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Schlussstriche zieht man nicht mit Bleistift

Schlussstriche zieht man nicht mit Bleistift

Roman

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Schlussstriche zieht man nicht mit Bleistift — Inhalt

Schlussstriche zieht man nicht mit Bleistift. Das ist auch Molly Taylors neue Devise. Denn als ihr Mann sie für eine Frau mit ausgeprägter Vorliebe für pinke Jogginganzüge und Porzellanfiguren verlässt, zieht sie kurzerhand mit ihren drei Söhnen in das Bed and Breakfast ihrer verstorbenen Tante Helena – zu ihrem exzentrischen Onkel Bertie, der als pensionierter Admiral zur See gern mal den Strand auf und ab patrouilliert. Und zu dessen Papagei, der mehr Schimpfwörter kennt als ein amerikanischer Gangsterboss. Aller Neuanfang ist schwer. Doch dann beginnen die Rosen im Garten zu blühen und erfüllen die Luft mit dem Duft von Sommer und Liebe ...

€ 8,99 [D], € 8,99 [A]
Erschienen am 01.07.2016
Übersetzt von: Ursula C. Sturm
480 Seiten, WMEPUB
EAN 978-3-492-97340-3

Leseprobe zu »Schlussstriche zieht man nicht mit Bleistift«

KAPITEL 1:
Mitten im kalten Winter
Oktober

Rosa alba
Diese edle Rosensorte, die bereits in der Antike von Griechen
und Römern kultiviert wurde, ist an Robustheit unter den alten Rosensorten unübertroffen. Ihr elegantes Laub ist graugrün, die Blütenblätter sind hauchdünn wie Reispapier und rangieren farblich zwischen Weiß und zarten Rosaschattierungen und ihr erfrischender Duft zeichnet sich nicht selten durch eine leichte Zitrusnote aus. Erwähnenswert sind unter anderem die zartrosa blühende, edel bis süß duftende Maiden’s Blush, des Weiteren Belle Amour, [...]

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KAPITEL 1:
Mitten im kalten Winter
Oktober

Rosa alba
Diese edle Rosensorte, die bereits in der Antike von Griechen
und Römern kultiviert wurde, ist an Robustheit unter den alten Rosensorten unübertroffen. Ihr elegantes Laub ist graugrün, die Blütenblätter sind hauchdünn wie Reispapier und rangieren farblich zwischen Weiß und zarten Rosaschattierungen und ihr erfrischender Duft zeichnet sich nicht selten durch eine leichte Zitrusnote aus. Erwähnenswert sind unter anderem die zartrosa blühende, edel bis süß duftende Maiden’s Blush, des Weiteren Belle Amour, deren Blüten von einem kräftigen Korallenrosa sind und einen schweren Myrrheduft verströmen, sowie die cremeweiße Jakobitenrose mit ihrem lang anhaltenden, aromatischen Zitrusduft, die zur Zeit der Rosenkriege als die »Weiße Rose von York« Berühmtheit erlangte.

