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Bücher über Angst und Panikattacken

Die besten Bücher gegen Angst und Panikattacken

Wenn Angst das Leben bestimmt: Unsere Autoren zeigen wie man Phobien, Ängste und Stress überwinden kann und schildern ihre eigenen Erfahrungen.

Mit Ängsten umgehen und den Alltag meistern

Blick ins Buch
AngstphaseAngstphase

Warum ich meine Angst annehmen musste, um wieder frei und selbstbestimmt zu leben

Antonia Wille leidet seit ihrem elften Lebensjahr an einer Angststörung. Klassenfahrten, Partys, Urlaube und so manches Jobangebot musste sie ziehen lassen, weil die Panik ihr den Atem nahm, die Angst sie krank machte. Die meiste Zeit kämpfte sie gegen die Angst an, ging in die Konfrontation und wurde doch immer wieder zurückgeworfen. Warum es ihr heute besser geht, wie sie meistens problemlos ihren Alltag meistert und wieso sie manchmal lieber verzichtet als ihre Panik überwindet, erklärt sie in diesem Buch, das zugleich ihr Coming-out als Angsterkrankte ist. Offen, ehrlich und humorvoll teilt sie ihre Erfahrungen, gibt wertvolle Tipps und spendet entlastende Worte für andere Betroffene.

„Wenn die Sehnsucht größer als die Angst ist, wird Mut geboren.

Ohne Sehnsucht machen wir uns nicht auf den Weg.“

Rainer Maria Rilke



Prolog

Als ich klein war, fürchtete ich mich vor den Monstern unter meinem Bett. Auf keinen Fall die Füße aus dem Bett hängen lassen, dachte ich allabendlich mit zusammengebissenen Zähnen. Was, wenn ein Monster danach greift? Meine Fantasie kannte keine Grenzen. Heute muss ich darüber lachen, und doch gibt es Momente, in denen ich mich dabei erwische, wie ich ganz schnell meine Füße wieder unter die Bettdecke stecke. Manche Monster verschwinden eben nie ganz.

Wir Menschen haben unterschiedliche Ängste. Das Gefühl gehört zu uns wie Freude, Trauer, Ärger und Wut. Wir haben Angst vor dem Tod, vor Krankheiten, vor finanzieller Unsicherheit, schlimmen Ereignissen oder Einsamkeit. Ängste können aber auch kleiner und weniger existenziell sein. Die Angst vor einer Prüfung, vor dem ersten Date, die Angst, verlassen zu werden, oder auch die Angst, das erste Mal etwas alleine zu tun.

 

Wer mich kennt, würde wohl nicht sagen, dass ich ein ängstlicher Mensch bin. Horrorfilme nachts alleine angucken? Kein Problem. Alleine im Dunkeln von der Bar durch die Großstadt nach Hause radeln? Ein Klacks. Komische Geräusche im Haus? Ich bin die Erste, die nachsieht, meiner Neugierde sei Dank. Selbst alleine in der U-Bahn fühle ich mich sicher. Na ja, zumindest fast immer. Nachts in der U-Bahn habe ich tatsächlich nie Angst, dafür umso mehr am Tag. Dann nämlich, wenn sie voll ist, es eng wird und sie vielleicht auch noch unverhofft im Tunnel stehen bleibt. Da wird mir plötzlich heiß, Übelkeit steigt auf, und ich will nur noch eins: raus hier. Der Kontrollverlust, die Enge, die fremden Menschen – herzlich willkommen in meinem persönlichen Albtraum!

 

Diese und andere Ängste gehören zu meinem Leben dazu. Denn ich habe eine Angststörung. Ich fürchte mich vor Dingen, vor denen der Großteil der Menschen keine Angst hat, die der Großteil der Menschen nicht mal bemerkt, während ich immer vor ihnen auf der Hut bin. Das kleine Monster Angst begleitet mich jeden Tag, es ist immer an meiner Seite, mal leise und zurückhaltend, mal laut und aufdringlich. Manchmal sieht es mich nur an, manchmal stellt es sich mir breitbeinig in den Weg. Ganz verschwindet es aber nie, und ich würde fast behaupten, so langsam habe ich es lieb gewonnen. Denn das Monster wetzt nicht nur die Krallen, es warnt mich auch vor stressigen Situationen, zeigt mir, wenn ich mir mal wieder zu viel auflade oder einen Gang zurückschalten sollte. Es ist auf jeden Fall ein netteres Monster als jene unter dem Bett.

 

Meine Angststörung und ich gehören zusammen. Lange habe ich nicht über sie gesprochen, weil ich nicht „die mit der Angststörung“ sein wollte. Ich bin doch so viel mehr. Journalistin, Freundin, Tochter und Geschäftsfrau, und vor allem Antonia – mit all ihren Facetten. Nur dass ich manchmal eben Angst habe.

Fünfundzwanzig Prozent aller Menschen in Deutschland erkranken im Laufe ihres Lebens an einer Angststörung. Eine große Zahl, doch tatsächlich kenne ich in meinem direkten Umfeld niemanden, der offen über seine Ängste spricht. Die meisten Menschen, die unter einer Angststörung leiden, bleiben lieber anonym. Psychische Erkrankungen gelten immer noch als Schwäche, finden selten Akzeptanz. Während körperliche Krankheiten ernst genommen werden, gilt eine angegriffene Seele oft als Ausrede, als Einbildung oder Luxusproblem. „Reiß dich zusammen, das wird schon wieder.“ Schwäche zuzugeben fällt in unserer Leistungsgesellschaft schwer.

Als Journalistin, die über die Jahre gelernt hat, dass jeder Mensch eine Geschichte zu erzählen hat, wollte ich irgendwann auch meine erzählen. Meine Erfahrungen aufschreiben, mein Wissen teilen und zeigen: Auch ich, die ich stark und cool sein kann, bin manchmal schwach. Nicht nur weil es mir geholfen hat, meine Ängste offen anzusprechen, und ich dadurch einen guten Umgang damit gefunden habe, sondern auch weil es anderen helfen kann, wenn jemand zu seiner Schwäche steht und Mut macht, zeigt, dass wir alle irgendwie unsere Päckchen zu tragen haben. Ich möchte andere Betroffene entlasten und dazu beitragen, Angsterkrankungen sowie seelische Leiden zu entstigmatisieren. Schließlich kann es jede*n von uns treffen, auch die nach außen Erfolgreichen und Mutigen. Es braucht im 21. Jahrhundert doch wirklich keine Scham und kein Schweigen mehr, sondern Dialog und Mut.

Ein Buch über meine Angststörung, meine Erfahrungen und meine Erkenntnisse schien mir dafür der beste Weg zu sein. Ich möchte Menschen ermutigen, ihre Ängste anzunehmen, sie zu umarmen und einen Weg zu finden, sich mit ihnen zu arrangieren, statt ständig gegen sie anzukämpfen. Denn auch ich habe immer wieder gegen die Angst gekämpft, wollte sie bloß nicht zulassen, bloß nicht sichtbar machen, bloß keine Schwäche zeigen, um mich nicht mehr so furchtbar hilflos zu fühlen. Geholfen hat das nicht. Die Angst wurde immer größer, ihre Besuche regelmäßiger.

Nicht umsonst heißt es: Wenn du deinen Feind nicht besiegen kannst, mach ihn dir zum Verbündeten. Also habe ich irgendwann versucht, die Angst zu verstehen. Was will sie von mir? Warum ist sie da? Und kann es eventuell sein, dass sie mich vor etwas schützen will? Noch habe ich nicht alle Antworten gefunden, aber die Angst und ich sind auf einem guten Weg. Wir haben Freundschaft geschlossen. Wir gehören zusammen, denn man wird sie nicht los, sie ist ein natürliches Gefühl. Man kann aber lernen, mit ihr zu leben, sie nicht mehr so ernst zu nehmen, sondern sie liebevoll zu begrüßen und ihre Besuche sogar mit Humor zu sehen.

 

Dieses Buch soll zeigen, wie man trotz Angst froh und frei durchs Leben geht, wie man trotz – oder vielleicht sogar dank – der Angst großartige Dinge schafft und wo die eigenen Grenzen liegen. Was die Angst mit einem macht und warum es okay ist, hin und wieder ein Angsthase zu sein.

Ich nehme dich mit auf meine Reise mit der Angst, berichte, was ich in den letzten Jahren erlebt und gelernt habe, und versuche vor allen Dingen, dir Tipps und Tricks an die Hand zu geben, wie du selbst mit deiner ganz persönlichen Angst umgehen kannst. Am wichtigsten aber ist es mir zu zeigen: Angst zu haben ist okay. Sie gehört zu uns, sie begleitet uns, aber sie macht uns nicht aus.

 

Monster werden kleiner, wenn man über sie spricht. Also erzähle ich jetzt die Geschichte von Katja und mir.

1

Ich habe sie Katja genannt. Frag mich nicht, wie ich gerade auf Katja gekommen bin, aber ich wusste, die Angst braucht einen Namen. Ich will sie anschreien können. Katja also. Kurz und prägnant. Kein Name, den ich furchtbar gerne mag (ein Sorry an alle Katjas dieser Welt), aber auch ein Name, den ich nicht extrem verabscheue. Außerdem schnell zu rufen. Denn keine*r will im aufkeimenden Panikmodus mit seiner Angst sprechen und dann einen Namen wie Philomena-Dorothea rufen. Da muss es schnell gehen. Katja schoss mir als Erstes durch den Kopf, seitdem spreche ich mit Katja. In Gedanken.

„Alles ist gut, wir brauchen keine Angst zu haben, Katja. Du kannst zurückbleiben, ich schaffe das alleine.“

 

Katja und ich also. Gemeinsam gehen wir durchs Leben. Katja ist dünn, groß und irgendwie sehr hager. Wie ein schwarzer Schatten steht sie vor mir. Niemand, den man gerne umarmt, sondern jemand, der einen mitzieht und manchmal auch nur schwer wieder loslässt. Ein Monster wie aus einem dieser schlechten Horrorfilme aus den Achtzigerjahren. An vielen Tagen läuft Katja vor mir her, bestimmt den Weg. Sagt: „Hier lang.“ Und obwohl ich rufe: „Nein, ich möchte lieber hier entlang“, zieht sie mich mit. Ätzend finde ich das, aber so ist das zwischen uns nun einmal. An anderen Tagen geht sie neben mir, flüstert mir leise irgendetwas ins Ohr, bis ich sage, sie soll damit aufhören, still sein. Und siehe da: Katja kann auch die Klappe halten. Und dann gibt es Tage, da ist sie gar nicht da. Verschwunden. Das fühlt sich gut an, frei. Unsere Freundschaft ist oft zu eng und zu intensiv, Verschnaufpausen tun gut.

Und ich möchte ehrlich sein: Ein Katja-Besuch alle paar Jahre würde mir reichen. Doch noch kommt sie öfter, als mir lieb ist.

Das Problem bei Katja ist: Sie klopft oft sehr leise an. Dann kann es passieren, dass ich sie nicht höre. Angstpatient*innen kennen das vielleicht: Man will die Angst nicht wahrhaben, selbst wenn die Warnzeichen schon auf Rot stehen. Hat es gerade geklopft? Nee, alles ruhig. Ich werde jetzt sicher keine Angst bekommen. Bis Katja die Tür eintritt – rücksichtslos wie der Elefant im Porzellanladen – und schreit: „Hallooo, du Liebe, ich bin wieder dahaa!“ Wie wenig man unangekündigten Besuch brauchen kann, muss ich keinem sagen.

Nichtsdestotrotz gehören Katja und ich irgendwie zusammen.

 

Seit über zwanzig Jahren leide ich an einer Angststörung. Dass ich damit nicht alleine bin, war mir lange nicht bewusst. Denn über Besuche von Katja habe ich nur selten gesprochen. Versteht ja sowieso keine*r, warum mir in der U-Bahn schlecht wird, sobald wir im Tunnel stehen – das habe ich zumindest lange Zeit gedacht. Dass genau das Gegenteil der Fall ist, wurde mir erst sehr spät klar. Schließlich ist die Angststörung neben der Depression die am häufigsten diagnostizierte seelische Erkrankung. Während zahlreiche Menschen beim Fliegen damit zu kämpfen haben, trauen sich andere wiederum manchmal wochenlang nicht aus dem Haus. Der eine bekommt in der Supermarktschlange Herzklopfen, die Nächste fährt nur noch Landstraße statt Autobahn. Die Angst hat viele Gesichter.

Ihre Vielfalt macht es aber auch schwierig, sie zu erkennen und zu verstehen. Schließlich ist Angst genau wie die Liebe ein universelles und wichtiges Gefühl. Sie hilft uns durchs Leben und zeigt uns den Weg. Sie schützt uns vor vermeintlich gefährlichen Situationen, oft ist sie eine Reaktion auf negative Erfahrungen, Traumata, Stress oder Überforderung. Bei Angstpatient*innen ist sie jedoch übertrieben und nicht mehr hilfreich, sondern störend. Denn wenn man vor den einfachsten Dingen Angst bekommt, wird der Alltag plötzlich zur Qual.

Erklären kann man das Ganze oft nur schwer, Fragen wie „Wovor hast du eigentlich Angst?“ lassen sich kaum beantworten. Denn rational weiß man, dass man keine Angst zu haben braucht, und doch fühlt man sie. Der Körper schaltet auf Fluchtmodus, die Achterbahn der Gefühle reißt einen unaufhaltsam mit. „Ich muss hier weg“, ist der einzige Gedanke, den man dann noch fassen kann.

So habe auch ich irgendwann Ängste entwickelt, die rational in keiner Weise erklärbar waren, und sich dennoch nicht minder real angefühlt haben.

2

Das Glas füllt sich langsam. Ich blicke von meiner Apfelschorle auf und durch den sonnendurchfluteten Raum. „Ganz schön viel los hier“, denke ich. Aber was soll man auch anderes erwarten an einem Samstag bei IKEA, noch dazu in den bayerischen Schulferien.

Wir sind zu Besuch bei meinen Verwandten in Salzburg und nutzen den Tag für einen gemeinsamen Abstecher zum geliebten Einrichtungshaus. Meine Familie wuselt irgendwo im Restaurant herum, wir machen eine Pause vom Shoppen: ein, zwei Dinge, die man braucht, viele, die man nicht braucht. Das ist auch schon im Jahr 2000 so.

Mein Glas ist endlich voll, auf dem Weg zum Tisch staune ich noch immer über die Möglichkeit, sich unendlich oft nachzufüllen. „Wie die das wohl finanzieren?“, denkt mein vierzehnjähriges Ich, als ich mich mit meinem Tablett an einem jungen Paar vorbeidrücke, das, ohne auf seine Umgebung zu achten, in Richtung Essensausgabe eilt. Ich verdrehe die Augen, balanciere durch die Tischreihen und erreiche endlich mein Ziel.

Meine Cousine, meine Tante, meine Schwester, meine Mutter – sie alle sitzen schon und mampfen ihr Mittagessen. Neben uns schreit ein Baby, die Leute am Tisch vor uns sind gerade mit dem Essen fertig geworden und stehen auf. Es ist laut, Stühle werden gerückt, das Geschirr klirrt. Mit meiner Gabel pikse ich in meine Pommes. Ich beiße in eine Fritte, während wir über die Schule reden, meine Cousine lacht.

Die Worte verhallen im Raum, meine Konzentration lässt nach. „Ganz schön warm hier“, denke ich und blicke über die Menschenmenge auf die Fensterfront, durch die die Sonne in den Raum prallt. Ich ziehe meinen Pulli aus, atme tief ein. Ist den anderen denn gar nicht heiß? Ich esse einen weiteren Bissen, als sich plötzlich mein Hals zuschnürt. Ich kann kaum noch schlucken, das Essen fühlt sich mit einem Mal wie eine zähe Masse an. Mein Blick fällt auf die Gerichte meiner Familie, die Gerüche werden intensiver, ich kämpfe mit einem unangenehmen Völlegefühl. Mir ist übel. Eine ungewohnte Unruhe steigt in mir auf, ich rutsche auf dem Stuhl hin und her, als ich wie von Weitem die Stimme meiner Mutter höre: „Antonia?“ Verschreckt schaue ich auf. „Antonia, geht’s dir gut?“, fragt sie. „Du bist plötzlich so blass.“

Ich schüttle den Kopf. „Mir ist schlecht“, antworte ich. Meine Beine zittern, es fühlt sich an, als würde ich den Halt verlieren, ich schiebe den Teller von mir und halte mich am Tisch fest. Die Lautstärke des Raumes scheint mich zu erdrücken. „Tief einatmen“, denke ich. Der Lärm wird immer unerträglicher.

„Was ist denn los?“ Die anderen hören mit dem Essen und Reden auf und starren mich an.

„Ich glaube, ich muss an die frische Luft“, presse ich heraus. Bevor meine Familie antworten kann, wird mir so heiß und schlecht, dass ich aufspringe und zur Toilette um die Ecke renne.

Noch auf dem Weg muss ich würgen, halte mir die Hände vor den Mund. Ich stürze in die erste freie Kabine. Sekunden später übergebe ich mich.

Zitternd kauere ich auf dem Boden der IKEA-Toilette. Nicht sehr hygienisch, doch mein schwacher Körper kann nicht anders. Mir ist immer noch schlecht, doch die Ruhe hilft. „Toni?“ Ich höre die zaghafte Stimme meiner Schwester. „Toni, geht’s dir gut?“

„Es geht“, sage ich, Tränen laufen meine Wangen hinunter. Ich bin plötzlich furchtbar erschöpft.

„Was war denn los?“

„Ich weiß nicht, mir wurde auf einmal so schlecht.“

„Geht’s ihr wieder besser?“ Nun ist auch meine Mama da.

Ich hieve mich hoch und schließe die Tür auf. „Es geht“, sage ich wieder, meine Stimme zittert, als mich meine Mama in den Arm nimmt.

„Komm, du trinkst jetzt einen Schluck Wasser, und dann gehen wir zügig durch den Laden. Das war bestimmt dein Kreislauf.“

Ich nicke und folge den beiden auf wackligen Beinen wieder in den Speisesaal. Meine Cousine kommt mir schon mit einem Glas Wasser entgegen. „Hier, trink.“ Das kalte Wasser tut gut, zittrig setze ich mich.

Die anderen essen schnell auf, während ich apathisch am Tisch sitze und mein Wasserglas umklammere. Immer wieder atme ich tief ein, die Übelkeit hat nachgelassen, doch wohl ist mir nicht, und auch die Unruhe bleibt. Dreißig Minuten später sitzen wir wieder im Auto, ich bin fix und fertig.

„Ist alles okay?“ Meine Mutter blickt mich besorgt durch den Rückspiegel an. Mit geschlossenen Augen nicke ich, ich will nur noch heim. Meine Katze in den Arm nehmen, mich in mein Bett kuscheln.

Am Abend sind wir wieder zu Hause. Als wir die Haustüre aufsperren, fällt die Anspannung von mir ab. Ich bin in Sicherheit. „Alles wieder okay“, denke ich noch, als ich mich ins Bett fallen lasse. Oder etwa doch nicht?

3

Freude, Liebe, Trauer, Wut oder Angst – wir Menschen fühlen die gesamte Bandbreite an Empfindungen. So gerne wir die negativen Gefühle ausklammern würden, keine*r von uns wird ein Leben ohne Wut oder Trauer leben. Also bleibt uns nur eines: Wir müssen uns unseren Gefühlen stellen, ihren Sinn erkennen und mit ihnen leben.

Dasselbe gilt auch für die Angst. Jede*r von uns fürchtet sich. Sobald wir Menschen in potenzielle Gefahr geraten, setzt die Angst ein. Sie gehört zu unseren menschlichen Urinstinkten, ist mindestens genauso stark wie die Liebe und neben ihr eines der wichtigsten Gefühle für uns. Denn die Angst schützt uns, aus evolutionärer Sicht ist sie sogar lebensnotwendig. Unsere Vorfahr*innen überlebten schließlich nur, weil sie mithilfe ihrer Angst lernten, Gefahren und Risiken zu erkennen und Vorsicht walten zu lassen. Nur durch die Flucht vor der Gefahr sicherten sie ihr Leben – und somit den Fortbestand der Menschheit. Ohne die Angst gäbe es – einfach gesagt – weder dich noch mich.

Während sich unsere Vorfahr*innen Säbelzahntigern und anderen lebensbedrohenden Gefahren ausgesetzt sahen und die Angst ein wichtiger und ständiger Begleiter in unerforschtem Gelände war, ist unser Leben heute jedoch weitaus weniger gefährlich. Das Gefühl der Angst begleitet uns aber nach wie vor. Allerdings kommt es nur noch selten mit einem Paukenschlag, schließlich stehen wir – Gott sei Dank – keinen hungrigen Raubtieren mehr gegenüber und schweben somit nicht mehr täglich in unmittelbarer Lebensgefahr. Die akute Angst aus Urzeiten ist einer theoretischen Angst gewichen. Sie macht sich breit, wenn wir Unsicherheit oder Ungewissheit verspüren. Wir fürchten das Unbekannte, haben also Angst vor etwas, das potenziell passieren könnte.

Es sind zum Beispiel soziale Ängste, die uns umtreiben, existenzielle Sorgen wie der Verlust des Arbeitsplatzes, der Wohnung oder die Furcht vor einer drohenden Krankheit beherrschen unsere Gedanken. Dazu kommen diffuse Befürchtungen wie die, Opfer eines Verbrechens oder eines Unfalls zu werden. Gleichzeitig sorgen wir uns um unsere Liebsten, unsere Beziehung oder fürchten uns vor dem Tod von Angehörigen.

Die Angst hat uns ursprünglich vor dem Aussterben bewahrt. Doch schon damals waren nicht alle Menschen Angsthasen. Auch hier gab es diejenigen, die sich furchtlos in risikoreiche Situationen begaben, während andere lieber einen Bogen um potenzielle Gefahren machten und am Lagerfeuer sitzen blieben. Wir Menschen sind eben unterschiedlich, und das gilt bis heute.

Hinzu kommt, dass wir bezüglich unserer Ängste auch stark gesellschaftlich geprägt sind. Ich als Frau kann und darf öffentlich meine Angst zeigen. Niemand wird mich ansehen und sagen: „Wie, du hast Angst?“ Schließlich blieben auch schon bei unseren Vorfahr*innen die Frauen zu Hause, während die Männer auf die Jagd gingen und sich den Gefahren stellten. Das hat zur Folge, dass von Männern selbst im 21. Jahrhundert noch erwartet wird, dass sie jederzeit Stärke zeigen. Aufgrund von längst antiquierten gesellschaftlichen Normen gilt für sie immer noch das Bild des mutigen, starken Mannes.

 

Manche Ängste erlernen wir bereits in der Kindheit. Unsere Familie, unser Umfeld oder andere soziale Einflüsse konditionieren uns und bereiten uns auf das Leben vor. So beginnen wir, basierend auf Erfahrungswerten, auf Charaktereigenschaften und frühen Prägungen spezielle Ängste zu entwickeln. Kinder ängstlicher Eltern sind ebenfalls oft ängstlich. Schreit eine Mutter beim Anblick einer Maus, überträgt sich das oft auch auf ihre Kinder. Wenn die Mama schreit, muss die Maus doch gefährlich sein, oder?

Im Erwachsenenalter legen sich diese Ängste häufig wieder, schließlich entwickeln wir uns weiter, sammeln neue Erfahrungen und verstehen, dass Mäuse eigentlich ganz putzig sind.

 

Ängste können also ganz unterschiedlich sein, sie wirken bei allen Menschen anders, und doch haben sie eines gemeinsam: Sie lassen uns aufmerksamer und vorsichtiger sein, sobald unser Leben in Gefahr scheint, wir uns in einer unbekannten, vermeintlich unkontrollierbaren Situation befinden.

Im Umkehrschluss bedeutet das aber auch: Ängste sind nicht nur negativ. Sie können uns antreiben, uns unsere Grenzen austesten und uns aktiv werden lassen. Jedes Ereignis, das uns erst Angst gemacht hat, das wir dann aber mutig überwunden haben, stärkt unser Selbstbewusstsein. Wir trauen uns mehr (zu) und lernen, dass Angstsituationen uns auch wachsen lassen. Unsere körperlichen wie geistigen Grenzen werden durch die Angst immer wieder neu gesteckt.

 

Niemand von uns ist ohne Angst. Doch es gibt Menschen, die Situationen bereits als Bedrohung erleben, die objektiv betrachtet noch überhaupt keine Gefahr darstellen. Wetten, du kennst solche ängstlichen Personen auch? Schließlich ist jede*r von uns mindestens einmal schon einem Menschen begegnet, der Angst vor dem Zahnarzt hat, schreiend vor einer Spinne davonrennt oder beim Fliegen Schweißausbrüche bekommt. Nichts davon ist wirklich lebens- oder existenzbedrohend, und doch treibt allein der Gedanke an die Situation diese Menschen an den Rand eines Nervenzusammenbruchs. Zumindest treibt er ihnen Schweißperlen auf die Stirn und sorgt für zittrige Beine.

Solche lästigen Alltagsängste können eine*n jede*n befallen, selbst Menschen, die das Rampenlicht lieben, schwitzen auf dem Zahnarztstuhl. Wirklich! Sie führen dazu, dass Menschen viel zu selten oder viel zu oft zum Arzt gehen, Autobahnfahrten meiden oder nur mit schweißnassen Händen überstehen und aus Angst vor möglichen Einbrecher*innen ihre Wohnung übertrieben verriegeln und überall Kameras aufstellen. Doch sie schränken nicht wirklich ein – meist finden die Geplagten Wege, ihre Phobien in den Griff zu bekommen. Und wenn sie nur den oder die Nachbar*in darum bitten, die Spinne aus der Wohnung zu tragen. Sie lernen, sich zu beruhigen, sich Hilfe zu suchen oder eine Zahnärztin zu googeln, die auf Angstpatient*innen spezialisiert ist.

Mit derartigen Ängsten kann man leben. Mit manch anderen allerdings nicht. Denn es gibt auch Menschen wie mich. Richtige Angsthäsinnen, die zwar in vielen Situationen mutig sind, in völlig unbegründeten Situationen aber Gefahr spüren. Die keine Angst vor dem Tod haben, Spinnen ohne Zittern aus dem Haus tragen, dafür aber in den Fluchtmodus wechseln, wenn der Aufzug plötzlich ruckelt. Deren Herz schneller schlägt, sobald sich der Verkehr staut oder sie sich in einer Menschenmenge befinden. Deren Alltag zu einer Herausforderung wird, weil sie ständig von Angst befallen werden, und das in Situationen, in denen nun wahrlich keine Gefahr droht.

 

Unter den Achtzehn- bis Fünfundsechzigjährigen leiden laut statistischem Bundesamt in Deutschland derzeit 14,2 Prozent an einer Angsterkrankung. Ihr Körper reagiert auf Situationen, die objektiv betrachtet völlig ungefährlich sind. Das sind Menschen, die Angst vor schweren Krankheiten haben und bei den kleinsten Anzeichen von Veränderung die Hautärztin oder den Frauenarzt aufsuchen. Menschen, die sich nicht mehr trauen, mit dem Auto zu fahren, die jeden Stau meiden, die die Enge der U-Bahn kaum ertragen. Menschen, die Angst vor fremdem Essen oder vor Gesprächen mit ihren Mitmenschen haben. Die das Erbrechen in der Öffentlichkeit fürchten, Begegnungen mit anderen Menschen als Qual empfinden und das Haus aus Angst vor der lauten, verstörenden Welt da draußen nicht mehr verlassen wollen.

Wenn die Angst zu groß wird, der Alltag stark beeinträchtigt ist und der Angsthase eigentlich die Welt entdecken will, die Angst ihm aber permanent das Stoppschild hinhält, ist es so weit: hallo, Angststörung!

 

Angststörungen sind grundverschieden, haben aber zumindest eines gemeinsam: Sie belasten das Leben der Betroffenen.

Wie viele Menschen wirklich unter übersteigerter Angst leiden, weiß kaum einer, denn Angstpatient*innen leben lieber unerkannt. Dabei hilft es, die Monster der Angst zu vertreiben, indem man offen über sie spricht, sie nicht für sich behält, sondern mit Menschen an seiner Seite gegen sie ankämpft.

Mutig ist also nicht, wer vermeintlich furchtlos durchs Leben geht, sondern wer sich seinen Ängsten stellt, ihnen ins Gesicht blickt und fragt: „Hallo Angst, was willst du eigentlich?“

„Ein Buch über meine Angststörung, meine Erfahrungen und meine Erkenntnisse schien mir dafür der beste Weg zu sein. Ich möchte Menschen ermutigen, ihre Ängste anzunehmen, sie zu umarmen und einen Weg zu finden, sich mit ihnen zu arrangieren, statt ständig gegen sie anzukämpfen.

Denn auch ich habe immer wieder gegen die Angst gekämpft, wollte sie bloß nicht zulassen, bloß nicht sichtbar machen, bloß keine Schwäche zeigen, um mich nicht mehr so furchtbar hilflos zu fühlen. Geholfen hat das nicht. Die Angst wurde immer größer, ihre Besuche regelmäßiger.”


Antonia Wille, Gründerin des Modeblogs amazedmag.de

„Ein engagiertes Plädoyer für einen neuen, offeneren Umgang mit psychischen Erkrankungen und eine Einladung zur Achtsamkeit.“ Dr. Eckart von Hirschhausen

Eine humorvolle Annäherung an das Thema Mental Health

Blick ins Buch
Aber vielleicht wird auch alles gutAber vielleicht wird auch alles gut

Roman

Ein Own Voices-Roman mit humorvoller Annäherung an das Thema der psychischen Erkrankungen. Ganz ohne Berührungsängste erzählt die Illustratorin Lea Melcher von den großen und kleinen Hürden im Kopf.
Emilia ist fast dreißig, single, mittelmäßig glücklich – ach ja, und sie leidet unter einer Angststörung. Alles fällt ihr schwer: vom Einkaufengehen über soziale Kontakte bis hin zu einem „normalen“ Beruf. Am liebsten verkriecht sie sich in ihrer Wohnung und blendet die Welt aus. Doch dann stellt ihre Schwester ihr ein Ultimatum: Entweder du machst eine Therapie, oder ich rede nie wieder mit dir! Also überwindet Emilia sich und wagt sich hinaus in die Welt. Im Wartezimmer ihres neuen Therapeuten sitzt ausgerechnet Jack, dem sie eigentlich nie wieder begegnen wollte. Und wie es kommen muss, landen die beiden durch eine Verwechslung in einer Paartherapie. Plötzlich ist Emilia gezwungen, sich ihren Ängsten ein für alle Mal zu stellen.

