Reinhold Messner | Leben Bücher Berge
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Reinhold Messner

Vom Südtiroler Bergbub zum größten Abenteurer unserer Zeit

Er ist der berühmteste Bergsteiger der Welt, seine Erfolge sind legendär, seine Auftritte spektakulär. Reinhold Messner – Extrembergsteiger, Biobauer, Abenteurer, Museumsgründer, Autor und Filmemacher – feiert dieses Jahr seinen 75. Geburtstag. Auf dieser Seite haben wir seine wichtigsten Bücher und Infos über ihn zusammengetragen, die die Vielschichtigkeit des Grenzgängers zeigen.

Biografien & Autobiografien

Einblicke und Lebenserfahrungen 

Blick ins Buch
Über LebenÜber LebenÜber Leben
Wie riecht Heimat? Wie viel Freiraum braucht ein Kind? Wie überlebenswichtig sind Angst, Egoismus und Instinkt? Reinhold Messner skizziert in Etappen seinen Weg vom Südtiroler Bergbub zum größten Abenteurer unserer Zeit, zum kampflustigen Politiker, engagierten Bauern, Wanderfreund von Managern und Politikern, zum Gründer einer einzigartigen Museumslandschaft, zum Ehemann, vierfachen Vater und Familienmenschen. In ungezählten Expeditionen hat er ausprobiert, wie Überleben funktioniert. Freimütig hält er heute Rückschau auf sieben Jahrzehnte, die schon früh von extremen Naturerlebnissen und Begegnungen mit dem Tod geprägt waren, schreibt über Ehrgeiz und Scham, Alpträume und das Altern, über Neuanfänge und über die Fähigkeit, am Ende loszulassen.

Vorbemerkung

Wie oft habe ich beschrieben, was ich fühlte, wenn ich ganz oben auf dem Gipfel stand; wie ich es meinte mit meiner Art von Abenteuern; wie viel sie mir bedeuten. So bin ich in den Augen meiner Zuhörer und Leser immerfort der eine, der Grenzgänger geblieben.

Heute trainieren Millionen Klettersportler in der Halle, andere reisen zum Bouldern nach Südafrika, zum Kindergeburtstag und zu Incentive-Veranstaltungen für Manager trifft man sich im Hochseilgarten: Man hängt an Leitern, klettert über Abgründe, lässt sich von Brücken fallen. Alle diese Großstadtabenteurer sind auf der Suche nach Emotionen, nach der Mutprobe, nach dem Kick. Alle wollen an ihre Grenzen gehen – aber bitte risikofrei und doppelt gesichert: auf TÜV-geprüften Klettersteigen, abgesicherten Pisten, im sorgfältig ausgeschilderten Als-ob-Gefahrenraum, einer vorgetäuschten Wildnis, die wie der Rest der zivilisierten Welt längst urbanisiert ist.

Wild sein ist heute vielfach nur Attitüde, Programm, auch weil es die Wildnis draußen kaum noch gibt. Man erzählt gerne von seinen „wilden Jahren“, macht „wilde Sachen“ und hat „wilde Ziele“. Immer aber im Rahmen des Vertretbaren, in kleinen Dosen, mit Netz und doppeltem Boden. So nur vertragen sich gezähmte Wildnis und gezähmtes Leben. Alles andere wäre doch gegen jede Vernunft, unverantwortlich, ja unmoralisch. Mir aber geht es um die Natur des Menschen, über das Hier und Jetzt hinaus, um einen Einblick über das domestizierte Dasein hinaus.

Zu meinem Menschenbild gehört die Autonomie des Individuums. Bin ich doch ein Leben lang gegen Willkür und Gängelung eingetreten. Das selbstbestimmte Dasein bleibt mir heilig, und deshalb befürchte ich mit der Digitalisierung aller Lebensbereiche einen Verlust an Freiheit. Das Mehr an Effizienz, Sicherheit und Tempo dabei wird aufgewogen durch ein Weniger an Lebensqualität, Demokratie und Menschlichkeit.

Ich habe mich nie „vernünftig“ verhalten, und mein Unterwegssein in der Wildnis war oft jeder Kontrolle entzogen. Mag sein, dass „richtiges“ Verhalten der Einzelnen billiger für die Gesamtheit ist als das Leben selbstbestimmter Individuen, deshalb aber will ich nicht einer totalen Kontrolle unterzogen werden, zur Summe der Daten gehören, die uns in Summe zu einer determinierbaren, nutzbaren, angepassten Konsumgesellschaft machen.

Auch einer direkten Demokratie mit ständigem Online-Voting kann ich als Demokrat nichts abgewinnen. Wo bliebe die Verantwortung der Politiker? Und wo die Möglichkeit der Reflexion? Dem individuellen Menschen gilt meine Neugier, und diesem begegne ich nur noch in jenem Rest der urbanisierten Welt, wo weder Religion noch Politik noch Technologie und Information hinreichen.

Abenteuerreisen, Extremsport und Aktivurlaub sind heute gefragt wie nie zuvor. Vielleicht, denke ich, steckt unbewusst der Wunsch dahinter, durch ein Fenster zurück auf unser früheres menschliches Dasein zu schauen. Um zu erfahren, wie es einst war mit uns und unseren Möglichkeiten? Wenn wir uns die Zeitspanne von sechs Millionen Jahren Menschheitsevolution vorstellen, sind 100 Jahre natürlich nichts. Selbstverständlich sind überall auf der Welt und in allen Kulturen allmähliche Veränderungsprozesse abgelaufen, im „zivilisierten“ Teil der Welt aber fand dieser Wandel beschleunigt statt, in der Wildnis allmählich. Der Begriff „allmählich“ ist dabei relativ, die nicht einmal 10 000 Jahre alte Stadtkultur ist lediglich ein Augenblick in einem Zeitraum von Millionen von Jahren. Unsere Menschwerdung fand also großteils im Nomadendasein statt, das genetisch immer noch tief in uns steckt. Viele Gesellschaften haben in jüngster Zeit so tief greifende Veränderungen durchgemacht, dass das Erfahren dabei nicht mitkommen konnte und frühes Wissen mehr und mehr abhandenkommen musste.

Nicht nur, weil ich im ländlichen Raum der westlichen Welt aufgewachsen bin und später bei meinen Expeditionen viele Aspekte traditioneller Gesellschaften kennengelernt habe, bin ich in einen unverwechselbaren Lernprozess über das Leben geworfen worden – ich bin auch ein Leben lang neugierig geblieben. Ohne es zu wissen, habe ich – im Grunde wie der Urmensch – in ungezählten Expeditionen ausprobiert, wie Überleben funktioniert: In archaischen Räumen geschieht das Erlernen von Leadership, Risikomanagement, Überlebenskunst automatisch. Denn das Zusammenspiel mehrerer Gruppen unter lebensgefährlichen Bedingungen ist der Menschennatur unterworfen, nicht irgendeiner Moral. Ich habe meine Experimente nicht gezielt und unter Kontrolle unternommen, nicht mit der Absicht zu beobachten, was passiert, wenn ich etwas wage. Immer aber habe ich aus dem, was tatsächlich geschah, lernen können. Zu Beginn unbewusst, später mit immer größerer Neugier. So beobachtete ich, wie ich in schwierigen Situationen ticke, wie Partner/innen unter extremen Bedingungen reagieren, was die Natur von uns fordert. So bin ich zu meiner Lebenserfahrung, ja auch zu meiner Lebenshaltung gekommen.

Das Instinktverhalten des modernen Homo sapiens, der in Zigtausend Jahren das gemeinsame Überleben lernte, hat unsere Welt – unsere Gene, unsere Kultur, unser Verhalten – nachhaltiger geprägt, als wir ahnen können. Alles Soziale – von den ersten Formen des Zusammenlebens in Gruppen über alle späteren Stadtregierungen bis zu den Staatsformen heute – entwickelte sich aus Notwendigkeiten heraus. Vor gut 5000 Jahren kamen wohl erste Regeln eines religiösen und zivilen Miteinander auf. Aber auch die Welt davor ist Teil von uns geblieben. In vielerlei Hinsicht steckt in uns allen immer noch etwas vom Urmenschen. Auch wenn wir glauben, den einstigen Nomaden in uns überwunden zu haben, bleiben wir immer auch die, die wir einst waren. Sogar gegen unseren Willen. In unserer Wahrnehmung der Welt, unseren Erfahrungsprozessen und erfolgreichen Überlebensstrategien mögen wir zwar vernetzte Weltbürger sein, gleichzeitig bleiben wir aber doch Frühmenschen. Wenigstens in unserem Unterbewusstsein und in unseren Genen steckt mehr von einem Tier, als viele von uns wahrhaben wollen.

Ich lernte das Leben in der Kombination einer doppelten Wahrnehmung: unterwegs in sogenannten primitiven Gesellschaften und in unserer urbanen Welt. Als stecke in der Summe von Wissen und Instinkt viel Überlebenspotenzial, lasse ich Ratio und Emotion zu. Wie weit dies für den Städter von heute wertvoll sein könnte, muss ich offenlassen, ein möglichst breiter Ausschnitt der menschlichen Erfahrungsvielfalt kann unter bestimmten Umständen allerdings nicht schaden. Für mich waren die Wildnis und das zeitweise Unterwegssein in traditionellen Gesellschaften jedenfalls wichtiger als die Schule. Meine Sicht auf die Welt und die Menschennatur wurde durch meine Abenteuer geprägt. Vor allem Gefahren haben mein Leben bereichert. Die weltweite Vorherrschaft der urbanen Kultur hat sich dank technischer, politischer und militärischer Überlegenheit zwar Vorteile gesichert, trotzdem fanden moderne Industriegesellschaften keine überlegenen Methoden des Zusammenlebens, des Interessenausgleichs, der Gerechtigkeit. Auch Kindererziehung oder Altersgestaltung liegen weiterhin im Argen. Bei Meinungsverschiedenheiten in der Wildnis fand ich immer zu einem Kompromiss, sei es mit den Einheimischen oder mit meinen Partnern. Streit in der Zivilisation hingegen findet oft kein Ende – als würden Lösungen gesellschaftlicher Konflikte in hoch entwickelteren Zivilgesellschaften zunehmend schwieriger. Vielleicht weil die Fragen falsch gestellt werden?! Ich will keine Antwort auf die alte Frage: Was ist der Mensch? Mir ist die Erkenntnis wichtig, wie er tickt. Wir müssen doch weiterhin Antworten darauf finden, wie die Menschen gemeinsam überleben können. Es ist die Frage, die seit Jahrhunderttausenden gestellt wird.

 

I

ÜB ERLEBEN

„Ich beobachte mich und verstehe dadurch die anderen.“

Laotse

 

1 Kindheit

Im Frühsommer 1945 trugen meine Eltern den älteren Bruder Helmut und mich auf die Brogles-Alm unter den Fermeda-Türmen. Wir Kinder litten an Keuchhusten, die Höhenluft sollte uns guttun. Mein Vater – wenige Wochen zuvor erst aus dem Krieg zurückgekehrt, den er zuletzt als Dolmetscher beim Rückzug der Wehrmacht in Italien überlebt hatte – holte Holz aus dem nahen Wald, ging auf die Jagd und einmal in der Woche ins Tal, wo er im kleinen Dorfladen des Schwiegervaters das Allernötigste einkaufte, um mit seiner noch kleinen Familie hoch oben in den Bergen überleben zu können. Ich kenne diese Geschichte nur aus Erzählungen und von ein paar Schwarz-Weiß-Aufnahmen, die sie belegen: zwei Kleinkinder mit ihrer Mutter vor steil aufragenden Felstürmen.

Die erinnerte Kindheit beginnt bei mir mit langen Spaziergängen: zum Bärenloch nach St. Jakob, zu den Großeltern nach St. Magdalena, zum Flitzer-Wasserfall oder nach Miglanz, einem stattlichen Hof am Westrand des Tals, wo eine „Dableiber-Familie“ lebte – Bauern, die im Rahmen der Option für das Bleiben in ihrer Südtiroler Heimat gestimmt hatten. Bei unseren Ausflügen war meist nur unsere Mutter dabei, und sie erzählte vom letzten Bären, der 50 Jahre zuvor im Villnößtal geschossen worden war, von Bomben, die im großen Krieg in St. Valentin niedergegangen waren, und vom eiskalten Flitzerwasser, das eine heilende Wirkung habe. Wir füllten Feldflaschen damit und trugen sie im Rucksack nach Hause.

Aufregender waren nur unsere Spiele in Pitzack, einem Straßendorf unterhalb von St. Peter. Wir Kinder waren eine typische Horde, eine Kleingesellschaft, bestehend aus zwei Dutzend Schulkindern beiderlei Geschlechts zwischen vier und zwölf Jahren. Zum Spielen gingen wir in die umliegenden Wälder, zum nahen Bach oder auf den „Bühl“, einen Hügel, der auch als Schulhof diente. Wir spielten nie nach Buben und Mädchen oder Altersgruppen getrennt, wie es in großen Gesellschaften üblich ist, wir waren vielmehr ein einziger großer Haufen. Die einzelnen Großfamilien auf den Bauernhöfen und im Tal kannten einander, und so spielten wir auch in den Unterrichtspausen zwischen Stadeln und immer in Horden – häufig eine Gruppe gegen eine andere. Entscheidungen wurden in Gesprächen getroffen, es gab keine formelle Führerschaft – so wenig wie im Dorfgeschehen, das die Männer nach dem sonntäglichen Kirchgang besprachen. Nur in den Klassenräumen – es war keine Zwergschule; Jugendliche im pubertären Alter gingen nicht mehr zur Schule – und in der Kirche, dem größten Gebäude im Tal, war eine strenge Ordnung vorgegeben.

