Judith Lennox | Neuerscheinung
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20 Jahre Judith Lennox

»Judith Lennox weiß, wie man Leser glücklich macht.« FÜR SIE

Eine Autorin, die über zwanzig Jahre Bestseller schreibt, ist heute mehr denn je ein absoluter Schatz.

In unserem Interview mit der deutschen Lektorin Bettina Feldweg, die die Autorin seit ihrem erstem Bestseller »Das Winterhaus« betreut, erklärt sie, was das Besondere an den Büchern der englischen Autorin ist und was dieses Jubiläum für sie beide bedeutet. Lesen Sie hier weiter!

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Der neue Roman der ungekrönten Königin des großen englischen Gesellschaftsromans

Zwei Schwestern wie Tag und Nacht und ein schreckliches Geheimnis

Surrey 1970: Rose Martineau führt mit ihrem Mann und ihren beiden Töchtern ein beschauliches Leben. Doch die Idylle wird durch zwei unerwartete Ereignisse jäh bedroht. Zum einen erbt sie ein Haus in den dichten Wäldern von Sussex, das eine eigenartige Aura umgibt. Ursprünglich hatte es der bislang unbekannten Schwester ihrer Großmutter, Sadie, gehört, einer begabten Künstlerin, die eines Tages spurlos verschwand. Zum anderen bringt ein Presseskandal Roses Bilderbuchehe ins Wanken. Rose stürzt sich immer tiefer in die Nachforschungen über Sadie. Wer war diese Frau, warum wurde sie totgeschwiegen? Schließlich geht sie dem düsteren Geheimnis auf den Grund – und muss erkennen, dass alles, was bisher sicher schien, infrage steht.

Das Haus der MalerinDas Haus der Malerin

Roman

Surrey, 1970: Rose Martineau führt mit ihrem Mann und ihren zwei Töchtern in Walton-on-Thames ein beschauliches Leben. Doch die Idylle wird durch zwei unerwartete Ereignisse jäh bedroht. Zum einen erbt sie ein Haus in den dichten Wäldern von Sussex, das ursprünglich ihrer bislang vollkommen unbekannten Großtante Sadie gehört hatte – einer Künstlerin, die eines Tages spurlos verschwand. Wer war diese Frau, und warum wurde nie von ihr erzählt?Zum anderen bringt ein Medienskandal Roses Bilderbuchehe ins Wanken. Rose stürzt sich in Nachforschungen über Sadie und geht nach und nach einem düsteren Familiengeheimnis auf den Grund. Beflügelt durch die Erkenntnisse um die starke Persönlichkeit ihrer Großtante, wagt auch sie schließlich einen Neuanfang …
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Prolog

Sussex, Dezember 1928

Sie stiegen aus dem Auto, einem viersitzigen Austin 12. Die Luft roch würzig nach feuchter Erde und faulendem Laub, zudem nach etwas Fleischigem, Bitterem. Edith stellte sich Sporen vor, die von den schwammigen gelben Pilzen an den Baumstämmen über die Straße schwebten. Es war kälter als in London, kälter sogar als in Nutcombe, unten im Tal, wo sie angehalten hatten, um im Dorfladen Pfefferminzbonbons zu kaufen. Sie zog ihren Pelzkragen höher.

»Heiliger Bimbam«, sagte Cyril, als er das Haus sah.

»Gefällt es dir?«

»Ich weiß nicht recht«, meinte er. »Es ist ziemlich überwältigend.« Er trat ein paar Schritte zurück und schob seine Brille hoch. »Oder doch, ich glaube, ja.« Er gab ihr einen Kuss. »Ich glaube, ich werde begeistert sein.«

»Ich wusste es.« Edith war wie beschwipst von der Freiheit: ein Tag ohne Haushalt, ein Tag mit den zwei Männern, die ihr die liebsten waren, in diesem schönen, lichterfüllten Haus.

Sie hatte gewusst, dass Gull’s Wing Cyril gefallen würde. Wie sollte es auch anders sein: Das Märchenschloss aus Glas, Holz und Stein stand am Höhenweg, der den Grat entlangführte. Die kluge, ordnende Hand ihres Vaters verriet sich in der scheinbaren Einfachheit des Baus, der so leicht hingesetzt schien, als könnte ihn ein Windstoß von der Höhe fegen. Die Fassade entlang, dem Anschein nach beinahe zu fragil, um das überhängende Dach zu tragen, reihten sich Säulen, schlank wie die hohen, hageren Nadelbäume des Paley High Wood auf der gegenüberliegenden Straßenseite. Die blassgraue Holzverschalung leuchtete in der Wintersonne und ließ an die Segel eines Schiffs denken – oder die Schwingen eines Meeresvogels.

Cyril hatte den Wagen hinter dem Bentley von Ediths Vater abgestellt. Sie sagte: »Daddy muss im Haus sein.«

Die Tür war angelehnt. Cyril stieß sie auf. »Mr. Lawless?«, rief er. »Edward? Wir sind da.«

Edith hörte Stimmen aus dem oberen Stockwerk. »Ich wusste gar nicht, dass Mama auch kommt«, sagte sie, und auf dem Weg nach oben erklärte sie Cyril: »Daddy hat das Wohnzimmer in den ersten Stock gelegt, damit man die Aussicht genießen kann. Die Küche und die Spülküche und dergleichen, das ist alles im Parterre.«

Als sie durch die breite Flügeltür traten, fiel Ediths erster Blick auf ihren lächelnden Vater, der ihr mit seinem vertraut schiefen Gang entgegenkam, die Folge eines Fahrradunfalls vor dem Krieg in Berlin.

Dann sah sie Sadie am Fenster stehen, und ihre Freude versickerte wie Wasser aus einem Becken, in dem man den Stöpsel gezogen hat. Sie hatte nicht erwartet, ihre Schwester hier zu treffen: Sadie, die, hübsch und lebhaft, wie sie war, alle überstrahlen und die ganze Aufmerksamkeit ihres Vaters für sich in Anspruch nehmen würde. Sadie, die ihr alles verderben würde.

Cyril legte den Arm um sie, um ihr zu zeigen, dass er verstand, was in ihr vorging. »Ein atemberaubendes Haus, Edward«, sagte er zu ihrem Vater. »Da kann man nur gratulieren.« Aber Edith gelang es nicht, ihre Mimik zu beherrschen und Groll und Enttäuschung zu verbergen.

Ihr Vater hatte sie nach Sussex eingeladen, um ihr das fertige Haus zu zeigen, und sie war an diesem Tag in der Erwartung nach Gull’s Wing gefahren, ihn ganz für sich zu haben. Und nun war Sadie da. Sie wusste, dass sie sich selbst den Tag verderben und ihr Vater sich von ihrer Einsilbigkeit abwenden würde, um sich stattdessen mit Sadie zu unterhalten. Was er vielleicht ohnehin getan hätte. Ihm und Sadie fiel das Reden so leicht. Mit einer Wendigkeit, die Edith fehlte, wechselten die beiden vom oberflächlichen Geplauder zum tiefgründigen Gespräch und zurück. Sie selbst war zu bemüht und wirkte in ihrer krampfhaften Suche nach der klugen oder geistreichen Bemerkung, die seinen Beifall finden würde, oftmals langsam und schwerfällig.

Sie verharrte den Rest des Tages in ihrer vorwurfsvollen Haltung, und als sie um fünf zur Rückfahrt nach London aufbrachen, verabschiedete sie sich kühl und mit pflichtschuldigem Kuss von ihrem Vater, ohne zu ahnen, dass es ihre letzte Begegnung sein würde. Wenig später reisten ihre Eltern nach Frankreich, und man sah sich über Weihnachten nicht. Drei Wochen später verunglückte das Flugzeug, in dem Edward und Victoire Lawless von Le Touquet aus nach Sussex zurückflogen, in einem Schneesturm vor der Küste. Die Zeitungen brachten Nachrufe, und das Telefon läutete unablässig, als Freunde und Kollegen anriefen, um ihr Beileid zu bekunden. Eben noch waren sie da gewesen, nun waren sie fort, ausgelöscht vom wirbelnden Weiß.

Ihre Tränen flossen unaufhörlich, und als sie schluchzend zu Cyril sagte, dass ihr Vater nun niemals mehr stolz auf sie sein würde, schüttelte er den Kopf. »Er war stolz auf dich, Liebling. Ich weiß es. Ich habe es gesehen.« Seine Worte trösteten sie ein wenig, aber später, nach der Eröffnung des Testaments, entdeckte sie, dass Cyril, der klügste Mensch, den sie kannte, der Mann, der sich kaum je irrte, in diesem Fall doch geirrt hatte. Sie liebte die zwei Häuser, die ihr Vater in Sussex gebaut hatte, The Egg und The Gull’s Wing, doch er hatte sie beide Sadie hinterlassen. Wenn er ihr Gull’s Wing vermacht hätte und das kleinere The Egg Sadie, wäre das gerecht gewesen, da Sadie die Jüngere war; aber selbst wenn er ihr nur The Egg vererbt hätte, hätte sie gewusst, dass er ihrer gedacht – dass er sie geliebt hatte.

Im ersten Moment des Schocks wurde ihr übel – dann packte sie die Wut. Sie schrie Cyril an, dass sie das Testament anfechten werde, worauf er ihr behutsam erklärte, dass ein solches Vorgehen sinnlos sei. Das Testament war formgerecht abgefasst und bezeugt. Edward Lawless hatte weder unter einer Einschränkung seiner geistigen Fähigkeiten gelitten noch unter unzulässiger Beeinflussung gestanden.

Edith gab Sadie die Schuld. Erst viel, viel später erkannte sie, dass sie ihrem Vater die Schuld hätte geben sollen.

»Sadie ist nicht verheiratet«, argumentierte Cyril, bemüht, vernünftig mit ihr zu reden. »Es besteht kaum Aussicht, dass sie je heiraten wird. Deshalb hat dein Vater ihr die Häuser hinterlassen, zu ihrer Sicherheit.«

Edith entgegnete bitter, Sadie sei selbst schuld an ihrer Situation. Welcher Mann wolle schon eine Frau heiraten, die sich wie eine Zigeunerin kleidete und eigensinnig darauf bestand, sich ihren Lebensunterhalt selbst zu verdienen? Eine Frau, die fluchte und in der Öffentlichkeit rauchte?

»Edith, Edith«, flehte Cyril, »du darfst Sadie nicht hassen. Damit tust du dir nur selbst weh.«

Und genauso war es gekommen. Sie ließ ihre Schwester ganz einfach aus ihrem Leben gleiten. Sadie, die Glanz in jedes Zimmer brachte, die glitzernd und sprunghaft war wie ein Waldbach, die temperamentvoll und spritzig sein konnte, aber auch schweigsam und in sich gekehrt. Seit dem Tag ihrer Geburt hatte Sadie bei ihrer älteren Schwester derart widerstreitende und schwer zu entwirrende Gefühle hervorgerufen, dass diese am Ende zornig und erschöpft die Flucht angetreten hatte.


1


Surrey, Mai 1970

Edith Fullers Freunde und Bridgepartner standen mit steifen Gliedern vom Tisch auf, um sich die Beine zu vertreten und noch etwas miteinander zu plaudern, als das Trauermahl zu Ende ging.

Robert Martineau legte seiner Frau den Arm um die Schultern. »Wie fühlst du dich?«

»Es geht schon«, antwortete Rose. »Aber Großmutter wird mir fehlen.« Sie sah lächelnd zu ihm auf. »Unsere gemeinsamen Mittagessen: Curry und rosa Pudding.«

»Ich weiß, Liebes.« Robert sah auf seine Uhr. »Ich muss los.«

»Ich dachte, du wolltest dir den Nachmittag freinehmen?«

»Zu viel Arbeit. Leider. Wir sehen uns später.« Robert gab ihr noch einen Kuss, dann ging er.

»Rose.«

Sie drehte sich um, als sie die Stimme ihres Vaters hörte. »Hat Katherine das nicht schön gemacht, Dad?« Ihre sechsjährige Tochter Katherine hatte am Morgen bei der Trauerfeier Rudyard Kiplings Gedicht If – vorgelesen.

»Ich hatte feuchte Augen. Ich geb’s zu.« Giles Cabourne öffnete die Saaltür. »Ich muss etwas mit dir besprechen, Rose. Wollen wir einen Moment hier rausgehen, wo es ruhiger ist?«

Nachdem sie sich vergewissert hatte, dass Katherine und ihre kleine Schwester, die vierjährige Eve, sich bestens mit einer alten Freundin der Familie unterhielten, folgte sie ihrem Vater in den Korridor.

»Deine Großmutter hat mich zu einem ihrer Testamentsvollstrecker bestellt«, sagte Giles. »Abgesehen von einigen kleineren Vermächtnissen hat sie alles dir hinterlassen, Rose.«

»Oh, Dad.« Sie drückte die Hand auf den Mund.

»Es ist kein Vermögen, aber immerhin einiges an Geld, und ihre Wohnung, natürlich.«

»Ich hatte keine Ahnung. Damit habe ich überhaupt nicht gerechnet.« Aber wem sonst hätte ihre Großmutter ihre Habe hinterlassen sollen? Edith Fuller war Witwe gewesen und hatte nur eine Tochter gehabt, Louisa, Roses Mutter, die vor neun Jahren gestorben war. Und Rose war selbst ein Einzelkind.

Ihr Vater sagte: »Und es ist noch ein Haus in Sussex da.«

Rose und ihr Vater drückten sich an die Wand, um eine Bedienung in schwarzem Kleid und weißem Rüschenschürzchen vorbeizulassen, die ein Tablett voller Gläser trug.

»Ein Haus?«, wiederholte Rose erstaunt. »Was für ein Haus, Dad?«

Giles strich sich mit einer Hand über das gelichtete graue Haar. »Ich erinnere mich vage, mal davon gehört zu haben. Es ist Jahre her. Ich hatte es, ehrlich gesagt, komplett vergessen.«

»Ein Haus …«

»Irgendwo in der Pampa. Keine Ahnung, in was für einem Zustand es sich befindet. Ediths Anwalt zufolge hat es ihr schon sehr lange gehört. Sie hat nie darin gewohnt, hat es immer vermietet. Du kennst deine Großmutter, Rose – sie war nie sehr mitteilsam. Wie dem auch sei, das Haus gehört jetzt dir, Schatz.«

Eine Schulfreundin ihrer Großmutter, eine zierliche Frau, einen Kopf kleiner als Rose, mit einem schwarzen Hut und einem Mantel aus lavendelblauem Seidenkrepp, trat aus dem Saal, um sich zu verabschieden.

Man gab sich die Hände, bedankte sich und wünschte sich gegenseitig alles Gute.

Als sie wieder allein waren, zog Giles einen Umschlag aus seiner Jackentasche und reichte ihn Rose. »Edith hat in ihrem Testament darum gebeten, dass dir nach ihrem Tod dieser Brief übergeben wird. Vielleicht erfährst du darin mehr.«

Sie fühlte sich benommen. »Granny hat nie mit mir über das Haus gesprochen. Nie.«

Bei einem Blick durch die Glastür sah sie Eve eifrig damit beschäftigt, das Salz aus den Streuern auf den Tisch zu kippen und einen kleinen, glitzernden weißen Berg anzuhäufen.

»Dad, ich muss rüber.« Sie umarmte ihren Vater kurz. »Eine Wohnung und ein Haus … Wahnsinn.« Dann lief sie in den Saal, nahm ihre kleine Tochter bei der Hand und führte sie sehr bestimmt vom Tisch weg.

 

Auf den ersten Blick hätte man Katherine und Eve sicher nicht für Schwestern gehalten. Katherine war groß, schlank und langgliedrig, hatte die grauen Augen ihrer Mutter und das feine, glatte, rotblonde Haar ihrer Großmutter Martineau geerbt. Eve war klein und stämmig, mit braunen Augen, die sie von Robert mitbekommen hatte, und wuscheligen dunklen Locken. Katherine war ein liebevolles und großzügiges Kind, eine kleine Perfektionistin, die von sich selbst und anderen erwartete, dass sie ihr Bestes gaben, manchmal aber auch ungeduldig und gereizt reagieren konnte. Eve war ein Energiebündel, ein kleines Plappermaul, ein sonniges, unbekümmertes Kind, das bisweilen von einem wilden Kummer erfasst wurde. Dass die beiden Schwestern waren, erkannte man höchstens an ihrer Lebhaftigkeit und der Ähnlichkeit eines Blicks oder einer Bewegung.

Nachdem Rose ihre jüngere Tochter zu Hause in Walton-on-Thames zu Bett gebracht hatte, ging sie zu Katherine, die drüben in ihrem Zimmer im Schlafanzug auf dem Boden kniete und mit ihrem Spirograph kämpfte.

»Ach!« Ein frustrierter Aufschrei. »Der Stift rutscht immer raus.«

»Leg das jetzt weg, Schatz. Du kannst morgen weiterspielen. Wo ist dein Buch? Bis acht darfst du noch lesen.« Rose tippte auf den Wecker auf dem Nachttisch.

Als sie die Mädchen endlich beide im Bett hatte, ging sie nach unten. Robert kam wenig später nach Hause. In der Küche, wo das Abendessen auf dem Herd köchelte, machte sie zwei Gin Tonics, und nachdem sie Robert sein Glas gebracht hatte, erzählte sie ihm vom Testament ihrer Großmutter, der Wohnung und dem Haus in Sussex.

»Du meine Güte«, sagte er, »meine Frau, die Immobilienkönigin.«

»Dieses Haus … ich hatte keine Ahnung, dass es überhaupt existiert. Wahrscheinlich ist es eine alte Bruchbude. Ich versteh nicht, warum Granny nie was davon gesagt hat. So ein Haus ist doch eine zu große Sache, um sie so einfach unter den Tisch fallen zu lassen. Findest du nicht auch?«

»Doch, find ich auch.«

»Es hat sogar einen Namen – The Egg. Ziemlich schräg, oder? Grannys Vater hat es gebaut. Du weißt schon, der Architekt.« Sie sah ihn forschend an. »Robert?«

»Hm?«

Er gab sich den Anschein, als hörte er zu, aber er war mit seinen Gedanken woanders. Sein Blick war abwesend.

»Ist irgendwas?«, fragte sie.

»Was?« Ein flüchtiges Lächeln. »Aber nein, gar nichts. Schlafen die Mädchen schon?«

»Eve bestimmt. Katherine auf gar keinen Fall.«

»Ich seh mal nach ihnen.«

»George hat angerufen«, rief sie ihm nach, als er schon auf dem Weg nach oben war.

George war Roberts älterer Bruder, unverheiratet, hoher Beamter in irgendeinem Ministerium. Die beiden Brüder verstanden sich nicht.

Mit gerunzelter Stirn drehte Robert sich um. »Was wollte er denn?«

»Mit dir über die Feier für deine Eltern reden.« Lionel und Mary Martineau würden bald ihren 40. Hochzeitstag feiern. »Festreden und Blumen.«

Als sie später zu Bett gingen, presste sie sich an ihn. Er wandte sich ihr zu und spielte mit den Fingerspitzen über die kleinen Höcker auf ihrem Rücken. Ihre Umarmung war voller Hast und Bedürftigkeit.

