Minimalismus Buch
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Donnerstag, 23. Februar 2017 von Katharina Finke


Weniger ist oft mehr

Von der Shoppingqueen zur reisenden Minimalistin: Seit fast fünf Jahren lebt Katharina Finke aus dem Koffer. Mit jeder Reise wurde ihr dabei klarer, dass sie zum Leben nicht viel braucht. Zunehmend setzte sie sich mit Nachhaltigkeitsthemen und Materialismus aus­einander.

Dabei hat sie erkannt, wie wichtig es ist, manchmal loszulassen: nicht nur Besitz, sondern auch festge­fahrene Meinungen – und sogar Menschen.

Im Interview erzählt sie, wie sie sich den Herausforderungen ihres freien, minimalistischen Lebensstils stellte. Wie sie den Mut aufbrachte, sich auf Fremdes einzulassen, ihren Impulsen zu trauen und ihre Ängste zu erforschen. Ihr Ansatz zum Konsumverzicht beeindruckt und inspiriert, sein eigenes Leben zu entrümpeln und Ballast abzuwerfen.

Konsumverzicht als Lebensstil

Fast alles, was ich besitze, passt in zwei Koffer. Bis auf wenige Ausnahmen sind dies Dinge, die ich wirklich brauche: zwei Mäntel, zwei Jacken und zwei Blazer; drei Jeans, zwei Stoffhosen, acht Röcke und zwei Dutzend Kleider; ein Paar robuste Schuhe für den Winter, zwei mit Absätzen, zwei leichtere für den Sommer, Sandalen und Sportschuhe; Socken, Strumpfhosen, Unterwäsche, Sportklamotten; ein Bikini, eine Sonnenbrille, zwei Gürtel, eine Mütze und ein paar Schals; Haarbürste, Zahnbürste, eine Handvoll Kosmetikprodukte sowie Schmuck; ein Fön, zwei Handtücher, ein Schlafsack und ein Bügeleisen, alles in der Reisevariante; außerdem Strickjacken und Pullis, Kurz- und Langarmshirts sowie ein paar Blusen und Tunikas; zwei große und eine kleine Handtasche, ein Geldbeutel, ein Rucksack und ein paar Jutebeutel; zwei Reisepässe; ein Thermobecher, ein Korkbehälter für Salz; Notizbuch, Recherche- und Finanzunterlagen, ein paar Stifte, Kopfhörer und eine Schlafbrille; Adapter für Smartphone, Kamera und Laptop, auf dem sich auch meine digitale Bücher- und Musiksammlung befindet; dazu noch ein paar gedruckte Bücher, die ich nach dem Lesen wieder gegen neue tausche.

Das einzige Stück, das nicht in mein Reisegepäck passt, ist mein Rennrad. Alles andere, selbst mein Kung-Fu-Schwert und die Kung-Fu-Schuhe sowie eine bunte Decke aus Bali kann ich in einer Tasche und einem Koffer verstauen, wenn ich unterwegs bin.

Des Weiteren besitze ich einen Koffer und einen Umzugskarton mit Erinnerungsstücken, die ich bei meinen Eltern untergestellt habe. Darin: ein Tennisschläger, antikes Geschirr und Fotos. Eine Wohnung habe ich nicht. Genauso wenig wie Möbel oder ein Auto. Und das alles ist kein Experiment oder eine Übergangslösung. Es ist mein Alltag seit fast fünf Jahren.

Das Komische ist: Jetzt, wo ich aufschreibe, was ich alles besitze, kommt es mir vor, als wäre es viel. Dabei ist es nur ein Bruchteil dessen, was die Mehrheit der Menschen in der westlichen Welt besitzt: 10.000 Gegenstände nennt beispielsweise jeder Deutsche laut einer Statistik sein Eigen. Tendenz steigend. (aus »Loslassen. Wie ich die Welt entdeckte und verzichten lernte« von Katharina Finke)

Besitzlos leben - macht das glücklich?

