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Georg Koeniger hat schon einige Abibälle besucht in seinem Leben. Hier erzählt er von den Eindrücken, die er bei seinem letzten Abiball gesammelt hat.

»Ich komme soeben vom vierten Abiball meines Lebens zurück. Über die ersten drei habe ich berichtet in meinem neuesten Buch »Abiball – Meine Familie am Rande der Reifeprüfung«. Diesmal war es entspannter. Ich habe ja auch schon Routine mit Abibällen. Außerdem war ich nicht der leibliche Vater der Abiturientin. Und die Veranstalter hatten bei der Planung klug von einer steifen Sitzordnung abgesehen und uns stattdessen mit einem »flying buffet« an Stehtischen bedient, sodass man hochnotpeinliche Begegnungen mit dem Vater der Absolventin weitgehend vermeiden konnte. Aber einige Dinge haben sich nicht geändert: Ich habe wieder massenhaft junge Frauen gesehen, die sich dressen wie zur Hochzeit, und viele schlaksige junge Männer, die etwas ungelenk noch etwas zu große Designeranzüge spazieren führen, außerdem Väter, die sich nur wiederwillig in etwas zu eng gewordene Anzüge zwängen. Ich sah eine Mutter, die auf der Tanzfläche mit ihrem neuen Partner allen die Show stehlen wollte, während ihr Ex-Ehemann sich an der Bar besoff und der Sohn vor der geballten Peinlichkeit seiner Eltern im Boden versinken wollte. Ich belauschte ein Elternpaar, dem nach 20 Jahren Ehe auf einmal klar wurde, dass der Grund, zusammenzubleiben, gerade seinen Abschluss feierte, während andere Eltern – offensichtlich endlich von der Erziehungsverantwortung befreit – wie Oberschüler in einer Ecke wild knutschten – sorry, »rummachten«, wie man heute sagt. Patchworkfamilien, die sich zusammenraufen, Bilderbuchehen, die zerbrechen, und 100 Lebensabschnittsgefährten, die sich adieu sagen – all das ist Abiball. Der nächste Abiball ist wahrscheinlich der meines Enkels. Und wenn ich irgendwie kann, bin ich wieder dabei.«

Blick ins Buch
AbiballAbiball

Meine Familie am Rande der Reifeprüfung

»Papa, ziehst du bitte eine Krawatte an?« Beim Abiball muss die Inszenierung perfekt sein, egal wie stressig die Zeit rund um den Schulabschluss war. Da werden die Lackschuhe auf den Smoking abgestimmt, Siebzehnjährige ins Ballkleid genäht und lässige Kumpel-Väter dem Krawattenzwang unterworfen. Mit einem lachenden Auge, einem weinenden Auge und einer kneifenden Anzughose schleppt sich Georg Koeniger auf den Abiball seines Sohnes, der chaotisch beginnt und tränenreich endet. Der Vater begegnet dort der ersten großen Liebe des Sohnes, am Patch-Work-Elterntisch stiftet er unfreiwillig Chaos und erlebt bei den peinlichen Reden des Lehrkörpers eine Zeitreise in die eigene Vergangenheit. Allen Spießigkeitsschüben des Nachwuchses zum Trotz lernt er an diesem besonderen Abend aber vor allem eines: dass Vater und Sohn sich trotz allen Abschiednehmens nie verlieren werden.

2016 - Prolog

»Bist du fertig?«

Sie schwebt ins Badezimmer und lächelt mich bezaubernd an. Sie sieht gut aus in ihrem hellen Cocktailkleid. Da ist es schwer, brummig zu bleiben. Ich versuche es trotzdem.

»Ich verstehe immer noch nicht, was das soll. Unser dreijähriges Jubiläum ist doch erst in zwei Tagen.« Ein Blick in den Spiegel bestätigt mein altes Vorurteil, dass taillierte Hemden mir nicht stehen.

»Aber heute ist Samstag«, erklärt sie, »und was ich mit dir vorhabe, geht halt nur an einem Samstag.« Sie streicht mir liebevoll über meinen Bauch, den sie Bäuchlein nennt, der aber meiner Meinung nach schuld daran ist, dass mir taillierte Hemden nicht stehen.

»Außerdem ist es doch noch etwas früh für ein Candle-Light-Dinner«, gebe ich nicht auf. »Die Sonne geht ja erst in zwei Stunden unter.«

»Wer sagt denn, dass wir ein Candle-Light-Dinner haben werden?«

Sie macht mich wahnsinnig mit ihrer Geheimniskrämerei.

