Lieferung innerhalb 1-3 Werktage
Bezahlmöglichkeiten
Vorbestellung möglich
Kostenloser Versand*
Blick ins Buch
Cursed – Die Hoffnung liegt hinter der DunkelheitCursed – Die Hoffnung liegt hinter der Dunkelheit

Cursed – Die Hoffnung liegt hinter der Dunkelheit

Paperback
€ 15,00
E-Book
€ 12,99
€ 15,00 inkl. MwSt.
In Kürze wieder lieferbar
€ 12,99 inkl. MwSt.
sofort lieferbar
In den Warenkorb
Gratis-Lieferung ab 9,00 €
Geschenk-Service
Versand und Lieferbedingungen

Cursed – Die Hoffnung liegt hinter der Dunkelheit — Inhalt

Sterben ist ätzend – das weiß die 17-jährige Ember McWilliams aus eigener Erfahrung. Nach einem verhängnisvollen Autounfall hat ihre kleine Schwester sie dank einer übersinnlichen Gabe von den Toten zurückgeholt. Eigentlich nicht schlecht, nur dass seither alles, was Ember berührt, stirbt. Sie hält sich gewissenhaft an ihre Regel, nichts Lebendiges zu berühren – Jungs eingeschlossen. Doch als Hayden Cromwell an ihrer Schule auftaucht und behauptet, Ember könne ihren Fluch mit seiner Hilfe kontrollieren, weckt er ihr Interesse. Ember würde alles dafür tun, wieder andere Menschen berühren zu können. Sie möchte die Hand ihrer kleinen Schwester halten. Und sie muss zugeben, dass sie auch gerne Hayden küssen würde.

€ 15,00 [D], € 15,50 [A]
Erschienen am 05.10.2020
Übersetzt von: Michaela Link
400 Seiten, Klappenbroschur
EAN 978-3-492-70589-9
€ 12,99 [D], € 12,99 [A]
Erschienen am 05.10.2020
Übersetzt von: Michaela Link
400 Seiten, WMEPUB
EAN 978-3-492-99771-3

Leseprobe zu „Cursed – Die Hoffnung liegt hinter der Dunkelheit“

Kapitel 1

Etwas Weiches und Warmes – eindeutig handgroß – legte sich auf meine Brust und schob sich dann weiter hinauf. Warum erwartete ich wohl, einem heißen Typen in die babyblauen Augen zu blicken, als ich die Lider aufschlug? Vielleicht, weil ich gerade den besten Traum meines Lebens gehabt hatte. Aber an die ausgewaschenen, gespenstisch blauen Augen, die mich dann wirklich ansahen, hatte ich natürlich nicht gedacht.

Auf meiner Brust saß ein Hamster, dessen weißbraunes Fell mit Schmutz bedeckt war. Ich hatte Erdreste auf dem Nachthemd und kleine [...]

weiterlesen

Kapitel 1

Etwas Weiches und Warmes – eindeutig handgroß – legte sich auf meine Brust und schob sich dann weiter hinauf. Warum erwartete ich wohl, einem heißen Typen in die babyblauen Augen zu blicken, als ich die Lider aufschlug? Vielleicht, weil ich gerade den besten Traum meines Lebens gehabt hatte. Aber an die ausgewaschenen, gespenstisch blauen Augen, die mich dann wirklich ansahen, hatte ich natürlich nicht gedacht.

Auf meiner Brust saß ein Hamster, dessen weißbraunes Fell mit Schmutz bedeckt war. Ich hatte Erdreste auf dem Nachthemd und kleine Steinchen auf der Bettdecke.

Ich schrie.

Erschrocken huschte der Hamster von meiner Brust und verschwand unter der Decke. Ich selbst sprang wie von der Tarantel gestochen aus dem Bett und wäre um ein Haar mit dem Gesicht zuerst auf dem abgetretenen Teppich gelandet. Ich spurtete los, und am liebsten hätte ich dabei wieder geschrien. Das Herz schlug mir bis zum Hals, als ich das Zimmer meiner kleinen Schwester erreichte. Die Tür stand sperrangelweit offen und gab den Blick auf das Bett frei. Es war leer. Ich suchte mit den Augen das Zimmer ab, in das nur einzelne Strahlen des ersten Morgenlichts fielen, und entdeckte Olivias zarte Gestalt in den Schatten.

