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Rote Belladonna (Die Apothekerin ermittelt 2)Rote Belladonna (Die Apothekerin ermittelt 2)

Rote Belladonna (Die Apothekerin ermittelt 2)

Jürgen Seibold
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Die Apothekerin ermittelt

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Rote Belladonna (Die Apothekerin ermittelt 2) — Inhalt

Die Dosis macht das Gift – Apothekerin Maja Ursinus ermittelt in ihrem zweiten Fall.
Ein Todesfall in Zusammenhang mit Globuli führt Maja Ursinus nach Marburg. Undercover ermittelt sie in der Salus-Apotheke, deren Besitzerin für ihre homöopathische Expertise bekannt ist. Ist Elisabeth Wenderoth ein tödlicher Fehler unterlaufen? Oder hat jemand ihre Arznei absichtlich manipuliert? Maja erkennt, dass die Marburger Apothekerin mehr Feinde hat, als sie zugeben will. Schreckt einer von ihnen auch vor Mord nicht zurück? Als es einen weiteren Vorfall gibt und ein Kind in Lebensgefahr schwebt, wächst der Druck. Maja Ursinus muss schnell handeln, bevor es noch mehr Tote gibt …

Nach „Schwarzer Nachtschatten“ der zweite Fall für die Apothekerin und Giftpflanzenexpertin Maja Ursinus, hochspannend und hervorragend recherchiert von SPIEGEL-Bestsellerautor Jürgen Seibold!

€ 11,00 [D], € 11,40 [A]
Erschienen am 30.11.2020
272 Seiten, Klappenbroschur
EAN 978-3-492-31379-7
Download Cover
€ 9,99 [D], € 9,99 [A]
Erschienen am 30.11.2020
320 Seiten, WMePub
EAN 978-3-492-99692-1
Download Cover

Leseprobe zu „Rote Belladonna (Die Apothekerin ermittelt 2)“

Zitternd führte sie das Glas an ihre faltigen Lippen. So starken Durst hatte sie schon lange nicht mehr verspürt. Ihr Mund war trocken, und kaum hatte sie das Wasser getrunken, noch im Stehen vor der Spüle, füllte sie das Glas nach und trank erneut. Ihre Kehle schmerzte bei jedem Schluck, und während sie vorsichtig hinüber ins Wohnzimmer schlurfte, überkam sie ein leichtes Schwindelgefühl. Sie ließ sich in den Polstersessel sinken, nippte noch einmal am Wasser und fühlte Übelkeit aufsteigen. Das Glas stellte sie auf den Couchtisch, mit unsicherer Hand [...]

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Zitternd führte sie das Glas an ihre faltigen Lippen. So starken Durst hatte sie schon lange nicht mehr verspürt. Ihr Mund war trocken, und kaum hatte sie das Wasser getrunken, noch im Stehen vor der Spüle, füllte sie das Glas nach und trank erneut. Ihre Kehle schmerzte bei jedem Schluck, und während sie vorsichtig hinüber ins Wohnzimmer schlurfte, überkam sie ein leichtes Schwindelgefühl. Sie ließ sich in den Polstersessel sinken, nippte noch einmal am Wasser und fühlte Übelkeit aufsteigen. Das Glas stellte sie auf den Couchtisch, mit unsicherer Hand setzte sie es etwas zu hart auf, und dann versuchte sie mit bedachten, tiefen Atemzügen ihre innere Unruhe zu bekämpfen.

Die Luft im Zimmer war abgestanden, aber samstags, wenn vor ihrem Haus der Oberstadtmarkt für Trubel sorgte, ließ sie die Fenster lieber geschlossen. Sie liebte ihre Ruhe und war schnell genervt vom Getrappel der Schuhe auf den Pflastersteinen, von den Rufen der aufdringlicheren Händler und dem nervtötenden Schlagen von Metall auf Metall, wenn die Marktstände abgebaut und die Einzelteile auf die Ladeflächen der Transporter geworfen wurden. Und seit sie allein lebte, seit ihre Tage in gemächlicher Eintönigkeit verliefen und seit sie diese Eintönigkeit wie einen schützenden Mantel um jeden ihrer einsamen Tage schlang, mochte sie diese Geräusche noch viel weniger.

Mühsam erhob sie sich.

Mehrmals hatte sie erwogen, aus dem Zentrum von Marburg wegzuziehen, sich am Stadtrand oder in einem der umliegenden Orte eine Wohnung im Erdgeschoss zu nehmen. Damit würde sie sich auch das immer mühsamer werdende Treppensteigen ersparen. Aber hier war sie so viele Jahrzehnte glücklich gewesen, und letztlich hatte sie das Gefühl, sie würde ihren Mann und das gemeinsame Leben verraten, wenn sie die Räume zurückließe, in denen sie gelacht und geweint, geliebt und gestritten hatten – und in denen er schließlich langsam und elend gestorben war.

