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Historische Romane aus England

Adel trifft auf Arbeiterklasse: Spannende Romane aus dem viktorianischen England

Spannung, Romantik und dramatische Wendungen vor geschichtlicher Kulisse

England im 19. Jahrhundert – eine Epoche, die so viel zu bieten hat. Die viktorianische Ära ist geprägt von starken Kontrasten, die in den Romanen über diese Zeit widergespiegelt wird. Auf der einen Seite das prunkvolle und aufwendige Leben der Oberschicht, auf der anderen Seite das harte und entbehrungsreiche Leben der Arbeiterklasse. Ein Spannungsfeld, das die Historienromane unserer Autorinnen aufgreifen und zu Geschichten voller Dramatik und Intrigen verarbeiten.

Die perfekte Lektüre für Fans von Lucinda Riley und Laura Andersen

Blick ins Buch
Das Geheimnis der GouvernanteDas Geheimnis der Gouvernante

Roman

Was geschah auf Teesbank Hall?

England, 1871: Schon als die junge Gouvernante Harriet das abgelegene Anwesen erreicht, beschleicht sie ein ungutes Gefühl. Sie soll die seltsame und feindselige 18-jährige Eleanor nicht nur unterrichten, sondern im Auftrag der Familie ausspionieren. Hat es etwas mit dem toten Kind zu tun, das man vor Jahren im Bootshaus fand? Der Einzige, dem Harriet in dem düsteren Herrenhaus vertraut, ist Eleanors Bruder Henry. Während sie immer stärkere Gefühle für ihn entwickelt, entdeckt sie ein grausiges Geheimnis, in das die ganze Familie verstrickt ist – und das Harriet zum Verhängnis werden könnte …

Ein abgelegenes Herrenhaus, ein sonderbares Mädchen, ein furchtbares Geheimnis: Perfekte Lektüre für Fans von schaurig-schönen Geschichten aus England

Das verrät die Autorin über „Das Geheimnis der Gouvernante“:

„›Das Geheimnis der Gouvernante‹ ist mein erster Roman und spielt im Nordosten Englands. Ich habe schon immer die großen, klassischen Romane des 19. Jahrhunderts geliebt, mit vielen Gouvernanten und Intrigen, und manchmal frage ich mich, ob ich in der falschen Epoche geboren wurde! Die Viktorianische Ära war eine Zeit großer Veränderungen, doch die Bewohner von Teesbank Hall sind in der Vergangenheit gefangen. Teesbank Hall ist fiktiv, aber die meisten Schauplätze des Romans gibt es wirklich.“

11. August 1849

Samuel würde ihr geheimes Spiel für sich behalten. Er konnte am Leben bleiben. Wenn man ihn leise wieder in sein schützendes Bettchen zurückbrachte, würde niemand erfahren, dass er jemals fort gewesen war. Diejenigen, die davon wussten, hatten zu viel Angst, um etwas zu verraten. Jetzt konnte die Zukunft noch aufgehalten und neu entworfen werden. An diesem Augustmorgen standen alle Möglichkeiten offen. Doch im Sommer dämmert der Morgen so hoch im Norden früh, und das Haus erwachte sicherlich schon. Jeder rosagoldene Streifen am Himmel forderte eine Entscheidung. Bald würde es hell sein, und dann gab es keine Wahlmöglichkeit mehr. Dann würde seine Abwesenheit auffallen.

Sein pummeliges Händchen hielt ein Geschenk hoch, Gänseblümchen und Gras, die er aus der frühmorgendlich feuchten Wiese herausgerupft hatte. Seine Augen waren so blau wie ferne Himmel.

Er sollte leben.

Aber die Stimmen meldeten sich wieder, dieses Mal lauter. „Töte ihn, töte ihn!“ Ihnen Einhalt zu gebieten, war unmöglich – Widerstand machte sie nur zornig und noch hartnäckiger. Unüberhörbar schrien sie Erinnerungen an Unrecht und Leid heraus. Nur Rache konnte sie zum Schweigen bringen. Er durfte nicht am Leben bleiben. Doch selbst das grausame Messer, aus einer tiefen Tasche gezogen, zögerte, als es über Samuel schwebte. Er blickte hoch und schrie erschrocken auf, als er endlich verstand, welches Spiel gespielt wurde. Beim ersten ungeschickten Zustoßen fielen zerdrückte Gänseblümchen und Gras um den Jungen herum auf den Boden. Dann wurde es leichter, und die scharfe Klinge stach immer wieder zu. Der Abgrund war überwunden, und die Zeit setzte wieder ein.


1

Die schauerlichen Ereignisse, von denen ich auf diesen Seiten erzähle, haben sich vor vielen Jahren zugetragen, aber sie waren derart verhängnisvoll, dass sie sich mir so lebhaft einprägten, als wären sie gestern erst geschehen. Meine Geschichte mag an manchen Stellen reißerisch klingen, doch ich kann Ihnen versichern, dass ich, soweit es nach all dieser Zeit möglich ist, diese grauenvolle Phase meines Lebens wahrheitsgetreu schildere und nicht bestrebt bin, meinen Bericht in irgendeiner Weise auszuschmücken.

Mein geliebter Henry liegt nun im Sterben, und ich werde als einzige lebende Zeugin übrig bleiben. Allein aus diesem Grund habe ich mich entschlossen, diesen wahrhaftigen Bericht über die Begebenheiten in Teesbank Hall niederzuschreiben und damit die düsteren Mutmaßungen zu beenden, die im Laufe der Jahre aufkamen.

Ich war gerade einundzwanzig geworden, als ich in Eaglescliffe ankam, einem kleinen Ort in der Grafschaft Durham. Man schrieb das Jahr 1871, und seit den Ereignissen, um die es in meinem Bericht vor allem gehen soll, waren bereits mehr als zwei Jahrzehnte vergangen. Eaglescliffe war im Begriff, sich neu zu erfinden, und auf einst grünen Wiesen waren graue Fabriken aus dem Boden geschossen. Die Ortschaft war zum Zentrum des Landes von George Stephenson, dem Eisenbahnpionier, geworden. Überall zerschnitten Bahngleise das Land und verbanden sogar die kleinsten Dörfchen miteinander. Die Landschaft hier sah völlig anders aus als die golden leuchtenden Wiesen meiner Heimat in Norfolk, und ich dankte Gott dafür. Hier wollte ich mich verstecken.

Auf dem Bahnhof empfing mich ein Durcheinander aus zuschlagenden Türen, Pfiffen und dem Zischen und Fauchen der Dampflokomotive, die sich schwerfällig wieder in Bewegung setzte. Ein uniformierter Träger stand in strammer Haltung am Ende des Bahnsteigs, aber ich war weder hübsch noch reich genug, um seine Aufmerksamkeit zu wecken, daher hatte ich meinen alten Reisekoffer selbst aus dem Eisenbahnwaggon gezerrt. Doch ich hatte noch einen Rest von dem gestohlenen Geld übrig, und damit wollte ich mir für die letzten Meilen einen Wagen nehmen. Wieder einmal tastete ich in meinem Beutel nach dem klein zusammengefalteten Brief von Mrs Jenson, um mich zu vergewissern, dass er noch dort war.

Ich hatte keiner Menschenseele von meinem Vorhaben erzählt, nicht einmal meiner Cousine und lieben Freundin Lucy. Wenn sich die erste Empörung gelegt hatte, wollte ich versuchen, sie benachrichtigen zu lassen, aber ich wusste nicht, wie viele Monate oder gar Jahre vergehen würden, bis ich es wagen konnte, selbst Verbindung zu ihr aufzunehmen. Vielleicht würde das niemals geschehen, denn Onkel Thomas Stepford würde seine Tochter mit Argusaugen beobachten und sie einspannen, um mich zu finden. Lucy fand sicherlich, dass ich sie hintergangen hatte, aber darüber durfte ich nicht weiter nachdenken.

Neben dem Bahnhofsgebäude entdeckte ich eine Pferdekutsche und zwei Männer, die müßig herumstanden und ihr Pfeifchen rauchten. Als ich mich zu ihnen begab und fragte, ob der Wagen zu mieten sei, trat der Keckere der beiden vor und erwiderte: „Jawohl, Miss. Wo möchten Sie denn hin?“

„Nach Teesbank Hall bitte, Sir. Gleich an der Jackson’s Lane.“ Die Adresse hatte sich in mein Gedächtnis eingebrannt.

Nun schwiegen beide Männer, und ich meinte zu sehen, wie sie sich einen Blick zuwarfen, allerdings so flüchtig, dass ich mir nicht ganz sicher war.

Der Angesprochene machte eine Handbewegung. „Teesbank Hall liegt in dieser Richtung, und es ist nicht weit. Direkt am Fluss. Sie können leicht zu Fuß hinkommen, noch bevor es dunkel wird.“

„Ich werde Sie selbstverständlich für die Fahrt dorthin bezahlen. Sonst müsste ich diesen schweren Reisekoffer tragen.“

Der Kutscher schüttelte den Kopf. „Nein, Miss, es passt mir nicht. Ich habe so viel zu tun, Sie müssen sich einen anderen suchen, der Sie fährt.“ Sehr zu meinem Erstaunen wandte er sich ab und stellte sich wieder neben seine leere Kutsche.

Sein Freund zögerte. „Ist ’n schlimmer Ort, Miss, ganz schlimm. Da wollen Sie nicht hin.“ Er machte eine Pause. „Kann ich Sie irgendwo anders hinbringen?“

In meiner Verwirrung antwortete ich nicht so vorsichtig, wie es angebracht gewesen wäre, sondern sagte ganz aufrichtig: „Einen anderen Ort gibt es nicht, Sir.“ Das war die schlichte Wahrheit – es gab keinen anderen Ort auf der Welt, wohin ich hätte fliehen können. Meine Not, nicht meine Neigung, bestimmte mein Ziel.

Da tat der Mann etwas höchst Merkwürdiges. Während er mich weiter ansah, malte er mit dem Zeigefinger ein Kreuzzeichen in die Luft und sagte dabei: „Mögen Gott und alle seine Heiligen Erbarmen mit Ihnen haben.“ Er wollte nach meiner Hand greifen, aber ich schreckte instinktiv vor seiner Berührung zurück. Sein theatralisches Gehabe ließ mich an seinem Verstand zweifeln. In unserer Korrespondenz hatten die Wainwrights hochachtbar gewirkt, eine Familie, die durch den Kohlebergbau im Norden der Grafschaft Durham reich geworden war. Die seltsame Reaktion des Mannes verunsicherte mich, aber weil sonst niemand zu sehen war, fühlte ich mich genötigt, ihn zu fragen: „Aber wie soll ich dort hinkommen, Sir, wenn Sie mich nicht hinbringen wollen?“

„Niemand wird Sie da hinfahren, Miss, aber wenn Sie unbedingt hinwollen, es sind ja bloß zwei Meilen oder so. Sie müssen der Straße von Stockton nach Yarm folgen und dann runter zum Fluss abbiegen.“

Ich bedankte mich für diese Wegbeschreibung und machte mich daran, meinen Reisekoffer auf dem zum Glück trockenen Lehm der neu angelegten Straße halb zu ziehen, halb zu tragen. An dieser Hauptstraße wurden gerade einige beachtliche Villen gebaut, sodass die Luft von Hämmern und Sägen erfüllt war. Zu meiner Linken strömte der Fluss Tees, er war von der Straße aus jedoch nicht zu sehen, weil ein dichtes Waldgebiet ihn verbarg. Mit meinem schweren Koffer kam ich nur langsam vorwärts, und ich spürte, wie sich auf meiner Oberlippe Schweißperlen bildeten. Mehrere Passanten betrachteten mich neugierig. Als ich stehen blieb, um Luft zu schöpfen, verfluchte ich im Stillen die beiden Fuhrleute und ihre Weigerung, mich nach Teesbank Hall zu bringen.

Je weiter ich mich vom Bahnhof entfernte, desto ländlicher wurde die Gegend, und dann fand ich einen Wegweiser zur Jackson’s Lane, der mich auf einen Fußweg zum Fluss hinunterführte. Ich war noch keine halbe Meile von der betriebsamen Yarm Road entfernt, aber ich hätte ebenso gut irgendwo mitten auf dem Land sein können, denn nun umgaben mich hohe Eichen und Eschen. Es war ein klarer Märztag, und die tiefe Stille wurde nur vom schwermütigen Ruf eines Brachvogels unterbrochen. Ich atmete die frische, berauschende Luft der Freiheit ein und fühlte mich gestärkt und lebendig. Eine Welle der Zuversicht erfasste mich. Ich hatte überlebt.

Ich brauchte für den Weg länger als erwartet, und die Dämmerung setzte schon ein, als ich mich dem Herrenhaus näherte. Es stand ganz allein und hob sich als finsterer Block vom dunkelnden Himmel ab. Ein hoher schmiedeeiserner Zaun umgab das Gelände, und erst als ich eine Weile am Tor gerüttelt hatte, ließ es sich mit lautem Klirren aufschieben. Das Haus war in seiner herben Anmut beeindruckend. Die Front war mit Efeu bewachsen, dessen dichtes Grün von mehreren Fensterreihen unterbrochen wurde. Die hellen Läden waren halb geschlossen, und vor einigen Fenstern befanden sich Balkone, sodass das Gebäude etwas von einem französischen Château hatte.

