Wladimir und Vitali Klitschko im Porträt
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Bertram Job über Wladimir und Vitali Klitschko

Dienstag, 17. November 2015 von Piper Verlag / Job Bertram


Der unwahrscheinliche Aufstieg der Klitschko Brüder

Beobachter, Experten, » Ringsider « : Keiner hat das in diesen Dimensionen vorausgesehen. Wenn zwei ukrainische Boxer ihre Kunst unter deutschen Hallendächern zu Markte tragen, ist ihnen im Erfolgsfall eine gewisse Beachtung sicher. Sie bereichern das Schwergewicht, das in diesen Breiten selten mit Ausnahmetalenten glänzt, und lassen die ganze Szenerie durch ihre Titelkämpfe bedeutender aussehen als sie, nüchtern betrachtet, wirklich ist.


Dafür erheben sich hier und da schon mal ein paar Leute von den Sitzen, dachten anfangs viele, um freundlich zu applaudieren. Zumal die beiden dazu noch ein paar Sätze auf Deutsch absonderten, die man ohne Untertitel verstehen konnte. Aber dann ist daraus so viel mehr geworden. Nennen wir es Überraschung, nennen wir es Sensation. Oder nennen wir es einfach Klitschko.

Insgesamt 44 WM-Kämpfe bis Mitte 2015. Ausverkaufte Hallen im Winter, ausverkaufte Großarenen im Sommer. Und Einschaltquoten, von denen andere Profis hierzulande nicht mal zu träumen wagen. 9,16 Millionen Zuschauer waren im Schnitt zugeschaltet, als Wladimir Klitschko im November 2014 seine Titelsammlung gegen den Bulgaren Kubrat Pulew erfolgreich verteidigte ( K. o.-Sieg in Runde 5 ). Und 15,5 Millionen waren es im Juli 2011 bei seinem Punktsieg über David Haye. Es ist der höchste Wasserstand, den jener Privatsender aus Köln seit dem ersten Vertrag mit den Brüdern ( 2006 ) melden konnte. Mehr erreichten in den Neunzigern nur Maske und ein gewisser Axel Schulz. Die funkelnden Champion-Gürtel und die beeindruckenden Quoten sind aber nur ein Teil der Beute.

Mittlerweile wurde den Klitschko-Brüdern schon zweimal der Bambi-Preis verliehen, der in deutscher TV-Landschaft so etwas wie ein Pokal der Herzen ist. Beide sind Botschafter bzw. Testimonials für Fitnessstudios und noch ein paar andere Produkte, für das UNICEF-Kinderhilfswerk und die gerechte Sache der ukrainischen Republik. Filmstars, Wirtschaftskapitäne und Abgeordnete säumen ihre Wege, die zwischen Los Angeles, Hamburg und Kiew den gesamten Globus vermessen.

Zwei aktive Weltbürger, die sich überall Gehör und Respekt verschaffen – auch wenn die Hände mal nicht in gepolsterten Handschuhen stecken. Was muss man tun, um so erfolgreich zu werden ? Ein Boxer braucht keine Leuchte zu sein, lautet ein weit verbreitetes Vorurteil; solange er die Vergleiche im Ring zu seinen Gunsten gestalte und danach ein verbeultes Lächeln zeige, komme der Lorbeer praktisch von allein. Das war die simple Wahrheit, die vielleicht noch in den Zeiten von Heinten Hoff und Peter Müller alias » De Aap « in etwa gegolten hat.

Als man nicht zwölf, sondern fünfzehn Runden für Titelkämpfe absolvierte und die Fotos vom Kampf in Schwarz-Weiß abgedruckt wurden. Aufgenommen von Fotografen, die mit kleinen Hüten auf dem Kopf und gleißenden Stroboskop-Blitzen über ihren Kameras am Ringsockel standen. Inzwischen ist das längst nicht mehr genug. Nur wer auch jenseits des Seilgevierts strategisch denkt, erreicht Wirkung über den puren Sport hinaus. Dann erst wird aus dem stolzen Athleten eine medienwirksame Figur, die nicht nur Insider, sondern » Follower « erreicht. Oder, wie in diesem Fall, gleich zwei Figuren.