»Wozu denn sonst das schicke Outfit?« Ich zwänge mich in die Jacke meines Anzugs, der etwas eingelaufen zu sein scheint, seit ich ihn das letzte Mal anhatte. Und das ist bloß sieben Jahre her.

»Hör mal zu, wenn wir zehn oder zwanzig Jahre zusammen wären, dann könnte ich das Theater ja verstehen. Goldene Hochzeit meinetwegen, aber drei Jahre?«

Sie lächelt verschwörerisch.

»Lass mir doch die Freude.«

Schon vor Monaten hatte sie sich ausgebeten, dass ich mir diesen Termin freihalte, um mit ihr unseren Jahrestag zu feiern. »In Abendgarderobe«, wie sie das ausdrückte. Mehr war aus ihr nicht rauszukriegen. Und auch jetzt wartet sie nur wortlos an der geöffneten Wohnungstür und klingelt mit den Autoschlüsseln. Also streife ich mir seufzend den Gummizug meiner Fliege über den Kopf, was nicht leichter dadurch wird, dass ich die Jacke zuerst angezogen habe, richte den Kragen meines Hemds und erkläre mich abfahrbereit.

»Hier, binde dir das vor die Augen«, sagt sie, als wir im Auto sitzen. Sie hält mir ein Tuch hin. Als ich mich weigere, es anzunehmen, legt sie es selbst um meinen Kopf.

»Nicht im Ernst, oder?«, protestiere ich.

»Komm schon, lass mir doch den Spaß. Es soll ja immerhin eine richtige Überraschung werden.« Für meinen Geschmack zieht sie den Knoten viel zu fest.

»Autsch!«, rufe ich. »Kommt jetzt die Sado-Maso-Nummer?«

»Vielleicht«, sagt sie leichthin, und es klingt, als würde sie sich das tatsächlich überlegen.

Während der Fahrt versuche ich immer wieder, unter dem Tuch hindurchzulinsen, um herauszubekommen, wohin es geht. Aber keine Chance. Ich erkenne nur Schemen.

»Sind wir nicht ein bisschen zu alt für solche Spielchen?«, versuche ich sie abzulenken. »Ich gehe auf die sechzig zu, wenn dir das noch nicht aufgefallen ist.« Mit der rechten Hand schiebe ich den unteren Rand des Tuchs etwas nach oben. Sie schlägt mir auf die Finger.

»Zum Glück sieht man dir dein Alter nicht an. Das ist einer der Gründe, weshalb ich es schon drei Jahre mit dir aushalte.« Sie unterdrückt erfolglos ein Kichern.

Die Fahrt dauert nicht lange, schon bald halten wir an. Sie öffnet mir die Autotür und hilft mir aus dem Auto.

»Wie lange soll dieser Quatsch noch dauern?« Langsam bin ich ernsthaft genervt. Um mich herum höre ich andere Fahrzeuge heranfahren. Motoren werden abgestellt, Türen geschlagen, Menschen sprechen miteinander.

»Schon vorbei«, sagt sie und erlöst mich von der Augenbinde.

Ich schaue mich um. Wir stehen vor dem besten Hotel am Platze. Eine Menge Leute streben dem Lokal zu. Über dem Eingang schweben Luftballons in Buchstabenform, die das Wort »Abi 2016« bilden.

»Nicht dein Ernst!«, rufe ich entsetzt. »Ein Abiball? Ich dachte, der ist erst in einer Woche!«

Ihr Sohn Lorenz hat kürzlich Abitur gemacht, und er hat mich zu seiner Abschlussfeier eingeladen. Ich war gerührt von dieser Geste, habe aber wichtige Verpflichtungen vorgeschoben. So musste ich ihm nicht ins Gesicht sagen, dass ich – um es in seiner Sprache zu sagen – »voll keinen Bock« auf so eine Veranstaltung habe.

Sie lächelt triumphierend. »Ui, da muss ich mich wohl in den Daten geirrt haben!« Mit gespielter Verwirrung wirft sie die Hände in die Luft.

»Das hast du extra gemacht«, maule ich anklagend. »Unseren Jahrestag zu missbrauchen, um mich hierherzulocken!« Ich mache ein bisschen mehr auf große Empörung, als ich eigentlich spüre. Weil ich eigentlich auch nicht allzu viel Wert auf festlich begangene Jahrestage lege.

»Keine Sorge. Unser kleines Jubiläum feiern wir noch. Ganz lauschig zu zweit. Ich freu mich schon drauf.«

Na super!

»Aber das hier ist mir wichtig. Ich brauche dich heute Abend.« Sie nimmt meinen Arm und schiebt mich – meine Verwirrung ausnutzend – in Richtung Eingang.