In den vergangenen Tagen war ich sehr angespannt gewesen und hatte selbst ein kleines Schälchen Suppe nur mit Mühe und Not zu mir nehmen können, daher war mein Kopf vielleicht nicht ganz klar. Allerdings spürte ich deutlich, dass dieses versteckte Haus etwas Trostloses und Unheimliches hatte. Mir war, als wäre jedes Fenster ein halb geöffnetes Auge, das mich bespitzelte, und diese merkwürdige Empfindung wurde noch stärker, als ich hinter einem Fenster ganz oben im Haus eine Gestalt in einem roten Umhang entdeckte, die anscheinend auf mich hinunterblickte. Ich kniff die Augen zusammen, um besser sehen zu können, und hob grüßend eine Hand, aber im selben Moment war das Wesen fort, und ich nahm an, dass das schwindende Licht oder meine überreizte Fantasie mir einen Streich gespielt hatte. Achselzuckend ermahnte ich mich, nicht weiter darüber nachzudenken. Essen und dann ein guter Schlaf würden die eisige Kälte in meinem Bauch bestimmt vertreiben.

Eine kiesbestreute Auffahrt führte mich zu der großen Eichentür des Vordereingangs. Zögernd blieb ich stehen. Was sollte ich jetzt tun? Erwarteten die Wainwrights, dass ich durch die Vordertür kam, oder sollte ich den Dienstboteneingang benutzen? Ich sah oder hörte keine Menschenseele, die mir einen Hinweis hätte geben können. Zwar war ich den Wainwrights gesellschaftlich mehr oder weniger gleichgestellt, und meine eigene Gouvernante hatten wir immer wie ein Familienmitglied behandelt, doch ich wusste, dass das keineswegs üblich und vor allem auf Vaters Eigenarten und seine Vorstellung von Anstand zurückzuführen war. Zudem war Teesbank Hall viel imposanter als mein Elternhaus.

Der schwere Türklopfer hatte die Form eines Löwenkopfes, und ich hob ihn vorsichtig an und ließ ihn dann fallen, sodass der Schlag laut durch die Stille des frühen Abends hallte. Es dauerte ein Weilchen, bevor sich im Haus etwas regte, und ich hatte mich beinahe schon damit abgefunden, dass ich nach einem Hintereingang suchen musste, als die Haustür geöffnet wurde und eine kleine, vogelähnliche Frau vor mir stand. Sie war in schwarzen Trauerkrepp gekleidet, hielt sich stocksteif und strahlte kalte Tüchtigkeit aus.

„Sie müssen Miss Harriet Caldwell sein. Ich bin Mrs Jenson, die Haushälterin.“

Harriet Caldwell. Zum ersten Mal hatte jemand mich mit diesem falschen Namen angesprochen, und ich war begeistert, weil meine Täuschung gelungen war. „Ja, Madam. Ich glaube, wir haben korrespondiert.“

Ihre dunklen Augen musterten mich scharf von oben bis unten und wiesen mich auf mein schmutziges Gesicht, mein zerdrücktes Kleid und meine staubigen, geflickten Stiefel hin. Als Antwort auf ihren fragenden Blick sagte ich leise: „Ich musste die zwei Meilen vom Bahnhof in Eaglescliffe zu Fuß gehen, Madam. Kein Wagen wollte mich herfahren.“

Mit einem leichten Zusammenkneifen der Augen deutete sie an, dass sie meinen derangierten Zustand missbilligte. Dann nickte sie und erklärte: „Es wird erwartet, dass Sie in Zukunft den Dienstboteneingang auf der Rückseite des Hauses benutzen. Die Wainwrights nehmen es mit diesen Dingen sehr genau.“

Derart gerügt erwiderte ich: „Ja, das werde ich –“, doch Mrs Jenson unterbrach mich und fuhr fort: „Es ist angenehmer, wenn wir uns unten in meinem Wohnzimmer unterhalten. Bitte folgen Sie mir. Sie dürfen Ihr Gepäck im Flur lassen. Ich werde einen der Gärtner bitten, es nach oben zu bringen.“

Sie entfernte sich mit raschen Schritten, und ich musste mich beeilen, um nachzukommen. Endlich erreichten wir ihre Wohnstube, wo gegen die kühle Abendluft ein kleines Feuer brannte. Der Raum war überladen, vollgestopft mit Nippsachen, Sticktüchern mit Bibelsprüchen und Bildern von einsamen Landschaften. Von seinem Ehrenplatz auf einem altmodischen roten Damastsofa aus beäugte mich missbilligend ein wohlgenährter Spaniel. Eine Wand des Raumes war Regalen mit in Leder gebundenen Büchern vorbehalten. Dort trafen die Romane von Charles Dickens auf die gesammelten Predigten von John Wesley. Auf dem Kaminsims zählte eine reich verzierte goldene Uhr die Minuten. Diese Uhr war der Inbegriff von Achtbarkeit, und ihr lautes Ticken versicherte mir, dass die Worte des Kutschers töricht und melodramatisch gewesen waren.

Mrs Jenson deutete auf einen kleinen Tisch, auf dem ordentlich gestapelt Papiere und Quittungen lagen. Wir setzten uns, und sie nahm einige Blätter von einem der Stapel. Es waren die Briefe, die ich ihr geschrieben hatte. „Sie sind von Norfolk angereist, wie ich sehe.“

„Ja, Madam. Ich bin zwei Tage lang unterwegs gewesen.“ Ich war nervöser, als mir bewusst gewesen war, und stieß meine Worte kurzatmig und abgehackt hervor. Ich bemühte mich zwar, gefasst zu erscheinen, aber in diesem fremden Zimmer, ohne bekannte Gesichter oder anderes Vertrautes, fiel es mir schwer.

Mag sein, dass Mrs Jenson ein gewisses Mitleid mit mir empfand, sie bot mir nämlich Tee an und schenkte aus einer großen, blau-weißen Porzellankanne ein. Ich umfasste die warme Tasse und lauschte aufmerksam, während sie die Bedingungen meines Dienstverhältnisses in Teesbank Hall erläuterte.

„Heute Abend werden Sie natürlich erst einmal essen und sich ausruhen, bevor dann morgen früh Ihr Dienst beginnt.“

„Vielen Dank.“ Inzwischen war es viele Stunden her, dass ich etwas gegessen hatte, und ich war sehr hungrig.

„Mr und Mrs Wainwright haben jedoch darum gebeten, dass ich vorher mit Ihnen spreche. Ihre Stellung bei uns beinhaltet bestimmte Dinge, über die Sie Bescheid wissen müssen, und die Wainwrights mögen es nicht, wenn man sie mit Haushaltsdingen belästigt.“

Ich schaute Mrs Jenson abwartend an.

Sie las von dem Blatt ab, das sie in der Hand hielt: „Im Empfehlungsschreiben Ihres früheren Dienstherren steht, dass Sie Französisch, Geografie, Zeichnen und Klavierspielen unterrichten können. Ist Französisch Ihre einzige Fremdsprache?“

„Ich spreche fließend Französisch – meine Mutter stammte aus der Provence, und ich bin mit der Sprache aufgewachsen.“

„In Ihrer zukünftigen Stellung wird Ihnen das nichts nützen, denn Miss Eleanor lernt Deutsch und die alten Sprachen. Besitzen Sie darin Kenntnisse?“

Ich musste einräumen, dass mir abgesehen von Englisch und Französisch jegliche Sprachkenntnisse fehlten. Mrs Jenson strich etwas auf dem Papier durch und fuhr dann fort: „In diesem Empfehlungsschreiben steht auch, dass Sie eine ehrbare, gottesfürchtige junge Dame sind. Ich nehme an, Sie sind Anhängerin des anglikanischen Glaubens?“ Sie machte eine Pause und sah mich an. „Ich hoffe, Sie neigen nicht zu irgendwelchen radikalen Ansichten.“

Obwohl es nicht ganz der Wahrheit entsprach, versicherte ich ihr, das sei nicht der Fall.

„Schön. Und Sie waren bei Ihrer vorherigen Familie vier Jahre lang angestellt?“ Fragend sah sie mich an.

Da ich gerade erst einundzwanzig geworden war, befürchtete ich, dass dieser Teil meiner Täuschung am ehesten zu meiner Entlarvung führen könnte. Ich antwortete ausweichend: „Als Vater starb, war ich gezwungen, schon in jungen Jahren eine Stellung zu suchen.“ Ich hatte beschlossen, so nahe wie möglich an der Wahrheit zu bleiben, denn dann würde es mir leichter fallen, mein Lügengebäude aufrechtzuerhalten.

Ahnte Mrs Jenson etwa, dass ich meine Geschichte erfunden hatte? Ich erstarrte vor Schreck, doch da sprach sie weiter: „Ihr Dienstvertrag sieht ein Gehalt von fünfzig Pfund im Jahr vor, die Sie für jeweils sechs Monate rückwirkend erhalten werden. Hinzu kommen Wohnung und Beköstigung.“

„So hatten Sie es in Ihrem Brief geschrieben“, bestätigte ich.

Sie sprach weiter: „Einmal im Monat haben Sie einen Sonntagnachmittag zur freien Verfügung, dann dürfen Sie Verwandte oder Freundinnen besuchen.“

„Ich habe keine“, sagte ich, und Mrs Jenson nickte, als habe sie diese Antwort erwartet.

„Abends, wenn Miss Eleanor anderweitig beschäftigt ist, steht Ihnen das Schulzimmer zur Verfügung, dort dürfen Sie lesen oder nähen, und wenn Sie keine Pflichten haben, dürfen Sie auf dem Gelände spazieren gehen. Der Fußweg am Fluss entlang ist sehr schön. An bestimmten Abenden wird man Sie bitten, der Familie zu Mahlzeiten und ähnlichen Gelegenheiten Gesellschaft zu leisten. Es ist ein ruhiges Haus, und Besuch ist Ihnen nicht gestattet.“

„Ich verstehe, Mrs Jenson.“

Sie sah mich aufmerksam an und sprach die nächsten Worte mit besonderem Nachdruck: „Außerdem müssen Sie jetzt etwas über Miss Eleanor, Ihre zukünftige Schülerin, erfahren. Ich hielt es nicht für angebracht, diese Dinge in unserer Korrespondenz zu erwähnen. Es ist besser, wenn wir hier darüber sprechen.“ Sie hielt kurz inne. „Miss Eleanor ist nicht gesund, daher muss sie sehr sorgfältig beobachtet werden.“

Mein erster Gedanke war, dass sie unter einem körperlichen Gebrechen litt, daher fragte ich: „Ist sie bettlägerig?“

Mrs Jenson verneinte meine Vermutung mit einer Handbewegung. „Nein, nein. Körperlich ist sie recht robust. Ihre Schwierigkeiten sind anderer Art. Sie leidet unter einer Gemütsschwäche, die sie zu einer Gefahr für sich selbst und andere macht. Mrs Anderson, ihre Pflegerin, betreut sie während der Nachtstunden, von sieben Uhr abends bis sieben Uhr morgens. In der übrigen Zeit liegt die Verantwortung für Miss Eleanor ganz allein bei Ihnen. Sie dürfen sie nicht aus den Augen verlieren und …“ Mrs Jenson machte eine Pause, um ihren nun folgenden Worten mehr Gewicht zu verleihen, „… die Herrschaft erwartet, dass sie über sämtliche Aktivitäten ihrer Tochter vollständig unterrichtet wird.“

„Aber warum, Madam?“, platzte ich heraus.

Mrs Jenson musterte mich mit ihren klugen Augen. „Miss Eleanor kann Eigenschaften an den Tag legen, die …“, sie suchte nach einem Wort, „… abgestellt werden müssen. Als Gouvernante haben Sie die Aufgabe, Ihre Schülerin zu beobachten und Bericht über sie zu erstatten, damit Mr and Mrs Wainwright Maßnahmen ergreifen können, falls das nötig ist.“

Ich verspürte ein tiefes Unbehagen. „Was sind das für Eigenschaften?“

Mrs Jenson erwiderte mit Bestimmtheit: „Es ist besser, wenn ich nicht mehr sage. Falls etwas auftreten sollte, wozu es, so Gott will, nicht kommen wird, werden Sie verstehen, warum Wachsamkeit nötig ist. Allerdings muss ich Sie warnen, dass Miss Eleanor eine gerissene, heimtückische junge Dame sein kann. Falls sie versucht, Freundschaft mit Ihnen zu schließen, müssen Sie auf der Hut sein.“

Ich war beunruhigt und fürchtete mich auch ein wenig, schließlich war ich als Gouvernante gekommen, nicht als Spionin. Doch ich konnte es mir nicht leisten, diese Stellung abzulehnen. Ich hatte keine Zufluchtsstätte außer Teesbank Hall, folglich blieb mir nichts anderes übrig, als zustimmend zu nicken.

