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Ihr einziges KindIhr einziges Kind

Ihr einziges Kind

Kriminalroman

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Ihr einziges Kind — Inhalt

»Treffend und mitunter boshaft beschreibt Barbara Wendelken die Normalität eines Dorfes von heute. Spannend und anschaulich erzählen kann die Autorin unbedingt.« Radio Bremen über »Das Dorf der Lügen«

Cord Cassjen ist überglücklich, sein Sohn Caspar hat das Licht der Welt erblickt. Aber seine Frau Silvana leidet an einer postpartalen Psychose, sieht sich und vor allem das Baby von allen Seiten bedroht. Und dann passiert das Unfassbare – Cord wird erschossen, Silvana ist mitsamt dem Säugling verschwunden. Die Kommissare Renke Nordmann und Nola van Heerden stehen vor einem Rätsel: Gab es vielleicht doch den großen Unbekannten, vor dem Silvana sich so sehr fürchtete? In größter Eile machen sie sich auf die Suche nach den beiden Vermissten, da sie vor allem um das Leben des Kindes bangen ...

€ 10,99 [D], € 11,30 [A]
Erschienen am 02.11.2016
528 Seiten, Broschur
EAN 978-3-492-31012-3
€ 8,99 [D], € 8,99 [A]
Erschienen am 02.11.2016
258 Seiten, WMEPUB
EAN 978-3-492-97538-4

Leseprobe zu »Ihr einziges Kind«

PROLOG

»Ich will dir was zeigen«, hat Dustin in der Schule gesagt. »Nix für Babys. Und wehe, du hältst nicht den Mund. Dann bist du tot.«

Dann bist du tot. Dustin sagt andauernd solche Sachen, und Philipp zweifelt keine Sekunde daran, dass sein Freund es ernst meint. Gruselig fühlt sich das an und gleichzeitig schrecklich schön, so wie Eis, das an den Zähnen pikst und trotzdem himmlisch schmeckt.

Philipp hat zu Hause gelogen, ohne schlechtes Gewissen, weil ihm nichts so wichtig ist wie die Freundschaft mit Dustin. »Ich will zu Ole«, hat er behauptet. [...]

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PROLOG

»Ich will dir was zeigen«, hat Dustin in der Schule gesagt. »Nix für Babys. Und wehe, du hältst nicht den Mund. Dann bist du tot.«

Dann bist du tot. Dustin sagt andauernd solche Sachen, und Philipp zweifelt keine Sekunde daran, dass sein Freund es ernst meint. Gruselig fühlt sich das an und gleichzeitig schrecklich schön, so wie Eis, das an den Zähnen pikst und trotzdem himmlisch schmeckt.

Philipp hat zu Hause gelogen, ohne schlechtes Gewissen, weil ihm nichts so wichtig ist wie die Freundschaft mit Dustin. »Ich will zu Ole«, hat er behauptet. Seine Mutter mag Ole und findet es gut, wenn sie zusammen spielen, also hat sie genickt und nicht mal gefragt, ob Oles Eltern Bescheid wissen.

In Wahrheit ist er mit Dustin verabredet, an der blauen Bude, die früher mal ein Kiosk war und die jetzt schon ewig leer steht. Sie ketten ihre Räder aneinander, mit Philipps Fahrradschloss, Dustin besitzt so etwas nicht. Seine Mutter ist überzeugt, dass niemand Dustins alte Kiste klauen würde.

Sie laufen zu Fuß weiter, die Straße runter, bis keine Häuser mehr kommen, vorbei an dem alten Betonwerk, wo keiner mehr arbeitet und das mit einem hohen Metallzaun und riesigen Vorhängeschlössern gesichert ist. Von dort an dürfen sie nicht mehr die Straße benutzen, sondern müssen sich seitlich in die Büsche schlagen. Niemand darf sie sehen.

Philipp weiß nicht genau, ob das ein Spiel ist oder Ernst, aber er macht mit und versucht, nicht daran zu denken, was seine Mutter zu den schmutzigen Turnschuhen sagen wird, denn hinter den Büschen ist der Boden ganz weich und matschig, und einmal sinkt er bis zu den Knöcheln ein.

Es kommt ihm vor, als wäre er noch nie so glücklich gewesen. Dustin hat ihn zum Freund erwählt, dabei ist er schon neun und Philipp gerade erst acht geworden, ein Baby, wie sein großer Bruder Moritz immer behauptet.

Plötzlich bleibt Dustin stehen, er biegt ein paar Zweige beiseite und zeigt auf die Straße. Philipp sieht zuerst ein Verkehrsschild, dann eine tote Katze, schwarz mit weißen Flecken und ganz platt, als wären schon hundert Autos darübergefahren.

»Ein Euro, wenn du sie anfasst. Ohne Handschuhe.«

»Lieber nicht«, flüstert Philipp. Allein der Gedanke, das Tier zu berühren, macht ihm Angst. Vielleicht hält Dustin ihn jetzt für einen Feigling, aber er bringt das nicht fertig.

»War nur ein Witz. Wir dürfen uns nicht auf der Straße sehen lassen«, erklärt Dustin zu Philipps Erleichterung und stapft mit großen Schritten weiter. »Da vorn ist es.« Seine Hand deutet auf ein Haus, das man vor lauter Bäumen und Büschen kaum erkennen kann. »Pst, die dürfen uns nicht hören.« Er hält den Zeigefinger vor seinen Mund.

Wer sind die?, hätte Philipp gern gefragt, aber er muss ja den Mund halten, also nickt er nur und tut so, als würde er alles kapieren. Das ist sowieso am besten, immer so tun, als wüsste man Bescheid.

Sie kämpfen sich durch das Gestrüpp, bemüht um absolute Lautlosigkeit, und wenn doch ein Ast unter ihren Füßen knackt, zischt Dustin: »Idiot.« Auch dann, wenn er selbst das Geräusch verursacht hat.

Als sie näher kommen, sieht Philipp, dass aus dem Dach des Hauses ein Baum wächst. In seinem Lieblingsbilderbuch gibt es auch so ein Haus mit einem Baum auf dem Dach, aber dort sind die Blätter rosa gefärbt. Man könnte denken, dass sie mitten in einem Märchen gelandet sind, in einer fremden, abenteuerlichen Welt, von deren Existenz niemand etwas ahnt, nur er selbst und Dustin, sein allerbester Freund.

Dustin stößt ihn in die Seite und zeigt auf einen dunklen Wagen, der seitlich neben dem Haus parkt. Anders als das Gebäude sieht er nagelneu aus. Daneben steht ein zweites Auto, gelb und klein. In dem großen Auto bewegt sich etwas. Philipp erkennt zwei Menschen, einen Mann und eine Frau. Was sie da machen, versteht er nicht, aber das ganze Auto wackelt. Dustin grinst, formt mit Daumen und Zeigefinger der linken Hand einen Ring, in den er mit dem rechten Zeigefinger hineinstößt. Dabei nickt er.

Philipp kapiert überhaupt nichts. Was machen die beiden da, was will Dustin ihm mit dieser komischen Geste mitteilen? Er weiß nur, dass er kein Baby sein will, also nickt er ebenfalls mit wichtiger Miene und sagt: »Cool.«

Irgendwann wird die Autotür aufgestoßen. Die Frau klettert heraus, sie hat auf dem Schoß des Mannes gesessen, was Philipp sehr seltsam findet. Seine Mutter setzt sich nie auf den Schoß seines Vaters, so etwas machen doch nur Kinder bei ihren Eltern. Außerdem ist die Frau nackt. Dabei ist es so kalt, dass Philipp eine Windjacke trägt und trotzdem an den Händen friert. Komisch sieht die Frau aus, ihre Arme und Beine sind ganz dünn, ihr Bauch dagegen ist kugelrund, richtig dick. Der Mann steigt jetzt ebenfalls aus, er macht seine Hose zu, beugt sich herunter und streift einen dunklen Pullover über den Kopf, den er vom Rücksitz geholt hat. Die Frau zerrt ihre Anzieh-sachen aus dem Auto und wirft sie mit Schwung über die Motorhaube, wie jemand, der sehr, sehr wütend ist. Dabei schreit sie: »Ich halt das nicht mehr aus!«

Jetzt zanken die beiden sich und ziehen sich gleichzeitig an. Die Frau kreischt so wie seine Mutter, wenn sie vor Wut beinahe platzt. Sie will nicht länger lügen, der Mann brüllt, dass sie sich zusammenreißen soll und dass es nicht anders geht, und sie schreit: »Aber ich liebe dich nun mal!«, und das gleich dreimal hintereinander, und dann noch: »Er ist mir scheißegal!« Am Ende springt sie in das gelbe Auto und braust davon. Der Mann schaut ihr hinterher, setzt sich in den schwarzen Wagen und fährt ebenfalls fort, aber ganz sachte, als hätte er Angst, sein neues Auto schmutzig zu machen.

»Die treffen sich jeden Dienstag«, sagt Dustin. »Zum Ficken. Hast du das schon mal gesehen?«

Gesehen nicht, aber gehört. Ficken, das ist eins dieser Wörter, die alle benutzen, obwohl es verboten ist. Man muss so tun, als wüsste man, worum es geht, auch wenn man nicht die leiseste Ahnung hat. Erwachsene machen so was, das weiß Philipp, und auch, dass man keinen dabei zugucken lässt. Sicher treffen der Mann und die Frau sich deshalb heimlich an diesem Ort, wo Bäume durch das Dach wachsen und tote Katzen auf der Straße liegen.

»Alle Erwachsenen ficken«, erklärt Dustin, und er grinst wie einer, der das schon tausendmal gesehen hat. »So macht man nämlich Babys. Deine Eltern haben es auch gemacht, sonst wärest du nicht auf der Welt.«

Das muss wohl stimmen. Aber Philipp mag sich so etwas von seinen Eltern nicht vorstellen. Bestimmt haben sie es nur zweimal gemacht, einmal haben sie danach Moritz, seinen großen Bruder, bekommen und beim zweiten Mal ihn. Mehr Kinder gibt es bei ihnen nicht, und er ist irgendwie erleichtert darüber.

Auf dem Rückweg nehmen sie die Straße, weil es jetzt egal ist, ob jemand sie sieht. Um den Katzenkadaver machen sie einen großen Bogen. Philipp kann nicht erklären, warum, aber er ist froh, als sie die Häuser erreichen. An der blauen Bude löst er die Räder voneinander.

»Und?«, fragt Dustin. Er grinst von einem Ohr zum anderen. »War doch klasse, oder?«

Philipp nickt ehrfürchtig, weil ihm kein Wort einfällt, das groß genug scheint für eine Antwort.

»Wenn du irgendwem davon erzählst, bist du tot.«

DIENSTAG, 28. MAI

In diesem Jahr war der Mai ungewöhnlich warm und trocken, ein früher Sommer, der dafür gesorgt hatte, dass die rote Bauernpfingstrose bereits in voller Blüte stand, zwei Wochen vor der Zeit. Jedes Mal, wenn Renke daran vorbeiging und der schwere Duft ihm in die Nase stieg, erinnerte er sich an seine Großmutter, an die Nachmittage in ihrem Garten, wo akkurat geschnittene Buchsbaumhecken die üppige Blütenpracht im Zaum hielten. Zwanzig Jahre nach ihrem Tod war wenig von der Pracht übrig geblieben, nur die Pfingstrose, die Schneeglöckchen, die Ende Februar einen weißen Teppich bildeten, und ein purpurroter Phlox, der sich Jahr für Jahr durch das kniehohe Unkraut kämpfte, um triumphierend ein paar Blütenstängel in die Höhe zu strecken. Ansonsten hatten nur noch die Obstbäume überlebt, drei uralte Apfelsorten, deren Namen er nicht kannte, eine Birne und zwei Pflaumen. Die Kirschbäume, deren Früchte er als Junge so geliebt hatte, waren eingegangen. Vielleicht würde er nächstes Jahr neue setzen.

Hauptkommissar Renke Nordmann, Leiter des Polizeireviers Martinsfehn, sperrte den Wohnwagen ab, in dem er seit ein paar Wochen lebte. Das Schloss würde keinem ernsthaften Einbruchsversuch standhalten, doch in dem Wagen befand sich nichts, das einen Diebstahl lohnte. Er freute sich auf den ersten Kaffee im Revier.

Zwei Stunden später hatte er noch immer keine Zeit für einen Morgenkaffee gefunden. Dreimal hatte es in den frühen Morgenstunden bereits geknallt, ein Auffahrunfall direkt vor dem Schulzentrum, ein Crash auf dem Parkplatz am Rathaus, und gerade kam er zurück vom Marktplatz, wo jemand vor der Bäckerei dem Postauto die Vorfahrt genommen hatte. Zum Glück gab es nur verbeultes Blech, aufgeheizte Gemüter und einen uneinsichtigen Achtzigjährigen, der den Postboten unflätig beschimpfte, wobei hirnloser Trottel noch das Harmloseste war. Renke warf seine Dienstmütze auf den Schreibtisch und steuerte die kleine Teeküche an, als das Telefon erneut klingelte.

»Polizeirevier Martinsfehn, Hauptkommissar Nordmann.«

»Renke? Hier ist Cord. Cord Cassjen. Bei uns zu Hause ist vielleicht etwas Schlimmes passiert. Kannst du bitte vorbeikommen? Allein? Und schnell?« Er legte einfach auf.

Vielleicht etwas Schlimmes, das klang ziemlich schräg und konnte alles Mögliche bedeuten. Auf jeden Fall hatte Cord Cassjen, inzwischen Dr. Cord Cassjen, gehetzt geklungen, womöglich sogar verzweifelt. Renke versuchte, sich einen verzweifelten Cord vorzustellen, es wollte ihm aber nicht so recht gelingen, in seiner Erinnerung war Cord vor allem arrogant, selbstgefällig und sehr auf seine Außenwirkung bedacht. Kurz entschlossen rief er die gespeicherte Nummer wieder an.

»Renke hier, könntest du etwas konkreter werden?«

»Komm einfach.« Erneut ertönte das Freizeichen.

