lage, selbst zu essen. Und Beruhigungsmittel. Die benötigen Sie auch jetzt noch, wo sich die Wirklichkeit nach und nach wieder zurückmeldet.«

Er musterte die Pflasterstreifen in seiner linken Armbeuge. Sie wurden von einer gelben Kanüle gekrönt. In diese Öffnung steckte der Arzt den Schlauch, der mit dem Tropf an dem Gestell über seinem Kopf verbunden war. Dann stemmte er die Hände in die Hüften und betrachtete seinen Patienten.

Mit hochgezogenen Augenbrauen sagte er: »Sie sind geflohen, Sam. Wenn unser Personal es nicht bemerkt hätte, wäre die Kälte da draußen Ihr sicherer Tod gewesen. Normalerweise müsste ich Sie jetzt fixieren, zu Ihrem eigenen Besten. Ich sehe jedoch davon ab, weil ich glaube, dass Ihnen klar ist, dass Sie nicht vor uns fliehen, Sam, sondern vor der Wirklichkeit, vor Ihren Erinnerungen. Und nach dem zu urteilen, was ich und das übrige Personal in den vergangenen Wochen gehört haben, wird es nicht schmerzfrei vonstattengehen, wenn die Erinnerungen zurückkehren. Ich möchte, dass Sie darüber nachdenken, Sam. Es wird schmerzhaft werden.«

Doktor Stenbom musterte ihn wieder eine Zeit lang. Dann ein letzter, abwägender Blick, damit war er weg. Möglicherweise hörte man noch das Schloss klicken, als die Tür hinter ihm zufiel.

Er starrte den gelben Gegenstand an, der aus seinem Arm emporragte. Langsam begann er, das Pflaster zu lösen, mit dem die Kanüle befestigt worden war. Die Haut rund um die Stelle, an der die dicke Nadel im Arm saß, war nicht nur blau, sondern auch von mehr oder minder verheilten Nadelstichen übersät. Es gab keinen Zweifel, dass er schon eine ganze Weile hier lag. Ein paar Wochen, hatte Doktor fucking Stenbom behauptet, aber es konnte viel länger sein. Die Zeit hatte nach wie vor keine Bedeutung.

Mit einem Ruck zog er die Nadel aus dem Arm. Ein dünner Blutstrahl sickerte aus der Armbeuge, so schwach, als hätte er kaum Blutdruck. Er zog das Kissen unter dem Kopf hervor, riss den Bezug ab und legte es unter seinen Ellbogen. Das Blut sickerte gemächlich hinein und hinterließ einen Fleck.

Dann bog er die dicke Nadel zu einem Halbmond. Das war schwieriger, als er erwartet hatte. Schließlich gelang es ihm. Er hielt die Nadel ins Licht und musterte sie genau. Dann schob er sie wieder in die weiterhin blutende Wunde, bohrte darin herum und suchte nach dem Loch in der Vene.

Der Schmerz hielt ihn wach.

Er betrachtete die Haut. Ein paar Zentimeter unterhalb der Eintrittswunde bildete sich eine leichte Ausbuchtung. Er drückte ein wenig fester, die Ausbuchtung wuchs. Schließlich riss die Haut. Von innen. Die Spitze der gebogenen Nadel kam zum Vorschein. Jetzt sickerte Blut aus beiden Löchern. Er befestigte den Schlauch des Tropfs wieder an der Nadel.

Vor seinem inneren Auge schwebte ein Bild vorbei. Er sah ein Loch, ein Einschussloch. Es hielt sich hartnäckig eine Weile.

Aber eine klare Flüssigkeit inmitten des Blutstroms schob das Bild beiseite. Die Flüssigkeit tropfte aus der Spitze der gebogenen Nadel. Tropf, tropf. Die Infusion. Sie floss jetzt nicht mehr in seine Adern und vergiftete seinen Körper.

Und seine Seele. Er legte das Pflaster wieder über die Wunde, bildete darunter einen kleinen Tunnel und wartete, bis er den ersten klaren Tropfen aus dem Tunnel auf das Kissen rinnen sah. Dann justierte er das Pflaster, und alles sah aus wie vorher.

Er legte das blutbefleckte Kissen ans Fußende des Betts, als wollte er es dort trocknen lassen, schob die Beine über die Bettkante und setzte sich aufrecht hin. Langsam stellte er die Füße auf den Boden und stand auf. Alles drehte sich, und Schmerzblitze zuckten durch seinen Kopf, aber er blieb stehen. Nach einem ersten unsicheren Schritt wagte er den zweiten. Er wankte, ihm war schwindelig, und er musste sich an das Infusionsgestell klammern, aber die Beine trugen ihn.

In der einen Ecke des kahlen Zimmers befand sich ein Waschbecken, über dem ein Spiegel angebracht war. Er tapste dorthin und betrachtete das eigenartige Mumiengesicht, war aber nicht verwundert. Der Mann ohne Erinnerung, der Mann ohne Gesicht. Das war nicht Sam Bergers Spiegelbild. Behutsam fuhr er mit den Fingern über die Bandage.

Dies war das Spiegelbild einer ganz anderen Person. Eines Fremden. Doch plötzlich war der Spiegel eine Fensterscheibe, vermutlich in einem Auto, und mit einem Mal war das Glas auch nicht mehr klar und sauber, sondern von einem wilden Schwirren bedeckt. Es waren Schneeflocken, große, flache Schneeflocken, die reflektierten, als ob der Wagen durch ein Feuerwerk aus Lichtblitzen fahren würde. Und einen kurzen Moment lang sah er noch etwas anderes. Und das war nicht sein Spiegelbild, nicht das von Sam Berger. Es war eine blonde Haarmähne. Aber es gab kein Gesicht dazu, nur eine Haarmähne. Und dann waren die Bilder wieder verschwunden. Zurück blieb diese Mumie, die ihn aus einem Spiegel anstarrte, in einem trostlosen kalten Zimmer in einer Psychiatrie.

Er wandte sich vom Spiegel ab, das wollte er nicht mehr sehen. Stattdessen wankte er zum Fenster und sah hinaus. Das Feld, das zuvor so weiß gewesen war, war nun pechschwarz. Nichts war mehr zu erkennen, kein Mond, kein einziger Stern, nur Finsternis. Er konnte nicht einmal ausmachen, ob es schneite.

Doch er entkam seinem Spiegelbild nicht. Auch hier diese Mumie. Nur machte sie jetzt die Sam-Berger-Geste, hob die bandagierte rechte Hand und schoss mit einem doppelläufigen Revolver.

Dann erstarrte er. Wie eine Gestalt an einem Tisch.

Tisch? Gestalt? Dieses fürchterliche Gefühl, sich an etwas zu erinnern, das man jedoch nicht greifen kann. Wie in einem Vakuum.

Er blieb an dem pechschwarzen Fenster stehen und betrachtete sein Spiegelbild. Nach und nach tauchten im Hintergrund Bilder auf. Ein Raum, ein großes, beinahe leeres Haus. Regen, der laut gegen ein Fenster prasselte. Eine Gestalt, die auf einem Stuhl mitten im Raum saß. Ein Schrei von irgendwoher, der zu der hohen Decke aufstieg. Aber sonst nichts. Gar nichts. Doch.

Eine Haarmähne. Eine blonde Haarmähne. Seine Gedanken drehten sich im Kreis.

Die sitzende Gestalt. Undeutlich.

Ein vierblättriges Kleeblatt. Und dann eine plötzliche Explosion von Blut und Gewalt. Ein Haus voller Schmerz. Einschusslöcher überall. Im Boden.

Eine sitzende Gestalt. Eine Frau. Stille.

Dann war da ein Keller, eine dunkle Kellertreppe. Aber dorthin konnte er jetzt nicht gehen. Sein Gehirn weigerte sich.

Eine neue Bilderserie. Zwei Menschen, noch in weiter Ferne. Erst gingen sie, dann saßen sie still, ganz nah.

Wirbelnde Bilder.

Vielleicht war das die Wirklichkeit: Der Mond kroch hinter einer Wolke hervor und beschien die gemächlich taumelnden Schneeflocken. Sie tanzten eher gegen die Windschutzscheibe, als dass sie fielen. Es war tatsächlich möglich, jeder einzelnen Flocke mit dem Blick zu folgen, unberührt von Zeit und Geschwindigkeit.

Denn es gab keine Geschwindigkeit. Sie befand sich nur in ihm und nirgendwo sonst. Aber da war sie groß.

Die Unbestimmtheit der Erinnerungen: Alles entglitt ihm. Kaum war er kurz davor, ein Bild einzufangen, war es wieder weg.

Erneut zwei Menschen, ein großer und ein kleiner. Ein eingespieltes Team. Er zwang sich, sie festzuhalten. Der Größere war er selbst, das war Sam Berger, und neben ihm befand sich eine Frau. Aber es war keine blonde Frau, sondern sie war ziemlich klein und hatte dunkles, kurzes Haar. Verzweifelt versuchte er, sich an ihren Namen zu erinnern. Desiré?

Ja, das stimmte, aber da war noch ein anderer Name. Vielleicht ein Spitzname? Ja, Deer. Das war er doch, oder?

Und plötzlich sah er sie vor sich, Sam und Deer, das eingespielte Team.