Danach schlief Robert ein. Rose jedoch ließ die Erinnerung an die Ereignisse des Tages nicht schlafen: die Beerdigung ihrer Großmutter, das unerwartete Erbe – und das Haus in Sussex, The Egg.

In dem Brief hatte ihre Großmutter geschrieben:

»In den 1920er-Jahren baute mein Vater, der Architekt Edward Lawless, auf seinen Grundstücken in Sussex zwei Häuser. Beide zeichnen sich durch ihre moderne Gestaltung aus. Mein Vater sagte immer, sie seien seine Meisterwerke, sein Vermächtnis. Er und meine Mutter hatten vor, sich in Gull’s Wing niederzulassen, dem größeren Haus, das er am Höhenweg erbaut hatte, doch kurz nach seiner Vollendung kamen sie beide im Januar 1929 ums Leben. Danach wurde das Haus verkauft. Dir, Rose, vermache ich das kleinere der zwei Häuser, The Egg. Ich habe es immer vermietet, doch mein letzter Mieter, Mr. Manners, der mehr als ein Jahrzehnt dort gelebt hat, ist vor sechs Monaten gestorben; es steht also derzeit leer.«

 

Es folgte eine ziemlich komplizierte Wegbeschreibung – eine Straße, die in Nutcombe an der Kirche vorbeiführt … du musst an der Wegbiegung auf halber Höhe parken … ein Fußweg durch die Bäume. Dazu, in Papier eingeschlagen, zwei Schlüssel, ein Yale-Schlüssel und ein kleinerer.

Sie hatte Durst. Unten in der Küche ließ sie sich ein Glas Wasser einlaufen. Sie wusste wenig über ihre Urgroßeltern, Ediths Eltern. Edward Lawless war ein Architekt gewesen, der zusammen mit seiner Frau bei einem Flugzeugunglück ums Leben gekommen war – das war so ziemlich alles. Nun erfuhr sie, dass die beiden sich ein Haus gebaut, es jedoch nie bewohnt hatten. Gull’s Wing. Vielleicht hatte ihre Großmutter deshalb nie von dem Haus in Sussex gesprochen, weil es zu eng mit dem tragischen Tod ihrer Eltern verbunden war.

In jedem Haus steckt viel von einem selbst. Sie und Robert hatten ihr Haus vor fünf Jahren gekauft, ein großzügiges Reiheneckhaus, zu Beginn des 20. Jahrhunderts erbaut, mit Erkern und einem Windfang, wie zu jener Zeit üblich. Sie hatten sich in die hohen Räume verliebt und in den Glanz des Lichts auf den Holzdielenböden. Die Zimmer hatten Stuckleisten und gekachelte offene Kamine, und hinter dem Haus war ein verwilderter Garten mit Rosen, Jelängerjelieber und Brombeerbüschen. Nach ihrem Einzug hatten sie das Haus in Eigenregie von oben bis unten renoviert, gemalert und tapeziert. Sie hatten die Armaturen erneuert, sogar neue Leitungen gelegt und die Vollendung des Werks mit einer Flasche Champagner auf der Terrasse gefeiert. Der Garten war noch immer eine Wildnis – sie besaßen beide kein Talent zum Gärtnern.

Das Chaos und die Strapazen jener Tage fehlten ihr gewiss nicht, aber gerade jetzt musste sie daran denken, wie nahe sie einander bei der Arbeit gewesen waren. Wären sie heute in das Haus gezogen, so hätten sie Handwerker genommen. Roberts Geschäfte – zwei Autowerkstätten, mehrere kleine Ingenieurbüros und seine neueste Erwerbung, ein Flugfrachtunternehmen – hatten sich in den letzten Jahren glänzend entwickelt, und er hätte sich für den aufwendigen Umbau gar nicht mehr die Zeit nehmen können.

Als sie Robert kennenlernte, war sie einundzwanzig gewesen, hatte gerade ihr Bachelorstudium in Physik abgeschlossen und überlegt, ob sie weiterstudieren sollte. Einerseits zolg es sie in die Welt hinaus, andererseits hatte ein Abschluss als Master of Science durchaus praktische Vorteile. Um sich Bedenkzeit zu geben, nahm sie für den Sommer eine Aushilfsstellung bei einem Ingenieurbüro an, wo sie etwas Geld verdienen und Erfahrung sammeln konnte.

Als die Sekretärin des Direktors in Urlaub ging, bat man Rose einzuspringen. Genau an dem Tag kam Robert zu Besuch. Sie begrüßte ihn am Empfang. Auf der Treppe nach oben erkundigte er sich nach ihrem Namen; im Flur, auf dem Weg zum Büro des Direktors, bat er sie, mit ihm essen zu gehen. Sie sah noch mehr in ihm als sein gutes Aussehen und seinen Charme, etwas Beständigeres vielleicht; jedenfalls sagte sie Ja.

Robert war ein Mann, der unweigerlich auffiel, groß und breitschultrig, kontaktfreudig und selbstsicher, dunkel, mit einer starken Ausstrahlung. Er hatte etwas im Blick, das ihr zeigte, dass ihre Antwort ihm wichtig war. Beim Essen entdeckte sie, dass er nicht nur tatkräftig und entschlossen, sondern auch intelligent, witzig und großzügig war.

Sechs Monate später heirateten sie. Katherine wurde im folgenden Jahr geboren. Mit zweitem Namen wurde sie Louisa getauft, nach Roses Mutter, die drei Jahre zuvor an Brustkrebs gestorben war. Eve Mary Rose – Mary war sie nach Roberts Mutter benannt, die gesund und munter mit ihrem Mann in Oxfordshire lebte – kam zwei Jahre später zur Welt.

Rose räumte das bisschen Geschirr auf, das noch auf dem Abtropfbrett neben der Spüle lag. Das feine Gefühl von Langeweile, das sich eingestellt hatte, seit Eve im April zur Schule gekommen war, die Lustlosigkeit, die Richtungslosigkeit und die Unzufriedenheit, die sie mit der Erfüllung häuslicher Aufgaben und gesellschaftlicher Verpflichtungen zurückzudrängen versuchte, senkten sich über sie wie eine graue Hülle. Sie hatte Ambitionen gehabt. Sie hatte sich ein Leben mit großen, ja, ungewöhnlichen Zielen vorgestellt, stattdessen war sie, ohne sich eigentlich wirklich dafür entschieden zu haben, Hausfrau geworden. So wie ihre Mutter, die nie etwas anderes getan hatte, als sich um Haus und Familie zu kümmern. Rose hatte gemeint, bei ihr würde es anders werden, aber was tat sie? Sie bewirtete Roberts Geschäftsfreunde und klaubte seine Socken zusammen. Es hatte einmal eine Zeit gegeben, vor Katherines Geburt, da hatte sie Roberts Sachen aus Prinzip einfach liegen lassen. Inzwischen hatte sie ihren Widerstand aufgegeben und räumte ihm brav hinterher.

Manchmal hatte sie das Gefühl, immer kleiner und dünner zu werden, zu etwas zu schrumpfen, das sie nie hatte sein wollen. Die Gewichte hatten sich verlagert. Robert arbeitete viel, und es gab keine festen Zeiten, sehr oft führte er abends Kunden zum Essen aus. Bisweilen begleitete sie ihn. Häufiger lehnte er ihr Angebot mit der Begründung ab, sie werde sich nur langweilen.

Vielleicht sollte sie sich eine Halbtagsarbeit suchen. Sie war allerdings wenig optimistisch, dass sie mit ihrem Angebot, einem angestaubten Bachelorabschluss in Physik und Arbeitszeiten, die sich nach den Tagesläufen ihrer Töchter richten mussten, Erfolg haben würde. Doch es quälte sie, dass das Kreuzworträtsel zur einzigen intellektuellen Herausforderung des Tages geworden war, und sie wusste sehr wohl, dass sie sich die langen, stillen Abende gelegentlich schöntrank.

Sie haderte mit sich selbst. Es begann ja schon zur Gewohnheit zu werden, dieses ständige Wühlen in ihrer Unzufriedenheit, diese Suche nach einer Möglichkeit des Ausbruchs – woraus denn? Aus einem sorgenfreien, komfortablen Leben. Sie hatte ihren eigenen Wagen, regelmäßige Urlaube, eine Putzfrau. Sie hatte zwei hübsche, gesunde Töchter und einen Ehemann, der sie liebte.

Trotzdem fehlte ihr Eve, ihre Kleine, ihr fröhliches Geplapper, der innige Kontakt mit der kleinen, warmen Hand, wenn sie zusammen einkaufen gingen. Sie hasste die Stille, die sich in den leeren Räumen staute, sie hasste die strukturlosen Tage, wenn die Kinder in Kindergarten und Schule waren, und es fiel ihr schwer zu begreifen, dass die Zeit der frühen Mutterschaft mit ihrem sprudelnden Überschwang von Gefühlen für immer vorbei war. Vielleicht sollten sie versuchen, noch ein Kind zu bekommen. Sie war erst neunundzwanzig, reichlich Zeit.

Ihr fiel das unerwartete Vermächtnis ihrer Großmutter ein, mit dem sie zumindest in den kommenden Wochen mehr als genug zu tun haben würde. Eine Wohnung musste aufgelöst, ein mysteriöses Haus in Sussex besichtigt werden. Die Aussicht munterte sie auf. Sie trank das Glas Wasser aus und ging wieder nach oben.

 

Die Wohnung in Weybridge war vollgestellt mit schweren, dunklen Möbeln und überladen mit Andenken an die Jahre, die Edith Fuller als Frau eines Kolonialbeamten im Ausland verbracht hatte – Drucke von Old Delhi, eine schwarze Holzfigur und, vor dem offenen Kamin, das platt getretene, verblasste Fell irgendeines bedauernswerten wilden Tiers.

Rose nahm zuerst die Schränke in Angriff. Kleider waren etwas so Persönliches, so stark mit Erinnerungen an den verbunden, der sie getragen hatte. Ein weinroter Mantel mit Pelzkragen rief ihr einen Herbstausflug in den Bushy Park ins Gedächtnis, wo in der Ferne die Rehe wie Schatten im Dunst gestanden hatten, während ihre Großmutter von den Safaris in Kenia erzählte und die beiden kleinen Mädchen unter den Bäumen herumtollten. Als sie einen Liberty-Schal zur Hand nahm, der noch zart nach Arpège duftete, dem Parfum ihrer Großmutter, traten ihr Tränen in die Augen.

Richtig kennengelernt hatte sie ihre Großmutter erst vor relativ kurzer Zeit. Als sie ein Kind gewesen war, hatten Edith und ihr Mann Cyril im Ausland gelebt – zunächst in Indien und später, nachdem Britisch-Indien seine Unabhängigkeit erlangt hatte, in Kenia. Regelmäßig zweimal im Monat waren Luftpostbriefe eingetroffen. Wenn ihre Großeltern zu Besuch kamen, wohnten sie im Haus der Familie in Weybridge, in dem damals noch Roses Vater lebte. Meist flogen sie schon einen Monat später zurück nach Afrika, und Rose musste drei Jahre auf ihren nächsten Besuch warten. Nach Cyrils Tod verkaufte Edith das gemeinsame Haus in Nairobi und kehrte nach England zurück. Roses Mutter, Ediths Tochter Louisa, war zu der Zeit schon krank, und Rose und ihre Großmutter versuchten einander Trost zu spenden. Edith war kein Mensch gewesen, der emotionale Nähe suchte oder förderte, dennoch hatten sie einander geliebt und respektiert.

In einer Schublade entdeckte Rose regelrechte Schätze: ein Abendkleid aus minzgrünem Satin, schräg geschnitten, ein Paar blassgraue Glacéhandschuhe und ein zierliches Perlentäschchen. Sie legte die Sachen auf die Seite, um sie mit nach Hause zu nehmen. Die Taschenbücher von Dennis Wheatley und Eric Ambler, beides Autoren, die ihre Großmutter gemocht hatte, würde sie in ein Antiquariat bringen. Mehrere Bände einer Militärgeschichte Indiens beschloss sie aufzuheben. Vielleicht würde ihr Schwiegervater an ihnen Gefallen finden.

Aber was sollte sie mit dem Vogelkäfig aus Elfenbein anfangen und der unglaublich hässlichen Elefantenuhr, die ihre Großmutter so geschätzt hatte? Oder mit dem cremefarbenen Wedgwood-Porzellan und der Midwinter-Teekanne, schön zwar und eng mit der Person ihrer Großmutter verbunden, aber so wertvoll, dass sie jedes Mal zittern würde, wenn Katherine oder Eve ihnen nur nahe kamen? Sie fragte sich, ob das Haus in Sussex – The Egg – ebenso mit Möbeln und Schnickschnack überladen war wie diese Wohnung. Hoffentlich nicht. Wenn es möbliert vermietet gewesen war, würde sie dort wohl eher durchgesessene Sofas und bunt zusammengewürfeltes Geschirr vom Flohmarkt vorfinden. Wie sollte sie mit dieser unerwarteten Erbschaft umgehen? Robert ging davon aus, dass sie beide Immobilien verkaufen würde, sobald das Testament eröffnet war. Rose war sich noch nicht sicher.

Als Nächstes nahm sie sich den Sekretär aus afrikanischem Padouk vor, ein Riesenmöbel, mit vergoldeten Schnitzereien gekrönt, oben und unten Schränkchen und Schubladen und in der Mitte eine Schreibfläche.

Sie klappte die Schreibplatte auf und sah sich den Inhalt der verschiedenen Fächer an: ein grüner Osmiroid-Füller, eine Flasche Quink und eine Handvoll Bleistifte, eine Schere und eine Rolle Tesa, Rechnungen und Quittungen, mit Gummibändern gebündelt.

Als sie an einem kleinen, leicht zu übersehenden Elfenbeinknopf unter den Schreibtischfächern zog, öffnete sich eine flache Schublade, in dem eine Mappe in einem orangefarbenen, mit gelben und goldenen Vögeln bedruckten Einband lag. Briefe und einige Fotografien glitten heraus: ein Mann mit Tropenhelm, hoch auf einem Elefanten, dann ein Säugling, dessen zerknittertes Gesichtchen von Spitzengeriesel umrahmt war.

Auf eine weiße Postkarte hatte jemand mit Tusche die Karikatur einer Frau in einem wadenlangen, pelzbesetzten Mantel und einem Kapotthut gezeichnet. Den Hut tief über die Augen gezogen, stakste sie auf hohen Absätzen unsicher die Straße entlang. Rose drehte die Karte um. »Bin ich nicht der letzte Schrei, Schatz?«, stand auf der Rückseite. »Wenn ich nur sehen könnte, wohin ich eigentlich gehe.« Unterschrieben mit »S«.

Rose machte sich eine Tasse Nescafé, den ihre Großmutter mit Vorliebe getrunken hatte. Wie oft hatten sie hier mittags bei einer Kanne Nescafé gesessen und dazu die von ihrer Großmutter geliebten Geleefrüchte gegessen, die Rose stets mitbrachte, wenn sie sie besuchte. Und während ihre Großmutter Geschichten aus Indien und Afrika erzählte, behielt Rose ständig Eve im Auge, damit diese keines der kostbaren Objekte im Zimmer hinunterwarf. Edith Fuller hatte eine klare, gebieterische Art zu sprechen. Rose vermutete, dass sie den Ton kultiviert hatte, als sie in den Kolonien über Turban tragende Diener, Boys und Hausmädchen geboten hatte – Zubehör einer anderen, untergegangenen Welt.

Sie stellte die Kaffeetasse auf einen Beistelltisch und setzte sich mit der Schreibmappe aufs Sofa. Eine Fotografie flatterte zu Boden, und sie hob sie auf. Der Schnappschuss in Schwarz-Weiß zeigte zwei junge Frauen, beide in losen, wadenlangen Mänteln, mit Hüten, die – aus irgendeinem festen Material, Samt vielleicht – wie gedrechselt wirkten. Obwohl das Foto sicher fünfzig oder sechzig Jahre alt war, erkannte Rose ihre Großmutter auf den ersten Blick. Mit achtzig war Edith eine große, hagere Frau gewesen, mit schmalem, länglichem Gesicht, aus dem zwischen den hohen Wangenknochen scharf die gebogene Nase hervorsprang. Und so wirkte sie auch auf dem alten Foto, nur eben weit jünger und entsprechend weicher in den Konturen. Und natürlich waren ihre Haare nicht grau, sondern dunkel.

Die junge Frau neben ihr war kleiner und zierlicher. Ihr hübsches, ebenmäßig geschnittenes Gesicht erhellte ein offenes Lächeln. Von der Krempe ihres Hutes hing frech eine Troddel zu ihrer Schulter hinab, und sie hatte eine Hand erhoben, um sich eine helle, windgezauste Haarsträhne aus den Augen zu streichen. Rose drehte das Foto um und las die beiden Namen, die in verblasster Tinte auf der Rückseite standen. »Edith«, bestätigte, was sie schon erkannt hatte: dass die Größere der Frauen ihre Großmutter war. Die andere hieß Sadie. Vielleicht, dachte Rose, war das jene »S«, die die Karikatur auf der Postkarte gezeichnet hatte.

Sie trank einen Schluck Kaffee und sah sich die Briefe in der Mappe an. Neugierig, aber auch mit einem gewissen Widerstreben, im Privatleben ihrer Großmutter zu kramen, entfaltete sie eines der Schreiben. Es war von einer Frau namens Margery Burton, auf den ersten Blick ein freundschaftlicher Gruß, bei näherem Hinsehen eine Bitte um Geld. Ein dickes Bündel Briefe stammte von Cyril, ihrem Großvater. Vielleicht waren es Liebesbriefe. Sie legte sie zur Seite. In einem weiteren Bündel waren mit einem rosa Bändchen einige Briefe von Louisa, ihrer Mutter, zusammengefasst. Rose hatte viele Briefe von ihrer Mutter zu Hause, Briefe, die diese ihr geschrieben hatte, als sie auf dem Internat und an der Universität gewesen war. Seit ihrem Tod konnte Rose sie nicht mehr lesen. Sie war nicht sicher, ob sie es je wieder können würde.

Als sie schon dachte, alle Briefe aus der Mappe genommen zu haben, entdeckte sie in einem flachen Seitenfach doch noch ein dünnes Bündel und öffnete den obersten Umschlag aus schwerem cremefarbenen Papier. Bevor sie zu lesen begann, warf sie einen Blick zum Ende des Texts.

Sadie. Diesen Brief hatte also die hübsche, blonde Sadie geschrieben, die auf dem Foto zu sehen war. Die Schrift war altmodisch, aber sehr klar.

Rose begann zu lesen: »Ich kann unmöglich alle vierzehn Tage zu Philip Sprott nach London fahren, Edith. Das wäre viel zu teuer – bei seinen Honoraren und den Bahnpreisen. Außerdem geht es mir inzwischen wirklich gut. Du brauchst Dir um mich keine Gedanken zu machen, wirklich nicht.« Man hörte förmlich die Gereiztheit hinter den Worten.

