Katzen: 26 Dinge, die Sie über Ihre Katze wissen sollten
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Das wirklich wahre Katzen-ABC: Das Verhalten von Katzen verstehen

Dienstag, 08. März 2016 von Oliver Uschmann / Sylvia Witt


26 Dinge, die Sie über Ihre Katze wissen sollten

Wissenswerte Infos über die Welt der Katzen, lustig erklärt von Oliver Uschmann und Sylvia Witt. Die Bestseller-Autoren blicken tief in die Katzenseele und helfen Ihnen, Ihre Katze zu verstehen.

„Wenn eine Katze in Ihr Leben tritt, ändert sich alles. Sie betreten eine neue Welt. Eine Welt ohne Schlaf. Eine Welt ohne Ruhe. Eine Welt voller ungeahnter Sorgen. Sie werden ganz neue Gerüche kennenlernen, für die Sie keinen Namen haben, und ganz neue Geräusche, die Sie aufschrecken lassen, tief in der Nacht, wenn das Rätseln beginnt: War dies nun ein Einbrecher, der die Terrassentür ausgehebelt hat, oder doch eher der Kater, der die größte Zimmerpalme des Hauses in ihrem schweren Topf zu Fall brachte? Glas wird splittern. Keramik wird bersten. Regale werden fallen.“ Oliver Uschmann / Sylvia Witt

Krallen rein!
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Über das wahre Leben mit Katzen

„Krallen rein“ ist ein Plädoyer für die Katz ohne Kompromisse. Ein Buch, in dem Katzenfreunde erfahren, wie es sich als Eigentum einer Katermeute so lebt, was die frisch eingeritzten Hieroglyphen in den Möbeln bedeuten und wie die Katzen schon auf der Kairoer Konferenz vor 30.000 Jahren ihre Herrschaft über die Menschheit planten. Außerdem übersetzen die Autoren salbungsvolle Sprüche aus Katzenkalendern in die Wahrheit, verraten, wieso kraftvolles Kacken ein Liebesbeweis ist und offenbaren, warum man nach der Bestrahlung der Katzenschilddrüse wochenlang nuklear verseuchte Streu in einem Strahlenfass sammeln muss.
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A wie ABGESTANDENES WASSER

Wäre die Katze ein Mensch - der gesamte Getränkehandel stürbe den schnellen Tod. Man könnte ihr frisch geschmolzenes, für tausend Euro pro Flasche importiertes, isländisches Gletscherwasser anbieten ... die Katze würde sich umdrehen, zur Spüle gehen und hoffen, dass noch etwas von dem dreckigen Spülwasser im Becken steht.

Vollkommen verrückt macht es die Katze, wenn man mit lauwarmem Wasser Topfpflanzen gießt. Die Moleküle von Blumenerdenduft rauben ihr vor Lust die Sinne. Kraftvoll rammt sie das Schnäuzchen in die Keramik, um ein paar Tropfen zu ergattern, bevor es versickert ist. Das absolute Paradies auf Erden stellt für sie allerdings ein Indoor-Schneckenbecken dar. 

B wie BAUERNHOFKATZE

Kommt eine Katze noch im Kleinkindalter vom Hof ist das so, als hätte man ein schwer traumatisiertes Kind adoptiert. Während sich ausgewachsene Hoftiger an ein Leben zwischen Ackerkrume und Kuhstall gewöhnt haben, verbringen Neugeborene ihre ersten Wochen häufig auf einem Heuschober und begegnen Menschen dort nur, wenn sie in Form des Veterinärs die Leiter hochgeklettert kommen, um ihnen unglaublich lange Nadeln in den Körper zu stechen.

Das Kuscheln und Kennenlernen, das zwischen Mensch und Katze sonst üblich wäre, fällt erst mal aus. Kommen sie dann dank einer erfolgreichen Annonce des Bauern im Alter von 6 bis 8 Wochen zu lieben Menschen in ein warmes und weiches Zuhause, stecken sie noch voller Misstrauen und Beiß-Instinkt. Sie wissen ja nicht, dass die Menschen, die sie nun kraulen wollen, nicht in der anderen Hand wieder die lange Spritze verstecken. 

C wie CHEMIE

Genau wie wir Menschen benötigt die Katze irgendwann Medikamente der sogenannten Schulmedizin. Wo homöopathische Globuli und individuelle Bachblütenmischungen nicht mehr helfen, müssen Pillen ran, die der Mensch in allerfeinstes Pulver zerstampft und im Feuchtfutter verteilt, um die Katze gnadenlos zu überlisten.

Die sieht ihn daraufhin vor dem Napf, in dessen Füllung ein unwissender Mensch das untergemischte Pulver weder sehen noch riechen würde an, als wolle sie sagen: „Echt jetzt? Dein Ernst?“ Ganz sicher kann man chemische Wirkstoffe nur als Tierarzt per Spritze in die Katze einbringen. Selten geht dabei was schief. Wenn aber doch, dann richtig.

So wirkt etwa das Mittel Diazepam, das Veterinäre bei langen Autofahrten zur Beruhigung des Tieres einsetzen, in einem von tausend Fällen „kontraindikativ“. Mit anderen Worten: Aus dem Stoff, der schläfrig machen soll, wird hochdosiertes Koks. Für die Katzenhalter, die mit einer auf diese Weise aufgeputschten Katze einige Stunden von der Spezialklinik im Norden nach Hause in den Süden fahren müssen, wird das Leben nach dieser Reise nicht länger dasselbe sein.

D wie DOMESTIZIERUNG

Die Grundregeln, welche bei der geheimen Weltkatzenkonferenz in Kairo vor 30.000 Jahren festgelegt wurden, um als Haustier fortan den Menschen in den Griff zu kriegen, gelten unter Katzen bis heute. Dabei stellten die Tiere sich auf der Konferenz die Frage: „Was zeichnet diesen aufrecht gehenden Zweibeiner am meisten aus? Was definiert ihn?“ Die Antwort: Der Homo sapiens will grundsätzlich »alles im Griff« haben.

Ein Ergebnis seiner arretierbaren Daumen, das er auch sinngemäß auf jede Form der Kontrolle überträgt. Folglich gilt seitdem: Die Katze domestiziert den Menschen, indem sie ihn durch Ablenkung, Liegen auf Arbeitsgeräten und Zerstören der Umgebung daran hindert, sein Umfeld und sein Leben in den Griff zu bekommen, bevor er sie nicht gefüttert, bespielt, umgarnt und angebetet hat. Danach darf er machen, was er will. Zur Belohnung.

Katzen verstehen in 60 Minuten
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Staunen im Stundentakt – Die Welt in 60 Minuten

Warum verhält sich meine Katze so? Was will sie damit ausdrücken? Was genau geht in ihr vor? Katzen können viel mehr als miauen, schnurren und fauchen. Doch es fällt den Menschen schwer, sie zu verstehen. Dabei ist Katzensprache alles andere Hexerei: Mit dem richtigen Hintergrundwissen lässt sie sich oft eindeutig übersetzen. In diesem ebenso fundierten wie amüsanten Buch erfahren Sie alles, was die geheimnisvollen Geschöpfe denken und wie sie sich mit Lauten, Mimik und Körpersignalen ausdrücken. Sie werden verstehen, warum Katzen schmollen, welche Gerüche sie abstoßen, warum sie schnattern, wenn sie durchs Fenster einen Vogel sehen. Und warum sie Fäden ausgerechnet aus dem Stoff Ihres Lieblingssessels ziehen.
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E wie EIGENSINN

Wie wir alle wissen, gibt es in der menschlichen Spezies sehr viele Exemplare, die langweilig und berechenbar sind. In der Anthropologie nennt man diese Untergattung des Homo Sapiens auch latus copia, zu Deutsch: Breite Masse. Katzen kennen keine breite Masse. Von den Wildtieren mal abgesehen, die schon per Definition ungezähmt sind, gibt es auch unter rund 200 Millionen weltweit lebenden Hauskatzen keine, die der anderen im Charakter gleicht. Kann man trotzdem so etwas wie „Charaktertypen“ feststellen, sind es niemals öde Kategorien, sondern ganz besonders ausgeprägte Persönlichkeiten. Die beiden extremsten Pole bilden dabei die „degagierte Diva“ und der „Sozialkater“. Die Diva legt Wert darauf, nur dann von anderen Vier- oder Zweibeinern angesprochen oder bekuschelt zu werden, wenn sie darauf Lust hat. Anderenfalls macht sie eine Szene, die sich gewaschen hat. Der „Sozialkater“ wiederum möchte steten, freundlichen Kontakt und versucht selbst die härteste Schale der launischsten Diva zu knacken. Hierbei ist er sich als Kater nicht einmal für den „Hundeblick“ zu Schade.

F wie FLIEGENJAGD

Üblicherweise hat die Katze klare Prioritäten. Eine davon lautet: „Schlafen auf dem Schreibtisch“. Eine andere: „Schlafen auf der Decke.“ Eine dritte: „Schlafen auf den nackten, harten Fliesen vor dem Badezimmerfenster, weil das gerade der einzige Punkt im Haus ist, auf den die Nachmittagssonne knallt.“

Diese Tätigkeiten sind sinnvoll und sollten auch vom Menschen mehr betrieben werden, denn sie verbrauchen keine Energie und stoppen den Klimawandel. Steht die Katze irgendwann mal auf, nimmt sie sich für diesen Vorgang mindestens ein Viertelstündchen Zeit. Das kann den halben Tag so gehen. Es sei denn, ein winziges Wesen taucht auf, das sämtliche Prioritäten über den Haufen wirft, so dass nur noch eine übrig bleibt: die Jagd.

Fängt der Mensch die Fliege nicht zuerst, entsteht somit folgende Einkaufliste von Gegenständen, die nach dieser Jagd neu gekauft werden müssen: Blumenkübel, Trinkgläser, Karaffe, Porzellankatzenfigur, Standvase, Tischvase, Küchenradio. Es sei denn, das Radio ist kabellos. Da die Herstellung all dieser Dinge sehr viel Energie kostet, ist somit auch die frisch erschlafene Klimabilanz wieder hin.
 

G wie GOURMET

Wenn Menschen anfangen, die Nase zu rümpfen, weil die Nachbarin Helene Fischer hört oder gerne Liebesromane liest, die in exotischen Ländern spielen, nennt man das „geschmäcklerisch“. Ein schönes, viel zu selten benutztes Wort. Wer geschmäcklerisch ist, hört natürlich selber heimlich Helene Fischer und hat ein ganzes Regalfach voller Bücher der Gattung „Love & Landscape“ (so nennt man das in der Branche) - er gibt es nur nicht zu.

Bei Katzen ist das ähnlich. Auch sie möchten dadurch, bei welchem Futter sie die Nase rümpfen, vor allem ihre Zugehörigkeit zur höheren Geschmacksklasse beweisen. Deswegen verweigern sie sich dem ganz superbilligen Futter aus dem Discounter sogar weniger als bekannten Mittelklasse-Herstellern wie Whiskas, Felix oder Kitekat. Diese Marken halten sie für den ganz schlimmen Geschmack der „breiten Masse“ ... übersehen dabei natürlich, dass es die unter Katzen gar nicht gibt. Sei's drum.

Billigfutter können sie goutieren. Ihm begegnen sie mit der gleichen sozialromantischen Toleranz wie der moderne Akademiker dem Trucker-Lied oder dem Gossen-Rap. Mit weniger bekannten Premium-Marken wie Almo Nature, Greenwoods oder Royal Canin können sie leben. Die maximale Abgrenzung allerdings garantiert ihnen das handgewolfte und nicht einmal in Tiermärkten, sondern nur auf Direktbestellung erhältliche Vollfleischfutter OmNomNom, der kulinarischen Entsprechung zu einer alten Vinylplatte des Ur-Bluesers Robert Johnson.

Krimikätzchen
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Spannende Katzengeschichten

Katzen – die geheimnisvollsten und unergründlichsten aller Tiere. Sie kommen auf leisen Samtpfoten angeschlichen, und das Jagen liegt ihnen im Blut. Wenn Sie sich zusammen mit ihren zweibeinigen Gefährten auf Mörderjagd begeben, siegt Eleganz über Grobheit und Raffinesse über rohe Gewalt. Doch der größte Vorteil der pelzigen Detektive: Sie haben neun Leben. „Krimikätzchen“ vereinigt mörderisch gute Geschichten mit Charme und Stil für alle Katzenliebhaber und Krimibegeisterte.
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H wie HUNGER

Auf die Tatsache, dass sie Hunger hat, macht die Katze in insgesamt vier aufeinander folgenden Alarmstufen aufmerksam. Bei der „empörten Meldung“ (Stufe 1) stellt sich in die Tür oder auf den Boden vor den Schreibtisch und sieht den Menschen an, bis er guckt. So, wie es unter Humanoiden auch bestens an der Ampel funktioniert, wenn man dem Nachbarwagen ins Fenster starrt. Guckt der Mensch, wird schrill und entrüstet miaut.