Sie saß mit dem Rücken zur Tür und gesenktem Kopf auf dem Boden, sodass nicht viel mehr von ihr zu sehen war als ihre rote Lockenpracht. Als ich ins Zimmer trat, stolperte ich über eine ihrer Puppen, deren Anblick mich den Hamster kurz vergessen ließ. Ihr war ein Arm herausgedreht worden. Zudem hatte Olivia das Gesicht der Puppe mit einem Edding attackiert, die Augen übermalt und ihr „SIEH“ auf die Stirn gekritzelt – das schien die Krankhaftigkeit auf die Spitze zu treiben.

Meine Hände wurden feucht. »Olivia …«

Sie erstarrte. „Ember? Ich habe heute Morgen etwas Schlimmes getan. Du wirst mir sehr böse sein.“

Beunruhigende Worte von einer Fünfjährigen, aber ich wusste bereits, was sie getan hatte. Ich trat um das Bett herum, obwohl ich am liebsten davongelaufen wäre. Manchmal machte Olivia mir eine Heidenangst. „Was habe ich dir gesagt, Olivia?“

Sie legte den Kopf schräg und schaute zu mir auf. Ihre grünen Augen schwammen vor Tränen, sodass sie glänzten wie Smaragde. „Es tut mir leid.“ Ihre Lippen zitterten. „Squeaky hat Angst gekriegt, als ich ihn mit ins Haus genommen habe. Er ist weggelaufen, bevor ich ihn festhalten konnte.“

Irgendwie brachte ich ein Lächeln zustande, während mein Blick auf ihr Nachthemd fiel. Der Baumwollstoff war voller Erde, und auch ihre kleinen Arme und Finger waren ganz schmutzig. Der Schuhkarton auf ihrem Schoß war völlig verdreckt.

Es war derselbe Schuhkarton, in dem ich Squeaky gestern Abend im Garten beerdigt hatte.

Ich kniff die Augen zusammen und reihte im Geiste alle Kraftausdrücke aneinander, die mir einfielen. Mir hätte klar sein sollen, dass sie das tun würde. Ein heftiger Schauer durchlief mich.

Olivia konnte Totes einfach nicht in Frieden lassen.

„Es tut mir leid“, flüsterte sie. „Aber Squeaky hat mich lieb, und er brauchte mich.“

Ich kniete mich vor sie. „Squeaky hat dich nicht gebraucht! Olivia, du darfst das nicht jedes Mal tun, wenn eins von deinen Haustieren stirbt. Es ist nicht richtig. Es ist unnatürlich.“ So wie es unnatürlich gewesen war, die tote Taube ins Leben zurückzuholen, die sie neulich in der Einfahrt gefunden hatte. Oder Smokey, die Katze, die sie am Straßenrand entdeckt hatte.

»Aber … bei dir habe ich es doch auch gemacht«, beharrte Olivia.

Ich öffnete den Mund, doch was konnte ich dagegen schon einwenden? Olivia hatte das tatsächlich vor zwei Jahren bei mir getan, und ich war jetzt genauso unnatürlich wie Squeaky. Sogar noch unnatürlicher … „Ich weiß, und glaub mir, ich bin dir dankbar. Aber du darfst damit nicht immer weitermachen.“

Sie wich ein wenig zurück. „Tu das nicht.“

Ich schaute auf meine Hände, es war mir gar nicht bewusst gewesen, dass ich sie nach ihr ausgestreckt hatte. Frustriert ließ ich sie in den Schoß fallen. „Wenn etwas stirbt, bedeutet das, dass seine Zeit gekommen ist zu gehen. Das weißt du doch.“

Olivia sprang jäh auf die Füße. „Du willst mir Squeaky wegnehmen.“

Der Geruch des Todes, der dem Schuhkarton anhaftete, stieg mir in die Nase. Entsetzt fragte ich mich, ob ich auch so roch. Der Drang, an mir zu schnuppern, wurde übermächtig.