In einem anderen Brief schrieb Sadie: »Ich bin voraussichtlich vom 5. bis zum 9. in der Stadt. Passt es euch, wenn ich vorbeikomme? Ich habe Louisa ja seit Ewigkeiten nicht gesehen. Hat sie schon Schulferien, ist sie zu Hause?« Und ein Stück weiter unten auf derselben Seite: »Zu dieser Jahreszeit ist es herrlich hier in The Egg, die Schlüsselblumen blühen, und die Vögel zwitschern aus voller Kehle. Ich hoffe sehr, Du kommst mich bald mal besuchen.«

Das war interessant. Sadie hatte also in The Egg gelebt. Der Briefkopf bestätigte es: The Egg, Paley High Wood, Nutcombe, Sussex. Vielleicht hatte Sadie die Wohnung von Edith gemietet – aber nein, der Ton der Briefe deutete auf eine persönlichere Beziehung hin. Vielleicht hatte Edith das Haus eine Zeit lang einer Freundin überlassen.

Rose sah auf die Uhr, es war gleich Viertel nach drei. Höchste Zeit, dass sie losfuhr, wenn sie Katherine und Eve in Walton-on-Thames von der Schule abholen wollte. Als sie begann, die Briefe zu ordnen, fiel ihr Blick auf einen Namen, der als Absender auf einem blauen Luftpostumschlag stand: Sadie Lawless.

Sie kniff die Augen zusammen. Lawless war der Mädchenname ihrer Großmutter gewesen. War Sadie Lawless vielleicht eine Verwandte? Sie überflog den kurzen Brief und las ihn gleich noch ein zweites Mal, um sicherzugehen, dass sie richtig verstanden hatte.

Sadies Schreiben brachte Rose zwei Erkenntnisse: zum einen, dass The Egg nicht immer Edith gehört hatte. In den frühen 1930er-Jahren war das Haus Sadies Eigentum gewesen. Aber – sie schaute auf das Datum – im Oktober 1934 hatte Sadie das Haus Edith überlassen.

»The Egg gehört jetzt Dir, Edith«, schrieb Sadie. »Ich habe die Unterlagen an Mr. Copeland geschickt. Ich will nicht mehr hier sein. Das Haus macht mir Angst, und außerdem war es nicht richtig von Vater, es mir zu vermachen – das weiß ich jetzt.«

Die zweite Erkenntnis war eine Riesenüberraschung. Sadie Lawless war nicht irgendeine Verwandte von Edith.

Sie war ihre Schwester.

Rose hatte gemeint, ihre Großmutter zu kennen, aber das war offenbar nicht der Fall gewesen. Edith hatte eine Schwester gehabt. »Wie groß unsere Differenzen auch sein mögen, Edith«, hatte Sadie Lawless am Ende ihres Briefes geschrieben, »Du bist meine Schwester.«

 

Robert roch nach Tabak und Alkohol, als er sich in den frühen Morgenstunden leise neben ihr im Bett ausstreckte.

»Ein Kunde«, murmelte er, als sie fragte, wo er gewesen sei. »Tommy Henderson. Du weißt schon, der Besitzer vom Riley’s in Gateshead. Eine Nervensäge.« Er zog sie an sich, schob seine Hand auf ihre Brust und schlief augenblicklich ein.

Als Rose am nächsten Morgen das Haus betrat, nachdem sie Katherine und Eve zur Schule gebracht hatte, griff sie beinahe wider ihren Willen in die Taschen seines Trenchcoats, der am Ständer im Flur hing. Was glaubte sie denn zu finden? Heimlichkeiten. Jeder Mensch hatte seine Heimlichkeiten. Ihre Großmutter hatte jede Menge davon gehabt. Roberts würden vielleicht durch einen Brief, eine Rechnung oder ein Taschentuch mit Lippenstiftflecken an den Tag kommen. Vor ein paar Jahren hatte er einen Flirt – er hatte geschworen, es sei nur ein Flirt gewesen – mit der Frau eines Bekannten gehabt. Daran musste Rose jetzt denken. Die langen Abende, seine Zerstreutheit … Er verschwieg ihr etwas, dessen war sie sich sicher.

Die Taschen waren leer. Beschämt vertrieb sie die hässlichen Gedanken.

Was war eine Ehe ohne Vertrauen? Robert hatte geschäftliche Schwierigkeiten. Er würde sie regeln, wie immer. Sie musste ihm vertrauen.

Sie mahlte Kaffee und schaltete die Kaffeemaschine an, dann setzte sie sich mit der orange-goldenen Mappe an den Tisch. Irgendwann in der Nacht war ihr klar geworden, dass sie Sadies Briefe hatte finden sollen. Ihre Großmutter hatte es so beabsichtigt. Sie hatte ihr etwas mitteilen wollen. Oder sie dazu bringen wollen, dass sie etwas tat. Etwas, das mit dem Haus und ihrer Schwester Sadie zusammenhing.

Die Kaffeemaschine blubberte vor sich hin, während Rose die Briefe herausnahm und auf dem Tisch auslegte. Insgesamt waren es fünfundzwanzig, einige auf dem teuer wirkenden cremefarbenen Leinenpapier geschrieben, andere auf dünneren blauen oder weißen Bögen. Sadie hatte jeden ihrer Briefe datiert. Es dauerte eine Weile, sie in chronologischer Reihenfolge zu ordnen, und sie gönnte sich dazwischen eine Pause, um sich einen Becher Kaffee zum Tisch zu holen.

Alle Briefe waren in der ersten Hälfte der 1930er-Jahre geschrieben. Der erste, vom Oktober 1930, war das kurze, gereizte Schreiben, das Rose am Vortag in der Wohnung ihrer Großmutter überflogen hatte. Edith hatte zu der Zeit in London gelebt. Sadies letzter Brief datierte vom Oktober 1934 und war nach Delhi gegangen, wo Edith damals gelebt hatte. Weitere Briefe gab es nicht. Warum? Warum hatte Sadie von diesem Zeitpunkt an ihrer Schwester nicht mehr geschrieben? Was war passiert?

Als Rose den ersten Brief noch einmal las, sah sie, dass im Briefkopf eine Adresse in Cambridge angegeben war. »Ich kann unmöglich alle vierzehn Tage zu Philip Sprott nach London fahren, Edith. Das wäre viel zu teuer – bei seinen Honoraren und den Bahnpreisen. Außerdem geht es mir inzwischen wirklich gut.«

Philip Sprott musste ein Arzt sein. Sadie war krank gewesen und hatte sich von Dr. Sprott behandeln lassen, den sie in jener Zeit – da es den National Health Service noch nicht gab – vermutlich aus eigener Tasche bezahlen musste. Rose las weiter. »Die Meyricks waren unglaublich nett. Toby hat mich in seinem Arbeitszimmer übernachten lassen, und Constance hat mich rührend umsorgt. Es geht mir viel besser jetzt. Jeden Nachmittag mache ich einen Spaziergang im Midsommer Common, ganz egal, wie das Wetter ist.« Dann ein paar Zeilen über die Bücher, die sie gelesen, ein Nachmittagskonzert, das sie besucht hatte. Weiter unten hieß es:

»Mabel, Horace und Rosalind sind natürlich ganz entzückende Kinder, aber sie lassen einem kaum Zeit, einen Gedanken zu Ende zu denken. Nicht dass ich in letzter Zeit viele Gedanken hervorgebracht hätte, die zu Ende zu denken sich gelohnt hätte, aber ich weiß, ich werde mich von Grund auf erholt fühlen, wenn ich wieder arbeiten kann. Glaub nicht, dass ich mich verkriechen werde. Ich habe vor, so aktiv zu bleiben, dass mir keine Zeit zum Grübeln bleibt. Eine neue Umgebung und die neue Lebensweise werden mich von meinen Erinnerungen ablenken.«

 

Rose vermutete, dass die Erinnerungen, von denen Sadie sich ablenken wollte, mit dem plötzlichen Tod ihrer Eltern zu tun hatten, die bei dem Flugzeugunglück im Jahr zuvor ums Leben gekommen waren. Sie selbst hatte mit gerade zwanzig mit dem Tod ihrer Mutter fertigwerden müssen. Der Schicksalsschlag hatte eine tiefe Wunde gerissen, die noch heute schmerzte und wohl nie ganz verheilen würde. Der Fotografie nach war Sadie die jüngere der beiden Schwestern. Rose rechnete nach – Edith war zur Zeit ihres Todes achtzig gewesen –, und sie kam zu dem Ergebnis, dass Sadie, wie sie selbst, um die zwanzig gewesen sein musste, als ihre Mutter ums Leben kam. Und sie hatte bei dem Unglück zusätzlich noch den Vater verloren.

Rose nahm sich den nächsten Brief vor, der eine Woche nach dem ersten geschrieben war.

»Nun bin ich also endlich hier. The Egg ist fertig eingerichtet, und es ist eine Pracht. Du hättest die armen Männer sehen sollen, die meine Druckpresse diesen fürchterlichen Matschweg zum Haus hinauftragen mussten. Sie haben sich bitter beschwert, bis ich sie mit Tee und riesigen Stücken Kuchen versorgt habe, danach waren sie viel umgänglicher. Mrs. Thomsett aus dem Laden in Nutcombe hat mir sehr geholfen und empfahl mir Boxells Werkstatt, wo Mr. Boxell persönlich mir versprach, sich nach einem gebrauchten Fahrrad für mich umzuhören. Weißt Du noch, welchen Zauber der Wald im Herbst besitzt, Edith? Du musst mich ganz bald besuchen.«

 

Das Läuten des Telefons riss Rose aus der Lektüre. Robert wollte wissen, ob es ihr recht sei, wenn er am Abend Gäste mitbrachte. Noch während sie automatisch bejahte, merkte sie, wie erleichtert sie war, dass er nicht wieder einen langen Abend außer Haus verbringen wollte. Er hatte viel zu tun, weiter nichts. Alles war in bester Ordnung.

Sie setzte sich in ihren Mini, und während sie ins Zentrum fuhr, um für den Abend einzukaufen, ging sie in Gedanken das Menü durch.

Melone als Vorspeise, Crêpes zum Nachtisch. Nein, keine Crêpes, das war zu viel Aufwand in letzter Minute. Besser Zitronenbaiser, das konnte sie im Voraus zubereiten. Das Hauptgericht … nicht Bœuf Bourguignon, da reichte die Zeit nicht. Moussaka? Nein, das sah nach schneller Küche aus. Sie entschied sich für Chicken à la King.

Nachdem sie die Läden abgeklappert und alles Nötige besorgt hatte, ging sie in die öffentliche Bibliothek. In verschiedenen Londoner Adressbüchern schlug sie zuerst Sadie Lawless nach und dann, nachdem sie von Sadie keine Spur gefunden hatte, Philip Sprott. Ihrem Gefühl nach konnte er ein Londoner Modearzt gewesen sein, mit einer Praxis in der Harley Street vielleicht.

Sie fuhr mit der Fingerspitze die Spalten des Adressbuchs entlang, die das Gebiet um die Harley Street einschlossen. Kein Philip Sprott. Sie erweiterte die Suche und stieß schließlich auf den passenden Eintrag: »Dr. Philip Sprott«. Nicht in der Harley Street, sondern in der Handel Street in Bloomsbury. Als sie aus der Bibliothek auf die Straße hinaustrat, begann es zu regnen.

Zu Hause machte sie das Zitronenbaiser und stellte es in den Kühlschrank, bevor sie in Roberts Arbeitszimmer ging und die Nummer in der Handel Street anrief.

Eine Frau meldete sich. »Praxisgemeinschaft Handel Street. Guten Tag.«

Rose fragte nach Dr. Sprott. Er habe gerade einen Patienten bei sich, sagte die Arzthelferin. Ob sie ihm etwas ausrichten könne.

Es fiel ihr schwer, ihr Anliegen zu erklären. Es hörte sich abwegig an, selbst für sie. Die Frau am Telefon fand das offensichtlich auch.

»Neunzehnhundertdreißig? Das war vor vierzig Jahren. So lange heben wir unsere Unterlagen nicht auf.«

»Ich habe gehofft, Dr. Sprott könnte sich an sie erinnern.«

»Ich glaube wirklich nicht …«

»Würden Sie ihn bitte fragen? Ich wäre Ihnen sehr dankbar«, sagte Rose mit Entschiedenheit. »Meine Großtante hieß Sadie Lawless.« Sie nannte nochmals ihren eigenen Namen und ihre Telefonnummer und verabschiedete sich.

 

Sobald die Mädchen im Bett waren, zog Rose sich um, schlüpfte in ein schmales Maxikleid aus schwarzem Chiffon mit Trompetenärmeln und tiefem V-Ausschnitt. Sie bürstete ihre langen, dunkelbraunen Haare, sodass sie glatt über ihre Schultern fielen, und frischte ihr Make-up auf.

Wo blieb Robert? Es war schon halb acht. Die Gäste waren für acht Uhr angesagt. Sie schaute aus dem Erkerfenster zur Straße hinaus, sah aber nichts, nur die Autos, die durch den Regen rasten, und den schwimmenden Abfall im Rinnstein.

Als das Telefon läutete, lief sie nach unten. Das musste Robert sein. Doch die Stimme, die sich meldete, war fremd.

»Spreche ich mit Mrs. Martineau?«

»Ja. Und wer sind Sie, bitte?«

»Mein Name ist Philip Sprott. Sie haben heute in der Praxis angerufen und nach Sadie Lawless gefragt.«

Rose setzte sich in Roberts Ledersessel. »Danke, dass Sie so schnell zurückrufen, Dr. Sprott. Das ist sehr nett. Soweit ich weiß, war Sadie Lawless eine Patientin von Ihnen. Ich wollte eigentlich wissen, ob Sie sich noch an sie erinnern können.«

»O ja. Als ich von Ihrem Anruf hörte, war plötzlich alles wieder da. Darf ich fragen, welchen Grund Ihr Interesse an Sadie Lawless hat?«

»Sie ist meine Großtante. Von ihrer Existenz habe ich erst vor ein paar Tagen erfahren, nach dem Tod meiner Großmutter, als ich Briefe von Sadie gefunden habe. Ich würde sie gern ausfindig machen, falls sie noch lebt – schon um sie wissen zu lassen, dass ihre Schwester gestorben ist. Und da in einem ihrer Briefe Ihr Name erwähnt wurde, dachte ich …«

»Ich fürchte, da kann ich Ihnen nicht wirklich weiterhelfen.« Philip Sprott hatte eine tiefe, angenehme Stimme. »Wir haben seit Jahrzehnten keinen Kontakt mehr. Aber manche Patienten bleiben einem im Gedächtnis, ja, ich erinnere mich an Ihre Großtante. Sie war eine sehr lebendige, intelligente und charmante junge Frau. Aber tief gedrückt von Trauer.«

Durchs Fenster beobachtete Rose den Tanz der Regentropfen auf dem Pflaster. »Wegen des Todes ihrer Eltern?«

Philip Sprott antwortete nicht gleich. Dann sagte er: »Mrs. Martineau, Sie wissen, dass ich Psychiater bin?«

Psychiater. »Nein, ich dachte …«

»Ich praktiziere nur noch eingeschränkt. Ihre Großtante war eine meiner ersten Patientinnen, ich war damals jung und unerfahren. Es ist zwar sehr lange her, aber meines Wissens kennt die ärztliche Schweigepflicht keine Verjährung.«

»Natürlich, das verstehe ich, Dr. Sprott.«

»Sie sagten, dass Ihre Großmutter vor Kurzem gestorben ist?«

»Ja.«

»Das tut mir sehr leid. Tja, was kann ich Ihnen sagen …? Ich erinnere mich, dass die Beziehung der Schwestern schwierig war. Sie waren altersmäßig weit auseinander – zehn Jahre, glaube ich.«

»Und Sadie war die jüngere Schwester?«

»Ja. Sie kam nach einem Nervenzusammenbruch zu mir. Ihr Verlobter hatte sie verlassen. Dieser Bruch, so bald nach dem Verlust der Eltern … die menschliche Seele ist eben nicht grenzenlos belastbar.« Wieder eine Pause. Dann setzte Philip Sprott hinzu: »An den Namen des Verlobten erinnere ich mich nicht. Immerhin weiß ich noch, dass ich sein Verhalten infam fand. Er war Antiquitätenhändler, was allerdings kaum relevant ist. Ihre Großtante war Lehrerin.«

»Und sie hat gemalt.« Rose dachte an den zweiten Brief. Du hättest die armen Männer sehen sollen, die meine Druckpresse diesen fürchterlichen Matschweg durch die Bäume zum Haus hinauftragen mussten.

»Ja.« Er klang amüsiert. »Sie hat während der Sitzungen oft gezeichnet. Sie sagte, das wirke entspannend auf sie. Den offenen Kamin … oder die Platanen vor dem Fenster. Manchmal hat sie auch mich gezeichnet. Eine Skizze hat sie mir geschenkt. Ich habe sie wahrscheinlich noch irgendwo. Sie kam ungefähr ein, anderthalb Jahre lang zu mir. Danach bekam ich ab und zu eine Postkarte, aber das hörte dann auf. Ich nahm an, sie hätte das Vergangene endgültig hinter sich gelassen. Tut mir leid, dass ich Ihnen nicht mehr sagen kann, Mrs. Martineau.«

Rose hörte die Haustür zufallen. Sie dankte Dr. Sprott und beendete das Gespräch.

Robert zog gerade im Flur seinen nassen Mantel aus.

»Wo warst du denn so lang?«, fragte sie. »Die Gäste kommen in fünf Minuten.«

»Das weiß ich.« Es klang verärgert. Dann änderte er den Ton. »Entschuldige. Tut mir leid, Schatz. Es war alles ein bisschen … Die Arbeit, du weißt doch, wie es ist. Wir haben den Gibson-Vertrag nicht bekommen.«

»Das tut mir leid, Robert.« Sie küsste ihn. »So ein Pech.«

»Ach, klappt das eine nicht, klappt das andere.« Aber seine unbekümmerten Worte passten nicht zu dem Schatten, der über sein Gesicht flog. Ein Ausdruck von Furcht und Unruhe – so flüchtig, dass sie hätte glauben können, er sei ihrer Einbildung entsprungen.

»Was ist denn?«, fragte sie liebevoll. »Sag’s mir, Liebling. Sag mir, was los ist.«

»Nichts, gar nichts. Ich bin einfach müde.« Er lächelte halbherzig. »Ich könnte einen Drink gebrauchen. Gib mir zwei Minuten. Ich ziehe mich schnell um.«

Als es läutete, musterte Rose im Flurspiegel kurz ihr Gesicht. Sie setzte ein Lächeln auf und öffnete die Tür.

»Hugh, Vivienne … Wie schön, euch zu sehen. Kommt doch rein.«

Gewinnspiel

Feiern Sie mit uns 20 Jahre Judith Lennox!

Seit 20 Jahren schreibt Judith Lennox bewegende und tiefgreifende Romane über Frauen mit interessanten Schicksalen, die sich neu finden und ein eigenes Leben aufbauen müssen. 

Um ihren Erfolg zu feiern, verlosen wir 3 Pakete für Bücherwürmer mit jeweils: einem Yoshi Geldbeutel und einem Printexemplar von »Das Haus der Malerin«! 

WIr drücken Ihnen die Daumen!

Das Gewinnspiel ist beendet.

