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Feuervögel

Die Kantaki-Saga 4

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Feuervögel — Inhalt

Seit Jahrhunderten infiltriert ein mächtiger Gegner den gesamten Weltraum: Das grausame Volk der Graken besetzt nach und nach die Planeten und beraubt die Bewohner ihrer Lebensenergie – um selbst zu überleben. Die Graken scheinen unbesiegbar, ihre Herkunft und ihre Ziele sind unbekannt. Doch dann rettet Tako Karides, ein Offizier, der erbittert gegen die Graken kämpft, bei einem Einsatz auf dem Planeten Kabäa den jungen Dominik. Und der verfügt über geheimnisvolle Fähigkeiten, mit denen das Universum vielleicht doch noch vor dem Untergang bewahrt werden kann …

 

»Andreas Brandhorst hat definitiv ein Händchen dafür, Welten zu erschaffen, deren Bann man sich schwer entziehen kann.« hisandherbooks.de

€ 11,00 [D], € 11,40 [A]
Erschienen am 02.11.2017
560 Seiten, Broschur
EAN 978-3-492-28124-9
€ 9,99 [D], € 9,99 [A]
Erschienen am 02.05.2017
576 Seiten, WMEPUB
EAN 978-3-492-97584-1

Leseprobe zu »Feuervögel«

1 – Vor der Hölle
10. Februar 1114 ÄdeF


Das gleichmäßige Summen des getarnten Raumschiffs versprach eine Sicherheit, die nicht existierte. Draußen lag der Feind auf der Lauer.
Tako Karides traf die letzten Vorbereitungen, und dazu gehörte ein Blick in die Vergangenheit. Direkt vor ihm in seinem kleinen Quartier an Bord der Talamo schwebte ein quasireales Bild, präsentierte dem Auge drei Dimensionen und dem Tastsinn Quasimaterie. Tako berührte die Wangen seines Sohns Manuel, der als Sechsjähriger auf Meraklon gestorben war, zusammen mit seiner Mutter [...]

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1 – Vor der Hölle
10. Februar 1114 ÄdeF