Es war nun schon früher Nachmittag, und durch die geschlossenen Fenster sah sie die Marktbesucher zu den Essensständen schlendern. Sie folgte mit ihrem Blick einem jungen Paar, das zwischen sich ein kleines Mädchen an der Hand führte. Ihnen kam eine dicke Frau entgegen, die sich mit prall gefüllten Taschen abmühte und alle paar Schritte stehen blieb, um zu verschnaufen. Obwohl sie selbst eher hager war, konnte sie die Fremde im Moment gut verstehen. Sie tat sich schon seit einer Stunde schwer mit dem Atmen, und es kam ihr so vor, als müsse sie einen immer stärkeren Widerstand überwinden, um genug Luft in ihre Lungen zu pumpen. In diesem Moment bog ein hoch aufgeschossener Mann mit dünnem weißem Haar um einen der Marktstände, und ihr blieb fast das Herz stehen. War er das? Lebte er? Hatte sie sich seinen Tod nur eingebildet? Sie blinzelte. Nun sah der Weißhaarige plötzlich ganz anders aus, und als er schließlich im Markttreiben verschwand, hatte er nicht mehr die geringste Ähnlichkeit mit ihrem verstorbenen Mann.

Sie wandte sich um und musste sich am Fensterbrett festhalten, bis das Schwindelgefühl nachließ. Dann wischte sie sich über die Augen und machte zwei, drei unsichere Schritte hinein ins Zimmer. Übel war ihr nun, und sie kam gerade noch zum Sessel, bevor ihr die Knie weich wurden. Es war Zeit für die nächsten drei Globuli. Sie griff nach dem Glasröhrchen und fummelte den weißen Kunststoffdeckel ab. Natürlich kullerten auch diesmal zu viele Kügelchen auf ihre Handfläche, aber es waren ohnehin die letzten im Röhrchen gewesen, also beschloss sie, diesmal einfach ein paar mehr einzunehmen. Die Globuli begannen sich auf ihrer Zunge aufzulösen, und der süße Geschmack vertrieb für ein, zwei Minuten das flaue Gefühl in ihrem Magen.

Die Unruhe dagegen wollte sich nicht legen, sie wuchs, in Wellen, die ihr einen Augenblick lang Angst machten und dann doch wieder verebbten, um bald darauf etwas stärker einzusetzen und wieder zu verebben. Sie schloss die Augen und lehnte den Kopf zurück. Das Bild des Fremden unten auf dem Marktplatz löste sich aus dem Dunkel, ihr Mann sah sie an und winkte ihr zu, dann verwandelte er sich, zerstob wie durch einen Windhauch und löste sich in grellbunte Schlieren auf.

Wenig später zuckten nur noch vereinzelt Blitze hinter ihren Lidern, schwer hob und senkte sich ihr Brustkorb, und dann machte sich die Übelkeit wieder bemerkbar. Eine Weile versuchte sie noch, das unangenehme Gefühl konzentriert wegzuatmen, doch ihr Herz schien zu rasen, und sie fühlte fast schmerzhaft, wie es in schnellem Pulsschlag das Blut durch ihren Körper jagte.

Als sich plötzlich starker Harndrang bemerkbar machte, öffnete sie die Augen und drückte sich aus dem Sessel hoch. Ein-, zweimal musste sie mit der Hand an die Wand fassen, um sich abzustützen. Endlich im Bad angekommen, ließ sie sich auf die Toilette sinken, doch es wollte kein einziger Tropfen Urin kommen. Schließlich gab sie auf und kehrte ins Wohnzimmer zurück. Die Tür zum Flur zog sie hinter sich zu, weil die Wasserspülung seit heute früh nachlief. Das würde sie gleich morgen dem Hausmeisterehepaar sagen müssen.

Aus dem Eichenschrank holte sie Likör, goss ihn großzügig in ihr Wasserglas und trank bedächtig. Sie war sich nicht sicher, ob sich die Unruhe dadurch etwas legte, aber müde wurde sie, und mit geschlossenen Augen gab sie sich nur zu gern den Schatten hin, die nach ihr griffen.

Sie schlief unruhig und nicht sehr lange. Sie träumte von ihm, wie er sie mit dem Lächeln erwartete, das sie so an ihm geliebt hatte. Sie musste eine steile Treppe hinaufsteigen, um ihm näher zu kommen, und schon nach wenigen Schritten war sie so außer Atem, dass sie stehen blieb und verschnaufte wie vorhin die Dicke auf dem Marktplatz. Doch ihr Puls beruhigte sich nicht, sondern sie musste stärker als je zuvor nach Luft ringen. Ihr Mann sah sie ermunternd an, aber etwas Trauriges legte sich auf sein Lächeln, und dann riss sie ihre Augen und ihren Mund auf. Es war etwas dämmrig geworden, und der Eichenschrank schien sich von ihr wegzubewegen und gleichzeitig immer größer zu werden.

Ihr Herzschlag beschleunigte sich, auch das Schlucken tat ihr weh, und dann wurde ihr bewusst, dass sie ihre Atemnot nicht geträumt hatte. Sie versuchte verzweifelt, ihre Lungen zu füllen, doch kein Hauch schaffte es durch ihre Luftröhre, so sehr sie sich auch abmühte. Der Schwindel nahm zu, die Lungen schmerzten, der Puls raste, und sie spürte förmlich, wie ihre Augäpfel hervortraten. Sie krallte ihre Finger um die Lehne des Sessels, rang nach Luft, und dann stieg die Dunkelheit vor ihren Augen auf, schwarz und endlos und bedrückend und erstickend wie ein Schlund, der alles Leben verschlingt.