Daraufhin öffnete Mrs Jenson ein großes Haushaltsbuch und schob es über den Tisch zu mir herüber. „Außerdem müssen Sie jeden Tag Buch führen.“

Verwirrt betrachtete ich die aufgeschlagenen Seiten. Ich sah Listen von Lebensmitteln und Mengen, etwa »2 Esslöffel Haferbrei und ½ Tasse Milch« und darunter „2 Scheiben Rindfleisch und 1 kleine Kartoffel“, was aber mit Tinte in einer anderen Farbe wieder durchgestrichen worden war. In der letzten Spalte standen Buchstaben, zum Beispiel am 14. März ein großes S und am 20. März ein S und ein V. Verwundert fragte ich: „Und was soll ich hier aufschreiben?“

„Wenn Miss Eleanor üble Laune hat, verweigert sie aus Trotz die Nahrung“, erklärte Mrs Jenson. „Daher besteht der Arzt darauf, dass wir genau festhalten, was sie zu sich nimmt. Weil Sie den ganzen Tag mit ihr zusammen sein werden, können Sie die Mengen beobachten.“

„Und was bedeuten die Buchstaben?“, fragte ich.

„Sie dienen mir und ihrer Pflegerin als Erinnerungsstütze“, antwortete Mrs Jenson. „Das Buch wird dort unter Verschluss gehalten.“ Sie deutete auf einen großen Mahagonischrank in einer Ecke des Raumes. „Jeden Abend um sieben Uhr kommen Sie hierher, machen die Einträge für den Tag und erstatten mir Bericht.“

Ich musste ein besorgtes Gesicht gemacht haben, denn Mrs Jenson sagte: „Es ist zu Miss Eleanors eigenem Besten, dass sie jederzeit unter Aufsicht steht.“ Ihre Miene war nun völlig verschlossen, und wieder fiel mir auf, dass ihr Gesicht und ihre ganze Person etwas Strenges, Unnachgiebiges hatten. Sie fuhr fort: „Falls Miss Eleanor etwas Ungehöriges sagt oder tut, muss ich unverzüglich informiert werden. Fürs Erste ist das alles, was Sie wissen müssen.“

Die Haushälterin erhob sich und drückte damit aus, dass unser Gespräch beendet war. Ich stand ebenfalls auf, und durch die merkwürdigen Anweisungen ermutigt, traute ich mich zu fragen: „Der Kutscher am Bahnhof riet mir davon ab, hierherzufahren. Er sagte, es sei ein schlimmes Haus. Warum wollte er mich warnen?“ Kaum hatte ich diese Worte ausgesprochen, da bereute ich sie auch schon. Onkel Thomas Stepford hatte immer gesagt, Neugier sei einer meiner größten Fehler und würde einmal mein Verderben sein.

Mrs Jenson kniff die Lippen zusammen. „Hier ist ein Kind getötet worden. Das war eine große Tragödie. Es hat der Familie viel Kummer bereitet und in der ganzen Gegend für dummes Geschwätz gesorgt. Doch das liegt jetzt viele Jahre zurück, und wir befassen uns nicht mehr damit.“ Sie unterband alle weiteren Fragen mit der Bemerkung: „Ich lasse Ihnen eine Mahlzeit in die Gesindestube bringen. Vermutlich möchten Sie nach Ihrer Reise zeitig zu Bett gehen.“

Mrs Jensons Wohnstube befand sich in der Nähe der Küche, sodass ich während unserer Unterhaltung immer wieder das Klappern und Klirren von Tellern und Töpfen gehört hatte und gelegentlich auch die Glocke, mit der die Herrschaft nach Bedienung läutete. Jetzt brachte Mrs Jenson mich in den großen Raum mit seinen weißen Fliesen und den schimmernden Kupferpfannen, die an der Decke hingen. Sie stellte mich der Köchin vor, einer Mrs Hargreaves, und wies sie an, ein Abendessen aus Speck und Eiern und eine Kanne Tee für mich zuzubereiten. An einer Seite war eine Tür, durch die ich ihr in die Gesindestube folgte.

Ein Mädchen mit streitlustigem Gesicht lümmelte sich an dem großen Holztisch, stand aber sofort auf und nahm ihren abgegessenen Teller vom Tisch, als wir eintraten. Mrs Jenson warf ihr einen bösen Blick zu. „Eliza, haben Sie etwa nichts zu tun? Gehen Sie Mrs Hargreaves zur Hand und bringen Sie Miss Caldwell dann ihr Essen. Sie ist die neue Gouvernante.“

Dann wandte Mrs Jenson sich noch einmal an mich: „Miss Caldwell, wenn Sie Ihre Stellung in Teesbank Hall behalten wollen, rate ich Ihnen, nicht so viele Fragen zu Dingen zu stellen, die Sie nichts angehen. Es würde Ihnen gut anstehen, zurückhaltender zu sein.“ Daraufhin verließ sie die Gesindestube.


2

Eliza war stehen geblieben, um Mrs Jenson den Vortritt zu lassen. Nun schnitt sie eine Grimasse. „Wenn Sie wirklich vorsichtig sein wollen, achten Sie besser darauf, dass Sie Mr Wainwright aus dem Weg gehen.“

„Wie meinen Sie das?“

„Also, ich richte es möglichst so ein, dass ich nicht allein mit ihm im Zimmer bin. Er kann seine Hände nicht bei sich behalten.“ Und mit dieser bissigen Bemerkung eilte Eliza in die Küche, während ich erschöpft auf dem harten Stuhl sitzen blieb.

Als Speck und Eier endlich fertig waren, knallte Eliza den Teller vor mir auf den Tisch. Ich hatte sie in der Küche mit der Köchin murmeln hören, und ihr Tonfall hatte deutlich gemacht, dass sie sich ärgerte, weil sie eine Person bedienen sollte, die ihrer Meinung nach kaum höher gestellt war als sie selbst. Das Essen schwamm in Fett und war nahezu ungenießbar, daher gab ich es nach einem halbherzigen Versuch auf und verzehrte stattdessen zwei dicke Scheiben Brot mit Butter. Eine ängstliche Unruhe hatte mich befallen, denn Mrs Jensons Worte über Eleanor gingen mir nicht aus dem Kopf. Worin bestand ihr Gemütsleiden, und warum war ihr nicht zu trauen? Ich sann auch über die Buchstaben in dem großen Haushaltsbuch nach, über das S und das V. Was konnten sie bedeuten?

Vielleicht war es tatsächlich ein schlimmer Ort, so, wie der Kutscher es gesagt hatte. Falls ich die Absicht gehabt hätte, mich länger hier aufzuhalten, hätte ich mich vielleicht gefürchtet, doch ich wollte nur so lange bleiben, bis meine Spur erkaltet war und ich etwas Geld gespart hatte. Dann würde ich den nächsten Schritt machen. Ich dachte an die Atlanten, die einst so zahlreich in Vaters Bibliothek gestanden und mir exotische Orte gezeigt hatten. Ich hatte vor, eine Schiffspassage zu buchen, zu einer der neuen Welten, von denen ich auf den bebilderten Seiten einen kleinen Eindruck bekommen hatte. Solange ich den Blick fest auf mein nächstes Ziel gerichtet hielt, würde ich alle Widrigkeiten dieses vorübergehenden Aufenthalts ertragen können.

Als ich gegessen hatte, war es längst dunkel, und Agnes, eins der Dienstmädchen, erhielt den Auftrag, mir mein Zimmer zu zeigen. Sie war etwa in meinem Alter und hatte große, treue braune Augen und bräunliches, straff aus dem Gesicht gekämmtes Haar. Ich erwiderte dankbar ihr Lächeln, denn ich war froh über ein freundliches Zeichen in diesem fremden Haus. Sie holte zwei lange weiße Kerzen und einen schlichten Kerzenhalter aus Messing aus einer Küchenschublade und erklärte, sie würde mich zu meinem Zimmer geleiten, das sich ganz oben im Gebäude befand.

Weil Agnes die Aufgabe hatte, zu überprüfen, ob alle Feuer für die Nacht ausgebrannt waren, führte uns der Weg in den Hauptteil des Gebäudes. Teesbank Hall war mit teuren, ein wenig altmodischen Mahagonimöbeln ausgestattet, doch selbst das Kerzenlicht konnte die düstere Atmosphäre nicht vertreiben. Obwohl alles sauber und blank poliert war, schien es, als würde das Haus vernachlässigt und als hätte man die Räume planlos möbliert, sodass es eher wie ein seelenloses Museum als wie ein Zuhause wirkte. Überall war es totenstill, und auf Agnes’ Kontrollgang begegneten wir niemandem. Als ich sie fragte, ob ich ihre Kerze halten solle, während sie ihren Pflichten nachging, legte sie besorgt den Zeigefinger an die Lippen. „Pst“, wisperte sie. „Die Herrin möchte keine Stimmen hören.“

Ich hätte gern gewusst, warum nicht, aber als ich zu meiner Frage ansetzte, verzog Agnes nur das Gesicht und arbeitete schweigend weiter.

Ein auffälliges Merkmal von Teesbank Hall war eine mit Schnitzereien geschmückte Treppe, die in großen Windungen in der Mitte des Gebäudes nach oben führte. Als Agnes ihre Arbeit im unteren Stockwerk beendet hatte, führte sie mich jedoch an dieser Treppe vorbei zu einer schlichten Tür am Ende eines Flures. Dahinter befand sich das Treppenhaus für die Dienstboten, das seitlich an das Haus angebaut worden war, sodass die Hausangestellten unsichtbar ihren Pflichten nachkommen, Kohle holen und Wäscheberge schleppen konnten. Der gesamte Haushalt arbeitete wie eine gut geölte Maschine, ohne dass die Herrschaft deren Einzelteile, nämlich die Bediensteten, wahrnahm.

Der Treppenaufgang war selbst an den sonnigsten Tagen düster, und die schmalen, hohen Stufen schienen sich endlos in die Höhe zu schrauben. Agnes ging rasch vor mir her, denn ihr war der Weg vertraut, aber ich musste mich vorsichtig durch das Treppenhaus tasten. Als wir schließlich das Dachgeschoss erreichten, fiel mir auf, dass sich hier oben mitten durch das Haus eine Mauer zog, sodass es praktisch zweigeteilt war. Vier oder fünf Räume gingen nach vorn hinaus und ebenso viele nach hinten. Die beiden parallel laufenden Flure waren finster, und Agnes’ Kerze konnte die Dunkelheit um uns herum kaum vertreiben.

Nachdem wir das Haupthaus hinter uns gelassen hatten, war Agnes wieder lebhaft geworden. „Ihr Zimmer geht nach vorn“, erklärte sie, „wir haben es für Sie vorbereitet. Die Gouvernanten wohnen immer darin, es ist ein großer, schöner Raum.“ Sie ging den Flur entlang, und ich folgte ihr.

„Das klingt, als hätte es hier schon viele Gouvernanten gegeben“, bemerkte ich.

Ich hatte das unbekümmert dahergesagt, aber Agnes drehte sich zu mir um und sagte sehr ernst: „Sie bleiben nie. Das Haus liegt zu weit ab, und das Leben hier ist zu schwer.“

„Ach, ich bin sicher, dass ich durchhalten werde.“ Ich lächelte ihr zu, aber ihr Blick blieb ernst, und sie gab keine Antwort.

Mir fiel auf, dass auch dieser Teil des Hauses verlassen wirkte. Sämtliche Türen am vorderen Flur waren geschlossen. Um unser verlegenes Schweigen zu brechen, fragte ich: „Wohnt hier oben sonst noch jemand?“

„Wir Mädchen schlafen alle hier, allerdings im hinteren Flur. Da wurden Schlafräume für die weiblichen Bediensteten eingerichtet.“

„Dann ist mein Zimmer also das einzige in diesem Flur, das bewohnt wird?“, fragte ich.

Agnes war vor der letzten Tür stehen geblieben. Sie sah angelegentlich zu Boden und sagte: „Die Gouvernante schläft immer im vorderen Teil des Hauses. Mrs Jenson sagt, die Räume nach vorn heraus sind besser, und außerdem schlafen die meisten von uns Mädchen nicht gern allein.“

„Warum möchten Sie kein eigenes Zimmer haben? Es ist doch eine Verschwendung, wenn ein Haus über so viele Zimmer verfügt und man sie nicht nutzt.“

Sie fuchtelte mit den Händen. „Es ist besser, bei den anderen zu schlafen.“

„Aber warum?“, fragte ich, denn was sie sagte, verwirrte mich immer mehr.

„Hier oben ist es dunkel, und manche sagen, sie würden Geräusche hören – und auch Erscheinungen sehen. Nicht, dass mir das schon passiert wäre“, versicherte sie mir hastig, „und ich glaube, die Leute reden einfach gern, aber mir ist es trotzdem lieber, wenn ich das Zimmer mit anderen teilen kann.“

„Was für Erscheinungen? Sie glauben solche Geschichten doch nicht, oder?“ Ich war verblüfft, denn ich hatte Agnes für recht vernünftig und besonnen gehalten.

Sie musste mir meine Verwunderung angemerkt haben, denn ihre nächsten Worte klangen abwehrend. „Ich habe ja nicht gesagt, dass ich etwas gesehen hätte. Aber Eliza beschwört es. Geistererscheinungen.“

„Ist das der Grund, warum mich niemand vom Bahnhof hierherbringen wollte?“

„Niemand kommt nach Teesbank Hall heraus, wenn es sich vermeiden lässt. Die Einheimischen nennen das Herrenhaus Mordhaus. Wir haben immer zu wenig Dienstboten, weil niemand hier arbeiten will. Ich würde auch lieber heute als morgen weggehen, wenn ich eine andere Stellung finden könnte, und ich arbeite schon seit drei Jahren für die Wainwrights.“

„Mordhaus? Weil hier ein Kind umgebracht wurde?“ Ich erinnerte mich an Mrs Jensons Worte.