  • Mit Illustrationen der Autorin Lea Melcher
  • Perfekte Lektüre für alle LeserInnen von Sarah Kuttner und John Green
  • Ein augenzwinkernder Roman über die Probleme einer ganzen Generation
  • Das Thema Mentale Gesundheit offen angesprochen


Lea Melcher ist eine Mainzer Illustratorin und Autorin. Nach einem Frühstudium der Literaturwissenschaft folgten Film und Fernsehjournalismus sowie Mediendramaturgie. Auf Instagram teilt sie unter @leamelcher illustrierte Einblicke in ihr Leben, ihre Gedanken und Gefühle – und in den Kampf gegen eine Angststörung. Als Betroffene berichtet sie aus erster Hand vom Umgang mit dem Thema Mental Health.

JETZT
Ich darf nicht stehen bleiben, also laufe ich in Schlangenlinien vor der Praxis auf und ab. Denn wenn ich stehen bleibe, werde ich hier festfrieren, ich weiß es genau. Ich drehe die Visitenkarte in meinen Fingern, mir ist kalt, ich habe nicht mitbekommen, dass es auf einmal Herbst ist. Das sieht man durch die Fenster meiner Wohnung nämlich nicht, dazu müsste ich das Haus verlassen.
Ich frage mich, wie lange das noch weitergehen wird, ich noch so weitergehen werde, während ich hier meine Kreise ziehe. Auch eine Bewegung kann zum Stillstand werden, wenn man sie oft genug wiederholt. Das ist so beim Atmen, beim Schreiben und beim Sex. Und dann stehe ich plötzlich im Treppenhaus des Altbaus, auf den wunderschönen Mosaikfliesen, die völlig verschwendet sind, weil es hier neben der Praxis nur Anwälte und Steuerberater gibt. Wie immer kann ich nicht sagen, warum ich es geschafft habe, mich loszureißen, was mir den letztendlichen Kick gegeben hat. Wenn ich wüsste, was es ist und wie ich es reproduzieren kann, wäre mein Leben um einiges leichter. Meine Nase beginnt wieder zu laufen, und ich widerstehe dem Drang, direkt das Nasenspray hervorzuziehen. Zum Glück vibriert in diesem Moment mein Handy in der Manteltasche. Ich stoße alle Luft auf einmal aus, mein Atem bildet Wölkchen, und ich bekomme wieder Lust auf Zigaretten. Ich habe mit dem Rauchen aufgehört, weil ich regelmäßig meine Wohnung verlassen müsste, um Zigaretten zu kaufen. Zumindest habe ich bisher noch keinen Supermarkt gefunden, dessen Lieferdienst neben Milch, Toast und Tiefkühlgemüse auch eine Stange Lucky Strike im Angebot hätte. An meiner Situation ist also nicht alles schlecht – immerhin bin ich jetzt Nichtraucherin, tabaklos seit vier Jahren. Ich krame hektisch in den Jackentaschen nach meinem Smartphone und drücke mit den Fingern anschließend wild auf allen Tasten herum, bis auf dem zerkratzten Display endlich eine Nachricht aufblinkt.

Wo steckst du, Liebes? Ich habe schon fünfmal bei dir
angerufen. Großartige Neuigkeiten: Melde dich sofort bei mir, ich habe vielleicht einen Job für dich gefunden. Mama.

Alles in mir zieht sich zusammen. Ich habe eine andere Nachricht erwartet. Die ganze Nacht lag ich wach und habe mein Handy angestarrt in der Hoffnung, dass Lara sich endlich meldet. Mit einem Seufzen lasse ich mich auf eine Treppenstufe fallen, die unter meinem Gewicht ächzt, als wäre sie genauso überfordert wie ich. Die Praxis liegt im zweiten Stock, aber ich kann mir gerade nicht vorstellen, wie ich es dorthin schaffen soll.
Wie ferngesteuert tippen meine Finger sich den Weg zu Laras letzter Sprachnachricht. Ich presse das Smartphone an mein Ohr und halte die Luft an.
„Das hätte ich wirklich nie von dir erwartet, Emmi! Du hast mich komplett im Stich gelassen! Was soll ich denn jetzt machen?!“ Darauf folgt eine kurze Pause, im Hintergrund spielt jemand Orgel. „Ich kann einfach nicht glauben, dass du nicht zu meiner Hochzeit gekommen bist. Entweder du machst eine Therapie, oder ich rede nie wieder mit dir, ganz egal ob wir Schwestern sind oder nicht.“
Schnell drücke ich den Pausenknopf, als die Wiedergabe zu meinen eigenen Sprachnachrichten an Lara springt, mein Gestammele und Geheule. Die Enttäuschung in ihrer Stimme sticht noch genauso wie beim ersten Mal. Als sie mich gefragt hat, ob ich ihre Trauzeugin sein will, habe ich einfach reflexartig Ja gesagt. Dabei hätte mir klar sein müssen, dass jemand, der im letzten Monat kein einziges Mal vor die Tür gegangen ist, nicht einfach so auf einer riesigen Hochzeitsparty antanzen kann. Eigentlich wusste ich schon in dem Moment, als ich ihr zusagte, dass das alles in einer Katastrophe enden würde. Aber sie sah in diesem Moment so glücklich aus … und schließlich bin ich ihre Schwester! Das war die perfekte Gelegenheit, um wieder mehr Zeit miteinander zu verbringen, nachdem es in den letzten Jahren immer weniger geworden war. Bis kurz vor der Hochzeit redete ich mir ein, dass schon alles reibungslos über die Bühne gehen würde. Lara bestellte die Eheringe direkt zu meiner Wohnung, weil ich ja immer zu Hause war und das Paket auf jeden Fall annehmen konnte. So weit, so gut. Ich hatte wirklich vor, zu ihrer Hochzeit zu gehen, und hatte auch alles vorbereitet. Nur für den Fall (der ja dann auch eintrat), dass ich mich nicht aus der Wohnung trauen würde, hatte ich die Ringe vorsichtshalber per Päckchen vorausgeschickt. Was kann ich denn dafür, dass das Päckchen das Brautpaar nie erreichte? Meine zögerlichen Nachfragen an die Info-Mailadresse des Versandunternehmens ergaben folgenden Tathergang: Unsere Sendungsverfolgung hat das Paket leider nicht ausfindig machen können. Bitte melden Sie sich telefonisch bei unserer Zentrale.
Ab diesem Punkt war nichts mehr zu retten. Telefonisch?
Ich hatte mich eine halbe Stunde durch die Kontaktformulare des Paketdienstes gekämpft, bis ich schließlich diese E-Mail-Adresse gefunden hatte. Hätte ich anrufen wollen, hätte ich das doch bereits getan.
Te-le-fo-nisch. Allein bei dem Gedanken daran wird mir übel.
Stattdessen verkroch ich mich im Schlafzimmer und warf alle Pläne, zu Laras Hochzeit zu fahren, über den Haufen. Zumindest redete ich mir rückblickend ein, dass ich mich bewusst dazu entschieden hatte, nicht in der Kirche aufzutauchen. In Wahrheit tigerte ich tagelang in meiner Wohnung auf und ab, unfähig, das Haus zu verlassen. Mehrfach wählte ich Laras Nummer, um sie wenigstens vorzuwarnen, aber ich brachte es einfach nicht übers Herz. Irgendwann fror ich in meiner Wohnung regelrecht ein, lag im Bett und konnte mich nicht mehr bewegen, bis Oskar auf mich kletterte und mir direkt ins Gesicht maunzte. Es tat weh, dass niemand außer Lara von meinem Fortbleiben überrascht sein würde. Für alle anderen war ich ohnehin schon das schwarze Schaf der Familie.
Dass die Ringe als verschollen galten, war das eine. Aber leider endet die Geschichte nicht an dieser Stelle. Es wäre vielleicht alles nicht dermaßen eskaliert, wenn der Abholdienst meines Pakets nicht darauf bestanden hätte, die Ware selbst zu frankieren. Vielleicht hätten sie dann nicht meine Zieladresse mit der eines anderen Kunden verwechselt. Dass genau das geschehen ist, habe ich mir aus Laras Sprachnachrichten und den darauffolgenden Screenshots von Zeitungsartikeln zusammengereimt. Denn tatsächlich wurde ein Paket an sie ausgeliefert, gerade noch rechtzeitig, mit Schatulle und allem Drum und Dran. Das einzige Problem war, dass sich darin keine Ringe, sondern ein Minivibrator befand. Diese Verwechslung wurde allerdings erst bemerkt, als unsere Nichte Cassandra die Schatulle auf einem Samtkissen in die Kirche getragen hatte. So ähnlich berichteten es zumindest die Klatschpresse und diverse Online-Magazine. Meine Schwester ist schließlich ein Internet-Star. Sie spricht zwar nicht mehr mit mir, aber auf Instagram sehen ich – und ihre 456 753 Follower –, wie glücklich sie mit ihrem Ehemann auf Bali ist.
Kopfschüttelnd ziehe ich mich am Treppengeländer hoch. Es hilft doch alles nichts. Ich muss zu diesem Therapeuten, wenn ich nicht auch noch meine Schwester verlieren will. Sie ist neben meinen Eltern so ziemlich der einzige Mensch, den ich noch habe.

Die Tür der Praxis öffnet sich automatisch, sobald ich den Klingelknopf drücke. In das Holz ist ein goldenes Schild eingelassen, auf dem in geschwungenen Lettern steht: Dr. Eberhard Struwe, Psychotherapeut & Paartherapeut.
Ich finde mich in einem hellen Flur wieder, dessen linke Wand mit Postkarten vollgeklebt ist:
Mein Therapeut hält dich für eine gute Idee.
Es gibt drei Blickwinkel auf alles: deinen, meinen und die Wahrheit.
Eifersucht ist Trennungsangst, die das erzeugt, was sie befürchtet: die Trennung.
Durch eine geschlossene Tür zu meiner Rechten höre ich mehrere gedämpfte Stimmen. Ich frage mich, wer je auf die Idee käme, eine Paartherapie zu machen. Mit einem Fremden über Gefühle zu sprechen bereitet mir Übelkeit – ist aber nichts im Vergleich zu der Vorstellung, mit jemandem, den man kennt, über Gefühle zu reden. Ich schüttele mich. Es würde schon reichen, wenn ich Dr. Struwe vor Jahren mal bedient hätte, als ich noch als Kellnerin gearbeitet habe. Oder wenn ich ihm als Kassiererin Kondome verkauft hätte. Sollte sein Gesicht mir auch nur irgendwie bekannt vorkommen, würde ich auf dem Absatz umdrehen und nie wieder einen Fuß in diese Praxis setzen. Auch wenn die Emilia von damals ein komplett anderer Mensch ist als der, der soeben diese Praxis betreten hat.
Ich bemerke, dass es wirken könnte, als würde ich das Gespräch hinter verschlossenen Türen belauschen, und husche schnell weiter.
Die Tür zum nächsten Raum steht offen. Wartezimmer, lässt mich das Schild wissen, das darüber angebracht ist. Eine Anmeldung gibt es offenbar nicht, nur noch eine Toilette und eine Skulptur auf einem Steinblock, die bestimmt gemeinschaftlich im Rahmen einer Paartherapie zusammengegipst wurde. So etwas Hässliches habe ich noch nie gesehen, aber ich habe auch schon länger nicht mehr in den Spiegel geguckt. Ich muss ein bisschen über mich selbst kichern – das lernt man, wenn man so viel Zeit allein verbringt. Ich bin mein eigenes Unterhaltungsprogramm. Mit den Jahren habe ich mir angewöhnt, in meinem Kopf Selbstgespräche zu führen. Peinlich ist es nur, wenn ich so laut lache, dass die alte Frau unter mir mit dem Besen gegen die Decke klopft. In solchen Moment merke ich dann, wie lange ich schon allein bin.
Ich halte den Blick auf mein Handy gesenkt, bis ich sichergehen kann, dass das Wartezimmer tatsächlich leer ist. Ein runder, mit Zeitschriften überladener Couchtisch, ein Regal auf der rechten Seite, in dem Bücher über Feng-Shui und Gefühle stehen. Ich setze mich an den Platz, der am weitesten von der Tür entfernt ist, und strecke meine Nase in die Herbstsonne, die durch die hohen Fenster fällt, bis ich niesen muss.
Mein Blick gleitet über die Magazine auf dem Tisch und bleibt an Die besten Jahre hängen, Das Wohlfühlblatt für die Frau ab dreißig.
Ich rolle die Augen. Als hätte meine Mutter die Zeitschrift extra dort für mich platziert. Kinder & Karriere. Warum die 30er so viel besser als die 20er sind. Der Sieben-Punkte-Plan zum Heiratsantrag.
Ich starre die lachende Frau auf dem Cover böse an, aber sie lacht einfach weiter, also drehe ich die Zeitschrift kurzerhand um. Auf der Rückseite erwartet mich eine Antifaltencreme: Ab dreißig nimmt die Elastizität Ihrer Haut stetig ab.
Am liebsten würde ich die Zeit an dieser Stelle anhalten. Emilia Vierling, gerade noch neunundzwanzig, allein im Wartezimmer, bevor sie einem wildfremden Menschen erklären muss, warum sie nicht mehr vor die Tür geht und ziemlich viele Dinge nicht auf die Reihe kriegt, die für andere Menschen selbstverständlich sind.
In diesem Moment höre ich das Geräusch eines Wasserhahns hinter der Tür direkt gegenüber dem Wartezimmer. Stilles Örtchen, prangt dort in silbernen Lettern. Ich frage mich immer mehr, ob Dr. Struwe und ich kompatibel sein werden. Er ist bestimmt aktiv in diversen Facebook-Gruppen, in denen kitschige Bilder mit schlauen Sprüchen geteilt werden, und bestimmt hat er diese Sprüche auch als Wandtattoo über seinem Sofa verewigt.
Die Toilettentür öffnet sich. Ein Mann mit strubbeligen rostbraunen Haaren und einer gebirgsähnlichen Nase steht in der Tür und wischt sich die nassen Finger an der Hose ab, an deren Enden seine Köchel hervorgucken. Dann streicht er seine zerzausten Haare zurück und offenbart zwei formvollendete Absteh-Ohren. Ich würde diese Ohren überall erkennen.
Er räuspert sich und betritt das Wartezimmer. „Hallo.“
Automatisch greifen meine Finger nach der Zeitschrift vor mir auf dem Tisch. Auch diese Stimme kommt mir schrecklich bekannt vor. Ich öffne das Magazin an einer beliebigen Stelle und versenke mein Gesicht darin. Trotzdem registriere ich, wie der Typ das Wartezimmer durchquert und sich direkt neben mich auf den Stuhl fallen lässt. Für einen Moment herrscht eine Stille, die fast so tief ist, dass ich durch die Wand das Gespräch im Nachbarzimmer belauschen kann.
Ich fühle mich wie ein Rehkitz im Scheinwerferlicht eines Autos, das sich nicht von der Stelle rühren kann, obwohl es gleich überfahren wird. Schockstarre nennt man das.
„Der Sieben-Punkte-Plan zum Heiratsantrag“, liest er leise vor. „Ich wusste gar nicht, dass du der Typ für so was bist.“
Ich umklammere die Seiten fester. Ich spüre, dass er mich anstarrt.
„Kennen wir uns?“, frage ich, ohne hinter der Zeitschrift aufzutauchen. Ich bin froh, dass ich meine Sonnenbrille noch nicht abgenommen habe, mein persönlicher Schutzschild. Ich verschwinde in einem Artikel über Endometriose, der mit Zeichnungen von quietschpinken Wärmflaschen garniert ist. Ich kann nicht glauben, was hier gerade passiert. Ich gehe zum ersten Mal seit Wochen vor die Tür und begegne im Wartezimmer eines Therapeuten dann ausgerechnet … ihm. Gehört das zu Dr. Struwes berühmter Variante der Konfrontationstherapie? Mir fällt beim besten Willen kein Grund ein, warum er sonst hier sein sollte.
Ich bin so sehr damit beschäftigt, mir eine Erklärung für diese absurde Situation zurechtzuzimmern, dass ich überhöre, wie sich die Tür des Behandlungszimmers öffnet.
„Em“, setzt der Typ neben mir an.
„Ach, wie schön, Sie sind schon da!“ Ein hochgewachsener grauhaariger Mann mit buschigen Augenbrauen, schulterlangen grauen Haaren und einem riesigen Schnurrbart steht im Türrahmen, als ich vorsichtig hinüberlinse. Er trägt einen Pullunder über dem karierten Hemd und sieht damit aus wie ein klischeehaft dargestellter Psychiatriepatient, der manchmal versucht, sich als Arzt auszugeben.
„Sie sind hier für die Paartherapie, richtig?“

***

Versteinert sitze ich Dr. Struwe gegenüber. Ich halte meinen Blick starr nach vorne gerichtet und gebe mein Bestes, die Person auszublenden, die gerade neben mir sitzt. Stattdessen zähle ich die Härchen an Dr. Struwes Bart. Ich könnte so bis in alle Ewigkeit ausharren, ich habe es lang genug geübt.
Hundertdreiundzwanzig, hundertvierundzwanzig, …
„Was führt Sie heute zu mir?“, fragt Dr. Struwe mit einem ermutigenden Lächeln und legt die Fingerspitzen vor dem Gesicht zusammen, sodass ich den direkten Blick auf seinen Schnurrbart verliere.
Hektisch gehe ich meine Optionen durch. Soll ich ihm einfach sagen, dass es ein Irrtum war? Wortlos aus dem Raum stürmen?
Mein Inneres ist damit beschäftigt, sich zwischen Wut und Angst zu entscheiden, weswegen ich viel zu langsam realisiere, was um mich herum passiert. Wir wissen doch alle, wie dieser Kampf endet.
„Genau so ist es“, hatte der Typ neben mir im Wartezimmer auf Dr. Struwes Frage hin geantwortet, ob wir für die Paartherapie angemeldet seien. Das hatte mich so sehr überrumpelt, dass ich nicht widersprach. Und jetzt sitze ich hier. Ich bin völlig am Ende. Steht es wirklich schon so schlimm um mich, dass ich mich völlig wehrlos in meinen eigenen Albtraum begebe? Warum habe ich nicht protestiert? Und was führt Jack im Schilde? Meine Finger tasten in der Manteltasche nach dem Nasenspray. Ich könnte Jack eine Ladung davon ins Gesicht sprühen und fliehen, oder? Vielleicht könnte ich auch mitspielen, unsere Scheidung verkünden und einfach aus dem Raum stürmen. Aber ich bleibe wie festgefroren auf meinem Platz sitzen, typisch Emmi eben.
Mein Inneres findet es zunehmend unmöglich, mir vorzugaukeln, dass es vielleicht doch nicht er, sondern jemand anderes sein könnte. Vor allem, als er mich ansieht und ich aus Reflex den Kopf zu ihm drehe. Unsere Blicke treffen sich, und ich bin mir sicher, dass das mein Ende ist. Ein Lächeln umspielt seine Lippen, er hebt eine Augenbraue, seine perfekten, wunderbaren Absteh-Ohren zucken. Ich ertappe mich selbst, wie meine Gedanken die Linien seines Gesichts nachzeichnen: die schiefe Nase, die zuckenden Mundwinkel und die dunklen Augen, die ich nie vergessen könnte. Reiß dich zusammen, Emmi! Aber Jack erwidert meinen Blick, und eine Ewigkeit vergeht, bevor er sich an Dr. Struwe wendet. „Wir sind hier, um an unserer Beziehung zu arbeiten.“
Dr. Struwe kritzelt etwas in seine Akten und wirft eine lange silbrige Strähne hinter die Schulter zurück. „Diese Stunde dient einem entspannten Kennenlernen. Deswegen möchte ich, dass Sie sich zum Einstieg gegenseitig beschreiben.“
Ich starre ihn an.
„Sie wirken von dieser Aufgabe ein bisschen irritiert, vielleicht möchten Sie gleich einmal damit anfangen?“ Er blickt mich auffordernd an. „Dann können wir in diesem Kontext auch direkt über Ihre Gefühlshemmungen sprechen.“
„Ich …“ Ich versuche, in meinem Kopf die Chancen zu errechnen, dass Jack mich mit Absicht in diese Falle gelockt hat, weil ich vor vier Jahren einfach aus seinem Leben verschwunden bin und mich nie wieder bei ihm gemeldet habe.
Dr. Struwe lächelt gütig. „Beginnen Sie doch einfach mal damit, Ihren Partner persönlich anzusprechen.“
„Jack …“ Weiter komme ich nicht.
„Sie nennt mich immer Jack. Sonst macht das niemand.“ Ich fahre zu ihm herum und funkele ihn finster an. Meine Angst ist mit einem Mal verpufft. Ich spüre Wut in mir aufkochen. Ein einziger Satz von ihm reicht, und ich gehe an die Decke. Wie kann er es wagen, nach all den Jahren in mein Leben zu platzen, mich in diese Situation zu bringen und dann auch noch so süffisant dabei zu grinsen? Ist das seine späte süße Rache? Früher mochte ich genau das an ihm: dass er die Wut aus mir herauskitzelte, wo sonst immer nur Angst war.
Ich gebe mir Mühe, ruhig zu atmen, damit meine Stimme vor Zorn nicht zittert. Aus dem Augenwinkel sehe ich, wie Dr. Struwe sich mit flinker Hand etwas notiert, aber das ist mir egal.
„Jack ist …“, setze ich noch einmal an. Ich fixiere ihn weiter. Wieder zieht er eine Augenbraue in die Höhe. „Jakob ist das Schlimmste, was mir je passiert ist.“
„Moment, Moment“, fährt Dr. Struwe dazwischen. „Ich spüre bei Ihnen unterschwellige Aggression.“
„Unterschwellig?“, rutscht es mir heraus, ein trockenes Lachen springt gleich noch hinterher.
„Und dieser Sarkasmus, muss das wirklich sein?“ Ich verschränke die Arme vor der Brust. „Wie wäre es, wenn Sie stattdessen beginnen?“, wendet er sich an Jack. „Also, am besten fassen Sie einfach mal Ihre Gedanken und Gefühle zu Ihrer Partnerin in Worte, und vielleicht können Sie anschließend sogar noch hinzufügen, warum Sie hierherkommen wollten – ich nehme an, dass das Ganze Ihre Idee war?“
Jack nickt und räuspert sich. Schon früher hatte er immer einen rauen Hals, dieses Angekratzte gefiel mir an seiner Stimme besonders. Jetzt klingt es für mich nur noch so, als hätte er die letzte Nacht durchgemacht und sich zum Frühstück ein Scherbenmüsli genehmigt.
„Es wäre sehr hilfreich, wenn Sie Ihren Partner dabei ansehen könnten.“
„Ist das … wirklich notwendig?“
Dr. Struwe blinzelt in Zeitlupe. „Dadurch bauen wir die Wertschätzung wieder auf, nach der wir uns alle insgeheim doch so sehr sehnen.“
Ich weiß nicht, was ich schlimmer finde: Die Art, wie Dr. Struwe die Wörter Ihr Partner und Ihre Partnerin betont, oder den Ring, den ich an Jacks Hand entdecke, als ich versuche, ihn anzusehen, ohne ihn direkt anzusehen. Etwas in mir zieht sich zusammen, aber ich bin entschlossen, mir nichts anmerken zu lassen. Mit einer fließenden Bewegung schiebt Jack die rechte über die linke Hand und lässt den Ring darunter verschwinden. Was hier vor sich geht, kommt mir immer rätselhafter vor.
„Bitte.“ Dr. Struwe nickt wohlwollend.
Ich höre, wie Jack Luft holt. „Ich habe heute wirklich nicht damit gerechnet, dass Emilia hier auftauchen würde“, setzt er an. Ich presse die Kiefer aufeinander und wappne mich gegen das, was nun kommen würde.
„Sie dachten, Ihre Frau würde heute nicht kommen?“, fragt Dr. Struwe nach.
„Em ist …“, setzt Jack noch einmal an. Wenn er meinen Spitznamen ausspricht, bekomme ich eine Gänsehaut. Niemand sonst hat mich je Em genannt. Emilia, Emmi, Mila – aber nie Em. Es klingt ein bisschen ulkig, zu kurz und gleichzeitig nach einem gedehnten „Ähm“. Genauso planlos, wie ich bin. Passt also.
Jack dreht sich zu mir herum. Ich kann seinen Blick nicht lesen, wie auch, ich habe ihn vier Jahre nicht gesehen. Sein Gesicht ist eine Maske, vollgestopft mit meinen Erinnerungen, sodass ich den Menschen darunter gar nicht sehen kann. Auf einmal bereue ich es, dass ich mich heute nicht geschminkt habe, und ich hasse es, dass er diesen Gedanken in mir hervorruft.
„Ich dachte, sie wäre vielleicht gestorben.“
Dr. Struwe räuspert sich. Mein Herz beginnt schneller zu schlagen, die Wände kriechen näher an mich heran. Durch die Nase einatmen, durch den Mund ausatmen, ganz langsam.
„Also machen Sie sich Sorgen um Ihre Partnerin?“
Jack legt den Kopf schief und studiert mich wie einen besonderen Vogel, den er noch nie gesehen hat. Einen Vogel, der dennoch bereits Krähenfüße um seine Augen hinterlassen hat. Es war mir zunächst nicht aufgefallen, aber jetzt sehe ich, dass er merklich älter aussieht. Hier und da durchziehen silbrige Haare das Rostbraun seines Schopfs, die Augenringe sind etwas tiefer geworden, die Grübchen auch. Dennoch – die vier Jahre stehen ihm, und das scheint mir die wahre Härte des Lebens. Er reift wie ein guter Wein, und ich verfaule wie eine vom Stock gefallene Traube.
„Ich mache mir keine Sorgen um sie“, sagt er langsam, „um Em muss man sich keine Sorgen machen.“ Seine Worte stechen mich, als wären die Konsonanten messerscharf. Wenn er nur wüsste. „Sie ist ziemlich widerstandsfähig. Und eigensinnig.“ Ich spüre, wie mir Tränen in die Augen steigen. Nicht jetzt, Emmi, lass ihm doch wenigstens ein paar Sekunden die Illusion, bevor du demonstrierst, dass widerstandsfähig so ungefähr das Letzte ist, was du bist. „Em ist …“
Dr. Struwe notiert etwas, dann hält er plötzlich inne, runzelt die Stirn und hebt eine Hand. „Bitte entschuldigen Sie die Unterbrechung, aber ich muss eine kurze Zwischenfrage stellen.“ Er fährt mit gezücktem Stift eine Zeile auf einem ausgedruckten Anmeldeformular entlang. „Ich sehe gerade, dass hier in meinen Unterlagen steht, Ihre Namen sei Bernhard und Sabine Arnold …?“
Jack reagiert, ohne zu zögern. „Da müssen Ihnen wohl die Anmeldeformulare durcheinandergeraten sein.“ Selbstsicher streckt er die Hand über den Schreibtisch aus. „Hätten Sie noch einmal eins von diesen Formularen für uns?“
Während Jack Kästchen um Kästchen ausfüllt, breitet sich auf Dr. Struwes Gesicht ein mildes Lächeln aus. Er hat uns durchschaut, da bin ich mir sicher. Er weiß, dass wir nicht das Paar sind, das eigentlich diesen Termin ausgemacht hat. Und wo waren die beiden überhaupt? Würden sie endlich auftauchen, hätte diese absurde Szene hier ein Ende. Aber Herr und Frau Arnold bewarfen einander wahrscheinlich in genau diesem Moment lieber mit ihrem Hochzeitsgeschirr. Ich sehe aus dem Augenwinkel, dass Jack sein Smartphone aus der Tasche zieht und seine Handynummer abschreibt.
Als er fertig ist, studiert Dr. Struwe das Formular kurz und wendet sich dann wieder mir zu. „So, Frau Vierling. Wie wäre es, wenn Sie einmal ganz vorne anfangen?“
„In meiner Kindheit?“, frage ich. „Oder als ich diesen einen Film gesehen habe, der mich jahrelang in unglückliche Beziehungen gestürzt hat?“
„Twilight?“, fragt er direkt und nun ohne den Anflug eines Lächelns.
„Woher wissen Sie das?“
„Das ist die Bibel Ihrer Generation und mindestens genauso schädlich für das psychische Wohlbefinden wie die Heilige Schrift. Erzählen Sie mir doch einmal, wie Sie sich kennengelernt haben.“
Ich seufze.