Die Polizisten.

Dann saßen sie nebeneinander an einem Vernehmungstisch. Sam links. Deer rechts. Rosenkvist. Desiré Rosenkvist.

Er sah seinen Gesichtsausdruck: finster. Er sah den von Deer: aufmunternd. Good cop, bad cop. Er erkannte die höhnische Sam-Berger-Geste.

Es waren drei Frauen. Eine von ihnen saß regungslos auf einem Stuhl in einem unmöblierten Zimmer, während der Regen gegen die Fensterscheiben prasselte, und es gab Blut und Einschusslöcher im Boden. Oder waren es vier? Oder noch mehr? Und dann waren die Bilder wieder verschwunden. Abrupt. Als hätte das gemarterte Gehirn eine Überdosis an Eindrücken bekommen und das System heruntergefahren.

Er machte einen Schritt zur Seite. Das Gestell mit dem Tropf klirrte, und er verspürte ein Ziehen in der Wunde, in der die Nadel steckte. Er untersuchte das Pflaster an seinem Arm, aber es schien nichts passiert zu sein. Er wartete. Schließlich sickerte ein Tropfen klarer Flüssigkeit aus dem kleinen Pflastertunnel.

Es funktionierte noch.

Als er sich im Zimmer umsah, stellte er fest, dass er eine Spur auf dem Boden hinterlassen hatte. Keine Blutspur, sondern eine Spur aus vereinzelten hellen Tropfen. Eine Infusionsspur. Er hoffte, sie würde trocknen, bevor einer der Pfleger käme.

Mühsam schleppte er sich zurück zum Bett. Dort lag das Kissen, ohne Bezug, aber mit einem deutlich sichtbaren Blutfleck. Er betastete ihn. Der Fleck war noch feucht. Er beschloss, das Kissen erst wieder zu beziehen, wenn das Blut getrocknet war.

Langsam setzte er sich auf die Bettkante, dann hob er die Beine hinauf und legte sich zurecht. Flach auf das Bett.

So lag er da und starrte an die Decke. Hinter dem nervös blinkenden Licht war sie vollkommen weiß. Und doch befanden sich dort jede Menge Zeichen. Zeichen, die anfingen, zu Erinnerungen zu werden.

Er brauchte eine Pause. Musste den Akku in seinem Gehirn wieder aufladen. Und dann musste er anfangen, sich endlich zu erinnern.

Sich ernsthaft zu erinnern.

Hörprobe zu »Sechs mal zwei«

»Sieben minus eins« - Der erste Fall für Berger und Blom...
Blick ins Buch
Sieben minus einsSieben minus einsSieben minus eins

Kriminalroman

Als er das blutverschmierte Kellerloch sieht, ist sich Kriminalinspektor Sam Berger sicher: Das unerklärliche Verschwinden der jungen Frau ist kein Einzelfall. Und diese geheimnisvolle Molly Blom, die an allen Tatorten gesehen wurde, hat etwas damit zu tun. Doch als er ihr endlich gegenüber sitzt, dreht sich der Spieß um. Auf einmal ist es Sam Berger, der hier gerade verhört wird. Und Molly Blom ist nicht, wer sie vorgibt zu sein. Doch ob sie es wollen oder nicht: Da draußen quält ein perfider Täter junge Frauen. Nur zusammen haben Sam und Molly eine Chance, ihm auf die Schliche zu kommen. Denn sie machen eine schockierende Entdeckung: Sie beide verbindet etwas mit dem Täter. Etwas, das lange Zeit tief in ihrer Vergangenheit begraben lag.
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1

Das Espenlaub zittert. Obwohl es so windstill ist, lassen die Espen ihr rauschendes Lied erklingen, sie ergießen ihr drängendes Flüstern über die Sommerwiese, die im gleißenden Licht liegt. Er kann das hören, obwohl er so schnell wie nie zuvor durch das Gras rennt, das ihm bis zur Brust reicht.
Kurz bevor sich die Wiese lichtet, nimmt das Rauschen zu. Er wird langsamer. Die Bäume scheinen auf ihn zuzukommen, als würde ihn jemand aus einer anderen Zeit bedrängen. Er gerät ins Stolpern, und das Rauschen nimmt plötzlich wieder ab. Er strauchelt, und als er wieder nach vorn blickt, ist der goldblonde Haarschopf vor ihm fast schon verschwunden in dem hohen Gras, und er ist gezwungen, sich anzustrengen, um nicht abgehängt zu werden.
Es ist einer jener Sommertage, die es viel zu selten gibt. Federleichte Wolken ritzen zarte Kratzer in den hellblauen Himmel, jeder einzelne Grashalm schimmert in seinem ganz eigenen grünen Farbton.
Sie sind weit gelaufen, zuerst den viel zu trostlosen Weg von der Bushaltestelle, dann über diese Wiese, und von dort konnten sie in der Ferne das Glitzern des Wassers sehen.
Um auf diese Entfernung das Bootshaus erkennen zu können, darf er nicht so schnell rennen, das ist ihm bewusst, aber er weiß, dass es dort steht, verborgen hinter den Bäumen am Strand, grün-braun und hässlich und einfach nur sagenhaft.
Der goldblonde flatternde Haarschopf wird langsamer. Während er sich zu ihm umdreht, weiß er, dass er wieder staunen wird. Er hat nie aufgehört zu staunen, ihm würde es niemals gelingen, damit aufzuhören. Und als die ersten Konturen des kantigen Profils sichtbar werden, hört er es wieder.
Es stehen keine Espen in der Nähe. Und dennoch hört er plötzlich nichts anderes als das Rauschen des Espenlaubs, das zu einem Flüstern und dann zu einem Lied wird.
Irgendwo ist jemand, der etwas von ihm will.
Dann stehen sie sich gegenüber, Auge in Auge.
Er muss glucksen.