Es ist Donnerstagvormittag und ich versuche, möglichst ­wenig Lärm zu machen, während ich die Lunchpakete für die Jungs vorbereite, damit niemand aufwacht, ehe ich meine zweite Tasse Tee intus habe. Ben und Alfie, die beiden Jüngeren, stehen tendenziell noch recht früh auf, Dan dagegen würde selbst dann weiterschlafen, wenn im Wohnzimmer eine Blasmusikkapelle aufspielen würde. Er ist jetzt dreizehn und ohne jeden Zweifel schon ein richtiger Teenager, mit allem, was dazugehört. Wäre er sich selbst über­lassen, er würde wohl komplett die Nacht zum Tag machen. Das ist eines dieser absolut typischen Phänomene in der wunderbaren Welt der Mütter – erst bringt man zehn verdammte Jahre damit zu, die kleinen Biester zum Einschlafen zu bewegen, dafür kommen sie dann die darauffol-
genden zehn Jahre morgens ums Verrecken nicht aus den Federn. Ein paar Spritzer kaltes Wasser sind die einzig ­sichere Methode, um Dan aus dem Bett zu scheuchen. Allerdings verwende ich sie nur, wenn seine Brüder nicht in der Nähe sind. Der Zahnputzbecher eignet sich besonders gut, während Ben wohl die bis zum Anschlag aufgedrehte ­Dusche zu Hilfe nähme, wenn der Schlauch lang genug wäre. Erst vorige Woche habe ich ihn dabei ertappt, wie er sich mit dem Gartenschlauch ins Haus schleichen wollte. Alfie ist der Ansicht, seine riesige Piratenschatzkiste sei für diesen Zweck der ideale Wassertransportbehälter. Gut möglich, dass irgend­wann derartige Mengen kaltes Wasser vonnöten sein werden, um Dan zu wecken, weshalb ich nicht ausschließe, dass das Ding tatsächlich irgendwann zum Einsatz kommt.
Ich ergötze mich gerade an der Vorstellung meines triefend nass in seinem Bett sitzenden Erstgeborenen – quasi eine Mischung aus gebadeter Maus und begossenem Pudel –, da klingelt das Telefon und macht meine Hoffnungen auf eine ruhige halbe Stunde jäh zunichte. Na toll!
»Ah, gut, du bist schon wach.«
»Morgen, Mum.«
»Bist du schon auf dem Sprung?«
»Noch nicht. Ich muss erst die Jungs in die Schule bringen.«
»Du weißt doch, wie sehr sich dein Vater aufregt, wenn …«
Herrgott noch mal, sie ruft mich ernsthaft um sieben
Uhr morgens an, um mich daran zu erinnern, wie sehr Dad Unpünktlichkeit verabscheut?
»Ich komme, so schnell es geht, Mum.«
»Denk daran, etwas Schickes für die Beerdigung einzu­packen, ja?«
»Mein schwarzer Hosenanzug liegt bereit.«
»Du hattest ein paar so hübsche schwarze Röcke, als du noch im Hotel mitgearbeitet hast.«
»Das ist fast zwanzig Jahre her, Mum. Damals habe ich noch studiert und im Übrigen fand Dad meine Röcke immer viel zu kurz.«
»Ich weiß, aber …«
»Mum, ich weiß, Dad befindet sich auf einer Art Ein-Mann-Vernichtungsfeldzug gegen alle Hosenanzüge dieser Welt, aber ich bin inzwischen ein großes Mädchen und darf anziehen, was ich will.«
Sie seufzt und ich bekomme wie so oft ein schlechtes ­Gewissen. Ich sehe förmlich vor mir, wie sie, noch schlaftrunken, in ihrem Morgenmantel in der Küche sitzt. Vor ­jeder Familienzusammenkunft ist sie ein einziges Nervenbündel, lange bevor die ersten Gäste eintreffen.
»Hör zu, Mum, das einzige Kostüm, das ich besitze, ist marineblau. Und das finde ich nun nicht gerade passend für eine Beerdigung. Und ich kann es mir nicht leisten, mir ein neues zu kaufen, nur weil Dad der Ansicht ist, dass ich zu formellen Anlässen keine Hose tragen sollte. Wenn er später wieder eine seiner Hosen-Hasstiraden vom Stapel lässt, dann erinnere ihn doch bitte daran, dass Hosenanzüge für Prinzessin Anne ja auch fein genug sind. Erst gestern war sie bei irgendeinem öffentlichen Auftritt in den Nachrichten zu sehen und sie hatte eine Hose an, obwohl weit und breit keine Pferde in Sicht waren. Wenn sich eine Adlige so etwas erlauben darf, dann sollte das Tragen von Hosenanzügen bei offiziellen Anlässen doch auch mir gestattet sein, meinst du nicht?«
Dad hatte von jeher eine Schwäche für Prinzessin Anne und ihre Einstellung zu ihrer königlichen Abstammung: »Ich bin zwar blaublütig, aber das hält mich nicht davon ab, Fotografen zu beschimpfen.« Mein Leben würde sich sicher bedeutend einfacher gestalten, wenn ich gelegentlich einen auf Prinzessin Anne machen würde. Vielleicht kann man Pferde ja so abrichten, dass sie Menschen, die einem ein Dorn im Auge sind, einen Tritt verpassen. Eine Win-win-­Situation auf der ganzen Linie. Andererseits wurde ich abgeworfen, als ich das letzte Mal auf dem Rücken eines Pferdes saß, also sollte ich es wohl lieber bleiben lassen.
»Ich bin sicher, mein Hosenanzug ist der Situation angemessen.«
»Ich hoffe nur, er ist auch warm genug. Hier ist es seit ein paar Tagen bitterkalt. Georgina hat sich ein hübsches neues Kostüm zugelegt und einen dazu passenden Steppmantel. Sie hat gesagt, wenn du willst, kann sie dir gern etwas borgen. Nett von ihr, nicht?«
Ja, ganz reizend. Ich leihe meiner frisch geschiedenen Schwägerin mal eben ein paar aussortierte Klamotten. Am besten die wattierten Teile. Welch beispielloser Akt der Selbstlosigkeit!
»Danke, Mum, aber bitte sei so gut und sag Georgina, dass sie mir nichts leihen muss. Sie versucht sonst wieder, mir irgendetwas aufzudrängen, was ich gar nicht haben will.«
»Du siehst sie ohnehin heute Abend beim Essen.«
»Ach, richtig.«
Mist. Dass Roger und Georgina am Abend mit von der Partie sein sollten, war mir völlig entfallen. Das heißt, ich muss nicht nur ein Abendessen mit meinem nervigen Bruder und seiner bescheuerten Göttergattin über mich ergehen lassen, sondern mich bei der Gelegenheit auch noch bei ihr dafür bedanken, dass sie gewillt ist, mir irgendeinen Fummel zu leihen, den ich nicht einmal mit der Kneifzange anfassen würde und der mir ohnehin mindestens drei Größen zu klein wäre. Yippie.
»Ich dachte, ich mache Sheperd’s Pie. Georgina bringt ­einen Nachtisch mit.«
»Super.«
Das bedeutet dann wohl zwei Himbeeren und einen ­Teelöffel Sorbet pro Person. Georgina ist andauernd auf Diät, denn ihre einzige Leidenschaft ist die Anschaffung von Bekleidung in immer noch kleineren Größen. Sie besitzt mehr Klamotten als jedes andere menschliche Wesen, das ich kenne, einschließlich Lola. Wobei Lola meine beste Freundin ist und nur Outfits kauft, bei denen man grün vor Neid wird, während Georgina mit Vorliebe überladene Hosen­anzüge mit glänzenden Knöpfen und scheußliche glitzernde Abendroben kauft. Sie kommt mir vor wie eine Kreuzung aus Barbie und Imelda Marcos, aber auf vornehm getrimmt. Ihre Schuhe bewahrt sie in speziellen Schachteln auf, an ­denen vorne ein Foto des darin enthaltenen Paars angebracht ist, damit sie auch ja nicht lange nach den kirschroten Sandalen oder den marineblauen Pumps suchen muss. Eine völlig fremde Welt für mich, die ich morgens schon froh bin, wenn ich überhaupt zwei zueinanderpassende Schuhe finde. Vorige Woche hatte ich, als ich die Kinder zur Schule brachte, doch glatt einen schwarzen und einen dunkelblauen Mokassin an. Also musste ich blitzschnell meine Sprösslinge abliefern und dann noch mal nach Hause rasen, um den Fauxpas zu beheben, sonst hätten meine werten Kollegen bestimmt gemutmaßt, dass ich einen scheidungsbedingten Nervenzusammenbruch habe. Georgina ist auch allzeit perfekt geschminkt, sogar schon morgens beim Frühstück. Sie erinnert mich an die krampfhaft lächelnden, stets mit etwas zu dunklem Make-up zugespachtelten Angestellten in der Kosmetikabteilung eines Kaufhauses, die einen ungefragt in eine Parfümwolke hüllen. Manchmal frage ich mich, ob meine Schwägerin heimlich eine Statistenrolle in einer postmodernen Neuverfilmung der Frauen von Stepford angenommen hat. Wahrscheinlich besorgt sie sich als Nächstes einen fahrbaren Servierwagen.
Mum leiert die Liste der Zutaten für ihre Hirtenpastete herunter, als würde ich tatsächlich zu diesen verrückten Hühnern gehören, die morgens um zehn nach sieben schon diskutieren wollen, ob man für das perfekte Kartoffelpüree nun besser die Sorte »King Edward« oder doch lieber »Maris Piper« verwendet.
»Kommen Henry und Alicia eigentlich auch zur Beerdigung?«
Bislang bin ich mit meiner Nichte und meinem Neffen noch nicht so recht warm geworden. Kein Wunder – Georgina kann man nun nicht gerade als warmherzige Vollblutmutter bezeichnen und Roger ist, was Kindererziehung ­anbelangt, erst recht ein hoffnungsloser Fall. Deshalb besuchen Henry und Alicia, praktisch seit sie gehen können, eine private Grundschule, welche wie fast alle Privatschulen offenbar auf Kinder spezialisiert ist, die nicht sonderlich helle, dafür aber reichlich eingebildet und verwöhnt sind – eine tödliche Kombination. An den Tischmanieren der beiden gibt es nichts zu mäkeln, dafür kommen sie sich allerdings derart privilegiert vor, dass man ihnen zu gerne mal eine Ohrfeige verpassen würde, einfach, um ihre verdatterte Miene zu sehen.
»Nein, die müssen zur Schule. Roger findet, ihre Bildung hat oberste Priorität. Ehrlich gesagt mache ich mir Sorgen um ihn. Er arbeitet so viel.«
Pfff. Dass ich nicht lache. Mein lieber Bruder ist den Großteil seiner Zeit mit Golfspielen beschäftigt, wenn er zur Abwechslung mal nicht seine Angestellten ärgert, die ohne ihn viel besser zurechtkommen. Das Hotel ist jetzt seit drei Generationen im Besitz unserer Familie und als Granddad noch die Leitung innehatte, ging es dort wesentlich entspannter zu. Selbst Dad hat sich weniger dämlich angestellt und weniger despotisch aufgeführt als Roger, der jeden Abend seine Kontrollrunden dreht, dabei einen Drink nach dem anderen kippt und den leutseligen Herrn des Hauses mimt, nur um schließlich im Büro hinter der Rezeption einzuschlafen. Er ist so oft besinnungslos betrunken, dass das Personal, wenn es um ihn geht, immer »Roger and Out« sagt, wie Flugzeugpiloten am Ende ihres letzten Funkspruchs.
»Spielt er nach wie vor so viel Golf?«
»Schon, aber du darfst nicht vergessen, dass er dieses Jahr im Platzausschuss ist und sich deshalb so oft wie möglich dort zeigen muss. Er hat gute Chancen, nächstes Jahr Captain zu werden, meint dein Vater.«
Oh Gott, wenn man Roger tatsächlich zum Captain des Golfclubs ernennt, wird er noch unausstehlicher. Ich wette, er besorgt sich umgehend ein Clubjackett, das er dann rund um die Uhr trägt. Und wahrscheinlich gleich noch ein zweites fürs Bett. Dad wird natürlich hocherfreut sein, schließlich ist es seit Jahren sein sehnlichster Wunsch, dass Roger endlich mal das ehrenwerte Amt des Club-Captain bekleidet.
»Toll, Mum. So, jetzt sollte ich hier mal weitermachen, damit ich rechtzeitig loskomme.«
»Fahr vorsichtig, Liebes. Wir erwarten dich dann zum Mittagessen, ja?«
»Ich komme erst zum Tee, Mum. Ich hab dir doch schon gestern gesagt, dass ich es nie im Leben in drei Stunden von Südlondon nach Devon schaffe, es sei denn, ich nehme einen Hubschrauber, und du erinnerst dich bestimmt daran, wie das letztes Mal ausgegangen ist – da hat Roger am Ende den Boden geküsst, und zwar nicht ganz freiwillig.«
»Du weißt genau, dass das nicht seine Schuld war, Molly.«
»Bis später, Mum.«
Und ob es Rogers Schuld gewesen war. Er ist der fixen Überzeugung, das Sands Hotel benötige einen Hubschrauberlandeplatz, um eine gehobene Klientel anzulocken. Dabei ist der Betrieb jahrzehntelang gut gelaufen, obwohl die Gäste nicht auf dem Luftweg angereist sind, mit Ausnahme des Air-Force-Piloten, der während des Krieges mit dem Fallschirm auf dem Dach des Küchentrakts gelandet ist. Hinter der Bar hängt noch heute ein Bild von ihm. Granddad hat sein gesamtes Geschwader zum Dinner eingeladen; auf dem Foto ist die ganze Truppe mit erhobenen Gläsern zu sehen. Es heißt, sie hätten an dem Abend die Bar leer ­getrunken und hinterher sei eine der Kellnerinnen drei Tage lang wie vom Erdboden verschluckt gewesen. Dad ist während seiner Zeit als Hoteldirektor bei Weitem nicht so oft wie Granddad in die Rolle des jovialen Hausherrn geschlüpft. Tja, und inzwischen ist Roger der Boss und wild entschlossen, aus dem alten Kasten ein Nobelhotel zu machen – oder das, was er für ein Nobelhotel hält.
Offenbar genügt es dafür seiner Ansicht nach, die Preise anzuheben, sämtliche Wände im Farbton »Taupe« zu streichen und vor dem Abendessen Horsd’œuvres zu servieren. Und es kommen so gut wie nie Gäste mit dem Helikopter an, mal abgesehen von dem einen oder anderen Brautpaar mit mehr Geld als Verstand. Als sich vergangenen Herbst ein Bräutigam in den Kopf gesetzt hatte, per Hubschrauber anzureisen, hat sich Roger selbst zum Chef des Luftwaffenkommandos ernannt und die orangefarbene Warnweste übergestreift, um die Landung höchstpersönlich zu über­wachen. Dummerweise stand er am falschen Platz und wurde durch den Abwind beinahe von den Klippen ins Meer geweht. Er hatte Glück im Unglück und ist mit dem Gesicht nach unten auf der Wiese neben den Tennisplätzen gelandet, über und über mit Dreck und Laub bedeckt. Seine Angestellten haben sich schier nicht mehr eingekriegt vor Schadenfreude. Am liebsten hätten sie zur Feier des Tages wohl noch mal die Wimpelgirlanden mit den Union Jacks hervorgekramt, mit denen die Rezeption zum diamantenen Thronjubiläum der Königin dekoriert war.
Während ich weiter Sandwiches schmiere, versuche ich nicht daran zu denken, was mich erwartet. Zum einen, weil ich den weiten Weg nach Devon auf mich nehmen muss und dort gezwungen sein werde, mir Rogers endloses ­Geschwafel von wegen »Ich werde Captain« anzuhören – und ich darf noch nicht einmal dem Drang nachgeben, ihn mit der Gabel zu erstechen. Vor allem aber graut mir vor der Beerdigung morgen. Helenas Beerdigung. Helena und Bertie sind die einzigen Mitglieder meiner Familie, die ich wirklich gernhabe, mal abgesehen von Mum, und die ist dies­bezüglich in letzter Zeit definitiv eine Wackelkandidatin. Nachdem sie sich über Jahre hinweg bei Dad angebiedert hat, ist sie ein nervliches Wrack. Sobald er sich über irgendetwas echauffiert, fängt sie an zu zittern wie Espenlaub. Ich hoffe inständig darauf, dass sie wenigstens ein einziges
Mal ansatzweise ungehalten reagiert, aber sie tut es nicht. Helena war da ganz anders. Die ließ sich nie etwas gefallen. Bertie kann ebenfalls ziemlich resolut sein, und da er Mums älterer Bruder ist, hält sich Dad in seiner Gegenwart normalerweise etwas zurück. Doch es war Helena, die das Kommando hatte, und wenn Dad mal wieder eine Laus über die Leber gelaufen war, sagte sie zum Mum: »Komm, wir gehen uns im Garten die Füße vertreten.« Einmal hat sie sich ­sogar während eines Mittagessens im Kreise der Familie ­absentiert, bei dem sich Dad endlos über irgendetwas ausgelassen hat. Worum es ging, weiß ich nicht mehr, jedenfalls stand sie einfach auf und sagte, sie bekomme Kopfschmerzen von seinem dümmlichen Geschwätz und ziehe es deshalb vor, eine Runde durch den Garten zu drehen. Dad lief puterrot an und auf der Fahrt nach Hause herrschte eisiges Schweigen. Es war fabelhaft.
