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Bücher über Angst und Panikattacken

Die besten Bücher gegen Angst und Panikattacken

Wenn Angst das Leben bestimmt: Unsere Autoren zeigen wie man Phobien, Ängste und Stress überwinden kann und schildern ihre eigenen Erfahrungen.

Eine humorvolle Annäherung an das Thema Mental Health

„Aber vielleicht wird auch alles gut“ ist ein Buch für alle, für die die Zwanziger nicht die „Beste Zeit ihres Lebens“ geworden sind, obwohl das alle immer prophezeien. Für alle, die denken, dass sie eigentlich schon an einem ganz anderen Punkt in ihrem Leben stehen sollten. Für alle, die endlich einen Schritt nach vorne tun und dafür die Vergangenheit endlich loslassen wollen.

 

Und natürlich für alle, die schwere Themen gerne mit ein bisschen Humor angehen – das ist meiner Meinung nach immer noch die beste Medizin.


Lea Melcher

Mit Ängsten umgehen und den Alltag meistern

Signierte Ausgabe: Angstphase
Angst hat viele Gesichter: Antonia Wille leidet seit ihrem elften Lebensjahr an einer Angststörung. Klassenfahrten, Partys, Urlaube und so manches Jobangebot musste sie ziehen lassen, weil die Panik ihr den Atem nahm, die Angst sie krank machte. Die meiste Zeit kämpfte sie gegen die Angst an, ging in die Konfrontation und wurde doch immer wieder zurückgeworfen. Warum es ihr heute besser geht, wie sie meistens problemlos ihren Alltag meistert und wieso sie manchmal lieber verzichtet als ihre Panik überwindet, erklärt sie in diesem Buch, das zugleich ihr Coming-out als Angsterkrankte ist. Offen, ehrlich und humorvoll teilt sie ihre Erfahrungen, gibt wertvolle Tipps und spendet entlastende Worte für andere Betroffene.
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„Ein Buch über meine Angststörung, meine Erfahrungen und meine Erkenntnisse schien mir dafür der beste Weg zu sein. Ich möchte Menschen ermutigen, ihre Ängste anzunehmen, sie zu umarmen und einen Weg zu finden, sich mit ihnen zu arrangieren, statt ständig gegen sie anzukämpfen.

Denn auch ich habe immer wieder gegen die Angst gekämpft, wollte sie bloß nicht zulassen, bloß nicht sichtbar machen, bloß keine Schwäche zeigen, um mich nicht mehr so furchtbar hilflos zu fühlen. Geholfen hat das nicht. Die Angst wurde immer größer, ihre Besuche regelmäßiger.”


Antonia Wille, Gründerin des Modeblogs amazedmag.de

„Ein engagiertes Plädoyer für einen neuen, offeneren Umgang mit psychischen Erkrankungen und eine Einladung zur Achtsamkeit.“ Dr. Eckart von Hirschhausen

Blick ins Buch
Keine Angst!Keine Angst!

Was wir gegen Depressionen und Ängste tun können. Eine Klinikleiterin erzählt

Als Leiterin der größten psychiatrischen Klinik Berlins hat Iris Hauth täglich mit Menschen zu tun, die in einer psychischen Krise den Mut aufgebracht haben zu sagen: Ich brauche Hilfe. Und diese Hilfe gibt es. Anhand der beiden häufigsten psychischen Erkrankungen in Deutschland, der Depression und der Angststörung, gibt dieses Buch gesicherte Informationen über ihre Entstehung, ihren Verlauf und, vor allem, über ihre wirksame Behandlung.Iris Hauth erzählt von ihrem vielschichtigen und bewegenden Alltag. An vielen Beispielen zeigt sie auf, was uns krank macht und wie wir uns vor zu viel Angst und Depression schützen können.„Ein engagiertes Plädoyer für einen neuen, offeneren Umgang mit psychischen Erkrankungen und eine Einladung zur Achtsamkeit.“ Dr. Eckart von Hirschhausen, Arzt, Bestsellerautor und Gründer der Stiftung „HUMOR HILFT HEILEN“, die seelische Gesundheit in Ausbildung und Behandlung fördert.

Vorwort

„Es ist nicht möglich, etwas von dem klarzumachen, woran man krankt, es hängt aber vor allem damit zusammen, dass rundherum alle Leute keine Ahnung von einer derartigen Krankheit haben“, schrieb die Schriftstellerin Ingeborg Bachmann Mitte der 1960er-Jahre. Für sie war es eine Zeit der Depression und der Angst. Über fünfzig Jahre sind seither vergangen. Fiele Bachmanns Befund heute anders aus? Das ist nicht gesagt. Obwohl die Weltgesundheitsorganisation (WHO) davon ausgeht, dass schon im Jahr 2030 die Depression unter allen Volkskrankheiten den ersten Rang einnehmen wird, gibt es noch immer eine Scheu, über diese oder andere psychische Erkrankungen zu sprechen. Oft resultiert das Schweigen aus einem Mangel an Wissen. Doch nur ein offener, informierter Umgang mit psychischen Erkrankungen kann die Stigmatisierung Betroffener verhindern, die leider noch viel zu oft an der Tagesordnung ist.

Als Leiterin der größten psychiatrischen Klinik in Berlin habe ich täglich mit Menschen zu tun, die in einer psychischen Krise den Mut aufgebracht haben zu sagen: Ich brauche Hilfe. Und diese Hilfe gibt es. Anhand der beiden häufigsten psychischen Erkrankungen in Deutschland, der Depression und der Angststörung, möchte ich mit diesem Buch gesicherte Informationen über ihre Entstehung, ihren Verlauf und, vor allem, über ihre wirksame Behandlung geben. Leiten lasse ich mich dabei von den Fragen, die mir Patienten und Angehörige in den dreißig Jahren, in denen ich schon als Psychiaterin tätig bin, immer wieder gestellt haben.

Gleichzeitig möchte ich versuchen, einige Einblicke in den Alltag einer psychiatrischen Klinik zu geben. Ein Ort, an den viele Menschen mit Argwohn oder Angst denken. Ihn erzählend ein wenig zugänglicher zu machen – etwa durch die genaue Schilderung des Lebens und der Abläufe auf Station – kann, so meine Hoffnung, vielleicht ein wenig dazu beitragen, Vorurteile zu korrigieren oder sogar ganz aus der Welt zu schaffen. Sodass die Menschen etwas weniger Scheu haben, sich in einer Klinik helfen zu lassen, wenn es ihnen schlechtgeht.

Im Gegensatzzu allen anderen medizinischen Disziplinen befindet sich die Psychiatrie stets in engem Austausch mit aktuellen gesellschaftlichen oder politischen Entwicklungen. Als ehemalige Präsidentin der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde (DGPPN) konnte ich einige von ihnen im Austausch mit Politikern und Kollegen aus aller Welt diskutieren: Welche Auswirkungen haben die sich rapide verändernden Lebens- und Arbeitsgewohnheiten auf die seelische Gesundheit? Nehmen psychische Störungen in unserer immer unübersichtlicheren Welt zu? Wie lässt sich bei insgesamt steigendem Hilfebedarf weiterhin eine gute Versorgung gewährleisten? Hier warten auf das Fach in den nächsten Jahren spannende Aufgaben und große Herausforderungen.

Im Mittelpunkt steht jedoch immer der einzelne Mensch. Sein Leben, seine Geschichte, seine Gesundheit. Es gehört zu den schönsten Momenten unseres Berufs, eine tragfähige Beziehung zum Patienten aufzubauen und einander auf Augenhöhe im Gespräch zu begegnen. Die Patientengeschichten in diesem Buch sollen von solchen immer neu und überraschend verlaufenden Begegnungen erzählen.

Körperliche Fitness ist wichtig, die Erhaltung der seelischen Ausgeglichenheit und Gesundheit aber ist es nicht minder. Es gibt Frühwarnsymptome, die auf eine mögliche psychische Störung hindeuten können. Wer weiß, wie er sich vor zu großen Belastungen schützen kann, läuft weniger Gefahr zu erkranken. Mit einigen praktischen Tipps am Ende des Buchs möchte ich jeden Leser dazu ermutigen, etwas für seine psychische Widerstandskraft zu tun und dadurch in einer Balance zu bleiben, die ihn mit Zuversicht und ohne Angst durch den Alltag gehen lässt.

Iris Hauth, im Januar 2018

 

 

Kapitel 1

Man muss die Menschen lieben, sonst kann man nicht Psychiaterin sein

Der Wunsch zu helfen

Ich war sechs Jahre alt, als meine Mutter ihren ersten Asthma-Anfall erlitt. So ein Anfall kann eine ziemlich bedrohliche Angelegenheit sein, nicht nur für ein Kind, das ihn miterlebt. Die Betroffenen können nur noch mit Mühe Luft holen, aber noch viel schwerer fällt es ihnen, wieder auszuatmen. Ein Gefühl der Enge ergreift von ihnen Besitz, sie haben Angst zu ersticken und werden von Husten geschüttelt. Die Anfälle meiner Mutter steigerten sich mit den Jahren. Mein Vater war von der Situation überfordert und flüchtete aus dem Haus, wenn es wieder einmal so weit war. Ich aber blieb.

Mitte der 1960er-Jahre gab es noch keine speziellen Medikamente, die Asthma-Kranken im Notfall rasch und wirkungsvoll helfen konnten. Wenn mich meine Mutter bat, ihr etwas zum Einnehmen zu bringen, ging ich an den Schrank und holte, weil ich nichts anderes fand, Togal, obwohl das völlig wirkungslos war. Aber darauf kam es nicht an. Ich kochte ihr einen Kaffee und setzte mich zu ihr, auch wenn mich das Pfeifen ihrer Atmung und der Anblick ihres verkrampften Körpers noch so erschreckten. Ich blieb bei ihr und hielt alles aus. Und nach einer Weile wurde es tatsächlich besser. Meine Mutter erholte sich und bekam wieder normal Luft.

In diesen Stunden erlebte ich zum ersten Mal das, was Psychologen „Selbstwirksamkeit“ nennen, also die auf Erfahrung fußende Gewissheit, auch schwierige Situationen durch Eigeninitiative in den Griff zu bekommen. Im Gegensatz zu meinem Vater war ich nicht davongelaufen, sondern hatte helfen können. Mein Dableiben, mein Aushalten und mein beruhigendes Reden hatten dazu beigetragen, die Not meiner Mutter zu lindern.

Heute bin ich überzeugt davon, dass diese frühen Erlebnisse meinen späteren Berufsweg vorgezeichnet haben. Sie weckten in mir den Wunsch, anderen Menschen zu helfen und sie nach Möglichkeit zu heilen. Kurz erwog ich, Psychologie zu studieren, doch dann entschloss ich mich dazu, Ärztin zu werden. Ich wollte mich mit beidem auskennen, dem Körper und der Psyche.

Während des Medizinstudiums bin ich hier und da ein wenig vom angestammten Weg abgekommen. Ich sah mich auch in anderen Fachrichtungen um. Die Gynäkologie interessierte mich. Babys auf die Welt zu helfen stellte ich mir sehr schön vor. Auch als Hausärztin zu arbeiten und so die Menschen in ihrem Alltag begleiten zu können, reizte mich, und ich absolvierte ein entsprechendes Praktikum. Aber als es am Ende des Studiums darum ging, neben den obligatorischen Fächern Innere Medizin und Chirurgie ein drittes zu wählen, entschied ich mich für die Psychiatrie. Der Kreis hatte sich geschlossen.

 

Mein Werdegang

Ich hatte Glück und fand nach dem Studium sofort eine Stelle, was zu Beginn der 1980er-Jahre gar nicht so einfach war. Ich landete in der Psychosomatik. Damals hielt ich das einfach für eine Laune des Schicksals, mittlerweile bin ich mir da nicht mehr so sicher. Angesichts der Erfahrungen mit meiner kranken Mutter erscheint es mir nun nicht ganz zufällig, dass ich mich intensiv mit der Wechselwirkung von körperlicher und psychischer Erkrankung beschäftigte. Oder genauer: mit Beschwerden des Körpers, die auch einen psychischen Hintergrund haben.

Auf der Station, auf der ich arbeitete, befanden sich vor allem Patienten mit Essstörungen. Meist waren es junge Frauen. Manche von ihnen wogen nicht einmal vierzig Kilo, die am schwersten Erkrankten waren zwischenzeitlich sogar dem Tode nahe. Mit diesen Frauen begann ich psychotherapeutisch zu arbeiten. Von Beginn an hielt ich die Psychotherapie für existenziell wichtig, auch als sie noch gar nicht in die Psychiatrie integriert war. Nur Medikamente zu geben konnte ich mir nicht vorstellen. Ich wollte immer auch in Beziehung gehen mit den Patienten, mit ihnen reden und ihnen auf Augenhöhe begegnen, um gemeinsam mit ihnen einen Weg heraus aus ihrem Leid zu finden.

Zu dieser Zeit gab es den Titel des Facharztes für Psychosomatik und Psychotherapie noch nicht, es gab nur den Facharzt für Psychiatrie oder Nervenheilkunde. Er beinhaltete auch die Ausbildung in Neurologie, für die ich sehr dankbar bin. Ich lernte das menschliche Nervensystem systematisch von der körperlichen, der somatischen Seite aus kennen. Die Patienten kamen, ich untersuchte sie, klopfte sie mit dem Reflexhammer ab, und je nachdem, welche Beschwerden von ihnen angegeben wurden, konnte ich diese systematisch einzelnen Nerven oder aber den Folgen eines Bandscheibenvorfalls zuordnen. Auch die Symptome für eine Parkinson-Erkrankung oder für Multiple Sklerose ließen sich mühelos erkennen. Alles war so klar. Um eine Entzündungserkrankung auszuschließen, führte man eine Liquorpunktion durch, also die Entnahme von Gehirn-Rückenmarks-Flüssigkeit. Und wenn man sich das Gehirn anschauen wollte, half einem die Computertomographie dabei, sich ein genaueres Bild zu machen. Weil ich in einer kleinen Klinik untergekommen war, konnte ich den ganzen Prozess begleiten, von der körperlichen Untersuchung bis zur Bildgebung. Heute, da die einzelnen Abteilungen im Krankenhaus unabhängig voneinander arbeiten, wäre das nicht mehr möglich.

Der Beruf des Psychiaters hat für mich stets diesen Reiz der Vielfalt behalten. Neben dem des Allgemeinmediziners fällt mir keine andere ärztliche Tätigkeit mit einem ähnlich großen Tätigkeitsfeld ein. Und im Gegensatz zu den Psychologen sind Psychiater eben Ärzte. Sie können körperliche Erkrankungen diagnostizieren und behandeln sowie aufgrund ihrer Ausbildung auch Medikamente verschreiben, ohne dass sie auf die andere Säule des Heilens, das Sprechen, verzichten müssen. Bei allem Medizinischen tragen wir sozusagen den weißen Kittel, doch in der Psychotherapie ziehen wir ihn aus und begeben uns immer aufs Neue in eine Interaktion von Mensch zu Mensch, in der man mit seinen Kenntnissen und Erfahrungen, aber auch mit der eigenen Person, mit dem, was man selbst an Menschlichkeit einbringt, etwas bewegen und bewirken kann.

 

Das Dilemma der Psychiatrie

Ein Psychiater-Kollege hat mir einmal von einer Patientin erzählt, die nach mehreren Wochen intensiver, nicht zuletzt psychotherapeutischer Behandlung voller Ungeduld ausgerufen hat: „So, jetzt möchte ich aber endlich mal mit einem Psychologen sprechen!“ Eine Geschichte zum Schmunzeln, die aber das unterschiedliche Image beider Berufe verdeutlicht. Psychiater, heißt es oft, sperren die Leute weg oder verabreichen zumindest Medikamente, die abhängig machen, ruhig stellen und/oder die Persönlichkeit verändern; wohingegen Psychologen sich ganz dem Gespräch mit dem Patienten verschreiben. Und Gespräche genießen nun mal einen höheren Stellenwert als Tabletten.

Daher bin ich nicht unglücklich, wenn ich in Interviews gelegentlich auch zu leichteren Themen befragt werde, etwa wie man seinen Urlaub sinnvoll gestalten kann, was Liebeskummer im Körper so alles anzurichten vermag oder wie man ein Weihnachtsfest übersteht, wenn man ganz alleine ist. Eher banale Dinge, gewiss, und man könnte meinen, eine Psychiaterin solle sich mit derlei nicht abgeben. Doch es ist gut und wichtig, dass wir auch zu solchen Themen des Alltags Stellung beziehen. Das gibt uns die Möglichkeit, die Psychiatrie ein wenig aus der Schmuddelecke herauszuholen, in der sie für viele immer noch steckt.

Die Psychiatrie ist nicht nur Diagnostik und Therapie einer individuellen psychischen Erkrankung. Sie hat das Ganze im Blick, denn psychische Erkrankungen entstehen immer auch in einem psychosozialen Kontext. Damit verweisen sie auf die Lebensumstände eines Menschen und auf die sie beeinflussenden gesellschaftlichen Strömungen – seien es die Alltagsbedingungen in der Großstadt, seien es die Auswirkungen der Digitalisierung auf Arbeitswelt und Freizeit, die Folgen des demografischen Wandels oder die Herausforderungen durch die Zuwanderung.

Kaum ein anderes medizinisches Fach befasst sich ähnlich intensiv mit gesellschaftlichen Fragestellungen. Und gar keines ist wie die Psychiatrie zusätzlich mit ordnungspolitischen Aufgaben betraut. Denn das ist ja der Spagat, den unser Fach hinbekommen muss und der wohl auch verantwortlich ist für das schlechte Image, das es für viele besitzt. Wir sollen und wollen dem Einzelnen helfen, anderseits sollen wir aber auch Gefahren für die Öffentlichkeit abwenden, was mit hohen gesellschaftlichen Erwartungen verknüpft ist.

In dieses Dilemma geraten wir immer dann, wenn Patienten aufgrund einer schweren Erkrankung ihre Umwelt verkennen, sich verfolgt oder bedroht fühlen und aus Angst angespannt, bisweilen auch aggressiv auf ihre Mitmenschen reagieren. In so einer akuten Krankheitsphase sind diese Patienten nicht mehr selbstbestimmt. Wir haben dann die gesetzliche Verpflichtung, sie in unseren Kliniken unterbringen zu lassen. Dieses doppelte Anforderungsprofil bringt eine besondere Verantwortung mit sich. Kein anderer Arzt muss sich mit Fragen der Unterbringung oder der Behandlung gegen den erklärten Willen eines Patienten auseinandersetzen.

Daher werden uns auch Fragen der Ethik immer beschäftigen. Knapp zehn Prozent aller Patienten kommen nicht freiwillig in den stationären Bereich, sondern werden gegen ihren Willen in die Klinik gebracht, weil sie sich selbst oder andere gefährden. Ihre Behandlung führt zu einem oft schwierigen Abwägen zwischen der Autonomie des Erkrankten und der Aufgabe der Psychiatrie, Sorge für den Schutz des Einzelnen und der Allgemeinheit zu tragen.

Aspekte der seelischen Gesundheit, der Prävention oder des Heilens geraten oft an den Rand angesichts dieser von der Öffentlichkeit und den Medien mit großem Interesse wahrgenommenen Aufgaben. Insbesondere die Forensische Psychiatrie gerät dabei immer wieder in den Fokus. Sie befasst sich mit der Schuldfähigkeit von Straftätern, die ihre Tat als Folge einer psychischen Erkrankung begangen haben. Die von den Psychiatern erstellten Gutachten bilden die Grundlage für die Entscheidung der Gerichte, ob jemand ins Gefängnis kommt oder, wegen mangelnder Schuldfähigkeit, in eine forensische Klinik, also in den Maßregelvollzug. Jede Fehleinschätzung kann fatale Folgen haben, etwa die erneute Tat eines Patienten, der mit irrtümlich günstiger Prognose aus dem Maßregelvollzug entlassen wurde.

Einen eigentümlichen Platz in der öffentlichen Aufmerksamkeit nimmt auch die psychiatrische Klinik ein. Um sie ranken sich eine Menge Schauergeschichten und Mutmaßungen. Für viele Menschen ist sie ein düsterer, mit negativer Faszination aufgeladener Ort. Wenn man erst einmal drin ist, so lautet das Klischee, kommt man für lange, lange Zeit nicht mehr heraus. Man verschwindet einfach, und keinen interessiert es. Die Wände in der Klinik sind kahl, die Patienten sitzen teilnahmslos und mit matten Augen den ganzen Tag nur herum, wenn sie nicht von rabiatem Pflegepersonal herumgescheucht werden. Die Zeit vergeht quälend langsam. Man bekommt regelmäßig Spritzen und viel zu starke Tabletten, die jedes Aufbegehren gegen die menschenunwürdigen Zustände sinnlos erscheinen lassen. Versucht man es dennoch, wird man fixiert, festgeschnallt auf seinem Bett, und es werden einem von bösen Ärzten so lange Elektroschocks verabreicht, bis man wie ein Zombie durch die Gänge schleicht.

Das sind Vorstellungen, die ganz tief im kollektiven Gedächtnis verankert zu sein scheinen. Sie beruhen auf Filmen wie Einer flog über das Kuckucksnest mit Jack Nicholson, aber auch auf kritischen, manchmal reißerischen Berichten in Fernsehen und Zeitungen. Fast nie wird über all das Gelingende in den Kliniken berichtet, den ganz normalen Alltag, die gute und wirkungsvolle Arbeit von Ärzten, Pflegekräften und Therapeuten. Leser und Klicks generiert viel eher der reißerisch aufgemachte Einzelfall. Nach und nach verfestigen sich dann die negativen Eindrücke zu Vorurteilen, die nur noch schwer abzubauen sind. Das Fatale ist, dass sie sich nicht nur gegen psychiatrische Kliniken richten, sondern auch ganz allgemein gegen psychische Erkrankungen und, noch schlimmer, gegen die erkrankten Menschen, die doch dringend auf Verständnis und Unterstützung angewiesen sind.