Damals gab es kaum soziale Unterschiede im Tal, keine Arbeitsteilung, wenig wirtschaftliche Probleme. Auch keine wirkliche Armut. Alle lebten wir sehr bescheiden. Die Talgemeinschaft war egalitär und demokratisch organisiert, wie wir Kinder beim Spielen auch. Alle in der Horde hatten die gleichen Chancen. So bildeten sich Persönlichkeitsstrukturen aufgrund individuell unterschiedlicher Fähigkeiten heraus, die alle respektierten.

Auf ähnliche Hordengesellschaften, wie es sie vor zehntausend Jahren und früher wohl allerorts gegeben haben mag, bin ich später bei meinen Reisen wieder gestoßen: im Hochland von Neuguinea, in Tibet oder Nepal. Hoch oben in kaum zugänglichen Himalaja-Tälern, mit oft weniger als hundert Familien, wo jeder jeden persönlich kannte, war ein Gemeinschaftsleben lebendig geblieben, wie ich es in Villnöß vor bald siebzig Jahren kennengelernt hatte. Es waren weniger die Verwandtschaftsbande oder der Clan als vielmehr die Gesellschaft der einzelnen Fraktionen, die ihr Leben lokal organisierten. Schafe und Jungvieh wurden den Sommer über in größerer Höhenlage auf Gemeinschaftsalmen gehalten, das Holz gemeinsam geschlagen, die Toten gemeinsam begraben. Für das Grünfutter im Tal stand bei jedem Hof eine Scheune, um es für den Winter trocken zu lagern. Für all das brauchte es keine Bürokratie, Rechte und Pflichten waren seit Jahrhunderten mündlich überliefert worden, und jede weitere Entscheidungsfindung ergab sich in persönlicher Unterhaltung. Führungspersönlichkeiten gab es nur insofern, als Erfahrung und Überzeugungskraft bei gemeinsamer Beratung mehr zählten als Unterwürfigkeit. Wir hatten einen Bürgermeister, den Gemeinderat, die Höfekommission. Ich erkannte damals in diesen Gremien keine institutionalisierten Machtmonopole, wohl aber im Pfarrer die oberste Instanz – wegen seiner „gottgewollten“ Stellung. Die Talgemeinschaft basierte weniger auf einer politischen Ideologie als auf einer territorialen und religiösen Identität. Weil aber bei Konflikten unmöglich alle Bewohner beteiligt werden konnten, galt zuletzt, was der Pfarrer, der Bürgermeister – meist der größte Bauer im Tal – und der Lehrer gemeinsam für richtig hielten.

Wir Kinder hatten zu gehorchen. Nur beim Spiel waren wir frei in unserer Lebensäußerung. Unbewusst stellten wir dabei das Leben der Erwachsenen nach, wie es Kinder in Clangesellschaften weltweit immer noch tun. Ihre Spiele sind die Kopie des Erwachsenenlebens.

Im Hochland von Neuguinea, das ich zwanzig Jahre später besuchte, schnitzten die Kinder Krieger und Schweine aus Holz – weil sich im Leben der Erwachsenen alles um Kriege und Schweine drehte. Bei den Massai in Ostafrika waren Rinder der Mittelpunkt des Lebens, und ihre Kinder stellten das Leben der Großen im Kleinen nach: mit Herden, Kogen, Hirten. In Grönland, wo die Männer auf Robbenjagd gingen, waren für die Inuit-Kinder Robben Gegenstand ihrer Spiele. Überall in Clangesellschaften, die ich später kennengelernt habe, bauten Kinder ihre Phantasiewelt – aus Schnee, Sand, Holz oder Lehm – und statteten diese mit selbst gemachten Spielzeugfiguren aus, mit denen sie Viehzüchter, Krieger oder Robbenjäger wurden.

Spielend haben auch wir unsere Umwelt kennengelernt – weit über das Zuhause hinaus. In ganz jungen Jahren schon sind wir so zu handwerklichen Fertigkeiten gekommen, wurden zu Kennern der Umgebung, des Tals, der lokalen Natur und Kultur. Im Spiel wurde auch meine Kreativität geweckt, das Vermögen, neue Ideen zu entwickeln, die Lust, alles immer wieder neu anzupacken, es anders zu sehen und besser zu machen. Auch das Verlieren, das Immer-wieder-Aufstehen und Weitermachen habe ich früh geübt. Obwohl ich später „Unmögliches“ unternommen habe, oft riskante Unternehmungen, bin ich der Junge geblieben, der spielt. Heute weiß ich: Es ist der Geist des Spiels, der mich ein Leben lang getragen hat.

In der Schule oder zu Hause war festgelegt, was zu tun oder zu lassen war, was die Gesellschaft von uns erwartete. Wir Bergbauern- und Dorfkinder hatten keinen Zugang zu den Ressourcen der Erwachsenen. Für sie galten andere Regeln als für uns Kinder. Uns wurde im Alltag ihr Wille aufgezwungen. Zu Hause und in der Schule war uns also vieles nicht erlaubt, mehr noch verboten. Beim Spielen aber waren wir Menschen, die weder benutzt noch beschützt werden wollten. Wir fühlten uns als Kinder unter Kindern fair behandelt. Intelligenz, Größe und Körperkraft wurden als das genommen, was sie waren, Tatsachen, die weder zu beneiden noch zu bestaunen waren.

Es war diese Nichterziehung, die uns zu selbstsicheren und widerstandsfähigen Menschen gemacht hat. Früh wusste ich, dass das Überleben von den eigenen Fähigkeiten und Stärken abhängt, der Lebensweg selbst entschieden wird. Wie beim Spiel. Wenn ich den Eltern, den Lehrern und Pfarrern immer zugehört hätte, wäre ich als Kind vielleicht besser zurechtgekommen. Meine emotionale Sicherheit, die Neugier, mein Selbstvertrauen sind mir allerdings im Widerstand ihnen gegenüber zugewachsen. Selbstständigkeit und soziale Fähigkeiten habe ich mir also nicht unter dem Schutz der Eltern oder in der Kirche, sondern zuerst beim Spielen und später beim Felsklettern geholt.

Fernsehen, Videospiele und Internet gab es damals nicht. Auch später, am Berg, war nichts, was mich ablenkte. Da war niemand, der sagte, was zu tun war. Die Berge wurden mein zweiter Spielplatz, Stadt und Tiefland empfand ich bald als das Gegenteil von Freiraum. Ich wollte mich nicht immerzu ein- und unterordnen. Nur mein Verstand fügte sich den menschengemachten Gesetzen, nicht aber der Instinkt oder das Gefühl. Diese beiden aber sind der Geist, der mein Wesen ausmacht. Seit damals erkenne ich nur die Natur als höheren Gesetzgeber an.

 

2 Ungerechtigkeit

Meine Mutter hat über jedes ihrer neun Kinder eine Art Psychogramm geschrieben. Dabei war sie eine einfache, gläubige Frau, die jeden Sonntag zur Frühmesse ging und ihre Zuneigung instinktiv gleichmäßig auf die Kinderschar verteilte, wobei das Jüngste jeweils mehr Aufmerksamkeit brauchte als die Älteren.

Ich weiß nicht, wann sie ihre Beobachtungen zu mir aufgeschrieben hat und wo sie diese aufbewahrte; ich erinnere mich nur noch an den Moment, als sie mir die drei handgeschriebenen Blätter übergab. Ich sollte sie mitnehmen, als ich – inzwischen 40 Jahre alt – das Villnößtal endgültig verließ. Wir saßen in der Wohnküche, und mein Blick ging über das Stadeldach des Nachbarn und ein Straßendorf auf dunkle Fichtenwälder, die das enge Tal südwestlich einrahmen. Dort, weit weg am Gegenhang – unter dem Porphyrrücken der Raschötz –, tauchten plötzlich Bilder auf, Erinnerungen: Wo in meiner Kindheit der Riegl-Hof gestanden hatte, erschien die steile Waldfläche eindeutig heller als weiter oben. Es war Jungwald, der alles überwucherte, wo einst Wiese und Acker, Haus und Stall gewesen waren.

„Der alte Riegler“, hatte die Mutter oft erzählt, „wollte nicht weggehen, die jungen Leut aber sind ausgewandert.“ Er ist notgedrungen mitgegangen – ›heim ins Reich‹, wie es damals hieß. Was hätte er auch allein auf Riegl machen sollen? Steile Felder, mehr als 100 Hektar Wald, Eigenjagd. Allein wäre er damit nicht fertig geworden. Inzwischen gehörten die Flächen einem Holzhändler, und die jungen Leute im Tal wussten nicht, dass auf Riegl nach der Abwanderung nachts ein Licht umging. Lange Zeit noch. Der Hof in der Steiermark, den die Nazis den Riegler-Leuten im „Reich“ zugesprochen hatten, war ebenfalls längst verloren – wie die Sippe auch, von der niemand in Villnöß Nachricht hatte. Wie schnell doch Vergessen einsetzt!

Wie oft sind wir Buben mit der Mutter nach „Maschisch“ – einem anderen, seit der Option 1939 verlassenen Hof – und weiter über Flitz nach Riegl gegangen. Das Balancieren über die Hängebrücke hoch überm Flitzer Bach war so aufregend, dass wir immer wieder hin- und herliefen. Hin und zurück. Darüber – senkrecht aufragend – hing eine schwefelgelbe Felswand, die schier bis zum Himmel reichte. Darüber „Riegel-Kofel“, der zweite, kleinere Einödhof mitten im Riegler-Wald. „Einmal“, erzählte die Mutter, „als die Bäuerin nach dem Kirchgang über diese Brücke heimwärts ging, erschrak sie zu Tode, als sie zwei ihrer Kinder im Geäst einer Fichte, die weit über die Oberkante des Felsabsturzes ragte, spielen sah.“ Der Baum war damals noch da. Ich schaute zuerst hinauf zu ihm und dann in die tiefe Schlucht unter mir. Einen Augenblick lang war mir schwindelig. Konnte ich doch die Gefühle der übermütigen Kinder ebenso nachempfinden wie die Verzweiflung der Mutter, die ein stilles Stoßgebet zum Himmel sandte. Ohne einen Laut von sich zu geben, aus Angst, mit einem Schrei ihre Kinder aus der Selbstvergessenheit ihres Spiels zu reißen und abstürzen zu sehen. Instinktiv hatte sie richtig reagiert. Und die Kinder haben gelernt, dass es zwar nicht falsch, der Mutter gegenüber aber ungerecht ist, sich grundlos Gefahren auszusetzen.

Meine Mutter hat nie gewertet. Ihr war ein feines Gespür für Unrecht eigen. Mit ihrem ausgleichenden Charakter aber gelang es ihr fast immer zu schlichten, wenn Verstimmung, Streit oder Ungerechtigkeit aufkamen. In der Familie wie im Dorf. Jeder Gesellschaft liegt eine eigene Vorstellung von Gerechtigkeit zugrunde, und fast jeder Mensch hat einen angeborenen Gerechtigkeitssinn. Er weiß auch, dass Gleichheit und Freiheit der Gerechtigkeit unterzuordnen sind.

„Allergisch gegen Ungerechtigkeit“, steht in dem Psychogramm über mich. Ich las es, während ich zurück zu meinem Wagen ging, um nach Juval, meinem neuen Wohnsitz, zu fahren. Richtig, dachte ich, wollte ich doch nie Gegenstand von Entscheidungen anderer sein. Wie oft bin ich wütend geworden, wenn auf Ungerechtigkeiten Bevormundung folgte. Diese Wut, wenn Autoritäten vorgaben, sie müssten mich vor mir selbst schützen, prägt mein Leben bis heute. Fehlt mir ein ausgleichendes Element, diese Großherzigkeit, die ein wesentlicher Charakterzug meiner Mutter war? Nein, ich bin nur allergisch gegen jede Art von Willkür, gegen die Gängelung ohne ausreichende Rechtfertigung. Bestimmt doch die Natur darüber, welche Chancen ich habe.

Es ist Ungerechtigkeit, die ich als Ursache für das allermeiste Leid der Menschheit ausgemacht habe. Streit, Krieg, Zerstörung haben ihren Ursprung in Ungerechtigkeit. Schon der Mythos von Kain und Abel erzählt davon: Die Opfer zweier Brüder, die sich miteinander vergleichen, werden vom Himmel nicht gleichwertig angenommen. Kain ist offensichtlich weniger wohlgefällig als sein Bruder Abel. Warum dieser Unterschied? Nur „Gott“, der seine Beduinen zu Siedlern machen will, weiß es. Weil aber der Unterschied gemacht worden ist, weicht Kain, der sich ausgegrenzt fühlt, seinem Bruder mehr und mehr aus. Zuletzt schlägt er ihn tot, als wolle er den Unterschied, das Unrecht eliminieren. Ungerechtigkeit ist auf Dauer nicht zu ertragen! In seiner Verzweiflung tut Kain zuletzt selbst Unrecht, und das Unheil geht weiter. Wer hat und warum die Autorität, Wohlwollen zu verteilen, über Gut und Böse zu bestimmen? Der Gerechtigkeitssinn will doch, dass wir als Gleiche Macht haben, über uns zu bestimmen.