„Bitte, nimm mir Squeaky nicht weg“, jammerte sie und steuerte bereits auf einen Olivia-mäßigen Anfall zu. „Ich verspreche auch, es nicht wieder zu tun. Lass mich bloß Squeaky behalten! Bitte!“

Ich starrte sie an.

Olivia versteifte sich, wurde ganz reglos. „Ember, bist du mir böse? Bitte, sei mir nicht böse.“

„Nein.“ Ich seufzte. „Ich bin dir nicht böse, aber du musst mir versprechen, das nicht noch einmal zu machen. Und diesmal will ich, dass du es ernst meinst.“

Sie nickte eifrig. „Versprochen! Dann darf ich Squeaky behalten?“

„Ja. Geh schon und hol den dummen Hamster.“ Ich stand auf und seufzte. „Er saß zuletzt unter meiner Bettdecke.“

Ein strahlendes, wunderschönes Lächeln glitt über ihr Gesicht, als sie herumwirbelte und in mein Zimmer lief. Ich folgte ihr langsam, und beim Blick auf die misshandelte Puppe bekam ich eine Gänsehaut. Die Tür zu meinem Zimmer hing schief an ihrer verbliebenen Angel. Unser Haus war alt, aus der Zeit des Sezessionskriegs. Alles darin war schief und krumm. Farbe löste sich in Streifen von den Wänden wie Schlangenhaut. Es roch nach Tod und Verwesung.

So, als sei das Haus vor zwei Jahren gestorben.

Wie sich herausstellte, kauerte Squeaky immer noch unter meiner Decke und tat dort Gott weiß was. Olivia drückte sich das zappelnde Fellknäuel ans Gesicht. „Ich darf dich behalten!“

Ich faltete die Hände, damit sie nicht zitterten. »Setz Squeaky in seinen Käfig und mach dich für die Schule fertig, Olivia. Wir werden … so tun, als sei das nicht passiert, okay? Putz dir die Zähne.« Ich hielt inne. „Und komm gar nicht erst auf die Idee, heute zur Schule dein Prinzessinnenkleid anzuziehen.“

Sie blieb in der Tür zu meinem Zimmer stehen. „Aber ich bin eine Prinzessin.“

„Nicht in der Schule. Jetzt lauf.“ Ich zeigte auf ihr Zimmer und versuchte, das Rumoren in meinem Magen zu ignorieren.

Olivia hüpfte durch den Flur, vollkommen ahnungslos, wie verkorkst wir beide waren. „Normal“ stand nicht auf der Liste mit Attributen, die uns beschrieben. Ich war mir nicht einmal sicher, ob „menschlich“ dabei war.

Allein im Badezimmer, schaute ich auf meine zitternden Hände und befahl mir, mich zusammenzureißen. Ich konnte es mir nicht leisten, die Nerven zu verlieren. Olivia brauchte mich, und für sie musste ich stark bleiben. Ich betrachtete mein Spiegelbild und zwang mich zu einem Lächeln.

Und auf meiner Schläfe entdeckte ich den größten Pickel aller Zeiten.

Na toll.

Ich duschte rasch, lief in mein Zimmer, zog die erstbeste saubere Jeans an, die ich finden konnte, und schnappte mir eine Strickjacke von der Rückenlehne meines Schreibtischstuhls. Ein enges Top wäre viel hübscher gewesen, doch dann hätte man die Narben gesehen, die sich kreuz und quer über meine Arme zogen. Anscheinend konnte Olivias heilende Berührung nicht alles in Ordnung bringen.

Letztes Jahr im Sportunterricht hatte eins der Mädchen – Sally Wenchman – beim Umziehen die Narben gesehen. Sally hatte mir den Spitznamen „Frankenstein“ verpasst, und er war kleben geblieben.

Ich schnappte mir meinen Skizzenblock und stopfte ihn in meine Schultasche. Auf dem Weg nach draußen schnappte ich die hautfarbenen Handschuhe vom Stuhl und streifte sie mir über. Unter dem langärmligen Shirt verschwanden die Handschuhe fast, von denen die anderen Kids dachten, ich würde damit die Narben verstecken wollen.

Das stimmte nur zum Teil.