Die zweite Stufe stellt das „stoische Kratzen“ dar. Ohne die Krallen zu verwenden, zieht die Katze ihren lederhaften Pfotenballen über glatte Oberflächen wie Fensterscheiben, Kompakt-Stereoanlagen oder das Gehäuse von Desktop-Rechnern. Sie erzeugt so ein für das Menschenohr seltsam unerträgliches Quietschen und Zerren, begleitet von der Sorge, die Oberflächen könnten Schaden nehmen.

Nützt das auch nichts beginnt Stufe 3, das „Anknabbern von Gegenständen“. Die Katze beginnt damit, Gegenstände zu essen. Natürlich isst sie die Sachen nicht, sondern beißt nur demonstrativ von ihnen ab, um das Ausmaß ihrer Verzweiflung zu zeigen. Spätestens, wenn sämtliche Kartons, Aktenordner oder Steuerunterlagen im Haus verspeist sind, sollte man die Katze füttern. Denn Stufe 4, den „zügellosen Wahnsinn“, möchte niemand ernsthaft erleben.

I wie INTELLIGENZ

Wer lange mit einer Katze zusammenlebt weiß es, auch wenn er es als „wissenschaftlich“ denkender Mensch womöglich nicht wahrhaben will: Katzen verstehen alles! Jedes Wort. Schlau wie sie sind, lassen sie es sich allerdings nicht anmerken.

Das teilen sie mit den klugen Angestellten im Land, die sich im Gegensatz zu den dummen Angestellten immer gerade geschickt genug zeigen, um nicht gefeuert zu werden, sich darüber hinaus aber so begriffsstutzig verhalten, dass sie niemals zusätzliche Aufgaben zugeteilt bekommen. Wäre die Katze ein Mensch, sie hätte den Bestseller „Die Die Entdeckung der Faulheit: Von der Kunst, bei der Arbeit möglichst wenig zu tun“ geschrieben.

Ihre enorme Intelligenz erkennt man allerdings nicht nur daran, dass sie stoisch so tut, als würde sie die menschliche Sprache nicht verstehen. Sie zeigt sich auch in ihrem Geschmack in Sachen Fernsehen. Läuft auf dem Bildschirm ein süßer Animationsfilm, ein gutes Fußballspiel oder die Sendung „Mathematik zum Anfassen“, ist sie voll bei der Sache. Läuft auf dem Fernseher ein hässlicher Horrorfilm,  eine politische Diskussions-Simulation oder ein boshaftes Klatschmagazin, wendet sie sich ab und kotzt einen Großen Ballen Haare und Galle in die Ecke.

Sommerkätzchen
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Sonnige Katzengeschichten

Warum dürfen Katzen unhöflich sein, ohne Sanktionen befürchten zu müssen? Diese und viele andere Fragen beantworten Menschen, die es wissen müssen – von Elfriede Hammerl und Thomas Raab bis zu Gisa Pauly und Alex Capus  – in einer vergnüglichen Sammlung von Katzengeschichten. Und stets gelangen sie zur selben Erkenntnis: „Ein Leben ohne Katze ist möglich, aber sinnlos!“
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J wie JAGDFIEBER

Im Haus jagt die moderne Katze ja hauptsächlich Fliegen. Außerhalb warten auf sie die klassischeren Beutetiere: die Feldmaus, die Spitzmaus, der Vogel und der Chihuahua. Ist die Katze ein Freigänger, erlegt sie an passenden Tagen mindestens ein Exemplar dieser Tiere. Wobei „gute Tage“ heißt: Nicht zu kalt, nicht zu warm, nicht zu nass und nicht zu trocken. Man hat ja durchaus Ansprüche an den Sport. Gefressen wird keines der erlegten Tiere. Sie dienen lediglich als Liebesbeweis für den Menschen, der leider nicht begreift, wie sehr es der Katze schmeicheln würde, stopfe er sie aus und hänge sie an die Wand. Und wieso der Mensch so ausflippt, wenn es den Chihuahua der Nachbarn erwischt hat, kann sie mit stolzgeschwellter Brust erst Recht nicht verstehen. Reine Hauskatzen jagen Tiere außerhalb des Hauses imaginär durch die Fensterscheibe. Erspähen sie draußen etwa eine Taube auf dem Dach gegenüber, spannt sich ihr Körper an und sie beginnen zu zittern und ein nervöses, klackerndes Keckern von sich zu geben. Stolziert eine Katze provokant an der Terrassentür vorbei, springen sie fauchend und mit zehnfach verdicktem, aufgeplusterten Schwanz gegen das Glas.

K wie KOTZEN

Wenn die Katze kotzt, freut sich der Mensch. Das regelmäßige Hochwürgen und Ausspeihen von Haaren und Unrat unterstützt die Gesundheit und zeugt von einer soliden Verfassung. Damit es funktioniert, muss die Katze Gras fressen. Draußen auf der Wiese oder drinnen aus der Anzuchtschüssel. Steht kein Gras zur Verfügung, frisst die Katze die Zimmerpflanzen, was bei manchen Sorten - vor allem Palmen mit scharfkantigen Blättern - zu einem sehr unkomfortablem Kotzen führt und sogar giftig sein kann.

Ganz wie Mitbewohner in Wohngemeinschaften oder Söhne in der späten Pubertät erbricht sich die Katze am liebsten um 3:35 Uhr nachts auf den teuren Teppich oder das Sofa. Anders als beim Sohn kündigt sich der Schwall allerdings an, so dass man mit etwas Übung und Eile aus dem Bett springen und die Katze schnell noch aus der Reichweite des Möbels Richtung Fliesen oder Steinboden tragen kann.

Behält sie den Schwall solange noch bei sich und beginnt tatsächlich erst auf den abwaschbaren Bodenbelägen zu brechen, ist sie laut und deutlich mit Sätzen wie „Fein, fein, ganz fein gekotzt!“ oder „Ja, feini brechen, ganz feini brechen!“ zu loben. Eine Bekräftigung, die man sich, wenn der Wodka mit Red Bull bei zusammengekniffenen Augen aus den Nasenlöchern des Sohnes schießt, grundsätzlich verkneifen sollte.

Blick ins Buch
Auf Samtpfoten zum GlückAuf Samtpfoten zum Glück

Roman

Stella braucht dringend einen Tapetenwechsel, um über ihren Ex-Freund hinwegzukommen. Doch obwohl sie ihr neues Zuhause liebevoll und gemütlich einrichtet, fühlt sie sich einsam. Auch mit ihrer Nachbarin Vicky wird sie nicht so richtig warm. Einzig Kater Boris, der ein paar Häuser weiter, auf einem Kissen thronend, das Treiben auf der Straße beobachtet, zaubert Stella gelegentlich ein Lächeln auf die Lippen. Noch ahnt sie nicht, dass genau dieser Kater ihrer aller Leben auf den Kopf stellen wird und sich am Ende als Glücksbringer erweist.Der perfekte Roman für alle Katzenfreundinnen und -freunde!

1. Kapitel

Stella wusste, dass man sie in der Agentur hinter ihrem Rücken „Die Checkliste“ nannte, denn sie hatte den Tick, alles und jedes in einer Tabelle festzuhalten und es mit tiefster Befriedigung schwungvoll abzuhaken, sobald es erledigt war. Es ging nun mal nichts über Checklisten, und gerade jetzt, in dieser schwierigen Situation, gaben sie ihr Halt und sorgten dafür, dass sie weiterhin bestens funktionierte.

Ohne ihre Listen hätte Stella es nie geschafft, bei Ferdinand auszuziehen und sich innerhalb von zwei Monaten ein neues Zuhause zu suchen. Für ihren Umzug hatte sie einen guten Grund gehabt: ihre Praktikantin Carina, die sich mit ihren großen Augen und ihrem Schmollmund ausgerechnet Ferdinand geschnappt hatte, mit dem Stella bis vor Kurzem zusammen gewesen war.

Mit ihrem Organisationstalent war es ihr gelungen, die Werbeagentur trotz aller Gefühlsstürme am Laufen zu halten. Es war Juni, doch sie und ihr Geschäftspartner Maximilian waren ihrer Zeit schon um Monate voraus. Stella entwickelte Drehbücher für weihnachtliche Werbespots, und der charismatische Maximilian suchte nach Influencern, die die Produkte zu gegebener Zeit so glaubwürdig wie möglich lobpreisen und auf ihren Websites positionieren sollten.

In der Innenstadt waren die Mieten in den letzten Jahren unbezahlbar geworden, deshalb hatte sich Stella eine Wohnung am Stadtrand gesucht. Ihr neues Zuhause lag im ersten Stock, und unter ihr im Erdgeschoss lebte eine blasse junge Frau, die sich ihr als Vicky vorgestellt hatte. Von der Maklerin wusste Stella, dass diese Victoria Aschenbrenner das Haus und weitere Grundstücke von den Großeltern geerbt hatte. „Sie haben die besten Chancen“, hatte die Maklerin gemeint. »Es sollen weder Familien noch Paare einziehen – nur alleinstehende Frauen. Da die Hausbesitzerin selbst wohl keine Familie haben will, hat sie auch keine Lust, mit glücklichen Familien unter einem Dach zu wohnen.«

Die Maklerin hatte Stella hinter vorgehaltener Hand erzählt, dass Vicky Aschenbrenner auch noch gar nicht so lange hier wohne. Sie habe ihren Job als Röntgenassistentin in Hamburg aufgeben müssen, denn ihre Großeltern hätten das Erbe an die Bedingung geknüpft, dass Vicky selbst in das Haus ziehe. Derzeit waren in den umliegenden Krankenhäusern keine Stellen frei, und so hatte Vicky jetzt zwar ein Haus und mehrere Grundstücke geerbt, war aber arbeitslos.

Tatsächlich wirkte sie trotz ihres Reichtums meistens mürrisch und sah mit ihrem hochgesteckten Haar aus wie eine vor der Zeit gealterte Gouvernante, dabei war sie bestimmt nicht älter als Stella. Sie schien ein Roland-Kaiser-Fan zu sein, denn Stella konnte in ihrer Wohnung hören, wie ihre Vermieterin im Erdgeschoss zu dessen Liedern lauthals mitsang. Womit sich Vicky sonst noch beschäftigte, hatte Stella bisher noch nicht herausgefunden. Sie hatten den gegenseitigen Antrittsbesuch immer wieder verschoben.

Der Blick vom Wohnzimmer in die Weite wurde von großen Schildern mit der Aufschrift „Bauerwartungsland, sichern Sie sich Ihr Grundstück“ versperrt. Das Wort Erwartung war Stella entgegengesprungen, als sie die Wohnung zum ersten Mal betreten und aus dem Fenster geblickt hatte. Klar, irgendwann würde es Baulärm geben, und Bagger und Kräne würden ihr die Sicht versperren – aber da Stella tagsüber im Büro war, konnte ihr das egal sein.

Rasch und effektiv leerte sie an diesem Wochenende die sieben auf ihrer Checkliste stehenden Umzugskisten und verstaute ihr Hab und Gut ordentlich in die Schränke und Schubladen der neuen Wohnung. Mithilfe eines Küchenweckers schaffte sie es sogar, sich Auszeiten zu gönnen, indem sie mindestens einmal pro Stunde für zwei Minuten tief durchatmend am Fenster stand und den noch freien Blick auf das Bauerwartungsland genoss.

Bestimmt saß Carina in diesem Moment auf der von Stella und Ferdinand gemeinsam erworbenen Ledercouch, verzog ihre Lippen zu einem Schmollmund und brachte Ferdinand mit naiven Fragen in peinlicher Babysprache zum Lächeln: „Hat der Ferdi denn sein kleines Mäuschen auch noch lieb?“ Bei Stella hatte Ferdinand so gut wie nie gelächelt. Vielleicht lag es daran, dass sie sich wie Erwachsene benommen hatten. Bei ihnen hatte es keinen Schmollmund, keine Babysprache, nichts Niedliches gegeben, aber dafür viel Alltag, damit das Leben funktionierte. Na, dem würde das Lachen schon noch vergehen!, dachte Stella.