DAMALS
Als ich Jack zum ersten Mal traf, heulte ich auf den Stufen hinter einer Bar, bis meine Zigarette unter einer dicken Träne zischend erlosch. Das mag jetzt vielleicht überraschen, aber ich war nicht immer so eine bemitleidenswerte Gestalt wie heute. Damals war ich sogar die mit dem breitesten Lächeln, das den Gästen im Café das Trinkgeld aus der Tasche zog, sobald sie meine zauberhafte Zahnlücke entdeckten. Aber nicht an diesem Abend. Die Grillen zirpten in die warme Nachtluft, während ich die Seiten meines Manuskripts zerrupfte, bis alle Wörter einzeln zu Boden segelten.
Jack öffnete die Hintertür der Bar mit einem solchen Schwung, dass mein Wortfetzenhäuflein aufgewirbelt wurde.
„Hey!“ Ich vergaß für einen Moment die dunklen Mascaraspuren unter meinen Augen und fuhr zu ihm herum.
Jack starrte mich überrascht an, aber vielleicht konnte er mich auch gar nicht recht erkennen, weil seine Brillengläser von der feuchten Luft in der Bar immer noch beschlagen waren. Obwohl es ein warmer Sommerabend war, trug er einen Strickpullover.
„Du bist doch die mit der Kurzgeschichte über die Sängerin, die ihr komplettes Vermögen dafür ausgibt, die eigenen Platten zu kaufen, oder?“ Er grinste mich an, und ich sah, dass seine Eckzähne spitz zuliefen, er sah ein bisschen aus wie ein Raubtier … oder ein Vampir?
Ich schnaubte und zog an meiner erloschenen Zigarette, bis ich husten musste. „Und du bist der Typ, der sich vor allen über Poetry Slams lustig gemacht hat.“
Um ihn nicht ansehen zu müssen, klaube ich die einzelnen Zettelüberbleibsel auf den Pflastersteinen wieder zusammen. Er war direkt vor mir aufgetreten und hatte die Nerven gehabt, diese komplette Veranstaltung ins Lächerliche zu ziehen. Danach bebte der Laden, teils vor Empörung, teils vor Begeisterung – keine besonders gute Voraussetzung, um anschließend mit einer herzzerreißenden Geschichte wie meiner an den Start zu gehen.
Ich seufzte. „Dieser Buchvertrag heute Abend wäre meine große Chance gewesen“, sagte ich so leise, dass ich hoffte, er hätte mich gar nicht verstanden, aber dann ließ er sich neben mir auf die Stufen fallen und sah mich an. Ich hielt meinen Blick starr nach vorne ins Nichts gerichtet. Zwar winkte dem Gewinner des Poetry Slams nur die Veröffentlichung in einem kleinen Verlag. Aber das hatte in der Vergangenheit schon mehrmals zu etwas Größerem geführt. Außerdem saß mein absolutes Schreibidol, die Autorin Margarete Leopold, in der Jury!
„Also, ich mochte deine Geschichte“, sagte er leise.
Ich sah ihn ungläubig an. „Ist das dein Ernst? Du hast dich über uns alle lustig gemacht …“
Allmählich klarten seine Brillengläser auf, und ich konnte die dunklen Augen dahinter erkennen. Von dem Spott, den er eben noch von der Bühne aus ins Publikum gesprüht hatte, war nichts mehr übrig geblieben. „Kann etwas Lächerliches nicht trotzdem auch Bedeutung haben?“
Ich verengte meine Augen zu Schlitzen. „Willst du es jetzt so darstellen, als hättest du mir mit deinem genialen Beitrag eine neue Perspektive eröffnet?“
Er hob die Schultern. „Immerhin bin ich auch in der ersten Runde rausgeflogen, falls das hilft.“
„Überrascht dich das?“
Er beugte sich nach vorn, sammelte ein paar Wörterfetzen vom Boden auf, legte sie auf die Treppenstufe zwischen seinen Füßen und schob sie kreuz und quer durcheinander. Für einen Moment schwiegen wir. Die Pausenmusik aus der Bar hinter uns verstummte, aber er machte keine Anstalten, wieder nach drinnen zu gehen.
Wortlos rutschte Jack zur Seite und gab den Blick auf seine Zettelanordnung frei.

Verzeihen mir
Einladung zu Milch weit weg von hier?

Unwillkürlich verzogen sich meine Lippen zu einem Lächeln. „Milch?“
Er hob die Augenbrauen. „Was kann ich denn dafür, dass in deiner Kurzgeschichte weder Gin noch Rhabarberlimo vorkommt?“
„Da ich mir nicht vorstellen kann, dass ich mich jemals von selbst hier wegbewege, werde ich das Angebot annehmen.“
„Zu gütig“, erwiderte er und streckte mir eine Hand hin, um mich hochzuziehen. Ich wischte mir mit dem Ärmel die Schminke von den Wangen.
„Gut so?“, fragte ich ihn.
„Perfekt“, entgegnete er mit einem schiefen Lächeln.
Als ich Stunden später mit Herzklopfen nach Hause lief, sah ich mein Gesicht im ersten Licht des Morgens in einer spiegelnden Fassade. Anders als Jack behauptet hatte, war die Schminke unter meinen Augen immer noch da, ich hatte sie wohl nur noch mehr verschmiert. Aber das war nicht die erste Lüge, die mir Jack an diesem Abend erzählt hatte.
Erst viel später fand ich heraus, dass er es sehr wohl in die nächste Runde des Poetry Slams geschafft hatte und dass die Veranstalter die ganze Bar nach ihm absuchten, während wir den Rhein entlangschlenderten, als hätten wir alle Zeit der Welt. Als ich in den frühen Morgenstunden nach Hause torkelte, betrunken von dieser Begegnung und unserer Nacht in dieser Stadt, war ich mir sicher, dass mein Leben sich grundlegend verändern würde. Ich hatte ihn gefunden. Mit dieser Einschätzung sollte ich recht behalten. Aber nicht so, wie ich es mir erhofft hatte.


JETZT
„Ich weiß nicht einmal mehr, wer Jakob ist“, sage ich leise, nachdem die Stille im Raum den kompletten Sauerstoff verdrängt hat und ich mich fühle, als würde ich keine Luft mehr bekommen.
Dr. Struwe sieht mich lange an, ohne etwas zu sagen. Dann faltet er die Hände und blickt zwischen mir und Jack hin und her. „Sie sollten auf jeden Fall mindestens einmal die Woche kommen“, sagt er nachdenklich. „Ich kann Ihnen jetzt schon sagen, dass hier Dinge zum Vorschein kommen werden, von denen Sie noch nicht einmal geträumt haben – so tief steckt das im Unterbewusstsein fest.“ Er zieht seinen Terminplaner zu sich heran. „Okay, wann würde es Ihnen denn passen? Vorausgesetzt natürlich, dass Sie damit einverstanden sind, mit mir auf diese Reise zu gehen.“
Bei dieser Formulierung zieht sich in mir alles zusammen. Dr. Struwe hat es wahrscheinlich nicht verdient, aber ich hasse ihn in diesem Moment. So richtig. Wer meinen Ärger aber sehr wohl verdient hat, ist Jack. Was sollte das alles? Ich wüsste nicht, was ich mir Schrecklicheres vorstellen könnte, als in einer Paartherapie mit Jack mein Unterbewusstsein aufzuräumen. Ich spüre, wie sich immer größere Wut in mir zusammenbraut. Jack rechnet ganz bestimmt damit, dass ich mich aus der Affäre ziehe, dass ich einknicke. Aber das kann er sich abschminken. Ich laufe nicht mehr weg – zumindest nicht vor ihm. Ich balle die Fäuste, so stark ich kann.
Jack dreht sich mir zu und hebt fragend die Augenbrauen. Ich weiß, was er von mir erwartet: empört aus dem Raum stürmen, Türen knallen, ihn anschreien. Aber diesmal gebe ich nicht klein bei. Stattdessen ziehe ich meinen Kalender aus der Tasche und wende den Blick Dr. Struwe zu. Challenge accepted. „Sehr gern, wann passt es Ihnen denn?“
„Gut, gut, gut.“ Dr. Struwe blättert in seinem Terminplaner hin und her. „Heute ist Freitag … Wie wäre es bei Ihnen gleich kommende Woche am Montagvormittag, um elf?“ Er wirft noch einmal einen Blick auf das Formular, das Jack ihm über den Tisch geschoben hat. „Frau … Vierling und Herr Mersfeld?“
„Aber sehr gerne“, sage ich mit dem zuckersüßesten Lächeln, das ich zusammenbasteln kann. Ich kann selbst kaum glauben, was ich hier gerade tue. Aber wäre doch gelacht, wenn ich ihn einfach so gewinnen lassen würde.
„Das sollte klappen“, sagt Jack. Unter dem Tisch wirft er einen Blick auf sein Smartphone, aber ich kann die Nachricht, die er liest, von hier aus nicht entziffern. Mir fällt nur wieder der Ring an seiner linken Hand ins Auge.
Dr. Struwe erhebt sich. „Gut, dann gibt es für mich nichts mehr zu sagen, außer: Seien Sie gütig zueinander. Und wir sehen uns nächste Woche.“
Er lächelt uns wohlwollend an. Ich reiche ihm meine Hand über den Tisch. „Danke, Dr. Struwe, vielen herzlichen Dank.“
Sobald er die Tür zur Praxis hinter uns geschlossen hat, lasse ich meine Fassade fallen. So schnell ich kann, springe ich nach unten, immer zwei Treppenstufen auf einmal. Ich muss mich am Geländer festhalten, um nicht über meine eigenen Füße zu stolpern. „Unfassbar!“ Meine Stimme hallt von den hohen Decken wider, aber das ist mir egal. Bevor ich die Knöpfe meines Mantels geschlossen habe, stürme ich bereits in die Herbstsonne hinaus. Durch eine Gruppe laut schnatternder Grundschülerinnen hindurch, marschiere ich geradeaus auf mein Fahrrad zu.
„Also wirst du am Montag wiederkommen?“, ruft Jack mir hinterher. Ich reagiere nicht, blicke starr nach vorn und stürme weiter zu der Laterne an der Straßenecke, wo ich mein Fahrrad angeschlossen habe. „Em!“ Seine Stimme kommt näher.
„Nenn mich nicht so!“, brülle ich über die Schulter und sehe dabei, dass das Fenster zu Dr. Struwes Behandlungszimmer offen steht und dahinter seine Silhouette erkennbar ist. Na super. Ich bin mir sicher, dass er eifrig mitschreibt, was hier gerade auf der Straße passiert. Fast hätte ich ein älteres Ehepaar angerempelt, das daraufhin direkt kehrtmacht. Wollten sie auch in Dr. Struwes Praxis und haben dank unseres Gebrülls nun alle Hoffnung aufgegeben?
Mein verrostetes Fahrrad steht immer noch genau dort, wo ich es zurückgelassen habe. Kein geklauter Sattel, keine zerstochenen Reifen – und die Straßenlaterne hat auch niemand aus dem Boden gerissen, wie ich es auf der Suche nach Gründen, das Haus besser nicht zu verlassen, befürchtet hatte. Ich krame in meiner Handtasche nach dem Schlüssel für das Fahrradschloss. Jack hat mich mittlerweile eingeholt und stellt sich auf die andere Seite der Straßenlaterne, sodass ich ihn automatisch ansehen muss, wenn ich aufblicke.
„Wie geht’s dir?“, fragt er nun.
Ich funkele ihn an, während ich meine Hosentaschen immer hektischer nach dem Schlüssel abtaste. „Weißt du eigentlich, wie verdammt schwer es ist, einen Therapieplatz zu bekommen?“
Er hebt die Schultern, sagt aber nichts.
„Wofür brauchst du denn bitte eine Therapie?“, frage ich weiter.
Er weicht meinem Blick aus, als wäre es ihm unangenehm, darüber zu sprechen.
„Jedenfalls habe ich das alles nicht gemacht, um dich zu quälen. Es kam spontan über mich, als Scherz. Ich habe mir nicht viel dabei gedacht, und ich hätte erst recht nicht erwartet, dass du mitspielst.“ Ich schnaube vor Wut. „Emmi. Du traust mir viel mehr Bösewichtpotenzial zu, als ich tatsächlich besitze.“
„Das habe ich aber anders in Erinnerung.“ Und wo war mein verdammter Fahrradschlüssel?
Für einen Moment sehen wir uns wortlos an, dann hocke ich mich auf den Boden und wühle das Notfallkit aus meiner Handtasche. Wenn ich schon mal das Haus verlasse, muss ich auf alle Eventualitäten vorbereitet sein – Zahnbürste, fünfzig Euro, eine Kneifzange. Man weiß ja nie, was einem in der gefährlichen Außenwelt zustoßen könnte. Für Jack habe ich leider kein Gegenmittel.
Ich muss so schnell wie möglich weg von hier. Die Zange habe ich erst ein einziges Mal eingesetzt, um eine widerspenstige Walnuss zu knacken – sie sollte also noch messerscharf sein.
Jack fährt sich mit beiden Händen durch die Haare und übers Gesicht.
„Dir scheint es in den letzten Jahren ja ganz gut ergangen zu sein“, murmele ich und deute mit der Zange auf den Ring an seinem Finger.
Er will gerade etwas erwidern, da hält er inne und lacht. „Moment mal, klaust du gerade dein eigenes Fahrrad?“
„Ich finde meinen Schlüssel nicht.“
Nur kurz blicke ich auf. Seine Augen leuchten.
„Sieh mich nicht so an“, zische ich durch zusammengepresste Zähne.
„Wie sehe ich dich denn an?“
Mit einem Ruck reiße ich das Schloss vollends entzwei. „So wie früher.“
„Was machen Sie da?“ Jack und ich fahren herum, nur um zwei Verkehrspolizisten auf uns zukommen zu sehen.
„Scheiße“, zische ich. „Ich muss hier weg.“
„Warte, Em!“
Aber ich habe mich schon auf das Fahrrad geschwungen und düse die Straße runter. Als ich mich noch einmal umdrehe, sehe ich, wie Jack mit den Polizisten diskutiert. Wenn sich jemand aus einer solchen Situation herausreden kann, dann ja wohl er.

***

Sobald ich die Wohnungstür aufgeschlossen und mich auf einen Stuhl habe fallen lassen, springt Oskar auf meinen Schoß und miaut mir laut ins Gesicht. „Ist ja gut, du fetter Kater“, murmele ich, aber er lässt sich von dieser Beleidigung nicht beirren und quengelt weiter. „Ich weiß schon, was du willst.“ Ich kraule ihn kurz unter dem Kinn und stehe dann mühsam auf, um ihn zu füttern. Oskar folgt mir schnurrend. Das Regal im Vorratsschrank, auf dem normalerweise seine Katzenfutterdosen lagern, ist leer. Also öffne ich den Kühlschrank, um zu sehen, ob nicht noch eine angebrochene Dose darin ist. Fehlanzeige. Panik braut sich in mir zusammen.
Wie die Panik sich anfühlt?
Sie fühlt sich ein bisschen an wie Verliebtsein: Bauchkribbeln, Gänsehaut, nur dass man die Befürchtung hat, der rasende Herzschlag, der sich sonst so lebendig anfühlt, wird einen umbringen. Meine Finger werden feucht, und ich schwitze.
Wie die Angst aussieht?
Ich habe schon mehrfach versucht, sie mit einer Videokamera festzuhalten, wenn sie mich überkommt, oder sie im Spiegel zu finden, doch sie entgleitet mir immer wieder. Als wäre die Panik eine geheime Materie, die nur Magier sehen könnten.
Wie die Angst sich anhört?
Wie eine Eisenbahn auf ihrer letzten Fahrt.
Ruhig atmen, ganz ruhig atmen.
Ich stecke mein Gesicht in den Kühlschrank, bis die Kälte mich frösteln lässt, dann sinke ich neben der geöffneten Tür zu Boden.
Ich habe vergessen, Katzenfutter zu bestellen.
Das Drama mit Lara hat mich so durcheinandergebracht, dass ich meine wichtigsten Vorkehrungen vergessen habe, um nicht das Haus verlassen zu müssen. Oskar jault aus vollen Lungen und kratzt mit seiner Pfote im leeren Futternapf herum.
„Manchmal bereue ich den Tag, an dem ich mir eine Katze zugelegt habe“, flüstere ich ihm zu. Er hält inne und sieht mich mit großen orangefarbenen Augen an. „Ja, ich weiß, das ist nicht dein Problem. Warum brauche ich eigentlich einen Therapeuten, wenn ich dich habe?“ Er drückt die kleine rosafarbene Schnauze gegen mein Knie und schnurrt munter weiter.
Ich schließe die Augen. Orgelmusik, Laras entsetzte Stimme. Ich reiße die Augen wieder auf. Ich habe Scheiße gebaut und eine der gerade einmal zwei Personen in meinem Leben, die immer für mich da waren, zutiefst verletzt. Ich werfe einen Blick auf mein Smartphone. Keine Nachricht von Lara – und um Katzenfutter zu bestellen, das heute noch geliefert wird, ist es schon viel zu spät. Ich werde nicht auch noch die zweite Person im Stich lassen.
Ich knöpfe meinen Mantel wieder zu. Oskar miaut mir hinterher, als ich zur Tür gehe. „Ja, damit meine ich dich, du Idiot. Du bist die zweite Person.“ Ich gebe ihm noch einen Kuss zwischen die Ohren. Ja, ich weiß, eine Katze ist keine Person im eigentlichen Sinne, aber wenn man so wenige Sozialkontakte hat wie ich, darf man nicht wählerisch sein. Dann verlasse ich zum zweiten Mal an diesem Tag die Wohnung. Das letzte Mal, dass ich öfter als einmal in vierundzwanzig Stunden das Haus verlassen habe, liegt ungefähr vier Jahre zurück.

***

Was soll schon passieren?, wiederhole ich in Gedanken immer wieder, als ich vor den Glastüren des Supermarkts stehe und misstrauisch durch meine dunkle Sonnenbrille ins Ladeninnere blinzele. Es ist kurz nach Feierabend, an der Kasse hat sich eine lange Schlange gebildet. Ich trage meinen Wintermantel wie eine Rüstung um mich herum. Ich schwitze, aber das ist immer noch besser, als von irgendeinem Fremden auf der Suche nach Tomaten an der Schulter berührt zu werden. „Was soll schon passieren?“, presse ich zwischen meinen Zähnen hervor. Seit ich hier stehe, sind schon ein Dutzend Menschen an mir vorbei in den Laden gegangen und sieben wieder herausgekommen – keiner von ihnen wirkte, als hätte er da drinnen Schreckliches erlebt. Aber mir könnte die Milch herunterfallen und über den Boden schwappen – Glassplitter könnten die alte Frau im Auge treffen, die sich gerade ächzend zum Schnittkäse hinunterbeugt. Ich könnte vergessen zu bezahlen und vor allen Leuten festgenommen werden.
Neunundzwanzigjährige liefert sich
mit Polizei abenteuerliche Verfolgungsjagd
wegen gestohlener Milch

Ich spüre, wie mein Herzschlag sich beschleunigt. Ich könnte mitten im Laden eine Panikattacke bekommen. Das ist das, wovor ich eigentlich Angst habe, und es tut besonders weh, dass ich es weiß. Nicht vor der Milch, die in alle Richtungen davonläuft, fürchte ich mich, nicht vor der Person, gegen die ich aus Versehen stolpern könnte.
Sondern vor mir selbst.
Es ist ein beschissenes Gefühl, wenn man sich nicht auf sich selbst verlassen kann. Manchmal fühlt es sich so an, als würde ich ohne Führerschein Auto fahren, und dieses Auto ist mein Körper, ein etwas missglücktes Modell, das zu schnell aus der Zeit gefallen ist.
Ich drehe mich um und will wieder nach Hause gehen, da bugsiert eine Mutter mit drei quengelnden Kindern ihren leeren Einkaufswagen direkt auf mich zu. Ich kann gerade noch aus dem Weg springen – durch die sich öffnenden Glastüren in den Laden hinein. Neonlicht, Piepsen und Schnattern, es liegt ein metallischer Geruch in der Luft. Das alles überwältigt mich, ich halte den Atem an, um wenigstens ein paar der Reize auszuschließen. Ich gebe seit Jahren mein Bestes, damit mir die Menschen um mich herum egal werden, aber trotzdem fühle ich mich jetzt angestarrt. Während ich überlege, welches der kürzeste Weg zum Katzenfutter ist, das natürlich in der hintersten Ecke des Ladens steht, weiß ich auf einmal nicht mehr, wie Laufen funktioniert. Ich muss vorbei an der Gemüsetheke, wo jemand mich fragen könnte, wie diese eine Frucht heißt, die in manchen Restaurants auf dem Essen liegt. „Physalis“, flüstere ich vor mich hin, als eine Art Übung für den Ernstfall. Dann geht es weiter zu den Konserven, wo ich schon mehrfach von kleineren Menschen gefragt wurde, ob ich ihnen etwas aus dem oberen Regal holen könnte. Ich weiß nicht mehr, was ich noch tun kann, um zu einer Person zu werden, die man lieber nicht anspricht. Mein Gesicht halb im Schal, halb unter der Sonnenbrille zu verstecken, reicht offensichtlich nicht. Ich stelle mir den Supermarkt vor wie ein Labyrinth – wenn ich mich einmal reinbewege, ist nicht sicher, dass ich heil wieder rauskomme.
Ich denke an Oskar. „Reiß dich zusammen.“ Das Bild meiner Mutter taucht vor meinem inneren Auge auf, und das wirkt – ich stolpere durch die Eingangsschleuse hindurch und halte nicht mehr an, bis ich die Tierfutterabteilung erreicht habe. Zwar musste ich einen kleinen Umweg am Tiefkühlobst vorbei machen, um einer Gruppe nervöser Teenager aus dem Weg zu gehen, aber das ist auch alles. Ich fülle meine Umhängetasche bis zum Rand mit Katzenfutterdosen – ich muss sicherstellen, dass so ein spontaner Trip in nächster Zeit nicht noch einmal nötig wird. Dann will ich nichts wie raus aus den hellen Lichtern und irritierenden Geräuschen und am liebsten eine Woche lang das Bett nicht verlassen, statt einer Wärmflasche eine sich selbst nachfüllende Weinflasche im Arm. Ich halte meinen Jutebeutel wie ein Neugeborenes vor meiner Brust und schlängele mich dicht an den Regalen bis zur Kasse durch. Ich habe Glück: Es steht nur eine junge Frau vor mir, die sich mit Sellerie und Mandelmilch eindeckt und so aussieht, als würde sie gerade vom Sport kommen. Ich versinke tiefer in meiner Jacke und weiche ihrem Blick aus, als sie sich umdreht und den Trenner zwischen uns auf das Kassenband stellt. Ich lächele unverbindlich ins Nichts und stapele meine Futterdosen auf das Band. Die junge Frau vor mir bezahlt, klemmt ihren Sellerie unter den Arm und ist drauf und dran, den Laden zu verlassen, da dreht sie sich noch einmal um und mustert mich. „Sind Sie nicht Emilia Vierling?“
Ich starre sie an, das scheint ihr als Bestätigung zu genügen. Aber ich habe keine Ahnung, wer zur Hölle sie ist.
„Kann ich vielleicht ein Autogramm haben?“, fragt sie und lächelt breit.
„Ist das ein Trick, um mir eine Versicherung zu verkaufen?“
Zu meiner Überraschung lehnt sich die junge Frau mit einem schallenden Lachen zurück und schüttelt dabei ihren Sellerie wie eine Trophäe. „Sie sind ja im echten Leben auch so witzig.“ Sie kramt einen Stift und ihren Kalender aus der Tasche hervor und streckt mir beides hin. Ich überlege, ob ich noch einmal fragen soll, aber ich bin zu perplex. Also nehme ich den Stift einfach und setze meine krakelige Unterschrift auf die vorderste Seite in ihrem Kalender. Emilia Vierling, das bin ich – oder? Auf einmal stehe ich neben mir und bin mir des grundlegendsten Fakts in meinem Leben gar nicht mehr so sicher, meine eigene Handschrift kommt mir fremd vor. Ich kann mir selbst nicht mehr vertrauen.
„Vielen, vielen Dank, ich bin mir sicher, dass das mal ein kleines Vermögen wert sein wird.“ Mit einem freudigen Kichern drückt sie den Kalender an sich. „Ich studiere nämlich Kunstwissenschaften. Wir haben letzte Woche über Ihre Performance-Aktion gesprochen.“
„P-performance-Aktion?“
Die junge Frau nickt eifrig. „Ja, ich hatte das Interview mit Ihrer Schwester auf Instazoom aber natürlich schon gelesen.“
Ich starre sie schockiert an. Meine Schwester hat die Aktion mit den vertauschten Eheringen in einem Interview als „Performance-Aktion“ verkauft?
„Haben wir hohen Besuch?“, mischt sich der Kassierer von der Seite ein. Er mustert mich interessiert, sein blonder Schnurrbart zuckt.
„Nein, das ist eine Verwechslung.“ Ich würde am liebsten aus dem Laden stürmen, aber ich habe Oskars Futter noch nicht bezahlt.
„Ach, Sie sind aber bescheiden!“, lächelt die junge Frau vor mir. „Sie ist eine Künstlerin, die sich kritisch mit dem Leben der Frau zwischen Tradition und Moderne auseinandersetzt.“ Jetzt zieht die junge Frau ihr Smartphone aus der Hosentasche und hält es dem Kassierer hin. Die Sekunde, in der das Bild auf dem Display an mir vorüberschwebt, reicht völlig aus, damit ich kapiere, was hier vor sich geht. Es ist ein Artikel über Laras Hochzeit. Irgendwo haben sie ein Bild von mir aufgetrieben, umrahmt von ein paar neonfarbenen Sextoys. „Das Sexspielzeug als Ausdruck für die Erfüllung einer Frau in einer progressiveren Form der Ehe“, erklärt die Kunststudentin, „das ist einfach genial.“
Mir wird übel, ich spüre, wie sich in meinem Kiefer alles zusammenzieht, als würde ich im nächsten Moment Gift spucken. Dunkle Flecken tanzen vor meinen Augen, ich spüre, wie mein Herzschlag sich rasant beschleunigt. Mit schwitzenden Fingern zerre ich einen Geldschein aus meiner Tasche und werfe ihn dem Kassierer hin, dann greife ich blind ein paar Dosen Katzenfutter und renne aus dem Laden, bevor ein weiteres Wort gesagt werden kann.
Ich schaffe es gerade noch um die nächste Ecke, bevor ich an der Hauswand zu Boden sinke, der raue Stein scheuert an meinem Rücken. Durch die Nase einatmen, durch den Mund ausatmen. Ich versuche, meinen Puls zu beruhigen, aber ich habe immer mehr das Gefühl, keine Luft zu bekommen.
Was ist da gerade passiert? Weiß jetzt die ganze Welt, was für eine miese Schwester ich bin und dass ich Laras Hochzeit zerstört habe? Ich stecke meinen Kopf zwischen die Knie und versuche mich auf einen Käfer zu konzentrieren, der über das unregelmäßige Pflaster das Weite sucht.
Im nächsten Moment trifft mich etwas Kleines, Hartes am Kopf, und ich werde aus meiner Gedankenspirale gerissen. Eine Frau mittleren Alters entfernt sich von mir. Ich reibe mir die schmerzende Stelle. Vor mir glänzt ein Zweieurostück auf dem Boden.
„Hey, was soll das!“, rufe ich der Frau hinterher, aber sie dreht nur kurz ihren Kopf und sieht mich mitleidig an, bevor sie schnell weitergeht. „Ich bin nicht …“, setze ich an, aber mein Satz verliert sich in der dunklen Hausecke. Ich schlucke meinen Stolz herunter und stopfe das Geldstück in meine Jackentasche. Wer weiß, wozu ich das noch gebrauchen kann.

***

Sowie ich die Wohnung betreten habe, stehe ich im gelblichen Licht meines winzigen Badezimmers, Oskar turnt vor mir auf dem Waschbecken herum. Ich öffne ihm den Wasserhahn, damit er daraus trinken kann.
„Du bist seltsam“, murmele ich, aber in diesem Moment blicke ich hoch und sehe mich selbst. „Ja, du auch.“ Ich kneife mir mit den Fingern in die Wangen. Ich bin nicht mehr in dem Alter, in dem man alles auf eine süße Weise machen kann, erst recht nicht in dunklen Hausecken rumlungern. Feine Fältchen haben sich um meine Augen gebildet, dabei habe ich in den letzten Jahren erstaunlich wenig gelacht. Aber nicht mal das hat mich davor bewahrt. Jetzt sieht mein Gesicht noch kritischer aus. Meine Augenbrauen sitzen zu weit oben auf meiner Stirn, und meine Augenlider sind so präsent, dass es immer aussieht, als würde ich jedem und allem skeptisch gegenüberstehen. Das zumindest stimmt. Meine Wangen sind voller als früher, weil ich mich kaum noch bewege, ich sehe aus wie ein faltiges, kritisches Baby.
Oskar miaut mich an und beginnt direkt zu schnurren, als meine Finger sein Näschen berühren. Ich suche meine Manteltaschen nach dem Nasenspray ab.
Dann lege ich mich komplett angezogen auf mein Bett und strecke alle viere von mir. Ich fühle mich, als hätte ich einen Stromschlag bekommen, als wäre heute endgültig die Sicherung rausgeflogen. Ich kann nicht glauben, was in den letzten vier Stunden alles passiert ist. Erst die Paartherapie mit Jack und dann auch noch der Vorfall im Supermarkt eben. Wieder einmal war es keine gute Idee gewesen, meine Wohnung zu verlassen.
Oskar schmiegt sich an meine Wange. „Womit habe ich dich verdient?“, seufze ich. Er wetzt seine Krallen an meinem Schlüsselbein. Wir beide wissen, dass ich ihn nicht verdient habe.