 

Psychische Erkrankungen sind Volkskrankheiten

Wohl kaum ein Patient oder Angehöriger betritt ein psychiatrisches Krankenhaus leichten Herzens. Wer als Patient in die Klinik kommt, für den hat sich etwas verschoben. Er ist herausgefallen aus dem, was wir für gewöhnlich und ohne recht darüber nachzudenken „Normalität“ nennen. Was immer „Normalität“ auch heißen mag – eine Übereinkunft, wie man leben soll, ein reibungsloses Funktionieren, ein selbstständiges Meistern des Alltags.

Über dem Eingang des Alexianer St. Joseph-Krankenhauses in Berlin-Weißensee, das ich seit zwanzig Jahren leite, hat ein Glaskünstler eine Neonschrift angebracht: „Die Wildgans zieht allmählich der Hochebene zu“. Es sind Worte aus dem Taoismus, jener uralten chinesischen Religion, der es um den inneren Frieden, den rechten Weg und die Harmonie mit der Natur zu tun ist. Am Eingang einer katholischen Klinik mitten in Berlin steht für mich der Satz nicht nur für ein Miteinander der Lebensentwürfe, Weltanschauungen und Religionen. In ihm liegen auch Trost und Zuversicht. Der Weg in den Süden, der Hochebene zu, ist zwar lang, aber es ist möglich, ans Ziel zu kommen, wenn man sich auf sein Inneres verlässt. Und man kann Hilfe bekommen entlang des Weges. Die Wildgans fliegt nie allein, sondern findet Geleit und Schutz unter Ihresgleichen. So soll es auch den Menschen gehen, wenn sie in unsere Klinik kommen.

Eins steht fest: Wer bei uns Hilfe sucht, gehört zwar zu einer Minderheit. Aber zu einer verdammt großen. Über 800 000 Patienten zählen die psychiatrischen Kliniken Deutschlands Jahr für Jahr. Eine andere Zahl ist noch weitaus beeindruckender. Jeder dritte Mensch in Deutschland ist einmal im Jahr von einer psychischen Erkrankung betroffen, also beispielsweise von einer Depression oder einer Angststörung, um nur die beiden häufigsten zu nennen. Jeder Dritte. Man könnte also durchzählen in der Familie, im Bekanntenkreis: eins, zwei, DREI … Jeder kann davon betroffen sein. Der Ehemann, die Schwester, die Kollegin, der Nachbar.

Die in Deutschland aufgrund psychischer Erkrankungen anfallenden direkten Kosten beliefen sich im Jahr 2015 auf 44 Milliarden Euro. Dieses Geld wurde aufgewendet, um die Behandlung und Rehabilitation von Menschen mit psychischen Störungen zu sichern, aber auch um Präventionsmaßnahmen zu treffen. Nur Erkrankungen des Kreislaufs und des Verdauungssystems verursachten höhere Kosten. Zudem steigt die Zahl der Menschen, die wegen einer psychischen Störung nicht mehr arbeiten können. Ihr Anteil an allen krankheitsbedingten Frühberentungen betrug 2016 schon 43 Prozent. Tendenz steigend.

Das sind nur Zahlen, alarmierend zwar, doch was sie aussagen, bleibt abstrakt. Erst wenn man sich klarmacht, dass sich hinter den Zahlen Millionen von Einzelschicksalen verbergen, bekommt die Statistik anschauliche Wucht. Da ist die Ehe, die aufgrund der Erkrankung eines Partners eine immense Belastungsprobe erfährt. Da ist der berufliche Traum, der sich plötzlich zerschlägt, weil die Krankheit es unmöglich macht, die gestellten Aufgaben weiter zu erfüllen. Da ist die Familie, die langsam zerbricht, weil der Alltag aus den Fugen geraten ist. Und immer, sosehr sich die psychischen Störungen auch unterscheiden in Symptomatik und Schweregrad, sind da subjektives Leid und eine spürbare Beeinträchtigung der Fähigkeit, das Leben zu bewältigen. Manchmal wird die Beeinträchtigung als so stark empfunden, dass die Betroffenen sich dazu entschließen, nicht mehr weiterzuleben. 10 000 vollendete Suizide gibt es in Deutschland Jahr für Jahr. Neunzig Prozent davon werden von Menschen mit psychischen Erkrankungen begangen.

 

Stigmatisierung

Psychische Erkrankungen sind also längst Volkskrankheiten geworden, so wie Diabetes oder Rückenleiden. Nur möchte zu diesem Volk keiner gehören. Bekennt jemand auf einer Party, wegen seines Rückens in ärztlicher Behandlung zu sein, sind ihm das Interesse und die Anteilnahme der Umstehenden gewiss. Wohl nur sehr, sehr selten wird man aber jemanden auf derselben Party sagen hören: „Ich war gerade vier Wochen in der Psychiatrie wegen meiner Depression.“ Täte er es, fielen die Reaktionen mit ziemlicher Sicherheit ein ganzes Stück anders aus.

Psychisch erkrankt zu sein, das bedeutet für die meisten neben dem schon immensen Leidensdruck, den die Krankheit mit sich bringt, immer auch Angst. Angst vor der Reaktion der anderen. Wie wird sich das Umfeld verhalten, die Familie, der Chef, die beste Freundin? Noch immer werden psychisch Kranke stigmatisiert. In der Antike wurde das Stigma, also ein nach außen weithin sichtbares Zeichen, direkt in den Körper gebrannt. Die Öffentlichkeit sollte vor dem Träger des Zeichens gewarnt werden. Buchstäblich gebrandmarkt fristete der, sei es ein Verbrecher oder ein entlaufener Sklave, künftig sein Dasein als Ausgestoßener, der von den Menschen gemieden wurde.

Heute läuft die Stigmatisierung subtiler ab. Ein wie unmerkliches Abrücken im Freundeskreis; Menschen, die plötzlich auf Distanz gehen; ein schiefer Blick beim Sport; übertriebene Rücksichtnahme; vermeintlich gutgemeinte, doch in Wahrheit nur gönnerhafte Ratschläge; eine Versetzung oder gar Entlassung am Arbeitsplatz, weil auch dem längst Wiedergenesenen nichts mehr zugetraut wird. All das kommt einer Verurteilung gleich, auf die der Erkrankte mit Schamgefühlen und Selbstvorwürfen reagiert. Er sucht die Schuld bei sich, glaubt, nicht stark genug zu sein, sich zu wenig zusammenzureißen oder zu dramatisieren. Kein Wunder, dass daher lieber geschwiegen wird als geredet, lieber mit versteckten als mit offenen Karten gespielt wird. Der Prävention psychischer Störungen ist das genauso wenig zuträglich wie dem ganz spezifischen Verlauf der Krankheit des Einzelnen. Wer setzt sich schon gern der Gefahr aus, gemieden zu werden? „Eine psychische Krankheit wirkt wie eine Handgranate im Lebenslauf“, schrieb die Autorin Jana Simon einmal. Leider hat sie recht.

Das Empfinden von Ausgrenzung und Stigmatisierung ist nicht nur die rein subjektive Angelegenheit der Betroffenen. Es gibt Studien, die belegen, dass sich auf diesem Gebiet in den letzten Jahrzehnten kaum etwas zum Besseren gewendet hat. Einerseits hat das Wissen um die Ursachen psychischer Erkrankungen deutlich zugenommen, ob sie nun biologischer, psychologischer oder sozialer Natur sind. Die Ergebnisse dieser Forschung haben die Öffentlichkeit auch durchaus erreicht. Zudem ist die Akzeptanz professioneller Hilfe, die man in Anspruch nehmen kann, gestiegen. Nur haben die Erkrankten nichts davon. Da sind die Zahlen eindeutig.

Seit 1990 hat sich an der negativen Einstellung gegenüber Menschen mit psychischen Störungen nichts geändert. Vielleicht muss man schon froh sein, dass bei der Depression die Zahlen ungefähr gleich geblieben sind. In Bezug auf Schizophrenie hat sich die öffentliche Meinung nämlich sogar verschlechtert. „Möchten Sie einen Menschen mit Schizophrenie als Nachbarn oder Arbeitskollegen haben?“ Da schüttelte ein Drittel der Befragten den Kopf und winkte ab. Über die Hälfte von ihnen konnte sich nicht vorstellen, mit einem Psychose-Kranken befreundet zu sein. Zu gefährlich, zu unheimlich, zu seltsam. Lieber Abstand halten.

Man hat Angst vor denen, die oft genug selbst nichts als Angst haben. Hartnäckig halten sich die Vorurteile, und es sieht so aus, als würden sie so schnell auch nicht verschwinden. Schizophren, das „ist“ der Gewaltverbrecher, der Amokläufer, der Merkwürdige, der durch die Stadt läuft, vor sich hin brabbelt und nicht mehr ansprechbar scheint. Und brauchen wir eine Bestätigung für dieses Klischee, so liefert sie uns fast jeden Sonntag der Krimi zur besten Sendezeit. Das Bild des unberechenbaren, aggressiven „Verrückten“, den seine Krankheit zum Mord treibt, bleibt dem Betrachter im Gedächtnis, auch nachdem der Abspann lange schon gelaufen ist.

Das Label „Psychische Erkrankung“, mit dem zunehmend in der Öffentlichkeit sozial unerwünschtes Verhalten etikettiert wird, entlastet. Erschreckende Taten können damit erklärt, ihre Verursacher ausgegrenzt und der Psychiatrie überantwortet werden. Fragen nach eventuellen gesellschaftlichen Voraussetzungen oder gar Fehlentwicklungen stellen sich dann gar nicht erst. Wen wundert da der Argwohn, mit dem in der Öffentlichkeit auf psychisch Kranke geschaut, die Unsicherheit, mit der ihnen begegnet wird, und die Scheu der Betroffenen, über ihre Krankheit zu reden?

Um Ängste abzubauen, hilft am besten, wie immer in solchen Fällen, der direkte Kontakt. Hört man zu, wenn jemand erzählt, was es wirklich heißt, psychisch krank zu sein, und befasst man sich näher mit einem zunächst so seltsam anmutenden Verhalten, löst sich manches Klischee rasch in Wohlgefallen auf.

Fast genauso hilfreich ist es, Aufklärung zu betreiben. Wissen zu vermitteln. Immer und immer wieder aufs Neue. Unwissenheit ist der Boden, auf dem Vorurteile prächtig gedeihen können. Wir dürfen nicht aufhören damit, die Dinge zu erklären, richtigzustellen, zu kommunizieren. Mit jedem Wissenden, der kommt, geht ein Ängstlicher. Bei Krebs ist es in den letzten Jahrzehnten nicht zuletzt mithilfe von Aufklärungskampagnen sehr gut gelungen, die Krankheit aus dem gesellschaftlichen Abseits zu holen und ein öffentliches Bewusstsein für Früherkennung und Therapieformen zu schaffen. Die Krankheit hat mittlerweile jene Anrüchigkeit, die ihr lange Zeit anhaftete, verloren. Vielleicht gelingt uns das ja mit psychischen Erkrankungen eines Tages genauso gut.

 

Man sieht nur mit dem Herzen gut

Still ist es im Garten des Alexianer St. Joseph-Krankenhauses mit seinen schmalen gepflasterten Wegen zwischen den Rasenflächen, den alten Bäumen und den Parkbänken, von denen aus man das machtvolle Hauptgebäude mit seinen rötlichen Backsteinen sehen kann. So still, dass man es manchmal kaum glauben mag, dass nur wenige Meter vom Klinikgelände entfernt Tag und Nacht der Verkehr auf der Berliner Allee dahinfließt, die, von Prenzlauer Berg kommend, Weißensee durchschneidet.

Ich weiß noch, wie ich 1998 zum ersten Mal die Atmosphäre des Gartens, die besonders für Großstadtmenschen ein Aufatmen, eine erholsame Reizreduzierung ermöglicht, in mich aufgenommen habe. Zuvor hatte ich zwei Jahre am Landeskrankenhaus im brandenburgischen Teupitz gearbeitet, und jetzt also war ich hier, eine junge, tief im Westen sozialisierte Chefärztin, die es mit Menschen zu tun bekam, denen ein ganzes Land weggebrochen war, das sie vielleicht geliebt, vielleicht gehasst hatten.

Gehe ich morgens vom Parkplatz durch den Garten zu meinem Büro, ergibt sich immer eine Gelegenheit für eine Begegnung mit Patienten. Manche sind noch müde, manche rauchen die erste Zigarette des Tages, und wieder andere eilen geradezu, weil ihre Therapiestunde gleich beginnt. Ich mag diese Morgenstimmung sehr. Am schönsten ist es, wenn sich spontan ein Gespräch ergibt. Leicht dahingesagte, doch nie oberflächliche Sätze, die im besten Sinne Normalität zum Ausdruck bringen. Besonders Psychose-Patienten kümmern sich nicht allzu sehr um Etikette oder Floskeln, sondern konfrontieren einen direkt mit dem, was sie wahrnehmen: „Oh, Sie haben aber heute ein schönes Kleid an!“ Oder auch: „Mensch, Sie sehen heute aber schlecht aus!“ Es sind kurze Unterhaltungen, jenseits von Visite und therapeutischem Dialog. Sie zeigen, dass da eben nicht nur eine Krankheit existiert und ein Therapieplan, sondern trotz allem immer auch ein Raum, wie klein er auch sein mag, in dem sich zwei Menschen begegnen und respektieren können, mit einem Nicken, einem Lächeln.

Als ich noch ganz am Beginn meiner beruflichen Laufbahn stand, erhielt ich von meinem damaligen Chefarzt eine Ausgabe des Kleinen Prinzen und dazu eine kleine Figur, einen Fuchs. Der Fuchs spielt bekanntlich in Saint-Exupérys Buch eine entscheidende Rolle, denn er entwirft im Zwiegespräch mit dem Kleinen Prinzen eine Lehre der Freundschaft und der Achtsamkeit: „Man sieht nur mit dem Herzen gut. Das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar.“ Berühmt gewordene Sätze, die sich mühelos, das wollte mir Dr. Faber mit seinem Geschenk klarmachen, auch auf das Verhältnis zwischen Arzt und Patient übertragen lassen.

Man muss die Menschen lieben, sonst kann man nicht Psychiaterin sein. Auch wenn jemand gerade noch so schwer zugänglich erscheint, muss man versuchen, mit ihm in Kontakt zu kommen und eine positive Beziehung zu ihm aufzubauen. Und man muss sich selbst lieben, eine positive Verinnerlichung haben. Nur dann schafft man es, mit manchmal schwierigen oder aggressiven Situationen einigermaßen gelassen umzugehen. Nur dann kann man dem Gegenüber auch etwas geben. Nicht zuletzt Hoffnung.

Ja, psychische Erkrankungen treten häufig auf. Jeder kann sie bekommen. Und sie sind oft schlimm, manchmal sehr schlimm. Aber sie lassen sich behandeln, vor allem mit Psychotherapie, aber auch mit Medikamenten. Zudem passiert gerade sehr viel in der Forschung. Auch die Versorgung der Erkrankten wird neu gedacht. Wir sind auf einem guten Weg, psychische Erkrankungen bald noch besser, noch individueller behandeln zu können. Es gibt Hoffnung. Wir müssen keine Angst haben.

Kann man Angst als etwas Positives empfinden?

Blick ins Buch
Die Angst, Dein bester Freund

Komplett überarbeitete und ergänzte Neuausgabe

„Alexander Hubers Auseinandersetzung mit der Angst ist ein wirklich spannendes und kluges Buch.“ AlpinKann Angst, dieses lähmende Gefühl, eine positive Emotion sein? Für Extremkletterer Alexander Huber ist sie ein lebenswichtiger Begleiter. In seinem hochaktuellen, rundum aktualisierten Bestseller beschreibt er, wie sie ihn auf seinen Touren antreibt, schützt und leitet. Er erzählt, wie sie ihm fast das Bergsteigen nahm, als sie zur Last wurde, und vermittelt eindringlich, was man auch im Tal daraus lernen kann. Dass man kein Extremsportler sein muss, um aus der Gedankenspirale herauszufinden. Und dass es sich lohnt, im Leben Risiken einzugehen und sich mit der Angst zu verbünden.Das Buch beantwortet so wichtige Fragen wie:Kann ich Angst als etwas Positives empfinden?Inwiefern ist sie eine intensive Lebenserfahrung?Und warum verhelfen meine Ängste mir zu mehr Unabhängigkeit?

Einleitung

Die Angst hat ein Lob verdient, ein besseres Bild als jenes, das nur allzu oft gezeichnet wird. Die Angst hat viel in mir bewegt, mich weitergebracht. Sie hat viel für mich getan und wird es hoffentlich auch in Zukunft tun. Deswegen sind diese Zeilen auch ein kleiner Dank an die Angst. In den vielen Jahren, in denen ich rund tausend Vorträge gehalten habe, habe ich immer mit Begeisterung von meinen Aktionen in den Bergen gesprochen, vom Freiklettern, Free-Solo-Klettern, Speedklettern und von der Magie der großen Wände an den großen Bergen der Welt erzählt. Mir ist nicht entgangen, dass die Erfahrungen und der Umgang mit der Angst längst nicht nur für mich als Extremsportler wertvoll sein können. Angst kommt schließlich in jedem Leben vor, auch in dem meiner Zuhörer und bei jedem, der dieses Buch liest. Wahrscheinlich in einer anderen Form als bei mir, denn Angst ist wiederum auch etwas sehr Persönliches, Individuelles. Jeder hat seine ganz eigene Angst­liste. Wer kennt sie nicht, die Angst, seine Gesundheit zu verlieren, unheilbar krank zu werden? Wer fürchtet sich nicht davor, im Rollstuhl zu landen oder dass ein wichtiger, nahe­stehender Mensch bei einem Autounfall sein Leben verliert? Oder du schaust vom Balkon eines Hochhauses lieber doch nicht hinunter? Wer hat bei sich die Angst vor wilden Tieren, engen Fahrstühlen, rauschenden Volks­festen oder anderen großen Menschenansammlungen entdeckt? Oder davor, abends allein zu sein? Es gibt Menschen, die ihr ganz eigenes Problem mit Zügen oder Clowns haben. Anderen wird sofort schwindlig, wenn sie nur daran denken, dass sie bald ein Referat an der Universität oder im Beruf halten müssen, vor vielen Leuten sprechen sollen. Ganz egal, wie ihr selbst die Angst kennen­gelernt habt … fest steht: Die Angst ist in unserem Leben all­gegen­wärtig.

Nicht jeder muss ein Extremsportler werden. Aber es lohnt
sich, beizeiten mutig zu sein und ein gewisses Risiko einzu­gehen. Somit ist das Buch auch ein Plädoyer für den Mut, die Courage. Weil eben Mut und Angst untrennbar miteinander verbunden sind.

Wir alle reagieren ja erst mal auf die gleiche Art und Weise auf die Angst. Die Angst bringt Anspannung, da kommt keiner aus, in dieser Reaktion sind wir gefangen. Aber danach haben wir die Freiheit. Laufe ich davon, lasse ich es sein? Oder stelle ich mich, gehe ich das Problem an? Ich habe in meiner Lauf­bahn als Bergsteiger oft begreifen müssen, dass es der falsche Weg ist, der Angst aus dem Weg zu gehen. Das ist so, als ob man vor einem großen Berg steht und aus Angst, ihn anzugehen, dem Berg aus dem Weg geht. Anstatt mit dem Aufstieg zu beginnen, wechselt man ins nächste Tal, um am Ende festzustellen, dass der Berg auf der Rückseite noch genauso hoch ist wie auf der Vorderseite.

Gewiss, es macht Sinn, den Berg nicht blind und planlos zu attackieren. Besser, man sondiert die Lage, sucht einen sinnvollen Weg zum Gipfel. Da kann auch eine Querung zweck­mäßig sein. Man sollte sich aber stets bewusst sein, dass man irgendwann hinaufsteigen und den Höhenunterschied überwinden muss.

Bergsteigen ist hier nichts anderes als eine Metapher für das Leben, denn es ist ja nicht der Berg, den man bezwingt, sondern immer nur das eigene Ich. Jeder für sich sei angesprochen, die Gewohnheiten, die Routinen im Beruf oder in der Familie zu überdenken und zu hinterfragen. Etwas mehr Neugier, das eigene Leben zu erforschen und zu erkunden! Mehr Bereitschaft, unbekannte Wege zu gehen, andere Men­schen zu treffen. Immer wieder mal diese imaginäre Linie zwischen dem Altbekannten und dem noch Unbekannten zu überschreiten. Insofern will dieses Buch auch ein Plädoyer für mehr Pioniergeist im Alltag sein. Denn zu Tode gefürchtet ist auch gestorben. Ich bin kein Philosoph und schon gar keiner, der die Weisheit erfunden hat. Ich bin immer noch vor allem anderen ein begeisterter Bergsteiger. Einer, der euch gerne moti­vieren würde: Bringt euch ruhig in Situationen, vor denen ihr Angst habt. Wenn ihr auf eure Angst hören, wenn ihr sie zulassen könnt, wird sie euer Leben reicher machen. Denn der Weg ist meist dort, wo die Angst ist. Den Weg finden muss aber jeder für sich selbst.

Das Vertrauen in mich selbst, dass ich es kann

Wer kennt es nicht, im Bett zu liegen, nicht schlafen zu können, aber auch nicht wirklich wach zu sein? Dieses unruhige Herum­wälzen von der einen Seite auf die andere. Kalter Schweiß… Der erholsame Schlaf wird zur Qual und so schnell sonst im Leben die Zeit verrinnt, hier bewegt sich nichts. Nach einer halben Ewigkeit schaut man auf die Uhr und es ist wieder mal nur eine Stunde vergangen. Tausend Gedanken drehen sich im Kreis, finden kein Ziel, bloß nutzloses Zeug. Vor meiner Hauptdiplomprüfung rechnete ich in den Albträumen sinnlose Aufgaben zur Quantenmechanik oder Thermo­dyna­mik. Vor einer großen Begehung kommt der Horror angesichts einer ausweglosen Situation am Berg.