1

Heribert Ursinus lehnte behaglich in seinem Liegestuhl und sah von der etwas erhöht angelegten Terrasse aus in den Garten, wo seine Frau Hildegard vor einem Kräuterbeet kniete, die Feuchtigkeit des Bodens mit den Fingerspitzen prüfte, immer wieder zärtlich über die Rosmarin- und Salbeiblätter strich und dabei so leise vor sich hin murmelte, dass er es auf seinem Platz nicht hören konnte. Neben ihm saß Maja, seine in München lebende Großnichte, die vor zwei Stunden in Neumarkt in der Oberpfalz angekommen war. Auch sie schaute stumm der Tante zu und nippte von Zeit zu Zeit am Kaffee, der inzwischen nur noch lauwarm war.

Maja war hübsch, eine schlanke, sportliche Frau von Anfang dreißig, aber für ihren größten Trumpf hielt Heribert ihre freundliche, offene Art. Zwar machte sie sich manchmal unnötig Sorgen oder hielt sich für die Schuldige in Auseinandersetzungen, die sie gar nicht verursacht hatte. Doch sie war ein verlässlicher Mensch, meistens unkompliziert, und wenn sie etwas auf dem Herzen hatte, waren er und seine Frau die Menschen, denen sie sich anvertraute – viel eher als ihren Eltern. Weder ihren Vater, der seine Tochter nach seinem Vorbild formen und ihr die Leitung der Familienapotheke in Füssen aufzwingen wollte, noch ihre Mutter, die dem Vater immer recht gab, hätte sie im Zweifelsfall um Rat oder Unterstützung gebeten. Seit einiger Zeit gab es außer Heribert und Hilde noch jemanden, der in Majas Leben eine wichtige Rolle spielte: Markus Brodtbeck, Kommissar der Münchener Kripo. Die beiden wohnten im selben Haus in München-Laim – Markus in seiner eigenen Wohnung und Maja direkt nebenan in ihrer WG.

Als sie bemerkte, dass ihr Onkel sie beobachtete, sah sie ihn fragend an. Heribert erwiderte ihren Blick ruhig, und fast gleichzeitig breitete sich auf den Gesichtern der beiden ein Grinsen aus.

„Jetzt frag schon, was du fragen willst“, sagte Maja.

„Warum bist du allein zu uns gekommen und nicht, wie ursprünglich angekündigt, mit deinem Freund Markus?“

„Der hat einen Rückzieher gemacht“, antwortete sie, ohne zu zögern. Offenbar hatte sie genau mit dieser Frage gerechnet.

Wie gut sie sich doch kannten.

„Wieso das denn?“, hakte er nach.

„Wir haben uns gestritten.“

„Worüber?“

„Ich habe schon vor Längerem für die nächsten beiden Wochen Urlaub eingereicht, und wir wollten zusammen verreisen. Aber er steckt noch in einem Fall fest, und als ich mich gerade damit abgefunden hatte, dass wir erst in meiner zweiten Urlaubswoche zusammen wegfahren können, hat er mir gebeichtet, dass er vielleicht nicht einmal dann Urlaub bekommt. Daraufhin habe ich ihm wohl etwas zu deutlich gesagt, wie blöd ich das finde. Na ja, und jetzt tut mir ein bisschen Abstand zu Markus vielleicht ganz gut.“

„Abstand? Wär’s nicht besser, ihr redet miteinander, und du entschuldigst dich bei ihm?“

Maja zuckte mit den Schultern.

„Man sollte nie im Streit auseinandergehen“, fuhr er fort. „Und was man klären kann, sollte man klären, und zwar möglichst bald.“

„Soso, Onkel Heribert. Habt ihr das auch jedes Mal so gehalten, du und Tante Hildegard?“

Er verzog das Gesicht, als hätte er in eine Zitrone gebissen, doch dann musste er lachen.

„Dir erzähl ich noch mal was über unsere Ehekrisen!“, versetzte er in gespielter Empörung. „Die Anekdoten von damals sollten dir nur als Beispiel dienen. Ich wollte dich wissen lassen, dass du nicht die Einzige bist, der mal das Herz schwer wird.“

Maja legte eine Hand auf seine.

„Das weiß ich doch, Onkel Heribert. War auch nicht böse gemeint. Außerdem dachte ich, ihr freut euch, wenn ich komme, auch ohne Markus.“

„Natürlich freuen wir uns!“ Er legte seine andere Hand auf ihre und drückte sie leicht. „Sehr sogar. Hildegard weiß auch schon, was sie dir morgen kochen will. Ich darf’s dir nicht verraten, aber ich freu mich selbst schon sehr drauf.“

Er lehnte sich im Stuhl zurück und faltete die Hände über dem Bauch. Eine längere Pause entstand, in der sie wieder schweigend auf den Garten schauten. Schließlich stand Maja auf, um neuen Kaffee zu holen. Ihr Blick blieb an ihrem Onkel hängen, und sie forschte einen Moment lang in dem faltigen Gesicht, das ihr so vertraut und so lieb war.

„Du hast Sorgen, oder?“

Er zuckte nur mit den Schultern. Sie ging in die Küche und kehrte bald darauf mit zwei frisch gefüllten Kaffeetassen zurück, gab ihm die eine und drehte ihren Gartenstuhl so, dass sie genau vor ihrem Großonkel saß.

„Erzähl“, sagte sie. „Was bedrückt dich?“

„Erinnerst du dich an Elisabeth Wenderoth?“

Maja stutzte, dann fiel ihr wieder ein, in welchem Zusammenhang sie von dieser Frau gehört hatte.

