Judith Lennox | Neuerscheinung
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Die Bücher von Judith Lennox

„Judith Lennox weiß, wie man Leser glücklich macht.“ FÜR SIE

Der neue Roman der ungekrönten Königin des großen englischen Gesellschaftsromans

Von den Tischen der Buchhandlungen sind Judith Lennox' Romane nicht mehr wegzudenken, und die vergangenen zwanzig Jahre sprechen für sich: Mit ihren Bestsellern begeistert die Autorin Jahr für Jahr unzählige Leserinnen und Leser. Auch ihr neuester Roman „Meine ferne Schwester“ fesselt mit dramatischer  Zeitgeschichte und bewegenden Schicksalen, typisch Judith Lennox eben!

 

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Meine ferne SchwesterMeine ferne Schwester
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Roman

London, 1938: Während Rowan von einer Party zur nächsten treibt, arbeitet ihre jüngere Schwester Thea hart, um später studieren zu können. Trotz aller Unterschiede stehen sich die beiden sehr nahe, vor allem seit jenem tragischen Unfall in ihrer Kindheit, bei dem ihre Mutter starb und Rowan Thea das Leben rettete. Doch Thea merkt, dass ihre Schwester ihr nie die ganze Wahrheit über den Unfall erzählt hat, ein Geheimnis überschattet ihre Beziehung. Erst als der Zweite Weltkrieg ausbricht und sie in große Gefahr geraten, bahnt sich die Wahrheit ihren Weg – und Thea erfährt von der Schuld, die seit damals auf Rowan lastet.Wer „Das Winterhaus“ und „Die Mädchen mit den dunklen Augen“ geliebt hat, wird diesen Roman nicht mehr aus der Hand legen können! „Judith Lennox verbindet große Gefühle und Historie zu einem mitreißenden Gesellschaftsporträt. Wundervoll!“ Freundin „Neben romantischen Liebesgeschichten erzählt Judith Lennox immer auch von den Läufen der Zeit, den Wandlungen der Gesellschaft und dem Durst nach Freiheit und Eigenständigkeit der Frauen.“ Buchkultur
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Erinnern Sie sich noch an den ersten Roman von Judith Lennox, den Sie je gelesen haben? Haben Sie vielleicht die Protagonistinnen aus „Alle meine Schwestern“ oder „Die Mädchen mit den dunklen Augen“ auf ihren verschlungenen Lebenswegen begleitet oder sich von den Geschehnissen rund um „Das Winterhaus“ mitreißen lassen? Falls Sie sogar schon mehrere Romane der Autorin kennen: Welche der Geschichten hat Ihnen am meisten Leseglück beschert, Sie am meisten gefesselt?

Mich fasziniert in den Romanen von Judith Lennox immer wieder, wie elegant und zugleich eindrücklich die Autorin die Atmosphäre vergangener Jahrzehnte einzufangen vermag. Sei es der Zeitgeist der Zwanzigerjahre, die Idylle des ländlichen Englands in den Dreißigern oder das aufregende Treiben im London der Swinging Sixties: Die Autorin nimmt uns mit auf eine Reise in die Vergangenheit, deren Sog man sich schon nach den ersten Seiten nicht mehr entziehen kann. Begeistert bin ich außerdem jedes Mal aufs Neue davon, auf welch einfühlsame Weise Judith Lennox die dramatischen Geschichten ihrer Protagonistinnen erzählt. Die Figuren werden mir beim Lesen vertraut, erinnern Sie sich noch an den ersten Roman von Judith Lennox, den Sie je gelesen haben? Haben Sie vielleicht dieProtagonistinnen aus „Alle meine Schwestern“ oder „Die Mädchen mit den dunklen Augen“ auf ihren verschlungenen Lebenswegen begleitet oder sich von den Geschehnissen rund um „Das Winterhaus“ mitreißen lassen?

Falls Sie sogar schon mehrere Romane der Autorin kennen: Welche der Geschichten hat Ihnen am meisten Leseglück beschert, Sie am meisten gefesselt? Mich fasziniert in den Romanen von Judith Lennox immer wieder, wie elegant und zugleich eindrücklich die Autorin die Atmosphäre vergangener Jahrzehnte  einzufangen vermag. Sei es der Zeitgeist der Zwanzigerjahre, die Idylle des ländlichen Englands in den Dreißigern oder das aufregende Treiben im London der Swinging Sixties: Die Autorin nimmt uns mit auf eine Reise in die Vergangenheit, deren Sog man sich schon nach den ersten Seitennicht mehr entziehen kann. Begeistert bin ich außerdem jedes Mal aufs Neue davon,
auf welch einfühlsame Weise Judith Lennox die dramatischen Geschichten ihrer Protagonistinnen erzählt. Die Figuren werden mir beim Lesen vertraut, ihre Schicksale berühren mich, und ich kann nachempfinden, wie die großen historischen und gesellschaftlichen Umbrüche ihre Lebenswege prägen – ein ganz besonderes Leseerlebnis, das auch nach der Lektüre noch lange nachklingt!

Mit „Meine ferne Schwester“ erscheint nun ein neuer, packender Roman von Judith Lennox, den ich Ihnen aufs Wärmste empfehlen möchte. Denn darin beweist die Autorin einmal mehr, dass sie eine Meisterin des großen englischen Gesellschaftsromans ist. „Meine ferne Schwester“ erzählt die bewegende Geschichte zweier Schwestern, die im Großbritannien der Dreißiger- und Vierzigerjahre ihren eigenen Weg finden müssen und an den Herausforderungen des Lebens und der Liebe wachsen. Ihre gegensätzlichen Charaktere und dunkle Familiengeheimnisse treiben die beiden jungen Frauen auseinander, führen sie aber auch immer wieder zusammen. Doch erst in den Wirren des Zweiten Weltkriegs erkennen sie, wie stark das Band zwischen ihnen wirklich ist …

Wie bereits die früheren Romane von Judith Lennox, ist auch „Meine ferne Schwester“ eine Einladung an die Leserinnen und Leser, in die Geschichte einzutauchen und sich  vom historischen Zeitkolorit verzaubern zu lassen.

Ganz gleich, ob Sie Lennox-Fan der ersten Stunde sind, die Autorin erst in den vergangenen Jahren entdeckt haben oder jetzt zum ersten Mal auf sie aufmerksam werden – der neue Roman von Judith Lennox hat alles, was man sich für gemütliche Lesestunden nur wünschen kann.ihre Schicksale berühren mich, und ich kann nachempfinden, wie die großen historischen und gesellschaftlichen Umbrüche ihre Lebenswegeprägen – ein ganz besonderes Leseerlebnis, das auch nach der Lektüre    noch lange nachklingt!

Mit „Meine ferne Schwester“ erscheint nun ein neuer, packender Roman von Judith Lennox, den ich Ihnen aufs Wärmste empfehlen möchte. Denn darin beweist die Autorin einmal mehr, dass sie eine Meisterin des großen englischen Gesellschaftsromans ist. „Meine ferne Schwester“ erzählt die bewegende Geschichte zweier Schwestern, die im Großbritannien der Dreißiger- und Vierzigerjahre ihren eigenen Weg finden müssen und an den Herausforderungen des Lebens und der Liebe wachsen. Ihre gegensätzlichen Charaktere und dunkle Familiengeheimnisse treiben die beiden jungen Frauen auseinander, führen sie aber auch immer wieder zusammen. Doch erst in den Wirren des Zweiten Weltkriegs erkennen sie, wie stark das Band zwischen ihnen wirklich ist …

Wie bereits die früheren Romane von Judith Lennox, ist auch „Meine ferne Schwester“ eine Einladung an die Leserinnen und Leser, in die Geschichte einzutauchen und sich vom historischen Zeitkolorit verzaubern zu lassen. Ganz gleich, ob Sie Lennox-Fan der ersten Stunde sind, die Autorin erst in den vergangenen Jahren entdeckt haben oder jetzt zum ersten Mal auf sie aufmerksam werden – der neue Roman von Judith Lennox hat alles, was man sich für gemütliche Lesestunden nur wünschen kann. Isabell Toppe (Lektorat Unterhaltung)

Fünf Fragen bis zum Traummann

Die Profile

Hier finden Sie die Beschreibungen aller Charaktere, die in unserem Quiz zur Auswahl stehen - so verpassen Sie garantiert nichts!

Devlin Reddaway

Devlin und Sie passen hervorragend zusammen! Als Kriegsveteran hat er schwere Zeiten hinter sich und ist manchmal schmerzhaft ehrlich, doch gerade dafür schätzt man ihn auch. Und wenn er sich erst öffnet, ist er überraschend leidenschaftlich; das ist umso schöner, weil man weiß, dass er es ernst meint. Devlin würde alles für Sie tun.

Dan Falconer

Der pragmatische Dan ist Ihr Kandidat! In ihm finden Sie sowohl einen treuen Freund als auch einen ehrlichen und warmherzigen Geliebten, und seine klugen Entscheidungen helfen Ihnen durch jede Lebenskrise. Die Zukunft mit Dan kann kommen!

Joe Elliot

Zwischen Joe und Ihnen könnte es funken! Seine widersprüchlichen Charaktereigenschaften mögen einen anfangs verwirren. Mal mürrisch und wortkarg, dann wieder zum Flirten aufgelegt –mit ihm ist auf jeden Fall für Abwechslung gesorgt! Und bei einer Sache kann man sich sicher sein: Er ist unendlich treu.

Guido Zanetti

Ihr Traummann heißt Guido Zanetti! Wo er auch hingeht, der gut aussehende junge Mann steht überall gleich im Mittelpunkt – was sich auch auf sein Selbstbewusstsein auswirkt. Zwar wirkt er auf den ersten Blick distanziert und sogar arrogant, als Liebhaber ist er aber leidenschaftlich und zärtlich. Langweilig wird es mit ihm bestimmt nicht!

Felix Corcoran

Felix und Sie sind das perfekte Paar! Der Karikaturist tut nur das, was er mit seinem Gewissen vereinbaren kann. Seine idealistische Haltung kommt seinem Erfolg manchmal in die Quere, macht ihn allerdings auch rücksichtsvoll und fürsorglich. Und seinem aufgeweckten Charme kann man einfach nicht widerstehen!

Interview mit Bettina Feldweg, der deutschen Lektorin von Judith Lennox

Bettina Feldweg betreut Judith Lennox seit nun schon 20 Jahren.
Wir haben sie unter anderem gefragt, was das Besondere an den Romanen der englischen Autorin ist.

Was macht die Bücher von Judith Lennox aus?

Judith Lennox‘ enorme Stärke sind ihre charaktervollen und willensstarken Frauenfiguren, deren Schicksal sie eng mit den jeweiligen Zeitumständen verwebt. Nicht von ungefähr siedelt sie die Handlung oft zur Zeit der Weltkriege oder um sie herum an. Gerade in solchen Krisen und Zeiten des Umbruchs bekommen ihre Heldinnen die Chance, sich zu bewähren, über sich hinauszuwachsen und auch tradierte Rollenbilder infrage zu stellen – Frauen können und müssen Aufgaben übernehmen, die bislang den Männern vorbehalten waren.

Zum extrem überzeugenden Zeitkolorit gehören die akribischen Recherchen. Judith Lennox liest Biografien und Zeitdokumente, arbeitet sich tief in Berufsbilder ein, recherchiert Details zu Kleidermoden und Baustilen – z.B. für ihren neuesten Roman „Das Haus der Malerin“. Sie bereist auch die Schauplätze ihrer Bücher; für den vorliegenden Roman beispielsweise Spanien, wohin es die Künstlerin Sadie, die Titelheldin, verschlägt und wo sie die Auswirkungen des Franco-Regimes zu spüren bekommt.

Hat sich der Schreibstil der Autorin über die Jahre verändert? Wenn ja, wie?

Judith Lennox hat ihren Stil immer weiter verfeinert, die Personenzeichnung immer mehr differenziert. Außerdem hat sie auch ihren zeitlichen Rahmen verlagert. Begonnen hatte sie eigentlich mit historischen Romanen – noch ehe sie mit „Das Winterhaus“ ihren Durchbruch bei den hiesigen Leserinnen schaffte, hatte sie „Bis der Tag sich neigt“ und „Serafinas später Sieg“ veröffentlicht. Erst bei Pendo entdeckte sie das bewegte 20. Jahrhundert als ideale Kulisse ihrer Romane.

Sie betreuen Judith Lennox seit Ihrem großen Erfolg mit „Das Winterhaus“ vor 20 Jahren.

Eine Autorin, die über zwanzig Jahre Bestseller schreibt, ist heute mehr denn je ein absoluter Schatz. Judiths Erfolgsgeschichte ist einzigartig und ihre enge Bindung an unseren Verlag etwas sehr Schönes. Für mich ist es natürlich großartig mitzuerleben, wie ihr Einfallsreichtum, ihre Kreativität und ihre Schreibdisziplin über all die Jahre belohnt wurden. Uns verbindet eine zwanzigjährige Arbeitsbeziehung, die heute auch eine Freundschaft ist – ich habe miterlebt, wie aus Judiths Söhnen junge Männer mit inzwischen eigenen Familien wurden. Heute widmet Judith ihre Romane dem jeweils jüngsten ihrer Enkelkinder.

 

Haben Sie eine Routine, die Sie befolgen, wenn Sie ein neues Manuskript von Judith Lennox bekommen? Worauf freuen Sie sich am meisten?

Lange bevor Judith Lennox ein neues Manuskript abgibt, spricht sie mit ihrer englischen Verlagslektorin und mit mir über ihre Ideen dazu: Handlung, Charaktere, Zeit, Schauplätze; wir diskutieren Plotideen und tragende Elemente, aber auch Details wie zum Beispiel Vornamen. Während des Schreibens zieht Judith sich über Monate zurück. So ist der Moment, wenn sie ein neues Buch abgeschlossen hat und das englische Manuskript mailt, jedes Mal aufregend – zu erfahren, wie sie die Handlungsfäden spinnt und auslegt, Spannung aufbaut, ihr Personal aufstellt, welche Wendungen sie diesmal eingebaut hat, welches Finale sie wählt.

 

Wem möchten Sie die Bücher von Judith Lennox besonders empfehlen?

Leserinnen, die sich nach wirklich guter Unterhaltung sehnen, kommen bei Judith Lennox absolut auf ihre Kosten. Ihre Bücher sind berührend, mitreißend, intensiv; echte emotionale Pageturner mit Niveau. Die beste Lektüre für Herbstabende oder gemütliche Wochenenden auf der Couch. Ihre Beständigkeit ist ein Versprechen: Jedes neue Buch von Judith Lennox ist, wie wenn man über Jahre immer wieder ins selbe Ferienhaus fährt – letztlich sind ihre Romane eine Art Heimkommen.

„Die Frau des Juweliers“

Judith Lennox

Blick ins Buch
Die Frau des JuweliersDie Frau des Juweliers

Roman

Kairo, 1938: Wir werden uns lieben, denkt Juliet, als sie den reichen englischen Juwelier Henry Winterton heiratet und mit ihm nach England geht. Sofort empfindet sie das Herrenhaus Marsh Court als ihr neues Zuhause. Doch ihre Heirat soll sich als großer Fehler herausstellen. Als der Zweite Weltkrieg ausbricht, wird alles noch schlimmer. Plötzlich schwelgen die Wintertons nicht mehr in Luxus, und Juliet kämpft um das Überleben der Familie. In ihrer Verzweiflung und ihrem Hunger nach Liebe lässt sie sich auf eine Affäre mit dem charismatischen Gillis ein. Doch ihn umgibt ein Geheimnis, das ihr Leben zerstören könnte.

Teil 1

Die Perlenkette

1938–1946

 

 

 

1

Oktober 1938–Dezember 1938

 

Beim Frühstück ließ das Dienstmädchen einen Bückling auf Henrys Schoß fallen, und er nannte sie dumm und warf sie hinaus. Sie war wirklich dumm, musste Juliet Winterton einräumen, ein armes, ungebildetes kleines Ding, das jüngste Kind einer großen Familie, die in beengten Verhältnissen in einem zu kleinen Haus in Maylandsea lebte. Doch das Mädchen tat ihr leid, und sie nahm es in Schutz, nachdem es weinend aus dem Zimmer gelaufen war.

Henry bekam diesen gemeinen Blick, den sie in den drei Monaten ihrer Ehe bereits kennengelernt hatte. „Du kannst manchmal so schwach sein, Juliet“, sagte er und riss dem Unglücksfisch das Rückgrat heraus.

Sie ließ sich nicht beirren. „Ethel kann nichts dafür. Du machst ihr Angst, Henry, du machst sie nervös. Mein Vater hat immer gesagt, man solle freundlich sein zu den Angestellten, gerade weil sie weniger Glück im Leben hatten als wir.“

„Dein Vater war ein Narr.“ Er schlitzte mit dem Brieföffner einen Umschlag auf. „Er hat sein Geld verschleudert und dich mittellos zurückgelassen, wie ich mich erinnere. Weiß Gott, was aus dir geworden wäre, wenn ich dich nicht gerettet hätte.“

Sie hasste es, ihn in diesem Ton von ihrem Vater sprechen zu hören, der noch keine sechs Monate tot war. Doch sie hatte gelernt, sich vor Henrys Zunge zu hüten, deshalb strich sie nur schweigend Butter auf den Toast, den Ethel hatte anbrennen lassen. Sie hatte allen Appetit verloren, und der fischige Geruch des Bücklings schlug ihr auf den Magen.

