Lieferung innerhalb 1-3 Werktage
Bezahlmöglichkeiten
Vorbestellung möglich
Kostenloser Versand
Blick ins Buch

Das Freu

Wahres Glück findest du nur in der Wirklichkeit

Hardcover
€ 12,00
E-Book
€ 9,99
€ 12,00 inkl. MwSt.
Lieferzeit 1-3 Werktage
In den Warenkorb Im Buchshop Ihrer Wahl bestellen
Gratis-Lieferung ab 5,00 €
Geschenk-Service
Versand und Lieferbedingungen
€ 9,99 inkl. MwSt.
sofort lieferbar
In den Warenkorb
Gratis-Lieferung ab 5,00 €
Geschenk-Service
Versand und Lieferbedingungen

Das Freu — Inhalt

Seit dem Umzug fühlt sich Mafalda oft einsam. Ihre Stiefmutter mag sie nicht und ihr Vater ist ständig beruflich unterwegs. Mafalda findet Trost im verwilderten Nachbargarten. Dort scheint ein seltsames magisches Wesen zu hausen, das die Nachbarin ein „Freu“ nennt. Als ihr Vater ihr eines Tages einen Fortunator schenkt, eine Brille, die „glücklich macht“, ist Mafalda zunächst begeistert. Zusammen mit einem niedlichen Kätzchen erlebt sie lustige Abenteuer in virtuellen Realitäten. Doch bald erkennt Mafalda, dass die Menschen nicht glücklicher werden, wenn sie die Wirklichkeit nicht mehr sehen können. Gemeinsam mit dem Freu nimmt sie den Kampf gegen die übermächtige True Happiness Corporation auf ...

€ 12,00 [D], € 12,40 [A]
Erschienen am 02.09.2019
320 Seiten, Hardcover
EAN 978-3-492-70538-7
€ 9,99 [D], € 9,99 [A]
Erschienen am 02.09.2019
320 Seiten, WMEPUB
EAN 978-3-492-99420-0

Leseprobe zu „Das Freu“

1. Mafalda

Mafalda saß an ihrem Schreibtisch und hatte das Matheheft vor sich aufgeschlagen. Doch statt sich mit den Hausaufgaben zu beschäftigen, blickte sie aus dem Fenster.

Ihr Zimmer lag im ersten Stock des neuen Hauses. Über dem Bett gab es eine schräge Wand, was Mafalda sehr gemütlich fand, und das doppelflügelige Fenster über ihrem Schreibtisch bot einen Ausblick in den Garten. Sie wusste, dass ihr Vater diesen Raum für sie ausgesucht hatte, um ihr eine Freude zu machen, und das stimmte sie traurig. Denn sie freute sich kein bisschen, dass sie [...]

weiterlesen

1. Mafalda

Mafalda saß an ihrem Schreibtisch und hatte das Matheheft vor sich aufgeschlagen. Doch statt sich mit den Hausaufgaben zu beschäftigen, blickte sie aus dem Fenster.

Ihr Zimmer lag im ersten Stock des neuen Hauses. Über dem Bett gab es eine schräge Wand, was Mafalda sehr gemütlich fand, und das doppelflügelige Fenster über ihrem Schreibtisch bot einen Ausblick in den Garten. Sie wusste, dass ihr Vater diesen Raum für sie ausgesucht hatte, um ihr eine Freude zu machen, und das stimmte sie traurig. Denn sie freute sich kein bisschen, dass sie jetzt hier lebte. Viel lieber wäre sie in ihrem engen Zimmer in der kleinen Wohnung geblieben, in der sie bis vor zwei Monaten gelebt hatte. Die hatte zwar keinen eigenen Garten gehabt, sondern nur einen schmalen Balkon. Aber dafür hatte es einen kleinen Lebensmittelladen unten im Haus gegeben, den Mafalda geliebt hatte, weil tagsüber immer frische, bunte Früchte in den Kästen vor dem Schaufenster lagen und es so schön nach Süden duftete. Und vor allem hatte sie die anderen Menschen im Haus gekannt – den netten Herrn Braukmann, einen pensionierten Lehrer, der mit seinem Dackel Leopold in der Wohnung über ihnen gewohnt und der Mafalda manchmal bei den Hausaufgaben geholfen hatte, oder die dicke Frau Kaspers mit den niedlichen Babyzwillingen. Ganz besonders vermisste Mafalda ihre Freundin Mareike aus dem Nachbarhaus.

Der Regen prasselte gegen die Fensterscheiben. Prasseln, das war ein interessantes Wort. Es klang so ähnlich wie das Geräusch, das die Tropfen machten, aber irgendwie anders. Mafalda überlegte, welches Wort das Geräusch noch besser wiedergegeben hätte. Trommeln? Nein, Trommeln klangen lauter und dumpfer. Eher war es ein Prabbeln oder Prappeln. Oder, noch besser, ein Proppeln. Ja, der Regen proppelte eindeutig gegen die Fensterscheibe.

Eine kleine Stimme in Mafaldas Hinterkopf wies sie darauf hin, dass sie sich lieber mit den Hausaufgaben beschäftigen sollte, statt aus dem Fenster zu starren. Aber die Regentropfen waren hundertmal interessanter als Bruchrechnung. Andererseits würde ihre Stiefmutter Eva bald kommen und kontrollieren, wie weit sie war. Und wenn dann das Blatt immer noch leer war, würde sie wieder Ärger bekommen. Wieder andererseits würde sie sowieso Ärger mit Eva bekommen, wenn nicht wegen der Mathe-Hausaufgaben, dann weil ihr Zimmer unordentlich war. Oder weil sie sich die Haare nicht gekämmt hatte oder weil sie ihren Pullover nicht richtig zusammengelegt hatte oder weil sie die Schuhe nicht ordentlich sauber gemacht hatte, bevor sie das Haus betrat. Oder, oder, oder.