Fünf Fragen bis zum Traummann

Die Profile

Hier finden Sie die Beschreibungen aller Charaktere, die in unserem Quiz zur Auswahl stehen - so verpassen Sie garantiert nichts!

Devlin Reddaway

Devlin und Sie passen hervorragend zusammen! Als Kriegsveteran hat er schwere Zeiten hinter sich und ist manchmal schmerzhaft ehrlich, doch gerade dafür schätzt man ihn auch. Und wenn er sich erst öffnet, ist er überraschend leidenschaftlich; das ist umso schöner, weil man weiß, dass er es ernst meint. Devlin würde alles für Sie tun.

Dan Falconer

Der pragmatische Dan ist Ihr Kandidat! In ihm finden Sie sowohl einen treuen Freund als auch einen ehrlichen und warmherzigen Geliebten, und seine klugen Entscheidungen helfen Ihnen durch jede Lebenskrise. Die Zukunft mit Dan kann kommen!

Joe Elliot

Zwischen Joe und Ihnen könnte es funken! Seine widersprüchlichen Charaktereigenschaften mögen einen anfangs verwirren. Mal mürrisch und wortkarg, dann wieder zum Flirten aufgelegt –mit ihm ist auf jeden Fall für Abwechslung gesorgt! Und bei einer Sache kann man sich sicher sein: Er ist unendlich treu.

Guido Zanetti

Ihr Traummann heißt Guido Zanetti! Wo er auch hingeht, der gut aussehende junge Mann steht überall gleich im Mittelpunkt – was sich auch auf sein Selbstbewusstsein auswirkt. Zwar wirkt er auf den ersten Blick distanziert und sogar arrogant, als Liebhaber ist er aber leidenschaftlich und zärtlich. Langweilig wird es mit ihm bestimmt nicht!

Felix Corcoran

Felix und Sie sind das perfekte Paar! Der Karikaturist tut nur das, was er mit seinem Gewissen vereinbaren kann. Seine idealistische Haltung kommt seinem Erfolg manchmal in die Quere, macht ihn allerdings auch rücksichtsvoll und fürsorglich. Und seinem aufgeweckten Charme kann man einfach nicht widerstehen!

Interview mit Bettina Feldweg, der deutschen Lektorin von Judith Lennox

Frau Feldweg betreut Judith Lennox seit nun schon 20 Jahren.
Wir haben sie unter anderem gefragt, was das Besondere an den Romanen der englischen Autorin ist und was dieses Jubiläum für sie beide bedeutet.

Was macht die Bücher von Judith Lennox aus?

Judith Lennox‘ enorme Stärke sind ihre charaktervollen und willensstarken Frauenfiguren, deren Schicksal sie eng mit den jeweiligen Zeitumständen verwebt. Nicht von ungefähr siedelt sie die Handlung oft zur Zeit der Weltkriege oder um sie herum an. Gerade in solchen Krisen und Zeiten des Umbruchs bekommen ihre Heldinnen die Chance, sich zu bewähren, über sich hinauszuwachsen und auch tradierte Rollenbilder infrage zu stellen – Frauen können und müssen Aufgaben übernehmen, die bislang den Männern vorbehalten waren.

Zum extrem überzeugenden Zeitkolorit gehören die akribischen Recherchen. Judith Lennox liest Biografien und Zeitdokumente, arbeitet sich tief in Berufsbilder ein, recherchiert Details zu Kleidermoden und Baustilen – z.B. für ihren neuesten Roman »Das Haus der Malerin«. Sie bereist auch die Schauplätze ihrer Bücher; für den vorliegenden Roman beispielsweise Spanien, wohin es die Künstlerin Sadie, die Titelheldin, verschlägt und wo sie die Auswirkungen des Franco-Regimes zu spüren bekommt.

Hat sich der Schreibstil der Autorin über die Jahre verändert? Wenn ja, wie?

Judith Lennox hat ihren Stil immer weiter verfeinert, die Personenzeichnung immer mehr differenziert. Außerdem hat sie auch ihren zeitlichen Rahmen verlagert. Begonnen hatte sie eigentlich mit historischen Romanen – noch ehe sie mit »Das Winterhaus« ihren Durchbruch bei den hiesigen Leserinnen schaffte, hatte sie »Bis der Tag sich neigt« und »Serafinas später Sieg« veröffentlicht. Erst bei Pendo entdeckte sie das bewegte 20. Jahrhundert als ideale Kulisse ihrer Romane.

Sie betreuen Judith Lennox seit Ihrem großen Erfolg mit »Das Winterhaus« vor 20 Jahren. Was bedeutet dieses Jubiläum für Sie?

Eine Autorin, die über zwanzig Jahre Bestseller schreibt, ist heute mehr denn je ein absoluter Schatz. Judiths Erfolgsgeschichte ist einzigartig und ihre enge Bindung an unseren Verlag etwas sehr Schönes. Für mich ist es natürlich großartig mitzuerleben, wie ihr Einfallsreichtum, ihre Kreativität und ihre Schreibdisziplin über all die Jahre belohnt wurden. Uns verbindet eine zwanzigjährige Arbeitsbeziehung, die heute auch eine Freundschaft ist – ich habe miterlebt, wie aus Judiths Söhnen junge Männer mit inzwischen eigenen Familien wurden. Heute widmet Judith ihre Romane dem jeweils jüngsten ihrer Enkelkinder.

 

Haben Sie eine Routine, die Sie befolgen, wenn Sie ein neues Manuskript von Judith Lennox bekommen? Worauf freuen Sie sich am meisten?

Lange bevor Judith Lennox ein neues Manuskript abgibt, spricht sie mit ihrer englischen Verlagslektorin und mit mir über ihre Ideen dazu: Handlung, Charaktere, Zeit, Schauplätze; wir diskutieren Plotideen und tragende Elemente, aber auch Details wie zum Beispiel Vornamen. Während des Schreibens zieht Judith sich über Monate zurück. So ist der Moment, wenn sie ein neues Buch abgeschlossen hat und das englische Manuskript mailt, jedes Mal aufregend – zu erfahren, wie sie die Handlungsfäden spinnt und auslegt, Spannung aufbaut, ihr Personal aufstellt, welche Wendungen sie diesmal eingebaut hat, welches Finale sie wählt.

 

Wem möchten Sie die Bücher von Judith Lennox besonders empfehlen?

Leserinnen, die sich nach wirklich guter Unterhaltung sehnen, kommen bei Judith Lennox absolut auf ihre Kosten. Ihre Bücher sind berührend, mitreißend, intensiv; echte emotionale Pageturner mit Niveau. Die beste Lektüre für Herbstabende oder gemütliche Wochenenden auf der Couch. Ihre Beständigkeit ist ein Versprechen: Jedes neue Buch von Judith Lennox ist, wie wenn man über Jahre immer wieder ins selbe Ferienhaus fährt – letztlich sind ihre Romane eine Art Heimkommen.

»Die Frau des Juweliers«

Judith Lennox

Die funkelnde Geschichte einer englischen Juweliersfamilie im 20. Jahrhundert

Mit »Die Frau des Juweliers« legt Judith Lennox einen weiteren Jahrhundert-Roman vor, der all die Schwierigkeiten, Irrungen und Wirrungen beleuchtet, mit denen Frauen im frühen 20. Jahrhundert zu kämpfen hatten.

Um einen genaueren Blick in das Buch zu erlangen, verrät die Autorin in ihrer Nachbemerkung zur deutschen Ausgabe von »Die Frau des Juweliers« mehr über ihre Protagonisten und gewährt einen kleinen Blick hinter die Kulissen ...

Judith Lennox über ihr neues Buch »Die Frau des Juweliers«

Die Träume einer jungen Frau

Kairo, 1938: Juliet ist neunzehn Jahre alt, als sie dem wohlhabenden Londoner Juwelier Henry Winterton begegnet. Er erzählt ihr von seiner Familie und seinem Haus, Marsh Court, im Marschland des Blackwater-Deltas in Essex. Sie hält das, was sie empfindet, für erwachende Liebe zu diesem Mann, tatsächlich jedoch ist es Sehnsucht nach etwas Dauerhaftem, einem Zuhause, einem Ende des Umherstreifens.

Die beiden heiraten, und Juliet lebt nun in Marsh Court. Erfahren und naiv zugleich, hat sie keine Ahnung, was von einer großbürgerlichen Ehefrau erwartet wird – wie man mit dem Personal umzugehen hat, wie man eine neue Garderobe bei einem Pariser Couturier ordert. Sie weiß, dass die Familie Winterton die Erfahrungen, die sie mitbringt – von Wurzellosigkeit, einem Leben von der Hand in den Mund, einem Abenteuer mit einem verheirateten Mann –, unakzeptabel finden würde, und verschweigt sie. So fängt sie an, Dinge zu verheimlichen – eine Gewohnheit, die ihr bleiben wird.

 

Das Geheimnis um Marsh Court

Marsh Court steht am Rand der Salzwiesendes Mündungsgebiets in einer Landschaft, die täglich ihr Gesicht verändert. Wenn die Flut kommt, schneidet das Wasser die Inseln im Delta vom Festland ab. Juliet sieht sich gefangen in ihrer unglücklichen Ehe und dem Lügennetz einer heimlichen Affäre. Der Damm ist ein bedeutungsvoller Ort im Roman, Schauplatz mehrerer Schlüsselszenen. Eine Insel im Blackwater-Mündungsgebiet lieferte mir das Vorbild für das von mir erdachte Thorney Island. Das erste Mal besuchte ich die Gegend im Frühjahr, als schwere Regenfälle und Hochwasser das Gebiet heimsuchten. Der Kai von Maldon war überschwemmt und die Insel nicht zu erreichen, da die einströmende Flut den Damm mit hoher Geschwindigkeit überspülte.

Einige Monate später kehrten wir zurück, nachdem wir über den National Trust einen Besuch gebucht hatten. Die Insel präsentierte sich uns sanft und schön, eine friedliche Oase mit Wildblumen und Schmetterlingen, auch wenn sie sich im Winter gewiss von einer ganz anderen Seite zeigt. Nur ein Haus steht dort – von Wind und Wasser umgeben, ganz den Elementen ausgesetzt.

 

Die Entfremdung der Protagonisten

Den Kern der Handlung in »Die Frau des Juweliers« bildet die Beziehung zwischen Juliet und Henry Winterton. Ihre Ehe scheitert praktisch, noch ehe die Flitterwochen vorbei sind. Henry liebt es, Spannungen zu schüren und andere zu reizen. Er empfindet großes Vergnügen, wenn er selbst seine engsten Freunde und die Mitglieder seiner Familie provozieren und bloßstellen kann. Wie kam es, dass das einzige Mitglied der Familie Winterton, das sie nicht liebgewonnen hatte, ihr eigener Mann war? Das ist die Frage, die Juliet sich stellt.

In »Die Frau des Juweliers« wollte ich der Frage auf den Grund gehen, wie man, gefangen in einer Beziehung, die so schnell scheitert, überleben kann – und wie man sie ertragen und sogar Trost und eine Zukunft finden  kann. Der letzte Teil des Romans spielt in den 1960er-Jahren, zu einer Zeit, als London sich allmählich alter Zöpfe entledigt und bereit ist für einen neuen Lebensstil. Juliet ist mittlerweile zu einer lebensklugen und patenten Frau gereift, die sich schwierigen und beängstigenden Aufgaben stellt und endlich an einem unerwarteten Ort die Liebe findet.

 

 

Eine leidenschaftliche Affäre und ein schreckliches Geheimnis

Judith Lennox ist eine meiner absoluten Lieblingsautorinnen. Jetzt ist der Herbst da, die Abende werden länger: ideal, um in ihren neuen Roman »Die Frau des Juweliers« zu versinken.

Im Mittelpunkt steht Juliet, die als sehr junge Frau in die englische Juweliersdynastie Winterton einheiratet – beeindruckt von deren selbstbewusster Noblesse und geschmeichelt durch Henry Wintertons drängendes Werben. Marsh Court, der Landsitz der Wintertons, wird ihr schnell zum Zuhause, aber ihre Ehe mit dem stolzen Henry, das muss sie früh erkennen, war ein Fehler. Ausgerechnet Henrys bester Freund wird Juliets Liebhaber. Von ihm lässt sie sich in ein schreckliches Geheimnis hineinziehen, durch das sie am Ende alles verlieren könnte.

Einmal mehr schafft es die englische Erfolgsautorin Judith Lennox, eine starke, beeindruckende Frau zur Schlüsselfigur eines absolut mitreißenden, vielschichtigen Familienromans zu machen, in dem auch die Spannungsmomente und das Zeitkolorit nicht zu kurz kommen. Elegant und mit viel Gefühl begleitet sie ihre Figuren durch drei überaus bewegte Jahrzehnte. Ein großartiger Schmöker und das perfekte Geschenk!


Bettina Feldweg, Programmleitung Malik
 

 

geboren 1953 in Salisbury, wuchs in Hampshire auf. Sie ist eine der erfolgreichsten Autorinnen des modernen englischen Gesellschaftsromans und gelangt mit jedem neuen Buch auf die deutschen Bestsellerlisten. Judith Lennox liebt Gärtnern, ausgedehnte Wanderungen, alte Häuser und historische Stätten. Sie lebt mit ihrem Mann in Cambridge. Die beiden sind Eltern dreier erwachsener Söhne.

 

 

Interview mit Judith Lennox zu »An einem Tag im Winter«

Videotranskription

Charaktere, mit denen man sich identifizieren kann, sind das Wichtigste an einem Buch, meint die britische Autorin Judith Lennox. Mehr zur Entstehung ihres Romans »An einem Tag im Winter« und zu den autobiografischen Aspekten der Geschichte im Interview.

Worum geht es in Ihrem Buch?

Das Buch beginnt in den 1950-ern, genauer 1952. Es handelt von Ellen Kingsley, die ihren ersten Arbeitstag an einem Wissenschaftlichen Institut, Gildersleve Hall, in der Nähe von Cambridge in England auf dem Land antritt. Sie ist eine junge Wissenschaftlerin, deren Karriere gerade beginnt. In einer Zeit, in der die meisten Wissenschaftler männlich sind, beginnt sie in einem von Männern dominierten Arbeitsbereich zu arbeiten.

Sie geht zur Arbeit in Gildersleve Hall, es ist ihr Traum, dort zu arbeiten, als sie dort anfängt, passieren verschiedene Dinge: Sie verliebt sich, außerdem wird sie in eine Tragödie verwickelt. Sie gerät in einen Konflikt mit Dr. Marcus Pharoah, dem Institutsleiter, und das verändert ihr ganzes Leben. Das katapultiert sie in eine Richtung, von der sie nicht erwartet hätte, diese einzuschlagen.

Ellen ist eine sehr ehrliche Person, Ehrlichkeit ist ihr sehr wichtig. Sie wird mit Menschen konfrontiert, die nicht so ehrlich sind, was ihr Leben ebenfalls verändert. Sie muss lernen, ihren eigenen Weg zu finden, an dem festzuhalten, woran sie glaubt, und ihren Weg zu machen.

Für wen haben Sie dieses Buch geschrieben?

Ich schreibe nun seit über 25 Jahren, und ich würde sagen, dass ich in erster Linie für meine Leser schreibe. Aber außerdem schreibe ich auch für mich selbst. Ich hoffe, meinen Lesern gefällt die Art Bücher, die ich gerne lese, die eine starke Handlung haben, die einen motiviert, weiterzulesen.

Romane, die über Charaktere verfügen, mit denen man sich identifizieren kann, mit denen man mitfühlt. Für mich ist das das Wichtigste an einem Buch. Die Handlung spielt für mich an sich nicht so eine große Rolle, aber ich möchte, dass man eine Beziehung zu den Figuren aufbaut. Sie müssen nicht alle nur gut oder nur schlecht sein. Ich glaube, meine Charaktere sind meistens eher eine Mischung. Ich denke, ich schreibe also für Menschen, die meine Bücher über all die Jahre gelesen haben, und natürlich auch für mich selbst.

Was bedeutet Ihnen dieses Buch? 

Meine Eltern waren beide Wissenschaftler, sie haben sich an einem wissenschaftlichen Forschungsinstitut in England auf dem Land in den späten 1940-ern kennengelernt. Hier trafen sie sich, verliebten sich ineinander und verlobten sich. Meine Mutter war Wissenschaftlerin, genau wie Ellen, in einer Zeit, in der nur wenige Frauen als Wissenschaftlerinnen tätig waren. Ich glaube, es war ein ganz schöner Kampf für sie,  Karriere zu machen. Besonders als sie heiratete und Kinder bekam. 

Der Großteil meiner Familie besteht aus Wissenschaftlern oder arbeitet mit ihnen zusammen. Und ich bin eine der wenigen Ausnahmen. Ich weiß also, glaube ich, ein bisschen was über Wissenschaftler. Außerdem dachte ich, es wäre mal etwas anderes, eine Romanheldin aus diesem Bereich zu haben. Man neigt immer dazu, zu denken, es gäbe viele wissenschaftliche Heldinnen in Krimis, allerdings sind es in der Art von Romanen, die ich schreibe, nicht so viele. 

Ein weiterer, persönlicher Aspekt ist, dass ein Teil des Buches in Schottland spielt, auf einer kleinen Insel vor der schottischen Küste, die Seil heißt. Ich bin schon lange mit einem Schotten verheiratet und bin daher eine Menge in Schottland umhergereist. Ich liebe die schottischen Inseln, ganz besonders Seil, das ich extra für die Recherchearbeit zu diesem Buch besucht habe. Es ist ein sehr einzigartiger Ort. Ich mag Inseln. 

Wir waren schon auf verschiedenen Inseln in der ganzen Welt. Ich mag die Tatsache, dass sie sich so sehr voneinander unterscheiden. Seil ist eine sehr kleine Insel, aber es gibt eine noch kleinere: Easdale, die man in einer Stunde umrunden kann. Beide Inseln verströmen ein ganz unterschiedliches Gefühl, jede eine ganz eigene Atmosphäre. Ich war sehr angetan davon, deshalb wollte ich diesen Aspekt auch in das Buch einbauen.

Was sind Ihre Pläne für die Zukunft? 

Ich habe angefangen, an einem neuen Buch zu schreiben, es spielt größtenteils im Südwesten Englands in Devon, an der Küste. Es geht um ein Haus. Darum, was dieses Haus der Familie, die dort lebt, bedeutet. Manche Familienmitglieder lieben es, andere hassen es, manche würden alles tun, um es zu behalten. Außerdem geht es darum, welchen Effekt das Haus auf die Menschen hat. 

Ich glaube, Umgebung und Umwelt beeinflussen einen Menschen, beeinflussen die Art Mensch, die er ist, und darüber wollte ich schreiben. Es handelt von drei Generationen, beginnt im Ersten Weltkrieg und endet in den 1970-ern. Dieser Roman umfasst also eine weite Zeitspanne. Ich bin wirklich gespannt und freue mich darauf, weiterzuschreiben. 

Was möchten Sie Ihren Lesern mit auf den Weg geben?

Ich möchte mich bei meinen deutschen Lesern bedanken für all die Jahre, in denen sie mich schon unterstützen, danke dafür, dass Sie meine Bücher lesen! Das bedeutet mir wirklich sehr viel. Ich bin schon sehr gespannt auf die deutsche Veröffentlichung von  »An einem Tag im Winter« und hoffe, dass es Ihnen gefällt!