»Die Kommilitonin, mit der du …« Sie unterbrach sich. »Ich wollte wirklich keine alte Geschichte aufrühren, Onkel Heribert, tut mir leid. Bitte entschuldige, dass ich vorhin davon angefangen habe. Ich …«

»Schon gut, das ist alles längst vorbei, und Hildegard hat mit dieser … nun ja … Episode und sogar mit Elisabeth selbst ihren Frieden gemacht. Wir schreiben uns gelegentlich, telefonieren alle paar Monate, und vergangenen Herbst waren Hildegard und ich für zwei Tage in Marburg, um sie zu besuchen und uns von ihr die Gegend zeigen zu lassen.«

„Das ist gut. Aber warum macht dir die Geschichte von damals trotzdem noch Sorgen?“

„Nicht die Geschichte, Maja, sondern Elisabeth.“

„Ist sie krank?“

„Nicht, dass ich wüsste. Aber sie hat berufliche Sorgen. Ich habe dir sicher mal erzählt, dass sie seit vielen Jahren eine Apotheke in Marburg führt.“

„Immer noch? Hat sie sich nicht zur Ruhe gesetzt wie du und Tante Hildegard?“

„Nein, leider nicht.“

„Leider? Ist was passiert?“

„Die Frage ist gar nicht so einfach zu beantworten.“

„Ich habe Zeit“, sagte Maja, „und ich habe frischen Kaffee. Ich hör mir gern alles an, du kannst ruhig auch etwas ausholen.“

„Ohne das wird’s nicht gehen, fürchte ich.“

Und so erzählte Heribert Ursinus von der Freundschaft zu seiner früheren Kommilitonin, von der einen oder anderen Lebenskrise, durch die er ihr mit Briefen oder langen Telefongesprächen geholfen hatte, streifte kurz auch die Affäre mit ihr, über die er seiner Nichte gegenüber schon mal gesprochen hatte.

„Elisabeth hatte viel Erfolg mit ihrer Apotheke“, fuhr er fort. »Vor allem für ihre selbst hergestellten homöopathischen Mittel wurde sie regelrecht berühmt in Marburg und im weiteren Umkreis. Sie fand es immer besonders lustig, dass sie diesen Erfolg ausgerechnet in der Stadt hatte, wo der Marburger Bund gegründet wurde. Du weißt ja, dass der ärztliche Berufsverband nicht gerade als homöopathiefreundlich gilt, und die in der Stadt ansässigen Pharmafirmen halten von Globuli natürlich auch nicht viel. Aber Elisabeth war erfolgreich, sehr sogar, teils mit den Globuli, teils mit ihren hausgemachten Salben. Und ich fürchte, es ist ihr auch ein bisschen zu Kopf gestiegen. ›Elisabeth, die Kräuterhexe‹ – selbst in den Spottbezeichnungen ihrer Gegner schwang Bewunderung oder mindestens Respekt mit. Das ist auch der Grund, warum sie bisher ihre Apotheke nicht loslassen konnte.«

„Du hast gerade gesagt: ›Sie war erfolgreich.‹ Ist sie das denn nicht mehr?“

„Im Moment macht sie eine schwere Zeit durch. Eine ihrer Stammkundinnen ist vor drei Wochen verstorben.“

„Und was hat das mit ihr zu tun?“, fragte Maja.

„Diese Kundin, eine ältere Dame, hatte Mitte Februar Nachschub für ihre homöopathische Hausapotheke bestellt, und Elisabeth brachte ihr zwei Tage später die Globuli nach Hause. Die alte Dame war nicht mehr so gut zu Fuß und wohnte im zweiten Stock eines Hauses in der Innenstadt. Solchen Kunden liefert Elisabeth die Bestellungen ganz gern persönlich nach Hause, denn in den Gesprächen, die sie bei diesen Gelegenheiten führt, erfährt sie viel darüber, was ihren Kunden seelisch zu schaffen macht. Manchmal hilft ein solches Gespräch mehr als ein Medikament, eine Salbe oder Globuli.“

„Was ist dann passiert?“

„Einige Tage später ist einer jungen Frau im selben Haus aufgefallen, dass die ältere Dame ihr nicht, wie sonst jede Woche, einen Einkaufszettel unter der Wohnungstür durchgeschoben hatte. Normalerweise erledigte die junge Frau nämlich den Wocheneinkauf für sie. Besorgt klopfte sie an ihre Tür und wandte sich dann an das Ehepaar, das für den Hauseigentümer die Hausmeisterarbeit übernimmt. Als die beiden mit dem Nachschlüssel in die Wohnung gingen und die geschlossene Tür zum Wohnzimmer öffneten, raubte ihnen der Gestank fast den Atem. Die alte Frau saß tot in ihrem Sessel, mit weit geöffnetem Mund, verkrampften Fingern und hervorgetretenen Augäpfeln.“

„Und die Verbindung zur Apotheke deiner Studienfreundin waren die Globuli?“

„Ja und nein. Zwar stammten alle Globuli im Haushalt der Toten aus Elisabeths Apotheke, aber neben ihr auf dem Couchtisch lag ein leeres Glasröhrchen ohne Etikett. Der Arzt, der den Tod feststellte, wies die Polizei darauf hin, dass in solchen Röhrchen kleinere Mengen Globuli ausgegeben werden, als Pröbchen oder als Bestandteil einer kleinen homöopathischen Hausapotheke. Im Labor wurden darin allerdings nur Reste von Globuli entdeckt.“

„Konnte denn wenigstens festgestellt werden, welchen Wirkstoff die Globuli enthielten?“