Sie war überzeugt, dass sie nach der engen Beziehung mit Ferdinand Freiheit und Weite brauchte. Sobald sie an ihren Ex-Freund dachte und sich der wohlbekannte Kloß in ihrem Hals bemerkbar machte, wiederholte sie in ihrem Inneren die Sätze: „Ich war dort viel zu eingeschränkt. In jeder Hinsicht. Ich brauche mehr Luft!“ Während sie sich das bewusst machte, hakte sie alles, was mit Ferdinand zusammenhing, auf einer unsichtbaren Liste ab. Die war erstaunlich lang und nicht auf Anhieb abzuarbeiten.

Ihre Wohnung, die nach Süden und nach Westen noch einen freien Blick bot, offenbarte im Osten das nicht immer ganz unkomplizierte Miteinander einiger Familien, die in einem ausladenden Mehrgenerationenhaus zusammenlebten. Neben den jeweiligen Eltern kümmerten sich dort etliche Großeltern um die Kleinen, die zu allem nickten und dann doch machten, was sie wollten.

In den Vorgärtchen der Kurzen Straße, die mit ihren drei Häusern ihrem Namen bisher alle Ehre machte, leuchteten Blumen, die der Jahreszeit entsprachen – momentan Pfingstrosen, Levkojen, Margeriten und Eisenhut –, und hinter den Häusern breiteten sich Rasenflächen und Blumenrabatten aus.

Aus dem Nordzimmer, vor dessen zwei Fenstern sich ein Sommerflieder entfaltete und Schmetterlinge anlockte, sollte wegen der Lichtsituation Stellas „Atelier“ werden. Schon das Wort „Atelier“ klang nach Künstlertum und Freiheit und einem unangepassten Leben. Dabei hatte sie gar nicht vor, den Raum jemals als solches zu nutzen. Stella fand sich zu normal für ein verrücktes, wenn nicht gar ausschweifendes Leben, in dem die Nacht zum Tag wurde. Nein, da zog sie doch ihr listenreich geregeltes Leben vor. Vorerst stapelten sich im zukünftigen Atelier die restlichen, noch unausgepackten Umzugskisten, jede akkurat mit einer Inhaltsliste versehen.

Vermutlich hatte sie bei Ferdinand einfach nur zu gut funktioniert. Wenn sie ehrlich war, hatte die Beziehung sogar ein wenig Ähnlichkeit mit ihren Checklisten gehabt. Für alles zwischen ihnen hatte es eine festgelegte Zeit und einen festen Ort gegeben, egal, ob es sich um die Bestückung der Vorratskammer, um die Absprache von Einkäufen, die Stundenlohnerhöhung für die Putzfrau oder um den wöchentlichen Sex handelte. Ein perfekt durchgetaktetes Leben, was Ferdinand offensichtlich nicht genügte. Dabei hätte sie darauf gewettet, dass ihm nichts so wichtig war wie Ordnung und Klarheit.

Bedenkenlos und ohne auch nur den Anflug eines schlechten Gewissens war der brave Berufsschullehrer nach acht soliden Beziehungsjahren mit der naivsten, dafür aber hübschesten Praktikantin aus Stellas Werbeagentur erst essen und dann ins Bett gegangen. Na ja, vielleicht war es auch umgekehrt gewesen – Ferdinand bekam nach dem Sex nämlich immer Hunger. Stellas Kränkung auf jeden Fall war so gigantisch, dass sich die Reihenfolge des Verrats als unerheblich erwies.

Die Wohnung hatte vier Zimmer und war trotz Stadtrandlange ziemlich teuer, aber die Maklerin hatte ihr versichert: „Diese Gegend ist im Kommen. Wer etwas auf sich hält, wird bald hier wohnen. Und dann sind Sie schon da!“

Ferdinand, mit dem sie sich drei Zimmer und siebzig Quadratmeter geteilt hatte, würde diese Wohnung niemals sehen. Ausgerechnet dieser Gedanke, der sie anfangs zutiefst befriedigt hatte, schmeckte nun von Tag zu Tag schaler.

„Lass uns reden“, hatte er ganz zu Anfang versucht, ihre Beziehung zu retten. Aber wenn die Carina-Geschichte nichts zu bedeuten hatte, warum war sie dann passiert?

Für Stella stand fest, dass er sich die hübsche Praktikantin als ihre Nachfolgerin in sein Leben holen würde. Sollte er doch! Denn dann würde er ziemlich schnell begreifen, was er an Stella gehabt und jetzt verloren hatte. Doch sie würde ihn nicht einmal dann in diese neue Wohnung lassen, wenn er winselnd vor ihrer Tür läge.

Ferdinand wusste auch gar nicht, wohin sie gezogen war. Eindringlich hatte sie ihrer Assistentin Christine klargemacht, dass ihre neue Privatadresse geheim gehalten werden musste, insbesondere vor Carina. Von Christine wusste sie, dass seitdem in der Agentur das Gerücht ging, Stella würde von einem Stalker verfolgt und brauche daher die Anonymität. Sie bekam einen Mitleidsbonus, der sich falsch und süßlich anfühlte. Um sich abzulenken, stürzte sie sich in die Arbeit. Genug zu tun gab es schließlich immer.

Nachdenklich saß sie nun in ihrem neuen Zuhause am Schreibtisch und blätterte in den Geschenk- und Spielwarenkatalogen für die Weihnachtssaison. Wer wusste schon, ob die brandneuen elektronischen Geräte nicht im Dezember bereits total veraltet sein würden?

Sie klickte sich durch eine Datei mit ausgemusterten Schnipseln aus Spielfilmen und Dokumentationen. Es war ihre Idee gewesen, dem Schneidetisch zum Opfer gefallene Sequenzen aus dem ganz großen Kino in Werbespots wiederaufleben zu lassen. Das war auch das Geheimnis ihres Erfolges.

Wenn sie arbeitete, war es nicht ganz so still in der Wohnung, und die Zeit verging ein bisschen schneller. Gelegentlich schallte die kräftige Stimme von Roland Kaiser ein bisschen lauter durchs Haus als sonst – immer dann nämlich, wenn Vicky die Wohnungstür öffnete und zum Rauchen in den Garten ging.

Draußen dämmerte es.

Anders als in der Stadt gab es hier im Bauerwartungsland noch keine Restaurants, Cafés oder auch nur einen Kiosk. Doch wenn man der Maklerin Glauben schenkte, würde dieser Zustand höchstens noch ein, zwei Jahre andauern.

Stella zog sich ihre Windjacke und ihre rosafarbenen Gummistiefel an und beschloss, eine Runde um die Häuser zu drehen. In ihrer Straße gab es bisher ja nur drei.

Hinter dem größten Fenster des Hauses mit der Nummer eins hockte, eingerahmt von einer Spitzengardine und auf einem wollweißen Kissen vor der kühlen Marmorplatte geschützt, eine ziemlich dicke grau-weiß gemusterte Katze und suchte Stellas Blick. Als sie sich in die Augen sahen, seufzte das Tier aus tiefster Seele und strich sich mit der rechten Pfote über den Kopf. Stella sah ihm lange zu und fragte sich, ob die Katze ihr mit dieser Geste etwas sagen wollte, dann riss sie sich zusammen. So ein Quatsch!, dachte sie.

Durch das gekippte Fenster hindurch war die dünne Stimme eines alten Mannes zu hören. „Boris, Abendbrot! Kommst du?“

Die Katze erhob sich majestätisch und ließ Stella dabei nicht aus den Augen. Boris war offenbar der Name des Katers. Stella bewunderte die Kunstfertigkeit, mit der das Tier einen Buckel machte, sich streckte und dann im Inneren des Hauses verschwand.

Karl-Anton Wederbusch hatte den Küchentisch schon fast fertig gedeckt, als Boris mit einem eleganten Satz die Tischplatte eroberte und sich auf seinem Platzdeckchen in Stellung brachte. „Dass du mir nie zur Hand gehst“, beschwerte sich der alte Mann mit einem Augenzwinkern bei seinem Kater und tischte auf. Heute würde es pürierte Schweineleber und Kartoffelbrei auf einem Bett von gedünstetem Brokkoli geben. Für Boris ungewürzt und lauwarm, für Karl-Anton heiß, mit Salz und Pfeffer sowie einem Stich Butter.

Als seine Frau Ida vor vier Jahren starb, hatte Karl-Anton keine Lust gehabt, für sich allein zu kochen. Auf Drängen seines Sohnes hatte er sich Essen auf Rädern bestellt, doch das schmeckte ihm nicht.

Das war der Zeitpunkt, als sein Enkel Fabian ihm bei einem Besuch den kleinen Boris mitbrachte. „Er wohnt jetzt bei dir, Opa“, hatte Fabian erklärt. „Ich bin zu selten zu Hause, und du bist dann nicht mehr so allein. Was willst du denn sonst machen, jetzt als Rentner?“

Karl-Anton, der sich damals nach mehreren Bandscheibenvorfällen unsicher und mit Stock und Rollator durch die Wohnung bewegte, hatte heftig protestiert. „Ich kann mich ja nicht mal um mich selbst richtig kümmern.“

„Ach, das wird schon“, hatte Fabian zuversichtlich gemeint. „Boris guckt übrigens auch gern fern.“

Allein seinem Enkel zuliebe hatte Karl-Anton das Tier genommen und schon nach einem Tag gewusst, dass das die beste Entscheidung seines Lebens war. Da war jemand, dem er alles erzählen konnte und der dazu nickte und nicht widersprach. Typisch Fabian. Da tat der Junge so, als müsse der Opa ihm einen Gefallen tun, aber eigentlich war es umgekehrt: Fabian machte immer genau das, was für den Großvater am besten war, selbst wenn der noch nichts davon ahnte.

Dem Kater hatte das Essen auf Rädern ebenso wenig geschmeckt wie seinem Herrchen. Deshalb hatte Karl-Anton angefangen, zweimal täglich zu kochen – für den Kater und für sich selbst. Ihm kam zugute, dass er in seinem früheren Leben Kantinenkoch gewesen war. Nun bereitete er eben zwei statt zweihundert Mahlzeiten vor.

Boris schien die gemeinsamen Mahlzeiten zu genießen. Karl-Anton war ganz froh, dass niemand ihnen dabei zusehen konnte. Zufällige Betrachter hätten das Gesundheitsamt, das Ordnungsamt und den Tierschutzverein gerufen und ihm ebenso langweilige wie überflüssige Vorträge über Hygiene gehalten. Alles dummes Zeug. Als wüsste er nicht, was er tat.

Nun thronte Boris auf seinem Platz am Tischende und schleckte sein Menü, das in einem Porzellanschälchen angerichtet war. Karl-Anton war es nicht gelungen, das Tier an eine Serviette oder ein Lätzchen zu gewöhnen. So ein Kater hatte nun mal seinen eigenen Kopf. Und Boris hatte einen besonders dicken Kopf.

Karl-Anton dagegen benutzte Messer und Gabel, trank brav seine zwei Liter Wasser tagsüber – und gönnte sich abends ein Bier oder ein Glas Wein, während Boris ein wenig schwer zum Wassertrinken zu motivieren war. Abgesehen davon, waren sie aber ein eingespieltes Team mit etwa dem gleichen Geschmack.

Schon bald hatte Karl-Anton herausgefunden, dass Boris Innereien und Gerichte mit Hühnerfleisch bevorzugte, Gemüse nur in der höchsten Not aß (oder wenn es nach Fleisch duftete), von Reis, Hirse oder Graupen nicht viel hielt und Bulgur nur widerwillig akzeptierte.

Während Boris am Tisch saß, konnte Karl-Anton ihn, wie in früheren Jahren seine Frau Ida, über das Abendprogramm informieren. „Wir werden uns heute einen Krimi anschauen“, erklärte er. „Dazu gibt es für beide Kartoffelchips und für mich ein Glas Rotwein. Ist das in deinem Sinne?“

Der Kater sah kurz hoch und schien zu nicken.

Wir sind ein gutes Team, dachte Karl-Anton und fragte sich, ob er noch leben würde, wenn er das Tier nicht hätte. So nämlich, unter diesen Umständen und bei diesem Mitbewohner, konnte er nicht einfach abtreten, denn was würde dann aus Boris? Man trug doch Verantwortung für so ein Haustier.

„Was machst du nur, wenn ich nicht mehr bin?“, wollte er von Boris wissen. Der Kater setzte sich sehr aufrecht hin und strich sich mit der rechten Pfote über den Kopf. Dazu seufzte er aus tiefster Seele. Karl-Anton war davon überzeugt, dass sein Gegenüber bei der Vorstellung, einer von ihnen könne sterben, eine Träne verdrückte.