Das gleichmäßige Summen des getarnten Raumschiffs versprach eine Sicherheit, die nicht existierte. Draußen lag der Feind auf der Lauer.
Tako Karides traf die letzten Vorbereitungen, und dazu gehörte ein Blick in die Vergangenheit. Direkt vor ihm in seinem kleinen Quartier an Bord der Talamo schwebte ein quasireales Bild, präsentierte dem Auge drei Dimensionen und dem Tastsinn Quasimaterie. Tako berührte die Wangen seines Sohns Manuel, der als Sechsjähriger auf Meraklon gestorben war, zusammen mit seiner Mutter Dalanna, zwei von vielen Opfern der Graken. Er fühlte weiche Haut, die Nässe einer Freudenträne, sah den Glanz in den großen braunen Augen des Jungen, das Lächeln auf seinen Lippen. Aus welcher Zeit stammte diese Aufnahme? Der Umstand, dass ihm die Antwort nicht sofort einfiel – und dass er die Wange des Jungen berühren konnte, ohne dass dieser Kontakt und der Anblick des Knaben etwas in ihm berührten –, deutete darauf hin, dass er zumindest in emotionaler Hinsicht für den Einsatz bereit war. Die schwere Last des Verlustes und der Hass auf die Graken existierten nach wie vor, aber nur noch als fernes Flüstern in den tiefen Gewölben seines Geistes. Die Gedanken blieben jetzt von diesen Empfindungen unbeeinflusst, und wenn sie sich dem Epizentrum näherten, würden die Graken nicht so leicht eine emotionale Schwachstelle in ihm finden, die ihnen Zugang zu seinem Inneren bot.
Wenn wir es bis zum Epizentrum schaffen, dachte er, ohne eine Spur Pessimismus oder gar Fatalismus. Mit der rechten Hand tastete er nach den drei Bionen an seinem Hals, ein Geschenk der Tal-Telassi für diesen Einsatz. Sie schmiegten sich flach an die Wölbung, wo sich Hals und Schulter trafen, waren inzwischen so hart wie Horn.
Tako wusste genau, welche Vorteile die Befreiung von Emotionen gerade im Kampf gegen die Graken bot, aber er war – noch? – nicht bereit, eine Lobotomie durchführen zu lassen. Jener Schritt erschien ihm zu drastisch. Außerdem sah er in seinen Gefühlen, so belastend sie auch sein mochten, einen Teil von sich selbst. Sie gehörten zu ihm, zu der Persönlichkeit namens Tako Karides.
Aber jetzt, hier, in der gegenwärtigen Situation, tat es gut, die Last der Gefühle wenigstens vorübergehend abzustreifen und sich ganz auf die Mission zu konzentrieren. Die Konfrontation mit den Bildern seines Sohns bewies, dass die Bione den gewünschten Zweck erfüllten. In dieser Hinsicht war Verlass auf die Tal-Telassi.
Tako hörte eine winzige Veränderung im Summen des Schiffes und schloss daraus, dass sie sich dem Planeten näherten. Die Akonda, die sie bis zum Detritusgürtel des Sonnensystems gebracht hatte, wartete dort, verborgen zwischen primordialem Schutt, ihre energetische Aktivität auf ein Minimum reduziert, um nicht von den Kronn geortet werden zu können.
Noch einmal streckte Tako die Hand aus und berührte die Wange seines vor zwei Jahren gestorbenen Sohns. Auch diesmal blieben Verzweiflung und Wut aus, die ihn manchmal, ohne Bione, innerlich zu zerreißen drohten.
Ein akustisches Signal erklang.
»Ja«, sagte Tako, und das Türsegment öffnete sich. Rinna sah herein und bemerkte das quasireale Bild.
»Bist du so weit?«
Er betätigte ein Schaltelement, und das Bild seines Sohns verschwand. »Die Bione funktionieren einwandfrei.«
»Unsere ebenfalls. Hoffentlich halten sie lange genug durch. Diese gehören zu einer neuen Subspezies.«
»Sie haben gründliche Untersuchungen hinter sich. Die Tal-Telassi gehen immer mit großer Sorgfalt vor.«
»Aber diese Bione sind noch nie bei einem echten Einsatz erprobt worden.«
Tako sammelte seine wenigen Sachen ein – den Kampfanzug trug er bereits – und trat dann zu Rinna, die im schmalen Eingang des Quartiers wartete. Sie war einen Kopf kleiner als er, und ein ganzes Stück jünger, kaum dreißig, wirkte selbst in ihrem Kampfanzug zierlich und zerbrechlich. Tako wusste längst, wie sehr dieser Eindruck täuschte. Rinna zählte zu den zähesten und ausdauerndsten Kämpfern, die er kennen gelernt hatte, seit er in den Streitkräften der Allianzen Freier Welten den Rang eines »Keils« einnahm. Immer gehörte sie zu den Letzten, die sich vor dem Feind zurückzogen. Manchmal war sie zu mutig, und Tako hatte sich mehrmals gefragt, welcher innere Dämon sie antrieb. Sie zählte zu den Berührten, wie er selbst, aber das allein reichte als Erklärung nicht aus. Vielleicht gab es auch in ihrer Vergangenheit eine Tragödie, deren Schatten sie mitschleppte.