Schon oft ist es mir passiert, dass ich Ziele lange in mir herum­getragen habe, ohne dass sie mich tief greifend beschäftigten, im Unterbewusstsein oder sogar in Träumen verfolgten. Sobald ich aber eine konkrete Entscheidung treffe, dass ich ebendieses Pro­jekt in wenigen Tagen tatsächlich realisieren will, ändert sich alles. Es ist kein theoretisch angedachtes Projekt mehr, das irgendwann vielleicht mal verwirklicht wird, sondern ein reales Szenario. Konkret und glasklar mit allen seinen Herausfor­derungen und Risiken. Der Adrenalinspiegel im Blut steigt. Der ruhige Schlaf weicht einem unruhigen Geist. Die Träume sind da. Ebenjene Art von Träumen, die einem die Nacht zur Qual werden lassen.

In der Nacht zum 1. August 2002, in den Stunden, bevor ich die Direttissima an der Großen Zinne ohne Seil, ohne Sicherung, ohne alles klettern wollte, ging es mir genauso. Der echte Albtraum. Eine schlaflose Nacht im Schlafsack, in meinem Auto oben am großen Parkplatz bei der Auronzohütte. Selbstgespräche, bei denen ich immer wieder versuche, mich selbst von meinem Kletterkönnen zu überzeugen. Davon, dass ich die Schwierigkeiten derart dominieren könne, dass ich alles im Griff habe. Aber gleichzeitig gibt es doch immer noch scheinbar unendlich viele Frage­zeichen. Es ist eine riesige Wand, Hunderte Meter, Tausende von Griffen und Kletter­zügen, endlos viele verschiedene Details, bei denen irgendetwas schieflaufen könnte.

Wenn man ohne Sicherung in einer senkrechten Wand unterwegs ist, dann ist das ein lebensgefährlicher Sport, und es soll keiner denken, dass mir das nicht bewusst wäre. Mache ich beim Free-Solo-Klettern einen Fehler, sterbe ich. So einfach ist das. Und dennoch bin ich nicht lebensmüde. So paradox es klingen mag, ich und mein Leben hängen in der Wand an meinen Fingerspitzen, und ich hänge doch wiederum an meinem Leben. Und ich hatte in den Bergen auch schon oft genug Angst, mein Leben zu verlieren. Aber ich kann dabei nur unterstreichen: Zum Glück habe ich Angst! Denn die Angst ist unser bester Freund in den Bergen. Ein hoffentlich treuer Begleiter, der uns mahnt, lenkt und leitet. Nur so überleben wir die Tatsache, dass wir im schwierigen, exponierten Gelände ständig einem potenziell tödlichen Absturz ausgesetzt sind. Doch wegen der Angst gehe ich mit der maximalen Kon­zent­ration vor, nehme mir bei jedem einzelnen Zug die doppelte Zeit, die optimale Position der Finger auf einem Griff zu erfühlen, um erst dann zuzugreifen. Dann aber ist es ein Zugreifen mit der doppelten Kraft, denn erst das Aufwenden dieser „doppelten“ Kraft gibt mir die Überzeugung, in voller Ausge­setzt­heit, ohne Sicherung „sicher“ unterwegs zu sein. Wobei – absolute Sicherheit gibt es nicht. Bergsteigen ist ein ernsthaftes Unterfangen und das Restrisiko ist im Vergleich zu vielen anderen Sportarten als durchaus signifikant anzusehen. Wenn mich jemand fragt: „Kannst du dir wirklich sicher sein, dass dir nie etwas passiert?“, dann antworte ich: „Nein, kann ich nicht.“ Doch fragt mich jemand: „Bist du überzeugt davon, dass nichts passieren wird?“, sage ich: „Ja, ich bin aus tiefstem Herzen davon überzeugt.“

Angst schadet mir nicht, ganz im Gegenteil. Lasse ich Angst zu und beobachte, was sie mit mir macht, kann sie mir nützen. Nämlich dann, wenn sie mich warnt und ich mich wegen ihr besser konzentriere, meinen Fokus in einer brenzligen Situ­ation auf das Wichtige richte. Als Bergsteiger brauche ich die Angst, sie ist mein zuverlässiger Berater. Die Angst hilft mir, meine gefährlichen Aktionen zu überleben. Wäre ich ein angstfreier Bergsteiger geworden, wäre ich längst schon im Jenseits.

Tief im Schlafsack eingegraben, laufen ständig die wichtigsten Sequenzen an den Schlüsselstellen durch alle Windungen meines Gehirns. Ein Film spult sich vor meinem inneren Auge ab. Ich visualisiere die einzelnen Bewegungen, um mich im Traum davon zu überzeugen, dass alles gut ist. Doch ehrlich gesagt: Nichts ist gut! Mir geht’s beschissen. Da kommen wieder die schwarzen Gedanken und leider nur allzu deutlich. Ohne zu wissen, was eigentlich passiert ist, löst sich mein Körper plötzlich vom Fels. Ich bin sprachlos, will schreien und kann es doch nicht. Die Beschleunigung raubt mir den Atem. Ich will nicht verstehen, warum das jetzt geschieht, weshalb ich nun ins Bodenlose dem sicheren Tod entgegenstürze. Aber ich habe schon verloren. Es ist vorbei.

Bis es aber vorbei ist, dauert es im Traum noch ewig. Scheinbar endlos müht sich meine fiebernde Fantasie mit dem Moment ab, wenn ich unten im Schuttkar einschlage. Kann ich noch etwas wahrnehmen? Oder ist es einfach zu schnell, um irgendetwas zu begreifen? Wie geht das, in solch einem Moment das Bewusstsein zu verlieren? Eine Spirale dreht sich um die zentrale Frage, wie ich den Tod erlebe. Immer enger wird die Spirale, die Gedanken drehen sich schneller und schneller, bis ich schließlich wieder mal wirklich wach bin – schweißgebadet.

Quälend langsam wie bei einem Biwak bei minus 30 Grad Celsius verstreichen die Stunden und ich bin mehr als nur froh, als sich das erste Licht des Morgens zeigt. Es geht los. Aktion lässt den Gedanken weniger Spielraum. Endlich passiert etwas. Mit einem kleinen Rucksack laufe ich zum Paternsattel, um auf die Nordseite der Drei Zinnen zu wechseln. Diese mauer­glatten Wände! Die Drei Zinnen sind nicht nur so etwas wie das Wahrzeichen der Dolomiten. Neben ihrer unverwechselbaren, eindrucksvollen Gestalt vermitteln vor allem die Nordwände eine totale Unnahbarkeit. Abweisender und steiler können Bergwände gar nicht sein. Da ist es völlig egal, dass die Zinnen gerade mal knapp an die 3000 Meter heranreichen. Die Zinnen überzeugen nicht mit der Höhe, sondern durch ihre gnadenlose Steilheit.

Und mitten durch die Große Zinne will ich jetzt klettern – ohne Seil, ohne Sicherung, ganz allein. Von außen betrachtet ist es ein völliger Wahnsinn, sein Leben bewusst aufs Spiel zu setzen, doch letztlich nichts anderes als das, was die echten Pioniere taten. Welche Idealisten, Fanatiker und Träumer waren gerade jene, die die Zivili­sation Tausende von Kilometern hinter sich ließen, um die weißen Flecken der Erde wie die Pole zu erobern. Keiner konnte sich sicher sein, dass er seine Heimat je wieder erreichen würde. Jeder Einzelne von ihnen hatte Angst um sein Leben. Welches Manifest der Cou­rage hinterließen diese Pioniere der Nachwelt! Wie klein erscheint mir da jetzt mein Traum, eine überschaubar „kleine“ Wand in den Alpen ohne Sicherung zu klettern. Aber doch, auch hier auf diesem scheinbar so überschaubaren Raum ergeben sich so viele Unwäg­barkeiten, unbekannte Momente, die aber weniger im Berg, sondern vor allem in uns selbst zu finden sind.

Ich werde mich wie ein Schiffbrüchiger in einem Meer aus gelbem, überhängendem Dolomit fühlen. Es wird keine Insel geben, auf die ich mich retten könnte, keinen Ort, an dem ich mich ausruhen könnte. Es ist ein Gefühl der Ausgesetztheit, wie es so offensichtlich und plakativ noch nicht zu sehen war. Und das macht dieses Unternehmen aber auch so ehrlich. Hier handelt es sich nicht um eine heimtückische, schwer zu erkennende Gefahr. Ganz anders als bei der Lawinengefahr spürt hier jeder die Todesgefahr des Abgrunds. Auch für mich war diese Urangst vor dem Absturz in den gnadenlosen Abgrund erst nach einer langen Phase der Vorbereitung kontrollierbar geworden. Das seilfreie Klettern kürzerer und leichterer Routen sowie das Kennenlernen der Direttis­sima beim Klettern in Seilschaft gaben mir irgendwann das nötige Selbstvertrauen. Denn nur, wenn die Angst in mir keine übermäßige Nervosität oder gar Panik auslöst, sondern nichts anderes als völlige Konzentration, ist die Angst mein bester Freund. Und nur dann lebe ich meine Passion.

Eine Stunde bin ich unterwegs gewesen, bis ich den Ein­stieg am Fuß der Nordwand der Großen Zinne erreiche. Eine Stunde, in der ich die reale Welt beiläufig wahrnehme. Wie tags zuvor und in der Nacht begleitet mich ein skurriler Zweikampf der Gefühle, der einmal meinen Schritt beschleunigt, mich unruhig macht und hetzt und mich später wieder ruhig werden lässt. Gerade dieser mentale Prozess ist aber beim Bergsteigen alles andere als negativ, sondern ein notwendiges Vorspiel der Gedanken vor dem großen Spiel selbst. Denn die Gefahr ist da, die Frage ist nur: Wie gehe ich damit um? Und offensichtlich hängen dann doch die meisten an ihrem Leben. Die geringe Zahl der Unfälle in der Geschichte des seilfreien Kletterns lässt zumindest darauf schließen, dass lediglich die wenigsten Akteure echte Desperados sind. Jedenfalls fühle ich mich wesent­lich weniger lebensmüde als die vielen Mount-Everest-Aspiranten, die glauben, sich den höchsten Berg der Erde erkaufen zu können. Doch mit dem Zahlen großer Summen wird der Berg zwar scheinbar kleiner, aber deswegen noch lange nicht weniger gefähr­lich. Die wenigsten Bewerber haben als Laien noch nicht einmal den Hauch einer Ahnung, wie vielschichtig und komplex die Gefahren an einem Himalaja-Riesen sind. Ver­schär­fend kommt hinzu, dass auf dem Weg zum Gipfel bei zunehmend dünner Luft mit jedem Höhen­meter mehr und mehr die Vernunft verloren geht. Ihres Verstandes beraubt, schätzen sie den Gipfel höher ein als ihr Leben, und sie gehen so weit, bis nichts mehr geht. Dann wird an Ort und Stelle bei minus 50 Grad auf 8500 Meter Seehöhe biwakiert, als wäre ihnen das eigene Leben nichts mehr wert.

Besser also, wenn man ein reflektierender Mensch ist, der bewusst lebt, die Signale der Umwelt aufnimmt, sie verarbeitet, um dann mit gesundem Menschenverstand zu reagieren. Und das noch viel mehr, wenn ich ohne Sicherung klettere. Hier den Helden spielen zu wollen ist grundverkehrt. Man muss die Angst zulassen, sie zugeben, sich die Angst eingestehen und sie auch richtig ausleben. Erst dann wird sie kontrollierbar. Lieber stelle ich mir die Frage einmal zu viel als einmal zu wenig, ob ich am Ende in die Wand einsteigen soll oder nicht. Auch dann, wenn mich das Ganze fertig macht.

Am Einstieg wird mir ein erstes Mal klar, dass es vielleicht heute nicht der Tag sein wird, an dem ich mein Vorhaben realisiere. Würde ich aber heute abbrechen, so wird der Eindruck, den die Wand auf mich ausübt, unweigerlich steigen. Wo­möglich besteht ohnehin nur diese eine Chance? Erst jetzt wird mir diese Systematik bewusst. Es gibt keinen Versuch „einfach so“. Allein das Vorhaben, es heute versuchen zu wollen, macht mir deutlich, dass es nur das Heute geben kann. Entweder jetzt oder nie!

Die ersten 80 Meter sind nicht schwierig. Keine ernsthaften Probleme tauchen bis dorthin auf, dann kommt die erste Stelle im oberen siebten Grad – der Point of no Return. Wenn ich diesen Punkt überklettere, gibt es nur noch die Flucht nach vorne. Ent­scheide ich mich dort zum Weiterklettern, habe ich die Kon­sequenz zu tragen, die weiteren 500 Meter klettern zu müssen – ob ich will oder nicht. Ich spüre, dass ich es wohl zumindest versuchen muss. Heute oder gar nicht, vielleicht würde sogar ein einziges Mal umzudrehen vor der dritten Seillänge ausreichen, um von der erdrückenden Dimension der Wand erschlagen zu werden.

Noch einmal gehe ich am Wandfuß der Großen Zinne auf und ab. Ich setze mich wieder hin. Meine Gedanken, die voll und ganz von dieser Route gefangen sind, lassen es nicht zu, jetzt abzubrechen, und dieser Zwang macht es mir nicht leichter. Ich bin genau an dem Punkt angekommen, wo ich mir wünsche, dieses Projekt nie ins Auge gefasst zu haben. Aber ich habe keine Wahl mehr, ich muss heute die Entscheidung treffen. Nun bin ich das gehetzte Tier, kauere gespannt und warte auf das, was in den nächsten Minuten passieren wird.

Dann wird’s ernst. Ich kann ja nicht ewig warten. Mechanisch ziehe ich die Kletterschuhe an, ein kurzer Griff ins Magnesia und los geht’s, ich klettere die ersten vier Meter. Es läuft bescheiden. Ein Gedankenchaos beherrscht mich, ich fühle mich in vollem Umfang überfordert. Ich verliere mich selbst, bin total betäubt, spüre nichts – so geht es nicht. Ich steige wieder zurück, setze mich noch einmal am Einstieg hin.

Völlig frustriert geschieht erst mal gar nichts. Tief in mich versunken, lasse ich meinen Geist wieder Boden finden. Gott sei Dank versucht man ja immer, das Positive zu sehen – egal, wie übel es gerade ausschaut. Und ja, es gibt etwas Positives: Ganz offensichtlich ist mir mein Leben mehr wert als diese verdammte Wand! Diese Gewissheit nimmt mir ein großes Stück weit die Angst vor mir selbst. Ja, ich habe beizeiten Angst, nicht mehr Herr der Lage zu sein. Und diese Angst habe ich auch hier vor der Direttissima. Wie oft wird von der hohen Kunst des Umkehrens beim Berg­steigen gesprochen und wie schwer ist es, sie wirklich umzusetzen. Wer ist bei der Entscheidung zum Umkehren nicht schon alles eingeknickt, wenn das Ziel kurz vor der Verwirk­lichung steht?

Mein Zurücksteigen hat mich aber nun auch weitgehend davon überzeugt, dass ich noch Herr der Lage bin und die notwendige Souveränität besitze, knapp vor der finalen Ent­schei­dung abzubrechen. Und das ist gut, die Gedanken werden wieder leichter und in meinem Denken entsteht die Vorstellung, dass ich jetzt tatsächlich die Freiheit besitze, bis zur ersten wirklich schwierigen Stelle hinaufzuklettern, um herauszufinden, wie es an diesem Tag um meine Kraft bestellt ist. Um die Kraft meiner Finger und noch viel mehr um meine mentale Kraft. Diese 80 Meter bis dorthin werden meine Teststrecke sein und erst dann, am Point of no Return, wird ernsthaft eine finale Entscheidung fällig. Für einige wenige Minu­ten habe ich diese nochmals hinausgezögert, aber noch viel wichtiger ist: Ich gebe mir die Chance, auf diesen Metern meinen Lauf zu finden. Ich fühle mich freier.

Ich bin so weit. Kletterschuhe, Magnesia und ich steige ein. Es beginnt leicht, eigentlich spielerisch, alles nur Kletterei in moderat schwierigem Gelände, das bei „Normalzustand“ als Genuss zu bezeichnen ist. Während ich in den Stunden vor dem Durchstieg Angst hatte und übernervös war, verschwindet jetzt, als ich endlich in die Wand hineinklettere, unter dem reibungs­losen »Nor­mal­betrieb« des Kletterns die Betäubung. Nun scheinen die negativen Folgen der Angst in den Hinter­grund zu treten. Meine Welt reduziert sich jetzt nur noch auf die jeweils wenigen Quadrat­zentimeter des nächsten Griffes. Alles mich Umgebende tritt zurück und ich erlebe bloß noch mich selbst.

Ich bringe mein Leben als Einsatz in das Spiel und deswegen wird das Erleben jetzt so tief und intensiv. Nur wer verloren in der Wand direkt und unmittelbar der unbedingten Gefahr für das eigene Leben ausgesetzt ist, wird diese elementare Erfahrung machen, wird spüren, was das eigene Leben bedeutet. Angst empfinden, die mich stets wach und vorsichtig sein lässt. Die Angst, die mir das Überleben sichert. Und so erlebe ich auch hier in der Senkrechten das Wahrhaftige, frei von äuße­rer Einflussnahme, frei von äußerer Kontrolle – die komplette Reduktion auf mich selbst. Die totale Unmittelbarkeit des Todes offeriert ein ungetrübtes Bild auf die Bedeutung des Lebens. Oft genug ist man ja selbst Gefan­gener in seiner Umwelt, der bestehenden Ordnung in seinem Leben. Wenn ich dagegen jetzt den Schritt mache, am Point of no Return weiterklettere und damit unwiderruflich in diese Wand einsteige, dann ist es so, als würde ich die Türe hinter mir schließen. Bis zum Erreichen des Gipfels bin ich in einer anderen Wirklichkeit unterwegs. In einer Welt, in der nur ich existiere, einer Welt, die bloß für mich besteht.

Wie Watte legt sich diese veränderte Wahrnehmung um mich. Wie ein Schweben im Leeren, weit über dem Tal, beziehungslos zur Erde. Zumindest auch weit genug weg, um durch nichts mehr erreichbar zu sein. Ich handle jetzt nur für mich selbst, für mich allein.

Nach gut 60 Metern des Kletterns haben sich viele meiner Zweifel zerstreut, mit jedem Meter habe ich Vertrauen gewonnen. Vertrauen zu mir selbst, dass ich es kann. Noch einmal komme ich auf einem Felsband zu stehen. Jetzt wird es final, nun wird es ernst. Ich klettere in die dritte Seillänge hinein und nach vier Metern erreiche ich den Point of no Return: ein kleines Dach im oberen siebten Grad. Ich kenne die Stelle genau und ohne mir jetzt groß Gedanken zu machen, nehme ich mit der rechten Hand den ersten Griff über dem kleinen Dach, setze den linken Fuß und dann gibt es nur ein kurzes, kaum wahrzunehmendes Anhalten in der Bewegung. Die Ent­schei­dung ist jedoch längst getroffen und ich ziehe weiter, mit der linken Hand zum nächsten Griff, steige über die Dachkante. Gefühlt lag nicht hier, am kritischen Punkt, sondern am Einstieg die Schlüsselstelle – das Verlassen des Bodens war die mentale Barriere, die ich zu überwinden hatte.

Das Soloklettern erfordert sowohl Selbstüberwindung als auch Selbstkontrolle. Erstere hatte ich am Einstieg zu meistern. Und nun, 150 Meter über dem Boden, scheint es die viel einfachere Aufgabe zu sein, die Kontrolle über die Angst zu gewinnen. Ich habe das dazu notwendige Vertrauen, kenne die Route, ihre Schlüsselstellen und bin jetzt aus tiefstem Herzen überzeugt, die Schwierigkeiten jedes einzelnen Kletterzuges dominieren zu können. Meine Reise geht weiter, Meter für Meter hinauf in Richtung Gipfel der Großen Zinne, mit ruhigen, präzisen Bewegungen – und doch gewinne ich schnell an Höhe, weil ich ja keine einzige Sekunde mit Sicherungs­maß­nahmen „verschwende“. Alles habe ich vorher exakt einstudiert und spule nun das Programm Punkt für Punkt ab – fast wie eine Maschine, fast…

Nach acht Seillängen erreiche ich das große Band vor den Schlüsselseillängen. Alles ist bisher völlig reibungslos verlaufen, trotzdem bin ich 50 Minuten ununterbrochen geklettert. Alle Sinne, die mit der Bewegung befasst sind, standen ständig unter Strom, und ich merke, dass es sinnvoll ist, eine Pause zu machen. Ich lege mich flach auf das Band und starre lange Zeit mit bewegungslosem Blick nach oben in die Dächer. Die nächsten 120 Meter sind eindeutig die Schlüsselstelle der Direttis­sima, ein weit überhängendes Bollwerk aus gelbem Dolomit. 120 Klettermeter, drei Seillängen im achten Grad. Noch dazu kann ich die Stand­plätze in dieser Steilheit nicht wie in Seilschaft als Ruhepunkte benutzen. Ich muss die Schwie­rig­kei­ten in einem Zug hinter mich bringen – ohne die Möglichkeit des Rastens, weder für die Kraft noch für die Psyche. Das ist auch genau jener Abschnitt der Wand, in dem die Erstbegeher Dieter Hasse, Lothar Brandler, Jörg Lehne und Siegfried Löw zum großen Teil mit Haken, Hammer und Leiter unterwegs waren, während sie im Rest der Wand viel frei klettern konnten. Hier geht es zur Sache, und vor allem geht es hier im steilsten Teil der Wand auch um die Felsqualität. Die Nordwände der Drei Zinnen sind berüchtigt für ihren Bruch. Auch und gerade in den schwierigsten Stellen der Direttissima finden sich diese brüchigen Griffe, denen ich nicht auch nur in einem einzigen Fall mein Leben anvertrauen darf. Viel Zeit verwendete ich in der Vorbereitung darauf, die Solidität der Griffe zu bestimmen und Sequenzen herauszufinden, die es mir erlauben, auch die schwierigen Stellen mit soliden Griffen zu klettern. Damit ergab sich immer wieder die Notwendigkeit, mit wesentlich kleineren, dafür aber sicheren Griffen zu klettern. Ich steige letztendlich eine durchgehende, 120 Meter lange Seillänge am Stück durch, mit weit kleineren Griffen als denen, die man normalerweise verwenden würde. Daraus resultiert eine Schwie­rig­keit, die man gerne im soliden glatten neunten Grad ansiedeln darf.

