Katzen: 26 Dinge, die Sie über Ihre Katze wissen sollten
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Das wirklich wahre Katzen-ABC: Das Verhalten von Katzen verstehen

Dienstag, 08. März 2016 von Oliver Uschmann / Sylvia Witt


26 Dinge, die Sie über Ihre Katze wissen sollten

Wissenswerte Infos über die Welt der Katzen, lustig erklärt von Oliver Uschmann und Sylvia Witt. Die Bestseller-Autoren blicken tief in die Katzenseele und helfen Ihnen, Ihre Katze zu verstehen.

»Wenn eine Katze in Ihr Leben tritt, ändert sich alles. Sie betreten eine neue Welt. Eine Welt ohne Schlaf. Eine Welt ohne Ruhe. Eine Welt voller ungeahnter Sorgen. Sie werden ganz neue Gerüche kennenlernen, für die Sie keinen Namen haben, und ganz neue Geräusche, die Sie aufschrecken lassen, tief in der Nacht, wenn das Rätseln beginnt: War dies nun ein Einbrecher, der die Terrassentür ausgehebelt hat, oder doch eher der Kater, der die größte Zimmerpalme des Hauses in ihrem schweren Topf zu Fall brachte? Glas wird splittern. Keramik wird bersten. Regale werden fallen.« Oliver Uschmann / Sylvia Witt

Krallen rein!

Über das wahre Leben mit Katzen

»Krallen rein« ist ein Plädoyer für die Katz ohne Kompromisse. Ein Buch, in dem Katzenfreunde erfahren, wie es sich als Eigentum einer Katermeute so lebt, was die frisch eingeritzten Hieroglyphen in den Möbeln bedeuten und wie die Katzen schon auf der Kairoer Konferenz vor 30.000 Jahren ihre Herrschaft über die Menschheit planten. Außerdem übersetzen die Autoren salbungsvolle Sprüche aus Katzenkalendern in die Wahrheit, verraten, wieso kraftvolles Kacken ein Liebesbeweis ist und offenbaren, warum man nach der Bestrahlung der Katzenschilddrüse wochenlang nuklear verseuchte Streu in einem Strahlenfass sammeln muss.
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Vorwort
oder
Eine Warnung

 


Wenn eine Katze in Ihr Leben tritt, ändert sich alles. Sie betreten eine neue Welt. Eine Welt ohne Schlaf. Eine Welt ohne Ruhe. Eine Welt voller ungeahnter Sorgen. Eine Welt schillernder Horizonte.
Sie werden ganz neue Gerüche kennenlernen, für die Sie nicht einmal einen Namen haben, und ganz neue Geräusche, die Sie aufschrecken lassen, tief in der Nacht, wenn das Rätseln beginnt: War dies nun ein Einbrecher, der die Terrassentür ausgehebelt hat, oder doch eher der Kater, der die größte Zimmerpalme des Hauses in ihrem schweren Topf zu Fall brachte? Glas wird splittern. Keramik wird bersten. Regale werden fallen.
Sie werden lernen, dass der Mensch jedes Obst mit Schale essen, die Katze dafür Sofas schälen kann. Wie ein Ingenieur werden Sie begreifen, dass alles, was Sie umgibt, aus Einzelteilen besteht, denn die Katze wird sie eines Tages gut sortiert vor Ihnen ausbreiten. Falls Ordnung, Sauberkeit, Ruhe oder andere spießige Werte Ihren Geist jemals eingeengt haben: Jubilieren Sie – Ihre Katze wird Sie davon befreien!
Auf der Suche nach dem verschwundenen Tier werden Sie ­lernen, die Landschaft oder die Stadt, die Ihr Heim umgibt, mit ganz anderen Augen zu sehen. In den Möbeln und an den Wänden finden Sie Hieroglyphen vor. Kunstvoll eingeritzte Bande in die Vergangenheit. Ehrerbietungen der Haustiger an ihre alten ägyptischen Göttinnen. Selbst Ihre Träume werden sich verändern. Mit geweiteten Augen rasen Sie in der Nacht durch dunkle Kammern und verwinkelte Schluchten, immer dem Tier hinterher, das Sie längst im Griff hat. Am Tage verwandelt sich Ihre Sprache in ein einziges Drama aus Wort und Klang. Entweder geben Sie nur noch Befehle aus wie ein längst von Rekruten entmachteter Obergefreiter, oder Sie verfallen in fanatisches Fauchen, schluchzendes Schnurren oder kieksendes Kauderwelsch. Kein Mensch, der nicht selber ein paar Katzen gehört, wird Sie noch länger verstehen. Niemand, dessen Haut von Kratzern frei und dessen Seele von diesen Geschöpfen unberührt ist, wird mit Ihnen Ihr Leben teilen.
Wenn die Katze Sie findet, dann war’s das.
Wenn die Katze Sie findet, beginnt ein neuer Akt Ihres Lebens.
Falls Sie wie wir bereits lange mit Katzen leben, finden Sie sich in diesen Geschichten wieder – und schenken dieses Buch jedem, der noch ernsthaft glaubt, was in den Katzenkalendern steht.
Falls Sie noch unerfahren sind und mit dem Gedanken spielen, sich für einen Mitbewohner dieser Spezies zu öffnen – vergessen Sie das Image der Katze als ruhigen, zum Pelztier gewordenen Buddhisten und lesen Sie auf den folgenden Seiten die unzensierte Wahrheit.
Es ist im Übrigen ein Wunder, dass dieses Buch pünktlich in den Läden liegt. Denn drei Tage bevor wir das fertige Manuskript an den Verlag schicken wollten, war es plötzlich weg. So, wie alles weg war. Der Kater lag auf der Tastatur und sah uns an, als sage er: »Was muss ich da alles über mich lesen? Habe ich das autorisiert?« Mit einer einzigen Schrittfolge seiner Pfoten hatte er sämtliche Dateiversionen zunichtegemacht. Da wir täglich speichern, müssen es im Laufe der Arbeit über 125 Stück gewesen sein. Panisch klickten wir uns durch die Ordner. Wir wussten, dass Katzen fähig sind, die Strukturen zu verschieben und digitale Kisten unentwirrbar ineinander zu verschachteln. Gerade kam uns eine Idee, wohin der Ordner »Krallen rein!« gelangt sein könnte, da rannte der Kater erneut über das Keyboard. Was aussah wie wilde Willkür, war in Wirklichkeit die zerstörerischste Tastenkombination der EDV-Geschichte. Der Bildschirm wurde erst schwarz, dann blau, dann gab es einen Blitz. Schließlich erschien ein kleines Fenster in der Mitte. Ein Fehlercode. Niemand konnte ihn identifizieren. Nicht die IT aus dem Dorf. Nicht die IT im Verlag. Selbst der gütige, gratis ­gewährte Blick, den ein Experte der NSA auf den Rechner warf, brachte den Zugriff nicht zurück. Sollten Sie noch jung sein, Informatik studieren, in fünf oder zehn Jahren für die berühmte amerikanische Behörde arbeiten und dort im Büro vom legendä­ren Cat Shutdown des Jahres 2015 hören . . . jetzt wissen Sie, was damit gemeint ist.
Als wir, erfüllt von großer Müdigkeit und Ermattung, ganz unten angekommen waren, vor uns Tage und Wochen einer handschriftlichen Rekonstruktion des Geschriebenen aus dem Gedächtnis, bei der wir jeden Abend die Blätter im Tresor vor den Katzen in ­Sicherheit zu bringen gedachten, da betraten wir das Büro und fanden den Rechner eingeschaltet vor. Auf dem Bildschirm, glänzend weiß und geöffnet: die Datei mit dem Manuskript.
Der Kater saß daneben.
Wortlos meinte er: »So. Und das nächste Mal setzt man mich vorher in Kenntnis ...«
Die aktiven Helden dieses Buches sind vier der siebzehn Katzen, mit denen wir insgesamt bislang unsere Leben teilten: Gobi (♀), Tenhi (♂), Krischiperry (♂) und Gandhi (♂). Die Geschichten beginnen vor zehn Jahren, als wir mit Gobi das Haus im Münsterland bezogen. Wie im echten Leben stehen die Katzen mal gemeinsam auf der Bühne, mal treten sie ab, weil ihre Zeit gekommen ist. Kater Tom zum Beispiel, der viel zu kurz bei uns lebte, findet sich nur im Nachwort wieder. Einige der Katzen, die uns vor dieser Zeit gefunden hatten, finden in der Erinnerung Erwähnung. Keine war wie die andere, denn sämtliche Katzen auf dem Erdenrund haben ihren eigenen Charakter. Einiges aber teilen sie dann doch.
Die Kenntnis der Mathematik, um den richtigen Ansprungswinkel zu errechnen, bei dem das Regal garantiert umfällt.
Die Kenntnis der Psychologie von Machiavelli bis Adler, um dem Menschen stets das Gefühl zu geben, er wäre von selbst auf die vollständige Erfüllung ihrer Wünsche gekommen.
Und schließlich . . . die unbedingte Loyalität, sobald man sich ihrer nach langen Lernprozessen als würdig erwiesen hat.
Seien Sie vorbereitet.

 


»Die Menschheit lässt sich grob in zwei ­Gruppen einteilen: in Katzenliebhaber und in vom Leben Benachteiligte.«
(Francesco Petrarca)


Heißt auf Deutsch:
Die Katze stählt den Menschen. Unerbittlich. Die Fremdenlegion ist ein Kindergeburtstag dagegen. Ein Tortenback-Seminar für Marzipandoppeldecker mit rosa Zuckerglasur. Wer mit Katzen lebt, wird zum Athleten der Geduld und übt sich in Strategien, mit denen sich Weltkonzerne leiten und Imperien errichten lassen. Ohne Erbarmen rammt die Katze mit ­ihrem flauschigen Dickschädel Löcher in den Wall aus Bequemlichkeit, den man sich vor ihrer Existenz errichtet hat. Zuverlässig fegt das Training, das sie einem zukommen lässt, sämtliche »Benachteiligungen« hinweg. Mangelnde Disziplin, ein unsteter Geist und das eingebildete Bedürfnis, in einem intakten Gebäude länger als zwei Stunden durchschlafen zu müssen, weichen unter dem Kommando der Katze den Fähigkeiten wahrer Sieger. Wo Wille auf Wille trifft, entdeckt man sich selbst zum ersten Mal im Leben. Als vierbeiniger Bildhauer des Daseins fährt die Katze erst dann ihre Krallen wieder ein, wenn sie aus dem rohen Block Mensch, den sie sich erwählt hat, den Helden herausschälte, der allem und ­jedem trotzen kann.