Ihr blondes Haar war noch etwas struppiger als sonst, und sie sah aus großen grünen Augen zu ihm auf. »Glaubst du, wir können es schaffen?«
Mit dieser Frage verriet Rinna zwei Dinge. Trotz des Schneids, den sie immer wieder zeigte, trotz ihrer Forschheit, gab es in ihr eine tief verwurzelte Unsicherheit, die meiste Zeit über gut verborgen. Etwas in ihr wünschte sich Zuspruch und Ermutigung, obwohl sie das nicht zugegeben hätte. Und der zweite Punkt … Dass sie die Frage an Tako richtete, bewies ihre besondere Beziehung zu ihm, eine wachsende emotionale Bindung, die er beim letzten Einsatz vor einigen Wochen zum ersten Mal bemerkt hatte. Liebte sie ihn? Vielleicht. In seinem jetzigen Zustand, unter dem Einfluss der drei Bione, fiel es ihm leicht, darüber nachzudenken, die Situation zu analysieren und zu akzeptieren. Doch außerhalb eines Einsatzes, wenn er auf seinen Gefühlen ritt oder den Eindruck gewann, dass sie sich in einen reißenden Strom verwandelten, der ihn fortspülte … Dann konnte es geschehen, dass er Rinna als etwas Störendes sah, das noch mehr Unruhe brachte, oder gar als eine Gefahr für den Rest seiner emotionalen Kontrolle.
»Wir schaffen es«, sagte Tako, lauschte dem Klang seiner Stimme und hörte Gewissheit darin.
Rinna hörte sie ebenfalls, lächelte erleichtert und zeigte damit Gefühl, was Tako erstaunte. Sie trug ebenfalls Bione, wie alle an Bord, abgesehen vom Gegenträumer, der seine Gefühle brauchte, um die Graken zu täuschen. Unberührte gehörten natürlich nicht zur Besatzung der Talamo; die Graken hätten sie sofort bemerkt, trotz des Gegenträumers.
Als Tako sich an Rinna vorbeischob, hob sie die Hand und berührte ihn kurz an der Wange, dort, wo die Narbe sein Kinn erreichte. Wieder huschte ein Lächeln über ihre Lippen, und dann eilte sie fort in Richtung Zentrale.
Tako Karides folgte ihr langsam und fühlte, wie die organischen Komponenten des Kampfanzugs Verbindungen mit seinem Körper herstellten. Während des Einsatzes würden die Kampfanzüge sie ernähren, ihre Ausscheidungen aufnehmen und wieder verwerten, soweit das möglich war, ihre Reaktionen beschleunigen und ihnen in kritischen Situationen zusätzliche Energie geben. Es handelte sich, wie bei den Bionen, um eine neue Subspezies, und die Tal-Telassi hatten ein höheres Leistungspotenzial versprochen. Doch für einen Moment regte sich vages Unbehagen in Tako. Zwei Neuentwicklungen, die beide zum ersten Mal bei einem wichtigen Einsatz verwendet werden sollten … Forderten sie das Verhängnis damit nicht geradezu heraus?
Wenige Sekunden später duckte er sich durch den Zugang und betrat die Zentrale. Dutzende von kleineren und größeren quasirealen Projektionen gaben Auskunft über die Funktionen des Schiffes, über Kurs, Geschwindigkeit und, am wichtigsten, die Aktivitäten des Feindes. Eine der Darstellungen war groß genug, um wie ein Fenster zu wirken, das Ausblick ins All gewährte. Rinna saß an einer der Konsolen, und Tako blieb neben ihr stehen, sah aus dem »Fenster«. Eingeblendete taktische Daten ermöglichten es ihm, die Situation mit einem Blick zu erfassen.
»Kronn«, sagte er und betrachtete die roten Gefahrensymbole, die überall im Sonnensystem verteilt waren, in der Nähe des vierten Planeten aber mehrere dichte Wolken bildeten.
»Mehr als hundert«, bestätigte eine Stimme hinter ihm.
Tako drehte den Kopf und sah, wie Bartolomeo durch die zweite Luke hereinkam. Er war noch jünger als Rinna und trug das lange schwarze Haar am liebsten offen. Aber jetzt hatte er es hinten zusammengebunden und unter den Kragen des Kampfanzugs geschoben.
Er ist kaum mehr als ein Kind, dachte Tako Karides mit bionischer Kühle. Unsere Kämpfer werden immer jünger. Ein deutliches Zeichen dafür, wie schlecht es steht.