Nach 20 Minuten setze ich mich wieder auf, ziehe meine Klet­terschuhe abermals fest, greife in den Magnesiabeutel und klettere los. Wie ein Arbeiter, der nach einer Pause seine Tätigkeit wieder aufnimmt. Allmählich gewinne ich an Höhe, die Ausgesetztheit nimmt zu wie auch die Leere unter den Füßen. Ich komme zum nächsten Hotspot. Mittendrin in den 120 Metern gibt es einen überhängenden, abdrängenden Schulterriss, den ich noch nie trocken erlebt habe und der vermutlich auch nie trocken wird. Aber auch hier habe ich eine Sequenz gefunden, die es mir möglich macht, an zwar kleineren, dafür aber trockenen Griffen zu klettern, bloß der linke Fuß kommt zweimal im nassen Riss zum Einsatz. Alles ist unter Kontrolle. Es geht weiter, ohne große Gedanken, stets im gleichen Rhyth­mus. Immer langsam, stets bedacht auf jedes kleine Detail.

300 Meter über dem Einstieg. Der letzte schwierige Meter vor dem nächsten Band und auch gleichzeitig die Schlüsselstelle liegt vor mir. Das ist der exponierteste Punkt der gesamten Direttis­sima. Alles unter mir bricht überhängend weg, alles um mich herum ist überhängend. Ich hänge ganz allein in dieser jetzt für mich so feindlichen Welt. Die Griffe, denen ich mich anvertraue, sind gut, meine Hände finden ihren Weg zum beruhigenden, staubtrockenen Magnesiapulver. Auch die Griffe auf den kommenden Metern sind gut, liegen aber weit auseinander. Athletische Züge, die entschlossenes Durchziehen verlangen. Noch einmal wandert der Blick nach unten. Der Puls ist ruhig. Ich sehe weit unten das Schuttkar, die kleinen Wege, die zu den Einstiegen der Nordwand führen. Es berührt mich nicht. Ich habe das Vertrauen in mich selbst, dass ich es kann. Wenige konsequente Züge bringen mich in senkrechtes Gelände, noch zwei Meter und ich stehe auf dem kleinen Band. Die große Hürde ist übersprungen. Vor mir liegt nur noch eine überhängende Seillänge, dann bloß mehr vergleichsweise einfaches Gelände entlang einer Kaminreihe bis zum Gipfel.

Erst eine halbe Stunde nachdem ich hier angekommen bin, verlasse ich mein kleines Band und klettere durch die letzten ausgesetzten Meter. Es ist eigentlich nur eine kurze harte Stelle und wie zur Belohnung tauche ich direkt darüber in die Kamine ein. Tief im Berg versteckt, winde ich mich nach oben. Die Schwierigkeiten lassen nach, diktieren nicht weiter den Ablauf des Geschehens. Langsam, aber sicher werden meine Ge­dan­ken wieder frei. Wie von selbst steigt mein Körper nach oben, nimmt mich mit. Kleine Wolken ziehen die Nordwand herauf, lassen die Berge rundherum im Grau verschwinden. Je weiter ich nach oben komme, desto ruhiger werde ich. Und dann, am Ende, der Gipfel. Ein Moment, an dem es weder ein Gestern noch ein Morgen gibt. Ich lebe im Jetzt. Ich lebe das wahre Leben.

Ein Mantra gegen die Angst

Blick ins Buch
Das Mantra gegen die Angst oder Ready for everythingDas Mantra gegen die Angst oder Ready for everything

Neun Tage in Kathmandu

Fünfzehn Jahre ist es her, seit Helge Timmerberg im Annapurna-Massiv pilgerte. Damals vertraute ihm ein Yogi das Mantra gegen die Angst an. Ein Geschenk, das sich als überaus hilfreich erwies - gegen Helges Angst vor großen Hunden und vor Türstehern, vor Talkshow-Moderatoren und vor den Lesern seiner Bücher. Jetzt ist Timmerberg zurück in Kathmandu und muss den Yogi Kashinath wiederfinden. Er braucht Antwort auf die Frage, wie geheim das Mantra eigentlich ist. Darf er darüber schreiben, es mit anderen teilen, oder verliert es dann seine Wirkung? Wird er Kashinath, den Wandermönch und gepflegten Asketen, überhaupt noch einmal treffen? Die Suche nach dem Yogi treibt den Autor an und um. Sie mündet in ein starkes, ehrliches, pointenreiches Buch über Glückszustände, die Abwesenheit von Angst und das Versprechen absoluter Freiheit. Und darüber, welche Kraft wenige Worte entfalten können, wenn man fest genug an sie glaubt.

1. Kapitel
1. Tag in Kathmandu
Touchdown in Kathmandu.
Es ist 6.30 Uhr. Ich habe zwei Nächte nicht geschlafen. Ich bin nicht in Form für die Einreiseformalitäten. Am Visaautomaten fühle ich den Schweiß auf meiner Stirn. Man bekommt das Visum entweder bei der nepalesischen Botschaft im Heimatland oder hier. Ich war mal der Meinung, hier gehe es schneller, aber das glaube ich jetzt nicht mehr. Ich stehe vor dem Computer und gebe die Daten ein, die er von mir verlangt. Er verlangt zu viel. Die Adresse des Hotels? Ich habe kein Hotel. Ich wohne bei Scarlett. Ihre Adresse habe ich allerdings auch nicht. Und keine Telefonnummer. Ich habe nur einen vor drei Tagen abgerissenen Mailwechsel mit ihr. Sie schickt mir einen Fahrer, weil in Kathmandu Adressen nichts nützen, schrieb sie, und das war der letzte Stand der Dinge. Sie war in London und wollte zwei Tage vor mir los. Seitdem habe ich nichts mehr von ihr gehört. Vielleicht ist sie gar nicht geflogen, vielleicht hat sie ihr Haus in Kathmandu nicht wieder- oder ganz anders vorgefunden, als sie es vor Monaten verließ, vielleicht hat sie auch keine Lust mehr auf mich oder generell auf Besuch, sie ist Wassermann, wie ich, bei uns weiß man selten, was als Nächstes passiert. Für Antworten wie diese gibt es auf dem Monitor des Visacomputers kein Kästchen und auch keine Möglichkeit, sie zu formulieren. Hinter mir wächst die Schlange.
Aufgeben. Wie schön wäre es jetzt, sich einfach umzudrehen und nach Haus zu gehen. Ich bin zu alt für diesen Scheiß und für den, der noch kommt. Überschwemmungskatastrophe im Süden, 1800 Tote, weggeschwemmte Straßen, halb Nepal ohne medizinische Versorgung, ein Land im Ausnahmezustand, nur Kathmandu funktioniert noch halbwegs normal, was aber auch kein Trost ist, denn normal heißt hier: Staus, Smog, Schlamm und Pfützen. Und jede Menge Unfälle. Schreibt unser Auswärtiges Amt. Es empfiehlt, Nepal derzeit zu meiden oder nur nach Kathmandu zu reisen, wenn es wirklich zwingend ist.
Wie zwingend ist das Mantra gegen die Angst? Wie zwingend ist der Yogi Kashinath? Wie zwingend ist mein Aufbruch in die Freiheit? Wie zwingend ist mein nächstes Buch? Und wie zwingend ist noch dazu der Augenblick? Soll ich zur Seite treten, mich in irgendeine Ecke setzen und so lange weinen, bis mich die Putzfrau nach draußen fegt?

Was machen sie eigentlich mit den Visa? Was erhoffen sie sich davon? Mehr Informationen, mehr Kontrolle, mehr Sicherheit? Ich glaube, das alles interessiert sie einen Dreck. Sie wollen Geld. Und ich gebe es gern einem der ärmsten Länder der Welt, auch ohne den Stress am Automaten oder in den Botschaften, einfach so, 40 Dollar für 30 Tage, cash auf Tatze und Namaste. Was tut weniger weh? Korruption oder Bürokratie? Teufel oder Beelzebub? Terror oder Anarchie? „Man muss den Einzelfall prüfen“, sagt mein neuer Freund dazu.
Ich treffe ihn, als ich mit allem durch bin und vor dem Flughafen stehe. Freund ist natürlich übertrieben, Schicksalsgenosse stimmt. Sein Fahrer ist wie meiner nicht gekommen. Seiner, weil ihm auf der Fahrt zum Flughafen der Wagen zusammenbrach und erst ein neuer organisiert werden muss, von meinem Fahrer weiß ich nichts. Keinen Namen, keine Nummer, und ich weiß auch nicht, sollte er doch noch kommen, was er von mir weiß. Hat ihm Scarlett ein Schild mitgegeben, auf dem mein Name steht? Und wenn ja, welcher? Helge? Tim? Mein Familienname? Kennt sie den überhaupt? Oder hat sie ihm nur gesagt, der Typ sieht aus wie Jesus, aber dicker?
Das Wetter: kein Regen, aber auch keine Sonne und kein noch so flüchtiger Ausblick auf die Gipfel des Himalaja. Die Berge sind über den Wolken, darunter sehe ich im fahlen Morgenlicht auf Taxischrott, eine nasse Fahrbahn, und ab der anderen Straßenseite beginnt viel Lehm. Wäre ich auf einem Acker gelandet, würde es ähnlich aussehen. Nachdem alle anderen Passagiere irgendwie abgeholt und abgerollt waren, blieben da nur noch ich und dieser gut gekleidete Herr mit den freundlichen Augen, und so kamen wir ins Gespräch. Er ist Nepali, lebt in Washington, und seine Branche ist „Energie“. Er elektrifiziert die dunklen Flecken der Erde. Mal in Pakistan, mal auf Kuba, auch hier in Nepal. Ich weiß noch nicht und werde es vielleicht auch nie in Erfahrung bringen, ob als Wissenschaftler, Ingenieur oder Manager, aber er ruht in der Ausgeschlafenheit der Businessclass. Da ruhe ich nicht. Ich bin ein Economy-Schriftsteller.
Aber immerhin.
Ob groß oder klein, alt oder jung, klug oder dumm, arm oder reich, schwarz oder weiß, Mann oder Frau, ob Kapitalist, Kommunist, Anarchist oder Monarchist, gläubig oder Nihilist, Feigling oder Held, egal, es ist immer dasselbe. Wie beim Diesel. Dass ich Bücher schreibe, bringt die Leute zum Vorglühen, und sobald sie erfahren, dass ich davon leben kann, springt ihre Zündung an. Das ist mehr als Interesse, sogar mehr als Respekt. Das ist schon Liebe. Wollte ich deshalb seit frühester Kindheit Schriftsteller werden? Dann habe ich meine Zeit verschwendet. Wer sich nicht selbst lieben kann, ist wie ein schwarzes Loch, in dem alles Licht verschwindet. Aber praktische Vorteile hat das Ansehen meines Berufs natürlich ohne Ende.

In fast regelmäßigen Intervallen kommen Taxis vorbei, um uns abzufischen, und auch neben uns stehen Männer mit Pappen in der Hand, auf denen „Pilgrims Inn“ oder „Buddha Lodge“ zu lesen ist.
Ich glaube nicht mehr an Scarletts Fahrer. An die Verheißungen der Pappen glaube ich aber auch nur bedingt. Deshalb frage ich den nepalesischen Energieexperten aus Washington, ob er mich mit zu seinem Hotel nehmen kann, sobald sein Wagen gekommen ist, und er sagt Ja. Es wird ihm eine Freude sein. Und er will versuchen, dass auch ich ein Zimmer zum verbilligten Preis bekomme, wie er und die anderen Teilnehmer der Energiekonferenz, für die er hierhergeflogen ist.
„Sind Sie zum ersten Mal in Nepal?“, fragt er.
„Zum zweiten Mal. Vor 15 Jahren bin ich mit einem Yogi im Annapurna-Massiv unterwegs gewesen. Bis Muktinath.“
„Oh, ich war auch in Muktinath.“
„Als Pilger?“
„Nein, wir haben die heiligen Quellen nützlich gemacht. Das Wasser verrohrt, damit es Turbinen antreiben kann. Seitdem haben sie im Dorf Strom.“
Und ich wunderte mich damals, warum das Wasser, unter dem sich Kashinath die Sünden abwusch, aus Rohren sprudelte. Sie ragten ein paar Zentimeter aus dem Berg heraus. Und es sah etwas unheilig aus.
„Aber Turbinen brauchen sie heute nicht mehr. Inzwischen haben sie Masten da oben und sind voll elektrifiziert. Und es gibt auch eine Straße nach Muktinath. Sogar einen Helikopter-Shuttle. Sie können von Pokhara direkt bis zu den Quellen fliegen. Wollen Sie das?“
„Nein, ich will nur den Yogi wiederfinden. Er hat mich sehr fasziniert.“
„Was war seine Philosophie?“
„›I’m ready for everything.‹“
Der Nepali lächelt. Das kann ich so oder so verstehen. Um sicherzugehen, dass er mich nicht für leichtgläubig hält, erzähle ich ihm, a) wie ich diesen Satz interpretiere und b) wie der Yogi gecheckt wurde. Zu a: Bereit für alles zu sein bedeutet, keine Angst mehr zu haben, und wer keine Angst hat, keine einzige, auch nicht die klitzekleinste, ist frei, und wer frei ist, hat alle Kräfte, die von der Angst absorbiert werden, zur freien Verfügung. Um, zum Beispiel, noch tiefer in die Angstlosigkeit zu gehen. Zu b: Am Ende unserer Wanderschaft flogen wir von Jomson nach Pokhara zurück, und die Maschine wäre auf ihrem kurzen Flug drei Mal fast abgestürzt. Es war ziemlich krass. Beim ersten Mal lachten noch einige der etwa 30 Passagiere, beim zweiten Mal nicht mehr, und beim dritten Mal war die Hölle los. Panik. Alle schrien in Todesangst, auch ich, nur der Yogi neben mir blieb so tiefenentspannt mit allem einverstanden, wie ich ihn seit zwei Wochen erlebt hatte.
„Welche Fluggesellschaft war das?“
„Shangri-La Air.“
„Aber die ist doch wirklich abgestürzt.“
„Ja, ein Jahr später. Ich habe die Fotos von der zerschellten Maschine in den Zeitungen gesehen. Sie können mir glauben, das war unheimlich.“
Sein Fahrer ist da.

Die in den Reisewarnungen des Auswärtigen Amtes beschriebenen Straßen von Kathmandu sind leider schlimmer als beschrieben. Das liegt, glaube ich, nicht an den mangelnden Fähigkeiten des Verfassers, sondern daran, dass sie unbeschreiblich sind. Das Hotel befindet sich etwa zehn Kilometer außerhalb der Metropole, aber wir sind noch immer in einem Randbezirk und nicht etwa in der Wildnis. Auf einer der Hauptverkehrsadern der Stadt quälen wir uns im Schneckentempo über eine eigentlich unbefahrbare Piste, aber alle befahren sie. Alle gegen einen und einer gegen alle. „No rules“, sagt der Fahrer. Jeder nutzt seine Chancen, obwohl keiner eine hat. Schlaglöcher, Mulden, Querrinnen und Gräben lösen sich quasi ohne problemfreie Übergänge ab, und alle sind mit schlammigem Wasser gefüllt, man sieht nicht ihre Tiefen. Was vom großen Erdbeben übrig blieb, wird nun vom Monsun gefressen.
Dass der erste Wagen für meinen Flughafen-Freund zusammenbrach, wundert mich jetzt kein bisschen, mich wundert nur, dass der zweite noch fährt. Unermüdlich arbeitet die Straße an seiner Ruinierung, die Stoßdämpfer sind, wie mir scheint, schon weg. Es schockiert mich nicht, es belustigt mich eher, aber als ich spüre, dass meine Bandscheiben nun die Stoßdämpfer sind, erkenne ich den Ernst der Lage. Es braucht ein neues Reisekonzept. Über diese Straßen kann ich auf meiner Suche nach Kashinath nicht lange fahren. Und gehen auch nicht. Es regnet grad nicht, aber fast wünschte ich es, damit der Regen die Luft rein wäscht. Die Fenster unseres Kleinwagens sind geschlossen, und die Aircondition ist an, darum rieche ich den Smog nicht. Ich kann ihn nur sehen. Das ist nicht schön. Eine Welt ohne Licht, und auch die Farben haben gegen das Grau verloren. Die Reklameschilder der Läden, Werkstätten und Chaibuden knallen nicht mehr, den Saris der Frauen ist der Zauber genommen, das bunte Asien ist weg. Auch das Lächeln ist verschwunden. Jeder Zweite trägt eine Atemmaske aus einem dünnen weißen Stoff oder hat einen Schal um Mund und Nase geschlungen. Und wer darauf verzichtet, schaut so traurig aus der Wäsche wie die Frau, an der wir gerade vorbeifahren, eine junge, schöne Frau mit ihrem Baby im Arm. Vielleicht ist es auch ihr Mann, der sie traurig macht, oder jemand ist gestorben, es gibt viele Gründe, warum eine junge Mutter schlecht drauf sein kann, aber für mich ist das ein Smog-Gesicht.

Wir fahren über eine Brücke, unter der ein dunkler Fluss Abwasser und Unrat transportiert, danach sind wir nicht mehr in Kathmandu, und die Straße wird noch schlechter, aber auch grüner zu beiden Seiten. Da ist ein Wald, es stellt sich heraus, dass er zum Hotel gehört. Ein Schlagbaum öffnet sich, ein Wachmann salutiert. Es geht bergauf, die Straße wird gut, von dem Horrorverkehr ist nichts mehr zu sehen. Nur noch Bäume und hier und da Orchideen. Ich wusste es. Mein Flughafen-Freund ist eine Qualitätsbekanntschaft. Er führt mich an genau den Ort, den ich jetzt brauche. Das Hotel hat fünf Sterne und eine zehn Kilometer lange Golfwiese.
„Namaste.“
Die Empfangsdame schmilzt dahin vor Freude, ihren Job machen zu dürfen. Synchron dazu schmilzt der Preis für mein Zimmer. Von 250 auf 150 Euro in maximal 60 Sekunden. Aber es ist in einem Nebengebäude, und der Weg dahin ist manchen Gästen zu weit. Darum ist es billiger. Spricht sie von Trekking? Nein, von etwa 200 Metern. Es wird ein schöner Spaziergang durch die kultivierte Natur des Himalaja in 1400 Meter Höhe. Ein paar Äffchen und der Page begleiten mich. Aber nicht nur der Weg, auch das Ziel lohnt sich. Ein Fünfsterne-Reiseschriftstellerzimmer, mit hohen Wänden, vielen Fenstern, großem Bett und einem Schreibtisch, dem zuzutrauen wäre, dass er ein Buch selbst verfasst. Man braucht nur Platz zu nehmen, und aus dem Holz steigen Sätze empor.
„Darf ich rauchen?“
„Natürlich, Sir“, sagt der Page.
Endlich im Internet, endlich Scarlett. Zwei Mails. Das von vorgestern schrieb sie in der Transithalle von Neu-Delhi und ist wenig hilfreich im Moment, denn sie schwört darin, dass der Fahrer am Flughafen sein wird, doch das Mail von gestern kommt der Wahrheit näher. Nach dreimonatiger Abwesenheit habe ihr Haus sie in einem totalen Chaos empfangen, und es sei vielleicht besser, ich würde für die erste Nacht ein Hotel nehmen. „Ruf mich an.“ Und endlich ihre Telefonnummer.
„Hi, Helge.“
„Hi, Scarlett.“
„Wo bist du?“
„Im Gokarna Forest Resort.“
„Oh, das ist wunderbar.“
„Ja.“
„Komm heute Abend zu mir. Wir gehen mit Freunden essen. Nein, besser, du kommst schon etwas früher. So um fünf oder sechs.“
„Gern. Und schickst du mir wieder einen Fahrer?“
„Oh, Helge, so sorry …“