»Sei ehrlich, ohne diese kleine Charade hätte ich dich doch nie auf diese Feier gekriegt.«

Das stimmt natürlich. Ich brauche keinen weiteren Abiball mehr in meinem Leben.

 

2004

»So, das ist besser«, sagt mein Sohn und knöpft den zweitobersten Knopf meines Hemds zu, das ich eben statt meines alten T-Shirts angezogen habe. Zum Glück trage ich keinen Pullover darüber. Finn hätte dann wahrscheinlich auch die Kragenspitzen unter dem gestrickten Bündchen hervorgeholt. Immerhin streicht er mir ein paar unsichtbare Flusen von der Brust. Das ist sicher liebevoll gemeint. Aber ich mag solch fürsorgliche Gesten nicht. Schon als Kind habe ich meiner Mutter Hände weggeschoben, wenn sie versuchte, mir die Haare glatt zu streichen oder die Hose hochzuziehen. Von dem mit Spucke benetzten Taschentuch, mit dem sie mir im Gesicht herumfuhrwerken wollte, ganz zu schweigen. Ich will nicht bemuttert werden. Von niemandem. Ich habe mich schon von Frauen getrennt wegen geringerer Vergehen als Hemdkragen-Zurechtrücken. Aber meinem Sohn lasse ich es durchgehen. Jedenfalls heute. Das ist ja immerhin sein großer Tag. Sein Abiball. Als Finn mir auch noch ins Jackett helfen will, nehme ich es ihm aus der Hand. Ich ziehe es selbst an und stelle mich dann mit weit geöffneten Armen vor ihn.

»Zufrieden?«

Er geht einen Schritt zurück und betrachtet mich kritisch.

»Also ein Schlips wäre schon schöner«, versucht er es nicht zum ersten Mal.

»Vergiss es«, brumme ich und rolle mit den Schultern, um den Sitz der ungewohnten Anzugjacke zu verbessern. Alles hat seine Grenzen. Zu einer Krawatte konnte mich bisher kein noch so offizieller Moment in meinem Leben bewegen.

»Aber Papa, schau mal …«, versucht Finn es weiter.

»Vergiss es!« Keinen Schlips zu tragen habe ich mir hart erkämpft. Ich habe Uniprüfungen ohne bestanden, ich habe mich ohne erfolgreich für Jobs beworben. Ich bin stolz darauf, dass mich die Konventionen all die Jahre nicht kleingekriegt haben. Das lasse ich mir nicht von einem aufgeblasenen Abiball kaputtmachen, für den wir uns gerade herrichten.

»Papa, du bist so hoffnungslos altmodisch!«

»Na und? Es gibt eben Werte, für die es sich zu kämpfen lohnt. Zum Beispiel ein offener Kragen. Da bin ich gerne konservativ.«

Ich finde die Kleidungsfrage eh schwierig. Was zieht man an, wenn man fünfzig ist? Das beige-blasse Zeug, in dem Rentner herumlaufen, die in Bussen oder Flussschiffen herumkutschiert und in Herden durch historische Innenstädte getrieben werden? Oder soll ich auf jung machen und Baseballkappen schief aufsetzen und mir künstlich zerschlissene Hosen bis in die Knie rutschen lassen? Eben! Also bleibe ich bei dem, was sich seit dreißig Jahren bei mir bewährt hat. Jeans und T-Shirt. Jackett nur in Ausnahmefällen, wie heute zum Beispiel. Krawatte nie.

Finn zuckt die Schultern. Auch wenn wir nur die ersten Jahre seines Lebens zusammengelebt haben, kennt er seinen Vater gut genug, um zu wissen, dass er in so einem Moment keine Chance hat. Es gibt Fragen, da beißt er bei mir, seit er denken kann, auf Granit. Meine Schlips-Renitenz ist ja nur ein Beispiel. Nimm mal McDonald’s.

»Zu den Menschenschindern und Leutevergiftern gehe ich nicht«, habe ich ihm schon als ganz kleinem Mann erklärt. Sehr zu seiner Verzweiflung. Oder Knarren: Ich habe ihm nie eine Spielzeug-Schusswaffe gekauft und immer wieder erklärt, dass man Konflikte anders austragen kann als mit Gewehren. Was dazu führte, dass mein Sohn eine unglaubliche Kreativität entwickelte, aus allem möglichen Material – Ästen, Drähten, Besteck, Gasherdanzündern, Papier und Klebstoff – Waffen zu bauen.