Schon als junges Mädchen wollte ich unbedingt wie Helena sein. Ich habe sogar geübt, mir wie sie die Haare zu einem Knoten hochzustecken. Sie war eine so wunderbare Frau … Und morgen muss ich sie auf ihrem letzten Weg begleiten. Tja, irgendwie passt das zu diesem beschissenen Jahr, das nun allmählich zur Neige geht. Und zu allem Überfluss steht demnächst Weihnachten vor der Tür und ich habe noch kein einziges Geschenk.
Vor Bens Geburtstag letzte Woche habe ich auch erst in allerletzter Minute die Kurve gekriegt und nach einer fieberhaften Suche viel zu viel Geld für sein Geschenk ausgegeben. Elf ist ein schwieriges Alter – da wollen Jungs einerseits noch Luftballons und Kuchen, andererseits haben sie keine Lust mehr auf kindische Partyspiele. Am Ende habe ich mich für Kino und Pizza entschieden. Fünfzehn Elfjährige im Dunkeln mit Popcorn und Eis … Weiß der Geier, was ich mir dabei gedacht hatte. Die Leute, die in der nächsten Vorstellung auf unseren Plätzen saßen, konnten einem nur leidtun. Den goldenen Herbst samt seiner ertragreichen Fülle haben wir dieses Jahr offenbar einfach übersprungen; der Sommer ging quasi nahtlos über in einen ungemüt­lichen Oktober mit gefrierendem Nebel und prasselndem Regen. In den Geschäften hängt bereits überall Lametta, und wenn ich in den kommenden paar Wochen keine neue Bleibe für uns auftreibe, werden Maria und Josef nicht die Einzigen sein, die gezwungen sind, den Weihnachtsabend in einem Stall zu verbringen, da ich unser Haus verkaufen musste. Und jetzt wird auch noch der Mensch, der mir von meiner gesamten Familie am nächsten stand, zu Grabe getragen und ich darf keine Hose anziehen. Oh Mann.
»Mum?«
Ach, verflixt. Alfie ist aufgewacht.
»Ja, Schätzchen?«
»Brätst du mir ein paar Streifen Speck zum Frühstück?«
»Nein, Alfie, heute ist ein normaler Schultag, da gibt es Cornflakes.«
»Aber ich brauche Speck, Mum. Wirklich!«
Er wirkt noch ganz verschlafen – die Haare stehen ihm in sämtlichen Richtungen vom Kopf ab und den Schlafanzug trägt er aus unerfindlichen Gründen mit den Nähten nach außen.
»Warum hast du denn den Pyjama verkehrt herum an, Liebes?«
»Die Hose hat gejuckt, da hab ich sie einfach umgedreht. Voll cool, oder?«
»Ja, Schatz. Möchtest du Apfelsaft oder Milch?«
Ich kann nur hoffen, dass er nicht künftig alle Klamotten linksherum anzieht. An Schultagen ist es bei uns morgens auch so schon hektisch genug.
»Orange.«
»Was, Orange?«
Er grinst.
»Saft.«
»Alfie …«
»Bitte. Orangensaft, bitte.«
»Geht doch. Ich könnte ja ein paar Scheiben Toast mit Honig machen …«
Er klatscht, was mir ein Lächeln entlockt. Es ist immer schön, gleich morgens Applaus zu ernten.
»Darf ich mir einen Zeichentrickfilm anschauen?«
»Meinetwegen, aber nur eine halbe Stunde und nur ganz leise.«
Er hopst davon in Richtung Wohnzimmer. Ja, ja, wenn man als Sechsjähriger Toast mit Honig bekommt und heimlich Zeichentrickfilme gucken darf, ist die Welt allen Dramen zum Trotz eben noch in Ordnung. Viel mehr braucht es da gar nicht für einen perfekten Morgen. Vielleicht sollte ich lieber öfter mal den Sechsjährigen in mir rauslassen, statt einen auf Prinzessin Anne zu machen – das würde wohl auch bedeutend glaubwürdiger rüberkommen. Wobei ich nicht sicher bin, ob es die Jungs so prickelnd fänden, wenn ihre Eltern ein Verhalten à la Peter Pan an den Tag ­legen und so tun, als hätten sie noch nicht die Volljährigkeit erreicht. Es ist ohnehin schwierig, die Pubertät schadlos zu überstehen; da können sie vermutlich darauf verzichten, dass die Erzeugerfraktion ihren Mode- und Musikgeschmack imitiert. Zumal die drei im Rahmen der Scheidung so einiges durchgemacht haben.
Nach dem anfänglichen Schock und der demütigenden Erkenntnis, dass Pete eine Affäre hatte, war das das Einzige, was mir wirklich Kopfzerbrechen bereitet hat: wie die Jungs wohl damit klarkommen würden. Bis jetzt gab es eigentlich keine großen Probleme. Ganz im Gegenteil, wenn ich ehrlich sein soll. Es kommt mir so vor, als hätten wir viel mehr Platz, seit Pete nicht mehr am Kopfende des Tisches thront, den Oberboss mimt und lange Reden über die Bedeutung guter Tischmanieren schwingt, während unser Essen kalt wird. Es ging in einer Tour nur um ihn. Und ständig dieses endlose Gelaber von wegen richtiges Benehmen.
Inzwischen ist es bedeutend ruhiger bei uns. Im Laufe des Jahres haben wir uns neu sortiert und jetzt läuft es definitiv besser als vorher. Was natürlich die Frage aufwirft, warum ich eigentlich so lange gezögert habe, meine Ehe zu beenden, obwohl es zwischen Pete und mir schon seit geraumer Zeit gewaltig gekriselt hat. Zumal sämtliche Beteiligten seit der Scheidung offenbar viel glücklicher sind als vorher und meine Kinder neuerdings förmlich aufblühen.
Das ist noch so eine Angelegenheit, die mir Schuldgefühle verursacht. Ich fände es angemessener, wenn ich eine dieser allgegenwärtigen braven, vom Schicksal gebeutelten Ehefrauen wäre, todtraurig und am Boden zerstört. Tatsache ist jedoch, ich empfand in Anbetracht der Entwicklungen ­eigentlich bloß Erleichterung. Als ich mit dreiundzwan-
zig vor den Traualtar trat, sah die Zukunft so rosig und vielversprechend aus. Damals konnte ich nicht ahnen, dass ich jahrelang einfach nur mitlaufen würde. Ich kann mich nicht erinnern, wann genau ich mich in eine Art Schleppboot auf zwei Beinen verwandelt habe, das gemütlich neben Pete ­dahintuckerte, stets gefolgt von meinen drei Jungs und tunlichst darauf bedacht, potenziell gefährliche Klippen oder Untiefen zu umschiffen. Es ist schon ein herber Schlag für das Selbstvertrauen, wenn einem bewusst wird, dass man geradewegs auf das Trockendock zugesteuert ist. Und weil ich so damit beschäftigt war, für einen möglichst reibungslosen Ablauf zu sorgen, bemerkte ich gar nicht, dass der ­Kapitän im Begriff war, von Bord zu gehen. Es traf mich völlig unvorbereitet. Vermutlich sollte man einem Menschen wie mir, der derart unfähig ist, Katastrophen vorherzusehen, besser keine modernen Haushaltsgeräte anvertrauen, ganz zu schweigen von drei heranwachsenden Jungs. Würde mich nicht wundern, wenn eines schönen Morgens in nicht allzu ferner Zukunft jemand mit einem Klemmbrett in der Hand bei mir auf der Matte steht und sagt: »Mal ganz ehrlich, meinen Sie nicht, Sie sollten erst einmal klein anfangen, mit einem Kaninchen beispielsweise? Mal sehen, wie Sie damit zurechtkommen.« Deshalb tue ich wohl gut daran, mich auf die erfreuliche Kehrseite der Medaille zu konzentrieren, nämlich auf mein nagelneues Familienleben. Eines, bei dem zur Abwechslung ich den Kurs bestimme. Eines, das mehr Spaß macht. Zugegeben, in den kommenden achtundvierzig Stunden wird sich der Spaß wohl eher in Grenzen halten, schon wegen der Beerdigung und so.
Ich bringe Alfie seinen Toast, was mir erneut Applaus ­beschert. Unser Haus wird mir fehlen, ungeachtet der Tat­sache, dass ich meine ganze Freizeit geopfert habe, um es zu renovieren, während Pete seine ganze Freizeit auf eine Affäre mit der Schulsekretärin verwendet hat. Ich war gerade mit dem Esszimmer fertig, da tat er kund, er wolle sich von mir trennen und Janice heiraten. Die kleine, zierliche Janice mit ihren Angorajäckchen und ihren hochhackigen Schuhen, die, wie es scheint, nicht nur Glasfigürchen sammelt, sondern auch anderer Leute Ehemänner. Aber wie heißt es so schön: Wer zuletzt lacht, lacht am besten.
Ich kann gar nicht sagen, wann aus Pete, dem jungen ­Radikalen, der die Welt verändern wollte, plötzlich Peter, der Schuldirektor, wurde. Auf die Privatschule, die er leitet, gehen Kinder, deren Eltern ein kleines Vermögen an Schulgebühren genau dafür berappen, dass sich die Welt bitte schön auf gar keinen Fall ändern soll. Als ich die Jungs vorigen Sonntagnachmittag im Park abgeliefert habe, damit sie ein paar Stunden mit ihrem Vater verbringen können, habe ich Pete im ersten Moment gar nicht wiedererkannt, weil er so anders aussah. Sowohl er als auch Janice trugen brandneue Joggingklamotten – im Partnerlook – und meine Nachfolgerin hatte dazu eine knappe Weste in Pink an. Ich kann mir beim besten Willen nicht vorstellen, was Pete und mich dazu veranlasst hätte, gemeinsam joggen zu gehen. Und zwar nicht nur deshalb, weil mir oft Kinder aus meiner Schule begegnen, wenn ich unterwegs bin. Und falls mich je einer meiner Schüler beim Joggen erwischt, würde er sich garantiert an meine Fersen heften und irgendwelche Kommentare vom Stapel lassen. Ich war richtig überrascht, als mir bewusst wurde, wie sehr sich Pete verändert hat. Er geht nicht nur joggen, nein, er hat sich dafür sogar extra eine Pulsuhr zugelegt, die seine Herzfrequenz misst, während
er sich den Kopf darüber zerbricht, welche Kanapees er den Eltern beim Schulkonzert vorsetzen soll. Ich für meinen Teil unterrichte in der hiesigen weiterführenden Schule und muss mir überlegen, wie man am ehesten dreißig Vierzehnjährige motivieren könnte, die sich einen feuchten Kehricht dafür interessieren, wer oder was den Ersten Weltkrieg ausgelöst hat. Andererseits könnten mir meine Schüler jederzeit einen brandneuen Laptop besorgen, zu einem absoluten Schnäppchenpreis. Tja, ein Gutes hat die Sache immerhin: Ich muss nicht anfangen zu joggen.
Wenn ich jetzt noch meine Panikattacken in den Griff ­bekommen und mich in eine kompetente Erwachsene verwandeln könnte, die in der Lage ist, ein neues Dach über dem Kopf für ihre Familie zu finden, wäre alles wunderbar. Da ich mir jedoch den Erlös aus dem Verkauf unseres derzeitigen Domizils mit Pete teilen muss, geht die Anzahl
der Häuser, die ich mir leisten kann, leider erbarmungslos gegen null. Ich will nicht allzu weit wegziehen, weil Dan ­gerade an der einzigen guten Schule hier in der Gegend aufgenommen wurde, zumal es sich um eine kostenlose öffentliche Schule handelt und ich wider Erwarten nicht jahrelang in die Kirche pilgern musste, um meinem Kind seinen Platz zu sichern. Schon erstaunlich, wie viele Eltern plötzlich ­einen bis dato im Verborgenen gelebten Glauben an den Tag legen, wenn ihre Sprösslinge ungefähr acht sind, und, ­sobald der Nachwuchs das elfte Lebensjahr beendet und es auf die weiterführenden Schule ihrer Wahl geschafft hat,
die allsonntäglichen Gottesdienstbesuche schlagartig wie-
der einstellen. Wenn sich die Kirche endlich eingestehen würde, dass die Hälfte ihrer Schäfchen nur aus diesem Grund regelmäßig zur Messe kommt, würde sie sich vielleicht weniger in Probleme wie weibliche Diener Gottes oder schwule Bischöfe hineinsteigern und stattdessen überlegen, warum der Großteil der normalen Bevölkerung den ortsansässigen Pastor für ähnlich lebenswichtig erachtet wie, sagen wir mal, einen Teekessel aus Schokolade. Ich ziehe schon seit Längerem in Erwägung, mal einen Brief an den Erzbischof zu schreiben. Andererseits ist das vielleicht keine so gute Idee, schließlich kann es, wenn ich keine anständige Bleibe für uns finde, durchaus sein, dass ich demnächst ebenfalls jeden Sonntag in die Kirche gehen muss.
Natürlich könnte ich Dad bitten, mir das nötige Kleingeld zu leihen. Damit stünde dann noch ein Punkt auf der Tagesordnung, vor dem mir graut. Roger und Georgina haben sich von ihm einen »Kredit« über mehrere Tausend Pfund geben lassen, um sich einen scheußlichen neuen Win-
tergarten zu bauen, in dem sie nebst grauenhaften Teak-
holzmöbeln und futuristisch aussehenden Gewächsen den größten Fernseher aufgestellt haben, der mir je untergekom-
men ist. Tja, Roger ist eben der Erstgeborene. Der Golden Boy. Und ich bin … nein, keineswegs das Golden Girl, so viel steht fest. Bei mir würde es noch nicht einmal für Bronze reichen, schon gar nicht, wenn ich Hosen trage. Nein, das mit dem Kredit kann ich mir gleich wieder aus dem Kopf schlagen, und selbst wenn sich Dad breitschlagen ließe, müsste ich ihm das Geld irgendwann zurückzahlen, und ­damit wäre das Problem ja nicht gelöst. Aber es kann gut sein, dass mir nichts anderes übrig bleibt. Anderenfalls hausen wir demnächst womöglich in einem Wohnwagen in jemandes Garten. Vielleicht auf dem Gelände von Peters Schule. Da wären die Schulbeiräte bestimmt begeistert. Ich kann ihm den Vorschlag ja unterbreiten, wenn ich ihn das nächste Mal sehe. Ich wette, die Vorstellung, dass seine Exfrau und seine drei Söhne in einem Wohnwagen hinten neben den Tennisplätzen ihr Lager aufschlagen, lässt seinen Puls in die Höhe schießen, bis seine tolle neue Laufuhr hektisch piepsend den Geist aufgibt.
Ich überlege gerade, ob ich mir noch eine Tasse Tee genehmigen oder lieber Dan und Ben wecken gehen soll, da klingelt erneut das Telefon. Ich schätze, Mum will noch wissen, welche Schuhe ich anzuziehen gedenke. Wenn ich dem Kontrollzwang meiner Eltern nicht bald einen Riegel vorschiebe, kehre ich demnächst wieder in das Stadium meiner Teenagerzeit zurück, in dem ich mich bei der Auswahl meiner Outfits ausschließlich daran orientiert habe, was Dad am meisten ärgern würde. Der Sari in Rosa und Orange war damals meine ungeschlagene Nummer eins. Zu schade, dass ich den nicht mehr habe, sonst hätte ich ihn heute zum Abendessen angezogen. Wahrscheinlich würde ich mir ­darin Frostbeulen zuziehen, aber das wär’s mir wert.
»Hi, Mum.«
»Tut mir leid, ich bin’s bloß, Süße. Ist für Devon auch ­Nebel angesagt? In der Stadt ist es mal wieder grauenhaft – ich kann kaum bis zum Ende meiner Straße sehen.«
Oh Freude, es ist Lola. Ein Tässchen Tee und ein Tele­fonat mit der besten Freundin – das ist die perfekte Starthilfe, wenn man sich einem unangenehmen Tag stellen muss.
»Nein, aber laut Wettervorhersage soll es gefrierenden Regen geben.«
»Yippie.«
»Du sagst es. Die Fahrt dauert bestimmt eine Ewigkeit und Mum hatte ich eben auch schon an der Strippe. Sie klang ziemlich gestresst.«
»Und die Jungs übernimmt heute Abend mal dein Flachwichser-Exmann, richtig?«
»Theoretisch, ja. Ich möchte wetten, er wälzt die ganze Arbeit auf Janice ab.«
»Und was treibt die liebe Janice sonst so?«