Das passte schon eher zu dem Cord, den er kannte. Für einen Moment zog Renke in Erwägung, den Anruf zu ignorieren oder einen Kollegen zu schicken. Komm einfach, was sollte das bitte sehr heißen? Er war schließlich nicht Cords Angestellter. Doch die Neugierde siegte. Wenn Cord in Schwierigkeiten steckte, und so ließ sich der Anruf durchaus interpretieren, wollte er das gern live miterleben. Es passte zu Cord, dass er es nicht einmal für nötig befand, seine Adresse anzugeben, als wäre es Renkes Pflicht, zu wissen, wo jeder Einwohner von Martinsfehn wohnte. Bei Cord wusste er es natürlich, sein nagelneues Protzhaus stand in der sogenannten Blumensiedlung. Geranie, Sonnenblume, Heckenrose, Dahlie, Primel, sie alle hatte die Gemeinde Martinsfehn mit einer Straße bedacht. Wenn er sich nicht sehr täuschte, wohnte Cord in der Dahlienstraße.

Kurz schaute Renke sich in der Revierstube um. Jens Stiller tippte einen Bericht, David Strehlitz und Sandra Weiß nahmen im Nebenzimmer mehrere Zeugenaussagen zu einer Discoschlägerei auf, was sich, der Lautstärke der Stimmen nach zu urteilen, chaotisch gestaltete, und Lorenz Bäumer war unterwegs.

»Das war Dr. Cassjen, er hat ein Problem, das er am Telefon nicht besprechen möchte. Bis gleich.« Im Vorübergehen setzte Renke seine Dienstmütze auf. Unterwegs überlegte er, wann er zum letzten Mal mit Cord gesprochen hatte, ernsthaft gesprochen. Man sah sich dann und wann auf der Straße, hob grüßend die Hand, rief sich auch mal ein Moin zu, aber das war es auch. Das letzte Mal, dass sie wirklich miteinander geredet hatten, musste Jahre zurückliegen, und Renke konnte sich beim besten Willen nicht an den Inhalt des Gesprächs erinnern. Vermutlich hatte es auf einem Klassentreffen stattgefunden, in einer Zeit, in der seine Frau Britta schon so krank war, dass kaum jemand wagte, ihn auf sein Privatleben anzusprechen.

Renke und Cord Cassjen kannten sich aus der Schule, waren aber alles andere als Freunde gewesen. Cord, der einzige Sohn des Spirituosenfabrikanten Cassjen, ließ keine Gelegenheit aus, mit dem Geld seines Vaters zu protzen. Pünktlich zum achtzehnten Geburtstag bekam er ein eigenes Auto vor die Tür gestellt, einen fabrikneuen VW-Golf mit Sonderlackierung, während der Sohn des Postboten in den Ferien jobben musste, damit er sich einen gebrauchten Renault leisten konnte. Ihre Freundeskreise berührten sich nicht, und sie hatten einander wenig zu sagen. Nachdem sich abzeichnete, dass Cord das Abitur nicht schaffen würde, wiederholte er die letzte Klasse auf einer Privatschule in der Nähe von Osnabrück, wo er die Reifeprüfung im zweiten Versuch ablegte, und das offenbar mit so einem guten Notenschnitt, dass er anschließend Medizin studieren konnte, was sowohl die Lehrer als auch seine ehemaligen Mitschüler überraschte. Irgendwann in dieser Zeit starb Cords Vater. Es hieß, er hätte sich totgesoffen, was irgendwie passend erschien für einen Spirituosenfabrikanten.

Cords Haus, ein zweieinhalbstöckiger, blendend weißer Klotz mit einem dunkelgrünen Pultdach, wirkte genauso selbstgefällig wie sein Besitzer. Renke erinnerte sich an eine heftige Debatte im Gemeinderat, weil viele meinten, so ein Haus würde nicht in die Siedlung passen, in der man ansonsten nur rote Klinker und rote oder graue Ziegeldächer sah, so wie es sich für ein typisch ostfriesisches Fehndorf gehörte. Aber wenn einer wie Cord Cassjen baute, musste es was Besonderes sein. Natürlich hatte er seinen Bauantrag durchgesetzt, denn der Lebensgefährte seiner Mutter, Erich Loening, hatte als Landrat überall seine Finger drin und konnte Dinge auf den Weg bringen, die den Normalsterblichen verwehrt blieben.

Bevor Renke klingeln konnte, wurde die Tür von innen aufgerissen. Cord sah aus, als stünde er kurz vor einem Herzinfarkt. Sein rundliches Gesicht glänzte verschwitzt, das dunkle Haar, dessen Ansatz deutlich zurückwich, was Renke mit heimlicher Schadenfreude erfüllte, stand wirr vom Kopf ab, und unter den Armen seines weißen Polohemdes zeichneten sich riesige Schweißflecke ab.

»Gott sei Dank. Komm rein.« Er warf einen gehetzten Blick über Renkes Schulter. »Muss der Wagen da stehen?« Dann fiel ihm wohl auf, wie dumm diese Frage war, schließlich hatte er selbst die Polizei gerufen, und die fuhr nun einmal im Dienstwagen vor. »Ist ja auch egal.« Es klang resigniert.

Drinnen sah es genauso aus, wie man es erwarten durfte. Bodenfliesen mit teuer aussehenden Einlegearbeiten, weiß gekalkte Wände, eine freitragende Treppe aus dunklem Holz, die ins Obergeschoss führte und deren Stufen keinen Laut von sich gaben, wenn man den Fuß darauf setzte. Der erste Stock bestand aus einem einzigen riesigen Raum. Wenige, vermutlich exklusive Möbel, darunter eine riesige Wohnlandschaft aus dunkelrotem Leder, große Gestecke aus künstlichen Blumen und Licht, sehr viel Licht. Vor einem der Fenster stand ein weißer Ruhesessel, ebenfalls aus Leder, mit passendem Fußhocker. Dort saß eine Frau, vermutlich Cords Gattin, die auf den ersten Blick unglaublich jung wirkte, geradezu erschreckend jung, wenn man bedachte, dass Cord neununddreißig sein musste, genau wie Renke, vielleicht auch schon vierzig. Schulterlanges blondes Haar und ein schmales Gesicht mit auffällig hohen Wangenknochen. Eine gut aussehende junge Frau, wenn sie nicht so stumpfsinnig ins Leere gestarrt hätte. Das einzig Lebendige an ihr schien das leuchtende Blau ihres Kleides zu sein, ansonsten wirkte sie wie versteinert. Ihre Hände hielt sie auf dem Schoß gefaltet, als wäre sie in ein stilles Gebet vertieft. Sie schaute nicht auf, als Renke sie mit dem obligatorischen Moin begrüßte. Neben ihr stand ein blassgrüner Kinderwagen, das Kissen mit dem blau-grün karierten Bezug hing über dem Griff. Ein flüchtiger Blick verriet, dass kein Baby in dem Wagen lag.

»Setz dich«, sagte Cord und deutete auf eine Essgruppe aus dunklem Holz, die mitten im Raum stand, unter einer avantgardistischen Leuchte, die aussah wie ein weißer Kelch, aus dem auf grauen, biegsamen Metallstielen blaue und dunkelrote Glasblüten wuchsen, mit jeweils einer LED-Birne in der Mitte. Die Lampe hätte Renke gern mal am Abend gesehen.

»Ich will es kurz machen. Wir haben einen Sohn, Caspar, er ist sieben Tage alt. Und verschwunden.«

»Er wurde entführt?«

»Ich glaube nicht.« Im selben Moment fiel Cord wohl selbst auf, wie verrückt seine Antwort sich anhörte. »Silvana sagt, sie hätte ihn weggebracht, weiß aber nicht mehr, wohin.« Seine Stimme wurde laut und aggressiv. »Das hast du doch gesagt, Silvana! Dass du ihn nicht mehr wiederfindest!«

Im Zeitlupentempo hob die junge Frau den Kopf. »Er hat ihn geholt.« Sie streckte die linke Hand aus und schaukelte den Wagen, als müsste sie ein schreiendes Baby beruhigen.

»Wer hat ihn geholt?«, fragte Renke mit sanfter Stimme.

»Er …«, hauchte sie und schaute sich verstohlen um, als wäre es verboten, den Namen laut auszusprechen.

»Sie ist krank«, flüsterte Cord heiser. »Das merkst du doch, oder? Seit der Geburt ist sie völlig irre im Kopf.« Mit der linken Hand machte er kreisende Bewegungen vor seiner Stirn. »Postpartale Psychose nennt man das.«

Die Art, wie er das sagte, gefiel Renke nicht. So abwertend äußerte man sich nicht über seine Ehefrau, nicht mal, wenn man Dr. Cord Cassjen hieß und die Frau offensichtlich psychisch gestört war. Renkes Blick wanderte zwischen Cord, der jetzt aussah wie ein trotziger Junge, der am liebsten mit dem Fuß aufstampfen würde, und seiner Frau hin und her. Keiner der beiden wirkte glaubwürdig. Das mit dem Kind stimmte jedoch, die riesige Geburtsanzeige in der Zeitung war ihm am Samstag aufgefallen. Unser Glück ist vollkommen, oder irgend so ein klischeehafter Quatsch. Und jetzt war das vollkommene Glück verschwunden, Frau Cassjen hatte es verkramt.

»Also, noch mal zum Mitschreiben. Euer Sohn ist verschwunden. Und das steht fest. Du hast überall nachgeschaut.«

Mit beiden Händen fuhr Cord durch sein schütteres Haar, dann verknotete er die Finger im Nacken, hob den Kopf und starrte zur Zimmerdecke. »Ja, verdammt. Ich habe das ganze Haus durchsucht, auch die Garage. Caspar ist nicht da.«

»Er hat ihn geholt.« Silvana Cassjen stand auf und durchquerte mit merkwürdig steifen Schritten den Raum.

Renke fühlte sich an einen schreitenden Vogel erinnert, einen Marabu oder einen Storch. Jetzt erst konnte man sehen, wie schmal sie gebaut war. Umso deutlicher fiel ihr immer noch stark vorgewölbter Bauch auf, beinahe konnte man denken, dass sich noch ein weiteres Kind darin befand. Sieben Tage nach der Geburt war das vermutlich normal.

»Bleib stehen, das macht mich verrückt. Und halt um Himmels willen die Klappe!«, brüllte Cord. Erschrocken hielt er inne. »Entschuldige, Renke, aber das ist ein bisschen viel für mich. Meine Nerven flattern.« Er schniefte, und Renke fragte sich, ob er gleich losheulen würde, so wie früher in der Grundschule, wenn er nicht ein noch aus gewusst hatte, weil die anderen Jungs ihre derben Späße mit ihm trieben. Heutzutage nannte man das Mobbing. »Caspar ist noch so klein, gerade erst geboren. Der braucht seine regelmäßigen Mahlzeiten. Was mach ich bloß ?«

»Nichts. Du hast die Polizei gerufen, und das war richtig. Wir werden Haus und Grundstück durchsuchen, die Nachbarn befragen und vor allem deine Frau. Am besten ziehen wir einen Therapeuten hinzu. Der kriegt vielleicht mehr aus ihr raus.« Er griff nach dem Handy.

»Halt. Warte. Lass uns erst noch einmal nachsehen, bevor die ganze Artillerie hier aufmarschiert. Gestern Abend hat sie ihn im Kleiderschrank versteckt.« Mit zwei Fingern tippte Cord rhythmisch gegen seine Schläfe. Ein weiterer Ausdruck dafür, dass er seine Frau für durchgeknallt hielt. »Aber dort ist er nicht, da hab ich zuerst nachgeschaut.« Als Renke zögerte, fasste er mit beiden Händen nach seinem Unterarm. »Bitte, Renke, lass uns noch einmal zusammen suchen.«

Warum er einwilligte, wusste Renke selbst nicht. Vielleicht, weil die Frau ihm leidtat, die jetzt mit einem harschen »Und du bleibst solange hier sitzen!« zurechtgewiesen wurde.

Im ganzen Haus fand sich keine Spur von Caspar Cornelius Cassjen. Renke forderte um dreizehn Uhr fünfzig die Kollegen von der Kripo Leer an.

Nola van Heerden, Oberkommissarin bei der Kripo in Leer, saß total verkrampft hinter dem Steuer des Dienstwagens, ihre Hände waren feucht und gleichzeitig eiskalt, und ihr Magen fühlte sich an, als hätte jemand flüssigen Beton eingefüllt, der jetzt zu einem harten, schweren Klumpen trocknete, der beim Atmen gegen die Bauchdecke stieß. Ein verschwundener Säugling, hatte Renke am Telefon gesagt. Säuglinge verschwanden nicht einfach so, schließlich konnten sie sich nicht selbstständig fortbewegen, und leider Gottes sprachen alle Statistiken dafür, dass Vater oder Mutter oder, schlimmer noch, beide ihrem Baby etwas angetan hatten, was sie jetzt zu vertuschen suchten, indem sie eine abstruse Räuberpistole erfanden wie eine Entführung, nur dass der Entführer sich niemals melden würde. Unentwegt musste sie an einen ähnlich gelagerten Fall denken, den sie vor zwei Jahren in Hannover erlebt hatte. Vor laufenden Kameras hatte die junge Mutter den vermeintlichen Entführer angefleht, das Kind zurückzugeben. Drei Tage später stellte sich heraus, dass sie den Kleinen zu Tode misshandelt und dann in der Sporttasche ihres Mannes im Garten vergraben hatte. Eine furchtbare Geschichte, die die ermittelnden Beamten noch lange beschäftigte. Der verschwundene Säugling in Martinsfehn war erst wenige Tage alt, und Nola grauste es vor dem, was sie herausfinden würde.

Neben ihr versuchte Conrad Landau, ihr Partner, vergeblich den Reißverschluss seines Parkas zu schließen, dessen ursprüngliches Dunkelblau sich über die Jahre in einen fahlen, undefinierbaren Farbton verwandelt hatte, den Nola am ehesten als dreckiges Blaugrau beschreiben würde.