Seufzend dreht Finn sich zum Spiegel und überprüft noch einmal den Sitz seines Jacketts. Ich schätze, sein seidig glänzender Schlips war so teuer wie mein ganzer Anzug. Für mich wirkt mein Sohn schon arg aus dem Ei gepellt in seinem hellblauen Anzug, der schmalen Krawatte und den glänzenden Lederschuhen. Fast schon dandyhaft.

Die Schuhe haben wir am Tag vor dem großen Ereignis noch zusammen gekauft. Er war überzeugt, dass er mit seinen »alten« auf keinen Fall auf den Ball kann. Ich fand sie völlig okay, habe mich aber trotzdem breitschlagen lassen, ihn zu begleiten und die neuen Treter zu finanzieren. Schwerer Fehler. Nicht das Geld, aber das Begleiten. Ich musste die Geduld eines buddhistischen Mönchs aufbringen, um meinem Sohn klaglos in mindestens zehn Läden zu folgen, die Vorteile der verschiedenen Schuhe, die für mich alle gleich aussahen, zu diskutieren und ihm dabei zuzusehen, wie er mit nie erlahmender Ausdauer gefühlte hundert Schuhe an- und wieder auszog. Sogar bei der Farbe der Socken, die unbedingt zum Schlips passen mussten, wollte er beraten werden. Als wir schließlich beim Kaffee saßen – ich völlig ermattet, er total aufgedreht, weil er endlich die perfekten Schuhe gefunden hatte –, versuchte er mich mit der Bemerkung zu beruhigen, er sei ja noch harmlos. Ich sollte froh sein, dass ich keine Tochter hätte. Die Mädchen seines Jahrgangs seien eigentlich schon seit Wochen permanent kurz vor dem Nervenzusammenbruch. Sie seien nur noch in Läden und/oder im Netz unterwegs, um das passende Outfit und Make-up zusammenzustellen. Da würden sich täglich Dramen abspielen, vor denen ich keine Ahnung hätte.

Als er jetzt vor dem Spiegel noch mal kurz mit einem Taschentuch über die Schuhe fährt, kommt mir nicht zum ersten Mal der Gedanke: Wenn ich nicht wüsste, dass er schon mal eine Freundin hatte, würde ich denken, er wäre schwul. Ich hätte gar nichts dagegen. Im Gegenteil. Das wäre wenigstens mal etwas ansatzweise Exotisches. Etwas außerhalb der Norm, etwas, mit dem Finn aus dem Mainstream herausstechen würde. Das erste Mal war mir der Verdacht vor drei Jahren gekommen, als wir zusammen ein Fußball-Länderspiel schauten. Mitten in einer Drangperiode der deutschen Mannschaft, gerade als ich nach einer verpassten Chance enttäuscht schnaufend ins Sofa fiel, sagte mein Sohn: »Also die Trikots der letzten Saison haben mir viel besser gefallen als diese.«

Sprachlos hatte ich ihn damals angeschaut. Wie kann er in diesem Moment über Trikots reden? Aber Finn erläuterte ungerührt: »Die älteren waren an den Schultern besser geschnitten, und der Ausschnitt war so cool …«

Da war Finn sechzehn. Jetzt, mit neunzehn, steht er vor dem Spiegel und prüft noch einmal, ob nicht eine Locke seines blonden Haars seinem entschlossenen Gelangriff entwischt ist und ob sein Schlips auch genau auf der Gürtelschnalle endet. Als er in seine WG einzog, hat er sich von mir einen kleinen Kredit erbeten, um sich ein Bett kaufen zu können. Seinem Jugendbett war er entwachsen, aber seine Matratze einfach erst einmal auf den Boden seines neuen Zimmers zu werfen war für ihn unvorstellbar. Meine Erzählungen, dass ich früher jahrelang so auf dem Fußboden geschlafen hätte, und das hervorragend, entlockten ihm nur ein müdes Lächeln. Von wem er das nur hat?, frage ich mich. Sicher nicht von mir. Er ist ja der volle Gegenentwurf zu seinem notorisch unordentlichen, bockig spätpubertierenden Vater. Aber auch zu seiner leicht unstabilen, esoterisch bewegten Mutter, meiner Ex-Frau, deren grüne Smoothies, die sie ihm jeden Morgen aufzuzwingen versuchte, ihn vor einigen Monaten dazu bewegten auszuziehen.

Als er sich jetzt kritisch im Spiegel betrachtet und seine Kleidung nach Flusen absucht, will ich eine sarkastische Bemerkung über seinen Sauberkeitsfimmel machen, verkneife sie mir aber. Das ist heute Finns Tag, und der ist schwierig genug für ihn.