A wie ABGESTANDENES WASSER

Wäre die Katze ein Mensch - der gesamte Getränkehandel stürbe den schnellen Tod. Man könnte ihr frisch geschmolzenes, für tausend Euro pro Flasche importiertes, isländisches Gletscherwasser anbieten ... die Katze würde sich umdrehen, zur Spüle gehen und hoffen, dass noch etwas von dem dreckigen Spülwasser im Becken steht.

Vollkommen verrückt macht es die Katze, wenn man mit lauwarmem Wasser Topfpflanzen gießt. Die Moleküle von Blumenerdenduft rauben ihr vor Lust die Sinne. Kraftvoll rammt sie das Schnäuzchen in die Keramik, um ein paar Tropfen zu ergattern, bevor es versickert ist. Das absolute Paradies auf Erden stellt für sie allerdings ein Indoor-Schneckenbecken dar. Was das ist und wie man es einrichtet?  Das müssen Sie selber lesen in...

B wie BAUERNHOFKATZE

Kommt eine Katze noch im Kleinkindalter vom Hof ist das so, als hätte man ein schwer traumatisiertes Kind adoptiert. Während sich ausgewachsene Hoftiger an ein Leben zwischen Ackerkrume und Kuhstall gewöhnt haben, verbringen Neugeborene ihre ersten Wochen häufig auf einem Heuschober und begegnen Menschen dort nur, wenn sie in Form des Veterinärs die Leiter hochgeklettert kommen, um ihnen unglaublich lange Nadeln in den Körper zu stechen.

Das Kuscheln und Kennenlernen, das zwischen Mensch und Katze sonst üblich wäre, fällt erst mal aus. Kommen sie dann dank einer erfolgreichen Annonce des Bauern im Alter von 6 bis 8 Wochen zu lieben Menschen in ein warmes und weiches Zuhause, stecken sie noch voller Misstrauen und Beiß-Instinkt. Sie wissen ja nicht, dass die Menschen, die sie nun kraulen wollen, nicht in der anderen Hand wieder die lange Spritze verstecken. Wie man diese posttraumatische Katzenstörung kuriert? Das müssen Sie selber lesen in ...

C wie CHEMIE

Genau wie wir Menschen benötigt die Katze irgendwann Medikamente der sogenannten Schulmedizin. Wo homöopathische Globuli und individuelle Bachblütenmischungen nicht mehr helfen, müssen Pillen ran, die der Mensch in allerfeinstes Pulver zerstampft und im Feuchtfutter verteilt, um die Katze gnadenlos zu überlisten.

Die sieht ihn daraufhin vor dem Napf, in dessen Füllung ein unwissender Mensch das untergemischte Pulver weder sehen noch riechen würde an, als wolle sie sagen: »Echt jetzt? Dein Ernst?« Ganz sicher kann man chemische Wirkstoffe nur als Tierarzt per Spritze in die Katze einbringen. Selten geht dabei was schief. Wenn aber doch, dann richtig.

So wirkt etwa das Mittel Diazepam, das Veterinäre bei langen Autofahrten zur Beruhigung des Tieres einsetzen, in einem von tausend Fällen »kontraindikativ«. Mit anderen Worten: Aus dem Stoff, der schläfrig machen soll, wird hochdosiertes Koks. Für die Katzenhalter, die mit einer auf diese Weise aufgeputschten Katze einige Stunden von der Spezialklinik im Norden nach Hause in den Süden fahren müssen, wird das Leben nach dieser Reise nicht länger dasselbe sein.

D wie DOMESTIZIERUNG

Die Grundregeln, welche bei der geheimen Weltkatzenkonferenz in Kairo vor 30.000 Jahren festgelegt wurden, um als Haustier fortan den Menschen in den Griff zu kriegen, gelten unter Katzen bis heute. Dabei stellten die Tiere sich auf der Konferenz die Frage: »Was zeichnet diesen aufrecht gehenden Zweibeiner am meisten aus? Was definiert ihn?« Die Antwort: Der Homo sapiens will grundsätzlich »alles im Griff« haben.

Ein Ergebnis seiner arretierbaren Daumen, das er auch sinngemäß auf jede Form der Kontrolle überträgt. Folglich gilt seitdem: Die Katze domestiziert den Menschen, indem sie ihn durch Ablenkung, Liegen auf Arbeitsgeräten und Zerstören der Umgebung daran hindert, sein Umfeld und sein Leben in den Griff zu bekommen, bevor er sie nicht gefüttert, bespielt, umgarnt und angebetet hat. Danach darf er machen, was er will. Zur Belohnung.

Auf leisen Pfoten

Geschichten von Katzen und Menschen

Katzenliebhaber ahnen es – diese faszinierenden Kreaturen leben nicht bei uns, im Gegenteil, sie sind es, die uns gnädigerweise in ihrem Umfeld tolerieren. Die 11 Geschichten von „Auf sanften Pfoten“ bestätigen diesen Verdacht. Ob der opernverrückte Kater Marcel oder Birbone, der Miniaturlöwe von Neapel , oder ob Pastille, die misogyne Katze von Albert - die kleinen Helden dieser Erzählungen sind auf beruhigend-beunruhigende Weise präsent. Lautlos und graziös bewegen sie sich durch die Seiten dieses Buches, ohne Spuren zu hinterlassen, und wissen dabei ganz genau, dass es nur dank ihnen existiert und nicht etwa umgekehrt. Hans Jürgen Greif erweist sich dabei nicht nur als Katzenkenner von Rang, sondern auch als ein Stilist, dessen Eleganz und Präzision seinen Protagonisten alle Ehre macht.
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E wie EIGENSINN

Wie wir alle wissen, gibt es in der menschlichen Spezies sehr viele Exemplare, die langweilig und berechenbar sind. In der Anthropologie nennt man diese Untergattung des Homo Sapiens auch latus copia, zu Deutsch: Breite Masse. Katzen kennen keine breite Masse. Von den Wildtieren mal abgesehen, die schon per Definition ungezähmt sind, gibt es auch unter rund 200 Millionen weltweit lebenden Hauskatzen keine, die der anderen im Charakter gleicht. Kann man trotzdem so etwas wie »Charaktertypen« feststellen, sind es niemals öde Kategorien, sondern ganz besonders ausgeprägte Persönlichkeiten. Die beiden extremsten Pole bilden dabei die »degagierte Diva« und der »Sozialkater«. Die Diva legt Wert darauf, nur dann von anderen Vier- oder Zweibeinern angesprochen oder bekuschelt zu werden, wenn sie darauf Lust hat. Anderenfalls macht sie eine Szene, die sich gewaschen hat. Der »Sozialkater« wiederum möchte steten, freundlichen Kontakt und versucht selbst die härteste Schale der launischsten Diva zu knacken. Hierbei ist er sich als Kater nicht einmal für den »Hundeblick« zu Schade.

F wie FLIEGENJAGD

Üblicherweise hat die Katze klare Prioritäten. Eine davon lautet: »Schlafen auf dem Schreibtisch«. Eine andere: »Schlafen auf der Decke.« Eine dritte: »Schlafen auf den nackten, harten Fliesen vor dem Badezimmerfenster, weil das gerade der einzige Punkt im Haus ist, auf den die Nachmittagssonne knallt.«

Diese Tätigkeiten sind sinnvoll und sollten auch vom Menschen mehr betrieben werden, denn sie verbrauchen keine Energie und stoppen den Klimawandel. Steht die Katze irgendwann mal auf, nimmt sie sich für diesen Vorgang mindestens ein Viertelstündchen Zeit. Das kann den halben Tag so gehen. Es sei denn, ein winziges Wesen taucht auf, das sämtliche Prioritäten über den Haufen wirft, so dass nur noch eine übrig bleibt: die Jagd.

Fängt der Mensch die Fliege nicht zuerst, entsteht somit folgende Einkaufliste von Gegenständen, die nach dieser Jagd neu gekauft werden müssen: Blumenkübel, Trinkgläser, Karaffe, Porzellankatzenfigur, Standvase, Tischvase, Küchenradio. Es sei denn, das Radio ist kabellos. Da die Herstellung all dieser Dinge sehr viel Energie kostet, ist somit auch die frisch erschlafene Klimabilanz wieder hin.
 

G wie GOURMET

Wenn Menschen anfangen, die Nase zu rümpfen, weil die Nachbarin Helene Fischer hört oder gerne Liebesromane liest, die in exotischen Ländern spielen, nennt man das »geschmäcklerisch«. Ein schönes, viel zu selten benutztes Wort. Wer geschmäcklerisch ist, hört natürlich selber heimlich Helene Fischer und hat ein ganzes Regalfach voller Bücher der Gattung »Love & Landscape« (so nennt man das in der Branche) - er gibt es nur nicht zu.

Bei Katzen ist das ähnlich. Auch sie möchten dadurch, bei welchem Futter sie die Nase rümpfen, vor allem ihre Zugehörigkeit zur höheren Geschmacksklasse beweisen. Deswegen verweigern sie sich dem ganz superbilligen Futter aus dem Discounter sogar weniger als bekannten Mittelklasse-Herstellern wie Whiskas, Felix oder Kitekat. Diese Marken halten sie für den ganz schlimmen Geschmack der »breiten Masse« ... übersehen dabei natürlich, dass es die unter Katzen gar nicht gibt. Sei's drum.

Billigfutter können sie goutieren. Ihm begegnen sie mit der gleichen sozialromantischen Toleranz wie der moderne Akademiker dem Trucker-Lied oder dem Gossen-Rap. Mit weniger bekannten Premium-Marken wie Almo Nature, Greenwoods oder Royal Canin können sie leben. Die maximale Abgrenzung allerdings garantiert ihnen das handgewolfte und nicht einmal in Tiermärkten, sondern nur auf Direktbestellung erhältliche Vollfleischfutter OmNomNom, der kulinarischen Entsprechung zu einer alten Vinylplatte des Ur-Bluesers Robert Johnson.

Katzen verstehen in 60 Minuten

Staunen im Stundentakt – Die Welt in 60 Minuten

Warum verhält sich meine Katze so? Was will sie damit ausdrücken? Was genau geht in ihr vor? Katzen können viel mehr als miauen, schnurren und fauchen. Doch es fällt den Menschen schwer, sie zu verstehen. Dabei ist Katzensprache alles andere Hexerei: Mit dem richtigen Hintergrundwissen lässt sie sich oft eindeutig übersetzen. In diesem ebenso fundierten wie amüsanten Buch erfahren Sie alles, was die geheimnisvollen Geschöpfe denken und wie sie sich mit Lauten, Mimik und Körpersignalen ausdrücken. Sie werden verstehen, warum Katzen schmollen, welche Gerüche sie abstoßen, warum sie schnattern, wenn sie durchs Fenster einen Vogel sehen. Und warum sie Fäden ausgerechnet aus dem Stoff Ihres Lieblingssessels ziehen.
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H wie HUNGER

Auf die Tatsache, dass sie Hunger hat, macht die Katze in insgesamt vier aufeinander folgenden Alarmstufen aufmerksam. Bei der »empörten Meldung« (Stufe 1) stellt sich in die Tür oder auf den Boden vor den Schreibtisch und sieht den Menschen an, bis er guckt. So, wie es unter Humanoiden auch bestens an der Ampel funktioniert, wenn man dem Nachbarwagen ins Fenster starrt. Guckt der Mensch, wird schrill und entrüstet miaut.