Als sein Teller leer war, legte Henry Messer und Gabel weg. „Wir haben heute Abend einen Gast“, bemerkte er. „Sinclair hat sich angemeldet.“

Gillis Sinclair war Parlamentsmitglied und lebte in London. Henry war der Patenonkel seiner jüngeren Tochter Claudia und sprach häufig von ihm, doch Juliet hatte weder Sinclair noch seine Frau Blanche bisher kennengelernt.

„Ich lasse ein Zimmer richten“, sagte sie. „Kommt Mr. Sinclair allein?“

„Ja, Blanche fühlt sich nicht wohl. Mach ein Zimmer im Cottage fertig. Wenn die Sinclairs nach Marsh Court kommen, übernachten sie immer im Cottage.“

Henry tupfte sich den Mund mit der Serviette ab und stand auf. Er und seine beiden Geschwister, Jonathan und Jane, waren rein äußerlich wie aus einem Holz geschnitzt, blond und attraktiv wie alle Wintertons, wobei Henry der Stattlichste und Markanteste von ihnen war. „Am besten lädst du Jonny und Helen dazu ein“, fügte er hinzu. „Und die Barbours. Machen wir eine kleine Gesellschaft daraus.“

Charles und Marie Barbour, die Nachbarn der Wintertons, lebten auf einem großen Bauernhof im Süden von Marsh Court. „Lass mich noch einmal mit Ethel reden“, drängte Juliet sanft.

„Nein.“ Sein Mund wurde schmal. „Wenn ich sage, sie geht, dann geht sie.“

Da sie jetzt nur noch auf die Hilfe der Köchin, Mrs. Godbold, und der alten Wirtschafterin zurückgreifen konnte, die so klapprig war, dass Juliet jedes Mal um ihr Leben fürchtete, wenn sie die Treppe hinaufkeuchte, gab es an diesem Morgen viel zu viel zu tun. Juliet bereitete selbst das Zimmer in dem hübschen kleinen Gästecottage vor und tröstete sich mit dem Gedanken, dass sie am Abend Helen und Jonathan sehen würde. Jonathan war ein umgänglicherer Mensch als Henry, und Helen, ihre Schwägerin, war ihr schon fast eine Freundin geworden.

Nach dem Mittagessen ging sie nach draußen. Die Bäume hatten das Laub in diesem Jahr früh verloren, ein heftiger Oktobersturm hatte es von den Ästen gerissen und die Blätter der japanischen Fächerahorne in blutroten Wirbeln über den Rasen geworfen. Ohne den Streit mit Henry hätte Juliet ihren Skizzenblock geholt und versucht, die Farbenvielfalt des gefallenen Laubs auf Papier zu bannen, doch sie war zu aufgewühlt, um zu malen. Dein Vater war ein Narr. Er hat sein Geld verschleudert und dich mittellos zurück-gelassen. Gott weiß, was aus dir geworden wäre, wenn ich dich nicht gerettet hätte.

Gerettet?, dachte sie, während sie durch das Gras ging, dessen Halme nass über ihre Fesseln streiften. So siehst du das, Henry?

Die Regenwolken hatten sich verzogen und blauen Himmel und friedliche Stille zurückgelassen. Marsh Court stand auf einer Halbinsel, die zwischen zwei Flüssen in die Nordsee hinausragte, dem Crouch im Süden und dem breiten Delta des Blackwater im Norden. Das flache Land rund um das Haus schimmerte in weichen Tönen von Grün, Grau und Braun, die dem Auge wohltaten. Juliet beobachtete eine Schar Möwen, die über dem Wasser kreiste, und aus der Ferne wirkten die weißen Vogelbrüste im Sonnenlicht wie ein einziger leuchtender Körper.

Der Garten ging, ohne Zaun oder Hecke zur Begrenzung des Landes, zuerst in Felder und dann in Salzmarsch über. Das einzige andere Haus in Sichtweite war das im letzten Jahrhundert für eine unverheiratete Winterton-Tante erbaute Cottage aus rotem Backstein, in dem Henrys Freund Gillis Sinclair die kommende Nacht verbringen würde.

Juliet blickte zurück zum Haus mit den drei breiten Giebeln, die dem Marschland und dem Watt zugewandt waren, wo die Priele und Salzmarschen vom Wasser durchwirkt schienen wie von metallischen Fäden. Unter dem jahrzehntelangen Einfluss von Sonne und Regen waren die Farben von Dach und Mauern zu zart rötlich getöntem Ocker und Gold verblasst, sodass das Haus mit seinem Umland eine harmonische Einheit bildete. Hohe Fenstertüren führten auf Terrassen voller Geranienkübel hinaus, und Bienen summten im staubigen Licht eines gesprungenen Buntglasfensters. Den Kaminsims im Salon zierten bäuerliche Holzfiguren von Adam und Eva, Eva drall und keck, Adam mit strähnigem Haar und etwas verlottert. In der Abstellkammer standen Flaggenstöcke und Schlaghölzer für Spiele, deren Regeln Juliet nicht kannte; in der Bibliothek lag ein Album, das ausschließlich Fotografien von den Hunden der Familie Winterton enthielt. Für Juliet sahen die Tiere alle gleich aus, aber wenn Henrys Schwester Jane in dem Band blätterte, sagte sie seufzend: „Ach, da ist Lucky, und, oh, schau! Meine süße alte Sally.“ Und ihre Brüder nickten lächelnd dazu.

Juliet war Marsh Court gleich in jenem ersten Moment verfallen, als sie es am Ende ihrer langen Reise von Ägypten nach England aus dem Küstennebel auftauchen sah. Und doch war sie in zwei Monaten Ehe das Gefühl nicht losgeworden, dass sie die Rolle der Hausherrin nur spielte, dass sie ihr nicht zustand, dass sie ein Eindringling war, eine Hochstaplerin.

Manchmal strich sie mit der Hand über ein glänzendes Geländer oder drückte ihr Gesicht in den verblichenen Samt eines Vorhangs, als könnte sie so ein Teil des Hauses werden und ein Teil dieser Familie.

Dort, wo das Land abfiel, wurde das Gras grob und büschelig und ging nahtlos in das Feld dahinter über. Sie kam zu der Stelle, wo die Wintertons zur Feier wichtiger Familienereignisse Feuer anzuzünden pflegten. Jetzt lag nur ein kreisrunder Aschering in der Feuergrube.

Juliet begann das herabgefallene Laub zu einem Haufen zusammenzufegen: goldgelbe Eichenblätter, scharlachrote und korallenfarbene Zungen von den Kirschbäumen sowie gefingerte Kastanienblätter, die aussahen wie zerknitterte braune Hände. In ihrer Tasche fand sie einen alten Einkaufszettel – Strümpfe, Briefmarken, Aspirin. Sie knüllte ihn zusammen und stopfte ihn unter das Laub. Ihr elegantes goldenes Feuerzeug war von Winterton, ein Geschenk von Henry. Sie hielt die Flamme ans Papier, bis es Feuer fing, und trat ein Stück zurück, um den beißenden, herbstlichen Geruch des Rauchs einzuatmen, der aus den Blättern aufstieg.

Am unteren Rand des Feldes bemerkte sie einen Mann, der dort den Fußweg entlangging. Obwohl das Land, das an das Mündungsgebiet grenzte, nicht zu Marsh Court gehörte, sahen die Wintertons es gern als ihr eigenes an, zumal sich dort kaum je ein Mensch zeigte. Sie hatte sich ihrem Alleinsein hingegeben, der Vorstellung, mit dem toten Laub ihren Kummer zu verbrennen, und fühlte sich … nicht direkt ertappt, aber doch peinlich berührt, als wäre sie bei einer intimen Verrichtung wie dem Zähneputzen oder Haaremachen überrascht worden.

Der Mann auf dem Fußweg war hochgewachsen und bewegte sich leichten Schrittes. Juliet sah, wie er vom Fußweg abbog und landeinwärts ging, auf das Laubfeuer zu. Sie nahm an, dass der Mann nach dem Weg fragen oder vielleicht um ein Glas Wasser bitten würde.

Doch als der Fremde in Hörweite kam, rief er: „Sie müssen Juliet sein. Als ich hörte, dass Henry mit einer Ehefrau aus Ägypten zurückgekommen ist, war ich sehr gespannt und konnte es kaum erwarten, Sie kennenzulernen.“ Die Hand zur Begrüßung ausgestreckt, trat er auf sie zu. „Verzeihen Sie, wenn ich Sie erschreckt habe. Ich bin Gillis Sinclair. Henry hat Sie hoffentlich vorgewarnt und Ihnen gesagt, dass ich komme.“

Er hatte eine hohe Stirn und ausdrucksstarke blaugraue Augen unter geraden Brauen. Die hellen Haare waren gelockt, die schmale Nase war lang und gerade, der Mund groß und wohlgeformt. Juliet fand den Mann überraschend attraktiv. Sie murmelte eine Begrüßung und gab ihm die Hand.

Er lachte. „Könnte es sein, dass ich nicht Ihren Erwartungen entspreche, Mrs. Winterton? Sie hatten sich vielleicht einen etwas angejahrten Politiker vorgestellt, den die Bürde der Staatsgeschäfte vorzeitig gebeugt hat?“

Es stimmte, sie hatte einen älteren Mann erwartet. Henry war siebzehn Jahre älter als sie, und Juliet hatte angenommen, sein Freund sei etwa im gleichen Alter.

„Aber nein, keineswegs“, antwortete sie. „Ich freue mich sehr, Sie kennenzulernen, Mr. Sinclair.“

„Gillis. Ich hoffe, wir können die Förmlichkeiten lassen.“

„Dann müssen Sie mich Juliet nennen. Gillis ist ein ungewöhnlicher Name.“

„Es ist ein dänischer Name. Meine Mutter stammt aus Kopenhagen.“

„Und sprechen Sie Dänisch?“

„Ein bisschen. Sie müssen entschuldigen, dass ich einfach so in Ihrem Garten aufkreuze. Mein Auto steht mit einem kaputten Auspuff in Maldon in der Werkstatt. Das verflixte Ding hat die ganze Fahrt von Chelmsford bis hierher schwarzen Qualm gespuckt. Ein Mann von der Werkstatt bot mir an, mich herzufahren, aber ich bin lieber marschiert. Ich liebe die Wanderungen hier am Delta.“

Sein Blick ruhte auf ihr, während er sprach. Es war seltsam, dachte Juliet, dass einem ein Lächeln, ein Blick alle Ruhe rauben und zugleich bewirken konnte, dass man sich plötzlich hellwach und lebendig fühlte, so als hätte man die ganze Zeit im Schatten dahinvegetiert und wäre nun ins strahlende Licht hinausgetreten.

„Ich hörte, dass Ihre Frau sich nicht wohlfühlt. Das tut mir leid.“

„Ach ja, die arme Blanche. Sie meint, sie hätte es von den Kindern aufgeschnappt. Ich halte mich von ihnen möglichst fern.“

Er sagte es mit einem Augenzwinkern. Sie hatte immer noch Mühe mit dieser Angewohnheit der Engländer, das eine zu sagen und dabei etwas ganz anderes zu meinen. Sie fürchtete, dass ihre Konversation den Leuten hier im Vergleich recht schwerfällig vorkam.

Das Feuer war zu weiß umkränzter roter Glut heruntergebrannt. Als sie den Weg zum Haus antraten, fragte sie Gillis, wie alt seine Töchter seien.

„Flavia ist vier und Claudia – Moment! – zwei.“

„Wie niedlich.“

„Wenn ich das nächste Mal komme, bringe ich sie mit. Ich glaube, sie werden Ihnen gefallen.“

„Ja, das wäre schön.“

„Henry hat mir erzählt, dass Sie sich in Kairo kennengelernt haben. Sind Sie dort geboren?“

Juliet schüttelte den Kopf. „Nein, ich bin gebürtige Engländerin, aber mein Vater und ich sind sehr viel gereist. Henry habe ich zwei Wochen nach dem Tod meines Vaters kennengelernt.“

„Das war sicher alles nicht einfach.“ Er warf ihr einen Blick von der Seite zu, während sie den nassen Hang hinaufstiegen. „So ein Verlust ist ja immer schlimm. Und Henry, so gern ich ihn habe, ist nicht gerade ein einfacher Mensch.“

Juliets Vater Alexander Capel, Ägyptologe und Gräzist, hatte ein halbes Dutzend Sprachen fließend gesprochen und die Fähigkeit besessen, neue Sprachen bemerkenswert schnell zu erlernen. Im Alter von einundzwanzig Jahren hatte er England nach einem Zerwürfnis mit seinen Eltern den Rücken gekehrt und war seither auf fortgesetzter Wanderschaft durch die Länder des östlichen Mittelmeerraums gewesen. Als Juliet zwölf war, starb ihre Mutter, erschöpft von Krankheit und dem rastlosen Wanderleben. Sie war untröstlich nach diesem Verlust. Bis zu diesem Zeitpunkt hatte es ihr nichts ausgemacht, kein festes Zuhause zu haben; ihre Mutter hatte jede Unterkunft zu einem Zuhause gemacht. Doch nach ihrem Tod fühlte Juliet sich entwurzelt und orientierungslos.

Mit siebzehn war sie mit ihrem Vater nach Kairo gezogen. Anfangs lebten sie dort in einer Mietwohnung in Zamalek, einem wohlhabenden Viertel mit grünen Bäumen und geräumigen Villen. Sie hatten eine Hausangestellte und gingen zum Essen meistens aus. Juliet nahm Mal- und Zeichenunterricht, während ihr Vater als Übersetzer an der britischen Botschaft arbeitete. Zu ihrem Freundeskreis, der aus der gewohnten internationalen Clique bestand, gehörten Schriftsteller, Intellektuelle und Weltenbummler. Sie liebte die ausgedehnten, gemütlichen Abendessen und Gespräche, die niemals vor Mitternacht zu Ende gingen, und die Kühle der frühen Morgenstunden, die tiefschwarzen Schatten in den uralten Straßen.

Als ihr Vater krank wurde, konnte er nicht mehr arbeiten, und sie mussten die Wohnung aufgeben und sich auf der Südseite der Insel Gezira eine Bleibe suchen. Sie beschäftigten keine Angestellte mehr, Juliet selbst kümmerte sich um den Haushalt und das Kochen. Sie verdiente etwas Geld als Gesellschafterin und Briefeschreiberin einer alten Französin (sie hatte zuvor ihrem Vater mehrere Jahre mit den Schreibarbeiten geholfen) und gab drei verwöhnten englischen Schulmädchen Zeichenunterricht. Ihr Vater trank billigen Fusel, um die Schmerzen zu betäuben. Immer schon ein freimütiger Bewunderer der arabischen Kultur, ging er dazu über, sich in Dschallabija und Fez zu kleiden, und stritt sich mit seinen britischen Bekannten, die nicht mehr so oft vorbeikamen. Juliet vermutete, sie glaubten, er zähle sich nun ganz zu den Einheimischen.

Ein halbes Jahr vor dem Tod ihres Vaters, dessen historische Monografien sich in der französischsprachigen Welt einer gewissen Popularität erfreuten, führte sein Verleger, ein Franzose, Juliet zum Essen aus. Jean-Christophe warnte sie, dass man auf einen Krieg zusteuere, und riet ihr, Kairo zu verlassen. Der Sieg der Italiener in Abessinien, südlich von Ägypten, sei einer der ersten Schritte auf dem Weg in den kommenden Konflikt, der, wie er ruhig und sachlich erklärte, unvorstellbar grausam werden würde. Er habe versucht, mit ihrem Vater zu reden, sei jedoch auf taube Ohren gestoßen. Sie müsse unbedingt auf ihn einwirken.

Danach hatten sie sich erfreulicheren Dingen zugewandt. Es wurde ein netter Abend, und später nahm Jean-Christophe sie mit in seine Villa in der Abou-el-Feda-Straße und schlief mit ihr. Sie ließ sich von ihm verführen, weil sie den Trost menschlicher Berührung brauchte. Er war ein zärtlicher und einfühlsamer Liebhaber, der ihr das Gefühl gab, dass sie schön sei. Sie verliebte sich in ihn und war zutiefst niedergeschlagen, als er einen Monat später zu seiner Frau und seinen Kindern in sein Schloss an der Loire zurückkehrte.

Als die Krankheit ihres Vaters sich verschlimmerte, verkaufte Juliet nach und nach alle Wertgegenstände, um das Morphium bezahlen zu können. Es war ein langes Leiden, erschütternd mitanzusehen. In den letzten Wochen konnte sie ihm keinen Trost mehr spenden, und so blieb nach seinem Tod ein Gefühl des Versagens in ihr zurück, das sie niemals ganz abschütteln konnte.

Nachdem die dringendsten Schulden ihres Vaters bezahlt waren, blieb ihr nichts. Es war Sommer und schon unerträglich heiß. Sie hatte Kairo, diese laute, geheimnisumwitterte Stadt nie gemocht, und nun wusste sie nicht, wohin, und hätte sich einen Umzug in einen anderen Teil der Welt auch gar nicht leisten können. Sie begann, die Taschen ihrer Mäntel und Jacken nach Münzen zu durchsuchen, und versteckte sich hinter den geschlossenen Läden, wenn der Hauswirt klopfte.