»Mit dem Gegenträumer ist alles in Ordnung«, sagte Bartolomeo, nahm an den Systemkontrollen Platz und berührte ein Schaltelement, aktivierte damit eine weitere quasireale Projektion. Sie zeigte ein humanoides Geschöpf, das im Raum unter der Zentrale in einem Suspensionsbad lag. Die Arme und Beine waren so dünn, dass sie den Eindruck erweckten, bei der geringsten Belastung brechen zu können, und der Rumpf wirkte, als bestünde er aus mehreren umeinander geschlungenen transparenten Schläuchen. Deutlich war zu sehen, wie zwei Herzen Blut und andere Körperflüssigkeiten durch Adersysteme pumpten. Der ebenfalls transparente Kopf enthielt ein komplex gefurchtes Gehirn, dessen Aktivität in dieser Phase über Gedeih und Verderb der Mission entschied. Das Suspensionsbad versorgte den Muarr mit Nährstoffen und verband ihn mit den Systemen des Schiffes.
Tako ging zum Platz des Kommandanten und sank in den Sessel. »Wie geht es Ihnen, Kao?«, fragte er und sah auf die Bio-Anzeigen, die ihm Bartolomeos Worte bestätigten. Mit dem Muarr war tatsächlich alles in Ordnung, zumindest in physischer Hinsicht.
Der Kom-Servo trug Takos Worte zu der im Suspensionsbad liegenden Gestalt.
»Es geht mir gut, Keil Karides«, ertönte eine synthetische Stimme. »Ich habe zu träumen begonnen. Die Graken sind nahe.«
»Dann sollten wir Sie besser nicht stören, Kao. Wir beginnen mit dem Anflug.«
»Alles Gute.«
Tako nickte, obwohl ihn der Muarr nicht sehen konnte. »Das wünsche ich auch Ihnen.«
»Alle Systeme funktionieren einwandfrei«, meldete Bartolomeo. Seine Finger huschten über die Kontrollen, und Tako hörte, wie sich die Stimme der Talamo erneut auf eine subtile Weise änderte. Aus dem Flüstern wurde ein Raunen, das fast besorgt zu klingen schien.
»Sondierungsaktivität?«
»Die Kronn lauschen und spähen wie immer«, sagte Rinna. »Bisher haben sie uns nicht bemerkt.«
»Was ist mit der Akonda?«, fragte Tako.
Rinna sah auf die Anzeigen einer quasirealen Projektion. »Der Kraler fühlt sie im Detritusgürtel. Bisher ist er dem Feind verborgen geblieben.«
»Hoffentlich bleibt es dabei«, sagte Tako und rief die aktuellen Daten des Kralers ab. Der spezielle Bion bildete eine fünf Zentimeter dicke Schicht auf der Außenhülle der Talamo und absorbierte alle Ortungssignale. Das kleine Schiff blieb unsichtbar, solange er lebte, aber er konnte Vakuum und Strahlung nur einige Stunden aushalten, musste dann in ein Biotop zurückkehren, um sich zu regenerieren. Der Kraler schützte vor Ortung durch Sondierungssignale, und der Gegenträumer hielt die forschenden Gedanken der Graken von den Besatzungsmitgliedern des Schiffes fern.
Ohne die Bione an seinem Hals hätte Tako jetzt gespürt, wie die Spannung wuchs. Er betätigte die Schaltelemente der Kommandokonsole, und der Inhalt des fensterartigen Darstellungsbereichs veränderte sich. Ein Planet erschien, grün, blau und braun; hier und dort trug er die Schleier ausgedehnter Wolkenformationen. Kabäa, vierter Planet des Epsilon-Eridani-Systems, nur knapp elf Lichtjahre vom Sol-System und der Erde entfernt, auf der es keine Menschen mehr gab, nur noch Ruinen. Kabäa, vor fünfzig Jahren von den Graken übernommen, war das Ziel ihres Einsatzes.
»Entfernung dreihunderttausend Kilometer«, sagte Bartolomeo. »In einer Minute beginnt die erste Verzögerungsphase.«
Aus dem Augenwinkel sah Tako, wie sich Rinna versteifte. »Kronn!«
Ein Schatten schob sich vor den Planeten, eine Ansammlung hunderter unterschiedlich langer Stacheln, jeder von ihnen eine autonome Gefechtseinheit, schwarz wie die Nacht. Hier und dort blinkten Lichter wie blinzelnde Augen. Tako dachte an die Wesen an Bord des Stachelschiffes, an die erbarmungslosen Kronn, Soldaten der Graken. Er hatte noch immer Zugriff auf alle seine Erinnerungen, sah vor dem inneren Auge in einer schnellen Abfolge einzelner Bilder das Chaos auf Meraklon. Aber die Erinnerung löste keinen emotionalen Schock aus.
»Rinna? Barto?«, fragte Tako.
»Ortungsaktivität«, sagte Bartolomeo.
»Sind wir entdeckt?«
Eine kurze Pause.
»Nein.« Rinna schüttelte den Kopf. »Der Kraler absorbiert alle aktiven Signale. Aber er agiert an der Grenze seiner Belastbarkeit.«
»Noch dreißig Sekunden«, sagte Bartolomeo. »Was machen wir, Keil?«
Takos Gedanken rasten, ohne durcheinander zu geraten.