Die zweite Stufe stellt das »stoische Kratzen« dar. Ohne die Krallen zu verwenden, zieht die Katze ihren lederhaften Pfotenballen über glatte Oberflächen wie Fensterscheiben, Kompakt-Stereoanlagen oder das Gehäuse von Desktop-Rechnern. Sie erzeugt so ein für das Menschenohr seltsam unerträgliches Quietschen und Zerren, begleitet von der Sorge, die Oberflächen könnten Schaden nehmen.

Nützt das auch nichts beginnt Stufe 3, das »Anknabbern von Gegenständen«. Die Katze beginnt damit, Gegenstände zu essen. Natürlich isst sie die Sachen nicht, sondern beißt nur demonstrativ von ihnen ab, um das Ausmaß ihrer Verzweiflung zu zeigen. Spätestens, wenn sämtliche Kartons, Aktenordner oder Steuerunterlagen im Haus verspeist sind, sollte man die Katze füttern. Denn Stufe 4, den »zügellosen Wahnsinn«, möchte niemand ernsthaft erleben.

I wie INTELLIGENZ

Wer lange mit einer Katze zusammenlebt weiß es, auch wenn er es als »wissenschaftlich« denkender Mensch womöglich nicht wahrhaben will: Katzen verstehen alles! Jedes Wort. Schlau wie sie sind, lassen sie es sich allerdings nicht anmerken.

Das teilen sie mit den klugen Angestellten im Land, die sich im Gegensatz zu den dummen Angestellten immer gerade geschickt genug zeigen, um nicht gefeuert zu werden, sich darüber hinaus aber so begriffsstutzig verhalten, dass sie niemals zusätzliche Aufgaben zugeteilt bekommen. Wäre die Katze ein Mensch, sie hätte den Bestseller »Die Die Entdeckung der Faulheit: Von der Kunst, bei der Arbeit möglichst wenig zu tun« geschrieben.

Ihre enorme Intelligenz erkennt man allerdings nicht nur daran, dass sie stoisch so tut, als würde sie die menschliche Sprache nicht verstehen. Sie zeigt sich auch in ihrem Geschmack in Sachen Fernsehen. Läuft auf dem Bildschirm ein süßer Animationsfilm, ein gutes Fußballspiel oder die Sendung »Mathematik zum Anfassen«, ist sie voll bei der Sache. Läuft auf dem Fernseher ein hässlicher Horrorfilm,  eine politische Diskussions-Simulation oder ein boshaftes Klatschmagazin, wendet sie sich ab und kotzt einen Großen Ballen Haare und Galle in die Ecke.

Adventskätzchen

Die schönsten Geschichten zum Fest

Noch ist Herbst nicht ganz entflohn, klingt des Schlittenglöckleins Ton … 24 berühmte Autorinnen und Autoren von Margaret Atwood und Doris Lessing bis zu Ann Granger und Haruki Murakami schreiben über die Adventszeit, vorweihnachtliche Samtpfoten und Winterkätzchen. Eine Geschichte für jeden Tag, vom 1. bis zum 24. Dezember. Mit einer Rahmenhandlung von Thommie Bayer.
Taschenbuch
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J wie JAGDFIEBER

Im Haus jagt die moderne Katze ja hauptsächlich Fliegen. Außerhalb warten auf sie die klassischeren Beutetiere: die Feldmaus, die Spitzmaus, der Vogel und der Chihuahua. Ist die Katze ein Freigänger, erlegt sie an passenden Tagen mindestens ein Exemplar dieser Tiere. Wobei »gute Tage« heißt: Nicht zu kalt, nicht zu warm, nicht zu nass und nicht zu trocken. Man hat ja durchaus Ansprüche an den Sport. Gefressen wird keines der erlegten Tiere. Sie dienen lediglich als Liebesbeweis für den Menschen, der leider nicht begreift, wie sehr es der Katze schmeicheln würde, stopfe er sie aus und hänge sie an die Wand. Und wieso der Mensch so ausflippt, wenn es den Chihuahua der Nachbarn erwischt hat, kann sie mit stolzgeschwellter Brust erst Recht nicht verstehen. Reine Hauskatzen jagen Tiere außerhalb des Hauses imaginär durch die Fensterscheibe. Erspähen sie draußen etwa eine Taube auf dem Dach gegenüber, spannt sich ihr Körper an und sie beginnen zu zittern und ein nervöses, klackerndes Keckern von sich zu geben. Stolziert eine Katze provokant an der Terrassentür vorbei, springen sie fauchend und mit zehnfach verdicktem, aufgeplusterten Schwanz gegen das Glas.

K wie KOTZEN

Wenn die Katze kotzt, freut sich der Mensch. Das regelmäßige Hochwürgen und Ausspeihen von Haaren und Unrat unterstützt die Gesundheit und zeugt von einer soliden Verfassung. Damit es funktioniert, muss die Katze Gras fressen. Draußen auf der Wiese oder drinnen aus der Anzuchtschüssel. Steht kein Gras zur Verfügung, frisst die Katze die Zimmerpflanzen, was bei manchen Sorten - vor allem Palmen mit scharfkantigen Blättern - zu einem sehr unkomfortablem Kotzen führt und sogar giftig sein kann.

Ganz wie Mitbewohner in Wohngemeinschaften oder Söhne in der späten Pubertät erbricht sich die Katze am liebsten um 3:35 Uhr nachts auf den teuren Teppich oder das Sofa. Anders als beim Sohn kündigt sich der Schwall allerdings an, so dass man mit etwas Übung und Eile aus dem Bett springen und die Katze schnell noch aus der Reichweite des Möbels Richtung Fliesen oder Steinboden tragen kann.

Behält sie den Schwall solange noch bei sich und beginnt tatsächlich erst auf den abwaschbaren Bodenbelägen zu brechen, ist sie laut und deutlich mit Sätzen wie »Fein, fein, ganz fein gekotzt!« oder »Ja, feini brechen, ganz feini brechen!« zu loben. Eine Bekräftigung, die man sich, wenn der Wodka mit Red Bull bei zusammengekniffenen Augen aus den Nasenlöchern des Sohnes schießt, grundsätzlich verkneifen sollte.

Gespräche mit meiner Katze

Roman

Sara Leon geht auf die vierzig zu und ist nicht wirklich glücklich mit ihrem Leben. Sie ist überfordert mit ihrem stressigen Agentur-Job in London und hat sich von ihrem Freund Joaquín entfremdet, der eigene Wege geht. Sie hat Heimweh nach Spanien, wo ihr Vater mit seiner kleinen Buchhandlung ums Überleben kämpft. In dieser schwierigen Situation tritt plötzlich Sibila in ihr Leben, eine geheimnisvolle Abessinierkatze, die mehr über Saras Leben zu wissen scheint als sie selbst. An jenem schwarzen Tag, als Sara während einer wichtigen Präsentation in Ohnmacht fällt, der Arzt einen drohenden Burnout bescheinigt und der Freund sich als ziemliche Enttäuschung erweist, klopft eine goldfarbene Katze ans Küchenfenster und gibt ihr den ersten Rat: »Wenn du nicht mehr weiter weißt, folge deiner Nase!« Das tut die zutiefst verblüffte Sara dann auch und macht eine Entdeckung, die der Anfang vom Ende ist – vom Ende eines Lebens, das ihr schon lange nicht mehr gut tut … Mit eindringlichem Blick, Sinn für Humor und der Weisheit einer Spezies, die uns seit Jahrtausenden beobachtet, hilft Sibila Sara, ihr Leben neu zu gestalten. Denn es gibt viele Wege zum Glück, aber Katzen kennen die besten Abkürzungen.
L wie LAUTE

Woran erkennt man einen Katzen-Laien? Daran, dass er glaubt, die üblichste Äußerung einer Katze wäre das berühmte »Miau«. Dabei kommt speziell dieser Laut im Alltag mit Katzen erstaunlich selten vor. Prüfen Sie es selber und achten Sie drauf. Wann entfleucht den Stimmbändern ihres vierpfotigen Mitbewohners jemals ein klanglich eindeutiges und blitzsauberes »Miau«? Sehen Sie.

Viel häufiger werden unzählige Versionen von »Mau!«, »Meh-au!«, »Miek!« oder »Mäh!« verwendet, um nur die häufigsten zu nennen. Letzteres darf man sich nicht wie das Mähen von Schafen vorstellen, sondern wie eine herausragend putzige Patzigkeit. »Meh-au« weist meistens auf ungehaltenen Unmut hin und kann alles mögliche heißen. »Zu warm hier!« Oder: »Zu kalt hier!« Oder: »Laaangweilig!« Oder: »Der Weberknecht eben hat nicht geschmeckt und kratzt noch im Hals.«

Von jedem Laut, den die Katze von sich gibt, existieren unzählige Varianten. Durch Feinheiten in der Betonung bringt es die Katzensprache auf ebenso viele Vokabeln wie die Menschensprache durch ihre Vielfalt der einzelnen Wörter. Wobei mit »Katzensprache« lediglich die Kommunikation mit dem Menschen gemeint ist. Untereinander verständigen sich Katzen – vom Fauchen und Kampfgeräuschen einmal abgesehen – rein telepathisch sowie durch Gestik und Mimik.

M wie MIMIKRI

Im Vergleich zum Chamäleon, zur Stabheuschrecke oder zu manchen, farbwechselfähigen Fischen hat die Katze in Sachen Tarnung evolutionäre Nachteile. Denkt man. Die Unfähigkeit, ihr Fellmuster der Umgebung anzupassen, gleicht sie allerdings durch das im Tierreich mit Abstand größte Talent zum Versteckspiel aus.

Will eine Katze nicht, dass man sie findet, ist sie im Haus schwerer wieder zu entdecken als ein staubfarbener Ohrstecker. Draußen hat man überhaupt keine Chance. Die Techniken, welche die Katze beim Verstecken verwendet lauten »unfassliche Verkleinerung« sowie »mannigfaltige Mimikri«. Stoisch hockt das Tier plötzlich hinter einem eng an der Wand platzierten Schrank, in dessen Abstand zwischen Tapete und Holzfurnier üblicherweise nicht mal ein Kriminalroman passt.