Tatsächlich war Karl-Anton Wederbusch nun um einiges fitter. Boris hatte ihn gerettet – vor was auch immer. Daher liebte er seinen Kater.

„Also, kommst du nun mit auf die Couch?“

Karl-Anton schüttelte das Tischtuch durchs geöffnete Fenster aus, um es anschließend zurückzulegen und glatt zu streichen. Ordnung musste sein. Der Kater sprintete schon los, schoss vor ihm durch die angelehnte Tür ins Wohnzimmer und machte es sich auf dem Sofa vor dem Fernseher bequem.

Hatte sich der Kater hinter dem gekippten Fenster tatsächlich eine Träne aus dem Augenwinkel gewischt? Stella schüttelte über sich selbst den Kopf. Übertrug sie etwa ihr eigenes Gefühl des Verlorenseins auf das Tier? Sigmund Freud ließ grüßen. Und überhaupt: Sie hatte Ferdinand verlassen. Wenn einer weinen müsste, dann er. Hoffentlich schon recht bald und dann aus Verzweiflung über seine blöde Carina.

Stella hängte ihren Mantel an die Garderobe und zog sich die Gummistiefel aus. Vermutlich fing sie schon an zu verschraten und so komisch zu werden wie ihre Vermieterin im Erdgeschoss. Nur manchmal, wenn Vicky lächelte, blitzte etwas Lebendiges in ihr auf und ließ erahnen, dass sie fröhlich und ausgelassen sein konnte. Vielleicht war sie das ja auch, wenn niemand zusah, zum Beispiel, wenn sie zu den Liedern ihres Idols sang.

Würde Stella bei einer Frauenzeitschrift arbeiten, hätte sie Vicky für jene Seiten rekrutiert, die so vielversprechend »Vorher – Nachher« hießen. Auf denen wäre aus dem hässlichen Entlein ein strahlender Schwan geworden. Aber wer weiß, ob die Besitzerin des Hauses sich darauf eingelassen hätte. Sie wirkte eher so, als mache ihr alles aus der Außenwelt Angst und als fühle sie sich nur in ihren eigenen vier Wänden sicher. Wenn sie rauchend im Garten stand, erweckte sie den Eindruck, als müsse sie mit Rauchwolken der Ernsthaftigkeit gegen die Absurditäten der Welt angehen. Fürwahr keine leichte Aufgabe.

Ganz anders als Carina, die von morgens bis abends fröhlich über die Flure der Agentur tänzelte. Ein Albtraum! Stella hatte bereits bei deren Vorstellungsgespräch ein mieses Gefühl gehabt, sich aber dann von Maximilian überstimmen lassen. „Die kommt bei den Kunden gut an. Die ist der perfekte Türöffner für neue Märkte. Mit ihrem naiven Charme wickelt sie alle um ihre Finger.“ Das war ihr in der Tat gelungen. Und zwar nicht nur bei den Kunden, sondern auch bei Stellas Berufsschullehrer für Druck- und Medientechnik.

Um sich abzulenken, öffnete Stella die nächste Umzugskiste. Die war zwar eigentlich erst morgen dran, aber ihr fiel nichts Besseres ein, während sie im Backofen eine Tiefkühllasagne auftauen ließ.

In diesen Karton hatte sie Ordner mit Briefen, Fotoalben und Tagebücher geschichtet, die sie schon seit ihrer Schulzeit mit sich herumschleppte, ohne jemals wieder hineingeschaut zu haben. Sie hätte sie gleich wegwerfen sollen, am besten schon, bevor sie mit Ferdinand zusammenzog. Aber bei ihrem Auszug konnte sie die Ordner auch nicht einfach dortlassen oder in den Papiermüll stecken, denn sie hätten auf keinen Fall in Ferdinands Reichweite landen dürfen. Sie traute ihm zu, dass er ihre weggeworfenen Papiere durchwühlte, und wenn er es nicht tat, dann sicher das Carina-Mäuschen. Der war überhaupt nur Schlechtes zuzutrauen.

Während Stella den Karton durchsah, bedauerte sie zum ersten Mal in ihrem Leben, dass sie nicht schon als Kind Checklisten geführt hatte. Alte Freunde durfte man nicht vergessen. Und doch war es ihr passiert. Ohne Vorwarnung flutschten ihr aus einer Plastikhülle Automatenfotos entgegen. Vierfach grinste ihr eigenes junges Ich neben den unterschiedlichen Gesichtern früherer Freundinnen und Freunde, so nah, dass sie selbst jetzt noch deren Duft wahrzunehmen meinte, dabei wusste sie nicht einmal mehr, wie sie geheißen hatten.

An die Enge des Automaten erinnerte sie sich und daran, dass sie sich vor den vierfachen Klicks mit den Fingern durch die Haare gefahren waren, den grellen Lippenstift nachgezogen und die Augen aufgerissen hatten, sie hatten herumgealbert, und alle Küsse hatten damals nach Pfefferminz geschmeckt. Die der Jungen ebenso wie die der Mädchen. Die Kaugummis wurden vor dem Fotografieren in einer Backentasche gelagert. Damals, als alles für die Ewigkeit angelegt schien und sie sich Freundschaften bis ans Ende aller Tage schworen.

Stella wischte sich mit der Hand übers Gesicht und dachte dabei an den Kater, der fast dieselbe Bewegung vorweggenommen hatte, vorhin, als sich ihre Blicke durchs Fenster kreuzten. Sie hatte draußen im Regen gestanden, er drinnen auf dem Fensterbrett gelegen.

Was für ein Glück, dass sie morgen wieder in die Agentur gehen konnte. Eines war klar: Sie brauchte Menschen um sich, und diese Carina würde sie sich schon vom Hals halten können. Sollte die doch mit Maximilian die Akquise machen und den Kunden ihren Schmollmund präsentieren. Denn darin war sie ja wohl perfekt.

Als Ferdinand in ihr Leben trat, hatte Stella ihre Freunde und auch ihre Vergangenheit so beiseitegelegt, wie man ausgelesene Zeitungen auf den Altpapierstapel packt. Alles sollte neu sein, alles auf Anfang. Alles mit ihm! Ihre gemeinsame Zukunft bestand in Stellas Vorstellung aus lauter weißen Blättern, die sie gemeinsam beleben, beschriften, bezeichnen und entfalten würden. Wie naiv sie gewesen war! Ferdinand hatte sich um keine Zukunft gekümmert, keine dieser imaginären und so verheißungsvollen Seiten mit Plänen gefüllt, sondern stattdessen über Medien und Drucktechnik doziert und ihr ab und zu einen Kuss auf die Stirn gedrückt. Beziehungsarbeit sollte doch eigentlich ein Teamplay sein – aber letztlich war das alles an Stella hängen geblieben. Sie verspürte so was wie Selbstmitleid und schüttelte sich.

Erst viel zu spät hatte sie gemerkt, dass Ferdinand in Wahrheit unflexibel, fantasielos und lächerlich war. Er war das absolute Gegenteil des charismatischen Maximilian, der es wie kein anderer verstand, Menschen zu begeistern.

Kopfschüttelnd las sie zwanzig Jahre alte Briefe und Tagebuchnotizen und staunte über ein fremdes Leben: So vertraut war sie einmal mit all diesen Menschen gewesen! Über die intimsten Dinge hatten sie und ihre Freundinnen sich ausgetauscht, und immer hatte jede von den anderen gewusst, wer gerade in wen verknallt war.

Der größte Schwarm von allen hatte Alex geheißen. Damals hatte er zusammen mit seiner Mutter in einer Wohnung oberhalb der Post gewohnt. Zur Miete, was ungewöhnlich gewesen war in jener Kleinstadt, wo alle ihre eigenen Häuschen nebst Gärtchen bewirtschafteten. Stellas Freundinnen waren sich darin einig gewesen, dass Alex wie ein Filmheld aussah. Später war er zur Polizei gegangen. Die grüne Uniform hatte wie angegossen gesessen und perfekt zu seinen smaragdenen Augen gepasst. Wenn sie sich doch nur erinnern würde, wie er mit Nachnamen hieß, dann könnte sie nach ihm suchen. Aber nirgends fand sie seinen vollen Namen. Na ja, wirklich beeindruckt hatte er sie ja auch nicht. Seine hochnäsige Arroganz und die Selbstverständlichkeit, mit der er auf seinen weiblichen „Hofstaat“ herabsah, waren ihr von Anfang an suspekt gewesen. Aber fast alle Mädels aus ihrer Klasse wollten mit ihm gehen – und natürlich ließ er sie alle im Ungewissen, dieser eingebildete Schönling. Auf wen oder was wartete er bloß, auf eine Prinzessin? Einmal, dachte Stella und musste ein wenig über sich selbst lächeln, einmal hatte sie sich nichts so sehr gewünscht wie mindestens drei Pickel in Alex’ Gesicht. Ob dieser Traum jemals in Erfüllung gegangen war?

Sie betrachtete die Fotos und die säuberlich und sogar alphabetisch abgehefteten Briefe. Nach der Lektüre konnte sie einigen Gesichtern auf den Automatenfotos Namen zuordnen und schrieb sie mit Bleistift auf die Rückseiten der Abzüge.

Offenbar hatte es einen Jungen gegeben, für den sie durchs Feuer und bis ans Ende der Welt gegangen wäre. Weiter noch als später für Ferdinand. Den einen – nie abgeschickten – Liebesbrief an ihn hatte sie in den Ordner geheftet – schon damals eher pragmatisch als romantisch. Schüchtern und mit sehr gerade gezogenem Scheitel lächelte er ihr nun von einem Foto entgegen, das sie auf die Rückseite des edlen und nur für ihn gekauften und dann niemals verschickten Büttenpapiers geheftet hatte, dabei wusste sie nicht einmal mehr, wie er hieß. In dem Brief hatte sie ihn als „mein Liebster“ angeredet, als verböte ihr eine geheime Macht, seinen Namen zu nennen. Abgeheftet hatte sie den Brief allerdings unter „M“. Marco, Martin, Michael? Alle Namen klangen fremd.

Stellas beste Freundin hatte Moni geheißen. Doch die hatte schon mit zwanzig auf dem Oktoberfest in München einen australischen Agraringenieur kennengelernt und war ihm nachgereist. Stella suchte im Internet nach ihr und wurde tatsächlich fündig. Mittlerweile war Moni eine kräftige und rotwangige Farmerin mitten in Queensland und hatte, vermutlich mit ihrem oktoberfestaffinen Jungfarmer, fünf Kinder bekommen, die Stella aus einem Meer lockiger Merinoschafe entgegenstrahlten. Die Website warb für „Farmstays“, und wer keine Schafe hüten wollte, konnte unter Monis Aufsicht auch Schafe scheren, Wolle waschen, spinnen oder färben. Die Hüterin der Farm sah auf dem Bild so glücklich aus, dass es Stella fast wehtat.

Wenn sie eine von ihren damaligen Freundinnen jetzt durch Zauberei zu sich einladen könnte, dann am ehesten Moni – oder kam ihr der Gedanke nur, weil gerade die so weit weg war? Und würden sie sich überhaupt entspannt unterhalten können? Besaß Stella noch die Fähigkeit zur leichten Plauderei? Hatte sie sie jemals besessen?

Stella schnappte sich ihr Smartphone und notierte sich: Small Talk, mindestens zehn Minuten täglich. Sie wusste, dass das für sie eine schwere Übung sein würde, denn mit Ferdinand hatte sie nur über das Wesentliche gesprochen, und da es letztlich nichts Wesentliches mehr zwischen ihnen gab, hatten sie sich friedlich angeschwiegen.

Carina war da um einiges begabter. Sie war ein Naturtalent in Sachen inhaltsleerer Plauderei. Doch mit der wollte Stella auf keinen Fall üben.

„Wie war dein Wochenende?“, begrüßte sie Montagfrüh ihre Assistentin Christine und wunderte sich, als diese zusammenzuckte und besorgt aufsah.

„Gut, bestens. Ist was passiert?“

„Nein, was soll schon sein? Na ja, am Samstag fand ich es etwas zu windig, um spazieren zu gehen.“ Breitbeinig stand Stella am Schreibtisch ihrer Mitarbeiterin und überlegte krampfhaft, wie sie das Gespräch in einem lockeren Ton weiterführen könnte.