2
Sonntag, 25. Oktober, 10:14
Das Espenlaub zitterte, und obwohl der Himmel auf mittelalterliche Weise dunkel und verhangen vom Regen war, erschien das Rauschen der Blätter viel zu laut. Berger schüttelte den Kopf, vertrieb so alle unerwünschten Gedanken und zwang sich, den Blick von den Baumwipfeln zu nehmen. Augenblicklich spürte er wieder die Kälte der morschen, fast schwammigen Holzwand an seinem Rücken.
Er warf einen Blick hinüber zu den anderen Ruinen des Sommerhausgrundstücks, die in dem zunehmenden Regen kaum auszumachen waren. Je zwei Kollegen kauerten davor, alle mit triefend nassen schusssicheren Westen und den Waf­fen im Anschlag. Die Blicke waren auf Berger gerichtet. Sie warteten auf sein Zeichen. Er drehte sich um und sah in ein Paar Rehaugen, die weit aufgerissen waren. Das Wasser lief über Deers Gesicht, als wäre ihr Kopf ein weinendes Auge.
Sechs Bullen auf einem verlassenen Grundstück im Platzregen.
Berger spähte um die Ecke. Die Hütte konnte er von dort nicht ausmachen. Aber sie hatten sie vorhin gesehen, als sie sich von der Seitenstraße angeschlichen und auf dem Grundstück verteilt hatten. Nun hatte sie der Regen verschluckt.
Er holte tief Luft, es ließ sich nicht länger aufschieben.
Daher folgte ein kurzes Nicken, und die ersten beiden Männer stürmten geduckt durch den Regen. Ein Nicken in eine andere Richtung, und zwei weitere Männer folgten ihnen durch die dicke Suppe. Dann machte sich auch Berger auf den Weg, begleitet von schluchzenden Atemgeräuschen hinter ihm.
Die vier geduckt rennenden Gestalten strahlten eine große Ernsthaftigkeit und Entschlossenheit aus, obwohl Berger nur ihre Rücken sehen konnte.
Holzplanke für Holzplanke tauchte die Hütte aus dem Nebeldunst auf. Dunkelrot mit weißen Ecken, schwarze Jalousien, kein Lebenszeichen. Und der Regen weigerte sich nachzulassen.
Sie waren jetzt ganz nah. Vielleicht sogar nah an der Auflösung.
Berger wusste, dass er so nicht denken durfte. Nur die Gegenwart zählte. Das Hier und Jetzt.
Sie kamen alle an den untersten Stufen der vergilbten und abgeblätterten Veranda zusammen. Wasserfallartig ergossen sich zwei Regenrinnen vor ihren Füßen. Der Boden war sumpfig und von Nässe durchtränkt.
Erneut wandten sich die Männer ihm zu. Vier Augenpaare und Deers Atemgeräusche in seinem Rücken. Er nickte. Daraufhin schlichen zwei der Männer die Verandatreppe hinauf. Dem Kleineren der beiden leuchtete das Adrenalin aus seinen hellgrünen Augen, der Größere trug den Rammbock.
Berger gab ihnen ein weiteres Zeichen. Erinnerte sie mit einer Geste an seine Warnung: Achtet auf Sprengfallen und Selbstschussanlagen!
Auf einmal war der Regen ihr Vertrauter geworden, ein Gehilfe. Sein Prasseln auf den Dachziegeln übertönte die Schritte der Männer. Der Rammbock wurde nach hinten ge­­schwungen, gleichzeitig entsicherten die anderen ihre Waffen. Erst als die Tür getroffen wurde, drang ein weiteres Ge­­räusch durch den Lärm des Regens. Ein dumpfes Krachen von splitterndem Holz.
Dahinter tat sich ein großes dunkles Loch auf.
Der Hellgrünäugige schlich hinein, die Waffe im Anschlag. Ein paar Sekunden verstrichen. Sie fühlten sich wesentlich länger an.
Berger hörte seinen eigenen Atem durch das Regenprasseln, sonderbar langsam und gleichmäßig. Die Zeit zog sich unendlich in die Länge.
Da durchdrang ein Schrei den Lärm des Unwetters. Aber er klang nicht menschlich. Dann veränderte sich der Laut, war jetzt eher fassungslos als leidend. Der Klang reiner Todesangst.
Der Beamte mit den hellgrünen Augen wankte aus der Dunkelheit ins Freie. Er war kreidebleich. Seine Dienstwaffe fiel auf den Boden der Veranda. Erst als er zusammenbrach, verwandelte sich der Laut wieder in einen Schrei. Aber noch immer klang er nicht menschlich. Das Blut des Mannes vermischte sich mit dem Wasser auf den Holzplanken, während ihn zwei Kollegen in Sicherheit brachten. In seinen Oberarmen steckten Messerklingen.
Berger hörte sein Stöhnen, den Schmerz. Ein Schmerz, der weder verweilen noch vergehen durfte. Er warf einen kurzen Blick in die Hütte, starrte in die Dunkelheit, dann zog er den Kopf zurück. Er drehte sich zu Deer um, die unter dem Fenster kauerte, die Waffe im Anschlag, die Taschenlampe in der anderen Hand, die braunen Augen vollkommen klar und wach.
»Selbstschussanlage«, flüsterte sie.
»Wir sind schon wieder zu spät«, erwiderte er mit lauter Stimme und betrat die Hütte.
Der Mechanismus, der die Messer abgefeuert hatte, war an der Wand im Flur angebracht. In einer bestimmten Höhe, in eine bestimmte Richtung. Deer hielt die Taschenlampe auf die linke Seite des Flurs, eine angelehnte Tür. Wahrscheinlich führte sie ins Wohnzimmer.
Der Schrei auf der Veranda hatte mittlerweile an Lautstärke zugenommen, jetzt überwog der Schmerz die fassungslose Todesangst. Und paradoxerweise schwang Hoffnung darin mit. Es war der Schrei eines Mannes, der wusste, dass er überleben würde.
Berger hob seine Taschenlampe, aber bevor er sie einschaltete, gab er den verbliebenen Einsatzbeamten ein Zeichen damit: die Treppe zur Rechten der Eingangstür, die nach oben führte. Er machte eine ungelenke Geste mit der Lampe, um zu verbergen, dass seine Hand zitterte.
Die Kollegen schlichen die Stufen hoch, die Lichtkegel ihrer Lampen zuckten über die Wand, dann verschwanden sie. Berger sah zu Deer und nickte. Sie wandten sich der an­­gelehnten Tür zu. Durch den Spalt drang reinste Dunkelheit.
Sie zogen die Spiegel aus den Taschen, Rückspiegel an Stielen, mit denen sie das Innere des Türrahmens absuchten. Keine Anzeichen für weitere Fallen. Berger schob sich als Erster in den dunklen Raum, Deer dicht hinter ihm, sie gaben einander Deckung. Das Licht der Taschenlampen offenbarte ein kaltes und karges Wohnzimmer, dann ein ­klinisch sauberes, kleines Schlafzimmer und eine blankgescheuerte Küche. Es roch nach gar nichts.
Die Küche erstickte die letzte Hoffnung. Blitzblank.
Und so leer.
Sie kehrten in den Flur zurück, als die Kollegen die Treppe herunterkamen. Der vordere schüttelte wortlos den Kopf.
Im Flur war es jetzt heller.
Der verletzte Kollege draußen schrie nicht mehr, er jammerte. Zwei lange, schmale Messerklingen ohne Schaft lagen auf der Veranda. Der Regen hatte das Blut weggespült und die Veranda gesäubert.
Blitzblank.
Berger trat hinaus. Ein Notarztwagen hielt vor dem Gartentor, das zu dem großen verwahrlosten Grundstück führte, wo bereits zwei Streifenwagen mit Blaulicht neben zwei Übertragungswagen verschiedener Fernsehanstalten standen. An der Absperrung sammelten sich die ersten Schau­lustigen. Mittlerweile nieselte es nur noch.
Bergers Blick fiel auf die Treppe, die zur Veranda hinaufführte – sie war mindestens zwei Meter hoch –, und ging zurück in den Flur.
»Es gibt einen Keller«, sagte er.
»Wissen wir das?«, fragte Deer. »Es gab keine Kellertür.«
»Das stimmt. Wir suchen nach einer Luke. Handschuhe an.«
Sie zogen sich Einweghandschuhe über, und Berger öffnete die Jalousien. Das Licht brach sich in den Wassertropfen auf den Fensterscheiben. Berger zog das Bett von der Wand und den Schreibtisch beiseite. Nichts. Er hörte Geräusche aus dem benachbarten Raum und kurz darauf Deers gedämpfte Stimme aus der Küche.
»Komm mal her.«
Sie zeigte auf den Holzfußboden neben dem Kühlschrank. Dort zeichnete sich ein etwas helleres Quadrat von derselben Größe ab.
Gemeinsam schoben sie das Gerät zur Seite. Der Rest der Einsatztruppe kam dazu, drei zusätzliche Kräfte. Sie halfen mit, und schließlich stand der Kühlschrank wieder an seinem angestammten Platz. Daneben waren die Umrisse einer Luke zu erkennen. Aber kein Griff.
Berger musterte die Kanten. Alles würde sich verändern, wenn sie diese Luke öffneten. Der wahrhaftige Abstieg in die Finsternis würde beginnen.
Sie mussten die Luke aufstemmen, vier Männer mit diversen Küchenwerkzeugen. Endlich gab sie nach. Als sich der erste Spalt zeigte, unterbrach Berger die Arbeiten und tastete mit dem Lichtschein seiner Taschenlampe die Ränder der Luke ab, während Deer einen Spiegel in die Öffnung schob und damit dem Lichtkegel folgte. Keine Vorrichtung für eine Selbstschussanlage. Dann wurde die Luke geöffnet. Ein Knirschen. Eine Staubwolke. Stille.
Berger konnte eine Treppe ausmachen. Er stieg hinunter, die Waffe im Anschlag.
Treppenstufe für Treppenstufe. Die Dunkelheit umschloss ihn, und die Taschenlampe verheimlichte mehr, als sie enthüllte. Eine fragmentierte Welt aus beklemmend engen Kellerwänden und niedrigen, angelehnten Türen, die nur weiter in die Dunkelheit führten. Ein finsteres Labyrinth.
Was Berger aber am meisten irritierte, war der Geruch. Er war anders, als er befürchtet hatte. Und es dauerte lange, bis er ihn identifizieren konnte.
Der Keller war größer als erwartet und verzweigte sich in alle möglichen Richtungen weiter. Die Betonwände waren eindeutig jünger als die der Hütte darüber.
Es war stickig und roch übel. Und es gab keine Spur einer anderen Lichtquelle als die fünf Lichtkegel, die über die Wände zuckten.
Der Geruch wurde immer stärker. Eine Mischung. Exkremente. Urin. Eventuell auch Blut. Aber kein Verwesungs­geruch.
Keine Leiche.
Berger musterte seine Kollegen. Sie sahen alle ziemlich mitgenommen aus, wie sie durch die winzigen Räume schlichen. Berger hielt sich links. Aber dort war nichts, absolut nichts. Er versuchte an Architekturelemente zu denken, an Grundrisszeichnungen. Am Ende hatte er sieben kleine Zellen gezählt.
»Leer«, sagte Deer, deren blasses Gesicht hinter einer der Türen auftauchte. »Aber dieser Geruch muss ja irgendwo herkommen.«
»Der Keller ist asymmetrisch«, stellte Berger fest und legte eine Hand an die Wand. »Es gibt noch einen zusätzlichen Raum. Aber wo?«
Er leuchtete in die Gesichter seiner Mitarbeiter. Ihre ­Denkfalten wirkten in dem Licht der Taschenlampe noch tiefer.
»Verteilt euch hier überall«, sagte er. »Sucht die Wände ab. Nach Farbunterschieden, Veränderungen der Oberfläche, was auch immer.«
Er selbst konzentrierte sich auf die hintere linke Ecke. Einheitliche Farbe des Betons, nichts schien sich von seiner Umgebung abzuheben. Berger schlug mit der Faust gegen die Wand, ein harter Schlag. Der Plastikhandschuh riss und darunter die Haut seiner Knöchel.
»Ich glaube, wir haben es gefunden«, hörte er Deers Stimme aus einer anderen Ecke.
Berger schüttelte seine Hand. Deer hockte in der hinteren rechten Ecke desselben Raums, einer der Kollegen hielt zitternd seine Taschenlampe auf die Stelle.
»Da ist doch ein farblicher Unterschied, oder?«, sagte Deer.
Berger untersuchte die Wand. Dasselbe Material, Beton, aber in der unteren Ecke war eine Fläche von etwa einem halben Meter im Quadrat, die vielleicht einen minimalen Farbunterschied aufwies.
Von der Treppe erklangen Schritte. Ein Kollege kam mit dem Rammbock in der Hand die Stufen hinunter.
Berger hielt ihn vorerst zurück und sorgte dafür, dass alle Taschenlampen auf die Stelle gerichtet wurden. Dann machte er mit seinem Handy ein Foto.
Es war nicht leicht, genügend Schwung zu bekommen. Der Kellerraum war zu niedrig, der Platz beschränkt. Aber dennoch drang der schwarze Zylinder ohne Widerstand durch die Wand. Berger prüfte das Material. Einfache Gipsplatten. Er nickte dem Kollegen zu, und der Rammbock erfüllte noch ein paarmal seine Aufgabe, bis sich eine quadratische Öffnung in der Wand aufgetan hatte. Rechts und links davon traf das Werkzeug nur auf harten Beton. Das Loch würde ohne anderes Gerät nicht größer werden.
Das Loch in den Abgrund.
Die Spiegel, die in die Öffnung geschoben wurden, offenbarten nur Dunkelheit. Berger sah, dass Deer sich bereit machte. Sie würde am leichtesten durch das Loch passen. Deer sah ihn an. In ihren Augen stand die Angst.
»Sei vorsichtig«, sagte er mit so milder Stimme wie möglich.
Deer schauderte. Dann ging sie in die Knie und glitt durch die Öffnung, unerwartet einfach.
Die Zeit verstrich. Mehr Zeit als notwendig.
Mit jeder Sekunde, die verging, wuchs Bergers Panik. Das Gefühl, Deer ohne jede Absicherung in die Hölle geschickt zu haben.
Plötzlich drang ein Stöhnen aus dem Loch zu ihnen empor, ein unterdrückter Aufschrei.
Berger warf einen Blick auf die Kollegen. Sie waren alle kreidebleich, einer versuchte fieberhaft, das Zittern seiner linken Hand zu verbergen.
Dann ging Berger ebenfalls auf die Knie, holte tief Luft und schob sich durch das Loch.
Auf der anderen Seite angekommen, sah er Deer, die beide Hände vor den Mund gepresst hatte. Berger leuchtete den Raum aus. Auf dem Boden und am unteren Teil der Wand waren Flecken, große Flecken. Und der Geruch war hier zu einem Gestank geworden.
Nein, nicht zu einem Gestank, zu mehreren.
Während er gegen die aufsteigende Übelkeit ankämpfte, sortierte Berger seine Sinneseindrücke. Er blickte sich um, die Taschenlampe fest umklammert.
Deer stand vor einer Wand und starrte auf eine Stelle. Zwischen zwei morschen Stützbalken zog etwas ihre Aufmerksamkeit auf sich, wie ein Bühnenbild. Auf dem Zementboden befand sich ein Fleck, ein großer Fleck, neben einem umgestoßenen Eimer. Und zwischen den Stützbalken zog sich ein noch größerer Fleck die Wand hinauf, in einer ähnlichen Farbe und doch so vollkommen anders.
»Verdammte Scheiße«, stöhnte Deer.
Berger untersuchte den Fleck, der sich über die Wand er­­streckte.
Jede Menge Blut.
Allerdings war das Blut schon längst eingetrocknet. Sie wa­­ren nicht zu spät gekommen. Sie waren viel zu spät ge­­kommen.
Berger untersuchte auch die übrigen Wände. Er hatte das Gefühl, als würden sie schreien.
Deer ging zu ihm, und sie umarmten sich, flüchtig. Die Scham darüber würde erst später kommen.
»Wir müssen das hier so unberührt wie möglich lassen«, sagte er. »Geh du zuerst.«
Er sah, wie ihre Füße aus dem Lichtkegel verschwanden. Folgte ihr. Blieb dann aber stehen. Kehrte zurück zu den Stützbalken und ließ die Taschenlampe an ihnen hinun­terwandern. Dabei entdeckte er Kerben im linken Balken, ebenso im rechten, in drei verschiedenen Höhen. Er wandte sich dem Boden zu. Am Fuß des rechten Balkens war ein Gegenstand eingeklemmt. Winzig. Er hob ihn auf. Es war ein Zahnrad, ein winziges Zahnrad.
Er steckte es in eine kleine Plastiktüte, verschloss sie und schob sie in seine Jackentasche.
Mit dem Handy machte er mehrere Fotos von den Stützbalken. Dann auch von der getrockneten Blutlache. Er ließ die Taschenlampe die Wand mit dem Blutfleck abtasten und machte noch weitere Aufnahmen, auch von den Stellen, an denen kein Blut zu sehen war.
Dann lief er zurück zur Öffnung, streckte die Arme hindurch und ließ sich nach draußen ziehen.
Sie kletterten die Kellertreppe hinauf und tauchten einer nach dem anderen in ein betäubend helles Licht ein. Als sie auf die Veranda traten, hatte es aufgehört zu regnen. Berger und Deer standen dicht nebeneinander. Und atmeten be­­freit.
Vor dem Haus warteten einige klinisch sterile Kriminaltechniker und scharrten ungeduldig mit den Füßen. Ihr übergewichtiger Chef Robin stieg gerade die Treppe zur Veranda hoch, glücklicherweise war kein anderer Chef zu sehen, kein Allan. Der verletzte Kollege war mittlerweile verschwunden, der Notarztwagen stand nicht mehr da. Die Streifenwagen aber parkten noch mit eingeschaltetem Blaulicht vor dem Grundstück, und an den Absperrungen drängten sich Reporter mit Mikrofonen und Kameraleute, auch die Zahl der Schaulustigen hatte markant zugenommen.
Während sich die Kriminaltechniker auf den Weg ins Höllenhaus machten, ließ Berger seinen Blick über den kleinen Volksauflauf schweifen. Und wurde von einem eigenartigen, flüchtigen Gefühl gepackt. Er zog den zerrissenen Einweghandschuh von seiner linken Hand, holte sein Handy hervor und machte ein Foto, und dann noch ein paar zusätzliche, aber dieses sonderbare Gefühl hatte sich bereits wieder verflüchtigt.
Er warf einen Blick auf seine alte Rolex. Sie fühlte sich noch etwas fremd am Handgelenk an, denn er wechselte jeden Sonntag die Armbanduhr. Zaghaft bewegten sich die Zeiger tickend voran, er konnte beinahe dabei zusehen, wie das feine Uhrwerk der Sinnlosigkeit jede einzelne Sekunde abtrotzte.
Als er sich zu Deer umdrehte, dachte er zuerst, sie würde auf seine Uhr starren, aber dann begriff er, dass ihr Blick auf seinen Händen ruhte, von denen die linke noch in dem Plastikhandschuh steckte.
»Du blutest«, sagte sie.
»Nein«, sagte er und zog sich auch den zweiten Handschuh aus. Und schnitt dabei eine Grimasse.
Sie lachte kurz auf und musterte ihn dann wachsam. Viel zu wachsam.
»Was ist denn noch?«, fragte er irritiert.
»›Schon wieder‹?«, sagte sie.
Er hörte förmlich die Anführungszeichen.
»Was?«, erwiderte er trotzig.
»Bevor wir die Hütte betreten haben, hast du gesagt, dass wir schon wieder zu spät sind. Schon wieder.«
»Ja, und?«
»Ellen ist doch eigentlich unser erster Fall?«
Er lächelte. Spürte, wie er lächelte. Und es kam ihm unpassend vor, dort auf der Veranda zum Reich des Todes.
»Es freut mich, dass du sagst, es ist unser Fall.«
»Ellen ist nicht tot«, entgegnete sie.
Ihr Blick ließ nicht locker.
»›Schon wieder‹?«, wiederholte er mit einem Seufzen.
»Ja?«, fragte sie auffordernd.
»Ich hatte da offenbar an etwas Existenzielleres gedacht«, entgegnete er und zuckte mit den Schultern. »Mein Motto lautet ja eher zu spät.«
Es hatte aufgehört zu regnen.