Auch in Vasen, Töpfe, Astlöcher oder lose herumliegende Reifen kann eine Katze sich hineinfalten. Ihre Fähigkeit, den Körperumfang augenblicklich und auf Kommando um bis zu drei Viertel zu reduzieren, teilt sie mit keinem Säugetier außer den Kandidatinnen von »Germany's Next Topmodel«. Hat die Katze keine Lust, sich zu quetschen und zu komprimieren, stellt sie sich einfach so in den Raum, als gehöre sie zur Komposition. Wie ein perfektes Standbild hockt sie dann in der »mannigfaltigen Mimikri« neben Statuen, in Regalfächern oder zwischen Zimmerpalmenzweigen und wird erst bemerkt, wenn ihre Äuglein in dem täuschenden Wimmelbild blinzeln.

N wie NEUGIER

Eines der bedeutsamsten Sprichworte lautet: »Die Neugier ist der Katze Tod.« Die Behauptung, sie würde entweder nur schlafen oder fressen oder jagen, ist natürlich verkürzt. Ein ebenso edler wie gefährlicher Antrieb, den sie mit dem Menschen teilt, ist die Neugier. Stets so tuend, als würde sie in gelassener Gleichgültigkeit dösen, drehen sich ihre Ohren die ganze Zeit fein aufgestellt in Richtung jedes noch so leisen Geräuschs.

Sind die Klänge, welche die Katze hört, ihr vertraut, bleibt sie liegen. Dringt jedoch irgendetwas an ihr Ohr, das nicht in die Umgebung passt, springt die Neugier an und treibt die Katze in Richtung des Rätsels. Hierbei kennt sie keine Vorsicht, keine Umsicht und keinen Sinn für Gefahr. Angetrieben vom wahnsinnigen Wissenwollen schaltet sie jede Risikoabwägung aus. Hätte sie die finanziellen Budgets des Menschen sowie arretierbare Daumen, würde sie ebenfalls versuchen, den Mars zu besiedeln und hätte das Atom bereits zu Zeiten der Weimarer Klassik mit der Kralle gespalten. Beobachtet man eine Katze, die entlang von Dachfirsten, Herdplatten oder Landstraßengräben nicht eher Ruhe gibt, bis sie weiß, was los ist, begreift man erstmals richtig, wieso das Wort »Gier« in der »Neugier« vorkommt.

Krimikätzchen

Spannende Katzengeschichten

Katzen – die geheimnisvollsten und unergründlichsten aller Tiere. Sie kommen auf leisen Samtpfoten angeschlichen, und das Jagen liegt ihnen im Blut. Wenn Sie sich zusammen mit ihren zweibeinigen Gefährten auf Mörderjagd begeben, siegt Eleganz über Grobheit und Raffinesse über rohe Gewalt. Doch der größte Vorteil der pelzigen Detektive: Sie haben neun Leben. „Krimikätzchen“ vereinigt 14 mörderisch gute Geschichten mit Charme und Stil für alle Katzenliebhaber und Krimibegeisterte.

Sophie Winter

Felix, oder: Oh Lord, won’t you buy me
a Mercedes Benz

 

Bald. Es würde nicht mehr lange dauern. Bald würde es so weit sein. Felix hob die schwarze Nase in den lauen Wind und nahm Witterung auf. Bald. Im Frühjahr war das Gefühl am stärksten. Im Winter fast gar nicht vorhanden. Im Sommer schon eher. Aber jetzt, seit den ersten warmen Tagen …

Er sprang auf die Gartenbank und von da aus auf das Fensterbrett, das bereits in der milden Morgensonne lag, streckte die Hinterpfote in die Luft und pflegte das, was Eric Klöten nannte und Inge Kronjuwelen. Seit einigen Tagen nahm seine Unruhe täglich zu. Aber er konnte sich beherrschen. Er ließ es langsam angehen. Denn alles kam auf den richtigen Zeitpunkt an.

»Was ist los mit dir?«, hatte Zeus gequengelt, als er sich heute früh weggeduckt hatte, statt mit ihm zu spielen.

»Lass mich in Ruhe, Wischmopp«, hatte er geknurrt und sofort ein schlechtes Gewissen gehabt. Zeus war zwar klein und ziemlich hässlich, aber auch Hunde verdienen Respekt. Sogar wenn einer so albern aussieht wie ein Bichon Frisé. Und von sich behauptet, er sei in Wirklichkeit ein Coton de Tuléar. »Du verstehst das nicht«, hatte er vorsichtshalber hinzugefügt. Aber Zeus war bereits beleidigt abgezogen. Umso besser.

Felix setzte sich auf und nahm die Straße ins Visier. Die Dorfstraße war nicht stark befahren, sie war ja auch keine Durchgangsstraße, obwohl einige Autofahrer sie als Abkürzung benutzten. Fremde fuhren hier nur durch, wenn sie sich verfahren hatten. Oder wenn sie »die schöne Gegend genießen wollten«, wie Eric zu sagen pflegte, der ein sentimentales Verhältnis zu Harley-Davidson-Fahrern und Cabrios hatte.

Cabrios. Autos, die oben offen waren. Auf deren Lederpolster gut riechende Damen mit Kopftüchern saßen und deren Fahrer Lederhandschuhe trugen. O ja, Felix wusste ganz genau, was ein Cabrio war. Und in dieser Hinsicht teilte er Erics Vorliebe.

Er legte den Kopf auf die Vorderpfoten und schloss die Augen. Da war er wieder, dieser Duft. Seine Nase bebte. Oder bildete er sich nur ein, ihn zu riechen? Diesen Duft nach Lexol-Lederpflege und Benzin. Nach Milch und Mäusen. Nach Zigarettenrauch und Motoröl. Er spürte die kräftige Zunge seiner Mutter, die ihn wie eine Bratwurst hin- und herwendete, bis sie ihn von oben bis unten sauber geleckt hatte. Die Krallen seiner drei Geschwister, die mit ihm balgten. Die schwielige Hand von Anton, eine ölverschmierte Pranke, in der man unendlich sanft ruhte. Und die geschickten Finger von Toby, die zum Spielen lockten.

Das war sein Leben gewesen. Bis zu jenem Tag, an den er nicht denken wollte. Auch jetzt nicht. Nie wieder. Und dennoch …

»Wach auf, du Penner! Der Morgen ist schon halb vorbei! Komm endlich in die Gänge!«

Felix öffnete ein Auge. Zeus stand mit rotierendem Schwanz vor der Gartenbank und sah zu ihm hoch.

»Ich schlafe nicht«, sagte Felix und gähnte. »Ich denke. Du solltest das auch mal ausprobieren.«

»Denken! Denken! So’n Quatsch!«, kläffte Zeus, sprang auf die Gartenbank und versuchte, Felix’ peitschenden Schweif zwischen die Zähne zu nehmen.

Felix spitzte die Ohren. Ja, vielleicht sollte man aufstehen. Vielleicht war es heute so weit. Der Zeitpunkt war nah.

»Na gut, du Nervensäge«, zischte er, sprang von der Fensterbank und setzte sich in Bewegung. Schon um zu zeigen, wer hier der Schnellere war. Zeus japste vor Glück und jagte davon. Wer der Jäger und wer der Verfolgte war, konnte bald niemand mehr unterscheiden. Nur Felix wusste, dass er sich nie, niemals von einer kläffenden Töle jagen lassen würde. Er hetzte Zeus ums Grundstück, so lange, bis er das richtige Signal hörte.

Und das ließ nicht auf sich warten.

»Ein Auto«, japste Zeus, der die Dorfstraße hochlief. »Wir müssen …«

Doch während Zeus im Straßengraben verschwand, setzte Felix sich in ganzer Größe mitten auf die Straße und wartete.

Und tatsächlich. Auf der staubigen Dorfstraße näherte sich ein rotes, schlankes Auto. Oben offen. Ein Cabrio. Und natürlich hielt es, als der Fahrer Felix sah. Sie hielten immer.

 

»Was hat er bloß wieder? Er setzt sich auf die Straße und tut so, als ob er vor nichts und niemandem Angst haben müsste!« Inge war auf die Straße getreten und machte scheuchende Bewegungen mit beiden Armen. »Geh da weg, du Idiot!«, rief sie.

»Was für ein Prachtkerl!«, sagte der Mann, der aus dem Auto gestiegen war. »Ist das Ihrer?«

»Ja, und er hat einen Tick. Er …«

Der Mann lachte. »Ja, das sehe ich.«

Felix war durchs offene Seitenfenster ins Auto gesprungen. Es war – fast perfekt, dachte er, während er auf die Rückbank kletterte und am Polster roch. Gepflegtes Leder. Ein Hauch Parfüm. Und da war noch etwas. Er sog den Duft tief ein.

»Felix! Wirst du wohl?«

Der Mann lachte. »Lassen Sie ihn nur. Ich wollte mich sowieso ein wenig umschauen. Was für ein idyllisches Dorf!«

So was kam bei Inge gut an, dachte Felix und ließ sich auf dem Lederpolster nieder. Sie liebte Komplimente, auch wenn sie nicht ihr galten. Egal: Das verschaffte ihm ein paar ruhige Minuten.

»Und Ihr Kätzchen hier …«

Kätzchen? Fast hätte Felix sich zu seiner vollen Größe erhoben und einen Buckel gemacht.

»Er ist ein Kater. Er heißt Felix.«

»Hätte ich mir ja denken können. Bei dem Dickkopf.« Der Mann lachte leise. »Das sieht mir ganz nach einer Sibirischen Waldkatze aus. Das lange Deckhaar. Das gestromte Fell …«

»Ach, ein Rassekater ist der bestimmt. Der hat mehr als eine.« Jetzt lachte Inge.

»Und er liebt Autos?«

»Wie man sieht! Was meinen Sie, wie oft er schon in irgendein Auto geklettert und mitgefahren ist!«

In irgendein Auto? Nur in Cabrios. Und nur in ganz bestimmte. Sie mussten ein gewisses Alter haben. Und den dazugehörigen Geruch.

»Hier in der Gegend weiß mittlerweile jeder, wo das verrückte Vieh hingehört, das so gern blinder Passagier spielt.«

»Seltsam. Ich habe noch nie gehört, dass Katzen eine Leidenschaft fürs Autofahren hätten.«

»Felix hasst Autofahren – jedenfalls wenn es zum Tierarzt geht. Und wenn es unser Auto ist. Aber bei fremden Wagen …«

»Ich werde aufpassen, dass er rechtzeitig wieder aussteigt«, versprach der Mann.