Sie war allein und mittellos und hatte Angst, durch das Raster zu fallen. In Kairo mussten genug Menschen, die der Hilfe dringender bedurften als sie, auf der Straße leben. Nachts hielten nicht nur Hitze und Kummer sie wach, sondern auch die Angst vor dem Alleinsein, vor Verlassenheit und finanzieller Not. Sie war kaum noch fähig, etwas anderes zu empfinden als Entsetzen über die letzten Monate und Grauen vor der Zukunft. Sie war neunzehn Jahre alt und fühlte sich, als wäre ihr Herz verdorrt. Ihre Sehnsucht nach Liebe war stärker als ihr Hunger nach dem zuckersüßen Konfekt, das an den Straßenständen verkauft wurde.

Sie beschloss, ihr letztes Wertstück zu verkaufen, eine Perlenkette, die einst ein reicher Händler aus Aleppo ihrem Vater geschenkt hatte. Alexander Capel hatte ihm alte aramäische Texte in modernes Arabisch und ins Englische übersetzt und seinen sechs Söhnen Englischunterricht gegeben. Ihr Vater hatte ihr die Kette zum fünfzehnten Geburtstag geschenkt. Anfangs hatte sie ihr nicht gefallen, sie fand sie altmodisch und schwer, doch mittlerweile liebte sie dieses Stück und den Zauber der großen, runden Perlen mit ihrem grünlich goldenen Glanz. Es waren Meerwasserperlen, in der Lagune eines Atolls im Pazifischen Ozean geerntet, alle in Gelbgold gefasst, jede durch einen kleinen Brillanten von der anderen abgesetzt.

Henry Winterton betrat den Laden, als der Schmuckhändler, der zweifellos ihre Notlage witterte, gerade versuchte, sie kräftig zu prellen. Zu Juliets Verblüffung setzte er dem Angebot augenblicklich ein besseres entgegen und machte sich, ohne die Proteste des Händlers zu beachten, mit ihr bekannt.

„Ich habe ein Juweliergeschäft in London“, sagte er. „Winterton’s in der Bond Street. Kennen Sie es zufällig, Miss –?“

„Capel“, sagte sie. „Nein, leider nicht.“

„Wären Sie trotzdem bereit, mein Angebot anzunehmen?“

Da es ihr Genugtuung bereitete, dem schäbigen Händler einen Strich durch die Rechnung zu machen, und das Angebot großzügig war, nahm sie es dankend an. Doch irgendwie empfand sie das Geschäft als anrüchig, so als hätte sie sich auf eine Sache eingelassen, bei der es um etwas anderes ging als den Tausch einer Perlenkette gegen Geld.

Als sie aus dem Laden traten, sie mit Henry Wintertons Scheck in der Handtasche, hielt er ihr das grüne Lederkästchen hin, in dem die Perlen lagen. „Nehmen Sie sie für mich in Verwahrung“, sagte er. „Ich bleibe zwei Wochen in Kairo. Sie können sie mir vor meiner Abreise zurückgeben.“ Als sie zögerte, fügte er hinzu: „Wenn sie nicht getragen werden, verlieren sie den Glanz. Ich wohne im Shepheard’s Hotel. Kommen Sie heute Abend zum Essen, ich lade Sie ein, dann können wir die Einzelheiten hinsichtlich der Rückgabe der Kette festlegen. Es ist nicht meine Gewohnheit, unschuldige Schulmädchen zu verführen, falls Sie das befürchten. Geben Sie mir Ihre Adresse, dann lasse ich Sie um acht abholen. Und tragen Sie die Kette. Sie ist ein bemerkenswertes Stück.“

Henry lud sie an jenem ersten Abend zum Essen ein und danach zwei Wochen lang jeden Abend. Juliet löste seinen Scheck nicht ein; sie legte ihn in eine Zedernholzschatulle in ihrem Zimmer und sah ihn sich hin und wieder an.

Die Ärmlichkeit ihre Tage stand in scharfem Kontrast zu der Pracht der Abende im Shepheard’s Hotel. Um acht kam ein Wagen und brachte sie dorthin. Henry erwartete sie an einem Tisch im Maurischen Speisesaal. Am ersten Abend war sie befangen und brachte kaum ein Wort heraus, und er überbrückte das Schweigen mit seinen Erzählungen. Sein Ururgroßvater, berichtete er, hatte in den 1850er-Jahren in Colchester das erste Winterton-Juweliergeschäft eröffnet. Dreißig Jahre später hatte die Familie ein zweites Anwesen in der Bond Street erworben. Es gab einen speziellen Winterton-Schliff, der einem Diamanten ein ganz außergewöhnliches Feuer verlieh, und Henry versuchte, ihr mit seinen großen gepflegten Händen eine Vorstellung von dem Verfahren zu geben. Er reiste mehrmals im Jahr ins Ausland, um rohe Schmucksteine einzukaufen; verarbeitete Steine erwarb er nur, wenn sie von höchster Qualität waren. Sein Blick hing an ihrer Perlenkette, während er sprach.

Dann erzählte er ihr von seiner Familie. Seine Schwester Jane war mit Peter Hazelhurst, einem Chirurgen, verheiratet; die beiden hatten zwei Söhne, Zwillinge, namens Jake und Eliot, und eine kleine Tochter, Gabrielle. Henrys jüngerer Bruder Jonathan war sein Partner in dem Familienunternehmen. Henry war für die Finanzen und den Einkauf zuständig, Jonathan für Personalangelegenheiten und die Führung der Geschäfte. Bei Entwurf und Herstellung neuer Stücke arbeiteten sie zusammen. Beide verfügten über das Gespür für die typische Winterton-Verbindung von Extravaganz und Eleganz. Jonathan und seine Frau Helen lebten in Maldon, in Essex, im Osten Englands, knapp sechs Kilometer von Henrys Haus Marsh Court entfernt.

Juliet stellte sich Marsh Court klamm und düster vor. In der Hitze eines Kairoer Sommers hatte das etwas Verlockendes. Ihr fiel auf, dass Henry, auch wenn er mit Wärme von seinen Geschwistern sprach, nicht vergaß, ihre Fehler und Schwächen zu erwähnen, Jonathans Unentschlossenheit, Janes Faible für moderne Methoden der Kindererziehung.

Drei Tage vor seiner geplanten Abreise aus Kairo machte er ihr einen Heiratsantrag.

„Und?“, blaffte er sie an, als sie, sprachlos überrascht, nicht gleich antwortete. „Haben Sie nichts zu sagen?“

In Panik griff sie auf die Romane des neunzehnten Jahrhunderts zurück, die sie gern las. „Ich fühle mich sehr geehrt.“

„Ehren. Schmeicheln. Das will ich nicht. Das liegt mir nicht.“

Darauf zählte er ihr die Vorteile einer Ehe mit Henry Winterton auf. Er sei sechsunddreißig Jahre alt, siebzehn Jahre älter als sie, und könne ihr und den Kindern, die sie vielleicht bekommen würden, ein bequemes Leben bieten. Er bewege sich gern in der Gesellschaft und halte sich eine Wohnung in London, sie brauche also weder Langeweile noch Unsicherheit zu fürchten. Sie werde ein Mitglied seiner Familie sein. Sie werde ein Zuhause haben.

Juliet, die sich schon halb in ihn verliebt hatte, wünschte sich das alles sehnlichst. Henry Winterton sah gut aus, war selbstsicher und intelligent und hatte sich ihr gegenüber großzügig gezeigt. Im Grunde genommen würde eine Heirat mit ihm all ihre Probleme lösen. Aber er hatte nichts davon gesagt, dass er sie liebte.

Er nahm ihre Hand. „Ich fürchte, zu langem Schwanken bleibt keine Zeit. Auf mich warten dringende Geschäfte in London, ich muss so bald wie möglich zurück.“ Er senkte die Stimme. „Juliet, ich begehre Sie.“

Nicht, ich liebe Sie oder ich bete Sie an, sondern, ich begehre Sie. Sie entdeckte, dass es eine mächtige Wirkung besaß, sich begehrt zu wissen, vom anderen als Objekt der Begierde gesehen zu werden. Es entwaffnete und fesselte sie. Vielen Engländern fiel es schwer, von Liebe zu reden, sagte sie sich, und sie war sich sicher, dass die Glut in Henry Wintertons Blick alles sagte, was sie wissen musste.

Zwei Tage später heirateten sie auf dem zuständigen Standesamt im Justizministerium. Die Hochzeitsnacht verbrachten sie im Shepheard’s Hotel. Bevor sie in ihrem Nachthemd aus dem Badezimmer trat, kam ihr der Gedanke, dass sie im Begriff war, sich einem Fremden hinzugeben. Doch die Feuerprobe war bald überstanden und wirklich nicht so schlimm, wie sie gefürchtet hatte. Henry war ein kraftvoller Liebhaber, und sein Stolz verlangte, dass er ihr so viel Lust bereitete, wie er empfing. Jean-Christophe hatte dafür gesorgt, dass sie nicht völlig unerfahren war, und falls Henry das bemerkte, sagte er nichts darüber.

Am folgenden Tag bestiegen sie ihr Schiff, um nach England abzureisen. Nach Übernachtungen in Valletta und Gibraltar gingen sie in Dieppe von Bord und reisten mit der Bahn nach Paris weiter. Dort führte Henry seine junge Frau ins Modehaus Worth, um sie standesgemäß auszustatten. Er hatte ihr aufgetragen, vier Abendkleider zu bestellen. Die Verkäufer rollten Stoffballen um Stoffballen vor ihr aus, und nach einer Stunde angenehmen Überlegens und Vergleichens entschied sie sich für ein Abendkleid in Schwarz, eines in Rosé und eines in Rot.

Nur für das vierte Kleid konnte sie sich zunächst nicht entscheiden. Die Verkäuferin, eine zierliche, elegante Frau um die sechzig, schlug ein schlichtes Modell aus Ecruseide mit schwarzer Paspelierung an Halsausschnitt und Saum vor. Juliet hatte Vorbehalte, sie meinte, der Farbton hebe sich nicht genug von ihrem blassen Teint und ihren honigblonden Haaren ab, doch die Verkäuferin antwortete darauf nur mit einem Schnauben. Eingeschüchtert gab Juliet nach.

Sechs Wochen später traf der Karton mit den vier in Seidenpapier verpackten und mit Satinbändern verschnürten Abendkleidern in Marsh Court ein.

An diesem Abend trug sie das ecrufarbene Kleid und dazu die Perlenkette. Die Kette brauchte einen schlichten Hintergrund, um voll zur Geltung zu kommen. Bei kritischer Betrachtung im Spiegel stellte sie fest, dass ihr Glanz die warmen Töne ihrer Haut zum Leuchten brachten. Ihre Wangen waren noch gerötet vom Nachmittag im Garten. Sie drückte ihr Gesicht in die Hände und atmete den rauchigen Geruch des Feuers ein, der sich in ihre Haut gesenkt hatte, und sah vor sich Gillis Sinclair, wie er ihr über das Feld entgegenging.

Henry war ihr offenbar immer noch böse, denn als sie in den Salon hinunterkam, sagte er: „Ah, da bist du. Ich habe schon geglaubt, du wärst uns abhandengekommen. Ich dachte, du wärst zum Fluss hinuntergegangen, um noch ein paar Gestrandete aufzusammeln.“ Dann wandte er sich seinen Gästen zu, die auf den Sofas rund ums Feuer saßen. „Juliet hat ein weiches Herz. Wenn es nach ihr ginge, würde sie mir scharenweise Schnorrer und Narren ins Haus schleppen.“

„Du hättest wohl kaum eine hartherzige Frau genommen, Henry.“ Gillis Sinclair stand im Schatten neben dem Bücherschrank. Er neigte den Kopf in Richtung Juliet. „Mrs. Winterton, darf ich sagen, dass Sie bezaubernd aussehen. Henry, ich gratuliere dir zu diesem Schatz.“

„Pff“, machte Henry mit herabgezogenen Mundwinkeln. „Ich verabscheue Leichtgläubigkeit. Sie wird so gern als Gutherzigkeit verkauft, dabei ist sie der Dummheit weit näher.“

„Anteilnahme ist doch nichts Schlechtes.“

„Ich zweifle nicht, dass du sehr teilnehmend sein kannst, Sinclair, wenn es dir passt.“

Froh, nicht mehr im Mittelpunkt zu stehen, gesellte sich Juliet zu Helen und Jonathan aufs Sofa. Sie hasste es, wenn Henry in dieser zynischen Stimmung war, in der er selbst noch im Handeln der Menschen, die ihm am nächsten standen, nach niedrigen Motive suchte. Den Barbours ging es vermutlich ähnlich, denn sie senkten beide die Blicke auf ihre Gläser. Jonathan und Helen hingegen schienen unerschüttert. Sie hatten solche Szenen wahrscheinlich unzählige Male erlebt. Außerdem war, wie Juliet mittlerweile festgestellt hatte, selbst der liebenswürdigste Winterton stets für einen Streit zu haben.

Sie fürchtete, Gillis könnte gekränkt sein, doch er sah Henry nur mit einem amüsierten Lächeln an. „Du hast recht, wenn es mir passt, bin ich ein wenig Heuchelei durchaus nicht abgeneigt.“

„Gillis hat nämlich ein Herz“, erklärte Jonathan. „Bei meinem Bruder hingegen hatte ich immer schon den Verdacht, dass das Ding, das ihm das Blut durch die Adern pumpt, aus hartem Stein besteht.“

Henry antwortete ihm mit einem dünnen Lächeln. „Aber du bist ja auch nicht gerade von Ehrgeiz geplagt, stimmt’s, Jonny?“ Henry hatte etwas von einem eifersüchtigen Vierjährigen, der seinen kleinen Bruder mit hinterhältigen Knüffen und Püffen traktierte. Seine letzte Bemerkung war mit mehr als nur einem Spritzer Gift gewürzt. Henry war derjenige in der Familie, der dafür sorgte, dass die Geschäfte liefen; er, nicht Jonathan, hatte den altmodischen, traditionsgebundenen Goldschmiedebetrieb der Wintertons zu einem erfolgreichen Unternehmen modernen Stils gemacht.

Jonathan hob als Antwort sein Glas, und Henry wandte sich befriedigt wieder Gillis zu.

„Du gibst also zu, dass du ehrgeizig bist?“

„Ehrgeiz gehört dazu, wenn man Erfolg haben will.“

„Ehrgeiz und Heuchelei gehen Hand in Hand, oder siehst du das anders?“

„Wenn du damit sagen willst, dass in der Politik eine gewisse Fähigkeit zur Verstellung nötig ist, gebe ich dir recht.“

„Ehrlich von dir“, sagte Henry sarkastisch.

„Und wenn ich dir sagte, dass es auch anständige, bescheidene Politiker gibt …“

„ … würde ich sagen, dass sie die größten Lügner von allen sind.“

Gillis blickte ins Kaminfeuer, doch Juliet bemerkte das Lächeln um seinen Mund. „Wenn ich dir also erklärte, dass sich unter meinem zugegebenermaßen attraktiven Äußeren ein anständiger und bescheidener Mensch verbirgt …“

Henry lachte schallend und schlug Gillis auf den Rücken. „Arroganz steht dir, mein Freund, du brauchst dich ihrer nicht zu schämen.“ Und alle lachten mit.

Wenig später meldete das Mädchen, dass das Abendessen serviert sei.

Bei Tisch fiel Juliet erneut auf, mit welchem Geschick Gillis es verstand, Henrys Stimmung in positivere Bahnen zu lenken. Sie beobachtete ihn, in der Hoffnung, etwas von ihm zu lernen. Von seinem Freund ließ Henry sich gutmütige Spötteleien gefallen, auf die er bei jedem anderen mit Sarkasmus oder Gereiztheit reagiert hätte. Beim Abendessen vergaß Henry allmählich seinen Missmut und zeigte sich von seiner gewinnendsten Seite, charmant und liebenswürdig, der vollendete Gastgeber. Und Gillis, gewandt und heiter, erwies sich als großartiger Gesellschafter, der aus jedem Thema eine amüsante Geschichte zu machen wusste. Blanche Sinclair, dachte Juliet, konnte sich glücklich schätzen, einen so aufgeschlossenen Menschen zum Mann zu haben.

Judith Lennox über „Die Frau des Juweliers“

Die Träume einer jungen Frau

Kairo, 1938: Juliet ist neunzehn Jahre alt, als sie dem wohlhabenden Londoner Juwelier Henry Winterton begegnet. Er erzählt ihr von seiner Familie und seinem Haus, Marsh Court, im Marschland des Blackwater-Deltas in Essex. Sie hält das, was sie empfindet, für erwachende Liebe zu diesem Mann, tatsächlich jedoch ist es Sehnsucht nach etwas Dauerhaftem, einem Zuhause, einem Ende des Umherstreifens.

Die beiden heiraten, und Juliet lebt nun in Marsh Court. Erfahren und naiv zugleich, hat sie keine Ahnung, was von einer großbürgerlichen Ehefrau erwartet wird – wie man mit dem Personal umzugehen hat, wie man eine neue Garderobe bei einem Pariser Couturier ordert. Sie weiß, dass die Familie Winterton die Erfahrungen, die sie mitbringt – von Wurzellosigkeit, einem Leben von der Hand in den Mund, einem Abenteuer mit einem verheirateten Mann –, unakzeptabel finden würde, und verschweigt sie. So fängt sie an, Dinge zu verheimlichen – eine Gewohnheit, die ihr bleiben wird.