Erleichterung macht sich breit. Das Wichtigste ist geregelt, und mir bleibt genug Zeit. Als Erstes brauche ich Kaffee und Spiegeleier, dann einen Spaziergang durch das Resort und seine halbwegs frische Luft, vielleicht auch eine Massage oder ein paar Runden im Pool. Was ich aber auf keinen Fall gebrauchen kann, ist das wunderbare große Bett, zu dem es mich zieht wie einen Nagel zum Magnet. Wenn ich jetzt schlafe, bin ich heute Nacht wach. Dann schlafe ich morgen zu lang und krieg auch die nächste Nacht kein Auge zu, nein, den Jetlag sollte man in der ersten Runde ausboxen oder besser: ausschleichen. Wie auf Wolken wandeln und wie in Watte Platz nehmen.
Zurück im Hauptgebäude des Hotels, sitze ich unter den Arkaden des Innenhofs und schaue einem Soldaten zu, der mit seiner Zwille einen Affen vertreibt. Meine Spiegeleier habe ich bereits gegessen, ich trinke Kaffee, rauche und warte auf meine Seele. Man sagt, sie hinkt bei langen Flügen dem Körper etwas hinterher. Stattdessen kommt der Energie-Nepali zu mir an den Tisch.
„Haben Sie ein gutes Zimmer bekommen?“
„Ja, und auch für Ihren Preis. Vielen Dank noch mal. Es ist wirklich ideal. Groß, hell, und vom Balkon sehe ich in den Wald.“
„Sie wissen, dass Sie die Fenster und Türen immer geschlossen halten müssen?“
„Nein, warum?“
„Sonst kommen die Affen rein. Und haben Sie etwas dagegen, wenn ich mich zu Ihnen setze?“
Ich bin froh, dass er wieder da ist, aber vielleicht auch ein bisschen zu müde für seine Intelligenz. Doch er ist genauso müde wie ich und verfolgt denselben Plan. Wach bleiben bis zum Abend, das heißt Kräfte sparen. Wir wollen also das unangestrengte Gespräch und sprechen über Maoisten und Touristen. Er sagt, bis zum Ende des Bürgerkriegs und ihrem Einzug ins Parlament hätten die Maoisten Zehntausende Menschen umgebracht. Darunter war aber nicht ein Tourist. „Niemand erschießt gern seine Milchkuh“, sage ich, und er stimmt dem zu. Der Tourismus ist die wichtigste Einnahmequelle Nepals. Auf den König können sie verzichten, aber nicht auf den Gast. Das große Erdbeben und seine noch immer nicht behobenen Folgeschäden hätten das Land an den Rand des Ruins gebracht, erklärt der Nepali, die Besucherzahlen seien zunächst auf 300 000 jährlich gesunken, aber inzwischen, Gott sei Dank, wieder auf 500 000 gestiegen. Was ihn erleichtert, schockiert mich.
„Ich war neulich in Saint-Tropez. Der Ort hat etwas mehr als 4000 Einwohner und fünf Millionen Touristen im Jahr.“
„Ich weiß, was Sie meinen“, sagt er und senkt den Blick.
Verliert er jetzt etwa das Gesicht? Das muss er nicht. Nepal ist arm, er nicht. Er lebt in Washington, hat schöne Töchter und bringt Licht in die Welt. Und ich? Sagen wir es mal so: Ich suche den Yogi Kashinath. Kashi heißt Licht, und Nath heißt Stadt. Auf ’ne Art sind mein neuer Freund und ich in derselben Branche. Einer für draußen, einer für drinnen. Gemeinsam gegen die Dunkelheit. Aber ich mache einen Fehler. Ich frage ihn nach dem Thema seiner morgigen Energieexpertenkonferenz, und als er antwortet, wird es zu kompliziert für meine Schwerhörigkeit. Hellwach wäre das kein Problem, aber hellwach war vorvorgestern. Wenn ich mein Gegenüber nicht schon beim ersten unverstandenen Satz unterbreche, mache ich das auch beim zweiten und dritten nicht, und ab dem fünften wäre es endgültig peinlich, sich ihm zu offenbaren, weil es das Geständnis beinhalten würde, dass man seine Zeit verschwendet hat.
Deshalb gebe ich mich weiter dem wohligen Gefühl hin, müde einer Stimme zu lauschen, die wie Hintergrundmusik funktioniert. Ich habe das mittlerweile so perfektioniert, dass man glauben könnte, dem besten Zuhörer der Welt begegnet zu sein. Einem, der nichts versteht, aber ständig nickt. Der Nepali macht eine Pause und schaut mich an. Ich nicke. Vielleicht ist es auch keine Pause, sondern das Ende seines Vortrags. Ich nicke. Nein, es war doch eine Pause, er redet weiter. Aber nur kurz. Dann schaut er mich wieder an. Ich nicke. Weil er weder erneut zu sprechen beginnt noch den Blick von mir nimmt, nicke ich ein weiteres Mal, und jetzt hat er mich durchschaut. Seine Pupillen ziehen nach oben, seine Augen werden kalt. Er wendet sich ab, und es tut mir leid, wie jedes Mal, wenn ich zu spät verstehe, dass mir Fragen gestellt wurden, die man nickend nicht beantworten kann. Dafür hätte es eine nachdenkliche Gestik gebraucht, die Abwägen vortäuschte, und auch diese durchaus sympathische Zögerlichkeit, These und Antithese unverzüglich der Synthese zuzuführen.
Wie zu erwarten war, verabschiedet er sich nun bald und wünscht mir einen guten Tag, den ich wunschgemäß im Tal der Könige in Angriff nehme. Es war ihr Jagdrevier, von alters her. Ein gemütlicher Weg führt zu ihm hinab. Eingebettet zwischen bewaldeten Hügelketten, ist es jetzt der größte Golfparcours Asiens. Wie ein breiter grüner Fluss liegt ein Teilabschnitt der perfekt gemähten, zehn Kilometer langen Wiese unter mir. Kein Mensch, kein Affe ist auf ihr zu sehen. Das beflügelt meine Fantasie, in der weder Golfspieler noch jagende Könige eine Rolle spielen, sondern Krishna, der Gott der Liebe, der dort unten mit seinen Groupies und zahmem Rotwild spazieren geht.

Zurück auf den Straßen Kathmandus, ist das Taxi, das mich zu Scarlett bringt, in einem schlechteren Zustand als der Wagen meines Ex-Flughafen-Freunds, er ist auch kleiner und bescheidener ausgestattet, und sollte es mal Haltegriffe für die Passagiere neben der Rückbank gegeben haben, sind sie längst abgerissen. Es würde mich nicht wundern, wenn von der Klapperkiste alle 20 Meter etwas abfiele, eine Reifenkappe hier, ein Kotflügel da, bis am Ende nur noch ein Skelett mit Fetzen der Karosserie übrig bliebe. Aber all das passiert nicht. Es gibt anscheinend zwei Möglichkeiten, was die Schlaglöcher von Kathmandu mit Kleinwagen machen. Entweder sie zerlegen sie, oder sie rappeln, stauchen und schlagen das Fahrzeug in einer Art und Weise zusammen, dass eine Bergziege draus wird. Hinten ist das nicht mehr länger auszuhalten, darum steige ich nach vorne um. Jetzt habe ich wieder einen Haltegriff über der Seitentür und mehr Beinfreiheit, bin aber auch dem Husten des Fahrers näher. Er hustet durchgehend. Nur weil ich ein Hypochonder bin, heißt das nicht, dass der Typ keine Tuberkulose hat. Derzeit hustet er in mein Handy, denn am anderen Ende der Leitung beschreibt Scarlett ihm den Weg zu ihr. Das dauert, weil er so viel hustet, und das Roaming geht dabei vermutlich über die Schweiz.
Wir sind mittlerweile in ihrem Stadtteil. Er heißt Bodnath, und die Straße, auf der wir unser Glück versuchen, heißt Bodnath Main Street. Auch sie ist nicht besonders attraktiv. Was das Erdbeben zerstört hatte, wurde zwar wieder aufgebaut, aber anders als vorher. Auch mit anderen Materialien. Alles in allem sieht es deshalb zu beiden Seiten der Bodnath Main Street nicht mehr so aus wie in der märchenhaften Hauptstadt eines Himalaja-Königreichs, sondern wie in jedem Drecksloch Asiens, aber immerhin herrscht in den Geschäften die Warenwelt der Gegenwart, auch wenn die Straße selbst stur im vorindustriellen Zeitalter verbleibt. Doch mein Fahrer ist ein guter Mann. Er findet die kleine Nebenstraße, in die er einbiegen soll, und quält uns durch den Schlamm. Dann bleibt er stehen und ruft noch mal an. Gleich darauf kommt ein gut aussehender Nepali um die 30 zum Taxi und nimmt mich mit einem ehrlichen Lächeln in Empfang. Er ist keine Ausnahme in diesem Land. Im Gegensatz zu Thailand, wo das Lächeln alles oder nichts bedeuten kann, in der Regel aber nichts, lächelt in Nepal der Unfreundliche nicht.
„Namaste“, sagt er.
„Namaste“, sage ich. „Sind Sie Scarletts Fahrer?“
„Nein.“ Er lacht. „Ich bin ein Freund. Ich nutze ein Zimmer in ihrem Haus als Büro. Kommen Sie, ich bringe Sie zu ihr.“
Vorher handelt er den Preis fürs Taxi von 600 Nepalesischen Rupien auf 500 herunter. Das tut mir ein bisschen leid, weil der Fahrer noch immer hustet und 600 Rupien nicht mehr als 4,80 Euro sind. Ich bin in keiner Non-Governmental Organization, und ich spende auch nie etwas für die Armen dieser Welt. Das ist mir zu anonym. Für bürokratisierte Ablasszahlungen gegen das schlechte Gewissen fehlt mir ein Organ, was nicht heißt, dass ich herzlos bin. Es ist nur so, dass mein Mitgefühl den Vollkontakt braucht. Dann aber gebe ich nicht nur gern, sondern auch gern zu viel. Zu hohe Trinkgelder, zum Beispiel, können durchaus die Lebensqualität des Beschenkten versauen, weil er enttäuscht sein wird, wenn das nicht ständig wieder passiert. Und einen unkorrekten Preis aus Mitleid zu akzeptieren, obwohl ein Verbündeter bereits daran arbeitet, ihn auf das landesübliche Niveau zu regulieren, ist auch keine gute Tat, weil der Helfer dann das Gesicht verliert. Außerdem ist „wir helfen“ grundsätzlich etwas anderes als „wir lassen uns verarschen“.
Zufrieden mit seinen 500 Rupien, hustet mein Taxifahrer von dannen, während wir durch ein paar Pfützen auf ein Tor zugehen, hinter dem die Welt schlagartig in Ordnung käme, wenn der Smog nicht wäre. Ein Vorhof, ein Garten, Bäume, Blumen, gemähter Rasen und in der Mitte dieser kleinen Oase ein bezauberndes, aber vor allem solides zweistöckiges Haus mit überdachter Veranda und Balkonen. Wir gehen rein und die Treppe nach oben. Zwei offene Türen. Die rechte führt in das Büro des Nepali, die linke zu meiner allerbesten Freundin.

Scarlett ist eine Misch-Ethnie. Das kann gut gehen, muss es aber nicht. Man stelle sich vor, sie hätte von dem britischen Anwalt das Aussehen und von der indischen Tänzerin die intellektuellen Kapazitäten geerbt. Glücklicherweise verhält es sich umgekehrt. Von beiden nur das Beste, und davon reichlich. Von ihrem Vater hat sie den IQ, den Humor und wahrscheinlich auch die Unmoral, von der Mutter die Schönheit, Anmut und Empathiefähigkeit. Dazu kommt die tiefe Verankerung in zwei großen Kulturen. Kindheit in Indien, eingeschult in London. Materiell und spirituell ist sie bestens aufgestellt. Sie kann denken, und sie kann meditieren. Sie kann sogar schreiben. Weil sie, wie ich, in den 60er-Jahren pubertierte, ist sie, wie ich, ein Hippie geworden und, wie ich, über Land nach Indien gefahren, auch hat sie schnell kapiert, dass Journalismus Reisen finanziert. Alles wie ich, trotzdem kreuzten sich unsere Wege erst, als wir so um die 50 waren. Bis dahin gab es nur einen gemeinsamen Freund, der mir manchmal von ihr erzählte. „Ich kenne einen Menschen, der ist du als Frau.“ Und ihr erzählte er den umgekehrten Sachverhalt. Erst beim Kumbh Mela 1999 war es so weit. Das größte Fest der Hindus, zu dem alle zwölf Jahre über zehn Millionen Inder in die am Fuße des Himalaja liegende indische Stadt Haridwar pilgern, war für sie wie für mich ein Pflichttermin der klassischen, großen Reisereportage, und weil alle Journalisten im Hotel Ganga View abstiegen, konnten wir uns nun nicht mehr verpassen. Der heilige Fluss Indiens stand dem Beginn einer großen Freundschaft Pate. Das daraus nicht eine große Liebe oder eine schlechte Affäre wurde, hatten wir unserem Beziehungsmuster zu verdanken, das sich ebenfalls wie ein Ei dem anderen gleicht und nur jüngere Sexualpartner akzeptiert.
Und da ist sie. Halb indisch, halb britisch und mit neuer Frisur. Na ja, was heißt neu? Wir haben uns sieben Jahre nicht gesehen. Oder zehn? Und wo zuletzt? In ihrer Wohnung in Neu-Delhi? In Marokko? In Brighton? Ich könnte das auf Anhieb nicht beantworten. Aber sie ist schon wieder jünger geworden. Nur kleine Freundschaften muss man pflegen. Große stecken kargen Mailverkehr, und auch den nur sporadisch, locker weg. Nach einer Begrüßung, die ausfällt, als hätten wir uns erst gestern gesehen, halten wir mit Kaffee und im Stehen eine kleine Küchenkonferenz ab. In drei Tagen fliegt sie nach Bangkok und von dort nach Australien. In einem Monat kommt sie zurück. Solange kann ich hier alles haben. In der Zeit, die bis zu ihrem Abflug verbleibt, muss sie mir das Haus erklären und ein ernstes Gespräch mit mir über das Bücherschreiben führen.
„Aber als Erstes brauchst du ein zweites Handy mit einer nepalesischen Nummer“, sagt Scarlett. „Niemand ruft hier eine Schweizer Nummer zurück.“
„Und ich brauche einen Übersetzer oder eine Übersetzerin.“
„Na klar, wer braucht das nicht. Ich kümmer mich drum. Und wir müssen wirklich übers Schreiben reden, Helge, ernsthaft.“
„Gern, Scarlett, aber nicht heute.“
„Nein, heute gehen wir essen und haben es nett. Ach ja, dein Zimmer.“
Sie zeigt es mir. Ein großes Bett, ein großer Schreibtisch, zwei Fenster mit Holzlamellen, Blick in den Garten. Fast bereue ich es, nicht heute schon darin zu schlafen, aber wirklich schlimm ist das nicht, denn ich weiß nun, dass alles gut wird.

Warum geht der eine in der Krise in die Knie – und der andere bleibt stehen?

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Der resiliente MenschDer resiliente Mensch

Wie wir Krisen erleben und bewältigen • Neueste Erkenntnisse aus Hirnforschung und Psychologie

Lassen Sie sich nicht unterkriegen!Wie kann man sich vor stressbedingten Erkrankungen, etwa Depressionen, Angststörungen oder Burnout schützen? Diese Frage treibt die Wissenschaft seit Jahrzehnten um. Trotz aller Anstrengungen ist die Situation alarmierend: Psychische Störungen sind weitverbreitet, jeder fünfte Deutsche ist betroffen. Nicht wenige leiden ein Leben lang. Doch der Weg vom Stress zur Krankheit ist kein zwangsläufiger: Raffael Kalisch, einer der führenden Vertreter der neurowissenschaftlichen Resilienz-Forschung, erklärt die Mechanismen, die dafür sorgen, dass die Psyche selbst in Krisenzeiten gesund bleiben kann.
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Für mutige Angsthasen und ängstliche Weltenbummler

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Mit Mut im Herzen und Angst im Gepäck Mit Mut im Herzen und Angst im Gepäck

Von der Freiheit, die Welt zu bereisen

Raus in die Welt, rein ins Leben!Gabriele Finck leidet an einer Angststörung. Mit zwanzig wurde sie von der Angst in einen immer kleineren Radius gezwängt und schließlich ans Haus gefesselt, jeder Ausflug wurde zur Herausforderung. Doch man muss keine solche Erkrankung haben, um sich vor der Fremde zu fürchten – Reisen ist für viele nur eine Sehnsucht. Die Autorin erzählt, wie sie es dennoch geschafft hat, wieder loszugehen, wie man die Furcht in den Koffer packt und mit ihr aufbricht: In die pulsierenden Metropolen Israels, auf die Kalksteinfelsen Südfrankreichs und an die Küsten Kroatiens.Ein Mut machendes Buch, das dabei hilft, seine Ängste zu verstehen und die Lebensfreude zurückzugewinnen.ο Tipps & Checklisten für die beste Vorbereitung aufs Abenteuerο Atemtechniken, Meditationen und Schreibrituale für innere Ruheο Methoden zur Sofortbewältigung von Angst und PanikattackenDas Buch für mutige Angsthasen

Wohin soll die Reise gehen?
„Es ist ganz wahr, was die Philosophie sagt, dass das Leben rückwärts verstanden werden muss. Aber darüber vergisst man den andern Satz, dass vorwärts gelebt werden muss.“
Søren Kierkegaard

Die Abenteuer sind irgendwo da draußen, und sie warten nur auf mich – habe ich immer gedacht. Mit großen Augen saß ich am Fenster und schaute voller Sehnsucht hinaus in die Welt. Eine Welt, die mich lockte, vor der ich aber auch Angst hatte. War sie nicht riesig und gefährlich, unvorhersehbar und furchteinflößend? Zwar wollte ich raus, dahin, wo das Leben lockte, aber ich war überzeugt: Dort draußen würde ich Angst haben, Panik schieben, mich gar nicht mehr wohlfühlen. Im Grunde hielt mich die Angst vor der Angst fest hinter meinem Fenster. Nicht die Welt da draußen machte mir Schwierigkeiten, sondern die Welt in meinem Innern. Ich war gefangen in mir. Ich war angstgestört.
Diese Sehnsucht nach dem Reisen habe ich trotzdem über all die Jahre niemals verloren. Für mich war Reisen ein Symbol für Mut, Freiheit und Unabhängigkeit. Würde ich endlich wieder reisen, wäre das der Beweis, dass ich meine Angsterkrankung überwunden hätte. So dachte ich zumindest. Schrittweise lernte ich, mich wieder dem Leben zuzuwenden, mir mehr zuzutrauen, und meine Angststörung ließ langsam nach. Gleichzeitig musste ich feststellen, dass es bei dieser Sache mit der Angst nicht nur Schwarz oder Weiß gibt, auch wenn ich das gern gehabt hätte. Jedes Mal, wenn ich zögerliche Schritte in Richtung Freiheit und Reisen unternahm, suchten mich auch wieder die Ängste heim. Darum schreibe ich dieses Buch – für alle, die das tiefe Tal der Angst kennen und die nun allmählich wieder bereit sind, sich die Welt und das bunte Leben zurückzuerobern.

Die Angst ist zwar noch da, aber du bist über die Phase hinaus, dass sie dich total lähmt. Mit diesem Buch möchte ich dir Mut machen. Mut, dich aufzumachen und deine Sehnsüchte zu leben – auch wenn du jetzt noch Ängste hast. Warte nicht auf den Moment, bis du endlich wieder „total angstfrei“ bist. Gehe los, mit der Angst im Gepäck! Lass dich auf die Erfahrungen ein, ganz gleich, was da kommen mag. Ich möchte dir mit meinem in vierzehn Jahren gesammelten Erfahrungsschatz hilfreich zur Seite stehen und dir mit diesem Buch einen kleinen Begleiter an die Hand geben, der dich auch in schwierigen Situationen versteht und trägt. Sag Ja zu dem Abenteuer, das sich Leben nennt!
Warum ich dieses Buch schreibe
Durch meine Zeit mit der Angststörung habe ich enorm viele Bücher gelesen, die sich mit Selbsthilfe bei Angst und Panik, aber auch dem ganzen Rattenschwanz an dazugehörigen psychologischen Themen beschäftigten. Dabei griffen mir die meisten Autoren einfach zu kurz. Entweder wurde eine schnelle Lösung propagiert: simple Lach-doch-mal-wieder-Techniken, beschrieben von Leuten, die das volle Ausmaß körperlicher Angst gar nicht erfassen konnten und die unter Angst lediglich „Bammel“ und subtiles Unwohlsein verstanden. Oder ich stieß auf zentnerschwere, komplizierte Fachliteratur, die im Bemühen, die Psychologie der Angst zu ergründen, kalt und teilnahmslos wirkte. Viele Ratgeber stammen von Therapeuten, also „Menschen vom Fach“. Wer nun allerdings die körperlich spürbare Form von Angst nur aus dem Studium und von Erzählungen der Patienten kennt, der neigt möglicherweise dazu, Angst als etwas abzutun, was nur im Kopf beginnt und dementsprechend auch dort wieder ganz leicht beendet werden kann.
Ich wollte mehr von einem Buch. Ich wollte eines, das mir hilft! Ein Buch, das mich begleitet, dessen Worte mir guttun, auch in unmittelbaren Momenten der Angst, das mich versteht, aufbaut und mir Hoffnung macht. Da ich so ein Buch nicht fand, schreibe ich es nun selbst. Ich schreibe es für dich, um dich zu unterstützen, gleichzeitig aber auch für mich. Denn das Schreiben hilft mir, mich immer wieder an meine innere Weisheit zu erinnern. Ich komme dabei mir selbst auf die Schliche und finde zu größerer Klarheit.
Meine Ratschläge laufen am Ende vielleicht sogar auf dieselben Tipps wie die der „Menschen vom Fach“ hinaus. Ich hoffe jedoch, dass ich vermitteln kann, wie gut vertraut mir Ängste sind. Über viele Jahre musste ich lernen, dass eine Angststörung (wie jede andere Krankheit auch) nicht auf magische Weise durch ein Fingerschnippen verschwindet. Natürlich gibt es Atem-, Klopf- und Entspannungstechniken. Es gibt auch Medikamente und Spritzen. Und sicherlich entfaltet jede Methode ihre Wirkung, besonders, wenn du wirklich daran glaubst. Die Angst ist jedoch kein gebrochenes Bein, das zurechtgerückt, geschient, geschont und trainiert werden muss, bis es wieder funktionstüchtig ist. Angst kann Teil deiner Wesensart und dein ganz persönliches Ventil sein, um innere Belange auszudrücken, sichtbar zu machen. Angst ist so viel mehr als ein ärgerlicher Störfaktor! Vielleicht hast du mehr Glück, und deine Angst hat dich nicht so tief gepackt wie meine mich all die Jahre. Aber im Grunde ist das egal. Tatsache ist, dass ein Übermaß an Ängsten deine Lebensqualität gewaltig einschränkt. Auch dir scheinen die friedvolle Leichtigkeit und die fröhliche Lebendigkeit abhandengekommen zu sein.
Damit du dir ein Bild von meinen Erfahrungen mit Angst und Panik machen kannst, möchte ich ein bisschen ausholen und meine Geschichte erzählen.