Finn. Ich liebe den Klang seines Namens. Wenn man mich fragt, wie wir damals bei seiner Geburt auf den Namen Finn gekommen seien, erzähle ich oft, das sei der Name eines finnischen Friedensgottes, und ernte jedes Mal ein beifälliges Nicken oder ein verständiges Lächeln. Das ist zwar Blödsinn, klingt aber gut, und wer kennt sich schon mit der finnischen Mythologie aus? Oder ich spreche von der Faszination der skandinavischen Landschaften, der Weite, der Mitternachtssonne und so weiter. Obwohl ich noch nie da gewesen bin. Kommt trotzdem auch sehr gut an. Dass ich im Namenslexikon einfach mit dem Finger auf einen Eintrag getippt hatte, muss man ja nicht verbreiten. Dass ich die Wahl nie bereut habe, schon.

Natürlich erfüllt es mich mit Stolz, meinen Sohn jetzt so zu sehen. Und gleichzeitig beschleicht mich das Gefühl, gar nicht stolz sein zu dürfen, weil ich ja viel zu wenig für seine Entwicklung verantwortlich war.

Groß ist er geworden, mein Finn, mit eins neunzig ist er fast zehn Zentimeter größer als ich, schlank und nicht unsportlich. Doch ich sehe immer noch den Fünfjährigen in ihm, den kleinen Mann, der sich in meine Arme kuschelt und mir unerschütterliches Vertrauen entgegenbringt. Eine Spur Melancholie erfasst mich. Diese Zeiten sind eindeutig vorbei. Kuscheln will dieser Schlacks mit mir sicher nicht mehr. Aber die Vertrautheit ist geblieben, trotz der räumlichen Trennung, in der wir leben, trotz einiger Meinungsunterschiede. Eine Vertrautheit, die ich mit meinem Vater nie hatte. Der hat unsere Familie verlassen, als ich vier Jahre alt war.

»Sag mal, hast du keine Socken ohne Loch?« Entsetzt schaut Finn auf meine Füße, die unter meiner besten Hose hervorlugen. Der rechte große Zeh drängelt sich vorwitzig aus dem Strumpf. Meine Mutter hätte jetzt wohl gescherzt: »Da hat jemand Kartoffeln gepflanzt!«, um dann den Strumpf mit einigen flinken Stichen zu stopfen. Eine Tradition, die ich nicht weitergeführt habe.

»Wieso, sieht doch keiner«, verteidige ich mich. »Oder planst du, mir heute irgendwann die Schuhe auszuziehen?«

Finn schnaubt verächtlich.

»Ich kann natürlich auch welche von denen hier nehmen.« Ich ziehe eine Handvoll Socken aus meiner Reisetasche, die ich bei meiner wie immer überstürzten Abreise hineingeworfen hatte, und halte sie triumphierend hoch.

Finn wirft einen verächtlichen Blick auf die bunte Mischung aus vielleicht einem Dutzend Socken in meinen Händen, dann hebt er anklagend einen ziemlich ausgewaschenen und offensichtlich vereinzelten Socken hoch: »Wieso hebst du so was auf?«

Wie soll ich das erklären? Dass ich ein gewisses Mitgefühl verspüre für diesen Zurückgelassenen, dessen Gegenstücke sich schon vor langer Zeit per Sporttasche oder Waschtrommel auf Reisen begeben haben?

»Das ist eine Art Solidarität«, versuche ich es. »Immer wenn ich so einen wegwerfen will, schaut er mich so traurig an, da bringe ich es nicht übers Herz. Vielleicht findet sich doch noch mal das Gegenstück.«

Doch als Finn mich verständnislos anschaut, winke ich ab: »Vergiss es.« Vielleicht ist es mit dem Vertrauen doch nicht so weit her.

Zum Glück kaufe ich Socken meist in großer Stückzahl am Wühltisch und alle nur in einer Farbe, sodass es Finn schon bald gelingt, zwei gleiche Socken herauszusuchen.

»Na, das nenn ich mal ’ne erfolgreiche Familienzusammenführung«, lobe ich ihn. »Die beiden haben sich sicher Jahre nicht mehr gesehen.« Ich streife die Socken über meine Hände und improvisiere ein Kasperletheater.

»Falke links, da bist du ja, wo bist du nur gewesen? – Oh, Falke rechts, es war schrecklich! Zuerst bin ich von der Wäschespinne gefallen, und dann …« Ich halte inne. Früher hätte Finn bei solchem Blödsinn gelacht. Jetzt schaut er mich nur traurig an.