„Das stimmt.“ Christine nickte knapp. „Was steht heute an? Ist übers Wochenende noch was Wichtiges reingekommen?“

Normalerweise hätte Stella nun geantwortet: „Ja, und ich will ein Meeting noch vor der Mittagspause.“ Aber von den zehn Minuten Small Talk, die sie sich für heute fest vorgenommen hatte, waren noch nicht einmal sechzig Sekunden vorüber. Hilflos sah sie sich um und bemerkte: „Was für schöne Blumen dort auf der Fensterbank.“

Stellas Assistentin blickte erschrocken hoch. „Geht es dir nicht gut?“

„Doch, wieso?“ Stella räusperte sich. „Meine Wohnung ist übrigens jetzt fast komplett eingeräumt. Was soll man auch sonst tun bei dem Wetter?“

„Da hätte ich dir doch helfen können. Mit dem Bus wäre ich in vierzig Minuten da draußen gewesen.“

Da draußen – wie sich das anhörte. Als sei sie nicht nur an die Peripherie der Stadt, sondern direkt ins australische Outback gezogen.

„Wieso mit dem Bus? Ich brauch mit dem Wagen nur fünfzehn Minuten. Hast du denn kein Auto?“

Christine schüttelte den Kopf. „Nicht einmal einen Führerschein.“

Da arbeiteten sie seit vier Jahren zusammen, und Stella wusste nichts von Christine. Und das in einer Agentur, die sich Kommunikation auf die Fahnen geschrieben hatte.

Aber Stella wusste auch, dass ihr ein Besuch von Christine gar nicht so recht gewesen wäre, insbesondere nicht als Hilfe beim Einräumen ihrer privaten Wohnung. Unauffällig sah sie auf die Uhr. Noch nicht einmal zwei Minuten des verordneten netten Gesprächs hatte sie geschafft. Wie machten andere Menschen das bloß?

Mit Schwung öffnete sich ausgerechnet jetzt die Tür, und eine strahlend junge Carina rief, noch bevor sie die Tür wieder hinter sich geschlossen hatte: „Meine Süßen, da bin ich! Alles klar bei euch? Auf zu neuen Taten!“

Die versammelte Mannschaft nickte und lächelte sie so an, als freute sie sich tatsächlich über ihren Anblick. Nur Stella blieb stocksteif stehen.

„Leute, ich hatte so ein tolles Wochenende. Kein Wunder bei dem Kuschelwetter. Oh, war das gemütlich!“ Carina seufzte aus tiefster Seele und warf ihren nassen Regenmantel in so hohem Bogen über die Flurgarderobe, dass das Parkett mit Wassertropfen übersät war. „Das Leben ist so schön!“ Erst dann bemerkte sie Stella und wandte sich verlegen ab.

„Wischst du bitte gleich den Fußboden trocken?“ Christine rief die Praktikantin zur Ordnung, und Stella ahnte, dass sie ihr damit einen Gefallen tun wollte. Doch es war schon zu spät.

Ferdinand und sein Mäuschen hatten bei dem Regen gekuschelt! Vermutlich auf dem Ledersofa, das sie zur Hälfte bezahlt hatte. Sechshundert Euro von ihrem Konto steckten darin, ohne dass Ferdinand und sie je darauf gekuschelt hätten.

„Punkt zehn Meeting im Konfi“, ordnete sie mit strenger Stimme an. „Zum Status quo des Möbelkatalogs, zum Umgang mit dem neuen Kunden und zur Besprechung sämtlicher Werbespots aus der Pipeline.“ Dann schloss sie resolut ihre Bürotür hinter sich.

Diese Agentur war kein Ort für Small Talk – auch wenn Außenstehende das so sehen mochten. Und überhaupt, dafür war Maximilian zuständig. Es reichte ja wohl, dass sie den Rest machte, Ideen umsetzte und Drehbücher schrieb. Wo blieb ihr Geschäftspartner überhaupt? Vielleicht sollte sie ihn darum bitten, ihr leichte und unverbindliche Plaudertöne beizubringen. Sie schüttelte über sich selbst den Kopf. So weit käme es noch!

Das Meeting dauerte eine gefühlte Ewigkeit. Die Praktikantin tischte den Konferenzteilnehmern Kaffee, Saft und Kekse auf, und immer, wenn Carina den Konferenzraum betrat, schienen alle aufzuatmen. Sogar Maximilian. Als ginge mit ihr die Sonne auf! Dabei lieferte diese strahlende Saftschubse doch nur was für den Magen.

Genauso hatte auch Ferdinand gestrahlt und es genossen, als er Carina hier zum ersten Mal begegnet war. Das war direkt nach der jährlichen Agentur-Weihnachtsfeier gewesen, und hätte Stella nicht ein bisschen zu viel Glühwein getrunken, wäre das alles nicht geschehen. So aber hatte sie daheim angerufen, anstatt sich ein Taxi zu bestellen: „Kannst du mich abholen? Nicht, dass ich noch meinen Führerschein verliere.“

„Mach ich, kein Problem. Ich fahre sofort los.“

Schon eine halbe Stunde später hatte er neben der Praktikantin auf dem Besuchersofa im Foyer gesessen, plaudernd und lachend und wilde Geschichten aus seinem Lehreralltag mit schon fast erwachsenen Schülern erzählend, sodass man meinen könnte, er habe schwuppdiwupp einen durchweg gut gelaunten, weltoffenen, selbstbewussten und charmanten Zwillingsbruder aus dem Ärmel gezaubert. Dabei zeigte er der Kleinen, die ihn voller Naivität anzubeten schien, nur jene Seiten, die er vor Stella sehr sorgsam verborgen hatte.

So hatte das Ende begonnen, von Ferdinand hochtrabend als „Ich brauch einfach mal mehr Lebendigkeit in meinem Leben“ betitelt. Als hätte sie ihm sein Lebendigsein untersagt. Ob er sich nun ständig albern und glücklich und redegewandt gab? Immer und überall? Wie anstrengend!

L wie LAUTE

Woran erkennt man einen Katzen-Laien? Daran, dass er glaubt, die üblichste Äußerung einer Katze wäre das berühmte „Miau“. Dabei kommt speziell dieser Laut im Alltag mit Katzen erstaunlich selten vor. Prüfen Sie es selber und achten Sie drauf. Wann entfleucht den Stimmbändern ihres vierpfotigen Mitbewohners jemals ein klanglich eindeutiges und blitzsauberes „Miau“? Sehen Sie.

Viel häufiger werden unzählige Versionen von „Mau!“, „Meh-au!“, „Miek!“ oder „Mäh!“ verwendet, um nur die häufigsten zu nennen. Letzteres darf man sich nicht wie das Mähen von Schafen vorstellen, sondern wie eine herausragend putzige Patzigkeit. „Meh-au“ weist meistens auf ungehaltenen Unmut hin und kann alles mögliche heißen. „Zu warm hier!“ Oder: „Zu kalt hier!“ Oder: „Laaangweilig!“ Oder: „Der Weberknecht eben hat nicht geschmeckt und kratzt noch im Hals.“

Von jedem Laut, den die Katze von sich gibt, existieren unzählige Varianten. Durch Feinheiten in der Betonung bringt es die Katzensprache auf ebenso viele Vokabeln wie die Menschensprache durch ihre Vielfalt der einzelnen Wörter. Wobei mit „Katzensprache“ lediglich die Kommunikation mit dem Menschen gemeint ist. Untereinander verständigen sich Katzen – vom Fauchen und Kampfgeräuschen einmal abgesehen – rein telepathisch sowie durch Gestik und Mimik.

M wie MIMIKRI

Im Vergleich zum Chamäleon, zur Stabheuschrecke oder zu manchen, farbwechselfähigen Fischen hat die Katze in Sachen Tarnung evolutionäre Nachteile. Denkt man. Die Unfähigkeit, ihr Fellmuster der Umgebung anzupassen, gleicht sie allerdings durch das im Tierreich mit Abstand größte Talent zum Versteckspiel aus.

Will eine Katze nicht, dass man sie findet, ist sie im Haus schwerer wieder zu entdecken als ein staubfarbener Ohrstecker. Draußen hat man überhaupt keine Chance. Die Techniken, welche die Katze beim Verstecken verwendet lauten „unfassliche Verkleinerung“ sowie „mannigfaltige Mimikri“. Stoisch hockt das Tier plötzlich hinter einem eng an der Wand platzierten Schrank, in dessen Abstand zwischen Tapete und Holzfurnier üblicherweise nicht mal ein Kriminalroman passt.

Auch in Vasen, Töpfe, Astlöcher oder lose herumliegende Reifen kann eine Katze sich hineinfalten. Ihre Fähigkeit, den Körperumfang augenblicklich und auf Kommando um bis zu drei Viertel zu reduzieren, teilt sie mit keinem Säugetier außer den Kandidatinnen von „Germany's Next Topmodel“. Hat die Katze keine Lust, sich zu quetschen und zu komprimieren, stellt sie sich einfach so in den Raum, als gehöre sie zur Komposition. Wie ein perfektes Standbild hockt sie dann in der „mannigfaltigen Mimikri“ neben Statuen, in Regalfächern oder zwischen Zimmerpalmenzweigen und wird erst bemerkt, wenn ihre Äuglein in dem täuschenden Wimmelbild blinzeln.

N wie NEUGIER

Eines der bedeutsamsten Sprichworte lautet: „Die Neugier ist der Katze Tod.“ Die Behauptung, sie würde entweder nur schlafen oder fressen oder jagen, ist natürlich verkürzt. Ein ebenso edler wie gefährlicher Antrieb, den sie mit dem Menschen teilt, ist die Neugier. Stets so tuend, als würde sie in gelassener Gleichgültigkeit dösen, drehen sich ihre Ohren die ganze Zeit fein aufgestellt in Richtung jedes noch so leisen Geräuschs.

Sind die Klänge, welche die Katze hört, ihr vertraut, bleibt sie liegen. Dringt jedoch irgendetwas an ihr Ohr, das nicht in die Umgebung passt, springt die Neugier an und treibt die Katze in Richtung des Rätsels. Hierbei kennt sie keine Vorsicht, keine Umsicht und keinen Sinn für Gefahr. Angetrieben vom wahnsinnigen Wissenwollen schaltet sie jede Risikoabwägung aus. Hätte sie die finanziellen Budgets des Menschen sowie arretierbare Daumen, würde sie ebenfalls versuchen, den Mars zu besiedeln und hätte das Atom bereits zu Zeiten der Weimarer Klassik mit der Kralle gespalten. Beobachtet man eine Katze, die entlang von Dachfirsten, Herdplatten oder Landstraßengräben nicht eher Ruhe gibt, bis sie weiß, was los ist, begreift man erstmals richtig, wieso das Wort „Gier“ in der „Neugier“ vorkommt.

O wie OLF

Lautstärke misst man in Dezibel. Schärfe misst man in Scoville. Radioaktivität misst man in Millisievert. Was viele nicht wissen: Für die Intensität eines Geruchs gibt es ebenfalls eine Maßeinheit. Sie heißt Olf. Die Wissenschaft definiert „1 Olf“ als den Geruch, der von einem Menschen ausgeht, der einen »Hygienestandard von 0,7 Bädern pro Tag bei 1,8 m² Hautoberfläche und sitzender Tätigkeit« einhält.

Bauarbeiter, Leistungssportler oder Ordner bei Festivals im Hochsommer kommen trotz vieler Duschbäder auf höhere Werte. Jungs im beginnenden Teenager-Alter kommen selbst frisch nach der Reinigung grundsätzlich auf zwei Olf im Ruhezustand. Ein Raucher dünstet zwischen 20 und 25 Olf aus, selbst wenn er gerade keine Zigarette angezündet hat. Eine kraftvoll kackende Katze nun treibt die Geruchsemission auf 30 Olf hinauf, aber nur, falls der Mensch im Badezimmer direkt neben ihr steht. Befindet er sich anderswo im Haus, hebt die Katze den Grad des Gestanks auf 50 bis 70 Olf an, um sicherzugehen, dass er die Erledigung des großen Geschäfts auch mitbekommen hat. Das ist lieb und brav gemeint, ähnlich wie beim Kleinkind auf dem Töpfchen, das Lob für sein „fein Kacki“ einheimst.

Erdreistet sich der Mensch allerdings die Respektlosigkeit, das Katzenklo aus dem Badezimmer in den unteren Hausflur oder Keller zu verdammen, produziert die Darmflora der Katze aus Protest spezielle, noch weitgehend unerforschte Bakterien der Gattung Diabolicus odor, die den Kot bis zu einer Geruchsstärke von 150 Olf treiben können. Hierbei handelt es sich um Emissionen, die laut Emissionsschutzgesetz der Europäischen Kommission nicht einmal im Inneren von Müllverbrennungsanlagen erreicht werden dürfen.