»Kaputt? Prima. Dann kannst du das versiffte Teil ja endlich wegschmeißen und was Vernünftiges kaufen. In der Jacke siehst du aus wie der letzte Penner! Das hab ich dir schon tausendmal gesagt. Was sollen die Leute denken, wenn du so auftauchst?«

»Spinnst du? Die Jacke ist noch tadellos «, maulte Conrad. Nolas Partner trank seit Jahren mehr, als ihm guttat, und wie viele Trinker legte er wenig Wert auf sein Äußeres. Schon mehr als einmal hatte Nola sich geschämt, mit einem derart abgerissenen Kollegen in der Öffentlichkeit aufzutauchen.

Conrad konnte stundenlang vor sich hin schweigen und ihr dann mit einer einzigen boshaften Bemerkung den ganzen Tag verderben. In seinen Augen war sie übermotiviert, krankhaft ehrgeizig und geltungssüchtig, also sein genaues Gegenteil. Kein Wunder, dass es dauernd zwischen ihnen krachte.

»Wieso trägst du überhaupt noch deine Winterjacke?«, fragte sie schließlich, weil seine hektische Fummelei an dem Zipper des Reißverschlusses, begleitet von leisen Flüchen, sie nervte.

»Blöde Frage. Mir ist kalt.«

»Kalt?«, lachte Nola ungläubig. Der Himmel erstrahlte in leuchtendem Sommerblau, und das Außenthermometer des Dienstwagens zeigte dreiundzwanzig Grad. Für Nola hatte der Sommer begonnen, und für die meisten anderen Menschen auch. In der Stadt stellten die Wirte Tische und Stühle raus, und vor der Eisdiele bildete sich um die Mittagszeit eine Schlange.

»Sie haben Ihr Ziel auf der linken Straßenseite erreicht«, quäkte die monotone Frauenstimme des Navigationsgerätes, sie hatte sogar einen Namen, der allerdings nicht zu ihr passte. Susi. Immerhin beendete Susi ihren Disput.

Das Haus in der Dahlienstraße, in dem das Kind verschwunden sein sollte, überragte alle anderen Gebäude in der Neubausiedlung um ein halbes Stockwerk. Für Nola sah es aus wie ein aufrecht stehender Legostein mit einem schiefen grünen Dach, auch wenn es sich aller Wahrscheinlichkeit nach um ein Architektenhaus der oberen Preisklasse handelte.

»Typisch. In den dicksten Häusern wohnen die größten Schweine. Da musst du mal drauf achten.« Conrad hatte seine Reparaturversuche inzwischen aufgegeben. Er strich seine grauen Haare mit gespreizten Fingern zurück, dann kratzte er sich ausgiebig an Wange und seinem schlecht rasierten Kinn und räusperte sich mehrmals hintereinander. Er war nervös, genau wie sie selbst. »Mach dir bloß keine Hoffnungen«, stieß er hervor. »Der Kleine ist längst tot.«

»Das wissen wir doch noch gar nicht«, hielt Nola trotzig dagegen, obwohl sie insgeheim dasselbe befürchtete.

»Nola! Sei doch nicht so verdammt naiv. Die Geschichte stinkt zum Himmel. Säuglinge verschwinden nicht einfach spurlos!«

So schlau war sie selbst. Dennoch war sie nicht bereit, schon im Vorfeld alle Hoffnung aufzugeben. »Lieber naiv als so ein ewiger Schwarzseher wie du! Und jetzt komm.« Sie schob die Ärmel ihrer grün gemusterten Strickjacke hoch, die so locker saß, dass ihre Dienstwaffe nicht gleich auffiel, und marschierte los, ohne sich noch einmal nach Conrad umzudrehen.

Ein Mann öffnete die Tür. Gewohnheitsmäßig scannte sie seine Erscheinung. Mittelgroß, dunkles Haar, das bereits dünner wurde, ein harmloses Kindergesicht mit vollen Lippen, leichter Bauchansatz, unvorteilhaft betont durch ein zu eng sitzendes Poloshirt. Dazu eine weiße Hose, wie Ärzte sie während der Arbeit tragen, und teure italienische Schuhe, die vorn spitz zuliefen. Total verschwitzt. Sie war froh, dass er nicht auf die Idee kam, ihr seine feuchte Hand zu reichen.

»Dr. Cassjen«, stellte er sich vor. Ihre Dienstausweise schaute er nicht an. »Kommen Sie herein, Renke ist schon da.«

Aus dem Eingangsbereich ging es über eine freitragende Treppe nach oben ins Wohnzimmer, das das gesamte Stockwerk einzunehmen schien, jedenfalls konnte Nola keine Tür entdecken, nur die Treppe, die in den zweiten Stock weiterführte. An den Außenwänden des nahezu quadratischen Wohnraums gab es jeweils drei schmale, bis zum Boden reichende Fenster. Statt Gardinen waren weiße Plisseejalousien angebracht, die sich nach Belieben rauf- und runterziehen ließen. Jetzt waren sie hochgezogen und gaben den Blick frei auf einen Balkon, der rund um das Haus verlief. Das Geländer aus grün gestrichenem Metall erinnerte Nola an ein Baugerüst. Eine Stahltreppe führte hinunter in den Garten, der aus einer leuchtend grünen, fast schon künstlich wirkenden Rasenfläche, ein paar ebenso grünen Büschen und einem hohen Sichtschutzzaun bestand, weiß mit grünen Pfosten, auf denen dicke weiße Holzkugeln thronten. Nichts Blühendes.

Renke saß mit dem Rücken zu Nola am Esszimmertisch, und gleich legte ihr Herz einen Trommelwirbel ein. Ihm gegenüber kauerte eine blonde Frau auf einem Stuhl, der einen halben Meter vom Tisch entfernt stand, so, als würde man sie nicht am Tisch dulden. Sie war sehr jung, beinahe noch ein Mädchen, vermutlich handelte es sich um die Mutter. Als hätte er ihren Blick gespürt, drehte Renke den Kopf und schaute ihr entgegen. Für einen Moment war Nola abgelenkt, doch sie rief sich sofort zur Ordnung. Sie war nicht hier, um über Renke Nordmann nachzudenken, über das unglaublich intensive Blau seiner Augen, über die Art, wie er sie anschaute, oder ob sein kühles Lächeln mit dem verschwundenen Baby zu tun hatte oder mit ihr.

»Moin. Das hier sind Dr. Cassjen und seine Frau. Ihr sieben Tage alter Sohn ist spurlos verschwunden.«

Okay, den neutralen Dienstton hatte sie auch drauf. Sie griff nach ihrem Notizbuch und zückte den Stift. »Wie lange schon?«

Die Antwort gab der Hausherr. »Heute gegen neun bin ich in meine Praxis gefahren, da war er noch da. Ich bin Arzt, Urologe«, fügte er an. »Meine Praxis liegt in Leer. Um halb elf hat meine Frau mich angerufen und gesagt, dass sie Caspar nicht mehr finden kann. Meine Frau …«

Mit einer Handbewegung brachte Renke ihn zum Schweigen. Dann nickte er Frau Cassjen auffordernd zu.

Weil sie nichts sagte, ergriff Nola das Wort. »Frau Cassjen, vielleicht könnten Sie uns erzählen, was passiert ist.«

»Er war hier, er hat ihn geholt.« Die Stimme klang unerwartet dunkel, ein bisschen heiser und völlig emotionslos. So, als stünde sie unter dem Einfluss starker Beruhigungsmittel, was noch zu klären war.

»Wer?«

Nolas Frage schien die Frau zu verwirren. Hatte sie ihre eigenen Worte schon wieder vergessen? Sie grübelte und sagte dann: »Weiß ich nicht mehr. Erich?« Es klang wie eine Frage.

»Wer ist Erich?«

»Der Lebensgefährte meiner Mutter«, erklärte Dr. Cassjen, es klang ungeduldig. »Silvana, das ist doch Blödsinn. Warum sollte Erich denn Caspar abholen?«

Keine Antwort. Frau Cassjen zupfte ein paar Ponysträhnen in ihre Stirn, dann schob sie den Stuhl noch weiter zurück, schlug die Beine übereinander und ließ den rechten Fuß kreisen. Sie trug keine Schuhe, und aus einem Loch in ihrer Strumpfhose ragte der große Zeh heraus. Irgendwie war klar, dass ihr das unter normalen Umständen peinlich gewesen wäre, niemand, der so ein Haus bewohnte, lief derart schludrig herum, doch jetzt schien sie es gar nicht wahrzunehmen. Überhaupt machte die junge Frau einen eher ungepflegten Eindruck, das Haar war am Ansatz fettig und nicht gekämmt, und in ihren Augenwinkeln klebte helles Sekret. Sie sah aus, als käme sie direkt aus dem Bett und hätte noch keinen Blick in den Spiegel geworfen. »Er hat ihn geholt«, wiederholte sie unbeirrt.

»Vielleicht könnten Sie diesen Erich anrufen?«, schlug Nola vor. Erstaunlich, dass noch niemand darauf gekommen war.

»Das ist doch völliger Unsinn.« Beifall heischend schaute Dr. Cassjen sich um. Als niemand ihm beipflichten wollte, fingerte er, begleitet von einem resignierten Seufzen, ein Smartphone aus seiner Hosentasche und gab eine Nummer ein. »Mama? Hier ist Cord. Sag mal, war Erich heute Morgen hier? Nicht? Gestern vielleicht? Auch nicht. Das kann ich jetzt nicht erklären, wir haben ein Problem, ich melde mich später … nein, jetzt geht es nicht.« Er legte auf. »Er war nicht hier.«

Nola ging neben Frau Cassjen in die Hocke, damit sie ihr ins Gesicht schauen konnte, und nahm dabei einen leicht säuerlichen Körpergeruch wahr. »Haben Sie gehört? Erich war weder gestern noch heute zu Besuch.«

»Er kommt überall rein. Ich glaube, er kann durch Wände gehen.« Sie kicherte und schlug sich dabei mit der Hand auf den Mund, so heftig, dass die Zähne aufeinanderklackten.

»Und heute Morgen war er hier?« Nola wusste selbst nicht, warum sie das fragte. Natürlich konnte dieser Mann nicht durch Wände gehen. Wer das behauptete, sagte vermutlich auch sonst nicht die Wahrheit.

Die Frau nickte zögernd. »Er hat mein Baby geholt.«

»Wer?«, wiederholte Nola sanft.

»Er. Den Namen darf ich nicht verraten.« Sie legte die Hand seitlich gegen ihren Mund, als wären die nächsten Worte nur für Nola bestimmt, vergaß aber, die Stimme zu senken, sodass jeder im Raum mithören konnte. »Er ist nämlich Caspars Vater, aber das darf niemand wissen.«

Das war entschieden zu viel für Dr. Cassjen. »Jetzt ist aber Schluss! Bist du völlig übergeschnappt? Was redest du denn da für einen Blödsinn?« Hilfe suchend schaute er sich um. Sein Blick blieb an Nola hängen. »Sie ist total durchgeknallt, das merken Sie ja wohl selbst. Eine ausgewachsene Wochenbettpsychose. Verdammt noch mal, Silvana, was hast du mit unserem Kind gemacht?« Für einen Moment sah es aus, als ob er sich auf seine Frau stürzen wollte.

Conrad, der bislang noch kein Wort gesagt hatte, hielt ihn zurück, indem er sich einfach nur in den Weg stellte und die Arme ganz leicht anhob. »Nun mal ganz langsam.«

Auch Renke war mit einem Satz auf den Beinen und stellte sich schützend vor den Stuhl mit der jungen Frau. »Beruhige dich bitte, Cord. Du sagst doch selbst, dass sie krank ist.« Seine nächsten Worte galten Nola. »Ich hab zusammen mit Dr. Cassjen das gesamte Haus und die Garage durchsucht. Ergebnislos.«

Alles entwickelte sich genauso wie erwartet, vielleicht sogar noch schlimmer. Die Frau war ganz offensichtlich nicht zurechnungsfähig, und Nola mochte sich gar nicht vorstellen, was mit ihrem Sohn passiert war. »Ich bestelle zuerst die Hunde. Und dann brauchen wir einen Arzt für Frau Cassjen. Gut möglich, dass eine stationäre Einweisung notwendig ist.« Wenn wir Glück haben, bringt man sie dort zum Reden. Mühsam unterdrückte Nola den Drang, die junge Frau durchzuschütteln, sie aus ihrer Lethargie zu reißen. Der Gedanke, dass die Rettung des Babys von einer geistig verwirrten Frau abhing, machte sie schier wahnsinnig, und sie fragte sich, wie Renke so ruhig bleiben konnte, als hätten sie alle Zeit der Welt.

Ein harmonischer Dreiklang erfüllte den Raum.

»Es klingelt«, sagte Dr. Cassjen überflüssigerweise. »Ich schau nach.«

Nola zog sich einen Stuhl heran und setzte sich direkt neben die Mutter des vermissten Kindes, so nah, dass ihre Knie sich berührten. Sie griff nach der leblosen Hand, die eiskalt war, und streichelte behutsam mit dem Daumen darüber. »Frau Cassjen«, sagte sie eindringlich. »Wann haben Sie Caspar denn zuletzt gesehen ? Können Sie sich daran erinnern ?«

Eifriges Kopfnicken. »Ich hab ihn gestillt. Er ist dabei eingeschlafen, und ich hab ihn in den Wagen gelegt. Dann bin ich hoch ins Schlafzimmer. Ich bin immer so müde.« Sie legte den Kopf schief und lächelte Nola an. »Am liebsten würde ich den ganzen Tag schlafen. So ein Baby ist anstrengend.«

»Das glaube ich gern. Haben Sie den Kinderwagen rausgestellt? Vielleicht auf den Balkon?«

»Nein!«, rief sie erschrocken. »Caspar darf nur raus, wenn die Sonne scheint. Sonst ist es zu kalt für ihn.« Es klang wie auswendig gelernt.

Nola vermied einen Hinweis auf den strahlend blauen Himmel und die frühsommerliche Wärme. »Und wie war das Wetter heute Morgen?«, fragte sie stattdessen.