Auf einmal war da Angst
Ich war noch keine zwölf Monate von zu Hause fort und absolvierte mein freiwilliges Jahr in einem Filmzentrum, denn ich wollte unbedingt Regisseurin werden und Dokumentarfilme drehen. Gerade zwanzig geworden, reiste ich gern in der Weltgeschichte herum, lud oft Freunde zu mir nach Hause ein und war bereit, die Welt zu erobern. Ich hatte viel vor im Leben und ahnte nicht, dass ich bald total ausgebremst werden würde. Jetzt im Nachhinein sehe ich die Vorboten meiner Angststörung ganz deutlich. So hatte ich mich ein paar Monate vorher intensiv mit dem Thema „Sterben“ auseinandergesetzt. Die aufkommende Verzweiflung über die eigene Endlichkeit hatte ich jedoch einfach weggedrückt. In Wahrheit rumorte aber ein lang anhaltendes Trauma in mir, das sich in meiner Kindheit durch meine gesundheitlichen Erfahrungen und zahlreiche Krankenhausaufenthalte entwickelt hatte.

An einem Tag im September saß ich ahnungslos bei der Arbeit, war am Computer beschäftigt, als ich plötzlich spürte, wie mein Herz stolperte. Das Blut begann in meinen Ohren zu rauschen, und mir war auf einmal ganz seltsam und benommen zumute. Instinktiv legte ich mich neben dem Schreibtisch auf den Fußboden, zittrig und verwirrt. Ich dachte, meine letzte Stunde sei gekommen. Mein Chef sah mich da liegen und meinte etwas ungehalten, dass ich doch im Ruheraum das Sofa nehmen solle, wenn ich mich nicht gut fühlte. Keine Ahnung, wie ich es dorthin geschafft habe. Da lag ich dann, vollkommen fertig mit der Welt – zutiefst aufgewühlt und unfähig, auch nur einen klaren Gedanken zu fassen. Ein guter Freund hatte sich neben mich gesetzt. Er schaute mich mit großen traurigen Augen an, weil er vielleicht ähnlich erschrocken und besorgt war wie ich. Wie man sieht, bin ich damals nicht gestorben. Ich wurde noch zum Arzt gefahren, der nur wenig einfühlsame Worte für mich übrig hatte, dann lag ich krankgeschrieben zu Hause in meinem Bett und telefonierte verheult mit meinem Freund. Das ist nun über zehn Jahre her. Inzwischen weiß ich, dass noch viel schlimmere und stärkere Panikattacken auf mich warteten, und dass ich auch diese überlebt habe.
Die Abwärtsspirale
Zum Studieren zog ich mit meinem Freund zusammen. Kaum hatten die Vorlesungen begonnen, sah ich mich wieder mit Panikattacken konfrontiert.

Die ganze Zeit beobachtete ich meinen Körper skeptisch, jede Regung, jede Abweichung von einer selbst festgelegten Norm wurde von mir registriert und überdramatisch interpretiert. Ich hatte Angst, dass etwas mit mir nicht in Ordnung sei. Dass ich vielleicht eine Krankheit hätte, die gefährlich sei. Dass ich nicht mehr lange zu leben hätte. Ich hatte solche Angst, bald zu sterben, obwohl mir jeder rein äußerlich wohl nur beste Gesundheit bescheinigt hätte. Ich versuchte mit aller Macht, meine Ängste zu verdrängen, aber sie tauchten immer wieder auf – und jedes Mal fühlte sich alles bedrohlicher an als vorher. Ich verstand diesen komischen Zustand, mich selbst nicht.
Ich klapperte alle möglichen Ärzte ab, weil ich sofort von meinen Sorgen befreit werden wollte. Die „Götter in Weiß“ waren zwar in der Lage, mich für kurze Zeit zu beruhigen, doch die Angst kehrte immer wieder.
In der Hoffnung auf eine Lösung ging ich zum Unipsychologen.
Der kleine Raum war muffig und wenig einladend. Der Mitarbeiter des Psychosozialen Diensts bot mir ein Glas Wasser an. „Wo drückt denn der Schuh?“ Stammelnd suchte ich nach Worten. Dann beschrieb ich ihm einfach meine letzte Panikattacke: Ich sitze im Hörsaal, höre den Professor über Emile Durkheim und soziale Normen referieren, als mich plötzlich der Schlag trifft.
Meine ich zumindest. Von einem Moment auf den anderen fängt mein Herz an zu rasen, mir ist total schwindlig, und es fiept im rechten Ohr. Ich ringe um Luft. Ich kriege eine Krise! Irgendwie schaffe ich es, meine Sachen zu packen und aus der Vorlesung zu fliehen. Draußen auf dem Gang sitze ich auf einer Bank und bin mir ganz sicher, dass ich ins Krankenhaus muss. Stattdessen fange ich an zu heulen. Soziale Norm bin ich schon mal nicht!
So kam ich ins Reden, meine Gefühle sprudelten nur so hervor. Der Unipsychologe hörte sich alles wenig beeindruckt an, nickte dann, als hätte er das alles schon einmal gehört, und sagte, er wolle mir mal einen Ratschlag geben. Ich setzte mich aufrecht hin, war gespannt, ja voller Hoffnung. Da meinte er trocken zu mir: „Duschen Sie kalt!“ Wie bitte? „Sie müssen einfach jeden Morgen kalt duschen. Der Rest legt sich von alleine.“ Er verabschiedete mich mit einem wohl freundlich gemeinten Zwinkern. Ich fühlte mich so rein gar nicht verstanden. Ich spürte ja, dass etwas nicht in Ordnung mit mir, mit meiner Psyche war.

Aber ich verlor den Mut nicht. Mir war klar, dass der Unipsychologe wohl nicht seinen besten Tag oder ich einfach das Pech gehabt hatte, an die falsche Person geraten zu sein. Denn ich wusste ganz sicher, dass ich professionelle Hilfe brauchte. Doch viele Psychologen haben eine so lange Warteliste, dass es schier zum Verzweifeln ist. Ich wollte jetzt einen Rat und nicht erst in acht Monaten! Ich recherchierte, bis mir der Kopf rauchte, und fand schließlich eine „Psychologin in Ausbildung“. Hier war sofort ein Termin frei, denn ich war ihre erste Klientin überhaupt – und sie meine erste Therapeutin. Mit ihr war es menschlich wunderbar, aber unsere Gespräche glichen mehr einem Kaffeekränzchen. Ich war so „clever“, recht bald herauszufinden, was ich sagen musste, damit die Therapeutin mit mir zufrieden war. Als sie mich fragte, wann ich denn mein Problem überwunden haben möchte, sagte ich im vollen Ernst: „Nächsten Sommer wäre schön!“ Meine ganze Misere begriff ich nur auf der Kopfebene. Wahrscheinlich war ich noch nicht bereit, mir die wirklich dunklen Stellen meines Seelenlebens anzuschauen.

Angst vermiest den Urlaub
Als mir meine Angststörung noch fast neu war, sah ich mich noch nicht gezwungen, Dinge anders als zuvor anzugehen. Ich machte weiter wie bisher und hoffte einfach, dass mich keine Panikattacke erwischen würde. So gesehen war das noch eine gute Zeit, da die Angst vor der Angst mich noch nicht in ein Vermeidungsverhalten getrieben hatte (und ich nur noch zu Hause verheult und Däumchen drehend herumsaß).
Also stand ich mir bei der Urlaubsplanung mit meinem Freund Micha und seinem besten Freund auch nicht selbst im Wege. Wir waren jung und abenteuerlustig, wollten so viel wie möglich sehen, hatten aber natürlich kaum Geld in der Tasche. Unsere Wahl fiel auf Italien. Wir hatten nicht lange überlegt, wo genau wir eigentlich hinwollten. Ganz nach dem Motto: Hauptsache, in die Toskana und ans Mittelmeer! Die Zusagen der Couchsurfer bestimmten unsere Route: Dort, wo wir bleiben dürften, würden wir auch landen. Nach einem regen E-Mail-Verkehr mit einer Handvoll Leuten stand unser Reiseziel endlich fest: auf nach Marina di Grosseto!

So tourten wir – vollbepackt mit schweren Rucksäcken, an denen Isomatte und Sonnenhut baumelten – mit dem Schönen-Wochenende-Ticket von Nord nach Süd quer durch die Republik und übernachteten ausschließlich auf Sofas und Klappbetten. Je weiter südlich wir kamen, desto geringer wurde der Komfort der Bleibe – was uns aber kein bisschen störte. Zumal die unbequemsten Übernachtungsstätten seltsamerweise immer von den großzügigsten und herzlichsten Menschen zur Verfügung gestellt wurden. In München zum Beispiel durften wir unser Quartier noch in einem Gartenhäuschen beziehen. Der Altersunterschied zu unseren Gastgebern allerdings bewirkte wohl, dass wir kaum gemeinsame Interessensgebiete entdecken konnten. Die Gespräche plätscherten höflich vor sich hin, aber so richtig warm wurde leider keiner mit dem anderen. Nachdem wir Italien erreicht hatten, bestand unsere Unterkunft im vom Verkehr überfüllten Padua hingegen lediglich aus einem Durchgangszimmer – dafür bereitete uns Gastgeber Roberto eigens Sushi zu, und es gab viel zu erzählen und zu lachen.
Tags darauf setzten wir unsere Fahrt mit dem Bus fort. Die Fenster standen offen und ließen eine weiche frische Brise durch unsere Haare wehen. Ansonsten war es heiß und sonnig. Die dunstblauen Hügel am Horizont, einzeln stehende, sich zwischen Zypressen schmiegende lachsrosa Landhäuser und vorbeiziehende Sonnenblumenfelder machten klar, dass wir in der Toskana angekommen waren. In Marina di Grosseto erwartete uns Federico, ein Bär von einem Mann, wie aus der „Baywatch“-Serie entsprungen: Er lief stets mit roten Badeshorts und freiem – natürlich muskulösem und sonnengebräuntem – Oberkörper herum. Um seine Hüfte trug er lässig eine Gürteltasche. Sein Haar war kurz geschoren und sein Gesicht geprägt von einem strahlend weißen, ständigen Lächeln. Eigentlich hatte er Bildhauerei an der Kunstakademie in Mailand studiert. Nun aber machte er seinen lang gehegten Traum wahr: Direkt an der Promenade, direkt am Strand sollte ein Beach Resort entstehen, mit Restaurant, Badezubehör-Verleih und Strandduschen. Der Rohbau stand schon, der Wasseranschluss war bereits gelegt – aber Türen gab es noch keine. Und wir durften bereits vor der Eröffnung darin übernachten. Was für ein Glücksgriff!
Zunächst einmal galt es, das Gepäck abzustellen und die Gegend zu erkunden. Der Strand wirkte wie aus einem Urlaubsprospekt: Liegen so weit das Auge reichte! Jeder Strandklub hatte seine eigenen Stühle und Schirme, die sich alle farblich von den anderen unterschieden. In unserem Bereich waren die weiß-gelb gestreiften Schirme, direkt neben den lilafarbenen des Nachbarn. Vom schönen Sandstrand selbst war nicht mehr viel übrig, fast bis ans Wasser war der Küstenstreifen mit Liegestühlen zugepflastert. Dazwischen Volleyballnetze, kleine hölzerne Wachtürme der Rettungsschwimmer und Kinderspielplätze mit Plastikrutschen. Unseren Nachmittag verbrachten wir damit, Melonen zu essen, am Ufer zu planschen und durch den Ort zu streifen. In dieser Holiday-Atmosphäre hätte ich eigentlich entspannt und gelassen sein können – so wie die anderen um mich herum. Doch entlang der Strandpromenade wurde ich immer wieder von unguten Gefühlen eingeholt.

Vor meinen Augen verschwammen die Konturen der Umgebung. Alles drehte sich in meinem Kopf, als würde ich gleich in Ohnmacht fallen. Ich war wie gehetzt, ohne dass ich einen Grund dafür erkennen konnte. Während die Menschen um mich herum dahinbummelten, nach Sonnencreme rochen und ihr unbeschwertes Urlaubslachen erklingen ließen, starb ich innerlich tausend kleine Tode. Der Kampf gegen die immer wieder aufkeimende Panik erschöpfte mich. Damals kam mir nicht einmal im Traum in den Sinn, den anderen von meinem inneren Zustand zu erzählen. Ich machte alles mit mir aus, biss die Zähne zusammen und ließ nichts von meiner Überforderung durchblicken.
Am späten Abend lud uns Federico noch auf eine Pizza ein. Wir saßen auf den knallbunten Plastikstühlen auf seiner steinernen Veranda, umsäumt von riesigen Blumenpötten mit Sukkulenten und Palmfarnen, den Blick direkt aufs Meer. Meine Freunde und er tranken: Ein Bierchen löste das andere ab, es wurde gewitzelt und erzählt und diskutiert. Ich jedoch war müde. Der Abend war nett, aber ich konnte einfach nicht mehr. Ich war froh drum, nicht alleine zu reisen – so konnte ich die Gespräche meinen Freunden überlassen. Schließlich verabschiedete Federico sich, indem er uns noch seine Telefonnummer – „für alle Fälle“ – notierte und ließ uns in seinem offenen Haus allein. Nachts war der Strand grell beleuchtet, riesige Strahler wie von einem Fußballstadion erhellten die ganze Umgebung. Die Liegestühle lagen in Reih und Glied, daneben standen die zugeklappten Sonnenschirme Spalier. Wir räumten unsere Isomatten in eine Ecke im Obergeschoss, schlüpften in die Schlafsäcke und freuten uns auf eine erholsame Nacht. Doch es sollte anders kommen.
Mitten in der Nacht schreckten wir plötzlich hoch, weil unten im Haus Geräusche zu vernehmen waren. „Hörst du das? Da ist doch wer!“, zischte mein Freund und stieß mich an. Ich habe sowieso einen leichten Schlaf und war daher augenblicklich hellwach. Wir lauschten angestrengt. Etwas polterte, zwei Männer unterhielten sich auf Italienisch. Der Lichtschein einer Taschenlampe erfasste den Treppenaufgang. Gleich würden sie hier oben bei uns sein. Mein Freund setzte sich kerzengerade auf, sein Kumpel schaute verwirrt aus der Wäsche, ich selbst blieb wie unbeteiligt liegen. In diesem Moment erreichten die Italiener unseren Schlafplatz. Sie hatten sichtlich nicht mit uns gerechnet, denn mit einem Mal schrien sie wild und erschrocken herum und hatten ihre Hände schon an den Waffen, die sie im Gürtel trugen. Es dauerte ein paar Sekunden, bis wir begriffen, dass das irgendeine Art Sicherheitspersonal war, auf seiner nächtlichen Patrouille. Die Männer redeten laut und hektisch auf uns ein, wovon wir natürlich kein Wort verstanden. Mein Freund versuchte, sich auf Englisch zu erklären, und hob beschwichtigend die Hände. Als die Streife unsere deutsche Herkunft erkannte, ließ der Druck auf uns augenblicklich nach. Einer der beiden versuchte sogar, bei seinem Kollegen Eindruck zu schinden, und sprach uns auf Deutsch an. Doch konnten wir beim besten Willen kein Wort verstehen. Wir erklärten die Situation, gaben ihnen Federicos Nummer zum Beweis, mussten noch unsere Pässe vorweisen, dann ließen sie uns endlich in Ruhe. Was für eine Nacht! Nachdem wir das Geschehene noch einmal durchgekaut und analysiert hatten, siegte endlich die Müdigkeit, und wir rollten uns wieder in unsere Schlafsäcke zusammen.

Bemerkenswert für mich an der Erfahrung war, dass ich draußen beim Promenadenbummel mehr Ängste gehabt hatte als hier in einer wirklich brenzligen Situation. Mein Freund war sichtlich mitgenommen und gestresst – ich allerdings blieb die Ruhe in Person, ohne die geringste Sorge, dass uns etwas geschehen könnte. In einem Moment, in dem Panik vielleicht sehr gut nachvollziehbar gewesen wäre, blinzelte ich nur und rieb verschlafen meine Augen, während meine Freunde eilends zu ihren Rucksäcken liefen, um die nötigen Dokumente zusammenzusuchen. Rückblickend wurde mir später klar, dass meine Ängste vor allem nach innen gerichteter Natur waren: Ich selbst, mit meinem Misstrauen in meinen Körper, war mir der Feind, die Bedrohung. Meine äußeren Umstände meinte ich immer mitsteuern zu können und glaubte, dadurch irgendwie die Kontrolle zu behalten – nur das, was in meinem Körper vorging und mir so dermaßen Angst machte, schien nicht im Mindesten von mir beeinflussbar zu sein.

Gar nichts geht mehr
Aus meinem Tagebuch:
Ich bin ausgepowert, kraftlos und müde, weine die ganze Zeit. Ich schreie und schluchze. Meine Beine sind lästige Bleiklumpen. Ich steh nicht gerne, ich beweg mich nicht gerne. Im Liegen allerdings überkommen mich alle Gefühle – ich bin allein im großen stürmischen Ozean. Wellen drohen mich zu erschlagen, und ich gebe mir alle Mühe, nicht zu ertrinken, schnappe verzweifelt nach Luft.
Ich bin eigentlich nur noch ein einziger verzweifelter Schrei nach Hilfe. Ich möchte weglaufen und all das Quälende von mir abschütteln. Doch es ist, als wäre ich unter einer dumpfen Glasglocke gefangen, als hätte mich eine eisige starre Hand gepackt und ließe mich nicht mehr los.

Durch den Dauerstress und die ständigen Panikattacken (ich hatte aufgehört zu zählen) wurde ich nach und nach immer labiler. Ich aß nicht genug und weinte viel, sodass ich bald wie ein Hungerhaken aussah. Mir fiel das erst auf, als eine Freundin mich darauf aufmerksam machte. Anfangs versuchte ich noch, mein Leben so weiterzuleben wie zuvor.
Doch nach und nach ließ ich alles bleiben, was mich in Angst versetzte – oder in Angst versetzen könnte. Der Gang zum Supermarkt wurde zur Qual, die Universität sah ich nur noch selten von innen. Freunden sagte ich immer wieder ab, bis sie nicht mehr nach einem Treffen fragten, und ich wurde einsam und zutiefst verzweifelt. Das alles passierte im ersten Jahr meiner Angststörung. Dann kehrte mein Freund eines Tages früher als geplant von seinem Zivildienst nach Hause zurück und erlebte zum ersten Mal einen meiner Nervenzusammenbrüche mit. In diesem Moment wurde ihm erst klar, wie ernst mein Zustand eigentlich war, von dem ich immer nur erzählt hatte, als wäre es eine vorübergehende schlechte Stimmung. Kurzentschlossen half er mir, eine psychotherapeutische Klinik zu finden, die mich dann auch zwei Monate später aufnahm. Zunächst war es eine unglaubliche Entlastung für mich, nicht mehr „funktionieren“ zu müssen. Ich stellte fest, dass es mich unheimlich Kraft gekostet hatte, mein „Soll“ im System zu erfüllen, Leistung zu erbringen, das zu tun, was von mir erwartet wurde, obwohl ich keine Energie dafür hatte. Ich hatte mich jeden Tag als Versager gefühlt, wenn ich es nicht mehr in die Uni schaffte. Nun war ich von den gesellschaftlichen Verpflichtungen losgelöst, in einer kleinen Blase von Schutz und Sicherheit. Ich musste mich nicht mehr um meine täglichen Aufgaben kümmern, mir keine Gedanken um Essenszubereitung, Einkauf oder Studium mehr machen. Ich durfte einfach da sein und mich meinem seelischen Ballast und meiner Genesung widmen. Zu Beginn weinte ich unglaublich viel, fühlte mich wie in einem Meer von Tränen. Durch die angebotenen Therapien lernte ich allmählich, die psychologischen Muster hinter meinen Panikattacken zu verstehen.
Auf der Suche nach Lösungen
Die zwei Monate in der Klinik waren überaus wichtig für mich und legten den Grundstein für meine spätere Heilung. Doch ich muss zugeben, dass es nach der Klinik leider nicht aufwärtsging, sondern erst noch tiefer abwärts.

Mein Vermeidungsverhalten wurde grenzwertig, ich verließ kaum noch die Wohnung und litt unter Brechanfällen, wenn die Angst zu groß wurde. Meine körperlichen Probleme summierten sich: unerträgliche Rückenschmerzen, ständige Verdauungsbeschwerden, immer wieder Hautprobleme … ganz zu schweigen von monatelangem Herzstolpern. All das raubte mir den letzten Nerv. Ich war ein Wrack und kämpfte mich irgendwie durch die Tage.
Mein Zustand verbesserte sich erst allmählich mit dem Wechsel zu einer neuen Therapeutin. Sie fing mich nicht nur auf und gab mir Halt, sondern sie hielt mir auch den Spiegel vor und rückte meine Selbstverantwortung in den Mittelpunkt. Nach jeder Therapiestunde ging ich gestärkt und mit neuen Erkenntnissen nach Hause, und ich bin ihr bis heute unendlich dankbar. Ich lernte all die Situationen erkennen, in denen ich mir selbst nicht treu war; Situationen, in denen ich meine eigenen Bedürfnisse überhörte – zugunsten anderer. Gleichzeitig begriff ich langsam, dass die Angst in diesen Momenten eine Art unangenehmer Freund von mir war, der mich wachrütteln und mir helfen wollte.