P wie PRÜGELSTRAFE

Kehrt eine Katze nach einer Operation noch halb betäubt, schläfrig torkelnd oder sogar in einen „Strumpf“ gepackt heim, reagiert ihre gesunde Mitbewohnerin auf diesen Anblick mit herausragender emotionaler Ehrlichkeit. Sie sagt nicht „Was machst du denn für Sachen?“ und holt ihr in der Cafeteria einen Tee und die aktuelle Ausgabe des Goldenen Blatts. Nein. Sie zeigt ganz offen, wie erbost sie darüber ist, dass die kranke Katze ihr unnötige Sorgen aufbürdet - und zieht ihr mit der Pfote eins über die Ohren. Oder zwei. Wenn wir Menschen ehrlich wären, würden wir uns auch wie die Katzen benehmen. Was machen wir denn schließlich, wenn uns ein Familienmitglied durch seinen desolaten Zustand aus dem Alltag reißt?

Wir lassen alles stehen und liegen, nehmen uns Zeit und kümmern uns um den Armen. Ganz egal, wie es uns gerade geht. Aber was würden wir gerne machen? Ihm in die Fresse hauen und uns beschweren! Stellen Sie sich mal vor, wie erfrischend das wäre. Ihr Onkel liegt überraschend im Krankenhaus und denkt, er sei zu bedauern, da stürmen Sie plötzlich durch die Tür, schimpfen „was machst du mir solche Sorgen?“ und schallern ihm eine, dass der Tropf am Ständer wackelt.

Blick ins Buch
Glück ist nichts für FeiglingeGlück ist nichts für Feiglinge

Roman

Sonjas einziger Lichtblick, ihr Ankerpunkt im Alltagstrott ist ihre Katze. Als die verschwindet, folgt Sonja ihr bis nach Island. Wo es lange Schatten zu überspringen gilt. Wo nichts mehr so ist, wie es war. Wo sie etwas findet, wonach sie gar nicht gesucht hat …

2

Mering, Bayerisch-Schwaben

Dank der Catcam erfuhr Sonja, dass Lady Goggo von einer anderen Nachbarin mit Leberwurst gefüttert wurde. Deshalb also war sie so gut genährt, obwohl sie bei Sonja wirklich wenig fraß. Nur bestimmte Beutelchen, und das auch nur an Tagen, an denen die Katzendame gnädig gestimmt war. Klar, wenn man alternativ fette Leberwurst schnabulieren konnte. Aber wie sollte Sonja der alten Habersetzer denn klarmachen, dass sie die Katze nicht füttern dürfe, weil das ungesund für ihre Katze sei. Schließlich konnte sie ihr gegenüber wohl kaum erwähnen, dass Lady Goggo ihre Snackbesuche im Hause Habersetzer filmte! Und leider konnte sie auch nicht damit kontern, dass Frau Habersetzers eigene Gewohnheiten ebenfalls sehr ungesund seien: Die Dame bewahrte nämlich Drei-Liter-Weinpacks im Kühlschrank auf. Dank ihrer filmenden Spionin wusste Sonja, wie oft die alte Dame vorbeischlurfte und aus dem kleinen Hahn etwas in ein Marmeladenglas laufen ließ, das sie sofort austrank.

Bei Sonja hatte sich inzwischen eine andere Art der Abhängigkeit eingestellt. Sie konnte auf die Filme ihrer Katze einfach nicht mehr verzichten. Zwar hatte sie sich den Inhalt der Speicherkarte probeweise ein paar Tage mal nicht angesehen. Dennoch brachte sie es nicht fertig, der Katze die Cam abzunehmen. Sonja war ein Mensch, der viel nachdachte und sich immer selber die Schuld gab. Und in ihrem tiefsten Inneren ahnte sie, dass ihr Wissen ihr Macht verlieh – und sie das Leben besser meistern ließ.

Die alte Habersetzer zum Beispiel war eine absolute Giftspritze. Sie hatte schon mehrfach Büsche abgeschnitten, die von Sonjas Garten über den Zaun hinübergewachsen waren. Dabei hatte sie die Zweige sehr weit zu Sonja hin gestutzt … Im Winter hatte sie Sonja öfter die Polizei auf den Hals gehetzt, weil sie angeblich ihrer Räumpflicht nicht nachgekommen war. Sie war ein böses zänkisches Weib, und das Einzige, was für sie sprach, war die Tatsache, dass sie Katzen zu mögen schien. Wenn die alte Habersetzer dann wieder an ihrer Tür stand und zu irgendwelchen Schimpftiraden anhob, blieb Sonja neuerdings rundum gelassen.

„Fräulein Sonja, Sie wissen schon, dass in Ihrem Garten Springkraut wächst?“

Ich weiß, dass du säufst, alte Hexe.

„Sie wissen schon, dass Sie das umgehend entfernen müssen. Und zwar bevor es springt. Sonst macht es alles andere tot, gell!“

Wenn du so weitersäufst, brauchst du zum Sterben kein Springkraut.

„Hören Sie mir überhaupt zu?“

„Sicher, Frau Habersetzer, ich mache das Springkraut weg.“

Man sieht es an deinen Äderchen und an deiner bläulichen Nase, dass du jeden Tag so einen Karton leerst.

„Ich mach es weg, ganz sicher“, sagte Sonja und lächelte zuckersüß.

Sonja genoss die Abende mit den Filmen ihrer Katze. Anders als in ihrem Berufsalltag saß sie ausnahmsweise am längeren Hebel. Sie verbrämte ihren Voyeurismus immer auch damit, dass sie so zumindest die Gewohnheiten von Lady Goggo besser kennenlernte. Und sie redete sich ein, dass sie die Katze dann auch schneller wiederfinden würde, wenn sie sich mal wieder irgendwo einsperren ließ. Das war nämlich schon mehrfach passiert. Das eine Mal hatte ihre Nachbarin Lorelai sie bei sich im Haus gefunden, was sie Sonja im Supermarkt brühwarm erzählt hatte. Ein anderes Mal war Lady Goggo beim Postboten Philipp im Wagen mitgefahren. Der hatte sie gottlob wiedererkannt und zurückgebracht. Der Postbote war irgendwie rührend, ziemlich verhuscht und verpeilt. Irgendetwas stimmte mit ihm nicht, aber er war Sonja sympathisch.

An diesem Abend erschien wieder der Garten des jungen Nachbarn zwei Häuser weiter im Bild. Inzwischen erkannte Sonja das schon anhand der ersten Wackeleinstellungen. Lady Goggo kam immer durch die Hecke, bevor sie sich ein Plätzchen auf der Terrasse von Sven Neidhardt suchte und sein Leben filmte. Heute stand die Tür zum Garten offen. Sven hatte irgendwelche Sachen auf dem Boden ausgebreitet, die er hochhob und dann wieder zur Seite legte. Was mochten das nur für Dinge sein? Sonja kniff die Augen zusammen. Gerade hielt er einen durchsichtigen Slip ans Licht und dann eine Korsage. Die Brüste waren mit Nieten gespickt und erinnerten an einen wehrhaften Panzer. Prüfend ließ er die Finger darübergleiten, dann griff er wieder zu den anderen Utensilien, die ziemlich merkwürdig geformt waren. Nur langsam begriff Sonja: Das waren Dildos. Wie ekelhaft! Offenbar war Sven Neidhardt ein Fetischist oder so was. Wie grauenvoll. Was spielte sich nur alles hinter den Fassaden ihrer beschaulichen kleinen Straße ab?

An diesem Tag hatte ihre Katze anschließend noch Elmar Steiger besucht, dessen Grundstück am Ende direkt an Sonjas grenzte. Auch er war einer dieser fanatischen Gärtner. Mehrfach hatte er sich beschwert, dass Sonja den Löwenzahn nicht ordentlich aussteche, weshalb diese heimtückischen Fallschirme zu ihm herüberflögen und alles verseuchten. Bei Elmar Steiger saß die Lady gerne am Klofenster. Sein stilles Örtchen lag wie bei all den anderen Siedlungshäuschen direkt neben der Eingangstür. Schräg unter seinem Klofenster stand ein Pflanztisch, den Lady Goggo nutzte, um aufs Fensterbrett zu springen. Von dort oben hatte sie gute Sicht auf Steiger. Er schien es nicht sonderlich zu schätzen, bei seinen Toilettenbesuchen Publikum zu haben. Selbst wenn die Zuschauerin nur eine Katze war. Einmal hatte er sogar eine Klorolle nach Lady Goggo geworfen. Diese Attacke hatte sie natürlich auch gefilmt.

Katzen haben bekanntlich ein ungeheures Beharrungsvermögen. Mehrfach hatte die Katze nun schon die Toilettenbesuche von Elmar Steiger gefilmt. Aus dem starken Wackeln der Aufnahmen folgerte Sonja, dass ihre Katze den Fenstersitz wohl dazu nutzte, sich zu putzen. Man weiß ja, wie lange Katzen sich putzen. In den Pausen filmte sie Steiger, der immer zwischen zwanzig und dreißig Minuten auf seinem Thron verbrachte. Er saß dort mit der Zeitung und ab und zu mit Pornoheften. Zwischendurch legte er die Postillen weg und drückte sich in die Brille wie ein Berserker. Sein Gesicht wurde zu einer faltigen Pressfratze.

Waren denn alle ihre männlichen Nachbarn so pervers gepolt? Der eine mit Dildos, der andere mit Schmuddelheftchen? Auch Marc hatte sie mal dabei ertappt, wie er einschlägige Bilder im Internet angesehen hatte. Sie hatte nichts dazu gesagt und sein Verhalten auf sich bezogen: Klar, sie war wohl einfach nicht sexy genug …

Auch Steiger beschwerte sich gern bei Sonja. Wenn er herantrampelte, bebte der Boden. Er läutete nie, sondern hieb mit seinen Pranken auf die Tür ein.

„Wenn Sie diesen Löwenzahn nicht ausstechen, dann schütte ich Ihnen demnächst Salzsäure in den Garten!“

Du alter Sack, ich weiß ganz genau, dass du auf dicke Titten stehst.

„Sie haben die Verpflichtung, sich an die Gewohnheiten bei uns in der Siedlung anzupassen. Gott hab Ihre Großmutter selig! Die wusste, was sich gehört.“

Du leidest unter Stuhlverhaltung, du alter Depp! Hol dir lieber mal ein Mittelchen gegen Verstopfung aus der Apotheke.

„Hat Ihre Großmutter Ihnen denn gar nichts beigebracht? Da vererbt sie ihr Haus an eine Schlampine wie Sie!“

Und an der Prostata hast du es sicher auch, du Tröpfler!

„Ich stech sie ja aus, Herr Steiger“, flötete Sonja. „Gleich nachher.“

Ja, dank der Catcam wusste sie, was für niedrige Wichte ihre Nachbarn waren. Nur so ließ sich diese Mischpoke ertragen. Seit sie hinter die Fassaden blicken konnte, ging es ihr viel besser. Deshalb mochte sie auf den Informationsvorteil nicht mehr verzichten. Und irgendetwas in ihr liebte diese Soap. Sie war ihr persönlicher Rausch. Und ihre stille Auflehnung gegen ein Leben, das so sehr an ihr zehrte.

Gestern erst war Elena völlig übermüdet aus der Schule gekommen und beim Mittagessen fast eingeschlafen. Ihre Chefin hatte einen Löffel nach dem Mädchen geworfen und darauf bestanden, dass die Hausaufgabenzeit trotzdem nach der Stechuhr einzuhalten sei. Dabei hätte Elena einfach jemanden zum Kuscheln gebraucht und einen Mittagsschlaf. In solchen Situationen sagte Sonja gar nichts. Sie blickte wie durch einen Schmierfilm auf das Treiben ihrer Chefin und ihrer Kolleginnen. Sie konnte einfach nicht argumentieren, ihr Mund war wie zugepappt. Allein der Blick ihrer Chefin machte sie zu einem stummen Fisch.

Im Berufsalltag erlebte sie ständig ein Gefühl der Ohnmacht. Umso mehr genoss sie die Macht, die ihr das Wissen um die dunklen Seiten ihrer Nachbarn verlieh. Dabei hatte sie, die langweilige Sonja, auch ihre Geheimnisse. Und zwar nicht nur die Catcam, die ihr immer neue Informationen lieferte. Eines Abends, als ihr nach der Arbeit besonders schlecht gewesen war, war sie auf ihre Terrasse getreten, um frische Luft zu schnappen. Auf einmal hatte sie die Lust überkommen, durch die Gärten zu schleichen. Sie war erst durch ihren eigenen Garten getapst und dann durch den von Frau Habersetzer.