»Wir haben uns schon oft gefragt, warum Felix diese seltsame Vorliebe hat. Vielleicht liegt es ja daran, dass er in einer Autowerkstatt geboren wurde?«

»Ach. Wie interessant.«

»Eines Tages hat seine Mutter ihren ganzen Wurf angeschleppt und auf dem Rücksitz eines alten Mercedes abgelegt, der restauriert werden sollte.«

»Nein!«

Felix hob den Kopf. Klang der Mann etwa missbilligend? Bis vor wenigen Minuten hatte er ihn eigentlich noch sympathisch gefunden, aber jetzt …

»Doch! Die Männer aus der Werkstatt haben die vier Purzelchen geliebt. Und das Muttertier verwöhnt. Es waren so schöne Tiere.«

Mutter war die Schönste. Bessy. Er spürte ihr duftendes Fell an seiner Wange, die seidenweichen, langen Tressen, silbern und rotgold, mit denen man so wunderbar spielen konnte. Mimi war ihr am ähnlichsten gewesen. Und Felix … »Du kommst ganz nach deinem Vater«, hatte seine Mutter geschnurrt, wenn er zwischen ihren Pfoten lag. »Er hatte Barthaare wie ein chinesischer Mandarin.« Was immer das war. Aber es klang beeindruckend. »Sein Pelz berührte fast den Boden. Er war so majestätisch. Ach …« Felix hatte nie mehr nach seinem Vater gefragt. Er war auch so glücklich. Bis zu jenem Tag, an den er nicht denken mochte.

»Und dann …« Inge räusperte sich. »Mein Mann hat Felix mit nach Hause gebracht, nachdem das Unglück passiert war.«

»Oh?«

Felix legte sich die Pfote über das Ohr. Er wollte das nicht hören. Er kannte die Geschichte. Er war schließlich dabei gewesen. Der kalte Luftzug. Ein Geruch nach abgestandenem Zigarettenrauch und Fusel. Die grobe, raue Stimme: »Was habt ihr euch denn dabei gedacht? In meinem Auto? Weg mit dieser Schweinerei!« Er würde nie vergessen, wer und was ihn aus dem Paradies vertrieben hat. Nicht den Mann. Und nicht das Auto.

 

Er schüttelte sich, roch noch mal an dem weichen Leder und sprang geräuschlos aus dem Auto. Inge und der Mann unterhielten sich noch immer, als er längst wieder ins Haus geschlüpft war, um ein paar Bissen zu sich zu nehmen.

Danach verprügelte er Zeus, der das aus irgendeinem Grund für einen Liebesbeweis hielt, und lief mit ihm einträchtig hinunter zur Flussaue. Felix hatte Lust auf eine fette kleine Maus. Und Zeus liebte es, die vielen Maulwurfshügel zu zerstören, eine wenig appetitliche Beschäftigung, aber Hunde waren nun mal so.

Der Tag war noch nicht gekommen. Aber er würde kommen.

 

In der Nacht weckten ihn schreckliche Laute. Ein hohes Wimmern. Ein markerschütternder Schrei. Felix brauchte eine Weile, bis er begriff, dass er sich selbst hörte. Du hast geträumt, sagte er sich mit hämmerndem Herzen. Nur ein Traum. Es ist nichts.

Aber es war der Albtraum seines Lebens gewesen. Auf ihrer wilden Flucht aus der schützenden Autowerkstatt hinaus in einen nasskalten Februarmorgen hatte er Mutter und Geschwister aus den Augen verloren. Ziellos war er durch einen Urwald aus Blech und Eisen und geborstenen Autopolstern geflohen, der sich hinter dem Werkstattgebäude erstreckte. Erst nach Stunden hörte er den Ruf seiner Mutter, die ein trockenes Plätzchen in einem verbeulten Wrack gefunden hatte, durch dessen zerborstene Fenster es eisig zog. Dort warteten auch zwei seiner Geschwister, nass und zitternd. Nur Mimi fehlte. Und obwohl Bessy sie suchte, rief und lockte, war sie auch am nächsten Tag nicht erschienen. Dafür fehlte jetzt Momo. Und ein paar Tage später lag Felix allein neben Bessy. Und schließlich war auch Bessy nicht mehr.

O wie OLF

Lautstärke misst man in Dezibel. Schärfe misst man in Scoville. Radioaktivität misst man in Millisievert. Was viele nicht wissen: Für die Intensität eines Geruchs gibt es ebenfalls eine Maßeinheit. Sie heißt Olf. Die Wissenschaft definiert »1 Olf« als den Geruch, der von einem Menschen ausgeht, der einen »Hygienestandard von 0,7 Bädern pro Tag bei 1,8 m² Hautoberfläche und sitzender Tätigkeit« einhält.

Bauarbeiter, Leistungssportler oder Ordner bei Festivals im Hochsommer kommen trotz vieler Duschbäder auf höhere Werte. Jungs im beginnenden Teenager-Alter kommen selbst frisch nach der Reinigung grundsätzlich auf zwei Olf im Ruhezustand. Ein Raucher dünstet zwischen 20 und 25 Olf aus, selbst wenn er gerade keine Zigarette angezündet hat. Eine kraftvoll kackende Katze nun treibt die Geruchsemission auf 30 Olf hinauf, aber nur, falls der Mensch im Badezimmer direkt neben ihr steht. Befindet er sich anderswo im Haus, hebt die Katze den Grad des Gestanks auf 50 bis 70 Olf an, um sicherzugehen, dass er die Erledigung des großen Geschäfts auch mitbekommen hat. Das ist lieb und brav gemeint, ähnlich wie beim Kleinkind auf dem Töpfchen, das Lob für sein »fein Kacki« einheimst.

Erdreistet sich der Mensch allerdings die Respektlosigkeit, das Katzenklo aus dem Badezimmer in den unteren Hausflur oder Keller zu verdammen, produziert die Darmflora der Katze aus Protest spezielle, noch weitgehend unerforschte Bakterien der Gattung Diabolicus odor, die den Kot bis zu einer Geruchsstärke von 150 Olf treiben können. Hierbei handelt es sich um Emissionen, die laut Emissionsschutzgesetz der Europäischen Kommission nicht einmal im Inneren von Müllverbrennungsanlagen erreicht werden dürfen.

P wie PRÜGELSTRAFE

Kehrt eine Katze nach einer Operation noch halb betäubt, schläfrig torkelnd oder sogar in einen »Strumpf« gepackt heim, reagiert ihre gesunde Mitbewohnerin auf diesen Anblick mit herausragender emotionaler Ehrlichkeit. Sie sagt nicht »Was machst du denn für Sachen?« und holt ihr in der Cafeteria einen Tee und die aktuelle Ausgabe des Goldenen Blatts. Nein. Sie zeigt ganz offen, wie erbost sie darüber ist, dass die kranke Katze ihr unnötige Sorgen aufbürdet - und zieht ihr mit der Pfote eins über die Ohren. Oder zwei. Wenn wir Menschen ehrlich wären, würden wir uns auch wie die Katzen benehmen. Was machen wir denn schließlich, wenn uns ein Familienmitglied durch seinen desolaten Zustand aus dem Alltag reißt?

Wir lassen alles stehen und liegen, nehmen uns Zeit und kümmern uns um den Armen. Ganz egal, wie es uns gerade geht. Aber was würden wir gerne machen? Ihm in die Fresse hauen und uns beschweren! Stellen Sie sich mal vor, wie erfrischend das wäre. Ihr Onkel liegt überraschend im Krankenhaus und denkt, er sei zu bedauern, da stürmen Sie plötzlich durch die Tür, schimpfen »was machst du mir solche Sorgen?« und schallern ihm eine, dass der Tropf am Ständer wackelt.

Blick ins Buch
Glück ist nichts für FeiglingeGlück ist nichts für Feiglinge

Roman

Sonjas einziger Lichtblick, ihr Ankerpunkt im Alltagstrott ist ihre Katze. Als die verschwindet, folgt Sonja ihr bis nach Island. Wo es lange Schatten zu überspringen gilt. Wo nichts mehr so ist, wie es war. Wo sie etwas findet, wonach sie gar nicht gesucht hat …

2

Mering, Bayerisch-Schwaben

Dank der Catcam erfuhr Sonja, dass Lady Goggo von einer anderen Nachbarin mit Leberwurst gefüttert wurde. Deshalb also war sie so gut genährt, obwohl sie bei Sonja wirklich wenig fraß. Nur bestimmte Beutelchen, und das auch nur an Tagen, an denen die Katzendame gnädig gestimmt war. Klar, wenn man alternativ fette Leberwurst schnabulieren konnte. Aber wie sollte Sonja der alten Habersetzer denn klarmachen, dass sie die Katze nicht füttern dürfe, weil das ungesund für ihre Katze sei. Schließlich konnte sie ihr gegenüber wohl kaum erwähnen, dass Lady Goggo ihre Snackbesuche im Hause Habersetzer filmte! Und leider konnte sie auch nicht damit kontern, dass Frau Habersetzers eigene Gewohnheiten ebenfalls sehr ungesund seien: Die Dame bewahrte nämlich Drei-Liter-Weinpacks im Kühlschrank auf. Dank ihrer filmenden Spionin wusste Sonja, wie oft die alte Dame vorbeischlurfte und aus dem kleinen Hahn etwas in ein Marmeladenglas laufen ließ, das sie sofort austrank.

Bei Sonja hatte sich inzwischen eine andere Art der Abhängigkeit eingestellt. Sie konnte auf die Filme ihrer Katze einfach nicht mehr verzichten. Zwar hatte sie sich den Inhalt der Speicherkarte probeweise ein paar Tage mal nicht angesehen. Dennoch brachte sie es nicht fertig, der Katze die Cam abzunehmen. Sonja war ein Mensch, der viel nachdachte und sich immer selber die Schuld gab. Und in ihrem tiefsten Inneren ahnte sie, dass ihr Wissen ihr Macht verlieh – und sie das Leben besser meistern ließ.

Die alte Habersetzer zum Beispiel war eine absolute Giftspritze. Sie hatte schon mehrfach Büsche abgeschnitten, die von Sonjas Garten über den Zaun hinübergewachsen waren. Dabei hatte sie die Zweige sehr weit zu Sonja hin gestutzt … Im Winter hatte sie Sonja öfter die Polizei auf den Hals gehetzt, weil sie angeblich ihrer Räumpflicht nicht nachgekommen war. Sie war ein böses zänkisches Weib, und das Einzige, was für sie sprach, war die Tatsache, dass sie Katzen zu mögen schien. Wenn die alte Habersetzer dann wieder an ihrer Tür stand und zu irgendwelchen Schimpftiraden anhob, blieb Sonja neuerdings rundum gelassen.

»Fräulein Sonja, Sie wissen schon, dass in Ihrem Garten Springkraut wächst?«

Ich weiß, dass du säufst, alte Hexe.

»Sie wissen schon, dass Sie das umgehend entfernen müssen. Und zwar bevor es springt. Sonst macht es alles andere tot, gell!«

Wenn du so weitersäufst, brauchst du zum Sterben kein Springkraut.