Empörung über die „Ungerechtigkeit“ der Natur oder des Zufalls ist dabei wenig hilfreich. Die Natur hat immer recht, Ungerechtigkeiten schaffen nur die Menschen. Oft sind es Ungerechtigkeiten, die Katastrophen auslösen: Ressentiments, Ausgrenzung, Rassismus, – eine gerechte Gesellschaft bleibt ein Ideal, ein Projekt, das wohl nie abgeschlossen sein wird.

Neben dem Verständnis für die jeweils anderen, eine Art des Mitfühlens, hat mir meine Mutter mit ihrem Beispiel den einzig richtigen Weg in die Welt gezeigt. Einen Weg, den niemand anderer gehen konnte als ich selbst. Wohin er mich führen würde? Ich wusste es damals nicht. Ich wusste es nie im Voraus. Nur eines spürte ich von Anfang an: Im Gänsemarsch fühle ich mich nicht wohl. „Wenn eine Krähe auf einem Baum sitzt und ein Schwarm Spatzen fliegt vorbei, wird die Krähe nicht mitfliegen“, hatte die Mutter einst gesagt. Wohin die Mehrheit auch drängt, sollte das heißen, es muss nicht immer richtig sein. Wer sich dem größeren Schwarm anschließt, muss nicht die bessere Lösung haben. Ich jedenfalls bin immer meinen Weg gegangen, und von computergesteuerter Schwarmintelligenz halte ich bis heute nicht viel. Sie führt meist in die Irre.

„Allergisch gegen Ungerechtigkeit“ steht also in jenem Lebensbild meiner Mutter, das sie mir mitgab auf meinen weiteren Weg. Es ist keine Weissagung und keine Krankheit, die sie beschreibt, es war ihr Wissen über die Natur eines Menschen. Ich stelle ihre Erkenntnis deshalb an den Anfang dieses Buches.

Heute weiß ich: Es sind nicht allein die Taten meines Lebens, die meine Identität ausmachen, sondern vielmehr dieser Gerechtigkeitssinn, der, gepaart mit Zivilcourage, viel Widerstand mir gegenüber hat wachsen lassen. So nur konnte sich die Kraft entwickeln, Ungerechtigkeit zu überwinden. Immer wieder.

Wer ich als Kind war und wer ich geworden bin, soll nicht aus meinen Absichten gelesen werden. Denn nur die verwirklichten Taten zählen, sie verkörpern mein Sein. Es gibt weder einen tieferen Sinn darin, auch erwarte ich für meine Biografie keine Absolution. Unser Dasein gestattet uns kein Entkommen. Aber das Schritt für Schritt gelingende Leben kann später nicht Seite für Seite nachgelesen werden wie ein aufgeschlagenes Buch. So wenig ich den Anlagen, die meiner Mutter im Kleinkindalter an mir aufgefallen sind, entkommen bin – eine Erkenntnis wie eine Prophezeiung.

13 Spiegel meiner Seele
In keinem Buch schreibt Reinhold Messner offener über sich selbst, in keinem zieht er so umfassend Bilanz. Unter dem Motto „Ich bin, was ich tue“ unternimmt er den Versuch, der Essenz seines Lebens auf die Spur zu kommen, und scheut dabei nicht davor zurück, eigene Schwächen offen zu legen. Messner erzählt von seinem ersten selbst verdienten Geld als Bergführer in den Dolomiten, vom Alltag eines Grenzgängers mit Familie, von seinem lebenslangen Einsatz für die Natur. Und von seinen prägendsten Erlebnissen als Abenteurer an den Achttausendern und in den großen Sand- und Eiswüsten der Welt.
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Mein Leben am LimitMein Leben am Limit

Eine Autobiographie in Gesprächen mit Thomas Hüetlin

Schon immer ist Reinhold Messner weiter gegangen als alle anderen. Früh ließ er das Tal seiner Südtiroler Kindheit hinter sich, bestieg alle 14 Achttausender und durchquerte zu Fuß die größten Sand- und Eiswüsten der Erde. Was aber beflügelt diesen Erfolgsmenschen? Und woher schöpft er Kraft und Phantasie, sich immer wieder neu zu erfinden? Kritisch und offen stellt der „Spiegel“-Reporter Thomas Hüetlin ihm die entscheidenden Fragen zu einem „Leben am Limit“.
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Mein WegMein Weg

Bilanz eines Grenzgängers

Er ist der berühmteste Bergsteiger der Welt, seine Erfolge sind legendär, seine Auftritte spektakulär. Reinhold Messner steht immer schon im Fokus der Medien, die das wahre Wesen des Extrembergsteigers, Biobauern, Wüstenwanderers, Europapolitikers und Museumsgründers zu fassen versuchen. Die Zusammenschau der aussagekräftigsten Interviews und persönlicher Texte von Messner selbst – Expeditionsberichte, Reportagen, Essays – macht den Grenzgänger greifbarer denn je: Sie zeigt einen kompromisslosen Werdegang, offenbart dessen Brüche, verrät Messners tiefste Gedanken und den Weg zu sich selbst. Das Kaleidoskop eines Lebens, authentisch und aufregend.
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Das Wichtigste über Reinhold Messner

Wer ist Reinhold Messner?

Reinhold Messner ist einer der bekanntesten Bergsteiger und Abenteurer, sowie Bergbauer und Autor zahlreicher Bücher.

Wann wurde Reinhold Messner geboren?

Er wurde  am 17. September 1944 in Südtirol/Italien geboren.

Welche Berge hat Reinhold Messner bestiegen?

Reinhold Messner hat als erster Mensch alle 14 Achttausender bestiegen und es gelangen ihm zahlreiche Erstbegehungen. Desweiteren stand er auf allen Seven Summits der Welt.

Wie oft war Reinhold Messner auf dem Mount Everest?

1978 erreichte er mit Peter Habeler als erster Mensch den Gipfel des Mount Everest ohne Sauerstoff, zwei Jahre später bestieg er im Alleingang den höchsten Gipfel der Welt.

Wo lebt Reinhold Messner?

Er lebt u.a. in Meran und auf dem Schloß Juval.

Was macht Reinhold Messner heute?

Reinhold ist als Vortragsredner und Filmemacher aktiv  und kümmert sich um den Aufbau seiner Messner Mountain Museen sowie um seine Stiftung, die Bergvölker weltweit unterstützt. 

 

 

 

Steckbrief zu Reinhold Messner

17.9.1944
Geboren in Brixen/Südtirol als zweiter Sohn des Dorfschullehrers, wächst Messner mit acht Geschwistern (sieben Brüder, eine Schwester) in Villnöß auf
1949
Besteigung des Sass-Rigais (Dreitausender) zusammen mit seinem Vater
1950–64
500 Klettertouren in den Ostalpen, besonders in den Dolomiten
1965
Besuch der Geometer-Schule in Bozen, später Studium Hoch- und Tiefbau in Padua
1. Begehung der direkten Ortler-Nordwand (Eiswulst)
1966
zwischenzeitlich kurze Tätigkeit als Mittelschullehrer
Walker-Pfeiler, Grandes Jorasses
Rocchetta Alta di Bosconero, Nordwand, 2. Begehung
1967
„Weg der Freunde“, Civetta-NW-Wand, 1. Begehung
Agnér-Nordkante, 1. Winterbegehung
Furchetta-Nordwand, 1. Winterbegehung
Agnér-Nordostwand, 1. Begehung
1968
Agnér-Nordwand, 1. Winterbegehung
Heiligkreuzkofel-Mittelpfeiler, 1. Begehung
Eiger-Nordpfeiler, 1. Begehung
Marmolata, direkte Südwand, 1. Begehung
1969
Erstes außereuropäisches Bergsteigen in Peru mit der „Anden-Expedition“ des ÖAV
Montblanc-Besteigung über den Freney-Pfeiler (mit Erich Lackner)
Droites-Nordwand, 1. Alleinbegehung
Philipp-Verschneidung an der Civetta, 1. Alleinbegehung
Marmolata di Rocca, direkte Südwand, 1. Alleinbegehung
1970
Rupal-Flanke am Nanga Parbat (8125 m), 1. Begehung Tod Günther Messners, Reinhold Messner verliert durch Erfrierungen sechs Zehen
1971
Reisen als Berufsbergführer in die Berge von Persien
(Demavend), Nepal (7000er), Neuguinea (Carstensz-Pyramide), Pakistan, Ostafrika (Mount Kenia)
Suchexpedition am Nanga Parbat nach einer Spur des toten Bruders
Beginn der Karriere als Profibergsteiger, Schriftsteller, Vortragsredner
1972
Manaslu-Südwand (8156 m), 1. Begehung, Tod der Expeditionsteilnehmer Horst Fankhauser und Andi Schlick
Noshaq (7492 m) im Hindukusch, Afghanistan
Heirat mit Uschi Demeter
1973
Marmolata-Westpfeiler, 1. Begehung
Furchetta-Westwand, 1. Begehung
1974
Aconcagua-Südwand (6959 m), 1. Begehung
Eiger-Nordwand in 10 Stunden, Matterhorn-Nordwand im Wettersturz (beide mit Peter Habeler)
1975
Hidden Peak (8068 m) Nordwestwand, 1. Achttausender im Alpenstil (mit Peter Habeler)
1976
Mount McKinley (6193 m), „Wand der Mitternachtssonne“, 1. Begehung (mit Oswald Oelz)
Fudschijama (3776 m) in Japan während einer Vortragsreise
1977
An der Dhaulagiri (8167 m)-Südwand und in seiner Ehe gescheitert, Scheidung
1978
Kilimandscharo (5963 m), Breach Wall, 1. Begehung (mit Konrad Renzler)
Mount Everest (8850 m), 1. Begehung ohne künstlichen Sauerstoff (mit Peter Habeler)
Nanga Parbat (8125 m), Diamir-Flanke, 1. Alleinbegehung eines Achttausenders
Die Ärztin Ursula Grether wird Reinhold Messners Begleiterin
1979
K2 (8611 m) im Alpenstil (mit Michl Dacher)
Ama-Dablam-Rettungsaktion
Erstbegehungen im Hoggar-Gebirge, Afrika
1980
Mount Everest (8846 m), von Norden, 1. Alleinbegehung
Beziehung mit der Bergsteigerin Nena Holguin
1981 Shisha Pangma (8012 m) (mit Friedl Mutschlechner)
Chamlang (7317 m) Mittelgipfel-Nordwand, 1. Begehung (mit Doug Scott)
Geburt der Tochter Layla in Katmandu
1982
Hattrick – drei Achttausender hintereinander: Kantschendzönga (8598 m) Nordwand, 1. Begehung (mit Friedl Mutschlechner), Gasherbrum II (8035 m) und Broad Peak (8048 m) (mit den pakistanischen Bergsteigern Nazir Sabir und Sher Khan)
Cho-Oyu (8222 m)-Winterbegehung gescheitert
1983
Cho Oyu (8222 m) Südwestflanke im Alpenstil (mit Michl Dacher und Hans Kammerlander)
Besteigung des Elbrus (5633 m), Kaukasus, höchster Berg Europas
Kauf der Teilruine Schloss Juval
1984
Gasherbrum I (8068 m) und Gasherbrum II (8035 m) – 1. Achttausender-Doppelüberschreitung (mit Hans Kammerlander)
1985 Annapurna (8091 m) Nordwestwand, 1. Begehung,
Dhaulagiri (8167 m) Nordostsporn im Alpenstil (beide mit Hans Kammerlander)
Tibet-Transversale mit Kailash-Erkundung
Tod des Bruders Siegfried (Blitzschlag beim Klettern)
Schloss Juval wird ständiger Wohnort Reinhold Messners, später weitere Wohnsitze in Meran und München