„Die Grundsubstanz war Belladonna. Die Obduktion der alten Dame hat ergeben, dass sie an einer Atropinvergiftung gestorben ist.“

»Belladonna enthält zwar Atropin, aber wenn die Globuli zum Beispiel als D6-Potenz hergestellt wurden, kommt ein Tropfen Belladonna auf eine halbe Badewanne Flüssigkeit – das ist himmelweit von einer tödlichen Menge entfernt.«

„Eben.“

„Kann sich deine Studienfreundin denn erklären, wie ihre Kundin die letale Dosis abbekommen haben könnte?“

»Nein, außerdem sagt sie, dass das Glasröhrchen nicht aus ihrer Apotheke stamme – denn sonst wäre es ja etikettiert gewesen wie die anderen Globulifläschchen in der Wohnung der alten Dame.«

„Hat die Polizei herausgefunden, wo das Röhrchen herstammt?“

„Das weiß ich nicht. Eine Hausdurchsuchung in der Salus-Apotheke direkt nach dem Tod der alten Dame hat nichts zutage gefördert, und Elisabeth ist irgendwann nicht weiter zum Tod der Dame befragt worden. Aber einer der Beamten konnte wohl den Mund nicht halten, seither gehen Gerüchte in der Stadt um, Elisabeth könnte schuld sein am Tod der alten Frau. Entsprechend schleppend laufen nun die Geschäfte in ihrer Apotheke.“

Er seufzte, nahm einen Schluck Kaffee und sah seine Nichte gespannt an. Maja dachte nach, trank ebenfalls Kaffee und ließ den Blick über den Tassenrand in die Ferne schweifen. In ihren Augen blitzte es, die Geschichte schien ihr Interesse geweckt zu haben. Und auch wenn Heribert Ursinus ein schlechtes Gewissen hatte, sie gleich zu Beginn ihres Urlaubs mit den Sorgen von Elisabeth Wenderoth behelligt zu haben: Sollte Maja auf den Vorschlag eingehen, den er ihr noch machen wollte, könnte das seiner Studienfreundin aus einer sehr unangenehmen Situation heraushelfen. Aber mit dem Vorschlag wollte er sie nicht gleich überfallen.

Am nächsten Tag hatte seine Frau zum Mittagessen Zoiglbraten zubereitet, einen Schweinebraten nach einem Oberpfälzer Rezept mit einer Soße aus dem untergärigen Zoiglbier, und als sich Maja pappsatt auf ihrem Stuhl zurücklehnte, stand Hildegard auf und ging in die Küche, um ihnen noch einen Kaffee zu kochen.

„Du hast mir das von deiner Studienfreundin gestern Abend nicht ohne Hintergedanken erzählt, stimmt’s?“

Maja lächelte ihren Onkel an, und der war froh, dass er nicht länger mit seiner Absicht hinter dem Berg halten musste.

„Stimmt. Ich glaube nämlich, dass du Elisabeth helfen kannst. Und ich hatte gehofft, dass dich die Angelegenheit so sehr reizt, dass du das auch versuchen willst.“

„Dann schieß mal los. Was hast du dir denn vorgestellt?“

„Elisabeth habe ich immer wieder von dir erzählt, und sie hat außerdem von einer Bekannten an der Münchner Uni gehört, dass du als Pharmazeutin einen guten Ruf hast und dich mit pflanzlichen Wirkstoffen fabelhaft auskennst.“

„Das sollte ich ja auch, immerhin habe ich über pflanzliche Wirkstoffe promoviert und in diesem Bereich geforscht, bevor mein Vater dafür gesorgt hat, dass ich den Job an der Uni verliere.“

„Auch das hat Elisabeth beeindruckt: dass du nicht dem Willen deines Vaters nachgegeben hast, nach Füssen zu kommen, und stattdessen lieber in der kleinen Apotheke in München geblieben bist.“

Maja rollte mit den Augen.

„Du musst mir keinen Honig ums Maul schmieren, Onkel Heribert“, versetzte sie spöttisch. „Sag einfach, was du dir ausgedacht hast.“

Heribert Ursinus holte tief Luft, als wappne er sich für den Sprung vom Fünfmeterbrett.

„Ich weiß gar nicht mehr, ob es nun Elisabeths Idee war oder mein Vorschlag“, begann er zögernd, bevor er endlich zum Punkt kam. „Ich wollte dich fragen, ob du dir vorstellen könntest, für eine Weile in Elisabeths Apotheke mitzuarbeiten. Du könntest dich nach Hinweisen umschauen und umhören, die darauf hindeuten, was wirklich hinter dem Tod der alten Dame steckt.“

Majas Grinsen verriet, dass sie genau so etwas erwartet hatte. Ihr Onkel musterte sie, konnte aber nicht ausmachen, was sie von dem Vorschlag hielt, und schob deshalb nach: „Ich hatte den Eindruck, dass es dir durchaus Spaß gemacht hat, nach den Morden an deinem Ex-Freund und an deiner Nachbarin selbst zu ermitteln.“

»Na ja, Spaß …«, protestierte sie lahm.

„Ich weiß schon, du wolltest der Polizei auch deshalb eine Spur zum Täter anbieten, weil du selbst zu den Tatverdächtigen gezählt hast. Aber du hast es auch genossen, ein bisschen nachzuforschen, oder etwa nicht?“

„Ja, schon.“

Heribert Ursinus nickte und lächelte.