Katharina Finke im Interview

Katharina Finke im Interview

Wo erreichen wir dich gerade?
In Berlin, ich bin gerade von einer dreimonatigen Asien-Reise (Bangladesch, Indien, Myanmar und Thailand) zurückgekehrt.  

Wie lebt es sich ohne eigenes Bett?
Sehr gut. Ich kann eigentlich überall schlafen. Manchmal reichen mir auch eine Isomatte, Ausklappsessel oder der Schlafwagen im Zug. Mir ist es nicht wichtig, dass die Möbel, die mich umgeben, mir gehören. Ich fühle mich schnell irgendwo wohl.   
 
Dein ganzes Leben passt in zwei Taschen – worauf würdest du niemals verzichten wollen?
Den Ring, den mir meine verstorbene Großmutter vererbt hat, Fotos, die mein Freund gemacht hat, und die Erfahrungen, die ich über die Jahre gesammelt habe. Außerdem bin ich sehr dankbar für meine deutschen Pässe, da sie mir ermöglichen, fast überall auf der Welt hinzureisen.

Dein Soundtrack für unterwegs?
Eine Mischung aus Soul/Jazz, entspannender und tanzbarer Musik. Sehr gern lass ich mich von der Musik der Destinationen, die ich bereise, inspirieren.  
 
Dein liebstes Buch für unterwegs?
Ich lese selten Bücher zwei Mal, da ich sie nach dem Lesen nicht behalte, sondern verschenke. Ich lese gern abwechselnd auf Englisch und Deutsch.  Als ich jüngst unterwegs war, habe ich folgende Bücher gelesen: »The Vegetarian« (Han Kang) und »Und das ist erst der Anfang« (Anja Reschke).

Dein Lieblingsort?
Den gibt es nicht. Ich fühle mich am wohlsten, wenn ich draußen in der Natur sein und Ruhe finden kann und auch wenn mich Menschen umgeben, die ich liebe. In Bezug auf reale Orte mag ich New York, Berlin und Portugal gern. Aber auch Neuseeland, Indonesien, viele Orte in Europa. Es fällt mir schwer, mich da festzulegen.  
 
Dein Tipp für alle, die sich in Verzicht üben wollen?
Nichts überstürzen. Sich erst überlegen, welcher Lebensbereich sich am besten für einen selbst eignet, um Verzicht zu üben. Sich darüber bewusst werden und schrittweise verzichten lernen. Wenn das gelungen ist, einen anderen Lebensbereich dazu nehmen. Wichtig beim Verzicht ist das Bewusstsein und die Nachhaltigkeit, weswegen ein allmählicher Prozess meiner Meinung nach besser ist als Radikalität.    
 
 

10 Tipps zum Loslassen

  • Ehrlich zu sich selbst sein, auf seine Intuition hören und sich selbst vertrauen. Denn es bringt nichts, sich zu irgendetwas zu zwingen.

  • Nicht versuchen, die Erwartungen anderer zu erfüllen.

  • Eigene Ansprüche runterschrauben bzw. mit weniger zufrieden sein.

  • Achtsamkeit und Bewusstsein schulen und sich überlegen, was wirklich wichtig ist (für sich selbst und die Welt).

  • Sich Stück für Stück seinen Ängsten stellen und mehr Mut haben.

  • Zweifel zulassen, aber den Tatendrang durch sie nicht bremsen lassen.  

  • Trotzdem nichts überstürzen und Schritt für Schritt loslassen. Dies als Prozess sehen und auf Radikalität verzichten.

  • Sich für das Loslassen erst einen Lebensbereich raussuchen und  dann beobachten, ob es einem gut damit geht. Wenn ja, einen weiteren hinzunehmen, wenn man bereit dazu ist. Und immer so weiter.

  • Menschlich bleiben, Spaß haben und das Leben genießen! Selbstkasteiung ist nicht die Lösung und »perfekt« gibt es sowieso nicht. 