1986
Im Winter am Makalu (8485 m) gescheitert
Osttibet-Durchquerung von Kham nach Lhasa
Besteigung von Makalu (8485 m) (mit Friedl Mutschlechner und Hans Kammerlander), Lhotse (8511 m) (mit Hans Kammerlander) und Mount Vinson (4897 m), Antarktis (mit Oswald Oelz und Wolfgang Thomaseth); mit diesem Eisberg hat Reinhold Messner als Zweiter die „Seven Summits“ (die höchsten Gipfel aller sieben Kontinente) bestiegen, der Erste war einige Monate zuvor der Kanadier Pat Morrow
Beziehung mit Sabine Stehle; sie haben drei Kinder: Magdalena, Simon, Anna
Kauf eines Bergbauernhofs in der Nähe von Juval, Aufbau einer biologisch-dynamischen Landwirtschaft
1987
Bhutan- und Pamir-Reise
1988
Yeti-Tibet-Expedition im Alleingang
1989
Gescheitert an der Lhotse(8511 m)-Südwand
1989–90
Antarktis-Durchquerung (über den Südpol) zu Fuß, 2800 km Laufstrecke (mit Arved Fuchs)
1991
Bhutan-Durchquerung (Ost-West)
Grenzgang „Rund um Südtirol“ als Standortbestimmung des „Landes im Gebirge“ (mit Hans Kammerlander)
1992
Chimborazo(6310 m)-Besteigung (u. a. mit dem McKinsey-Chef Herbert Henzler)
Durchquerung der Wüste Takla Makan in Sinkiang
1993
Reise nach Dolpo, Mustang und Manang in Nepal
Grönland-Längsdurchquerung (Diagonale) zu Fuß, 2200 km Laufstrecke (mit Bruder Hubert Messner)
1994
Säuberungsaktion in Nordindien/Gangotri, ShivlingGebiet (6543 m), die Zeichen setzen soll für umweltfreundliches Bergsteigen jenseits von zurückgelassenem Müll und leeren Sauerstoffflaschen
Besteigung des Ruwenzori (5119 m), Uganda
1995
Arktis-Durchquerung (Sibirien-Kanada) gescheitert
Besteigung des Belucha (4506 m), Altai-Gebirge, Sibirien
Sturz von der Schlossmauer, Zertrümmerung des Fersenbeins
1996
Reise durch Osttibet und zum Kailash
1997
Reise nach Kham (Osttibet)
Kleinexpedition ins Karakorum
Filmarbeit am Ol Doinyo Lengai (heiliger Berg der Massai) in Afrika
1998
Reise ins mongolische Altai-Gebirge, (Besteigung der
4000er Mönk-Khairkan und Gtgou Tengerucel), und in die Puna de Atacama (Anden)
1999
Filmarbeit an den San-Francisco-Peaks, USA (heiliger Berg der Navajo-Indianer) für die ZDF-Serie „Wohnungen der Götter“
Reise in die Wüste Thar, Indien
Wahl zum Abgeordneten ins EU-Parlament (bis 2004)
2000
Überquerung von South Georgia auf der ShackletonRoute
Nanga-Parbat-Expedition (mit Hanspeter Eisendle, Hubert Messner, Wolfgang Thomaseth), neue Route begangen, aber kurz vor dem Gipfel gescheitert
Filmarbeit am Fudschijama/Japan
2001
Besuch des Dalai Lama in seinem indischen Exil Dharamsala
Filmarbeit am Gunung Agung, Bali
2002
Im „Internationalen Jahr der Berge“ Besuch von Bergvölkern in den Anden und Besteigung des Cotopaxi (5897 m), Ecuador
2003
Trekking zum Mount Everest (Jubiläumstreffen zum 50sten Jahrestag der Erstbesteigung)
Reise nach Franz-Joseph-Land, Arktis
Am 1. Oktober Eröffnung der „Günther Mountain School“ im Diamir-Tal am Nanga Parbat, Pakistan
2004
​​​​​​Kameltrek mit einer Salzkarawane durch die Ténéré (Sahara) zu den Oasen von Bilma (mit Sohn Simon)
Längsdurchquerung der Wüste Gobi (Mongolei) zu Fuß im Alleingang, circa 2000 km Laufstrecke
Gründung der MMF (Messner Mountain Foundation) zur Unterstützung Not leidender Bergvölker
2005
Reise zu den Tuwa-Nomaden in der Mongolei (zusammen mit seinem Sohn Simon)
„ZEIT“-Reise rund um den Nanga Parbat/Pakistan im Uhrzeigersinn von der Rakhiot-Flanke über den Mazeno-Pass (5380 m) ins Diamir-Tal
Fund und Verbrennung der sterblichen Überreste Günther Messners auf dem Diamir-Gletscher
2006
​​​​​​Eröffnung des Messner-Mountain-Museums in Firmian (Sigmundskron) als Zentrum eines fünfteiligen Museumskonzepts: Eismuseum/Sulden, Heilige Berge/ Juval, Dolomiten/Monte Rite, Bergvölker/in Planung
Durchquerung des Hielo Continental Norte in Patagonien (Chile)
2007
Familienausflug zum Nanga Parbat
2008
Kamtschatka-Reise (Russland); Klettern im Wadi Rum (Jordanien)
2009
Klettern an der Spitzkoppe (Namibia)
2010
Amazonas; Trekking zum heiligen Berg Machapuchare (Himalaja/Nepal); Himalaja-Film-Expedition
2011
Klettern in den Bergen von Sinai; Reise zur Osterinsel. Eröffnung des MMM Ripa
2012
Costa Rica; Klettereien in den Dolomiten (Pala di San Martino 2987m, Gran Pilaster)
2013
Dreharbeiten zu „Messners Himalaja“ in Nepal und Pakistan. Erstbegehung „Diagonale“ in den kleinen Geislern.
2014
Ladakh-Film-Expedition
2015
Eröffnung des MMM Corones
2016
Dreharbeiten „Still Alive“
2017
Dreharbeiten „Ama Dablam“
2018/2019
Dreharbeiten  „Mythos Cerro Torre“

 

Quelle: Reinhold Messner „Mein Weg“

Reinhold Messner Zitate

„Ich habe das Mögliche im Unmöglichen gesucht.“

„Die Dolomiten sind die schönsten Bauwerke der Welt.“

„Ich bin ein horizontsüchtiger Wanderer.“

„Nur wenn ich meine eigene Spur trete, kann ich starke Erfahrungen machen.“

„Ich sah in der Wildnis – jenseits jeder Zivilisation – ein Erfahrungspotenzial ohnegleichen: Diese weiten, leeren Flächen – horizontal wie vertikal – wurden meine Welt.“

„Das Glück findet sich nicht am Gipfel, sondern in uns. Wenn wir ganz wir selbst sind.“

„Meine Kunst zu leben ist: Den Kopf in den Wolken, die Füße fest auf der Erde.“

Reinhold Messner und die Achttausender

Was mich an Reinhold Messner immer wieder fasziniert, ist sein Gang: Federnd, leise und dynamisch nimmt er die Treppen in den zweiten Stock des Piper Verlags. Er ist die Pünktlichkeit in Person – noch nie hat er ein Buch zu spät abgegeben, und zu unseren Treffen kommt er stets zehn Minuten vor der vereinbarten Zeit (meist im schnittigen Mercedes Sportwagen), seine unverwechselbare Stimme, die über den Flur hallt, kündigt ihn an. Außergewöhnlich ist die Präsenz, mit der er einen Raum füllt, sei es mein Lektoratszimmer oder einen Vortragssaal mit 2000 Gästen.

Seine Meinungsstärke ist beeindruckend – ob es um die Kanzlerin geht oder um die Flüchtlingspolitik Salvinis, um neue Kinofilme und Bücher, um E-Mobilität oder den Brenner-Basistunnel, um Bergsteigerkollegen, um Rotwein, Architektur oder um den Tourismus in Südtirol. Entschieden stellt er sich auf die Seite derer, die ausgegrenzt werden.
Reinhold Messner kann auch ganz schön streitlustig sein (bei einem Buch haben wir uns vor Jahren fast einmal verkracht). Andererseits verfügt er über sehr viel Charme und einen großartigen, schalkhaften Humor. 

Seit über 15 Jahren arbeiten wir nun schon zusammen. Ich denke dabei an aufregende Buchprojekte: mutige Bände, die neben unerschöpflichem Bergwissen von großer Menschenkenntnis zeugen. Daran, wie oft er die Manuskripte persönlich vorbeibringt, mit eingeklebten Fotos, Notizen und Kopien bestückt, zum Teil noch handschriftlich, alles in seiner eleganten, runden Handschrift.

Ihm verdanke ich wertvolle Tipps auf bergsteigerische Talente, die in spannende Malik-Bücher mündeten. Und Erinnerungen an mehrere fulminante Buchpremieren; an einen wie verzauberten Abend unterm Sternenhimmel auf Schloss Sigmundskron zum Erscheinen seiner großartigen Autobiografie „Über Leben“, die ein großer Bestseller wurde.

Jetzt feiert Reinhold Messner seinen 75. Geburtstag. Von ganzem Herzen alles Gute und danke für das Vertrauen! Auf viele weitere gemeinsame Bücher!

Bettina Feldweg, Programmleitung Malik und Lektorin von Reinhold Messner
 

Bergbücher von Reinhold Messner

„Messners Bücher setzen die große Tradition der Reise- und Forscherliteratur des 19. Jahrhunderts auf moderne Weise fort. Messner ist der authentische Erzähler par excellence. Er erfindet nichts, sondern schildert sowahrwie möglich seine Empfindungen.Aber mit seinen Erlebnisberichtenweckt er die Sehnsüchte und Fantasien anderer Menschen, nährt er ihre Träume durch seine Taten.“


Aus der Begründung der Jury zum Donauland-Sachbuchpreis 1995

Mount Everest ohne Sauerstoff

Am 8. Mai 1978 gelingt Reinhold Messner die Sensation, an deren physikalischer Machbarkeit viele gezweifelt haben: Zusammen mit Peter Habeler besteigt er den höchsten Berg der Erde ohne Sauerstoffgerät, exakt 25 Jahre nach dem ersten Gipfelsieg von Sir Edmund Hillary und Tensing Norgay.

Blick ins Buch
Der höchste BergDer höchste Berg

Traum und Albtraum Everest

Vom einsamen Gipfelerlebnis zum Massenziel und Schauplatz offener Gewalt: Am 29. Mai 2018 jährte sich zum 65. Mal die Erstbesteigung des Mount Everest – Magnet für Bergsteiger, Tummelplatz für Abenteurer, Ort intensiver Glücksmomente und schrecklicher Tragödien. Der Journalist, Autor und Bergsteiger Walther Lücker rollt die Geschichte auf, kritisiert die Vermüllung und den Massenansturm und zeigt auf, welchen Stellenwert der Gipfel mit seinen 16 verschiedenen Routen für die erfahrensten Alpinisten hat. Mit Originalbeiträgen prominenter Everestbesteiger dokumentiert dieser Band das Faszinosum des höchsten, meistbegangenen Achttausenders.

Vorwort

In den vergangenen fünfzig Jahren habe ich unzählige Mitglieder von Expeditionen interviewt und die Aktivitäten der Männer und Frauen, die sich ihren Weg über die schier endlosen Flanken des Mount Everest bahnen, aufgezeichnet. Dieser Weg führte manche zum Erfolg, viele zum Misserfolg und etliche sogar in den Tod. Da waren die wahren Bergsteiger, die sagenhafte Leistungen auf neuen Routen vollbrachten oder neue Methoden für das Höhenbergsteigen entwickelten. Da waren aber auch die „Greenhorns“, die keine Ahnung hatten, wie man so einen Berg überhaupt besteigt, und die nicht einmal wussten, wie man Steigeisen oder Steigklemmen benutzt. Ihr Mangel an Erfahrung führte sie in den Tod oder beeinträchtigte die Chancen anderer, den Gipfel zu erreichen. Es kamen Menschen aus Ländern, in denen es gar keine Berge gibt; und in den letzten Jahren fanden sich sogar Leute aus Ländern wie den Golfstaaten oder Mittelamerika ein, von denen man nie geglaubt hätte, dass sie dort Bergsteiger beherbergen.

Die frühen Expeditionen der 50er- und 60er-Jahre bestanden oft aus Mitgliedern nationaler Teams, die von ihren Ländern gesponsert wurden, oder aus Militärpersonal. Dann kamen die Bergsteiger anderer Vereinigungen, wie zum Beispiel Mitglieder von Alpenvereinen oder Gruppen, die irgendetwas gemeinsam hatten. Diese Teams bestanden oft aus fünfzehn bis zwanzig Mitgliedern. Und da waren die kleinen Teams, bestehend aus drei oder vier Bergsteigern, die sich auf anderen Expeditionen kennengelernt hatten und erfahrene Bergsteiger waren, die einzig und allein auf der Suche nach dem Ungewöhnlichen waren.

In den 80er-Jahren schließlich kamen die kommerziellen Expeditionen, deren Mitglieder außer vielleicht dem Wunsch, mit ihrer Leistung zu protzen, überhaupt nichts gemeinsam hatten (nicht einmal Sprache, Alter oder Erfahrung). Und das sind genau diejenigen, die sich selbst und andere am Berg in Gefahr bringen können. Manche der Expeditionsleiter dieser Teams haben selbst sehr wenig Ahnung vom Bergsteigen und geben sich oft nicht einmal die Mühe, die Fähigkeiten ihrer zukünftigen Kunden zu überprüfen; sie nehmen einfach jeden auf, der sich anmeldet und die Gebühren bezahlt. Die Preise variieren ungemein – von ein paar Tausend Dollar genau dieser erfahrungslosen Expeditionsleiter bis hin zu 70000 Dollar bei respektierten Veranstaltern, die auch einmal einen Aspiranten, den sie als untauglich empfinden, ablehnen. Diese Expeditionen sind oft sehr groß, zählen sie doch manchmal mehr als dreißig Teilnehmer mit einer ebenso großen Zahl an Sherpa.

Wie sieht nun die Zukunft aus? Das hängt teilweise von der wirtschaftlichen Entwicklung ab. Während der Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg und dem Koreakrieg in den 50er- und 60er-Jahren limitierten viele Regierungen für ihre Bürger den Zugang zu knappen Devisen. Momentan sieht es so aus, als ob die wirtschaftliche Lage in einigen Ländern der Europäischen Union bald die finanziellen Möglichkeiten sehr vieler Bürger dort, so einen Berg zu besteigen, überfordern wird, sodass sie zu Hause bleiben müssen. Es wird immer wieder vorkommen, dass – abhängig von der Situation in China – Tibet monatelang geschlossen bleibt und Bergsteigern der Zugang verwehrt wird. Ganz sicher wird es zu einigen Veränderungen kommen.