 

Das Geheimnis um Marsh Court

Marsh Court steht am Rand der Salzwiesendes Mündungsgebiets in einer Landschaft, die täglich ihr Gesicht verändert. Wenn die Flut kommt, schneidet das Wasser die Inseln im Delta vom Festland ab. Juliet sieht sich gefangen in ihrer unglücklichen Ehe und dem Lügennetz einer heimlichen Affäre. Der Damm ist ein bedeutungsvoller Ort im Roman, Schauplatz mehrerer Schlüsselszenen. Eine Insel im Blackwater-Mündungsgebiet lieferte mir das Vorbild für das von mir erdachte Thorney Island. Das erste Mal besuchte ich die Gegend im Frühjahr, als schwere Regenfälle und Hochwasser das Gebiet heimsuchten. Der Kai von Maldon war überschwemmt und die Insel nicht zu erreichen, da die einströmende Flut den Damm mit hoher Geschwindigkeit überspülte.

Einige Monate später kehrten wir zurück, nachdem wir über den National Trust einen Besuch gebucht hatten. Die Insel präsentierte sich uns sanft und schön, eine friedliche Oase mit Wildblumen und Schmetterlingen, auch wenn sie sich im Winter gewiss von einer ganz anderen Seite zeigt. Nur ein Haus steht dort – von Wind und Wasser umgeben, ganz den Elementen ausgesetzt.

 

Die Entfremdung der Protagonisten

Den Kern der Handlung in „Die Frau des Juweliers“ bildet die Beziehung zwischen Juliet und Henry Winterton. Ihre Ehe scheitert praktisch, noch ehe die Flitterwochen vorbei sind. Henry liebt es, Spannungen zu schüren und andere zu reizen. Er empfindet großes Vergnügen, wenn er selbst seine engsten Freunde und die Mitglieder seiner Familie provozieren und bloßstellen kann. Wie kam es, dass das einzige Mitglied der Familie Winterton, das sie nicht liebgewonnen hatte, ihr eigener Mann war? Das ist die Frage, die Juliet sich stellt.

In „Die Frau des Juweliers“ wollte ich der Frage auf den Grund gehen, wie man, gefangen in einer Beziehung, die so schnell scheitert, überleben kann – und wie man sie ertragen und sogar Trost und eine Zukunft finden  kann. Der letzte Teil des Romans spielt in den 1960er-Jahren, zu einer Zeit, als London sich allmählich alter Zöpfe entledigt und bereit ist für einen neuen Lebensstil. Juliet ist mittlerweile zu einer lebensklugen und patenten Frau gereift, die sich schwierigen und beängstigenden Aufgaben stellt und endlich an einem unerwarteten Ort die Liebe findet.

 

 

Einmal mehr schafft es die englische Erfolgsautorin Judith Lennox, eine starke, beeindruckende Frau zur Schlüsselfigur eines absolut mitreißenden, vielschichtigen Familienromans zu machen, in dem auch die Spannungsmomente und das Zeitkolorit nicht zu kurz kommen. Elegant und mit viel Gefühl begleitet sie ihre Figuren durch drei überaus bewegte Jahrzehnte. Ein großartiger Schmöker und das perfekte Geschenk!


Bettina Feldweg, Programmleitung Malik

Judith Lennox

Über Judith Lennox

Biografie

Judith Lennox, geboren 1953 in Salisbury, wuchs in Hampshire auf. Sie ist eine der erfolgreichsten Autorinnen des modernen englischen Gesellschaftsromans und gelangt mit jedem neuen Buch auf die deutschen Bestsellerlisten. Judith Lennox liebt Gärtnern, ausgedehnte Wanderungen, alte Häuser und historische Stätten. Sie lebt mit ihrem Mann in Cambridge. Die beiden sind Eltern dreier erwachsener Söhne.

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Interview mit Judith Lennox zu „An einem Tag im Winter“

Videotranskription

Charaktere, mit denen man sich identifizieren kann, sind das Wichtigste an einem Buch, meint die britische Autorin Judith Lennox. Mehr zur Entstehung ihres Romans „An einem Tag im Winter“ und zu den autobiografischen Aspekten der Geschichte im Interview.

Worum geht es in Ihrem Buch?

Das Buch beginnt in den 1950-ern, genauer 1952. Es handelt von Ellen Kingsley, die ihren ersten Arbeitstag an einem Wissenschaftlichen Institut, Gildersleve Hall, in der Nähe von Cambridge in England auf dem Land antritt. Sie ist eine junge Wissenschaftlerin, deren Karriere gerade beginnt. In einer Zeit, in der die meisten Wissenschaftler männlich sind, beginnt sie in einem von Männern dominierten Arbeitsbereich zu arbeiten.

Sie geht zur Arbeit in Gildersleve Hall, es ist ihr Traum, dort zu arbeiten, als sie dort anfängt, passieren verschiedene Dinge: Sie verliebt sich, außerdem wird sie in eine Tragödie verwickelt. Sie gerät in einen Konflikt mit Dr. Marcus Pharoah, dem Institutsleiter, und das verändert ihr ganzes Leben. Das katapultiert sie in eine Richtung, von der sie nicht erwartet hätte, diese einzuschlagen.

Ellen ist eine sehr ehrliche Person, Ehrlichkeit ist ihr sehr wichtig. Sie wird mit Menschen konfrontiert, die nicht so ehrlich sind, was ihr Leben ebenfalls verändert. Sie muss lernen, ihren eigenen Weg zu finden, an dem festzuhalten, woran sie glaubt, und ihren Weg zu machen.

Für wen haben Sie dieses Buch geschrieben?

Ich schreibe nun seit über 25 Jahren, und ich würde sagen, dass ich in erster Linie für meine Leser schreibe. Aber außerdem schreibe ich auch für mich selbst. Ich hoffe, meinen Lesern gefällt die Art Bücher, die ich gerne lese, die eine starke Handlung haben, die einen motiviert, weiterzulesen.

Romane, die über Charaktere verfügen, mit denen man sich identifizieren kann, mit denen man mitfühlt. Für mich ist das das Wichtigste an einem Buch. Die Handlung spielt für mich an sich nicht so eine große Rolle, aber ich möchte, dass man eine Beziehung zu den Figuren aufbaut. Sie müssen nicht alle nur gut oder nur schlecht sein. Ich glaube, meine Charaktere sind meistens eher eine Mischung. Ich denke, ich schreibe also für Menschen, die meine Bücher über all die Jahre gelesen haben, und natürlich auch für mich selbst.

Was bedeutet Ihnen dieses Buch? 

Meine Eltern waren beide Wissenschaftler, sie haben sich an einem wissenschaftlichen Forschungsinstitut in England auf dem Land in den späten 1940-ern kennengelernt. Hier trafen sie sich, verliebten sich ineinander und verlobten sich. Meine Mutter war Wissenschaftlerin, genau wie Ellen, in einer Zeit, in der nur wenige Frauen als Wissenschaftlerinnen tätig waren. Ich glaube, es war ein ganz schöner Kampf für sie,  Karriere zu machen. Besonders als sie heiratete und Kinder bekam. 

Der Großteil meiner Familie besteht aus Wissenschaftlern oder arbeitet mit ihnen zusammen. Und ich bin eine der wenigen Ausnahmen. Ich weiß also, glaube ich, ein bisschen was über Wissenschaftler. Außerdem dachte ich, es wäre mal etwas anderes, eine Romanheldin aus diesem Bereich zu haben. Man neigt immer dazu, zu denken, es gäbe viele wissenschaftliche Heldinnen in Krimis, allerdings sind es in der Art von Romanen, die ich schreibe, nicht so viele. 

Ein weiterer, persönlicher Aspekt ist, dass ein Teil des Buches in Schottland spielt, auf einer kleinen Insel vor der schottischen Küste, die Seil heißt. Ich bin schon lange mit einem Schotten verheiratet und bin daher eine Menge in Schottland umhergereist. Ich liebe die schottischen Inseln, ganz besonders Seil, das ich extra für die Recherchearbeit zu diesem Buch besucht habe. Es ist ein sehr einzigartiger Ort. Ich mag Inseln. 

Wir waren schon auf verschiedenen Inseln in der ganzen Welt. Ich mag die Tatsache, dass sie sich so sehr voneinander unterscheiden. Seil ist eine sehr kleine Insel, aber es gibt eine noch kleinere: Easdale, die man in einer Stunde umrunden kann. Beide Inseln verströmen ein ganz unterschiedliches Gefühl, jede eine ganz eigene Atmosphäre. Ich war sehr angetan davon, deshalb wollte ich diesen Aspekt auch in das Buch einbauen.

Was sind Ihre Pläne für die Zukunft? 

Ich habe angefangen, an einem neuen Buch zu schreiben, es spielt größtenteils im Südwesten Englands in Devon, an der Küste. Es geht um ein Haus. Darum, was dieses Haus der Familie, die dort lebt, bedeutet. Manche Familienmitglieder lieben es, andere hassen es, manche würden alles tun, um es zu behalten. Außerdem geht es darum, welchen Effekt das Haus auf die Menschen hat. 

Ich glaube, Umgebung und Umwelt beeinflussen einen Menschen, beeinflussen die Art Mensch, die er ist, und darüber wollte ich schreiben. Es handelt von drei Generationen, beginnt im Ersten Weltkrieg und endet in den 1970-ern. Dieser Roman umfasst also eine weite Zeitspanne. Ich bin wirklich gespannt und freue mich darauf, weiterzuschreiben. 

Was möchten Sie Ihren Lesern mit auf den Weg geben?

Ich möchte mich bei meinen deutschen Lesern bedanken für all die Jahre, in denen sie mich schon unterstützen, danke dafür, dass Sie meine Bücher lesen! Das bedeutet mir wirklich sehr viel. Ich bin schon sehr gespannt auf die deutsche Veröffentlichung von  „An einem Tag im Winter“ und hoffe, dass es Ihnen gefällt!

An einem Tag im WinterAn einem Tag im Winter
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Roman

Die junge Naturwissenschaftlerin Ellen stößt in ihrer ersten Stelle im Cambridgeshire der 1950er-Jahre auf die unterschiedlichsten Kollegen, auf geheime Liebesbeziehungen – und auf einen Chef, der durch seine fachliche Brillanz besticht und den zugleich ein dunkles Rätsel umgibt. Als Ellen gerade anfängt, am Institut Fuß zu fassen, kommt es zu einem mysteriösen Todesfall, der die Weichen nicht nur für ihre berufliche Zukunft völlig neu stellen wird …
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Judith Lennox über die Inspirationen zu ihrem Roman „Ein letzter Tanz“

Im vorliegenden Roman „Ein letzter Tanz“ wollte ich zeigen, wie übermächtig die Liebe zu einem Haus werden kann. Ich wollte zeigen, was passiert, wenn man seine Liebe auf ein Haus projiziert, weil die Kriegserfahrung einen zu ängstlich gemacht hat, um einen Menschen zu lieben.

Ende August 2011 hatten wir eine Reise durch Neuengland mit dem Auto geplant. Wenige Tage, bevor wir fliegen wollten, traf Hurrikan Irene auf die Ostküste der Vereinigten Staaten. Während unserer Abwesenheit sollten bei uns daheim Holzböden verlegt werden, das bedeutete, dass wir eine Woche lang das Erdgeschoss unseres Hauses nicht würden betreten können. Wir mussten uns also ein anderes Reiseziel suchen, und zwar schleunigst. Den Westen von England habe ich stets geliebt, und aus meiner Kindheit habe ich wunderschöne Erinnerungen an Dartmouth an der Südküste der Grafschaft Devon. Als ich ein Hotel in der Stadt auftat, das für eine Woche ein Zimmer frei hatte, griff ich zu.

So lernte ich Coleton Fishacre kennen. Um von Dartmouth aus dorthin zu gelangen, setzt man mit der Fähre über den Dart nach Kingswear über und fährt dann auf immer schmaler werdenden Landstraßen Richtung Küste. Coleton Fishacre war einst der Landsitz von Dorothy und Rupert D’Oyly Carte, dem Eigentümer der D’Oyly Carte Opera Company und des Hotel Savoy; heute befindet es sich im Besitz­ des Natio­nal Trust.

Mit seinen ruhigen, unprätentiösen und minimalistisch gestalteten Räumen ist es der perfekte Wohnsitz im Stil der 1920er-Jahre. Das Haus ist von mehreren Hektar traumhaften Gärten umgeben. Ein waldreiches Tal führt zu einem hoch gelegenen Kliff mit Blick auf den Sandstrand und das türkisblaue Wasser. Das Anwesen ist großzügig, aber nicht übertrieben groß. Man könnte sich gut vorstellen, selbst dort zu leben und dabei sehr glücklich zu sein. Doch auch wenn das Haus heiter und sorglos erscheint, das Leben der D’Oyly Cartes war es nicht. Sie erlebten zwei Weltkriege und die Weltwirtschaftskrise und erlitten einen großen persönlichen Verlust, als ihr Sohn im Alter von einundzwanzig Jahren bei einem Verkehrsunfall starb; neun Jahre später ließen sich ­Rupert und Dorothy scheiden.

Das Bild dieses wunderbaren Hauses am Wasser begleitete mich, als ich mir die Ideen für mein nächstes Buch überlegte. Tragik und Verlust vor dem Hintergrund einer idyllischen Landschaft wurden zum Ausgangspunkt für „Ein letzter Tanz“. Da das Buch 2014, hundert Jahre nach Ausbruch des Ersten Weltkriegs, erscheinen würde, entschied ich mich, die Eingangskapitel diesem Konflikt zu widmen, der die alte Welt, wie sie gewesen war, für immer von der neuen scheiden sollte.

„Ein letzter Tanz“ ist kein Buch über den Ersten Weltkrieg – es spielt größtenteils nach Kriegsende –, aber die zentrale Figur darin, Devlin Reddaway, der im Schützengraben kämpft, wird nie ganz frei davon sein. Der Krieg bleibt das bestimmende Element seines Lebens, er prägt seinen Charakter und seine Persönlichkeit und lässt ihn niemals los. Obwohl er seinen Familiensitz, Rosindell, wiederaufbaut, voll Schönheit und Licht, umgeben ihn doch stets die finsteren Geister des Krieges.

Ich wollte, dass Rosindell, das Haus der Reddaways, das von Coleton Fishacre inspiriert ist, im Roman fast die Rolle einer handelnden Figur spielt. Rosindell macht Devlin nach dem Grauen der Schützengräben wieder gesund, aber er ist auch davon besessen. Seine Frau Esme, die ihn liebt, hat das Gefühl, dass sie mit dem Haus um Devlins Zuneigung konkurriert. Und Rosindell kann manchmal scheinbar seinen eige­nen Willen haben, kann Ereignisse beeinflussen oder das zukünftige Leben derer, die darin wohnen, entscheidend ­prägen.

In den Jahrzehnten nach dem Ersten Weltkrieg wurden viele große englische Adelssitze zerstört. Die einen brannten nieder, andere wurden vernachlässigt und dem Verfall überlassen, weil ihre Eigentümer sich ihren Unterhalt nicht mehr leisten konnten. Manche Häuser wurden auch absichtlich abgerissen. Arbeitskräfte verließen die ländlichen Gebiete und traten zu besseren Bedingungen und mit besserer Bezahlung in Geschäften, Fabriken und Büros an; es gab keine Dienstboten mehr, die die Häuser putzten, schrubbten und in Stand hielten. Oder sie galten als altmodische Überbleibsel einer Vergangenheit, mit der man längst abgeschlossen hatte.

Ein letzter TanzEin letzter Tanz

Roman

Anlässlich ihres 75. Geburtstags lädt Esme ihre Kinder und Enkel in das leer stehende Herrenhaus Rosindell an der Küste von Devon ein. Alles hier erinnert sie an glamouröse Zeiten mit rauschenden Sommerfesten, an den Beginn der einen großen Liebe ihres Lebens – aber auch an jene unheilvolle Affäre, die hier einst begann und in eine Tragödie mündete, die noch zwei Generationen später nachklingt. Erst jetzt hat Esme den Mut, das Geheimnis ihrer Familie aufzuklären und dem Fluch ein Ende zu setzen.