***

Das Klingeln meines Smartphones weckt mich, aber ich bleibe genauso liegen, wie ich am Abend eingeschlafen bin, in meinem Wintermantel auf dem Bett. Als es nicht aufhört, setze ich mich ächzend auf und krame es mit noch geschlossenen Augen aus der Tasche hervor. Das grelle Licht eines wunderschönen Herbsttags sticht mir durch die geschlossenen Lider.
„Hallo?“, krächze ich in den Hörer.
„Emilia!“ Die Stimme meiner Mutter schneidet in mein Ohr, ich lasse mich zurück aufs Bett fallen, das Smartphone neben mir auf der zerknautschten Bettdecke. Im Hintergrund höre ich Geplapper und das Geräusch des neuen Rasenmähers, der der ganze Stolz meines Stiefvaters ist. „Bis ich Enkel habe, muss ich mich ja wohl irgendwie beschäftigen“, sagt er immer, mit einem schelmischen Grinsen, das dazu führt, dass ich bei jedem Besuch mehr trinke, als ich möchte, und anfange zu heulen, sobald ich ihr Grundstück wieder verlassen habe. Wie ein faltiges, kritisches Baby eben.
„Hast du noch Eier zu Hause, die du mitbringen kannst?“
Wie eine Migräneattacke fährt die Erinnerung in meinen Kopf. Ich strecke den Arm mit dem Smartphone von mir weg, öffne die Augen einen Spaltbreit, und die Datumsanzeige bestätigt mir, dass heute tatsächlich der zweite Samstag im September ist.
„Fuck.“
„Wie bitte?“
„F-fünf“, sage ich schnell.
„Perfekt, fünf Eier brauche ich. Bis in zwei Stunden, mein Schatz. Lara freut sich auch schon auf dich!“
Bis auf den Rasenmäher ist es für einige Sekunden vollkommen still in der Leitung.
„Bis dann“, stoße ich hervor, lege auf und vergrabe mein Gesicht im Kissen.
„Fuck“, wiederhole ich. Natürlich habe ich keine Eier zu Hause, meinte meine Mutter das ernst? Ich bin immer wieder überrascht, wie wenig sie mich kennt. Wer fünf Eier zu Hause übrig hat, hat sein Leben wahrscheinlich im Griff. Aber mir ist klar, dass sie mich vermutlich nur gefragt hat, weil Lara schon bei ihr ist und nicht auf dem Weg schnell noch Eier mitbringen kann. Sie ist zurück aus den Flitterwochen.
An jedem zweiten Samstag findet ein Familienessen zu Hause bei unseren Eltern statt, und ich weiß nicht, warum ich überhaupt noch dorthin gehe. Es ist meist keine sonderlich harmonische Angelegenheit, aber vielleicht empfindet meine Mutter das anders. Sie empfindet so ziemlich alles anders als ich. Vielleicht liegt es an dem Geld, das ich noch immer von ihnen bekomme und für das ich irgendeine Gegenleistung bringen will, auch wenn ich alles andere lieber gemacht hätte, als zu ihnen zum Essen zu kommen. Also alles andere, bei dem ich nicht das Haus verlassen muss. Als Autorin bin ich schon gescheitert, als Kellnerin ziemlich unbrauchbar, und leider auch nicht sonderlich gut darin, anderen Uhren oder überteuertes Shampoo anzudrehen.
Da meine Schwester seit mehreren Wochen nicht auf meine Nachrichten reagiert, ist das Mittagessen jetzt, wo sie aus den Flitterwochen zurück ist, meine einzige Chance, Kontakt zu ihr aufzubauen. Es ist kurz vor elf, in zwei Stunden muss ich da sein.
Ich stöhne und schäle mich aus meinem Wintermantel, schleppe mich ins Bad und stelle mich unter die heiße Dusche, bis meine Wangen rot glühen. Ein unordentlicher Dutt ist alles, was ich gebacken kriege, dazu die kleinen goldenen Ohrringe, die Larissa mir zu meinem letzten Geburtstag geschenkt hat. Vielleicht stimmt es sie milde, wenn ich sie trage. Kein Make-up, ich rechne schließlich damit, dass ich wieder heulen muss, also stopfe ich stattdessen Taschentücher in meinen Jutebeutel.
Immer, wenn ich zu meinen Eltern fahre, trage ich mein weites dunkelrotes Leinenkleid, das mir fast bis zu den Knöcheln fällt. Ich habe festgestellt, dass so weniger über meine Figur gesprochen wird. „Wir machen uns doch nur Sorgen um dich“, höre ich meine Mutter. Als wären ein paar Kilo mehr oder weniger das einzige Maß meiner mentalen oder körperlichen Gesundheit. Wären die tiefen bläulichen Augenringe nicht schon Hinweis genug? Als ich daran denke, kehre ich noch einmal um und tupfe mir ein bisschen Concealer unter die Augen. Jetzt sehe ich aus wie eine Eule mit hellen Kreisen um die Augen.
In den letzten Jahren habe ich mir ein paar Tricks angeeignet, die es mir erleichtern, das Haus zu verlassen. Der erste ist, dass ich mir einrede, nur kurz den Müll rauszubringen. Der andere ist, dass ich Musik durch meine Kopfhörer dröhnen lasse und so tue, als wäre ich ein anderer Mensch. Ein Mensch, der einfach so das Haus verlässt, und nicht nur, wenn es absolut sein muss. Ein Mensch, der fünf überflüssige Eier zu Hause in seinem Kühlschrank lagert, und zwar nicht in der Pappschachtel, sondern in der extra dafür eingebauten Eierhalterung in der Kühlschranktür. Eine Frau, die entspannt ihren Dreißigern entgegenblickt, weil sie sich in ihren Zwanzigern zur Genüge verwirklicht hat. Ich nenne diese Persönlichkeit Mia. Eine Mia kann alles schaffen. Mia ist eine Version meiner selbst, die manchmal durch meine Wohnung geistert wie der Schatten eines alternativen Lebens. Mia lacht laut, Mia tanzt auf Partys und trinkt morgens drei Kaffee, bevor sie beschwingt zur Arbeit geht, wo sie Menschen trifft und mit spielerischer Leichtigkeit Konflikte löst. Mia lächelt andere Leute an, bis sie zurücklächeln, bucht spontan Urlaube und weiß, was sie vom Leben will.
Ich runzele die Stirn. Mia klingt verdammt nach meiner Schwester Lara. Das raubt meiner Vorstellung direkt wieder die Magie, aber die Musik schalte ich trotzdem an, die Playlist von vor vier Jahren, als diese Stadt noch mir gehörte.
Ich starre auf den Boden vor mir, ein Schritt nach dem anderen auf dem Weg zu einer Schachtel Eier. Ich kann nicht mehr zu dem Supermarkt gehen, wo ich gestern war, stelle ich mit Bedauern fest. Das war der zweitnächste zu mir – im anderen ist mir das mit der zerbrochenen Milch passiert, der ist auch Sperrgebiet. Also muss ich durch die halbe Stadt zum nächsten Rewe marschieren, durch diesen zerbrechlich schönen Herbsttag. Er fühlt sich an, wie ich mich fühle. Noch habe ich mich einigermaßen im Griff, aber jeden Moment kann Wind aufkommen, und der Regen würde wohl auch die letzten gelblichen Blätter zu Boden reißen und die Gullys damit verstopfen. Kurz vor dem Laden vibriert mein Handy.

Eier nicht vergessen, mein Schatz.
Wir freuen uns so auf dich! Grüße von Lara!

Lara muss mich wirklich hassen, wenn meine Mutter so oft betont, dass alles in Ordnung sei. Aber daran, wie viele Kuchen sie gebacken hat, werde ich ziemlich genau ablesen können, wie schlimm es wirklich ist. Je schiefer der Haussegen hängt, desto mehr Puderzucker muss alles zusammenhalten. Der Rhythmus der Musik in meinen Ohren trägt mich über die Schwelle in den Supermarkt und nur zwei Minuten später mit einem Karton Eier wieder nach draußen. Der Tag läuft überraschend gut. In solchen Momenten frage ich mich immer, was eigentlich mein verdammtes Problem ist. War doch gar nicht so schwer, Emmi, sich wie eine normale erwachsene Person zu verhalten. Zu lächeln, den Karten-PIN richtig einzutippen und Danke zu sagen, ohne die Eier fallen zu lassen. Sogar „Einen schönen Tag noch“ war drin. Ich würde mich gerne mit einer Zigarette belohnen, aber diese Zeiten sind ja vorbei.
Ich wickle den Eierkarton in meinen Schal und verstaue ihn vorsichtig im Jutebeutel. Ich bin gut in der Zeit, wenn ich den nächsten Zug nehme, komme ich sogar früher an als notwendig. Na, das wäre mal eine Überraschung, besonders für mich.

„Aber vielleicht wird auch alles gut“ ist ein Buch für alle, für die die Zwanziger nicht die „Beste Zeit ihres Lebens“ geworden sind, obwohl das alle immer prophezeien. Für alle, die denken, dass sie eigentlich schon an einem ganz anderen Punkt in ihrem Leben stehen sollten. Für alle, die endlich einen Schritt nach vorne tun und dafür die Vergangenheit endlich loslassen wollen.

 

Und natürlich für alle, die schwere Themen gerne mit ein bisschen Humor angehen – das ist meiner Meinung nach immer noch die beste Medizin.


Lea Melcher

Kann man Angst als etwas Positives empfinden?

Blick ins Buch
Die Angst, Dein bester Freund

Komplett überarbeitete und ergänzte Neuausgabe

„Alexander Hubers Auseinandersetzung mit der Angst ist ein wirklich spannendes und kluges Buch.“ Alpin

Kann Angst, dieses lähmende Gefühl, eine positive Emotion sein? Für Extremkletterer Alexander Huber ist sie ein lebenswichtiger Begleiter. In seinem hochaktuellen, rundum aktualisierten Bestseller beschreibt er, wie sie ihn auf seinen Touren antreibt, schützt und leitet. Er erzählt, wie sie ihm fast das Bergsteigen nahm, als sie zur Last wurde, und vermittelt eindringlich, was man auch im Tal daraus lernen kann. Dass man kein Extremsportler sein muss, um aus der Gedankenspirale herauszufinden. Und dass es sich lohnt, im Leben Risiken einzugehen und sich mit der Angst zu verbünden.

Das Buch beantwortet so wichtige Fragen wie:

  • Kann ich Angst als etwas Positives empfinden?
  • Inwiefern ist sie eine intensive Lebenserfahrung?
  • Und warum verhelfen meine Ängste mir zu mehr Unabhängigkeit?

Einleitung

Die Angst hat ein Lob verdient, ein besseres Bild als jenes, das nur allzu oft gezeichnet wird. Die Angst hat viel in mir bewegt, mich weitergebracht. Sie hat viel für mich getan und wird es hoffentlich auch in Zukunft tun. Deswegen sind diese Zeilen auch ein kleiner Dank an die Angst. In den vielen Jahren, in denen ich rund tausend Vorträge gehalten habe, habe ich immer mit Begeisterung von meinen Aktionen in den Bergen gesprochen, vom Freiklettern, Free-Solo-Klettern, Speedklettern und von der Magie der großen Wände an den großen Bergen der Welt erzählt. Mir ist nicht entgangen, dass die Erfahrungen und der Umgang mit der Angst längst nicht nur für mich als Extremsportler wertvoll sein können. Angst kommt schließlich in jedem Leben vor, auch in dem meiner Zuhörer und bei jedem, der dieses Buch liest. Wahrscheinlich in einer anderen Form als bei mir, denn Angst ist wiederum auch etwas sehr Persönliches, Individuelles. Jeder hat seine ganz eigene Angst­liste. Wer kennt sie nicht, die Angst, seine Gesundheit zu verlieren, unheilbar krank zu werden? Wer fürchtet sich nicht davor, im Rollstuhl zu landen oder dass ein wichtiger, nahe­stehender Mensch bei einem Autounfall sein Leben verliert? Oder du schaust vom Balkon eines Hochhauses lieber doch nicht hinunter? Wer hat bei sich die Angst vor wilden Tieren, engen Fahrstühlen, rauschenden Volks­festen oder anderen großen Menschenansammlungen entdeckt? Oder davor, abends allein zu sein? Es gibt Menschen, die ihr ganz eigenes Problem mit Zügen oder Clowns haben. Anderen wird sofort schwindlig, wenn sie nur daran denken, dass sie bald ein Referat an der Universität oder im Beruf halten müssen, vor vielen Leuten sprechen sollen. Ganz egal, wie ihr selbst die Angst kennen­gelernt habt … fest steht: Die Angst ist in unserem Leben all­gegen­wärtig.

Nicht jeder muss ein Extremsportler werden. Aber es lohnt
sich, beizeiten mutig zu sein und ein gewisses Risiko einzu­gehen. Somit ist das Buch auch ein Plädoyer für den Mut, die Courage. Weil eben Mut und Angst untrennbar miteinander verbunden sind.

Wir alle reagieren ja erst mal auf die gleiche Art und Weise auf die Angst. Die Angst bringt Anspannung, da kommt keiner aus, in dieser Reaktion sind wir gefangen. Aber danach haben wir die Freiheit. Laufe ich davon, lasse ich es sein? Oder stelle ich mich, gehe ich das Problem an? Ich habe in meiner Lauf­bahn als Bergsteiger oft begreifen müssen, dass es der falsche Weg ist, der Angst aus dem Weg zu gehen. Das ist so, als ob man vor einem großen Berg steht und aus Angst, ihn anzugehen, dem Berg aus dem Weg geht. Anstatt mit dem Aufstieg zu beginnen, wechselt man ins nächste Tal, um am Ende festzustellen, dass der Berg auf der Rückseite noch genauso hoch ist wie auf der Vorderseite.

Gewiss, es macht Sinn, den Berg nicht blind und planlos zu attackieren. Besser, man sondiert die Lage, sucht einen sinnvollen Weg zum Gipfel. Da kann auch eine Querung zweck­mäßig sein. Man sollte sich aber stets bewusst sein, dass man irgendwann hinaufsteigen und den Höhenunterschied überwinden muss.

Bergsteigen ist hier nichts anderes als eine Metapher für das Leben, denn es ist ja nicht der Berg, den man bezwingt, sondern immer nur das eigene Ich. Jeder für sich sei angesprochen, die Gewohnheiten, die Routinen im Beruf oder in der Familie zu überdenken und zu hinterfragen. Etwas mehr Neugier, das eigene Leben zu erforschen und zu erkunden! Mehr Bereitschaft, unbekannte Wege zu gehen, andere Men­schen zu treffen. Immer wieder mal diese imaginäre Linie zwischen dem Altbekannten und dem noch Unbekannten zu überschreiten. Insofern will dieses Buch auch ein Plädoyer für mehr Pioniergeist im Alltag sein. Denn zu Tode gefürchtet ist auch gestorben. Ich bin kein Philosoph und schon gar keiner, der die Weisheit erfunden hat. Ich bin immer noch vor allem anderen ein begeisterter Bergsteiger. Einer, der euch gerne moti­vieren würde: Bringt euch ruhig in Situationen, vor denen ihr Angst habt. Wenn ihr auf eure Angst hören, wenn ihr sie zulassen könnt, wird sie euer Leben reicher machen. Denn der Weg ist meist dort, wo die Angst ist. Den Weg finden muss aber jeder für sich selbst.

Das Vertrauen in mich selbst, dass ich es kann

Wer kennt es nicht, im Bett zu liegen, nicht schlafen zu können, aber auch nicht wirklich wach zu sein? Dieses unruhige Herum­wälzen von der einen Seite auf die andere. Kalter Schweiß… Der erholsame Schlaf wird zur Qual und so schnell sonst im Leben die Zeit verrinnt, hier bewegt sich nichts. Nach einer halben Ewigkeit schaut man auf die Uhr und es ist wieder mal nur eine Stunde vergangen. Tausend Gedanken drehen sich im Kreis, finden kein Ziel, bloß nutzloses Zeug. Vor meiner Hauptdiplomprüfung rechnete ich in den Albträumen sinnlose Aufgaben zur Quantenmechanik oder Thermo­dyna­mik. Vor einer großen Begehung kommt der Horror angesichts einer ausweglosen Situation am Berg.

Schon oft ist es mir passiert, dass ich Ziele lange in mir herum­getragen habe, ohne dass sie mich tief greifend beschäftigten, im Unterbewusstsein oder sogar in Träumen verfolgten. Sobald ich aber eine konkrete Entscheidung treffe, dass ich ebendieses Pro­jekt in wenigen Tagen tatsächlich realisieren will, ändert sich alles. Es ist kein theoretisch angedachtes Projekt mehr, das irgendwann vielleicht mal verwirklicht wird, sondern ein reales Szenario. Konkret und glasklar mit allen seinen Herausfor­derungen und Risiken. Der Adrenalinspiegel im Blut steigt. Der ruhige Schlaf weicht einem unruhigen Geist. Die Träume sind da. Ebenjene Art von Träumen, die einem die Nacht zur Qual werden lassen.

In der Nacht zum 1. August 2002, in den Stunden, bevor ich die Direttissima an der Großen Zinne ohne Seil, ohne Sicherung, ohne alles klettern wollte, ging es mir genauso. Der echte Albtraum. Eine schlaflose Nacht im Schlafsack, in meinem Auto oben am großen Parkplatz bei der Auronzohütte. Selbstgespräche, bei denen ich immer wieder versuche, mich selbst von meinem Kletterkönnen zu überzeugen. Davon, dass ich die Schwierigkeiten derart dominieren könne, dass ich alles im Griff habe. Aber gleichzeitig gibt es doch immer noch scheinbar unendlich viele Frage­zeichen. Es ist eine riesige Wand, Hunderte Meter, Tausende von Griffen und Kletter­zügen, endlos viele verschiedene Details, bei denen irgendetwas schieflaufen könnte.

Wenn man ohne Sicherung in einer senkrechten Wand unterwegs ist, dann ist das ein lebensgefährlicher Sport, und es soll keiner denken, dass mir das nicht bewusst wäre. Mache ich beim Free-Solo-Klettern einen Fehler, sterbe ich. So einfach ist das. Und dennoch bin ich nicht lebensmüde. So paradox es klingen mag, ich und mein Leben hängen in der Wand an meinen Fingerspitzen, und ich hänge doch wiederum an meinem Leben. Und ich hatte in den Bergen auch schon oft genug Angst, mein Leben zu verlieren. Aber ich kann dabei nur unterstreichen: Zum Glück habe ich Angst! Denn die Angst ist unser bester Freund in den Bergen. Ein hoffentlich treuer Begleiter, der uns mahnt, lenkt und leitet. Nur so überleben wir die Tatsache, dass wir im schwierigen, exponierten Gelände ständig einem potenziell tödlichen Absturz ausgesetzt sind. Doch wegen der Angst gehe ich mit der maximalen Kon­zent­ration vor, nehme mir bei jedem einzelnen Zug die doppelte Zeit, die optimale Position der Finger auf einem Griff zu erfühlen, um erst dann zuzugreifen. Dann aber ist es ein Zugreifen mit der doppelten Kraft, denn erst das Aufwenden dieser „doppelten“ Kraft gibt mir die Überzeugung, in voller Ausge­setzt­heit, ohne Sicherung „sicher“ unterwegs zu sein. Wobei – absolute Sicherheit gibt es nicht. Bergsteigen ist ein ernsthaftes Unterfangen und das Restrisiko ist im Vergleich zu vielen anderen Sportarten als durchaus signifikant anzusehen. Wenn mich jemand fragt: „Kannst du dir wirklich sicher sein, dass dir nie etwas passiert?“, dann antworte ich: „Nein, kann ich nicht.“ Doch fragt mich jemand: „Bist du überzeugt davon, dass nichts passieren wird?“, sage ich: „Ja, ich bin aus tiefstem Herzen davon überzeugt.“

Angst schadet mir nicht, ganz im Gegenteil. Lasse ich Angst zu und beobachte, was sie mit mir macht, kann sie mir nützen. Nämlich dann, wenn sie mich warnt und ich mich wegen ihr besser konzentriere, meinen Fokus in einer brenzligen Situ­ation auf das Wichtige richte. Als Bergsteiger brauche ich die Angst, sie ist mein zuverlässiger Berater. Die Angst hilft mir, meine gefährlichen Aktionen zu überleben. Wäre ich ein angstfreier Bergsteiger geworden, wäre ich längst schon im Jenseits.

Tief im Schlafsack eingegraben, laufen ständig die wichtigsten Sequenzen an den Schlüsselstellen durch alle Windungen meines Gehirns. Ein Film spult sich vor meinem inneren Auge ab. Ich visualisiere die einzelnen Bewegungen, um mich im Traum davon zu überzeugen, dass alles gut ist. Doch ehrlich gesagt: Nichts ist gut! Mir geht’s beschissen. Da kommen wieder die schwarzen Gedanken und leider nur allzu deutlich. Ohne zu wissen, was eigentlich passiert ist, löst sich mein Körper plötzlich vom Fels. Ich bin sprachlos, will schreien und kann es doch nicht. Die Beschleunigung raubt mir den Atem. Ich will nicht verstehen, warum das jetzt geschieht, weshalb ich nun ins Bodenlose dem sicheren Tod entgegenstürze. Aber ich habe schon verloren. Es ist vorbei.

Bis es aber vorbei ist, dauert es im Traum noch ewig. Scheinbar endlos müht sich meine fiebernde Fantasie mit dem Moment ab, wenn ich unten im Schuttkar einschlage. Kann ich noch etwas wahrnehmen? Oder ist es einfach zu schnell, um irgendetwas zu begreifen? Wie geht das, in solch einem Moment das Bewusstsein zu verlieren? Eine Spirale dreht sich um die zentrale Frage, wie ich den Tod erlebe. Immer enger wird die Spirale, die Gedanken drehen sich schneller und schneller, bis ich schließlich wieder mal wirklich wach bin – schweißgebadet.

Quälend langsam wie bei einem Biwak bei minus 30 Grad Celsius verstreichen die Stunden und ich bin mehr als nur froh, als sich das erste Licht des Morgens zeigt. Es geht los. Aktion lässt den Gedanken weniger Spielraum. Endlich passiert etwas. Mit einem kleinen Rucksack laufe ich zum Paternsattel, um auf die Nordseite der Drei Zinnen zu wechseln. Diese mauer­glatten Wände! Die Drei Zinnen sind nicht nur so etwas wie das Wahrzeichen der Dolomiten. Neben ihrer unverwechselbaren, eindrucksvollen Gestalt vermitteln vor allem die Nordwände eine totale Unnahbarkeit. Abweisender und steiler können Bergwände gar nicht sein. Da ist es völlig egal, dass die Zinnen gerade mal knapp an die 3000 Meter heranreichen. Die Zinnen überzeugen nicht mit der Höhe, sondern durch ihre gnadenlose Steilheit.

Und mitten durch die Große Zinne will ich jetzt klettern – ohne Seil, ohne Sicherung, ganz allein. Von außen betrachtet ist es ein völliger Wahnsinn, sein Leben bewusst aufs Spiel zu setzen, doch letztlich nichts anderes als das, was die echten Pioniere taten. Welche Idealisten, Fanatiker und Träumer waren gerade jene, die die Zivili­sation Tausende von Kilometern hinter sich ließen, um die weißen Flecken der Erde wie die Pole zu erobern. Keiner konnte sich sicher sein, dass er seine Heimat je wieder erreichen würde. Jeder Einzelne von ihnen hatte Angst um sein Leben. Welches Manifest der Cou­rage hinterließen diese Pioniere der Nachwelt! Wie klein erscheint mir da jetzt mein Traum, eine überschaubar „kleine“ Wand in den Alpen ohne Sicherung zu klettern. Aber doch, auch hier auf diesem scheinbar so überschaubaren Raum ergeben sich so viele Unwäg­barkeiten, unbekannte Momente, die aber weniger im Berg, sondern vor allem in uns selbst zu finden sind.

Ich werde mich wie ein Schiffbrüchiger in einem Meer aus gelbem, überhängendem Dolomit fühlen. Es wird keine Insel geben, auf die ich mich retten könnte, keinen Ort, an dem ich mich ausruhen könnte. Es ist ein Gefühl der Ausgesetztheit, wie es so offensichtlich und plakativ noch nicht zu sehen war. Und das macht dieses Unternehmen aber auch so ehrlich. Hier handelt es sich nicht um eine heimtückische, schwer zu erkennende Gefahr. Ganz anders als bei der Lawinengefahr spürt hier jeder die Todesgefahr des Abgrunds. Auch für mich war diese Urangst vor dem Absturz in den gnadenlosen Abgrund erst nach einer langen Phase der Vorbereitung kontrollierbar geworden. Das seilfreie Klettern kürzerer und leichterer Routen sowie das Kennenlernen der Direttis­sima beim Klettern in Seilschaft gaben mir irgendwann das nötige Selbstvertrauen. Denn nur, wenn die Angst in mir keine übermäßige Nervosität oder gar Panik auslöst, sondern nichts anderes als völlige Konzentration, ist die Angst mein bester Freund. Und nur dann lebe ich meine Passion.

Eine Stunde bin ich unterwegs gewesen, bis ich den Ein­stieg am Fuß der Nordwand der Großen Zinne erreiche. Eine Stunde, in der ich die reale Welt beiläufig wahrnehme. Wie tags zuvor und in der Nacht begleitet mich ein skurriler Zweikampf der Gefühle, der einmal meinen Schritt beschleunigt, mich unruhig macht und hetzt und mich später wieder ruhig werden lässt. Gerade dieser mentale Prozess ist aber beim Bergsteigen alles andere als negativ, sondern ein notwendiges Vorspiel der Gedanken vor dem großen Spiel selbst. Denn die Gefahr ist da, die Frage ist nur: Wie gehe ich damit um? Und offensichtlich hängen dann doch die meisten an ihrem Leben. Die geringe Zahl der Unfälle in der Geschichte des seilfreien Kletterns lässt zumindest darauf schließen, dass lediglich die wenigsten Akteure echte Desperados sind. Jedenfalls fühle ich mich wesent­lich weniger lebensmüde als die vielen Mount-Everest-Aspiranten, die glauben, sich den höchsten Berg der Erde erkaufen zu können. Doch mit dem Zahlen großer Summen wird der Berg zwar scheinbar kleiner, aber deswegen noch lange nicht weniger gefähr­lich. Die wenigsten Bewerber haben als Laien noch nicht einmal den Hauch einer Ahnung, wie vielschichtig und komplex die Gefahren an einem Himalaja-Riesen sind. Ver­schär­fend kommt hinzu, dass auf dem Weg zum Gipfel bei zunehmend dünner Luft mit jedem Höhen­meter mehr und mehr die Vernunft verloren geht. Ihres Verstandes beraubt, schätzen sie den Gipfel höher ein als ihr Leben, und sie gehen so weit, bis nichts mehr geht. Dann wird an Ort und Stelle bei minus 50 Grad auf 8500 Meter Seehöhe biwakiert, als wäre ihnen das eigene Leben nichts mehr wert.

Besser also, wenn man ein reflektierender Mensch ist, der bewusst lebt, die Signale der Umwelt aufnimmt, sie verarbeitet, um dann mit gesundem Menschenverstand zu reagieren. Und das noch viel mehr, wenn ich ohne Sicherung klettere. Hier den Helden spielen zu wollen ist grundverkehrt. Man muss die Angst zulassen, sie zugeben, sich die Angst eingestehen und sie auch richtig ausleben. Erst dann wird sie kontrollierbar. Lieber stelle ich mir die Frage einmal zu viel als einmal zu wenig, ob ich am Ende in die Wand einsteigen soll oder nicht. Auch dann, wenn mich das Ganze fertig macht.

Am Einstieg wird mir ein erstes Mal klar, dass es vielleicht heute nicht der Tag sein wird, an dem ich mein Vorhaben realisiere. Würde ich aber heute abbrechen, so wird der Eindruck, den die Wand auf mich ausübt, unweigerlich steigen. Wo­möglich besteht ohnehin nur diese eine Chance? Erst jetzt wird mir diese Systematik bewusst. Es gibt keinen Versuch „einfach so“. Allein das Vorhaben, es heute versuchen zu wollen, macht mir deutlich, dass es nur das Heute geben kann. Entweder jetzt oder nie!

Die ersten 80 Meter sind nicht schwierig. Keine ernsthaften Probleme tauchen bis dorthin auf, dann kommt die erste Stelle im oberen siebten Grad – der Point of no Return. Wenn ich diesen Punkt überklettere, gibt es nur noch die Flucht nach vorne. Ent­scheide ich mich dort zum Weiterklettern, habe ich die Kon­sequenz zu tragen, die weiteren 500 Meter klettern zu müssen – ob ich will oder nicht. Ich spüre, dass ich es wohl zumindest versuchen muss. Heute oder gar nicht, vielleicht würde sogar ein einziges Mal umzudrehen vor der dritten Seillänge ausreichen, um von der erdrückenden Dimension der Wand erschlagen zu werden.

Noch einmal gehe ich am Wandfuß der Großen Zinne auf und ab. Ich setze mich wieder hin. Meine Gedanken, die voll und ganz von dieser Route gefangen sind, lassen es nicht zu, jetzt abzubrechen, und dieser Zwang macht es mir nicht leichter. Ich bin genau an dem Punkt angekommen, wo ich mir wünsche, dieses Projekt nie ins Auge gefasst zu haben. Aber ich habe keine Wahl mehr, ich muss heute die Entscheidung treffen. Nun bin ich das gehetzte Tier, kauere gespannt und warte auf das, was in den nächsten Minuten passieren wird.

Dann wird’s ernst. Ich kann ja nicht ewig warten. Mechanisch ziehe ich die Kletterschuhe an, ein kurzer Griff ins Magnesia und los geht’s, ich klettere die ersten vier Meter. Es läuft bescheiden. Ein Gedankenchaos beherrscht mich, ich fühle mich in vollem Umfang überfordert. Ich verliere mich selbst, bin total betäubt, spüre nichts – so geht es nicht. Ich steige wieder zurück, setze mich noch einmal am Einstieg hin.

Völlig frustriert geschieht erst mal gar nichts. Tief in mich versunken, lasse ich meinen Geist wieder Boden finden. Gott sei Dank versucht man ja immer, das Positive zu sehen – egal, wie übel es gerade ausschaut. Und ja, es gibt etwas Positives: Ganz offensichtlich ist mir mein Leben mehr wert als diese verdammte Wand! Diese Gewissheit nimmt mir ein großes Stück weit die Angst vor mir selbst. Ja, ich habe beizeiten Angst, nicht mehr Herr der Lage zu sein. Und diese Angst habe ich auch hier vor der Direttissima. Wie oft wird von der hohen Kunst des Umkehrens beim Berg­steigen gesprochen und wie schwer ist es, sie wirklich umzusetzen. Wer ist bei der Entscheidung zum Umkehren nicht schon alles eingeknickt, wenn das Ziel kurz vor der Verwirk­lichung steht?

Mein Zurücksteigen hat mich aber nun auch weitgehend davon überzeugt, dass ich noch Herr der Lage bin und die notwendige Souveränität besitze, knapp vor der finalen Ent­schei­dung abzubrechen. Und das ist gut, die Gedanken werden wieder leichter und in meinem Denken entsteht die Vorstellung, dass ich jetzt tatsächlich die Freiheit besitze, bis zur ersten wirklich schwierigen Stelle hinaufzuklettern, um herauszufinden, wie es an diesem Tag um meine Kraft bestellt ist. Um die Kraft meiner Finger und noch viel mehr um meine mentale Kraft. Diese 80 Meter bis dorthin werden meine Teststrecke sein und erst dann, am Point of no Return, wird ernsthaft eine finale Entscheidung fällig. Für einige wenige Minu­ten habe ich diese nochmals hinausgezögert, aber noch viel wichtiger ist: Ich gebe mir die Chance, auf diesen Metern meinen Lauf zu finden. Ich fühle mich freier.

Ich bin so weit. Kletterschuhe, Magnesia und ich steige ein. Es beginnt leicht, eigentlich spielerisch, alles nur Kletterei in moderat schwierigem Gelände, das bei „Normalzustand“ als Genuss zu bezeichnen ist. Während ich in den Stunden vor dem Durchstieg Angst hatte und übernervös war, verschwindet jetzt, als ich endlich in die Wand hineinklettere, unter dem reibungs­losen »Nor­mal­betrieb« des Kletterns die Betäubung. Nun scheinen die negativen Folgen der Angst in den Hinter­grund zu treten. Meine Welt reduziert sich jetzt nur noch auf die jeweils wenigen Quadrat­zentimeter des nächsten Griffes. Alles mich Umgebende tritt zurück und ich erlebe bloß noch mich selbst.