  • Den neugewonnenen Raum und die Zeit nutzen, um neue Erfahrungen zu machen. Denn es ist wissenschaftlich erwiesen, dass uns das glücklicher macht als uns mit Materiellem zu beschäftigen.
Blick ins Buch
Loslassen – Wie ich die Welt entdeckte und verzichten lernteLoslassen – Wie ich die Welt entdeckte und verzichten lernte
Als Katharina Finke nach der Trennung von ihrem langjährigen Freund ihren Mietvertrag kündigt, entschließt sie sich, alles loszulassen, was sie bindet. Sie verschenkt und verkauft beinahe ihren ganzen Besitz und macht das Reisen zu ihrem Alltag. Als moderne Nomadin arbeitet sie rund um den Globus, lebt aus dem Koffer und wohnt auf Ausklappsesseln und in Luxusappartements. Sie lernt, ihren Impulsen zu trauen und ihre Ängste zu erforschen; schätzt die Erfahrungen, die sie unterwegs sammelt, und das intensivere Lebensgefühl, das sie durch die Befreiung von materiellen Dingen verspürt. Sie erlebt, wie radikale Freiheit überglücklich und zutiefst einsam macht. Dies ist ein Buch darüber, was es heißt loszulassen. Und woran es sich lohnt festzuhalten.