Agnes nickte. „Aber ich darf nicht darüber sprechen. Wenn Mrs Jenson wüsste, dass ich geplaudert habe, würde sie einen Tobsuchtsanfall kriegen. Sie verpetzen mich doch nicht, oder?“

„Nein, natürlich nicht“, antwortete ich. „Vielleicht bilden die Dienstmädchen sich ein, Gespenster zu sehen, weil es hier oben so dunkel und einsam ist.“ Ich erklärte es mir so, dass die düstere Atmosphäre des Dachgeschosses und die tragischen Ereignisse der Vergangenheit die Ursache für die angeblichen Erscheinungen von Gespenstern oder bösen Geistern waren.

„Vielleicht haben Sie recht.“ Agnes zuckte die Schultern. „Versprechen Sie mir, Mrs Jenson kein Sterbenswörtchen davon zu sagen, dass ich Ihnen vom Mordhaus erzählt habe? Und dass wir Angst haben, hier oben zu schlafen?“

Ich versicherte Agnes noch einmal, dass ich schweigen würde, und überlegte, dass sie mehr Angst vor der Haushälterin zu haben schien als vor irgendwelchen übernatürlichen Erscheinungen. Trotzdem wagte ich es, sie zu fragen: „Was halten Sie von Miss Eleanor, meiner zukünftigen Schülerin? Mrs Jenson hat von ihren seltsamen Eigenheiten gesprochen.“

Agnes schüttelte den Kopf. „Dazu müssen Sie sich selbst ein Urteil bilden, Miss. Ich habe nicht das Recht, etwas darüber zu sagen.“

„Aber warum muss sie ständig beaufsichtigt werden?“

Agnes blickte mich an. „Ich habe ein engeres Verhältnis zu Miss Eleanor als die meisten anderen hier, aber ich bin trotzdem vorsichtig, wenn ich mich in ihrer Nähe aufhalte. Morgen früh werden Sie sehen, was ich meine.“

Das war keine sehr beruhigende Antwort, aber ich musste mich damit zufriedengeben. Doch dann, als Agnes sich schon zum Gehen wandte, hielt sie noch einmal inne, als nehme sie ihren ganzen Mut zusammen, um mir etwas Wichtiges mitzuteilen. Sie schickte sich an zu sprechen, stockte und setzte erneut an, sagte dann aber nur: „Schlafen Sie gut. Sie haben die Kerze für Ihren Nachttisch, bloß für alle Fälle. Ich würde sie an Ihrer Stelle die Nacht hindurch brennen lassen.“

„Hat das einen bestimmten Grund?“, fragte ich, weil sie so ängstlich wirkte.

„Nein“, entgegnete Agnes und ging durch den Flur zurück. Das Dunkel verschluckte sie rasch.

Ich überlegte, was sie mir vielleicht Bedeutsames hatte mitteilen wollen. Doch ich hatte weiß Gott genügend eigene Geheimnisse und brauchte nicht auch noch fremde. Wenn das, was Agnes mir verschwiegen hatte, wichtig war, würde ich es zu gegebener Zeit erfahren.

Mein eigenes Zimmer. Es gefiel mir recht gut, war zwar schlicht, aber mehr als ausreichend – und hier spukte es mit Sicherheit nicht. Die Dachkammer war groß, und auf den gebohnerten Bodendielen lag ein Flickenteppich in gedeckten Violett- und Rosatönen. In der Mitte stand ein Bett mit einem schwarzen Eisengestell und gestärktem, makellos weißem Bettzeug. Rechts in der Ecke befand sich ein übergroßer Kleiderschrank, neben dem ich meinen Reisekoffer entdeckte, und gegenüber vom Fenster stand eine kleine Kommode mit einem Spiegel sowie Krug und Waschschüssel darauf. Der Spiegel war altmodisch, mit einem Rahmen aus dunklem Holz, in den Kirschen und wirbelnde Blätter eingeschnitzt waren, und das Glas schimmerte leicht grünlich und war fleckig geworden vor Alter. Der starke Lavendelduft des Bohnerwachses konnte den muffigen Geruch von abgestandener Luft nicht überdecken, und ich nahm mir vor, am Morgen gleich das Fenster zu öffnen.

Obwohl ich so zuversichtlich gewesen war, fühlte ich mich sehr allein, nachdem Agnes gegangen war, und ich hoffte, dass ich sie mit meinen Zweifeln an den Geistererscheinungen im Dachgeschoss nicht verletzt hatte. Es wäre schade gewesen, so schnell eine mögliche Verbündete zu verlieren. Ein wenig neidisch stellte ich mir vor, wie auf der anderen Seite der trennenden Wand die Dienstmädchen jetzt vielleicht kicherten und schwatzten. Um die Schatten zu vertreiben, stellte ich meine Kerze auf die Kommode, und dann setzte ich mich so auf das Bett, dass ich in den Spiegel sehen konnte.

Ich hatte es mir zur Gewohnheit gemacht, mein Haar abends gründlich zu bürsten – einhundert Striche mit der silberbeschlagenen Bürste. Aus dem grünlichen Spiegelglas blickte mein Gesicht mich an. Meine Haut war blass und meine Züge unscheinbar. Meine Augen waren dunkel genug, um Geheimnisse zu verbergen, doch mein Haar war mein krönender Schmuck, es schimmerte lichtbraun und golden. Normalerweise steckte ich es zu einem lockeren Knoten auf, dem nur wenige Locken entkommen durften. Von Gestalt war ich schlank und mädchenhaft, doch meine Lippen waren zu rot und zu voll, um schön zu sein – Cousine Lucy sagte immer, sie seien ein Zeichen für meine leidenschaftliche und trotzige Natur. Vielleicht hatte sie recht, denn ich konnte mich nicht nach Anweisungen richten und mich nicht so benehmen, wie Onkel Thomas Stepford es verlangte.

Auf dem Nachttisch lag die obligatorische Bibel, und das Sticktuch an der Wand mahnte: „Und gedenke deines Schöpfers in den Tagen deiner Jugendzeit, ehe die Tage des Übels kommen und die Jahre herannahen, von welchen du sagen wirst: Ich habe kein Gefallen an ihnen. (Prediger 12,1)“

Ich sank auf die Knie. Für mich waren die Tage des Übels bereits gekommen, und welches Gefallen hatte ich an den Tagen meiner Jugendzeit? Ein Beobachter hätte vielleicht geglaubt, ich wäre tief ins Gebet versunken. Doch mein Gebet richtete sich nicht an Gott, sondern an mich selbst. Es war mein allabendlicher Spruch: „Ich lasse mich von den Umständen nicht zerbrechen. Ich werde das hier überstehen. Alles geht vorüber.“ Ich wiederholte meinen Wahlspruch, bis ich anfing, ihn für wahr zu halten.

Von der Reise erschöpft, zog ich mein Oberkleid aus, spritzte mir kaltes Wasser aus dem Krug ins Gesicht und stieg im Unterkleid in das schmale Bett. Zu Hause in Norfolk hatte ich diese Momente vor dem Einschlafen ausgekostet und mir die exotischen Ziele meiner geplanten Flucht ausgemalt, als Wirklichkeit gewordene Bilder und Beschreibungen aus den Büchern meines Vaters. Solche Vorstellungen hatten die Schrecken meines Alltagslebens ausgelöscht. An diesem Abend jedoch war ich so müde, dass selbst die Geheimnisse, die Eleanor umgaben, mich nicht davon abhalten konnten, sogleich in tiefen, traumlosen Schlaf zu fallen.

„›Das geheime Turmzimmer‹ hat alles, was für einen echten Urlaubsschmöker nötig ist.“ --WDR4

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Das geheime TurmzimmerDas geheime Turmzimmer

Roman

In der Bibliothek gab es eine Fülle von Geheimnissen zu lüften … Man musste nur wissen, wo man suchen sollte.“

Hinter düsteren Mauern verbirgt sich ein tragisches Schicksal.
Als die bücherliebende Carragh den Auftrag erhält, die Bibliothek einer alten irischen Burg zu katalogisieren, kann sie ihr Glück kaum fassen. Und als sie dort dem jungen Lord Aidan Gallagher begegnet, schlägt ihr Herz noch schneller ... Doch etwas stimmt nicht mit Deeprath Castle und seinen Bewohnern. Ist es wahr, dass ein Geist im Turmzimmer umherirrt? Und was hat es mit dem mysteriösen Tod von Aidans Eltern auf sich, die vor zwanzig Jahren ermordet in der Bibliothek aufgefunden wurden? Carragh stößt auf ein altes Tagebuch, das sie der Wahrheit näherbringt. Dabei ahnt sie noch nicht, dass ihr eigenes Schicksal mit dem der Gallaghers eng verwoben ist …

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Jahrhunderte alte Geheimgänge verbergen ein düsteres Geheimnis

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Das Haus der tausend FensterDas Haus der tausend Fenster

Roman

Ein Herrenhaus und sein düsteres Geheimnis

Juliet ist überwältigt, als sie das alte Familienanwesen Havencross zum ersten Mal sieht. Die junge Historikerin wurde von der Familie Somersby beauftragt, das riesige Haus zu entrümpeln. Der attraktive Noah Bennett bietet ihr seine Hilfe an, und bald bekommt Juliet Herzklopfen, wenn sie an seine grünen Augen denkt …

Doch eines Nachts hört Juliet Schritte und glaubt, die Gestalt eines Kindes zu erkennen – sieht sie Geister? Um nicht über die dunklen Seiten ihrer eigenen Vergangenheit nachdenken zu müssen, stürzt sich Juliet in die Geheimnisse von Havencross und stößt auf die Legende vom verschollenen Jungen, die bis zu den Rosenkriegen zurückreicht. Kann es derselbe Junge sein, den Juliet meint in dem hallenden, leeren Haus gesehen zu haben?

Von der Autorin des Publikumserfolgs „Das geheime Turmzimmer“: ein Familiengeheimnis-Roman der Spitzenklasse

1

Juliet

November 2018


Dieses Gebäude ist ein St. Pancras in Miniaturformat, dachte Juliet.

Wobei Miniatur wohl kaum ein passendes Wort war, um Havencross zu beschreiben, überlegte sie weiter. Das Herrenhaus war ein Mammutbau, gigantisch und überwältigend. Zwar mochte das ausgedehnte Gemäuer nicht so viel Platz beanspruchen wie St. Pancras mitsamt seinem Hotel, aber dafür war Londons berühmter Bahnhof von Häusern umgeben, von tobendem Stadtleben und wimmelnden Menschen, sodass das Auge in jedem Moment von etwas Neuem angezogen wurde. Hier in Northumberland hingegen gab es nichts weiter zu sehen als Havencross, dieses überladene neugotische Bauwerk, das seine extravagante Silhouette mit den gemauerten Ziegelsteintürmen und den gemeißelten Pinakeln gegen den grauen Himmel warf.

Und erst die Fenster: Havencross hatte spitz zulaufende Fenster mit filigranem Maßwerk, Bleiglasfenster und Giebelfenster, kleeblattförmige Fenster, die sich unter Spitztürmchen versteckten. Hundert Augenpaare konnten Juliets Ankommen aus ebenso vielen Fenstern beobachten.

In den nächsten fünf Monaten würde sie allerdings die Einzige sein, die hier aus den Fenstern schaute. Vor fast zweihundert Jahren war das Haus für eine fünfzehnköpfige Familie samt Personal erbaut worden, und später hatte es als Internatsschule für neunzig Jungen gedient. Als Juliet die Stelle angenommen hatte, war sie nicht auf einen derart einschüchternden Reichtum an Baustilen und auch an Raum gefasst gewesen.

Sie begann sich auszumalen, wie Havencross wohl im Dunkeln wirken würde, brach das jedoch schnell wieder ab, denn sie war Meisterin darin, Unangenehmes so lange zu ignorieren, bis es nicht mehr möglich war.

Feigheit, nannten manche das. „Nicht den Teufel an die Wand malen“, hatte ihre Großmutter dazu gesagt, und dieser Ausdruck gefiel Juliet besser.

Nell Somersby-Sims, Rechtsanwältin und Cousine um ein paar Ecken, die die Beschreibung von Havencross verfasst und Juliet für die nächsten fünf Monate eingestellt hatte, wartete draußen vor der hochherrschaftlichen Doppeltür. Als Juliet hielt und das Fenster ihres Leihwagens herunterließ, sagte Nell: „Fahr bis ganz nach hinten durch und dann nach links, da findest du Platz, um den Wagen abzustellen.“

„Möchtest du einsteigen?“, fragte Juliet.

„Ich gehe durchs Haus, und wir treffen uns dann am Waschkücheneingang.“

Ist mir recht, dachte Juliet, denn ihr war noch nicht ganz wohl dabei, auf der linken Straßenseite zu fahren. Es war zwar unwahrscheinlich, dass sie auf dem Weg zur Rückseite des Hauses Gegenverkehr haben würde, aber trotzdem. Zurzeit fand sie es wichtig, kompetent zu wirken. Bei allem, was sie tat. Ausnahmslos.