Es gibt immer noch neue Routen, die am Everest entdeckt und versucht werden können. Gut möglich, dass in fünfzig Jahren vielleicht eine äußerst herausfordernde, technisch schwierige Route, die über mehrere Tage in den höchsten Höhen gemeistert werden muss, versucht werden wird. Das „Hufeisen“ zum Beispiel führt den Westgrat des Nuptse hinauf, dann gen Süden über den Nuptsegrat hinauf zum Lhotse, dessen Gipfel überquert werden muss, und läuft weiter in Richtung Norden über den Südwestgrat zum Gipfel des Mount Everest, dann hinunter über den Westgrat zum Lho-La-Pass und zurück zum Ausgangspunkt im Western Cwm. Heute ist das noch nicht möglich – aber es ist in meinen Augen nur noch eine Frage der Zeit.

Elizabeth Hawley (ins Deutsche übersetzt von Billi Bierling)
Kathmandu

 

Abenteuerliche Reise in grandiose Höhen

„Der Mount Everest sollte für ein paar Jahre komplett gesperrt werden, damit der Berg und die Menschen zur Ruhe kommen können.“

Dieser Satz hat mich aufgeschreckt. Und er hat mich elektrisiert. Niemand käme auf die Idee, ein Unternehmen zu schließen, nur weil es dort ein paar Tage im Jahr zugeht wie in einem Tollhaus. Der Mount Everest ist der Arbeitsplatz von Dayula, einem Sherpa der jüngeren Generation. Er war dreimal auf dem Gipfel. Und er drückt damit eigentlich aus, die einzige Lösung, den Wahnsinn am höchsten Berg zu stoppen, sei seine vorübergehende Arbeitslosigkeit. Das allein schon dokumentiert auf beklemmende Weise, wie weit es auf der höchsten geologischen Verwerfung der Erdkruste gekommen ist.

 

Die Geschichte des Mount Everest ist voller Leben. Sie ist aber auch voller Sterben. Und sie ist umfangreich. Ich glaube, man muss die Historie ein wenig befühlen, bevor man verstehen kann, was sich dort heute in einer Höhe abspielt, in der den meisten Menschen der Tod viel näher kommt, als ihnen lieb ist. Die Dinge am Everest sind gewachsen. Bis Ende 2012 wurde der Gipfel 6176-mal bestiegen – von 3680 Menschen. Deutlich mehr als 200 kamen dabei ums Leben. Es gibt viele Geschichten von diesem Berg. Einige davon werden in diesem Buch dargestellt. Es gibt Kurioses und Skurriles zu erzählen, Tragisches und sogar Komisches zu berichten. Der Tod zwischen Fels und Eis aber überschattet vieles, wenn nicht gar alles.

Um zu verstehen, was auf dem Mount Everest vor sich geht, muss man nicht zwangsläufig auf dem Gipfel gewesen sein. Es reicht, zu beobachten und gut zuzuhören. Ich habe 2001 die gesamte Frühjahrssaison unter dem höchsten Berg verbracht, mehr als zwei Monate davon im Basislager. In so langer Zeit erlebt man viel. Und ich wurde auf gewisse Weise Teil des Ganzen. Teil dieser riesigen Maschinerie, die Dreck und Müll produziert und eigentlich so gut wie nichts Vernünftiges entstehen lässt, inmitten eines Nationalparks. Und auch ich konnte mich bei aller selbstkritischen Betrachtung in dieser Zeit der Faszination dieses Berges nicht entziehen und ebenso nicht dem, was sich unter seinen Flanken tut. Dort wird eben nicht nur gestorben, sondern auch gelacht, und es werden Feste gefeiert. Auch Freundschaften werden geschlossen, die oft stabiler sind als viele andere, die im Tal entstehen und sich so leicht verflüchtigen.

Später war ich wieder da. Geändert hatte sich nichts. 2012 reifte in mir der Entschluss, ein Buch über den Mount Everest zu schreiben, die Historie nachzuerzählen und einmal zu ergründen, warum die Dinge heute so sind, wie sie sind. Warum es an einem Berg einen Stau geben kann und warum Menschen vergebens darum flehen, weiterleben zu dürfen. Und schließlich gelang es mir, elf Bergsteiger in diesem Buch zu vereinen, die mit mir ihre eigene Besteigung noch einmal erlebten. Die mich mitnahmen auf diese abenteuerliche Reise in grandiose Höhen, die mich so sehr fesselten, dass ich oft das Gefühl hatte, selbst ganz atemlos zu werden. Ich traf Gerlinde Kaltenbrunner und ihren Mann Ralf Dujmovits an einem glühend heißen Sommertag in ihrem Haus in Bühl im Schwarzwald, Peter Habeler im Zillertal, Norbert Joos in Chur und Kurt Diemberger daheim in Bologna. Zu Hans Kammerlander hatte ich es nicht weit, wir sind fast Nachbarn. Simone Moro lud mich in seine Wohnung nach Bozen ein, und Pemba Nurbu traf ich in der Gegend, der dieses Buch gewidmet ist – am Fuß des Mount Everest. Russell Brice und Billi Bierling traf ich gar nicht, weil sie zu Expeditionen am Manaslu und am Makalu unterwegs waren und ich zu der Zeit eine kleine Trekkinggruppe zum Everest führte. Beide beantworteten dennoch mit großer Geduld und schriftlich, was ich wissen wollte. Ganz zum Schluss fuhr ich zu Reinhold Messner in die Festungsmauern von Firmian in Südtirol. Für den Everest stehe er zur Verfügung, ließ er mich wissen, und es wurde sehr spannend beim bekanntesten Höhenbergsteiger der Welt. Alle elf Spitzenkräfte des Höhenbergsteigens beantworteten außerdem fünfzehn gleichlautende Fragen. Der Spannungsbogen ergab sich aus der so auffällig unterschiedlichen Herangehensweise an die Antworten.

In den elf Gesprächen und auch in all den anderen, die ich in Nepal geführt habe, wurde mir drastisch vor Augen geführt, wie dramatisch die Entwicklung am höchsten Berg ist und wie gefährlich sie möglicherweise noch werden kann – wenn dem Treiben, den Staus und der Rücksichtslosigkeit nicht bald Einhalt geboten wird. Der Everest müsse gesperrt werden, sagt der Sherpa Dayula. Vielleicht hat er damit recht.

Doch sperrt irgendjemand einen Berg?

 

Walther Lücker
Sand in Taufers

 

TEIL I: Geschichte und Geschichten

Massenandrang bei der Muttergöttin

Zu Gast bei Apa Sherpa, dem erfolgreichsten Everest-Bergsteiger der Welt

 

Nein. Die Oase der Ruhe muss anderswo liegen. Nicht hier. Nicht zwischen diesen Bergen. Nicht am Fuß des Mount Everest. Dabei ist es kaum mal ein wirklich hoher Phonpegel. Es ist eher diese Unruhe, die ständige Spannung, die bisweilen unbeschreibliche Nervosität, die über diesem Ort liegt und an Ruhe nicht denken lässt. Am schönsten ist es in der Stunde, wenn der Morgen graut. Sicheren Schritts und bedächtig langsam, die Hände tief in den Taschen der Daunenjacke vergraben, steigt Apa Sherpa auf einen hoch aufgeworfenen Moränenhügel. Sanft streicht der frühmorgendliche Wind über den Khumbu-Gletscher. Es ist halb sieben. Blauer Himmel über den Gipfeln des Himalaja, Idealbedingungen am Mount Everest. Die Temperatur erheblich unter zehn Grad minus, keine Wolke, nicht einmal ein Schleier. Es hat nicht geschneit. Aber es ist noch früh in der Saison. Zu früh, um weiter zu denken als an den nächsten Tag. „Es ist immer dasselbe“, lächelt Apa, der berühmteste lebende Everest-Sherpa, „bei schönstem Wetter sitzt du im Basislager herum. Und wenn du oben bist, musst du dich in einem Sturm durch den Schnee wühlen und ärgerst dich über die verpasste Chance vom Vortag.“ Der Mann weiß, wovon er redet. Am 16. Mai 2002 stand er zum zwölften Mal auf dem Gipfel des Everest, zu diesem Zeitpunkt so oft wie niemand vor ihm. Kaum ein anderer Mensch kennt den Berg so gut wie er. Doch für den freundlichen Mann aus Thame im Khumbu-Gebiet ist der Mount Everest kein Ziel der Sehnsucht, sondern ein Arbeitsplatz. Vielleicht einer der härtesten der Welt. Apa zieht ein Fernglas aus der Jacke. Ein teures. „Geschenk eines Freundes aus Japan, der den Gipfel nicht erreicht hat“. Apa lächelt wieder. Mit prüfendem Blick sucht er den mächtigen Gletscherbruch ab, der sich gleich hinter den letzten Zelten des Basislagers in einer fast unglaublichen Größe aufwirft. Wie eine riesige Lawine überdimensionaler Eiswürfel wälzt sich der Khumbu-Gletscher über den Rand des Western Cwm, eines eisigen Hochtals zwischen Mount Everest und Nuptse (7861 m). Apa hat gefunden, was er gesucht hat. Er gibt mir das Glas. „Schau, sie verlegen den Weg schon wieder.“ Allmählich erwacht das Basislager auf der Südseite des Everest zum Leben. Reißverschlüsse werden vor Zelteingängen hochgezogen. Drüben putzt sich einer die Zähne, dort trinken sie in einer kleinen Gruppe Tee, da hängt einer seinen Schlafsack zum Lüften über das Zelt. Die Chilenen packen ihre Rucksäcke, die Spanier stellen ein neues Zelt auf. Die Amerikaner streben dem gemeinsamen Frühstück entgegen. Es beginnt der tägliche Lauf der Dinge. Ein Ablauf, der mit normalem Menschenverstand freilich kaum zu begreifen ist. Wer die Frage nach dem Warum stellt, hat schon verloren. Denn es gibt keine Antwort auf diesen organisierten Wahnsinn moderner Abenteuergier.