Es hilft also, den Kopf zu schützen, damit man ihn perspektivisch einsetzen kann. So wie die Gebrüder es hielten, als sie Mitte der Neunziger im Norden Deutschlands aufschlugen. Um etwas anzufangen, was inzwischen Boxgeschichte geworden ist. 

 

Sie möchten wissen, wie es weitergeht? Mehr über die Klitschko-Brüder gibt es in Bertram Jobs »Gebrauchsanweisung fürs Boxen«, die am 09.11.2015 bei Piper erschienen ist.


Blick ins Buch
Gebrauchsanweisung fürs BoxenGebrauchsanweisung fürs Boxen
Von »Rocky«, »Dr. Steelhammer« bis zum »Gentleman« – Bertram Job kennt die Szene und ihre Protagonisten wie kaum ein anderer. Er hat legendäre Kämpfe im Box-Mekka Manhattan erlebt und weiß um die Tradition des »Bareknuckle Fight« mit bloßen Händen. Er verrät, wann der Kampfsport eigentlich »chic« wurde und was schon Ernest Hemingway daran faszinierte. Blickt auf ethnische Rivalitäten, Schwergewichte wie Muhammad Ali und die deutschen Superstars Max Schmeling und Henry Maske. Würdigt die »Lady Killers« und erklärt das Klitschko-Phänomen; schaut hinter die Kulissen: auf Promoter und Manager sowie Unparteiische und Punktrichter; und analysiert Schlagkombinationen, Finten und Meidbewegungen – Ring frei für diesen packenden Band!

Robertos Eier oder » Mucho Macho « in New York

Statt eines Vorworts

Wer in Manhattan ein Hotelzimmer für etwa hundert Dollar pro Nacht bezieht, darf sich nicht wundern. Die vier Wände stehen in solchen namenlosen Häusern so nah beieinander, dass man die Arme eng am Körper halten muss, um sich nicht die Ellbogen zu verletzen. Und der Blick durch das einzige Fenster endet meist an der nächsten, etwa achtzig Zentimeter entfernten Hauswand. Sie ist in der Regel gelblich weiß bis grau und wird von einem ganzen Geflecht maroder Leitungen verziert.

Alles kein Problem für mich, als ich im November 2006 dort meine Reisetasche abstelle. Ich bin es so gewohnt von New York, außerdem möchte ich sowieso gleich wieder raus. Auf die Straßen der Upper West Side, die wenige Tage vor dem nächsten großen Kampf für mich nach Ringseilen riechen, selbst wenn das außer mir kaum jemand so empfindet. Es ist schließlich einige Jahrzehnte her, seit in Manhattan das sogenannte » Mekka des Boxens « mit ein bis zwei Dutzend ewig muffiger Gyms sowie kleinerer und größerer Hallen lag − und dieser Wucht von einer Großarena in seinem Herzen, dem Madison Square Garden.

Hier hat Joe Frazier 1971 Muhammad Ali besiegt, im ersten ihrer drei epischen Duelle. Hier glänzte und enttäuschte in den Sechzigern Nino Benvenuti, Italiens schönster Olympiasieger, in drei Fehden mit Emile Griffith. Hier schlug der unglaubliche Salvador Sánchez 1982 Ghanas Helden Azumah Nelson in der Schlussrunde k. o., bevor er drei Wochen später bei einem Autounfall in der mexikanischen Heimat starb. Hier kletterte Panamas Idol Roberto Durán auf seinem Weg zu einem » All-time Great « die Gewichtslimits hinauf. Leider alles vor meiner Zeit als aktiver Beobachter, als es gerade zwei anerkannte Weltverbände gab und die Ranglisten im Fachblatt The Ring noch das Maß aller Dinge waren.

Das ist Geschichte in diesen Tagen. Dafür werde ich nun erleben können, wie Wladimir Klitschko seinen Champion-Gürtel der International Boxing Federation ( IBF ) gegen einen gewissen Calvin Brock aufs Spiel setzt − einen diplomierten Ökonomen aus North Carolina, der mit einer makellosen Bilanz von 29 siegreichen Profikämpfen sowie einem Job bei der Bank of America gerade von sich reden macht. In den Staaten warten sie schon so lange auf den nächsten Hoffnungsträger in der » Klasse aller Klassen «, dass es fast eine Art patriotische Pflicht ist, an Mr. Brock zu glauben. Auch wenn der 31-jährige » Boxing Banker «, wie er in den Medien genannt wird, zehn Zentimeter kleiner als der Titelverteidiger ist und bisher gerade ein, zwei halbwegs ernsthafte Mitbewerber aus dem Weg geräumt hat.