Man sah, dass die Frau angestrengt überlegte, dann schüttelte sie resigniert den Kopf. »Weiß ich nicht mehr.«

»Das kann ja mal passieren«, sagte Nola freundlich. Ruhe bewahren war jetzt wichtig, sie durfte die Frau weder verschrecken noch gegen sich aufbringen. »Sie haben sich also noch mal hingelegt. Oben. Und Caspar war hier im Kinderwagen?«

Die Antwort bestand aus einem hilflosen Lächeln. Als Nächstes hob Silvana Cassjen den Kopf und schaute über Nolas Schulter. Ihre Augen weiteten sich, und sie begann zu weinen, zuerst nur leise, dann immer heftiger, bis ihr ganzer Körper von heftigen Schluchzern geschüttelt wurde. Sie ballte die rechte Hand zur Faust, führte sie zum Mund und biss auf die Fingerknöchel, um die Laute, die aus ihrer Kehle drangen, zu ersticken.

Vorbei, sie würde nichts mehr sagen, Mist. Nola drehte sich um. Gemeinsam mit Cord Cassjen hatte ein Ehepaar in mittleren Jahren den Raum betreten. Die Frau, die Nola für seine Mutter hielt, war klein und dünn, fast schon mager. Ihre übertriebene Gesichtsbräune verriet die eifrige Sonnenanbeterin. Glattes, in der Mitte gescheiteltes Haar fiel ihr auf die Schultern, es war schwarz und ganz offensichtlich gefärbt. Ihr signalrotes Strickkleid endete eine Handbreit über den Knien, und sie trug geschnürte Stiefeletten, deren hohe Absätze unangenehm laut auf die Fliesen knallten. Obwohl der Mann, den Nola für ihren Lebensgefährten hielt, sie um mehr als Haupteslänge überragte, war sofort klar, wer in dieser Beziehung das Sagen hatte.

»Margit Cassjen.« Schiefergraue Augen, eingerahmt von dicken Balken aus schwarzem Kajal, musterten die drei anwesenden Polizisten, bei Renkes Anblick nickte sie flüchtig. »Moin, Renke, lange nicht gesehen. Was ist hier passiert?«

Anstatt zu antworten, wies Renke mit der Hand auf Nola. »Darf ich vorstellen: Kriminaloberkommissarin van Heerden von der Kripo Leer. Und das ist Kriminaloberkommissar Landau.«

Ein Zucken im rechten Mundwinkel verriet, dass Frau Cassjen lieber mit Renke gesprochen hätte, sicher, weil sie ihn kannte und wie selbstverständlich duzte. »Also? Was ist vorgefallen?«

Nola beschloss, gleich die Fronten zu klären. Und dazu gehörte es, klarzustellen, wer hier die Fragen stellte. »Sie sind die Mutter von Herrn Cassjen? Und das ist …?«

»Mein Lebensgefährte.« So wie sie das betonte, schien es ihr wichtig zu sein, dass sie nicht mit ihrem Begleiter verheiratet war. »Und ich möchte gern wissen …«

Ungerührt schnitt Nola ihr das Wort ab. »War einer von Ihnen heute Morgen hier im Haus?«

»Nein«, erwiderte die Dame in Rot ungeduldig. »Und jetzt wüsste ich wirklich gern, warum die Polizei hier ist, Renke.«

Nun schaltete sich ihr Lebensgefährte in das Gespräch ein. »Margit, du hörst doch, die Kommissarin aus Leer ist zuständig.« Seine dunkle, angenehme Stimme klang beruhigend, doch seine Lebensgefährtin war nicht bereit, sich beschwichtigen lassen.

»Ich kenne Renke seit seiner Kindheit«, fuhr sie ihn an. »Und er ist Polizist hier bei uns in Martinsfehn, oder etwa nicht? Warum soll ich nicht mit ihm reden?«

Der Mann errötete, und Nola fragte sich, ob es daran lag, dass seine Lebensgefährtin ihn vor allen Leuten zurechtwies, oder ob es ihm peinlich war, wie sie sich aufführte. An seiner Stelle wäre ihr beides unangenehm gewesen. So unauffällig wie möglich musterte sie ihn. Graues Haar, nach hinten gekämmt und ein bisschen länger als für einen Mann seines Alters üblich, ein sorgfältig gestutzter Vollbart, ein hellgrauer Anzug, der perfekt saß über einem blendend weißen Hemd, keine Krawatte und die beiden obersten Hemdknöpfe offen. Ein auffälliger Ring auf dem kleinen Finger der linken Hand. Sie speicherte ihn ab als jemand, der auf seine Außenwirkung bedacht war.

Unterdessen versuchte Dr. Cassjen, die Aufmerksamkeit seiner Mutter auf sich ziehen, indem er sie anstarrte und, als das keine Wirkung zeigte, ansprach. »Caspar ist verschwunden.« Offensichtlich fiel es ihm schwer, für das, was hier passiert war, die richtigen Worte zu finden. »Silvana kann sich nicht erinnern, wo er ist. Ich bin sofort nach Hause gekommen und …«

Mit einem Blick brachte Frau Cassjen ihn zum Schweigen. »Caspar ist verschwunden? Das ist doch nicht möglich.« Sie fuhr auf dem Absatz herum und schaute ihre Schwiegertochter fragend an. »Silvana, erklär uns das bitte.«

Die Antwort der jungen Frau bestand aus einem lang gezogenen Klagelaut, aus dem tiefste Verzweiflung sprach.

Margit Cassjen nahm das zum Anlass, sich neben den Stuhl ihrer Schwiegertochter zu stellen und ihr mit den Fingerspitzen flüchtig über das Haar zu fahren. Das Rot ihrer Fingernägel harmonierte perfekt mit ihrem Kleid. »Ist ja gut«, murmelte sie. »Das wird sich alles gleich aufklären. Konzentrier dich bitte. Das ist jetzt wichtig, immerhin geht es um dein Baby.« In der Art, wie sie die letzten beiden Worte betonte, lag ein deutlicher Vorwurf.

»Ihre Schwiegertochter ist offenbar psychisch angeschlagen. Sie kann sich nicht erinnern«, erklärte Nola, ohne die junge Frau aus den Augen zu lassen, die leise vor sich hin wimmerte.

»Was soll das denn bitte heißen?« Mit einer heftigen Bewegung stieß Margit Cassjen ihrer Schwiegertochter gegen die Schulter, die daraufhin erschrocken zusammenfuhr und die Augen aufriss. »Wie kann ein Baby verschwinden? Das ist doch Blödsinn. Silvana, jetzt sag endlich was. Wo ist Caspar?« Sie wirkte eher wütend als besorgt, und Nola fragte sich, ob diese Frau wirklich nicht erkannte, dass die Mutter des Säuglings zu keiner logischen Antwort fähig war.

Als ihre Schwiegertochter nicht reagierte, hob sie den Kopf und fixierte nacheinander alle anwesenden Polizisten, bevor sie angriffslustig fragte: »Was wurde bis jetzt unternommen?«

Ehe Nola antworten konnte, blaffte Conrad: »Alles, was nötig ist. Oder dachten Sie, wir treffen uns hier zur Kaffeepause?«

Zu Nolas Überraschung reagierte Frau Cassjen nicht auf Conrads Angriff, als Ansprechpartner schien sie ihn nicht in Betracht zu ziehen. Ihr nächster Satz war an Nola adressiert. »Hören Sie mal, hier geht es nicht um irgendein Kind, hier geht es um meinen Enkelsohn. Und ich verlange, dass alles, wirklich alles getan wird.« Ihre Hand schnellte vor, als wollte sie Nola am Arm packen, sie hielt aber mitten in der Bewegung inne, vielleicht weil Renke einen Schritt nach vorn machte oder weil ihr Begleiter »mäßige dich bitte« murmelte.

»Wir werden alles tun, was nötig ist.« Nola merkte, wie lahm das klang, doch sie war inzwischen sauer und hatte keine Lust, auf das Wohlbefinden der Angehörigen Rücksicht zu nehmen.

Im Augenwinkel registrierte sie, dass Frau Cassjen ihren Lebensgefährten unsanft anstieß, der daraufhin hilflos die Schultern hob. »Lass die Leute doch ihre Arbeit tun, Margit.«

Genau das schien sie nicht vorzuhaben. »Offenbar wissen Sie gar nicht, wen Sie vor sich haben, junge Frau. Mein Lebensgefährte war bis vor Kurzem der Landrat des Kreises Leer. Erich Loening, der Name dürfte Ihnen ja wohl ein Begriff sein. Wir haben Verbindungen bis ganz nach oben.«

»Ganz oben? Meinen Sie den da?« Mit ihrem Zeigefinger deutete Nola hoch zur Zimmerdecke und freute sich über das entrüstete Schnauben von Frau Cassjen, der es für einen Moment die Sprache verschlagen hatte, während ihr Lebensgefährte schmunzelte. »Schön für Sie. Und jetzt würden wir gern unsere Arbeit erledigen.« Sie wandte sich nun direkt an den Landrat a. D. »Herr Loening, kann jemand bezeugen, wo Sie sich von heute Morgen acht Uhr bis zu diesem Zeitpunkt aufgehalten haben? Nur der Form halber, weil die Mutter des vermissten Säuglings Sie beschuldigt, den Kleinen mitgenommen zu haben.«

Ganz Politiker, ließ er sich nicht so leicht aus der Fassung bringen. »Mich?« Sein rechter Mundwinkel zuckte, dann lächelte er säuerlich. »Das ist wohl ein Scherz.«

»Aber ein schlechter«, sekundierte seine Lebensgefährtin. »Wie Sie uns gerade erklärt haben, ist Silvana nicht mehr bei Verstand. Warum nehmen Sie ihre Äußerungen überhaupt ernst?«

»Ich sprach davon, dass sie psychisch angeschlagen ist, was durchaus an dem Schock liegen kann.« Sehr bewusst richtete Nola die nächsten Worte wieder an den ehemaligen Landrat. »Ich wiederhole meine Frage: Kann jemand bezeugen, wo Sie den Vormittag verbracht haben?«

Er lachte ungläubig. »Sie glauben ernsthaft, dass ich … also wirklich. Aber gut. Solche Fragen gehören zu Ihrer Arbeit, das sehe ich selbstverständlich ein. Meine Lebensgefährtin kann bezeugen, dass ich zu Hause war.«

»So ist es.« Margit Cassjen rammte ihre Hände mit Schwung in die Seitentaschen ihres Kleides, sie wippte nach vorn und stellte sich auf die Zehenspitzen. »Wir haben von acht bis Viertel vor neun gemeinsam gefrühstückt, wie jeden Morgen. Danach bin ich rüber in den Betrieb gegangen. Um neun ist unsere Putzfrau gekommen. Danuta wird bestätigen, dass Erich zu Hause war. Und falls Sie mich ebenfalls verdächtigen: Meine Mitarbeiter wissen, dass ich von kurz vor neun bis gerade eben im Büro war. Am besten fragen Sie meine Nichte, Tineke Veenstra. Sie ist meine rechte Hand und kennt jeden meiner Schritte.« Beim Sprechen drehte sie den Kopf hin und her, wohl um deutlich zu machen, dass ihre Worte für alle Anwesenden bestimmt waren.

»Moment, ich muss mir eben die Namen notieren.« Nicht, dass Nola den Landrat a. D. oder seine Lebensgefährtin ernsthaft der Kindesentführung verdächtigte, sie ärgerte sich einfach über das selbstherrliche Gebaren der beiden, vor allem die Frau benahm sich unmöglich, und die Empörung in ihrem Gesicht bereitete Nola ein heimliches Vergnügen. »Veenstra? Würden Sie das bitte buchstabieren? Danke.« Sie klappte ihr Notizbuch wieder zu. »Als Erstes werde ich Suchhunde anfordern.« Es klang weitaus optimistischer, als Nola sich fühlte.

 

Bei uns ist das Glück eingezogen

Wir freuen uns über die Geburt eines gesunden Kindes

Caspar Cornelius Cassjen

24. Mai 2013

Silvana und Dr. Cord Cassjen

 

Die Samstagszeitung lag immer noch auf dem Tisch, Gesa schaffte es einfach nicht, sie zusammenzuknüllen und dorthin zu befördern, wo schlechte Nachrichten hingehörten – in den Mülleimer. Stattdessen starrte sie wieder und wieder auf die Anzeige, bis die Buchstaben vor ihren Augen verschwammen. Ihr Hals fühlte sich an wie zugeschwollen, und ihr Gesicht brannte, als hätte sie die Haut mit Schmirgelpapier bearbeitet. Wir freuen uns über die Geburt eines gesunden Kindes.

Gab es denn keinen Gott, niemanden, der von oben auf die Menschheit herabschaute und wenigstens dann und wann eingriff, um für ein wenig Gerechtigkeit zu sorgen?

Seufzend zog Gesa den Teller mit dem Kartoffelbrei ein Stück näher heran. »Dein Vater ist ein Idiot. Ein Idiot. Ein Idiot.« Jedes Mal, wenn sie das Wort Idiot aussprach, landete der Löffel in Christophers Mund, oder besser davor, denn er presste die Lippen trotzig zusammen.

In solchen Momenten war Geduld gefragt, mit Schimpfen ließ sich bei ihrem Sohn nichts erreichen. Christopher war sehr sensibel, er spürte genau, wenn es seiner Mutter nicht gut ging, und heute fühlte sie sich furchtbar.

»Komm, iss. Bitte. Christopher, mein Engel, wir sind doch gleich fertig«, bettelte sie. »Einmal noch den Mund aufmachen, ein Löffel für Mama. Ein Löffel für Oma, einen für den lieben Opa, der so schöne Lieder pfeifen kann.« Doch es war zwecklos. Resigniert gab sie auf.

Vorgestern war sie mit Christopher im Dorf gewesen, der reinste Spießrutenlauf, Gesa war immer noch wütend, wenn sie daran dachte. Monika hatte mitleidig über die Hecke gelächelt, im Bäckerladen war Sybille um den Tresen herumgekommen, um Christopher über den Kopf zu streicheln, und Herr Giese, der Leiter der Sparkasse, war extra stehen geblieben, um ein paar belanglose Worte loszuwerden. »Bei dem schönen Wetter ist man gern draußen, was? Und der Christopher sieht richtig zufrieden aus.« Obwohl er jetzt einen Halbbruder hat, das hatte er nicht gesagt, nur gedacht, alle dachten es, wenn sie Gesa trafen, sie konnte es in den überfreundlichen Gesichtern lesen.