Auf der Rückseite des Herrenhauses wurden die gotischen Verzierungen von der nüchternen Struktur des ursprünglichen Gebäudes aus dem fünfzehnten Jahrhundert abgelöst. Nell Somersby-Sims – auch wenn sie eine entfernte Cousine war, Juliet konnte nicht anders, als sie in Gedanken mit ihrem vollen Oberschichtsnamen anzusprechen – wartete jetzt an der soliden Eichentür, die in die Waschküche führte, während Juliet ihre Sachen aus dem Auto holte. Nell trug Stiefel mit zehn Zentimeter hohen Absätzen, die für die City gedacht waren, nicht für Gepäcktransporte über verwilderte Wirtschaftshöfe.

Juliet ließ ihren Koffer und ihre Umhängetasche auf den Fliesenboden der viktorianischen Waschküche fallen und betrachtete die Kupferbottiche und die Gestelle, die man früher mit schwerer, nasser Wäsche behängt und an die Decke hochgekurbelt hatte.

Hastig sagte Nell: „Für die schweren Sachen und für alles, was an den Wänden oder am Fußboden befestigt ist, bist du natürlich nicht zuständig. Wenn du dann wieder fort bist, lassen wir ein Umzugsunternehmen kommen und das ganze Haus ausräumen. Deine Aufgabe ist es, die alten Kommoden, Kleiderschränke und Regale durchzusortieren und solche Dinge.“

„Ja, du hast mir den Job sehr genau beschrieben.“

Eigentlich war es gar kein richtiger Job. Zum einen würde man Juliet nicht bezahlen, oder jedenfalls nicht gleich. Vorerst war es eine Art Tausch. Nach drei Jahren als Lehrbeauftragte für Viktorianische Geschichte in Maine hatte Juliet flüchten müssen – sowohl aus Maine als auch aus ihrer zerbrochenen Ehe. Mit dreißig war sie wieder bei ihren Eltern untergeschlüpft, und ihr Erspartes war nur noch eine ferne Erinnerung … kein schöner Zustand. Sie hatte unbedingt etwas tun wollen, aber nicht die Energie gehabt, selbst die Initiative zu ergreifen, und so war sie in England gelandet, ohne richtig zu wissen, wie sie hergekommen war. Angefangen hatte das alles, als ihre Mutter vor drei Wochen von einer britischen Anwältin – oder Notarin – kontaktiert worden war. Es ging um den Verkauf eines alten, unbewohnten Anwesens, das sich in Familienbesitz befand.

Havencross.

Juliet war zum Teil aufgrund ihres Bewerbungsgespräches über Skype eingestellt worden und zum Teil, weil ihre Mutter angeboten hatte, das Gehalt aus ihrem eigenen Anteil vom späteren Verkaufserlös zu bezahlen. In erster Linie aber hatte man sie angeheuert, weil sie bereit war, allein in einem eintausenddreihundert Quadratmeter großen Haus mitten im Nationalpark Northumberland zu wohnen, an einem rasch dahinströmenden Fluss und zehn Meilen vom nächsten Dorf entfernt. Fünf Monate lang. Fünf Wintermonate.

Havencross sollte in ein exklusives Country Hotel umgewandelt werden, von der Art, die im Herbst Jagdveranstaltungen boten, im Winter Schneeschuhwandern und lodernde Kaminfeuer, im Frühling und im Sommer Angeln und Wandern und dazu einen Küchenchef aus dem Ausland sowie Viersterne-Luxusbetten. Doch bevor die kostspieligen Renovierungen beginnen konnten, musste das Haus von den Hinterlassenschaften einiger Generationen befreit werden.

Nell gab ihr einen kurzen Überblick über das Erdgeschoss, aber als sie anbot, ihr auch den Rest des Hauses zu zeigen, winkte Juliet ab. Sie sah, dass die junge Frau gern wieder loswollte. Und Juliet selbst wollte Nell auch gern los sein, ungeachtet ihrer verwandtschaftlichen Beziehung. Die hätte ebenso gut gar nicht existieren können, denn Juliet hatten den Namen ihrer Cousine vor drei Wochen zum ersten Mal gehört.

Nicht, dass sie etwas gegen Nell Somersby-Sims persönlich gehabt hätte. Mit ihrem schimmernden, schulterlangen Bob, den mit Gel manikürten Nägeln und dem Bleistiftrock in Größe sechsunddreißig war sie wirklich eine nette Frau. Aber Juliet konnte Nells Zweifel förmlich hören: Das geht bestimmt klar, wir haben diese Frau ja nicht eingestellt, um irgendetwas Wesentliches zu tun, sie ist kaum mehr als ein Frühwarnsystem, und es ist ja nicht so, als würde jemand eine unglückliche Wissenschaftlerin vermissen, wenn sie mal fünf Monate lang anderswo ist.

Juliet hatte sich im Umgang mit schönen, beruflich erfolgreichen Frauen schon immer in der Defensive gefühlt. Und nach den letzten drei Jahren, in denen ihre Hormone verrücktgespielt hatten, ihr Mann gleichgültig geblieben war und tiefer Kummer sie bedrückte, war sie überzeugt, dass sie im Grunde unsichtbar war.

„Das ist nur in deinem Kopf“, hatte Duncan ungeduldig gesagt. „Wenn dir dein Aussehen oder deine Emotionen nicht gefallen, wenn es dir nicht passt, dich unsichtbar zu fühlen, dann tu doch was dagegen!“

Im Moment jedoch sehnte Juliet sich geradezu danach, unsichtbar zu sein. Doch, ja, Miss Somersby-Sims, ich komme hier klar, dachte sie. Hier ist ein Grundriss vom Haus, sehr hilfreich, und alle nötigen Schlüssel sind auch da, und es ist sehr nett von dir, dass du für eine Woche Lebensmittel besorgt hast, und ich kann es kaum abwarten, mich in die Arbeit zu stürzen …

Beim Hinausgehen zögerte ihre Cousine an der Waschküchentür. „Rachel Bennett kommt jeden Donnerstag und putzt im Wohnbereich. Sie ist die nächste Nachbarin hier. Auf der Straße sind es fast drei Meilen bis zu ihrer Farm, aber wenn man den Fußweg über die Felder diesseits des Flusses nimmt, ist es nicht so weit. Die Familie Bennett lebt schon ewig hier – wenn du etwas über die Gegend und ihre Geschichte wissen möchtest, ist Rachel genau die richtige Ansprechpartnerin.“

„Das ist schön, danke.“

„Du kannst mich jederzeit mobil erreichen, wenn du Fragen hast oder etwas Unerwartetes auftaucht. Ganz viel Glück.“

Noch bevor Nell in ihrem schnittigen Audi vom Hof gebraust war, machte Juliet die Hintertür zu und lehnte sich dagegen. Sie schloss die Augen und spürte ihr Herzklopfen.

Allein. Genau das hatte sie sich gewünscht.

Oder nicht?


2

Juliet

2018


Als Erstes hatte Juliet das vor, was sie immer als Erstes tat, wenn sie auf Reisen war – auspacken und Ordnung schaffen, um nicht im Chaos wohnen zu müssen. Nell Somersby-Sims hatte sie zu ihrer Unterkunft im Erdgeschoss geführt, einem Wohnzimmer und einem Schlafzimmer mit einem Bad aus den 1940er-Jahren, die Clarissa Somersbys letztes Zuhause gewesen waren. Clarissa war 1894 auf Havencross geboren und mit achtundneunzig Jahren in diesen Räumen verstorben. Juliet war zwar in Bezug auf den Tod nicht abergläubisch – in den vergangenen sechs Monaten hatte sie zeitweise kaum an etwas anderes gedacht –, doch in dieser kleinen Wohnung bekam sie Platzangst, daher schleppte sie ihr Gepäck trotzig die Treppe hinauf und erkundete dann auf eigene Faust das zweite Stockwerk. Nein, das erste Stockwerk, korrigierte sie sich, schließlich befand sie sich nicht mehr in den USA, sondern in England, und hier zählte man das Erdgeschoss als Stockwerk nicht mit. Allerdings spielten solche sprachlichen Unterschiede im Moment wohl kaum eine Rolle, denn sie war allein im Haus und musste auch nicht befürchten, im Fahrstuhl auf den falschen Knopf zu drücken.

Juliet hatte das Exzentrische an der englischen Architektur immer geliebt, aber ein Gebäude wie dieses brachte sie mit ihrer Liebe an ihre Grenzen. Es war als Wohnhaus für eine Familie errichtet worden, in einer Zeit, als große Familien und eine noch größere Anzahl an Dienstboten in den Gesindestuben die Regel waren. Später hatte man es den Bedürfnissen eines Jungeninternates angepasst, und im Zweiten Weltkrieg war es dann requiriert und in ein militärisches Ausbildungszentrum umfunktioniert worden. Diese wechselhafte Geschichte führte dazu, dass Juliet ein Weilchen brauchte, um herauszufinden, wofür die einzelnen Räume ursprünglich genutzt worden waren.

Gleich oben an der Treppe lagen zwei sehr große Zimmer, die als eine Art Empfangsräume gedient haben mussten, auch wenn sie nicht so groß waren wie die hallenähnlichen, formaleren Räumlichkeiten im Erdgeschoss. In einem der beiden Räume schmückten Steinreliefs, die verschiedene Instrumente und Noten darstellten, die Kamineinfassung und die Friese, daher vermutete Juliet, dass es sich hier um ein Musikzimmer gehandelt haben musste. Der andere Raum war vielleicht einst ein Morgenzimmer gewesen, jenes den Frauen aus der Oberschicht vorbehaltene Zimmer, in dem sie ihre private Korrespondenz erledigen und sich in weniger förmlicher Kleidung zeigen konnten als in den allgemein zugänglichen Bereichen des Hauses.

In beiden Räumen stand ein buntes Sammelsurium von Möbelstücken, von einem Chippendale Sideboard über den Nachbau einer mittelalterlichen Bank, auf der zehn Schuljungen nebeneinander Platz gefunden hätten, bis hin zu Militärschreibtischen aus Metall. Als Clarissa in den späten Siebzigerjahren nach Havencross zurückgekehrt war, hatte sie sich offenbar entschieden, diese Räumlichkeiten nicht zu nutzen.

Hinter diesen beiden Zimmern erstreckten sich nach Osten und nach Westen hin lange Flure. Im Westflügel befanden sich Schlafzimmer verschiedener Größen und ein riesengroßes Badezimmer, das in voller Art-déco-Pracht ausgestattet war, mit mintgrünen Fliesen sowohl auf dem Fußboden als auch an den Wänden.

Das geräumigste Schlafzimmer lag ganz am westlichen Ende des Gebäudes. Vier der schmalen, nahezu bodentiefen Fenster mit den schweren grünen Damastvorhängen lagen an der Seite des Hauses, und zwei gingen auf den Fluss hinaus. In diesem Zimmer standen ein wuchtiges Mahagonibett, das hier oben zusammengebaut worden sein musste, weil man es im Ganzen niemals die Treppe hätte hinauftragen können, und eine schöne Frisierkommode. Eingebaute Regale flankierten den marmornen Kamin. Eine Tür führte in ein viktorianisches Ankleidezimmer, von dem aus eine weitere Tür in ein kleineres Schlafzimmer abging, das wohl den Ehemännern gedient hatte, die im Bett ihrer Gattin nicht immer willkommen gewesen waren.

In diesen Räumen gab es viele Dinge, die sortiert werden mussten, denn sie waren in jüngerer Zeit erneut vollgeräumt worden, mit Büchern, Papierstapeln und sogar Truhen mit altmodischer Kleidung. Es mussten Clarissas Zimmer gewesen sein, bevor das Alter sie gezwungen hatte, nach unten zu ziehen. Juliet freute sich zwar darauf, das alles durchzugehen, und die vier Fenster an der Seite boten einen wunderschönen Blick auf den ursprünglichen, ummauerten Garten, aber sie verspürte nicht den geringsten Wunsch, hier zu schlafen.

Schließlich entschied sie sich für ein Zimmer im ältesten Teil des Hauses. Es war nicht allzu groß, aber sie fand es bezaubernd. Es hatte unterschiedlich steile Dachschrägen und einen Fenstersitz, und die leuchtenden Farben der handbemalten Tapete waren zu einem freundlich milden Hintergrund verblichen. Die Holztäfelung hatte man irgendwann einmal in einem dunklen Grünblau angestrichen; die Innenausstattung erinnerte Juliet an das House of the Seven Gables in Salem, Massachusetts. Duncan und sie hatten Salem immer geliebt. Auf der anderen Seite des Flurs befand sich ein ähnlicher Raum, den sie als Arbeitszimmer oder kleines Wohnzimmer nutzen konnte.

Die Sonne war schon untergegangen, als Juliet ausgepackt hatte und entschied, dass es ungefährlich war, die nächste Toilette aufzusuchen. Zum Duschen würde sie später allerdings nach unten in die Wohnung wandern müssen. Nell und ihre Chefs hatten in den wichtigsten Teilen des Hauses bereits die Elektrik erneuern lassen. Aber selbst mit den nagelneuen Glühbirnen im Korridor und in der Eingangshalle schien Havencross Licht zu schlucken.