„Und jetzt stellst du dir vor, dass ich die Hintergründe des Todes der alten Dame in Marburg aufkläre? Ich bin Apothekerin, keine Privatdetektivin.“

Ihr Widerspruch klang halbherzig, und das Lächeln ihres Onkels wurde breiter.

„Warum habe ich das Gefühl, dass du mich längst überredet hast?“, fragte sie schließlich und erwiderte sein Lächeln. „Und als Nächstes würdest du mich vermutlich darauf hinweisen, dass Markus ja zumindest in der ersten Woche meines Urlaubs ohnehin nicht freibekommen hat.“

Er nickte.

„Und jetzt willst du mir vorschlagen, dass ich diese Zeit nutze, um mich in Marburg umzusehen.“

„Muss ich das denn noch?“

Sie zuckte mit den Schultern.

„Nein, eigentlich nicht, du hast mich längst am Haken, fürchte ich.“

„Freut mich zu hören. Ich telefoniere gleich nachher mit Elisabeth. Aber eine Bedingung habe ich noch.“

„Eine Bedingung?“ Maja hob die Augenbrauen.

„Ich lasse nicht zu, dass du nach Marburg verschwindest, ohne vorher mit deinem Freund reinen Tisch gemacht zu haben.“

Sie seufzte.

„Am besten rufst du ihn gleich an, dann trinkst du noch gemütlich Kaffee mit uns, fährst anschließend nach München und verbringst den Abend mit deinem Markus.“

„Ach, der hat bestimmt schon was vor, nachdem ich zu euch gefahren bin.“

Heribert Ursinus grinste.

„Okay“, ergab sie sich, „versuchen kann ich’s ja mal.“

Da Markus den Anruf nicht annahm, hinterließ Maja eine kurze Nachricht. Die Tante schenkte Kaffee ein, und gerade als sie den ersten Schluck getrunken hatten, rief Markus zurück. Maja machte eine entschuldigende Geste, stand auf und ging ins Nachbarzimmer. Als sie wiederkam, wirkte sie erleichtert und zerknirscht zugleich.

„Heribert hat mir schon Bescheid gegeben“, sagte Tante Hildegard. „Du fährst nach dem Kaffee wieder nach München.“

„Tut mir leid, wenn ich euch schon wieder allein lasse.“

„Papperlapapp!“, widersprach Tante Hildegard und zwinkerte ihrer Großnichte zu. „Über deine Besuche freuen wir uns immer, auch wenn sie mal kürzer ausfallen.“

Eine Stunde später lenkte Maja ihren Wagen aus der Parklücke vor dem Haus und winkte durchs Seitenfenster noch einmal ihrem Großonkel und ihrer Großtante zu, die auf dem Gehweg standen und ihr nachschauten.

Der Streit wegen des Urlaubs war schneller beigelegt, als Maja gedacht hatte. Das Pastagericht, das Markus zur Versöhnung gezaubert hatte, war so lecker, dass sie sich sogar etwas Nachschlag nahm, obwohl sie vom Mittagessen ihrer Großtante noch ziemlich satt war. Hinterher saßen sie mit einem Glas Wein auf dem Balkon, und die Stimmung war gut genug, um Markus von der geplanten Fahrt nach Marburg zu erzählen. Maja erwähnte den Tod der älteren Stammkundin, aber nicht den Vorschlag ihres Onkels, vor Ort undercover zu ermitteln. Stattdessen behauptete sie, dass Heriberts alte Studienfreundin am Boden zerstört sei, weshalb sie tagsüber ein wenig in der Apotheke mitanpacken und abends ein bisschen für Trost und Aufmunterung sorgen wolle. Markus hörte sich alles an, unterbrach sie kein einziges Mal, aber am Ende schlich sich ein Grinsen auf sein Gesicht.

„Soll ich die Kripo in Marburg schon mal vorwarnen, dass sie es mit einer freiberuflichen Kollegin zu tun bekommen?“

„Meinst du mich?“, gab sie lachend zurück. „Niemals würde ich meine Nase in so eine Angelegenheit stecken!“

„Stimmt, das ist völlig undenkbar“, sagte er und hob sein Glas. „Aber bitte pass auf dich auf, ja?“

Die Nacht war schön gewesen, und sie schliefen lange. Gerade als Markus am späten Sonntagvormittag mit zwei Bechern Kaffee ans Bett kam, erhielt Maja eine SMS von ihrem Onkel, in der er ihr schrieb, dass Elisabeth Wenderoth ihr ein Gästezimmer hergerichtet habe und sie irgendwann am Abend erwarte. Angehängt war die Adresse mit dem Hinweis, dass in dem etwas abgelegenen Haus sowohl die Wohnung als auch die Apotheke untergebracht seien.

Gegen fünfzehn Uhr fuhr sie los. Auf den Autobahnen war in ihrer Richtung längst nicht so viel los wie auf der Gegenfahrbahn, wo die Pendler sich auf den Weg in den Süden machten, zu ihren Arbeitsplätzen und Zweitwohnungen. Kurz vor Würzburg meldete das Navi einen Unfall auf der A 3 nahe Aschaffenburg und schlug ihr eine alternative Route vor. Leichter Regen setzte ein, der sie bis Fulda begleitete, und als sie gegen halb acht den Wald östlich von Marburg erreichte, war es dort dämmrig und feucht. Die tief hängenden Wolken ließen diesen Märzabend noch düsterer wirken, zwischen den Bäumen schwebten hier und da Nebelschwaden. Sie hatte Elisabeth Wenderoth unterwegs angerufen, um ihre Ankunftszeit etwas genauer anzukündigen, und die Frau war ganz zufrieden mit der Strecke gewesen, die Maja nun nahm.