Ich bringe mein Leben als Einsatz in das Spiel und deswegen wird das Erleben jetzt so tief und intensiv. Nur wer verloren in der Wand direkt und unmittelbar der unbedingten Gefahr für das eigene Leben ausgesetzt ist, wird diese elementare Erfahrung machen, wird spüren, was das eigene Leben bedeutet. Angst empfinden, die mich stets wach und vorsichtig sein lässt. Die Angst, die mir das Überleben sichert. Und so erlebe ich auch hier in der Senkrechten das Wahrhaftige, frei von äuße­rer Einflussnahme, frei von äußerer Kontrolle – die komplette Reduktion auf mich selbst. Die totale Unmittelbarkeit des Todes offeriert ein ungetrübtes Bild auf die Bedeutung des Lebens. Oft genug ist man ja selbst Gefan­gener in seiner Umwelt, der bestehenden Ordnung in seinem Leben. Wenn ich dagegen jetzt den Schritt mache, am Point of no Return weiterklettere und damit unwiderruflich in diese Wand einsteige, dann ist es so, als würde ich die Türe hinter mir schließen. Bis zum Erreichen des Gipfels bin ich in einer anderen Wirklichkeit unterwegs. In einer Welt, in der nur ich existiere, einer Welt, die bloß für mich besteht.

Wie Watte legt sich diese veränderte Wahrnehmung um mich. Wie ein Schweben im Leeren, weit über dem Tal, beziehungslos zur Erde. Zumindest auch weit genug weg, um durch nichts mehr erreichbar zu sein. Ich handle jetzt nur für mich selbst, für mich allein.

Nach gut 60 Metern des Kletterns haben sich viele meiner Zweifel zerstreut, mit jedem Meter habe ich Vertrauen gewonnen. Vertrauen zu mir selbst, dass ich es kann. Noch einmal komme ich auf einem Felsband zu stehen. Jetzt wird es final, nun wird es ernst. Ich klettere in die dritte Seillänge hinein und nach vier Metern erreiche ich den Point of no Return: ein kleines Dach im oberen siebten Grad. Ich kenne die Stelle genau und ohne mir jetzt groß Gedanken zu machen, nehme ich mit der rechten Hand den ersten Griff über dem kleinen Dach, setze den linken Fuß und dann gibt es nur ein kurzes, kaum wahrzunehmendes Anhalten in der Bewegung. Die Ent­schei­dung ist jedoch längst getroffen und ich ziehe weiter, mit der linken Hand zum nächsten Griff, steige über die Dachkante. Gefühlt lag nicht hier, am kritischen Punkt, sondern am Einstieg die Schlüsselstelle – das Verlassen des Bodens war die mentale Barriere, die ich zu überwinden hatte.

Das Soloklettern erfordert sowohl Selbstüberwindung als auch Selbstkontrolle. Erstere hatte ich am Einstieg zu meistern. Und nun, 150 Meter über dem Boden, scheint es die viel einfachere Aufgabe zu sein, die Kontrolle über die Angst zu gewinnen. Ich habe das dazu notwendige Vertrauen, kenne die Route, ihre Schlüsselstellen und bin jetzt aus tiefstem Herzen überzeugt, die Schwierigkeiten jedes einzelnen Kletterzuges dominieren zu können. Meine Reise geht weiter, Meter für Meter hinauf in Richtung Gipfel der Großen Zinne, mit ruhigen, präzisen Bewegungen – und doch gewinne ich schnell an Höhe, weil ich ja keine einzige Sekunde mit Sicherungs­maß­nahmen „verschwende“. Alles habe ich vorher exakt einstudiert und spule nun das Programm Punkt für Punkt ab – fast wie eine Maschine, fast…

Nach acht Seillängen erreiche ich das große Band vor den Schlüsselseillängen. Alles ist bisher völlig reibungslos verlaufen, trotzdem bin ich 50 Minuten ununterbrochen geklettert. Alle Sinne, die mit der Bewegung befasst sind, standen ständig unter Strom, und ich merke, dass es sinnvoll ist, eine Pause zu machen. Ich lege mich flach auf das Band und starre lange Zeit mit bewegungslosem Blick nach oben in die Dächer. Die nächsten 120 Meter sind eindeutig die Schlüsselstelle der Direttis­sima, ein weit überhängendes Bollwerk aus gelbem Dolomit. 120 Klettermeter, drei Seillängen im achten Grad. Noch dazu kann ich die Stand­plätze in dieser Steilheit nicht wie in Seilschaft als Ruhepunkte benutzen. Ich muss die Schwie­rig­kei­ten in einem Zug hinter mich bringen – ohne die Möglichkeit des Rastens, weder für die Kraft noch für die Psyche. Das ist auch genau jener Abschnitt der Wand, in dem die Erstbegeher Dieter Hasse, Lothar Brandler, Jörg Lehne und Siegfried Löw zum großen Teil mit Haken, Hammer und Leiter unterwegs waren, während sie im Rest der Wand viel frei klettern konnten. Hier geht es zur Sache, und vor allem geht es hier im steilsten Teil der Wand auch um die Felsqualität. Die Nordwände der Drei Zinnen sind berüchtigt für ihren Bruch. Auch und gerade in den schwierigsten Stellen der Direttissima finden sich diese brüchigen Griffe, denen ich nicht auch nur in einem einzigen Fall mein Leben anvertrauen darf. Viel Zeit verwendete ich in der Vorbereitung darauf, die Solidität der Griffe zu bestimmen und Sequenzen herauszufinden, die es mir erlauben, auch die schwierigen Stellen mit soliden Griffen zu klettern. Damit ergab sich immer wieder die Notwendigkeit, mit wesentlich kleineren, dafür aber sicheren Griffen zu klettern. Ich steige letztendlich eine durchgehende, 120 Meter lange Seillänge am Stück durch, mit weit kleineren Griffen als denen, die man normalerweise verwenden würde. Daraus resultiert eine Schwie­rig­keit, die man gerne im soliden glatten neunten Grad ansiedeln darf.

Nach 20 Minuten setze ich mich wieder auf, ziehe meine Klet­terschuhe abermals fest, greife in den Magnesiabeutel und klettere los. Wie ein Arbeiter, der nach einer Pause seine Tätigkeit wieder aufnimmt. Allmählich gewinne ich an Höhe, die Ausgesetztheit nimmt zu wie auch die Leere unter den Füßen. Ich komme zum nächsten Hotspot. Mittendrin in den 120 Metern gibt es einen überhängenden, abdrängenden Schulterriss, den ich noch nie trocken erlebt habe und der vermutlich auch nie trocken wird. Aber auch hier habe ich eine Sequenz gefunden, die es mir möglich macht, an zwar kleineren, dafür aber trockenen Griffen zu klettern, bloß der linke Fuß kommt zweimal im nassen Riss zum Einsatz. Alles ist unter Kontrolle. Es geht weiter, ohne große Gedanken, stets im gleichen Rhyth­mus. Immer langsam, stets bedacht auf jedes kleine Detail.

300 Meter über dem Einstieg. Der letzte schwierige Meter vor dem nächsten Band und auch gleichzeitig die Schlüsselstelle liegt vor mir. Das ist der exponierteste Punkt der gesamten Direttis­sima. Alles unter mir bricht überhängend weg, alles um mich herum ist überhängend. Ich hänge ganz allein in dieser jetzt für mich so feindlichen Welt. Die Griffe, denen ich mich anvertraue, sind gut, meine Hände finden ihren Weg zum beruhigenden, staubtrockenen Magnesiapulver. Auch die Griffe auf den kommenden Metern sind gut, liegen aber weit auseinander. Athletische Züge, die entschlossenes Durchziehen verlangen. Noch einmal wandert der Blick nach unten. Der Puls ist ruhig. Ich sehe weit unten das Schuttkar, die kleinen Wege, die zu den Einstiegen der Nordwand führen. Es berührt mich nicht. Ich habe das Vertrauen in mich selbst, dass ich es kann. Wenige konsequente Züge bringen mich in senkrechtes Gelände, noch zwei Meter und ich stehe auf dem kleinen Band. Die große Hürde ist übersprungen. Vor mir liegt nur noch eine überhängende Seillänge, dann bloß mehr vergleichsweise einfaches Gelände entlang einer Kaminreihe bis zum Gipfel.

Erst eine halbe Stunde nachdem ich hier angekommen bin, verlasse ich mein kleines Band und klettere durch die letzten ausgesetzten Meter. Es ist eigentlich nur eine kurze harte Stelle und wie zur Belohnung tauche ich direkt darüber in die Kamine ein. Tief im Berg versteckt, winde ich mich nach oben. Die Schwierigkeiten lassen nach, diktieren nicht weiter den Ablauf des Geschehens. Langsam, aber sicher werden meine Ge­dan­ken wieder frei. Wie von selbst steigt mein Körper nach oben, nimmt mich mit. Kleine Wolken ziehen die Nordwand herauf, lassen die Berge rundherum im Grau verschwinden. Je weiter ich nach oben komme, desto ruhiger werde ich. Und dann, am Ende, der Gipfel. Ein Moment, an dem es weder ein Gestern noch ein Morgen gibt. Ich lebe im Jetzt. Ich lebe das wahre Leben.

Ein Mantra gegen die Angst

Warum geht der eine in der Krise in die Knie – und der andere bleibt stehen?

Blick ins Buch
Der resiliente MenschDer resiliente Mensch

Wie wir Krisen erleben und bewältigen • Neueste Erkenntnisse aus Hirnforschung und Psychologie

Neueste Erkenntnisse aus Hirnforschung und Psychologie: So zwingen Sie Krisen nicht mehr in die Knie 
Resilienz ist die Fähigkeit, mit Stress und Krisen gesund umzugehen. Neurowissenschaftler Raffael Kalisch beleuchtet, woher „Der resiliente Mensch“ dieses Können nimmt.  

Burn-out, Depressionen und Angststörungen sind auf dem Vormarsch. Immer mehr Menschen finden sich in ihrem Leben nicht mehr zurecht, andere nehmen große Schicksalsschläge scheinbar mit Leichtigkeit.  

Neurowissenschaft und Psychologie haben dafür einen Begriff: Resilienz. Woher sie kommt, ob man sie lernen kann und was psychische Widerstandskraft letztendlich ausmacht, beleuchtet Raffael Kalischauf fundierte, informative und vor allem objektive Weise.  

Als einer der führenden Köpfe der neurowissenschaftlichen Resilienzforschung entwickelt Kalisch für seine Leser eine Landkarte über das Zusammenspiel von Körper und Geist, über die Mechanismen hinter Selbstbestimmung, Optimismus und Stressresistenz. Seine Tipps zu mehr Selbstwirksamkeit beruhen auf seiner jahrelangen Arbeit an der Grenze von Hirnforschung und Psychologie.   

„Sein gelungenes Buch liefert keine einfachen Rezepte, aber reflektierte Einblicke über die Schutz- und Selbstheilungskräfte der Psyche.“ – Wirtschaftspsychologie aktuell  

Mit der weltweiten Coronakrise hat „Der resiliente Mensch“ noch einmal an Aktualität und Relevanz gewonnen. Es ist ein Lesetipp für alle, die ohne klassische Ratgeber-Attitüde den Mechanismen des Glücks auf die Spur kommen wollen und eigene Schlussfolgerungen für ihr Leben ziehen möchten.  

Ein Anfang für den Ausweg aus Depression und Angst  

„Klug und sachlich entwickelt Kalisch, was Resilienz und Stressresistenz zu tun haben mit Selbstbestimmung, Selbstwirksamkeit, Sinnsuche und Optimismus. (…) Lesenswert, unterhaltsam und lehrreich.“ ― Der SPIEGEL Classic 

  

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Für mutige Angsthasen und ängstliche Weltenbummler

Blick ins Buch
Mit Mut im Herzen und Angst im Gepäck Mit Mut im Herzen und Angst im Gepäck

Von der Freiheit, die Welt zu bereisen

Raus in die Welt, rein ins Leben!

Gabriele Finck leidet an einer Angststörung. Mit zwanzig wurde sie von der Angst in einen immer kleineren Radius gezwängt und schließlich ans Haus gefesselt, jeder Ausflug wurde zur Herausforderung. Doch man muss keine solche Erkrankung haben, um sich vor der Fremde zu fürchten – Reisen ist für viele nur eine Sehnsucht. Die Autorin erzählt, wie sie es dennoch geschafft hat, wieder loszugehen, wie man die Furcht in den Koffer packt und mit ihr aufbricht: In die pulsierenden Metropolen Israels, auf die Kalksteinfelsen Südfrankreichs und an die Küsten Kroatiens.

Ein Mut machendes Buch, das dabei hilft, seine Ängste zu verstehen und die Lebensfreude zurückzugewinnen.

ο Tipps & Checklisten für die beste Vorbereitung aufs Abenteuer
ο Atemtechniken, Meditationen und Schreibrituale für innere Ruhe
ο Methoden zur Sofortbewältigung von Angst und Panikattacken


Das Buch für mutige Angsthasen

Wohin soll die Reise gehen?
„Es ist ganz wahr, was die Philosophie sagt, dass das Leben rückwärts verstanden werden muss. Aber darüber vergisst man den andern Satz, dass vorwärts gelebt werden muss.“
Søren Kierkegaard

Die Abenteuer sind irgendwo da draußen, und sie warten nur auf mich – habe ich immer gedacht. Mit großen Augen saß ich am Fenster und schaute voller Sehnsucht hinaus in die Welt. Eine Welt, die mich lockte, vor der ich aber auch Angst hatte. War sie nicht riesig und gefährlich, unvorhersehbar und furchteinflößend? Zwar wollte ich raus, dahin, wo das Leben lockte, aber ich war überzeugt: Dort draußen würde ich Angst haben, Panik schieben, mich gar nicht mehr wohlfühlen. Im Grunde hielt mich die Angst vor der Angst fest hinter meinem Fenster. Nicht die Welt da draußen machte mir Schwierigkeiten, sondern die Welt in meinem Innern. Ich war gefangen in mir. Ich war angstgestört.
Diese Sehnsucht nach dem Reisen habe ich trotzdem über all die Jahre niemals verloren. Für mich war Reisen ein Symbol für Mut, Freiheit und Unabhängigkeit. Würde ich endlich wieder reisen, wäre das der Beweis, dass ich meine Angsterkrankung überwunden hätte. So dachte ich zumindest. Schrittweise lernte ich, mich wieder dem Leben zuzuwenden, mir mehr zuzutrauen, und meine Angststörung ließ langsam nach. Gleichzeitig musste ich feststellen, dass es bei dieser Sache mit der Angst nicht nur Schwarz oder Weiß gibt, auch wenn ich das gern gehabt hätte. Jedes Mal, wenn ich zögerliche Schritte in Richtung Freiheit und Reisen unternahm, suchten mich auch wieder die Ängste heim. Darum schreibe ich dieses Buch – für alle, die das tiefe Tal der Angst kennen und die nun allmählich wieder bereit sind, sich die Welt und das bunte Leben zurückzuerobern.

Die Angst ist zwar noch da, aber du bist über die Phase hinaus, dass sie dich total lähmt. Mit diesem Buch möchte ich dir Mut machen. Mut, dich aufzumachen und deine Sehnsüchte zu leben – auch wenn du jetzt noch Ängste hast. Warte nicht auf den Moment, bis du endlich wieder „total angstfrei“ bist. Gehe los, mit der Angst im Gepäck! Lass dich auf die Erfahrungen ein, ganz gleich, was da kommen mag. Ich möchte dir mit meinem in vierzehn Jahren gesammelten Erfahrungsschatz hilfreich zur Seite stehen und dir mit diesem Buch einen kleinen Begleiter an die Hand geben, der dich auch in schwierigen Situationen versteht und trägt. Sag Ja zu dem Abenteuer, das sich Leben nennt!
Warum ich dieses Buch schreibe
Durch meine Zeit mit der Angststörung habe ich enorm viele Bücher gelesen, die sich mit Selbsthilfe bei Angst und Panik, aber auch dem ganzen Rattenschwanz an dazugehörigen psychologischen Themen beschäftigten. Dabei griffen mir die meisten Autoren einfach zu kurz. Entweder wurde eine schnelle Lösung propagiert: simple Lach-doch-mal-wieder-Techniken, beschrieben von Leuten, die das volle Ausmaß körperlicher Angst gar nicht erfassen konnten und die unter Angst lediglich „Bammel“ und subtiles Unwohlsein verstanden. Oder ich stieß auf zentnerschwere, komplizierte Fachliteratur, die im Bemühen, die Psychologie der Angst zu ergründen, kalt und teilnahmslos wirkte. Viele Ratgeber stammen von Therapeuten, also „Menschen vom Fach“. Wer nun allerdings die körperlich spürbare Form von Angst nur aus dem Studium und von Erzählungen der Patienten kennt, der neigt möglicherweise dazu, Angst als etwas abzutun, was nur im Kopf beginnt und dementsprechend auch dort wieder ganz leicht beendet werden kann.
Ich wollte mehr von einem Buch. Ich wollte eines, das mir hilft! Ein Buch, das mich begleitet, dessen Worte mir guttun, auch in unmittelbaren Momenten der Angst, das mich versteht, aufbaut und mir Hoffnung macht. Da ich so ein Buch nicht fand, schreibe ich es nun selbst. Ich schreibe es für dich, um dich zu unterstützen, gleichzeitig aber auch für mich. Denn das Schreiben hilft mir, mich immer wieder an meine innere Weisheit zu erinnern. Ich komme dabei mir selbst auf die Schliche und finde zu größerer Klarheit.
Meine Ratschläge laufen am Ende vielleicht sogar auf dieselben Tipps wie die der „Menschen vom Fach“ hinaus. Ich hoffe jedoch, dass ich vermitteln kann, wie gut vertraut mir Ängste sind. Über viele Jahre musste ich lernen, dass eine Angststörung (wie jede andere Krankheit auch) nicht auf magische Weise durch ein Fingerschnippen verschwindet. Natürlich gibt es Atem-, Klopf- und Entspannungstechniken. Es gibt auch Medikamente und Spritzen. Und sicherlich entfaltet jede Methode ihre Wirkung, besonders, wenn du wirklich daran glaubst. Die Angst ist jedoch kein gebrochenes Bein, das zurechtgerückt, geschient, geschont und trainiert werden muss, bis es wieder funktionstüchtig ist. Angst kann Teil deiner Wesensart und dein ganz persönliches Ventil sein, um innere Belange auszudrücken, sichtbar zu machen. Angst ist so viel mehr als ein ärgerlicher Störfaktor! Vielleicht hast du mehr Glück, und deine Angst hat dich nicht so tief gepackt wie meine mich all die Jahre. Aber im Grunde ist das egal. Tatsache ist, dass ein Übermaß an Ängsten deine Lebensqualität gewaltig einschränkt. Auch dir scheinen die friedvolle Leichtigkeit und die fröhliche Lebendigkeit abhandengekommen zu sein.
Damit du dir ein Bild von meinen Erfahrungen mit Angst und Panik machen kannst, möchte ich ein bisschen ausholen und meine Geschichte erzählen.

Auf einmal war da Angst
Ich war noch keine zwölf Monate von zu Hause fort und absolvierte mein freiwilliges Jahr in einem Filmzentrum, denn ich wollte unbedingt Regisseurin werden und Dokumentarfilme drehen. Gerade zwanzig geworden, reiste ich gern in der Weltgeschichte herum, lud oft Freunde zu mir nach Hause ein und war bereit, die Welt zu erobern. Ich hatte viel vor im Leben und ahnte nicht, dass ich bald total ausgebremst werden würde. Jetzt im Nachhinein sehe ich die Vorboten meiner Angststörung ganz deutlich. So hatte ich mich ein paar Monate vorher intensiv mit dem Thema „Sterben“ auseinandergesetzt. Die aufkommende Verzweiflung über die eigene Endlichkeit hatte ich jedoch einfach weggedrückt. In Wahrheit rumorte aber ein lang anhaltendes Trauma in mir, das sich in meiner Kindheit durch meine gesundheitlichen Erfahrungen und zahlreiche Krankenhausaufenthalte entwickelt hatte.

An einem Tag im September saß ich ahnungslos bei der Arbeit, war am Computer beschäftigt, als ich plötzlich spürte, wie mein Herz stolperte. Das Blut begann in meinen Ohren zu rauschen, und mir war auf einmal ganz seltsam und benommen zumute. Instinktiv legte ich mich neben dem Schreibtisch auf den Fußboden, zittrig und verwirrt. Ich dachte, meine letzte Stunde sei gekommen. Mein Chef sah mich da liegen und meinte etwas ungehalten, dass ich doch im Ruheraum das Sofa nehmen solle, wenn ich mich nicht gut fühlte. Keine Ahnung, wie ich es dorthin geschafft habe. Da lag ich dann, vollkommen fertig mit der Welt – zutiefst aufgewühlt und unfähig, auch nur einen klaren Gedanken zu fassen. Ein guter Freund hatte sich neben mich gesetzt. Er schaute mich mit großen traurigen Augen an, weil er vielleicht ähnlich erschrocken und besorgt war wie ich. Wie man sieht, bin ich damals nicht gestorben. Ich wurde noch zum Arzt gefahren, der nur wenig einfühlsame Worte für mich übrig hatte, dann lag ich krankgeschrieben zu Hause in meinem Bett und telefonierte verheult mit meinem Freund. Das ist nun über zehn Jahre her. Inzwischen weiß ich, dass noch viel schlimmere und stärkere Panikattacken auf mich warteten, und dass ich auch diese überlebt habe.
Die Abwärtsspirale
Zum Studieren zog ich mit meinem Freund zusammen. Kaum hatten die Vorlesungen begonnen, sah ich mich wieder mit Panikattacken konfrontiert.

Die ganze Zeit beobachtete ich meinen Körper skeptisch, jede Regung, jede Abweichung von einer selbst festgelegten Norm wurde von mir registriert und überdramatisch interpretiert. Ich hatte Angst, dass etwas mit mir nicht in Ordnung sei. Dass ich vielleicht eine Krankheit hätte, die gefährlich sei. Dass ich nicht mehr lange zu leben hätte. Ich hatte solche Angst, bald zu sterben, obwohl mir jeder rein äußerlich wohl nur beste Gesundheit bescheinigt hätte. Ich versuchte mit aller Macht, meine Ängste zu verdrängen, aber sie tauchten immer wieder auf – und jedes Mal fühlte sich alles bedrohlicher an als vorher. Ich verstand diesen komischen Zustand, mich selbst nicht.
Ich klapperte alle möglichen Ärzte ab, weil ich sofort von meinen Sorgen befreit werden wollte. Die „Götter in Weiß“ waren zwar in der Lage, mich für kurze Zeit zu beruhigen, doch die Angst kehrte immer wieder.
In der Hoffnung auf eine Lösung ging ich zum Unipsychologen.
Der kleine Raum war muffig und wenig einladend. Der Mitarbeiter des Psychosozialen Diensts bot mir ein Glas Wasser an. „Wo drückt denn der Schuh?“ Stammelnd suchte ich nach Worten. Dann beschrieb ich ihm einfach meine letzte Panikattacke: Ich sitze im Hörsaal, höre den Professor über Emile Durkheim und soziale Normen referieren, als mich plötzlich der Schlag trifft.
Meine ich zumindest. Von einem Moment auf den anderen fängt mein Herz an zu rasen, mir ist total schwindlig, und es fiept im rechten Ohr. Ich ringe um Luft. Ich kriege eine Krise! Irgendwie schaffe ich es, meine Sachen zu packen und aus der Vorlesung zu fliehen. Draußen auf dem Gang sitze ich auf einer Bank und bin mir ganz sicher, dass ich ins Krankenhaus muss. Stattdessen fange ich an zu heulen. Soziale Norm bin ich schon mal nicht!
So kam ich ins Reden, meine Gefühle sprudelten nur so hervor. Der Unipsychologe hörte sich alles wenig beeindruckt an, nickte dann, als hätte er das alles schon einmal gehört, und sagte, er wolle mir mal einen Ratschlag geben. Ich setzte mich aufrecht hin, war gespannt, ja voller Hoffnung. Da meinte er trocken zu mir: „Duschen Sie kalt!“ Wie bitte? „Sie müssen einfach jeden Morgen kalt duschen. Der Rest legt sich von alleine.“ Er verabschiedete mich mit einem wohl freundlich gemeinten Zwinkern. Ich fühlte mich so rein gar nicht verstanden. Ich spürte ja, dass etwas nicht in Ordnung mit mir, mit meiner Psyche war.

Aber ich verlor den Mut nicht. Mir war klar, dass der Unipsychologe wohl nicht seinen besten Tag oder ich einfach das Pech gehabt hatte, an die falsche Person geraten zu sein. Denn ich wusste ganz sicher, dass ich professionelle Hilfe brauchte. Doch viele Psychologen haben eine so lange Warteliste, dass es schier zum Verzweifeln ist. Ich wollte jetzt einen Rat und nicht erst in acht Monaten! Ich recherchierte, bis mir der Kopf rauchte, und fand schließlich eine „Psychologin in Ausbildung“. Hier war sofort ein Termin frei, denn ich war ihre erste Klientin überhaupt – und sie meine erste Therapeutin. Mit ihr war es menschlich wunderbar, aber unsere Gespräche glichen mehr einem Kaffeekränzchen. Ich war so „clever“, recht bald herauszufinden, was ich sagen musste, damit die Therapeutin mit mir zufrieden war. Als sie mich fragte, wann ich denn mein Problem überwunden haben möchte, sagte ich im vollen Ernst: „Nächsten Sommer wäre schön!“ Meine ganze Misere begriff ich nur auf der Kopfebene. Wahrscheinlich war ich noch nicht bereit, mir die wirklich dunklen Stellen meines Seelenlebens anzuschauen.

Angst vermiest den Urlaub
Als mir meine Angststörung noch fast neu war, sah ich mich noch nicht gezwungen, Dinge anders als zuvor anzugehen. Ich machte weiter wie bisher und hoffte einfach, dass mich keine Panikattacke erwischen würde. So gesehen war das noch eine gute Zeit, da die Angst vor der Angst mich noch nicht in ein Vermeidungsverhalten getrieben hatte (und ich nur noch zu Hause verheult und Däumchen drehend herumsaß).
Also stand ich mir bei der Urlaubsplanung mit meinem Freund Micha und seinem besten Freund auch nicht selbst im Wege. Wir waren jung und abenteuerlustig, wollten so viel wie möglich sehen, hatten aber natürlich kaum Geld in der Tasche. Unsere Wahl fiel auf Italien. Wir hatten nicht lange überlegt, wo genau wir eigentlich hinwollten. Ganz nach dem Motto: Hauptsache, in die Toskana und ans Mittelmeer! Die Zusagen der Couchsurfer bestimmten unsere Route: Dort, wo wir bleiben dürften, würden wir auch landen. Nach einem regen E-Mail-Verkehr mit einer Handvoll Leuten stand unser Reiseziel endlich fest: auf nach Marina di Grosseto!

So tourten wir – vollbepackt mit schweren Rucksäcken, an denen Isomatte und Sonnenhut baumelten – mit dem Schönen-Wochenende-Ticket von Nord nach Süd quer durch die Republik und übernachteten ausschließlich auf Sofas und Klappbetten. Je weiter südlich wir kamen, desto geringer wurde der Komfort der Bleibe – was uns aber kein bisschen störte. Zumal die unbequemsten Übernachtungsstätten seltsamerweise immer von den großzügigsten und herzlichsten Menschen zur Verfügung gestellt wurden. In München zum Beispiel durften wir unser Quartier noch in einem Gartenhäuschen beziehen. Der Altersunterschied zu unseren Gastgebern allerdings bewirkte wohl, dass wir kaum gemeinsame Interessensgebiete entdecken konnten. Die Gespräche plätscherten höflich vor sich hin, aber so richtig warm wurde leider keiner mit dem anderen. Nachdem wir Italien erreicht hatten, bestand unsere Unterkunft im vom Verkehr überfüllten Padua hingegen lediglich aus einem Durchgangszimmer – dafür bereitete uns Gastgeber Roberto eigens Sushi zu, und es gab viel zu erzählen und zu lachen.
Tags darauf setzten wir unsere Fahrt mit dem Bus fort. Die Fenster standen offen und ließen eine weiche frische Brise durch unsere Haare wehen. Ansonsten war es heiß und sonnig. Die dunstblauen Hügel am Horizont, einzeln stehende, sich zwischen Zypressen schmiegende lachsrosa Landhäuser und vorbeiziehende Sonnenblumenfelder machten klar, dass wir in der Toskana angekommen waren. In Marina di Grosseto erwartete uns Federico, ein Bär von einem Mann, wie aus der „Baywatch“-Serie entsprungen: Er lief stets mit roten Badeshorts und freiem – natürlich muskulösem und sonnengebräuntem – Oberkörper herum. Um seine Hüfte trug er lässig eine Gürteltasche. Sein Haar war kurz geschoren und sein Gesicht geprägt von einem strahlend weißen, ständigen Lächeln. Eigentlich hatte er Bildhauerei an der Kunstakademie in Mailand studiert. Nun aber machte er seinen lang gehegten Traum wahr: Direkt an der Promenade, direkt am Strand sollte ein Beach Resort entstehen, mit Restaurant, Badezubehör-Verleih und Strandduschen. Der Rohbau stand schon, der Wasseranschluss war bereits gelegt – aber Türen gab es noch keine. Und wir durften bereits vor der Eröffnung darin übernachten. Was für ein Glücksgriff!
Zunächst einmal galt es, das Gepäck abzustellen und die Gegend zu erkunden. Der Strand wirkte wie aus einem Urlaubsprospekt: Liegen so weit das Auge reichte! Jeder Strandklub hatte seine eigenen Stühle und Schirme, die sich alle farblich von den anderen unterschieden. In unserem Bereich waren die weiß-gelb gestreiften Schirme, direkt neben den lilafarbenen des Nachbarn. Vom schönen Sandstrand selbst war nicht mehr viel übrig, fast bis ans Wasser war der Küstenstreifen mit Liegestühlen zugepflastert. Dazwischen Volleyballnetze, kleine hölzerne Wachtürme der Rettungsschwimmer und Kinderspielplätze mit Plastikrutschen. Unseren Nachmittag verbrachten wir damit, Melonen zu essen, am Ufer zu planschen und durch den Ort zu streifen. In dieser Holiday-Atmosphäre hätte ich eigentlich entspannt und gelassen sein können – so wie die anderen um mich herum. Doch entlang der Strandpromenade wurde ich immer wieder von unguten Gefühlen eingeholt.