Es ist das erste Jahr im zweiten Regiment des jüngeren Klitschko als Weltmeister im Schwergewicht, und noch ist » Dr. Steelhammer « einige Jahre bzw. Kämpfe vom jetzigen Nimbus eines vorbehaltlos anerkannten Dominators entfernt. In Köln hat er vor sieben Monaten den US-Profi Chris Byrd in überzeugender Manier vom WM-Thron gestoßen, es war eine einseitige Bestrafung in etwas mehr als sechs Runden. Doch die Zweifel, die nach seinen Abbruchniederlagen gegen Corrie Sanders ( 2003 ) und Lamon Brewster ( 2004 ) aufkamen, sind noch nicht völlig zerstreut. Es fehle ihm am letzten Willen und einem starken Kinn, wird hinter seinem breiten Rücken geschrieben. Dazu kommt der Druck, plötzlich allein für die Ehre der Familie verantwortlich zu sein, nachdem Bruder Vitali sich aufgrund mehrerer Verletzungen einstweilen aus dem Geschäft zurückgezogen hat.

Weltberühmt in Deutschland, skeptisch beobachtet in Amerika : Das ist Wladimir Klitschkos Ausgangslage vor seinem 50. Kampf als Profi. In den nächsten Tagen werden ich und ein halbes Dutzend deutscher Journalisten verfolgen können, wie die amerikanischen Kollegen den Titelverteidiger eher aufmerksam als euphorisch mustern. Wie sie ihn mit Fragen und Blicken zu durchleuchten versuchen, als könnten sie auf diese Weise im Voraus auf ein Haltbarkeitsdatum schließen. Fast noch mehr als in jedem anderen Sport scheint es am Ring ja darum zu gehen, welche extremen Belastungen jemand im Ernstfall aushalten kann oder eben nicht. » Don’t crack under pressure « – so hieß, glaube ich, mal der Werbeslogan für eine Serie Schweizer Sportuhren.

In meiner ersten Stunde an der Upper West Side aber denke ich nicht an den WM-Kampf. Ich möchte einfach durch die Straßen streifen und mich vergewissern, dass ich angekommen bin. So lande ich, als es zu regnen beginnt, bald in einem der italienisch gemeinten Cafés in den 70er-Blocks bei der Columbus Avenue − und damit bei Luis. Der untersetzte Mittfünfziger mit dem schmalen Oberlippenbart hat sich meine deutsche Illustrierte geschnappt, während ich einen Cappuccino bestellte. Er habe sie für eines der Blätter gehalten, die hier für die Gäste ausliegen, erklärt er mir in hispanisch gefärbtem Englisch, das Layout habe ihn angesprochen. Kein Problem, gebe ich retour, wenn ich die Zeitung nur zurückbekäme, bevor ich wieder ginge. Und schon ergibt ein freundliches Wort das andere.

Der erste Mensch, dem ich in New York begegne, stellt sich schnell als Exilkubaner und leidenschaftlicher Aficionado des Boxsports heraus. Er hat die Insel der Olympiasieger als kleiner Junge mit der Familie verlassen und ist hier Kellner sowie später Manager in mehreren Hotels geworden. Wann immer es sein Job erlaubte, ging er zum Garden, um die großen Kämpfe zu sehen. Sie dauerten damals noch 15 Runden, betont Luis, wenn es um Titel gegangen sei, und seien viel dramatischer, rasanter gewesen als das meiste, was heute so geboten werde. Vor allem im Schwergewicht, das nach seiner Ansicht » praktisch gestorben « sei.

Für so einen Kampf sei ich hergekommen, erkläre ich – einen WM-Kampf mit Wladimir Klitschko, Samstag im Garden. Luis, der davon bisher nichts gehört hat, winkt ab und verzieht das Gesicht, als wäre sein Kaffee bitter.