3
Sonntag, 25. Oktober, 19:23
»Selbstschussanlage?«
Kriminalkommissar Allan Gudmundsson hatte sich of­­fensichtlich dafür entschieden, die Parodie einer Strafpredigt aufzuführen. Das Schauspiel drehte Berger den Magen um.
»Ja«, antwortete er scheinbar arglos, »dieses Satansding müssen wir wohl oder übel als eine solche bezeichnen.«
»Wobei das nicht meine Frage war, und das weißt du sehr genau.«
»Was wolltest du dann wissen?«
»Weshalb in Herrgotts Namen hast du die Beamten aus­­gerechnet vor einer Selbstschussanlage gewarnt?«
»Was ja sehr erfolgreich war …«
»Warum, Sam?«
»Der Wahnsinnige hat bisher keine einzige Spur hinter­lassen. Er ist clever, das ist alles. Clever und gefährlich ge­­nug, um in seinem verlassenen Höllenloch eine Selbstschuss­anlage zu installieren.«
»Aber die Hütte war doch verdammt noch mal eine Spur«, brüllte Allan.
Berger schluckte alles hinunter, was ungeduldig über seine Lippen wollte. Er sah aus dem Fenster. Der Herbstregen hatte wieder eingesetzt, und es dämmerte. Die meisten Kollegen hatten das Polizeipräsidium bereits verlassen. Deer war noch da, er sah ihr Gesicht, angestrahlt von ihrem Bildschirm, durch zwei regennasse Fensterscheiben.
»Nein, Sam«, tobte Allan ungewöhnlich streitlustig weiter. »Jetzt lügst du mich an!«
Berger wollte am liebsten auf der Stelle einschlafen. Einfach die Augen schließen und sich von Allans Geplärre in den Schlaf wiegen lassen.
Aber es war wahrscheinlich klüger, es nicht zu tun.
»Lügen?«, wiederholte er also, in erster Linie, um seine gedankliche Abwesenheit zu überspielen.
»Solange es nur Unterlassungslügen waren, konnte ich ja darüber hinwegsehen«, sagte Allan verdächtig sanft, es war offensichtlich, dass er ein Crescendo vorbereitete. »Dass du aber deinem Chef mitten ins Gesicht lügst, zeigt mir, dass deine Verschwörungstheorie ein neues und gefährliches Niveau erreicht hat.«
»Du bist einfach viel zu früh in deinem Leben Bürokrat geworden, Allan.«
»Du fährst hier deinen eigenen Film, und bei dem Versuch, das zu verheimlichen, belügst du deinen Vorgesetzten. Bist du ernsthaft der Ansicht, das ist auf Dauer tragbar?«
»Was hätte ich denn deiner Meinung nach anders machen sollen?«, fragte Berger achselzuckend. »Nicht dorthin fahren? Keine Warnung über eventuelle Selbstschussanlagen aussprechen?«
»Es geht eher darum, was du in Zukunft noch alles anrichten wirst.«
»Einen Serienmörder fangen!«
Allans so sorgfältig geplantes Crescendo verhungerte zu einem Ausatmen, das mehr als deutlich die Grenze zu einem Seufzen überschritt und ein beeindruckendes Lungenvolumen für einen Mann seines Alters verriet. Ohne Zweifel hatte er in seinem ganzen Leben noch keine einzige Zigarette geraucht.
Betont langsam formulierte er seine Antwort.
»Es gibt keinen Mörder, Sam, wir können höchstens von einem Entführer sprechen. Jedes Jahr verschwinden etwa achthundert Personen in Schweden, und eine überwältigend große Anzahl davon freiwillig. Das sind mehr als zwei Menschen pro Tag. Du kannst dir nicht einfach wahllos aus dieser Menge von freiwillig Untergetauchten ein paar aus­suchen und behaupten, dass sie von einem Serienmörder umgebracht wurden, den außer dir niemand sieht. Wir ha­­ben verdammt noch mal keinen Serienmörder in unserem Land. Nur in den Schädeln von korrupten Staatsanwälten und überambitionierten Bullen. Und die überambitionierten Bullen sind sogar noch schlimmer als korrupte Staats­anwälte.«
»Es gibt also keinen Mörder?«, fragte Berger bedeutungsschwanger.
»Es gibt kein Opfer, Sam.«
»Du warst nicht dort unten in dem Kellerverlies, Allan. Ich schwöre dir, dass es ein Opfer gibt.«
»Ich habe die Aufnahmen gesehen. Und ich habe mit dem Gerichtsmediziner gesprochen. Das Blut ist zu unterschiedlichen Zeiten und in unterschiedlichen Mengen ge­­ronnen. Und auf den ersten Blick sieht es nach wesentlich mehr Blut aus, als es eigentlich war. Nämlich höchstens drei Deziliter. Davon stirbt niemand.«
Berger starrte die Wand hinter Allan an. Aber es gab nichts zu sehen, sie war kahl.
»Vielleicht war Ellen nicht tot, als sie von dort weggebracht wurde. Vielleicht ist sie sogar noch am Leben. Aber sie wird sterben.«
Sauerstoff gefriert bei minus zweihundertachtzehn Grad Celsius. Da sowohl Stickstoff als auch Argon, die anderen Bestandteile der Luft, einen etwas niedrigeren Gefrierpunkt haben, gefriert die Luft also, wenn der Sauerstoff gefriert. Folglich mussten im Büro des Kriminalhauptkommissars Allan Gudmundsson, wenn auch nur kurz, etwa minus zweihundertachtzehn Grad Celsius geherrscht haben, denn was die beiden Polizeibeamten in diesem Augenblick voneinander trennte, war ohne Zweifel ein Block gefrorener Luft.
»Blutgruppe B negativ«, sagte Allan nach einer kleinen Un­­endlichkeit. »Die zweitseltenste Blutgruppe in Schweden. Nur zwei Prozent der Bevölkerung. Ellen Savinger ge­­hört dazu. Aber das ist nicht die einzige Blutgruppe, die sie gefunden haben.«
Der eisige Luftblock hing unverändert zwischen ihnen.
Berger blieb stumm.
»Sie haben auch Blutspuren der Blutgruppe A gefunden, was die Kriminaltechniker ziemlich verwirrt hat«, fuhr Allan fort. »Ist das unter Umständen deine Blutgruppe, Sam? Die Spuren wurden an einer Wand in den Kellerräumen und auf dem Boden im Verlies sichergestellt. Sie haben sogar Hautfragmente gefunden.«
Allans Blick wanderte an Bergers rechtem Arm hinunter. Die Hand war allerdings unter der Schreibtischkante verborgen. Allan schüttelte den Kopf.
»Wir warten in beiden Fällen noch auf das Ergebnis des DNA-Tests, aber eigentlich müssen wir das gar nicht.«
»Sie ist fünfzehn Jahre alt«, entgegnete Berger und versuchte, nicht laut zu werden. »Sie ist erst fünfzehn und hat jetzt drei Wochen in diesem Loch verbracht. In einem dunklen stinkenden Verlies mit einem Scheißeimer und einem sporadisch vorbeikommenden Wahnsinnigen. Außerdem hat sie eine Menge Blut verloren. Bin ich tatsächlich der Einzige, der hier einen Teufel am Werk sieht? Und dieser Kerl ist wahrhaftig keine Unschuld vom Lande, er hat schon einmal zugeschlagen. Wahrscheinlich sogar schon häufiger.«
»Aber das ist kein Argument, Sam. Ein Beweis ist ein Argument.«
»Beweise fallen einem aber nicht einfach vor die Füße. Die muss man sammeln, indem man Indizien ignoriert, indem man noch nicht bewiesenen Spuren folgt, sich auf sein Bauchgefühl verlässt, seinen Erfahrungen vertraut. Und am Ende werden aus Indizien Beweise. Allan, verdammt noch mal, sollen wir hier nur herumsitzen und auf Beweise warten? Ist das deine Auffassung von Polizeiarbeit?«
»Wie konnte es sein, dass ihr keine Kenntnisse über den Grundriss hattet?«
»Wie bitte?«
»Du wusstest nicht, dass die Hütte unterkellert ist. Wie konnte das passieren?«
»Als wir den Hinweis erhalten haben, hatten wir keine Zeit für Vorabprüfungen, das weißt du genau. Ich habe dich lediglich gebeten, mir ein paar Beamte zur Verfügung zu stellen. Ellen sollte keine Minute länger in seiner Gewalt sein.«
»Stell dir bitte vor, dass sie dort unten gewesen wäre«, bohrte Allan weiter. »Mithilfe einer Bauzeichnung hättet ihr euch direkt in den Keller sprengen können. Dann hättet ihr sie womöglich noch retten können. Aber wenn sie und der Täter heute tatsächlich in dem Versteck gewesen wären, hättet ihr das Mädchen mit eurer Herangehensweise eher umgebracht. Mit eurer Langsamkeit und Unkenntnis. Mit eurem verdammten Dilettantismus!«
Berger sah seinen Vorgesetzten verblüfft an. Zum ersten Mal hatte er das Gefühl, dass der Mann recht hatte, in gewisser Weise zumindest. Das störte ihn gewaltig. Allan hatte definitiv recht – wenn die Umstände so gewesen wären, hätte man ihre Vorgehensweise nicht anders als amateurhaft nennen müssen.
»Das war eine Einladung«, murmelte er.
»Und was soll das jetzt heißen?«, fragte Allan seufzend.
»Überleg doch mal. Plötzlich taucht eine neue Zeugenaussage auf, nach drei Wochen. Eine Adresse am Rand von Märsta, am Waldrand. Wo jemand ein junges Mädchen in Begleitung eines Kerls gesehen haben will, den dort niemand kennt. Wir von der Bereitschaft müssen schnell handeln, aber einige Recherchemöglichkeiten sind uns versperrt, weil es Sonntag ist. Das Gemeindeamt von Märsta zum Beispiel kam – trotz meines Drängens – nicht an die Unterlagen vom Bauamt. Das Erste, was uns vor Ort begegnete, war eine Selbstschussanlage, die wesentlich subtiler konstruiert war, als du gedacht hattest, nicht wahr, Allan?«
»Messerklingen im Oberarm. Ich hatte an so etwas ge­­dacht.«
»Zwei Details. Erstens: Der Mechanismus war für einen Polizeieinsatz konzipiert, für einen Beamten mit Schutzweste, die Messer sollten rechts und links an der Weste vorbeifliegen. Zweites Detail: Sie zielten nicht auf den Kopf. Der Täter hatte nicht die Absicht zu töten, er wollte uns nur verhöhnen. Hartgesottene Bullen sollten sich in Todesangst auf dem Boden wälzen. Das war alles ganz exakt justiert. Da liebt jemand die Perfektion.«