»Sie ist damit beschäftigt, sich neue Kleider mit passenden Blazern zu kaufen, damit sie ihrer Rolle als Direktorengattin auch ja gerecht wird. Das Fußkettchen hat sie abgelegt und ihr keckes Lächeln ebenfalls. Tja, so ist das, wenn man sein Leben mit Pete teilt. Ehrlich gesagt fängt sie allmählich an, mir leidzutun.«
»Also echt, Molly, manchmal mache ich mir wirklich ­Sorgen um dich. Wie kann es sein, dass du Mitleid mit der Frau empfindest, die dir den Ehemann ausgespannt hat? Ich meine, okay, du warst heilfroh, als du ihn endlich los warst, aber mal ganz im Ernst …«
»Na hör mal, von heilfroh kann keine Rede sein.«
»Ach komm, gib’s zu.«
»Okay, ich geb’s zu. Und ich schäme mich auch dafür, aber es geht uns wirklich besser ohne ihn. Es ist, als wäre unser Leben plötzlich … viel unbeschwerter. Vor allem, seit wir bei den Mahlzeiten nicht mehr ständig seine Belehrungen über uns ergehen lassen müssen. Wir kamen uns ja echt oft vor wie bei einer Schulversammlung. Und wenn er sich dann zurückgelehnt und ›Das war köstlich, Molly‹ gesagt hat, gerade so, als würde er mit der Haushälterin reden! Da hatte ich jedes Mal gute Lust, ihm die übrige Vanillesoße über den Kopf zu kippen.«
Sie lacht.
»Die ist doch bei euch immer gleich weg. Na, wie dem auch sei, zum Glück hast du ihn nicht schon viel früher verlassen, sonst gäbe es womöglich meinen Goldschatz Alfie nicht.«
Lola liebt zwar auch Dan und Ben, aber in Alfie ist sie ­regelrecht vernarrt – eine Zuneigung, die auf Gegenseitigkeit beruht, und daran dürfte sich bis auf Weiteres auch nichts ändern.
Sie kauft ihm Geschenke und unternimmt allerlei mit ihm allein, ohne seine großen Brüder, und Alfie trottet neben ihr her und schmachtet sie an.
»Wie geht’s denn meinem kleinen Liebling?«
»Gut. Er guckt einen Zeichentrickfilm. Dan und Ben schlafen noch, er kann also noch eine Weile seinen Status als alleiniger Herrscher über die Fernbedienung genießen. Warum bist du eigentlich schon so früh wach?«
»Beeindruckend, nicht? Das ist Teil meiner vorweihnachtlichen Mission.«
»Was denn für eine Mission?«
»Ich habe meinem erbärmlichen Leben den Kampf an­gesagt. Wenn ich mich, verdammt noch mal, nicht zusammenreiße, passe ich bis Weihnachten bloß noch in Stretchhosen.«
»Die sind sehr bequem.«
»›Bequem‹ ist nicht das Attribut, auf das eine hochkarätige Agentin bei der Wahl ihrer Kleidung achtet, Süße. Nigel Jones hat sich gestern Abend in einem schwarzen Ledermini und Pumps mit fünfzehn Zentimeter hohen Absätzen auf einer Party rumgetrieben und versucht, mir meine Klienten auszuspannen.«
»Man möchte meinen, er wüsste es besser.«
»Sie. Sie heißt Nigella, wie die Fernsehköchin. Sie nennt sich bloß Nigel, damit niemand die Erwartung hegt, dass sie mit einem Blech selbst gebackener Cupcakes aufkreuzt und lasziv an irgendwelchen Löffeln leckt.«
»Verständlich.«
»Nicht, wenn das Miststück hinter meinen Klienten her ist.«
»Ich glaube kaum, dass es auch nur einer von denen wagt, auf deine Dienste zu verzichten, Lola.«
»Du würdest dich wundern, meine Liebe. Sie sind wie kleine Kinder. Lass sie auch nur einen Moment lang aus den Augen und sie machen sich prompt auf die Suche nach einem funkelnagelneuen Spielzeug.«
»Oder sie bemalen den Fernseher mit leuchtend grüner Fingerfarbe.«
»Das wirst du mir wohl nie verzeihen, oder? Ich habe nur fünf Minuten telefoniert, Ehrenwort! Und außerdem ist die Farbe doch wieder abgegangen, nicht?«
»Ja, aber das hat gedauert.«
»Na also, was regst du dich dann so auf? Alfie ist eben
sehr kreativ. Genau deswegen haben wir doch so einen guten Draht zueinander. Du musst ihn fördern. Ich finde, wir sollten ihn in einen Kunstkurs schicken. In der Tate Gallery zum Beispiel. Ich wette, die bieten so was an.«
»Dürfen die Kinder da dann auch Fernseher bemalen?«
»Überlass das nur mir. Ich werde jemanden im Büro ­damit beauftragen zu recherchieren, wo es die besten Kurse gibt. Und hinterher ziehe ich mit ihm durch die Läden. Ich liebe es, mit dem kleinen Racker einkaufen zu gehen.«
»Ich nicht. Als ich letztes Mal mit ihm und Dan im Supermarkt um die Ecke war, haben die beiden zwischen den Regalen fangen gespielt. Wir wären beinahe rausgeflogen.«
»Klingt nach einem Heidenspaß. Wie auch immer, ­zurück zu meiner Wenigkeit. Ich habe so viele Events vor mir, dass ich schon gar nicht mehr weiß, wo mir der Kopf steht. Bis Weihnachten habe ich garantiert derart die Nase voll von Lebkuchen und Lametta, dass ich den Drang verspüre, jemanden abzuknallen. Höchstwahrscheinlich meine Mutter. Und außerdem steuert Clive, dieser verfluchte Vollidiot, auf eine Katastrophe zu. Sein aktueller Film kostet ­wesentlich mehr als geplant und ich soll auf wundersame Weise immer neue Geldquellen aus dem Ärmel schütteln, obwohl wir ihm die Kohle quasi in Lkw-Ladungen ans
Set karren. Nathan ruft mich deswegen täglich aus dem Studio an und nervt mich mit seinem Gejammer. Apropos Gejammer: Wie steht’s denn mit Petes Unterhaltszahlungen?«
»Er ist schon wieder im Verzug. Im Übrigen will er jetzt Peter genannt werden. Offenbar findet er das für einen Schuldirektor passender.«
»Lass mich doch bitte endlich einen Killer auf ihn ansetzen!«
»Darf ich ein andermal darauf zurückkommen?«
»Nicht, wenn du immer noch vorhast, ihm nach dem Verkauf eures Hauses die Hälfte des Geldes abzutreten.«
»Darauf haben wir uns eben bei der Scheidung geeinigt. Angeblich muss das für den Direktor vorgesehene Gebäude erheblich umgebaut werden, um Janiceʼs hohen Ansprüchen zu genügen.«
»Allzu hoch können ihre Ansprüche nicht sein, wenn ich mir ihren Geschmack in puncto Männer so ansehe. Du solltest Pete sagen, er soll sich gefälligst zum Teufel scheren, schließlich hat er mit dem Posten des Direktors auch eine kostenlose Unterkunft bekommen. Ich verstehe noch immer nicht, warum ihr das Haus verkaufen musstet.«
»Weil wir uns darauf geeinigt haben, unser Vermögen fifty-fifty aufzuteilen und ich ihn nicht auszahlen kann. Und weil ich glaube, dass es besser für uns ist. Wenn ich ein Haus finde, das ich mir leisten kann, können wir ganz neu anfangen. Ich habe in der Schule eine Vollzeitstelle beantragt, aber zurzeit werden überall die Budgets gekürzt. Es war echt ein großer Fehler, nach Alfies Geburt meine Stundenzahl zu ­reduzieren.«
»Na ja, nachdem euch der Klapperstorch gleich drei Be­suche abgestattet hatte, blieb dir doch gar nichts anderes ­übrig, oder?«
»Vermutlich nicht. Jedenfalls sind Häuser mit vier Zimmern hier in der Gegend absolut unerschwinglich, wenn man nur eine Teilzeitstelle hat. Wobei bei meinem Budget ehrlich gesagt noch nicht einmal drei Zimmer drin sind. Ich werde wohl in der Küche schlafen müssen.«
»Wie Cinderella, oder was? Ich bitte dich! Können sich die Jungs denn nicht ein Zimmer teilen?«
»Vergiss es. Man muss schon ein Fakir sein und gern auf Legosteinen schlafen, wenn man sich freiwillig mit Alfie das Zimmer teilt. Und Ben und Dan kann ich definitiv nicht zusammen in ein Zimmer stecken; die beiden würden einander im Nu an die Gurgel gehen. Selbst Bens Gutmütig-
keit hat Grenzen. Nein, glaub mir, ich schlage lieber in der Küche unter dem Spülbecken mein Nachtlager auf, als dass sich die drei im Halbstundentakt in den Haaren liegen. ­Dabei waren sie als Babys so süß. Ich weiß echt nicht, was passiert ist, mal abgesehen von ihrem steigenden Testosteronspiegel und dem Scheidungsstress. Mir ist völlig schleierhaft, wie ich die nächsten paar Jahre überstehen soll. Vielleicht sollte ich jedem von ihnen einen großen Tontopf überstülpen, damit sie ein bisschen reifen, wie Rhabarber.«
»Hör mir bloß mit diesem elendigen Gemüse auf! Keine Ahnung, welcher Geschmacksterrorist beschlossen hat, dass Rhabarber total angesagt ist, aber wenn ich noch ein einziges Mal einen Nachtisch mit einer ›überraschenden Rhabarbernote‹ vorgesetzt bekomme, laufe ich Amok. So, und du reißt dich jetzt bitte schön am Riemen. Du willst doch nicht zu diesen Weibern gehören, die ständig lamentieren, wie süß ihre Kinderchen mal waren! Und der hormongesteuerte Nachwuchs setzt in der Zwischenzeit alles daran, zum Rammler-Champion zu werden.«
»Wie geht’s eigentlich deiner Mutter?«
»Sie treibt mich in den Wahnsinn mit ihrem Weihnachtsessen. Sie redet von nichts anderem mehr. Außerdem will sie mich mit dem Sohn einer ihrer Freundinnen verkuppeln. Der Typ heißt Jeffrey und ist Steuerberater und Dauersingle.«
»Rein beruflich gesehen könnte er sich als nützlich er­weisen.«
»Das gehört nicht zu meinen Auswahlkriterien bei Kandidaten für den ›Tanz der Verzückung‹.«
Prompt gackern wir los. Über diesen erheiternden Euphemismus ist Lola vor zwanzig Jahren an der Uni bei der Lektüre eines präraffaelitischen Gedichts gestolpert und wir müssen noch heute haltlos kichern, wenn wir darauf zu sprechen kommen.
»Wie auch immer, ich habe ihn kürzlich kennengelernt. Mit dem wird das eher ein Tanz der Toten. Apropos … Oje, entschuldige, das war nicht gerade feinfühlig von mir. Wie auch immer, bist du sicher, dass du das allein durchstehst, oder soll ich nicht doch lieber mitkommen?«
»Nein, es wird schon gehen. Im Übrigen kann nichts ­Gutes dabei herauskommen, wenn du dich im selben Raum befindest wie mein Vater.«
»Der alte Stinkstiefel.«
»Charlotte Linford! Was würde deine Mutter zu dieser Wortwahl sagen?«
»Mir doch scheißegal, was sie sagen würde. Er ist ein Stinkstiefel.«
»Ich weiß.«
»Ich begleite dich, wenn dir damit geholfen ist, Süße. Ich würde ausnahmsweise sogar versuchen, mich mit deinem alten Herrn zu vertragen. Helena zuliebe. Was habe ich diese Frau verehrt! Es wird bestimmt ganz schön heftig. Das sind Beerdigungen ohnehin immer.«
»Ich weiß. Ich hoffe nur, Bertie trägt es mit Fassung.«
»Drück ihn bitte ganz fest von mir. Eigentlich bräuchten wir beide einen Mann wie ihn.«
»Ja, genau das hat mir noch gefehlt – ein vollkommen verpeilter Rentner als Ersatz für meinen Ex. Damit wäre mein Glück perfekt.«
»Ich meinte, einen Mann, an dessen Seite man gern die nächsten vierzig Jahre seines Lebens verbringt. Einer, der keine Klette ist und einen weder langweilt noch auf Schritt und Tritt überwacht, nur um am Ende klammheimlich eine ­andere zu vögeln.«
»Klingt vielversprechend, aber ein Bertie reicht mir vollauf, zumal das betreffende Exemplar definitiv nicht mehr alle Tassen im Schrank hat. Da fehlt im Grunde schon das halbe Kaffeeservice. Samt Milchkännchen und Zuckerdose.«
»Okay, er mag einen kleinen Dachschaden haben, aber
er ist trotzdem ein äußerst liebenswürdiger Zeitgenosse. Zumindest läuft er nicht unten ohne rum oder so.«
»Auch wieder wahr.«
»Nimmt er den Papagei mit zur Beerdigung?«
»Betty? Gott bewahre. Die hat Dad doch letztes Mal ins Ohr gebissen.«
»Dann sollte Bertie sie erst recht mitnehmen. Helena hätte bestimmt nichts gegen eine kleine humoristische Einlage während ihrer Beisetzung. Wann wird denn das Testament verlesen? Auch da wäre Betty garantiert von Nutzen, um die angespannte Stimmung ein bisschen aufzulockern, während alle darauf warten zu erfahren, was sie erben. Ich wette, Roger hat bereits einen Anwalt kontaktiert und überlegt, wie er sich den ganzen Zaster unter den Nagel reißen kann.«
»Das dürfte schwierig werden, weil es nämlich gar keinen Zaster gibt. Bertie erbt das Haus und er ist fit wie ein Turnschuh. Schon etwas weich in der Birne, aber kerngesund. Roger wird sich also noch gedulden müssen.«
»Helena war schon etwas ganz Besonderes, nicht? Und das Haus habe ich immer geliebt. Georgianische Grandeur mit einem Touch historisches Herrenhaus – klassisch und zeitlos elegant, seit Generationen in Familienbesitz. Wenn Bertie es noch ein paar Jährchen macht, schaffe ich es vielleicht noch, das nötige Kleingeld anzusparen, um es zu kaufen. Und dann ziehen wir alle zusammen da ein und züchten Schafe. Du könntest lernen, nach alter Handwerkskunst zu spinnen und zu weben, und selbst gefertigte Kleidung verkaufen. Oder irgendeinen abgefahrenen Designerkäse. Das wird bestimmt ganz fabelhaft.«
»Klingt verlockend. Und was machst du, auch weben oder Käse herstellen?«
»Ich komme dann aufs Land, um mich zu erholen. Und den Papagei behalten wir, für den Fall, dass dein Vater vorbeikommt.«
»Ausgezeichnete Idee.«
»Sag Bertie, ich komme ihn bald mal besuchen, vorausgesetzt, er mixt mir dann einen seiner Gin-Cocktails. Ruf mich heute Abend an, Süße, und zieh dich warm an. Ich gehe jetzt schwimmen, danach muss ich eine Stunde zu meinem sadistischen Personal Trainer. Fällt dir denn niemand ein, der mit mir tauschen möchte?«
Ich würde sofort mit ihr tauschen. Ich kann mir nichts Schöneres vorstellen, als gelegentlich einen Tag ohne meine Kinder zu verbringen und mir nur überlegen zu müssen, was ich anziehen und wo ich zu Abend essen soll. Statt­dessen muss ich mir überlegen, wie ich den Hackbraten noch retten kann, und Lunchpakete für drei Jungs machen, von denen ständig ein anderer den Käse im Sandwich verweigert.
»Mum?«
»Morgen, Liebes.«
»Hast du meinen Turnbeutel gesehen?«
»Nein. Ist Dan schon wach?«
»Ich will keinen Käse im Sandwich. Ich hasse Käse.«
»Schinken?«
»Ich nehme bloß Brot. Außer, es gibt Huhn.«
»Aber natürlich gibt es Huhn, Ben. Ich bin extra um fünf Uhr morgens aufgestanden, um eins in den Ofen zu schieben.«
»Klasse, Mum. Dann hätte ich in meinem Sandwich auch gern Huhn.«
»Morgen, Dan. Es gibt Schinken oder Käse und im
Übrigen kannst du dir dein Lunchpaket auch gern selbst machen.«
»Okay, okay, ich nehm Käse.«
»Vielen Dank. Das macht dann drei Pfund und neunundneunzig Pence, Sir.«
»Du bist echt zum Brüllen, Mum. Ich hab schon Bauchkrämpfe vor Lachen. Ich glaub, ich brauche Medikamente.«
»Falls du welche findest, gib mir was ab. Du kannst eine Vitamintablette haben, wenn du willst.«
Die beiden grinsen. Sofern nicht ganz zufällig ein paar Fallschirmjäger mit gezückter Waffe in der Nähe sind, ist eine einzelne Frau nur bedingt in der Lage, drei heranwachsende Jungs zum Verzehr gesunder Nahrung zu zwin-
gen, deshalb verabreiche ich meinen Kindern alle paar Tage Mulitvitamintabletten, um etwaigen Mangelerscheinungen vorzubeugen. Das gibt mir das Gefühl, ihnen eine gute Mutter zu sein, und sie schmecken ihnen, auch wenn sie so tun, als fänden sie sie total ekelig. Ich drücke Ben die Schachtel in die Hand.
»Okay, Mum, ich nehme eine, wenn du mir versprichst, dass ich später groß und stark werde.«
Dan grunzt.