Er glaubte, mithilfe der Bione doppelt so schnell zu denken, mit einer Klarheit, die in diesem Ausmaß sonst nicht möglich war. Für gewöhnliche Ortungssignale blieb die Talamo unsichtbar, aber der Kraler konnte weder ihre Masse tarnen noch die energetische Aktivität. Wenn das Schiff seine Geschwindigkeit verringerte, kam es zu einer Gravitationsanomalie, viel kleiner als bei einem Überlichtsprung, aber sie ließ sich messen.
Rinna sprach das aus, was auch Tako durch den Kopf ging.
»Jetzt hängt alles davon ab, wie misstrauisch die Kronn sind.«
Hatten die Krieger der Graken Anlass zu der Vermutung, dass die AFW einen Einsatz auf Kabäa planten, mit dem Ziel, bei dem dortigen Graken den Brutflug zu verhindern, der andere Welten in Gefahr bringen würde?
»Keine Änderungen am Flugplan«, entschied Tako.
Sie warteten, während der Muarr unter der Zentrale träumte, während der Kraler Ortungssignale absorbierte und langsam starb.
»Jetzt«, sagte Bartolomeo.
Diesmal war die Veränderung in der Stimme des Schiffes deutlicher. Das Raunen schwoll kurz an, untermalt von einem Knistern, das auf die Aktivität des Krümmers hinwies, der das Raum-Zeit-Kontinuum bog. Es kam zu einer winzigen Veränderung in der Struktur des Universums, die dazu führte, dass die Talamo langsamer wurde.
Takos Blick glitt zwischen den Anzeigen und dem Stachelschiff der Kronn in dem großen Projektionsfeld hin und her. Der Abstand betrug nur einige hundert Kilometer, und der Umstand, dass bei den Kronn das Flirren von Schirmfeldern fehlte, wies darauf hin, dass sie keinen Angriff erwarteten. Eine kleine Antimaterierakete würde genügen, dachte er und stellte sich vor, wie die riesige Ansammlung aus Stachelsegmenten platzte, wie die Knochenwesen in den Flammen der Materie-Antimaterie-Annihilation verbrannten.
Und dann verschwand das schwarze Schiff der Kronn in der Schwärze des Alls, wurde in den Datenprojektionen zu einem roten Gefahrensymbol von vielen.
»Die Kronn wissen nichts von uns«, erklang eine neue Stimme. »Und die Graken ebenso wenig.«
Dort, im Sessel auf der anderen Seite der kleinen Zentrale, saß die Tal-Telassi. Tako war so sehr auf die Anzeigen konzentriert gewesen, dass er gar nicht bemerkt hatte, wie sie hereingekommen war: Myra 27, wie ausgemergelt, fast so dürr wie der Muarr Kao, das schulterlange Haar grauweiß, das schmale Gesicht eine Faltenlandschaft. Eine greise Frau, fast zweihundert Jahre alt, aber in eine Aura der Würde und Eleganz gehüllt. Schon bei ihrer ersten Begegnung auf Millennia hatte sich Tako gefragt, worauf Myras besondere Ausstrahlung zurückging, doch er war sich noch immer nicht sicher. Vielleicht lag es an dem Blick der großen dunklen Augen, der weit in die Vergangenheit reichte, bis zur ersten Myra – die Erinnerungen von mehr als viereinhalbtausend Jahren ruhten in ihr. Tako war in einer von den Graken bestimmten Welt aufgewachsen, aber diese Frau hatte, in verschiedenen Inkarnationen, fast dreieinhalb Jahrtausende des Friedens gekannt, bis die ersten Feuervögel erschienen. Er versuchte sich das vorzustellen: eine Welt ohne Gefahr, ohne die Sonnenbeobachter, die von solaren Orbitalstationen aus nach Veränderungen in den Koronen Ausschau hielten, eine Welt ohne die Graken und ihre gierigen Träume. Es gelang ihm nicht. Der Krieg hatte sein ganzes Leben bestimmt – und ihm das genommen, was ihm am wichtigsten und liebsten gewesen war.
Myra 27 trug ebenfalls einen semiorganischen Anzug, aber eine wesentlich leichtere Version. Sie hob eine knochige Hand und deutete zum großen Projektionsbereich, der wieder den Planeten zeigte. »Ich fühle, dass er bald bereit ist, der Graken auf Kabäa«, sagte sie mit einer sanften, melodischen Stimme, die einen sonderbaren Kontrast zu ihrem Erscheinungsbild bot. »Er hat genug Träume gestohlen und genug psychische Energie aufgenommen, um seine Brut reifen und fliegen zu lassen.«
»Wie viele sind es?«
»Sieben«, sagte die Tal-Telassi sofort. »Sieben junge Graken. Sie könnten sieben weiteren Welten das Verderben bringen.«