» Ich habe ganz andere Boxer gesehen. Zum Beispiel Roberto Durán, er war mein Freund. Wenn er in die Stadt kam, um im Garden zu kämpfen, stieg er mit seinem Manager in dem Hotel ab, wo ich als junger Kellner arbeitete. Es gab nichts, was ich nicht für ihn getan hätte, denn er ist der netteste Kerl, dem ich begegnet bin. Und der furchtloseste Mann der Welt. Er kannte einfach keine Angst im Ring, verstehst du ? «

Natürlich habe ich von Durán gehört. » Manos de Piedra «, » Hände aus Stein « : So nannten sie ihn, da er in Panama angeblich schon mit 14, 15 Jahren ausgewachsene Männer in illegalen Kämpfen verprügelt hatte. Er brachte Sugar Ray Leo­nard dessen erste Niederlage bei ( und wurde im Rückkampf so vorgeführt, dass er aufgab ). Er entthronte Ken Buchanan, Davey Moore und Iran Barkley ( und wurde von Thomas Hearns kalt ausgeknockt ). Absolvierte in über 30 Jahren 117 Kämpfe, von denen er 102 gewann.

Aber hat Klitschko inzwischen nicht auch etwas geleistet ? Ist er denn kein richtiger Champion ?

Wieder verzieht Luis das Gesicht : » Klitschko ist runtergegangen, als es darauf ankam. Und wer sagt uns, dass er nicht wieder einknicken wird, wenn einer richtig dagegenhält ? «

Und dann serviert Luis die Geschichte, die ich unbedingt noch erfahren müsse, bevor ich dieses Café verlasse. Sie handelt von dem verrücktesten Moment in seinem Leben, wie er sagt, und hat mit seinem Freund Roberto zu tun.

Es ist viele Jahre her, der kubanische Kellner ist gerade dabei, am Pissoir seines Hotels seine Blase zu erleichtern, als der große Champion sich neben ihn stellt. Ein kurzes Nicken, ein paar gemurmelte Worte, da wird Luis vertraulich. Ob Roberto ihm eventuell einen speziellen Gefallen tun könne, fragt er. So gut wie jeden, entgegnet dieser, schließlich seien sie Amigos. Was Luis vorschwebt, ist allerdings nicht alltäglich : Er will die Hoden des Mannes anfassen, der so unendlich viel Mut besitzt. Nur einmal, ganz kurz, por favor.

» Und was, glaubst du, hat Roberto gemacht ? «, fragt Luis mit gedämpfter Stimme. Er ist sichtlich schon im Vorgenuss der Pointe, die jetzt folgt. » Er hat sich kurz nach rechts und links umgeschaut, keiner da. Dann hat er gesagt : ›Okay, mach schnell !‹ «

Drei Minuten später gehe ich ohne Magazin durch die Tür des Cafés. Ich habe auf einmal das Bedürfnis gehabt, Luis etwas zu geben, im Gegenzug. Der Regen ist schwächer geworden, er macht mir jetzt so oder so nichts mehr aus. Ich trage ab sofort eine Geschichte mit mir herum, die ich nicht vergessen werde; so was weiß man meistens sofort.

Ein paar Tage darauf, am 11. November, wird Wladimir Klitschko seinen IBF-Titel im Schwergewicht erfolgreich verteidigen. Gut 14 000 Zuschauer erleben im Garden einen akzeptablen, wenn auch nicht gerade fulminanten Kampf. Der Champion lässt sich fünf, sechs Runden Zeit, bevor er gegen den geschickt verteidigenden Herausforderer zum ersten Mal seine Rechte einsetzt. In Runde 7 wird sie entscheidend : Nach einer Serie von Treffern zählt der Unparteiische den » Boxing Banker « an und nimmt ihn umgehend aus dem Kampf. Es ist die einzig richtige Entscheidung, wie sich die Beobachter am Ring schnell einig sind.

» Er hat körperliche Vorteile, die von den anderen drei Weltmeistern schwer zu kompensieren sind «, urteilt Larry Merchant, Starkommentator des US-Senders HBO nachher. Das klingt so uneuphorisch, wie es gemeint ist. Frei übersetzt, bedeutet es : Der lebt davon, dass er größer ist. Und noch freier : Lasst mich in Ruhe mit euren gottverdammten Schwergewichten !