»Ist ja schon gut«, lenke ich ein und ziehe mir die Strümpfe von den Händen. Anklagend lasse ich sie vor seiner Nase pendeln. »Aber das sind Sportsocken, die kann ich nicht zur Anzughose tragen. Das musst du doch am besten wissen.«

»Mach doch, was du willst!«, ruft Finn und wirft die Hände in die Luft. Damit zitiert er, ohne es zu ahnen, meine Mutter, die genau mit diesen Worten Diskussionen zu ihren Gunsten zu entscheiden suchte. Während mein Sohn im Flur verschwindet, rücke ich den kaputten Socken so zurecht, dass der Zeh nicht aus dem Loch schauen kann. Ich fahre mit einer der Sportsocken über die schwarzen Schuhe, die ich seit Finns Taufe nicht mehr getragen habe. »Mein Sohn ist meine Mutter«, stöhne ich, aber Finn ist schon im Treppenhaus.

 

1976

»Da ist ein Loch in deiner Jacke«, rief meine Mutter und bohrte ihren Zeigefinger durch eine fadenscheinige Stelle an der Schulter meiner abgewetzten Jeansjacke. »In dem Putzlumpen kannst du doch unmöglich übermorgen dein Abiturzeugnis entgegennehmen.«

»Wieso denn nicht?«, rief ich empört und schlug ihr leicht auf die Hand. Die Frage war nicht mal rhetorisch gemeint. Ich verstand es wirklich nicht. Klar war die Jacke schon ganz schön runtergeranzt und verschlissen. Aber um so zu werden, war sie nicht, wie später üblich, von staublungegefährdeten asiatischen Textilarbeitern mit Schleifmaschinen traktiert, sondern ausschließlich von mir höchstpersönlich abgewetzt worden. Am Anfang noch tiefblau und ziemlich steif hatte ich sie bei Wind und Wetter getragen, sommers wie winters. Sie war unzählige Male nass geworden und der bleichenden Sonne ausgesetzt. Ich hatte draufgesessen, sie beim Kicken auf der Wiese als Torpfosten missbraucht oder um die Stange meines Fahrrads gewickelt, um einem Mädchen etwas mehr Komfort zu bieten. Das alles hatte die Jacke blass gemacht, weich und anschmiegsam – und in meinen Augen vor allem wertvoller. Für meine Begriffe war ich mit der Jeansjacke geradezu fürstlich angezogen. Und für eine Abiturzeugnis-Übergabe sowieso, eine Zeremonie, die mir völlig unnötig erschien. Wenn es nach mir gegangen wäre, hätten sie mir den »Lappen« auch einfach zuschicken können. Mir schien das ganze Theater um die Hochschulreife reichlich übertrieben. Dabei wurden zu dieser Zeit die Zeugnisse mehr oder weniger einfach überreicht. Mehr oder weniger feierlich. Eine Rede des Direktors, ein Grußwort des Bürgermeisters – das war’s. Von Abibällen wusste man noch nichts. Ein Ball wäre bei uns auch nicht besonders spannend gewesen. Wir waren eine reine Jungenschule. Da hätte ich mit meinem Banknachbarn Klammerblues tanzen müssen.

Dabei hätte ich durchaus Grund gehabt, auf mein Abi stolz zu sein. Mein Schnitt war mit 2,5 nach heutigen Maßstäben höchst mäßig, damals jedoch galt ich unter meinen Kumpels fast als Streber. Nur einer in meinem erweiterten Freundeskreis war besser: Rudi. Der hatte 1,2 oder so etwas Außerirdisches. Aber er konnte nichts dafür. Er konnte machen, was er wollte, er schrieb immer eine Eins. Dabei war er ein super Kumpel, ließ die Kollegen abschreiben und verfasste Mogelzettel für andere. Deshalb wollten alle bei den Klausuren im Zeichensaal einen Platz in seiner Nähe ergattern. Das gab jedes Mal ein groteskes Gedränge.

Ich dagegen hatte für mein Abi sogar gepaukt. So hieß das damals. Zusammen mit Günther, der musikalisch wesentlich begabter war als mathematisch. Wir verbrachten einige halbe Nachmittage mit Aufgaben für das Mathe-Abi und die andere Hälfte in seinem großartig ausgestatteten Musikkeller, was ihn die Prüfung bestehen ließ und mir die ersten Griffe auf der Gitarre einbrachte. Aber bloß weil ich mich aufs Abitur vorbereitet habe, heißt das noch nicht, dass man gleich ein großes Bohei drum machen musste. Ich war einfach nicht so ein cooler Hund wie mein älterer Bruder Johannes, dem es drei Jahre früher mit minimalem Aufwand gelungen war, mit einem Schnitt von 4,1 noch »den Wisch« zu ergattern. »Ich bin ja schon froh, wenn ihr nicht sitzen bleibt«, hatte meine Mutter damals desillusioniert gestöhnt.