„Bist du fertig?“, brüllte ich, während ich die Treppe hinunterpolterte. „Wir haben noch ungefähr zwanzig Minuten.“

„Ja“, kam die gedämpfte Antwort.

Ich folgte dem Klang ihrer Stimme und fand Olivia am Tisch, wo sie Müsli aß … in ihrem Prinzessinnenkleid. Verdammt. Das Kind war schon seltsam genug, auch ohne dass es jeden Tag dasselbe verdammte Kleid trug. „Olivia, was habe ich dir gesagt?“

Sie sprang vom Tisch auf, stellte ihre Müslischale ins Spülbecken und drehte sich mit einem schelmischen Grinsen wieder zu mir um. „Jetzt ist es zu spät, um mir etwas anderes anzuziehen.“

Entgeistert starrte ich sie an. „Du bist so ein ungezogenes Balg.“

Sie kam zu mir, sah mich unsicher an und legte langsam und vorsichtig ihre Finger um meine behandschuhte Hand. Als ich nickte, fasste sie fester zu, und ihre Welt war wieder in Ordnung.

Seit zwei Jahren konnte ich Olivia nicht mehr ohne irgendeine Art von Grenzschicht zwischen ihrer Haut und meiner berühren. Wenn sie hinfiel und sich das Knie aufschlug, konnte ich ihr keinen Kuss geben, um sie zu trösten. Wenn sie weinte, konnte ich sie nicht in den Arm nehmen. Ich erinnerte mich nicht einmal mehr daran, wie sich die Nähe eines anderen Menschen anfühlte. Dieser ganze superspezielle Todesberührungsmist war echt ätzend.

Olivia war gerade auf dem Trip, sie besäße übermenschliche Kräfte, daher tat ich, als ließe ich mich von ihr zum Haus hinaus zu meinem Jeep ziehen. Sein stumpfes Schwarz gab ihm eine etwas lebensüberdrüssige Ausstrahlung, und er brauchte neue Reifen und Bremsen. Trotzdem, er war mein Baby. Ich konnte die glatte Metallhülle streicheln und die Hände über seine weiche Innenausstattung gleiten lassen, soviel ich wollte. Es war schön zu wissen, dass der Jeep von meiner toxischen Berührung nicht umkippen und sterben würde.

Auf dem ganzen Weg zur Schule redete Olivia von nichts anderem als von einem neuen Spielzeug, das sie gesehen hatte. Es kostete mich meine gesamte Selbstbeherrschung, nicht den Kopf auf das Lenkrad zu schlagen. Bevor sie vor ihrer Grundschule aus dem Wagen sprang, beugte sie sich zu ihrem obligatorischen Luftkuss vor. Aus der Nähe betrachtet, ließ sich nicht leugnen, dass wir Schwestern waren – wir hatten die gleichen dunkelroten Locken und Sommersprossen.

„Sei nett zu den anderen Kindern heute“, rief ich ihr ins Gedächtnis. „Und fass in Gottes Namen nichts Totes an.“

Sie bedachte mich mit einem ziemlich erwachsenen Blick, bevor sie in einem Wirbel aus Rosa und Glitter den Gehweg entlangrannte. Einen Moment lang saß ich bloß da und sah zu, wie sie zwischen den anderen kleinen Menschen verschwand. Dad hatte oft gesagt, Olivia habe eine alte Seele, und ich hatte das erst vor Kurzem wirklich verstanden.

Ich schaute auf die Uhr am Armaturenbrett – noch fünf Minuten, um es in die Schule zu schaffen, ohne schon wieder zu spät zu kommen. Das Sammeln von Verspätungszetteln war zu einer Art Hobby geworden. Eines Tages würde ich eine hübsche Collage aus rosa Papier mit knallroter Schrift zusammenhaben, die ich für Olivia an den Kühlschrank hängen konnte. Sie stand auf Rosa.

 

Zehn Minuten später ließ ich mich mit einem weiteren Verspätungszettel in der Hand und mit verstimmter Miene auf meinen Stuhl sinken.

„Schon wieder?“, flüsterte der Junge mit dem hellbraunen Haar neben mir.