»Hören Sie mir überhaupt zu?«

»Sicher, Frau Habersetzer, ich mache das Springkraut weg.«

Man sieht es an deinen Äderchen und an deiner bläulichen Nase, dass du jeden Tag so einen Karton leerst.

»Ich mach es weg, ganz sicher«, sagte Sonja und lächelte zuckersüß.

Sonja genoss die Abende mit den Filmen ihrer Katze. Anders als in ihrem Berufsalltag saß sie ausnahmsweise am längeren Hebel. Sie verbrämte ihren Voyeurismus immer auch damit, dass sie so zumindest die Gewohnheiten von Lady Goggo besser kennenlernte. Und sie redete sich ein, dass sie die Katze dann auch schneller wiederfinden würde, wenn sie sich mal wieder irgendwo einsperren ließ. Das war nämlich schon mehrfach passiert. Das eine Mal hatte ihre Nachbarin Lorelai sie bei sich im Haus gefunden, was sie Sonja im Supermarkt brühwarm erzählt hatte. Ein anderes Mal war Lady Goggo beim Postboten Philipp im Wagen mitgefahren. Der hatte sie gottlob wiedererkannt und zurückgebracht. Der Postbote war irgendwie rührend, ziemlich verhuscht und verpeilt. Irgendetwas stimmte mit ihm nicht, aber er war Sonja sympathisch.

An diesem Abend erschien wieder der Garten des jungen Nachbarn zwei Häuser weiter im Bild. Inzwischen erkannte Sonja das schon anhand der ersten Wackeleinstellungen. Lady Goggo kam immer durch die Hecke, bevor sie sich ein Plätzchen auf der Terrasse von Sven Neidhardt suchte und sein Leben filmte. Heute stand die Tür zum Garten offen. Sven hatte irgendwelche Sachen auf dem Boden ausgebreitet, die er hochhob und dann wieder zur Seite legte. Was mochten das nur für Dinge sein? Sonja kniff die Augen zusammen. Gerade hielt er einen durchsichtigen Slip ans Licht und dann eine Korsage. Die Brüste waren mit Nieten gespickt und erinnerten an einen wehrhaften Panzer. Prüfend ließ er die Finger darübergleiten, dann griff er wieder zu den anderen Utensilien, die ziemlich merkwürdig geformt waren. Nur langsam begriff Sonja: Das waren Dildos. Wie ekelhaft! Offenbar war Sven Neidhardt ein Fetischist oder so was. Wie grauenvoll. Was spielte sich nur alles hinter den Fassaden ihrer beschaulichen kleinen Straße ab?

An diesem Tag hatte ihre Katze anschließend noch Elmar Steiger besucht, dessen Grundstück am Ende direkt an Sonjas grenzte. Auch er war einer dieser fanatischen Gärtner. Mehrfach hatte er sich beschwert, dass Sonja den Löwenzahn nicht ordentlich aussteche, weshalb diese heimtückischen Fallschirme zu ihm herüberflögen und alles verseuchten. Bei Elmar Steiger saß die Lady gerne am Klofenster. Sein stilles Örtchen lag wie bei all den anderen Siedlungshäuschen direkt neben der Eingangstür. Schräg unter seinem Klofenster stand ein Pflanztisch, den Lady Goggo nutzte, um aufs Fensterbrett zu springen. Von dort oben hatte sie gute Sicht auf Steiger. Er schien es nicht sonderlich zu schätzen, bei seinen Toilettenbesuchen Publikum zu haben. Selbst wenn die Zuschauerin nur eine Katze war. Einmal hatte er sogar eine Klorolle nach Lady Goggo geworfen. Diese Attacke hatte sie natürlich auch gefilmt.

Katzen haben bekanntlich ein ungeheures Beharrungsvermögen. Mehrfach hatte die Katze nun schon die Toilettenbesuche von Elmar Steiger gefilmt. Aus dem starken Wackeln der Aufnahmen folgerte Sonja, dass ihre Katze den Fenstersitz wohl dazu nutzte, sich zu putzen. Man weiß ja, wie lange Katzen sich putzen. In den Pausen filmte sie Steiger, der immer zwischen zwanzig und dreißig Minuten auf seinem Thron verbrachte. Er saß dort mit der Zeitung und ab und zu mit Pornoheften. Zwischendurch legte er die Postillen weg und drückte sich in die Brille wie ein Berserker. Sein Gesicht wurde zu einer faltigen Pressfratze.

Waren denn alle ihre männlichen Nachbarn so pervers gepolt? Der eine mit Dildos, der andere mit Schmuddelheftchen? Auch Marc hatte sie mal dabei ertappt, wie er einschlägige Bilder im Internet angesehen hatte. Sie hatte nichts dazu gesagt und sein Verhalten auf sich bezogen: Klar, sie war wohl einfach nicht sexy genug …

Auch Steiger beschwerte sich gern bei Sonja. Wenn er herantrampelte, bebte der Boden. Er läutete nie, sondern hieb mit seinen Pranken auf die Tür ein.

»Wenn Sie diesen Löwenzahn nicht ausstechen, dann schütte ich Ihnen demnächst Salzsäure in den Garten!«

Du alter Sack, ich weiß ganz genau, dass du auf dicke Titten stehst.

»Sie haben die Verpflichtung, sich an die Gewohnheiten bei uns in der Siedlung anzupassen. Gott hab Ihre Großmutter selig! Die wusste, was sich gehört.«

Du leidest unter Stuhlverhaltung, du alter Depp! Hol dir lieber mal ein Mittelchen gegen Verstopfung aus der Apotheke.

»Hat Ihre Großmutter Ihnen denn gar nichts beigebracht? Da vererbt sie ihr Haus an eine Schlampine wie Sie!«

Und an der Prostata hast du es sicher auch, du Tröpfler!

»Ich stech sie ja aus, Herr Steiger«, flötete Sonja. »Gleich nachher.«

Ja, dank der Catcam wusste sie, was für niedrige Wichte ihre Nachbarn waren. Nur so ließ sich diese Mischpoke ertragen. Seit sie hinter die Fassaden blicken konnte, ging es ihr viel besser. Deshalb mochte sie auf den Informationsvorteil nicht mehr verzichten. Und irgendetwas in ihr liebte diese Soap. Sie war ihr persönlicher Rausch. Und ihre stille Auflehnung gegen ein Leben, das so sehr an ihr zehrte.

Gestern erst war Elena völlig übermüdet aus der Schule gekommen und beim Mittagessen fast eingeschlafen. Ihre Chefin hatte einen Löffel nach dem Mädchen geworfen und darauf bestanden, dass die Hausaufgabenzeit trotzdem nach der Stechuhr einzuhalten sei. Dabei hätte Elena einfach jemanden zum Kuscheln gebraucht und einen Mittagsschlaf. In solchen Situationen sagte Sonja gar nichts. Sie blickte wie durch einen Schmierfilm auf das Treiben ihrer Chefin und ihrer Kolleginnen. Sie konnte einfach nicht argumentieren, ihr Mund war wie zugepappt. Allein der Blick ihrer Chefin machte sie zu einem stummen Fisch.

Im Berufsalltag erlebte sie ständig ein Gefühl der Ohnmacht. Umso mehr genoss sie die Macht, die ihr das Wissen um die dunklen Seiten ihrer Nachbarn verlieh. Dabei hatte sie, die langweilige Sonja, auch ihre Geheimnisse. Und zwar nicht nur die Catcam, die ihr immer neue Informationen lieferte. Eines Abends, als ihr nach der Arbeit besonders schlecht gewesen war, war sie auf ihre Terrasse getreten, um frische Luft zu schnappen. Auf einmal hatte sie die Lust überkommen, durch die Gärten zu schleichen. Sie war erst durch ihren eigenen Garten getapst und dann durch den von Frau Habersetzer.

Einige Tage später hatte sie ihren Streifzug wiederholt. Schon bald hatte sie ihr Gebiet erweitert. Sie wollte mehr sehen. Mehr Einblicke bekommen. Weniger wacklige Bilder. Sie wollte Klarheit. Die Häuschen in der Siedlung sahen von außen ziemlich ähnlich aus, und die Anordnung der Zimmer war absolut identisch. Es war wie ein Rausch. Sie bekam bei ihren nächtlichen Ausflügen Herzklopfen, und ihr Atem erinnerte an eine Dampflok. Jedes Mal, wenn sie auf Ästchen trat, zuckte sie zusammen. Dabei saßen ihre Nachbarn doch im erleuchteten Haus und konnten gar nicht sehen, wer sich da durch die Nacht pirschte. Bei Frau Habersetzer lief der Fernseher so laut, dass sie es gar nicht hörte, als Sonja einmal über einen Blumentopf fiel, der scheppernd seinen Inhalt über die Terrasse ergoss. Vor Schreck war Sonja zur Salzsäule erstarrt. Sie war wirklich nicht zur Beschatterin geboren.

Trotzdem liebte sie es, in die Welten ihrer Kontrahenten einzutauchen. Welten aus purer Geschmacksverirrung. Bei der alten Habersetzer lagen überall gestickte Decken und Läufer. Über den Armlehnen, über den Rückenlehnen, unter den Blumenvasen und in Bilderrahmen hinter Glas. Eine Orgie in Stick! Die alte Habersetzer stand alle zwanzig Minuten auf und füllte ihr Marmeladenglas neu. Einfacher wäre es gewesen, den Weinkarton einfach auf den hässlichen Couchtisch mit der Resopalplatte zu stellen. Aber so waren Alkoholiker eben …

Bei Elmar Steiger konnte man auf der Terrasse beim besten Willen nichts umwerfen, alles war akkurat verräumt. Auch sein Haus war so ordentlich, dass es an ein Musterhaus erinnerte. Die Schrankwand in Gelsenkirchener Barock erschlug einen Großteil des Wohnzimmers. Die moosgrüne Couch füllte den Rest aus. Steiger trank jeden Abend genau zwei Flaschen Bier und aß sieben kleine Pumpernickel-Wurstbrote. Das Brotzeitbrett richtete er rechtwinklig zur Tischkante aus und rückte es ständig neu zurecht. Jedes Brot war mit exakt drei Scheiben der immer gleichen Zervelatwurst belegt, die denselben Durchmesser wie der runde Pumpernickel hatte. Die Bierflasche und das Glas mussten auf derselben Höhe stehen. Daneben befand sich ein Glas mit Gurken, die er immer in vier gleich große Schnitze zerteilte. Eine Orgie der Zwanghaftigkeit. Nach dem Essen ging er aufs stille Örtchen. Das war der Moment, an dem Sonja davonschlich. Man wusste ja, wie lange das bei ihm dauerte …

Bei ihrer Nachbarin Lorelai musste sie beim Spannen besonders gut achtgeben. Lorelai rauchte nämlich und trat gern mal unvermutet in den Garten. Das machte die Sache natürlich auch spannender. Als Sonja bei einem ihrer nächtlichen Streifzüge von einem Seitenfenster aus in Lorelais Wohnzimmer schaute, war sie überrascht gewesen. Sie hätte Designermöbel aus Stahl erwartet und eine weiße Ledercouch. Doch Lorelais in die Jahre gekommene Einrichtung sah eher nach Ikea aus. Außerdem hingen überall kitschige Engel. Bilder von dicken Engeln, Skulpturen von Engeln, Schutzengelchen, Wandsticker in Engelchenform.