Noch lange bevor der neue Tag anbrach, in stockdunkler Nacht, kurz nach vier Uhr, ist eine Gruppe Sherpa stumm und konzentriert in den Khumbu-Eisbruch gezogen. Jetzt stecken sie lange Alu-Leitern zusammen, überbrücken Gletscherspalten und sichern den Anstieg über einen mächtigen Sérac. Sie nennen sich selbst stolz „Khumbu-Doctors“. Ihre Aufgabe besteht einzig darin, den Eisbruch so zu präparieren, dass die Gefahr, auf Nimmerwiedersehen in einer der Spalten zu verschwinden oder von einem der zum Teil haushohen Séracs erschlagen zu werden, auf ein erträgliches Maß reduziert wird. Dieser Eisbruch, ein fragiles und vollständig instabiles Machwerk der Natur, ist das Tor zum Mount Everest. „Ticket to hell“ nennen die Amerikaner die lebensbedrohliche Gletscherzunge. „Der gefährlichste Teil des Everest, gefährlicher als der gesamte Rest am Berg“, urteilt nüchtern Hans Kammerlander, der auf zwölf der vierzehn Achttausender stand. Das Tagwerk der Khumbu-Doctors hat oft genug nicht einmal vierundzwanzig Stunden Bestand. Praktisch unter ihren Händen kann das Kartenhaus wieder einstürzen. Es gehört heute zu den ungeschriebenen Regeln des Everest, dass eine Expedition in Zusammenarbeit mit den Sherpa-Doktoren den Pfad durch den Eisbruch sucht, ihn unterhält – und finanziert. Der Materialaufwand ist gewaltig, der Eintrittspreis für die anderen Expeditionen ebenfalls: 2345 Dollar kostete das Ticket in den Eisfall im Jubiläumsjahr 2003. Für diese Summe werden mehr als zwei Kilometer Fixseile verlegt, etwa zweihundert Eisschrauben und ebenso viele Firnanker aus Aluminium angebracht. Weit mehr als hundert jeweils zweieinhalb Meter lange Alu-Leitern sind nötig, um Spalten und Eiswände zu überwinden. Die Spalten des Khumbu-Eisbruchs sind so grundlos tief, dass die Sherpa scherzend behaupten, sie könnten beim Blick in die Leere bis nach Amerika schauen – und wer in eine Spalte hineinfalle, erhalte ein „Visum für die Vereinigten Staaten“. Um diese Abgründe zu überwinden, werden an manchen Stellen bis zu vier der Leitern aneinandergebunden. Über die schwankenden Brücken balancieren die Bergsteiger mit Steigeisen an den Schuhen und nur an einem dünnen Seil gesichert, das wie ein Handlauf angebracht ist. Im Eisbruch wurden schon lotrechte Eiswände mithilfe von vierzehn zusammengesteckten Leitern überwunden. Der Respekt vieler Everest-Anwärter, der bei den ersten Begehungen während einer Expedition nicht selten in nackte Angst umschlägt, ist entsprechend groß. Besonders in der Nacht und selbst im respektvollen Abstand des Basislagers zum Eisbruch ist das marod-eisige Gebilde als körperliche Bedrohung spürbar. Mit gewaltigen Kräften schieben sich die Gletschermassen meter- und tonnenweise zwischen Mount Everest und Nuptse zu Tal. Selbst unter dem Moränenschutt des Basislagers ächzt und kracht, stöhnt und knarrt, knallt und rumst es fast ohne Unterlass. „Die Musik des Everest“ nennen Spötter die unheilvolle Melodie. Wenn oben im Eisbruch ein Sérac von der Größe eines Zweifamilienhauses umfällt, fühlt es sich unten an wie ein Erdbeben. „Wir müssen nur lange genug hier sitzen bleiben, dann kommen wir von allein wieder heim. Der Gletscher schiebt uns schon dahin, wo wir hergekommen sind“, schmunzelt Apa. Genau in dem Moment löst sich links am Loh La, dem weglosen Pass des Everest-Westgrats, eine Eislawine und versteckt den halben Eisbruch eine Viertelstunde lang im Schneenebel. Paukenschlag zur Ouvertüre, der Gletscher lebt. In jedem Frühjahr entsteht auf der Südseite des Mount Everest eine Zeltstadt von der Größe eines Dorfs. Wenigstens dreihundert Menschen bevölkern dann zwei Monate lang einen der unwirtlichsten Orte der Erde. Im Jahr 2003, fünfzig Jahre nach der Erstbesteigung, pilgerten zweiundzwanzig Expeditionen mit etwa siebenhundert Personen dem höchsten Punkt der Welt entgegen. Doch das Basislager des Everest ist längst kein wilder Platz mehr für Abenteurer, es ist ein Ort der Computer, Satellitentelefone und des Verwöhnaromas aus der Kaffeemaschine. „Der Everest“, sagt der Tiroler Bergsteiger Peter Habeler, „ist kein Berg mehr für Bergsteiger. Die Chancen, an diesem Berg irgendetwas allein zu tun, gehen gegen null.“ Tatsächlich stieg nach 1978 die Zahl der Besteigungen sprunghaft an. Was Reinhold Messner und Peter Habeler ohne „englische Luft“, wie die Sherpa den Flaschensauerstoff bezeichnen, gelungen war, trauten sich plötzlich auch Bergamateure zu. Eine Besteigung des Everest schien bald nur noch eine Frage des Geldes und der Organisation zu sein. Mit den kommerziell ausgelegten Expeditionen setzte am Everest der Abenteuertourismus ein, der Berg wurde dafür in Ketten geschmiedet. Kilometerweise werden in jeder Saison Fixseile verlegt, Firnanker in den Schnee getrieben und Eisschrauben gesetzt. Tonnenweise schleppen die Sherpa Material in die Flanken des Everest. Zelte, Schlafsäcke, Seile, Kocher, Astronautennahrung, Thermosflaschen, Daunenjacken, pulverisierten Himbeersaft und hundertfach das Lebenselixier Sauerstoff in Flaschen. „Der Everest ist zum höchsten Klettersteig der Erde verkommen“, kritisiert Hans Kammerlander, den vor allem die Besteigungen mithilfe von Flaschensauerstoff stören. „Man sollte sie in der Statistik nicht mehr zählen“, fordert er, „denn mit der Flasche wird der Everest auf einen Siebentausender gestutzt.“ Das Basislager, sagt Reinhold Messner richtbeilschwingend, sei nur noch ein irrwitziger „Treffpunkt der modernen Juxgesellschaft“. Und tatsächlich, wer das Treiben am berühmtesten und begehrtesten aller Achttausender ein paar Wochen lang beobachtet, findet sich bald auf einem einzigen „Jahrmarkt der Eitelkeiten“ wieder. Für diese Einschätzung genügt ein Blick in das Basislager an der Südseite des Everest. Hundertschaften von Trägern und endlose Yak-Karawanen transportieren Jahr für Jahr zu Beginn der Everest-Saison Mitte März vom Flughafen in Lukla Tonnen an Ausrüstung in den Sagarmatha-Nationalpark. Der ausgetretene Pfad mit den Trekkingstationen Pakding, Namche Bazar, Tengboche, Pangboche, Dingboche, Pheriche, Duglah, Lobuche und Gorak Shep mutiert zur Straße moderner Abenteuerlust. Ein schier endloser Lindwurm wälzt sich der Moräne am Fuß des Everest entgegen. Dort angekommen, entsteht binnen weniger Tage fast eine Kleinstadt. In den überwiegenden Farben Gelb, Orange und Grün stehen zum Höhepunkt einer „normalen“ Saison mehr als fünfhundert Zelte im Basislager auf 5346 Meter Höhe. Etliche Hundert Bergsteiger, Träger, Köche und Küchenhelfer sowie die Verbindungsoffiziere der nepalischen Regierung bevölkern eine Fläche von nicht viel mehr als einem Quadratkilometer. Die einzelnen Expeditionen sind um gebührenden Abstand bemüht. Und doch wirkt es aus einiger Entfernung betrachtet, als wollten sie wie eine ängstliche Schafherde möglichst eng zusammenrücken. An der tibetischen Nordseite des Bergs schaut es im Haupt- und im vorgeschobenen Basislager auch nicht besser aus.

Man darf davon ausgehen, dass sich die Mehrzahl derer, die sich aufmachen, den Everest zu besteigen, daheim verabschiedet hat mit den Worten, man breche jetzt in Richtung „Wildnis“, „fernab jeglicher Zivilisation“, zum „letzten Abenteuer der Menschheit“ auf. Doch kaum im Basislager inmitten eines heillosen Chaos aus Stein, Eis und Schnee angekommen, beginnen die Expeditionen vehement an einem Stückchen Zivilisation zu basteln. Die Hightechausrüstung heutiger Großexpeditionen stürzt selbst hartgesottene Everest-Kenner in Verblüffung. Acht Notebooks, vier Satellitentelefone, digitale Kameras für Liveschaltungen, zwei riesige Parabolantennen, kistenweise Kabel, Faxgeräte, modernste Funkkommunikation, eine Solaranlage mit riesigen Kollektoren und mehrere Dieselaggregate sorgten 2001 für die weltweite Vermarktung von Eric Weihenmayer, der als erster Blinder den höchsten Punkt der Erde erreichte. Aus dem Weißen Haus in Washington nutzte der damalige Präsident George W. Bush den Segen der Technik für einen Liveglückwunsch. Ein solcher Aufwand ist kein Einzelfall. Im Frühjahr des Jubiläumsjahrs 2003 gab es im Basislager sogar erstmals ein Internetcafé – die Minute im Netz kostete einen Dollar. Wenn heute das Satellitentelefon ausfällt, wird das ernster genommen als der Verlust eines Eispickels. Elektrische Kabelleitungen für Licht in den komfortablen Kantinenzelten der Expeditionen, Stereoanlagen, bequeme Stühle und moderne Klappbetten in den Privatzelten, windschiefe, aber funktionstüchtige Duschkabinen mit Warmwasseraufbereitung gehören praktisch zum Standard des Fünfsterneabenteuers. Die Sherpa-Köche suchen sich gegenseitig mit der Größe ihrer rudimentär gemauerten Kochzelte zu übertrumpfen. Drinnen hantieren sie mit Handwerkszeug wie ihre Kollegen in den Nobelhotels von Davos. Sie verwöhnen ihre Gäste mit opulenten Viergangmenüs. Das ist auch dringend notwendig, denn immerhin werden in diesen Höhen zwischen 4000 und 8000 Kalorien täglich verbraucht. Reis, Kartoffeln, Nudeln, Gemüse, reichlich Knoblauch für die Blutwerte, Obst, Huhn, Yak-Fleisch und sogar Rindersteaks – im Basislager gibt es bei einer gut ausgestatteten Expeditionsgruppe praktisch alles, was Herz und Magen begehren. Was es nicht gibt, bringen die Bergsteiger von daheim mit. Mit Speck, Käse, Vollkornbrot, Schokolade, Cappuccinopulver und dem geliebten Früchtetee werden die bisweilen schwer erträglichen Gefühle von Einsamkeit und Abgeschiedenheit bekämpft. Eine sächsische Expedition nahm sich 2001 ein richtig schweres Stück Heimat mit zum Everest – in Form von fast dreißig Kilogramm bestem und in handliche Stücke verpacktem Dresdner Christstollen. Und man kann sicher sein, irgendwo im Basislager summt immer leise eine Espressomaschine. Wer freilich behauptet, das Leben im Everest-Basecamp sei auf Dauer nur angenehm und ein Luxus gewordenes Himalaja-Abenteuer, muss schon ein ausgemachter Spartaner mit jahrelanger Höhlenerfahrung sein. Selbst die vielen kleinen und großen Annehmlichkeiten können nicht darüber hinwegtäuschen, dass es am Ende der Welt nicht viel schlimmer sein kann. Auf der Moräne gibt es nicht einen Quadratmeter ebenen Boden. Kleine Steine, große Steine, rundliche Brocken, scharfkantige und wackelige Platten. Jeder Schritt ist ein Tanz von Stein zu Stein, ein Balanceakt mit Verletzungsgefahr. Weit mehr als die Hälfte des Tages spielt sich überdies am Boden ab – wie auf jedem Campingplatz. Wer etwas in die Hand nehmen will, muss es von unten aufheben, es sei denn, es liegt auf einem der ganz wenigen Tische im Gemeinschaftszelt. Dem Abenteuer am Fuße des Everest wurde im Lauf der Jahrzehnte nach der Erstbesteigung nur ein wenig die Härte genommen. Anders wäre es für die kommerziellen Anbieter auch kaum möglich, ihre Ausflüge in Eis und Kälte zu vermitteln. Wen man rasenden Kopfschmerzen in der Todeszone aussetzen will, dem muss man wenigstens ab und zu einmal einen guten Kaffee und eine bequeme Pritsche statt der guten alten Isomatte zur Verfügung stellen.

Die ersten Tage nach der Ankunft am Fuß des Khumbu-Eisbruchs sind für die meisten Bergsteiger die Hölle. Nach wenigen Schritten fliegt der Atem, und das Herz jagt. Die Höhe von über fünftausend Meter fordert ihren Tribut. Würde man einen Menschen aus Meereshöhe zum Everest-Basislager fliegen und dort aussetzen, würde er nach einer Stunde kollabieren und wenig später an der Höhenkrankheit sterben. Trotz der Akklimatisierung während des Anmarschs wird für die allermeisten Bergsteiger der Weg von ihrem Privatzelt zum Kantinenzelt, zur Küche oder zur Toilette zu einer echten Anstrengung. Während die Sherpa übermütig von Stein zu Stein springen, versuchen die Everest-Aspiranten verzweifelt, ihre Lunge mit ausreichend Sauerstoff zu füllen. Besonders die Nächte zehren am Anfang nachhaltig an den Nerven. Unter den Zelten, tief drinnen im Eis, knackt und kracht es schaurig, dumpf und hohl. Manchmal hört es sich an, als würde in einer Tiefgarage mit Wucht eine Autotür zugeschlagen. Mitten im Schlaf schreckt man hoch, weil der Lungensack zusammengefallen ist und für einen Moment das Einatmen unmöglich scheint. Dann fahren die Bergsteiger aus dem Tiefschlaf hoch und holen mit kräftigen Atemzügen nach, was sie Sekunden vorher versäumt haben. Dieses Phänomen verschwindet aber nach wenigen Nächten. Wirklich gesund sind in den ersten Tagen im Basislager nicht sehr viele. Durchfall, Magenprobleme, bellender Husten, Erkältungen, stechende Kopfschmerzen, Entzündungen der Stimmbänder und Atemwege, Schwindel, Schlaflosigkeit, Atemnot – in den wenigen Momenten der Ehrlichkeit klagen fast alle über die verschiedenen Beschwerden. Aber wer auf den Everest will, muss vor allem hart gegen sich selbst sein. Spätestens nach drei Wochen werden an vielen Stellen des Basislagers die ersten Zelte umgestellt – weil direkt unter den Matratzen eine kleine Spalte aufreißt oder weil die Wärme des Tages Gletscherbäche unter den Zeltboden leitet und sich dort Seen bilden. Lässt sich das Wasser nicht mehr umleiten oder nimmt eine Spalte beängstigende Ausmaße an, wird mit Eispickel und Schaufel notgedrungen ein neuer Zeltplatz im Geröll geebnet. Dann heißt es Habseligkeiten zusammenpacken, Zelt abbauen, am neu hergerichteten Platz wieder aufstellen, alles wieder einräumen und hoffen, dass der Platz nun besser ist als der alte. Mit fortschreitender Jahreszeit und dem nahenden Monsun werden im Lauf der Wochen auch die Temperaturschwankungen immer brutaler. Selbst die Expeditionsgruppen, die sich zuvor anderswo im Himalaja an einem Sechs- oder Siebentausender akklimatisiert haben, sind nun – Ende April, Anfang Mai – im Basislager des Everest eingetroffen. Andere hausen dort inzwischen schon länger als einen Monat. Weit über 30 Grad in der Sonne – natürlichen Schatten gibt es im Basislager erst wieder, wenn die Sonne untergeht – sind am frühen Nachmittag durchaus möglich. Wenn aber die Sonne hinter den Hängen des benachbarten Pumori, eines Traum-Siebentausenders, verschwindet, fällt das Quecksilber schlagartig. In den frühen Morgenstunden sinkt die Temperatur bisweilen auf 25 Grad unter null. Das bedeutet einen ständigen Kleiderwechsel, fast wie bei einer Modenschau. T-Shirt und dünne Hosen am frühen Nachmittag erinnern an Strandurlaub. Erst die Abendgarderobe offenbart den wahren Aufenthaltsort: In Daunenjacke, Daunenhose, Daunenüberschuhen, mit Handschuhen, Wollmütze und Stirnlampe sitzen die Bergsteiger zusammengekauert auf wackligen Klappstühlen direkt auf dem Gletschergestein und versuchen dem Körper zuzuführen, was er bei all den Strapazen verliert. Bald danach schlüpfen sie in ihre Schlafsäcke (Komforttoleranz bis minus 50 Grad) und lauschen wieder den schaurigen Geräuschen des Gletschers. Fast durchgehend knattern die Kerosin- und Propangasöfen in den Küchenzelten. Tee gibt es zu allen Zeiten, warme Säfte und Suppen ebenfalls. Vier, fünf Liter Flüssigkeit soll man täglich zu sich nehmen – sie ist der wichtigste Treibstoff in dieser Höhe. Irgendwann beginnt der Körper sich an die Höhe und die Strapazen zu gewöhnen und funktioniert wieder halbwegs. Aber damit ergibt sich im Everest-Basislager prompt ein neues Problem wie an keinem anderen Achttausender. Eine wenig appetitliche, gleichwohl beeindruckende und interessante Hygienerechnung veranschaulicht, was hier passiert. Ein normal verdauender Mensch scheidet am Tag etwa zweihundertfünfzig Gramm Darminhalt aus. Multipliziert mit dreihundert Basislagerbewohnern mal fünfzig Tage Aufenthalt ergeben sich daraus nahezu vier Tonnen Fäkalien (ohne Toilettenpapier) in knapp zwei Monaten. Nur gut, dass die Zeit „wilder Deponien“ am Fuß des Mount Everest vorbei ist. Jede Expedition hat ihr eigenes Toilettenzelt. Im Moränenschutt ist eine Tonne eingegraben, die wöchentlich für vierzig Dollar von den „Shit-Porters“ abtransportiert und knapp zwei Stunden entfernt, in der Nähe von Gorak Shep, „endgelagert“ wird. Dass inzwischen auch sämtliche anderen Hinterlassenschaften menschlicher Zivilisation abtransportiert werden müssen, führt freilich noch nicht zu einer zufriedenstellenden Lösung. Denn unweit von Gorak Shep entstand so nur eine weitere, noch viel größere Kloake. Aufgrund der klimatisch bedingten Kälte und der großen Höhe verrotten selbst organische Abfälle sehr viel langsamer. Eine Sherpani berichtete mir einmal flüsternd von dem fürchterlichen Gestank, dem sie dort ausgesetzt seien, wenn der Wind schlecht stehe. Wenn das Everest-Basislager alljährlich am 30. Mai seine Pforten schließt, weil die Saison im Sagarmatha-Nationalpark dann unwiderruflich zu Ende ist, müssen der Müll entsorgt, alle Zelte abgebaut und alle Spuren der menschlichen Belagerung beseitigt sein. Wer in Kathmandu diesen Nachweis nicht glaubhaft und anhand von gewogenem Müll belegen kann, darf sich auf Sanktionen einstellen, die von empfindlichen Geldstrafen bis zum künftigen Einreiseverbot reichen.