»Das werden wir verhindern«, sagte Tako. Darin bestand ihre Aufgabe. Mit der Hilfe von Myra 27 sollten sie ins Epizentrum des Graken von Kabäa vorstoßen und dort die Mikrokollapsare zünden, die Tako, Rinna und Bartolomeo in den Ausrüstungstaschen ihrer Kampfanzüge trugen. Sie verwendeten Krümmertechnologie und erzeugten künstliche Schwarze Löcher, die in einem Umkreis von etwa fünfhundert Metern alles in einen Strudel kollabierender Raum-Zeit rissen. Das konnte erwachsene Graken zumindest verletzen und ihre noch nicht reife Brut neutralisieren. Es sollte verhindert werden, dass die jungen Graken aufbrachen, um andere Welten unter ihren Einfluss zu bringen.
»Nächste Verzögerungsphase in einer Minute«, meldete Bartolomeo. »Entfernung zum Planeten hunderttausend Kilometer. Keine Wachschiffe der Kronn in der Nähe, nur einige Kapseln der Chtai, jenseits aktiver Ortungsreichweite.«
Tako nickte. »Bei passiven Sondierungen bleiben. Den Anflug wie geplant fortsetzen, Barto. Rinna?«
»Die biometrischen Werte des Kralers bewegen sich innerhalb der Norm. Aber er leidet.«
»Er wird seinen Zweck erfüllen, bis wir den Planeten erreichen«, sagte Myra 27. Etwas leiser fügte sie hinzu: »So wie auch ich meinen Zweck erfüllen werde.«
Diese Worte erinnerten Tako an etwas, das er in der Bastion Airon gehört hatte, bevor sie mit der Akonda zum Epsilon-Eridani-System aufgebrochen waren. Myra 27, so hatte es geheißen, war nicht mehr zu einer neuen Inkarnation fähig. Sie konnte ihr Selbst nicht mehr auf einen Klon übertragen. So etwas geschah manchmal bei den Tal-Telassi, und der Grund dafür blieb Normalsterblichen Spekulationen überlassen. Nur sie selbst kannten ihn, aber er gehörte zu den vielen Dingen, von denen Außenstehende nichts erfuhren. Wenn dies ihr letztes Leben war … Warum setzte sie es dann bei einer gefährlichen Mission aufs Spiel? Warum verwendete sie ihre restliche Zeit nicht dafür, den Inhalt ihres Gedächtnisses auf einen Mnem zu übertragen? Oder hatte ein solcher Transfer bereits stattgefunden? Tako konnte sich kaum vorstellen, dass sie den Verlust des Wissens riskierte, das sich im Verlauf von mehr als viereinhalb Jahrtausenden in ihr angesammelt hatte.
Er wandte sich von den Anzeigen ab, sah zu der Greisin und stellte fest, dass ihr Blick auf ihm ruhte. Gehörte sie zu den Tal-Telassi, die über telepathische Fähigkeiten verfügten? Die Frage blieb, wie auch die anderen Gedanken, ohne eine emotionale Komponente, doch im Vergleich mit der Alten gab es in Tako noch immer ein heilloses Durcheinander aus Gefühlen, trotz der dämpfenden Bione. Die Tal-Telassi waren kalt wie Eis; sie mussten es sein, sonst hätten sie keine Tal-Telassi sein können. Ihre speziellen Fähigkeiten, so wusste Tako nicht erst seit Millennia, erforderten völlige Emotionslosigkeit. Jedes noch so kleine, leise Gefühl staute den Fluss ihrer psychischen Energien und nahm ihnen einen Teil dessen, was sie zu etwas Besonderem machte.
Für ein oder zwei Sekunden glaubte Tako zu spüren, wie etwas an seinem Selbst zerrte, ein Sog, der von den großen dunklen Augen der greisen Tal-Telassi ausging. Dann blinzelte Myra, und Tako gewann die Kontrolle über sich selbst zurück.
Die alte Frau hob die Hand; deutlich waren die violetten Fingerspitzen zu sehen, Zeichen der Großmeisterin – davon gab es nur drei. »Wir alle müssen unsere Pflicht erfüllen«, sagte sie, als wollte sie eine unausgesprochene Frage beantworten. »Wir alle gehorchen den Zwängen der Notwendigkeit.«
»Tako?«
Seine Aufmerksamkeit galt sofort wieder den Anzeigen. »Rinna?«
»Der Kraler empfängt Signale, mit denen er nicht gerechnet hat.«
Nur eine Sekunde später sagte Bartolomeo: »Der Gegenträumer wird unruhig. Die Sensoren im Suspensionsbad registrieren erhöhte zerebrale Aktivität.«
Tako wusste, dass er jetzt nicht mit Kao sprechen und ihn fragen konnte, was geschah. Das hätte seinen Traum unterbrochen und die Gefahr einer Entdeckung durch die Graken heraufbeschworen. Sein Blick wanderte von einer quasirealen Darstellung zur nächsten und nahm Informationen auf, während ein verhaltenes Knistern auf die dritte Verzögerungsphase der Talamo hinwies. Die Entfernung zum Planeten betrug nur noch vierzigtausend Kilometer, was bedeutete: Sie hatten den Hauptverteidigungsgürtel passiert, ohne geortet worden zu sein.
»Was ist mit den Signalen, Rinna?« Tako sah zur Seite und beobachtete, wie Rinna Daten aus dem Tron abrief und energetische Signaturen miteinander verglich. Sie wirkte dabei ein wenig nervös, was Tako erstaunte. Immerhin trug sie ebenfalls Bione zur weitgehenden Neutralisierung ihrer Emotionalität.