»Du hast dich noch gar nicht erkundigt, wie es Ekman geht.«
»Wer ist Ekman?«, rief Berger irritiert.
»Der Kollege, in dessen Oberarmen die Messerklingen steckten.«
»Und wie geht es ihm?«
»Keine Ahnung. Sprich weiter.«
»Diese Selbstschussanlage ist doch nur die Schleife auf dem Scheißpaket. Ein Paket, das aus mehreren Schachteln und Schichten Geschenkpapier besteht. Ein Paket im Paket. Nach der Schleife und der Schnur müssen wir durch die erste Schicht, die verborgene Luke im Küchenboden. Danach geht es hinunter in den labyrinthartigen Keller. Dort befindet sich ein weiteres Paket, das wir öffnen müssen, indem wir die Wand einreißen. Und erst nachdem wir die Schleife und zwei Schachteln geöffnet haben, lässt er uns in sein Heiligtum.«
»Ich verstehe ja, was du damit sagen willst«, erwiderte Allan. »Aber das sind retrospektive Erkenntnisse. Das wusstest du zu diesem Zeitpunkt noch nicht. Da hättest du Bauzeichnungen zur Verfügung haben sollen, um mit maximaler Effektivität zuschlagen zu können.«
»Ich habe geahnt, dass es ein Matroschka-Paket ist«, sagte Berger.
»Ja, klar. Unser Superbulle Sam Berger. Warum hattest du es dann so verdammt eilig?«
»Weil es eine mikroskopisch kleine Chance gab, dass der Hinweis keine Finte war. Dass wir Ellen tatsächlich retten und ihren Entführer verhaften könnten.«
Kriminalhauptkommissar Allan Gudmundsson erhob sich von dem Sessel in seinem äußerst karg eingerichteten Büro.
»Konsequentes Denken zählt nicht zu deinen Stärken, Sam, aber ich werde dich dieses eine Mal noch damit durchkommen lassen. Ich kann nicht kontrollieren, was du denkst und glaubst. Aber ich kann dir immerhin eine deutliche Direktive erteilen, was die Richtung anbetrifft, in die unsere Ermittlung gehen soll. Ellen Savinger wurde vor gut drei Wochen vor ihrem Gymnasium auf Östermalm in Stockholm entführt. Mehr wissen wir nicht, und du bist mit deiner zahlenmäßig starken Gruppe bisher nicht weitergekommen. Ihr habt noch keinen einzigen brauchbaren Hinweis gefunden.«
»Was ebenfalls darauf hindeutet, dass er so etwas schon einmal getan hat, Allan.«
»Aber wir haben kein einziges Indiz dafür, Sam. Nur deine wilden Vermutungen, die du unter keinen Umständen deiner Gruppe mitteilen darfst. Und dieses Verbot hat sich mit dem heutigen Tag verschärft. Was du deiner Aktion zu verdanken hast. Wenn du dich meinen Anweisungen und diesem Verbot widersetzt, fliegst du.«
»Ich gehe davon aus, dass dies ein Scherz ist.«
»Sehe ich etwa aus, als würde ich Scherze machen?«
Sie starrten einander an. Wenn Allan tatsächlich gescherzt haben sollte, dann gelang es ihm hervorragend, das zu verbergen. Doch schließlich gab Allan auf, senkte den Blick, seufzte und schüttelte den Kopf.
»Was wirst du als Nächstes tun?«, fragte er.
»Ich werde sobald wie möglich mit Deer den Fall noch einmal aufrollen, wir müssen von Grund auf neu anfangen.«
»Du kannst eine erwachsene, gleichberechtigte Kollegin nicht einfach Liebling nennen, das ist einfach zu bizarr, Sam. Ich habe schon Gezeter über Sexismus und dergleichen in den Fluren gehört.«
»Sie heißt Desiré Rosenkvist«, entgegnete Berger. »Aber eine Polizistin kann verdammt noch mal nicht Desiré Rosen­kvist heißen. Deer ist eine Abkürzung für Desiré. Deer wie Hirsch oder Reh. Sie hat doch auch Rehaugen.«
»Du hast recht, so klingt es natürlich wesentlich weniger sexistisch!«, erwiderte Allan höhnisch und warf ihn aus seinem Büro.
Berger lächelte, während er durch den dunklen Flur lief und an dem Pfeiler um die Ecke bog, der den Eingang zum Großraumbüro markierte. Außer Deer war niemand mehr da. Sie hob den Kopf.
»Schimpfe?«, fragte sie.
»Ordentlich Schimpfe«, bestätigte er. »Ich soll zum Beispiel aufhören, dich Deer zu nennen.«
»Da hätte er doch auch mich fragen können.«
»Eines ist klar, er macht sich Sorgen um dich.«
Sie lachte auf.
»Hör dir das mal an«, meinte sie dann, während sie mit der Maus einen Link auf ihrem Bildschirm anklickte.
Es erklang eine ziemlich aufgeregte Frauenstimme. »Also, ich denke schon, dass ich sie vorhin gesehen habe, Sie wissen schon, dieses Mädchen, durchs Fenster … Obwohl ich mir nicht hundertprozentig sicher bin, dass sie es war, aber sie trug dieses, ich weiß nicht, rosa Lederband um den Hals mit so einem griechischen, schiefen Kreuz, keine Ahnung, ob das was Orthodoxes ist, die ist doch eine echte Blondine, wetten, die kann doch keine griechischen Wurzeln haben.«
Deer unterbrach die Aufnahme.
»Was bedeutet rosa in diesem Zusammenhang?«
Berger zuckte mit den Schultern.
»Es war das maßgebliche Detail und gab den Ausschlag dafür, dass wir ausgerückt sind.«
»Genau«, sagte Deer nachdenklich. »Es war allerdings kein griechisches Kreuz, sondern ein russisches, aber orthodox, das hätte die Zeugin also auch in der Zeitung lesen können. Doch mit der Information, dass es sich um ein rosa Lederband handelte, sind wir nie an die Öffentlichkeit ge­gangen. Aber ich mache mir vor allem über etwas anderes Gedanken, nämlich den Abstand. Wie nah muss man sein, um sehen zu können, dass ein Lederband um den Hals rosa ist?«
»Diese Frau hat nirgendwo gestanden, weil es sie so gar nicht gibt.«
Deer musterte ihn eine Weile wortlos und ließ dann die Tonaufnahme weiterlaufen: »Ja, ach so, ja, die Adresse. Also, das letzte Haus am Waldrand, es ist diese verfallene Hütte, ich kann mich jetzt gerade nicht an den Straßennamen erinnern, aber der Typ, der dort wohnt, ist ein komischer Kauz. Man bekommt ihn praktisch nie zu Gesicht, er haut immer gleich wieder ab. Er kann ganz einfach …«
Deer unterbrach die Aufnahme erneut.
»Dann fällt ihr aber doch noch der Straßenname ein und sie gibt uns die komplette Anschrift. Die Kriminaltechniker schätzen, dass der Keller vor mindestens zwei Tagen geräumt wurde. Die Zeugin von heute früh kann also Ellen gar nicht vorhin durchs Fenster gesehen haben, wie sie sagt. Die Zeugin behauptet ferner, sie lebe in der unmittelbaren Nachbarschaft, und unter der von ihr angegebenen Adresse wohnt tatsächlich eine Lina Vikström. Wir konnten diese Lina Vikström aber nicht erreichen, weil sie auf einer Reise in Südostasien ist. So eine Ich-finde-zu-mir-selbst-Reise ohne Handy und mit sehr viel Yoga.«
»Ach ja«, sagte Berger. »Mal was Neues.«
»Die Behauptung, man sei die unerreichbare Lina Vikström, zeugt von einer umfassenden Ortskenntnis und von Recherche in der Nachbarschaft.«
»Und leider noch von ein wenig mehr.«
»Gibt es also eine weibliche Gehilfin?«, fragte Deer. »Oder ist die Stimme dieser Zeugin die verfremdete Stimme des Ent­­führers?«
»Noch nichts Neues von den Tontechnikern?«
»Nein, noch nicht. Sollte der Täter aber einen Stimmenverzerrer benutzt haben, dann können wir die Originalstimme herausfiltern.«
»Ich habe da keine großen Hoffnungen«, sagte Berger. »Wenn die Techniker eine Originalstimme rekonstruieren können, wird diese unter Garantie auch verfälscht sein. Auf irgendeine Weise. Er hinterlässt nur gezielt Spuren. Wenn sie eine Funktion erfüllen.«
»Dann ist also keine Frau beteiligt?«
»Ich vermute, er arbeitet allein.«
»Aber das hier ist nicht sein erstes Mal? Wir waren schon wieder zu spät?«
Berger biss sich auf die Lippe. Dann drehte er Deers Schreibtischlampe so, dass sie das Whiteboard hinter ihnen beleuchtete. Darauf befand sich die Fallskizze. Wenn man denn davon sprechen konnte. Drei Wochen und noch kein einziger brauchbarer Hinweis, dafür aber jede Menge Sackgassen. Was das anbetraf, musste er Allan recht geben.
Berger ließ den Lichtkegel der Lampe über das Durcheinander aus Post-it-Zetteln, Fotos, Quittungen, Dokumenten, Zeichnungen und Verbindungspfeilen wandern, alles analog, manuell und altmodisch. Der matte Lichtkegel blieb schließlich an zwei Bleistiftzeichnungen hängen. Berger ging zum Whiteboard und nahm sie ab. Er legte sie auf Deers Tastatur, und gemeinsam betrachteten sie die beiden Phantombilder. Deer tippte auf das rechte.
»Den hier haben wir seit Tag eins. Der Mann, der in dem Lieferwagen vor der Schule auf Östermalm gesehen wurde, kurz bevor Ellen Savinger Unterrichtsschluss hatte. Zwei von­einander unabhängige Zeugen haben sich auf diese Darstellung geeinigt. Und das zweite Phantombild wurde nach den Angaben des Nachbarn aus Märsta erstellt, er ist der Einzige, der bisher überhaupt jemals den komischen Kauz am Waldrand zu Gesicht bekommen hat.«
»Und welche Schlussfolgerungen ziehst du daraus?«, fragte Berger.
»Wenn es denn ein und derselbe Mann ist, dann handelt es sich um ein Allerweltsgesicht. Ein weißer Mann um die vierzig. Immerhin haben wir Alter und Ethnie. Was uns nicht wirklich überrascht.«
»Sonst noch was?«
»Nein, mehr nicht«, antwortete Deer und schüttelte den Kopf.
»Sieht er aus wie ein Anfänger?«
»Das kann man nicht beurteilen.«
»Wenn er unser Mann ist, dann hat er es nicht zum ersten Mal getan, und ich weiß, dass du das auch so siehst, Deer.«