Einige Tage später hatte sie ihren Streifzug wiederholt. Schon bald hatte sie ihr Gebiet erweitert. Sie wollte mehr sehen. Mehr Einblicke bekommen. Weniger wacklige Bilder. Sie wollte Klarheit. Die Häuschen in der Siedlung sahen von außen ziemlich ähnlich aus, und die Anordnung der Zimmer war absolut identisch. Es war wie ein Rausch. Sie bekam bei ihren nächtlichen Ausflügen Herzklopfen, und ihr Atem erinnerte an eine Dampflok. Jedes Mal, wenn sie auf Ästchen trat, zuckte sie zusammen. Dabei saßen ihre Nachbarn doch im erleuchteten Haus und konnten gar nicht sehen, wer sich da durch die Nacht pirschte. Bei Frau Habersetzer lief der Fernseher so laut, dass sie es gar nicht hörte, als Sonja einmal über einen Blumentopf fiel, der scheppernd seinen Inhalt über die Terrasse ergoss. Vor Schreck war Sonja zur Salzsäule erstarrt. Sie war wirklich nicht zur Beschatterin geboren.

Trotzdem liebte sie es, in die Welten ihrer Kontrahenten einzutauchen. Welten aus purer Geschmacksverirrung. Bei der alten Habersetzer lagen überall gestickte Decken und Läufer. Über den Armlehnen, über den Rückenlehnen, unter den Blumenvasen und in Bilderrahmen hinter Glas. Eine Orgie in Stick! Die alte Habersetzer stand alle zwanzig Minuten auf und füllte ihr Marmeladenglas neu. Einfacher wäre es gewesen, den Weinkarton einfach auf den hässlichen Couchtisch mit der Resopalplatte zu stellen. Aber so waren Alkoholiker eben …

Bei Elmar Steiger konnte man auf der Terrasse beim besten Willen nichts umwerfen, alles war akkurat verräumt. Auch sein Haus war so ordentlich, dass es an ein Musterhaus erinnerte. Die Schrankwand in Gelsenkirchener Barock erschlug einen Großteil des Wohnzimmers. Die moosgrüne Couch füllte den Rest aus. Steiger trank jeden Abend genau zwei Flaschen Bier und aß sieben kleine Pumpernickel-Wurstbrote. Das Brotzeitbrett richtete er rechtwinklig zur Tischkante aus und rückte es ständig neu zurecht. Jedes Brot war mit exakt drei Scheiben der immer gleichen Zervelatwurst belegt, die denselben Durchmesser wie der runde Pumpernickel hatte. Die Bierflasche und das Glas mussten auf derselben Höhe stehen. Daneben befand sich ein Glas mit Gurken, die er immer in vier gleich große Schnitze zerteilte. Eine Orgie der Zwanghaftigkeit. Nach dem Essen ging er aufs stille Örtchen. Das war der Moment, an dem Sonja davonschlich. Man wusste ja, wie lange das bei ihm dauerte …

Bei ihrer Nachbarin Lorelai musste sie beim Spannen besonders gut achtgeben. Lorelai rauchte nämlich und trat gern mal unvermutet in den Garten. Das machte die Sache natürlich auch spannender. Als Sonja bei einem ihrer nächtlichen Streifzüge von einem Seitenfenster aus in Lorelais Wohnzimmer schaute, war sie überrascht gewesen. Sie hätte Designermöbel aus Stahl erwartet und eine weiße Ledercouch. Doch Lorelais in die Jahre gekommene Einrichtung sah eher nach Ikea aus. Außerdem hingen überall kitschige Engel. Bilder von dicken Engeln, Skulpturen von Engeln, Schutzengelchen, Wandsticker in Engelchenform.

Als Sonja einmal unter Lorelais Fenster kauerte, strich ihr plötzlich etwas Weiches um die Beine. Der Schrei, den Sonja ausstieß, zerschnitt die stille Siedlungsnacht. Lady Goggo machte vor Schreck einen gewaltigen Satz zur Seite. Dabei hatte sie sich so gefreut, ihr Frauchen auch mal nachts in den Gärten zu treffen. Lorelais Terrassentür war aufgegangen. Eine Stimme rief in die Dunkelheit: „Ist da wer?“ Anscheinend hatte sie nun die Katze entdeckt. „Machst du so einen Krach? Kloppst du dich mit anderen Katzen oder wie? Husch, weg da! Ksch, ksch, ksch!“ Sonjas Puls schnellte in unglaubliche Höhen, während sie sich langsam auf ihr eigenes Grundstück zurückzog.

Immer wieder trieb es Sonja hinaus in die Nacht. Als größte Mutprobe hatte sie sich den Garten des Lustmolchs auserkoren. Während sie in Richtung Terrasse schlich, wurde es auf einmal taghell, und sie hörte hinter sich eine laute Stimme, die sie anherrschte: „Was machen Sie da?“

Sonja fuhr herum. Vor ihr stand Sven, der anscheinend gerade aus seinem Gartenhaus gekommen war. Offenbar hatte sie mit ihrem Herumschleichen einen Bewegungsmelder ausgelöst, woraufhin das helle Licht angegangen war.

Ihr Nachbar hielt eine Kiste unterm Arm, aus der einer dieser Dildos ragte. Seltsam geriffelt und neongrün. Er machte keine Anstalten, den Gegenstand zu verbergen, und sah Sonja nur sehr genervt an.

„Ich … äh … suche meine Katze. Die ist … äh … seit zwei Tagen weg. Sonst kommt sie abends immer zu mir zurück …“ Sonja traten Tränen in die Augen. Vor lauter Angst.

„In meinem Garten suchen Sie?“ Er klang eigentlich sehr nett.

„Ich weiß, ich hätte läuten sollen, aber es war schon so spät. Da habe ich mir gedacht … Tut mir leid, Herr Neidhardt …“

„Sven, bitte. Und du bist …?“

„Sonja … Sonja Weber. Aus der Fünf. Zwei Häuser weiter.“

Er nickte. „Du fährst so ein kleines blaues Auto, das du immer abwürgst?“

„Ja … ich …“

„Und die Katze ist diese kleine Bunte, oder?“

„Ja, genau. Lady Goggo ist wahnsinnig neugierig. Sie lässt sich ständig irgendwo einsperren.“

Er sah sie an, als wäre sie ein bisschen gaga, was im Grunde ja auch zutraf. Schließlich stand sie gerade im Garten ihres perversen Nachbarn und redete Müll. Dabei sah dieser Sven unverwackelt sehr sympathisch aus. Er hatte nette braune Augen, eigentlich ein Durchschnittstyp. Aber waren das nicht die Gefährlichsten? Sie war ja auch ein Durchschnittstyp – und sie spannte! In diesem Moment strich etwas um ihre Beine. Lady Goggo!

„Da ist sie ja“, jubelte Sonja. Alle Anspannung entlud sich in diesem kleinen Satz.

„Was für eine Freude!“, kommentierte Sven sarkastisch. „Gute Nacht, die Damen. Wenn die Frau Gagga … äh … Goggo wieder bei mir herumtigert, werd ich sie heimschicken.“

Sonja stolperte mit einem „Danke … entschuldigen Sie … äh … entschuldige du“ von dannen. Lady Goggo protestierte, sowie Sonja sie sich unter den Arm geklemmt hatte, aber sie ließ nicht los, sondern verfrachtete die Katze ins Haus und verriegelte die Katzenklappe. Dann begann sie zu heulen. Diese Nachtwanderungen mussten wirklich aufhören.

Q wie QUALITÄTSPRÜFUNG

Beim Kapitel über das Futter wurde klar: Einerseits rümpft die Katze bei ihr nicht genehmen Sorten die Nase. Andererseits dient das nur der Abgrenzung und der Angeberei, während sie heimlich doch gerne die Zähne ins Junk Food rammt. In anderen Bereichen allerdings legt die Katze eine erstaunliche Orientierung an der reinen, unverfälschten Qualität an den Tag. Ohne Hintergedanken. Ohne Posing. Das erstaunlichste Beispiel dafür bietet die Musik.

Unterscheiden sich die Katzen in allen anderen Dingen von Individuum zu Individuum, haben alle uns bekannten Exemplare den gleichen Sinn für geschmacksunabhängig herausragende Fähigkeiten im Bereich der Komposition und des Arrangements. Ob Männlein oder Weiblein, ob jung oder alt, ob Kurzhaar oder Perser - jede einzelne Katze reagiert auf Platten von Miles Davis, Wolfgang Amadeus Mozart, Morten Harket, Chris Rea, Pink Floyd sowie Sting damit, sich vor die Anlage zu hocken und jedem einzelnen Ton an der Trompete, am Klavier, an den Geigen oder am Standbass hochaufmerksam zu lauschen. Ein Sinn für Qualität, der in dieser stilistischen Breite sogar den meisten Musikjournalisten abgeht.

R wie RASEN

Beim Aufenthalt im Garten überfällt manche Katzen aus heiterem Himmel die bislang noch wenig bekannte „gigantische Gras-Euphorie“. Sie hat nichts mit dem zweckmäßigen, teils sogar gelangweilten und pflichtbewussten Grasfressen zu tun, welches das ordnungsgemäße Kotzen sicherstellt. Die „gigantische Gras-Euphorie“ stellt das absolute Gegenteil einer Pflichthandlung dar. Sie ist Rausch und Sog, Entrückung und Ekstase. Mit Anlauf und Wonne rammt die Katze dabei ihr Gesicht zwischen die Halme und schiebt ihre Wange über den Boden. Um mehr Druck aufs Köpfchen zu bekommen, senkt sie den vorderen Teil ihres Körpers ab und stemmt ihren Hintern in die Höhe. Nur noch einen Hauch fester, und sie bekäme so viel Druck auf ihren Schädel, dass sie damit bequem Probebohrungen für Schiefergasvorkommen vornehmen könnte. Wie eine Getriebene fräst sie ihre Wangen durch die Wiese. Linke Wange. Rechte Wange. Weißes Fell verfärbt sich grün. Grashalme, Erdbröckchen und Wildkleeblätter bleiben darin hängen. Ob es der Geruch ist oder ein gesunder Rasen irgendwelche betörenden Substanzen freigibt, die aus ihm LSD für Katzen machen, ist noch nicht geklärt.

S wie SITZEN

Nähert man sich als manischer Mensch der Moderne dem Burnout, begegnet man früher oder später als Gegenmittel den Lehren des Buddhismus. Im Zentrum der Lebensweise des „Zen“ steht neben Achtsamkeit und Vermeidung von Multitasking („Nur das tun, was du gerade tust“) vor allem das stille, meditierende Sitzen. Keine Erleuchtung, kein „besser werden“ als andere Buddhisten, kein »erst am Ziel sein, wenn ...» Nur: Sitzen. Fertig. Aus. Der legendäre japanische Zen-Meister Kodo Sawaki schreibt: „Zazen bedeutet "nur ich selbst", "Alleinheit". Werde eins mit dir selbst! Deshalb sage ich, dass wir mit Zazen keinen Zweck verfolgen. Wir sitzen einfach. Wir sitzen, eins mit dem Universum.“

Kodo Sawaki war eine Ausnahmegestalt in seinem Tiefenverständnis von Zazen, doch selbst er stand einem wichtigen Tempel vor und reiste pausenlos durch ganz Japan, um die Lehre zu verbreiten. Andere Zen-Meister wie Thich Nath Hanh schrieben am laufenden Band Bestseller. Der Dalai Lama redet mit der Bildzeitung. Mit anderen Worten: Selbst die Weltmeister im Nichstun haben ganz schön viel unternommen.

Der einzig wahre Zen-Meister ist deswegen die Katze. Sie sitzt. Guckt. Sitzt. Schreibt keine Bestseller dabei. Gibt keine Vorträge. Klar, wenn sie ihren Energieanfall bekommt, rast sie wie besessen durch das Haus, springt quer durch zwei Geländer über den Abgrund des Treppenhauses, katapultiert sich auf den Kleiderschrank und an seinem Ende wieder herunter, rollt sich unter dem Bett hindurch wie einst Horst Matula unter dem Rolltor im Vorspann von „Der Alte“ und geht im wahrsten Sinne des Wortes die Wände hinauf. Aber wenn sie sitzt, dann sitzt sie. Fertig. Aus.

T wie TEMPORÄRES LIEGEN

Zu den besten und gehaltvollsten Katzenvideos im Internet gehören jene, die zeigen, wie man mit einem einfachen Seil eine Katze fangen kann. Und zwar so: Legen Sie das Seil auf den Boden und bilden Sie damit einen Kreis. Fertig. Die Katze, die diesen künstlich abgetrennten „Raum“ erspäht, kann nicht anders, als sich hineinzusetzen. Das Verrückte? Es stimmt! Es ist tatsächlich so!