Esme

 


18. September 1974

 


Und in der Ferne das Geräusch des Meeres.
Mit geschlossenen Augen lauscht sie dem Auf und Ab der Wellen. Sie sieht die wogende Brandung vor sich, die am Strand einen Schaumstreifen hinterlässt, wenn sich das smaragdgrüne Wasser, in dem hundert glänzende rosa und gelbe Kiesel schwimmen, wieder zurückzieht. Sie sieht die schwankenden schwarzgrünen Wipfel der Kiefern auf den Felsen und den windbewegten Ginster.
Esme öffnet die Augen. Sie ist in ihrem Schlafzimmer in Little Coxwell, hundertzwanzig Kilometer von der Küste entfernt. Draußen regt sich kein Lüftchen, und doch kann sie noch immer das Meer hören. Wird sie vielleicht langsam verrückt, dement – oder kann es sein, dass sie tatsächlich im Sterben liegt, ihr müdes Herz jetzt einfach aufgibt und sie schon auf dem Weg ins Paradies ist?
Heute nicht, denkt sie. Heute habe ich zu tun.
Der Schlag der Wellen wird jetzt schwächer, und sie erinnert sich, dass sie vom Meer geträumt hat. In dem Traum ist sie mit ihrer Schwester Camilla den Strand entlanggerannt. Sie spürt immer noch den harten, festen Sand unter ihren bloßen Füßen, das Reiben der Körnchen zwischen ihren Zehen und, an der Fußsohle, den Schmerz vom Tritt auf eine scharfkantige Muschel. Sie läuft, so schnell sie kann, mit keuchenden Atemstößen, um Camilla einzuholen, deren flachsblonde Zöpfe wie Banner hinter ihr herfliegen und die immer kleiner zu werden scheint. Als Esme endlich das andere Ende der Bucht erreicht, ist ihre Schwester schon die schroffen Felsen hinaufgeklettert. Sie steht oben auf dem Vorsprung, der ins Wasser hineinragt, und lacht, während die weiße Gischt der Wellen sie durchnässt, lacht über die dumme kleine Esme, die vor Höhen und dem Meer Angst hat.
Das alles ist Erinnerung. Sie sieht Tom noch durch die weiß gesäumten Wellen laufen, sieht sich, wie sie ihren kleinen ­Eimer umkippt und einen makellosen Sandkegel auf den Strand setzt. Sieht die Kinderfrau das Picknick auspacken; den Chauffeur dösend im Daimler, der im Schatten der Bäume steht.
Sie muss fünf oder sechs Jahre alt gewesen sein. Ein paar Jahre später hätten ihre Mutter oder die Kinderfrau geschimpft, sie benähmen sich wie ungezogene Rangen. Rangen, denkt sie, in ihrem Bett ausgestreckt, ganz wach jetzt, während ihr Blick zu dem grauen Streifen Licht zwischen den Vorhängen wandert. Sie hat das Wort seit Jahren nicht mehr gehört. Gibt es heute überhaupt noch Rangen? Die Zeiten ändern sich, geht ihr durch den Kopf. Sie erinnert sich an die Sommerkleider, die sie und Camilla trugen. Schichten von Hemdchen, Unterhöschen, Unterrock, rüschenbesetztem Voilekleidchen und Trägerschürze hatten damals als passend für einen Tag am Strand gegolten. Sie denkt an Corals Jeans und ärmellose T-Shirts. Ja, die Zeiten ändern sich, und manchmal zum Besseren.
Das Rauschen des Meeres wird leiser und verstummt. Sie schaut auf die Uhr und seufzt. Zwanzig nach fünf: so lange noch, bis Zoe kommt. Eine Mischung aus Ungeduld und Angst quält sie, ähnlich wie vor dem Start eines Flugzeugs, wenn man den Moment endlich hinter sich haben möchte. Oder wie vor einem Tanzabend. Sie ist immer die weniger auffallende, weniger beachtete Tochter gewesen, das Mädchen, das im Ballsaal unsicher und gehemmt im Hintergrund stand und sich fragte, was die Leute von ihr dachten. Das ist einer der großen Vorteile des Alters, denkt sie, dass ihr das längst egal ist.
Diese Beklemmung, dieser Druck im Magen, wenn sie an das Sommerfest heute Abend denkt, sind nichts als Angst vor dem Versagen, das weiß sie. Sie hat alles sorgfältig geplant, aber es kann immer etwas schiefgehen, sie kann etwas falsch eingeschätzt oder vergessen haben, es kann sein, dass ihre störrische, zerrissene Familie nicht mitmacht. Oder einfach nicht erscheint. Das ist vielleicht mein letzter Geburtstag, in meinem Alter weiß man nie. Sie hat ein bisschen auf die Tränendrüse gedrückt, mehr als einmal in den vergangenen Wochen die hinfällige alte Dame gespielt.
Der Tag kann ihr trotzdem entgleiten, in die Vergangenheit entschwinden wie die davonrennende Camilla. Sie hat Angst, dass sie zögern, dass ihr die Courage fehlen wird, der Vergangenheit ins Auge zu sehen, und dass sie wieder unten im Sand stehen wird, während Camilla von oben triumphierend auf sie herabschaut und sie ein letztes Mal auslacht. Sie hat Angst, dass ihr Herz, von dem ihr Arzt, der jung und taktlos ist, sagt, dass es langsam „schlappmacht“, nicht durchhält und sie die Wahrheit nie erfahren wird.
Sie merkt, wie ihre Ängste über ihr zusammenzuschlagen drohen wie Meereswellen, und versucht mit geschlossenen Augen tief durchzuatmen. Seit einiger Zeit geht sie einmal in der Woche zu einem Yogakurs im Gemeindehaus des Dorfes – sie mit einer Handvoll junger Mütter, die die Schwangerschaftspfunde loswerden wollen –, und nun sagt sie sich im Kopf die Anweisungen der springlebendigen jungen Lehrerin vor: einen Muskel nach dem anderen entspannen; aus dem Zwerchfell atmen, nicht aus der Brust; den Kopf leer machen.
Ihre Gedanken wandern, und sie ist wieder in Rosindell. Sie geht durch den Garten, weg von den Gästen auf der Loggia und der Terrasse. Die Musik, irgendein ­altes Lied, klingt ferner und ferner, während sie dem Bachlauf zu den Bäumen folgt. Ein kalter weißer Mond verwandelt das Gras in Eisenspäne, und die tiefroten Kerzen der Rhododendren scheinen zu glühen. Die Lichter vom Haus verschwinden, wie in ­einem Traum geht sie unter den Steineichen hindurch, und die nassen Farnblätter streifen ihre Füße. Sie hört das Meer, sie riecht die würzig-salzige Luft. Sie steht oben auf den Klippen, und schwindelerregend tief unter ihr krachen die Wellen an den Fels.
Sie muss eingeschlafen sein. Das Läuten des Telefons schreckt sie auf. Ihr Herz – ihr schlappes Herz, denkt Esme verdrossen – schlägt wie wild, als sie ihren Morgenrock überzieht und nach unten läuft. Zoe drängt sie immer wieder, im Schlafzimmer einen zweiten Apparat aufstellen zu lassen, doch davon will Esme nichts wissen: Was das kosten würde. Außerdem gehört sie einer Generation an, der das Telefon Respekt und eine gewisse Furcht einflößt. Man benutzt es sparsam oder in Notfällen.
Sie hat Mühe beim Atmen, als sie den Fuß der Treppe erreicht, und ihre rechte Hüfte tut weh. Sie greift nach dem Hörer und nennt ihren Namen.
„Mama, ich bin’s nur, keine Sorge.“ Zoes Stimme. „Alles Gute zum Geburtstag.“
„Danke, Schatz.“
„Entschuldige, dass ich so früh anrufe, aber ich habe heute einen Haufen zu erledigen. Übrigens, Philippe kommt auch.“
„Philippe?“
„Du weißt doch, Corals Vater.“ Der gönnerhafte Ton, mit dem die Jungen das unzuverlässige Gedächtnis der Alten anstoßen. „Er hat gestern Abend angerufen und gefragt, ob er mitkommen kann. Es soll eine Überraschung werden, wir dürfen also Melissa und Coral nichts verraten.“ Zoe wirkt zerstreut. Esme stellt sich ihre Tochter vor, wie sie, den Telefonhörer zwischen Ohr und Schulter geklemmt, beim Reden Zahlenreihen prüft.
„Natürlich, Schatz.“ Müde und immer noch beklommen, denkt sie doch daran zu sagen: „Lieb von dir, dass du das tust, Zoe.“
„Kein Problem. Also dann um drei, Mama.“
Als Esme sich eben verabschieden will, sagt Zoe plötzlich: „Ich bin immer noch überrascht – überrascht, dass du es in Rosindell machen willst.“
„Tatsächlich?“, erwidert Esme nur. „Na ja, ich gehe jetzt besser meine Sachen zurechtlegen.“
„Du hast noch nicht gepackt?“
Esme weiß, dass Zoe ihre Garderobe für das Wochenende schon Tage im Voraus geplant haben wird. Sie wird ihren Koffer am Freitag nach der Arbeit gepackt und das Kleid für die Party in Seidenpapier gehüllt haben, damit es nicht zerknittert.
„Ach, das geht ganz schnell“, sagt sie beschwichtigend. „Ich stehe pünktlich mit meinem Koffer in der Hand vor der Tür, ich verspreche es.“
Sie beendet das Gespräch. Es ist Viertel nach sieben Uhr morgens, und der Garten ist früh am Tag immer am schönsten. Sie zieht ihren Trenchcoat über Nachthemd und Morgenrock, steigt in ein Paar Gummistiefel und geht hinaus.
Die Tautropfen im Gras blitzen wie Diamanten. Es ist nur ein kleiner Flecken Gras – sie mag Rasen nicht, dieses dauernde Mähen und Düngen –, doch sie hat Schlüsselblumen und Kaiserkronen angepflanzt, und im Frühjahr erinnert sie das kleine grüne Viereck an die blumenprächtigen Wiesen ­ihrer Kindheit in Devon. Esmes Haus steht in der Mitte ­eines Gartens von vielleicht einem Viertel Morgen. Das Cottage mit den kleinen Fenstern und den niedrigen Decken ist altmodisch und wenig komfortabel, sie hat es wegen des Gartens gekauft. Er ist ihr kleines Paradies, von Mauern umgeben, die sie vom Dorf abschließen. Natürlich war es Rosindell, das sie diese Gewohnheit des Alleinseins gelehrt hat.
Schmale Kieswege teilen die Beete, Bienen summen über den Fetthennen, die jetzt blühen. Sie mag den September, ihren Geburtsmonat: Er kann noch Fülle bieten und hat doch nicht die trockene, drückende Hitze des Augusts, die in ­einem kühlen, regnerischen Land immer unnatürlich erscheint.
Esmes Hühner, hübsche, kecke Buff Orpingtons, scharren im Gebüsch. Im Apfelbaum sitzt eine Drossel und singt. Sie weiß, warum sie von Camilla geträumt hat, doch der Traum hat sie auch an etwas erinnert, woran sie seit Jahren nicht gedacht hat: die Eifersucht auf ihre ältere Schwester, die sie als Kind so bitter gequält und ihr inneres Gleichgewicht erschüttert hat. Seltsam, denkt sie, wie die alten Unsicherheiten bleiben, selbst nach so langer Zeit ihre Macht behalten. Glück und Unglück der Kindheit sind so leicht abgetan, doch die Folgen haben sie ihr Leben lang begleitet. Sie weiß jetzt, dass es allzu leicht ist, von Bevorzugung oder Benachteiligung zu sprechen. Auch sie hat Schuld auf sich geladen. Verlustgefühle und Sehnsucht werden sie immer plagen. Eifersucht und Sehnsucht, denkt sie, das sind die Gefühle, die mein Leben am meisten beeinflusst haben.
Sie geht ins Haus zurück. Oben holt sie ein einfaches schwarzes Kleid aus dem Schrank, ein Paar flache schwarze Schuhe und ihre Perlen. Sie nimmt ein kleines Bündel Papiere – das Beweismaterial, wie sie es für sich nennt – von der Kommode, setzt sich aufs Bett und blättert es durch. Die Foto­gra­fien aus Country Life und eine weit ältere Aufnahme von den Hausangestellten Rosindells, in Reih und Glied vor der Haustür aufgestellt. Ein Bild, das sie aus einem Biblio­theks­buch herausgerissen hat, von einer Strandparty in Cannes. Esme kann den Leuten darauf ansehen, dass sie sich als verruchtes, fortschrittliches Völkchen betrachten, dabei wirken ihre altmodischen Badeanzüge jetzt lächerlich und die Frisuren wie gedrechselt und wenig schmeichelhaft.
Alte Geheimnisse, hässliche alte Intrigen. Doch sie ist jetzt ruhig. Sie denkt, heute werde ich die Wahrheit erfahren. Aber wo liegt der Anfang der Wahrheit? Man muss einen weiten, weiten Weg zurückgehen. Zum Krieg, zum ersten Krieg, der ihre Generation wie ein Erdbeben erschüttert und Blut und Zerstörung über sie gebracht hat. Niemand, der ihn nicht selbst erlebt hat, kann die Urgewalt dieses Krieges verstehen, der keinen Stein auf dem anderen ließ. Ihrer aller Leben war danach verdunkelt. Vielleicht zehrt diese Dunkelheit heute noch an ihr. Vielleicht zehrte sie an Camilla, die während des Krieges als Krankenschwester arbeitete. Jetzt fragt sie sich, ob das der Grund dafür ist, dass Camilla tun konnte, was sie tat, weil sie so viel Tod und Verrat gesehen hatte, dass sie ihr nicht mehr wichtig schienen.
Wenn man der Wahrheit auf den Grund kommen will, denkt sie, muss man ins Jahr 1917 zurückkehren, zu Devlin Reddaway, der damals auf Urlaub von der Westfront war.

 

 

 

 

Teil 1
Das Erbe
1917 – 1932

 

 

1

London, Januar 1917

 

 