An diesem strahlend schönen Tag 2001 ist es noch nicht neun Uhr, da ertönt von Weitem das „Schrapp-schrapp-schrapp“ eines Helikopters. Eine indische Militärexpedition hat einen Landeplatz auf einem Moränenhügel eingerichtet. Der Hubschrauber holt einen höhenkranken Bergsteiger ab. Die Aktion dauert kaum fünf Minuten. Doch beim Start fliegt der Helikopter so knapp über das Basislager, dass ein amerikanisches Kommunikationszelt zu Bruch geht: Zwei Stangen knicken, die Plane zerreißt. Von diesem Moment an herrscht „kalter Krieg“ zwischen Indien und den Vereinigten Staaten. Absprachen für die Arbeit am Berg werden beiderseits nicht mehr eingehalten. Per Funk werden falsche Wetterberichte und Lagebeschreibungen aus den Hochlagern lanciert. Keine Gesprächsbereitschaft – auf beiden Seiten nicht. Die Italiener solidarisieren sich mit den Amerikanern und die Franzosen mit den Chilenen, die bei den Indern gern gesehene Gäste zur Teestunde sind. Die wahnwitzige Ursache des kleinbürgerlichen Nachbarschaftsstreits ist ein 8848 Meter hoher Berg auf der Grenze zwischen Nepal und Tibet, an dessen Flanken jeder dreißigste Besteigungsversuch mit dem Tod endet. Doch Solidarität ist hier ein Fremdwort. Das alles erinnert vielmehr stark an einen modernen Turmbau zu Babel. Japaner und Koreaner, Deutsche und Basken, Spanier und Franzosen, Taiwaner und Australier, Amerikaner und Chilenen, Italiener und Österreicher – die halbe Welt tritt Jahr für Jahr am Everest an. Und immer ist es das gleiche Spiel. Zeltstadt aufbauen, sich gegenseitig Unterstützung, Hilfe und Zusammenhalt versichern. Miteinander stolpern sie die ersten Male durch den Khumbu-Eisbruch und richten die unteren Hochlager ein. Das geht gut bis zu dem Tag, an dem unter dem Südsattel Nervosität aufkommt. Wenn sich zum ersten Mal die bange Frage stellt: Wer geht wann in Richtung Gipfel? Hält das Wetter? Und wie ist der drohende Stau am Hillary Step zu vermeiden, wenn – wie am 23. Mai 2001 – achtundachtzig Bergsteiger zur gleichen Zeit einen Stehplatz am Dach der Welt begehren? Dann sind all die erzwungenen Freundschaften, die in Wahrheit nur zerbrechliche Zweckgemeinschaften sind, nicht mehr den trockenen Nordwand-Handschlag wert, mit dem sie erst ein paar Wochen zuvor geschlossen worden sind. Auf einmal regieren die Ellbogen. Jeder will hinauf. So weit wie möglich und irgendwie bis zum höchsten Punkt. Dann herrscht unter den Freunden der Berge Egoismus pur. Nur eines eint sie noch: Alle haben sie gezahlt für diesen verdammten Berg.

Eine Expedition zum Everest verschlang schon 2001 pro Mann ganz schnell 40000 US-Dollar – im Sparbudget kalkuliert. Und es wird immer teurer. Das können sich die meisten nur einmal im Leben leisten. Sponsoren sind für das Allerweltsabenteuer „Everest auf dem Normalweg“ heute kaum noch aufzutreiben. Bierbrauer und Seifenproduzenten, Magazine und Internetbanner – der Everest ist für sie alle kein wirklich spannender Hafen der Werbebranche mehr. Wen interessiert es noch, ob man der 3632. oder der 3633. auf dem Gipfel gewesen ist? Den Everest zu besteigen ist ein Egotrip geworden, der niemandem nützt und allenfalls noch auf der Lokalseite eine Meldung wert ist. Selbst die absurdesten Rekorde wurden inzwischen gebrochen. Rückwärtsgehend ist halt noch keiner hinaufgekommen. Interessant wird der höchste Berg der Erde erst im Katastrophenfall wieder. Inzwischen ist jedoch eine kuriose Entwicklung zu beobachten. Viele Everest-Besteiger und selbst gescheiterte Aspiranten tauchen hinterher plötzlich im Internet auf und bieten dort Managerseminare, Incentive-Wochenenden und Lehrgänge darüber an, wie man in extremen Situationen den Überblick behält, wie man „ganz oben in der dünnen Luft“ überlebt und wie weit Teamfähigkeit auf der Erfolgsleiter führen kann. Im Basislager sehen die Resultate dieser modernen Businesspredigten allerdings ganz anders aus. Monate der Entbehrungen, des Trainings, der Vorbereitung, des Wartens und Fieberns kanalisieren sich mit einem Schlag in blindem Ehrgeiz und lebensbedrohlichem Egoismus. Es gibt von Anfang Mai an nur noch das eine Ziel: den Südsattel und den vom Basislager aus nicht zu sehenden Gipfel, was die Sehnsüchte offenkundig ins Unermessliche treibt. Um erkennen zu können, wie der Sturm oben rast und die Schneefahne vom Gipfel kilometerweit davonträgt, muss man schon ein Stück hinauswandern in Richtung Gorak Shep und dort auf den unscheinbaren Gipfel des Kala Patar (5552 m), eines viel besuchten Trekkinghügels mit großer Aussicht, oder besser noch in das Lager I unter dem Pumori (7161 m), wo man den schwarzen Aufbau des Riesen noch viel schöner sieht. Das sind Logenplätze, die eine Vorahnung davon vermitteln, was einen weiter oben erwarten kann. Im Basislager jedenfalls löst das unsichtbare Objekt der Begierde praktisch über Nacht einen kollektiven Wahn aus. Die allermeisten Frauen und Männer sind aufs Äußerste gespannt, eint sie doch das Wissen, dass sie wahrscheinlich nur einen einzigen „Schuss“ haben und danach wohl kaum noch ein weiteres Mal zum Everest zurückkehren werden. Denn die wenigsten sind Profibergsteiger, der überwiegende Teil repräsentiert das Lager der Amateure. Blutige Anfänger oft, gesegnet mit einem brandgefährlichen Ehrgeiz und einem kaum mehr zu bändigenden Drang, sich selbst zu inszenieren. Dafür nehmen sie sogar ihr letztes Stündlein billigend in Kauf. Wenn man sich nämlich als Journalist outet und Bleistift und Papier zückt, dann beharren sie nur noch nachdrücklicher darauf, sich durchaus und vollständig darüber im Klaren zu sein, dass man „da oben leicht den Tod finden kann“. Reinhold Messner gab seinem Buch über die erste vollständige Sammlung aller vierzehn Achttausender noch den Titel Überlebt. Er wusste, wie das Überleben geht, lange bevor er sich dem Everest näherte. Seine Bergsteiger-Enkel wollen das offenbar erst vor Ort lernen. Denn wie anders ist es sonst zu erklären, dass all die Apas, Lakpas, Dawas, Purbas oder Pembas, also all die erfahrenen Everest-Sherpa, die immer gleiche Geschichte erzählen. Sie handelt von den perfekt ausgerüsteten Bergsteigern mit ihren dicken Daunenanzügen, den elefantenfußähnlichen Stiefeln und ihren modernen Telefonen, die aber nicht wissen, wie man Steigeisen im Stehen und ohne umzukippen anlegt. Oder von jenen Taiwanern, die 1996 versuchten, die spitzen Zacken in die Schuhsohle zu treten, weil sie glaubten, das sei die richtige Art, Steigeisen anzulegen. Apa Sherpa hat 2001 einen solchen „Kurs“ für ein paar Japaner halten müssen. Prompt gelangte er in dieser Saison nicht auf den Gipfel. Unter anderem auch, weil er bald einsehen musste, dass seine zwar reichen, aber offenbar unfähigen Klienten nicht den Hauch einer Chance hatten, auch nur in die Nähe des Gipfels zu gelangen.

Im Basislager ist es inzwischen Mittag geworden. Apa Sherpa bietet einen Besuch bei den „Eisenbiegern“ an. In einer Grube zwischen zwei Moränenhügeln hat sich eine nepalische Reinigungsexpedition unter Leitung von Ang Purba Sherpa eingerichtet. Er war 1979 mit Japanern am Gipfel. Einundzwanzig Jahre später leitete er seine erste große Aufräumtour am Everest – mit einem erstaunlichen Resultat: Vier Tonnen Müll, vor allem Alu-Stangen, -Leitern und Zeltreste trugen die Sherpa vom Berg; und dazu noch 632 leere Sauerstoffflaschen. Auch heute ist Apa Sherpa, dem der Berg alljährlich Geldsegen, Reichtum und Wohlstand beschert hat, begeistert. Wieder zersägen die „Rubbish-Sherpa“ gewaltige Anhäufungen von Aluminiummüll. Und in einem Zelt, sauber aufgestapelt, lagern auch diesmal wieder rund fünfhundert leere Sauerstoffflaschen. Knapp dreihundert Flaschen, berichten Apa und Ang Purba übereinstimmend, lägen noch am Südsattel, etwa die gleiche Zahl noch einmal auf der Gipfelroute. Das Bild von der höchstgelegenen Müllkippe hängt offenbar lange schon schief. Zwanzig Dollar für zehn Kilo Müll aller Art sind vor allem für die jungen Sherpa Anreiz genug, auch noch an ihren freien Tagen zu arbeiten und den Dreck vom Everest herunterzutragen, den ihre Väter in Auftragsarbeit hinaufgebuckelt haben. Doch kaum ist der Unrat in mühseliger Arbeit vom Berg herunter, katapultieren die Dreckschleudern der vielen Expeditionen ein Jahr später ihre nächsten Ladungen wieder hinauf. Der höchste Berg der Erde ist bei näherem Augenschein tatsächlich zu einem Freizeitpark verkommen. Der Mount Everest sei zum Spielgerät der Neureichen geworden, klagt Reinhold Messner. Sagarmatha, der „Gipfel in den Wogen des Meeres“, so nennen die Nepali den schwarzen Riesen, ist immer noch ein Mythos, doch Chomolungma, die „Muttergöttin der Erde“, wie der Berg auf Tibetisch heißt, hat viel vom einstigen Abenteuerglanz verloren. Ärger, Neid, Missgunst, Stolz, Überheblichkeit und Wollust, darauf legen die älteren Sherpa heute noch Wert, haben am Everest nichts verloren. Damit würden die Götter beleidigt. Die Praxis aber sieht anders aus. Trotz des 2001 eingeführten strikten Alkoholverbots wird bei manchem Sherpa-Fest reichlich und über die Maßen getrunken. Es muss dazu nicht einmal mehr ein Fest geben. Auf Yaks, aber auch unter den weiten Kleidern von Prostituierten wird der Alkohol ins Basislager geschmuggelt. Doch das Gebräu, das unter dem verlockenden Namen „Everest Whiskey“ verscherbelt wird, ist gefährlich für die Sherpa. Nicht wenige sind alkoholkrank geworden. Und sie wurden es auch durch die Nähe zu den Bergsteiger- und Trekkinggruppen. Unglaubliche Geldbeträge werden bei Kartengelagen verzockt, und wenn die jungen Sherpani mit der täglichen Bier- und Whiskeylieferung eintreffen, versteckt zwischen den Lasten, unter Kartoffeln und Reis, gibt es einen regelrechten Auflauf. Die Begleitoffiziere stehen dem Problem entweder machtlos gegenüber oder verschließen die Augen, weil sie selbst gern mal einen über den Durst trinken. Es gibt sie längst auch hier, die Kluft zwischen Arm und Reich. Die Stars unter den Sherpa verdienten schon 2001 bis zu 25000 Dollar im Jahr, Tendenz steigend. Sie werden von westlichen Expeditionen angeheuert und durchaus auch von Sponsoren unterstützt. Der höchste aller Berge hat ihnen Ruhm und Reichtum eingebracht. Zu Recht, sagen viele, denn die Sherpa seien nach wie vor die wahren Helden am Everest. Sie wissen inzwischen, wie die Pfründe verteilt werden. Und sie verteilen sie, wenn möglich, unter sich. Da müssen die Jungen lange Lasten schleppen, ehe sie als Kletter-Sherpa ganz hinaufgelassen werden, um dann an das richtig große Geld zu gelangen.