Mafalda seufzte und starrte auf das Blatt. Sie hatte die erste Aufgabe abgeschrieben, bevor der prasselnde, nein, proppelnde Regen sie abgelenkt hatte.

17³–₄ + 31⁴–₇ =

Sie wischte sich eine Strähne ihres lockigen kastanienbraunen Haars aus dem Gesicht und betrachtete die Aufgabe. Dabei fiel ihr auf, dass jede Ziffer genau zweimal vorkam: Zwei Einsen, zwei Dreien, zwei Vieren und zwei Siebenen. Außerdem ergab eins mal drei plus vier sieben. Sie kniff die Augen zusammen, bis die Formel leicht verschwamm. Dadurch sah sie plötzlich aus wie ein kleines Tier – links der Kopf, die beiden Brüche die Arme und Beine, das Gleichheitszeichen der Schwanz. Mafalda malte die Umrisse mit dem Kugelschreiber nach, und aus der Aufgabe wurde eine kleine blaue Eidechse.

 

 

 

Inzwischen hatte der Regen zu proppeln aufgehört. Sie beobachtete die Tropfen, die langsam in krummen Linien am Fenster hinabkrochen, als seien sie sich nicht ganz sicher, welches der richtige Weg nach unten war. Dabei formten sie interessante Muster, beinahe wie fremdartige Schriftzeichen in Regensprache. Hinter der Fensterscheibe, an der Dachschräge, hing ein großes Spinnennetz. Kleine Tropfen glitzerten darin wie Perlen auf Schnüren. Mafalda hatte die Spinne vorgestern dabei beobachtet, wie sie das Netz mit akrobatischem Geschick gesponnen hatte, und sich dabei gefragt, woher dieses winzige Tier wusste, wie das geht.

Mathe-Hausaufgaben!, mahnte die Stimme in ihrem Hinterkopf. Mach endlich die Mathe-Hausaufgaben, sonst bekommst du nur wieder Ärger!

Mafalda holte tief Luft und wandte sich wieder ihrem Heft zu. Sie überlegte, ob sie die aus Brüchen geformte Eidechse durchstreichen sollte. Aber das wäre dem armen Tier wohl nicht recht. Also beschloss sie, das Ergebnis neben die Schwanzspitze zu schreiben. Dazu musste sie es allerdings erst einmal ausrechnen.

Wie ging das noch gleich? Die Lehrerin im Unterricht hatte gesagt, dass man sich Brüche als Tortenstücke vorstellen solle. Siebzehn drei Viertel bedeutete, dass man siebzehn ganze Torten hatte und von einer Torte, die in vier Teile zerschnitten worden war, noch drei Stücke übrig waren. Und dann kamen noch mal einunddreißig Torten dazu und vier Stücke von einer Torte, die in sieben Teile zerteilt worden war. Also waren es insgesamt achtundvierzig ganze Torten und sieben ungleich große Reststücke. Wer um Himmels willen brauchte so viel Kuchen? Selbst in der Konditorei Andersen, bei der ihr Vater früher immer die Sonntagsbrötchen gekauft hatte, gab es nicht so viele Torten im Schaufenster. Und warum hatte jemand die letzte Torte ausgerechnet in sieben Teile geschnitten? War es vielleicht Schneewittchen, die den sieben Zwergen je ein Stück geben wollte? Aber wieso hatten dann vier Zwerge ihre Stücke nicht aufgegessen? Die Mathematik war voller Rätsel!

Während sich Mafalda noch das Hirn zerbrach, ob die sieben Reststücke wohl zusammen auf eine Kuchenplatte passen würden, wurde sie von einem Summen abgelenkt. Eine Fliege schwirrte um ihren Kopf herum, landete auf dem Matheheft und trippelte mit ihren sechs winzigen Beinchen genau auf die gemalte Eidechse zu. Dort verharrte sie einen Moment lang und rieb die Vorderfüße aneinander, als wolle sie sich nach einem Spaziergang im Schnee aufwärmen. Dann flog sie plötzlich davon und irrte in wirren Kurven kreuz und quer durch das Zimmer.

Natürlich wäre Mafalda nie auf den Gedanken gekommen, die Fliege zu erschlagen – ein so zerbrechliches kleines Ding, das dennoch viel raffinierter war als die komplizierteste Maschine, die Menschen je gebaut hatten, durfte man nicht einfach kaputt hauen! Eva jedoch hatte solche Skrupel nicht, denn sie hasste jede Form von Ungeziefer, wie sie alles nichtmenschliche Leben nannte, ob es nützlich war oder nicht. Falls sie die Fliege im Zimmer erblickte, würde sie sofort mit der Fliegenklatsche auf sie losgehen.

Wenn Mafalda die Fliege also retten wollte, musste sie ihr den Weg in die Freiheit öffnen. Sie streckte die Hand nach dem Griff des linken Fensterflügels aus, zögerte jedoch. Hinter dieser Fensterhälfte lag das Spinnennetz. Wenn die Fliege sich darin verfing, wäre Mafalda schuld an ihrem Tod. Andererseits … wenn sie nur den rechten Fensterflügel öffnete und die Fliege damit am Spinnennetz vorbeilotste, bekäme die Spinne nichts zu fressen, und die ganze Mühe, die sie sich mit dem Bau ihres Netzes gegeben hatte, wäre umsonst. Was also tun?

Nach längerem Überlegen beschloss Mafalda, beide Fensterflügel zu öffnen. Dann konnte die Fliege selbst entscheiden, ob sie links oder rechts hindurchwollte.