Früher hatte Juliet sich vor Dunkelheit gefürchtet. Eine Nachbarin hatte einmal bemerkt, sie wisse immer, wann Duncan nicht da sei, denn dann brenne die ganze Nacht lang Licht im Haus. Doch seit Mai hatte Juliet im Innern für Angst vor eingebildeten Gefahren keinen Raum mehr. Daher stieg sie, nachdem sie sich in der Küche Suppe warm gemacht hatte, wieder in den ersten Stock hinauf und dann weiter bis ins Dachgeschoss des viktorianischen Gebäudeteils.

Sie wollte sich einen Überblick verschaffen, wo wie viel Arbeit anfiel. Und ja, sie inspizierte eine ganze Reihe kleiner Dienstbotenkammern, die mit Kartons und ausrangierten Haushaltsutensilien vollgestellt waren. Am meisten aber überraschte sie ein luftiger Raum mit hoher Decke, der, nach dem schnurlosen Telefon zu urteilen, noch lange nach dem Zweiten Weltkrieg benutzt worden war.

Das konnte nur Clarissa gewesen sein, denn soweit Juliet wusste, hatte seit sechzig Jahren niemand anderes mehr auf Havencross gewohnt. Voller Neugier betrachtete sie die Regale und den Schreibtisch. Das hier war nicht das Zimmer oder das Büro einer traurigen, exzentrischen Einsiedlerin gewesen; obwohl es seit vielen Jahren nicht mehr benutzt wurde, strahlte es immer noch so viel Lebendigkeit und geistige Eigenständigkeit aus, dass Juliet vermutete, sie hätte sich gut mit Clarissa verstanden. Und warum auch nicht? Clarissa war die Großtante ihrer Mutter gewesen. Damit war sie selbst Clarissas … na ja, jedenfalls war sie irgendwie mit ihr verwandt.

Hier oben hing bloß eine trübe Funzel an der Decke, daher sah Juliet sich nur flüchtig um. In den Schubladen entdeckte sie sowohl getippte als auch handgeschriebene Seiten, und der kurze Blick auf die Regale erweckte den Eindruck, dass sich hier jemand sehr für englische Geschichte interessiert hatte.

Gerade wollte Juliet das Licht wieder ausschalten, da sah sie aus dem Augenwinkel auf einem der unteren Bücherbretter etwas schimmern. Es war ein Silberrahmen, in dem ein altes Foto von einem kleinen Jungen steckte.

Dunkles Haar, runde Wangen, ein gestärktes weißes Hemd und Kniebundhosen aus einer Zeit noch vor dem Ersten Weltkrieg; selbst in der Erstarrung auf der Schwarz-Weiß-Fotografie besaß der Junge einen unwiderstehlichen Charme. Als würde er Juliet jeden Moment mit breitem Lächeln in die Arme springen wollen.

Juliet betrachtete den Jungen viel länger, als die Aufnahme selbst es rechtfertigte. Erst als der Kummer sie zu ersticken drohte, floh sie in die Sicherheit ihres Schlafzimmers und zu ihren Schlaftabletten.

„Ein spannendes Familienepos, mit allem, was dazugehört.“ ― Mainhattan Kurier

Blick ins Buch
Die Frau des JuweliersDie Frau des Juweliers

Roman

Kairo, 1938: Wir werden uns lieben, denkt Juliet, als sie den reichen englischen Juwelier Henry Winterton heiratet und mit ihm nach England geht. Sofort empfindet sie das Herrenhaus Marsh Court als ihr neues Zuhause. Doch ihre Heirat soll sich als großer Fehler herausstellen. Als der Zweite Weltkrieg ausbricht, wird alles noch schlimmer. Plötzlich schwelgen die Wintertons nicht mehr in Luxus, und Juliet kämpft um das Überleben der Familie. In ihrer Verzweiflung und ihrem Hunger nach Liebe lässt sie sich auf eine Affäre mit dem charismatischen Gillis ein. Doch ihn umgibt ein Geheimnis, das ihr Leben zerstören könnte.

„Neben romantischen Liebesgeschichten erzählt Judith Lennox immer auch von den Läufen der Zeit, den Wandlungen der Gesellschaft und dem Durst nach Freiheit und Eigenständigkeit der Frauen." Buchkultur

Bewegende Frauenschicksale, viel Atmosphäre und Zeitkolorit: Ihre Romane „Das Winterhaus“ und „Die Mädchen mit den dunklen Augen“ machten Judith Lennox berühmt. Seitdem verzaubert sie ihre LeserInnen mit jedem neuen Roman und ist regelmäßig in den Spiegel-Bestsellerlisten zu finden.

Teil 1

Die Perlenkette

1938–1946

 

 

 

1

Oktober 1938–Dezember 1938

 

Beim Frühstück ließ das Dienstmädchen einen Bückling auf Henrys Schoß fallen, und er nannte sie dumm und warf sie hinaus. Sie war wirklich dumm, musste Juliet Winterton einräumen, ein armes, ungebildetes kleines Ding, das jüngste Kind einer großen Familie, die in beengten Verhältnissen in einem zu kleinen Haus in Maylandsea lebte. Doch das Mädchen tat ihr leid, und sie nahm es in Schutz, nachdem es weinend aus dem Zimmer gelaufen war.

Henry bekam diesen gemeinen Blick, den sie in den drei Monaten ihrer Ehe bereits kennengelernt hatte. „Du kannst manchmal so schwach sein, Juliet“, sagte er und riss dem Unglücksfisch das Rückgrat heraus.

Sie ließ sich nicht beirren. „Ethel kann nichts dafür. Du machst ihr Angst, Henry, du machst sie nervös. Mein Vater hat immer gesagt, man solle freundlich sein zu den Angestellten, gerade weil sie weniger Glück im Leben hatten als wir.“

„Dein Vater war ein Narr.“ Er schlitzte mit dem Brieföffner einen Umschlag auf. „Er hat sein Geld verschleudert und dich mittellos zurückgelassen, wie ich mich erinnere. Weiß Gott, was aus dir geworden wäre, wenn ich dich nicht gerettet hätte.“

Sie hasste es, ihn in diesem Ton von ihrem Vater sprechen zu hören, der noch keine sechs Monate tot war. Doch sie hatte gelernt, sich vor Henrys Zunge zu hüten, deshalb strich sie nur schweigend Butter auf den Toast, den Ethel hatte anbrennen lassen. Sie hatte allen Appetit verloren, und der fischige Geruch des Bücklings schlug ihr auf den Magen.

Als sein Teller leer war, legte Henry Messer und Gabel weg. „Wir haben heute Abend einen Gast“, bemerkte er. „Sinclair hat sich angemeldet.“

Gillis Sinclair war Parlamentsmitglied und lebte in London. Henry war der Patenonkel seiner jüngeren Tochter Claudia und sprach häufig von ihm, doch Juliet hatte weder Sinclair noch seine Frau Blanche bisher kennengelernt.

„Ich lasse ein Zimmer richten“, sagte sie. „Kommt Mr. Sinclair allein?“

„Ja, Blanche fühlt sich nicht wohl. Mach ein Zimmer im Cottage fertig. Wenn die Sinclairs nach Marsh Court kommen, übernachten sie immer im Cottage.“

Henry tupfte sich den Mund mit der Serviette ab und stand auf. Er und seine beiden Geschwister, Jonathan und Jane, waren rein äußerlich wie aus einem Holz geschnitzt, blond und attraktiv wie alle Wintertons, wobei Henry der Stattlichste und Markanteste von ihnen war. „Am besten lädst du Jonny und Helen dazu ein“, fügte er hinzu. „Und die Barbours. Machen wir eine kleine Gesellschaft daraus.“

Charles und Marie Barbour, die Nachbarn der Wintertons, lebten auf einem großen Bauernhof im Süden von Marsh Court. „Lass mich noch einmal mit Ethel reden“, drängte Juliet sanft.

„Nein.“ Sein Mund wurde schmal. „Wenn ich sage, sie geht, dann geht sie.“

Da sie jetzt nur noch auf die Hilfe der Köchin, Mrs. Godbold, und der alten Wirtschafterin zurückgreifen konnte, die so klapprig war, dass Juliet jedes Mal um ihr Leben fürchtete, wenn sie die Treppe hinaufkeuchte, gab es an diesem Morgen viel zu viel zu tun. Juliet bereitete selbst das Zimmer in dem hübschen kleinen Gästecottage vor und tröstete sich mit dem Gedanken, dass sie am Abend Helen und Jonathan sehen würde. Jonathan war ein umgänglicherer Mensch als Henry, und Helen, ihre Schwägerin, war ihr schon fast eine Freundin geworden.

Nach dem Mittagessen ging sie nach draußen. Die Bäume hatten das Laub in diesem Jahr früh verloren, ein heftiger Oktobersturm hatte es von den Ästen gerissen und die Blätter der japanischen Fächerahorne in blutroten Wirbeln über den Rasen geworfen. Ohne den Streit mit Henry hätte Juliet ihren Skizzenblock geholt und versucht, die Farbenvielfalt des gefallenen Laubs auf Papier zu bannen, doch sie war zu aufgewühlt, um zu malen. Dein Vater war ein Narr. Er hat sein Geld verschleudert und dich mittellos zurück-gelassen. Gott weiß, was aus dir geworden wäre, wenn ich dich nicht gerettet hätte.

Gerettet?, dachte sie, während sie durch das Gras ging, dessen Halme nass über ihre Fesseln streiften. So siehst du das, Henry?

Die Regenwolken hatten sich verzogen und blauen Himmel und friedliche Stille zurückgelassen. Marsh Court stand auf einer Halbinsel, die zwischen zwei Flüssen in die Nordsee hinausragte, dem Crouch im Süden und dem breiten Delta des Blackwater im Norden. Das flache Land rund um das Haus schimmerte in weichen Tönen von Grün, Grau und Braun, die dem Auge wohltaten. Juliet beobachtete eine Schar Möwen, die über dem Wasser kreiste, und aus der Ferne wirkten die weißen Vogelbrüste im Sonnenlicht wie ein einziger leuchtender Körper.

Der Garten ging, ohne Zaun oder Hecke zur Begrenzung des Landes, zuerst in Felder und dann in Salzmarsch über. Das einzige andere Haus in Sichtweite war das im letzten Jahrhundert für eine unverheiratete Winterton-Tante erbaute Cottage aus rotem Backstein, in dem Henrys Freund Gillis Sinclair die kommende Nacht verbringen würde.

Juliet blickte zurück zum Haus mit den drei breiten Giebeln, die dem Marschland und dem Watt zugewandt waren, wo die Priele und Salzmarschen vom Wasser durchwirkt schienen wie von metallischen Fäden. Unter dem jahrzehntelangen Einfluss von Sonne und Regen waren die Farben von Dach und Mauern zu zart rötlich getöntem Ocker und Gold verblasst, sodass das Haus mit seinem Umland eine harmonische Einheit bildete. Hohe Fenstertüren führten auf Terrassen voller Geranienkübel hinaus, und Bienen summten im staubigen Licht eines gesprungenen Buntglasfensters. Den Kaminsims im Salon zierten bäuerliche Holzfiguren von Adam und Eva, Eva drall und keck, Adam mit strähnigem Haar und etwas verlottert. In der Abstellkammer standen Flaggenstöcke und Schlaghölzer für Spiele, deren Regeln Juliet nicht kannte; in der Bibliothek lag ein Album, das ausschließlich Fotografien von den Hunden der Familie Winterton enthielt. Für Juliet sahen die Tiere alle gleich aus, aber wenn Henrys Schwester Jane in dem Band blätterte, sagte sie seufzend: „Ach, da ist Lucky, und, oh, schau! Meine süße alte Sally.“ Und ihre Brüder nickten lächelnd dazu.

Juliet war Marsh Court gleich in jenem ersten Moment verfallen, als sie es am Ende ihrer langen Reise von Ägypten nach England aus dem Küstennebel auftauchen sah. Und doch war sie in zwei Monaten Ehe das Gefühl nicht losgeworden, dass sie die Rolle der Hausherrin nur spielte, dass sie ihr nicht zustand, dass sie ein Eindringling war, eine Hochstaplerin.

Manchmal strich sie mit der Hand über ein glänzendes Geländer oder drückte ihr Gesicht in den verblichenen Samt eines Vorhangs, als könnte sie so ein Teil des Hauses werden und ein Teil dieser Familie.

Dort, wo das Land abfiel, wurde das Gras grob und büschelig und ging nahtlos in das Feld dahinter über. Sie kam zu der Stelle, wo die Wintertons zur Feier wichtiger Familienereignisse Feuer anzuzünden pflegten. Jetzt lag nur ein kreisrunder Aschering in der Feuergrube.

Juliet begann das herabgefallene Laub zu einem Haufen zusammenzufegen: goldgelbe Eichenblätter, scharlachrote und korallenfarbene Zungen von den Kirschbäumen sowie gefingerte Kastanienblätter, die aussahen wie zerknitterte braune Hände. In ihrer Tasche fand sie einen alten Einkaufszettel – Strümpfe, Briefmarken, Aspirin. Sie knüllte ihn zusammen und stopfte ihn unter das Laub. Ihr elegantes goldenes Feuerzeug war von Winterton, ein Geschenk von Henry. Sie hielt die Flamme ans Papier, bis es Feuer fing, und trat ein Stück zurück, um den beißenden, herbstlichen Geruch des Rauchs einzuatmen, der aus den Blättern aufstieg.