An einem Tag im WinterAn einem Tag im Winter

Roman

Die junge Naturwissenschaftlerin Ellen stößt in ihrer ersten Stelle im Cambridgeshire der 1950er-Jahre auf die unterschiedlichsten Kollegen, auf geheime Liebesbeziehungen – und auf einen Chef, der durch seine fachliche Brillanz besticht und den zugleich ein dunkles Rätsel umgibt. Als Ellen gerade anfängt, am Institut Fuß zu fassen, kommt es zu einem mysteriösen Todesfall, der die Weichen nicht nur für ihre berufliche Zukunft völlig neu stellen wird …
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Teil I

Gildersleve

1952

 

1

Es war der erste kühle Morgen im September.

Vereinzelt fielen Blätter von den Bäumen und sprenkelten die Ränder der schmalen, von Hecken gesäumten Landstraße, die sie in scharfem Winkel von der Chaussee weg durch ein Haselwäldchen führte, in Gelb und Rot. Die frische Herbstluft weckte Aufbruchsstimmung, Gedanken an den Beginn eines neuen akademischen Jahres, die Lust, nach der Mattigkeit des Spätsommers endlich wieder tätig zu werden.

Soso, du gehörst jetzt also zu Pharoas Truppe. Die Bemerkung, die ein Bekannter von der Universität kurz nach ­ihrem Einstellungsgespräch vor sechs Wochen gemacht hatte, als sie ihm von der Anstellung erzählte, fiel Ellen Kingsley wieder ein, als sie jetzt den Hang hinaufradelte. In der Erinnerung schien ihr, als wären die Worte von leichtem Spott, vielleicht sogar einer gewissen Herablassung gefärbt gewesen. »Ja, und ich freue mich darauf, in Gildersleve Hall zu arbeiten, falls du das meinst«, hatte sie erwidert, stolz und aufgeregt.

Oben auf dem Hügel angekommen, bremste sie ab und gönnte sich einen Blick über das flache Tal. Sie hatte Hecken und Bäume hinter sich gelassen, und vor ihr ausgebreitet ­lagen Äcker und Wiesen, die wie ein gelb-braun gemusterter Fleckenteppich die sanft gewellte Ebene überzogen. Ein kleiner grauer Traktor tuckerte über ein Stoppelfeld. Weiße Vögel kreisten am blauen Himmel, bevor sie auf frisch aufgeworfenen Erdschollen landeten.

Jenseits des Ackerlands hob sich wuchtig und stolz ­Gildersleve Hall von dieser schlichten Landschaft ab. Ein halbes Dutzend Silberpappeln, deren noch dicht belaubte Kronen im leichten Wind glitzerten, stand nahe bei dem Gebäude, und zur Straße hin zog sich in gekrümmter Bahn eine Reihe Zypressen. Auf der einen Seite ragte ein mit Efeu bewachsener Turm in die Höhe. Die tief heruntergezogenen Traufen über den zwei ausladenden Erkerfenstern verliehen dem Haus ein finsteres Gesicht, so als runzelte es die Stirn; der Herbstsonnenschein schien in den Klinkermauern und den grauen Schieferdächern zu versickern. Das Haus wirkte geheimnisvoll, beinahe bedrohlich, und hätte Ellen an Geister geglaubt, so hätte sie vielleicht Angst gehabt, in seinen Mauern könnte es spuken.

Aber es gab immer eine rationale Erklärung für alles. Sie wusste, dass die überladene pseudogotische Architektur der viktorianischen Zeit zu Schauerphantasien von finsteren Geheimnissen und übersinnlichem Treiben einlud, und war sich ziemlich sicher, dass die Fenster nur deshalb blind erschienen, weil die Wissenschaftler, die in den Labors arbeiteten, zum Schutz vor der blendenden Sonne die Jalousien heruntergezogen hatten. Der Anflug von Beklemmung, den sie
verspürte, war ohne Zweifel nichts anderes als eine Begleit­erscheinung der Erregung, mit der sie dem ersten Tag an ­ihrem neuen Arbeitsplatz entgegensah.

Hier bot sich ihr die große Chance, für die sie gearbeitet, die sie herbeigesehnt hatte. Dieser Tag war der Beginn ihrer Zukunft.

Das Labor, in dem sie ihre Kristalle züchten würde, befand sich im obersten Stockwerk von Gildersleve Hall.

Eine Sekretärin empfing sie bei ihrer Ankunft. Ein Mann, etwa in ihrem eigenen Alter, der gerade die Treppe hoch­eilen wollte, drehte sich nach ihr um, als er sie unten hörte, und sagte: »Sie sind sicher die neue Forschungsassistentin.« Er stellte sich ihr als Martin Finch vor und erbot sich, sie zu ihrem Labor hinaufzubringen. Auf dem Weg nach oben bemerkte Ellen in den Gängen flüchtig Büros und Labors, ein hochgewachsener, dunkelhaariger Mann eilte an ihnen vorüber und grüßte mit einem kurzen Wort und einem Nicken.

Martin Finchs etwas teigiges Gesicht unter dem seitlich gescheitelten, kurzen braunen Haar war bis auf die dicken schwarzen Augenbrauen und den vollen Mund eher unscheinbar. Er trug sein Tweedjackett offen über Hemd und Krawatte, ab und zu schob er mit einer kantigen Fingerspitze die Schildpattbrille hoch, die ihm immer wieder den Nasenrücken hinunterrutschte.

Oben hielt er ihr die Tür auf. »In diesen Räumen ist es im Winter immer eisig«, sagte er. »Hoffen wir, dass die feurige Leidenschaft für die Naturwissenschaften Sie warm halten wird.«

Ja, und mehrere Pullover übereinander dazu, dachte Ellen. Kalte Zugluft pfiff durch das kleine Zimmer. An zwei Wänden standen Arbeitstische mit Mikroskopen, Bunsenbrennern und Destilliergeräten. Zwei aneinandergeschobene Schreibtische nahmen die Mitte des Raumes ein, der eine leer bis auf eine Lampe und ein Tintenfass, der andere mit Papieren, Schreibgeräten, Labortagebüchern und Rechenschieber beladen. In eine Ecke hatte man einen Aktenschrank aus schwarzem Metall gequetscht, Bücher und Archivboxen waren auf langen Borden gestapelt. An einer Wand hing ein französischer Kalender.

»Mein letzter Arbeitsplatz war auch nicht gerade der reine Luxus, Dr. Finch«, sagte Ellen. »Vier Leute in einem Raum von der Größe einer Abstellkammer, und draußen vor der Tür ein Bombenkrater.«

»Nennen Sie mich doch einfach Martin, Miss Kingsley. Und einen Doktortitel hab ich auch nicht. Ich bin nur ein schlichter Mister. Soll ich Ihnen in aller Kürze etwas über die anderen erzählen?«

»Das wäre nett, ja.«

»Wir haben hier zwei Gruppen von Wissenschaftlern, ich nenne sie Alpha und Beta.«

»Und welches ist die Alphagruppe?«

»Wir natürlich. Wir sind weniger, aber wir sind schlauer. Wir sind die Proteingruppe. Die Phagengruppe – die Betas – sitzen drüben auf der anderen Seite des Hauses. Wir sind hier ungefähr zwanzig Wissenschaftler, dazu kommen verschiedene andere Mitarbeiter – Techniker, Sekretärinnen und dergleichen. Sie teilen sich das Labor hier mit Mam’zelle.«

»Mam’zelle?«

»Andrée Fournier. Wir nennen sie Mam’zelle. Sie ist Französin. Eher zurückhaltend. Kocht sich immer ihren eigenen Kaffee in einer kleinen Kammer nebenan, wo Männern der Eintritt unter Lebensgefahr verboten ist. Sie hat ein paar Wochen nach mir vor etwa einem Jahr hier angefangen und forscht über Myoglobin. Einige der älteren Männer sind schon weit länger hier. Wer hat denn mit Ihnen gesprochen, als Sie sich vorgestellt haben?«

»Dr. Kaminski.«

»Gott, der ist schon seit Ewigkeiten in Gildersleve. Seit dem Krieg, als hier im Auftrag der Regierung streng geheim geforscht wurde. Er ist Pole, ein kluger Kopf. Damals war er zunächst bei der Royal Air Force. Erst nachdem er bei ­einem Einsatz ziemlich böse zusammengeschossen worden war, ist er hier gelandet.«

Ellen hatte bei ihrem Gespräch mit Dr. Kaminski die entstellenden Narben auf der einen Gesichtshälfte bemerkt und schon vermutet, dass sie das grausame Erbe des Krieges waren. Es war ihr schwergefallen, den Mann anzusehen, ohne Erschrecken oder Mitleid zu zeigen.

»Kaminski ist Pharoahs rechte Hand«, fuhr Martin fort. »Er vertritt ihn, wenn er auf Reisen ist. Wie jetzt, wo er an einer Konferenz in Amerika teilnimmt. Padfield und Farmborough gehören auch zur alten Garde, beide kommen ebenfalls vom Militär. Padfield ist ein erstklassiger Schlagmann, er ist Kapitän unserer Kricketmannschaft. Im Sommer spielen wir ab und zu gegen die Kollegen aus Cambridge, wissen Sie, das macht allen immer einen Heidenspaß. Aber Kricket ist wahrscheinlich nicht gerade Ihr Ding, oder?«

Sie lächelte. »Ach, ein bisschen kenne ich mich schon aus. Mein Bruder spielt mit Begeisterung.«

»Padfield und Farmborough sind Chemiker, Kristallografen. Für die beiden müssen Sie in Zukunft Ihre Kristalle züchten. Und natürlich für Kaminski. Außerdem sitzt hier oben noch Toby Dorner. Physiologische Chemie. Er ist Jude und in den Dreißigerjahren aus Österreich rübergekommen, als er noch ein Kind war.«

»Und der Mann, der uns auf der Treppe begegnet ist? Groß, dunkel?«

»Sie meinen Jock? Er heißt eigentlich Alec Hunter, aber wir nennen ihn alle Jock.«

»Dann ist er wohl Schotte?«

»Gut kombiniert.«

Sie konnte nicht sagen, ob seine Worte sarkastisch gemeint waren oder nicht.

»Ich nehme an, Sie werden feststellen, dass wir alle ganz umgängliche Leute sind«, meinte Martin. »Bis auf Dr. Redmond. Er ist auch schon seit dem Krieg hier. Farmborough hat mir mal erzählt, dass er damals Pharoah vorgesetzt war. Er ist ein komischer Kauz.«

»Warum sagen Sie das?«

Finch trat ans Fenster. »Das da drüben ist das Cottage, in dem er lebt.«

Sie blickte hinunter auf das hinter Gildersleve Hall gelegene Gelände, auf dem mehrere Nebengebäude standen, so auch der Schuppen, in dem sie ihr Fahrrad abgestellt hatte. In einiger Entfernung schimmerten die hohen Pappeln, die sie von der Straße aus gesehen hatte, und dahinter dehnten sich, von Hecken durchzogen, umgepflügte Felder. Ellens Blick folgte Martins ausgestrecktem Zeigefinger, der auf den Hori­zont zu deuten schien, und dann sah Ellen das kleine Haus, das neben einem Waldgebiet stand.

»Mitten im Nichts«, sagte er. »Aber so mag er’s, dieser miesepetrige alte Kerl. Sein Labor hat er im Turm. Wehe, man wagt sich da rein!«

»Vielleicht mag er einfach keine Störungen.«

»Vielleicht mag er einfach keine Menschen. Ich glaube nicht, dass er auch nur einen einzigen Freund auf der Welt hat.«

»Ist er verheiratet?«

Martin lachte laut heraus. »Du lieber Gott, nein. Padfield und Farmborough haben Familie. Alle anderen aus unserer Gruppe sind frei und ungebunden.« Er hatte seine Brille abgenommen und polierte ihre Gläser mit seiner Krawatte. Sein nackter Blick, bemerkte Ellen, hatte etwas Stechendes.

»Kommen Sie hier aus der Gegend?«, fragte er sie.

»Nein, eigentlich aus aller Welt. Mein Vater ist beim Militär. Ich habe in Bristol studiert.«

»Ah, wie ich, in der akademischen Provinz. Wo sind Sie untergekommen?«

»In Copfield. Ich fand das am bequemsten. Die vier Kilometer sind mit dem Fahrrad ein Klacks.«

»In Copfield gibt es ein ganz ordentliches Pub, das Green Man.« Er setzte seine Brille wieder auf und zwinkerte mehrmals. »Ein paar von uns gehen da manchmal nach der Arbeit hin, um einen zu trinken. Kommen Sie doch mal mit – wir sind, wie gesagt, alle ganz umgänglich …«

Martin brach ab, als die Tür geöffnet wurde. Eine auffallend hübsche Frau im weißen Labormantel, klein und zierlich, mit glänzendem dunklem Haar, das sie hochgesteckt trug, trat ins Zimmer, in einer Hand eine mit einer Untertasse zugedeckte Kaffeetasse. »Hallo, Martin.« Sie stellte die Tasse auf den Arbeitstisch und wandte sich Ellen zu. »Sie sind sicher Miss Kingsley. Ich bin Andrée Fournier.« Sie hatte ein herzförmiges Gesicht mit makelloser, zart gebräunter Haut und tiefbraunen Augen, die sie mit einem Hauch Lidschatten und Wimperntusche betonte.

Lächelnd reichte sie Ellen die Hand, dann sagte sie: »Vielen Dank, Martin. Ich kann jetzt Miss Kingsley hier oben ­alles zeigen.« Als Martin gegangen war, fragte sie: »Möchten Sie eine Tasse Kaffee, Miss Kingsley? Es ist noch etwas da.«

»Gern, danke.«

»Kommen Sie, ich zeige Ihnen, wo Sie Ihren Mantel aufhängen können.«

Sie führte Ellen über den Flur und öffnete eine Tür. Der Raum dahinter war sehr klein, kaum breiter als ein Korridor: ein hohes, schmales Fenster, das ein Stück Himmel umrahmte, eine nackte Glühbirne, ein Spültisch und ein Tauchsieder, darüber ein Spiegel und an der Wand daneben mehrere Garderobenhaken, von denen ein einsamer grauer Mantel und ein roter Wollschal herabhingen.

Ellen hängte ihren Mantel an den zweiten Haken und atmete tief den Kaffeeduft ein. »Köstlich.«

»Der Kaffee, den die anderen trinken, ist grauenvoll. Meine Mutter schickt mir die Bohnen aus Frankreich.« Neben dem Tauchsieder stand eine Kaffeekanne. Andrée schenkte eine Tasse ein.

»Martin ist ja wirklich nett«, bemerkte Ellen.

»Äh – ja. Obwohl – diese Männer, die jedem irgend­einen
albernen Spitznamen verpassen müssen … Martin kann wahn­-
sinnig kindisch sein. Bitte, da ist Zucker.«

»Ja, ich weiß, wie einem Spitznamen auf die Nerven gehen können.«

»Sie werden ab sofort ›die Rote‹ heißen, Miss Kingsley«, erklärte Andrée Fournier trocken.

Ellen lachte. »Die war ich schon während meiner ganzen Schul- und Studienzeit, daran bin ich gewöhnt. Immer noch besser als ›Karottenkopf‹.«

»Sie haben tolle Haare. Dieses dunkle Rot. Als kleines Mädchen habe ich mir immer solche Haare gewünscht.«

Während Ellen mit Genuss ihren Kaffee trank, fragte sie: »Wie machen Sie das mittags? Ich habe mir für alle Fälle ein paar Brote mitgenommen.«

»Padfield und Farmborough fahren mittags oft nach Hause, aber die meisten von uns nehmen sich etwas mit und essen unten im Aufenthaltsraum. Da brennt immer ein Feuer, das ist im Winter schön warm. Ich persönlich bleibe manchmal lieber hier oben. Im Aufenthaltsraum ist es oft so laut. Miriam kocht für Pharoah und Kaminski. Und auch für die anderen Männer, wenn sie im Speisesaal essen.«

»Nur für die Männer?«

»Frauen haben zum Speisesaal keinen Zutritt. Das ist Tradition. Die anderen essen dort, wenn wir hier Gäste haben.«

Andrée Fourniers Stimme blieb während des ganzen Gesprächs merkwürdig klanglos, was Ellen der Schwierigkeit zuschrieb, sich in einer fremden Sprache auszudrücken. »Aus welcher Gegend Frankreichs kommen Sie?«, fragte sie.

Ein Hauch von Lebendigkeit bewegte das vollendet gemeißelte Gesicht. »Aus Paris. Kennen Sie die Stadt?«

»Nur oberflächlich. Ich war im letzten Jahr für eine ­Woche dort. Über die Universität. Es war ein Erlebnis – die Stadt ist hinreißend! Ich kann mir vorstellen, dass sie Ihnen fehlt.«

»O ja«, bestätigte Andrée Fournier und schaute auf ihre Uhr. »Schon Viertel vor neun. Wir sollten anfangen.«

Um eins gingen Ellen und Andrée in den Aufenthaltsraum hinunter, dessen großes Erkerfenster auf den gekiesten Hof vor dem Haus hinausblickte. Er hatte einen elektrisch beheizten offenen Kamin und war mit Tischen und Sesseln sowie einigen ziemlich harten Stühlen und Hockern möbliert. Besonders ordentlich war es hier nicht gerade, auf den ­Tischen leisteten überquellende Aschenbecher, Apfelreste und leere Kekspackungen vergessenen Stiften, Zeitungen und Fachjournalen Gesellschaft. Der ganze Raum roch nach kaltem Rauch und Pulverkaffee. Auf einem Grammofon lief ein Song von Rosemary Clooney.

Andrée setzte sich auf einen Hocker und packte ihre belegten Brote aus. Ellen nahm den Stuhl neben ihr.

»Ah, unser Neuzugang. Willkommen in unserer fröhlichen Runde.« Ein stattlicher Mann mit rotem Gesicht legte seine Zeitung weg und kam quer durch den Raum auf Ellen zu. »Farmborough, Bill Farmborough. Herzlich willkommen in Gildersleve Hall, Miss Kingsley.«

»Danke.« Sie gab ihm die Hand.

»Darf ich Sie mit den anderen bekannt machen? Der Einfaltspinsel dort drüben in der Ecke ist Denis Padfield.« Ein Mann mit beginnender Glatze in einem Fischgrät-
jackett brummte und winkte kurz herüber. »Finch haben Sie ja schon kennengelernt. Und das ist Toby Dorner. Stell das fürchterliche Gebräu weg, das du mal wieder verbrochen hast, Troll, und sag schön guten Tag.«

Toby Dorner war jung, klein und schmächtig, hatte kurzes lockiges Haar und abstehende Ohren und wirkte insgesamt tatsächlich wie ein verschmitzter kleiner Kobold. »Es ist mir ein Vergnügen, Sie kennenzulernen, Miss Kingsley.« Er stand auf und reichte ihr die Hand. »Ich freue mich auf die Zusammenarbeit.« Er sprach mit kaum merklichem Akzent.

Ein Mann schaute suchend zur Tür herein. Ellen erkannte ihn, Alec Hunter, der Mann, dem sie heute schon im Treppenhaus begegnet war.