Vor meinen Augen verschwammen die Konturen der Umgebung. Alles drehte sich in meinem Kopf, als würde ich gleich in Ohnmacht fallen. Ich war wie gehetzt, ohne dass ich einen Grund dafür erkennen konnte. Während die Menschen um mich herum dahinbummelten, nach Sonnencreme rochen und ihr unbeschwertes Urlaubslachen erklingen ließen, starb ich innerlich tausend kleine Tode. Der Kampf gegen die immer wieder aufkeimende Panik erschöpfte mich. Damals kam mir nicht einmal im Traum in den Sinn, den anderen von meinem inneren Zustand zu erzählen. Ich machte alles mit mir aus, biss die Zähne zusammen und ließ nichts von meiner Überforderung durchblicken.
Am späten Abend lud uns Federico noch auf eine Pizza ein. Wir saßen auf den knallbunten Plastikstühlen auf seiner steinernen Veranda, umsäumt von riesigen Blumenpötten mit Sukkulenten und Palmfarnen, den Blick direkt aufs Meer. Meine Freunde und er tranken: Ein Bierchen löste das andere ab, es wurde gewitzelt und erzählt und diskutiert. Ich jedoch war müde. Der Abend war nett, aber ich konnte einfach nicht mehr. Ich war froh drum, nicht alleine zu reisen – so konnte ich die Gespräche meinen Freunden überlassen. Schließlich verabschiedete Federico sich, indem er uns noch seine Telefonnummer – „für alle Fälle“ – notierte und ließ uns in seinem offenen Haus allein. Nachts war der Strand grell beleuchtet, riesige Strahler wie von einem Fußballstadion erhellten die ganze Umgebung. Die Liegestühle lagen in Reih und Glied, daneben standen die zugeklappten Sonnenschirme Spalier. Wir räumten unsere Isomatten in eine Ecke im Obergeschoss, schlüpften in die Schlafsäcke und freuten uns auf eine erholsame Nacht. Doch es sollte anders kommen.
Mitten in der Nacht schreckten wir plötzlich hoch, weil unten im Haus Geräusche zu vernehmen waren. „Hörst du das? Da ist doch wer!“, zischte mein Freund und stieß mich an. Ich habe sowieso einen leichten Schlaf und war daher augenblicklich hellwach. Wir lauschten angestrengt. Etwas polterte, zwei Männer unterhielten sich auf Italienisch. Der Lichtschein einer Taschenlampe erfasste den Treppenaufgang. Gleich würden sie hier oben bei uns sein. Mein Freund setzte sich kerzengerade auf, sein Kumpel schaute verwirrt aus der Wäsche, ich selbst blieb wie unbeteiligt liegen. In diesem Moment erreichten die Italiener unseren Schlafplatz. Sie hatten sichtlich nicht mit uns gerechnet, denn mit einem Mal schrien sie wild und erschrocken herum und hatten ihre Hände schon an den Waffen, die sie im Gürtel trugen. Es dauerte ein paar Sekunden, bis wir begriffen, dass das irgendeine Art Sicherheitspersonal war, auf seiner nächtlichen Patrouille. Die Männer redeten laut und hektisch auf uns ein, wovon wir natürlich kein Wort verstanden. Mein Freund versuchte, sich auf Englisch zu erklären, und hob beschwichtigend die Hände. Als die Streife unsere deutsche Herkunft erkannte, ließ der Druck auf uns augenblicklich nach. Einer der beiden versuchte sogar, bei seinem Kollegen Eindruck zu schinden, und sprach uns auf Deutsch an. Doch konnten wir beim besten Willen kein Wort verstehen. Wir erklärten die Situation, gaben ihnen Federicos Nummer zum Beweis, mussten noch unsere Pässe vorweisen, dann ließen sie uns endlich in Ruhe. Was für eine Nacht! Nachdem wir das Geschehene noch einmal durchgekaut und analysiert hatten, siegte endlich die Müdigkeit, und wir rollten uns wieder in unsere Schlafsäcke zusammen.

Bemerkenswert für mich an der Erfahrung war, dass ich draußen beim Promenadenbummel mehr Ängste gehabt hatte als hier in einer wirklich brenzligen Situation. Mein Freund war sichtlich mitgenommen und gestresst – ich allerdings blieb die Ruhe in Person, ohne die geringste Sorge, dass uns etwas geschehen könnte. In einem Moment, in dem Panik vielleicht sehr gut nachvollziehbar gewesen wäre, blinzelte ich nur und rieb verschlafen meine Augen, während meine Freunde eilends zu ihren Rucksäcken liefen, um die nötigen Dokumente zusammenzusuchen. Rückblickend wurde mir später klar, dass meine Ängste vor allem nach innen gerichteter Natur waren: Ich selbst, mit meinem Misstrauen in meinen Körper, war mir der Feind, die Bedrohung. Meine äußeren Umstände meinte ich immer mitsteuern zu können und glaubte, dadurch irgendwie die Kontrolle zu behalten – nur das, was in meinem Körper vorging und mir so dermaßen Angst machte, schien nicht im Mindesten von mir beeinflussbar zu sein.

Gar nichts geht mehr
Aus meinem Tagebuch:
Ich bin ausgepowert, kraftlos und müde, weine die ganze Zeit. Ich schreie und schluchze. Meine Beine sind lästige Bleiklumpen. Ich steh nicht gerne, ich beweg mich nicht gerne. Im Liegen allerdings überkommen mich alle Gefühle – ich bin allein im großen stürmischen Ozean. Wellen drohen mich zu erschlagen, und ich gebe mir alle Mühe, nicht zu ertrinken, schnappe verzweifelt nach Luft.
Ich bin eigentlich nur noch ein einziger verzweifelter Schrei nach Hilfe. Ich möchte weglaufen und all das Quälende von mir abschütteln. Doch es ist, als wäre ich unter einer dumpfen Glasglocke gefangen, als hätte mich eine eisige starre Hand gepackt und ließe mich nicht mehr los.

Durch den Dauerstress und die ständigen Panikattacken (ich hatte aufgehört zu zählen) wurde ich nach und nach immer labiler. Ich aß nicht genug und weinte viel, sodass ich bald wie ein Hungerhaken aussah. Mir fiel das erst auf, als eine Freundin mich darauf aufmerksam machte. Anfangs versuchte ich noch, mein Leben so weiterzuleben wie zuvor.
Doch nach und nach ließ ich alles bleiben, was mich in Angst versetzte – oder in Angst versetzen könnte. Der Gang zum Supermarkt wurde zur Qual, die Universität sah ich nur noch selten von innen. Freunden sagte ich immer wieder ab, bis sie nicht mehr nach einem Treffen fragten, und ich wurde einsam und zutiefst verzweifelt. Das alles passierte im ersten Jahr meiner Angststörung. Dann kehrte mein Freund eines Tages früher als geplant von seinem Zivildienst nach Hause zurück und erlebte zum ersten Mal einen meiner Nervenzusammenbrüche mit. In diesem Moment wurde ihm erst klar, wie ernst mein Zustand eigentlich war, von dem ich immer nur erzählt hatte, als wäre es eine vorübergehende schlechte Stimmung. Kurzentschlossen half er mir, eine psychotherapeutische Klinik zu finden, die mich dann auch zwei Monate später aufnahm. Zunächst war es eine unglaubliche Entlastung für mich, nicht mehr „funktionieren“ zu müssen. Ich stellte fest, dass es mich unheimlich Kraft gekostet hatte, mein „Soll“ im System zu erfüllen, Leistung zu erbringen, das zu tun, was von mir erwartet wurde, obwohl ich keine Energie dafür hatte. Ich hatte mich jeden Tag als Versager gefühlt, wenn ich es nicht mehr in die Uni schaffte. Nun war ich von den gesellschaftlichen Verpflichtungen losgelöst, in einer kleinen Blase von Schutz und Sicherheit. Ich musste mich nicht mehr um meine täglichen Aufgaben kümmern, mir keine Gedanken um Essenszubereitung, Einkauf oder Studium mehr machen. Ich durfte einfach da sein und mich meinem seelischen Ballast und meiner Genesung widmen. Zu Beginn weinte ich unglaublich viel, fühlte mich wie in einem Meer von Tränen. Durch die angebotenen Therapien lernte ich allmählich, die psychologischen Muster hinter meinen Panikattacken zu verstehen.
Auf der Suche nach Lösungen
Die zwei Monate in der Klinik waren überaus wichtig für mich und legten den Grundstein für meine spätere Heilung. Doch ich muss zugeben, dass es nach der Klinik leider nicht aufwärtsging, sondern erst noch tiefer abwärts.

Mein Vermeidungsverhalten wurde grenzwertig, ich verließ kaum noch die Wohnung und litt unter Brechanfällen, wenn die Angst zu groß wurde. Meine körperlichen Probleme summierten sich: unerträgliche Rückenschmerzen, ständige Verdauungsbeschwerden, immer wieder Hautprobleme … ganz zu schweigen von monatelangem Herzstolpern. All das raubte mir den letzten Nerv. Ich war ein Wrack und kämpfte mich irgendwie durch die Tage.
Mein Zustand verbesserte sich erst allmählich mit dem Wechsel zu einer neuen Therapeutin. Sie fing mich nicht nur auf und gab mir Halt, sondern sie hielt mir auch den Spiegel vor und rückte meine Selbstverantwortung in den Mittelpunkt. Nach jeder Therapiestunde ging ich gestärkt und mit neuen Erkenntnissen nach Hause, und ich bin ihr bis heute unendlich dankbar. Ich lernte all die Situationen erkennen, in denen ich mir selbst nicht treu war; Situationen, in denen ich meine eigenen Bedürfnisse überhörte – zugunsten anderer. Gleichzeitig begriff ich langsam, dass die Angst in diesen Momenten eine Art unangenehmer Freund von mir war, der mich wachrütteln und mir helfen wollte.

Der Traum vom Reisen
In all den Jahren meiner Angstzustände habe ich nie aufgehört, Bücher und Blogs von Leuten zu lesen, die um die Welt reisten. Für mich war deren Leben der absolute Gegensatz zu meinem eigenen. Ich wollte so werden wie sie: frei und lebensfroh und mutig. Voller Abenteuerlust, Stärke und Entdeckerdrang! Jedoch: Irrte ich mich vielleicht? Ja, auf den ersten Blick wirken Weltreisende mutig und völlig unkompliziert. Ich bin mir aber inzwischen sicher, dass viele von ihnen ihr ganz eigenes Päckchen zu tragen haben. Stete Rastlosigkeit, die Suche nach Sinn und Identität im Außen, Bindungsängste und ein unbewusstes Getriebensein sind nur ein paar Punkte, die mir dazu einfallen. Nicht jeder, der frohgemut durch die Welt reist, ist automatisch auch mutig. Im Gegenteil! Mutig ist nicht, wer keine Angst verspürt (denn der hat es ja in diesem Punkt viel leichter). Mutig bist du, wenn du dich trotz deiner Angst auf den Weg machst. Wenn du Dinge wagst, von denen du weißt, dass sie dich weiterbringen.
Einmal fragte ich mich, woran ich eigentlich erkennen könne, dass ich meine Angststörung überwunden hätte. Und für mich war die Antwort ganz klar: Ich würde wieder auf Reisen gehen! Ich setzte mir ein Ziel, auf das ich schrittweise hinarbeiten wollte. Zuerst ein paar Touren mit dem Rad aus meinem gewohnten Radius hinaus, dann ein kleiner Wochenendurlaub hier und da. Am Ende stünden eine angstfreie Gabi und ein prächtiges Segelabenteuer! Zu der Zeit war meine Schwester viel auf See, und womöglich wollte ich ihr nur in ihrer Stärke nacheifern. Segeln zu gehen, mit anderen Leuten auf ein Schiff gepfercht, keine Möglichkeit zu entkommen und der riesige gefährliche Ozean unter mir – das war im Augenblick absolut unvorstellbar. Aber ich schwor mir: Eines Tages würde ich segeln gehen, ich würde mir damit selbst beweisen, dass ich zu allem in der Lage war! Tatsächlich aber waren die Dinge nicht so einfach, wie ich mir das ausgemalt hatte. Ich musste lernen, dass diese angstfreie, abenteuerlustige Heldin, die ich sein wollte, im Grunde nur eine kindische Illusion darstellte. Dass meine Ängste sich nicht eines Tages in Luft auflösten und ich fortan stark und frei durch die Welt zöge, sondern dass sie im Gegenteil an mir klebten wie Pech und Schwefel. Dass meine eigentliche Aufgabe vielleicht war, sie erst einmal wahrhaftig kennen- und akzeptieren zu lernen, bevor ich sie eines Tages wirklich verabschieden könnte. Trotzdem habe ich mein Versprechen an mich selbst gehalten und bin – allerdings erst Jahre später – wirklich auf eine Segelreise gegangen! (Siehe Kapitel „Meine Angst und die anderen → Und ich will segeln gehen“)

Die Reise deines Lebens
Von welchen Reisen spreche ich also in diesem Buch? Zum einen geht es natürlich um die klassische Reise, um das Abenteuer, unterwegs zu sein. „Ich packe meinen Koffer, und was nehme ich mit?“ Ich gebe dir eine Handvoll Tipps, wie es für dich trotz Ängsten, Muffensausen und Stress möglich sein wird, kleine und große Reisen zu unternehmen.
Im Grunde findest du die Angst vor dem Reisen jedoch auch überall im Alltag: als eine Angst vor Veränderung, vor dem Neuen und Unbekannten. Dieses Buch ist also zum anderen auch ein Ratgeber für die generelle Unsicherheit neuen Herausforderungen gegenüber. Es hilft dir bei einer ganz konkreten Reise, die du planst oder von der du zumindest träumst. Du kannst aber auch alle Tipps und Geschichten im übertragenen Sinne verstehen: indem du dich deiner individuellen Lebensreise stellst, die Reise in dein Inneres wagst und dadurch die Veränderungen im Außen auch zu begrüßen lernst. Alles, was an neuen Aufgaben auf dich zukommt, kann dir Angst machen – oder aber dein Leben bereichern, weil du daran wächst!

Auf zur Reise! Fertig? Los!
„Du sagst, du seist nicht reif genug.
Ja, willst du denn warten, bis du verfaulst?“
Jules Renard

Aus meiner kleinen begrenzten Welt – mit einem Aktionsradius von kaum zehn Kilometern – half mir eines Tages mein guter Freund Olli heraus. Er hatte einen Job für mich, und ich war mutig genug, dieses Angebot anzunehmen. Wenn sich eine Tür in deinem Leben öffnet und du es wagst, durch sie hindurchzugehen, öffnen sich durch diesen Schritt wieder neue Türen – Möglichkeiten, von denen du nie etwas geahnt hast! Du kannst also, sinnbildlich gesprochen, nicht in den übernächsten Raum gelangen, wenn du stehen bleibst und einfach nur die Hände in die Taschen steckst. Für den neuen Job musste ich umziehen, meine alte „sichere“ Welt hinter mir lassen und mich sozusagen häuten. Und nur dadurch, dass ich dieses Neue wagte, führe ich jetzt das Leben, das ich kenne. Denn durch diese neue Arbeit, den neuen Lebensort habe ich den Großteil meiner Freunde kennengelernt, die ich heute zu meinen größten Schätzen zähle. Und mit ihnen eröffneten sich mir wieder neue Sichtweisen und Lebensmöglichkeiten! Viele meiner Freunde scheinen für ein Leben als Backpacker und Weltenbummler wie geschaffen zu sein. Mit Freude und einer unendlichen Lust, die Welt zu entdecken, machen sie sich immer wieder, sogar bis in die entlegensten Winkel der Erde, auf. Sie gehen den Jakobsweg, trampen ein Jahr durch Kanada, klettern in mir unbekannten Gebirgen Bulgariens, streifen wochenlang einsam durch Grönland oder arbeiten auf einer Hühnerfarm in Australien: An Vorbildern fehlte es mir definitiv nicht mehr! Dann kehren sie heim, übervoll mit Erlebnissen und Eindrücken, und sind sichtlich bereichert, glücklich und dankbar. Ich wollte immer alle Fotos sehen und jede Geschichte hören, um auf diese Weise wenigstens ein klein wenig von dem zu kosten, was da so abenteuerlich und aufregend klang. Aber sie konnten ja nicht alles auf einmal berichten. Und wie viele Eindrücke blieben unerwähnt? Wie viel mehr Gesehenes und Erlebtes steckte noch hinter ihren Erinnerungen? Ich bekam Hunger auf mehr, Durst nach eigenen Erfahrungen. Eine Sehnsucht ergriff mich. Ich spürte, dass mir das Korsett meiner Angst zu eng geworden war. Doch wie und wohin den ersten Schritt tun? Konnte ich planmäßig mutiger werden? Noch immer war für mich selbst die Fahrt in die nächste Stadt mit Stress und Angstgefühlen verbunden.

Die kleinen Reisen vor der großen Reise
„Alles muss klein beginnen.
Lass etwas Zeit verrinnen.
Es muss nur Kraft gewinnen.
Und endlich ist es groß!“
aus einem Kinderlied von Gerhard Schöne

In mir wohnt ein Tiger. Als er klein war, fauchte er mal fürchterlich, sodass ich ihm schnell etwas zu fressen gab, damit er nicht noch seine Krallen ausfahren würde. Er fraß zufrieden und konnte wachsen. Jedes Mal, wenn er seine Zähne zeigte oder fauchte, gab ich ihm etwas zu fressen, und er wurde immer größer und furchteinflößender. Der Tiger war meine Angst. Wenn sie in mir fauchte, gab ich ihr schnell, was sie verlangte: Heute gehe ich lieber nicht in die Stadt, ich habe ja Angst. Jetzt lasse ich es lieber bleiben, ins Theater zu gehen, dort fühle ich mich sicher unwohl. Und jedes Mal, wenn ich meiner Angst nachgab, konnte sie größer werden. Jedes Mal fütterte ich mit meinem Vermeidungsverhalten meinen Angsttiger. Wie gut, dass ich irgendwann lernte, nicht länger auf ihn zu hören. Dann faucht er so vor sich hin, und ich merke, wie er unruhig in mir umherläuft. Tiger, werde zum Kätzchen!

Nachdem ich jahrelang sehr tief in meinen Ängsten und dem mir selbst geschaffenen Gefängnis festgesteckt hatte, brachen allmählich nach und nach die starren Strukturen auf. Ich traute mich immer öfter zu einer Unternehmung, folgte spontanen Eingebungen und steckte meine Nase immer wieder aus meiner sicheren Höhle heraus. Dabei traf ich auf eine unglaubliche Ambivalenz in mir. Einerseits wollte ich rauskommen, loslegen, mich weiterentwickeln – doch wenn ich die Herausforderungen wagte, fühlte es sich nicht immer gut an. Ich war dann auf meinem Besuch in der Stadt oder bei einer Veranstaltung die ganze Zeit einfach nur angespannt. Eine Nervosität hielt meinen Körper gefangen. Ich schwitzte wie ein Hochleistungssportler, sobald ich auch nur zur Unternehmung startete. Das war mir sehr unangenehm. Und vor Ort war ich vor allem damit beschäftigt, die ganzen Panikgedanken abzuwehren, die sich meiner bemächtigen wollten. Anstelle die Gegenwart zu genießen, den Augenblick zu erleben, den ich doch so herbeigesehnt hatte, kämpfte ich pausenlos mit meiner Innenwelt. Jede körperliche Empfindung wurde überinterpretiert. Ich nahm meinen Körper wie unter einer Lupe wahr. Mein Arm juckte, oder der Nacken war so seltsam steif. Das machte mir Angst. Ich war so furchtbar angespannt, dass mich jede Regung meines Körpers aus dem Konzept brachte. Dann entspannen sich unfreundliche Dialoge in mir, die in etwa so aussahen:

Oh Mann, ich hab Angst. Warum drückt das da nur so?
Einfach ignorieren! Konzentrier dich darauf, was der andere sagt!
Das Drücken geht nicht weg. Ich will nach Hause. Wann kann ich endlich weg?
Halt den Mund, sei endlich still. Lass mich doch mal in Frieden. Das hier ist doch grad spannend, stell dich nicht so an!
Wozu bin ich überhaupt hier? Was soll das? Hab ich echt geglaubt, ich könnte ein schöneres Leben haben? Ist doch zwecklos, ich bin halt viel zu labil.
Quatsch. Du schaffst das. Hab dich nicht so.
Aber es drückt so! Hört das denn nie auf? Was bedeutet das bloß? Vielleicht ist das ein schlechtes Zeichen? Ist mir nicht auch irgendwie heiß? Ist mir nicht schwindlig? Was, wenn ich auf einmal keine Luft mehr bekomme?
Wirst du wohl deine Klappe halten.

Wie lieblos ich mit mir umging! Wie wenig Verständnis ich meiner unsicheren, ängstlichen Seite gegenüber hatte. Ich wollte funktionieren. Wollte gelassen und fröhlich sein, stark und selbstbewusst. Meine Angst war nur der störende Faktor, der alles vermasselte. Ich hasste das. Es war wie eine laute Sirene in meinem Kopf, die ich einfach nicht abstellen konnte – dabei wusste ich es doch eigentlich inzwischen schon besser! Dieses extreme Aufgeregtsein kostete immer meine ganze Kraft. Am Ende kam ich ausgelaugt nach Hause zurück und war froh, wieder in meinen sicheren vier Wänden zu sein.
Es dauerte einige Zeit, bis Ruhe in mein Seelenleben eingekehrt und ich wieder zu Kräften gekommen war. Dann ging der ganze Spaß von vorne los. Ich saß zu Hause und war frustriert. Mein Leben langweilte mich. Es passierte nichts Neues. Auf irgendwelchen Blogs oder in Büchern las ich von Menschen, die ihr Leben zu rocken schienen, nur ich versauerte auf meinem Sofa oder hinterm Computerbildschirm. Ich schaute Filme und Serien und ließ die Protagonisten an meiner statt Abenteuer erleben. Ich hatte immer mehr das Gefühl, mein Leben zu verpassen. Und das drückte auch noch auf meinen Selbstwert. Dann flackerte eine neue Idee in mir auf, der Unternehmungswille wurde wieder angefacht, und ich nahm mir den nächsten Ausflug vor.
Da ich aus den vorherigen leidlichen Erfahrungen aber wusste, dass ich wohl nicht alles superentspannt genießen würde, fing die Panikmache also grundsätzlich bereits vor den kleinen Abenteuern an. Ich zerdachte mir alles. Ich machte alles kompliziert, sah überall Probleme und mögliche Stolperfallen. Wo würde ich das Richtige zu essen finden? Würden vielleicht viel zu viele Menschen um mich herum sein? Was, wenn ein Zug ausfiele? Mir fehlte die Sicherheit, dass ich vor Ort schon eine passende Lösung für mich finden würde. So quälte ich mich auch mit der Vorstellung der Überforderung bei Ausflügen in einer Gruppe. Auf der einen Seite glaubte ich, kein Recht dazu zu haben, meine Bedürfnisse zu befriedigen. Wenn ich zum Beispiel spüren würde, dass ich eine Pause brauchte, wüsste ich nicht, was dann zu tun wäre. Ich könnte doch nicht einfach aufstehen und aus dem Raum gehen! So plagte ich mich bei dem Gedanken, völlig unfrei und dem Willen der Gruppe total ausgeliefert zu sein. Auf der anderen Seite stresste mich die Vorstellung, mich in der Konsequenz immer an die Bedürfnisse der andern anpassen zu müssen. Der Rebell in mir kapitulierte, schon bevor es zu einem Konflikt kam! Ich dachte, ich dürfe nicht tun, was mir guttue, weil ich schief angesehen werden würde. Dass dann Sprüche kämen wie „Stell dich nicht so an“ oder „Madame Extrawurst“. Ich hatte gelernt, dass es wichtig war, nicht aus der Norm zu fallen, kein großes Aufsehen zu erregen, am besten so zu sein, wie alle waren. „Normal“.
Heute weiß ich: Diese anstrengenden Erfahrungen mussten sein. Der Weg führte genau durch diesen Kampf hindurch. Er war dazu da zu lernen, zu mir zu stehen. Zu lernen, dass ich ein Recht auf meine Pausen, meine Bedürfnisbefriedigung hatte, wie jeder andere auch. Ich durfte was essen, wenn mir danach war. Ich durfte mir einen Berg voll Proviant mitnehmen, wenn mir das Sicherheit gab! Ich musste begreifen, dass ich nicht „aus der Reihe tanzte“, wenn ich den Mut hatte, auf mich zu hören, und mir das gab, was ich brauchte. Dass vielleicht die Menschen in meinem Umfeld diese Normen zu haben schienen, aber dass eine Norm nicht deswegen auch gleich richtig und gesund sein musste. Dass ich meinen eigenen Weg gehen konnte. Die Gelassenheit, die ich dabei entwickelte, half mir auch, neue andere Freunde zu finden, die mich nicht schief dafür ansahen, wie ich war, sondern mein Verhalten erleichtert zum Anlass nahmen, nun ihrerseits auf ihre Bedürfnisse zu hören. Wie wohlwollend wir auf einmal alle miteinander und mit uns selbst umgingen!
Die kleinen Unternehmungen, die Erkundungen der Umgebung, jeder einzelne Ausflug waren ein Puzzlestein auf meinem Weg. Ich baute mir ein stabiles Fundament, von dem aus ich später Reisen starten könnte. Im Prozess selbst fühlte es sich nicht so an, als würde ich vorankommen. Oft behielt die Angst die Oberhand, und meistens ärgerte ich mich darüber. Aber da war stets auch der gute Nachgeschmack, unterwegs gewesen zu sein. Es blieb die gute Erinnerung an das Erlebte, und die Erfahrung der Angst verblasste darin immer. Ich befreite mich Stück für Stück aus ihrem lähmenden Griff und lernte, dass mein treuer Begleiter namens Angst nicht halb so gefährlich war, wie er ausschaute.

Angst zu versagen
Vielleicht stehst du gerade vor dem Antritt deiner Reise und fragst dich: „Was, wenn ich’s nicht packe? Was, wenn mir alles zu viel wird? Wenn ich vor Ort feststelle, dass ich gar nicht mehr reisen will?“
Das ist doch super, dass diese Fragen in dir auftauchen. Es ist genau richtig, dass du dich mit ihnen beschäftigst. Fragen zu stellen bedeutet, dass du auf dem besten Weg bist, Antworten zu finden. Du bist gerade dabei herauszufinden, ob du fürs Reisen geschaffen bist. Dabei lernst du dich selbst ein Stückchen besser kennen. Das heißt, dass du offen für Entwicklung und nicht innerlich erstarrt und unlebendig bist. Versuche, Geduld mit dir zu haben und den Prozess und die Ungewissheit in dir freudig anzunehmen. Du findest gerade wieder ein bisschen mehr heraus, wer du eigentlich bist.

Wenn dich ein Rückschlag plagt oder dich die bloße Befürchtung eines möglichen „Scheiterns“ zurückhält, will ich dir folgende Dinge mit auf den Weg geben:
Du musst niemandem etwas beweisen
Nun hast du nicht geschafft, was du dir so sehr gewünscht hast, und fühlst dich vielleicht gerade als ein kompletter Versager. Plagt dich die Frage, was die anderen nun von dir denken? Ist es dir peinlich einzugestehen, dass das, was du dir vorgenommen hast, in dieser Form für dich nicht durchführbar war? Mach nicht den Fehler, dich und deine Person mit dem zu verwechseln, was du tust oder eben nicht schaffst. Du bist nicht deine Leistung. Wenn du dein Selbstwertgefühl von dem abhängig machst, was du erreichst, machst du dich selbst nur unglücklich. Dann empfindest du Erfolg als Aufwertung und setzt deinen Wert herab, wenn du eine Aufgabe „nicht bestehst“. Du existierst aber völlig unabhängig von deinem Schaffen. Deine Freunde lieben dich nicht für das, was du tust, sondern für das, was du bist und wie du bist. Zeige ihnen offen, was in dir vorgeht und warum das mit der Reise nicht geklappt hat. Du wirst staunen, mit wie viel Verständnis sie dir begegnen werden. Wenn du nun auf Reisen an deine Grenzen stößt, kannst du entweder an den trügerischen Anforderungen an dein Selbstbild festhalten und dir damit Aufgaben auferlegen, die dich überfordern. Oder du bist bereit, dieses Selbstbild deinem wahren Ich mehr anzupassen. Arbeite nicht gegen dich, sondern blicke liebevoll auf dich selbst. Erlaube dir, so zu sein, wie du bist, und nicht, wie du gerne wärst.
Welches Bild entsteht in dir, wenn du dich als Weltenbummler siehst? Du stellst dir vielleicht einen selbstbewussten, starken Menschen vor, der weiß, was er will. Jemanden, der wahrhaft frei ist. Aber bist du überhaupt frei, wenn du dich partout an etwas klammerst, das du dir vorgenommen hast? Nur aus Angst, dass sonst das schöne Bild von dir zerstört würde oder Risse bekäme? An etwas festzuhalten, was einem im Grunde nicht guttut: Wo ist denn da die Freiheit? Wahre Stärke ist doch, sich einem Zwang nicht zu beugen! Lass das Wunschbild los, das dir nicht dient. Steh zu dir. Du brauchst keine Reise durchzustehen, nur um dir (oder irgendwem) etwas zu beweisen.

Sich ins Leben wagen
Irgendwie bist du unzufrieden, etwas nagt an dir. Spürst du, dass du dein eigentliches Potenzial nicht entfaltest, dich zurückhältst, auf Sparflamme lebst? Ja, deine Angst hält dich gefangen, du machst dich mit deiner Angst kleiner, als du bist. Angst ist aber auch kein „Spaziergang“. Im Grunde bist du schon allein dadurch mutig, ihr immer wieder im Alltag zu begegnen und dich tagtäglich mit ihr auseinanderzusetzen. Und siehe da, du lebst noch! Wie wäre es, wenn du dir nun auch Abenteuer suchst, die eine Herausforderung außerhalb deines Selbst darstellen?
Die Sehnsucht nach dem Reisen ist nach meiner Erfahrung eigentlich ein ganz allgemeiner Hunger nach Leben. Natürlich, wir sind nicht hier auf Erden, um alles zu verschlafen. Wir wollen Erfahrungen sammeln, wachsen, Neues lernen. Dazu musst du nicht gleich auf eine Weltreise gehen. Auch im Alltag finden sich überall Wachstumsmöglichkeiten. Und zwar immer dort, wo du außerhalb deiner Komfortzone bist – dort geschehen auch die kleinen und großen Wunder, die Gänsehautmomente und die unerwarteten Lernschritte.
Wenn du diese Herausforderungen angehst, auslebst, wenn du es wagst, aus deinem bekannten Einerlei auszusteigen, wird dich das nach und nach auf eine größere Reise vorbereiten.
Es heißt, der Weg aus der Angst führe direkt durch die Angst hindurch. Das bedeutet, dass du lernen kannst, dem Leben und deinen Ängsten gewachsen zu sein.