Ich warf ihm einen herablassenden Blick zu, dem er mit einem breiten Grinsen begegnete. „Was meinst du denn, Adam?“

Immer noch grinsend, zuckte er die Achseln. „Vielleicht solltest du nicht so lange schlafen.“

Adam Lewis war der einzige Mensch auf der Allentown High, der nach dem Unfall nicht aufgehört hatte, mit mir zu reden. Er war zwar meine Sandkastenliebe, aber auch ihm hätte ich nicht sagen können, dass ich zu spät gekommen war, weil meine kleine Schwester im Morgengrauen ihren toten Hamster ausgegraben und ihn wieder zum Leben erweckt hatte. Schließlich wollte ich ihn als Freund behalten.

Adam warf mir einen verwirrten Blick zu. Er war auf eine nerdige Art süß, doch uns verband wirklich nur Freundschaft. Mehr konnte es nicht werden. Niemals.

Unsere Lehrerin kniff die Augen zusammen und verzog die Lippen zu einem dünnen Strich. Mrs Benton duldete kein Gequatsche in der ersten Stunde, was ihre Unbeliebtheit bei den Schülern noch verstärkte. Ich wandte mich wieder meinem Arbeitsheft zu und begann vor mich hin zu kritzeln, während ich darauf wartete, dass es zur ersten Pause klingelte. Immer wieder dachte ich an das, was Olivia getan hatte, während ich die alte Eiche vor dem Klassenfenster abzeichnete.

Mein Baum sah allerdings ganz anders aus als der draußen. Statt mit meiner Zeichnung einzufangen, wie die Morgensonne die Blätter rot und golden leuchten ließ, hatte ich mich für dicke Wolken im Hintergrund entschieden und jeden Ast heruntergezogen, sodass der Baum ganz zackige Konturen besaß.

Meiner Skizze mangelte es an Leben. Genau wie mir.

Ich hatte keine Ahnung, wie es Olivia gelang, Tote ins Leben zurückzuholen. Vielleicht war sie schon mit dieser Gabe auf die Welt gekommen, aber es hatte eines unvorsichtigen Autofahrers und verbeulten Metalls bedurft, um vor zwei Jahren ihr einzigartiges Talent zutage treten zu lassen.

Ich war in dem Wagen gestorben, zusammen mit Dad.

Diese New-Age-Typen waren totale Lügner. Es gab kein helles Licht am Ende eines dunklen Tunnels. Keine Engel, die darauf warteten, dich mitzunehmen, keine verstorbenen Angehörigen, die in den Schatten herumlungerten. Da war nichts, absolut nichts gewesen … bis ich gespürt hatte, wie irgendetwas an mir zerrte, mich in meinen Körper zurückzog. Es hatte nicht wehgetan, doch ich hatte mich seltsam leer gefühlt – beinahe so, als wäre ein Teil von mir in dem schwarzen Abgrund geblieben. Vielleicht hatte ich meine Seele irgendwo im Jenseits zurückgelassen.

Als ich mühsam die Augen geöffnet hatte, war mein Blick zuerst auf Dad gefallen. Er hatte furchtbar ausgesehen – wirklich tot, und Olivia konnte ihn nicht erreichen. Die Sanitäter, die Ärzte – keiner von ihnen hatte Probleme dabei gehabt, mich zu berühren. Ich erinnerte mich daran, gedacht zu haben, dass ich vielleicht nur geträumt hatte, gestorben zu sein.

Als ich nach Hause gekommen war, wo sich alles so daneben und unwirklich anfühlte, hatte ich begriffen, dass ich nicht einfach bloß Mist geträumt hatte. Sushi war das erste Opfer gewesen. Mit seiner zerquetschten Nase und dem einen Auge war der Kater so ziemlich das Hässlichste gewesen, was ich je gesehen hatte, aber ich liebte ihn. Ich hatte ihn hochgehoben, und er war ungefähr sechzig Sekunden später gestorben. Mehrere tote Zimmerpflanzen später war mir klar geworden, dass etwas mit mir nicht stimmte – und zwar ganz und gar nicht.

Ich hörte auf, irgendetwas anzufassen. Von jetzt auf gleich.