Am unteren Rand des Feldes bemerkte sie einen Mann, der dort den Fußweg entlangging. Obwohl das Land, das an das Mündungsgebiet grenzte, nicht zu Marsh Court gehörte, sahen die Wintertons es gern als ihr eigenes an, zumal sich dort kaum je ein Mensch zeigte. Sie hatte sich ihrem Alleinsein hingegeben, der Vorstellung, mit dem toten Laub ihren Kummer zu verbrennen, und fühlte sich … nicht direkt ertappt, aber doch peinlich berührt, als wäre sie bei einer intimen Verrichtung wie dem Zähneputzen oder Haaremachen überrascht worden.

Der Mann auf dem Fußweg war hochgewachsen und bewegte sich leichten Schrittes. Juliet sah, wie er vom Fußweg abbog und landeinwärts ging, auf das Laubfeuer zu. Sie nahm an, dass der Mann nach dem Weg fragen oder vielleicht um ein Glas Wasser bitten würde.

Doch als der Fremde in Hörweite kam, rief er: „Sie müssen Juliet sein. Als ich hörte, dass Henry mit einer Ehefrau aus Ägypten zurückgekommen ist, war ich sehr gespannt und konnte es kaum erwarten, Sie kennenzulernen.“ Die Hand zur Begrüßung ausgestreckt, trat er auf sie zu. „Verzeihen Sie, wenn ich Sie erschreckt habe. Ich bin Gillis Sinclair. Henry hat Sie hoffentlich vorgewarnt und Ihnen gesagt, dass ich komme.“

Er hatte eine hohe Stirn und ausdrucksstarke blaugraue Augen unter geraden Brauen. Die hellen Haare waren gelockt, die schmale Nase war lang und gerade, der Mund groß und wohlgeformt. Juliet fand den Mann überraschend attraktiv. Sie murmelte eine Begrüßung und gab ihm die Hand.

Er lachte. „Könnte es sein, dass ich nicht Ihren Erwartungen entspreche, Mrs. Winterton? Sie hatten sich vielleicht einen etwas angejahrten Politiker vorgestellt, den die Bürde der Staatsgeschäfte vorzeitig gebeugt hat?“

Es stimmte, sie hatte einen älteren Mann erwartet. Henry war siebzehn Jahre älter als sie, und Juliet hatte angenommen, sein Freund sei etwa im gleichen Alter.

„Aber nein, keineswegs“, antwortete sie. „Ich freue mich sehr, Sie kennenzulernen, Mr. Sinclair.“

„Gillis. Ich hoffe, wir können die Förmlichkeiten lassen.“

„Dann müssen Sie mich Juliet nennen. Gillis ist ein ungewöhnlicher Name.“

„Es ist ein dänischer Name. Meine Mutter stammt aus Kopenhagen.“

„Und sprechen Sie Dänisch?“

„Ein bisschen. Sie müssen entschuldigen, dass ich einfach so in Ihrem Garten aufkreuze. Mein Auto steht mit einem kaputten Auspuff in Maldon in der Werkstatt. Das verflixte Ding hat die ganze Fahrt von Chelmsford bis hierher schwarzen Qualm gespuckt. Ein Mann von der Werkstatt bot mir an, mich herzufahren, aber ich bin lieber marschiert. Ich liebe die Wanderungen hier am Delta.“

Sein Blick ruhte auf ihr, während er sprach. Es war seltsam, dachte Juliet, dass einem ein Lächeln, ein Blick alle Ruhe rauben und zugleich bewirken konnte, dass man sich plötzlich hellwach und lebendig fühlte, so als hätte man die ganze Zeit im Schatten dahinvegetiert und wäre nun ins strahlende Licht hinausgetreten.

„Ich hörte, dass Ihre Frau sich nicht wohlfühlt. Das tut mir leid.“

„Ach ja, die arme Blanche. Sie meint, sie hätte es von den Kindern aufgeschnappt. Ich halte mich von ihnen möglichst fern.“

Er sagte es mit einem Augenzwinkern. Sie hatte immer noch Mühe mit dieser Angewohnheit der Engländer, das eine zu sagen und dabei etwas ganz anderes zu meinen. Sie fürchtete, dass ihre Konversation den Leuten hier im Vergleich recht schwerfällig vorkam.

Das Feuer war zu weiß umkränzter roter Glut heruntergebrannt. Als sie den Weg zum Haus antraten, fragte sie Gillis, wie alt seine Töchter seien.

„Flavia ist vier und Claudia – Moment! – zwei.“

„Wie niedlich.“

„Wenn ich das nächste Mal komme, bringe ich sie mit. Ich glaube, sie werden Ihnen gefallen.“

„Ja, das wäre schön.“

„Henry hat mir erzählt, dass Sie sich in Kairo kennengelernt haben. Sind Sie dort geboren?“

Juliet schüttelte den Kopf. „Nein, ich bin gebürtige Engländerin, aber mein Vater und ich sind sehr viel gereist. Henry habe ich zwei Wochen nach dem Tod meines Vaters kennengelernt.“

„Das war sicher alles nicht einfach.“ Er warf ihr einen Blick von der Seite zu, während sie den nassen Hang hinaufstiegen. „So ein Verlust ist ja immer schlimm. Und Henry, so gern ich ihn habe, ist nicht gerade ein einfacher Mensch.“

Juliets Vater Alexander Capel, Ägyptologe und Gräzist, hatte ein halbes Dutzend Sprachen fließend gesprochen und die Fähigkeit besessen, neue Sprachen bemerkenswert schnell zu erlernen. Im Alter von einundzwanzig Jahren hatte er England nach einem Zerwürfnis mit seinen Eltern den Rücken gekehrt und war seither auf fortgesetzter Wanderschaft durch die Länder des östlichen Mittelmeerraums gewesen. Als Juliet zwölf war, starb ihre Mutter, erschöpft von Krankheit und dem rastlosen Wanderleben. Sie war untröstlich nach diesem Verlust. Bis zu diesem Zeitpunkt hatte es ihr nichts ausgemacht, kein festes Zuhause zu haben; ihre Mutter hatte jede Unterkunft zu einem Zuhause gemacht. Doch nach ihrem Tod fühlte Juliet sich entwurzelt und orientierungslos.

Mit siebzehn war sie mit ihrem Vater nach Kairo gezogen. Anfangs lebten sie dort in einer Mietwohnung in Zamalek, einem wohlhabenden Viertel mit grünen Bäumen und geräumigen Villen. Sie hatten eine Hausangestellte und gingen zum Essen meistens aus. Juliet nahm Mal- und Zeichenunterricht, während ihr Vater als Übersetzer an der britischen Botschaft arbeitete. Zu ihrem Freundeskreis, der aus der gewohnten internationalen Clique bestand, gehörten Schriftsteller, Intellektuelle und Weltenbummler. Sie liebte die ausgedehnten, gemütlichen Abendessen und Gespräche, die niemals vor Mitternacht zu Ende gingen, und die Kühle der frühen Morgenstunden, die tiefschwarzen Schatten in den uralten Straßen.

Als ihr Vater krank wurde, konnte er nicht mehr arbeiten, und sie mussten die Wohnung aufgeben und sich auf der Südseite der Insel Gezira eine Bleibe suchen. Sie beschäftigten keine Angestellte mehr, Juliet selbst kümmerte sich um den Haushalt und das Kochen. Sie verdiente etwas Geld als Gesellschafterin und Briefeschreiberin einer alten Französin (sie hatte zuvor ihrem Vater mehrere Jahre mit den Schreibarbeiten geholfen) und gab drei verwöhnten englischen Schulmädchen Zeichenunterricht. Ihr Vater trank billigen Fusel, um die Schmerzen zu betäuben. Immer schon ein freimütiger Bewunderer der arabischen Kultur, ging er dazu über, sich in Dschallabija und Fez zu kleiden, und stritt sich mit seinen britischen Bekannten, die nicht mehr so oft vorbeikamen. Juliet vermutete, sie glaubten, er zähle sich nun ganz zu den Einheimischen.

Ein halbes Jahr vor dem Tod ihres Vaters, dessen historische Monografien sich in der französischsprachigen Welt einer gewissen Popularität erfreuten, führte sein Verleger, ein Franzose, Juliet zum Essen aus. Jean-Christophe warnte sie, dass man auf einen Krieg zusteuere, und riet ihr, Kairo zu verlassen. Der Sieg der Italiener in Abessinien, südlich von Ägypten, sei einer der ersten Schritte auf dem Weg in den kommenden Konflikt, der, wie er ruhig und sachlich erklärte, unvorstellbar grausam werden würde. Er habe versucht, mit ihrem Vater zu reden, sei jedoch auf taube Ohren gestoßen. Sie müsse unbedingt auf ihn einwirken.

Danach hatten sie sich erfreulicheren Dingen zugewandt. Es wurde ein netter Abend, und später nahm Jean-Christophe sie mit in seine Villa in der Abou-el-Feda-Straße und schlief mit ihr. Sie ließ sich von ihm verführen, weil sie den Trost menschlicher Berührung brauchte. Er war ein zärtlicher und einfühlsamer Liebhaber, der ihr das Gefühl gab, dass sie schön sei. Sie verliebte sich in ihn und war zutiefst niedergeschlagen, als er einen Monat später zu seiner Frau und seinen Kindern in sein Schloss an der Loire zurückkehrte.

Als die Krankheit ihres Vaters sich verschlimmerte, verkaufte Juliet nach und nach alle Wertgegenstände, um das Morphium bezahlen zu können. Es war ein langes Leiden, erschütternd mitanzusehen. In den letzten Wochen konnte sie ihm keinen Trost mehr spenden, und so blieb nach seinem Tod ein Gefühl des Versagens in ihr zurück, das sie niemals ganz abschütteln konnte.

Nachdem die dringendsten Schulden ihres Vaters bezahlt waren, blieb ihr nichts. Es war Sommer und schon unerträglich heiß. Sie hatte Kairo, diese laute, geheimnisumwitterte Stadt nie gemocht, und nun wusste sie nicht, wohin, und hätte sich einen Umzug in einen anderen Teil der Welt auch gar nicht leisten können. Sie begann, die Taschen ihrer Mäntel und Jacken nach Münzen zu durchsuchen, und versteckte sich hinter den geschlossenen Läden, wenn der Hauswirt klopfte.

Sie war allein und mittellos und hatte Angst, durch das Raster zu fallen. In Kairo mussten genug Menschen, die der Hilfe dringender bedurften als sie, auf der Straße leben. Nachts hielten nicht nur Hitze und Kummer sie wach, sondern auch die Angst vor dem Alleinsein, vor Verlassenheit und finanzieller Not. Sie war kaum noch fähig, etwas anderes zu empfinden als Entsetzen über die letzten Monate und Grauen vor der Zukunft. Sie war neunzehn Jahre alt und fühlte sich, als wäre ihr Herz verdorrt. Ihre Sehnsucht nach Liebe war stärker als ihr Hunger nach dem zuckersüßen Konfekt, das an den Straßenständen verkauft wurde.

Sie beschloss, ihr letztes Wertstück zu verkaufen, eine Perlenkette, die einst ein reicher Händler aus Aleppo ihrem Vater geschenkt hatte. Alexander Capel hatte ihm alte aramäische Texte in modernes Arabisch und ins Englische übersetzt und seinen sechs Söhnen Englischunterricht gegeben. Ihr Vater hatte ihr die Kette zum fünfzehnten Geburtstag geschenkt. Anfangs hatte sie ihr nicht gefallen, sie fand sie altmodisch und schwer, doch mittlerweile liebte sie dieses Stück und den Zauber der großen, runden Perlen mit ihrem grünlich goldenen Glanz. Es waren Meerwasserperlen, in der Lagune eines Atolls im Pazifischen Ozean geerntet, alle in Gelbgold gefasst, jede durch einen kleinen Brillanten von der anderen abgesetzt.

Henry Winterton betrat den Laden, als der Schmuckhändler, der zweifellos ihre Notlage witterte, gerade versuchte, sie kräftig zu prellen. Zu Juliets Verblüffung setzte er dem Angebot augenblicklich ein besseres entgegen und machte sich, ohne die Proteste des Händlers zu beachten, mit ihr bekannt.

„Ich habe ein Juweliergeschäft in London“, sagte er. „Winterton’s in der Bond Street. Kennen Sie es zufällig, Miss –?“

„Capel“, sagte sie. „Nein, leider nicht.“

„Wären Sie trotzdem bereit, mein Angebot anzunehmen?“

Da es ihr Genugtuung bereitete, dem schäbigen Händler einen Strich durch die Rechnung zu machen, und das Angebot großzügig war, nahm sie es dankend an. Doch irgendwie empfand sie das Geschäft als anrüchig, so als hätte sie sich auf eine Sache eingelassen, bei der es um etwas anderes ging als den Tausch einer Perlenkette gegen Geld.