»Es sind keine neuen Ortungsmuster«, sagte sie, als sich vor ihr die Anzeigen eines Projektionsfelds veränderten. »Die Signale kommen von … Epsilon Eridani.«
»Von der Sonne?« Ein schrecklicher Verdacht stieg in Tako auf.
»Es finden Veränderungen in der Korona statt.« Rinna betätigte Schaltelemente, und ein quasireales Feld schwoll an, vergrößerte einen Teil der gelben Sonne so, als wäre die Talamo nur wenige Millionen Kilometer davon entfernt. Im Gleißen und Lodern der ultraheißen Korona zeichnete sich etwas ab, das wie ein flammendes Geschöpf aussah. Ein Feuervogel breitete seine brennenden Schwingen aus und kündigte die Ankunft eines Molochs der Graken an.
»Ein Moloch, der in ein Sonnensystem kommt, in dem es bereits einen Graken gibt?«, fragte Tako. »Das ist neu. So etwas geschieht zum ersten Mal.«
»Der Gegenträumer fühlt ihn bereits«, sagte Bartolomeo.
»Wir sind nur auf einen Graken vorbereitet.« Tako wandte sich erneut an Rinna. »Wie viel Zeit bleibt uns?«
Die flammende vogelartige Erscheinung in der Korona von Epsilon Eridani schlug langsam mit ihren tausende Kilometer langen Plasmaflügeln.
»Die Stärke der Signale deutet darauf hin, dass der Transfer in etwa sechs Stunden erfolgen wird«, sagte Rinna.
»Dann bleibt uns für unsere Mission weitaus weniger Zeit als geplant.«
Einige Sekunden lang war nur das leise Summen des Schiffes zu hören, während ein Projektionsfeld den Countdown anzeigte.
»Die vierte und letzte Verzögerungsphase steht unmittelbar bevor«, sagte Bartolomeo. »Danach beginnt der Landeanflug. Wenn wir umkehren wollen, müssen wir jetzt sofort den Kurs ändern. Für den Abbruch des Landeanflugs ist mehr Energie erforderlich, und das könnte uns verraten.«
Tako musterte den jungen Bartolomeo, der seine Ausbildung erst wenige Monate hinter sich hatte. Die Bione am Hals unter dem Kampfanzug kompensierten seine Furcht, aber sie konnten keine Erfahrung ersetzen. Barto wartete auf eine Entscheidung, trotz der Umstände bereit, in den Kampf zu ziehen.
»Rinna?«, fragte Tako.
»Ich bin dafür, dass wir weitermachen«, sagte sie sofort. »Wir schaffen es! Wir schaffen es!«
Diesmal erklang keine Spur von Unsicherheit in ihrer Stimme. Dies war wieder die Rinna, die zu Tollkühnheit neigte und vor keinem Risiko zurückschreckte. Ihr Gesicht erschien Tako ein wenig blasser als sonst.
Tako sah zur Tal-Telassi, und ihr stummer, kühler Blick schien die Worte zu wiederholen, die sie zuvor an ihn gerichtet hatte: Wir alle gehorchen den Zwängen der Notwendigkeit.
Tako Karides, Keil dieser Mission, atmete tief durch. »Wir setzen den Anflug fort. Können wir der Akonda eine Nachricht übermitteln?«
»Wenn wir sie geschickt genug tarnen.« Rinna beauftragte den Tron des Schiffes mit einer besonderen Signalmodulation.
»Okomm muss über den Feuervogel in der Korona von Epsilon Eridani Bescheid wissen«, sagte Tako. »Füg der Nachricht alle Daten hinzu, die wir gewonnen haben.«
Rinna berührte Schaltflächen. »Nachricht ist unterwegs.«
»Barto, stabilisiere den Muarr in seinem Suspensionsbad. Es hätte uns jetzt gerade noch gefehlt, dass es in seinem Gegentraum zu Störungen kommt.«
»Bestätigung, Keil.«
Das Raunen des Schiffes schwoll erneut zu einem Knistern an, als der Krümmer die Struktur des Universums in einem eng begrenzten Bereich veränderte. Mit der Talamo geschah überhaupt nichts, aber um sie herum entstand ein »neues« Raum-Zeit-Kontinuum, in dem sie langsamer wurde.
Kabäa füllte das größte Projektionsfeld völlig aus. Der Terminator glitt unter dem Schiff hinweg, und sie tauchten in die Nacht ein.
»Es gibt große Städte auf dem Planeten, nicht wahr?«, fragte Rinna, während sie Kontrollen betätigte und den Kraler auf die Landung vorbereitete.
»Es gab sie vor fünfzig Jahren«, sagte Tako.
»Lichter fehlen weitgehend.« Rinna streckte die Hand aus und deutete auf den dunklen Teil Kabäas. »Die Nachtseite ist fast völlig finster.«
»Die meisten Menschen sind in den Träumen der Graken gefangen«, warf Bartolomeo ein. »Das kennen wir. Sie kümmern sich nicht mehr um Systemsteuerung, Wartung und dergleichen. Vermutlich haben Sicherheitsservi die Energieversorgungssysteme schon vor vielen Jahren stillgelegt.«