Aber jetzt war sie nicht froh. Im Gegenteil: Jetzt war sie empört. Wegen der Jeansjacke. Immerhin fände die Zeugnisverleihung ja im Friedenssaal des Münsterschen Rathauses statt, dort, wo 1648 der Westfälische Friede geschlossen worden war, der das Ende des Dreißigjährigen Krieges markierte. Für einen kurzen Moment in seiner tausendzweihundertjährigen Historie war Münster aus seinem provinziellen Dämmerschlaf aufgewacht und hatte Geschichte geschrieben. Seitdem war hier nichts Vergleichbares mehr passiert. Deshalb sind viele Münsteraner immer noch sehr stolz auf dieses nun doch schon etwas länger zurückliegende Ereignis. Und auf den Rathaussaal, in dem es stattfand. An so einem Ort kann der Junge doch nicht in so einem zerrissenen Fetzen herumlaufen, fand meine Mutter. Schon gar nicht bei der Übergabe seines Abiturzeugnisses.

»Wenn es dir schon egal ist, dann tu es wenigstens für mich«, bat sie. Ich schnaubte nur verächtlich. Ob ich denn gar nicht verstehen würde, was das für sie bedeute. Dass sie als alleinerziehende Mutter stolz darauf sei, dass drei ihrer Kinder aufs Gymnasium gingen und jetzt schon der Zweite Abitur machen konnte? Natürlich hatte sie recht. Ich hätte allen Grund gehabt, ihr dankbar zu sein und ihren Wunsch zu erfüllen. Aber ich blieb stur. Ich war achtzehn. Und ziemlich arrogant. Für mich war die ganze höhere Bildung nur der Versuch der herrschenden Klasse, Arbeiterkinder von ihresgleichen zu entfernen und sie zu willigen Dienern des Kapitals zu machen. Oder so ähnlich. Außerdem, fand ich, gab es nun wirklich nichts zu feiern, wo doch in der Dritten Welt täglich Tausende Menschen starben, damit wir hier in Europa in Saus und Braus lebten. Jedenfalls verschwendete ich keinen Gedanken daran, was die Zeugnisverleihung für meine Mutter bedeutete. Und schon gar nicht, was es für sie bedeutete, zu solchen Feierlichkeiten immer alleine gehen zu müssen. Ich machte mir sowieso wenig Gedanken über meine Mutter. Sie war ja da. Wie vielen Teenagern ging mir meine Mutter hauptsächlich auf die Nerven, obwohl sie in meinem Freundeskreis sehr beliebt war.

Wer mich damals deutlich mehr beschäftigte, war der, der nicht da war: mein Vater.

Mein Vater hatte den Klassiker gebracht. Er war im Frühjahr 1961 vom Zigarettenholen nicht wiedergekommen. Und hat sich – weniger typisch – in die DDR abgesetzt. Während viele andere alles Mögliche anstellten, um in den Westen zu kommen, zog es ihn seltsamerweise in östliche Richtung. Hinter den Eisernen Vorhang. Für seine Frau und seine fünf Kinder wurde er damit unerreichbar. Denn kurz danach wurde die Mauer gebaut.

Die genauen Umstände seiner plötzlichen Flucht waren mir nicht so recht klar. Er hatte meine Mutter nicht in seine Pläne eingeweiht, und sie hatte bisher alle Fragen in diese Richtung nur vage beantwortet. Er hatte wegen Trunkenheit am Steuer Schwierigkeiten mit der Polizei, war alles, was wir aus ihr herausbekamen, und dass er bis zum Verbot 1956 Mitglied der KPD gewesen sei.

Ich fragte mich oft, wie er wohl war. Was er dachte, ob er uns vermisste. Es gab ja keinerlei Kontakt zu ihm. Nach den ersten dringlichen Briefen meines Vaters, in denen er meine Mutter bat, ihm in den Osten zu folgen, in den er sich ohne Vorwarnung und gemeinsame Absprache abgesetzt hatte, und nach ihrer schlussendlichen Weigerung herrschte bald absolute Funkstille. Unter großem diplomatischem Aufwand hatte sich meine Mutter dann Anfang der Siebzigerjahre über den Eisernen Vorhang hinweg von ihm scheiden lassen. Inzwischen war nicht mal mehr klar, wo er wohnte. Ich fragte mich oft, ob ich zufriedener mit mir selbst wäre, wenn er bei uns geblieben wäre. Ob ich stärker und männlicher geworden wäre und nicht so lächerlich unsicher, wie ich mich meist fühlte. Was wäre geworden, wenn ich einen starken Vater gehabt hätte, an dem ich mich ordentlich hätte reiben können, statt meiner großzügigen, liberalen und manchmal auch ein bisschen überforderten Mutter, die sich seit fünfzehn Jahren alleine gegen fünf meinungsstarke Heranwachsende wehren musste und dabei hoffnungslos in der Unterzahl war?