»Hauptsache, er zahlt weiter für den Jungen«, hatte ihre Mutter vorhin am Telefon gemeint, und dann noch: »Männer sind nun mal so. Da brauchen wir uns gar keine Illusionen zu machen.«

Ob alle Männer so bedenkenlos ihre Vergangenheit hinter sich ließen, wusste Gesa nicht, doch auf Cord trafen die Worte ihrer Mutter zu, er hatte alles hinter sich gelassen und noch mal ganz von vorn angefangen. Ein schönes neues Leben mit einer anderen Frau. Warum nur tat das so weh? Sie beneidete ihre Nachfolgerin ja gar nicht, Cord war ein schrecklicher Mensch, ein schrecklicher Ehemann und ein schrecklicher Vater, das würde die andere bald schon merken, falls sie es nicht längst wusste. Vielleicht lag Gesas Unbehagen daran, dass diese Silvana so unbeschwert wirkte, so jung und siegessicher und irgendwie unverletzlich, ganz anders als sie selbst.

Ja, sie hatte es nicht ausgehalten und das Haus heimlich angeschaut, diese Villa in der Dahlienstraße, obwohl ihr schon vorher klar war, dass es schmerzen würde. Seine Neue hatte sie bei der Gelegenheit auch gesehen, eine billige Blondine in einer gelben Plüschjacke und hautengen Lederleggins, die ständig ihre Sonnenbrille hochschob, weil sie glaubte, dass das interessant wirkte, und die beim Gehen übertrieben mit dem Hintern wackelte. Vom Alter her passte sie überhaupt nicht zu Cord, sie hätte beinahe seine Tochter sein können. Ein Flittchen, hatte sie sofort gedacht, ein billiges Flittchen. In der folgenden Nacht hatte Gesa geträumt, dass die Neue in einem dieser Hähnchenmastställe, die man immer im Fernsehen sah, auf dem Boden hockte und mit diabolischem Grinsen einem Küken nach dem anderen den Hals umdrehte, es knackte jedes Mal ganz laut. Neben ihr stand ein Eimer mit blutigen, kopflosen Küken. Im nächsten Moment saß sie an einer altmodischen Nähmaschine, eine von der Sorte, die man noch mit dem Fuß antreiben musste, und nähte die gelben Küken, die jetzt wieder lebendig waren und jämmerlich piepsten, zu einer Jacke zusammen. Bis heute konnte Gesa diesen Traum nicht vergessen, dabei war das Ganze schon mehr als ein Jahr her.

»Nicht traurig sein, mein Liebling, du bist auch sein Sohn, genau wie dieser Caspar.« Sie schnaubte verächtlich. »Caspar. Ein blöderer Name ist denen wohl nicht eingefallen. Kasperle, Suppenkasper! Auslachen werden sie ihn später in der Schule!«

Gesa beschloss, das schöne Wetter zu nutzen und einen Spaziergang zu machen. Es hatte doch keinen Sinn, sich hier drinnen zu verstecken. Die frische Luft würde ihr guttun. Sie zog ihren Sohn an und freute sich über sein Gebrabbel, das in gellendes Kreischen überging, als sie ihm die Mütze aufsetzte. »Das muss sein, Schatz, es ist es heute sehr windig.«

Als sie in ihre Schuhe schlüpfte, hörte sie Stimmen auf der Straße, die Nachbarn, offenbar fuhr Monika die Jungs zum Fußball. Gesa wollte niemandem begegnen, schon gar nicht Monika, also wartete sie, bis der Motor aufheulte und ihre Nachbarin, wie üblich mit viel zu viel Gas, auf die Straße preschte. Erst dann öffnete sie die Haustür.

Caspar Cornelius Cassjen lag wohlbehalten in den Armen seines Vaters, der gar nicht aufhören konnte, das winzige Gesicht zu streicheln und mit Küssen zu bedecken. Seine Großmutter saß mit unbewegter Miene daneben. Von Zeit zu Zeit beugte sie sich nach links und zupfte an dem himmelblauen Strampelanzug herum, der noch ein gutes Stück zu groß war, sodass die Füße des Kleinen sich nicht am richtigen Platz befanden. Die Suchhunde hatten den Säugling im Gartenhaus der Nachbarn entdeckt, einem Rentnerpaar, das um halb sechs Uhr morgens aufgebrochen war, um an einer Kaffeefahrt nach Bremen teilzunehmen.

Nachdem der Kleine aufgewacht war und lautstark nach Nahrung verlangt hatte, musste die junge Frau Cassjen ihn vor aller Augen stillen, was ihr sichtlich unangenehm war, zumal er sich mehrfach verschluckte, was ihren Mann jedes Mal zu einem ungeduldigen »Nun pass doch auf!« veranlasste. Anschließend erschien der Hausarzt, der eine Einweisung in die Psychiatrie nahelegte. Erstaunlicherweise war die Familie sich einig, dass das nicht vonnöten wäre. Silvana Cassjen starrte teilnahmslos vor sich hin. Sie umklammerte mit einer Hand den Griff des Kinderwagens, in dem der kleine Caspar schlief, der rhythmisch an einem blauen Schnuller saugte, und sang leise:

 

»Der Mond ist aufgegangen

Die gold’nen Sternlein prangen

Am Himmel hell und klar …«

 

Der Arzt hakte sie unter und führte die immer noch singende Frau die Treppe hoch ins Schlafzimmer, um ihr ein Medikament zu spritzen, etwas zur Beruhigung, wie er auf Nachfrage der Schwiegermutter erklärte. Merkwürdig fand Nola das, auf sie wirkte die junge Frau mehr als ruhig, geradezu lethargisch, aber gut, ihre medizinischen Kenntnisse waren die eines Laien. Als das Singen verstummte, mitten im Lied, lief Nola eine Gänsehaut über den Rücken. Zum Abschied betonte der Arzt noch einmal, dass seiner Ansicht nach ein Aufenthalt in der Psychiatrie angezeigt wäre, auch im Interesse des Babys.

Der Ehemann nickte und begleitete ihn zur Tür, er wirkte ein bisschen ungeduldig, als könnte er gar nicht abwarten, den Kollegen loszuwerden. Anschließend setzte er die Anwesenden davon in Kenntnis, dass seine Frau zu Hause bleiben würde, für solche Zustände gebe es Medikamente.

Allein das Wort Zustände verursachte bei Nola eine Gänsehaut, es klang so herablassend, als wäre die Frau einfach nur hysterisch. Dabei sollte jeder hier glücklich sein, dass die Sache so glimpflich ausgegangen war. Sie selbst jedenfalls hätte in dem Moment, als der Hundeführer den Fund des höchst lebendigen Säuglings meldete, am liebsten einen Purzelbaum geschlagen, und Conrad, sie konnte es immer noch nicht fassen, hatte sie spontan umarmt, ihr einen Kuss auf ihr Haar gedrückt und gebrummelt: »Mensch, Nola, Schwein gehabt.«

Wenigstens kündigte Dr. Cassjen an, mit seiner Frau am späten Nachmittag einen Psychiater aufzusuchen, den er persönlich kannte. »Unter Kollegen ist das kein Problem. Als Normalsterblicher kriegt man so kurzfristig keinen Termin.«

Nola fragte sich, wen er mit dieser Aussage beeindrucken wollte. Renke schien der Name des Facharztes bekannt zu sein, er nickte zustimmend, was sie ein bisschen beruhigte. Die Polizisten verabschiedeten sich.

Der Landrat a. D. brachte sie zum Ausgang, er rang sich ein: »Vielen Dank für Ihr schnelles Handeln, wir sind sehr erleichtert, dass Sie den Kleinen so rasch gefunden haben«, ab, wobei er einzig Renke direkt in die Augen schaute. Anschließend schloss er nachdrücklich die Haustür.

Conrad zündete sich sofort eine Zigarette an, er nahm einen tiefen Zug und wischte mit dem Knöchel des linken Zeigefingers über sein Auge, bevor er mit großen Schritten zum Bürgersteig marschierte, wo er sich mit dem Rücken gegen den Wagen lehnte und gierig rauchte. Die Geschichte hatte ihn ziemlich mitgenommen, was ihm ein paar Pluspunkte bei Nola einbrachte.

Nola fühlte sich, als hätte man sie durch die Mangel gedreht. Einerseits war sie euphorisch, hätte am liebsten die ganze Welt umarmt oder wenigstens Renke, der neben ihr stand und leise vor sich hin lächelte, andererseits bohrte sich in ihre Erleichterung ein Unbehagen, das sie nicht ausschalten konnte.

Renke ließ seinen Blick an der Fassade des Hauses emporgleiten. »Irgendwie unheimlich, oder? Ich glaube, diese Frau fühlt sich bedroht, sich und das Baby. Vermutlich wollte sie ihn in Sicherheit bringen, vor wem auch immer.«

»Ja, ziemlich gruselig.« Obwohl die Sonne eine angenehme Wärme ausstrahlte, fröstelte Nola. »Auf mich hat sie total verängstigt gewirkt. Wie ein Reh, das aus Versehen mitten in einem Wolfsrudel gelandet ist. Ehrlich gesagt tut sie mir ein bisschen leid.«

»Kann ich verstehen. Du musst allerdings bedenken, dass sie krank ist. Weiß der Himmel, wie sie sich benimmt, wenn sie gesund ist. Vielleicht ist sie ’ne richtige Zicke, die ihrer Schwiegermutter mit Leichtigkeit Paroli bieten kann.«

Das konnte Nola sich kaum vorstellen, sie musste aber einsehen, dass Renke nicht unrecht hatte. Sie kannte die Frau überhaupt nicht. »Findest du es nicht auch seltsam, dass er als Mediziner seine psychisch angeschlagene Frau mit dem Säugling allein gelassen hat?«

»Ja.« Renke riss seinen Blick von der Hausfassade los und schaute stattdessen Nola an, ein bisschen ungeduldig, wie sie fand, so, als wollte er sagen: Nun gib doch endlich Ruhe. »Cord Cassjen ist seltsam, das ist dir ja sicher aufgefallen, total abhängig von seinen Eltern, oder besser seiner Mutter, genau wie früher. Wir sind mal in eine Klasse gegangen.«

»Wir waren hier nicht zum letzten Mal.« Nola wusste selbst nicht, warum sie so sicher war, dass sie sehr bald schon wieder vor dieser Haustür stehen würde.

Renkes Miene wurde ernster. »Du glaubst, dass Silvana Cassjen dem Kleinen etwas antun könnte?«

Wenn sie das nur so genau wüsste. »Ich glaube, dass hier etwas brodelt, das demnächst explodiert. Frag mich nicht, was das sein wird, keine Ahnung. Mir wäre entschieden wohler, wenn man die Frau in eine Klinik bringen würde.«

»Verständlich. Aber du hast ja gemerkt, dass die Familie Cassjen sich nicht reinreden lässt. Die ziehen ihr eigenes Ding durch, am liebsten hinter verschlossenen Türen.« Nachdenklich drehte er die Dienstmütze in seinen Händen, dann sagte er entschieden: »Nein, ich denke, wir müssen uns keine Sorgen machen. Cord wird heute noch mit seiner Frau einen Facharzt konsultieren, und der dürfte ihr etwas Wirksames verschreiben oder auf einer Einweisung bestehen, hoffentlich Letzteres.« Er setzte die Mütze auf. »Dass er an dem Jungen hängt, war eindeutig. Er hat vor Erleichterung geheult, als er wieder da war. Ich bin sicher, dass er seinen Sohn künftig besser schützen wird.«

»Was macht eigentlich dein Herz?«

Bei einem gemeinsamen Einsatz vor vier Monaten hatte eine in die Enge getriebene Täterin Renke mit einem Elektroschocker traktiert. Es war zu dem gefürchteten Kammerflimmern mit Herzstillstand gekommen. Zum Glück hatte Nola zu diesem Zeitpunkt bereits den Notarzt angefordert, der Renke dank eines Defibrillators zurück ins Leben rufen konnte.

»Mein Herz?« Er legte seine linke Hand auf seinen Brustkorb. »Schlägt, wenn mich nicht alles täuscht.«

»Keine Folgeschäden?«

»Nein, alles bestens. Der Kardiologe ist zufrieden. Hab ich mich eigentlich schon bedankt, dass du mich gerettet hast?«

»Du schienst nicht sehr glücklich darüber zu sein.« Im Gegenteil, bei ihrem Besuch in der Klinik hatte er nur davon gesprochen, dass er seine verstorbene Frau und seine ebenfalls tote Tochter gesehen hatte, ganz deutlich, und dass sie irgendwo auf ihn warten würden. Dabei hatte ein freudvoller Ausdruck auf seinem Gesicht gelegen. Nola war sich vorgekommen, als hätte sie eine glücklich vereinte Familie wieder auseinandergerissen.

»Das, was ich da von mir gegeben habe, darfst du nicht überbewerten. Eine chemische Reaktion des Gehirns, die auf Sauerstoffmangel beruht. Glaub mir, ich bin sehr froh, dass ich noch lebe. Wie war es eigentlich auf den Malediven?«

Erstaunt schaute sie Renke an. Nachdem sie ihn im Krankenhaus besucht hatte, war sie mit ihrer Nachbarin Liliane in den Süden geflogen. Interessierte ihn das wirklich ? »Sehr warm.«

Er grinste. »Bist du allein geflogen?«

»Nein. Da waren noch geschätzte hundertachtzig andere Passagiere an Bord.«

»Okay, konkret gefragt: War dein Doktor auch darunter?«

»Mein Doktor? Wer sollte das sein?« Natürlich war ihr klar, worauf Renkes Frage zielte, er wollte wissen, ob sie mit Valentin Steffen, dem schnuckeligen Rechtsmediziner, ihren Urlaub verbracht hatte, und ja, es gefiel ihr, dass er das wissen wollte. »Ich war mit meiner Nachbarin unterwegs. Und jetzt muss ich los, Conrad wird schon ungeduldig.«

»Dann eben nicht.« Ocko Tammen zuckte gleichmütig mit den Schultern. Margit und ihr Landrat waren an ihm vorbei ins Haus gestürzt, beide ziemlich blass um die Nase und ohne ein Wort zu sagen. Was da wohl passiert war? Egal. Irgendwann würde Margit schon damit rausrücken. Er kniff die Augen zusammen und betrachtete die Rose neben der Garage, die genau wie im letzten Jahr vor sich hin mickerte. Eine von diesen englischen Sorten, die Margit so liebte, den Namen hatte er vergessen. Ocko hasste englische Rosen, weil sie ständig unter Sternrußtau litten. Die gelbe war eine der Schlimmsten. Die Rosenblüte hatte gerade erst angefangen, und schon bildeten sich auf den Blättern wieder diese braunen Flecken, als Nächstes würde das Laub sich gelb färben und abfallen. Nee, so konnte das nicht bleiben, das sah ja richtig erbärmlich aus. Seufzend zog er die Rosenschere aus seiner Jackentasche. Er würde den Busch komplett runterschneiden, das ganze kranke Zeug musste weg. Früher hätte man so etwas gleich verbrannt, aber heutzutage war das verboten, die Gemeinde genehmigte nur noch zwei Brenntage im Jahr, lächerlich. Demnächst würden die auch noch vorschreiben, wie oft am Tag man die Toilette benutzen durfte.