»Du sammelst hier wirklich Beweise von der Sorte, die Allan liebt. Jetzt erzähl endlich von deinen geheimen Ermittlungen.«
Und schon wieder dieser Blick aus den Rehaugen. Aber Berger wusste sehr wohl, dass er kein Zeichen von Schwäche war, im Gegenteil, dieser Blick war Deers größte Stärke.
»Allan hat es mir ausdrücklich verboten«, entgegnete er. »Außerdem gibt es nur diese eine Richtung in unserem Fall.«
»Und seit wann hältst du dich an Allans Verbote?«
»Seit er mir mit der Suspendierung gedroht hat.«
Ein kurzer Blickwechsel. Deer grinste. Berger richtete die Schreibtischlampe auf die Phantomzeichnungen.
»Erik Johansson«, sagte er und zeigte auf das eine Bild. »Das ist der Durchschnittsschwede.«
»Ja, der Name stand im Mietvertrag von der Hütte in Märsta. Der Makler hat den Mieter nie persönlich getroffen. Und die Immobilie gehört einem Schweden, der nach Argentinien ausgewandert ist.«
»Makler …«, wiederholte Berger. »Wie kann das sein, dass er dem Mieter nie persönlich begegnet ist?«
»Sie hatten nur E-Mail-Kontakt. Allerdings behauptet der Makler, dass er diesen Mail-Wechsel gelöscht hat. Das kann natürlich stimmen, unser Täter mietet die Hütte schon seit über zwei Jahren, und so alte E-Mails neigen ja dazu, plötzlich zu verschwinden. Allerdings habe ich den Verdacht, dass er diese Beweise vorsätzlich gelöscht hat. Samir hat nämlich die ursprüngliche Annonce mit den Mieteinnahmen verglichen. Da gibt es eine Differenz von dreitausend Kronen. Wahrscheinlich hat unser Mann drei Scheine draufgelegt, um nicht persönlich in Erscheinung treten zu müssen. Der Makler hat die Differenz einbehalten.«
»Kommen wir mit der Mail-Adresse weiter?«
»Samir arbeitet auf Hochtouren«, sagte Deer. »Und er hat sich bis zum Fundament durchgearbeitet.«
Berger fixierte nach wie vor die Zeichnung vom sogenann­ten Erik Johansson.
»Lass die Aufnahme noch einmal laufen.«
Konzentriert lauschten sie der energischen Stimme von »Lina Vikström«.
»Was ich am interessantesten finde ist diese Dramatisierung.«
»Ja, ich weiß, was du meinst.«
»Wenn da Erik Johansson selbst spricht – und ich bin mir sicher, dass er keine Gehilfen hat –, dann hätte doch ein einfacher Anruf ausgereicht. Er hätte nicht schauspielern müssen.«
»Und was sagt uns das?«
»Keine Ahnung«, entgegnete Berger. »Nichts Gutes, auf je­­den Fall.«
»Dramaqueen?«
»Im günstigsten Fall. Im ungünstigsten Fall spielt er beständig Rollen, verschiedene Rollen, und die spielt er gut. Er war so verdammt überzeugend als wortgewaltige White-Trash-Nachbarin, dass es sich hier unmöglich um seinen ersten Einsatz als Schauspieler handeln kann.«
»Jetzt vermischst du aber die Gesellschaftsschichten«, meinte Deer lachend. »Lina Vikström ist auf einer Yoga-Reise in Südostasien. Aber natürlich hast du recht, Sam, die gesamte Arbeiterklasse unternimmt mittlerweile Yoga-Reisen nach Südostasien.«
»Also, ich bitte dich. Lina Vikström wohnt in einer Architektenvilla und hat sich nach der Scheidung von ihrem Mann, dem Oberarzt, von ihrem Führungsposten in der Arzneimittelbranche freistellen lassen.«
»Ach was«, sagte Deer.
»Ja, ach was«, bestätigte Berger. »Hier geht es nicht um Realismus. Unser Täter hat sich eine ganz eigene Lina Vikström erschaffen, ihm ist es doch scheißegal, wer sie wirklich ist. Er ist Gott. Er bestimmt, wer sie ist. Die Wirklichkeit hat nichts damit zu tun. Er verändert sie so, wie es ihm in den Kram passt.«
»Und was, glaubst du, bedeutet das für Ellen Savinger?«
»Er wird sich jede Freiheit nehmen.«
»Das entspricht nicht so ganz unserem herkömmlichen Schmuddelbild von einem Pädophilen …«
»Ich glaube nicht, dass er ein Pädophiler ist«, erklärte Berger.
Deer erwiderte nichts darauf, sondern musterte ihren Chef nur, ihre braunen Augen fest auf ihn geheftet.
»Okay«, sagte sie nach einer Weile. »In genau dieser Se­­kunde hat deine geheime Ermittlung eine andere Richtung eingeschlagen als unsere derzeitigen Ermittlungen.«
Berger sah sie an.
»Es gibt keine geheime Ermittlung.«
»Aber du glaubst doch gar nicht an unseren Ermittlungsansatz«, rief Deer. »Wir sind die ganze Zeit davon ausgegangen, dass es sich bei diesem Satan, der im Lieferwagen vor einer Schule sitzt und Kinder entführt, um einen Pädophilen handelt.«
»Solange uns diese Prämisse nicht auf eine falsche Fährte geschickt hat, hat es für mich keine Rolle gespielt. Aber da bin ich mir jetzt nicht mehr so sicher.«
»Und was hat sich verändert?«
»Der Kerl ist einfach zu prätentiös.«
Deer war zurückhaltend und loyal, und das schätzte er so an ihr. Aber der Gesichtsausdruck, mit dem sie aus dem Fenster sah und das Unwetter betrachtete, war alles andere als zurückhaltend und loyal.
»Ich bin eine ganz normale Polizistin«, sagte sie schließlich zu den Regengöttern dort draußen. »Ich war nur auf der Polizeihochschule. Ich wurde von meinen sozialdemokratischen und zukunftsoptimistischen Arbeitereltern mit einem Namen aus der Oberschicht bestraft, Desiré Rosenkvist. Trotzdem bin ich die Einzige aus unserer Familie, die auf dem Gymnasium war und eine Ausbildung genossen hat, und ich habe echt geschuftet, um Kriminalkommissarin zu werden. Kannst du, Superbulle Sam Berger, mir bitte übersetzen, was prätentiös bedeutet?«
Berger sah in ihr von Regenbächen verzerrtes Spiegelbild.
»Stehst du eigentlich in heimlichem, direktem Kontakt zu Allan?«
»Was redest du da?«
Berger wechselte sofort das Thema.
»Er ist prätentiös, und das bedeutet gekünstelt, affektiert, übertrieben. Er verpackt sein Geschenk an die Polizei in schönes Papier. Er will Anerkennung und Lob, er will be­­wundert werden. Ich gebe zu, dass man dieses Verhalten auch in den Pädophilen-Netzwerken findet, aber dort handelt es sich um hermetisch abgeschlossene Kreise. Man überschreitet neue, immer bestialischere Grenzen, will sie Seinesgleichen vorführen und erwartet dafür Reaktionen, Lob, Bewunderung. Aber ich habe noch nie gehört, dass ein Pädophiler mit seinen Gräueltaten in aller Öffentlichkeit prahlen will, und schon gar nicht vor der Polizei. Außerhalb dieser geschlossenen Kreise herrscht nämlich eine große Scham.«
Langsam drehte sich Deer zu ihm um. Ihr Gesicht war nicht mehr von Regenbächen durchzogen.
»Und dann ist da ja noch das Alter. Fünfzehn«, sagte sie. »Ellen war fünfzehn Jahre und einen Monat alt, als sie verschwand. Hier gilt das nicht mehr als sexueller Übergriff auf ein Kind – es ist laut Definition keine Pädophilie, wenn man mit dem Kind nicht verwandt ist. Und die Verwandtschaft von Ellen haben wir abgegrast. Wenigstens das haben wir erfolgreich erledigt.«
»Wir könnten ja zumindest als eine alternative Hypothese annehmen, dass es noch ein drittes Motiv gibt, außer den beiden offensichtlichen: Lösegeld und Pädophilie.«
»Das könnten wir.«
Während Berger seine Siebensachen vom benachbarten Schreibtisch einpackte, klingelte Deers Telefon. Sie sagte kaum etwas, und das Gespräch war schon nach dreißig Sekunden beendet.
»Die Spurensicherung ist fertig mit der Hütte«, fasste sie den Inhalt des Anrufs zusammen. »Keine Fingerabdrücke, keine DNA außer diesen beiden Blutspuren. Laut Robin war die Hütte geradezu ekelhaft sauber.«
»Blitzblank!« Berger nickte. »Solltest du jetzt nicht zu Hause bei deiner Familie sein?«
»Johnny und Lykke sind mit ihrem Opa im Kino. Ich habe frei bekommen. Lust auf ein Bier?«
»Das klingt sehr verlockend. Aber ich wollte eigentlich noch ein paar Sachen erledigen.«
»Du meinst, ich sollte noch ein paar Sachen erledigen?«, fragte Deer und lächelte sanft. »Während der Superbulle Sam Berger ein weiteres suspektes Internetdate hat.«
Berger schnaubte und wusste selbst nicht, ob es als Lachen gedacht war oder nicht.
»Ich hatte nur ein einziges. Ein einziger vorsichtiger Annäherungsversuch. Und ja, es war sehr suspekt.«
»Was wollte diese Madame X noch gleich machen?«
»Du willst doch nur, dass ich es laut sage!«
»Merkwürdigerweise wird es jedes Mal, wenn du es sagst, ein bisschen lus­tiger.«
Berger unterdrückte ein Grinsen und schüttelte den Kopf, während er seinen Rucksack mit den dicken Laufakten zu­­schnürte. Dann wandte er sich mit einem Gesichtsausdruck zu Deer um, in dem nicht mehr der Hauch eines Lächelns zu erkennen war.
»Du warst als Erste von uns unten im Verlies. Was schätzt du, wie viel Blut das war?«
Deers Lächeln erstarb.
»Ziemlich viel«, sagte sie. »Als wir draußen in Märsta waren, habe ich gesagt, dass Ellen nicht tot ist, sondern noch lebt. Aber vielleicht habe ich das nur gesagt, um dich zu trösten, um uns beide zu trösten.«
»Und deine intuitive Einschätzung?«
»Ich weiß nicht. Zwei Liter?«
»Der vorläufigen Einschätzung der Gerichtsmedizin zu­­folge waren es nur drei Deziliter. Deine erste Aufgabe ist eine Hausaufgabe. Was für eine Funktion könnte es haben, Ellen mit Blutverdünnern vollzupumpen?«
Deer nickte, mit hochgezogenen Augenbrauen.
»Und meine zweite Aufgabe?«
»Die kannst du sofort erledigen, am Rechner. In welchem Krankenhaus liegt Ekman?«