»Dafür braucht es schon etwas mehr als eine Multivitaminpille, Bruderherz. So mickrig wie du aussiehst, ist da wohl eher eine Ganzkörpertransplantation nötig.«
Ben schubst ihn, Dan schubst zurück. Sogleich kommt ­Alfie angetigert. Er fürchtet wohl, er könnte etwas verpassen.
»Es gibt Toast mit Honig für jeden, der mit dem Schubsen aufhört. Alfie hat seinen bereits bekommen.«
»Ich brauch aber noch einen, Mum, ehrlich! Mum, Dan hat Ben gerade geschubst, obwohl du gesagt hat, er soll ­damit aufhören.«
Dan mustert Alfie mit schmalen Augen.
»Guten Morgen, Annie Rose. Wie geht’s uns denn heute? Du hast deinen Pyjama verkehrt rum an, du Schnippi.«
Alfie hasst es, wenn man Annie Rose zu ihm sagt. Natürlich steht er auch nicht sonderlich auf den Spitznamen Schnippi, aber das klingt wenigstens noch ansatzweise männlich. »Annie Rose« jedoch beschwört unter Garantie ein Drama herauf. Ich war mir ja anfangs superschlau vorgekommen, nachdem ich Dan und Ben vorgeschlagen hatte, sie sollten den Namen für ihren neugeborenen kleinen Bruder aussuchen. Die Alfie-Bücher gehörten zu ihrer Lieblingsbettlektüre, vor allem der Band, in dem Alfies kleine Schwester Annie Rose zur Welt kommt. Wenn die großen Brüder den Namen wählen dürfen, herrscht für immer Friede, Freude, Eierkuchen, dachte ich damals. Wie hätte ich auch vorhersehen sollen, dass sie mir einen Strich durch die Rechnung machen und Alfie immer in den ungünstigsten Momenten Annie Rose nennen würden.
»Hör auf, Dan.«
»Womit?«
»Dan, bitte!«
»Mum, Dan hat Schnippi zu mir gesagt! Das ist voll
unanständig, nicht?«
»Ja, und du hörst jetzt gefälligst auch auf, Alfie. Ignorier ihn einfach. Ben, willst du Toast? Alfie, wenn du das Gequengel einstellst, mache ich dir auch noch einen. Dan, reiß dich zusammen, sonst …«
»Sonst was? Soll ich mich in die Ecke stellen und mich schämen, weil ich so ungezogen war? Ein kleines Time-out von dreizehn Minuten, eine Minute pro Lebensjahr? Meinetwegen gern, dann hab ich mal eine Viertelstunde Ruhe. Vielleicht mache ich ja ein kurzes Nickerchen.«
Manchmal bereue ich es, dass ich mir geschworen habe, meine Kinder niemals körperlich zu züchtigen.
»Aber nein, Dan, es würde mir doch nie im Traum einfallen, dir zu sagen, dass du dich für irgendetwas schämen sollst. Schließlich bist du doch immer so liebenswürdig zu deinen Brüdern. Sie bewundern dich und wollen genau so werden wie du. Und auch deiner Mum greifst du stets unter die Arme, vor allem, wenn sie mal einen besonders anstrengenden Tag vor sich hat. Soll ich dir beim Polieren deines Heiligenscheins zur Hand gehen?«
Er zögert.
»Lass uns einfach noch mal von vorn anfangen, ja? Guten Morgen, Dan, ich hoffe, du hast gut geschlafen, und ich wäre dir sehr verbunden, wenn es dir gelingen würde, nicht binnen zwei Minuten nach dem Aufstehen Unruhe zu stiften. Soll ich dir jetzt Frühstück machen oder gehst du gleich noch mal nach oben und kommst erst wieder runter, wenn du etwas weniger auf Krawall gebürstet bist? Ein, zwei Jahre sollten reichen. Die Entscheidung liegt bei dir. Toast oder Brei? Letzteres wirst du im Übrigen bald sein, wenn du uns weiter ärgerst.«
Er grinst.
»Toast. Bitte.«
»Und, hast du deinem kleinen Bruder noch etwas zu ­sagen?«
»Entschuldige, Alf.«
»Ich bin doch schon voll groß, Mum. Ich gehe in die erste Klasse und nicht mehr in die doofe Vorschule.«
Dan nickt.
»Sehr gut, Alf. Sag’s ihr. In dieser Familie muss man sich behaupten.«
Alfie hopst wieder ins Wohnzimmer zu seinem Zeichentrickfilm.
»Nur noch fünf Minuten, Alfie. Große Jungs stehen nicht auf Zeichentrickfilme.«
Ben schnaubt belustigt.
»Das hast du jetzt davon, Alf.«
Mir ist, als hätte ich ein verhaltenes »Schnippi« aus Dans Mund vernommen, aber ich beschließe kurzerhand, es zu ignorieren, zumal Alfie es nicht gehört hat. Ben zwinkert mir zu.
»Krieg ich drei Scheiben Toast mit Honig? Ich bin am Verhungern. Und du weißt echt nicht, wo mein Turnbeutel ist?«
Bis ich endlich im Wagen sitze und auf dem Weg nach ­Devon bin, habe ich beginnende Kopfschmerzen und bin fix und fertig. Dan hat in der letzten Minute ein Veto gegen die Übernachtung bei Pete eingelegt und angeboten, allein auf seine Brüder aufzupassen, als würde ich mich jemals auf ­einen derart durchgeknallten Vorschlag einlassen. Er hat ­Alfie sogar Pizza und Eis zum Abendessen versprochen, damit dieser sein Ansinnen unterstützt. Und dann wollte das Auto partout nicht anspringen und wir wären fast zu spät zur Schule gekommen. Das gehört auch auf die Liste der Dinge, die ich mir zulegen werde, wenn ich mal in der Lotterie gewinne: ein Auto, das sich an kalten Tagen frühmorgens gleich beim ersten Versuch starten lässt. Und sollte ich richtig viel Kohle gewinnen, dann kaufe ich Petes Schule und entlasse ihn. Ich habe schon so manche halbe Stunde damit zugebracht, mir genau das auszumalen. Vielleicht sollte ich doch mal einen Lottoschein ausfüllen, nur für alle Fälle.
Es fühlt sich seltsam an, ohne die Jungs nach Hause zu fahren. Ich glaube, das habe ich zuletzt gemacht, als ich noch auf der Uni war. Und nachdem ich dort im zweiten Jahr Pete kennengelernt hatte, waren wir immer abwechselnd bei seinen Eltern und bei meinen, jedenfalls bevor sein Vater gestorben und seine Mutter mit ihrer Schwester nach Australien gezogen ist. Sie schickt den Jungs Geburtstagskarten, ist ansonsten aber nicht sonderlich präsent
als Großmutter. Allerdings war sie das auch als Mutter nicht gerade, soweit ich das beurteilen kann. Gut möglich, dass aus Pete deshalb so ein emotionaler Nullchecker geworden ist. Ich habe den Eindruck, dass so was tendenziell den Müttern in die Schuhe geschoben wird. Das lässt nichts Gutes ahnen, wenn es um das Verhältnis zu meinen zukünftigen Schwiegertöchtern, »Partnerinnen« oder was auch immer geht. Mir ist egal, ob meine Sprösslinge heiraten oder nicht, Hauptsache, ich bin irgendwann von meinen Waschpflichten entbunden. Ich sehe es schon auf mich zukommen, dass mich das eine oder andere bedauernswerte Mädel mit vorwurfsvoller Miene fragen wird, wie zum Geier ich es Dan durchgehen lassen konnte, dass er seine Sachen überall in kleinen Häufchen herumliegen lässt, die seiner Ansicht nach gefälligst jemand anders wegräumen soll. Bei der Vorstellung, dass irgendein weibliches Wesen versucht, Dan zu zähmen, bessert sich meine Laune schlagartig. Ich lege eine kurze Kaffeepause ein und stelle mir Dan als Erwachsenen vor, genauer gesagt, als Vater eines eigenen Kindes. Wenn es auf der Welt auch nur annähernd gerecht zugeht, wird mein erstes Enkelkind genau wie Dan – mit anderen Worten, ein totaler Albtraum. Und ich werde dem kleinen Racker tonnenweise Süßkram mitbringen und jede Menge nicht altersgerechtes Spielzeug. Wenn mir der Kleine dann zu lebhaft wird, gehe ich einfach nach Hause. Das wird ein Spaß!
Zum Glück ist die A 303 angenehm leer. Im Sommer
steht man hier regelmäßig im Stau. Leider sind meine Möglichkeiten, meinen kinderfreien Zustand zu zelebrieren, im Auto begrenzt, also begnüge ich mich damit, Musik zu ­hören und mitzuträllern, was mir strengstens untersagt ist, wenn die Jungs an Bord sind. Es fühlt sich so an, als befände ich mich auf einer Zeitreise in die Vergangenheit, wenn man von der Tatsache absieht, dass ich schicker angezogen bin als früher. Ich trage eine Seidenbluse in Marineblau und Ecru, ein elfenbeinweißes Strickjäckchen und eine von diesen marineblauen Hosen, von denen ich mir mal geschworen habe, ich würde sie niemals anziehen. Wenn ich es mir recht überlege, sehe ich aus wie eine verdammte Bankangestellte. Fehlt nur noch das Namensschildchen. Aber Mum wird erleichtert sein, wenn ich nicht in einem meiner üblichen »Hippie-Outfits« aufkreuze, wie Dad es nennt, wenn der Blazer nicht zur Hose passt. Oder vielmehr zum Rock – in seinem Paralleluniversum dürfen Frauen ja ausschließlich bei der Gartenarbeit, beim Golfen oder bei einer Kreuzfahrt Hosen tragen. Und für heute steht keine dieser drei Aktivitäten auf der Tagesordnung, jedenfalls soweit ich ­informiert bin.
Ich genieße es richtig, zur Abwechslung einmal allein unterwegs zu sein und hemmungslos singen zu können, ohne bissige Kommentare dafür zu ernten. Irgendwie wird sich schon ein neues Zuhause für uns finden. Eines, das keinerlei Erinnerungen an Pete birgt. Wir haben einen ganz guten Preis für unser jetziges Haus ausgehandelt, das macht die Sache etwas einfacher. Der Makler hat sich sehr anerkennend zu meinen Heimwerkerfähigkeiten geäußert. Angeblich sind einige Scheidungsimmobilien in einem erschreckenden Zustand, weil betrogene Exfrauen gerne mal neue Dekoideen vom Typus »Rache an diesem verlogenen Scheißkerl« ausprobieren, sprich, sie pinseln mit roter Farbe
üble Beleidigungen an die Wohnzimmerwände. Ich gebe zu, ich fand die Vorstellung auch verlockend, schon deshalb, weil ich gern Petes Gesichtsausdruck gesehen hätte, aber ich will möglichst bald umziehen. Und es geht mir nicht nur um den Neustart ohne Pete. Unsere Wohngegend wurde mit den Jahren immer nobler, und obwohl ich zu allen Nachbarn ein gutes Verhältnis habe, geht dieses meist nicht über ein freundliches Nicken hinaus. Pete war von jeher geschickter im Kontakteknüpfen als ich. Wenn wir erst umgezogen sind, bin ich hoffentlich nicht mehr von Leuten umge-
ben, die ihre Kinder Indigo nennen und für das Au-pair-­
Mädchen das Dachgeschoss ausbauen lassen. Die Frauen behandeln mich gerade so, als wäre eine Scheidung eine ­ansteckende Krankheit, und die Männer wirken nervös, als hegten sie die Befürchtung, dass ich sie bei meinen Heimwerkertätigkeiten um Hilfe bitte. Aber in erster Linie bin ich eine Persona non grata, weil ich an genau der Sorte Schule unterrichte, auf die sie ihre lieben Kleinen auf gar keinen Fall schicken möchten. Im vergangenen Semester gab es bei uns einen Vorfall, den der davon betroffene Mathematiklehrer einer Lokalzeitung zufolge »mit knapper Not überlebt hat«. Tatsächlich war es so, dass Mr Hutchins gestolpert und mit Dean Carter zusammengestoßen ist, und der wiederum hatte sich gerade mit seinem Zirkel gegen Darren Knutley verteidigt, einen Schüler, der beim Lehrpersonal und den anderen Kindern gleichermaßen als Spinner verschrien ist und mal wieder einen schlechten Tag hatte. Hutchins hatte sich also im Grunde ein Zeichengerät, das in seinem Unterricht zum Einsatz kam, selbst ins Bein gerammt und war tags darauf schon wieder einsatzfähig. Zu sei-
nem eigenen Verdruss ebenso wie zu unserem, denn er ist nicht sonderlich beliebt. Er ist einer dieser dauergereizten, desillusionierten Lehrer, die die Kinder schikanieren und anschreien, und nicht wenige meiner Kollegen hätten hin und wieder gute Lust, ihn mit einem spitzen Gegenstand zu malträtieren. Wie auch immer, die Zeitung hat den Vorfall als schweren tätlichen Angriff auf einen Lehrer dargestellt, was dazu führte, dass einige weitere überängstliche Mittelschichteltern ihre Kinder für das kommende Schuljahr an einer teuren Privatschule angemeldet haben oder jetzt allwöchentlich im Sonntagsgottesdienst zu sehen sind in dem Versuch, für sie einen Platz an der versnobten St.-Edmunds-Schule zu ergattern. Und unsere stellvertretende Direktorin, diese dumme Kuh, hat sich daraufhin den Rest des Jahres »wegen stressbedingter Migräne« krankschreiben lassen.
Allmählich nähere ich mich meiner Heimat, und obwohl ich bei der Fahrt durch die vertrauten Dörfer haargenau weiß, wann ich einen ersten Blick auf das Meer erhaschen werde, geht mir in diesem Moment jedes Mal aufs Neue das Herz auf. Es ist irgendwie tröstlich, durch diese Landschaft zu gondeln, die ich so gut kenne. Selbst im Winter ist es schön hier, wenn die Felder mit fahlen Stoppeln gespickt und die Hecken am Straßenrand mit Beeren übersät sind. Vielleicht hätte ich die Jungs mitnehmen sollen. Sie sind gern hier und wir kommen für meinen Geschmack ohnehin viel zu selten. Weder Dad noch Roger sind bereit, im Hotel Familienrabatte zu gewähren, und es ist horrend teuer, sich hier in der Hochsaison irgendwo einzumieten. Diesen Sommer haben wir immerhin ein paar verlängerte Wochenenden hier verbracht und einmal war Mum sogar richtig entspannt, weil Dad ein paar Tage zum Golfen weggefahren war. Wir haben einen wasserreichen Ausflug auf einem Boot unternommen und Alfie hat eine Robbe erspäht. Ich sollte dringend mal wieder so etwas organisieren. Vielleicht in den nächsten Ferien. Um diese Jahreszeit ist das Hotel ohnehin immer halb leer, obwohl Roger mit seinen Wintersonderangeboten Gäste anzulocken versucht und mit Hochglanzprospekten für die neue »Beauty-Oase« wirbt, bei der es sich im Grunde um den mit neuen Handtüchern ausgestatteten Friseursalon handelt.
Schade, dass Mum und Dad nicht mehr in unserem alten Haus wohnen, in dem Platz für uns alle war, denke ich, als ich über die alte Brücke fahre, die bei Launton unmittelbar vor unserem Dorf auf die andere Flussseite führt. Sie sind vor ein paar Jahren in einen der neuen Bungalows direkt am Golfplatz gezogen, was für Dad ganz praktisch ist, für Mum, die nicht Golf spielt, allerdings weniger. Wenn gerade jemand am fünfzehnten Loch ist, sollte man seinen Tee lieber nicht auf der Terrasse trinken, es sei denn, man legt gesteigerten Wert darauf, dass einem dabei die Golfbälle um die Ohren pfeifen. Folglich konzentriert sich Mum beim Gärtnern ganz auf die Blumenkästen und -tröge auf der Straßenseite und mäht den Rasen hinter dem Haus erst abends bei Einbruch der Dunkelheit, wenn die Golfer im Clubhaus mit ihren neuen Karossen angeben. Unser alter Garten war ihr Ein und Alles.
Ich hatte ganz vergessen, wie sehr ich Aretha Franklin liebe, die bei meiner Ankunft gerade von R.E.S.P.E.C.T. singt. Ich habe gute Lust, gleich mal eine gehörige Portion davon einzufordern, denn Dad guckt ostentativ auf die Uhr, während ich parke. Mum steht neben ihm und wirkt nervös.
»Es ist schon fast halb fünf.«
»Hallo, Dad. Auf der M 25 war viel Verkehr. Mum, soll ich meine Tasche mit reinnehmen oder schlafe ich im Hotel?«
Bitte, lasst mich im Hotel schlafen. Ich bin nicht in der Stimmung dafür, etwaigen Golfbällen auszuweichen.
»Wir dachten, du schläfst bestimmt lieber bei uns, aber wir essen nachher mit Roger und Georgina im Hotel. Ich hatte ja bereits meinen Sheperd’s Pie gemacht, aber Roger meinte, sie hätten irgendetwas organisiert. Ich hoffe, du hast etwas Hübsches zum Anziehen dabei?«
Wirklich jammerschade, dass ich meinen Sari wegge­geben habe.