Loslassen


Fast alles, was ich besitze, passt auf eine Buchseite. Bis auf wenige Ausnahmen sind dies Dinge, die ich wirklich brauche: zwei Mäntel, zwei Jacken und zwei Blazer; drei Jeans, zwei Stoffhosen, acht Röcke und zwei Dutzend Kleider; ein Paar robuste Schuhe für den Winter, zwei mit Absätzen, zwei leichtere für den Sommer, Sandalen und Sportschuhe; Socken, Strumpfhosen, Unterwäsche, Sportklamotten; ein Bikini, eine Sonnenbrille, zwei Gürtel, eine Mütze und ein paar Schals; Haarbürste, Zahnbürste, eine Handvoll Kosmetikprodukte sowie Schmuck; ein Fön, zwei Handtücher, ein Schlafsack und ein Bügeleisen, alles in der Reisevariante; außerdem Strickjacken und Pullis, Kurz- und Langarmshirts sowie ein paar Blusen und Tunikas; zwei große und eine kleine Handtasche, ein Geldbeutel, ein Rucksack und ein paar Jutebeutel; zwei Reisepässe; ein Thermobecher, ein Korkbehälter für Salz; Notizbuch, Recherche- und Finanzunterlagen, ein paar Stifte; Kopfhörer und eine Schlafbrille; Adapter für Smartphone, Kamera und Laptop, auf dem sich auch meine digitale Bücher- und Musiksammlung befindet; dazu noch ein paar gedruckte Bücher, die ich nach dem Lesen wieder gegen neue tausche. Das einzige Stück, das nicht in mein Reisegepäck passt, ist mein Rennrad. Alles andere, selbst mein Kung-Fu-Schwert und die Kung-Fu-Schuhe sowie eine bunte Decke aus Bali kann ich in einer Tasche und einem Koffer verstauen, wenn ich unterwegs bin.
Des Weiteren besitze ich einen Koffer und einen Umzugskarton mit Erinnerungsstücken, die ich bei meinen Eltern untergestellt habe. Darin: ein Tennisschläger, antikes Geschirr und Fotos. Eine Wohnung habe ich nicht. Genauso wenig wie Möbel oder ein Auto. Und das alles ist kein Experiment oder eine Übergangslösung. Es ist mein Alltag seit fast fünf Jahren.
Das Komische ist: Jetzt, wo ich aufschreibe, was ich alles besitze, kommt es mir vor, als wäre es viel. Dabei ist es nur ein Bruchteil dessen, was die Mehrheit der Menschen in der westlichen Welt besitzt: Zehntausend Gegenstände nennt beispielsweise jeder Deutsche laut einer Statistik sein Eigen. Tendenz steigend.
Bei mir war das früher genauso. Bis zum Sommer 2012. Damals saß ich in einem winzigen Zimmer direkt unter dem Dach eines alten Hauses in Lissabon, als plötzlich eine E-Mail auf meinem Laptop-Bildschirm aufpoppte: »Katharina, ich will umziehen. Was sollen wir mit unserer Wohnung machen?«, fragte mich Arjun, von dem ich seit einigen Monaten getrennt war, der aber noch in unserer gemeinsamen Mietwohnung in Hamburg lebte.
Meine Bleibe in der portugiesischen Hauptstadt hatte ich Ana zu verdanken, die ich dort über Freunde kennengelernt hatte. Sie bot mir an, in ihrer Dreizimmerwohnung unterzukommen. Allerdings war nur noch die Abstellkammer frei. Für mich kein Problem. Doch Xavi aus Spanien, der das angrenzende Zimmer bewohnte, machte sich darüber lustig. »Loca Alemana – verrückte Deutsche«, nannte er mich. »Auf drei Quadratmetern leben und arbeiten – das ist doch nicht normal!«
Das war der kleinen, zierlichen Ana unangenehm, weil sie selbst Architektin war, und so versuchte sie, die Kammer für mich wohnlicher und bequemer zu machen: Sie gab mir einen Stuhl, damit ich mich an den kleinen Tisch unter dem winzigen Dachfenster setzen konnte, auf den gerade so mein Laptop und eine Tasse passten.
»Deine Sachen kannst du in dem eingebauten Schrank unterbringen«, sagte sie und organisierte mir später noch zwei schon etwas in die Jahre gekommene Campingmatratzen mit Blumenmuster in den Farben der portugiesischen Flagge: rot und grün. »Damit kannst du bestimmt besser schlafen!«