Der Traum vom Reisen
In all den Jahren meiner Angstzustände habe ich nie aufgehört, Bücher und Blogs von Leuten zu lesen, die um die Welt reisten. Für mich war deren Leben der absolute Gegensatz zu meinem eigenen. Ich wollte so werden wie sie: frei und lebensfroh und mutig. Voller Abenteuerlust, Stärke und Entdeckerdrang! Jedoch: Irrte ich mich vielleicht? Ja, auf den ersten Blick wirken Weltreisende mutig und völlig unkompliziert. Ich bin mir aber inzwischen sicher, dass viele von ihnen ihr ganz eigenes Päckchen zu tragen haben. Stete Rastlosigkeit, die Suche nach Sinn und Identität im Außen, Bindungsängste und ein unbewusstes Getriebensein sind nur ein paar Punkte, die mir dazu einfallen. Nicht jeder, der frohgemut durch die Welt reist, ist automatisch auch mutig. Im Gegenteil! Mutig ist nicht, wer keine Angst verspürt (denn der hat es ja in diesem Punkt viel leichter). Mutig bist du, wenn du dich trotz deiner Angst auf den Weg machst. Wenn du Dinge wagst, von denen du weißt, dass sie dich weiterbringen.
Einmal fragte ich mich, woran ich eigentlich erkennen könne, dass ich meine Angststörung überwunden hätte. Und für mich war die Antwort ganz klar: Ich würde wieder auf Reisen gehen! Ich setzte mir ein Ziel, auf das ich schrittweise hinarbeiten wollte. Zuerst ein paar Touren mit dem Rad aus meinem gewohnten Radius hinaus, dann ein kleiner Wochenendurlaub hier und da. Am Ende stünden eine angstfreie Gabi und ein prächtiges Segelabenteuer! Zu der Zeit war meine Schwester viel auf See, und womöglich wollte ich ihr nur in ihrer Stärke nacheifern. Segeln zu gehen, mit anderen Leuten auf ein Schiff gepfercht, keine Möglichkeit zu entkommen und der riesige gefährliche Ozean unter mir – das war im Augenblick absolut unvorstellbar. Aber ich schwor mir: Eines Tages würde ich segeln gehen, ich würde mir damit selbst beweisen, dass ich zu allem in der Lage war! Tatsächlich aber waren die Dinge nicht so einfach, wie ich mir das ausgemalt hatte. Ich musste lernen, dass diese angstfreie, abenteuerlustige Heldin, die ich sein wollte, im Grunde nur eine kindische Illusion darstellte. Dass meine Ängste sich nicht eines Tages in Luft auflösten und ich fortan stark und frei durch die Welt zöge, sondern dass sie im Gegenteil an mir klebten wie Pech und Schwefel. Dass meine eigentliche Aufgabe vielleicht war, sie erst einmal wahrhaftig kennen- und akzeptieren zu lernen, bevor ich sie eines Tages wirklich verabschieden könnte. Trotzdem habe ich mein Versprechen an mich selbst gehalten und bin – allerdings erst Jahre später – wirklich auf eine Segelreise gegangen! (Siehe Kapitel „Meine Angst und die anderen → Und ich will segeln gehen“)

Die Reise deines Lebens
Von welchen Reisen spreche ich also in diesem Buch? Zum einen geht es natürlich um die klassische Reise, um das Abenteuer, unterwegs zu sein. „Ich packe meinen Koffer, und was nehme ich mit?“ Ich gebe dir eine Handvoll Tipps, wie es für dich trotz Ängsten, Muffensausen und Stress möglich sein wird, kleine und große Reisen zu unternehmen.
Im Grunde findest du die Angst vor dem Reisen jedoch auch überall im Alltag: als eine Angst vor Veränderung, vor dem Neuen und Unbekannten. Dieses Buch ist also zum anderen auch ein Ratgeber für die generelle Unsicherheit neuen Herausforderungen gegenüber. Es hilft dir bei einer ganz konkreten Reise, die du planst oder von der du zumindest träumst. Du kannst aber auch alle Tipps und Geschichten im übertragenen Sinne verstehen: indem du dich deiner individuellen Lebensreise stellst, die Reise in dein Inneres wagst und dadurch die Veränderungen im Außen auch zu begrüßen lernst. Alles, was an neuen Aufgaben auf dich zukommt, kann dir Angst machen – oder aber dein Leben bereichern, weil du daran wächst!

Auf zur Reise! Fertig? Los!
„Du sagst, du seist nicht reif genug.
Ja, willst du denn warten, bis du verfaulst?“
Jules Renard

Aus meiner kleinen begrenzten Welt – mit einem Aktionsradius von kaum zehn Kilometern – half mir eines Tages mein guter Freund Olli heraus. Er hatte einen Job für mich, und ich war mutig genug, dieses Angebot anzunehmen. Wenn sich eine Tür in deinem Leben öffnet und du es wagst, durch sie hindurchzugehen, öffnen sich durch diesen Schritt wieder neue Türen – Möglichkeiten, von denen du nie etwas geahnt hast! Du kannst also, sinnbildlich gesprochen, nicht in den übernächsten Raum gelangen, wenn du stehen bleibst und einfach nur die Hände in die Taschen steckst. Für den neuen Job musste ich umziehen, meine alte „sichere“ Welt hinter mir lassen und mich sozusagen häuten. Und nur dadurch, dass ich dieses Neue wagte, führe ich jetzt das Leben, das ich kenne. Denn durch diese neue Arbeit, den neuen Lebensort habe ich den Großteil meiner Freunde kennengelernt, die ich heute zu meinen größten Schätzen zähle. Und mit ihnen eröffneten sich mir wieder neue Sichtweisen und Lebensmöglichkeiten! Viele meiner Freunde scheinen für ein Leben als Backpacker und Weltenbummler wie geschaffen zu sein. Mit Freude und einer unendlichen Lust, die Welt zu entdecken, machen sie sich immer wieder, sogar bis in die entlegensten Winkel der Erde, auf. Sie gehen den Jakobsweg, trampen ein Jahr durch Kanada, klettern in mir unbekannten Gebirgen Bulgariens, streifen wochenlang einsam durch Grönland oder arbeiten auf einer Hühnerfarm in Australien: An Vorbildern fehlte es mir definitiv nicht mehr! Dann kehren sie heim, übervoll mit Erlebnissen und Eindrücken, und sind sichtlich bereichert, glücklich und dankbar. Ich wollte immer alle Fotos sehen und jede Geschichte hören, um auf diese Weise wenigstens ein klein wenig von dem zu kosten, was da so abenteuerlich und aufregend klang. Aber sie konnten ja nicht alles auf einmal berichten. Und wie viele Eindrücke blieben unerwähnt? Wie viel mehr Gesehenes und Erlebtes steckte noch hinter ihren Erinnerungen? Ich bekam Hunger auf mehr, Durst nach eigenen Erfahrungen. Eine Sehnsucht ergriff mich. Ich spürte, dass mir das Korsett meiner Angst zu eng geworden war. Doch wie und wohin den ersten Schritt tun? Konnte ich planmäßig mutiger werden? Noch immer war für mich selbst die Fahrt in die nächste Stadt mit Stress und Angstgefühlen verbunden.

Die kleinen Reisen vor der großen Reise
„Alles muss klein beginnen.
Lass etwas Zeit verrinnen.
Es muss nur Kraft gewinnen.
Und endlich ist es groß!“
aus einem Kinderlied von Gerhard Schöne

In mir wohnt ein Tiger. Als er klein war, fauchte er mal fürchterlich, sodass ich ihm schnell etwas zu fressen gab, damit er nicht noch seine Krallen ausfahren würde. Er fraß zufrieden und konnte wachsen. Jedes Mal, wenn er seine Zähne zeigte oder fauchte, gab ich ihm etwas zu fressen, und er wurde immer größer und furchteinflößender. Der Tiger war meine Angst. Wenn sie in mir fauchte, gab ich ihr schnell, was sie verlangte: Heute gehe ich lieber nicht in die Stadt, ich habe ja Angst. Jetzt lasse ich es lieber bleiben, ins Theater zu gehen, dort fühle ich mich sicher unwohl. Und jedes Mal, wenn ich meiner Angst nachgab, konnte sie größer werden. Jedes Mal fütterte ich mit meinem Vermeidungsverhalten meinen Angsttiger. Wie gut, dass ich irgendwann lernte, nicht länger auf ihn zu hören. Dann faucht er so vor sich hin, und ich merke, wie er unruhig in mir umherläuft. Tiger, werde zum Kätzchen!

Nachdem ich jahrelang sehr tief in meinen Ängsten und dem mir selbst geschaffenen Gefängnis festgesteckt hatte, brachen allmählich nach und nach die starren Strukturen auf. Ich traute mich immer öfter zu einer Unternehmung, folgte spontanen Eingebungen und steckte meine Nase immer wieder aus meiner sicheren Höhle heraus. Dabei traf ich auf eine unglaubliche Ambivalenz in mir. Einerseits wollte ich rauskommen, loslegen, mich weiterentwickeln – doch wenn ich die Herausforderungen wagte, fühlte es sich nicht immer gut an. Ich war dann auf meinem Besuch in der Stadt oder bei einer Veranstaltung die ganze Zeit einfach nur angespannt. Eine Nervosität hielt meinen Körper gefangen. Ich schwitzte wie ein Hochleistungssportler, sobald ich auch nur zur Unternehmung startete. Das war mir sehr unangenehm. Und vor Ort war ich vor allem damit beschäftigt, die ganzen Panikgedanken abzuwehren, die sich meiner bemächtigen wollten. Anstelle die Gegenwart zu genießen, den Augenblick zu erleben, den ich doch so herbeigesehnt hatte, kämpfte ich pausenlos mit meiner Innenwelt. Jede körperliche Empfindung wurde überinterpretiert. Ich nahm meinen Körper wie unter einer Lupe wahr. Mein Arm juckte, oder der Nacken war so seltsam steif. Das machte mir Angst. Ich war so furchtbar angespannt, dass mich jede Regung meines Körpers aus dem Konzept brachte. Dann entspannen sich unfreundliche Dialoge in mir, die in etwa so aussahen:

Oh Mann, ich hab Angst. Warum drückt das da nur so?
Einfach ignorieren! Konzentrier dich darauf, was der andere sagt!
Das Drücken geht nicht weg. Ich will nach Hause. Wann kann ich endlich weg?
Halt den Mund, sei endlich still. Lass mich doch mal in Frieden. Das hier ist doch grad spannend, stell dich nicht so an!
Wozu bin ich überhaupt hier? Was soll das? Hab ich echt geglaubt, ich könnte ein schöneres Leben haben? Ist doch zwecklos, ich bin halt viel zu labil.
Quatsch. Du schaffst das. Hab dich nicht so.
Aber es drückt so! Hört das denn nie auf? Was bedeutet das bloß? Vielleicht ist das ein schlechtes Zeichen? Ist mir nicht auch irgendwie heiß? Ist mir nicht schwindlig? Was, wenn ich auf einmal keine Luft mehr bekomme?
Wirst du wohl deine Klappe halten.

Wie lieblos ich mit mir umging! Wie wenig Verständnis ich meiner unsicheren, ängstlichen Seite gegenüber hatte. Ich wollte funktionieren. Wollte gelassen und fröhlich sein, stark und selbstbewusst. Meine Angst war nur der störende Faktor, der alles vermasselte. Ich hasste das. Es war wie eine laute Sirene in meinem Kopf, die ich einfach nicht abstellen konnte – dabei wusste ich es doch eigentlich inzwischen schon besser! Dieses extreme Aufgeregtsein kostete immer meine ganze Kraft. Am Ende kam ich ausgelaugt nach Hause zurück und war froh, wieder in meinen sicheren vier Wänden zu sein.
Es dauerte einige Zeit, bis Ruhe in mein Seelenleben eingekehrt und ich wieder zu Kräften gekommen war. Dann ging der ganze Spaß von vorne los. Ich saß zu Hause und war frustriert. Mein Leben langweilte mich. Es passierte nichts Neues. Auf irgendwelchen Blogs oder in Büchern las ich von Menschen, die ihr Leben zu rocken schienen, nur ich versauerte auf meinem Sofa oder hinterm Computerbildschirm. Ich schaute Filme und Serien und ließ die Protagonisten an meiner statt Abenteuer erleben. Ich hatte immer mehr das Gefühl, mein Leben zu verpassen. Und das drückte auch noch auf meinen Selbstwert. Dann flackerte eine neue Idee in mir auf, der Unternehmungswille wurde wieder angefacht, und ich nahm mir den nächsten Ausflug vor.
Da ich aus den vorherigen leidlichen Erfahrungen aber wusste, dass ich wohl nicht alles superentspannt genießen würde, fing die Panikmache also grundsätzlich bereits vor den kleinen Abenteuern an. Ich zerdachte mir alles. Ich machte alles kompliziert, sah überall Probleme und mögliche Stolperfallen. Wo würde ich das Richtige zu essen finden? Würden vielleicht viel zu viele Menschen um mich herum sein? Was, wenn ein Zug ausfiele? Mir fehlte die Sicherheit, dass ich vor Ort schon eine passende Lösung für mich finden würde. So quälte ich mich auch mit der Vorstellung der Überforderung bei Ausflügen in einer Gruppe. Auf der einen Seite glaubte ich, kein Recht dazu zu haben, meine Bedürfnisse zu befriedigen. Wenn ich zum Beispiel spüren würde, dass ich eine Pause brauchte, wüsste ich nicht, was dann zu tun wäre. Ich könnte doch nicht einfach aufstehen und aus dem Raum gehen! So plagte ich mich bei dem Gedanken, völlig unfrei und dem Willen der Gruppe total ausgeliefert zu sein. Auf der anderen Seite stresste mich die Vorstellung, mich in der Konsequenz immer an die Bedürfnisse der andern anpassen zu müssen. Der Rebell in mir kapitulierte, schon bevor es zu einem Konflikt kam! Ich dachte, ich dürfe nicht tun, was mir guttue, weil ich schief angesehen werden würde. Dass dann Sprüche kämen wie „Stell dich nicht so an“ oder „Madame Extrawurst“. Ich hatte gelernt, dass es wichtig war, nicht aus der Norm zu fallen, kein großes Aufsehen zu erregen, am besten so zu sein, wie alle waren. „Normal“.
Heute weiß ich: Diese anstrengenden Erfahrungen mussten sein. Der Weg führte genau durch diesen Kampf hindurch. Er war dazu da zu lernen, zu mir zu stehen. Zu lernen, dass ich ein Recht auf meine Pausen, meine Bedürfnisbefriedigung hatte, wie jeder andere auch. Ich durfte was essen, wenn mir danach war. Ich durfte mir einen Berg voll Proviant mitnehmen, wenn mir das Sicherheit gab! Ich musste begreifen, dass ich nicht „aus der Reihe tanzte“, wenn ich den Mut hatte, auf mich zu hören, und mir das gab, was ich brauchte. Dass vielleicht die Menschen in meinem Umfeld diese Normen zu haben schienen, aber dass eine Norm nicht deswegen auch gleich richtig und gesund sein musste. Dass ich meinen eigenen Weg gehen konnte. Die Gelassenheit, die ich dabei entwickelte, half mir auch, neue andere Freunde zu finden, die mich nicht schief dafür ansahen, wie ich war, sondern mein Verhalten erleichtert zum Anlass nahmen, nun ihrerseits auf ihre Bedürfnisse zu hören. Wie wohlwollend wir auf einmal alle miteinander und mit uns selbst umgingen!
Die kleinen Unternehmungen, die Erkundungen der Umgebung, jeder einzelne Ausflug waren ein Puzzlestein auf meinem Weg. Ich baute mir ein stabiles Fundament, von dem aus ich später Reisen starten könnte. Im Prozess selbst fühlte es sich nicht so an, als würde ich vorankommen. Oft behielt die Angst die Oberhand, und meistens ärgerte ich mich darüber. Aber da war stets auch der gute Nachgeschmack, unterwegs gewesen zu sein. Es blieb die gute Erinnerung an das Erlebte, und die Erfahrung der Angst verblasste darin immer. Ich befreite mich Stück für Stück aus ihrem lähmenden Griff und lernte, dass mein treuer Begleiter namens Angst nicht halb so gefährlich war, wie er ausschaute.

Angst zu versagen
Vielleicht stehst du gerade vor dem Antritt deiner Reise und fragst dich: „Was, wenn ich’s nicht packe? Was, wenn mir alles zu viel wird? Wenn ich vor Ort feststelle, dass ich gar nicht mehr reisen will?“
Das ist doch super, dass diese Fragen in dir auftauchen. Es ist genau richtig, dass du dich mit ihnen beschäftigst. Fragen zu stellen bedeutet, dass du auf dem besten Weg bist, Antworten zu finden. Du bist gerade dabei herauszufinden, ob du fürs Reisen geschaffen bist. Dabei lernst du dich selbst ein Stückchen besser kennen. Das heißt, dass du offen für Entwicklung und nicht innerlich erstarrt und unlebendig bist. Versuche, Geduld mit dir zu haben und den Prozess und die Ungewissheit in dir freudig anzunehmen. Du findest gerade wieder ein bisschen mehr heraus, wer du eigentlich bist.

Wenn dich ein Rückschlag plagt oder dich die bloße Befürchtung eines möglichen „Scheiterns“ zurückhält, will ich dir folgende Dinge mit auf den Weg geben:
Du musst niemandem etwas beweisen
Nun hast du nicht geschafft, was du dir so sehr gewünscht hast, und fühlst dich vielleicht gerade als ein kompletter Versager. Plagt dich die Frage, was die anderen nun von dir denken? Ist es dir peinlich einzugestehen, dass das, was du dir vorgenommen hast, in dieser Form für dich nicht durchführbar war? Mach nicht den Fehler, dich und deine Person mit dem zu verwechseln, was du tust oder eben nicht schaffst. Du bist nicht deine Leistung. Wenn du dein Selbstwertgefühl von dem abhängig machst, was du erreichst, machst du dich selbst nur unglücklich. Dann empfindest du Erfolg als Aufwertung und setzt deinen Wert herab, wenn du eine Aufgabe „nicht bestehst“. Du existierst aber völlig unabhängig von deinem Schaffen. Deine Freunde lieben dich nicht für das, was du tust, sondern für das, was du bist und wie du bist. Zeige ihnen offen, was in dir vorgeht und warum das mit der Reise nicht geklappt hat. Du wirst staunen, mit wie viel Verständnis sie dir begegnen werden. Wenn du nun auf Reisen an deine Grenzen stößt, kannst du entweder an den trügerischen Anforderungen an dein Selbstbild festhalten und dir damit Aufgaben auferlegen, die dich überfordern. Oder du bist bereit, dieses Selbstbild deinem wahren Ich mehr anzupassen. Arbeite nicht gegen dich, sondern blicke liebevoll auf dich selbst. Erlaube dir, so zu sein, wie du bist, und nicht, wie du gerne wärst.
Welches Bild entsteht in dir, wenn du dich als Weltenbummler siehst? Du stellst dir vielleicht einen selbstbewussten, starken Menschen vor, der weiß, was er will. Jemanden, der wahrhaft frei ist. Aber bist du überhaupt frei, wenn du dich partout an etwas klammerst, das du dir vorgenommen hast? Nur aus Angst, dass sonst das schöne Bild von dir zerstört würde oder Risse bekäme? An etwas festzuhalten, was einem im Grunde nicht guttut: Wo ist denn da die Freiheit? Wahre Stärke ist doch, sich einem Zwang nicht zu beugen! Lass das Wunschbild los, das dir nicht dient. Steh zu dir. Du brauchst keine Reise durchzustehen, nur um dir (oder irgendwem) etwas zu beweisen.

Sich ins Leben wagen
Irgendwie bist du unzufrieden, etwas nagt an dir. Spürst du, dass du dein eigentliches Potenzial nicht entfaltest, dich zurückhältst, auf Sparflamme lebst? Ja, deine Angst hält dich gefangen, du machst dich mit deiner Angst kleiner, als du bist. Angst ist aber auch kein „Spaziergang“. Im Grunde bist du schon allein dadurch mutig, ihr immer wieder im Alltag zu begegnen und dich tagtäglich mit ihr auseinanderzusetzen. Und siehe da, du lebst noch! Wie wäre es, wenn du dir nun auch Abenteuer suchst, die eine Herausforderung außerhalb deines Selbst darstellen?
Die Sehnsucht nach dem Reisen ist nach meiner Erfahrung eigentlich ein ganz allgemeiner Hunger nach Leben. Natürlich, wir sind nicht hier auf Erden, um alles zu verschlafen. Wir wollen Erfahrungen sammeln, wachsen, Neues lernen. Dazu musst du nicht gleich auf eine Weltreise gehen. Auch im Alltag finden sich überall Wachstumsmöglichkeiten. Und zwar immer dort, wo du außerhalb deiner Komfortzone bist – dort geschehen auch die kleinen und großen Wunder, die Gänsehautmomente und die unerwarteten Lernschritte.
Wenn du diese Herausforderungen angehst, auslebst, wenn du es wagst, aus deinem bekannten Einerlei auszusteigen, wird dich das nach und nach auf eine größere Reise vorbereiten.
Es heißt, der Weg aus der Angst führe direkt durch die Angst hindurch. Das bedeutet, dass du lernen kannst, dem Leben und deinen Ängsten gewachsen zu sein.

Raus aus deinem Schneckenhaus!
Versuche, im Kleinen zu üben: Welchen Dingen weichst du aus, was traust du dir nicht zu? Mach eine Liste und arbeite sie ab. Das kann nach außen hin etwas scheinbar ganz Banales sein – etwas, bei dem du bisher immer gedacht hast: Aaach, lieber nicht.