Das Bücken fiel ihm nicht mehr so leicht, was vor allem an seinem Alter lag, siebzig, andere genossen da längst ihre Rente. Aber Ocko hatte nie richtig gearbeitet, höchstens mal Gelegenheitsjobs angenommen, unter der Hand, während er offiziell von Sozialhilfe lebte. Entsprechend schmal fiel seine Altersversorgung aus. Er musste was dazuverdienen, um über die Runden zu kommen, egal, was sein steifer Rücken davon hielt. Früher, als sein bester Freund Cornelius noch gelebt hatte, war Geld kein Problem gewesen. Cornelius hatte immer was zu tun gehabt für ihn, den Garten, die Autos, dann und wann hatte er auch in der Fabrik ausgeholfen, aber das war nicht sein Ding, er hielt sich am liebsten an der frischen Luft auf, und Cornelius hatte das gewusst.

Dank Margits Geschäftstüchtigkeit war Cornelius Cassjen ein reicher Mann geworden, einer, der sich alles leisten konnte. Dennoch war er nicht knauserig gewesen, und seine alten Freunde hatte er auch nicht vergessen. Wie oft hatten sie abends zusammengesessen und ihr Leben gefeiert, im Sommer auf der Terrasse und im Winter drinnen in der Jägerstube, Cornelius, Margit und Ocko. Einmal waren Cornelius und Ocko zusammen nach Paris gefahren, sie hatten von morgens bis abends gesoffen und auch sonst gut gelebt. Seither wusste Ocko, dass französische Nutten für Geld fast alles machten, dass die Franzosen perverse Sachen aßen, lauter so ekliges Muschelzeugs, aber kein Bier brauen konnten. Nee, wirklich nicht, heute noch schüttelte es ihn, wenn er an die dünne Plörre dachte. Für Ocko ging nichts über ein gepflegtes Pils, Jever am besten, und dazu einen Fehnbrand oder besser gleich eine halbe Flasche. Verdammt, er mochte das Zeug, vielleicht war er sogar süchtig danach. Auf das ganze Gedöns mit dem Anzünden und Ablöschen der Flamme konnte Ocko gut verzichten, war doch schade um den Alkohol, der dabei verbrannte. Für Ocko musste der Schnaps auf der Zunge brennen, danach noch mal in der Kehle und am Schluss im Magen, so war es richtig. Wenn ihm der Sinn nach etwas Mildem stand, trank er Tee mit Kluntjes.

Manchmal konnte er kaum glauben, dass Cornelius tot war, inzwischen schon zwanzig Jahre. Als der Leberkrebs ihn damals so richtig in der Zange hatte und alle wussten, dass das Ende bevorstand, hatte er Ocko gebeten, ein Auge auf Margit zu haben, und daran hielt er sich bis heute. Margit war ’ne richtige Hexe, trotzdem konnte er sie gut leiden. Sie hatte Cornelius nämlich geliebt, wirklich und wahrhaftig geliebt, und das musste man ihr hoch anrechnen. Auf Leute, die seinen alten Freund nicht kannten, mochte Cornelius wie ein alter, bösartiger Säufer gewirkt haben, der alle Arbeit auf seine junge Frau abwälzte. Aber Ocko und Margit wussten es besser. Cornelius war ein ganz besonderer Mensch gewesen.

Vor dreizehn Jahren hatte Margit einen neuen Mann in ihr Leben gelassen, einen von der Sorte, die keinen Schimmer hatte, wie man eine Glühbirne auswechselt oder einen kaputten Auspuff flickt. Einen Landrat. Ocko konnte schon verstehen, dass eine schöne Frau wie Margit nicht allein leben wollte, dafür ging sie viel zu gern aus, aber so ein Tintenkleckser hätte es ja nicht sein müssen. Vermutlich war ihre Wahl auf Erich gefallen, weil es ohnehin keinen gab, der Cornelius das Wasser reichen konnte.

So ganz genau wusste Ocko nicht, was ein Landrat eigentlich machte, sonderlich viel konnte es aber nicht sein, wenn er sich Erich so anschaute. Wahrscheinlich hatte er die meiste Zeit nur Akten gewälzt und alle paar Monate mal eine Rede gehalten, die keinen interessierte. In jedem Fall stand ein Landrat oft in der Zeitung, das hatte Margit gefallen, genau wie die vielen Anlässe, zu denen sie ihn begleiten durfte, immer schick angezogen, so etwas machte ihr Spaß, sie glänzte gern.

Seit Erich hier eingezogen war, gab es für Ocko keine gemütlichen Abende mehr auf der Terrasse und schon gar keine Männerreisen nach Paris. Für den Landrat war er nur ein Hilfsarbeiter, mit dem man sich nicht an einen Tisch setzte. Dann und wann holte Margit ihn noch mal ins Haus und schenkte einen Fehnbrand ein. Dann hockten sie in der Küche, auf dem Tisch die Flasche, schwelgten in Erinnerungen und versicherten sich gegenseitig, wie schön die Zeit gewesen war. Neuerdings passierte es sogar, dass Margit bei solchen Gelegenheiten in Tränen ausbrach. Nein, sie hatte Cornelius nicht vergessen, genauso wenig wie er selbst.

Glücklich war Margit nicht in ihrer neuen Beziehung, das wusste Ocko, auch ohne dass sie es aussprach, er sah es ihr an, und er konnte sie verstehen. Zwölf Jahre lebten die beiden schon zusammen, in wilder Ehe, wie seine Mutter das nennen würde, und er fragte sich, wie man einen Mann ernst nehmen sollte, der es nach all der Zeit nicht fertigkriegte, die Frau an seiner Seite zu heiraten. Margit hatte was Besseres verdient als einen, der nach Tinte und Papier roch und nicht nach ehrlicher Arbeit, doch es gab nun mal keinen zweiten Cornelius auf der Welt.

Cord, dieser Versager, der ganz nach seiner schwermütigen Mutter kam, die sich in jungen Jahren aufgeknüpft hatte, war Margit auch keine große Stütze, weder in der Firma noch im Privatleben. Da konnte sie sich schon eher auf die kleine Tineke verlassen, ein nettes unscheinbares Ding, das seine Tante vergötterte, was Ocko nicht so richtig verstand, denn zu ihr war Margit manchmal sehr hässlich.

Oh ja, Ocko kannte sie alle, die ganze Sippschaft. Bei Cord und Silvana hielt er den Garten in Schuss, der Junge wusste wahrscheinlich nicht mal, wie man den Rasenmäher anließ, und Ocko bezweifelte, dass er Stauden von Unkraut unterscheiden konnte. Silvana hatte davon auch keine Ahnung. Er mochte sie trotzdem. Sie behandelte ihn freundlich, schenkte mal einen Schnaps aus, und sie wurde nicht rot, wenn er einen derben Witz erzählte. Ein bisschen erinnerte sie ihn an Margit in jungen Jahren. Aber Ocko war klug genug, das für sich zu behalten. Zwei Königinnen in einem Bienenstock, so etwas ging nie gut.

Die kleine Tineke war ganz anders, ein stilles Blümchen-rühr-mich-nicht-an. Sie wohnte auf dem Gelände der alten Brennerei, die jetzt nur noch die Verwaltung beherbergte. Ganz früher war das Gebäude eine Molkerei gewesen, die Margit zuerst gepachtet und dann gekauft hatte. Knapp drei Jahre war es jetzt her, dass sie den ursprünglichen Wagenschuppen zu einer Wohnung für ihre Nichte hatte umbauen lassen.

Einen Garten gab es bei Tineke nicht zu pflegen, nur ein paar Topfpflanzen auf der kleinen Terrasse, die sie aber selbst versorgte. Dafür kümmerte Ocko sich um ihr Auto, einen Golf, und erst neulich hatte er ihren Flur gestrichen, weiß, was nun wirklich die langweiligste aller Farben war. Tineke hatte ihm mit leuchtenden Augen eine Flasche Bier auf den Tisch gestellt, voller Stolz, dass sie daran gedacht hatte, und später noch eine, mehr hatte sie nicht besorgt. Danach gab es nur noch Tee aus Tassen, deren Porzellan so hauchdünn war, dass er fürchtete, sie mit seinen Pranken zu zerdrücken.

Ocko wunderte sich, dass Tineke sich nachts nicht fürchtete, so ganz allein auf dem Gelände. Ihr komischer Freund besuchte sie ja nur am Wochenende. Dabei war es doch gar nicht so weit von Oldenburg nach Martinsfehn, nicht mal eine Stunde mit dem Auto, so viel Zeit musste man doch wohl erübrigen können für seine Liebste. Tineke schien das nicht zu stören, vielleicht war sie ihrer Tante viel ähnlicher, als die Leute dachten. Trotzdem würde er sich an ihrer Stelle einen großen Hund anschaffen, das hatte er schon mehr als einmal vorgeschlagen. Sie hatte mit ernster Miene erklärt, dass ihre Zeit nicht ausreichen würde, um ein Haustier angemessen zu versorgen. Der arme Hund wäre den ganzen Tag allein, hatte sie gemeint, und das könnte sie nicht verantworten.

Ocko wusste nicht, ob Alleinsein schlimm war für einen Hund, seinen Schweinen machte das nichts aus, und wenn es ihnen was ausmachen würde, wäre es ihm auch egal. Seit wann war das Wohlbefinden eines Tieres wichtiger als das eines Menschen?

Wenn es nach Hannelore Stockmeyer gegangen wäre, hätte der Junge keine eigene Wohnung beziehen dürfen. Aber Walter hatte ihn unterstützt, und gegen zwei Männer war sie nicht angekommen. Männer, ach was, genau betrachtet war Thomas mit seinen zweiundzwanzig Jahren immer noch ein dummer Junge, der sich in Schwierigkeiten brachte, wenn sie nicht auf ihn aufpasste.

Heute Nachmittag war Thomas nicht zu Hause gewesen, und an das Handy hatte sie ihn auch nicht bekommen, er hatte sie einfach weggedrückt, zweimal hintereinander. Das war so unverschämt, dass Hannelores Kopfhaut prickelte, wenn sie nur daran dachte. Nach allem, was sie für ihn getan hatte, wagte ihr Sohn es, sie aus der Leitung zu schubsen.

Und jetzt zeigte die Uhr zehn nach fünf, um fünf begann seine Arbeitszeit, und Thomas war immer noch nicht aufgetaucht. Vor lauter Nervosität hatte Hannelore sich die Trittleiter geschnappt, um die Lampen über dem Tresen abzuwischen, das war längst überfällig. Manchmal hasste sie das Lokal, die Enge, die Dunkelheit, die abgenutzte Möblierung und den Staub, der überall klebte. Am liebsten würde sie die Deichstube für drei Wochen schließen und gründlich renovieren. Ja, das sollten sie wirklich tun. Wenn hier alles hell und freundlich wäre, würden auch andere Gäste kommen, junge, fröhliche Menschen, mit denen man lachen konnte, und keine einsamen, vom Leben enttäuschten Rentner, die leicht zufriedenzustellen waren, weil sie sich überall wohler fühlten als zu Hause.

Als junge Frau hatte sie von einem Bahnhofslokal geträumt, Menschen, die kamen und gingen, Reisende, die nur kurz innehielten, bevor sie ihren Weg fortsetzten. Auf Bahnhöfen herrschte eine ganz eigene Stimmung, alles war in Bewegung, die Menschen rauschten vorbei wie die Züge und ließen nichts zurück. So viel Leben, dachte sie immer, wenn sie mit der Bahn nach Osnabrück fuhr, um ihre Schwester zu besuchen. Da muss man sich doch auch selbst lebendig fühlen.

Für Walter kam ein Bahnhofslokal nicht in Betracht. Walter hasste Veränderungen jeder Art, er wollte hierbleiben, in seiner Küche die ewig gleichen Gerichte für die ewig gleichen Gäste zubereiten. Jeden Dienstag Gulasch, jeden Mittwoch Kartoffelsalat und Schnitzel, jeden Donnerstag Putensteak und Kroketten, jeden Freitag Erbsensuppe mit Kochwurst und einem Schälchen Schokopudding, immer für 5,99 Euro. Ihre Vorschläge, wie man die Gaststube schöner gestalten könnte, stießen bei ihm auf taube Ohren. Der Mensch ist ein Gewohnheitstier, wie oft sie sich das anhören musste. Und dass neue Möbel auch neue Gäste bedeuteten. Und neue Gäste eine neue Speisekarte. Spätestens an diesem Punkt winkte er müde ab. »Viel zu viel Unruhe, Hannelore. Die paar Jahre bis zur Rente, das lohnt nicht mehr. Sei zufrieden, dass der Laden einigermaßen läuft.«

Die paar Jahre waren immerhin noch acht, für Hannelore eine Ewigkeit. In acht Jahren wollte Walter den Laden abgeben und sein Rentnerleben auf der Hansebraut genießen, ihrer kleinen Segeljacht, die ihnen seit Jahren gehörte, aber aus Zeitmangel kaum einmal genutzt wurde, nur drei Wochen im Sommer, wenn sie Betriebsferien machten. Ansonsten lag das Boot in Westeraccumersiel, und allein schon das kostete ein Vermögen.