Heute ist der Tag der Beerdigung und es regnet in Strömen. Leider habe ich gestern beim Abendessen in dem Versuch, meinen Verdruss zu ertränken, ein bisschen zu tief ins Glas geschaut, weshalb mir jetzt der Schädel brummt, als hätte jemand mir eins mit dem Golfschläger übergezogen. Welche Ironie – genau das hätte ich zu gern mit Roger getan, der mal wieder zu Höchstform aufgelaufen war, während seine von Kopf bis Fuß in schimmernden Chiffon gehüllte Angetraute stundenlang von all ihren neuen Outfits für ­diverse »wichtige« gesellschaftliche Ereignisse geschwafelt hat, die in Rogers Krönung als Captain des Golfclubs kulminieren sollen. Zum Glück stand bei unserer Ankunft Sally an der Rezeption und zwinkerte mir aufmunternd zu. Wir sind seit der Schule gute Freundinnen und haben in den ­Ferien gemeinsam Betten gemacht, Cream Tea serviert und dabei mit den Sommerkellnern unsere Flirtfähigkeiten trainiert. Sie leitet mittlerweile den Etagen-und Roomservice und schafft es, Roger die meiste Zeit aus dem Weg zu ­gehen, aber leicht hat sie es sicher nicht.
Der alte Parsons, der gestern im Speisesaal als Oberkellner fungierte, trug denselben glänzenden Anzug wie früher. Roger mag ihn, weil er die Ansicht vertritt, dass sich Hotel­angestellte möglichst untertänig verhalten sollen, insbesondere ihm gegenüber. Was er nicht weiß, ist, dass sich hinter seinem Rücken alle über ihn lustig machen, selbst Mr Parsons. Bei einem von Rogers besonders langweiligen Golfmonologen hat er mir zugezwinkert.
Puh, das wird ein langer Tag heute.
»Bist du so weit, Liebes?«
»Gleich.«
»Dein Vater möchte bald aufbrechen.«
»Okay.«
Dad mustert mich mit schmalen Lippen, als ich in meinem schwarzen Hosenanzug auftauche, beschränkt sich aber darauf, mir einen missbilligenden Blick zuzuwerfen, ehe er zum Auto marschiert. Kaum sitzt er hinter dem Lenkrad, fängt er auch schon an zu hupen, weil Mum für die ­Suche nach ihren Handschuhen mehr als fünf Sekunden benötigt.
»Entschuldige, Schatz, ich konnte sie einfach nicht finden, dabei waren sie ohnehin in meiner Handtasche. Hoffentlich hört es bald auf zu regnen.«
Sie wirkt fahrig.
»Bestimmt, Mum. Und wenn nicht, ist das auch kein Drama.«
Dad schnalzt mit der Zunge.
»Natürlich ist es das. Es werden eine Menge wichtiger Leute zur Beerdigung kommen; bedeutende Persönlich­keiten aus der ganzen Grafschaft. Vorausgesetzt, Bertie hat ­daran gedacht, sie einzuladen. Ich habe ihm eine Liste gegeben.«
»Leute, die Helena gekannt haben?«
»Natürlich. Einige zumindest, aber du weißt ja, wie sie war – die meiste Zeit hat sie ein äußerst unhöfliches Verhalten an den Tag gelegt.«
»Du hast also für Helenas Beerdigung deine eigene Gästeliste zusammengestellt?«
Statt meine Frage zu beantworten, macht er Mum Vor­haltungen, weil sie keinen zusätzlichen Regenschirm mit­genommen hat, den er bei Bedarf etwaigen »bedeutenden Persönlichkeiten« hätte anbieten können, Geschäftsleute aus dem Ort oder Kollegen aus dem Golfclub, die er beeindrucken will. Harrington Hall ist, seinem bedauerlichen ­aktuellen Zustand zum Trotz, nach wie vor mit einem gewissen aristokratischen Nimbus behaftet und die hiesigen Snobs waren stets darauf erpicht, die Besitzer des imposant wirkenden Baus an ihrem endlosen Kreislauf gegenseitiger Essenseinladungen teilhaben zu lassen. Doch Helena hatte keinerlei Interesse daran, die vornehme Gutsherrin zu ­geben. Sie weigerte sich auch, an der sogenannten »Village Garden Safari« teilzunehmen, einer von der Gartenbau­gesellschaft organisierten Veranstaltung, bei der sämtliche Dorfbewohner die Gärten der anderen besichtigen und
Geld für den Gemeindesaal spenden. Und das, obwohl die Gründerin der Gesellschaft eine Harrington war – Helenas Urgroßmutter, soweit ich mich entsinne. »Ich kann sehr gut darauf verzichten, dass ganze Horden dieser grässlichen ­Gestalten in meinem Garten herumlaufen und sich Stecklinge von meinen besten Pflanzen mopsen, sobald ich ihnen den Rücken zuwende«, hat sie oft gesagt. Na, da wäre sie ja bestimmt hocherfreut, wenn sie wüsste, dass Dad ebendiese Gestalten zu ihrer Beerdigung eingeladen hat.
Dad parkt beim Pferdestall und ich registriere verstört die zahlreichen schwarzen Autos in der Auffahrt, die wir auf dem Weg dorthin passieren. Das Haus ist viel größer, als
ich es in Erinnerung hatte, und wirkt ohne die lächelnd in der Tür stehende Helena abweisend, grau und verlassen. Der Anblick des Leichenwagens mit dem über und über mit Rosen bedeckten Sarg versetzt mir einen so heftigen Stich, dass ich beinahe zusammenfahre, als hätte ich einen Stromschlag bekommen. Helena wäre überaus angetan von all den Rosen in ihren Lieblingsfarben – Rosa, Lila, Cremeweiß und Zartgelb. Ich kann förmlich hören, wie sie »Bitte keine roten, das ist so gewöhnlich« sagt und »rote Rosen sind für den Supermarkt und für Romantiker und ich bin weder das eine noch das andere, meine Liebe«. Ich wette, die Gestecke hat Celia gemacht. Sie hat sich jahrelang gemeinsam mit Helena um den Garten gekümmert. Die beiden waren seit der Schulzeit befreundet und haben oft stundenlang gemeinsam im Garten vor sich hin gewerkelt, einmütig schweigend, wie nur wahre Freundinnen es tun. Und jetzt ist sie gestorben, die letzte Harrington. Verdammte Hacke, ich fange gleich an zu heulen, dabei bin ich noch nicht einmal aus dem Auto gestiegen.
Bertie kommt aus dem Haus. Er ist älter geworden und geschrumpft seit dem Sommer. Vom Papagei keine Spur, Gott sei Lob und Dank. Wobei Lola durchaus recht haben könnte – ich glaube, ich überstehe den Tag tatsächlich nur, wenn Betty auftaucht und kurzen Prozess mit Dad macht. Und mit Roger hoffentlich ebenfalls. Bertie ist blass, aber er lächelt.
»Nur herein. Die anderen haben sich drinnen versammelt.«
»Tag, Bertie.«
Ich gebe ihm einen Kuss auf die Wange und er umarmt mich.
»Tag, meine Liebe. Danke, dass du den weiten Weg auf dich genommen hast. Ich wusste, ich kann mich darauf verlassen, dass du kommst und mich vor all diesen grässlichen Menschen rettest. Die meisten kenne ich gar nicht. Irgend so ein aufdringlicher Bursche hat mir eben einen Vortrag über Hühner gehalten.«
»Über Hühner?«
»Ja. Angeblich hat ihm Helena vor ein paar Jahren welche verkauft. Weiß der Himmel, warum er mir das unbedingt auf die Nase binden musste.«
»Wo ist Betty?«
»In der Bibliothek. Soll ich sie holen und den Leuten vorstellen?«
Der Anflug eines Lächelns huscht über sein Gesicht.
»Vielleicht verschieben wir das lieber auf später.«
»Guter Plan, meine Liebe. Hervorragend. Tja, dann mal ran an den Feind. Aber vorher brauche ich noch einen Drink für die Nerven. Trinkst du einen mit?«
»Gern.«
»Ivy ist im Salon und reicht Gläser mit Sherry rum. Henry, Marjorie, geht doch schon mal vor. Ach, Henry, danke für die Gästeliste, aber Helena hatte schon alles vorbereitet. Sie hatte ihre eigene Gästeliste – ohne Listen ging bei ihr gar nichts, wie du weißt – und sie hat mir strengstens verboten, weitere Namen draufzusetzen. Sie wollte nicht, dass wir einen Riesenzirkus veranstalten.«
Ha. Gut gemacht, Helena. Dad ist die Verärgerung deutlich anzusehen.
»Ich dachte eben, ein paar der einflussreicheren Leute aus der Grafschaft würden ihr sicher gern die letzte Ehre ­erweisen.«
Bertie wirft Dad einen ziemlich strengen Blick zu.
»Du meinst wohl, sie würden gern hier herumschnüffeln. Wie gesagt, Helenas Anweisungen waren unmissverständlich. So, immer rein in die gute Stube. Ivy wird sich um euch kümmern. Sie ist mir ein Fels in der Brandung, das muss ich schon sagen. Alle beide, Dennis ebenfalls. Wüsste nicht, wie wir ohne sie zurechtkämen.« Er zögert, wohl weil ihm gerade eingefallen ist, dass es kein »Wir« mehr gibt. Ich lege ihm eine Hand auf die Schulter.
»Komm mit, Molly, wir sagen Betty Hallo und dann kriegst du deinen Kurzen.«
Dad zögert, verspürt aber offenbar keine große Lust auf eine potenziell risikoreiche Begegnung mit dem Papagei, also begibt er sich in den Salon, wo die Leute in Grüppchen herumstehen, an ihrem Sherry nippen und sich in gedämpfter Lautstärke unterhalten.
»Sieh sie dir an. Die wirken auch nicht gerade sonderlich aufgeweckt, oder? Aber das kann durchaus an diesem scheußlichen Sherry liegen. Folge mir unauffällig, meine Liebe. Ich besorg dir einen ordentlichen Drink. Hab erst neulich eine Flasche Schlehen-Gin aufgemacht. Genau das Richtige für einen kalten Tag wie heute.«
»Wunderbar.«
»Guck mal, Betty, wir haben Besuch. Sag Molly Guten Tag.«
Betty begnügt sich zum Glück damit, sich aufzuplustern und auf ihrer Stange auf und ab zu spazieren. Trotzdem bin ich darum bemüht, sie nicht zu provozieren, denn sie fixiert mich mit einem nicht eben freundlichen Blick, während Bertie zwei Gläser mit Gin füllt.
»Wo bleiben denn deine Manieren, Betty? Sag Hallo, du dämlicher Vogel.«
Betty gibt ein Kreischen von sich und beginnt dann,
in ­einer Endlosschleife »Hallo, Dolly, dämlicher Vogel« zu krächzen. Nach einer Weile wechselt sie schließlich zur ersten Zeile des Kinderliedes »Polly, stell mal Wasser auf« und gibt dazwischen durchdringend schrille Pfiffe von sich, genau wie ein Teekessel. Stöhn. Das hatte ich schon völlig vergessen. Als wir im Sommer hier waren, hat sie das auch immer ­gemacht. Die Jungs haben sich schier kaputtgelacht.
»Ich frage mich, warum ich das Vieh eigentlich am Leben lasse. Als Staubwedel wärst du viel nützlicher, hast du gehört, Betty? Halt gefälligst den Schnabel, sonst stauben wir mit dir demnächst die Möbel ab.«
»Polly, stell mal Wasser auf.«
»Kalter Tag heute. Ich lege besser noch etwas Holz nach. Setz dich doch, meine Liebe. Und du sei still, du dummes Federvieh. Helena konnte sie nicht ausstehen.«
»Ich weiß, Bertie.«
»Aber ich glaube, sie hat nur so getan, als ob. Manch-
mal, wenn sie dachte, ich seh es nicht, hat sie Betty einen Apfelschnitz gegeben. Sie hat es sich nicht anmerken lassen, aber insgeheim mochte sie sie doch ganz gern. Alle glauben, ich hätte Betty nach unserer Königin benannt, dabei hatte ich Betty Grable im Kopf, das Pin-up-Girl mit den legendären ›Million Dollar Legs‹. Ich hatte von jeher eine Schwäche für Betty Grable. Helena hat ihr früher ziemlich ähnlich gesehen. Ein heißer Feger, jawohl. Nicht, dass es ­etwas gegen die Beine unserer Königin zu sagen gäbe. Hab sie an Bord der Britannia kennengelernt. Nettes Mädel. Und dieser Philip ist auch schwer in Ordnung. Der weiß, wie man sich amüsiert. Wie auch immer, wo war ich stehen ­geblieben? Ach ja, Betty Grable. Helena hatte dieselbe umwerfende Ausstrahlung wie sie. Eine wahre Augenweide. Atemberaubend. Sie wird mir fehlen, das geb ich unumwunden zu. Aber ich mochte es auch, wenn sie hier mit diesem schauderhaften alten Hut rumlief, den sie immer aufhatte. Ich frage mich, wo der wohl abgeblieben ist …«
Herrje. Plötzlich wirkt er zerstreut und sehr alt, als würde er gleich anfangen, nach Helenas altem Gärtnerhut zu ­suchen.
»Der findet sich bestimmt wieder, Bertie. Und natürlich wird sie dir fehlen, keine Frage. Sie wird uns allen fehlen.«
Ich drücke ihn an mich und er umklammert einen Augenblick ziemlich fest meine Hand.
»Grauenvoller Tag heute.«
»Furchtbar.«
»Trink aus, meine Liebe, damit ich dir nachschenken kann. Und dann sollten wir wohl gehen.«
Wir sitzen noch ein paar Minuten am Kamin und trinken Helenas hervorragenden Schlehen-Gin, der allerdings ziemlich stark ist. Ich hätte ihn wohl nicht so schnell runterstürzten sollen, denn auf einmal habe ich ganz weiche Knie. Oh Gott.
»Polly, stell mal Wasser auf.«
»Wird sie das jetzt den ganzen Tag krächzen, Onkel Bertie?« Er lächelt.
»Gut möglich, meine Liebe.«
»Tja, das ist wohl nicht zu ändern.«
Betty hüpft kreischend auf ihrer Sitzstange herum.
»Verpiss dich.«
Bertie tut, als hätte er es nicht gehört.
»Soll ich dir noch mal nachschenken? Wir brauchen schließlich eine ordentliche Stärkung.«
»Lieber nicht, danke.«
Betty krächzt und schlägt mit den Flügeln.
»Scheiße, Scheiße, Scheiße.«
Du sprichst mir aus dem Herzen, Betty.
Die Beerdigung ist genauso schlimm, wie ich es erwartet hatte, und zugleich wunderschön. Die Dorfkirche ist das reinste Blumenmeer und platzt aus allen Nähten, der Vikar wirkt aufrichtig bewegt und spricht mit großer Warmherzigkeit über Helena. Und dann stehen wir auch schon im eisigen Regen am offenen Grab und werfen schaufelweise Erde hinein. Ich habe mich bei Bertie untergehakt, während die anderen Trauergäste den Friedhof verlassen, um bei ihren Autos zu warten. Mir entgeht nicht, dass sowohl Dad als auch Roger demonstrative Blicke auf ihre Armbanduhr werfen und Georgina aussieht, als würde sie vor Kälte gleich ­anfangen, mit den Zähnen zu klappern. Ihr schicker Steppmantel ist wohl doch nicht so warm, wie sie dachte. Ich selbst kann mittlerweile definitiv meine Zehen nicht mehr spüren. Es schüttet wie aus Eimern.
»Sollen wir schön langsam zum Wagen gehen, Bertie? Du bist schon klatschnass.«
»Gleich, Molly. Gib mir noch eine Minute.«
»Natürlich. Ich warte da drüben auf dich. Hier, nimm du den Schirm.«
»Danke, Molly.«
Er holt etwas aus der Tasche und wirft es ins Grab. Es könnten getrocknete Blüten gewesen sein, aber ich will nicht hinstarren. Danach steht er noch eine gefühlte Ewigkeit allein im Regen da.
Sally gesellt sich zu mir und drückt mich lange an sich. Dann drängen wir uns unter ihrem Schirm aneinander und spähen zu Bertie rüber.
»Der arme Kerl.«
»Danke fürs Kommen, Sally.«
»Ruf an, wenn du das nächste Mal in der Gegend bist, ja? Dann treffen wir uns auf einen ausgiebigen Plausch.«
»Gern.«
Wir umarmen einander noch einmal und drehen uns dann erneut zu Bertie um, der regungslos wie eine Statue am Grab steht.
»Vielleicht solltest du noch mal zu ihm rübergehen.«
»Ein paar Minuten warte ich noch. Andersrum wäre es besser gewesen. Es ist so unfair – Helena wäre hervorragend ohne ihn zurechtgekommen. Okay, hervorragend ist wohl übertrieben, sie hat ihn sehr geliebt, aber sie hätte es eher verschmerzt als er. Für sie wäre das Leben weitergegangen. Sie hätte noch mehr Zeit im Garten verbracht und ansonsten einfach weitergemacht. Aber Bertie … Ich mache mir echt Sorgen um ihn.«
»Na ja, Ivy ist doch auch noch da, nicht?«
»Ja, schon, und Dennis ebenfalls. Glaube ich zumindest. Ivy führt ja schon seit Jahren praktisch den gesamten Haushalt. Sie wird ein Auge auf ihn haben und Dennis wird sich weiter um den Garten kümmern. Bertie wird also nicht allein sein, aber trotzdem … Ich werde nachher mal mit Ivy reden. Sie muss mir versprechen, dass sie mich anruft, wenn es ­Anlass zur Beunruhigung gibt. Oder meinst du, dann fühlt sie sich auf den Schlips getreten?«
Sally tätschelt meinen Arm.
»Nein, im Gegenteil, gute Idee. Sie wird es zu schätzen wissen. Erst letzte Woche hat sie beim Friseur erwähnt, wie sehr sie sich darauf freut, dich zu sehen.«
»Tatsächlich? Das freut mich zu hören. Ich habe immer das Gefühl, dass sie nicht allzu viel von mir hält.«
»Das ist eben ihre Art. In Bezug auf Helena und Bertie war ihr Beschützerinstinkt von jeher sehr ausgeprägt. Vorhin in der Kirche war sie total in Tränen aufgelöst, hast du gesehen?«
»Ja. Dennis hat sie nach Hause gebracht.«
»Es ist auch für sie ein schwerer Verlust. Sie hat Helena sehr verehrt.«
»Das haben wir alle getan. Ich hatte mir vorgenommen, genau wie sie zu werden, wenn ich mal groß bin.«
»Und, wie läuft’s bis jetzt?«
»Ich habe noch gar nicht damit angefangen.«
»Ich auch nicht.«
Wir lächeln uns an.
»Ich rufe dich an. Halt die Ohren steif, Molly.«
»Danke, Sally.«
Ich will gerade zu Bertie rübergehen, da dreht er sich um und kommt langsam auf mich zu.
»Hab ihn doch noch gefunden, ihren Brautstrauß. Hat eine Ewigkeit gedauert, aber ich wusste, sie hat ihn aufge­hoben. Er war in einer Schachtel oben im Dachgeschoss. Was sie dort alles aufbewahrt hat! Sie konnte einfach nichts wegwerfen. Eine richtige Sammlernatur. Ich kann mich noch gut an den Strauß erinnern. Rosen natürlich und noch ein paar andere Blumen, alle weiß ich auch nicht mehr. Ich hab sogar noch den Duft in der Nase. Atemberaubend, wenn auch nicht halb so atemberaubend wie sie an diesem Tag. Mir war ja ganz schön schwummrig, als sie in der Kirche auf mich zukam. Hätte nicht gedacht, dass sie es tatsächlich durchzieht, mit einem Taugenichts wie mir. So, und jetzt hör mir gut zu, meine Liebe, denn das ist wichtig, ja? Ich habe ein paar Blüten aufgehoben. Vom Brautstrauß, meine ich. Sie liegen zu Hause, ganz oben in meinem Schrank, gleich neben meinen Orden. Und ich möchte mit ihnen ­begraben werden. Nicht mit den Orden – die sind mir schnurz –, sondern mit den Blumen. Würdest du dich ­darum kümmern, Molly, wenn es so weit ist?«
»Selbstverständlich, Bertie. Aber lass uns nicht heute da­rüber reden.«
»Gut, aber versprichst du’s mir?«
»Natürlich.«
Er tätschelt mir die Hand.
Oh Gott, ich heule schon wieder.
Ich begleite ihn zum Auto und er besteht darauf, dass ich mit ihm in den Wagen des Bestattungsunternehmers steige. Auf dem Weg hierher sind Roger, Mum und Dad mit ihm gefahren, ich sollte also wohl in eines der anderen Autos steigen. Georgina sitzt bereits im zweiten Wagen, beim ­Vikar und dessen Gattin. Mum und Dad warten ab, Dad wirkt schon recht ungeduldig, aber Bertie will meine Hand partout nicht loslassen. Mittlerweile regnet es noch heftiger und auch der Wind legt zu.
»Allmählich wird es ungemütlich. Sei so gut und steig ein, Molly. Höchst eigenartig, ohne sie nach Hause zu fahren.«
Er fischt etwas aus der Tasche. Es ist eines von Helenas Stofftaschentüchern, mit einem H bestickt, und bei seinem Anblick brennen mir erneut die Augen.
Er drückt meine Hand.
»Ist keine Schande, an einem Tag wie heute Tränen zu vergießen, meine Liebe. Wär doch seltsam, wenn sich keiner einen feuchten Kehricht drum scheren würde. Und sie hatte dich sehr gern. Ausnehmend gern sogar. Hat immer gesagt, was für ein tüchtiges Mädel du doch bist. Wir wären stolz gewesen, wenn wir eine Tochter wie dich gehabt hätten. Sehr stolz sogar.«
Jetzt ist es um meine Fassung endgültig geschehen. Oh Mann, bei mir ist echt Hopfen und Malz verloren. Er hustet und wischt sich über die Augen.
»Ach Bertie, es tut mir so leid.«
»Ausnehmend stolz, jawohl … Nur zu, steig ein.«
Dad wirft mir einen strafenden Blick zu, weil ich meinem Bruder den Platz streitig gemacht habe. Roger, der zögernd neben dem Wagen steht, wirkt ebenfalls ziemlich aufgebracht.
Mum hat wie üblich Sorgenfalten auf der Stirn.
»Ach herrje, und was ist mit Roger?«
Bertie lächelt.
»Na, der kann doch auch woanders mitfahren, es sei denn, er möchte hinter uns herlaufen. Würde ihm guttun. Er sollte ein bisschen abspecken. Liegt bestimmt an seiner Sauferei.«
Dad sieht aus, als würde er gleich explodieren. Als wir endlich im Wagen sitzen, versucht Mum mal wieder die Wogen zu glätten.
»Schöne Messe, nicht?«
Bertie nickt.
»Ja, ist ganz in Ordnung, dieser Vikar. Die meisten sind ja so langweilig, dass einem glatt die Füße einschlafen, aber der ist gar nicht übel. Bisschen jung für einen Vikar. Nun gut, wenn man erst einmal so alt ist wie ich, kommen einem die meisten Leute ziemlich jung vor. Wie geht’s denn der Freundin, die du hin und wieder mitgebracht hast, als du bei uns warst? Lily, oder wie hieß sie noch gleich?«
»Lola? Der geht’s gut, Onkel Bertie. Ich soll dich herzlich grüßen von ihr.«
»Tatsächlich? Schön zu hören an einem traurigen Tag wie heute. Ein quietschfideles Mädel, diese Lola. Mir scheint, die ist kein Kind von Traurigkeit.«