Seltsamerweise hatte Olivias Fähigkeit, Tote wieder zum Leben zu erwecken, ganz unterschiedliche Auswirkungen, je nachdem, bei was sie ihre Kräfte einsetzte. Tiere hatten am Ende Augen wie meine, doch ihre Berührung brachte niemandem den Tod, wie meine es tat. Ich war mir nicht sicher, ob das bei jedem Menschen so sein würde, den sie zurückholte, und ich wollte es eigentlich auch nicht herausfinden.

Der schrille Ton der ersten Pausenglocke riss mich aus meinen Gedanken. Ich sammelte meine Sachen ein und folgte Adam in den überfüllten Flur.

„Warum bist du denn heute Morgen zu spät gekommen?“, fragte er.

Ich zuckte die Achseln. „Ich habe verschlafen. So was kommt vor.“

Er bedachte mich mit einem zweifelnden Blick, und ich fühlte mich schrecklich dabei, ihn anzulügen. Also schaute ich lieber rasch auf sein Shirt. Die Aufschrift darauf lautete: Ich stehe auf Trophy Wifes. Nett.

Ich wechselte das Thema. „Glaubst du, wir schreiben in Geschichte eine Arbeit?“

Er nickte, seine Augen leuchtend blau hinter dem Brillengestell aus Draht. „Ja. Hast du dafür gelernt?“

Ich versuchte, dem Gedränge der Schüler auszuweichen, und lächelte Adam an. „Was hast du gesagt?“

Adam verdrehte die Augen. „Hast du dafür gelernt?“

»Oh. Olivia war gestern Abend besonders zuwendungsbedürftig …«

„Freak“, sagte Dustin Smith, Kapitän der Footballmannschaft und ein Vollidiot.

„Du warst mal mit ihr zusammen“, warf ein anderer Junge ein. „Sie ist dein Freak, Dustin.“

Ich war wirklich mal mit ihm zusammen gewesen, traurig, aber wahr. Mit fünfzehn, als ich noch beliebt war und noch jemanden berühren konnte, war tatsächlich etwas zwischen uns gewesen. Dustin und ich hatten uns geküsst … ziemlich oft sogar. Dann hatte ich mich in die schwarze Witwe verwandelt. Die Chancen standen also ziemlich gut, dass ich als Jungfrau sterben würde.

Freak und Jungfrau in einem – das war kaum zu toppen.

„Mann, ich versuche, diese Zeit meines Lebens zu vergessen“, sagte Dustin. „Könntest du es bitte unterlassen, das anzusprechen?“

Meine Finger schlossen sich um den Träger meiner Tasche, und ich starrte auf den schmutzigen Boden. Schau weiter auf den Boden, dachte ich. Wenn du hochschaust, wird alles bloß noch schlimmer. Aber ich hörte leider nie auf die vernünftige, logische Stimme in meinem Kopf. Fast gegen meinen Willen hob ich den Kopf und funkelte Dustin an.

Er machte einen Satz nach hinten und riss die Hände hoch, als wolle er mich abwehren. „Herrgott noch mal! Sieh mich nicht mit deinen toten Augen an, du Freak!“

„Hey!“, brüllte Adam und stellte sich vor mich. „Rede nicht so mit ihr.“

Dustin machte einen Schritt auf Adam zu, als wolle er ihn schlagen, doch es war nur ein Täuschungsmanöver. Ich wusste es, und Adam wusste es, wir zuckten jedoch beide zurück. Dustins Publikum brach in Gelächter aus, und das Wort „Freak“ machte immer noch die Runde, als sie sich längst wieder verzogen hatten.

„Was für ein Arschloch“, murmelte Adam. „Mensch, weißt du was?“

„Was?“ Heiße Tränen brannten mir in den Augen und drohten herunterzukullern, und ich hasste mich dafür, dass ich mich von einem Idioten wie Dustin so aus der Fassung bringen ließ.