Ich schichtete die Unterlagen auf einen Sessel, den ich jeden Abend ausklappen musste, um darauf zu nächtigen. Dann gab es allerdings keinen Platz mehr zum Stehen oder Sitzen. Auch die Tür der Kammer ging dadurch nicht mehr auf, was mich jedoch freute, weil ich so etwas ungestörter war, denn zu meinem Zimmer gab es keinen Schlüssel und es konnte jederzeit jemand hereinplatzen. Privatsphäre hatte ich also nur bedingt. Meine Mitbewohner kamen vor allem immer dann, wenn das Internet ausfiel und sie den Router, der in meinem Zimmer stand, wieder in Gang bringen wollten. Und das geschah häufiger, da wir direkt neben Sé, der Kathedrale von Lissabon, in einem Viertel wohnten, wo viele der alten Bauten keine gute Netzabdeckung hatten.
Schockiert von Arjuns E-Mail saß ich noch immer ratlos vor meinem Laptop, als Ana bei mir hereinschaute.
»Tudo bem? – Alles klar?«, fragte sie besorgt.
»Pois … – Also …«, begann ich zögernd, und sie fragte auf Englisch weiter: »Was ist los, K?«
Dann erzählte ich Ana von Arjuns Nachricht. Sie schlug sofort vor, in unser Lieblingscafé zu gehen. Es lag nur wenige Schritte von Anas Wohnung entfernt, direkt an der Kathedrale. Dort setzten wir uns draußen in die Sonne und bestellten wie immer einen Garoto, Espresso mit einem Schuss warmer Milch, und Ananassaft mit frischer Minze. Es roch nach Meer, der Wind wehte salzige Luft den Tejo hinauf, an dessen Ufer die portugiesische Hauptstadt liegt. Die berühmte Straßenbahn Nummer 28 ratterte an uns vorbei und einen der sieben Hügel Lissabons hinauf zum Castelo. Das alte gelb-weiße Gefährt war vollgepackt mit Touristen, die pausenlos fotografierten. Als die Bahn vorüber war, zündete Ana sich eine Zigarette an, blies den Rauch in die vor Hitze flirrende Luft und fragte mich: »Hat dich seine E-Mail überrascht?«
»Sehr, so etwas hatte ich von Arjun nicht erwartet.«
Der wesentliche Unterschied zwischen uns war, dass ihm oft die Vorstellung von etwas ausreichte, ich es aber wirklich erleben wollte. »Ich will später nicht sagen: Das wollte ich auch immer machen – und es am Ende nicht getan haben«, sagte ich oft zu ihm. Er nannte mich deswegen manchmal seine kleine Antigone und zitierte Sophokles: »Ich will alles sofort und vollkommen – oder ich will nichts.« Mein größter Wunsch war immer, die Welt zu entdecken. Das setzte ich schließlich auch in die Tat um. Ich begann um die Welt zu reisen. Auf Europa folgten die USA, Kanada, Australien, Neuseeland und Indien. Zwischendurch flog ich immer wieder nach Deutschland, meist nach Hamburg, zurück.
»Wie war es für dich zurückzukehren?«, fragte Ana.
»Es war komisch und fühlte sich fremd an«, gab ich zurück. Ich habe mich immer nach der Ferne gesehnt, erklärte ich ihr. Wenn ich dann zurück in Hamburg war, fühlte ich mich dort auf Dauer nicht mehr wohl. Ich packte also gleich wieder die Koffer. So kam es, dass ich erst nach Buenos Aires flog und schließlich in Portugal strandete. Eigentlich war der Aufenthalt nur als Zwischenstopp auf dem Weg zurück nach Deutschland geplant gewesen – ich verlängerte jedoch immer wieder. Als freie Journalistin konnte ich selbst entscheiden, wo ich arbeiten wollte. Ich wusste allerdings auch, dass ich Lissabon bald wieder verlassen würde, denn meine nächsten Reisen waren schon geplant: Recherchen im Süden Portugals und Aufträge in New York.
»Überlege dir, was für dich wichtig ist«, riet mir Ana auf unserem Rückweg.
Als ich wieder in meiner kleinen Kammer saß und mich umsah, wurde mir klar, dass ich in den letzten Monaten nicht mehr gebraucht hatte als das, was ich bei mir hatte: Kleidung, Laptop, Handy. Und die Menschen um mich herum. Die Wohnung in Hamburg allein zu behalten würde eine Bürde für mich bedeuten. Insbesondere den Gedanken, dass ich mich während meiner Reisen aus der Ferne immer wieder um Zwischenmieter kümmern müsste, empfand ich als belastend. Also antwortete ich Arjun: »Lass uns die Wohnung auflösen.«