Der eitle Experte wird noch Jahre brauchen, bevor er den Champion Wladimir voll akzeptiert, und Ähnliches gilt auch für mich. Der größte Moment in dieser Woche hat für mich diesmal nicht im Garden, sondern in dem italienisch anmutenden Café stattgefunden. Der größte Moment, das war Luis. Und von Zeit zu Zeit hole ich seine Geschichte gerne hervor, wenn es wieder einmal darum geht, warum Männer, und möglicherweise auch Frauen, zum Boxen gehen. Das wird man als ständiger Beobachter, der sich schreibend damit befasst, schließlich nicht gerade selten gefragt.

Leute wie Luis werden geschickte Schlagkombinationen, Finten und Meidbewegungen – also alles, was zur hohen Schule des Faustfechtens gehört − zwar immer anerkennen. Aber ihr Herz schlägt schneller, wenn sie etwas spüren, das darüber hinausgeht. Etwas, das man Mut, unbedingten Willen oder Biss nennen mag und das eine Antwort auf diese Zumutung ist : allein mit einem Gegner auf etwa fünf mal fünf Meter Fläche, unter gleißend hellem Licht zu kämpfen. Zwischen Kuba und Spanien sagt man recht derb cojones dazu, aber es ist eher eine Idee, oder Einstellung, die man nicht greifen kann. Es sei denn, man ist ein Amigo von Roberto.

Die Nähe zu den unerschrockenen Einzelkämpfern haben aber auch die Mächtigsten und Begabtesten gesucht. Der spätere König Edward II. lud den amtierenden Schwergewichts-Weltmeister John L. Sullivan auf dessen Englandtour in Londoner Kasernen, damit er ihm und anderen Rekruten seine Faustfechtkunst demonstrierte. US-Präsident Franklin D. Roosevelt besuchte Jack Sharkey, Joe Louis und Max Schmeling vor WM-Kämpfen in ihren Trainingscamps. Zaires Diktator Mobutu sorgte 1974 persönlich dafür, dass der WM-Gipfel zwischen George Foreman und Muhammad Ali als » Rumble in the Jungle « in Kinshasa stattfand. Mit ähnlicher Autorität ließ Tschetscheniens Präsident Ramsan Kadyrow im Sommer 2014 eine sogenannte Schwergewichts-WM ( Version WBA ) in Grosny austragen. Der Autokrat sorgte dabei selbst für Schlagzeilen, als er mit dem späteren Sieger Ruslan Tschagajew einige leichte Sparringsrunden absolvierte.

Und wie viele Schreiber, Künstler und Intellektuelle haben sich seit Homer und Vergil nicht schon an diesem besonderen Metier versucht. Die Bilder und Geschichten dazu hat jeder halbwegs ambitionierte Feuilletonredakteur längst abgespeichert. Wie jene des großen Poeten Lord Byron, der Anfang des 19. Jahrhunderts beim Londoner Meisterboxer John » Gentleman « Jackson Trainingsstunden nahm. Oder die von Jack London, der seine Erfahrungen als ehemaliger Sportreporter nutzte, um gleich vier Geschichten zum Boxen zu veröffentlichen. Oder auch vom boxbegeisterten Bertolt Brecht, der sich mit dem deutschen Meister Paul Samson-Körner anfreundete und in einer Sportgazette den » Lebenslauf des Boxers Samson-Körner « als Romanfragment veröffentlichte.

» Man muss ins Theater gehen wie zu einem Sportfest «, gibt sich Brecht lautstark überzeugt. Womit er sich eventuell ein bisschen zum Fenster hinauslehnt, aber das gehört in den Jahren der Weimarer Republik einfach dazu : Sich von der Populärkultur inspirieren zu lassen ist damals eine bewusst provokative bis politische Haltung. Sie treibt auch Kurt Tucholsky, Egon Erwin Kisch und Joachim Ringelnatz in illustre Box­abende. Und bringt den Berliner Galeristen Alfred Flechtheim 1921 dazu, die von ihm herausgegebene Zeitschrift Querschnitt für einige Ausgaben als » Magazin für Literatur, Kunst und Boxsport « zu deklarieren. Im Salon der Flechtheims wird bald auch Max Schmeling mit Kulturschaffenden zusammengeführt. Die chemische Reaktion erbringt gleich mehrere Kunstwerke, wie etwa das Schmeling-Porträt von George Grosz und einige Skulpturen.