Er spricht wie ein Veteran, der so etwas schon oft erlebt hat, dachte Tako analytisch. Bald wird er seine ersten direkten Erfahrungen sammeln. Hoffentlich halten die Bione das Entsetzen von ihm fern.
»Kabäa ist eine Welt des Todes«, sagte Myra 27 langsam, hob eine Hand mit violetten Fingerspitzen und zog an der Aktivierungsschlaufe am Kragen ihres semiorganischen Anzugs, der darauf in einen vollständig autonomen Modus wechselte. »Die Graken haben diesem Planeten Dunkelheit gebracht. Wir erreichen bald ihren direkten Einflussbereich.«
»Entfernung bis zum Landepunkt eintausendzweihundert Kilometer«, sagte Bartolomeo. »Levitationsfeld wird aktiv.«
»Der Kraler empfängt das Orientierungssignal«, meldete Rinna. »Die Späher sind am vereinbarten Ort.«
Tako spürte, wie die Talamo zu vibrieren begann, als sie die obersten Luftschichten des Planeten erreichte. Die in den Projektionsfeldern glühenden Anzeigen wiesen ihn darauf hin, dass die Geschwindigkeit weiter abnahm. Die Abweichung vom Zeitplan betrug nur einige Sekunden – die große Festung der Kronn, orbitaler Stützpunkt für ihre Flotte im Epsilon-Eridani-System, befand sich auf der anderen Seite des Planeten. Hier gab es nur einige Satelliten der Chtai, die wissenschaftliche Daten gewannen, aber nicht dazu bestimmt waren, ein feindliches Schiff zu orten.
Tako zog wie zuvor Myra an der Schlaufe am Kragen seines Kampfanzugs. »Autonomer Modus«, sagte er. »Einsatzstatus.«
Fast zwanzigmal hatte er diese Worte unter ähnlichen Umständen gesprochen, bei den ersten Gelegenheiten vor mehr als zwei Jahrzehnten nur mit emotionalen Schilden ausgestattet, die nicht annähernd so leistungsfähig gewesen waren wie die modernen Bione. Deutlich erinnerte er sich an das Inferno aus Gefühlen, selbst jetzt in seinem gegenwärtigen Zustand.
»Kampfanzug, autonomer Modus bestätigt, Keil«, sagte Bartolomeo förmlich. »Schiff auf Kurs. Systemfunktionen korrekt. Voraussichtliche Zeit bis zur Landung: zehn Minuten und dreißig Sekunden. Persönlicher Status: volle Einsatzbereitschaft.«
»Bestätige ebenfalls autonomen Status.« Rinna sah kurz zu Bartolomeo, richtete ihren Blick dann auf Tako und lächelte kurz, als wollte sie sagen: Er wird es schon noch lernen. »Alles klar, Tako. Von mir aus kann es losgehen.«
Die Nachtseite des Planeten nahm sie auf, und die Talamo flog durch die Dunkelheit, langsam genug, um keinen hellen Schweif aus Reibungshitze hinter sich herzuziehen. Das kleine Schiff blieb in der Finsternis verborgen, als unter ihm tote Städte hinwegglitten, in denen nur wenige Lichter leuchteten.
»Ehrenwerte?«, wandte sich Tako an die Tal-Telassi.
Die alte Myra nickte kurz. »Ich bin ebenfalls einsatzbereit und …« Sie unterbrach sich, und ein Schatten fiel auf ihr Gesicht.
Tako spürte es im gleichen Augenblick. Für eine schrecklich lange halbe Sekunde hatte er das Gefühl, ins Leere zu fallen, dann stellten sich die Bione an seinem Hals und die organischen Komponenten des Kampfanzugs auf die Emanationen ein. Etwas schien über die Innenflächen seines Kopfes zu streichen, weich wie eine Feder, aber dazu bereit, von einem Moment zum anderen so hart wie Ultrastahl zu werden – die Präsenz eines Graken.
Rinna beugte sich mit einem Ruck vor. »Tako! Das Orientierungssignal der Späher für den Kraler … Es enthält eine verschlüsselte Mitteilung für uns.«
»Wie lautet sie?«, fragte Tako ruhig.
»›Kehrt sofort um!‹«
»Dafür ist es jetzt zu spät«, stellte er fest.
Etwas kratzte an seinem Selbst, nachhaltiger als beim ersten Mal, und fast gleichzeitig sagte die Tal-Telassi:
»Ich weiß, was die Mitteilung bedeutet. Es befindet sich nicht nur ein Graken auf Kabäa. Uns erwarten drei.«

Andreas Brandhorst

Über Andreas Brandhorst

Biografie

Andreas Brandhorst, geboren 1956 im norddeutschen Sielhorst, schrieb mit seinen futuristischen Thrillern und Science-Fiction-Romanen wie »Das Schiff« und »Omni« zahlreiche Bestseller. Spektakuläre Zukunftsvisionen sind sein Markenzeichen. Der SPIEGEL-Bestseller »Das Erwachen« widmet sich dem Thema...

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