Am Nachmittag ist Apa Sherpa, der erfolgreichste unter ihnen, noch einmal auf seinen Hügel gestiegen. „Eigentlich bin ich gern hier. Das ist mein Arbeitsplatz. Hier verdiene ich das Geld für die Schulausbildung meiner vier Kinder. Aber jedes Jahr freue ich mich mehr, wenn das alles vorbei ist und ich nach Hause gehen kann. Der Everest ist nicht mehr so, wie er einmal war.“ Der Mann blickt betrübt auf den Rummelplatz unter seinem Berg. Bei der Erstbesteigung von Edmund Hillary und Tenzing Norgay war Apa noch nicht einmal auf der Welt. Aber er kann sich noch gut daran erinnern, wie es früher war, als es am Mount Everest noch etwas zivilisierter zuging.(* Bis hierher ist dieser Text das ungekürzte Manuskript einer Reportage über das Basislager des Mount Everest, die am 28. Mai 2003 in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung erschien.) 2001 hielt ich mich fast zwei Monate lang im Basislager unter dem höchsten Berg der Erde auf und sah mit eigenen Augen, wie es dort zuging, welche Menschen sich in diesem Schmelztiegel moderner Abenteuerlust versammelten und welcher Wahnwitz sich dort auf so eigentümliche Weise und vor allem vollkommen ungezügelt entwickelte. Ich machte in dieser Zeit sehr viele Notizen. Doch nachdem ich damals vom Mount Everest zurückgekehrt war, wollte ich über dieses Thema eigentlich nichts mehr schreiben – so sehr die Beobachtungen auch meinen journalistischen Ehrgeiz herausforderten. Ich hatte während dieser vielen Wochen in einer kommerziell strukturierten Gruppe unter Leitung des sehr erfahrenen und äußerst umsichtigen Expeditionsleiters Peter Guggemoos die deutschen Bergsteiger Dieter Porsche, Helmuth Hackl und Christian Rottenegger dabei unterstützt, ein Internettagebuch zu verfassen. Heute nennt man das einen „Blog“, und inzwischen geht das ganz einfach, sofern die Technik funktioniert. Nachrichten und Informationen direkt aus der Umgebung des Everest zu verbreiten hat eine lange Tradition. Aber noch nie war es so einfach wie im Zeitalter der modernen Kommunikation. 1953 hatten die Erstbesteiger ihre frohe Kunde vom Gipfelerfolg noch mit Postläufern, die vom Basislager nach Namche Bazar – den Hauptort im Khumbu-Gebiet – rannten, in Umlauf gebracht. Wir konnten 2001 bereits auf die Verbindung mit Satellitentelefonen vertrauen und schrieben unsere Texte in nicht mehr ganz so klobige Notebooks. Wenn jedoch die Verbindung kippte, mussten wir von vorn beginnen. Aber das nahmen wir ebenso in Kauf wie die exorbitant hohen Kosten dafür und die meist beängstigend langen Übertragungszeiten. Nur zehn Jahre später funktionierte das alles um ein Vielfaches leichter. Das Internetcafé im Basislager wird praktisch nicht mehr genutzt, weil inzwischen die modernen Handys und Smartphones dank einer starken WLAN-Verbindung problemlos funktionieren. Seit das so ist, wird in unzähligen Blogs und Foren jedweder geistige und körperliche Durchfall zu allen Tages- und Nachtzeiten weltweit und sofort verbreitet. Das schlägt für Bergsteiger, die mit kommerziellen Anbietern unterwegs sind und auf den Luxus von Internet, E-Mail und Zugang zu ihren Homepages nicht verzichten wollen, mit wenigstens 4000 US-Dollar im Monat zu Buch.

2003, also genau vierundzwanzig Monate nach meinem Aufenthalt im Basislager, jährte sich zum fünfzigsten Mal der Tag der Erstbesteigung von 1953, und ich schrieb zu diesem Anlass dann doch noch eine Reportage über das Basislager des Mount Everest für die Frankfurter Allgemeine Zeitung. An den Zuständen dort hatte sich im Wesentlichen nicht viel zum Positiven verändert. Bis heute hat sich daran nichts geändert. Während ich in meinen Aufzeichnungen stöberte, Interview- und Gesprächsaufzeichnungen noch einmal las, die ich während der über zwei Monate in Nepal gemacht hatte, wurde mir schnell klar, dass ich die Fülle an Informationen keineswegs in einer Reportage würde unterbringen können. Andererseits war all das Material, das ich gesammelt hatte, noch viel zu dünn, um daraus ein Buch machen zu können. Die Notizen wanderten also zu großen Teilen ungenutzt in die Truhe jener Schätze, die jeder Journalist besitzt und von denen wir alle wissen, dass wir sie eines Tages noch einmal bergen werden. Das Thema als solches blieb natürlich allgegenwärtig. Das lag vor allem daran, dass am Mount Everest auch in den folgenden Jahren immer wieder Schlagzeilen produziert wurden. Und nicht selten kam mir dann auch wieder in Erinnerung, was ich selbst dort an Interessantem zusammengetragen hatte. Dinge auch, die nicht immer nur vom Hauch des Todes, von der Dynamik der Besteigungen oder dem Gestank der Müllberge umweht waren.

Thame ist ein kleines Dorf im Solo Khumbu, drei Gehstunden von Namche Bazar entfernt in Richtung Rolwaling. Der Ort liegt ein wenig abseits des ausgetrampelten Everest-Trekkingpfades, weshalb es dort auch nicht viel gibt. Ein paar Häuser, eine gepflegte Lodge, mittlerweile auch eine Schule und das fast 400 Jahre alte Kloster. Die Mönche leben am steilen Hang, die Menschen im Dorf sehr bescheiden, die Kinder sind fröhlich wie überall in Nepal. Die Berge rund um Thame sind hoch, aber bei Weitem nicht so hoch wie der Everest. Und dennoch, in Thame fließt offenbar ein besonderes Blut in den Adern der Dorfbewohner. Dort lebte während seiner Kindheit und Jugend einst Tenzing Norgay, bevor er als 19-Jähriger nach Darjiling zog und schließlich 1953 mit Edmund Hillary zum Erstbesteiger des Everest wurde. Auch Apa Sherpa ist da geboren, wie ebenfalls der große Ang Rita, wie Lhakpa Rita und dessen Bruder Kami Rita. Apa (21-mal), Ang (10), Lhakpa (16) und Kami (18) haben den Mount Everest bis 2012 zusammengenommen 65-mal bestiegen. Es klingt stolz, wenn sie erzählen, dass sie aus Thame stammen. Als 12-Jähriger trug Apa Sherpa seine ersten Lasten. Er trug sie weit und vor allem hoch hinauf. Das brachte ihm rasch ein gewisses Ansehen und vor allem ein erkleckliches Einkommen. Apas Vater war früh gestorben und die Mutter nicht in der Lage, die Familie allein zu ernähren. Der freundliche Mann aus dem Land der Sherpa kann bis heute nicht genau angeben, wann er geboren wurde, aber das empfindet er nicht als besonders schlimm. Man beginnt die Berechnung seines Alters inzwischen weltweit im Jahr 1959. Als Apa in den ersten Jahren als Träger mit Trekkinggruppen unterwegs war, konnte er sich „überhaupt nicht vorstellen, jemals den Mount Everest zu besteigen“. Eine gute Schulausbildung wäre ihm viel wichtiger gewesen, Arzt wäre er so gern geworden. Aber es kam alles anders. Sein Arbeitsplatz sollte der höchste Punkt der Erde werden. Am 10. Mai 1990, zwei Jahre nachdem er in Thame Yang Chi geheiratet hatte, kam er zum ersten Mal dort oben an. Der bekannte US-amerikanische Höhenbergsteiger Pete Athans leitete seinerzeit die Expedition. Peter Hillary, Rob Hall und Gary Ball standen zusammen mit Apa auf dem Gipfel. Rob Hall wurde in dieser Zeit zu Apas bestem Freund. Als Hall im Katastrophenjahr 1996 unter dem Gipfel des Everest starb, war Apa daheim in Thame. „Wir haben damals gerade unsere Lodge gebaut, und meine Frau bat mich darum, in diesem Jahr nicht auf den Berg zu steigen und besser das Haus zu vollenden. Ich hatte wohl Glück gehabt, aber Robs Tod war schrecklich für mich.“ Scott Fischer war 1990 ebenfalls einer der Bergsteiger in Apas erstem Expeditionsteam. Auch Fischer starb 1996 in jenem verheerenden Höhensturm. Im Lauf all der vielen Jahren auf dem Dach der Welt lernte Apa fast alle großen Höhenalpinisten seiner Zeit kennen – und wurde selbst einer von ihnen. Akzeptiert, anerkannt, hoch respektiert. Er wurde mit Auszeichnungen dekoriert und überhäuft in einem Ausmaß, dass er sie selbst nicht mehr alle aufzählen kann. Apa war in den 1990er-Jahren eine der treibenden Kräfte, wenn es darum ging, Aktionen zu unterstützen oder selbst mitzuhelfen, den Everest vom Müll zu befreien. Als er am 11. Mai 2011, also exakt zwanzig Jahre und einen Tag nach seinem ersten Erfolg, den Everest zum 21. und letzten Mal bestieg, war dieser Gipfelerfolg verbunden mit dem eindringlichen Appell, den weltweiten Klimawandel zu stoppen. Apa wird nicht müde, für den Klimaschutz zu kämpfen und sich im Rahmen seiner Möglichkeiten und seiner in Nepal ungeheuren Popularität dafür einzusetzen. So brach er 2012 zu einer Trekkingtour auf, die ihn vom Kangchendzönga im Osten Nepals bis ganz in den Westen führte. Hundertzwanzig Tage lang und fast 2000 Kilometer weit wanderte Apa zu Füßen der acht Achttausender Nepals durch ein einzigartiges Naturparadies und bestieg dabei keinen einzigen Berg. Er hielt die Fahne seines kleinen Landes hoch und warnte mit seiner ruhigen Stimme vor den Gefahren der Erderwärmung. Auf den Everest will er nicht mehr steigen. „Ich habe einundzwanzigmal mein Leben riskiert – für mein Land und auch für die Expeditionsteilnehmer. Ich hatte großes Glück, dass ich das überlebt habe. Die Götter waren mir wohlgesonnen. Inzwischen hat mich das Alter eingeholt, und die jüngeren Bergsteiger sind nun dran“, sagt der Mann, der es mit seinen Fabelweltrekorden achtmal ins Guinness-Buch der Rekorde schaffte.

Inzwischen lebt Apa seit Jahren mit Yang Chi und den vier Kindern während der meisten Zeit des Jahres in Draper im US-Bundesstaat Utah. Freunde, Bergsteiger vor allem, haben geholfen, seinen Umzug zu realisieren. Er verkauft Bergsteigerausrüstung und bietet seinen Kindern eine solide Ausbildung. „Sie sollen das bekommen, was ich nicht hatte – den Zugang zu Wissen. Mit dieser Grundlage sollte ihnen ein gutes Leben möglich sein. Sie sollen nicht Lasten zum Everest tragen müssen“, sagt Apa. Dafür nimmt er es in Kauf, fern seiner Heimat Nepal zu leben. Dort ist er ein gefeierter Star, dem sich sämtliche Türen praktisch von allein öffnen. In den USA kennt ihn kaum jemand, dort ist er einer unter vielen. Er lacht noch immer gern und viel. Besonders seit er den Wahnsinn am Fuß des Everest mit einigem Abstand beobachten kann

Gegen 13.15 Uhr standen Reinhold Messner und Peter Habeler auf dem Gipfel des Mount Everest. Zeit und Raum hatten sich längst undefinierbar aufgelöst. Reinhold Messner würde später sagen: „In dieser Höhe fühlt es sich an, als sei das Gehirn mit Watte umhüllt.“


Walther Lücker „Der höchste Berg“

Weggefährten von Reinhold Messner

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