Dad späht nach vorn zum Fahrer.
»Um Himmels willen, Bertie, das ist jetzt wirklich nicht der richtige Zeitpunkt für ein derartiges Geschwätz.«
Mum beginnt in ihrer Handtasche zu wühlen, wie immer, wenn sie nervös ist. Bertie mustert Dad mit einem scharfen Blick.
»Ist doch nichts dagegen einzuwenden, wenn jemand das Leben in vollen Zügen genießt. Frauen von Format wissen eben, wie man sich amüsiert, und lassen es zuweilen krachen. Warum auch nicht? Bestell ihr Grüße von mir, Molly, und sag ihr, es ist sehr liebenswürdig von ihr, dass sie an ­einen alten Knacker wie mich denkt.«
»Mach ich. Sie hat gesagt, sie würde gern mitkommen, wenn wir dich das nächste Mal besuchen, vorausgesetzt, du kredenzt ihr dann einen Gin Sling.«
»Siehst du, genau das meine ich, Henry. Das Mädel weiß einen anständigen Drink zu schätzen. Genau das wollen die Leute. Anständige Drinks, nicht diese halbseidene Plörre, die ihr euren Hotelgästen vorsetzt.«
Dad ist puterrot angelaufen – was nichts Gutes verheißt – und Mum hat inzwischen so oft grundlos ihre Handtasche geöffnet und wieder geschlossen, als wollte sie damit ins Guinness Buch der Rekorde kommen.
»Herrgott noch mal, Marjorie, hör endlich auf, an deiner Handtasche rumzufummeln.«
»Entschuldige, ich hab nur schnell nachgesehen, ob mein Schlüsselbund drin ist. Hab ich dir schon erzählt, dass ich vorige Woche nicht mehr ins Haus kam, Molly? Ich hatte ganz vergessen, dass sich dein Vater meinen Schlüssel ­geborgt hatte, und er war auf dem Golfplatz, also konnte ich ihn nicht stören. Ich musste fast drei Stunden im Wagen warten, bis er endlich nach Hause kam. Zum Glück hatte ich ein Buch aus der Bücherei dabei.«
»Wie oft hab ich dir schon gesagt, du sollst einen Ersatzschlüssel in der Garage deponieren, Marjorie? Häng ein Schildchen dran, dann ist das Problem gelöst. Das solltest doch sogar du hinbekommen.«
Mum sieht aus, als würde sie jeden Moment in Tränen ausbrechen. Allmählich platzt mir der Kragen.
»Super Idee, Dad. Die Einbrecher werden es sehr zu schätzen wissen, wenn sie sich auf diese Weise ganz bequem Zugang zum Haus verschaffen und dann einfach mit euren Sachen davonfahren können. Wahrscheinlich hinterlassen sie dir noch ein Dankesbriefchen und loben dich für deinen ausgeprägten Ordnungssinn.«
Bertie schnaubt belustigt, Dad wirft mir einen bitterbösen Blick zu.
»Natürlich sollte sie nicht ›Haustürschlüssel‹ auf das Schild schreiben, sondern irgendein Codewort. Benutz doch bitte dein Gehirn, Molly.«
Mum reißt schon bei der bloßen Vorstellung, sich ein Codewort ausdenken und einprägen zu müssen, erschrocken die Augen auf.
»Au ja, damit lassen sich Einbrecher garantiert austricksen. Sie würden garantiert niemals auf die Idee kommen, nur für alle Fälle trotzdem auszuprobieren, ob man damit die Haustür aufschließen kann. Mir kommt da gerade eine viel bessere Idee, Mum. Ich schenke dir zu Weihnachten ­einen dieser Schlüsselanhänger, die piepsen können, damit man sie findet. Und wenn sich Dad wieder einmal deinen Schlüssel unter den Nagel gerissen hat, drückst du einfach auf den Knopf am Sender und der Anhänger fängt an zu piepsen. Ich gehe mal davon aus, dass man mit so einem piepsenden Ding in der Hosentasche nicht Golf spielen darf. Das ist bestimmt gegen die Vorschriften. Wetten, dass Dad dann umgehend nach Hause kommt? Oder deinen Schlüssel erst gar nicht mitnimmt.«
Bertie lacht.
»Hervorragender Einfall, Molly. So einen Anhänger hat mir Helena auch mal geschenkt. Hat einen fürchterlichen Krach gemacht, das Ding. Betty hatte es im Nu zerlegt. Vor ihrem kräftigen Schnabel und ihrer Beharrlichkeit ist kein Elektrogerät sicher. Die Fernbedienung für den Fernseher muss ich auch immer verstecken, davon hat sie schon so ­einige auf dem Gewissen. Solltest du im Hinterkopf behalten, Henry. Gegen eine kleine Gebühr stelle ich dir den Vogel gern leihweise zur Verfügung.«
Er zwinkert mir zu.
»So. Gleich sind wir da, meine Liebe.«
Bei unserer Rückkehr wirkt das Haus noch abweisender und düsterer als vorhin und der Wind, der von der Küste her weht, lässt den Regen an die Fensterscheiben prasseln. Auch was den Leichenschmaus angeht, hat sich Bertie eisern an Helenas Anweisungen gehalten. Es gibt lediglich für die ­Familienmitglieder ein Mittagessen – Suppe und Sand­wiches und eine von Ivys leckeren Walnusstorten, was mir gleich wieder die Tränen in die Augen treibt. Wenn wir als Kinder zu Besuch kamen, gab es nämlich immer Walnusskuchen und Helena hat mir jedes Mal ein Stück mit zwei Walnüssen gegeben, während Roger bloß eine bekam. Und jedes Mal hat sie dabei gelächelt. Herrje, ich sollte mich wirklich dringend zusammenreißen und versuchen, Bertie aufzumuntern. Da ist es nicht sonderlich hilfreich, wenn ich in einer Tour weine. Vielleicht war der Gin vorhin doch keine so gute Idee – seither habe ich meine hyperaktiven Tränendrüsen gar nicht mehr unter Kontrolle. Wahrscheinlich wird Gin deshalb im Volksmund »Mutters Ruin« ­genannt. Ich komme mir vor wie ein Wasserkraftwerk – Schleusen auf, Schleusen zu.
»Soll ich den Kaffee im Salon servieren, Mr Bertie?«
»Ja, bitte, Ivy.«
»Ach ja, Mr Crouch ist da. Dennis bereitet gerade alles mit ihm vor.«
»Gut, danke.«
Sie nickt, dann dreht sie sich zu mir um und nickt auch mir einmal kurz zu. Ich versuche zu lächeln. Müde sieht sie aus. Es war ein anstrengender Tag. Nicht nur für sie, für uns alle.
Bertie steht auf.
»Wenn ihr mir dann bitte alle in den Salon folgen ­würdet … Der Anwalt ist da. Ich dachte, wir bringen das mit dem Testament am besten gleich hinter uns. War eigentlich Helenas Idee. Sie hat alles bis ins kleinste Detail durchgeplant, wie üblich.«
Roger wirkt erfreut, dass wir nun endlich zu dem Teil kommen, der ihn am meisten interessiert. Bertie wird definitiv der neue Besitzer von Harrington Hall. Bislang hatte er wegen irgendeines komplizierten Testaments keinerlei Ansprüche darauf. Ich wette, Dad und Roger hoffen, ihn davon überzeugen zu können, dass er ihnen das Anwesen spottbillig verkauft, damit sie es sanieren oder zu Ferienwohnungen umbauen können. Weiß der Geier, was für Pläne die beiden schmieden, aber ich bin überzeugt, am Ende würde Bertie als Verlierer dastehen. Wobei ich das Gefühl habe, dass
sie ihn unterschätzen. Er hat immer gern hier gelebt und außerdem war Harrington Hall seit Generationen im Besitz von Helenas Familie. Seit ihr Bruder im Krieg gefallen ist, war sie die letzte einer langen Reihe von Harringtons. Ich glaube kaum, dass er das Haus verkaufen will. Und ich werde mich auf jeden Fall für ihn und seine Interessen einsetzen, selbst wenn Dad dann stinksauer auf mich ist.
Ich helfe Ivy, die Teller einzusammeln, doch Bertie folgt mir in die Küche.
»Ohne dich können wir nicht anfangen, meine Liebe. Und ohne Sie auch nicht, Ivy. Wir haben unsere Anweisungen. Und Molly, ich möchte dir nur sagen, dass Helena und ich über alles gesprochen haben und uns einig waren. Also, sei so gut und komm mit, ja? Bringen wir’s hinter uns, ­damit dann endlich Ruhe einkehren kann.«
Herrje, ich wette, er redet über das Collier. Georgina wird ausflippen. Sie ist seit Jahren scharf darauf. Helena hat ­immer behauptet, das sei das einzige brauchbare Schmuckstück, das sie besitzt. Sie hat es von ihrer Mutter geerbt – es besteht aus Diamanten im Rosenschliff und ein paar wunderschönen Smaragden. Als ich noch klein war, hat sie es mir gelegentlich gezeigt, wenn sie mich belohnen wollte. Sie bewahrte es in einer abgegriffenen weißen Lederschatulle auf, zusammen mit einem silbernen Rahmen, auf dem man es befestigen konnte, um es zu einem Diadem umzufunktionieren, und einem winzigen Schraubenzieher in einem kleinen Samtbeutel. Helena bürstete mir die Haare und setzte mir das Diadem auf und ich saß regungslos da und lauschte ihr, während sie von langen Seidenkleidern und festlichen Bällen mit Musik und Kerzenlicht im ganzen Haus
erzählte. Weiß der Geier, zu welchem Anlass ich das Ding je tragen soll, aber es würde mich natürlich freuen, wenn sie es mir tatsächlich vermacht hat.
Ivy tätschelt mir den Arm.
»Ganz recht, Mr Bertie. Wir bringen gleich den Kaffee.«
Sie übergibt mir ein mit Tassen und Untertellern beladenes Tablett.
»Passen Sie gut darauf auf, Miss Molly. Das Teeservice ist antik, Royal Worcester, ziemlich mühsam zum Spülen mit diesen Henkeln. Aber ich dachte, das passt für heute. Wir müssen nur zusehen, dass hinterher wieder alles heil im Geschirrschrank landet.«
»Es ist wunderschön, Ivy.«
Ehrlich gesagt finde ich das Geschirr mit seinen goldenen Henkeln und den prallen Früchten ziemlich scheußlich.
»Ich hole nur noch schnell die Milch, dann komme ich. Wird wohl ein paar überraschte Gesichter geben und einige gute Neuigkeiten, aber mehr sage ich nicht.«
Na dann. Ich hoffe nur, es geht keine dieser hässlichen Tassen zu Bruch, sonst zieht sie womöglich mich dafür zur Verantwortung.
»Guten Nachmittag allerseits. Ich lege nur schnell das Band ein, dann kann es losgehen.«
Mr  Crouch macht sich an den Kabeln eines vorsintflut­lichen Videorekorders und eines ebenso vorsintflutlichen Fernsehers zu schaffen. Plötzlich flackert der Bildschirm und ehe er wieder schwarz wird, ist ganz flüchtig Helena zu sehen, auf dem Sofa thronend, auf dem Mum und Dad jetzt sitzen.
Oh Gott. Ich hätte vor Schreck beinahe das Tablett fallen lassen. Während der Anwalt weiter an den Kabeln fummelt, reiche ich die Tassen herum und Ivy schenkt Kaffee aus.
»So, ich glaube, jetzt kann es losgehen, vorausgesetzt, es sind alle so weit?«
Ich setze mich. Aller Augen sind auf den Fernseher ­gerichtet, der nun erneut Helena zeigt. Sie trägt eines ihrer schönsten Sommerkleider, die nur am Sonntagnachmittag zum Tee zum Einsatz kamen. Sonst war sie stets in aus­gebeulten Baumwollhosen und einer alten Gartenjacke anzutreffen, aus deren Taschen rollenweise Bast- und Juteschnur und ihre Lieblingsgartenschere hervorlugten. Herrje, ich bin schon wieder den Tränen nahe, dabei haben wir noch gar nicht richtig angefangen.
»Läuft das Ding?« Helena späht zu jemandem hinter der Kamera, vermutlich Mr Crouch. »Gut. Ich habe nämlich nicht den ganzen Tag Zeit. Der Garten ruft. Am besten komme ich gleich zum Punkt. Aber vorher möchte ich noch sagen, dass ich das alles mit Bertie besprochen habe, und er ist ganz meiner Meinung. Ob er sich an alles erinnern wird können, steht natürlich auf einem anderen Blatt. Deshalb habe ich beschlossen, euch meinen letzten Willen über dieses Videodingsda mitzuteilen, damit ihr es sozusagen aus erster Hand erfahrt. Selbstverständlich hat Mr Crouch auch alles schriftlich festgehalten, damit es keine Missverständnisse gibt. Also, das Wichtigste zuerst: Harrington Hall geht komplett an Molly. Jawohl, an dich, Molly. Du sollst das Haus und das gesamte Anwesen erhalten, meine Liebe, oder zumindest das, was davon übrig ist, unter der Bedingung, dass du es nicht verkaufst, solange Bertie noch am Leben ist. Beziehungsweise, solange er im Vollbesitz seiner geistigen Fähigkeiten ist. Wobei zugegebenermaßen die Frage ist, wie du das beurteilen sollst, wenn er Tag und Nacht mit seinem dämlichen Papagei in der Bucht auf Patrouille ist. Sollte er irgendwann total durchdrehen, dann kannst du ihn in ein Heim stecken und das Anwesen verkaufen. Meinen Segen hast du. Aber sieh zu, dass du ihn irgendwo unterbringst, wo er in guten Händen ist. Ein paar dieser Einrichtungen sind ja das reinste Gruselkabinett. Da würde man nicht einmal einen Hund unterbringen. Aber ich weiß, ich kann da­rauf zählen, dass du die richtige Entscheidung triffst, und wie gesagt, wenn er eines Tages nicht mehr weiß, wie er heißt, dann nur zu. Ansonsten hat er in Harrington Hall das Wohnrecht auf Lebenszeit. Tut mir leid, meine Liebe; mir ist klar, dass er für dich eine ebenso große Belastung darstellen wird wie für mich.« Sie bricht kurz ab und ihre Miene wird weich. »Aber ich weiß auch, dass du dich um ihn kümmern wirst. Sieh zu, dass für sein leibliches Wohl gesorgt ist und dass er nicht allzu viel Unsinn anstellt. Viel Glück, du wirst es brauchen. Und lass dich bloß nicht von ihm in den Wahnsinn treiben.«
Wieder legt sie eine kurze Pause ein und späht über den Rand ihrer Brille hinweg in die Kamera, gerade so, als säßen wir uns gegenüber. Als wollte sie meinen Gesichtsausdruck sehen. Ich stehe so unter Schock, dass ich nicht weiß, was ich tun soll. Bertie zwinkert mir zu. Himmelkreuzdonnerwetter, ich glaube, ich kippe gleich aus den Latschen, so flau ist mir nach dieser Enthüllung. Ein Glück, dass ich meine antike Teetasse vorhin abgestellt habe. Die läge jetzt garantiert in Scherben auf dem Boden.
Mum lässt zum x-ten Mal den Verschluss ihrer Handtasche auf- und zuschnappen und wirkt fast genauso geschockt wie ich.
»Marjorie, ich hoffe, du nimmst es mir nicht übel, aber ich hinterlasse Molly auch das Diamantcollier, damit sie es verkaufen kann. Ich selbst hab’s ja nicht übers Herz ­gebracht. Sentimentaler Humbug natürlich, aber Molly, verkauf es. Du wirst das Geld dringend brauchen, um einige Renovierungen zu finanzieren. Ein paar sind weiß Gott längst überfällig. Allein die Heizkostenabrechnung wird dir die Tränen in die Augen treiben. Aber ich bin überzeugt, du wirst die vor dir liegenden Herausforderungen bravourös meistern. Tja, ihr habt bestimmt erwartet, dass Bertie das Haus bekommen würde, das ist mir klar, und ich bin sicher, Marjorie hätte ihn bei der Erhaltung von Harrington Hall nach Kräften unterstützt, schließlich ist sie seine Schwester, aber ich wusste auch, wenn ich das Anwesen an Bertie vererbe, dann treibt früher oder später dieser grässliche Mensch ­damit sein Unwesen.«
»Dieser grässliche Mensch« ist Helenas Bezeichnung für meinen Vater.
»Und so leid es mir tut, Marjorie, aber bei der Vorstellung, Henry und Roger könnten Harrington Hall in die Finger kriegen, insbesondere meinen Garten, kam mir das kalte Grausen. Sie sind herz- und gewissenlos und haben null Sinn für Geschichte. Der einzige Wermutstropfen war dein Armleuchter von Ehemann, Molly, aber den bist du ja jetzt zum Glück los. Somit hat sich nun alles perfekt gefügt. Mir ist absolut rätselhaft, warum du diesen aufgeblasenen Langweiler überhaupt geheiratet hast, wenn du mir die Bemerkung erlaubst. Er war weiß Gott nicht der Richtige für dich und ich fand es äußerst befremdlich, dass du dir ausgerechnet so eine Schlaftablette aufgehalst hast, meine Liebe. Lass künftig bloß die Finger von solchen Burschen. Ich verstehe auch nicht, wie deine Mutter es all die Jahre mit deinem ­Vater ausgehalten hat. Es wäre besser für alle Beteiligten, wenn sie ihn in den Wind schießen würde. Nur im übertragenen Sinne natürlich. Ja, mir ist bewusst, dass ich mal wieder schrecklich unhöflich bin, aber wenn man nicht einmal nach seinem Tod ein paar Leute beleidigen darf, wann dann? Und ich muss sagen, ich genieße es sehr. Es war durchaus ein Schock, als ich erfahren habe, dass demnächst der letzte Vorhang fällt, schließlich hatte ich immer angenommen, ich würde Bertie überleben. Tja, aber irgendwann erwischt es uns alle und ich war zumindest vorgewarnt und konnte noch meine Angelegenheiten in Ordnung bringen. Und
seit ich mich an den Gedanken gewöhnt habe, finde ich ihn eigentlich sogar ganz befreiend. Gut, mein Garten wird mir fehlen, das lässt sich nicht ändern.«
Oh Gott, sie wusste, dass sie nicht mehr lange zu leben hatte? Das macht es irgendwie noch schlimmer. Wir dachten, sie wäre an einem Herzinfarkt gestorben. Dennis hat sie im Garten gefunden und in gewisser Weise war das der perfekte Abgang für Helena. Aber sie muss schon seit geraumer Zeit informiert gewesen sein.
Roger sitzt mit leicht geöffnetem Mund da und Dad ist über das Stadium der Entrüstung sichtlich weit hinaus und droht jeden Moment vor Wut zu platzen.
»Ich werde keine Minute länger hier sitzen und mir ­diesen Unsinn anhören. Schalten Sie das aus und lesen Sie uns das verdammte Testament vor. Es muss einen Weg ­geben, es anzufechten. Es ist lächerlich, ach, was sage ich, unverantwortlich, Molly eine derart wertvolle Immobilie anzuvertrauen. Harrington Hall sollte in den Besitz der ­gesamten Familie übergehen. Diesbezüglich waren wir uns alle einig. Helena war ganz offensichtlich schon etwas verwirrt.«
Mr Crouch hält das Video an.
»Meine Instruktionen waren glasklar. Ich darf Ihnen allen eine Fotokopie des Testaments aushändigen, nachdem wir das Band zu Ende angesehen haben, und, mit Verlaub, ich bin überzeugt, Sie werden keinerlei triftige Gründe finden, das Testament anzufechten.«
Er mustert Dad mit einem ziemlich strengen Blick.
»Also gut, dann machen Sie um Gottes willen weiter.«
Mr Crouch lässt das Video weiterlaufen.
»Ich zähle auf dich, Molly. Lass deinen Vater nicht übernehmen. Du hast ihm ja von jeher recht mutig die Stirn ­geboten und Bertie wird dir helfen. Er hat sich noch nie von anderen auf der Nase herumtanzen lassen. Nicht umsonst hat man ihm den Admiralstitel verliehen. Wobei der, glaube ich, nur an Bord eines Schiffes gilt … Nun, ich bin sicher, das lässt sich bei Bedarf arrangieren. Aber sorg um Himmels willen dafür, dass diese lächerliche Kanone bleibt, wo sie ist. Es waren vier Männer und ein riesiger Laster vonnöten, um das vermaledeite Ding dort zu platzieren, wo es jetzt steht. Weiß der Himmel, was geschähe, wenn er versucht, es auf ein Schiff zu verfrachten. So, und jetzt muss ich weitermachen. Meine Stecklinge müssen in die Erde. Die Einzelheiten stehen in den Unterlagen, und sei gewarnt, Henry, ich habe bereits eine dieser ruinös teuren Firmen in London damit beauftragt, sie auf Herz und Nieren zu prüfen. Es ist alles absolut wasserdicht. Ach ja, eins noch: Ivy und Dennis dürfen mietfrei in ihrem Cottage wohnen, solange sie wollen. Die beiden kann man nicht mit Gold aufwiegen. Sollten sie es irgendwann nicht mehr benötigen, fällt es an Molly zurück. Ivy wird dich einarbeiten, Molly, aber lass dich von ihr nicht zu sehr rumkommandieren. Führ das B&B weiter, wenn du magst, es schwemmt ein bisschen Geld in die Haushaltskasse und bringt Leben in die Bude und Ivy er­ledigt den Großteil der anfallenden Arbeit. Aber sei streng mit den Gästen, ja? Wenn du einen guten Rat von mir hören willst, dann ignorier sie, so gut es geht. Ivy zeigt dir, was zu tun ist. Und Dennis hält den Garten in Schuss. Allerdings solltest du ihm bei der Planung der Pflanzenarrangements auf die Finger schauen. Er hat die Angewohnheit, sämtliche Pflanzen in schnurgeraden Reihen anzuordnen, sodass sie in Reih und Glied stehen wie Soldaten bei einer Militär­parade. Schauderhaft. Diese Aufgabe überlasst ihr besser Celia, die kennt meine Aufzeichnungen und wird auf alles ein Auge haben. Ich werde ihr einiges hinterlassen, unter anderem meine Gartenschere, die sie sich ohnehin immer unter den Nagel zu reißen versucht. Ich bin sicher, sie wird dir gern mit Rat und Tat zur Seite stehen. Und was das Haus angeht, hast du freie Hand, Molly. Ich wünsche dir viel Glück; du wirst es, wie gesagt, sicher brauchen. So, ich glaube, das wäre dann alles. Schalten Sie dieses Ding aus. Ich muss mich umziehen gehen. In diesem Aufzug kann ich unmöglich in den Garten.«
Der Bildschirm wird schwarz, es herrscht Schweigen.
»Gütiger Himmel.«
Damit hat Roger ausnahmsweise einmal genau die passenden Worte gefunden.