»Ich freue mich schon auf den Urlaub«, sagte Walter das ganze Jahr über, und er tat so, als wüsste er nicht, dass sie sich vor dem Wasser fürchtete. Sie konnte nicht schwimmen und hatte panische Angst zu ertrinken. Hannelore musste jedes Mal Baldriantropfen schlucken, bevor ihr Urlaub begann, und nachts brauchte sie Schlaftabletten auf dem schwankenden Kahn. Immer wieder träumte sie davon, hilflos im Wasser zu treiben und zu wissen, dass sie sterben musste. Haifische kamen in diesen Träumen auch vor, wahre Bestien mit aufgerissenen Mäulern, gespickt mit messerscharfen Zähnen, die um sie kreisten und dabei immer näher kamen, schrecklich. Nein, auf das Rentnerdasein konnte sie sich nicht freuen, nicht, wenn Walter mit ihr segeln wollte.

Vielleicht überlegte er es sich ja noch anders, viele Gastronomen arbeiteten, bis sie tot umfielen. Ein Nachfolger für die Deichstube war ohnehin nicht in Sicht. Die beiden älteren Söhne machten beruflich etwas anderes, einer fuhr zur See, der andere verdiente sein Geld als Maler und Tapezierer. Über Thomas brauchten sie in diesem Zusammenhang gar nicht erst nachzudenken, er war nicht in der Lage, den Betrieb alleinverantwortlich zu führen. Wenn jemand sich nach ihm erkundigte, bezeichnete sie ihn natürlich als Koch, wie sah das sonst aus? Ging doch keinen etwas an, dass er die Prüfung damals nicht angetreten und später auch nicht nachgeholt hatte, alles wegen dieser blöden Sache. Wenigstens galt Thomas nicht als vorbestraft, und niemand brauchte den Grund zu erfahren, aus dem ihr Sohn streng genommen gar nichts war, nicht mal Beikoch, nur eine Aushilfe, total überbezahlt, damit er sich eine winzige Wohnung und ein Auto leisten konnte.

»Er ist unser Sohn«, hatte Walter im letzten Jahr gemeint, als Thomas den Mietvertrag unterzeichnete. »Und er muss endlich auf eigenen Füßen stehen. Du sollst sehen, das tut ihm gut. Wenn wir nicht an ihn glauben, wer dann?«

Hannelore wusste nicht, ob Walter tatsächlich an Thomas glaubte, selbst schaffte sie es jedenfalls nicht. Im Gegenteil, die Zukunft kam ihr vor wie ein Fass, das eine schwarze, widerliche Suppe enthielt. Sie wollte gar nicht wissen, was alles darin herumschwamm. Was sollte aus Thomas werden, wenn sie eines Tages die Deichstube aufgaben? Kein anderer Betrieb würde Thomas so viel bezahlen, als hätte er eine abgeschlossene Berufsausbildung. Und wenn sie ihn fragte, ob er die Prüfung nicht endlich nachholen wollte, lachte er nur und meinte: Wozu, es geht mir doch gut ?

Die Hintertür quietschte, obwohl jemand sich Mühe gab, sie lautlos zu öffnen. Das war allerdings noch keinem gelungen, schon gar nicht Thomas. Hannelore kletterte so hastig von der Leiter, dass sie mit dem rechten Fuß die unterste Stufe verfehlte und heftig auf dem Boden aufkam. Ein kurzer, brennender Schmerz zuckte hoch bis in die Wade, hoffentlich war nichts verstaucht, das würde ihr gerade noch fehlen.

»Thomas?«

»Keine Zeit, bin spät dran.« Seine Stimme klang eine halbe Oktave zu hoch und atemlos, ein schlechtes Zeichen.

Bitte nicht. Hannelore setzte sich auf den nächstbesten Stuhl, winkelte das Bein an und massierte vorsichtig ihren Knöchel. Es war nicht angenehm, doch der Schmerz ließ sich aushalten. Warum sollte sie nicht auch mal Glück haben? Sie zwang sich, tief durchzuatmen, es hatte keinen Zweck, jetzt wie eine Furie in die Küche zu stürzen und den Jungen in Grund und Boden zu brüllen, obwohl ihr weiß Gott danach zumute war.

Christina, ihre Servicekraft, die oft genug ihre Wutanfälle aushalten musste, war nicht zur Stelle, damit sie sich abreagieren konnte. Also musste sie sich selbst beruhigen. Einatmen, ausatmen und jedes Mal bis acht zählen. Nach fünf Minuten, ihr war bereits ein bisschen schummrig im Kopf von dem ganzen Sauerstoff, erhob sie sich. Aua, das Auftreten bereitete ihr Schmerzen, wie war sie nur darauf gekommen, an so etwas wie Glück zu glauben?

Seit diese Geburtsanzeige in der Zeitung gestanden hatte, passierte etwas mit Thomas. Sie wünschte, sie hätte das Käseblatt verschwinden lassen, bevor er einen Blick darauf werfen konnte. So war es aber nicht gewesen, er hatte die Anzeige entdeckt und danach eine ganze Weile vor sich hin gestarrt, blass und mit weit aufgerissenen Augen, die sich langsam mit Tränen füllten, und als sie nach seiner Hand greifen wollte, hatte er Lass mich gezischt.

Konnte dieses Weibsstück ihn nicht endlich in Ruhe lassen? Hannelore hatte solche Angst, dass es wieder losging. Am liebsten hätte sie Thomas einen Peilsender angeklebt, damit sie jederzeit überprüfen konnte, wo er sich aufhielt. Mach dich nicht verrückt, dachte sie. Silvana ist jetzt verheiratet, die hat gar keine Zeit für Thomas, erst recht nicht so kurz nach der Geburt. Aber es half nichts, die Angst hatte sich bereits eingenistet in ihrem Kopf.

Inzwischen war Thomas umgekleidet. Er sah gut aus in seiner Kochkluft, richtig erwachsen, erwachsen und zuverlässig. Walter stand am Spülbecken und rauchte, dabei wusste er genau, dass sie das nicht leiden konnte.

»Warum rauchst du nicht draußen?«, fuhr sie ihn an, und ein paar Gemeinheiten rutschten hinterher, die sie eigentlich gar nicht so meinte. Es war die Angst, die bei ihr immer in Zorn umschlug, und sie schaffte es nur ganz selten, sich hinterher zu entschuldigen. Diesmal gelang es ihr auch nicht.

Wortlos stapfte ihr Ehemann aus der Küche, und Thomas, der nicht rauchte und darum bleiben musste, zog den Kopf ein, als würde er Schläge erwarten. Gott, der Junge war zwei Meter groß, sie nicht mal ein Meter siebzig, wie sollte sie das wohl anstellen? Vielleicht hatte er sich darum so entwickelt, weil er ihren Erziehungsmaßnahmen davongewachsen war, weil sein Kopf so hoch über den Wolken schwebte, unerreichbar für Hannelore und ihre guten Ratschläge.

»Warum hast du mein Telefongespräch nicht angenommen?« Sie war erstaunt, wie ruhig das klang, dabei rauschte das Blut wie ein entfesselter Wildbach durch ihren Körper, sie konnte es fast schon hören, dieses wütende Tosen und Brausen.

»Ich hatte keine Zeit.« Er versuchte, sie zu ignorieren, indem er einen Kopf Eisbergsalat aus dem Kühlschrank holte und das Zellophan umständlich herunterfummelte. Ihr Blick fiel auf sein linkes Handgelenk, auf die wunde Stelle, so groß wie ein Eurostück, die in der Mitte schon ein wenig nässte.

»Fängt das schon wieder an? Mit so einem Arm kannst du nicht in der Küche arbeiten. Wenn das die Gäste sehen.«

»Ich kann ja wieder gehen.«

Werd nicht frech, hätte sie am liebsten geschrien, aber so wie er sie jetzt anschaute, als würde er nur darauf warten, damit er alles hinwerfen und davonrennen konnte, verzichtete sie darauf. »Ich hole Verbandszeug.« Sie drehte sich um.

In der Pubertät hatte es begonnen. Sobald Thomas Stress bekam, fing er an, auf seinem linken Handgelenk herumzukauen, wie ein Hund, der an einem Knochen nagte. Zuerst rötete sich die Haut nur, dann entstanden kleine Wunden, die sich immer weiter ausdehnten, bis alles offen war und entzündet. Einmal hatte Thomas kurz vor einer Hauttransplantation gestanden, aber dank einer neuen antibiotischen Salbe und dicken Verbänden hatten sie es doch noch hingekriegt.

Zwei Jahre lang war alles gut gewesen, jetzt ging es wieder los, und sie wusste genau, wem sie das zu verdanken hatten. Silvana. Allein ihr Name in der Zeitung reichte aus, um Thomas aus dem Gleichgewicht zu kippen.

Umständlich riss sie die Verpackung von dem Verbandsmaterial auf, dann konzentrierte sie sich auf die Wunde. Wenn Hannelore ehrlich war, ekelte sie sich vor dem Anblick, und selbst hätte sie niemals in einem Lokal speisen wollen, wo ein Koch mit solch einer Verletzung arbeitete. Sie achtete streng darauf, dass kein Gast Thomas’ Arm zu sehen bekam, jedenfalls nicht ohne Verband. Wenigstens hielt der Junge still, als sie die kaputte Stelle mit einer sterilen Wundauflage abdeckte, die sie mit Pflaster und einer elastischen Binde fixierte.

»Pass auf, dass kein Wasser drankommt.«

»Okay.«

Sie gestand ihm zwei Minuten Ruhe zu, die er nutzte, um den Salatkopf endgültig aus der durchsichtigen Hülle zu befreien, die Blätter zu lösen und in kaltes Wasser zu tauchen. Dann hielt sie es nicht mehr aus. »Was hast du heute Nachmittag gemacht, Thomas?«

Sie hatte nicht bemerkt, dass Walter zurückgekommen war. Er hievte mit Schwung einen Eimer mit Kartoffeln, die geschält und gekocht werden mussten, auf die Arbeitsfläche. »Lass den Jungen in Ruhe, Hannelore. Er ist kein Kind mehr, und es geht dich nichts an, wie er seine Freizeit verbringt.«

Oh doch, es geht mich etwas an. Hast du am Samstag nicht in die Zeitung geschaut? Silvana hat ein Baby bekommen, unsere Silvana, Thomas’ angebetete Silvana. Merkst du nicht, wie der Junge sich wieder verliert? Macht dir das keine Angst? »Ich mein ja nur, ist doch komisch, wenn er mich zweimal hintereinander aus der Leitung wirft«, sagte sie lahm.

Doch Walter dachte nicht daran, ihr beizupflichten. Vermutlich war er immer noch sauer, weil sie ihn mitsamt seiner Zigarette vor die Tür geschickt hatte, und suchte nach einer Möglichkeit, ihr das heimzuzahlen. Dabei wollte sie doch nur, dass es hier ordentlich zuging.

»Du weißt, wie ich darüber denke«, erklärte er kühl, während er eine Kartoffel nach der anderen mithilfe des Sparschälers in völlig gleich geformte, gelbliche Ovale verwandelte, die er ins kalte Wasser plumpsen ließ. Jedes Mal spritzte eine wütende Fontäne auf. »Diese Scheißhandys nehmen den Menschen jegliche Privatsphäre. Ich wüsste nicht, warum ein erwachsener Mann jederzeit für seine Mutter erreichbar sein muss.«

Sie wollte den Konflikt nicht eskalieren lassen, nicht jetzt, sie hatte gelernt zu warten. Als junges Mädchen musste Hannelore die Hühner ausnehmen, die ihr Vater geschlachtet hatte. Dabei war es wichtig, ganz behutsam vorzugehen, sich vorsichtig in der Bauchhöhle voranzutasten, um nur ja nicht die Gallenblase zu verletzen. Wenn das passierte und die dunkelgrüne Masse austrat, war alles verdorben und das Huhn nicht mehr zu genießen. Genauso verhielt es sich mit Thomas. Bei allem, was vorfiel, musste man darauf achten, nicht die Blase zu berühren, in der das Schlechte ruhte, nur durch eine hauchdünne Haut getrennt von ihrer aller Leben.

Hannelore beschloss, die Männer ihre Arbeit tun zu lassen, so wie immer. Sie würde in der Gaststube weiterputzen, bis Christina kam, die ihr seit vier Monaten im Service half und ihr genauso unfähig vorkam wie Thomas. Die beiden würden ein schönes Paar abgeben. Ach, was waren das für alberne Gedanken. Einer wie Thomas würde nie eine Frau bekommen.

»Ist ja auch egal«, sagte sie müde und nahm sich vor, heute Abend mit Walter zu reden, ernsthaft, falls er überhaupt bereit war, ihr zuzuhören. In letzter Zeit führte sein erster Weg in der Wohnung zum Fernsehapparat, bis spät in die Nacht schaute er sich jeden Mist an, alles schien besser zu sein, als mit ihr zu reden, selbst irgendwelche politischen Diskussionen, die ihm früher viel zu langweilig gewesen wären, zog er einem Gespräch vor. Sie gestand sich ein, dass es in ihrer Ehe genauso dunkel und abgenutzt ausschaute wie in ihrem Lokal, beides bot keinen Grund zur Freude.

»Wie oft haben Sie heute schon an Ihre tote Frau gedacht?« Die Frage schwebte schon eine ganze Weile zwischen ihnen, und es war klar, dass er sie irgendwann beantworten musste.

Renke zuckte müde mit den Schultern. »Keine Ahnung, ich denke an Britta, wenn ich herkomme. Deshalb bin ich ja hier.« Um den Therapeuten nicht ansehen zu müssen, ließ er seinen Blick durch den Raum gleiten, er mochte ihn nicht, hatte ihn von Anfang an nicht gemocht, sich eingebildet, dass es in der Praxis nach menschlichem Leid und ungeweinten Tränen roch. Albern. Und doch hätte er diesen Geruch jederzeit beschreiben können, herb und schwer und irgendwie staubig. Die Wände waren weiß getüncht, und es gab keine Bilder, vermutlich damit man sich nicht ablenken konnte, und die wenigen Möbelstücke erschienen ihm noch hässlicher als das Mobiliar in seiner Dienststelle.