Kaum hatte sie die beiden Hälften aufgeklappt, öffnete sich die Tür auf der anderen Seite des Zimmers. Dadurch entstand ein Luftzug, der mehrere Blätter von Mafaldas Schreibtisch wehte und ungleichmäßig im ganzen Zimmer verteilte.

„Was soll denn dieser Unsinn schon wieder?“, fragte Eva in ihrer hohen, immer gestresst klingenden Stimme. „Du lässt ja lauter Ungeziefer rein!“

Erschrocken blickte Mafalda sich um. »Ich … ich wollte bloß …«, begann sie, doch in diesem Moment nutzte die Fliege die Gelegenheit und schwirrte an Evas Kopf vorbei durch die Tür und hinaus in den Flur.

„Siehst du?“, keifte ihre Stiefmutter. „Jetzt kann ich wieder hinter diesem fetten Brummer herjagen. Als wenn ich in diesem Haus nicht schon genug zu tun hätte! Bist du mit deinen Mathe-Hausaufgaben fertig?“

»Äh … beinahe«, stotterte Mafalda und wurde rot, wie immer, wenn sie nicht ganz genau die Wahrheit sagte.

Eva warf einen Blick in das Heft und runzelte die Stirn.

„Maaafalda!“, sagte sie auf jene vorwurfsvolle Weise, bei der sie das erste A in die Länge zog, bis es fast zerriss. Dann stellte sie wie üblich eine Menge Fragen, ohne Mafalda die Gelegenheit zu geben, auch nur eine davon zu beantworten. „Wie oft muss ich dir noch sagen, wie wichtig es ist, seine Hausaufgaben ordentlich zu erledigen? Nennst du das etwa ordentlich? Was, denkst du, wird dein Vater sagen, wenn ich ihm heute Abend erzähle, dass du im Zimmer herumturnst und irgendwelche Sachen ins Aufgabenheft malst, die da nicht reingehören, statt deine Aufgaben zu erledigen? Glaubst du etwa, er findet das gut? Meinst du, so bekommt man eine gute Note in der Schule?“

Mafalda senkte den Blick. „Es tut mir leid“, sagte sie, und auch das war nicht ganz genau die Wahrheit, aber sie hatte es schon so oft gesagt, dass sie dabei nicht mehr rot wurde.

„Mach jetzt deine Aufgaben, und zwar ordentlich! Ich komme nachher kontrollieren, und wenn ich dann sehe, dass du schon wieder nur Unsinn gemacht hast, gibt es heute kein Fernsehen mehr und kein Internet. Verstanden?“

„Ja, Eva.“

„Immer nur Flausen im Kopf!“, schimpfte ihre Stiefmutter und seufzte, als hätte sie gerade eine schlimme Nachricht bekommen. Dann verließ sie das Zimmer, um Jagd auf die arme Fliege zu machen.

Mafalda seufzte ebenfalls und versuchte, sich wieder auf ihre Aufgabe zu konzentrieren. Kein Fernsehen, das war nicht weiter schlimm. Ihre Lieblingsserie Weltraumprinzessin Arabella lief heute sowieso nicht. Aber kein Internet bedeutete, dass sie nicht wie gewohnt heute Abend mit ihrer Freundin Mareike chatten konnte, und das wäre wirklich schade. Also gab sie sich Mühe, sich zu konzentrieren. Doch wegen der Flausen im Kopf war das gar nicht so einfach.

Flausen war eins ihrer Lieblingswörter. Sie wusste nicht genau, was es bedeutete, stellte sich darunter aber kleine rosafarbene Zwerge vor, die in ihrem Kopf lebten und sich einen Spaß daraus machten, ihre Gedanken durcheinanderzubringen. Immer wenn sie einen vernünftigen Einfall hatte, kam eine kleine Flause, stahl ihn und versteckte ihn irgendwo in ihrem Gedächtnis. Kurz darauf kam sie dann mit einer unsinnigen, aber lustigen Idee zurück, die sie in einer dunklen, staubigen Ecke in Mafaldas Hinterkopf gefunden hatte.

Nur manchmal gelang es ihr für kurze Zeit, die Flausen zum Schweigen zu bringen. Das geschah meistens, wenn sie etwas ganz genau beobachtete – zum Beispiel die Spinne, die ihr Netz spann, die Fliege, die ihre Vorderbeinchen aneinanderrieb, oder die Ameisen im Garten, wie sie in Reih und Glied hintereinander hermarschierten. In solchen Momenten wurde es ganz still in Mafaldas Kopf. Dann konnte sie auf einmal alles gleichzeitig sehen und hören, was ringsum geschah, und es gab keine Vergangenheit und keine Zukunft mehr, sondern nur noch das Jetzt. In diesen Augenblicken, wenn die Flausen stillhielten, konnte sie die ganze wunderbare Vielfalt der Welt wahrnehmen und war sprachlos vor Staunen.

„Seid bitte mal einen Moment lang ruhig, liebe Flausen!“, sagte sie zu sich selbst. „Ich muss jetzt wirklich meine Hausaufgaben machen.“ Wenn Mafalda sich wirklich, wirklich konzentrieren wollte, dann gelang ihr das auch, jedenfalls eine Zeit lang.

Als sie im Kopf bereits Hunderte Tortenstücke zerschnitten und auf Teller verteilt hatte, hörte sie eine vertraute, fröhliche Melodie. Sie kam von dem Tablet, das ihr Vater ihr geschenkt hatte und das sie sowohl zum Chatten mit Mareike als auch für Videotelefonate mit ihm benutzte. Erfreut sprang sie auf, nahm es vom Nachtschrank und tippte auf Gespräch annehmen.

„Hallo, mein Äffchen!“, begrüßte Papa sie.