»Komm rein, Jock«, forderte Bill Farmborough ihn auf, »und lass dich mit Miss Kingsley bekannt machen.«

Hunter stellte sich Ellen vor, aber er wirkte zerstreut, als er sie begrüßte, offenbar war er in Gedanken woanders. Er wedelte kurz mit den Papieren in seiner Hand. »Kaminski wollte das haben. Weiß jemand, wo er steckt?«

»Ich habe ihn zuletzt auf dem Weg in den Turm gesehen.«

»Danke. Bitte entschuldigen Sie mich, Miss Kingsley.« Und schon war Hunter wieder verschwunden, doch die Erinnerung an seine Erscheinung – hohe Stirn, leicht schräg stehende tiefblaue Augen, ein fester, wohlgeformter Mund, eine schmale, gerade Nase und leicht zerrauftes dunkles Haar – bestand fort wie der Nachglanz eines hellen Lichts.

Es folgte eine Diskussion über ihre Unterkunft. Ellen habe Glück gehabt, bei Mrs. Bryant mieten zu können, sagte jemand, und von allen Seiten wurden Schauergeschichten über die Zimmersuche in der Gegend zum Besten gegeben.

»Troll ist unheimlich sportlich«, frotzelte Martin. »Er radelt bei jedem Wetter. Ich fahre lieber mit dem Auto, faul wie ich bin.«

»Von wegen Auto. Eine Rostlaube ist das«, spottete Denis Padfield. »Bei Regen fällt jedes Mal unweigerlich irgendein Teil ab.«

Martin knüllte ein Zeitungsblatt zu einer Kugel zusammen und warf sie nach Padfield. Andrée stand auf und ging aus dem Zimmer.

Padfield seufzte. »Du hast’s wieder mal geschafft, Martin. Du fällst ihr auf die Nerven, und wir müssen es dann ausbaden.«

»Warum sagen alle Troll zu Ihnen, Dr. Dorner?«, fragte Ellen.

»Na, er sieht doch aus wie ein Troll, finden Sie nicht? Klein und große Ohren …«

»Außerdem ist er der Einzige, der sich im Dunkeln zurechtfindet«, erklärte Martin. »Bei jedem Stromausfall trollt er munter durch die Gegend, während wir anderen hilflos über die eigenen Füße stolpern.«

»Gibt es denn hier öfter Stromausfälle?«

»Hin und wieder. Das Haus hat einen eigenen Generator.«

Auf einem Tisch beim Fenster stand ein elektrischer Wasserkocher, darüber waren auf Borden neben Tee und Kaffee Henkelbecher aufgereiht. Ellen erkundigte sich, ob jemand etwas trinken wolle; Denis Padfield bat um Tee. Sie nahm zwei Becher vom Regal.

»Nicht den gestreiften«, sagte Bill Farmborough. »Das ist der von Redmond. Der regt sich wahnsinnig auf, wenn jemand seinen Becher benutzt.«

Ellen stellte den gestreiften Becher zurück und nahm ­einen anderen. Sie waren alle nett und freundlich, dachte sie, aber sie konnte auch verstehen, dass sie für Andrée Fournier manchmal schwer zu ertragen waren. Sie selbst war diese flapsigen Pennälerfrotzeleien gewöhnt; ihr Bruder war vier Jahre jünger als sie.

Sie blickte auf, als ein Mann mittleren Alters ins Zimmer trat. Er war mittelgroß, ging aber so gekrümmt, dass sein Blick nicht nach oben reichte. Das grau melierte Haar, das eigentlich einen Schnitt gebraucht hätte, lichtete sich am Scheitel, und seine Brille war eines der hässlichen Standardmodelle, die der National Health Service kostenfrei stellte. Auch seiner Kleidung nach zu urteilen – er trug ein nicht mehr ganz sauberes Hemd unter einer ausgebeulten braunen Cordjacke mit zerschlissenen Lederbesätzen an den Ellbogen – schien er wenig auf sein Äußeres zu geben.

»Hallo, Redmond«, begrüßte ihn Toby Dorner, aber er ­reagierte gar nicht. Ohne rechts und links zu blicken, ging er auf den Tisch mit dem Wasserkocher zu, nahm den gestreiften Becher vom Regal und löffelte Tee hinein. Als das Wasser kochte, goss er es in den Becher und rührte kräftig um.

»Guten Morgen, Dr. Redmond«, sagte Ellen und stellte sich vor. Er stand nur einen Schritt von ihr entfernt, aber er sah sie nicht einmal an. Als wäre sie unsichtbar. Als wäre sie gar nicht vorhanden.

Mit seinem Teebecher in der Hand drehte er sich um und ging wieder hinaus. »War nett, mit Ihnen zu reden, Redmond!«, rief Padfield ihm nach, und die anderen lachten unterdrückt.

»Oh, Pharoah«, sagte Bill Farmborough plötzlich. »Schon zurück? Ich dachte, wir würden Sie vor Ende der Woche nicht zu sehen bekommen.« Alle wurden still, so schlagartig, als wäre ein Schalter umgelegt worden.

Es war Ellens erste Begegnung mit Marcus Pharoah, dem Direktor von Gildersleve Hall. Er sah beeindruckend aus, groß, breitschultrig und elegant in einem fabelhaft geschnittenen anthrazitgrauen Anzug. Der Kragen seines weißen Hemds knisterte vor Frische, und die in gedämpften Rost- und Goldtönen gestreifte Seidenkrawatte war angemessen dezent. Ein attraktives, ebenmäßiges Gesicht, schwarzes, von ersten weißen Fäden durchzogenes Haar. Er bewegte sich mit der lockeren Selbstverständlichkeit eines Mannes, der es gewöhnt ist, Aufmerksamkeit auf sich zu zie-
hen.

»Guten Morgen, meine Herren. Und guten Morgen, meine Dame.« Der Blick seiner dunklen Augen richtete sich auf Ellen. »Miss Kingsley?«

Er hieß sie in Gildersleve willkommen und entschuldigte sich dafür, dass er nicht früher Gelegenheit gehabt hatte, sie zu begrüßen. »Hat meine Truppe Sie gut aufgenommen, Miss Kingsley?«

»Danke, ja, sehr gut.«

»Das freut mich. Erlauben Sie mir, Ihnen kurz zu skizzieren, was mir vorschwebte, als ich hier die Leitung übernahm. Ich wollte eine Forschungseinrichtung der disziplinenübergreifenden Zusammenarbeit ins Leben rufen. Mit Biochemikern, Molekularbiologen, Physikern, Chemikern, Kristallografen – vielleicht auch ein, zwei Mathematikern. Ich wollte eine Umgebung schaffen, in der neue Ideen gedeihen, sich miteinander verbinden und offen aufgenommen werden können. Andere Institute – das King’s und das Cavendish zum Beispiel – streben Ähnliches an, aber ich bilde mir gern ein, dass es uns besser gelungen ist. Einige unserer Gäste haben mir erklärt, sie hielten die Atmosphäre in Gildersleve Hall für umtriebig, aber mir gefällt das. Ich kann mir nicht vorstellen, dass große Ideen aus klösterlicher Stille erwachsen. Meiner Ansicht nach entwickeln sie sich eher in einem brodelnden Schmelztiegel, auch wenn das Gären und Blubbern mit einer gewissen Unruhe verbunden ist.«

In der Stille, die folgte, fragte sich Ellen, ob außer ihr noch jemand im Raum gegen den Drang zu applaudieren anzukämpfen hatte.

Dann erkundigte sich Bill Farmborough: »Wie war der Ausflug in die Staaten, Pharoah?«

»Nützlich, sehr, sehr nützlich. Aber wir dürfen nicht nachlassen, meine Herren – den Schnellen gehört der Sieg.« Pharoah lächelte. »Und wenn mir nicht bald jemand eine Tasse Tee anbietet, gehe ich ein.«

»Das wollen wir doch auf keinen Fall. Unser Herr und Meister – zu einem Häufchen Staub verpufft.« Farmborough setzte Wasser auf.

Ein lebhaftes Gespräch über die Forschungsansätze, die im Institut verfolgt wurden, entspann sich nach Pharoahs Vortrag, unterschiedliche Meinungen prallten aufeinander, Hypothesen wurden unter die Lupe genommen und mit sachlicher Präzision seziert. Dann entschuldigte sich Marcus Pharoah und verschwand wieder.

Ellen aß ihre Brote, Bill Farmborough kehrte zu seiner Zeitung zurück, jemand holte ein Schachbrett heraus, und Rosemary Clooney sang mit schmelzender Stimme: If you loved me half as much as I love you …

Sie war wahrscheinlich von Anfang an ein Vaterkind gewesen. Ihr Vater, Offizier bei den Royal Engineers, war es gewesen, der ihre Begeisterung für die Mathematik und die Naturwissenschaften gefördert hatte, wo er nur konnte. Er hatte ihr gezeigt, wie man einen Motorradmotor auseinandernahm und wieder zusammensetzte, mit ihm zusammen hatte sie in der frostklaren Dunkelheit auf der Hochebene von Salisbury gestanden und einen Meteorschauer beobachtet.

Ihre Kindheit war von einer endlosen Reihe von Umzügen geprägt gewesen. Und bei jeder Versetzung ihres Vaters zu einem anderen Militärstützpunkt hatten ein neues Haus, eine neue Schule, eine neue Umgebung und neue Menschen auf sie gewartet. Sie hatte gelernt, sich Namen zu merken und sich überall zurechtzufinden. Mit zwölf kam sie auf ein Internat in Buckinghamshire, dort war sie glücklich. Die Schule war ihr ein Zuhause, vor allem während des Krieges. Ein Lehrer hatte ihre naturwissenschaftliche Begabung erkannt und gefördert, und nach ihrem Schulabschluss studierte sie in Bristol Chemie und ging für ein Jahr in die Forschung. Zu diesem Zeitpunkt hatte sie schon gemerkt, dass die reine Theorie nicht ihre Sache war. Ihre Begabung lag in der empirischen Forschung, im Experimentellen, wo ihr ihre methodische Intelligenz, ihre Beobachtungsgabe und ihre zähe Entschlossenheit zugutekamen, den Dingen auf den Grund zu gehen, die inneren Zusammenhänge zu prüfen und, so weit wie möglich, zweifelsfrei nachzuweisen.

Als Thema ihrer Studienarbeit in ihrem letzten Jahr an der Universität hatte sie die Kristallografie gewählt. Sie hatte entdeckt, dass sie ein Händchen für die künstliche Herstellung von Kristallen hatte, deshalb vor allem war ihr der Posten als Forschungsassistentin in Gildersleve Hall angeboten worden. Dieser Aufgabe würde sie in Zukunft ihre Tage widmen: der Erforschung dieser winzigen, wunderbaren Splitter der Vollkommenheit.

Als Ellen am späten Nachmittag ihr Fahrrad aus dem Schuppen holen ging, kam ihr aus einem der Nebengebäude ein kurzbeiniger, stämmiger Mann in einer Tarnjacke entgegen, der einen gestromten Bullterrier an der Leine führte. Auf ihr »Guten Abend« antwortete er mit einem scharfen Blick und einem kurzen Nicken.

Sie schob das Fahrrad auf den gekiesten Vorplatz, wo Martin mit Mühe mehrere Kartons in einen kleinen Austin verfrachtete, der dort parkte.

»Die sehen schwer aus«, bemerkte sie.

Martin hob den Kopf. Sein Gesicht war hochrot, der Haaransatz über seiner Stirn glänzte feucht. »Sie wiegen Tonnen«, sagte er. »Haben Sie Ihren ersten Tag gut überstanden?«

Sie lachte. »Einigermaßen.«

»Am Anfang fand ich’s fürchterlich hier. Ich bin mir vorgekommen wie der Neue in der Klasse. Am liebsten wäre ich postwendend wieder abgehauen.« Er warf einen Blick auf die Kartons. »Ich würde Sie ja mitnehmen, aber ich muss das Zeug hier zu Mrs. Pharoah bringen. Sie gibt irgendeinen Wohltätigkeitsempfang.«

Stapel von Tellern wurden sichtbar, als der Deckel eines der Kartons aufflog. »Das macht doch nichts«, sagte Ellen. »Ich habe ja das Rad.«

Martin hievte einen Karton auf den Vordersitz des Wagens. »Ich gehe heute Abend ins Green Man. Von den anderen wollen auch ein paar kommen. Wenn Sie Lust haben und mein Gequassel Ihnen nicht zu sehr auf die Nerven geht …«

»Danke«, sagte sie, dann verabschiedete sie sich und fuhr los.

Der Bungalow, in dem sie zur Untermiete wohnte, lag an einer Straße, die von Copfield nach Cambridge führte. Ihre Wirtin, Mrs. Bryant, war eine Kriegerwitwe Anfang dreißig und hatte eine zwölfjährige Tochter namens Gillian. Ellen aß mit den beiden zu Abend, bevor sie sich in ihr Zimmer zurückzog, um Briefe an ihre Eltern und ihren Freund, Daniel Risborough, zu schreiben.

Daniel lebte in London mit seinem älteren Bruder zusammen in einer Wohnung in Marble Arch. Er war Sprachwissenschaftler und im diplomatischen Dienst angestellt. Sie hatten sich vor zehn Monaten im Zug kennengelernt – genauer gesagt, auf dem Bahnsteig. Daniel, der bei ihr im Abteil gesessen hatte, hatte beim Aussteigen seinen Schirm vergessen, und Ellen war ihm damit nachgelaufen. Er fragte, ob er sie zu einem Drink einladen dürfe. »Ich habe die ganze Fahrt schon überlegt, wie ich es anstellen soll«, sagte er. »Aber mir ist nichts eingefallen. Wie gut, dass ich meinen Schirm liegen gelassen habe.« Von da an trafen sie sich mehr oder weniger regelmäßig. Sie gingen zusammen in Konzerte und Kunstausstellungen, es gab Umarmungen und Küsse, und hin und wieder wurde zaghaft von Verlobung und Heirat gesprochen, ohne dass das Thema weiterverfolgt wurde.

In ihrem Brief erzählte Ellen von ihrem ersten Tag in Gildersleve Hall, wobei sie besonders auf solche Dinge einging, von denen sie glaubte, dass sie Daniel interessieren würden: die Architektur des Hauses und die Verbindungen des Labors mit Cambridge (Daniel hatte dort am Trinity College studiert). Sie schloss mit einer Erinnerung an ihre Verabredung, sich im Oktober zum Mittagessen zu treffen (seine Vergesslichkeit beschränkte sich nicht auf Regenschirme).

Als sie etwas später losging, um ihre Briefe aufzugeben, begann es schon dunkel zu werden. In der Dorfmitte überquerte sie den Anger und blieb vor der normannischen Kirche mit dem quadratischen Vierungsturm stehen. Die Strahlen der untergehenden Sonne vergoldeten Feuerstein und Backstein der alten Mauern. Der Briefkasten befand sich am Ende einer gewundenen Gasse, halb verborgen unter dem überhängenden Grün von Weißdornbüschen. Dahinter lagen ein ehemaliges Flugfeld der Royal Air Force und, daran anschließend, eine neue gemeindeeigene Wohnsiedlung, zur Unterbringung der Familien erbaut, die nach dem Krieg aus den zerbombten Städten geflohen waren und hier in den Nissenhütten Zuflucht gesucht hatten.

Nach einem gemächlichen Rundgang kehrte Ellen schließlich wieder zur Mitte des Dorfs zurück. Gleich am Anger lag das Green Man, ein altes Pub mit bemoostem grauem Reetdach. Sie dachte an Martins Einladung und ging hinein.

In der edleren Salonbar saßen zwei Pärchen und nippten in vornehmem Schweigen an ihren Getränken. Aus dem Schankraum scholl Lärm herüber, der sich verstärkte, als ­Ellen die Tür öffnete. Das Lokal war voll. Männer drehten die Köpfe nach ihr und musterten sie ungeniert von Kopf
bis Fuß. Ein schneller Blick in die Runde zeigte ihr, dass sie außer der Bedienung die einzige Frau im Saal war.

Martin saß an einem Ecktisch. Sie winkte ihm zu.

»Ellen!« Er stand auf. »Sie haben doch nichts dagegen, wenn wir hierbleiben? Nebenan ist es so öde wie in einem Leichenhaus. Warten Sie, ich hole Ihnen etwas zu trinken. Was möchten Sie denn?«

»Ein kleines Halbdunkles, bitte.«

Sie setzte sich an den Tisch. Als Martin mit den Getränken zurückkam, fragte sie nach den anderen.

»Sie haben es anscheinend nicht geschafft. Prost.« Er stieß mit ihr an. »Ich habe gar nicht mehr damit gerechnet, dass Sie kommen würden. Ich habe Sie vorher über den Anger spazieren sehen.«

»Ich musste noch ein paar Briefe aufgeben.« Sie senkte die Stimme. »Wissen Sie, mein Zimmer ist zwar durchaus akzeptabel, aber die vielen verschiedenen Muster machen mich fast irre. Vorhänge, Bettdecke, Teppich, Bettvorleger, eins schlägt sich mit dem anderen.« Sie lächelte. »Mein Freund würde es nicht aushalten. Er wäre auf der Stelle wieder ausgezogen – oder hätte einen Nervenzusammenbruch bekommen.«

»Ach, Sie haben einen Freund?«

»Ja, Daniel lebt in London.«

»Aha.«

»Als ich heute Nachmittag gegangen bin, ist mir drüben bei den Nebengebäuden ein Mann begegnet. Ziemlich grimmig, in einer Militärjacke.«

»Das wird Gosse gewesen sein.« Martin zog ein Gesicht. »Pharoahs Getreuer.«

»Warum nennen Sie ihn so?«

»Gosse ist der Hausmeister von Gildersleve Hall, schon seit Bestehen des Instituts.« Martin sah sich rasch im Saal um. »Nur zur Vorsicht. Gosse kommt auch manchmal hierher. Pharoah hat ihn im Krieg aufgegabelt. Angeblich war Roy Gosse gerade aus dem Militärgefängnis entlassen worden, Pharoah hat ihn dann hierher versetzen lassen. Uns andere behandelt er wie Dreck, aber für Pharoah geht er durchs Feuer. Doch er macht sich nützlich, das muss man ihm lassen. Sorgt dafür, dass in dem alten Kasten alles läuft, repariert den Boiler, achtet darauf, dass im Winter die Leitungen nicht einfrieren, und dergleichen mehr.«

»Das hört sich an, als könnten Sie ihn nicht ausstehen.«

Martin zuckte mit den Schultern. »Er ist mir ziemlich egal. Aber anlegen möchte ich mich nicht mit ihm. Er ist ein jähzorniger Kerl. Außerdem macht er Krafttraining. Offenbar war er mal Boxer.« Er bot Ellen eine Zigarette an, die sie dankend ablehnte.

»Und – was für einen Eindruck haben Sie denn nun von Ihren neuen Kollegen?«, fragte er.