Ein Hausmädchen führte Devlin Reddaway in den Salon des herrschaftlichen Hauses am Belgrave Square. Ein halbes Dutzend Leute saß in den Sesseln und Sofas. Er sah Camilla Langdon sofort. Sie trug ein hellgrünes Kleid, weiße Strümpfe und weiße Schuhe mit niedrigem Absatz. Ihr helles, silbrig blondes Haar war im Nacken hochgesteckt.
Sie stand lächelnd auf und reichte ihm die Hand. „Devlin, wie schön, dich zu sehen. Wie geht es dir?“
„Sehr gut, danke. Und dir?“
„Danke, ich erfreue mich bester Gesundheit. Lady Clare, das ist Hauptmann Reddaway, ein Freund von zu Hause.“
Lady Clare thronte auf dem Sofa in der Mitte. Scharfe graue Augen musterten Devlin, während man Begrüßungen murmelte.
Es sei lange her, meinte Lady Clare sinnend, dass sie als junges Mädchen Rosindell zuletzt gesehen habe. Sei das Haus nicht einmal berühmt gewesen für sein großes Sommerfest? Traurig, wenn alte Traditionen verschwänden. Doch man müsse schließlich mit der Zeit gehen.
Camilla stellte Devlin der Frau vor, die neben Lady Clare saß, Mrs. Sheridan, eine hübsche Person mit rundem Gesicht und glatten, rosigen Wangen. Das Mädchen im blauen Kleid, das neben Camilla auf dem Sofa saß, war Edna Clare, Lady Clares Tochter. Neben Devlin waren noch zwei andere Armeeoffiziere da, einer trug den Arm in der Schlinge, der andere, mit lockigem Haar und Sommersprossen, war fast noch ein Junge.
Der Tee wurde serviert, Gebäck herumgereicht. Anfangs bestimmte Lady Clare das Gespräch; als sie nach einer Weile den Salon verließ, rückte Mrs. Sheridan in den Mittelpunkt. Die Unterhaltung drehte sich um Oberflächliches, das kalte Wetter, die vergangenen Weihnachtsfeiertage und einen Film, den Mrs. Sheridan gesehen hatte. Devlins Blick glitt immer wieder zu Camilla. Er glaubte, in ihren Augen eine Herausforderung zu erkennen, eine sorglose Unbekümmertheit in ihrem Lächeln. Ihr kräftiges, jungenhaftes Lachen verblüffte ihn.
Camillas Nachfragen bei dem jungen Offizier mit den Locken riefen Erröten und Gestammel hervor.
„Ich – äh – f-fahre morgen nach Hause, Miss Langdon. Z-zu meinen Eltern in S-Suffolk.“
Camilla wandte sich Devlin zu. „Fährst du in diesem Urlaub heim?“
„Ich sollte eigentlich. Ich war mehr als ein Jahr nicht mehr dort. Wenn mein Vater und ich es nur zwei Tage miteinander aushalten müssen, zerstreiten wir uns vielleicht nicht.“
Edna Clare mischte sich ins Gespräch. Sie hatte eine leise, angenehme Stimme. „Ach, in Zeiten wie diesen wird so ein Familiengezänk doch unwichtig.“
Die letzte Auseinandersetzung mit seinem Vater war so bitter gewesen, dass Devlin das bezweifelte, doch er sagte: „Ja, da haben Sie wahrscheinlich recht, Miss Clare.“
„Edna, Liebes, du bist ein versöhnlicherer Mensch als ich.“ Camilla lächelte ihre Freundin an. „Streit bleibt Streit, wenn du mich fragst. Daran kann weder die Zeit noch ein Krieg noch irgendetwas sonst etwas ändern.“
„Das meinst du doch gar nicht ernst“, entgegnete Edna.
„Doch. Aber lassen wir das. Mit dir will ich wirklich nicht streiten.“ Sie richtete das Wort wieder an Devlin. „Wie geht es deinem Vater?“
Walter Reddaway war schon seit einigen Jahren bei schlechter Gesundheit. „Soviel ich weiß, hat sich sein Zustand nicht verschlechtert“, antwortete Devlin. „Und wie geht es deinen Eltern? Und Tom? Und …“ Er wusste, dass sie eine Schwester hatte, doch ihr Name fiel ihm nicht ein, sosehr er sein Gedächtnis anstrengte. Er musste müde sein, sagte er sich, denn im Moment konnte er sich an nichts weiter erinnern als ein großes, dünnes Mädchen mit einer Fülle von schwerem bernsteinbraunem Haar.
„Esme? Ich glaube, es geht ihr gut. Tom ist in Portsmouth stationiert, darf aber nicht aufs Wasser. Sehr zu seinem Ärger.“ Camilla sah ihn stirnrunzelnd an. „Ich hatte schon gefürchtet, du würdest nicht kommen. Ich bin so eine hoffnungslose Briefschreiberin. Ich dachte, du seist mir vielleicht böse.“
Um fünf Uhr begann die Gesellschaft sich aufzulösen. Bevor Devlin ging, sprach er noch einmal mit Camilla.
„Kann ich dich wiedersehen?“
„Heute Abend habe ich etwas vor. Morgen, wenn du möchtest.“
„Morgen besuche ich einen Freund in Derbyshire.“
„Bist du bis zum Abend zurück?“
Er bejahte. Camilla wandte sich an Mrs. Sheridan. „Hauptmann Reddaway kann uns doch morgen Abend Gesellschaft leisten, Sally?“
„Ja, das wäre ganz reizend.“ Mrs. Sheridan schenkte ihm ein Lächeln. „Je mehr, desto fröhlicher.“
Devlin Reddaway war vor zwei Tagen von der nordfranzösischen Kriegsfront aufgebrochen und erst an diesem Morgen in London eingetroffen. Ein Bummelzug, der immer wieder auf offener Strecke hielt, hatte ihn von den Schlachtfeldern durch graues und braunes Land nach Le Havre gebracht. Von dort hatte er über Nacht nach Southampton übergesetzt und war dann mit der Eisenbahn, wieder im Schneckentempo, aber jetzt durch englische Felder und Wälder, nach London weitergereist. Nach der Ankunft fuhr er mit der Untergrundbahn bis Victoria und ging dann die letzte Etappe zum Marble Arch zu Fuß, weil er das Gefühl hatte, dringend frische Luft zu brauchen. Die Wohnung dort, die ihm ein Offizierskollege zur Verfügung gestellt hatte, erschien ihm allzu maskulin mit ihren Ledersesseln und indischen Teppichen. Während er seinen Seesack auspackte, kamen ihm die vier fremden Zimmer kühl und abweisend vor. Einzig der Brief von Camilla, den der Portier ihm im Foyer übergeben hatte, eine Einladung zum Tee am Belgrave Square am selben Nachmittag, hatte seine Stimmung ein wenig aufgehellt.
Camilla Langdons Familie lebte in Dartmouth, in Süddevon. Charles Langdon, Camillas Vater, war Eigner einer Bootswerft am Dart, dem Fluss, an dem das Städtchen gelegen war. Ihre Mutter, Annette Langdon, war eine hübsche rundliche Blondine mit gesellschaftlichen Ambitionen. Um von Dartmouth in das Dorf Kingswear zu gelangen, musste man die Fähre über die Dartmündung nehmen. Knapp fünf Kilometer von Kingswear entfernt stand einsam auf einer stürmischen Landspitze Rosindell, Devlins Elternhaus.
Die Geschichte Rosindells war in Holz und Stein gehauen. Die ersten Bauten auf dem Gelände, ein Hospitium und eine Kapelle, waren im vierzehnten Jahrhundert errichtet worden. Später waren ein Rittersaal und mehrere landwirtschaftliche Gebäude hinzugekommen. In der Tudorzeit hatte
man das Haus nochmals vergrößert, doch als sich König Heinrich VIII. von der römischen Kirche lossagte und die Familie allen Repressalien zum Trotz am alten Glauben festhielt, erlebte Rosindell eine Periode des Niedergangs, die sich fortsetzte, als sich die Familie auch im späteren englischen Bürgerkrieg auf die falsche Seite schlug. Rund um das Haus grasten Rinder, Dornengestrüpp breitete sich aus, und Efeu ergriff mit langen Ranken von den Mauern Besitz. Rosindell war dem völligen Verfall nahe gewesen, als George Reddaway im neunzehnten Jahrhundert das Haus restaurierte und auf das Doppelte seiner ursprünglichen Größe erweiterte. Fortan lebten und starben die Reddaways hier in Wohlstand. Nun jedoch erlebte Rosindell eine zweite Periode des Niedergangs.
Walter Reddaway, Devlins Vater, und Charles Langdon, der Vater Camillas, hatten nur milde Verachtung füreinander übrig. Die Langdons protzten in Dartmouth mit einem großen neuen Haus; Rosindell stand seit Jahrhunderten in demselben abgeschiedenen Tal inmitten fruchtbarer Felder. Doch Devlin und Tom, Camillas Bruder, die dasselbe Internat besuchten, hatten sich gut verstanden. Tom, wenig strebsam, dafür umso geselliger, hatte damals bei Bootsausflügen oder wenn sie loszogen, um Vogeleier aus den Nestern zu holen, stets für gute Stimmung gesorgt. Devlin, ein verschlossener und grüblerischer Junge, hatte dessen Schwester Camilla bewundert.
Kurz nach dem Ausbruch des Krieges 1914 hatte er sich zur Front gemeldet und war im Sommer 1915 nach Frankreich geschickt worden. Schon im September wurde er in der Schlacht bei Loos verwundet. Nach seiner Entlassung aus dem Lazarett kehrte er nach Rosindell zurück. Dort stritt er mit seinem Vater und tat, was er konnte, um Haus und Besitz irgendwie instand zu halten. An einem Nachmittag in Dartmouth begegnete er am Hafen Camilla. Als plötzlich ein heftiger Regenguss niederging, hob sie das Gesicht zum Himmel und lachte. In diesem Moment wurde Neigung zu Besessenheit und Bewunderung zu Begehren. Ihre blonde Hübschheit, selbst die Vollkommenheit ihrer Züge hätten bei einer anderen Frau vielleicht fade gewirkt, doch Camillas Schönheit war wie eine blasse Flamme, strahlend und ruhelos. Ihr fein geschwungener kleiner Mund und die Augen, tiefblau wie Ehrenpreisblüten, wurden von rasch wechselnden Emotionen belebt: Erheiterung, Zorn, Erregung.
Als sie sich in ihrem regennassen Mantel zum Gehen wandte, sagte er: „Schreibst du mir, Camilla?“
„Ja, wenn du willst“, antwortete sie und fügte gleich hinzu: „Aber sei mir nicht böse, wenn ich es vergesse.“
Im Jahr danach hatte er in Frankreich vier Briefe von Camilla erhalten. Der letzte war in London abgestempelt gewesen. Camilla schrieb ihm, dass sie nach London übergesiedelt war, um als Krankenschwester in einem Lazarett zu arbeiten. Es war im Ballsaal eines Herrschaftshauses am Belgrave Square eingerichtet worden, das der Mutter ihrer Schulfreundin Edna Clare gehörte. Ich habe Monate gebraucht, um meine Mutter zu überreden, mich nach London gehen zu lassen. Zum Glück ist Ednas Mutter Lady Clare und Mama so ein Snob.
Als Devlin Lady Clares Haus verließ, erschienen ihm die Straßen Londons in der Verdunkelung düster und unheimlich. Wäre nicht der grelle schmale Strahl eines Suchscheinwerfers gewesen, der über den kohlschwarzen Himmel tanzte, hätte er sich in die finsteren Nächte seiner Kindheit auf dem Land zurückversetzt geglaubt. Die Pubs hatten inzwischen geöffnet, und Devlin trank ein Glas wässriges Bier, bevor er sich ein ruhiges Restaurant suchte, um zu Abend zu essen. Eine bleierne Schläfrigkeit überfiel ihn, als er seinen Kaffee trank, und er beschloss, gleich nach Hause zu gehen.
Sobald er sich aufs Bett gelegt hatte, glitt er in einen Traum, in dem er von den Küstenfelsen in Rosindell in die See hinuntergestürzt war. Immer wieder streckte er die Arme aus, um einen Felsen zu fassen und sich aus dem Wasser zu ziehen, doch das Gestein hatte entweder messerscharfe Kanten, die seine Hände aufrissen, oder es war so glitschig von Seetang, dass er sich nicht daran festhalten konnte.
Der Zug war voll, als er am nächsten Morgen nach Sheffield fuhr. Devlin überließ seinen Sitzplatz einer Frau mit Kind und stellte sich in den Gang. Eine Schulter an die Fensterscheibe gelehnt, ließ er die winterlichen Felder an sich vorüberziehen und nickte hin und wieder ein paar Minuten ein. In Sheffield stieg er um in einen Bummelzug, der ihn durch die eindrucksvolle Landschaft des Peak District mit seinen majestätischen schneebedeckten Gipfeln trug. In Hathersage angekommen, ging er die steile Straße zum Haus der Hutchin­sons hinauf. Der Weg war ihm vertraut, er war als Junge zwei-, dreimal in den Schulferien hier gewesen.
Er wappnete sich, bevor er an die Tür klopfte. Mrs. Hutchin­son machte ihm auf. „Devlin, wie lieb von dir, uns zu besuchen.“ Sie umarmte ihn. „Mein lieber Junge. Wir freuen uns schon so, dich zu sehen.“
Devlin hängte seinen Mantel im Flur an der Garderobe auf und legte Mütze und Handschuhe auf einen Tisch. „Wie geht es Eddie?“
„Ach, er hatte eine schlimme Nacht. Du darfst es nicht krummnehmen, wenn …“ Sie sprach nicht weiter.
Sie war eine gutherzige, mütterliche Frau, die er als Junge sehr gerngehabt hatte. Edwards Vater, früher Pfarrer, war jetzt im Ruhestand. Die Hutchinsons hatten spät geheiratet und hatten nur den einen Sohn.
Mrs. Hutchinson tätschelte Devlins Arm. „Es ist eine Freude, dich zu sehen. Und du siehst so wohl aus. Komm, gehen wir zu Edward. Er sitzt im Wohnzimmer in der Sonne.“
Devlin folgte Mrs. Hutchinson durch das Haus nach hinten. Ein großes Fenster umrahmte einen Blick auf die Berge. Edward, der bei einem Frontgefecht beide Beine verloren hatte, saß im Rollstuhl neben dem Fenster. Eine karierte ­Decke lag über seinen Beinstümpfen.
„Hallo, Eddie“, sagte Devlin.
Edward wandte ihm sein von Narben verwüstetes Gesicht zu. „Du hättest nicht kommen sollen.“
„Liebling“, sagte Mrs. Hutchinson behutsam, doch ­Edward wandte sich ab und schaute zum Fenster hinaus.
„Ich hätte nichts gegen eine Tasse Tee, wenn Sie einen Moment Zeit haben, Mrs. Hutchinson“, sagte Devlin. „Im Zug gab es keinen.“
„Tee“, sagte Mrs. Hutchinson atemlos. „Natürlich. Entschuldige, du armer Junge, du bist sicher halb verdurstet. Und ein Stück Kuchen – du isst doch ein Stück Obstkuchen?“
Als sie gegangen war, zog Devlin sich einen Stuhl heran und setzte sich Edward gegenüber. Noch ehe er etwas sagen konnte, sagte Edward: „Es war mir ernst, du hättest nicht kommen sollen. Ich bin zum Sterben langweilig, und du hast bestimmt nur – was? – eine Woche Urlaub?“
„Fünf Tage ohne die Reise.“
„Die solltest du nicht an mich verschwenden.“
„Ich verschwende sie nicht. Ich wollte dich sehen.“
„Bitte sehr.“ Edward lächelte bitter. „Ich bin eine echte Sehenswürdigkeit. Der Dreifünftelmann, ich hab’s ausgerechnet. Zwei Beine weg und ein halbes Gesicht. Nein, sag’s nicht“, sagte er heftig, als Devlin sprechen wollte.
„Was soll ich nicht sagen?“
„Dass ich im Inneren immer noch derselbe Mensch bin oder irgend so was Idiotisches. Das stimmt nämlich nicht.“ Er wies mit einer Kopfbewegung zu den Bergen. „Ich werde nie wieder dort draußen wandern können. Ich werde nie wieder allein auf einem Berg stehen und ins Tal hinunterschauen und die ganze Welt zu meinen Füßen sehen. Ich wäre lieber tot. Sie weiß das. Deshalb lässt sie mich nie allein. Deshalb schickt sie meinen Vater zum Einkaufen. Annie, unser Hausmädchen, ist gegangen. Sie hat meinen Anblick nicht ausgehalten. Sie hat immer mit mir geflirtet, als ich noch ganz war.“
Geschirr klapperte. Devlin nahm Edwards Mutter das Tab­lett ab und stellte es auf den Tisch. Während der Tee eingeschenkt und der Kuchen herumgereicht wurde, bot sich Gelegenheit zu ein paar leichten Worten. Edwards Tasse schlug an die Untertasse. Als seine Mutter den vergossenen Tee wegwischte, sah er sie mit einer Mischung aus Verachtung und Groll im Blick an. Devlin suchte verzweifelt nach einem Gesprächsthema, verwarf in rascher Folge London, Camilla und den Krieg als taktlos und unpassend. Rosindell: Doch er hatte Edward nie nach Rosindell eingeladen. Zu peinlich waren ihm der he­run­ter­ge­kommene Zustand des Hauses und die Schrullen und Zornesausbrüche seines Vaters gewesen.
Sein Blick blieb an einem Bibliotheksbuch auf dem Fensterbrett haften. Er fragte Edward danach, und der gab eine brummige Antwort, dann steuerte Mrs. Hutchinson ein paar künstlich heitere Kommentare bei, und Devlin erzählte von einem Buch, das er gelesen hatte. Über eine Stunde lang schleppte sich das Gespräch so hin, an dem Edward kaum Anteil nahm. Oft stand ein Ausdruck ungeheurer Wut ganz unverhüllt in seinen Augen.
Devlin brach bald nach dem Mittagessen auf, nachdem er sich wegen einer Verabredung am Abend entschuldigt und versprochen hatte, in seinem nächsten Urlaub wiederzukommen. Im Zug setzte er sich auf einen Fensterplatz. Ich werde nie wieder hier draußen wandern. Er wandte den Blick von der Aussicht und konzentrierte sich darauf, eine Zigarette anzuzünden. Nach dem Umsteigen suchte er sich im Londoner Zug einen Platz in einer Ecke und machte die Augen zu. Doch er schlief nicht. Er merkte, dass er sich kaum noch an den Edward erinnern konnte, den er einmal gekannt, mit dem er in der Schule gespielt hatte und im Peak District gewandert und geklettert war. Es war, als hätte der Anblick des Freundes, wie er ihn an diesem Tag erlebt hatte, alle diese Erinnerungen für immer vernichtet. Und es war ja nicht nur ­Edwards Leben zerstört worden, sondern das seiner ganzen Familie, die ihm einmal als das Ideal der glücklichen Familie erschienen war, vielleicht sogar als Vorbild für das, was hätte sein können, wäre seine eigene Mutter am Leben geblieben. Seit ihrem Tod, als Devlin fünf Jahre alt gewesen war, hatte sein Vater sich von der Welt zurückgezogen, alle Besucher mit seiner Grobheit und seinem Missmut vertrieben. Er hatte sich nicht mehr um Rosindell gekümmert, und nun leckte das Dach über dem ältesten Teil des Gebäudes, und im Winter standen die Kellerräume unter Wasser.