Früher hatte er manchmal den Arm ausgestreckt wie einen Ast, und Mafalda hatte sich darangehängt und komische Geräusche gemacht, als wäre sie ein kleiner Affe. Dafür war sie längst zu groß, aber insgeheim wünschte sie sich immer noch manchmal, ein Äffchen zu sein und mit ihrem Papa und ihrer richtigen Mama auf einem Baum ganz weit weg im Dschungel zu leben, wo es Papageien, Chamäleons und Faultiere gab.

„Hallo, Papa!“, sagte sie. „Wann kommst du denn wieder?“ Sie sah ihn, wie er an einem Schreibtisch vor seinem Laptop saß, in einem dunkelgrauen Anzug und einem blau-grün gestreiften Schlips. Seine Brille saß ein bisschen schief.

„Du, deshalb rufe ich an“, sagte er. „Ich muss leider übers Wochenende hier in Dubai bleiben und komme erst nächste Woche Freitag zurück. Sei nicht traurig, ja?“

„Bin ich nicht“, log Mafalda und versuchte, ihre Tränen zurückzuhalten.

„Wenn ich wieder da bin, gehe ich mit dir in den Zoo. Das schwöre ich bei allen galaktischen Mächten.“

„Wenn du lügst, wirst du auf den Gefängnisplaneten Dunkula verbannt“, sagte Mafalda und imitierte den energischen Tonfall, den Weltraumprinzessin Arabella benutzt hätte. Aber es klappte nicht, weil eine Prinzessin der Andorianischen Föderation niemals weinte.

„Gut, mein Äffchen. Dann bis bald. Ich muss jetzt ins nächste Meeting.“ Er unterbrach die Verbindung.

Mafalda starrte das Tablet in ihrer Hand an. Meetings, Meetings, dauernd war ihr Vater in irgendwelchen Meetings. Leute saßen dabei in einem Raum um einen Tisch herum und redeten die ganze Zeit über Strategien und Kennzahlen und Synergien und Kosteneffizienz und lauter andere komplizierte und todlangweilige Dinge, hatte er ihr erklärt. Sie wusste, dass er das tat, um Geld zu verdienen, denn er war Unternehmensberater. Das bedeutete, er erklärte den Chefs von Firmen, was sie tun sollten. Und dafür musste er dauernd in andere Städte fliegen, die seltsame Namen hatten wie Riad, Antwerpen, Toulouse oder jetzt Dubai. Sie wusste, dass Dubai in Arabien lag und die Leute dort irre reich waren und dass es da ein ganz tolles Hotel gab, das im Meer stand.

Allerdings wusste sie nicht, wozu die Leute, die ihren Papa bezahlten, einen Unternehmensberater brauchten, wenn sie doch schon so viel Geld hatten. Und wieso ihr Papa nicht selbst Chef einer Firma war, wenn er ohnehin besser wusste als die anderen Chefs, was sie tun sollten. Dann wäre er viel öfter zu Hause gewesen und hätte mit Mafalda und Timmy Meetings machen können. Vielleicht wäre dann auch ihre Stiefmutter nicht immer so schlecht gelaunt gewesen.

„Ich hab dir doch gesagt, kein Internet, bevor du nicht mit den Hausaufgaben fertig bist“, hörte Mafalda Evas scharfe Stimme von der Zimmertür. „Und wieso hast du dein Zimmer noch nicht aufgeräumt? Hier sieht es ja aus wie in einem Schweinestall.“

Mafalda warf ihr einen zornigen Blick zu.

„Papa hat angerufen“, sagte sie. „Und er hat mir gesagt, er findet dich ganz doof.“

Dann stürmte sie mit rotem Gesicht an Eva vorbei aus dem Zimmer.

»Das … das ist ja wohl …«, rief ihre Stiefmutter ihr nach. Den Rest hörte Mafalda nicht mehr, denn sie flüchtete nach draußen in den Garten.



2. Die seltsame Eidechse

Der Garten des neuen Hauses war nicht besonders aufregend. In der Mitte gab es eine große Rasenfläche, die von einem Mähroboter immer zentimeterkurz gehalten wurde, auf der man aber weder herumhüpfen noch gegen sich selbst Fußball spielen und erst recht kein Zelt aus alten Decken und Besenstielen aufschlagen durfte. Drumherum lagen einige sorgfältig gepflegte Blumenbeete, eine Sandkiste für Timmy und auf der fernen Seite eine Reihe großer Rhododendronbüsche. Als sie eingezogen waren, hatte es da, wo jetzt die Sandkiste stand, noch einen Apfelbaum gegeben. Doch der hatte Eva nicht gefallen, „weil Apfelbäume immer so viel Dreck machen“. Als Mafalda ihr gesagt hatte, Äpfel seien doch kein Dreck, hatte Eva behauptet, die Äpfel seien bestimmt sowieso viel zu sauer und zögen außerdem Würmer, Wespen und anderes Ungeziefer an. So hatten Mafaldas Proteste wieder einmal nichts bewirkt und am nächsten Tag war der Baum verschwunden. Immerhin liebte Timmy seine Sandkiste, besonders wenn der Sand vom Regen feucht und klebrig war wie jetzt, aber dann durfte er meist nicht draußen spielen.

Die Rhododendronbüsche waren das Einzige, das Mafalda an diesem Garten schön fand. Sie waren groß und alt und bildeten Hohlräume, in denen sie sich verkriechen konnte, wenn sie mal wieder Ärger mit Eva hatte. Und genau das tat sie jetzt, obwohl sie wusste, dass sie das nicht durfte.