»Alle waren sehr nett und hilfsbereit.«

»Alle? Jetzt hören Sie aber auf, Kingsley.« Martin knipste ein Feuerzeug an. »Redmond hilfsbereit?«

»Na ja, er vielleicht nicht. Eigentlich hat er mir leidgetan.«

»Warum denn das? Er ist ein arroganter alter Griesgram.«

»Er sah – vernachlässigt aus. Und vielleicht ist er gar nicht arrogant, sondern schüchtern.«

»Welchen Grund sollte der haben, schüchtern zu sein? Nein, er ist einfach desinteressiert und sonst nichts. Hält es für unter seiner Würde, sich mit uns abzugeben.«

Als sie darauf nichts erwiderte, fragte Martin: »Und Mam’zelle? Meinen Sie, Sie kommen mit ihr zurecht?«

»O ja, ich glaube schon.«

»Ich warne Sie, sie hat eine scharfe Zunge. Allerdings bekommt Hunter die im Moment am meisten zu spüren.«

»Mag Andrée ihn nicht?«

»Sie hat ihn mal angebetet.« Martin verdrehte die Augen. »Es war eine heiße Liebe, und dann war von einem Tag auf den anderen Schluss. Wenn die beiden jetzt im selben Raum sind, herrscht nur noch dicke Luft.«

»Das ist das Dumme bei solchen Geschichten unter Kollegen. Wenn es schiefgeht, gibt es keine Möglichkeit, dem anderen aus dem Weg zu gehen.«

»Ich verstehe mich eigentlich ganz gut mit Jock. Ich glaube, seine Familie hat einen großen Besitz, jedenfalls legt er manchmal Allüren an den Tag wie ein Gutsherr, der es gewöhnt ist, den Ton anzugeben. Er kann sehr launisch sein. Und Mam’zelle ist unberechenbar. Die beiden waren wahrscheinlich wie Hund und Katz miteinander.«

Bei ihrer Begegnung im Aufenthaltsraum an diesem Morgen hatte Jock Hunters Blick nur einen Moment lang ohne die Spur eines Lächelns bei ihr verweilt und sich gleich wieder anderem zugewandt. Ellen wusste, dass ihr begieriges Interesse an ihm nichts Reales war, eher so etwas wie eine Übertragung der Hoffnungen und der aufgeregten Erwartung, die ihrer neuen Arbeit galten. Er war unbestreitbar ein gut aussehender Mann, aber wenn man jemanden als Freund oder Kollegen näher kennenlernte, spielte das Aussehen keine Rolle mehr.

»Und wie fanden Sie Pharoahs kleinen Vortrag heute Morgen?«, erkundigte sich Martin. »Sie wissen schon –« er gab seiner Stimme einen salbungsvollen Klang –, »über die Erschaffung einer Forschungsstätte zur disziplinenübergreifenden Zusammenarbeit …«

»Ich fand die Vorstellung anregend.«

»Ja, das ist sie vielleicht, wenn man sie noch nie gehört hat.« Martin spielte mit einem Bierdeckel. »Ab und zu baut er sie ein bisschen aus für neue Anhänger wie Sie.«

»Hat Dr. Pharoah Familie?«

»Eine Frau, Alison, und eine Tochter, Rowena. Sie leben in Barton. Alison ist eine ziemlich hochnäsige Zicke. Ich sollte das wahrscheinlich nicht sagen, aber es ist wahr. Sie kommt aus sehr reichem Haus und hält sich für was Besseres. Soweit ich weiß, haben die Pharoahs anfangs in der Hall gelebt. Aber das war Alison nicht großartig genug, also musste das Haus in Barton gekauft werden.« Martin grinste. »Meine Wirtin hat mir erzählt, dass es in Gildersleve Hall spukt.«

»Wie bitte?«

»Ja. In dem Haus soll ein kleiner Junge umgekommen sein. Angeblich ist er die Treppe runtergefallen, und nun hört man ihn nachts durch die Gänge laufen. Gruselig.« Martin wedelte mit den Händen und versuchte, ein Gespenst nachzuahmen. »Troll ist überzeugt, dass sich Geistererscheinungen mithilfe der Quantentheorie erklären lassen.«

Ellen lachte. »Wohl eher mit einer übersteigerten Phantasie.«

»Oder einem Glas zu viel.« Martin schaute auf ihr leeres Glas. »Möchten Sie noch eins?«

Sie schüttelte den Kopf. »Danke, lieber nicht. Ich muss nach Hause. Ich bin ziemlich kaputt – es war ein langer Tag.«

»Ich nehme Sie im Wagen mit.«

»Das ist nicht nötig. Es ist ja nur ein Katzensprung.«

»Nun kommen Sie schon. Dann brauchen Sie nicht zu laufen.« Er stand auf und schlüpfte in sein Jackett.

Jeden zweiten Montagnachmittag hielt ein Mitarbeiter, der von Pharoah bestimmt wurde, für die ganze Gruppe ein Seminar. »Und wer wird heute am Spieß gebraten?«, murmelte Martin, als er sich neben Ellen setzte. Sie versuchte sich vorzustellen, wie man sich fühlte, wenn man wusste, dass Dr. Pharoah einen ausgewählt hatte, der Gruppe die eigene Arbeit vorzustellen. Aufmerksam verfolgte sie die Diskussionen und achtete auf die unterschiedlichen Beiträge ihrer Kollegen. Bill Farmborough neigte dazu, sich nach Pharoah zu richten, während Denis Padfield an allem etwas auszusetzen hatte. Toby war klar und entschieden in seinen Aus­sagen, Martins Einwürfe hingegen – die er in seiner Eile, sein Argument an den Mann zu bringen, meist wild heraussprudelte – waren oft blitzgescheit, konnten aber auch völlig danebengehen. Alec Hunter blieb, wie Ellen bemerkte, die meiste Zeit still. Nur hin und wieder beugte er sich mit einer Art gereizter Ungeduld vor, um eine Bemerkung zu machen, schneidend mitunter, aber fast immer klug und scharfsichtig, wie sie zugeben musste. Sie nahm es ihm übel, dass er sich ständig von der Gruppe distanzierte, als wäre er sich zu schade, seine Überlegungen mit den anderen zu teilen. Und trotzdem war ihr starkes Interesse an ihm nicht verflogen, sondern machte sich manchmal unerwartet mit erschreckender Heftigkeit bemerkbar.

Hin und wieder stieß sie, wenn sie die Times oder die Nature, eine naturwissenschaftliche Fachschrift, durchblätterte, auf Pharoahs Namen. Irgendwie war es ein merkwürdiges Gefühl, jemanden persönlich zu kennen, der in der Welt der Gefeierten und Berühmten zu Hause war – beinahe so, als würde dadurch ein Hauch des Glanzes auf sie selbst abfärben. Eines Abends saßen Ellen und Mrs. Bryant im Wohnzimmer des Bungalows und hörten sich im dritten Programm einen Vortrag von Pharoah an. Ellen nähte Knöpfe an, und Mrs. Bryant strickte. Das Klappern der Nadeln, das feine Geräusch des Fadens, der durch den Stoff lief, und dazu Dr. Pharoahs wohlmodulierte Radiostimme, die von Genen und Proteinen erzählte – es war, dachte sie, als stieße man in einer öffentlichen Bibliothek auf einen Monet; zu bedeutend und zu kultiviert war das Gehörte für das kleine Zimmer mit der zitronengelben Prägetapete, den dicken, mit Bändern verzierten Kissen und den Porzellankatzen.

Marcus Pharoah war klug, amüsant und beeindruckend. Aber noch etwas zeichnete ihn aus, ein zusätzlicher Wesenszug, den Ellen nicht benennen konnte und der allein durch seine Präsenz verändernd wirkte. Wenn Pharoah ­ihnen im Aufenthaltsraum Gesellschaft leistete, schien sich die Luft mit Elektrizität aufzuladen, die ihre Gespräche befeuerte. Wenn er ging, waren sie, je nach Temperament, entweder ausgelaugt, angeregt oder gereizt, und jeder von ihnen, vermutete Ellen, ließ sich das Gespräch noch einmal in allen Einzelheiten durch den Kopf gehen, um zu prüfen, ob er sich gut geschlagen hatte.

»Die Götter sind vom Olymp herabgestiegen«, murmelte Martin ihr eines Montagnachmittags zu, als Marcus Pharoah und ein Kollege vom Cavendish-Laboratorium zum Seminar erschienen. Natürlich war das nur eine Metapher, aber Ellen wusste genau, was er meinte.

Sie bereitete gerade einen Satz Kristalle für Jan Kaminski vor, als sie von fern erhobene Stimmen hörte. Anfangs ignorierte sie sie und kehrte an den stillen, leeren Ort innerer Ruhe zurück, an dem sich ihre Gedanken ungehindert entfalten konnten. Aber die Stimmen wurden immer lauter, sodass sie schließlich in den Flur hinausging, um nachzusehen. Sie kamen aus dem Turm. Die eine Stimme gehörte Marcus Pharoah, die andere, so vermutete sie, Dr. Redmond. Einzelne Wörter konnte sie nicht ausmachen, nur das unangenehme, dissonante Auf und Ab des ausgetragenen Streits.

Da sie nicht lauschen wollte, kehrte sie schnell in ihr Zimmer zurück. Durch die geschlossene Tür hörte sie einen der Männer mit schnellem, resolutem Schritt aus dem Turm kommen. Dr. Pharoah, vermutete sie – Dr. Redmond schlurfte eher, er hob beim Gehen kaum die Füße. Ellen konzentrierte sich wieder auf die Herstellung des winzigen Drahtgehäuses und bemühte sich, den Draht so zu biegen, dass es genau die richtige Größe bekam, um den Kristall fest zu umfassen. Draußen knallte eine Tür. Schritte folgten, dann ertönte ein lautes Scheppern, als hätte es einen Zusammenstoß gegeben.

Als Ellen einige Zeit später zur Mittagspause nach unten gehen wollte, fiel ihr im Korridor aus dem Löscheimer verstreuter Sand auf. In dem Eimer lag etwas. Sie nahm es heraus. Es war ein Osmiroid-Füllfederhalter, Schildpatt mit vergoldeter Verschlusskappe. Auf der Hülse war der Name eingraviert: B. D. J. Redmond. Dr. Redmond musste über den Löscheimer gestolpert sein und dabei den Füller verloren haben.

Mit einer gewissen Beklemmung betrat sie den Turm; sie wusste, dass sie eine Grenze überschritt. Es war stiller dort als in den anderen Räumen, aber auch kälter, weil drei der Mauern Außenmauern waren. Auf dem offenen Treppen­absatz standen Regale, deren Bretter sich unter dem Gewicht staubiger, vergilbter Zeitschriften bogen.

»Dr. Redmond?«, rief sie, bekam aber keine Antwort. Doch würde er ihr überhaupt antworten, auch wenn er inzwischen wieder in seinem Labor war? In den vier Wochen, die sie nun in Gildersleve Hall arbeitete, hatte er nicht einmal mit ihr gesprochen.

Sie ging nach oben. Auf dem oberen Treppenabsatz klopfte sie an die Tür, dann trat sie ins Labor. Geniale Unordnung, hätte man sagen können, aber Chaos wäre eine treffendere Beschreibung der wilden Ansammlung von Büchern, Journalen und wissenschaftlichen Geräten gewesen. Licht spendete nur das hohe, schmale Fenster mit Blick zum Garten und zum Wäldchen. Dort unten sah sie Dr. Redmond stehen, der mit einem Feldstecher in die Bäume hinaufschaute.

Rasch lief sie wieder nach unten, holte ihren Mantel aus der Kammer und ging ins Freie hinaus. Die Luft war kühl und frisch, kleine Windstöße schüttelten die kahlen Äste der Pappeln.

»Hallo, Dr. Redmond!«, rief sie, und er drehte sich nach ihr um. »Ich wollte Ihnen nur das hier bringen.« Sie hielt den Füller hoch. »Er lag im Löscheimer.«

Dr. Redmond klopfte mit der Hand auf seine Jacken­tasche,
dann nahm er den Füller an sich.

»Haben Sie etwas Interessantes beobachtet?«, fragte sie ihn.

»Eine Misteldrossel.« Er blickte zwinkernd zum Himmel hinauf. Seine Augen waren groß und blassblau, von beinahe farblosen Wimpern umkränzt. »In diesem Wäldchen hat es immer eine Misteldrossel gegeben«, sagte er. »Selbst als sie die Bäume umgeschlagen haben, ist sie geblieben.«

»Welche Bäume?«

»Da unten.« Er deutete auf die Wiese, die an das Wäldchen grenzte. »Vor dem Krieg war der Wald hier doppelt so groß. Blinde Zerstörungswut – vergeudete Mühe und sinnlose Vernichtung eines gewachsenen alten Waldgebiets. Der Boden ist immer schon sumpfig gewesen. Zum Anbau war er nie geeignet.«

»Trotzdem ist es schön hier.«

»Kein Vergleich mit Peddar’s Wood, was den Vogelbestand angeht. Ich gehe dort jeden Tag spazieren. Und immer gibt es etwas zu beoachten.«

»Das muss interessant sein«, sagte sie, doch dann zog eine Bewegung in den oberen Ästen seine Aufmerksamkeit auf sich, und er verlor das Interesse an dem Gespräch. Ohne ein weiteres Wort wandte er sich von ihr ab und hob wieder seinen Feldstecher.

Im selben Moment jagte ein gestromter Bullterrier durch das Unterholz auf sie zu. Flatternder Flügelschlag, Dr. Redmond zuckte zusammen und trat einen Schritt zurück.

»Gosse sollte diesen Hund an der Leine halten«, brummte er und schlurfte mit gesenktem Kopf davon.

Der folgende Tag war ein Samstag. Ellen fuhr mit dem Bus nach Cambridge und nahm den Zug nach London, um sich mit Daniel zu treffen. Als sie am Bahnhof King’s Cross ausstieg, bemerkte sie Dr. Redmond unter den angekommenen Passagieren. Wenig später war er in der Menge verschwunden, die die Stufen zu den unterirdischen Bahnsteigen hi­nunterdrängten.

Daniel erwartete sie an der Sperre. Er gab ihr einen Kuss auf die Wange und wollte wissen, wie die Reise gewesen sei. Dann fuhren sie mit der U-Bahn zum Leicester Square, wo sie die National Gallery besuchen wollten. Unterwegs fragte sie ihn nach seiner Arbeit. »Es gab unheimlich viel zu tun. Diese Woche habe ich fast jeden Abend bis in die Nacht gearbeitet«, erzählte er und schob sich das herabfallende Haar aus den Augen.

»Du Armer. Du bist sicher ganz fertig.«

»Ach, die zusätzliche Arbeit macht mir nichts aus, es ärgert mich nur, dass ich die Konzertkarte, die ich mir besorgt hatte, an Clarence weitergeben musste.«

In der National Gallery sahen sie sich vor allem die Gemälde Tizians an, die Daniel bevorzugte. Er mochte die Moderne nicht, seine Abneigung erstreckte sich bis auf die Kunst des neunzehnten Jahrhunderts, obwohl er Turner und Pissarro eine gewisse widerwillige Bewunderung nicht versagen konnte. Als Ellen einmal gereizt zu ihm gesagt hatte: »Aber Daniel, du kannst doch nicht sämtliche Maler des zwanzigsten Jahrhunderts in Bausch und Bogen verdammen«, hatte er sie aus großen blauen Augen verwundert angesehen und entgegnet: »Entschuldige, Ellen, aber willst du etwa Aktaion überrascht Diana beim Bade mit einem Jackson Pollock vergleichen?«

Er wusste eine Menge über Kunst, und sie hatte sich die Vorträge, die er gern zu jedem Gemälde hielt, stets angehört, und nicht selten mit Vergnügen, aber heute schweiften ihre Gedanken nach Gildersleve Hall ab, während ihr Blick auf die wirbelnden Glieder und Gewänder von Bacchus und Ariadne gerichtet war. Es fiel ihr schwer, die Fäden ihres früheren Lebens wiederaufzunehmen. Sie fühlte sich eingerostet, gehemmt, beinahe wie fehl am Platz.

Als Daniel seine Ausführungen zu Pinselführung und ­Tizians Einsatz der Farben beendete, sagte Ellen: »Es wundert mich jedes Mal wieder, dass ausgerechnet Bacchus und Ariadne eines deiner Lieblingsbilder ist. Es ist so wild und voll unbändiger Gewalt.«

Er lächelte nachsichtig. »Nein, Ellen, du siehst das Entscheidende nicht. Das Gemälde mag voll unbändiger Gewalt erscheinen, aber die Komposition ist unglaublich beherrscht.«

»Die Komposition ist doch nur ein Mittel zum Zweck, eine Technik, um zu vermitteln, was der Künstler sagen will.« Sie betrachtete die Gestalt des Bacchus, die angriffslustige Haltung der Schultern, die angespannten Muskeln, die Begierde in dem Blick, der die fliehende Ariadne verfolgte. »Schau dir doch nur mal den Ausdruck in ihren Gesichtern an. Da ist so viel Dunkles.«

»Ich verstehe nicht, warum dich meine Bewunderung für das Bild überrascht.«

»Liebe, Daniel, oder Leidenschaft«, versetzte sie ungeduldig, »doch auf jeden Fall mehr als bloße Bewunderung.«

»Gefühlsduselei hat in der Kunst nichts zu suchen«, erklärte er steif.

»Genau das meine ich. Du drückst dich so gemessen aus, aber was dich berührt, ist Kunst voller Leidenschaft, Begierde und Furcht.«

Schweigend verließen sie den Saal. Der Streit zwischen ­ihnen war wie aus dem Nichts aufgeflammt. Sie hatten noch nie zuvor gestritten, und sie fragte sich bestürzt, was geschehen war. Sein Gesicht war wie versteinert; mit schlechtem Gewissen drückte sie seine Hand.

Später aßen sie in einem kleinen französischen Restaurant am Strand zu Mittag. Tische standen locker gruppiert in einem quadratischen Raum, dessen Fenster auf einen begrünten Innenhof ging. An einem schönen Abend im letzten Sommer hatten sie in diesem Garten gegessen. Daniel allerdings waren die Wespen zuwider gewesen.

Er bestellte Steak mit Kartoffeln, und Ellen nahm ein Omelett mit Salat. Als das Essen gebracht wurde, trennte Daniel die Kartoffeln sorgfältig vom Fleisch, eine Gewohnheit, die Ellen einmal liebenswert gefunden hatte, ihr jetzt aber kindisch erschien.

»Man hat mir einen Posten in Paris angeboten«, sagte er unvermittelt.