Wie entstehen die Krimis von Arne Dahl?

»Als Junge habe ich die Krimis von meinem Vater gelesen. Dazu gehörten Autoren wie Agatha Christie, John le Carré oder Desmond Bagley«, erzählt Dahl, »aber mit 15 Jahren fand ich mich zu alt für Krimis und las fortan ernsthafte Literatur.« Die Leidenschaft fürs Schreiben ist da noch nicht geweckt. Dahl beginnt in Stockholm zu studieren und promoviert in Literaturwissenschaften. Dann fällt die Berliner Mauer, bricht der Kommunismus zusammen und damit wandelt sich auch die Gesellschaft in Schweden. »Plötzlich kamen Menschen aus den Krisenregionen der Welt und aus Osteuropa nach Schweden, was unsere offene Gesellschaft gravierend verändert hat«, erzählt Dahl, »und ich suchte einen Weg, diese Veränderungen aufzugreifen und literarisch umzusetzen.« Der erste Schritt: Aus dem Literaturwissenschaftler Jan Arnald wird das Alter Ego Arne Dahl, der Krimiautor.


Dahl plant seine Romane über Monate: »Die Suche nach einem guten Plot und der Dramaturgie der einzelnen Kapitel bedeutet Schweiß und Tränen.« In dieser Zeit liest er viele Zeitungen und Fachbücher, recherchiert die Fakten und notiert sich jede Idee, bis alles in einem Plan festgehalten ist. Er konstruiert seine Romanidee wie eine neue Maschine, die im Computer eines Entwicklungsingenieurs entsteht. Und dann beginnt die schöne Zeit: das Schreiben.