Auch während Mr Crouch allen Anwesenden eine Kopie des Testaments überreicht, herrscht betretenes Schweigen. Dad bringt vor Empörung kein Wort mehr heraus. Schließlich steht Roger auf und marschiert hinaus, gefolgt von Georgina. Gleich darauf legt er auf dem Platz vor dem Haus einen Kavaliersstart hin, bei dem ein Sprühregen aus Kieselsteinchen auf Dads Auto herniedergeht. Puh. Mr Crouch sagt, ich soll mir die ganze Gelegenheit gründlich durch den Kopf gehen lassen, bevor er sich dann mit mir in Verbindung setzt, um ein paar Details zu besprechen. Mum verabschiedet sich mit einem zaghaften Winken von mir, ehe sie zu Dad ins Auto steigt und dieser, noch immer vor Wut schäumend, davonbraust.
Ivy steht mit vor der Brust verschränkten Armen in der Tür. »Ein Glück, dass wir den los sind«, brummt sie, dreht sich um und begibt sich in die Küche.
»Danke für Ihre Hilfe heute, Ivy.«
»Gern geschehen, Miss Molly.«
»Ivy, bitte nennen Sie mich auch weiterhin einfach Molly, ja?«
»Mal sehen. Und, werden Sie’s tun?«
»Was?«
»Werden Sie hierherziehen und sich um Mr Bertie kümmern? Ihre Tante hat fest mit Ihnen gerechnet. Sie werden natürlich alle Hände voll zu tun haben mit ihm, schon weil er bei Wind und Wetter draußen rumvagabundiert und da­rüber völlig die Zeit vergisst. Und dann sind da ja auch noch die B&B-Gäste. Nicht, dass wir so furchtbar viele hätten, schon gar nicht im Winter. Wie auch immer, es gibt jede Menge zu tun.«
»Ich habe mich noch nicht entschieden, Ivy. Ich muss mir das alles erst einmal gründlich durch den Kopf gehen lassen.«
»Nun, Sie können jedenfalls auf Dennis und mich zählen.«
»Ich weiß. Vielen Dank, Ivy.«
Sie nickt.
»So, ich muss wieder an die Arbeit, die Tassen spülen sich nicht von selbst. Sie hat immer gesagt, ich kann sie ruhig in die Spülmaschine stellen, aber ein so wertvolles Teeservice tut man nicht in den Geschirrspüler, jedenfalls nicht, wenn es noch eine Weile halten soll.«
»Ich gehe mich nur schnell von Bertie verabschieden.«
»Er ist in der Bibliothek und unterhält sich mit diesem ­albernen Vogel.«
Sie verdreht die Augen.
Bertie sitzt am Kamin und sieht aus, als wäre er im Begriff einzunicken.
»Ich muss los, Onkel Bertie, aber ich rufe dich nachher an.«
»Ist gut, meine Liebe. Das kam wohl ziemlich über­raschend für dich, hm? Na ja, wir schaffen das schon irgendwie.«
»Natürlich. Ich muss mir nur überlegen, was für alle ­Beteiligten das Beste ist. Aber ich werde schon bald wie-
der herkommen, vielleicht am Wochenende, damit wir
alles besprechen können und alle Details in Betracht ziehen.«
»Mit Details hab ich’s nicht so, dafür war von jeher Helena zuständig. Ich bin sicher, du wirst die richtige Entscheidung treffen, wie auch immer sie lauten mag. Und jetzt werde ich, glaube ich, einen kleinen Spaziergang machen. Ich war den ganzen Tag noch nicht in der Bucht. Wo ist eigentlich mein Mantel? Hab ihn vorhin schon gesucht, aber er ist wie vom Erdboden verschluckt.«
Ich schätze mal, den hat Ivy versteckt, weil sie nicht will, dass Bertie bei diesem Wetter draußen rumläuft. Es ist schon fast dunkel und eisig kalt.
»Keine Ahnung, Onkel Bertie. Ich hab ihn jedenfalls nicht gesehen. Ich rufe dich an, sobald ich zu Hause bin, ja?«
»Ja, mach das, meine Liebe. Wobei es gut sein kann, dass ich da gerade auf Patrouille bin.«
»Wiedersehen, Betty.«
»Verpiss dich. Dämlicher Vogel.«
Ganz meine Meinung.
Bis ich mich auf den Nachhauseweg mache, hat die Wirkung des Gins zum Glück nachgelassen, zumal ich vor Fahrtantritt bei Mum noch einen gefühlten Liter schwarzen Kaffee in mich reingekippt habe. Sie war reichlich wortkarg und Dad redet gar nicht mehr mit mir, als hätte ich mir ­irgendetwas zuschulden kommen lassen. Ich bin mehr als erschöpft und zudem so verwirrt, dass ich kaum einen klaren Gedanken fassen kann. Helena hat also beschlossen, dass ich nach Devon ziehen soll, schön und gut, aber was
ist mit den Jungs? Was ist das Beste für sie? Und sollte ich Helenas Wunsch nicht nachkommen, was passiert dann mit Harrington Hall? Roger und Dad würden gleich eine Flasche Schampus köpfen und überlegen, wie lange es wohl dauern wird, Bertie zum Verkauf zu bewegen. Das darf ich nicht ­zulassen. Es wäre nicht fair. Ein Umzug nach Devon
wäre ­zugleich ein idealer Neuanfang für uns alle und damit wäre auch gleich die Frage, wo wir künftig wohnen sollen, ­geklärt. Bei Onkel Bertie gibt es zumindest genügend Zimmer für uns alle und es war schon immer mein Wunsch, den Jungs etwas mehr Platz zu bieten, eine Kindheit auf dem Land, in einem weniger von der Großstadthektik gepräg-
ten Umfeld. Aber was, wenn es ihnen dort nicht gefällt? Und wovon sollen wir leben? Helena hat das B&B nur betrieben, um sich neue Pflanzen leisten zu können. Drei heranwachsende Jungs kann man davon wohl kaum ernähren. Ich könnte mir natürlich vor Ort eine Stelle als Aushilfslehrerin suchen, aber es ist grauenhaft, immer nur als Vertretung für kranke Kollegen einzuspringen, und ich kann Ivy nicht die alleinige Verantwortung für Onkel Bertie und die Jungs übertragen, von diesem verfluchten Papagei ganz zu schweigen. Zugegeben, sie ist gut, aber sie ist nicht Superwoman. Oh Gott.
Ich halte an einer Autobahnraststätte, um mir einen Kaffee zu holen und das zu tun, was ich immer tue, wenn ich im Begriff bin, in Panik auszubrechen. Ich danke Gott für die Erfindung des Mobiltelefons.
»Lola?«
»Hallo, Molly. Na, wie war’s? Wahrscheinlich grauenvoll, oder?«
»Ja, der reinste Horror. Wobei die Beerdigung noch
ganz okay war. Die Kirche war wunderschön mit Blumen ­geschmückt und voll von Leuten, denen wirklich etwas an ihr lag. Danach war gleich die Testamentseröffnung. Helena hat ihren letzten Willen höchstpersönlich verkündet, per ­Videokassette.«
»Ist ja gruselig. Wobei mir die Idee irgendwie gefällt. Auf diese Weise hat man zumindest noch einmal das letzte Wort.«
»Allerdings. Und das hatte es echt in sich.«
»Cool. Was hat sie denn gesagt? Ich wette, sie hat dir
ihr Diamantcollier hinterlassen, stimmt’s? Die gute alte Helena.«
»Na ja …«
»Klingt, als wärst du ganz schön durch den Wind, Süße. So schlimm kann es doch wohl nicht sein. Sie hat dich vergöttert, das war offensichtlich. Also, was hat sie dir vererbt? Bestimmt etwas, das dich an sie erinnern soll.«
»Bertie.«
»Was?«
»Sie hat mir Onkel Bertie vererbt.«
Ich heule schon wieder.
»Süße, bitte beruhige dich, du kriegst das schon irgendwie hin. Wobei ich beim besten Willen nicht wüsste, wo du ihn unterbringen sollst. Tja, eines ist dann wohl klar: Du wirst dich nach einem größeren Haus umsehen müssen. Hast
du das Collier jetzt gekriegt oder nicht? Dafür bekommst du ­bestimmt einen ordentlichen Batzen Geld, wenn du es verkaufst. Und das Angebot, dass du dir von mir etwas borgen kannst, steht natürlich noch.«
»Nein, das hast du falsch verstanden. Neben Onkel Bertie hat sie mir auch Harrington Hall vermacht, das Haus und das ganze Anwesen. Weißt du noch, was du gestern gesagt hast, von wegen Käseproduktion und so? Würdest du mir ­erklären, wie man so etwas auf die Beine stellt? Ich habe von solchen Dingen nämlich keinen blassen Schimmer.«
»Ach, du Scheiße.«
»Das kannst du laut sagen.«
»Das ganze Haus? Du meine Güte, das ist bestimmt ein Vermögen wert. Ich wette, dein Dad ist fuchsteufelswild.«
»Das ist die Untertreibung des Jahrhunderts.«
»Ich danke dem Himmel, dass Helena auf diese glorreiche Idee gekommen ist. Es war höchste Zeit, dass du auch mal ein bisschen Glück hast. Ich wusste immer, dass sie genial ist, aber so viel Genialität hätte selbst ich ihr nicht zugetraut. Ha, und gerade fällt mir noch etwas absolut Geniales ein.«
»Was denn?«
»Stell dir mal Petes Gesicht vor, wenn ihm das zu Ohren kommt.«
»Daran habe ich noch gar nicht gedacht.«
»Er wird ausflippen. Kaum hat er dich und die Jungs ­verlassen und sich mit diesem Stepford-Klon als Stütze des Establishments etabliert, erbst du eine stattliche Villa auf dem Land und wirst Gutsherrin. Das ist fast zu schön, um wahr zu sein!«
»Von wegen stattlich – Harrington Hall befindet sich in einem Stadium fortgeschrittenen Zerfalls. Im Winter ist es in dieser Bude eiskalt, und wenn es regnet, muss man unter den Löchern im Dach der Mansarde Töpfe und Pfannen ­aufstellen. Ich bezweifle, dass das B&B genug für Bertie ­abwirft, ganz zu schweigen von den Jungs und mir.«
»Du Ärmste! Mir kommen gleich die Tränen. Du besitzt ab heute einen Privatstrand! Und dazu ein wunderschönes Haus, Helenas Garten, ein Wäldchen und eine Viehweide! Das Einzige, was du noch tun musst, ist ein bisschen Speck grillen.«
»Ich fürchte, damit ist es nicht getan, Lola. Und außerdem gehört es mir nicht, jedenfalls nicht richtig. Ich soll das Anwesen bloß verwalten.«
»Wenn sie es dir vererbt hat, dann gehört es dir auch, meine Liebe. Und außerdem wird dir doch diese Haushälterin zur Hand gehen, nicht?«
»Ivy? Ja, Gott sei Dank. Und Dennis ebenfalls. Aber auch das hat einen Haken: Ivy hat ihre eigenen Vorstellungen und sie wird nicht wollen, dass sich irgendetwas ändert.«
»Na ja, sie wird sich wohl oder übel damit abfinden müssen, oder? Schließlich bist du die neue Gutsherrin.«
»Bitte hör auf damit, Lola, das ist nicht hilfreich. Und was ist mit den Jungs? Was, zum Geier, soll ich denen sagen?«
»Du wolltest doch ohnehin raus aus der Stadt.«
»Schon, aber doch, verdammt noch mal, nicht gleich an die Küste von Devon, in ein Kaff am Arsch der Welt, in dem meine beknackten Eltern praktisch nebenan wohnen.«
»Kannst du mir noch mal schildern, wie wütend genau dein Dad war, sagen wir, auf einer Skala von eins bis zehn?«
»Dreihundertsechsundfünfzig.«
»Ausgezeichnet. Tja, da sieht man’s mal wieder, man sollte sich immer gut überlegen, was man sich wünscht.«
»Das brauchst du mir nicht zu sagen. Ich wäre nie und nimmer auf die Idee gekommen, mir so etwas zu wünschen und …«
»Und nichts, Süße. Hör gefälligst auf zu jammern. Das Schicksal hatte endlich ein Einsehen mit dir, also freu dich einfach drüber. Sieh das Ganze als ein Abenteuer. Im Grunde ist es genau das, was du brauchst. Und reservier mir ein Zimmer, als dein erster offizieller Gast.«
»Okay, ich überleg’s mir.«
»Von wegen. Du wirst das gefälligst durchziehen, und wenn ich dich höchstpersönlich hinfahren und in den Weinkeller sperren muss. Gibt es auf Harrington Hall überhaupt einen Weinkeller? Na, wie auch immer, es wird großartig.«
»Es gibt einen. Weißt du nicht mehr, wie sich Roger mal dort versteckt hat? Wir haben den Wein verkostet, betrunken Verstecken gespielt und so getan, als könnten wir ihn nicht finden.«
»Ach ja, richtig. Okay, also, ich schreibe gleich mal eine Liste.«
Herrje, wenn Lola erst anfängt, ihre Listen zu schreiben, gibt es kein Entkommen mehr.
»Ich schreibe mir meine Listen schon selbst, vielen Dank.«
»Kannst du gerne machen, wenn du willst, aber ich habe meine schon angefangen. Du brauchst ordentliche Bettwäsche für das B&B. Komm mir bloß nicht mit diesem Polyesterdreckszeug. Und eine ordentliche Ausstattung für die Bäder – Bioseife, schöne Kerzen und so weiter. Ein Glück, dass ich eine Expertin in Sachen Luxuskosmetika bin. Ich wusste doch, dass mir das eines Tages noch nützlich sein würde.«
»Hör sofort auf, sonst bekomme ich eine Panikattacke.«
»Nur zu, ich schreibe inzwischen weiter an meiner Liste. Ich maile sie dir dann. Ruf mich an, sobald du zu Hause bist.«
»Ich hasse dich, Lola. Ganz ehrlich.«
»Reservier mir ein Zimmer, Süße. Dein erster Gast.«
Verflixt und zugenäht. Als hätte ich nicht schon genügend Sorgen, habe ich jetzt auch noch Lola, den anspruchsvollsten Gast der Welt, an der Backe, dabei wusste ich bis vor fünf Stunden noch gar nicht, dass ich demnächst eine Frühstücks­pension führen würde.
»Ruf mich nachher an. Ach ja, noch etwas …«
»Was?«
»Ich will frisch gepressten Orangensaft, keinen ekelhaften Nektar aus dem Tetrapack, okay? Soll dir meine Sekretärin eine Liste faxen?«
»Lola, du bist mir wirklich alles andere als eine Hilfe.«
»Tief durchatmen, Süße.«
»Ich bin nicht sicher, ob das so eine gute Idee ist, weil ich nämlich bereits hyperventiliere.«
»Gut, dann eben flach atmen. Hast du eine Papiertüte zur Hand?«
»Nein, zufällig nicht. Tut’s meine Handtasche auch?«
»Eher nicht. Die Gefahr, dass du etwas verschluckst, ist viel zu groß.«
»Das würde irgendwie zu diesem Tag passen.«
»Okay, dann hol einfach ein paar Mal ganz bewusst Luft und denk an etwas Entspannendes. Ich weiß auch schon was: Petes Gesicht, wenn er die frohe Kunde vernimmt.«
»Hm, das könnte tatsächlich helfen. Zumindest ein bisschen.«
»Ich wäre zu gern dabei, wenn er es erfährt. Sieh zu, dass du es ihm persönlich sagst, damit du seine Reaktion live miterleben kannst. Ich versichere dir, das ist die Mühe wert.«
Lächelnd kehre ich zum Auto zurück. Zugegeben, es ist die Art von Lächeln, die jederzeit in hysterisches Schluchzen umschlagen kann, aber immerhin.

Über Mary Lewis

Biografie

Mary Lewis, geboren 1968 in Kent, ist eine begeisterte Landschaftsarchitektin, und wenn sie nicht gerade an märchenhaften Entwürfen für üppige südenglische Privatgärten arbeitet, widmet sie sich in ihrem Cottage der Schriftstellerei. Sie lebt mit ihrer Tochter und einem frechen Jack Russell Terrier...

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