Und das Foto des jungen Bertolt Brecht, das zeigt, wie er sich von Samson-Körner den Aufwärtshaken erklären lässt − der fragil wirkende Schriftstellerschädel in der Pranke des Boxers : Es ist längst in die deutsche Literaturgeschichte eingegangen und tausendfach gedruckt worden. Jahrzehnte später hat der Schriftsteller Wolf Wondratschek dieses Motiv zusammen mit Schmeling nachgestellt, als beide für eine Begegnung im Auftrag des Stern abgelichtet wurden. Und dann sind da natürlich die Aufnahmen des allzeit rüstigen Ernest Hemingway in Kampfpose, der für sich und mutige Gäste zu Hause in Key West zeitweise sogar einen Boxring vorhielt. Sowie all die anderen amerikanischen Autoren, denen der brisante Sport Vorlagen für ihre Arbeit lieferte – von Budd Schulberg über Leonard Gardner ( » Fat City « ) bis zu Norman Mailers epochalem Roman über den WM-Kampf zwischen Foreman und Ali in Kinshasa ( » The Fight « ).

Die Faszination der Literaten für die einsamen Kämpfer und ihre subtilen Dramen geht eindeutig über den puren Sport hinaus. Man schreibt keine Boxergeschichten, so wie man Geschichten über Tischtennis, Schwimmen und Handball schreiben würde. Irgendwas ist hier zu besonders, zu eigen-, wenn nicht einzigartig. Das ist auch der Tenor des legendären Essays » On Boxing «, den die amerikanische Schriftstellerin Joyce Carol Oates 1987 über ihre und unsere Affinität zur » Sweet Science « − ein Ausdruck von A. J. Liebling, einem boxbegeisterten Mitarbeiter des New Yorker – in einem schmalen, kostbaren Bändchen veröffentlicht hat.

» Wie kannst du einen so brutalen Sport genießen, fragen mich Leute manchmal. Oder fragen absichtlich nicht «, heißt es darin, » und das ist zu komplex, um beantwortet zu werden. Jedenfalls › genieße ‹ ich Boxen nicht im gewöhnlichen Sinne des Worts, und habe es nie getan; Boxen ist nicht stets › brutal ‹, und ich betrachte es nicht als einen › Sport ‹. Genauso wenig kann ich Boxen in der Terminologie von Schreibern als Metapher für etwas anderes auffassen … Das Leben ist in vielerlei, unangenehmer Hinsicht wie Boxen. Aber Boxen ist nur wie Boxen. Denn wenn du fünfhundert Boxkämpfe gesehen hast, hast du fünfhundert Boxkämpfe gesehen, und ihr gemeinsamer Nenner, den es sicher gibt, ist für dich nicht von primärer Bedeutung. «

Ich habe sicher weit mehr als fünfhundert Kämpfe gesehen seit meinem ersten Boxabend im März 1985, als Georg Steinherr alias » Hammer-Schorsch « seinen EM-Titel in Dortmund gegen Emilio Solé Ruiz verteidigte – ein Erlebnis, das mich augenblicklich mit enormer Depotwirkung beeindruckt hat. Und die meisten davon waren, nüchtern betrachtet, nicht richtig gut : zu einseitig, zu vorhersehbar, zu schleppend im Verlauf. Dennoch bin ich das nächste Mal im Zweifelsfall wieder dabei, solange eine vage Aussicht auf den nächsten, halbwegs spannenden Hauptkampf besteht. Auch das gibt es vielleicht nur in diesem Metier, das über die Grenzen eines normalen Sports hinausragt : Man hofft viel häufiger auf höchste Qualität, als dass man sie wirklich erlebt. In diesem Sinne lässt das Boxen mich und meine Kollegen, die über die Jahre erstaunlich konstant geblieben sind, fortgesetzt rotieren − die ganze Ochsentour zwischen Mannheim und Schwerin, Wolverhampton und New York.

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