FAQ zu Arne Dahl und seinen Serien

Wie heißt das neue Buch von Arne Dahl?

Das neue Buch von Arne Dahl heißt »Fünf plus drei«.

Wer ist Arne Dahl?

Arne Dahl ist ein schwedischer Krimiautor, der 1963 geboren wurde und in Stockholm lebt. Seine Skandinavien-Krimiserie um die Stockholmer A-Gruppe und den Ermittler Paul Hjelm hat ihm Fans auf der ganzen Welt und zahl- reiche Preise eingebracht. 2012 erschien mit „Gier“ der erste Band der neuen Krimiserie um die Opcop-Gruppe, in der Arne Dahl die schwedische Krimiserie noch einmal neu erfunden hat: Ein internationales Ermittlerteam muss Fälle von globaler Tragweite lösen. Alle Bände wurden Spiegel-Bestseller. Mit dem Beginn seiner neuen Serie um das Ermittlerduo Berger & Blom, „Sieben minus eins“, etablierte sich Arne Dahl endgültig als einer der erfolgreichsten skandinavischen Krimiautoren. Das Buch stand mehr als ein halbes Jahr in den Top 10 der deutschen Bestsellerliste. »Sechs mal zwei«, Berger & Bloms zweiter Fall, erschien 2017 und konnte sich ebenfalls auf den Bestsellerlisten platzieren. Im September 2018 erscheint der dritte Teil der Reihe: »Fünf plus drei«

Welche Autoren sind ähnlich wie Arne Dahl?

Wer gern skandinavische Krimiserien, insbesondere Schwedenkrimis, liest, kommt an Arne Dahl nicht vorbei. Weitere Beispiele sind die Krimis von Hjorth/Rosenfeldt mit dem Psychologen Sebastian Bergman, oder auch die Romane von Jo Nesbø um seinen Ermittler Harry Hole. Außerdem gibt es noch die Großmeister des Schwedenkrimis wie Henning Mankell und Håkan Nesser. Aber es gibt natürlich nicht nur schwedische Krimiautoren, die ähnlich sind: Ian Rankin, ein Schotte, ist auch ein guter Vergleich.

Welche Reihen gibt es von Arne Dahl?

Bisher sind folgende Reihen von Arne Dahl erschien

  • die Reihe um das »A-Team«
  • die »Opcop«-Reihe
  • die Teile 1 & 2 der Reihe um Sam Berger und Molly Blom
     

Welche Ermittler gehören zum »A-Team«?

Eine Übersicht über die in der Spezialeinheit »A-Team« ermittelnden Personen finden sie hier.

Welche Bücher gehören zur Krimireihe „A-Gruppe“?

Die Kriminalromane der »A-Gruppe« von Arne Dahl sind in folgender Reihenfolge erschienen:

  • Misterioso
  • Böses Blut
  • Falsche Opfer
  • Tiefer Schmerz
  • Rosenrot
  • Ungeschoren  
  • Totenmesse  
  • Dunkelziffer  
  • Opferzahl
  • Bußestunde
  • Der elfte Gast


Welche Ermittler gehören zum Opcop-Team?

Eine Übersicht über die in der Sondereinheit »Overt Police Cooperation« agierenden Ermittler finden sie hier.

Gibt es die Krimis von Arne Dahl auch als Hörbuch?

Ja. Die Hörbücher von »Sieben minus eins« und »Sechs mal zwei«, sowie die Opcop-Reihe sind bei Osterwold Audio erschienen. Ebenso die letzten drei Titel um das »A-Team« («Opferzahl«, «Bußestunde« und »Der elfte Gast«).
Die Titel 1-8 sind bei Steinbach sprechende Bücher erschienen.

Welche Krimis von Arne Dahl wurden verfilmt?

Bisher wurden die Bücher 1-8 der »A-Team«-Reihe verfilmt. Zu sehen sind die Filme u.a. auf zdf-enterprises.de oder netflix.com.

Die »Opcop«-Reihe von Arne Dahl
Arne Dahls Krimireihe um das »A-Team«

Kommentare

1. Angelika
Schröter am 08.09.2018

gefällt mir.

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