»Paris?« Sie sah ihn an. »Daniel, warum hast du das nicht früher gesagt?«

»Es hat sich irgendwie nicht ergeben.«

»Wie aufregend. Ich freue mich für dich.«

Er machte ein nachdenkliches Gesicht. »Ich war überzeugt, wenn man mich endlich ins Ausland schickt, würde ich irgendwo in der Barbarei landen. Oder in der öden Provinz, wo man sich zu Tode langweilt.«

»Du nimmst doch an, oder?«

»Ja, ich glaube schon.«

»Ich besuche dich dann.«

»Wirklich, Ellen?«

Ein Unterton in seiner Stimme veranlasste sie, seine Hand zu ergreifen. »Aber ja, natürlich.«

»Ich habe überlegt, ob ich dich bitten soll, mitzukommen. Ehrlich gesagt, habe ich daran gedacht, dich zu bitten, mich zu heiraten.«

»Daniel –«

Doch bevor sie fortfahren konnte, setzte er hinzu: »Aber ich glaube nicht, dass es klappen würde.«

Sie war pikiert, dass er so schnell bereit war, sie aufzu­geben, obwohl sie wusste, dass es absurd war, da sie ihm sowieso einen Korb gegeben hätte. »Ach so«, erwiderte sie kalt. »Ja, wenn das so ist.«

»Ich habe das Gefühl, dein neues Umfeld verändert dich.«

»Verändert mich?« Sie sah ihn scharf an. »Deiner Meinung nach wohl nicht zum Guten.«

»Das habe ich nicht gesagt. Ich finde nur, du bist anders geworden. Du wirkst –«, er kräuselte die Lippen, »so abwesend.«

»Daniel, das ist meine erste richtige Anstellung. Sie ist mir wichtig. Stört dich das etwa?«

»Stören? Warum sollte es mich stören?«

»Das weiß ich auch nicht. Du hast dich jedenfalls mit keinem Wort nach meiner Arbeit erkundigt.«

»Wir waren im Museum. Da gibt’s andere Themen. Aber schön, wie ist die neue Arbeit?«

»Angenehm. Ich glaube, ich habe da gute Aussichten.« Sein schroffer, gönnerhafter Ton ärgerte sie. Wenn sie ihm gestand, was ihr die Arbeit in Gildersleve Hall wirklich ­bedeutete, wie stolz sie war, wie beschwingt und manchmal beklommen sie sich fühlte, würde er bestimmt eine abfällige Bemerkung machen.

»Ich glaube nicht, dass du die Arbeit in Gildersleve Hall für mich aufgeben würdest, oder, Ellen?«

Einen endlos scheinenden peinlichen Moment lang schwiegen sie beide. Dann sagte er: »Ich möchte keinen Nachtisch. Du?«, und sie schüttelte den Kopf.

Sie brachen auf, sobald Daniel bezahlt hatte. Ein kühler Kuss, einige beiderseitige Bekundungen des Wohlwollens, dann ging er in die eine Richtung davon und sie in die andere, zur Untergrundbahn nach Islington, wo ihr Bruder Joe mit einem halben Dutzend anderer Studenten zusammen ein Haus gemietet hatte.

Später am Nachmittag saß sie dort mit einer Tasse Kaffee in der Küche und erzählte Joe von Daniels Heiratsantrag. Sie kam sich ein wenig illoyal dabei vor, aber sie musste mit jemandem reden, und wenn nicht mit ihrem Bruder, mit wem dann? Joe, der ein fröhlicher Mensch war und, anders als sie, blonde Haare hatte, lachte schallend. »Na, wie ich Risborough kenne, ist er bestimmt nicht vor dir auf die Knie gefallen, um dich um deine Hand zu bitten. Ich wette, er hat gesagt: ›Es wäre vielleicht keine dumme Idee, wenn wir heiraten würden‹, oder etwas ähnlich Unverbindliches.« Sie musste zugeben, dass es sich genau so abgespielt hatte.

»Du hast Nein gesagt, oder?«

»Das brauchte ich gar nicht. Das hat er praktisch selbst übernommen.«

»Na, ist doch wunderbar. Du hättest den armen Kerl nur fertiggemacht, Ellie.«

»Ganz bestimmt nicht. Du redest ja, als wäre ich die reins­te Furie.« Doch plötzlich bekam sie eine erschreckende Vorstellung davon, wie ein Leben mit Daniel aller Wahrscheinlichkeit nach ausgesehen hätte, ohne Höhen und Tiefen, immer verhalten und letztendlich erstickend.

Sie nahm den Zug um halb acht zurück nach Cambridge. Aufgewühlt, wie sie war, gelang es ihr nicht, sich auf ihr Buch zu konzentrieren. Nach einer Weile schaute sie einfach zum Fenster hinaus in die vorüberfliegende Landschaft. Sie war froh, nach Copfield zurückzukehren. Dein neues Umfeld hat dich verändert, hatte Daniel behauptet. Hatte er recht? Sie empfand es eher so, dass Gildersleve Hall sie beflügelte und ihr die Augen für neue Möglichkeiten öffnete, aber das änderte doch nichts daran, dass sie immer noch Ellen war, ihr Charakter, ihre Prinzipien und Ambitionen immer noch die gleichen waren. Sie glaubte nicht, dass ein Umfeld, wie Daniel es formuliert hatte, die Macht besaß, an ihrem Wesen zu rütteln. Trotzdem war sie niedergedrückt, müde von dem Tag und seinen Ereignissen.

Fröstelnd stand sie einen Moment in der beißenden Kälte, nachdem sie in Copfield aus dem Bus gestiegen war. Drüben war das Green Man. Sie schaute zum Fenster hinein und sah Martin Finch drinnen sitzen. Genau das brauchte sie jetzt, ein wenig unkomplizierte Kameradschaft.

Martin sprang auf, als er sie zur Tür hereinkommen sah. »Kingsley, hallo. Was trinken Sie?«

Sie bat um ein Bier, dann zog sie ihren Mantel aus und setzte sich an den Tisch. Der Saal war voll. Die einzige Frau im Raum saß auf einem hohen Hocker am Tresen. Sie war mittleren Alters, ihr Mund ein grellrotes Signal im gepuderten Gesicht. Sie trug eine Persianerjacke und ein Hütchen mit einer Feder, und als sie ihr Glas zum Mund hob, glitt ein protziges goldenes Armband vom Handgelenk ihren Arm hinunter.

Martin erzählte ihr, er habe den Tag über gearbeitet – er pussle gern in Gildersleve vor sich hin, wenn sonst keiner da sei. Außer Gosse natürlich. Redmond arbeite zwar auch hin und wieder am Wochenende, aber heute habe er sich nicht blicken lassen.

»Ich habe ihn in London auf dem Bahnsteig gesehen, als ich ankam«, erzählte Ellen.

Martin lachte. »Du meine Güte – Redmond auf Reisen. Oder vielleicht führt er ein geheimes Doppelleben. Wie war’s denn in London?«

»Nicht gerade toll.« Ihre Stimmung, die sich gerade etwas gehoben hatte, sank wieder auf den Nullpunkt. »Ich habe mit meinem Freund Schluss gemacht.« In diesem Moment hätte sie beinahe weinen können bei dem Gedanken an Daniel und die Art, wie sie auseinandergegangen waren.

Martin zeigte Anteilnahme. »Das tut mir leid. Sie brauchen ein bisschen Aufheiterung. Ich hole Ihnen was Stärkeres als das hier.«

Ehe Ellen abwehren konnte, war er auf dem Weg zur Bar und kam ein paar Minuten darauf mit einem Gin Tonic zurück.

»Hier, runter damit.«

»Sie sind wirklich nett, Martin.«

Er breitete mit großer Geste beide Arme aus, wobei er nur um ein Haar den Mann verfehlte, der am Nachbartisch saß. »Immer zu Diensten.«

»Wir haben ohnehin nicht zusammengepasst. Daniel ist so wahnsinnig gebildet.«

»Haben Sie ihn denn geliebt?«

Ellen ließ sich seine Frage durch den Kopf gehen. »Nein, ich glaube nicht. Er sieht sehr gut aus und war immer ausgesprochen höflich, das hat mir gefallen, außerdem hatte er die Gabe, immer das Beste auszuwählen, ganz gleich, worum es ging. Aber geliebt habe ich ihn nicht, nein.« Sie war angenehm benebelt vom Gin, sonst hätte sie vielleicht nicht hinzugefügt: »Ich glaube, ich habe noch nie einen Mann wirklich geliebt.«

Sie hatte vor Daniel Freunde gehabt. Giles, damals in Bristol, und dann Archie, der Assistenzarzt am städtischen Krankenhaus gewesen war. Nach einer besonders ausgelassenen Fete hatte sie mit ihm geschlafen und ihre Unschuld an ihn verloren. Archie war ein ziemlicher Fehler gewesen.

Mit einem Blick zum Tresen senkte sie die Stimme. »Manchmal habe ich Angst, dass ich einmal so ende wie die Frau da drüben.«

Martin schaute zu der Frau in der Persianerjacke hinüber und lachte leise. »Wie diese alte Scharteke? Jetzt hören Sie aber auf.«

»Wie viele von uns haben denn überhaupt einen Freund oder eine Freundin?«

»Ich glaube, Toby hat was mit einer Frau in Cambridge. Er macht ein Riesengeheimnis darum. Warum Kaminski, der arme Kerl, niemanden hat, ist ja wohl klar. Und Hunter, der ist selber schuld. Auf den fallen die Frauen doch reihenweise rein.«

»Bis auf Andrée.«

»Stimmt, das war von kurzer Dauer.« Er sah sie an. »Sie suchen sich die falschen Männer aus, Kingsley.«

Amüsiert sagte sie: »Sie meinen, ich sollte mich lieber in einen netten Biochemiker verlieben, dann würde es nicht mit Krach im Museum enden.«

Er lachte wieder, so herzlich, dass er sich die Augen wischen musste. »Sie sind so herrlich bürgerlich.«

Als sie eine Stunde später das Pub verließen, glänzte Reif auf der Straße. Martin kratzte ein Stück Windschutzscheibe blank, dann fuhren sie aus dem Dorf hinaus, Ellen, in ihren Mantel und ein angenehmes Gefühl der Distanziertheit gehüllt, als wäre vieles, was sich an diesem Tag ereignet hatte, einer anderen passiert, die mit ihr nichts zu tun hatte.

Vor Mrs. Bryants Bungalow hielt Martin an. »Ellen«, sagte er.

»Ja, Martin?«

»Ich mag Sie sehr.«

»Ich Sie auch.«

»Ist Ihnen kalt?«

»Ein bisschen.«

»Kommen Sie.« Er beugte sich zu ihr und legte den Arm um sie. Und dann begann er plötzlich, sie zu küssen, während seine Hand von ihrer Schulter ihren Arm hinunter und unter ihren Mantel glitt.

Hören Sie auf, Martin!, wollte sie rufen, aber sein Mund, der so fest und feucht auf ihrem klebte, dass sie kaum Luft bekam, ließ es nicht zu. Schließlich gab sie ihm kurzerhand einen Schubs. Dann noch einen, mit solchem Nachdruck diesmal, dass er verblüfft zurückfuhr und sie endlich hervorstoßen konnte: »Hören Sie auf, Martin!«

»Aber ich dachte –«

»Was?«

»Sie sind so schön. Sie müssen doch gemerkt haben, was ich für Sie empfinde.«

»Mensch, Martin, jetzt werden Sie nicht albern.«

»Albern?« Er war sichtlich gekränkt.

»Genau«, sagte sie, verärgert darüber, dass er ihr den Abend verdorben hatte. Sie öffnete die Wagentür. »Sie haben zu viel getrunken. Ich gehe jetzt rein. Wir sehen uns nächste Woche.«

Auf ihrem Schreibtisch lag ein Brief, als sie am Montagmorgen ins Labor kam. Sie riss den Umschlag auf und las. Es war eine Einladung von Dr. Pharoah zum Mittagessen am kommenden Sonntag in seinem Haus in Barton.

Sie hatte gehofft, Martin hätte das peinliche Gerangel im Auto vergessen, aber als sie in der Mittagspause in den Aufenthaltsraum kam, stand er über die Teile des Anlassers seines Austin gebeugt, die er auf einem Blatt Zeitung ausgebreitet hatte, und murmelte etwas vor sich hin. Er hob nicht mal den Kopf, um sie zu begrüßen. Den Rest des Tages ging sie ihm aus dem Weg, in der Hoffnung, dass er sich mit der Zeit beruhigen und ihr verzeihen würde.

Am Freitagnachmittag arbeitete Ellen länger. Andrée ging um halb sechs. Die Zeit verflog, und das Brummen des Staubsaugers verriet, dass Mary, die Putzfrau, ihre Arbeit aufgenommen hatte. Es war still im Haus, vermutlich, dachte Ellen, waren sie und Mary die Einzigen, die noch hier waren.

Sie vertiefte sich wieder in ihre Arbeit, und als sie endlich ihr Protokoll geschrieben und ihre Geräte aufgeräumt hatte, war das Brummen des Staubsaugers lang verstummt, der Himmel hinter dem Fenster glänzte tintenschwarz. Sie schaltete das Licht aus, machte die Tür zu und ging in die Kammer, um ihren Mantel zu holen. Sie war noch dabei, ihn zuzuknöpfen, als die Glühbirne an der Decke erlosch. In der Finsternis tastete sie nach dem Lichtschalter, drückte ihn mehrmals, aber es geschah gar nichts. Unsicher nahm sie Aktentasche und Handtasche, suchte den Türknauf und trat hinaus in den schwarzen Korridor.

Als ihre Augen sich an die Dunkelheit gewöhnt hatten, konnte sie durch eine halb beschlagene Fensterscheibe Sternenglitzern erkennen. Sie wusste, dass die Treppe nach unten ein Stück weiter vorn im Gang war, und tappte, eine Hand zur Sicherheit an der Wand, behutsam vorwärts, bis sie unversehens mit dem Schienbein gegen etwas Hartes, Kaltes stieß. Erschrocken schrie sie auf. Als sie sich hinunterbeugte, glitten ihre Finger zuerst über Sand und berührten dann den Metallrand des Löscheimers, in dem sie Dr. Redmonds Füller gefunden hatte. Sie rief sich die Ausrichtung des Korridors ins Gedächtnis, der Löscheimer war nur wenige Schritte von der Treppe entfernt. Die rechte Hand ausgestreckt, tastete sie sich vorsichtig durch die Dunkelheit, bis sie endlich auf die gedrechselte Holzkugel am Ende des Treppengeländers stieß.

Zaghaft stieg sie Stufe um Stufe hinunter, als sie plötzlich ein Geräusch vernahm – ein Trippeln und Huschen wie von Kinderfüßen. Starr vor Schreck blieb sie stehen. Sie konnte nicht ausmachen, woher das Geräusch kam. Ein kleiner Junge soll in dem Haus umgekommen sein, hatte Martin gesagt. Angeblich ist er die Treppe hinuntergefallen, und nun hört man ihn nachts durch die Gänge laufen.

Judith Lennox über die Inspirationen zu ihrem Roman »Ein letzter Tanz«

Im vorliegenden Roman »Ein letzter Tanz« wollte ich zeigen, wie übermächtig die Liebe zu einem Haus werden kann. Ich wollte zeigen, was passiert, wenn man seine Liebe auf ein Haus projiziert, weil die Kriegserfahrung einen zu ängstlich gemacht hat, um einen Menschen zu lieben.

Ende August 2011 hatten wir eine Reise durch Neuengland mit dem Auto geplant. Wenige Tage, bevor wir fliegen wollten, traf Hurrikan Irene auf die Ostküste der Vereinigten Staaten. Während unserer Abwesenheit sollten bei uns daheim Holzböden verlegt werden, das bedeutete, dass wir eine Woche lang das Erdgeschoss unseres Hauses nicht würden betreten können. Wir mussten uns also ein anderes Reiseziel suchen, und zwar schleunigst. Den Westen von England habe ich stets geliebt, und aus meiner Kindheit habe ich wunderschöne Erinnerungen an Dartmouth an der Südküste der Grafschaft Devon. Als ich ein Hotel in der Stadt auftat, das für eine Woche ein Zimmer frei hatte, griff ich zu.

So lernte ich Coleton Fishacre kennen. Um von Dartmouth aus dorthin zu gelangen, setzt man mit der Fähre über den Dart nach Kingswear über und fährt dann auf immer schmaler werdenden Landstraßen Richtung Küste. Coleton Fishacre war einst der Landsitz von Dorothy und Rupert D’Oyly Carte, dem Eigentümer der D’Oyly Carte Opera Company und des Hotel Savoy; heute befindet es sich im Besitz­ des Natio­nal Trust.

Mit seinen ruhigen, unprätentiösen und minimalistisch gestalteten Räumen ist es der perfekte Wohnsitz im Stil der 1920er-Jahre. Das Haus ist von mehreren Hektar traumhaften Gärten umgeben. Ein waldreiches Tal führt zu einem hoch gelegenen Kliff mit Blick auf den Sandstrand und das türkisblaue Wasser. Das Anwesen ist großzügig, aber nicht übertrieben groß. Man könnte sich gut vorstellen, selbst dort zu leben und dabei sehr glücklich zu sein. Doch auch wenn das Haus heiter und sorglos erscheint, das Leben der D’Oyly Cartes war es nicht. Sie erlebten zwei Weltkriege und die Weltwirtschaftskrise und erlitten einen großen persönlichen Verlust, als ihr Sohn im Alter von einundzwanzig Jahren bei einem Verkehrsunfall starb; neun Jahre später ließen sich ­Rupert und Dorothy scheiden.

Das Bild dieses wunderbaren Hauses am Wasser begleitete mich, als ich mir die Ideen für mein nächstes Buch überlegte. Tragik und Verlust vor dem Hintergrund einer idyllischen Landschaft wurden zum Ausgangspunkt für »Ein letzter Tanz«. Da das Buch 2014, hundert Jahre nach Ausbruch des Ersten Weltkriegs, erscheinen würde, entschied ich mich, die Eingangskapitel diesem Konflikt zu widmen, der die alte Welt, wie sie gewesen war, für immer von der neuen scheiden sollte.

»Ein letzter Tanz« ist kein Buch über den Ersten Weltkrieg – es spielt größtenteils nach Kriegsende –, aber die zentrale Figur darin, Devlin Reddaway, der im Schützengraben kämpft, wird nie ganz frei davon sein. Der Krieg bleibt das bestimmende Element seines Lebens, er prägt seinen Charakter und seine Persönlichkeit und lässt ihn niemals los. Obwohl er seinen Familiensitz, Rosindell, wiederaufbaut, voll Schönheit und Licht, umgeben ihn doch stets die finsteren Geister des Krieges.

Ich wollte, dass Rosindell, das Haus der Reddaways, das von Coleton Fishacre inspiriert ist, im Roman fast die Rolle einer handelnden Figur spielt. Rosindell macht Devlin nach dem Grauen der Schützengräben wieder gesund, aber er ist auch davon besessen. Seine Frau Esme, die ihn liebt, hat das Gefühl, dass sie mit dem Haus um Devlins Zuneigung konkurriert. Und Rosindell kann manchmal scheinbar seinen eige­nen Willen haben, kann Ereignisse beeinflussen oder das zukünftige Leben derer, die darin wohnen, entscheidend ­prägen.

In den Jahrzehnten nach dem Ersten Weltkrieg wurden viele große englische Adelssitze zerstört. Die einen brannten nieder, andere wurden vernachlässigt und dem Verfall überlassen, weil ihre Eigentümer sich ihren Unterhalt nicht mehr leisten konnten. Manche Häuser wurden auch absichtlich abgerissen. Arbeitskräfte verließen die ländlichen Gebiete und traten zu besseren Bedingungen und mit besserer Bezahlung in Geschäften, Fabriken und Büros an; es gab keine Dienstboten mehr, die die Häuser putzten, schrubbten und in Stand hielten. Oder sie galten als altmodische Überbleibsel einer Vergangenheit, mit der man längst abgeschlossen hatte.

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