„Dir ist doch wohl klar, dass er eines Tages unsere Autos auftanken wird. Jetzt hält er sich für eine große Nummer, doch er wird bis zu seinem Tod an der Tankstelle seines Vaters arbeiten.“ Adam schlug die Tür zu seinem Spind zu, und seine Miene wurde sanfter. „Em, lass dich nicht so fertigmachen von ihm. Du bist besser als er und all seine Freunde.“

Ich blinzelte hektisch. „Sind meine Augen wirklich so gruselig?“

Adam schluckte, und er brauchte einige Sekunden, um zu antworten. »Nein … sie sind nicht gruselig, Em. Sie sind einfach anders, das ist alles.«

Ich seufzte. Wem wollte er etwas vormachen? Meine Augen waren gruselig. Das Komische war, dass sie früher einfach nur langweilig braun gewesen waren, doch nach der ganzen Sterberei hatten sie sich verändert. Jetzt hatten sie einen ganz hellen Blauton – irgendwie wie die Farbe des Himmels an einem bewölkten Tag, wenn die Welt wie unter Wasser zu sein schien. Die Leute dachten, das sei auf das Trauma durch den Unfall zurückzuführen.

„Em?“, fragte er. »Wollen wir heute Abend zusammen abhängen? Wir könnten Pizza bestellen. Diesmal deine Lieblingspizza – ohne Peperoni – nur Paprika und Pilze.«

„Klar.“ Ich räusperte mich und zwang mich zu einem Lächeln. Adam fragte nie, warum ich es nicht mochte, berührt zu werden. Er akzeptierte es einfach – akzeptierte mich. Er machte das Leben hier erträglich. „Ich muss Olivia von der Schule abholen und einkaufen gehen, aber du kannst gerne rüberkommen.“

Adam lächelte sichtlich erleichtert. »Gut …«

Das zweite Läuten ertönte und entlockte Adam ein Stöhnen. Er hatte als Nächstes Biologie. Heute würde er Frösche sezieren. Ich stieß mich vom Spind ab und wollte Adam gerade mitfühlend anlächeln, als mir aus heiterem Himmel diese Zeile aus Macbeth in den Sinn kam: Etwas Böses kommt daher. Ich spähte über meine Schulter.

Mein Blick fand ihn sofort.

Er war groß – sogar noch größer als der irre große Adam.

Dunkelbraunes Haar fiel ihm in Wellen über die Stirn. Sein Gesicht war faszinierend und anziehend, mit breiten Wangenknochen und einem entschlossenen Mund. Nicht auf konventionelle Weise gut aussehend, aber auf universelle Weise reizvoll. Selbst von dort, wo ich stand, konnte ich erkennen, dass seine Augen fast schwarz waren.

Sein Gesicht hatte etwas unheimlich Vertrautes, als hätte ich ihn schon öfter im Vorbeigehen in einer Menschenmenge gesehen. Er schaute auf, und unsere Blicke trafen sich. Er sah mich so durchdringend an, dass ich einen Schritt rückwärtsging und fast mit Adam zusammengestoßen wäre.

„Em? Alles okay bei dir? Was starrst du da an?“

Ich wirbelte herum. „Siehst du nicht den Typen da drüben?“

Adam runzelte die Stirn. „Welchen Typen?“

Ich drehte mich wieder um und blinzelte. An der Stelle, an der der Junge gestanden hatte, war jetzt nichts. Er konnte unmöglich einfach durch den langen, schmalen Flur verschwunden sein. Und es war offensichtlich, dass Adam den Jungen von Anfang an nicht gesehen hatte. Wurde ich jetzt obendrein noch verrückt? Bildete ich mir einen sexy neuen Typen ein, der neben unserer dürftigen Vitrine mit den Sportpokalen stand?

Es hätte schlimmer sein können, musste ich zugeben. Wenn ich schon halluzinierte, dann sollte es wenigstens ein heißer Typ sein und nichts Ekliges.

Jennifer L. Armentrout

Über Jennifer L. Armentrout

Biografie

Jennifer L. Armentrout veröffentlichte unter dem Pseudonym J. Lynn international sehr erfolgreiche Young-Adult-Romane, bevor sie sich mit ihren New-Adult-Romanen, beginnend mit „Wait for You“, endgültig an die Spitze der Bestsellerlisten schrieb. Sie lebt in Martinsburg, West Virginia.

Kommentare zum Buch
Kommentieren Sie diesen Beitrag:
(* Pflichtfeld)
Kommentar senden