In Doncaster wurde der Zug voll, ehe er weiterzuckelte. Sein Gespräch mit Camilla am vergangenen Abend erschien Devlin jetzt wie ein bloßer Austausch von Höflichkeiten, der nichts versprach. Ein Bekannter von zu Hause, der sich in London aufhielt und nicht recht wusste, wohin; hätte sie denn etwas anderes tun können, als ihn aufzufordern, sich ihrer Clique anzuschließen? Was erhoffte er sich? Er wollte Camilla Langdon nicht begehren. In Flandern hatte er es sich abgewöhnt, etwas haben zu wollen. Da draußen war ihm beigebracht worden, sich ganz anderes zu wünschen – etwas nicht haben zu wollen, nämlich Kälte, Regen, Angst, Morast. Doch gestern Abend waren die alten Wünsche wieder erwacht und hatten jäh die Leere gefüllt.
Er kam um Viertel nach sieben in London an. Da er bis zu seiner Verabredung mit Camilla und ihren Freunden noch Zeit hatte, aß er in irgendeinem kleinen Restaurant etwas zu Abend und suchte sich dann ein Pub. Frauen, die sich in dünnen Mänteln in Türnischen drückten, lächelten ihn mit geschminkten Gesichtern an, als er zum Piccadilly ging. London war laut, aufdringlich und hohl. Wenn man an der Tünche kratzte, würde man nichts darunter finden.
In dem Nachtlokal, in dem sie verabredet waren, bestellte er sich noch etwas zu trinken. Er wusste schon jetzt, wie der Abend verlaufen würde, und es langweilte ihn. Er war nichts weiter als ein Außenseiter, der sich unerwünscht in Camillas Kreis gedrängt hatte und aus Mitleid geduldet wurde. Er würde um einen Moment allein mit ihr buhlen müssen.
Eine halbe Stunde verging, ehe sie kamen, die Frauen in farbenprächtiger Seide, die sich vom stumpfen Kaki der Uniformen der Männer abhob. Camilla trug ein einfaches weißes Abendkleid, in dem sie leuchtend blass wirkte, beinahe wie eine Geistererscheinung. Um ihre Schultern lag eine weiße Pelzstola, die im Licht schimmerte. Devlin sah ein Hermelin vor sich oder einen Schneehasen, der frei und ungebunden in spielerischen Wendungen über ein verschneites Feld lief und eine bewegte Spur hinterließ.
Er lernte Mrs. Sheridans Mann kennen, rotblond mit der nervösen Angewohnheit, den Kopf alle paar Minuten ruckar-
tig seitwärts zu werfen, und ein zweites Ehepaar, die Crowthers, sie dunkel und lebhaft mit dicken Augenbrauen, er doppelt so alt wie sie. Edna Clare kam in Begleitung eines Cousins, der bei der Guards Division diente.
Ein hochgewachsener Mann mit sauber gestutztem Oberlippenbärtchen musterte Devlin mit gelangweiltem Blick, als Camilla ihn zu ihm führte.
„Devlin, darf ich dich mit Major de Grey bekannt machen? Victor, das ist Hauptmann Reddaway, ein Freund von mir.“
Nachdem alle Platz gefunden hatten, wurden Getränke bestellt. Devlin saß zwischen Hauptmann Sheridan und Mrs. Crowther. Mrs. Sheridan erzählte von ihren Nichten, während ihr Mann stumm dabeisaß und zur Tanzfläche starrte. Camilla und de Grey saßen Devlin gegenüber. Camilla unterhielt sich mit de Grey, doch Devlin bekam kaum etwas von dem Gespräch mit, das von Mrs. Sheridans Stimme und der Musik der Dreimannkapelle übertönt wurde. Der Major wirkte distanziert, und wenn er gelegentlich lächelte, so nur kurz und gezwungen.
Devlin unterbrach Mrs. Sheridans Monolog und fragte mit ­einem Blick über den Tisch: „Kennen Camilla und Major de Grey sich schon lange?“
„Ich glaube nicht. Major de Greys Schwester ist mit meinem Cousin verheiratet. Greenwell, der Landsitz der de Greys, liegt in Gloucestershire. Kennen Sie ihn? Reggie und ich waren vor dem Krieg einmal einen Sommer dort. Der Park ist berühmt wegen seiner ineinander verflochtenen Lindenalleen.“
Devlin spürte plötzliche Eifersucht, als er sah, dass de Grey Camilla zur Tanzfläche führte. Gefiel ihr de Grey? Unmöglich – der Mann wirkte kalt wie ein Fisch.
Jemand rief ihn an. Als er hochblickte, sah er einen Offizier, den er vom Ausbildungslager kannte. „Hallo, Bridges“, sagte er.
„Nett, Sie zu sehen, Reddaway. Trinken wir ein Glas zusammen?“
Da es Camillas Freunden nicht einfiel, zusammenzurücken und Bridges Platz zu machen, setzte sich Devlin mit ihm an ­einen anderen Tisch. Bridges war ein wenig einnehmender Mann, klein und stupsnasig, mit immer feuchten Lippen. Devlin hatte ihn als sanften und umgänglichen Menschen in Erinnerung, der so gar nichts Kriegerisches an sich hatte. Er gehörte zu jenen, von denen man angenommen hätte, dass sie gleich in einer der ersten Kampfhandlungen sinnlos fallen würden.
Er sei Ausbilder in einem Ausbildungslager in Hert­ford­shire, berichtete er. „Ich kenne mich mit Karten aus“, sagte er.
„Seien Sie froh.“
„Ich beneide natürlich Sie alle, die an vorderster Front kämpfen.“
„Wirklich?“
Bridges senkte den Kopf. „Ich fühle mich verpflichtet, das zu sagen. Es ist doch feige, froh zu sein, dass man zu Hause hängen geblieben ist.“
„Blödsinn. Genießen Sie es.“
„Das sagt Louisa auch immer.“
„Louisa?“
„Meine Frau.“ Er zog ein Foto aus seiner Brieftasche, das Hochzeitsporträt einer Frau, die bis zum vollen Kinn hinauf in weißer Spitze steckte.
„Hübsche Frau“, sagte Devlin. „Gratuliere.“
„Sie ist nur leider zurzeit in Lancashire bei ihrer Mutter, weil sie ein Kind erwartet. Sonst wäre ich heute Abend mit ihr hier. Ich mag diese Lokale eigentlich nicht besonders, aber ich brauchte was zu trinken.“
Der Tanz ging zu Ende. Devlin sah, dass Camilla und de Grey sich trennten, murmelte eine Entschuldigung und stand auf. Die Kapelle stimmte „If You Were the Only Girl In the World“ an und schwelgte in schmalzigen Tönen, als Devlin Camilla zum Tanz aufforderte.
„Ich habe gleich gewusst, dass du ein guter Tänzer bist“, sagte sie nach den ersten Schritten und Drehungen. „So etwas merke ich immer. Victor hasst tanzen. Er kann ein uner­träg­licher Langweiler sein.“
Devlin fühlte ihren breiten, geraden Rücken mit seinen kräftigen Muskeln unter seiner Hand. Eine Haarlocke lag an ihrer Wange wie eine goldene Kräuselwelle auf weißem Sand. Seine Finger glitten vom Satin ihres Kleides ab, so wie sie in seinem Traum vom tangüberzogenen Felsen abgeglitten waren.
„Ich hatte den Eindruck, ihr stündet einander nahe.“
„Wirklich? Ich bezweifle, dass Victor irgendjemandem ­nahesteht. Er hat immer etwas Distanziertes an sich. Er gibt sich keine Mühe zu gefallen. Wie geht es deinem Freund in Derbyshire?“
„Leider ziemlich übel.“
„Wieso? Was ist mit ihm?“
„Er hat gleich am ersten Tag an der Somme beide Beine verloren.“
Er spürte, wie sie schauderte, und sagte: „Entschuldige, das war brutal von mir.“
„Man sollte meinen, ich hätte mich an diese Dinge gewöhnt. Schließlich arbeite ich in einem Krankenhaus. Aber man gewöhnt sich nie daran. Ich finde es nur immer grauenvoller.“
„Ich hatte ein schlechtes Gewissen, dass ich nicht über Nacht blieb. Seine Mutter hätte es gewünscht. Ich glaube, sie sind ziemlich einsam dort draußen. Aber ich wollte nur weg. Ich war froh, dass ich die Verabredung mit dir heute Abend als Entschuldigung vorschieben konnte.“
„Aha, ich bin also eine Entschuldigung?“ Ihr scherzhaftes Lächeln trübte sich. „Manchmal halte ich es kaum aus, diese Männer zu sehen. Wir sind eigentlich ein Genesungsheim, da kamen anfangs nur die erträglicheren Fälle zu uns. Aber jetzt schicken sie uns alles.“
„Hast du vor aufzuhören?“
„Ganz bestimmt nicht. Dann müsste ich ja wieder nach Hause. Devlin, ich versuche dir zu erklären, warum ich nicht besonders oft geschrieben habe. Ich hatte Angst, dir könnte etwas passieren. So viele Männer bitten mich, ihnen zu schreiben.“
Er spürte seinen Groll gegen diese unbekannten aufdringlichen Männer. „Und tust du es?“
„Nein. Die meisten vertröste ich. Du fängst an, jemanden zu mögen, und dann passiert etwas Entsetzliches. Die anderen Mädchen schreiben an Soldaten und warten ständig auf Post. Das könnte ich nicht. Ich hasse es, warten zu müssen.“
„Aber mir hast du geschrieben.“
„Es gibt immer Ausnahmen.“
„Und ich bin eine Ausnahme?“
„Ja.“ Sie lachte. „Soll ich dir schmeicheln und dir sagen, warum?“
„Wenn der Grund schmeichelhaft ist, ja.“
„Ich weiß nicht, ob du ihn für so schmeichelhaft halten wirst. Als wir uns das letzte Mal in Dartmouth begegnet sind, habe ich so etwas Wildes an dir gesehen. Wild und unberechenbar. Hinter einer zivilisierten Fassade. Die Reddaways sind berüchtigt, weißt du?“
Er zog sie an sich. „Für mich warst du die schönste Frau, die ich je gesehen hatte.“ Ihr Kopf passte gerade richtig unter sein Kinn, und er konnte das rasche Auf und Ab ihres Atems spüren. Der Tanz endete, es gab dünnen Applaus. Als sie zum Tisch zurückkehrten, sagte sie: „Wann fährst du nach Rosindell?“
„Morgen.“
„Fahr nicht.“ Einen Moment trafen sich ihre Blicke, dann setzte sie sich wieder an ihren Platz neben de Grey.
Eine Frau trat zur Kapelle auf die Bühne und begann „Roses of Picardy“ zu singen. Mrs. Sheridan schien endlich das ­Reden vergangen zu sein. Es war still am Tisch, bis Mrs. Crowther schließlich leise sagte: „Gott gebe, dass der Krieg dieses Jahr endet.“
„Er muss enden, das ist doch klar“, versetzte Mrs. Sheri-
dan.
„Warum?“, fragte ihr Mann und warf wieder ruckartig den Kopf zur Seite. „Warum muss er enden?“
„Er kann ja nicht ewig dauern.“
Sheridan strich mit der Hand über die Bügelfalte seiner Hose. „Und warum nicht? Wir sind in eine Grube gefallen und finden nicht mehr heraus.“
De Grey sagte: „Dieses Jahr, nächstes Jahr, früher oder später wird es einen Durchbruch geben. Es geht darum, den Feind zu zermürben.“
„Wir werden zermürbt“, entgegnete Sheridan. „Wir sind schon fast völlig zermürbt.“
„Kommen Sie, kommen Sie, da übertreiben Sie aber. Wir halten die Linien seit zwei Jahren. Früher oder später wird sich das Blatt wenden.“
„Der Grabenkrieg begünstigt immer die Armee, die sich verteidigt“, warf Crowther ein. „Sie müssen zugeben, dass Sheridan nicht ganz unrecht hat. Wir greifen sie an, sie drängen uns zurück, und nichts ändert sich.“
„Sie täuschen sich, mein Freund.“ Sheridans Hand bewegte sich immer schneller, als wollte er etwas wegwischen. Er stieß ein hohes, zittriges Gelächter aus. „Es ändert sich sehr wohl etwas. Jedes Mal krepieren ein paar Tausend Männer mehr. Das wird ewig so weitergehen, sag ich Ihnen, oder mindestens so lange, bis keiner von uns mehr übrig ist.“ Seine Stimme war schrill und schwankend geworden, und an den anderen Tischen drehten sich Köpfe.
„Ruhig, alter Junge, ruhig“, mahnte Crowther.
„Hier.“ Devlin schob Sheridan sein Glas hin.
„Komm, gehen wir nach Hause, Reggie“, sagte Mrs. Sheridan.
Ihr Gesicht war zusammengefallen wie eine verwelkte Blüte.
Die Sheridans gingen. Einige kleine Redescharmützel folgten auf ihren Abgang und versandeten. Die Stimme der Sängerin hatte einen harten Klang, und die Tanzfläche hatte sich geleert. Devlin war bedrückt von Sheridans heftigen Worten, umso mehr, als er mit allem übereinstimmte, was der Mann gesagt hatte.
„Es ist spät“, sagte Camilla. „Kommst du, Edna?“
Devlin erbot sich, die zwei jungen Frauen nach Hause zu bringen.
„Es liegt auf meinem Weg, ich mache das schon“, sagte de Grey.
„Nein danke, Victor.“ Camilla zog ihre Pelzstola zurecht. „Hauptmann Reddaway wird es sicher schaffen, uns ein Taxi zu besorgen.“
Auf der kurzen Taxifahrt saß Camilla zwischen Devlin und Edna Clare. Draußen zogen die abgedunkelten Lichter der Straßenlaternen vorüber, während die beiden Frauen über ihre Arbeit redeten. Devlin spürte eine tiefe Erregung. Ab und zu streifte Camillas Schulter die seine. Es würde etwas geschehen. Er wusste, dass er die Dinge nur anzustoßen brauchte.
Vor dem Haus am Belgrave Square bedankte sich Edna Clare für seine Begleitung.
„Geh schon voraus, Edna.“ Camilla sah ihre Freundin lächelnd an. „Ich komme gleich nach.“
Sobald Edna Clare außer Hörweite war, sagte Devlin: „Ich muss dich wiedersehen.“
„Ich dachte, du wolltest nach Rosindell fahren.“
„Das kann warten. Allein, Camilla. Nicht mit den anderen zusammen. Geht das?“
„Ja“, antwortete sie leise.
„Kennst du die Long Bar im Criterion? Dort warte ich morgen Abend auf dich.“
Ihre warmen, samtig weichen Lippen streiften seine Wange, dann war sie fort.
Während Devlin am folgenden Abend in der messingglänzenden Pracht der Long Bar wartete, beobachtete er mit beiläufigem Interesse einen Major der Infanterie, der sich über die französischen Eisenbahnen erregte, und eine Clique dicker grauhaariger Männer im Abendanzug.
Im metallischen Glanz des Lichts, das sich in den Wänden spiegelte, sah er sie im Türrahmen stehen wie ein Bildnis. Die weiße Pelzstola hob sich von einem schwarzen Kleid ab, das am Hals mit Spitze besetzt und in der Taille mit zwei cremefarbenen Rosen geschmückt war. Eine dritte Rose zierte das helle, hoch im Nacken aufgesteckte Haar.
„Du siehst hinreißend aus“, sagte er.
„Ich komme mir eher billig vor. Künstliche Blumen …“
„Ich habe sie für echt gehalten.“
„Wirklich? Wie lieb von dir. Aber sie sind leider nur aus Seide. In der ganzen Stadt sind keine Gewächshausblumen aufzutreiben, weder für Geld noch gute Worte.“ Sie strich mit den Fingern über ihre Pelzstola. „Wir sollten uns ja eigentlich in Kriegszeiten eher bescheiden kleiden, nicht? Aber ich musste mich einfach schön machen.“
„Danke, dass du gekommen bist, Camilla.“
„Du brauchst mir nicht zu danken.“ Ihr Gesichtsausdruck war lebhaft und zugleich spöttisch. „Ich tue immer nur das, was mir Spaß macht. Es macht mir Spaß, dich zu sehen, Devlin, das ist alles.“
„Ich habe uns im Restaurant einen Tisch bestellt“, sagte Devlin. „Ich war nicht sicher, wie lange du bleiben kannst.“
„Ich bleibe, solange ich will. Lady Clare beobachtet mich auf Schritt und Tritt mit Argusaugen. Ich glaube, sie ist nicht begeistert von mir. Ich habe versucht, dich als alten Freund der Familie auszugeben, nur sehen alte Familienfreunde leider selten so gut aus. Aber da ich zuverlässig bin und hart arbeite, duldet sie mich. Ich muss mich gut mit ihr stellen, sonst schickt sie mich postwendend nach Hause.“
„Und das möchtest du nicht?“
„Ganz sicher nicht.“
„Warst du denn nicht glücklich zu Hause?“
„Devlin! Du etwa?“
„Eigentlich schon.“
„Du meinst, wenn du nicht gerade mit deinem Vater Streit hattest. Worüber habt ihr eigentlich gestritten?“
„Meistens ging es um das Haus. Meinen Vater scheint es überhaupt nicht zu stören, dass es langsam, aber sicher ins Meer bröckelt.“
„Und du willst keine romantische Ruine erben?“
„Nein, nicht unbedingt. Wie bist du denn Lady Clares Argusaugen entkommen?“
Camilla machte ein leidendes Gesicht. „Ich habe eine schreckliche Migräne und liege zu Bett. Sehe ich sehr unwohl aus, Darling?“
„Du siehst aus wie das blühende Leben. Wie immer. Und du hast keine Angst, dass deine Freundin nach dir sieht?“
„Edna? Doch, sie wird natürlich versuchen, mich zu betun. Sie kann in der Beziehung ziemlich lästig sein.“
„Aber es ist doch nett von ihr, sich zu kümmern.“
„Vielleicht, aber manchmal, wie jetzt zum Beispiel, ist es lästig. Aber Jane Fox wird sie schon abwimmeln.“
„Jane Fox?“
„Sie ist mit mir hierhergekommen. Sie macht mir die Haare und pflegt meine Kleider, wenn sie nicht gerade als Helferin auf der Station schuftet. Sie ist ein sehr nettes Mädchen, sehr geschickt, und sie tut alles, worum ich sie bitte. Du kennst sie doch, oder nicht?“