Als Sonja einmal unter Lorelais Fenster kauerte, strich ihr plötzlich etwas Weiches um die Beine. Der Schrei, den Sonja ausstieß, zerschnitt die stille Siedlungsnacht. Lady Goggo machte vor Schreck einen gewaltigen Satz zur Seite. Dabei hatte sie sich so gefreut, ihr Frauchen auch mal nachts in den Gärten zu treffen. Lorelais Terrassentür war aufgegangen. Eine Stimme rief in die Dunkelheit: »Ist da wer?« Anscheinend hatte sie nun die Katze entdeckt. »Machst du so einen Krach? Kloppst du dich mit anderen Katzen oder wie? Husch, weg da! Ksch, ksch, ksch!« Sonjas Puls schnellte in unglaubliche Höhen, während sie sich langsam auf ihr eigenes Grundstück zurückzog.

Immer wieder trieb es Sonja hinaus in die Nacht. Als größte Mutprobe hatte sie sich den Garten des Lustmolchs auserkoren. Während sie in Richtung Terrasse schlich, wurde es auf einmal taghell, und sie hörte hinter sich eine laute Stimme, die sie anherrschte: »Was machen Sie da?«

Sonja fuhr herum. Vor ihr stand Sven, der anscheinend gerade aus seinem Gartenhaus gekommen war. Offenbar hatte sie mit ihrem Herumschleichen einen Bewegungsmelder ausgelöst, woraufhin das helle Licht angegangen war.

Ihr Nachbar hielt eine Kiste unterm Arm, aus der einer dieser Dildos ragte. Seltsam geriffelt und neongrün. Er machte keine Anstalten, den Gegenstand zu verbergen, und sah Sonja nur sehr genervt an.

»Ich … äh … suche meine Katze. Die ist … äh … seit zwei Tagen weg. Sonst kommt sie abends immer zu mir zurück …« Sonja traten Tränen in die Augen. Vor lauter Angst.

»In meinem Garten suchen Sie?« Er klang eigentlich sehr nett.

»Ich weiß, ich hätte läuten sollen, aber es war schon so spät. Da habe ich mir gedacht … Tut mir leid, Herr Neidhardt …«

»Sven, bitte. Und du bist …?«

»Sonja … Sonja Weber. Aus der Fünf. Zwei Häuser weiter.«

Er nickte. »Du fährst so ein kleines blaues Auto, das du immer abwürgst?«

»Ja … ich …«

»Und die Katze ist diese kleine Bunte, oder?«

»Ja, genau. Lady Goggo ist wahnsinnig neugierig. Sie lässt sich ständig irgendwo einsperren.«

Er sah sie an, als wäre sie ein bisschen gaga, was im Grunde ja auch zutraf. Schließlich stand sie gerade im Garten ihres perversen Nachbarn und redete Müll. Dabei sah dieser Sven unverwackelt sehr sympathisch aus. Er hatte nette braune Augen, eigentlich ein Durchschnittstyp. Aber waren das nicht die Gefährlichsten? Sie war ja auch ein Durchschnittstyp – und sie spannte! In diesem Moment strich etwas um ihre Beine. Lady Goggo!

»Da ist sie ja«, jubelte Sonja. Alle Anspannung entlud sich in diesem kleinen Satz.

»Was für eine Freude!«, kommentierte Sven sarkastisch. »Gute Nacht, die Damen. Wenn die Frau Gagga … äh … Goggo wieder bei mir herumtigert, werd ich sie heimschicken.«

Sonja stolperte mit einem »Danke … entschuldigen Sie … äh … entschuldige du« von dannen. Lady Goggo protestierte, sowie Sonja sie sich unter den Arm geklemmt hatte, aber sie ließ nicht los, sondern verfrachtete die Katze ins Haus und verriegelte die Katzenklappe. Dann begann sie zu heulen. Diese Nachtwanderungen mussten wirklich aufhören.

Q wie QUALITÄTSPRÜFUNG

Beim Kapitel über das Futter wurde klar: Einerseits rümpft die Katze bei ihr nicht genehmen Sorten die Nase. Andererseits dient das nur der Abgrenzung und der Angeberei, während sie heimlich doch gerne die Zähne ins Junk Food rammt. In anderen Bereichen allerdings legt die Katze eine erstaunliche Orientierung an der reinen, unverfälschten Qualität an den Tag. Ohne Hintergedanken. Ohne Posing. Das erstaunlichste Beispiel dafür bietet die Musik.

Unterscheiden sich die Katzen in allen anderen Dingen von Individuum zu Individuum, haben alle uns bekannten Exemplare den gleichen Sinn für geschmacksunabhängig herausragende Fähigkeiten im Bereich der Komposition und des Arrangements. Ob Männlein oder Weiblein, ob jung oder alt, ob Kurzhaar oder Perser - jede einzelne Katze reagiert auf Platten von Miles Davis, Wolfgang Amadeus Mozart, Morten Harket, Chris Rea, Pink Floyd sowie Sting damit, sich vor die Anlage zu hocken und jedem einzelnen Ton an der Trompete, am Klavier, an den Geigen oder am Standbass hochaufmerksam zu lauschen. Ein Sinn für Qualität, der in dieser stilistischen Breite sogar den meisten Musikjournalisten abgeht.

R wie RASEN

Beim Aufenthalt im Garten überfällt manche Katzen aus heiterem Himmel die bislang noch wenig bekannte »gigantische Gras-Euphorie«. Sie hat nichts mit dem zweckmäßigen, teils sogar gelangweilten und pflichtbewussten Grasfressen zu tun, welches das ordnungsgemäße Kotzen sicherstellt. Die »gigantische Gras-Euphorie« stellt das absolute Gegenteil einer Pflichthandlung dar. Sie ist Rausch und Sog, Entrückung und Ekstase. Mit Anlauf und Wonne rammt die Katze dabei ihr Gesicht zwischen die Halme und schiebt ihre Wange über den Boden. Um mehr Druck aufs Köpfchen zu bekommen, senkt sie den vorderen Teil ihres Körpers ab und stemmt ihren Hintern in die Höhe. Nur noch einen Hauch fester, und sie bekäme so viel Druck auf ihren Schädel, dass sie damit bequem Probebohrungen für Schiefergasvorkommen vornehmen könnte. Wie eine Getriebene fräst sie ihre Wangen durch die Wiese. Linke Wange. Rechte Wange. Weißes Fell verfärbt sich grün. Grashalme, Erdbröckchen und Wildkleeblätter bleiben darin hängen. Ob es der Geruch ist oder ein gesunder Rasen irgendwelche betörenden Substanzen freigibt, die aus ihm LSD für Katzen machen, ist noch nicht geklärt.

S wie SITZEN

Nähert man sich als manischer Mensch der Moderne dem Burnout, begegnet man früher oder später als Gegenmittel den Lehren des Buddhismus. Im Zentrum der Lebensweise des »Zen« steht neben Achtsamkeit und Vermeidung von Multitasking (»Nur das tun, was du gerade tust«) vor allem das stille, meditierende Sitzen. Keine Erleuchtung, kein »besser werden« als andere Buddhisten, kein »erst am Ziel sein, wenn ...» Nur: Sitzen. Fertig. Aus. Der legendäre japanische Zen-Meister Kodo Sawaki schreibt: »Zazen bedeutet "nur ich selbst", "Alleinheit". Werde eins mit dir selbst! Deshalb sage ich, dass wir mit Zazen keinen Zweck verfolgen. Wir sitzen einfach. Wir sitzen, eins mit dem Universum.«

Kodo Sawaki war eine Ausnahmegestalt in seinem Tiefenverständnis von Zazen, doch selbst er stand einem wichtigen Tempel vor und reiste pausenlos durch ganz Japan, um die Lehre zu verbreiten. Andere Zen-Meister wie Thich Nath Hanh schrieben am laufenden Band Bestseller. Der Dalai Lama redet mit der Bildzeitung. Mit anderen Worten: Selbst die Weltmeister im Nichstun haben ganz schön viel unternommen.

Der einzig wahre Zen-Meister ist deswegen die Katze. Sie sitzt. Guckt. Sitzt. Schreibt keine Bestseller dabei. Gibt keine Vorträge. Klar, wenn sie ihren Energieanfall bekommt, rast sie wie besessen durch das Haus, springt quer durch zwei Geländer über den Abgrund des Treppenhauses, katapultiert sich auf den Kleiderschrank und an seinem Ende wieder herunter, rollt sich unter dem Bett hindurch wie einst Horst Matula unter dem Rolltor im Vorspann von »Der Alte« und geht im wahrsten Sinne des Wortes die Wände hinauf. Aber wenn sie sitzt, dann sitzt sie. Fertig. Aus.

T wie TEMPORÄRES LIEGEN

Zu den besten und gehaltvollsten Katzenvideos im Internet gehören jene, die zeigen, wie man mit einem einfachen Seil eine Katze fangen kann. Und zwar so: Legen Sie das Seil auf den Boden und bilden Sie damit einen Kreis. Fertig. Die Katze, die diesen künstlich abgetrennten »Raum« erspäht, kann nicht anders, als sich hineinzusetzen. Das Verrückte? Es stimmt! Es ist tatsächlich so!

Das Gleiche gilt für ein Handtuch, das man einfach irgendwo hinlegt, wo es sonst nicht liegt. Eine Decke. Ein Stück Pappe. Einen Karton. Beim Karton kommt noch das evolutionäre Grundgefühl der Katze hinzu, sich in eine Höhle, die wärmer als der Boden, gut isoliert und halb geschlossen ist, gerne zurückzuziehen.