Unter dem Dach der Blätter war es richtig gemütlich, auch wenn es nicht ganz einfach war, sich durch das Gewirr der krummen und schiefen Äste hindurchzuzwängen. Mafalda achtete darauf, dabei keine Käfer oder Larven zu zerquetschen – davon gab es hier im Garten ohnehin viel zu wenige. Sie konnte schon froh sein, wenn sie hin und wieder unter einem Stein eine Assel oder ein paar winzige schwarze Ameisen fand. Auch Vögel verirrten sich kaum in diesen Garten. Und sollte es eine Ratte oder auch nur eine Maus wagen, ein Loch in den Boden zu graben, musste sie sofort mit einem Giftanschlag auf ihr Leben rechnen.

„Maaaafalda!“, rief Eva von der Verandatür her. Doch da es inzwischen wieder regnete, folgte sie Mafalda nicht in den Garten, sondern schimpfte nur. „Na warte, wenn ich das deinem Vater erzähle! Das wird Konsequenzen haben. Und glaub bloß nicht, dass du heute noch ferngucken oder chatten darfst!“

Mafalda verkroch sich in der hintersten Ecke des Gartens, mit dem Rücken zu der brüchigen alten Backsteinmauer. Hier war es schön still, und sie beruhigte sich allmählich. Nach und nach nahm sie die verschiedenen Geräusche ringsum wahr – das sanfte Pippeln des Regens auf den Rhododendronblättern, das gleichmäßige Brausen der Straße, das Zwitschern von Vögeln auf der anderen Seite der Mauer, ihr eigenes Schniefen, das nun immer seltener zu hören war. Sie roch den feuchten Boden und den sanften Duft der rosafarbenen Blüten, spürte die kühle, feuchte Luft auf der Haut und in den Lungen, und selbst die Flausen schwiegen für eine Weile.

Vorsichtig strich sie mit dem Finger über den Ast vor sich. Die Rinde fühlte sich rau an und kitzelte ein bisschen an der Fingerspitze. Fast glaubte sie zu spüren, wie etwas im Innern des Asts pulsierte, so als schlüge irgendwo tief in den Wurzeln des Rhododendrons langsam ein altes hölzernes Herz. Dabei wusste sie genau, dass Büsche keine Herzen hatten. Aber lebendig waren sie trotzdem, auf ihre eigene träge Pflanzenart.

Der Regen ließ nach, und Mafalda überlegte, ob sie ins Haus zurückkehren sollte. Sie konnte zwar nicht fernsehen oder chatten, aber ein Buch zu lesen hatte ihr Eva nicht verboten, und Mafalda liebte Bücher, ganz besonders fantastische Geschichten mit Riesen, Trollen und gigantischen Wäldern voller Gefahren. Außerdem musste sie sich wohl bei Eva entschuldigen. Denn obwohl ihre Stiefmutter ungerecht gewesen war, hätte sie trotzdem nicht lügen dürfen. Eigentlich war es ihr egal, was Eva darüber dachte, aber sie wusste, dass Papa Lügen überhaupt nicht leiden konnte. Und dass sie ihm sogar eine Lüge in den Mund gelegt hatte, machte es umso schlimmer.

Als sie sich gerade aus ihrem Versteck erheben wollte, bemerkte sie aus den Augenwinkeln eine Bewegung. Sie verharrte reglos, denn sie wusste, dass Tiere oft davonhuschten, wenn man sich bewegte. Ganz langsam drehte sie den Kopf nach rechts. Zuerst konnte sie nichts erkennen, doch als sie ihre Umgebung ganz genau betrachtete, entdeckte sie auf einmal die Umrisse einer kleinen Eidechse, die wie festgeklebt an der Mauer hing. Der Körper war so lang wie Mafaldas Zeigefinger, der Schwanz noch einmal so lang.

Es war schon ungewöhnlich genug, dass sie hier im Schatten der Rhododendronbüsche ein so seltenes und interessantes Tier fand. Doch noch bemerkenswerter war seine Farbe. Der schuppige Körper war in verschiedenen Blautönen gemustert. Tintenblaue und himmelblaue Streifen wechselten sich ab, während der Kopf und die Füße türkisfarben gesprenkelt waren.

Noch nie hatte Mafalda etwas so Schönes gesehen. Sie hielt den Atem an, um das Tier bloß nicht zu verscheuchen. Eine Sekunde lang ärgerte sie sich, dass sie ihr Tablet nicht dabei hatte und kein Foto machen konnte. Doch dann wäre die Eidechse womöglich geflohen, und überhaupt war es viel besser, ein solches Tier in der Wirklichkeit zu sehen als auf einem Bildschirm.

Die Eidechse drehte den Kopf in Mafaldas Richtung und schien sie mit ihren winzigen schwarzen Augen neugierig zu mustern. Dann huschte sie blitzschnell an der Mauer entlang, bis sie außer Sichtweite war.

Mafalda kroch vorsichtig hinter ihr her. Sie hatte zwar nur geringe Hoffnung, das Tier noch einmal zu sehen, doch sie durfte die einmalige Gelegenheit nicht ungenutzt verstreichen lassen. Vielleicht lebte die Eidechse irgendwo in einem Loch in der Mauer. Dann konnte sie häufiger herkommen, um sie zu beobachten.

Doch anstelle eines kleinen Lochs entdeckte Mafalda zu ihrer Überraschung eine grün gestrichene alte Holztür in der Mauer, die vom Rhododendron vollständig verdeckt wurde und ihr deshalb bisher noch nicht aufgefallen war. Die Farbe war an vielen Stellen abgeblättert und hatte das modrige graue Holz darunter freigelegt. Zwischen Tür und Boden gab es einen schmalen Spalt, durch den noch die türkisblaue Schwanzspitze der Eidechse herausragte, bis sie im nächsten Augenblick verschwand.