Der Therapeut, den Eva, die Frau seines Freundes Robert, empfohlen hatte, legte die Fingerspitzen aneinander, sehr langsam und bedächtig, Finger für Finger. Wie bei den letzten Malen trug er eine graue Strickjacke, deren Farbe dem ungesunden Ton seiner Haut glich. Die Jacke sah aus, als wäre sie im Laufe vieler Jahre zu einem Teil von ihm geworden. Renke hielt ihn für schwer krank, dazu passten auch die ständigen Hustenattacken und die Tatsache, dass sein Termin schon zweimal kurzfristig ausgefallen war. »Und gestern?«

»Da hab ich auch an Britta gedacht. Ein Kollege ist wegen Grippe ausgefallen, und ich musste mir überlegen, wie ich den Dienstplan ändere, damit ich pünktlich hier sein kann.«

Die Zeigefinger tippten gegeneinander, und weil es so still war, konnte man das sogar hören, ganz leise, ein trockenes Pochen. »Und außerhalb unserer Gespräche, wie oft denken Sie da an Ihre tote Frau?«

Zu oft, viel zu oft. »Keine Ahnung.«

»Versuchen wir es mal anders. Ihr Vater ist vor sieben Jahren gestorben. Wie oft denken Sie an Ihren Vater?«

»Selten. Wie das so ist. Sieben Jahre sind eine lange Zeit.«

Seine Antwort schien den Therapeuten zu erfreuen. »Ja, Herr Nordmann, wie das so ist. Wir lernen, mit dem Verlust zu leben, das ist völlig normal. Wie sollte das Leben sonst auch weitergehen? Ihre Mutter liegt seit zwei Jahren im Pflegeheim. Sie mussten Ihr Elternhaus verkaufen, um die Kosten zu tragen. Quält Sie das? Fühlen Sie Ihrem Vater gegenüber ein schlechtes Gewissen? Ich gehe mal davon aus, dass ihm diese Lösung nicht unbedingt gefallen hätte.«

Er musste sich zwingen, die Worte nicht als persönlichen Angriff zu werten. »Mag sein. Leider gibt es keine Alternative. Ich bin sicher, mein Vater hätte das verstanden. Er konnte sehr pragmatisch sein.«

»Ihr Vater ist nicht mehr da, Sie mussten diese Entscheidung ohne ihn treffen und sind überzeugt, dass es die richtige war.« Der Therapeut löste die Finger, lehnte sich zurück, führte eine Hand zum Mund und hustete unterdrückt. Bevor er weitersprechen konnte, musste er sich mehrfach räuspern. »In diesem Fall haben Sie realisiert, dass alles, was nach dem Tod Ihres Vaters passiert, in Ihre Verantwortung fällt. Weil die Lebensumstände sich geändert haben.« Er fasste sich an den Hals, räusperte sich ein weiteres Mal und schluckte. »Um ein normales Leben zu führen, ist es wichtig, dass wir uns unseren Toten nicht verpflichtet fühlen. Wir können nichts mehr tun für einen Menschen, der nicht mehr da ist.«

Mein Gott, wie einfach sich das anhörte. »Ich denke, wir sollten wenigstens versuchen, unsere Versprechen einzuhalten.« Ich versuche es jedenfalls.

»Ein Versprechen, das wir in einer Ausnahmesituation gegeben haben, damit ein sterbender Mensch leichter gehen kann. Meinen Sie wirklich, dass so ein Versprechen bindend ist für den Rest Ihrer Tage? Das ganze Leben ist Veränderung. Wir müssen ständig reagieren. Vor fünf Jahren haben Sie sich vielleicht einen BMW gekauft und gemeint, das ist die einzig wahre Automarke. Und jetzt fahren Sie …« Er stand auf, war mit drei großen Sätzen am Fenster und schaute runter auf den Parkplatz. »Jetzt fahren Sie einen Audi. Ohne schlechtes Gewissen, nehme ich an, egal welches Auto Sie früher mal präferiert haben. Das Leben geht weiter, und wir tun gut daran, mitzugehen.«

»Ja, aber was hat das mit meinem Problem zu tun?« Eine zugegeben blöde Frage, die Antwort lag auf der Hand, doch Renke wollte sie nicht wahrhaben.

»Ihr Problem ist, dass Sie das Leben anhalten wollen. Ihre Frau ist vor dreieinhalb Jahren gestorben. Sehr jung. Das ist schrecklich. Vor sechs Monaten haben Sie auch noch Ihre Tochter verloren. Doppelt schlimm. Sie reden sich ein, dass Sie nicht gut genug aufgepasst haben, obwohl Sie Ihrer Frau versprochen haben, gut auf Aleena zu achten. Sie fühlen sich schuldig, dabei sollte gerade Ihnen als Polizist klar sein, dass das Unsinn ist. Die Schuld liegt bei der Täterin, das wissen Sie im Grunde ja auch.« Als Renke etwas erwidern wollte, hob er die Hand. »Sie haben sich verliebt und fühlen sich schlecht dabei. Als würden Sie Ihre Frau betrügen. Aber Ihre Frau ist tot, und Tote kann man nicht betrügen.«

Alles, was der Therapeut ihm sagte, war Renke tief in seinem Inneren längst klar. Leider konnte er mit seinem Wissen nichts anfangen, und nach sechs Therapiestunden hatte er das Gefühl, kein Stück vorangekommen zu sein. Vielleicht war er zu ungeduldig, doch er hatte sich noch nie dafür begeistern können, die Umstände seines Lebens vor anderen Menschen auszubreiten, zu diskutieren. Am Ende schien körperliche Arbeit immer noch die beste Therapie für ihn zu sein. Die Kernsanierung des Hauses seiner längst verstorbenen Großmutter nahm ihn neuerdings so in Anspruch, dass kaum noch Zeit blieb für schwarze Gedanken oder Träume von Nola van Heerden. »Ich denk drüber nach. Nächste Woche kann ich nicht.«

»Gut, dann sehen wir uns in zwei Wochen. Eins möchte ich Ihnen noch mit auf den Weg geben. Das, was Ihre Frau vor Ihrem Tod gesagt hat, ist einer emotional sehr schwierigen Situation entsprungen. Unter anderen Umständen würde sie das möglicherweise völlig anders sehen. Wie schon gesagt, das Leben bleibt nicht stehen. Der Tod macht uns Angst, und Angst trübt unseren klaren Menschenverstand, lässt uns eindimensional denken. Entschuldigung.« Er drehte sich zur Seite. Erneut schüttelte ihn ein Hustenanfall, diesmal sehr viel heftiger, und Renke begriff, dass er gerade von sich selbst gesprochen hatte. »Noch etwas, Herr Nordmann. Zum Herbst werde ich die Praxis an meine Tochter übergeben, aus gesundheitlichen Gründen. Ein bisschen übereilt, ich dachte, dieses verflixte Schalentier lässt mir mehr Zeit, aber so ist es leider nicht. Meine Tochter ist eine fähige Therapeutin, die bis jetzt in einer stationären Einrichtung gearbeitet hat. Sie wird Ihnen genauso gut helfen können wie ich.«

Also gar nicht. »Wir sehen uns in vierzehn Tagen.«

Der Therapeut war ein kluger Mann, er spürte, dass Renke darüber nachdachte, nicht mehr wiederzukommen, und wollte ihm noch einen Denkanstoß mit auf den Weg geben. »Was Ihre Kollegin angeht, von der Sie beim letzten Mal gesprochen haben. Ich kann Ihnen zurzeit nur von einer Beziehung abraten. Solange Sie Ihre Frau nicht loslassen können, wird das nicht funktionieren. Stellen Sie sich eine Kegelbahn vor. Wenn Sie die Kugel gleich zu Anfang schräg aufsetzen, wird sie niemals die Ideallinie finden und alle Neune abräumen. Geben Sie sich Zeit, bevor sie etwas Neues anfangen. Arbeiten Sie an Ihren Schuldgefühlen.«

Barbara Wendelken

Über Barbara Wendelken

Biografie

Barbara Wendelken wurde 1955 in Schwanewede bei Bremen geboren. Die gelernte Kinderkrankenschwester veröffentlicht seit 1996 regelmäßig Kinderbücher, Kriminalromane sowie zahlreiche Kurzgeschichten in Anthologien. Wenn sie nicht schreibt, genießt die Autorin mit ihrem Mann das Landleben in...

Pressestimmen

Neue Ruhr Zeitung

»Der Fall ist akribisch aufgebaut, schlüssig und nachvollziehbar gelöst. Doch das Ende überrascht.«

Kommentare zum Buch

Keine einfachen Lösungen
Barbara62 am 07.12.2016

Auch der dritte Teil der Ostfriesland-Krimireihe von Barbara Wendelken um die sympathischen Ermittler Renke Nordmann, Hauptkommissar im Polizeirevier von Martinsfehn, und Nola van Heerden, Oberkommissarin von der Kripo Leer, ist für mich wieder ein großer Wurf im Krimisegment. Selten passen Autorin und Leserin so perfekt zueinander wie bei dieser Serie, die inzwischen für mich die beste ist, die ich derzeit auf dem deutschen Krimimarkt kenne.   Grund dafür ist nicht alleine die jeweils sehr spannende, komplexe Krimihandlung mit ungezählten Wendungen, Einbahnstraßen und Spuren und absolut logischen Auflösungen, sondern die Fähigkeit von Barbara Wendelken, Charaktere und Orte mit wenigen Worten so detailliert zu beschreiben, dass ich sie wie in einem Film vor mir sehe. Außerdem mag ich die häufig wechselnden Perspektiven, die immer wieder ein anderes Licht auf die Geschehnisse werfen und jede zuvor aufgestellte Theorie ins Wanken bringen. Dabei ist es nur ihrem großen erzählerischen Talent zu verdanken, dass man nie die Orientierung verliert, denn scheinbar mühelos führt sie durch den Dschungel aus Spuren und Verdachtsmomenten und gönnt uns nur ab und zu eine kleine Verschnaufpause, wenn es um die ebenso spannende private Beziehung zwischen Nola und Renke geht. Auf über 500 Seiten, von denen keine verzichtbar ist, entsteht so ein absolut umfassendes Bild der Lage und trotzdem ist der Plot jedes Mal eine Überraschung.   Der aktuelle Fall "Ihr einziges Kind" beginnt mit einem meisterhaften erzähltechnischen Trick, denn bevor es überhaupt ein Verbrechen gibt, werden Renke und Nola wegen eines verschwundenen Säuglings in die Villa des Urologen Dr. Cord Cassjen und seiner deutlich jüngeren Frau Silvana gerufen. Es stellt sich schnell heraus, dass die unter einer postpartalen Psychose leidende, verwirrte Frau das Baby lediglich „verlegt“ hat, aber wir als Leser haben so den Ort, der bald darauf Schauplatz eines Mordes wird, bereits kennengelernt, ebenso wie das Ehepaar Cassjen, die Mutter von Cord, Spirituosenfabrikantin und reichste Frau von Martinsfehn, und ihren Lebensgefährten, den honorigen Landrat a. D.   Renke und Nola jagen im weiteren Verlauf des Krimis nicht nur einen Mörder oder Mörderin, sie suchen auch nach der verschwundenen Silvana, was ein und dasselbe sein könnte, und vor allem nach deren Baby, letzteres eine nur schwer zu ertragende Belastung.   Als Leserin habe ich um den Säugling gezittert, mit angehaltenem Atem die Mordermittlungen verfolgt, wegen der diversen Schweinereien der ach so vornehmen Familie Cassjen mit den Zähnen gekirscht, jede Menge Unschuldige verdächtigt und gehofft, dass es für Nola und Renke endlich ein gutes Ende nimmt. Am Schluss blieb nur eine Frage offen: wann in Martinsfehn das nächste Mal ermittelt wird, denn dann will ich unbedingt wieder dabei sein! 

Ihr einziges Kind
Carmen Dauer am 20.11.2016

Dr. Cord Cassjen und seine Frau Silvana sind frisch verheiratet und seit ein paar Tagen krönt das Glück auch noch der kleine Casper. Doch Silvana leidet an einer Wochenbettpsychose und sieht sich und den kleinen Kasper bedroht. Silvana versteckt den kleinen Casper im Gartenhaus der Nachbarn und kann sich nicht mehr daran erinnern wo sie ihn versteckt hat oder ob ihn doch jemand geholt hat. Dr. Cord Cassjen ruft die Polizei und die beiden Kommissare Nola von Heerden und Renke Nordmann sind schnell zu Stelle und machen sich auf die suche nach Casper. Der kleine wird auch relativ schnell im Gartenhaus gefunden und Dr. Cord Cassjen verspricht, das er mit seiner Frau einen Psychiater aufsucht. Wenige Tage später wird Dr. Cord Cassjen erschossen aufgefunden und von Casper und seiner Frau fehlt jede Spur. Dr. Cord Cassjen stammt aus einer reichen Unternehmerfamilie und schnell merkt der Leser das hier nicht alles so ist wie es scheint.   Mir hat der Kriminalroman sehr gut gefallen und es wird garantiert nicht langweilig. Man lernt die ganze Familie und Angehörigen kennen, mit ihren Stärken und Schwächen. Die beiden Kommissare geben die Hoffnung nicht auf, das sie den kleinen Casper lebend finden und stellen alles auf den Kopf. Nola und Renke mochte ich von Anfang an und hätte sogar gerne noch mehr über sie erfahren, ein wirklich tolles Ermittlerteam. Immer wieder habe ich selbst in eine andere Richtung ermittelt und mir Gedanken über verschiedene Protagonisten gemacht. Fast nichts hat sich aber bestätigt und Barbara Wendelken hat geschickt die Fäden gespannt, das das Buch wirklich durchgehend spannend zu lesen war. Das Ende war für mich noch überraschend und hat mir eigentlich gefallen. Mir persönlich waren es aber zu viele Protagonisten und viel zu viele Baustellen und Probleme, die das ganze etwas zu verworren machten.   Eine klare Leseempfehlung für einen Kriminalroman, der nicht Langweilig wird.

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