~

Einen Monat später flog ich von Lissabon nach Hamburg. Während des Fluges hatte ich ein mulmiges Gefühl, das ich nicht wirklich einordnen konnte. Ich empfand Aufregung, aber auch Angst. So etwas hatte ich noch nie zuvor erlebt. Mir war zum damaligen Zeitpunkt nicht bewusst, was für Konsequenzen die Wohnungsauflösung für mein Leben haben würde. Aber ich spürte, dass sich viel verändern würde.
Eine Stunde nach meiner Ankunft in Hamburg stand ich vor unserer Altbauwohnung in Eimsbüttel. Arjun nahm mich zur Begrüßung in den Arm. Lange und intensiv. Er presste meinen Kopf sanft an seine Schulter. Mit seinen knapp ein Meter neunzig war er fast zwanzig Zentimeter größer als ich. In der Wohnung roch es nach Kaffee. Alles wirkte wie immer. Doch das unbehagliche Gefühl aus dem Flugzeug wollte nicht verschwinden. Arjun bot mir Franzbrötchen aus unserer Lieblingsbäckerei an. So, als wollte er mir das Heimkommen im wahrsten Sinne des Wortes schmackhaft machen. Aber auch das konnte nichts an meiner Stimmung ändern. Ich bedankte mich, und wir setzten uns auf den großzügigen Südbalkon.
Von den Blumen und Kräutern, die ich angepflanzt hatte, als wir noch gemeinsam hier gewohnt hatten, waren nur noch verdorrte Stiele übrig. Arjun bemerkte meinen kritischen Blick und entschuldigte sich: »Sorry, aber ich hab einfach keinen grünen Daumen.«
»Das macht jetzt ja auch nichts mehr«, sagte ich.
Er guckte mich mit seinen großen braunen Augen traurig an. Ich wich seinem Blick aus und sah ins Wohnzimmer. Quer über den alten, heruntergekommenen Dielenboden verstreut lagen Stapel aus Notizen und Zeitungsartikeln. »Du hast noch gar nicht angefangen, die Kisten zu packen?«, fragte ich überrascht.
»Nein, ich wollte damit auf dich warten.«
Ich stand auf, trat durch die Balkontür und lief durchs Zimmer. Alles war wie früher. Außer, dass sich die Papierstapel in meiner Abwesenheit auf das Sofa, den kleinen Couchtisch und den Schreibtisch ausgeweitet hatten. Die Möbel versanken förmlich unter Papierbergen.
An die Stelle meines Unmutes über die Unordnung trat plötzlich Wehmut. Vor drei Jahren waren wir zusammen eingezogen. Und obwohl ich nun schon über ein Jahr nicht mehr hier wohnte, war alles noch sehr vertraut und mit so vielen Erinnerungen verbunden: Die Füße des Sideboards hatte Arjun durch Bücher ersetzt. Es war bereits einmal zusammengebrochen, weil er so viel Krimskrams darin verstaut hatte. Vor den alten grün-weißen Kacheln in der Wohnküche stand der Kühlschrank. An ihm hing immer noch ein Zettel mit der Botschaft: »Wir sind im Ribs.« In dieser Eckkneipe gegenüber unserer Wohnung hatten wir oft noch einen Absacker getrunken. Der Zettel stammte von einem Abend, an dem Arjun mit Freunden gefeiert hatte und ich nachkommen sollte. Wir hatten in unserer Wohnung eine schöne Zeit verbracht. Mit viel Beständigkeit, aber auch Freiheit für jeden von uns.
»Ist schon schade«, bemerkte Arjun plötzlich, als könnte er meine Gedanken lesen. Er war nun auch vom Balkon hereingekommen und stand hinter mir. Ich drehte mich um und stimmte leise zu: »Ja.« Unsere Blicke trafen sich. In diesem Moment erinnerte ich mich daran, wie wir uns bei meinem letzten Besuch in Hamburg noch in den Armen gelegen, ich ihm seine schwarzen Locken gekrault und wir gemeinsam geweint hatten. Jetzt schien alles nüchterner.
»Was machst du eigentlich mit deinen Sachen?«
»Ich werde mich von ihnen trennen«, antwortete ich.
In meiner kleinen Kammer in Lissabon hatte ich lange nachgedacht, ob ich meinen Besitz, der sich bis dato noch in der Wohnung befand, aufheben oder ausmisten sollte. Und ich hatte mich informiert: Die Sachen einzulagern, kostete mindestens dreißig Euro im Monat. Davon könnte ich unterwegs schon meine Handyrechnung bezahlen. Viel wichtiger für die Entscheidung, den Großteil meines Besitzes aufzugeben, war jedoch die Erkenntnis, dass ich auf Reisen an die meisten Dinge in Hamburg keinen Gedanken verloren hatte. Es ging mir gut ohne meinen Schreibtisch, mein Bücherregal oder meinen opulenten Kleiderschrank. Zu wissen, dass ich jeden Moment meine Siebensachen packen und weiterziehen konnte, hatte mir ein Gefühl von Freiheit gegeben, bei dem mir nichts fehlte.
Diese Leichtigkeit verschwand jedoch schon bei dem Gedanken daran, was sich noch alles auf unserem Dachboden befand und wie es mir immer davor gegraut hatte, ihn zu betreten. Mich durch schwere, ungeordnete und staubige Kartons wühlen zu müssen. Einen nach dem anderen zu öffnen und meist erst beim letzten zu finden, was ich gesucht hatte. Wenn überhaupt. Auf den Reisen, die vor mir lagen, konnte ich solche Gefühle und Gedanken nicht gebrauchen. Arjun hörte zu, nickte und schaute ein wenig ratlos.

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Foto Bühne: David Weyand