„Flüchtig.“ Janes ältere Schwester Sarah war Hausmädchen in Rosindell. Auch Jane hatte vor ein paar Jahren kurz dort gearbeitet. Devlin erinnerte sich an ein junges Mädchen mit magerem Gesicht und fuchsrotem Haar, das zu ihrem Nachnamen passte.
„Wie war dein Tag?“, fragte er.
„Ziemlich übel. Ich habe verschlafen, und die Clare hat mich fürchterlich abgekanzelt. Sie hat eine Art, jeden wie ­einen Dienstboten zu behandeln. Ich freue mich schon auf den Tag, wenn ich der dummen Kuh sagen kann, was ich von ihr halte.“ Camilla warf ihm einen schnellen Blick zu. „Das hätte ich nicht sagen sollen. Was wirst du von mir den-
ken?“
„Dass du müde bist und zu viel arbeitest.“
„Heute Morgen sind mehr als zehn neue Patienten gekommen. Es ist immer so eine Hetzerei, wenn so viele auf einmal ankommen, und einige von ihnen waren in furchtbarer Verfassung.“ Sie verzog den Mund. „Wenn ich das hinter mir habe, tu ich nie wieder etwas, was mir so viel abverlangt. Dann werde ich nur noch das Leben genießen.“
„Gute Idee.“
„Das stört dich nicht?“
„Überhaupt nicht. Mach dir das Leben so schön, wie du magst.“
„Genau das habe ich vor. Ich werde auf Feste gehen. Ich kaufe mir ein Automobil und sause darin herum wie der Teufel.“
Während sie sprach, hing sein Blick bewundernd an ihrem schönen Gesicht, dem langen schlanken Hals, den tiefblauen Augen, in denen ein Funke Spott glitzerte.
„Und du, Devlin?“, fragte sie. „Was hast du vor, wenn der Krieg vorbei ist?“
Es war nicht vorstellbar, nicht wert, darüber nachzudenken, jeder Gedanke daran wäre eine Versuchung des Schicksals, doch er sagte zu seiner eigenen Überraschung: „Ich gehe nach Hause und gehe nie wieder weg.“
„Das ist das, was du dir am meisten wünschst? Auf der ganzen Welt?“
„Es ist eins der Dinge, die ich mir am meisten wünsche.“
„Was noch?“
„Dich. Ich wünsche mir dich, Camilla.“
„Sie sind sehr direkt, Hauptmann Reddaway.“
„Ich habe wenig Zeit“, erwiderte er kurz. „Das musst du begreifen.“
Der Kellner kam, um ihnen zu melden, dass ihr Tisch bereit sei.
Sie habe einen wahren Bärenhunger, sagte Camilla, als sie aufstanden und zum Restaurant gingen. Dann lachte sie laut und ungehemmt, und alle drehten sich nach ihr um.
„Du musst entschuldigen“, sagte sie, „aber ich kann diesen Quatsch nicht mitmachen. Immer so zu tun, als äße ich wie ein Vögelchen. Ich wette, diese Frauen schleichen nachts in die Speisekammer und stopfen sich bis obenhin voll.“
Beim Essen im Criterion hatte man das Gefühl, in einem Schmuckkasten eingeschlossen zu sein. Das Gold, die Spiegel und die Mosaiken schienen eine passende Umrahmung für Camilla, die selbst wie ein Edelstein schimmerte und glänzte. Als das Essen auf dem Tisch stand, beugte sie sich zu Devlin, als wollte sie ihm ein Geheimnis anvertrauen.
„Jane Fox hat mir erzählt, dass sie in Rosindell ein Gespenst gesehen hat.“
„Jane war noch ein halbes Kind, als sie zu uns kam. Ein Kind mit einer blühenden Phantasie offensichtlich.“
„Also keine Nonnen ohne Kopf?“
„Leider nein.“
„Du enttäuschst mich, Devlin. Wenn du mir schon keine Geistergeschichten erzählen kannst, musst du dir etwas anderes einfallen lassen, um mich zu unterhalten. Sonst verzeihe ich dir nicht.“
„Wirklich nicht?“ Er sah ihr tief in die Augen.
„Du weißt doch, ich verzeihe nicht so leicht.“
„Dann werde ich mir große Mühe geben. Rosindell ist ein altes Haus. Alte Häuser haben immer ihre Geschichten. Die Leute aus den Städten und Dörfern sind die Abgeschiedenheit nicht gewöhnt und lassen ihrer Phantasie freien Lauf. Die Balken knarren und ächzen im Wind, und sie meinen vielleicht, Schritte zu hören. Oder eine Lampe wirft einen Schatten, und sie glauben … Ach, du weißt schon, was sie alles glauben. Jeden möglichen Blödsinn.“
„Beschreib es mir doch mal. Ich bin ein-, zweimal mit dem Boot in der Bucht gewesen, aber das Haus konnte ich nicht sehen.“
„Nein, vom Meer aus sieht man es nicht. Es liegt versteckt in einem Tal, das zu den Klippen führt. Von der Architektur her ist es ein ziemliches Durcheinander, aber für mich ist es vollkommen.“ Er sah das Haus vor sich, einsam und von Stürmen umtost, der Herrensitz der Reddaways.
„Wenn ich dich höre, schäme ich mich fast dafür, dass ich dich überredet habe, in London zu bleiben anstatt nach Hause zu fahren.“
Er nahm ihre Hand. „Ich weiß, was ich will, Camilla.“
„Ja, das kann ich mir vorstellen. Und ich nehme an, meistens bekommst du es auch. Du bist ein Mann, und die Welt wird von Männern beherrscht.“ Ihr Ton war bitter geworden.
„Das mag wahr sein, aber Frauen verfügen über ihre eigene Macht.“
„Und vor der habt ihr so große Angst, dass ihr uns mit Regeln und Vorschriften fesselt, sodass wir sie kaum ausüben können. Soll ich dir mal sagen, wann ich am glücklichsten war? Ich kann mich genau an den Moment erinnern. Ich war auf der Jacht von Freunden, und es blies ein so starker Wind, dass wir nur so über die Wellen geflogen sind. Es war großartig und wunderbar. Aber jedes Mal musste ich bei meiner Mutter bitten und betteln, dass ich überhaupt zum Segeln durfte. Und immer musste irgendein langweiliger alter Verwandter oder Familienfreund mitkommen. Wenn sich niemand gefunden hat, musste ich mit meiner Schwester zu Hause hocken.“ Erstaunt bemerkte Devlin einen Anflug von Furcht in Camillas Augen. „Manchmal“, schloss sie mit ­einem kurzen Auflachen, „habe ich Angst, ich ende mal mutterseelenallein in einem elenden kleinen Zimmer in Bays­water.“
„Das glaube ich kaum. Soll ich deutlicher werden?“
„Bitte, ja.“
„Camilla, ich glaube – ich weiß –, dass ich dich liebe.“
Ihre Lippen öffneten sich ein wenig. Sie sagte nichts, nickte nur ganz leicht.
Um elf brachte er sie zurück zum Belgrave Square. Ihre Haut schimmerte wie Perlenglanz im Mondlicht, und ihr Haar war ein Gespinst aus Reiffäden.
Vor dem Haus pfiff Camilla einmal leise. In einem der oberen Fenster bewegten sich die Vorhänge, dann erschien, blass wie der Mond zwischen den Wolken, ein Gesicht hinter den Scheiben. Devlin schlang den Arm um Camillas Taille, ihre Lippen fanden sich, und sie küssten sich lange. Dann wurde eine Seitentür geöffnet, und Camilla huschte ins Haus.
Den ganzen nächsten Morgen suchte er nach Blumen für sie. Was sie gesagt hatte, stimmte, es gab nirgends welche. Doch er gab nicht auf und lief durch ganz London, bis er vor dem Waterloo-Bahnhof auf ein junges Mädchen traf, das gerade aus Hampshire angekommen war und einen Korb voll Schneeglöckchen am Arm trug.
Von der Waterloo-Brücke aus schaute er den Schiffen zu, die sich auf der Themse drängten. Ein halbes Dutzend Kohlenkähne glitt wie an einer Kette aufgefädelt unter den Steinbögen hindurch, und vom Wasser stieg der Geruch nach Salz und faulender Vegetation auf. Plötzliches Heimweh nach dem tieferen Grün eines anderen, vertrauteren Flusses ergriff ihn und schien ihn fort aus der Stadt nach Devon und zum Dart zu tragen und von dort in die Einsamkeit der Land­spitze, auf der Rosindell stand. Das Donnern des Verkehrs wich dem Donnern der Wellen in der Bucht und dem Pfeifen des Windes über Felsen und Tal. Der Geruch der Abgase verwandelte sich in die Düfte von brennendem Holz, Meersalz und
Rosen.
Mittags traf er sich mit Camilla. Sie senkte das Gesicht in die Schneeglöckchen und schloss die Augen. In einem Café aßen sie etwas zu Mittag, eine kurze halbe Stunde, bevor sie zur Arbeit zurückmusste. Als er sich von ihr trennte, drückte Erschöpfung ihn nieder wie eine erstickende Decke, und auf dem Weg zum Marble Arch hatte er das Gefühl, mit den Menschenmengen kämpfen zu müssen, um vorwärtszukommen.
In der Wohnung legte er sich aufs Sofa und schlief ein, ohne auch nur die Senkel seiner Stiefel geöffnet zu haben.
Er war einer in einer langen Kette von Männern, die auf ­einem Bohlenweg durch Niemandsland marschierten. Schneeglöckchen blühten im Morast, ein ganzes großes Feld. Nebel fiel und verbarg die Männer seiner Einheit, und als die Schwaden sich lichteten, sah er, dass er allein war, allein auf der Straße nach Rosindell. Er marschierte weiter, die schmale Straße zwischen den hohen Hecken hinauf. Die Sonne glänzte durch Nebelfetzen, und Licht lag auf den umgepflügten Furchen der Felder. Ein helles Stück Himmel zeigte ihm, wo das Meer war, über dem Hügel im Süden. Doch als er die Anhöhe erreichte und hinunterschaute in die Senke, wo das Haus hätte sein müssen, war da nichts.
Er erwachte und sah auf seine Armbanduhr. Er hatte drei Stunden geschlafen. In Gedanken kehrte er noch einmal nach Rosindell zurück; nicht zu dem verschwundenen Rosindell seines Traums, sondern zu dem lebendigen Haus, vertraut und doch geheimnisvoll, versteckt in jenem entlegenen Winkel Devons. So klar und deutlich wie auf einem Bild in einem Buch sah er, was er tun wollte, um es zu einem angemessenen Heim für Camilla zu machen.
Am Abend, beim Essen, erzählte er ihr von seinen Plänen. Er würde die dicht um das Haus gruppierten alten Scheunen und Stallgebäude abreißen und auf dem frei gewordenen Grund rund um das alte Haus ein neues Rosindell bauen. Es sollte ein moderner Bau werden mit geräumigen Zimmern und großen Fenstern, die zum schmalen Tal hinunterblickten, in dem seine Mutter einen Garten gepflanzt hatte.
Später, auf dem Rückweg zum Belgrave Square, zog er sie in den Schutz einer Tornische und küsste sie. Sie schien in seinen Armen zu schmelzen und schmiegte sich so drängend an ihn, dass er die Rundung ihres Busens und ihre leicht vorspringenden Hüftknochen spüren konnte. Hör jetzt nicht auf, murmelte sie, als er die Hand unter den weichen Pelz ihrer Stola schob und die Fingerspitzen über den harten Grat ihres Schlüsselbeins in die weiche Grube an ihrem Hals gleiten ließ. Mit geschlossenen Augen warf sie den Kopf zurück und öffnete die Lippen, als sie seine Hand auf ihrer Haut spürte. Sein Mund fand die glatte, blasse Schwellung ihrer Brust, seine Hand umspannte den Bogen ihrer Hüfte. Er spürte ihr Drängen und hörte ihre hastigen Atemstöße, als sie ihm leidenschaftlich und fordernd entgegenkam.
Ein älteres Paar, das sich laut über den Preis seines Hotels beschwerte, kam auf dem Gehweg auf sie zu. Camilla richtete ihre Kleider, und sie gingen weiter. Vor dem Haus der Clares pfiff sie wie am Abend zuvor. Wieder erschien das mondbleiche Gesicht am Fenster, die Seitentür wurde geöffnet, und Camilla huschte ins Haus.
Am Morgen seines letzten Tages in London suchte Devlin seine Bank auf und kaufte dann im Army & Navy Store alles ein, was er brauchte. Am Nachmittag packte er. Ohne seine Sachen wurde die Wohnung wieder zu dem, was sie bei seiner Ankunft vor einer Woche gewesen war, ein Rastplatz für Durchreisende.
Die Minuten bis zum Wiedersehen mit ihr zogen sich hin und schienen doch angesichts der bevorstehenden Trennung zu fliegen. Devlin, der sich nach jedem Zusammensein mit ihr schwindlig vor Glück fühlte und wie berauscht von ihrer Schönheit und ihrem Glanz, konnte die Vorstellung nicht ertragen, dass er sie nun Monate oder vielleicht sogar Jahre nicht mehr sehen würde. Den Gedanken, dass er sie vielleicht niemals wiedersehen würde, ließ er gar nicht erst zu.
Er schulterte seinen Seesack, schlug die Wohnungstür hinter sich zu und übergab den Schlüssel dem Portier. Sein Zug fuhr um fünf Uhr vom Victoria-Bahnhof. Zu Fuß ging er noch einmal zum Belgrave Square. Die Rasenflächen und Bäume des Hyde Park waren ihm jetzt vertraut, und die Herrenhäuser, an denen er vorüberkam, erschienen ihm wie alte Bekannte. Die Zeit rann ihm wie Sand durch die Finger.
Sie hatten vereinbart, dass er auf der anderen Seite des Platzes auf sie warten würde. Sie hatte an diesem Nachmittag Dienst, wollte jedoch auf einen Sprung herauskommen, um sich von ihm zu verabschieden.
Er stellte sich an eine Ecke des Geländers rund um die Grünanlage in der Mitte des Platzes, von wo er die Haustür sehen konnte. Es war vier Uhr, und während er wartete, fielen die ersten Schneeflocken, golden angehaucht vom matten Schein der Straßenlaternen.
Er sah auf die Uhr. Es war inzwischen Viertel nach vier geworden. Der Schnee fiel jetzt dichter und überzuckerte die Spitzen der Geländer und die Äste der Bäume. Als die Haustür drüben geöffnet wurde, blickte Devlin gespannt hinüber. Doch es war nicht Camilla, die herauskam; die Frau, die die Treppe hinunterstieg, war kleiner und fülliger als sie. Eine tiefe Enttäuschung erfasste ihn, die Vorahnung weit schlimmeren Schmerzes.
Halb fünf. Er lief zum Haus hinüber und klopfte. Das Hausmädchen öffnete.
„Kann ich einen Moment mit Miss Langdon sprechen?“
Während er im Foyer wartete, betrachtete er die Ölgemälde an den Wänden und sah dann hinunter auf die Pfützen, die seine nassen Schuhe auf den schwarz-weißen Fliesen hinterließen.
Schritte. Sein Herz tat einen Sprung. Doch es war Edna Clare, nicht Camilla.
„Hauptmann Reddaway, es tut mir so leid, aber Camilla ist im Augenblick leider unabkömmlich.“
„Fünf Minuten“, sagte er. „Ich muss ihr doch Auf Wiedersehen sagen.“
Edna Clare strich sich mit einer Hand über die Schürze. Zum ersten Mal bemerkte er die roten Flecken auf dem weißen Stoff. „Es sind gerade noch einmal zehn Patienten eingeliefert worden.“ Ihr Ton war freundlich. „Wir haben wirklich alle Hände voll zu tun.“
„Ja, natürlich“, sagte er. „Entschuldigen Sie, dass ich gestört habe, Miss Clare.“
„Ich sage ihr, dass Sie hier waren. Alles Gute, Hauptmann Reddaway, Gott schütze Sie.“
Er ging. An der Ecke des Platzes blickte er noch einmal zurück, doch im dichten Schneefall und der Dunkelheit war das Haus schon nicht mehr zu erkennen. Als er sich im Victoria-Bahnhof durch die Menge drängte, sah er immer wieder zum Eingang hin. Menschen eilten hinaus und hinein, und er verwünschte jeden von ihnen dafür, dass er nicht Camilla war.
Auf dem Bahnsteig verabschiedeten sich Soldaten von ihren Frauen und Müttern. Einer lehnte rauchend an der offenen Wagentür; ein anderer schrie seinem Kameraden zu, er solle sich beeilen. Türen wurden knallend zugeschlagen. Draußen vor dem Bahnhof wirbelten Schneewolken im ockergelben Licht über den Gleisen.
In dem ganzen Getöse hörte er plötzlich jemanden seinen Namen rufen, und als er sich hastig umdrehte, erkannte er Camilla. Mit Gewalt bahnte er sich einen Weg zu der weißen Schwesternhaube, die im Rhythmus ihres Laufs auf- und niederwippte.
Sie warf sich in seine Arme. „Es tut mir so leid – ich konnte nicht weg – Edna hat mir gesagt, dass du da warst.“
„Es spielt keine Rolle.“ Er küsste sie, drückte sie an sich, atmete ihr Parfüm, versuchte, sich die Weichheit ihrer Haut einzuprägen, die Haltung ihres Körpers, stark und gerade wie eine Birke. „Nichts spielt eine Rolle, außer dass du hier bist.“
„Ich hatte Angst, du wärst vielleicht schon im Zug und ich könnte dich nicht finden. Ich hatte Angst, du hättest nicht gewartet.“ Sie lachte und weinte zu gleicher Zeit.
„Ich würde ewig auf dich warten. Wirst du auch auf mich warten?“ Er blickte voller Liebe zu ihr hinunter. „Camilla, willst du mich heiraten?“
Ihre Lippen öffneten sich; sie sagte etwas, doch der schrille Pfiff des Schaffners übertönte ihre Stimme. Dampfwolken schossen aus dem Schornstein der Lokomotive.
„Heirate mich, Camilla“, sagte er heftig. „Heirate mich, und ich baue ein neues Rosindell für dich. Ich erwecke das Haus für dich wieder zum Leben.“
„Ja“, murmelte sie.
Als der Zug sich in Bewegung setzte, wurde die Tür des nächsten Wagens aufgerissen, und jemand rief laut: „Steigen Sie ein, Sir.“
Camilla trat einen Schritt zurück, und Devlin schwang sich in den Wagen. Der Zug fuhr schneller, und er beugte sich weit aus dem Fenster, die Hand zum Gruß erhoben, den Blick unverwandt auf sie gerichtet, bis die verschwommene Gestalt in Blau und Weiß mit der Menge verschmolz.

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