Als sie aus dem Laden traten, sie mit Henry Wintertons Scheck in der Handtasche, hielt er ihr das grüne Lederkästchen hin, in dem die Perlen lagen. „Nehmen Sie sie für mich in Verwahrung“, sagte er. „Ich bleibe zwei Wochen in Kairo. Sie können sie mir vor meiner Abreise zurückgeben.“ Als sie zögerte, fügte er hinzu: „Wenn sie nicht getragen werden, verlieren sie den Glanz. Ich wohne im Shepheard’s Hotel. Kommen Sie heute Abend zum Essen, ich lade Sie ein, dann können wir die Einzelheiten hinsichtlich der Rückgabe der Kette festlegen. Es ist nicht meine Gewohnheit, unschuldige Schulmädchen zu verführen, falls Sie das befürchten. Geben Sie mir Ihre Adresse, dann lasse ich Sie um acht abholen. Und tragen Sie die Kette. Sie ist ein bemerkenswertes Stück.“

Henry lud sie an jenem ersten Abend zum Essen ein und danach zwei Wochen lang jeden Abend. Juliet löste seinen Scheck nicht ein; sie legte ihn in eine Zedernholzschatulle in ihrem Zimmer und sah ihn sich hin und wieder an.

Die Ärmlichkeit ihre Tage stand in scharfem Kontrast zu der Pracht der Abende im Shepheard’s Hotel. Um acht kam ein Wagen und brachte sie dorthin. Henry erwartete sie an einem Tisch im Maurischen Speisesaal. Am ersten Abend war sie befangen und brachte kaum ein Wort heraus, und er überbrückte das Schweigen mit seinen Erzählungen. Sein Ururgroßvater, berichtete er, hatte in den 1850er-Jahren in Colchester das erste Winterton-Juweliergeschäft eröffnet. Dreißig Jahre später hatte die Familie ein zweites Anwesen in der Bond Street erworben. Es gab einen speziellen Winterton-Schliff, der einem Diamanten ein ganz außergewöhnliches Feuer verlieh, und Henry versuchte, ihr mit seinen großen gepflegten Händen eine Vorstellung von dem Verfahren zu geben. Er reiste mehrmals im Jahr ins Ausland, um rohe Schmucksteine einzukaufen; verarbeitete Steine erwarb er nur, wenn sie von höchster Qualität waren. Sein Blick hing an ihrer Perlenkette, während er sprach.

Dann erzählte er ihr von seiner Familie. Seine Schwester Jane war mit Peter Hazelhurst, einem Chirurgen, verheiratet; die beiden hatten zwei Söhne, Zwillinge, namens Jake und Eliot, und eine kleine Tochter, Gabrielle. Henrys jüngerer Bruder Jonathan war sein Partner in dem Familienunternehmen. Henry war für die Finanzen und den Einkauf zuständig, Jonathan für Personalangelegenheiten und die Führung der Geschäfte. Bei Entwurf und Herstellung neuer Stücke arbeiteten sie zusammen. Beide verfügten über das Gespür für die typische Winterton-Verbindung von Extravaganz und Eleganz. Jonathan und seine Frau Helen lebten in Maldon, in Essex, im Osten Englands, knapp sechs Kilometer von Henrys Haus Marsh Court entfernt.

Juliet stellte sich Marsh Court klamm und düster vor. In der Hitze eines Kairoer Sommers hatte das etwas Verlockendes. Ihr fiel auf, dass Henry, auch wenn er mit Wärme von seinen Geschwistern sprach, nicht vergaß, ihre Fehler und Schwächen zu erwähnen, Jonathans Unentschlossenheit, Janes Faible für moderne Methoden der Kindererziehung.

Drei Tage vor seiner geplanten Abreise aus Kairo machte er ihr einen Heiratsantrag.

„Und?“, blaffte er sie an, als sie, sprachlos überrascht, nicht gleich antwortete. „Haben Sie nichts zu sagen?“

In Panik griff sie auf die Romane des neunzehnten Jahrhunderts zurück, die sie gern las. „Ich fühle mich sehr geehrt.“

„Ehren. Schmeicheln. Das will ich nicht. Das liegt mir nicht.“

Darauf zählte er ihr die Vorteile einer Ehe mit Henry Winterton auf. Er sei sechsunddreißig Jahre alt, siebzehn Jahre älter als sie, und könne ihr und den Kindern, die sie vielleicht bekommen würden, ein bequemes Leben bieten. Er bewege sich gern in der Gesellschaft und halte sich eine Wohnung in London, sie brauche also weder Langeweile noch Unsicherheit zu fürchten. Sie werde ein Mitglied seiner Familie sein. Sie werde ein Zuhause haben.

Juliet, die sich schon halb in ihn verliebt hatte, wünschte sich das alles sehnlichst. Henry Winterton sah gut aus, war selbstsicher und intelligent und hatte sich ihr gegenüber großzügig gezeigt. Im Grunde genommen würde eine Heirat mit ihm all ihre Probleme lösen. Aber er hatte nichts davon gesagt, dass er sie liebte.

Er nahm ihre Hand. „Ich fürchte, zu langem Schwanken bleibt keine Zeit. Auf mich warten dringende Geschäfte in London, ich muss so bald wie möglich zurück.“ Er senkte die Stimme. „Juliet, ich begehre Sie.“

Nicht, ich liebe Sie oder ich bete Sie an, sondern, ich begehre Sie. Sie entdeckte, dass es eine mächtige Wirkung besaß, sich begehrt zu wissen, vom anderen als Objekt der Begierde gesehen zu werden. Es entwaffnete und fesselte sie. Vielen Engländern fiel es schwer, von Liebe zu reden, sagte sie sich, und sie war sich sicher, dass die Glut in Henry Wintertons Blick alles sagte, was sie wissen musste.

Zwei Tage später heirateten sie auf dem zuständigen Standesamt im Justizministerium. Die Hochzeitsnacht verbrachten sie im Shepheard’s Hotel. Bevor sie in ihrem Nachthemd aus dem Badezimmer trat, kam ihr der Gedanke, dass sie im Begriff war, sich einem Fremden hinzugeben. Doch die Feuerprobe war bald überstanden und wirklich nicht so schlimm, wie sie gefürchtet hatte. Henry war ein kraftvoller Liebhaber, und sein Stolz verlangte, dass er ihr so viel Lust bereitete, wie er empfing. Jean-Christophe hatte dafür gesorgt, dass sie nicht völlig unerfahren war, und falls Henry das bemerkte, sagte er nichts darüber.

Am folgenden Tag bestiegen sie ihr Schiff, um nach England abzureisen. Nach Übernachtungen in Valletta und Gibraltar gingen sie in Dieppe von Bord und reisten mit der Bahn nach Paris weiter. Dort führte Henry seine junge Frau ins Modehaus Worth, um sie standesgemäß auszustatten. Er hatte ihr aufgetragen, vier Abendkleider zu bestellen. Die Verkäufer rollten Stoffballen um Stoffballen vor ihr aus, und nach einer Stunde angenehmen Überlegens und Vergleichens entschied sie sich für ein Abendkleid in Schwarz, eines in Rosé und eines in Rot.

Nur für das vierte Kleid konnte sie sich zunächst nicht entscheiden. Die Verkäuferin, eine zierliche, elegante Frau um die sechzig, schlug ein schlichtes Modell aus Ecruseide mit schwarzer Paspelierung an Halsausschnitt und Saum vor. Juliet hatte Vorbehalte, sie meinte, der Farbton hebe sich nicht genug von ihrem blassen Teint und ihren honigblonden Haaren ab, doch die Verkäuferin antwortete darauf nur mit einem Schnauben. Eingeschüchtert gab Juliet nach.

Sechs Wochen später traf der Karton mit den vier in Seidenpapier verpackten und mit Satinbändern verschnürten Abendkleidern in Marsh Court ein.

An diesem Abend trug sie das ecrufarbene Kleid und dazu die Perlenkette. Die Kette brauchte einen schlichten Hintergrund, um voll zur Geltung zu kommen. Bei kritischer Betrachtung im Spiegel stellte sie fest, dass ihr Glanz die warmen Töne ihrer Haut zum Leuchten brachten. Ihre Wangen waren noch gerötet vom Nachmittag im Garten. Sie drückte ihr Gesicht in die Hände und atmete den rauchigen Geruch des Feuers ein, der sich in ihre Haut gesenkt hatte, und sah vor sich Gillis Sinclair, wie er ihr über das Feld entgegenging.

Henry war ihr offenbar immer noch böse, denn als sie in den Salon hinunterkam, sagte er: „Ah, da bist du. Ich habe schon geglaubt, du wärst uns abhandengekommen. Ich dachte, du wärst zum Fluss hinuntergegangen, um noch ein paar Gestrandete aufzusammeln.“ Dann wandte er sich seinen Gästen zu, die auf den Sofas rund ums Feuer saßen. „Juliet hat ein weiches Herz. Wenn es nach ihr ginge, würde sie mir scharenweise Schnorrer und Narren ins Haus schleppen.“

„Du hättest wohl kaum eine hartherzige Frau genommen, Henry.“ Gillis Sinclair stand im Schatten neben dem Bücherschrank. Er neigte den Kopf in Richtung Juliet. „Mrs. Winterton, darf ich sagen, dass Sie bezaubernd aussehen. Henry, ich gratuliere dir zu diesem Schatz.“

„Pff“, machte Henry mit herabgezogenen Mundwinkeln. „Ich verabscheue Leichtgläubigkeit. Sie wird so gern als Gutherzigkeit verkauft, dabei ist sie der Dummheit weit näher.“

„Anteilnahme ist doch nichts Schlechtes.“

„Ich zweifle nicht, dass du sehr teilnehmend sein kannst, Sinclair, wenn es dir passt.“

Froh, nicht mehr im Mittelpunkt zu stehen, gesellte sich Juliet zu Helen und Jonathan aufs Sofa. Sie hasste es, wenn Henry in dieser zynischen Stimmung war, in der er selbst noch im Handeln der Menschen, die ihm am nächsten standen, nach niedrigen Motive suchte. Den Barbours ging es vermutlich ähnlich, denn sie senkten beide die Blicke auf ihre Gläser. Jonathan und Helen hingegen schienen unerschüttert. Sie hatten solche Szenen wahrscheinlich unzählige Male erlebt. Außerdem war, wie Juliet mittlerweile festgestellt hatte, selbst der liebenswürdigste Winterton stets für einen Streit zu haben.

Sie fürchtete, Gillis könnte gekränkt sein, doch er sah Henry nur mit einem amüsierten Lächeln an. „Du hast recht, wenn es mir passt, bin ich ein wenig Heuchelei durchaus nicht abgeneigt.“

„Gillis hat nämlich ein Herz“, erklärte Jonathan. „Bei meinem Bruder hingegen hatte ich immer schon den Verdacht, dass das Ding, das ihm das Blut durch die Adern pumpt, aus hartem Stein besteht.“

Henry antwortete ihm mit einem dünnen Lächeln. „Aber du bist ja auch nicht gerade von Ehrgeiz geplagt, stimmt’s, Jonny?“ Henry hatte etwas von einem eifersüchtigen Vierjährigen, der seinen kleinen Bruder mit hinterhältigen Knüffen und Püffen traktierte. Seine letzte Bemerkung war mit mehr als nur einem Spritzer Gift gewürzt. Henry war derjenige in der Familie, der dafür sorgte, dass die Geschäfte liefen; er, nicht Jonathan, hatte den altmodischen, traditionsgebundenen Goldschmiedebetrieb der Wintertons zu einem erfolgreichen Unternehmen modernen Stils gemacht.

Jonathan hob als Antwort sein Glas, und Henry wandte sich befriedigt wieder Gillis zu.

„Du gibst also zu, dass du ehrgeizig bist?“

„Ehrgeiz gehört dazu, wenn man Erfolg haben will.“

„Ehrgeiz und Heuchelei gehen Hand in Hand, oder siehst du das anders?“

„Wenn du damit sagen willst, dass in der Politik eine gewisse Fähigkeit zur Verstellung nötig ist, gebe ich dir recht.“

„Ehrlich von dir“, sagte Henry sarkastisch.

„Und wenn ich dir sagte, dass es auch anständige, bescheidene Politiker gibt …“

„ … würde ich sagen, dass sie die größten Lügner von allen sind.“

Gillis blickte ins Kaminfeuer, doch Juliet bemerkte das Lächeln um seinen Mund. „Wenn ich dir also erklärte, dass sich unter meinem zugegebenermaßen attraktiven Äußeren ein anständiger und bescheidener Mensch verbirgt …“

Henry lachte schallend und schlug Gillis auf den Rücken. „Arroganz steht dir, mein Freund, du brauchst dich ihrer nicht zu schämen.“ Und alle lachten mit.

Wenig später meldete das Mädchen, dass das Abendessen serviert sei.

Bei Tisch fiel Juliet erneut auf, mit welchem Geschick Gillis es verstand, Henrys Stimmung in positivere Bahnen zu lenken. Sie beobachtete ihn, in der Hoffnung, etwas von ihm zu lernen. Von seinem Freund ließ Henry sich gutmütige Spötteleien gefallen, auf die er bei jedem anderen mit Sarkasmus oder Gereiztheit reagiert hätte. Beim Abendessen vergaß Henry allmählich seinen Missmut und zeigte sich von seiner gewinnendsten Seite, charmant und liebenswürdig, der vollendete Gastgeber. Und Gillis, gewandt und heiter, erwies sich als großartiger Gesellschafter, der aus jedem Thema eine amüsante Geschichte zu machen wusste. Blanche Sinclair, dachte Juliet, konnte sich glücklich schätzen, einen so aufgeschlossenen Menschen zum Mann zu haben.

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