Das generelle Phänomen allerdings nennen wir: das temporäre Liegen. Denn: Befänden sich der Seilkreis, das Handtuch, die Decke oder der Karton immer an dieser Stelle im Raum, wäre der Reiz des Ungewöhnlichen und der einmaligen Möglichkeit nicht gegeben. Sie ist eben vorübergehend, temporär. Die Katze folgt an dieser Stelle der Haltung unseres bekannten Romanhelden Hartmut, der in der Geschichte »Chancen nutzen« beim Vorweihnachtseinkauf völlig ohne Grund die Straßenseite wechselt und auf die Frage seines Begleiters, was das solle, antwortet: »Weißt du, wie selten in den heutigen Städten die Straße frei ist? Die Chance musste ich nutzen!«

U wie UMZUG

Die Katze mag keine Veränderungen. Temporäres Liegen auf zeitlich begrenzt abgestellten Kartons, Klamottenstapeln oder Trittleitern, ja. Aber keine zu plötzlichen Umbauten. Verrückte Möbel. Überraschende Durchbrüche. Neue Wände. Ein Graus. Aber immer noch harmlos gegen die absolute Zumutung aller Zumutungen - den Umzug! Da wird man in eine Transportbox gesteckt und in eine neue Umgebung verfrachtet! Hallo? Euer Ernst? Wie, das neue Haus ist besser, größer, schöner und katzengeeigneter? Mit einer Klappe hinaus in den katzentauglichen Garten voller spannender Büsche und Hecken? Na und?

Entscheidend ist doch: Wieso hat man mich, die Katze, nicht gefragt? Kommt die Katze im neuen Haus an, begeht sie es in aller Ruhe und stellt für sich selber fest: Mist, ist tatsächlich besser! Und der Garten? Geil! Natürlich darf die Katze diesen Stimmungswandel nicht sofort zeigen. Daher beginnt sie kurz nach dem Umzug mit dem »vorwurfsvollen Schweigen«. Kein Knatschen. Kein Klagen. Dafür aber: Spannung in der Luft. Katzen beherrschen das vorwurfsvolle Schweigen besser als Schwiegermütter. Sie haben eine telepathische Verbindung zu ihren Menschen und können über diesen Kanal nicht nur empfangen, sondern auch senden.

Es gibt hundert verschiedene Facetten lautloser Kommunikation, wenn eine Katze nur so daliegt. Das gleiche Liegen kann im Inneren des Menschen auf magische Weise gelassenen Frieden oder größte Unruhe erzeugen. So, wie beim vorwurfsvollen Schweigen, das je nach Katze 10 bis 15 Tage andauern kann. Es folgen: Das vorwurfsvolle »verstört Herumsitzen« (7 bis 9 Tage) und das »ganz aus Versehen in herumstehende Werkzeugkästen oder Kleistereimer springen« (3 bis 5 Tage). Danach gibt die Katze zu, dass das neue Haus ganz okay ist. Solange es tatsächlich stimmt.

V wie VERSCHWINDEN

Wenn eine Katze ihr Revier verlässt und sich auf fremdem Terrain versteckt, wird sie augenblicklich vom »scheuen Schweigen« überwältigt. Statt sich lautstark zu melden und auf sich aufmerksam zu machen, gibt sie keinen Ton mehr von sich. Wird sie im Haus auch nur eine Sekunde gegen ihren Wunsch in einem Zimmer eingeschlossen, schlägt sie augenblicklich Alarm, sendet Hilferufe aus dem Fenster oder steckt bei geschlossener Scheibe das Köpfchen in den Kaminschacht, um ihre Klagelaute aus dem Schornstein heraus übers Dorf erklingen zu lassen.

Verläuft sie sich allerdings in der unmittelbaren Nachbarschaft, setzt sie sich einfach hin und hält die Klappe. Der tiefere Sinn dieses »scheuen Schweigens« liegt darin, auf komplexe und intensive Weise den Grad der Liebe ihres aktuellen Futtergebers zu testen. Sie beobachtet aus dem Versteck heraus die Suchaktionen ihres Menschen und prüft.

Wie lange und wie beharrlich sucht er nach mir? Sucht er auch nachts? Beginnt er sofort mit der Suche, selbst wenn er barfuß und nur in kurzer Hose herumläuft? Traut er sich, sämtliche Häuser in der Umgebung zu betreten und mit den Bewohnern zu diskutieren? Bricht er die Häuser auf, falls die Bewohner nicht da sind? Schlägt er Bewohner, die ihn nicht in ihrem Haus oder in ihrem Schuppen nachsehen lassen wollen? Bricht er irgendwann weinend zusammen und fleht die Katzengöttin Bastet an, mich zu ihm zurückzubringen? Erst, wenn der Mensch sich als würdig erwiesen hat, bricht die Katze das Verstecken ab. Außer es fängt an zu regnen. Dann nimmt sie an einem anderen Tag einen neuen Anlauf.

W wie WECKEN

Die Katze ist ein Wecker. Sie schätzt feste Aufstehzeiten. Feste Aufstehzeiten des Menschen natürlich. Sie bestimmt, wann er sich aus dem Bett quält, um ihr das Frühstück zu machen. Weigert er sich, findet sie Mittel und Wege seiner Konditionierung, von denen jeder Säugling, jeder Feldwebel und jeder Erpresser noch lernen kann. Die sanfteste Methode ist das »lautlose Anstarren«.

Katzen können ihre Menschen wachstarren. Lautlos stehen sie neben dem Bett, kerzengerade, das Köpfchen auf Matratzenhöhe. Und gucken. Hypnotisieren den Schlafenden. Bis er aufwacht. Ignoriert der Mensch die Wirkung und tut so, als ob er weiterschläft, springt die Katze aufs Bett und stampft auf ihm herum. Erweicht ihn diese Pfotenmassage ebenfalls nicht, fängt sie damit an, Bücher vom Nachttisch zu werfen. Brillengestelle. Hustensaftflaschen. Den eigentlichen Wecker.

Sollte der Mensch dann immer noch so tun, als wäre er nicht längst wach, betrachtet es die Katze langsam als Beleidigung ihrer Intelligenz. Sie sieht sich um. Prüft die Umgebung. Hebelt das erste Bild vom Nagel an der Wand. Wer reagiert, hat verloren. Für immer.

X wie XENOPHOBIE

Katzen sind fremdenfeindlich. Einfach so. Ohne sich zu schämen. Wer ihr Revier betritt, darf keine Willkommenskultur erwarten. Jeden Tag prüft die Katze ihre Grenzen, Meile für Meile. Man kann sie nicht überlisten, nicht austricksen, nicht mal auf legale Weise ein Visum einreichen oder Asyl beantragen. Wer das Revier der Katze durchqueren will, muss ihr glaubwürdig versichern, dass er weiterzieht. Wer ernsthaft erwägt, dauerhaft einzuwandern, muss sich auf was gefasst machen.

Etwas anders verhält es sich, wenn der Mensch einen neuen Mitbewohner ins Haus bringt und den vorhandenen Katzen gar keine Wahl lässt, ob sie die Einwanderung akzeptieren oder nicht. In diesem Fall gilt die 1-zu-3-Regel. Das heißt: Sind zwei Katzen im Haus, ist die erste die »Ablehnende« und die zweite die »Begrüßungskatze«. Bei dreien ist die dritte wieder erstmal gegen alles. Die Vierte grillt dann wieder Willkommenswürstchen. Undsoweiter. Postboten, Baukräne oder fremde Menschen vor der Tür werden von nahezu allen Katzen misstrauisch beäugt und von manchen Katern sogar wie von Hunden angeknurrt.

Ist nur eine Katze im Haus, freut sie sich meistens über die Zuwanderung. Vorausgesetzt, der neue Mitbewohner will nicht augenblicklich die Herrschaft an sich reißen. Dann gibt's auf die Schnauze. Einfach so. Ohne sich zu schämen.

Y wie YIN YANG

Die berühmten Begriffe Yin und Yang stammen aus der chinesischen Philosophie des Daoismus und meinen polar einander entgegengesetzte und dennoch aufeinander bezogene Kräfte wie "hell und dunkel", "hart und weich" oder "weiblich und männlich". Während Menschen sich meistens zu viel auf die eine oder andere Seite konzentrieren, sorgen Katzen jeden Tag instinktiv für den Ausgleich der Kräfte. Besonders deutlich macht dies das beliebte und berühmte Poster namens "Katzenmanifest", welches in 10 Bildern die 10 Phasen eines Katzentages beschreibt: Fressen. Schlafen. Nervös herumtigern. Fressen. Herumlungern. Schlafen. Schlafen. Arrogant gucken. Schlafen. Fressen. Schlafen." Entscheidend für die Lebenskunst des Yin und Yang ist die Abwechslung in der Reihenfolge. Daher isst man als Mensch schließlich süßen Nachtisch nach salzigem Mahl. Oder nimmt als Musiker nicht ein Album mit 12 Balladen und keinem einzigen lauten Stück auf. Oder eben doch, zur Freude aller vier Kunden.

Z wie ZÄHNE

Beißen ist bei der Katze nicht gleich Beißen. Ganz und gar nicht. Würde man die hundert fein abgestuften Bissarten auf einer Skala zusammenfassen, stünde am harmlosesten Ende der Skala der »zarte Liebesbiss«. Hierbei legt die schnurrende Katze ihre Zähnchen wie spitze Federn auf die Handhaut des Menschen. Am anderen Ende der Skala befindet sich der »panische Mörderbiss«.

Er kommt zum Einsatz, wenn der Mensch die Katze aus einer traumatisch schlimmen Lage retten muss, etwa wenn sie sich in einem auf Kipp gestellten Fenster verkantet hat. In Todesangst beißt sie während der Rettungsaktion in die Hand, die sie rettet und setzt dabei mit ihrem Kiefer alligatorenhafte Kräfte frei. Die gleichen Zähne, welche die Haut sanft streicheln können, dringen nun durch Haut, Fleisch und Sehnen. Wenig später findet sich der Mensch in der Notaufnahme wieder. Schiene, Gips und kiloweise Antibiotika. Denn die zarten Zähne der süßesten Vierbeiner der Welt haben es in sich. Während ein Hundebiss nur in maximal 20 Prozent der Fälle eine lebensgefährliche Infektion nach sich zieht, liegt die Wahrscheinlichkeit, ohne Krankenhausbehandlung durch die eigene Katze umzukommen, bei 50/50.

Womit bewiesen wäre: Nur die Harten können mit den Löwen leben. Eine der schlimmsten Krankheiten, die Katzen bekommen können, lässt die Zähne ausfallen und heißt »Foal«. Sie ist unheilbar und führt dazu, dass sämtliche Beißerchen gezogen werden müssen. Wer das verhindern will, gibt seinen kleinen Lieben bitte jeden Tag das Algenpulver »PlaqueOff« ins Futter, eine präventive Zahnpflege, die kaum jemand kennt und die daher unbedingt erwähnenswert ist, damit die Zähne auch morgen noch kraftvoll durchs Menschenfleisch dringen können.

Kommentare

1. Mag.
Brigitta ALEXANDROVICZ am 21.07.2018

Wunderbar phantastisch beschrieben mit viel Humor und Witz. Es stimmt einfach alles. DANKE fūr diese literarische Köstlichkeit.

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