Das Gleiche gilt für ein Handtuch, das man einfach irgendwo hinlegt, wo es sonst nicht liegt. Eine Decke. Ein Stück Pappe. Einen Karton. Beim Karton kommt noch das evolutionäre Grundgefühl der Katze hinzu, sich in eine Höhle, die wärmer als der Boden, gut isoliert und halb geschlossen ist, gerne zurückzuziehen.

Das generelle Phänomen allerdings nennen wir: das temporäre Liegen. Denn: Befänden sich der Seilkreis, das Handtuch, die Decke oder der Karton immer an dieser Stelle im Raum, wäre der Reiz des Ungewöhnlichen und der einmaligen Möglichkeit nicht gegeben. Sie ist eben vorübergehend, temporär. Die Katze folgt an dieser Stelle der Haltung unseres bekannten Romanhelden Hartmut, der in der Geschichte „Chancen nutzen“ beim Vorweihnachtseinkauf völlig ohne Grund die Straßenseite wechselt und auf die Frage seines Begleiters, was das solle, antwortet: „Weißt du, wie selten in den heutigen Städten die Straße frei ist? Die Chance musste ich nutzen!“

U wie UMZUG

Die Katze mag keine Veränderungen. Temporäres Liegen auf zeitlich begrenzt abgestellten Kartons, Klamottenstapeln oder Trittleitern, ja. Aber keine zu plötzlichen Umbauten. Verrückte Möbel. Überraschende Durchbrüche. Neue Wände. Ein Graus. Aber immer noch harmlos gegen die absolute Zumutung aller Zumutungen - den Umzug! Da wird man in eine Transportbox gesteckt und in eine neue Umgebung verfrachtet! Hallo? Euer Ernst? Wie, das neue Haus ist besser, größer, schöner und katzengeeigneter? Mit einer Klappe hinaus in den katzentauglichen Garten voller spannender Büsche und Hecken? Na und?

Entscheidend ist doch: Wieso hat man mich, die Katze, nicht gefragt? Kommt die Katze im neuen Haus an, begeht sie es in aller Ruhe und stellt für sich selber fest: Mist, ist tatsächlich besser! Und der Garten? Geil! Natürlich darf die Katze diesen Stimmungswandel nicht sofort zeigen. Daher beginnt sie kurz nach dem Umzug mit dem „vorwurfsvollen Schweigen“. Kein Knatschen. Kein Klagen. Dafür aber: Spannung in der Luft. Katzen beherrschen das vorwurfsvolle Schweigen besser als Schwiegermütter. Sie haben eine telepathische Verbindung zu ihren Menschen und können über diesen Kanal nicht nur empfangen, sondern auch senden.

Es gibt hundert verschiedene Facetten lautloser Kommunikation, wenn eine Katze nur so daliegt. Das gleiche Liegen kann im Inneren des Menschen auf magische Weise gelassenen Frieden oder größte Unruhe erzeugen. So, wie beim vorwurfsvollen Schweigen, das je nach Katze 10 bis 15 Tage andauern kann. Es folgen: Das vorwurfsvolle „verstört Herumsitzen“ (7 bis 9 Tage) und das „ganz aus Versehen in herumstehende Werkzeugkästen oder Kleistereimer springen“ (3 bis 5 Tage). Danach gibt die Katze zu, dass das neue Haus ganz okay ist. Solange es tatsächlich stimmt.

V wie VERSCHWINDEN

Wenn eine Katze ihr Revier verlässt und sich auf fremdem Terrain versteckt, wird sie augenblicklich vom „scheuen Schweigen“ überwältigt. Statt sich lautstark zu melden und auf sich aufmerksam zu machen, gibt sie keinen Ton mehr von sich. Wird sie im Haus auch nur eine Sekunde gegen ihren Wunsch in einem Zimmer eingeschlossen, schlägt sie augenblicklich Alarm, sendet Hilferufe aus dem Fenster oder steckt bei geschlossener Scheibe das Köpfchen in den Kaminschacht, um ihre Klagelaute aus dem Schornstein heraus übers Dorf erklingen zu lassen.

Verläuft sie sich allerdings in der unmittelbaren Nachbarschaft, setzt sie sich einfach hin und hält die Klappe. Der tiefere Sinn dieses „scheuen Schweigens“ liegt darin, auf komplexe und intensive Weise den Grad der Liebe ihres aktuellen Futtergebers zu testen. Sie beobachtet aus dem Versteck heraus die Suchaktionen ihres Menschen und prüft.

Wie lange und wie beharrlich sucht er nach mir? Sucht er auch nachts? Beginnt er sofort mit der Suche, selbst wenn er barfuß und nur in kurzer Hose herumläuft? Traut er sich, sämtliche Häuser in der Umgebung zu betreten und mit den Bewohnern zu diskutieren? Bricht er die Häuser auf, falls die Bewohner nicht da sind? Schlägt er Bewohner, die ihn nicht in ihrem Haus oder in ihrem Schuppen nachsehen lassen wollen? Bricht er irgendwann weinend zusammen und fleht die Katzengöttin Bastet an, mich zu ihm zurückzubringen? Erst, wenn der Mensch sich als würdig erwiesen hat, bricht die Katze das Verstecken ab. Außer es fängt an zu regnen. Dann nimmt sie an einem anderen Tag einen neuen Anlauf.

W wie WECKEN

Die Katze ist ein Wecker. Sie schätzt feste Aufstehzeiten. Feste Aufstehzeiten des Menschen natürlich. Sie bestimmt, wann er sich aus dem Bett quält, um ihr das Frühstück zu machen. Weigert er sich, findet sie Mittel und Wege seiner Konditionierung, von denen jeder Säugling, jeder Feldwebel und jeder Erpresser noch lernen kann. Die sanfteste Methode ist das „lautlose Anstarren“.

Katzen können ihre Menschen wachstarren. Lautlos stehen sie neben dem Bett, kerzengerade, das Köpfchen auf Matratzenhöhe. Und gucken. Hypnotisieren den Schlafenden. Bis er aufwacht. Ignoriert der Mensch die Wirkung und tut so, als ob er weiterschläft, springt die Katze aufs Bett und stampft auf ihm herum. Erweicht ihn diese Pfotenmassage ebenfalls nicht, fängt sie damit an, Bücher vom Nachttisch zu werfen. Brillengestelle. Hustensaftflaschen. Den eigentlichen Wecker.

Sollte der Mensch dann immer noch so tun, als wäre er nicht längst wach, betrachtet es die Katze langsam als Beleidigung ihrer Intelligenz. Sie sieht sich um. Prüft die Umgebung. Hebelt das erste Bild vom Nagel an der Wand. Wer reagiert, hat verloren. Für immer.

X wie XENOPHOBIE

Katzen sind fremdenfeindlich. Einfach so. Ohne sich zu schämen. Wer ihr Revier betritt, darf keine Willkommenskultur erwarten. Jeden Tag prüft die Katze ihre Grenzen, Meile für Meile. Man kann sie nicht überlisten, nicht austricksen, nicht mal auf legale Weise ein Visum einreichen oder Asyl beantragen. Wer das Revier der Katze durchqueren will, muss ihr glaubwürdig versichern, dass er weiterzieht. Wer ernsthaft erwägt, dauerhaft einzuwandern, muss sich auf was gefasst machen.

Etwas anders verhält es sich, wenn der Mensch einen neuen Mitbewohner ins Haus bringt und den vorhandenen Katzen gar keine Wahl lässt, ob sie die Einwanderung akzeptieren oder nicht. In diesem Fall gilt die 1-zu-3-Regel. Das heißt: Sind zwei Katzen im Haus, ist die erste die „Ablehnende“ und die zweite die „Begrüßungskatze“. Bei dreien ist die dritte wieder erstmal gegen alles. Die Vierte grillt dann wieder Willkommenswürstchen. Undsoweiter. Postboten, Baukräne oder fremde Menschen vor der Tür werden von nahezu allen Katzen misstrauisch beäugt und von manchen Katern sogar wie von Hunden angeknurrt.

Ist nur eine Katze im Haus, freut sie sich meistens über die Zuwanderung. Vorausgesetzt, der neue Mitbewohner will nicht augenblicklich die Herrschaft an sich reißen. Dann gibt's auf die Schnauze. Einfach so. Ohne sich zu schämen.

Y wie YIN YANG

Die berühmten Begriffe Yin und Yang stammen aus der chinesischen Philosophie des Daoismus und meinen polar einander entgegengesetzte und dennoch aufeinander bezogene Kräfte wie "hell und dunkel", "hart und weich" oder "weiblich und männlich". Während Menschen sich meistens zu viel auf die eine oder andere Seite konzentrieren, sorgen Katzen jeden Tag instinktiv für den Ausgleich der Kräfte. Besonders deutlich macht dies das beliebte und berühmte Poster namens "Katzenmanifest", welches in 10 Bildern die 10 Phasen eines Katzentages beschreibt: Fressen. Schlafen. Nervös herumtigern. Fressen. Herumlungern. Schlafen. Schlafen. Arrogant gucken. Schlafen. Fressen. Schlafen." Entscheidend für die Lebenskunst des Yin und Yang ist die Abwechslung in der Reihenfolge. Daher isst man als Mensch schließlich süßen Nachtisch nach salzigem Mahl. Oder nimmt als Musiker nicht ein Album mit 12 Balladen und keinem einzigen lauten Stück auf. Oder eben doch, zur Freude aller vier Kunden.

Z wie ZÄHNE

Beißen ist bei der Katze nicht gleich Beißen. Ganz und gar nicht. Würde man die hundert fein abgestuften Bissarten auf einer Skala zusammenfassen, stünde am harmlosesten Ende der Skala der „zarte Liebesbiss“. Hierbei legt die schnurrende Katze ihre Zähnchen wie spitze Federn auf die Handhaut des Menschen. Am anderen Ende der Skala befindet sich der „panische Mörderbiss“.

Er kommt zum Einsatz, wenn der Mensch die Katze aus einer traumatisch schlimmen Lage retten muss, etwa wenn sie sich in einem auf Kipp gestellten Fenster verkantet hat. In Todesangst beißt sie während der Rettungsaktion in die Hand, die sie rettet und setzt dabei mit ihrem Kiefer alligatorenhafte Kräfte frei. Die gleichen Zähne, welche die Haut sanft streicheln können, dringen nun durch Haut, Fleisch und Sehnen. Wenig später findet sich der Mensch in der Notaufnahme wieder. Schiene, Gips und kiloweise Antibiotika. Denn die zarten Zähne der süßesten Vierbeiner der Welt haben es in sich. Während ein Hundebiss nur in maximal 20 Prozent der Fälle eine lebensgefährliche Infektion nach sich zieht, liegt die Wahrscheinlichkeit, ohne Krankenhausbehandlung durch die eigene Katze umzukommen, bei 50/50.

Womit bewiesen wäre: Nur die Harten können mit den Löwen leben. Eine der schlimmsten Krankheiten, die Katzen bekommen können, lässt die Zähne ausfallen und heißt „Foal“. Sie ist unheilbar und führt dazu, dass sämtliche Beißerchen gezogen werden müssen. Wer das verhindern will, gibt seinen kleinen Lieben bitte jeden Tag das Algenpulver „PlaqueOff“ ins Futter, eine präventive Zahnpflege, die kaum jemand kennt und die daher unbedingt erwähnenswert ist, damit die Zähne auch morgen noch kraftvoll durchs Menschenfleisch dringen können.

Kommentare

1. Mag.
Brigitta ALEXANDROVICZ am 21.07.2018

Wunderbar phantastisch beschrieben mit viel Humor und Witz. Es stimmt einfach alles. DANKE fūr diese literarische Köstlichkeit.

2. Geniestreich!
Lindsey Wang am 30.04.2019

Unglaublich humorvoll und dabei so treffend, besser geht's nicht! Wer seine Tiger kennt, für den ist das Lachen hierbei garantiert.

3. frau
moeck am 22.08.2019

Ich muss mit meiner 10 -jähriger Katze umziehen. Nachdem ich den Beitrag gelesen habe, bin ich etwas beruhigt. Es wird doch nicht so schlimm für meine Katze werden?

4. echt jetzt???
Tobi am 13.10.2019

Sehr schön beschrieben!!!
Nach Jahren schaffe ich mir nun wieder Katzen an und hole mir einige Inspirationen.

Also vielen Dank dafür!!!

Hast du echt toll geschrieben, musste einige Male echt lachen!
Du hast wahr!!

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