„Dann müssen Sie gar nicht durch die Stadt fahren“, hatte sie gesagt und ihr beschrieben, wo sie von der Landstraße abbiegen musste. »Direkt an der Heiligen Eiche geht’s links ab, und kümmern Sie sich nicht um das Schild ›Privatweg‹ – zu mir darf man durchfahren.«

Die Heilige Eiche entpuppte sich als Baumruine, neben der eine Sitzbank aufgestellt war. Einen Moment lang war es Maja, als hätte sich im diffusen Rand des Scheinwerferlichts etwas bewegt, aber dann war sie auch schon vorbeigefahren und folgte dem schmalen Privatweg, der schnurgerade in den Wald hineinführte.

Nach etwa dreihundert Metern gelangte sie zu einer Lichtung. Neben einem offen stehenden schmiedeeisernen Tor war ein Schild mit der Aufschrift „Salus-Apotheke Elisabeth Wenderoth“ angebracht. Durch das Tor erreichte Maja einen großzügigen Vorplatz, auf dem ein dreirädriger Lieferkarren und ein älteres Cabrio standen. Der Platz wurde links von einer Doppelgarage und rechts von einem eingeschossigen Gebäude mit Fachwerk, kleinen Fenstern und steilem Dach begrenzt, das auf Maja wie eine altertümliche Werkstatt wirkte. Am eindrucksvollsten fand sie aber das Haupthaus, das die ganze Breite des Vorplatzes einnahm. Mit seiner Freitreppe, die zum Haupteingang in der Mitte hinaufführte, den schmalen Gauben und den Schornsteinen auf dem Dach erinnerte es sie an ein Herrenhaus oder eine Fabrikantenvilla.

Als Maja ihren Wagen neben dem Cabrio ausrollen ließ, war die Hofbeleuchtung angesprungen, die den Vorplatz und die Häuserfront in grelles Licht tauchte. Von den Fenstern des Hauptbaus waren nur drei erleuchtet. Sie stieg aus, atmete die würzige Waldluft ein und ging zur Freitreppe hinüber. Erst als sie direkt vor dem Haupteingang stand, bemerkte sie den Zettel, der zwischen das schrundige Holz der Haustür und den Rahmen geklemmt war.

„Ich erwarte Sie vorn an der Eiche, und wenn Sie diesen Zettel lesen, haben wir uns verpasst. Spazieren Sie doch einfach das kurze Stück zu mir, dann zeige ich Ihnen einen meiner Lieblingsplätze.“

Elisabeth Wenderoth hatte eine schöne Handschrift, und auch das Papier des Zettels war nicht einfach aus einem Block gerissen, sondern fühlte sich wie hochwertiges Briefpapier an. Maja faltete das Blatt zusammen, steckte es ein und machte sich auf den Weg. Der Zufahrtsweg war asphaltiert, und nach den ersten Schritten versuchte Maja unwillkürlich, ihre Schuhe vorsichtiger aufzusetzen. Das Klackern der Absätze hallte unangenehm laut in der Stille nach, die sie umgab. Die Luft war feucht und frisch, ab und zu wehte ein Windstoß einen Nebelfetzen zwischen den Bäumen hervor. Auf der Hinfahrt hatte sie gesehen, dass der Weg keine Schlaglöcher aufwies, daher reichte das Dämmerlicht, in dem sie erkennen konnte, wo der Weg vor ihr verlief.

Etwa auf halbem Weg zur Eiche hatte Maja das Gefühl, jemand sei in ihrer Nähe. Sie blieb stehen, horchte und drehte sich langsam um sich selbst. Doch so angestrengt sie ihre Blicke auch in den dunklen Wald bohrte und sosehr sie auch mit angehaltenem Atem auf das kleinste Geräusch achtete: Mehr als das Knicken eines Ästchens konnte sie nicht ausmachen, dann vernahm sie ein Kratzen wie von Krallen auf Rinde. Es raschelte im Laubwerk über ihr, etwas Dunkles schwang sich in die Luft und war schon im nächsten Augenblick über den Wipfeln verschwunden. Dann kehrte wieder die ruhige Stimmung ein, in der sich nur weit entfernte und leise Geräusche in die Stille mischten.

Sie ging weiter. Nach einer Weile konnte sie weiter vorn den Verkehr rauschen hören, und dann sah sie links von sich auch schon den bizarren Umriss der Heiligen Eiche, der sich noch ein wenig vom Abendhimmel abhob. Inzwischen war es schon recht dunkel geworden, und das letzte Restlicht verlieh dem arg mitgenommenen Stumpf wirklich etwas Mystisches. Maja wollte die Stimmung nicht durch die Taschenlampenfunktion ihres Handys stören, und so bemühte sie die Erinnerung daran, wie der Baum weiter unten auf sie gewirkt hatte, als ihn die Scheinwerfer ihres Wagens für einen Moment aus der Dämmerung geschält hatten: Nur einige zersplitterte Aststummel ragten noch aus dem löchrigen, teils schwarz verfärbten Stamm.