Raus aus deinem Schneckenhaus!
Versuche, im Kleinen zu üben: Welchen Dingen weichst du aus, was traust du dir nicht zu? Mach eine Liste und arbeite sie ab. Das kann nach außen hin etwas scheinbar ganz Banales sein – etwas, bei dem du bisher immer gedacht hast: Aaach, lieber nicht.

Hier ein paar Ideen – deiner Kreativität sind keine Grenzen gesetzt!
●kulinarische Besonderheiten testen, trotz der Angst, dass es vielleicht eklig oder seltsam schmeckt (z. B. Muscheln, Insekten)
●dich einem Tier annähern, vor dem du Angst hast (z. B. einen Hund im Park streicheln – frag aber auf jeden Fall vorher den Besitzer –; eine Vogelspinne auf der Hand halten; Tiere im Heimtierpark füttern)
●die Angst vor Schmerzen bewusst angehen und aushalten (z. B. endlich einen Termin beim Zahnarzt wahrnehmen; einen Ohrring stechen lassen; Blut oder Plasma spenden; bei einem Imker helfen)
●eine andere Gesprächsführung ausprobieren (z. B. mehr zuhören, wenn dir Schweigen schwerfällt; oder im Gegenteil: mit Absicht mehr von dir erzählen, wenn du dann normalerweise nervös wirst)
●dich ganz auf dich selbst verlassen (z. B. dein Handy einen Tag lang zu Hause lassen; auf einen längeren Spaziergang kein Wasser mitnehmen)
●längere Strecken Auto fahren (und am Zielort etwas Schönes erleben) oder mit dem Auto mal zu einer verkehrsstarken Zeit unterwegs sein
●auf Menschen zugehen (z. B. mit einem Obdachlosen reden; einen sympathischen Menschen auf einen Kakao einladen; fremden Leuten zulächeln)
●neue Aktivitäten ausprobieren (z. B. Meditationsabend, Trampolinspringen, Tauchen lernen, Bouldern oder Klettern, Inlineskaten oder Surfen)
●mal etwas „Verrücktes“ tun (z. B. Haare färben; mit einem Segelflugzeug fliegen oder eine Ballonfahrt machen; frühmorgens aufstehen, um den Sonnenaufgang zu sehen; mit geschlossenen Augen umherlaufen; dich als Aktmodell in einer Kunstklasse zur Verfügung stellen)
●alleine unterwegs sein (z. B. im Theater, im Kino, in einem Café oder Restaurant, auf einer großen Veranstaltung mit vielen Leuten, bei einer Konferenz oder in einem Seminar)
●anderen Leuten auffallen (z. B. einen Vortrag halten, in der Öffentlichkeit tanzen, beim Karaoke mitmachen)

Indem du dir bewusst immer wieder Herausforderungen suchst, wird dein Leben fast wie von selbst aufregend und abenteuerlich. Du spürst, wie du mutiger wirst, mehr wagst, dir mehr zutraust, sicherer in dir wirst. Und diesen kleinen und größeren Ängsten zu begegnen, wird dir auch in Bezug auf deine Angststörung mehr Kraft und Selbstbewusstsein geben.

Mutig zur Welt hinaus – in die Welt hinein!
Woher weißt du eigentlich, dass du bereit bist, auf Reisen zu gehen? Schließlich gehört ja eine große Portion Mut und vor allem auch Durchhaltevermögen dazu, aus deinen Träumen Wirklichkeit werden zu lassen. Die Frage lässt sich intuitiv beantworten: Wenn du an eine mögliche Reise denkst, was überwiegt da? Das quirlige Gefühl der Vorfreude? Oder Zweifel, Bauchschmerzen und Überforderungsgedanken? Nicht dass deine Skepsis dich generell vom Reisen abhalten sollte – nur: Ist es jetzt schon die richtige Zeit? Als ich endlich bereit zum Reisen war, bemerkte ich, dass der Wille tatsächlich Berge versetzen kann. Intuitiv wusste ich einfach, dass ich das irgendwie schaffen würde, denn ich wollte tatsächlich in den Nahen Osten. Erst kurz vorm Abflug kam das Muffensausen – und das ist vollkommen natürlich. Zum Losgehen hat mich am Ende der Ruf nach Freiheit bewegt – und die Neugier auf eine andere, ungewohnte Welt. Dieses Sehnen, gepaart mit einem „bequemen Angsthasen“ in mir, der vertraute Strukturen und Orte der haltlos wirkenden Welt vorzieht, ergibt immer eine spannende Mischung. Was wird die Oberhand gewinnen? Kann ich die begründete Angst, die mir zeigt, dass eine Reise mich noch überfordern würde, unterscheiden von einer zu überwindenden Angst, die mich nur lähmt und kleinhält? Welchen Argumenten schenke ich mein Gehör? Was ist Illusion und unausgereifte Träumerei? Was entspricht mir wirklich?

„Nur, weil ich alles habe, was ich brauche, muss es mir nicht gut gehen.“

Blick ins Buch
Sieben minus einsSieben minus eins

Kriminalroman

Als er das blutverschmierte Kellerloch sieht, ist sich Kriminalinspektor Sam Berger sicher: Das Verschwinden der jungen Frau ist kein Einzelfall. Da draußen quält ein perfider Täter junge Frauen. Schafft er es, sie lebend zu retten? Doch dafür ist er auf fremde Hilfe angewiesen: Die von Molly Blom, einer geheimnisvollen Frau, die nicht ist, wer sie vorgibt zu sein. Nur zusammen haben Sam und Molly eine Chance, dem Täter auf die Schliche zu kommen. Denn sie beide verbindet etwas mit dem Täter. Etwas, das lange Zeit tief in ihrer Vergangenheit begraben lag.

1

Das Espenlaub zittert. Obwohl es so windstill ist, lassen die Espen ihr rauschendes Lied erklingen, sie ergießen ihr drängendes Flüstern über die Sommerwiese, die im gleißenden Licht liegt. Er kann das hören, obwohl er so schnell wie nie zuvor durch das Gras rennt, das ihm bis zur Brust reicht.
Kurz bevor sich die Wiese lichtet, nimmt das Rauschen zu. Er wird langsamer. Die Bäume scheinen auf ihn zuzukommen, als würde ihn jemand aus einer anderen Zeit bedrängen. Er gerät ins Stolpern, und das Rauschen nimmt plötzlich wieder ab. Er strauchelt, und als er wieder nach vorn blickt, ist der goldblonde Haarschopf vor ihm fast schon verschwunden in dem hohen Gras, und er ist gezwungen, sich anzustrengen, um nicht abgehängt zu werden.
Es ist einer jener Sommertage, die es viel zu selten gibt. Federleichte Wolken ritzen zarte Kratzer in den hellblauen Himmel, jeder einzelne Grashalm schimmert in seinem ganz eigenen grünen Farbton.
Sie sind weit gelaufen, zuerst den viel zu trostlosen Weg von der Bushaltestelle, dann über diese Wiese, und von dort konnten sie in der Ferne das Glitzern des Wassers sehen.
Um auf diese Entfernung das Bootshaus erkennen zu können, darf er nicht so schnell rennen, das ist ihm bewusst, aber er weiß, dass es dort steht, verborgen hinter den Bäumen am Strand, grün-braun und hässlich und einfach nur sagenhaft.
Der goldblonde flatternde Haarschopf wird langsamer. Während er sich zu ihm umdreht, weiß er, dass er wieder staunen wird. Er hat nie aufgehört zu staunen, ihm würde es niemals gelingen, damit aufzuhören. Und als die ersten Konturen des kantigen Profils sichtbar werden, hört er es wieder.
Es stehen keine Espen in der Nähe. Und dennoch hört er plötzlich nichts anderes als das Rauschen des Espenlaubs, das zu einem Flüstern und dann zu einem Lied wird.
Irgendwo ist jemand, der etwas von ihm will.
Dann stehen sie sich gegenüber, Auge in Auge.
Er muss glucksen.


2
Sonntag, 25. Oktober, 10:14
Das Espenlaub zitterte, und obwohl der Himmel auf mittelalterliche Weise dunkel und verhangen vom Regen war, erschien das Rauschen der Blätter viel zu laut. Berger schüttelte den Kopf, vertrieb so alle unerwünschten Gedanken und zwang sich, den Blick von den Baumwipfeln zu nehmen. Augenblicklich spürte er wieder die Kälte der morschen, fast schwammigen Holzwand an seinem Rücken.
Er warf einen Blick hinüber zu den anderen Ruinen des Sommerhausgrundstücks, die in dem zunehmenden Regen kaum auszumachen waren. Je zwei Kollegen kauerten davor, alle mit triefend nassen schusssicheren Westen und den Waf­fen im Anschlag. Die Blicke waren auf Berger gerichtet. Sie warteten auf sein Zeichen. Er drehte sich um und sah in ein Paar Rehaugen, die weit aufgerissen waren. Das Wasser lief über Deers Gesicht, als wäre ihr Kopf ein weinendes Auge.
Sechs Bullen auf einem verlassenen Grundstück im Platzregen.
Berger spähte um die Ecke. Die Hütte konnte er von dort nicht ausmachen. Aber sie hatten sie vorhin gesehen, als sie sich von der Seitenstraße angeschlichen und auf dem Grundstück verteilt hatten. Nun hatte sie der Regen verschluckt.
Er holte tief Luft, es ließ sich nicht länger aufschieben.
Daher folgte ein kurzes Nicken, und die ersten beiden Männer stürmten geduckt durch den Regen. Ein Nicken in eine andere Richtung, und zwei weitere Männer folgten ihnen durch die dicke Suppe. Dann machte sich auch Berger auf den Weg, begleitet von schluchzenden Atemgeräuschen hinter ihm.
Die vier geduckt rennenden Gestalten strahlten eine große Ernsthaftigkeit und Entschlossenheit aus, obwohl Berger nur ihre Rücken sehen konnte.
Holzplanke für Holzplanke tauchte die Hütte aus dem Nebeldunst auf. Dunkelrot mit weißen Ecken, schwarze Jalousien, kein Lebenszeichen. Und der Regen weigerte sich nachzulassen.
Sie waren jetzt ganz nah. Vielleicht sogar nah an der Auflösung.
Berger wusste, dass er so nicht denken durfte. Nur die Gegenwart zählte. Das Hier und Jetzt.
Sie kamen alle an den untersten Stufen der vergilbten und abgeblätterten Veranda zusammen. Wasserfallartig ergossen sich zwei Regenrinnen vor ihren Füßen. Der Boden war sumpfig und von Nässe durchtränkt.
Erneut wandten sich die Männer ihm zu. Vier Augenpaare und Deers Atemgeräusche in seinem Rücken. Er nickte. Daraufhin schlichen zwei der Männer die Verandatreppe hinauf. Dem Kleineren der beiden leuchtete das Adrenalin aus seinen hellgrünen Augen, der Größere trug den Rammbock.
Berger gab ihnen ein weiteres Zeichen. Erinnerte sie mit einer Geste an seine Warnung: Achtet auf Sprengfallen und Selbstschussanlagen!
Auf einmal war der Regen ihr Vertrauter geworden, ein Gehilfe. Sein Prasseln auf den Dachziegeln übertönte die Schritte der Männer. Der Rammbock wurde nach hinten ge­­schwungen, gleichzeitig entsicherten die anderen ihre Waffen. Erst als die Tür getroffen wurde, drang ein weiteres Ge­­räusch durch den Lärm des Regens. Ein dumpfes Krachen von splitterndem Holz.
Dahinter tat sich ein großes dunkles Loch auf.
Der Hellgrünäugige schlich hinein, die Waffe im Anschlag. Ein paar Sekunden verstrichen. Sie fühlten sich wesentlich länger an.
Berger hörte seinen eigenen Atem durch das Regenprasseln, sonderbar langsam und gleichmäßig. Die Zeit zog sich unendlich in die Länge.
Da durchdrang ein Schrei den Lärm des Unwetters. Aber er klang nicht menschlich. Dann veränderte sich der Laut, war jetzt eher fassungslos als leidend. Der Klang reiner Todesangst.
Der Beamte mit den hellgrünen Augen wankte aus der Dunkelheit ins Freie. Er war kreidebleich. Seine Dienstwaffe fiel auf den Boden der Veranda. Erst als er zusammenbrach, verwandelte sich der Laut wieder in einen Schrei. Aber noch immer klang er nicht menschlich. Das Blut des Mannes vermischte sich mit dem Wasser auf den Holzplanken, während ihn zwei Kollegen in Sicherheit brachten. In seinen Oberarmen steckten Messerklingen.
Berger hörte sein Stöhnen, den Schmerz. Ein Schmerz, der weder verweilen noch vergehen durfte. Er warf einen kurzen Blick in die Hütte, starrte in die Dunkelheit, dann zog er den Kopf zurück. Er drehte sich zu Deer um, die unter dem Fenster kauerte, die Waffe im Anschlag, die Taschenlampe in der anderen Hand, die braunen Augen vollkommen klar und wach.
„Selbstschussanlage“, flüsterte sie.
„Wir sind schon wieder zu spät“, erwiderte er mit lauter Stimme und betrat die Hütte.
Der Mechanismus, der die Messer abgefeuert hatte, war an der Wand im Flur angebracht. In einer bestimmten Höhe, in eine bestimmte Richtung. Deer hielt die Taschenlampe auf die linke Seite des Flurs, eine angelehnte Tür. Wahrscheinlich führte sie ins Wohnzimmer.
Der Schrei auf der Veranda hatte mittlerweile an Lautstärke zugenommen, jetzt überwog der Schmerz die fassungslose Todesangst. Und paradoxerweise schwang Hoffnung darin mit. Es war der Schrei eines Mannes, der wusste, dass er überleben würde.
Berger hob seine Taschenlampe, aber bevor er sie einschaltete, gab er den verbliebenen Einsatzbeamten ein Zeichen damit: die Treppe zur Rechten der Eingangstür, die nach oben führte. Er machte eine ungelenke Geste mit der Lampe, um zu verbergen, dass seine Hand zitterte.
Die Kollegen schlichen die Stufen hoch, die Lichtkegel ihrer Lampen zuckten über die Wand, dann verschwanden sie. Berger sah zu Deer und nickte. Sie wandten sich der an­­gelehnten Tür zu. Durch den Spalt drang reinste Dunkelheit.
Sie zogen die Spiegel aus den Taschen, Rückspiegel an Stielen, mit denen sie das Innere des Türrahmens absuchten. Keine Anzeichen für weitere Fallen. Berger schob sich als Erster in den dunklen Raum, Deer dicht hinter ihm, sie gaben einander Deckung. Das Licht der Taschenlampen offenbarte ein kaltes und karges Wohnzimmer, dann ein ­klinisch sauberes, kleines Schlafzimmer und eine blankgescheuerte Küche. Es roch nach gar nichts.
Die Küche erstickte die letzte Hoffnung. Blitzblank.
Und so leer.
Sie kehrten in den Flur zurück, als die Kollegen die Treppe herunterkamen. Der vordere schüttelte wortlos den Kopf.
Im Flur war es jetzt heller.
Der verletzte Kollege draußen schrie nicht mehr, er jammerte. Zwei lange, schmale Messerklingen ohne Schaft lagen auf der Veranda. Der Regen hatte das Blut weggespült und die Veranda gesäubert.
Blitzblank.
Berger trat hinaus. Ein Notarztwagen hielt vor dem Gartentor, das zu dem großen verwahrlosten Grundstück führte, wo bereits zwei Streifenwagen mit Blaulicht neben zwei Übertragungswagen verschiedener Fernsehanstalten standen. An der Absperrung sammelten sich die ersten Schau­lustigen. Mittlerweile nieselte es nur noch.
Bergers Blick fiel auf die Treppe, die zur Veranda hinaufführte – sie war mindestens zwei Meter hoch –, und ging zurück in den Flur.
„Es gibt einen Keller“, sagte er.
„Wissen wir das?“, fragte Deer. „Es gab keine Kellertür.“
„Das stimmt. Wir suchen nach einer Luke. Handschuhe an.“
Sie zogen sich Einweghandschuhe über, und Berger öffnete die Jalousien. Das Licht brach sich in den Wassertropfen auf den Fensterscheiben. Berger zog das Bett von der Wand und den Schreibtisch beiseite. Nichts. Er hörte Geräusche aus dem benachbarten Raum und kurz darauf Deers gedämpfte Stimme aus der Küche.
„Komm mal her.“
Sie zeigte auf den Holzfußboden neben dem Kühlschrank. Dort zeichnete sich ein etwas helleres Quadrat von derselben Größe ab.
Gemeinsam schoben sie das Gerät zur Seite. Der Rest der Einsatztruppe kam dazu, drei zusätzliche Kräfte. Sie halfen mit, und schließlich stand der Kühlschrank wieder an seinem angestammten Platz. Daneben waren die Umrisse einer Luke zu erkennen. Aber kein Griff.
Berger musterte die Kanten. Alles würde sich verändern, wenn sie diese Luke öffneten. Der wahrhaftige Abstieg in die Finsternis würde beginnen.
Sie mussten die Luke aufstemmen, vier Männer mit diversen Küchenwerkzeugen. Endlich gab sie nach. Als sich der erste Spalt zeigte, unterbrach Berger die Arbeiten und tastete mit dem Lichtschein seiner Taschenlampe die Ränder der Luke ab, während Deer einen Spiegel in die Öffnung schob und damit dem Lichtkegel folgte. Keine Vorrichtung für eine Selbstschussanlage. Dann wurde die Luke geöffnet. Ein Knirschen. Eine Staubwolke. Stille.
Berger konnte eine Treppe ausmachen. Er stieg hinunter, die Waffe im Anschlag.
Treppenstufe für Treppenstufe. Die Dunkelheit umschloss ihn, und die Taschenlampe verheimlichte mehr, als sie enthüllte. Eine fragmentierte Welt aus beklemmend engen Kellerwänden und niedrigen, angelehnten Türen, die nur weiter in die Dunkelheit führten. Ein finsteres Labyrinth.
Was Berger aber am meisten irritierte, war der Geruch. Er war anders, als er befürchtet hatte. Und es dauerte lange, bis er ihn identifizieren konnte.
Der Keller war größer als erwartet und verzweigte sich in alle möglichen Richtungen weiter. Die Betonwände waren eindeutig jünger als die der Hütte darüber.
Es war stickig und roch übel. Und es gab keine Spur einer anderen Lichtquelle als die fünf Lichtkegel, die über die Wände zuckten.
Der Geruch wurde immer stärker. Eine Mischung. Exkremente. Urin. Eventuell auch Blut. Aber kein Verwesungs­geruch.
Keine Leiche.
Berger musterte seine Kollegen. Sie sahen alle ziemlich mitgenommen aus, wie sie durch die winzigen Räume schlichen. Berger hielt sich links. Aber dort war nichts, absolut nichts. Er versuchte an Architekturelemente zu denken, an Grundrisszeichnungen. Am Ende hatte er sieben kleine Zellen gezählt.
„Leer“, sagte Deer, deren blasses Gesicht hinter einer der Türen auftauchte. „Aber dieser Geruch muss ja irgendwo herkommen.“
„Der Keller ist asymmetrisch“, stellte Berger fest und legte eine Hand an die Wand. „Es gibt noch einen zusätzlichen Raum. Aber wo?“
Er leuchtete in die Gesichter seiner Mitarbeiter. Ihre ­Denkfalten wirkten in dem Licht der Taschenlampe noch tiefer.
„Verteilt euch hier überall“, sagte er. „Sucht die Wände ab. Nach Farbunterschieden, Veränderungen der Oberfläche, was auch immer.“
Er selbst konzentrierte sich auf die hintere linke Ecke. Einheitliche Farbe des Betons, nichts schien sich von seiner Umgebung abzuheben. Berger schlug mit der Faust gegen die Wand, ein harter Schlag. Der Plastikhandschuh riss und darunter die Haut seiner Knöchel.
„Ich glaube, wir haben es gefunden“, hörte er Deers Stimme aus einer anderen Ecke.
Berger schüttelte seine Hand. Deer hockte in der hinteren rechten Ecke desselben Raums, einer der Kollegen hielt zitternd seine Taschenlampe auf die Stelle.
„Da ist doch ein farblicher Unterschied, oder?“, sagte Deer.
Berger untersuchte die Wand. Dasselbe Material, Beton, aber in der unteren Ecke war eine Fläche von etwa einem halben Meter im Quadrat, die vielleicht einen minimalen Farbunterschied aufwies.
Von der Treppe erklangen Schritte. Ein Kollege kam mit dem Rammbock in der Hand die Stufen hinunter.
Berger hielt ihn vorerst zurück und sorgte dafür, dass alle Taschenlampen auf die Stelle gerichtet wurden. Dann machte er mit seinem Handy ein Foto.
Es war nicht leicht, genügend Schwung zu bekommen. Der Kellerraum war zu niedrig, der Platz beschränkt. Aber dennoch drang der schwarze Zylinder ohne Widerstand durch die Wand. Berger prüfte das Material. Einfache Gipsplatten. Er nickte dem Kollegen zu, und der Rammbock erfüllte noch ein paarmal seine Aufgabe, bis sich eine quadratische Öffnung in der Wand aufgetan hatte. Rechts und links davon traf das Werkzeug nur auf harten Beton. Das Loch würde ohne anderes Gerät nicht größer werden.
Das Loch in den Abgrund.
Die Spiegel, die in die Öffnung geschoben wurden, offenbarten nur Dunkelheit. Berger sah, dass Deer sich bereit machte. Sie würde am leichtesten durch das Loch passen. Deer sah ihn an. In ihren Augen stand die Angst.
„Sei vorsichtig“, sagte er mit so milder Stimme wie möglich.
Deer schauderte. Dann ging sie in die Knie und glitt durch die Öffnung, unerwartet einfach.
Die Zeit verstrich. Mehr Zeit als notwendig.
Mit jeder Sekunde, die verging, wuchs Bergers Panik. Das Gefühl, Deer ohne jede Absicherung in die Hölle geschickt zu haben.
Plötzlich drang ein Stöhnen aus dem Loch zu ihnen empor, ein unterdrückter Aufschrei.
Berger warf einen Blick auf die Kollegen. Sie waren alle kreidebleich, einer versuchte fieberhaft, das Zittern seiner linken Hand zu verbergen.
Dann ging Berger ebenfalls auf die Knie, holte tief Luft und schob sich durch das Loch.
Auf der anderen Seite angekommen, sah er Deer, die beide Hände vor den Mund gepresst hatte. Berger leuchtete den Raum aus. Auf dem Boden und am unteren Teil der Wand waren Flecken, große Flecken. Und der Geruch war hier zu einem Gestank geworden.
Nein, nicht zu einem Gestank, zu mehreren.
Während er gegen die aufsteigende Übelkeit ankämpfte, sortierte Berger seine Sinneseindrücke. Er blickte sich um, die Taschenlampe fest umklammert.
Deer stand vor einer Wand und starrte auf eine Stelle. Zwischen zwei morschen Stützbalken zog etwas ihre Aufmerksamkeit auf sich, wie ein Bühnenbild. Auf dem Zementboden befand sich ein Fleck, ein großer Fleck, neben einem umgestoßenen Eimer. Und zwischen den Stützbalken zog sich ein noch größerer Fleck die Wand hinauf, in einer ähnlichen Farbe und doch so vollkommen anders.
„Verdammte Scheiße“, stöhnte Deer.
Berger untersuchte den Fleck, der sich über die Wand er­­streckte. 
Jede Menge Blut.
Allerdings war das Blut schon längst eingetrocknet. Sie wa­­ren nicht zu spät gekommen. Sie waren viel zu spät ge­­kommen.
Berger untersuchte auch die übrigen Wände. Er hatte das Gefühl, als würden sie schreien.
Deer ging zu ihm, und sie umarmten sich, flüchtig. Die Scham darüber würde erst später kommen.
„Wir müssen das hier so unberührt wie möglich lassen“, sagte er. „Geh du zuerst.“
Er sah, wie ihre Füße aus dem Lichtkegel verschwanden. Folgte ihr. Blieb dann aber stehen. Kehrte zurück zu den Stützbalken und ließ die Taschenlampe an ihnen hinun­terwandern. Dabei entdeckte er Kerben im linken Balken, ebenso im rechten, in drei verschiedenen Höhen. Er wandte sich dem Boden zu. Am Fuß des rechten Balkens war ein Gegenstand eingeklemmt. Winzig. Er hob ihn auf. Es war ein Zahnrad, ein winziges Zahnrad.
Er steckte es in eine kleine Plastiktüte, verschloss sie und schob sie in seine Jackentasche.
Mit dem Handy machte er mehrere Fotos von den Stützbalken. Dann auch von der getrockneten Blutlache. Er ließ die Taschenlampe die Wand mit dem Blutfleck abtasten und machte noch weitere Aufnahmen, auch von den Stellen, an denen kein Blut zu sehen war.
Dann lief er zurück zur Öffnung, streckte die Arme hindurch und ließ sich nach draußen ziehen.
Sie kletterten die Kellertreppe hinauf und tauchten einer nach dem anderen in ein betäubend helles Licht ein. Als sie auf die Veranda traten, hatte es aufgehört zu regnen. Berger und Deer standen dicht nebeneinander. Und atmeten be­­freit.
Vor dem Haus warteten einige klinisch sterile Kriminaltechniker und scharrten ungeduldig mit den Füßen. Ihr übergewichtiger Chef Robin stieg gerade die Treppe zur Veranda hoch, glücklicherweise war kein anderer Chef zu sehen, kein Allan. Der verletzte Kollege war mittlerweile verschwunden, der Notarztwagen stand nicht mehr da. Die Streifenwagen aber parkten noch mit eingeschaltetem Blaulicht vor dem Grundstück, und an den Absperrungen drängten sich Reporter mit Mikrofonen und Kameraleute, auch die Zahl der Schaulustigen hatte markant zugenommen.
Während sich die Kriminaltechniker auf den Weg ins Höllenhaus machten, ließ Berger seinen Blick über den kleinen Volksauflauf schweifen. Und wurde von einem eigenartigen, flüchtigen Gefühl gepackt. Er zog den zerrissenen Einweghandschuh von seiner linken Hand, holte sein Handy hervor und machte ein Foto, und dann noch ein paar zusätzliche, aber dieses sonderbare Gefühl hatte sich bereits wieder verflüchtigt.
Er warf einen Blick auf seine alte Rolex. Sie fühlte sich noch etwas fremd am Handgelenk an, denn er wechselte jeden Sonntag die Armbanduhr. Zaghaft bewegten sich die Zeiger tickend voran, er konnte beinahe dabei zusehen, wie das feine Uhrwerk der Sinnlosigkeit jede einzelne Sekunde abtrotzte.
Als er sich zu Deer umdrehte, dachte er zuerst, sie würde auf seine Uhr starren, aber dann begriff er, dass ihr Blick auf seinen Händen ruhte, von denen die linke noch in dem Plastikhandschuh steckte.
„Du blutest“, sagte sie.
„Nein“, sagte er und zog sich auch den zweiten Handschuh aus. Und schnitt dabei eine Grimasse.
Sie lachte kurz auf und musterte ihn dann wachsam. Viel zu wachsam.
„Was ist denn noch?“, fragte er irritiert.
„›Schon wieder‹?“, sagte sie.
Er hörte förmlich die Anführungszeichen.
„Was?“, erwiderte er trotzig.
„Bevor wir die Hütte betreten haben, hast du gesagt, dass wir schon wieder zu spät sind. Schon wieder.“
„Ja, und?“
„Ellen ist doch eigentlich unser erster Fall?“
Er lächelte. Spürte, wie er lächelte. Und es kam ihm unpassend vor, dort auf der Veranda zum Reich des Todes.
„Es freut mich, dass du sagst, es ist unser Fall.“
„Ellen ist nicht tot“, entgegnete sie.
Ihr Blick ließ nicht locker.
„›Schon wieder‹?“, wiederholte er mit einem Seufzen.
„Ja?“, fragte sie auffordernd.
„Ich hatte da offenbar an etwas Existenzielleres gedacht“, entgegnete er und zuckte mit den Schultern. „Mein Motto lautet ja eher zu spät.“
Es hatte aufgehört zu regnen.