Mafalda streckte die Hand nach der Türklinke aus, zögerte jedoch. Sie hörte beinahe Evas Stimme in ihrem Kopf. Maaafalda! Wie oft habe ich dir schon gesagt, dass du das Grundstück nicht verlassen darfst, ohne mich zu fragen? Und überhaupt, wie siehst du schon wieder aus? Glaubst du, ich habe nichts Besseres zu tun, als den ganzen Tag deine schmutzigen Sachen zu waschen? Womit habe ich das nur verdient?

Ich sollte Eva nicht noch mehr ärgern, sagte sie zu sich selbst. Besonders, wenn Papa dieses Wochenende nicht nach Hause kommt. Doch schon kam eine kleine Flause, stahl den vernünftigen Gedanken und ersetzte ihn durch den folgenden: Ich kann doch mal kurz nachsehen, was hinter der Tür ist. Vielleicht sehe ich die wunderschöne Eidechse noch einmal. Danach gehe ich sofort zu Eva.

Mafalda fand, dass die Flause irgendwie recht hatte. Nur mal kurz nachsehen war ja nicht verboten, oder? Also drückte sie die Klinke nach unten. Doch sie war festgerostet und ließ sich keinen Millimeter bewegen. Versuchshalber drückte sie trotzdem gegen die Tür. Es gab ein Knacken, etwas bröckelte zu Boden, und auf einmal ließ sich die morsche Tür öffnen. Dabei knirschten die alten Scharniere laut.

Na toll! Jetzt hatte Mafalda zu allem Überfluss auch noch die Gartentür kaputt gemacht. Nur gut, dass die Tür hinter den Rhododendren verborgen war. Wenn sie jetzt ins Haus zurückkehrte, würde Eva vermutlich nicht gleich merken, was sie schon wieder angestellt hatte. Doch die Flausen in ihrem Kopf fanden, jetzt, da die Tür kaputt war, komme es auch nicht mehr darauf an, und sie könne sich ebenso gut auf der anderen Seite umsehen.

Also steckte sie den Kopf hindurch. Im ersten Augenblick war der Anblick eher enttäuschend, denn es sah genauso aus wie auf ihrer Seite der Mauer. Knotige Äste ragten vom Boden auf und trugen ein dichtes Dach aus Rhododendronblättern, durch das sie kaum etwas sehen konnte.

Mafalda verhielt sich ganz still, während ihre Blicke über den schattigen Boden glitten. Gar zu gern hätte sie die seltsame Eidechse noch einmal gesehen. Zwar entdeckte sie das Tier nicht, doch dafür nahm sie nach und nach viele andere Sinneseindrücke wahr. Der Regen hatte aufgehört, aber noch immer tropfte Wasser von den Blättern. Von irgendwoher kam ein leises Plipp, Plipp, so als fielen Tropfen in einen Wassereimer. Doch es gab noch viele weitere Geräusche – vielstimmiges Vogelgezwitscher, das Summen zahlloser Insekten, das Zirpen von Grillen, das Rascheln von Blättern und hin und wieder ein seltsam knarrendes Geräusch. Es war, als hätte Mafalda die Tür zu einem Konzertsaal geöffnet, in dem gerade ein Orchester aus Pflanzen, Vögeln und Insekten eine Sinfonie aufführte.

Während Mafalda lauschte, nahm sie auch die Gerüche wahr, die ihr entgegenschlugen. Die waren ebenfalls ganz anders als in ihrem eigenen Garten, erdiger, vielfältiger, der zarte Duft der Rhododendronblüten, gemischt mit dem frischen Geruch von feuchtem Gras und einer leicht fauligen, aber nicht unangenehmen Note.

Nach einer Weile meldeten sich die Flausen wieder und befanden, Mafalda müsse unbedingt einen kurzen Blick durch das Blätterwerk werfen. Und das tat sie, denn in ihrem Kopf fand sich kein vernünftiger Gedanke, der dagegen gesprochen hätte.

Bei der Aussicht, die sich ihr bot, als sie einen dünnen Zweig zur Seite bog, staunte sie nicht schlecht. Der Garten auf der anderen Seite der Mauer schien ungefähr so groß zu sein wie ihr eigener, doch damit endeten die Gemeinsamkeiten auch schon. In der Mitte, wo sich auf ihrer Seite eine leere Rasenfläche erstreckte, lag ein von Büschen und einer Birke umstandener Teich. Wild wucherten ringsum Gräser, Kräuter, blühende Sträucher, Büsche und Kletterpflanzen durcheinander. Es sah aus, als habe noch nie ein Gärtner Hand an diesen Garten gelegt und Ordnung in das fürchterliche Chaos gebracht, wie Eva es wohl genannt hätte. Und doch spürte Mafalda, dass die Pflanzen ihre eigene Harmonie gefunden hatten. Für jede Blume, jeden Strauch schien es hier einen Platz zu geben. Und die Pflanzen boten einer Vielfalt von Insekten Raum, wie Mafalda sie nie zuvor gesehen hatte, nicht einmal im Botanischen Garten in der Stadt. Verschiedenfarbige Schmetterlinge flatterten von Blüte zu Blüte, Bienen, Hummeln und Wespen summten umher. Über dem Teich schwirrte sogar eine Libelle, deren langer Leib in metallischem Grün schillerte. Ein Eichhörnchen kletterte am Stamm der Birke hinauf, in der sich Meisen mit einer Amsel einen Sängerwettstreit zu liefern schienen.

Als es erneut knarzte, entdeckte Mafalda einen kleinen Frosch, der auf einem fast kreisrunden flachen Blatt am Teichrand saß. Jedes Mal, wenn er das Geräusch machte, bliesen sich seine Backen zu durchsichtigen kleinen Ballons auf. Das sah so lustig aus, dass Mafalda fast laut aufgelacht hätte.