Der direkte Weg zum Baum wurde ihr durch dicht stehende Sträucher verwehrt, ob ein Pfad hindurchführte, konnte sie im Dunkeln nicht erkennen, deshalb umging sie das Gebüsch und tastete sich mit den Füßen vorsichtig voran. Schließlich erahnte sie rechts des Baumes die Umrisse der Sitzbank, arbeitete sich an ihr vorbei und stand schließlich nur noch eine Armeslänge von der toten Eiche entfernt. Sie glaubte die Aromen von Verfall und Asche erschnuppern zu können, und als sie die Hand ausstreckte, um mit ihren Fingerkuppen die Rinde zu berühren, knackte es direkt neben ihr, und ein Schatten näherte sich.

„Frau Ursinus?“, fragte eine sanft und freundlich klingende Frauenstimme.

„Ja“, antwortete Maja leise. Kurz darauf streckte sich ihr eine Hand entgegen.

„Elisabeth Wenderoth. Ich hoffe, ich habe Sie nicht allzu sehr erschreckt. Hier sieht man abends manchmal die Hand vor Augen nicht. Vielleicht ist das auch genau der Grund, warum ich so gern hierherkomme.“

Maja ergriff die Hand. Sie war weich und kühl.

„Vielen Dank übrigens, dass sie kein Licht gemacht haben“, fügte Elisabeth Wenderoth hinzu. „Die meisten, die mich hier treffen, leuchten mit ihren Handys auf dem Boden herum, damit sie nicht stolpern, und tauchen dadurch auch die Eiche selbst ins Licht.“

Inzwischen hatten sich Majas Augen so weit an die Dunkelheit gewöhnt, dass sie einige Gesichtszüge der Frau zumindest vage ausmachen konnte.

„Warum haben Sie das nicht gemacht?“, fragte Elisabeth Wenderoth, und Maja glaubte ein listiges Lächeln auf ihrem Gesicht zu erkennen.

»Ich wollte die Atmosphäre nicht zerstören. Der Baum wirkt im Dunkeln … wie soll ich sagen … irgendwie magisch.«

Ein leises Lachen, ein Nicken, dann drückte Elisabeth Wenderoth Majas Hand fester, bevor sie sie losließ.

„Ich glaube, wir werden gut miteinander zurechtkommen“, sagte sie. „Kommen Sie mal.“

Damit war sie auch schon aus dem Blickfeld verschwunden. Vorsichtig setzte Maja einen Fuß vor den anderen, bis sie neben der betagten Kollegin auf der anderen Seite der Eiche stand. Die Ältere nahm ihre Hand, führte sie bis zum Baum und ermutigte sie, die Rinde zu erkunden. Majas Finger wanderten über die schrundige Oberfläche, zeichneten Risse und aufgeplatzte Aufwölbungen nach und erkundeten schließlich die Ränder eines Loches, die früher wohl mal schroff und schartig gewesen sein mochten, nun aber von vielen Händen und von Wind und Wetter abgeschliffen waren.

„Was ist passiert?“, fragte Maja.

»Der Baum muss mehr als siebenhundert Jahre alt sein und hat immer schon etwas mitgenommen ausgesehen. Er wirkte eindrucksvoll, das schon, aber gemessen an seinem mächtigen Stamm war auch früher das Geäst viel zu dünn – als hätte ein Blitz den Baum getroffen und ihm die alte stolze Krone genommen und als hätte der Stumpf danach trotzig neue, dünnere Äste hervorgebracht. Diese Vorstellung hat mir immer gut gefallen und hat mir selbst Mut gemacht, wenn mich etwas wie ein Blitz aus heiterem Himmel getroffen hat. In den Neunzigern haben dann spielende Kinder den Baum angezündet, davon hat er sich nicht mehr erholt.«

Maja hatte ruhig zugehört und sehr wohl bemerkt, wie sich der Tonfall der Stimme veränderte, wie die Stimme mit dem Satz von den spielenden Kindern etwas schärfer zu werden schien. Elisabeth Wenderoth verstummte, legte eine Hand auf die Rinde und fuhr unablässig die Verletzungen der hölzernen Haut nach. Schweigen breitete sich zwischen ihnen aus.

„Heute könnten Sie den trotzigen Baum von früher gut brauchen, stimmt’s?“

„Sie haben mehr recht, als Sie ahnen, Frau Ursinus.“

Die Stimme der alten Frau klang nun so brüchig, wie sich die Rinde der toten Eiche anfühlte, und Maja ließ wieder einige Zeit schweigend verstreichen. Irgendwann kamen die Finger der anderen auf der Rinde zur Ruhe, und Elisabeth Wenderoth wandte ihr das Gesicht zu.

„Sieht ganz so aus, als müsste ich lernen, mir selbst zu helfen“, murmelte sie. »Denn irgendwann nimmt mir ein Sturm auch noch das Letzte, das von der Eiche übrig ist.«

Ein Seufzen, abgrundtief, dann trat sie einen Schritt vom Baum zurück.

„Wollen wir zum Haus gehen?“, fragte sie, und noch bevor Maja auch nur hätte nicken können, setzte sie sich in Bewegung, sah nicht zurück und folgte mit gesenktem Kopf dem Weg in den nächtlichen Wald hinein.

Jürgen Seibold

Über Jürgen Seibold

Biografie

Jürgen Seibold, geboren 1960 in Stuttgart, arbeitete als Redakteur und freier Journalist. 1989 veröffentlichte der SPIEGEL-Bestsellerautor seine erste Musikerbiografie. Es folgten weitere Sachbücher, Theaterstücke, Thriller, Komödien und Kriminalromane. Mit seiner Familie lebt Jürgen Seibold im...

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