3
Sonntag, 25. Oktober, 19:23
„Selbstschussanlage?“
Kriminalkommissar Allan Gudmundsson hatte sich of­­fensichtlich dafür entschieden, die Parodie einer Strafpredigt aufzuführen. Das Schauspiel drehte Berger den Magen um.
„Ja“, antwortete er scheinbar arglos, „dieses Satansding müssen wir wohl oder übel als eine solche bezeichnen.“
„Wobei das nicht meine Frage war, und das weißt du sehr genau.“
„Was wolltest du dann wissen?“
»Weshalb in Herrgotts Namen hast du die Beamten aus­­gerechnet vor einer Selbstschussanlage gewarnt?«
„Was ja sehr erfolgreich war …“
„Warum, Sam?“
»Der Wahnsinnige hat bisher keine einzige Spur hinter­lassen. Er ist clever, das ist alles. Clever und gefährlich ge­­nug, um in seinem verlassenen Höllenloch eine Selbstschuss­anlage zu installieren.«
„Aber die Hütte war doch verdammt noch mal eine Spur“, brüllte Allan.
Berger schluckte alles hinunter, was ungeduldig über seine Lippen wollte. Er sah aus dem Fenster. Der Herbstregen hatte wieder eingesetzt, und es dämmerte. Die meisten Kollegen hatten das Polizeipräsidium bereits verlassen. Deer war noch da, er sah ihr Gesicht, angestrahlt von ihrem Bildschirm, durch zwei regennasse Fensterscheiben.
„Nein, Sam“, tobte Allan ungewöhnlich streitlustig weiter. „Jetzt lügst du mich an!“
Berger wollte am liebsten auf der Stelle einschlafen. Einfach die Augen schließen und sich von Allans Geplärre in den Schlaf wiegen lassen.
Aber es war wahrscheinlich klüger, es nicht zu tun.
„Lügen?“, wiederholte er also, in erster Linie, um seine gedankliche Abwesenheit zu überspielen.
„Solange es nur Unterlassungslügen waren, konnte ich ja darüber hinwegsehen“, sagte Allan verdächtig sanft, es war offensichtlich, dass er ein Crescendo vorbereitete. „Dass du aber deinem Chef mitten ins Gesicht lügst, zeigt mir, dass deine Verschwörungstheorie ein neues und gefährliches Niveau erreicht hat.“
„Du bist einfach viel zu früh in deinem Leben Bürokrat geworden, Allan.“
„Du fährst hier deinen eigenen Film, und bei dem Versuch, das zu verheimlichen, belügst du deinen Vorgesetzten. Bist du ernsthaft der Ansicht, das ist auf Dauer tragbar?“
„Was hätte ich denn deiner Meinung nach anders machen sollen?“, fragte Berger achselzuckend. „Nicht dorthin fahren? Keine Warnung über eventuelle Selbstschussanlagen aussprechen?“
„Es geht eher darum, was du in Zukunft noch alles anrichten wirst.“
„Einen Serienmörder fangen!“
Allans so sorgfältig geplantes Crescendo verhungerte zu einem Ausatmen, das mehr als deutlich die Grenze zu einem Seufzen überschritt und ein beeindruckendes Lungenvolumen für einen Mann seines Alters verriet. Ohne Zweifel hatte er in seinem ganzen Leben noch keine einzige Zigarette geraucht.
Betont langsam formulierte er seine Antwort.
»Es gibt keinen Mörder, Sam, wir können höchstens von einem Entführer sprechen. Jedes Jahr verschwinden etwa achthundert Personen in Schweden, und eine überwältigend große Anzahl davon freiwillig. Das sind mehr als zwei Menschen pro Tag. Du kannst dir nicht einfach wahllos aus dieser Menge von freiwillig Untergetauchten ein paar aus­suchen und behaupten, dass sie von einem Serienmörder umgebracht wurden, den außer dir niemand sieht. Wir ha­­ben verdammt noch mal keinen Serienmörder in unserem Land. Nur in den Schädeln von korrupten Staatsanwälten und überambitionierten Bullen. Und die überambitionierten Bullen sind sogar noch schlimmer als korrupte Staats­anwälte.«
„Es gibt also keinen Mörder?“, fragte Berger bedeutungsschwanger.
„Es gibt kein Opfer, Sam.“
„Du warst nicht dort unten in dem Kellerverlies, Allan. Ich schwöre dir, dass es ein Opfer gibt.“
»Ich habe die Aufnahmen gesehen. Und ich habe mit dem Gerichtsmediziner gesprochen. Das Blut ist zu unterschiedlichen Zeiten und in unterschiedlichen Mengen ge­­ronnen. Und auf den ersten Blick sieht es nach wesentlich mehr Blut aus, als es eigentlich war. Nämlich höchstens drei Deziliter. Davon stirbt niemand.«
Berger starrte die Wand hinter Allan an. Aber es gab nichts zu sehen, sie war kahl.
„Vielleicht war Ellen nicht tot, als sie von dort weggebracht wurde. Vielleicht ist sie sogar noch am Leben. Aber sie wird sterben.“
Sauerstoff gefriert bei minus zweihundertachtzehn Grad Celsius. Da sowohl Stickstoff als auch Argon, die anderen Bestandteile der Luft, einen etwas niedrigeren Gefrierpunkt haben, gefriert die Luft also, wenn der Sauerstoff gefriert. Folglich mussten im Büro des Kriminalhauptkommissars Allan Gudmundsson, wenn auch nur kurz, etwa minus zweihundertachtzehn Grad Celsius geherrscht haben, denn was die beiden Polizeibeamten in diesem Augenblick voneinander trennte, war ohne Zweifel ein Block gefrorener Luft.
„Blutgruppe B negativ“, sagte Allan nach einer kleinen Un­­endlichkeit. »Die zweitseltenste Blutgruppe in Schweden. Nur zwei Prozent der Bevölkerung. Ellen Savinger ge­­hört dazu. Aber das ist nicht die einzige Blutgruppe, die sie gefunden haben.«
Der eisige Luftblock hing unverändert zwischen ihnen.
Berger blieb stumm.
„Sie haben auch Blutspuren der Blutgruppe A gefunden, was die Kriminaltechniker ziemlich verwirrt hat“, fuhr Allan fort. „Ist das unter Umständen deine Blutgruppe, Sam? Die Spuren wurden an einer Wand in den Kellerräumen und auf dem Boden im Verlies sichergestellt. Sie haben sogar Hautfragmente gefunden.“
Allans Blick wanderte an Bergers rechtem Arm hinunter. Die Hand war allerdings unter der Schreibtischkante verborgen. Allan schüttelte den Kopf.
„Wir warten in beiden Fällen noch auf das Ergebnis des DNA-Tests, aber eigentlich müssen wir das gar nicht.“
„Sie ist fünfzehn Jahre alt“, entgegnete Berger und versuchte, nicht laut zu werden. „Sie ist erst fünfzehn und hat jetzt drei Wochen in diesem Loch verbracht. In einem dunklen stinkenden Verlies mit einem Scheißeimer und einem sporadisch vorbeikommenden Wahnsinnigen. Außerdem hat sie eine Menge Blut verloren. Bin ich tatsächlich der Einzige, der hier einen Teufel am Werk sieht? Und dieser Kerl ist wahrhaftig keine Unschuld vom Lande, er hat schon einmal zugeschlagen. Wahrscheinlich sogar schon häufiger.“
„Aber das ist kein Argument, Sam. Ein Beweis ist ein Argument.“
„Beweise fallen einem aber nicht einfach vor die Füße. Die muss man sammeln, indem man Indizien ignoriert, indem man noch nicht bewiesenen Spuren folgt, sich auf sein Bauchgefühl verlässt, seinen Erfahrungen vertraut. Und am Ende werden aus Indizien Beweise. Allan, verdammt noch mal, sollen wir hier nur herumsitzen und auf Beweise warten? Ist das deine Auffassung von Polizeiarbeit?“
„Wie konnte es sein, dass ihr keine Kenntnisse über den Grundriss hattet?“
„Wie bitte?“
„Du wusstest nicht, dass die Hütte unterkellert ist. Wie konnte das passieren?“
„Als wir den Hinweis erhalten haben, hatten wir keine Zeit für Vorabprüfungen, das weißt du genau. Ich habe dich lediglich gebeten, mir ein paar Beamte zur Verfügung zu stellen. Ellen sollte keine Minute länger in seiner Gewalt sein.“
„Stell dir bitte vor, dass sie dort unten gewesen wäre“, bohrte Allan weiter. „Mithilfe einer Bauzeichnung hättet ihr euch direkt in den Keller sprengen können. Dann hättet ihr sie womöglich noch retten können. Aber wenn sie und der Täter heute tatsächlich in dem Versteck gewesen wären, hättet ihr das Mädchen mit eurer Herangehensweise eher umgebracht. Mit eurer Langsamkeit und Unkenntnis. Mit eurem verdammten Dilettantismus!“
Berger sah seinen Vorgesetzten verblüfft an. Zum ersten Mal hatte er das Gefühl, dass der Mann recht hatte, in gewisser Weise zumindest. Das störte ihn gewaltig. Allan hatte definitiv recht – wenn die Umstände so gewesen wären, hätte man ihre Vorgehensweise nicht anders als amateurhaft nennen müssen.
„Das war eine Einladung“, murmelte er.
„Und was soll das jetzt heißen?“, fragte Allan seufzend.
„Überleg doch mal. Plötzlich taucht eine neue Zeugenaussage auf, nach drei Wochen. Eine Adresse am Rand von Märsta, am Waldrand. Wo jemand ein junges Mädchen in Begleitung eines Kerls gesehen haben will, den dort niemand kennt. Wir von der Bereitschaft müssen schnell handeln, aber einige Recherchemöglichkeiten sind uns versperrt, weil es Sonntag ist. Das Gemeindeamt von Märsta zum Beispiel kam – trotz meines Drängens – nicht an die Unterlagen vom Bauamt. Das Erste, was uns vor Ort begegnete, war eine Selbstschussanlage, die wesentlich subtiler konstruiert war, als du gedacht hattest, nicht wahr, Allan?“
»Messerklingen im Oberarm. Ich hatte an so etwas ge­­dacht.«
„Zwei Details. Erstens: Der Mechanismus war für einen Polizeieinsatz konzipiert, für einen Beamten mit Schutzweste, die Messer sollten rechts und links an der Weste vorbeifliegen. Zweites Detail: Sie zielten nicht auf den Kopf. Der Täter hatte nicht die Absicht zu töten, er wollte uns nur verhöhnen. Hartgesottene Bullen sollten sich in Todesangst auf dem Boden wälzen. Das war alles ganz exakt justiert. Da liebt jemand die Perfektion.“
„Du hast dich noch gar nicht erkundigt, wie es Ekman geht.“
„Wer ist Ekman?“, rief Berger irritiert.
„Der Kollege, in dessen Oberarmen die Messerklingen steckten.“
„Und wie geht es ihm?“
„Keine Ahnung. Sprich weiter.“
„Diese Selbstschussanlage ist doch nur die Schleife auf dem Scheißpaket. Ein Paket, das aus mehreren Schachteln und Schichten Geschenkpapier besteht. Ein Paket im Paket. Nach der Schleife und der Schnur müssen wir durch die erste Schicht, die verborgene Luke im Küchenboden. Danach geht es hinunter in den labyrinthartigen Keller. Dort befindet sich ein weiteres Paket, das wir öffnen müssen, indem wir die Wand einreißen. Und erst nachdem wir die Schleife und zwei Schachteln geöffnet haben, lässt er uns in sein Heiligtum.“
„Ich verstehe ja, was du damit sagen willst“, erwiderte Allan. „Aber das sind retrospektive Erkenntnisse. Das wusstest du zu diesem Zeitpunkt noch nicht. Da hättest du Bauzeichnungen zur Verfügung haben sollen, um mit maximaler Effektivität zuschlagen zu können.“
„Ich habe geahnt, dass es ein Matroschka-Paket ist“, sagte Berger.
„Ja, klar. Unser Superbulle Sam Berger. Warum hattest du es dann so verdammt eilig?“
„Weil es eine mikroskopisch kleine Chance gab, dass der Hinweis keine Finte war. Dass wir Ellen tatsächlich retten und ihren Entführer verhaften könnten.“
Kriminalhauptkommissar Allan Gudmundsson erhob sich von dem Sessel in seinem äußerst karg eingerichteten Büro.
„Konsequentes Denken zählt nicht zu deinen Stärken, Sam, aber ich werde dich dieses eine Mal noch damit durchkommen lassen. Ich kann nicht kontrollieren, was du denkst und glaubst. Aber ich kann dir immerhin eine deutliche Direktive erteilen, was die Richtung anbetrifft, in die unsere Ermittlung gehen soll. Ellen Savinger wurde vor gut drei Wochen vor ihrem Gymnasium auf Östermalm in Stockholm entführt. Mehr wissen wir nicht, und du bist mit deiner zahlenmäßig starken Gruppe bisher nicht weitergekommen. Ihr habt noch keinen einzigen brauchbaren Hinweis gefunden.“
„Was ebenfalls darauf hindeutet, dass er so etwas schon einmal getan hat, Allan.“
„Aber wir haben kein einziges Indiz dafür, Sam. Nur deine wilden Vermutungen, die du unter keinen Umständen deiner Gruppe mitteilen darfst. Und dieses Verbot hat sich mit dem heutigen Tag verschärft. Was du deiner Aktion zu verdanken hast. Wenn du dich meinen Anweisungen und diesem Verbot widersetzt, fliegst du.“
„Ich gehe davon aus, dass dies ein Scherz ist.“
„Sehe ich etwa aus, als würde ich Scherze machen?“
Sie starrten einander an. Wenn Allan tatsächlich gescherzt haben sollte, dann gelang es ihm hervorragend, das zu verbergen. Doch schließlich gab Allan auf, senkte den Blick, seufzte und schüttelte den Kopf.
„Was wirst du als Nächstes tun?“, fragte er.
„Ich werde sobald wie möglich mit Deer den Fall noch einmal aufrollen, wir müssen von Grund auf neu anfangen.“
„Du kannst eine erwachsene, gleichberechtigte Kollegin nicht einfach Liebling nennen, das ist einfach zu bizarr, Sam. Ich habe schon Gezeter über Sexismus und dergleichen in den Fluren gehört.“
„Sie heißt Desiré Rosenkvist“, entgegnete Berger. »Aber eine Polizistin kann verdammt noch mal nicht Desiré Rosen­kvist heißen. Deer ist eine Abkürzung für Desiré. Deer wie Hirsch oder Reh. Sie hat doch auch Rehaugen.«
„Du hast recht, so klingt es natürlich wesentlich weniger sexistisch!“, erwiderte Allan höhnisch und warf ihn aus seinem Büro.
Berger lächelte, während er durch den dunklen Flur lief und an dem Pfeiler um die Ecke bog, der den Eingang zum Großraumbüro markierte. Außer Deer war niemand mehr da. Sie hob den Kopf.
„Schimpfe?“, fragte sie.
„Ordentlich Schimpfe“, bestätigte er. „Ich soll zum Beispiel aufhören, dich Deer zu nennen.“
„Da hätte er doch auch mich fragen können.“
„Eines ist klar, er macht sich Sorgen um dich.“
Sie lachte auf.
„Hör dir das mal an“, meinte sie dann, während sie mit der Maus einen Link auf ihrem Bildschirm anklickte.
Es erklang eine ziemlich aufgeregte Frauenstimme. „Also, ich denke schon, dass ich sie vorhin gesehen habe, Sie wissen schon, dieses Mädchen, durchs Fenster … Obwohl ich mir nicht hundertprozentig sicher bin, dass sie es war, aber sie trug dieses, ich weiß nicht, rosa Lederband um den Hals mit so einem griechischen, schiefen Kreuz, keine Ahnung, ob das was Orthodoxes ist, die ist doch eine echte Blondine, wetten, die kann doch keine griechischen Wurzeln haben.“
Deer unterbrach die Aufnahme.
„Was bedeutet rosa in diesem Zusammenhang?“
Berger zuckte mit den Schultern.
„Es war das maßgebliche Detail und gab den Ausschlag dafür, dass wir ausgerückt sind.“
„Genau“, sagte Deer nachdenklich. »Es war allerdings kein griechisches Kreuz, sondern ein russisches, aber orthodox, das hätte die Zeugin also auch in der Zeitung lesen können. Doch mit der Information, dass es sich um ein rosa Lederband handelte, sind wir nie an die Öffentlichkeit ge­gangen. Aber ich mache mir vor allem über etwas anderes Gedanken, nämlich den Abstand. Wie nah muss man sein, um sehen zu können, dass ein Lederband um den Hals rosa ist?«
„Diese Frau hat nirgendwo gestanden, weil es sie so gar nicht gibt.“
Deer musterte ihn eine Weile wortlos und ließ dann die Tonaufnahme weiterlaufen: „Ja, ach so, ja, die Adresse. Also, das letzte Haus am Waldrand, es ist diese verfallene Hütte, ich kann mich jetzt gerade nicht an den Straßennamen erinnern, aber der Typ, der dort wohnt, ist ein komischer Kauz. Man bekommt ihn praktisch nie zu Gesicht, er haut immer gleich wieder ab. Er kann ganz einfach …“
Deer unterbrach die Aufnahme erneut.
„Dann fällt ihr aber doch noch der Straßenname ein und sie gibt uns die komplette Anschrift. Die Kriminaltechniker schätzen, dass der Keller vor mindestens zwei Tagen geräumt wurde. Die Zeugin von heute früh kann also Ellen gar nicht vorhin durchs Fenster gesehen haben, wie sie sagt. Die Zeugin behauptet ferner, sie lebe in der unmittelbaren Nachbarschaft, und unter der von ihr angegebenen Adresse wohnt tatsächlich eine Lina Vikström. Wir konnten diese Lina Vikström aber nicht erreichen, weil sie auf einer Reise in Südostasien ist. So eine Ich-finde-zu-mir-selbst-Reise ohne Handy und mit sehr viel Yoga.“
„Ach ja“, sagte Berger. „Mal was Neues.“
„Die Behauptung, man sei die unerreichbare Lina Vikström, zeugt von einer umfassenden Ortskenntnis und von Recherche in der Nachbarschaft.“
„Und leider noch von ein wenig mehr.“
„Gibt es also eine weibliche Gehilfin?“, fragte Deer. »Oder ist die Stimme dieser Zeugin die verfremdete Stimme des Ent­­führers?«
„Noch nichts Neues von den Tontechnikern?“
„Nein, noch nicht. Sollte der Täter aber einen Stimmenverzerrer benutzt haben, dann können wir die Originalstimme herausfiltern.“
„Ich habe da keine großen Hoffnungen“, sagte Berger. „Wenn die Techniker eine Originalstimme rekonstruieren können, wird diese unter Garantie auch verfälscht sein. Auf irgendeine Weise. Er hinterlässt nur gezielt Spuren. Wenn sie eine Funktion erfüllen.“
„Dann ist also keine Frau beteiligt?“
„Ich vermute, er arbeitet allein.“
„Aber das hier ist nicht sein erstes Mal? Wir waren schon wieder zu spät?“
Berger biss sich auf die Lippe. Dann drehte er Deers Schreibtischlampe so, dass sie das Whiteboard hinter ihnen beleuchtete. Darauf befand sich die Fallskizze. Wenn man denn davon sprechen konnte. Drei Wochen und noch kein einziger brauchbarer Hinweis, dafür aber jede Menge Sackgassen. Was das anbetraf, musste er Allan recht geben.
Berger ließ den Lichtkegel der Lampe über das Durcheinander aus Post-it-Zetteln, Fotos, Quittungen, Dokumenten, Zeichnungen und Verbindungspfeilen wandern, alles analog, manuell und altmodisch. Der matte Lichtkegel blieb schließlich an zwei Bleistiftzeichnungen hängen. Berger ging zum Whiteboard und nahm sie ab. Er legte sie auf Deers Tastatur, und gemeinsam betrachteten sie die beiden Phantombilder. Deer tippte auf das rechte.
»Den hier haben wir seit Tag eins. Der Mann, der in dem Lieferwagen vor der Schule auf Östermalm gesehen wurde, kurz bevor Ellen Savinger Unterrichtsschluss hatte. Zwei von­einander unabhängige Zeugen haben sich auf diese Darstellung geeinigt. Und das zweite Phantombild wurde nach den Angaben des Nachbarn aus Märsta erstellt, er ist der Einzige, der bisher überhaupt jemals den komischen Kauz am Waldrand zu Gesicht bekommen hat.«
„Und welche Schlussfolgerungen ziehst du daraus?“, fragte Berger.
„Wenn es denn ein und derselbe Mann ist, dann handelt es sich um ein Allerweltsgesicht. Ein weißer Mann um die vierzig. Immerhin haben wir Alter und Ethnie. Was uns nicht wirklich überrascht.“
„Sonst noch was?“
„Nein, mehr nicht“, antwortete Deer und schüttelte den Kopf.
„Sieht er aus wie ein Anfänger?“
„Das kann man nicht beurteilen.“
„Wenn er unser Mann ist, dann hat er es nicht zum ersten Mal getan, und ich weiß, dass du das auch so siehst, Deer.“
„Du sammelst hier wirklich Beweise von der Sorte, die Allan liebt. Jetzt erzähl endlich von deinen geheimen Ermittlungen.“
Und schon wieder dieser Blick aus den Rehaugen. Aber Berger wusste sehr wohl, dass er kein Zeichen von Schwäche war, im Gegenteil, dieser Blick war Deers größte Stärke.
„Allan hat es mir ausdrücklich verboten“, entgegnete er. „Außerdem gibt es nur diese eine Richtung in unserem Fall.“
„Und seit wann hältst du dich an Allans Verbote?“
„Seit er mir mit der Suspendierung gedroht hat.“
Ein kurzer Blickwechsel. Deer grinste. Berger richtete die Schreibtischlampe auf die Phantomzeichnungen.
„Erik Johansson“, sagte er und zeigte auf das eine Bild. „Das ist der Durchschnittsschwede.“
„Ja, der Name stand im Mietvertrag von der Hütte in Märsta. Der Makler hat den Mieter nie persönlich getroffen. Und die Immobilie gehört einem Schweden, der nach Argentinien ausgewandert ist.“
„Makler …“, wiederholte Berger. „Wie kann das sein, dass er dem Mieter nie persönlich begegnet ist?“
„Sie hatten nur E-Mail-Kontakt. Allerdings behauptet der Makler, dass er diesen Mail-Wechsel gelöscht hat. Das kann natürlich stimmen, unser Täter mietet die Hütte schon seit über zwei Jahren, und so alte E-Mails neigen ja dazu, plötzlich zu verschwinden. Allerdings habe ich den Verdacht, dass er diese Beweise vorsätzlich gelöscht hat. Samir hat nämlich die ursprüngliche Annonce mit den Mieteinnahmen verglichen. Da gibt es eine Differenz von dreitausend Kronen. Wahrscheinlich hat unser Mann drei Scheine draufgelegt, um nicht persönlich in Erscheinung treten zu müssen. Der Makler hat die Differenz einbehalten.“
„Kommen wir mit der Mail-Adresse weiter?“
„Samir arbeitet auf Hochtouren“, sagte Deer. „Und er hat sich bis zum Fundament durchgearbeitet.“
Berger fixierte nach wie vor die Zeichnung vom sogenann­ten Erik Johansson.
„Lass die Aufnahme noch einmal laufen.“
Konzentriert lauschten sie der energischen Stimme von „Lina Vikström“.
„Was ich am interessantesten finde ist diese Dramatisierung.“
„Ja, ich weiß, was du meinst.“
„Wenn da Erik Johansson selbst spricht – und ich bin mir sicher, dass er keine Gehilfen hat –, dann hätte doch ein einfacher Anruf ausgereicht. Er hätte nicht schauspielern müssen.“
„Und was sagt uns das?“
„Keine Ahnung“, entgegnete Berger. »Nichts Gutes, auf je­­den Fall.«
„Dramaqueen?“
„Im günstigsten Fall. Im ungünstigsten Fall spielt er beständig Rollen, verschiedene Rollen, und die spielt er gut. Er war so verdammt überzeugend als wortgewaltige White-Trash-Nachbarin, dass es sich hier unmöglich um seinen ersten Einsatz als Schauspieler handeln kann.“
„Jetzt vermischst du aber die Gesellschaftsschichten“, meinte Deer lachend. „Lina Vikström ist auf einer Yoga-Reise in Südostasien. Aber natürlich hast du recht, Sam, die gesamte Arbeiterklasse unternimmt mittlerweile Yoga-Reisen nach Südostasien.“
„Also, ich bitte dich. Lina Vikström wohnt in einer Architektenvilla und hat sich nach der Scheidung von ihrem Mann, dem Oberarzt, von ihrem Führungsposten in der Arzneimittelbranche freistellen lassen.“
„Ach was“, sagte Deer.
„Ja, ach was“, bestätigte Berger. „Hier geht es nicht um Realismus. Unser Täter hat sich eine ganz eigene Lina Vikström erschaffen, ihm ist es doch scheißegal, wer sie wirklich ist. Er ist Gott. Er bestimmt, wer sie ist. Die Wirklichkeit hat nichts damit zu tun. Er verändert sie so, wie es ihm in den Kram passt.“
„Und was, glaubst du, bedeutet das für Ellen Savinger?“
„Er wird sich jede Freiheit nehmen.“
„Das entspricht nicht so ganz unserem herkömmlichen Schmuddelbild von einem Pädophilen …“
„Ich glaube nicht, dass er ein Pädophiler ist“, erklärte Berger.
Deer erwiderte nichts darauf, sondern musterte ihren Chef nur, ihre braunen Augen fest auf ihn geheftet.
„Okay“, sagte sie nach einer Weile. »In genau dieser Se­­kunde hat deine geheime Ermittlung eine andere Richtung eingeschlagen als unsere derzeitigen Ermittlungen.«
Berger sah sie an.
„Es gibt keine geheime Ermittlung.“
„Aber du glaubst doch gar nicht an unseren Ermittlungsansatz“, rief Deer. „Wir sind die ganze Zeit davon ausgegangen, dass es sich bei diesem Satan, der im Lieferwagen vor einer Schule sitzt und Kinder entführt, um einen Pädophilen handelt.“
„Solange uns diese Prämisse nicht auf eine falsche Fährte geschickt hat, hat es für mich keine Rolle gespielt. Aber da bin ich mir jetzt nicht mehr so sicher.“
„Und was hat sich verändert?“
„Der Kerl ist einfach zu prätentiös.“
Deer war zurückhaltend und loyal, und das schätzte er so an ihr. Aber der Gesichtsausdruck, mit dem sie aus dem Fenster sah und das Unwetter betrachtete, war alles andere als zurückhaltend und loyal.
„Ich bin eine ganz normale Polizistin“, sagte sie schließlich zu den Regengöttern dort draußen. „Ich war nur auf der Polizeihochschule. Ich wurde von meinen sozialdemokratischen und zukunftsoptimistischen Arbeitereltern mit einem Namen aus der Oberschicht bestraft, Desiré Rosenkvist. Trotzdem bin ich die Einzige aus unserer Familie, die auf dem Gymnasium war und eine Ausbildung genossen hat, und ich habe echt geschuftet, um Kriminalkommissarin zu werden. Kannst du, Superbulle Sam Berger, mir bitte übersetzen, was prätentiös bedeutet?“
Berger sah in ihr von Regenbächen verzerrtes Spiegelbild.
„Stehst du eigentlich in heimlichem, direktem Kontakt zu Allan?“
„Was redest du da?“
Berger wechselte sofort das Thema.
»Er ist prätentiös, und das bedeutet gekünstelt, affektiert, übertrieben. Er verpackt sein Geschenk an die Polizei in schönes Papier. Er will Anerkennung und Lob, er will be­­wundert werden. Ich gebe zu, dass man dieses Verhalten auch in den Pädophilen-Netzwerken findet, aber dort handelt es sich um hermetisch abgeschlossene Kreise. Man überschreitet neue, immer bestialischere Grenzen, will sie Seinesgleichen vorführen und erwartet dafür Reaktionen, Lob, Bewunderung. Aber ich habe noch nie gehört, dass ein Pädophiler mit seinen Gräueltaten in aller Öffentlichkeit prahlen will, und schon gar nicht vor der Polizei. Außerhalb dieser geschlossenen Kreise herrscht nämlich eine große Scham.«
Langsam drehte sich Deer zu ihm um. Ihr Gesicht war nicht mehr von Regenbächen durchzogen.
„Und dann ist da ja noch das Alter. Fünfzehn“, sagte sie. „Ellen war fünfzehn Jahre und einen Monat alt, als sie verschwand. Hier gilt das nicht mehr als sexueller Übergriff auf ein Kind – es ist laut Definition keine Pädophilie, wenn man mit dem Kind nicht verwandt ist. Und die Verwandtschaft von Ellen haben wir abgegrast. Wenigstens das haben wir erfolgreich erledigt.“
„Wir könnten ja zumindest als eine alternative Hypothese annehmen, dass es noch ein drittes Motiv gibt, außer den beiden offensichtlichen: Lösegeld und Pädophilie.“
„Das könnten wir.“
Während Berger seine Siebensachen vom benachbarten Schreibtisch einpackte, klingelte Deers Telefon. Sie sagte kaum etwas, und das Gespräch war schon nach dreißig Sekunden beendet.
„Die Spurensicherung ist fertig mit der Hütte“, fasste sie den Inhalt des Anrufs zusammen. „Keine Fingerabdrücke, keine DNA außer diesen beiden Blutspuren. Laut Robin war die Hütte geradezu ekelhaft sauber.“
„Blitzblank!“ Berger nickte. „Solltest du jetzt nicht zu Hause bei deiner Familie sein?“
„Johnny und Lykke sind mit ihrem Opa im Kino. Ich habe frei bekommen. Lust auf ein Bier?“
„Das klingt sehr verlockend. Aber ich wollte eigentlich noch ein paar Sachen erledigen.“
„Du meinst, ich sollte noch ein paar Sachen erledigen?“, fragte Deer und lächelte sanft. „Während der Superbulle Sam Berger ein weiteres suspektes Internetdate hat.“
Berger schnaubte und wusste selbst nicht, ob es als Lachen gedacht war oder nicht.
„Ich hatte nur ein einziges. Ein einziger vorsichtiger Annäherungsversuch. Und ja, es war sehr suspekt.“
„Was wollte diese Madame X noch gleich machen?“
„Du willst doch nur, dass ich es laut sage!“
»Merkwürdigerweise wird es jedes Mal, wenn du es sagst, ein bisschen lus­tiger.«
Berger unterdrückte ein Grinsen und schüttelte den Kopf, während er seinen Rucksack mit den dicken Laufakten zu­­schnürte. Dann wandte er sich mit einem Gesichtsausdruck zu Deer um, in dem nicht mehr der Hauch eines Lächelns zu erkennen war.
„Du warst als Erste von uns unten im Verlies. Was schätzt du, wie viel Blut das war?“
Deers Lächeln erstarb.
„Ziemlich viel“, sagte sie. „Als wir draußen in Märsta waren, habe ich gesagt, dass Ellen nicht tot ist, sondern noch lebt. Aber vielleicht habe ich das nur gesagt, um dich zu trösten, um uns beide zu trösten.“
„Und deine intuitive Einschätzung?“
„Ich weiß nicht. Zwei Liter?“
»Der vorläufigen Einschätzung der Gerichtsmedizin zu­­folge waren es nur drei Deziliter. Deine erste Aufgabe ist eine Hausaufgabe. Was für eine Funktion könnte es haben, Ellen mit Blutverdünnern vollzupumpen?«
Deer nickte, mit hochgezogenen Augenbrauen.
„Und meine zweite Aufgabe?“
„Die kannst du sofort erledigen, am Rechner. In welchem Krankenhaus liegt Ekman?“