Auf der fernen Seite des Gartens ragte die Villa auf, die Mafalda vom Fenster ihres Zimmers aus sehen konnte. Sie wirkte ein wenig schäbig, ihre ursprünglich weißen Wände waren vom Alter fleckig und grau wie die Haut von Mafaldas Oma, die in Süddeutschland lebte. Das alte Haus hatte hölzerne Fensterläden und eine rot-weiß gestreifte löchrige Markise über einer kleinen Veranda. Wer dort wohnte, wusste Mafalda nicht.

„Maaaafalda!“, erklang Evas Stimme gefährlich nahe. „Komm sofort da raus! Musst du immer solchen Unsinn anstellen? Hast du dich etwa schon wieder im Dreck gewälzt? Glaubst du, ich habe nichts Besseres zu tun, als den ganzen Tag deine Kleidung zu waschen? Wo bist du überhaupt?“

Hastig kroch Mafalda zurück durch die immer noch offen stehende Gartentür und streckte den Kopf aus dem Rhododendronbusch. Eva stand mit zornrotem Kopf auf dem Gehweg, nur drei Meter von ihr entfernt.

„Komm sofort da raus!“, keifte sie. „Und pass auf, dass du mir nicht die Tulpen zertrampelst! Hast du eigentlich eine Ahnung, was es kostet, diesen Garten in Ordnung zu halten? Findest du es etwa lustig, mir die Arbeit noch schwerer zu machen, als sie sowieso schon ist? Was soll ich bloß deinem Vater erzählen, wenn ich nachher mit ihm telefoniere? Kannst du mir das bitte mal sagen? Womit habe ich das verdient?“

Mafalda zuckte mit den Achseln. »Es … tut mir leid«, stammelte sie mit gesenktem Kopf.

„Ab in dein Zimmer!“, befahl Eva in strengem Ton. „Erst mal räumst du dort auf. Aber picobello! Und dann kontrolliere ich deine Hausaufgaben. Als ob ich nichts Besseres zu tun hätte!“

„Ja, Eva.“

Karl Olsberg

Über Karl Olsberg

Biografie

Karl Olsberg, geboren 1960, promovierte über Anwendungen Künstlicher Intelligenz, war Marketingdirektor eines TV-Senders, Geschäftsführer und erfolgreicher Gründer zweier Unternehmen in der „New Economy“. Er wurde unter anderem mit dem „eConomy Award“ der Wirtschaftswoche für das beste Start Up...

Karl Olsberg über das Glück in digitalen Zeiten

Warum man ein Freu verschenken sollte

Digitale Medien verzerren den Blick auf unsere Welt und auf uns selbst. Die Logik der „Aufmerksamkeits-Ökonomie“ – jeder Klick, jede Sekunde, die wir den Bildschirm anstarren, ist für die Internetkonzerne Geld wert – führt zu künstlich intelligenten Empfehlungsalgorithmen, die uns besser kennen als wir uns selbst. Sie erzeugt gigantische „Filterblasen“, „alternative Fakten“ und individualisierte Scheinrealitäten, die optimal auf unsere eigenen Wünsche, Neigungen und Ängste abgestimmt sind. Von falschen Werbeversprechen und Starkult zutiefst verunsicherte Menschen starren ängstlich in ihre Instagram-Zauberspiegel und ringen um Aufmerksamkeit und Liebe, indem sie ine perfekte Ego-Show abliefern. Trolle und Hater nutzen diese Unsicherheit aus und fügen ihnen Schmerzen zu, um ihre eigene Unsicherheit und Schmerzen zu übertünchen. Ein krankhafter Narzisst wird US-Präsident und überall auf der Welt peitschen Populisten die Angst und Verunsicherung der Menschen hoch, um sie für ihre finsteren Zwecke auszunutzen.

Kein Zweifel, die Welt, in der wir leben, ist nicht das digitale Wunderland, das wir uns in den Neunzigerjahren erträumt haben. Das World Wide Web hat nicht weltweite Meinungsfreiheit, Demokratie und Frieden gebracht, sondern mancherorts eher das Gegenteil. Soziale Medien scheinen in Wahrheit zutiefst asozial zu sein. Es liegt nahe, der Digitalisierung die Schuld an dieser Entwicklung zu geben und sich nach der Zeit zurückzusehnen, als Telefone noch einen Hörer hatten, wir alle gleichzeitig die Tagesschau sahen, morgens in der Zeitung blätterten und abends ein gutes Buch lasen oder eine schlechte Fernsehshow ansahen. Doch Technik ist niemals gut oder böse, und Populismus, Ungerechtigkeit und die Verzerrung der Wahrheit gab es lange, bevor das Internet erfunden wurde – man denke nur an die grauenhaften Kriege und Genozide der ersten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts.

Unser Problem ist nicht künstliche Intelligenz, sondern menschliche Dummheit. Die große Herausforderung unserer Zeit ist es, mit der digitalen Technik richtig umzugehen: ihren Verlockungen zu widerstehen, ohne sie zu verteufeln, ihre Chancen zu nutzen, ohne uns ihr auszuliefern, Spaß zu haben, ohne süchtig zu werden.

Die Schwierigkeiten, die wir damit haben, sind wahrlich nichts Neues. Schon immer haben unsere von der Evolution für eine Welt der Knappheit und Gefahr optimierten Instinkte – Habgier, Maßlosigkeit,
Neid, Misstrauen gegenüber Fremden, Angst vor Ablehnung – unserem Glück im Weg gestanden. Deshalb sind auch die Rezepte, die wir brauchen, um unsere zerstörerischen Impulse zu überwinden,
keine neuen Rezepte. So gesehen ist „Das Freu“ eine uralte Geschichte. Doch sie muss immer wieder neu erzählt und an die sich rasant verändernden Herausforderungen der Wirklichkeit angepasst werden, damit man sie versteht.