Hier ein paar Ideen – deiner Kreativität sind keine Grenzen gesetzt!
●kulinarische Besonderheiten testen, trotz der Angst, dass es vielleicht eklig oder seltsam schmeckt (z. B. Muscheln, Insekten)
●dich einem Tier annähern, vor dem du Angst hast (z. B. einen Hund im Park streicheln – frag aber auf jeden Fall vorher den Besitzer –; eine Vogelspinne auf der Hand halten; Tiere im Heimtierpark füttern)
●die Angst vor Schmerzen bewusst angehen und aushalten (z. B. endlich einen Termin beim Zahnarzt wahrnehmen; einen Ohrring stechen lassen; Blut oder Plasma spenden; bei einem Imker helfen)
●eine andere Gesprächsführung ausprobieren (z. B. mehr zuhören, wenn dir Schweigen schwerfällt; oder im Gegenteil: mit Absicht mehr von dir erzählen, wenn du dann normalerweise nervös wirst)
●dich ganz auf dich selbst verlassen (z. B. dein Handy einen Tag lang zu Hause lassen; auf einen längeren Spaziergang kein Wasser mitnehmen)
●längere Strecken Auto fahren (und am Zielort etwas Schönes erleben) oder mit dem Auto mal zu einer verkehrsstarken Zeit unterwegs sein
●auf Menschen zugehen (z. B. mit einem Obdachlosen reden; einen sympathischen Menschen auf einen Kakao einladen; fremden Leuten zulächeln)
●neue Aktivitäten ausprobieren (z. B. Meditationsabend, Trampolinspringen, Tauchen lernen, Bouldern oder Klettern, Inlineskaten oder Surfen)
●mal etwas „Verrücktes“ tun (z. B. Haare färben; mit einem Segelflugzeug fliegen oder eine Ballonfahrt machen; frühmorgens aufstehen, um den Sonnenaufgang zu sehen; mit geschlossenen Augen umherlaufen; dich als Aktmodell in einer Kunstklasse zur Verfügung stellen)
●alleine unterwegs sein (z. B. im Theater, im Kino, in einem Café oder Restaurant, auf einer großen Veranstaltung mit vielen Leuten, bei einer Konferenz oder in einem Seminar)
●anderen Leuten auffallen (z. B. einen Vortrag halten, in der Öffentlichkeit tanzen, beim Karaoke mitmachen)

Indem du dir bewusst immer wieder Herausforderungen suchst, wird dein Leben fast wie von selbst aufregend und abenteuerlich. Du spürst, wie du mutiger wirst, mehr wagst, dir mehr zutraust, sicherer in dir wirst. Und diesen kleinen und größeren Ängsten zu begegnen, wird dir auch in Bezug auf deine Angststörung mehr Kraft und Selbstbewusstsein geben.

Mutig zur Welt hinaus – in die Welt hinein!
Woher weißt du eigentlich, dass du bereit bist, auf Reisen zu gehen? Schließlich gehört ja eine große Portion Mut und vor allem auch Durchhaltevermögen dazu, aus deinen Träumen Wirklichkeit werden zu lassen. Die Frage lässt sich intuitiv beantworten: Wenn du an eine mögliche Reise denkst, was überwiegt da? Das quirlige Gefühl der Vorfreude? Oder Zweifel, Bauchschmerzen und Überforderungsgedanken? Nicht dass deine Skepsis dich generell vom Reisen abhalten sollte – nur: Ist es jetzt schon die richtige Zeit? Als ich endlich bereit zum Reisen war, bemerkte ich, dass der Wille tatsächlich Berge versetzen kann. Intuitiv wusste ich einfach, dass ich das irgendwie schaffen würde, denn ich wollte tatsächlich in den Nahen Osten. Erst kurz vorm Abflug kam das Muffensausen – und das ist vollkommen natürlich. Zum Losgehen hat mich am Ende der Ruf nach Freiheit bewegt – und die Neugier auf eine andere, ungewohnte Welt. Dieses Sehnen, gepaart mit einem „bequemen Angsthasen“ in mir, der vertraute Strukturen und Orte der haltlos wirkenden Welt vorzieht, ergibt immer eine spannende Mischung. Was wird die Oberhand gewinnen? Kann ich die begründete Angst, die mir zeigt, dass eine Reise mich noch überfordern würde, unterscheiden von einer zu überwindenden Angst, die mich nur lähmt und kleinhält? Welchen Argumenten schenke ich mein Gehör? Was ist Illusion und unausgereifte Träumerei? Was entspricht mir wirklich?

„Nur, weil ich alles habe, was ich brauche, muss es mir nicht gut gehen.“

Blick ins Buch
MinusgefühleMinusgefühle

Mein Leben zwischen Hell und Dunkel

Jana Seelig hat im Netz herausgebrüllt, was es heißt, depressiv zu sein, und ist damit zu einer starken Stimme vieler Betroffener geworden. In „Minusgefühle“ beschreibt sie ihre Niederlagen, ihre Chancen, ihre Traurigkeit und ihren ständigen Kampf gegen die Krankheit. Sie erzählt, was man fühlt, wenn man nichts fühlt. Davon, wie es ist, wenn man alles Mögliche versucht, um überhaupt etwas fühlen zu können: Alkohol, Sex, Drogen – der Versuch, so viel es geht zu leben, kostet sie genau so viel Kraft wie die vielen Erklärungen für Nichtbetroffene. Sprachmächtig und kompromisslos schreibt sie über die Depression, die ein Teil ihres Lebens ist – aber ihr Leben nicht mehr bestimmt.

Prolog

 


Tagebuchschreiben war noch nie mein Ding. Ich weiß noch, dass ich als Kind immer Unwahrhei ten in mein pinkes Diddl-Buch schrieb. Es hatte Schlösser, die sich viel zu einfach knacken ließen. Man brauchte dazu nicht einmal Haarklammern oder diese anderen Dinge, die Verbrecher immer in Krimis benutzen. Der Verschluss ließ sich mit etwas Fingerspitzen­gefühl ein wenig eindrücken, und schon waren meine Gedanken nicht mehr privat, sondern zugänglich für jeden, der sie lesen wollte – und ich wollte, dass man sie liest. Es waren ja nicht wirklich meine Gedanken, sondern meine Lügen, weil ich meinen eigenen kleinen Kosmos für zu unbedeutend hielt. Ich wollte immer, dass der Nachwelt etwas von mir erhalten bleibt, und so schlitterte ich von Extremen zu Extremen – in meinem Tagebuch. Dieses Tagebuch existiert schon längst nicht mehr. Irgendwann während meiner Pubertät hab ich es feierlich verbrannt und mir zum Ziel gesetzt, meine eigene Geschichte zu erleben. Ich wollte nicht mehr die sein, die ihr Tagebuch und damit auch sich selbst belügt. Vor allem aber auch nicht die, an die man sich wegen ihrer Lügen erinnert.

Seitdem habe ich viele weitere Tagebücher begonnen. Mal schrieb ich in Ringblöcke, mal in wunderschöne Bücher und manchmal auch ins Internet. All diese No­­tizen verstreuten sich irgendwann, sie verloren sich in den Tiefen meines Schreibtisches, in Mülltonnen oder im Netz. Natürlich enthielten sie weiterhin Lügen und oft ein riesengroßes Nichts – nur dass mittlerweile nicht mehr ich Unwahrheiten erzählte, sondern meine Depression, und wenn sie nicht gerade log, dann vergaß sie. Die Abstände zwischen den Zeilen waren teilweise so lang, dass meine eigene Geschichte mir nicht mehr schlüssig erschien. Ich vergaß, was zwischen zwei Liebeskummern passiert war. Oder zwischen zwei tollen Momenten. Weil ich immer zu leer oder zu glücklich war zum Schreiben, und immer dann kam mir das Geschehene irrelevant vor. Eine Geschichte, die keinen roten Faden hat, verfolgt man eben nicht so gern.

Doch irgendwann ging mir auf, dass ebendas mein roter Faden ist. Dass diese Leere zwischen zwei Momenten genau meine Geschichte ist. Dies ist das Tagebuch einer Depression.




1
Nicht einfach nur traurig

 


Du musst einfach mal klarkommen«, sagt er und wendet sich von mir ab. „Jeder ist mal depressiv. Kein Grund, sich so hängen zu lassen. Merkst du nicht, wie du mich damit belastest?“
Mein Freund Sven hat es noch immer nicht verstanden. Seit zwei Stunden reden wir jetzt über meine De­­pression und die Auswirkungen, die sie auf mich, mein Leben, meinen Job, aber auch auf meine Freundschaften und Beziehungen hat. In den letzten Wochen war sie ständig Thema. Ich bin gerade dabei, in eine meiner de­pressiven Episoden abzurutschen. Die Gründe dafür kann ich erahnen, will sie aber nicht wahrhaben. Ich sehne mich nach ein wenig Verständnis, jemandem, der sagt, dass alles nicht so schlimm ist und dass es okay ist, depressiv zu sein. Ich bin nicht einfach nur traurig oder unzufrieden, sondern schlicht und ergreifend krank, und aus dieser Erkrankung hab ich nie ein Ge­­heimnis vor ihm gemacht. Ich finde es nicht schlimm, depressiv zu sein. Also so ganz grundsätzlich, meine ich. Es gehört eben einfach zu mir, so wie meine Liebe zu Katzen und schlechter Popmusik oder die Tatsache, dass ich keine Augenbrauen hab. Natürlich wäre ich auch lieber gesund, denn ehrlich, wer ist schon gerne krank? Doch man findet sich irgendwann ganz einfach damit ab und lebt damit, so gut es geht.

„Du bist genau wie meine Ex“, fährt er fort. „Die war auch ’ne Borderlinerin.“
„Ich habe kein Borderline, sondern Depressionen“, antworte ich, „und wenn du dich mal ein bisschen mit mir und meiner Krankheit auseinandergesetzt hättest, wüsstest du das auch.“
„Jeder ist mal depressiv“, wiederholt er. »Ich war auch schon depressiv und wollte mir eine Kugel in den Kopf jagen. Wie du siehst, hab ich es geschafft, mich zu­­sammenzureißen. Du musst das endlich auch mal tun. Wenn ich wie du den ganzen Tag vor dem Computer ­sitzen würde, wär ich auch schlecht drauf. Du musst ­einfach mal rausgehen. Unternimm was. Such dir einen neuen Job. Und mach gefälligst nicht alles von mir ab­­hängig. Du kannst deine Depressionen nicht auf mich schieben, ich habe damit nichts zu tun.«
„Wann hab ich denn . . .“, setze ich an, doch Sven unterbricht mich.
„Ich habe keine Lust mehr, mit dir zu diskutieren. Bitte geh. Wenn ich noch länger mit dir rede, werde ich selbst noch depressiv.“
Svens Worte machen mich wütend, doch ich weiß, dass jeder Versuch, ihm meine Lage zu erklären, zwecklos ist. Ich schwinge mir meinen Rucksack über die rechte Schulter und verlasse genervt seine Wohnung. Mir ist klar, dass ich auf normalem Weg nicht an ihn herankomme. Es gibt nur eine Möglichkeit, ihn zu erreichen: Twitter. Auch wenn er niemals zugeben würde, dass er meine Aktivitäten auf der Plattform mit großem Interesse verfolgt, weiß ich, dass er alles liest, was ich dort schreibe.

Ich öffne die App und scrolle durch meine Timeline. Das mache ich immer, bevor ich meine eigenen Worte in die Welt hinausschreibe. An einem Tweet von einem Freund bleibe ich hängen.



@R3nDom
„Hey, Depressionen sind die Geißel der modernen Lebenswelt!“
„Oh? Dann spann mal einen Tag aus, jeder ist mal down. Wird schon wieder.“
15:44 - 10 Nov 2014



Ich drücke auf „retweeten“ und fange dann an, selbst zu schreiben.


@isayshotgun
Wenn ihr selbst keine Depressionen habt, dann dürft ihr auch nicht mitreden und uns sagen, wie es uns zu gehen hat und was wir tun sollen.
15:55 - 10 Nov 2014



@isayshotgun
Mein Leben ist mehr als okay, und ich bin trotzdem depressiv. Nur weil ich alles habe, was ich brauche, muss es mir nicht gut gehen.
15:57 - 10 Nov 2014



Binnen weniger Sekunden werden beide Tweets mehrfach retweetet und mit kleinen gelben Sternchen ver­sehen. Ein Zeichen dafür, dass ich einen Nerv getroffen habe. Dass ich nicht die Einzige bin, der es so geht und die sich von den vielen und oftmals wenig hilfreichen Kommentaren zu ihrer Krankheit in eine Ecke gedrängt fühlt, in der sie nicht sein will.

Die Resonanz ermutigt mich weiterzuschreiben. Ich be­­ginne, meine Geschichte zu erzählen oder zumindest einen Teil davon – immer in der Hoffnung, dass sie vor allem auch bei dem Menschen landet, der mich dazu getrieben hat, überhaupt öffentlich Stellung zu der Thematik zu beziehen. Ich schreibe über meine jahrelange Unwissenheit darüber, was überhaupt mit mir los ist, die Reaktionen meines Umfelds, das Nicht-ernst-ge­­nommen-Werden und die für mich befreiende Diagnose. Ich erzähle dem Internet von meinen Medikamenten, den Schwierigkeiten, die ich damit hatte, und von einem Selbstmordversuch. In Wirklichkeit waren es zwei: einer mit Tabletten, und beim zweiten Mal habe ich versucht, mir die Pulsadern aufzuschneiden. Ich schnitt damals einfach nicht tief genug, und als ich die Tabletten zusammen mit einer Flasche Wodka nahm, passierte gar nichts, außer dass ich mich drei Tage lang nur übergab. Alles, was ich jahrelang in mich hineingefressen habe und aus Angst, in die Geschlossene eingewiesen zu werden, und weil ich nicht bemitleidet werden wollte, nicht einmal meiner Therapeutin erzählt habe, ballere ich ohne den Gedanken an irgendwelche Konsequenzen in das Netz. Dass ich andere damit triggern oder verletzen könnte, ist mir zu diesem Zeitpunkt nicht bewusst.
Meine Notifications blinken im Sekundentakt auf. Die kurzen Texte werden Hunderte Male geteilt und ge­­langen so an immer mehr Menschen, die sie lesen und mit ihren eigenen Followern teilen. Innerhalb weniger Stunden habe ich über 1000 neue Leser hinzugewonnen. Die Zahl übt eine gewisse Faszination auf mich aus. Sind wir wirklich so viele? Bisher hatte ich immer das Ge­­fühl, mit meiner Erkrankung allein zu sein – auch wenn ich natürlich weiß, dass es da draußen unglaublich viele Menschen gibt, die mit denselben Problemen zu kämpfen haben wie ich.

Irgendwann legt sich der Schreibfluss. Ich habe alles gesagt, was ich sagen wollte. Das Fach mit den Direktnachrichten quillt unterdessen über. Sie sind sich alle ziemlich ähnlich: „Ich wusste nicht, dass es dir auch so geht“ oder „Endlich spricht’s mal jemand aus“. Eine Followerin fragt nach, ob ich nicht einen Hashtag für die Tweets machen wolle. Sie habe auch eine Menge zu sagen, ihr persönlich fehle aber die Reichweite, um so viele Leute zu erreichen wie ich. Ein Hashtag würde die Aussagen besser bündeln und so jeden erfassen, der etwas zu sagen habe. Ich schreibe, dass ich keinen Nerv hätte, mich um ein Hashtag zu kümmern, und dass ich mir alles, was ich sagen wollte, bereits von der Seele ge­­schrieben hätte, dass sie sich aber gerne mit einem Hashtag bei mir melden solle, den auch ich an meine Follower geben würde.

Sie schlägt #NotJustSad vor, einen Hashtag, der zuvor bereits im englischsprachigen Raum benutzt wurde, aber dort kaum Beachtung fand. Ich teile den Tweet, in dem sie das Schlagwort erwähnt und schreibt, meine vorangegangenen Tweets hätten sie zu einem Hashtag inspiriert – und dann bricht die Lawine endgültig los. Bereits nach wenigen Minuten ist der Hashtag gefüllt mit Statements anderer Betroffener. Viele davon drücken auch meine Gefühle, oder besser gesagt, Nichtgefühle aus. Die, die mich am meisten berühren, teile ich mit meinen Lesern, schreibe zu manchen ein paar eigene Worte. Mein Handy hört gar nicht mehr auf zu piepen.

Irgendwann schalte ich es aus und mache mich auf den Weg zu Sven. Er hat die kurzen Nachrichten gelesen und möchte nun noch einmal mit mir reden.
Das Gespräch ist eine einzige Katastrophe. Statt auf das, was ich geschrieben habe, einzugehen, greift er mich an.
„Du denkst, du könntest mit ein paar Tweets die Welt verändern. Ich sag dir, was passiert, wenn du Dinge ins Internet schreibst: nichts. Twitter ist genauso irrelevant wie du und sie. Alles, was passieren wird, ist, dass die Leute, die dir folgen, dich für noch gestörter halten, als du eh schon bist.“
„Hab ich jemals irgendwo behauptet, dass ich die Welt verändern will?“, kontere ich. „Ich hab die Tweets für dich geschrieben, damit du mir endlich mal zuhörst. Dass sie auf solche Resonanz stoßen, konnte ich ja wohl nicht ahnen!“
„Feier dich nur dafür ab“, sagt er, und ich frage mich, wo ich mich gerade feiere. „Morgen wird es schon vergessen sein. Du kannst mich mit ein paar Tweets nicht erpressen.“
„Wo hab ich dich denn erpr . . .?“
»Erreich erst mal was Richtiges, dann reden wir ­weiter.«
„Wow“, sage ich, „kaum hab ich mal das Gefühl, dass du endlich kapiert hast, um was es hier eigentlich geht, beweist du, dass es nicht so ist. Und genau deshalb rede ich so gern mit Twitter.“
„Du drohst mir?“
„Du kapierst es nicht.“
Wütend knalle ich die Tür hinter mir ins Schloss. Ich bin mir ziemlich sicher, dass Sven mir hinterherkommt, also renne ich die Stufen bis zur Eingangstür hinunter, so schnell ich kann. Draußen angekommen, lasse ich mich auf der Treppe nieder, drehe mir eine Zigarette und schalte mein Handy wieder ein. Noch bevor ich unten angekommen war, hat er mir eine Mail geschrieben. Ich ignoriere sie und öffne stattdessen Twitter. Mehr als 300 neue Mitteilungen haben sich angesammelt. Dazu kommen viele Nachrichten per E-Mail und WhatsApp. Ich beantworte die wichtigsten in wenigen Sätzen und twittere, dass ich mich aus der Diskussion fürs Erste herausziehe, die unter dem Hashtag gesammelten Statements aber trotzdem lesen werde.
Natürlich halte ich mich nicht daran. Bis tief in die Nacht sitze ich da, lese die kurzen Texte anderer Be­­troffener und schreibe selbst noch viele weitere dazu. Irgendwann bringt meine Mitbewohnerin frisch gebackene Kekse an mein Bett, und wir entscheiden uns dafür, unseren Mitbewohner zu wecken, um eine Runde Scrabble zu spielen. Ich gewinne haushoch und verabschiede mich gegen halb fünf mit den Worten „Das abgebrochene Germanistikstudium muss ja für was gut gewesen sein“ ins Bett.

Als ich gegen elf Uhr aufwache und einen Blick auf mein Handy werfe, trifft mich fast der Schlag. Hunderte neue Nachrichten sind in den letzten Stunden eingegangen, private SMS von Freunden, Familie und Menschen aus der Schul- und Unizeit, die ich längst vergessen habe. Auch mein Nachrichtenfach bei Facebook quillt über, selbst meine beiden privaten E-Mail-Postfächer blieben nicht verschont. Ich habe Mühe, alle Nachrichten zu lesen, und frage mich immer wieder, wie all diese Menschen mich so schnell im Netz finden konnten. Neben vielen sehr persönlichen E-Mails sind auch Interviewanfragen darunter, die sich auf einen Artikel beziehen, der am frühen Morgen erschienen sein muss. Ich klicke auf einen der angehängten Links, und es öffnet sich eine Website, auf der ein großes Foto von mir prangt. Die Überschrift enthält den Hashtag #NotJustSad und meinen Klarnamen, den ich bisher, so gut es ging, aus dem Internet herausgehalten habe. Mein Pseudonym „Jenna Shotgun“ hat mich immer beschützt, war immer mehr Kunstperson als das reale Ich. Noch bevor ich den Artikel zu Ende gelesen habe, kommen mir die Tränen. Ich bin schlicht und ergreifend überfordert von der Resonanz, auf die ich mit ein paar in den Raum geworfenen Worten gestoßen bin. Trotzdem klicke ich mich durch alle Texte, versuche, sie, so gut es geht, zu beantworten.
Auch eine Mail von Sven ist darunter:

Du bist in allen großen Zeitungen. Gut gemacht, ich bin stolz auf dich. Mach da weiter, wo du angesetzt hast, und gehe gut mit dem Ruhm um. Auf dich werden jetzt große Dinge zukommen.

Ich verstehe nicht, was genau er damit meint. Er, der mich gestern noch für meine Worte angegriffen und gesagt hat, dass man mit Twitter nichts erreicht. Abge­sehen davon, dass ich nicht mal was erreichen wollte, außer dass er endlich kapiert, wie es mir geht.

Plötzlich klingelt das Telefon, eine unbekannte Nummer. Überfordert von den ganzen Reaktionen auf meine Tweets, hebe ich ab, obwohl ich sonst eigentlich nie rangehe, wenn ich nicht weiß, wer mich anruft. Es ist ein großer deutscher Fernsehsender, die Nummer haben sie von einem meiner Freunde. Sie wollen noch am selben Abend mit mir drehen. Ohne zu wissen, was ich da gerade tue, sage ich zu. Die Sache ist nämlich die: Im Moment fühle ich nichts. Keine Freude darüber, dass ich anscheinend eine sehr wichtige Diskussion in Gang gesetzt hab. Und keine Angst vor dem, was mich erwarten könnte.
Ich fühle mich leer und bin mir nur einer Sache be­­wusst: dass ich das Bild, das die Medien gerade von mir schaffen, so lange es nur geht, aufrechterhalten muss.

Du bist für viele jetzt ein Vorbild, geht die Mail von Sven weiter. Sorg dafür, dass das so bleibt, und lass dich nicht unterkriegen, Kleines.