Was müssen wir also tun, um in einer Welt digitaler Scheinrealitäten wahres Glück zu finden? Es gibt sicher mehr als eine Antwort auf diese Frage. Meine Antwort jedenfalls lautet: Wir müssen ein Freu finden und es verschenken.

In meinem Roman entdeckt die elfjährige Mafalda eines Tages im Garten ihrer Nachbarin, einer ehemaligen Buchhändlerin, ein seltsames magisches Wesen, das die Gestalt verschiedener Tiere annehmen kann. Man findet dieses „Freu“ nur, wenn man ganz im Hier und Jetzt ist. Man kann es nicht jagen und einfangen, sondern muss warten, bis es von selbst zu einem kommt. Doch das Freu macht nicht nur glücklich, es hat noch eine weitere bemerkenswerte Eigenschaft: Wenn man es verschenkt, verdoppelt es sich.

Kurz darauf bringt Mafaldas Vater ihr einen „Fortunator“ mit, eine Augmented Reality-Brille, die laut Hersteller „das Glück der Nutzer nachweislich um bis zu 233% und mehr steigert“. Der Fortunator „verbessert“ die Realität, indem er ihr Dinge hinzufügt, die gar nicht existieren. Mafalda ist zunächst begeistert von der digitalen Wunderwelt, merkt jedoch bald, dass die Wirklichkeit nicht besser wird,
wenn man sie nicht mehr richtig erkennen kann. Zudem stört das Freu die Funktion des Fortunators. Als Mafalda sich dafür entscheidet, die Brille wegzulegen und sich wieder ganz dem Hier und Jetzt zuzuwenden, gerät sie in einen Konflikt mit dem Hersteller der Glücksbrillen, dem mächtigen Konzern True Happiness Corporation.

Das Freu in meiner Geschichte ist ein Zauberwesen, das aus einer vergessenen Zeit stammt, in der die Welt den Menschen noch rätselhaft und magisch erschien. Als es auf moderne Technik trifft, scheint
es zu einem unauflösbaren Konflikt zu kommen. Doch am Ende stellt sich heraus, dass es einen Mittelweg gibt, ein Sowohl-als-auch aus maßvoller Nutzung der Technik und Leben im Hier und Jetzt. Und
genau dieser Mittelweg kann auch die Lösung für unser sehr reales, digitales Glücksproblem sein.

Das Freu steht für die Jahrtausende alte Tradition der Achtsamkeit, der Konzentration auf die Wirklichkeit sowohl der äußeren Natur als auch des inneren Selbst. Es ist wissenschaftlich erwiesen, dass
Achtsamkeit dabei hilft, unsere irrationalen und zerstörerischen Impulse zu überwinden. Sie kann den Blick auf die Wirklichkeit schärfen und somit digitale Illusionen und Scheinwahrheiten als solche
entlarven. Vor allem kann sie uns jenen Quell innerer Freude erschließen, den das Freu symbolisiert.

Die eigentliche Magie entfaltet sich jedoch erst, wenn wir diese Freude weitergeben. Wahres Glück entsteht, wenn wir andere Menschen glücklich machen: Geteiltes Freu ist doppeltes Freu. Diese uralte
Weisheit, die sich in vielen Religionen und Philosophien wiederfindet, steht konträr dem Konsumismus und Digitalnarzissmus unserer Zeit entgegen. Doch sie funktioniert: Jeder, der schon einmal einen geliebten Menschen zum Lächeln gebracht hat, weiß, dass nichts auf der Welt dieses Glücksgefühl übertreffen oder ersetzen kann.

Wenn wir digitale Medien nicht nutzen, um uns selbst zu überhöhen und andere zu erniedrigen, sondern um anderen Menschen zu helfen und ihnen Freude zu bereiten, dann werden sie zu wahrhaft sozialen Medien und die Freude der anderen zu unserer eigenen. Wenn wir moderne Technik in diesem Sinn maßvoll nutzen und den Kontakt zur Wirklichkeit nicht verlieren, dann gibt es keinen Widerspruch mehr zwischen Digitalisierung und Glück.

Ich möchte mit meinem Buch dazu einen Beitrag leisten. Deshalb sehe ich es, der elfjährigen Protagonistin zum Trotz, nicht als ein reines Kinderbuch an. Es ist eine Fabel über das Glück in digitalen Zeiten, die hoffentlich Menschen jeden Alters erreicht. Und wer weiß, vielleicht findet ja der eine Leser oder die andere Leserin darin ein Freu – und verschenkt es weiter. Das würde mich sehr glücklich machen!

 

Medien zu „Das Freu“
Pressestimmen
Iserlohner Kreisanzeiger

„Autor Karl Olsberg ist es wichtig, dass man bei aller Freude über moderne Technik nicht den Kontakt zur Wirklichkeit verliert. Mafalda gelingt das. Und sie schafft es auch, ihr Verständnis für echtes Glück weiterzugeben.“

buchfeeteam

"Das Freu" ist eine Geschichte mit wichtigen und gerade in der heutigen Zeit auch wieder sehr dringenden Botschaften, die man sich unbedingt zu Herzen nehmen sollte.

buchszene.de

„Inspirierend.“

buchszene.de

„Ein Roman, der an Michael Endes ›Momo‹ erinnert.“

Westfalenpost

„Mehr als lesenswert – für alle.“

Kommentare zum Buch
Kommentieren Sie diesen Beitrag:
(* Pflichtfeld)
Kommentar senden