Auch jetzt saß sie am kürzeren Hebel. Ich war achtzehn, ich konnte anziehen, was ich wollte. Meine Mutter bat und drohte. Sie würde die Jacke in den Müll werfen, sie würde nicht mitgehen, kein Wort würde sie mehr mit mir reden – alles erfolglos. Natürlich würde sie sich die Feier nicht entgehen lassen. Die anderen würden auch alle in ihren normalen Klamotten kommen, behauptete ich. Und bevor sie damit anfange, nein, zum Friseur würde ich auch nicht gehen. Ich strich mir provokant durch meine schulterlangen Haare. »Die Matte bleibt dran.«

»Mach doch, was du willst«, rief sie endlich, um mir zu bedeuten, dass sie genau das nicht wollte. Und normalerweise wäre das für mich auch der Punkt gewesen, um einzulenken. Diesmal nicht.

Also schwiegen wir uns einen Tag lang grimmig an, und ich weiß nicht, wer gewonnen hätte, aber am Tag des großen Ereignisses erhielt meine Mutter morgens einen offiziell aussehenden Brief. Nachdem sie ihn gelesen hatte, legte sie ihn beinahe zärtlich auf den Küchentisch und erklärte: »Euer Direktor ist gestern gestorben, die Feier fällt aus.«

Mir entschlüpfte ein erleichterter Seufzer, bevor ich ein betrübtes Gesicht aufsetzen konnte.

 

2004

»Hab ich dir schon mal erzählt«, frage ich Finn, als wir im Auto sitzen, »dass man uns damals das Zeugnis einfach nur zugeschickt hat? Bei uns gab’s dieses ganze Brimborium mit Abiball, Abistreich, Denkmalsetzung und Miss-Abi-Wahl nicht. Meine Mutter hat damals …«

»Ich weiß, Papa«, unterbricht Finn mich.

Er sitzt am Steuer meines Wagens. Ich habe mich breitschlagen lassen, den Führerscheinneuling auf der Fahrt zum Veranstaltungsort etwas üben zu lassen. Das passt mir genauso wenig wie meine Anzugjacke, die im Sitzen an den Schultern spannt. Dabei haben wir schon so viele Stunden zusammen im Auto verbracht – auf all den Fahrten vom oder ins Ruhrgebiet, wenn ich ihn für ein langes Wochenende oder die Ferien abgeholt oder zurückgebracht habe. Aber da bin immer ich gefahren. Jetzt sitzt mein Sohn vorne links. Das ist eindeutig der falsche Platz, finde ich. Für mich gehört er immer noch nach hinten in den Kindersitz.

Es ist ein seltsames Gefühl, wie dieser in meinen Augen immer noch völlig unreife Knirps nun plötzlich mich durch die Gegend kutschiert.

Dabei fährt er gut, muss ich mir eingestehen, wie er eigentlich alles gut macht, was er anfasst. Er ist ein Musterschüler mit dem drittbesten Abitur des Jahrgangs, er ist ein begabter Badminton- und Basketballspieler, er engagiert sich in der Jugendarbeit und spielt mehr als passabel Schlagzeug. Und natürlich hat er die Führerscheinprüfung beim ersten Versuch geschafft. Ich betrachte ihn, wie er ernst und konzentriert das Steuerrad mit zwei Händen hält, die Rückspiegel im Blick hat und den Blinker betätigt. Das könnte man aufnehmen und als Lehrfilm in Fahrschulen verwenden, denke ich.

»Kennst du den Siebten Sinn?«, frage ich und trompete lautstark die eingängige Melodie des Vorspanns dieser Verkehrserziehungssendung heraus, mit der ich aufgewachsen bin. »Pa-paaa, paa-paab, paapa pa dap pap pa paapadap!«

Finn ignoriert routiniert meine peinliche Einlage. Er ist solche kindischen Ausbrüche gewohnt. Er weiß aus leidvoller Erfahrung: Ich schreie angsterfüllt in Achterbahnen, ich trage auch außerhalb der Faschingszeit manchmal seltsame Hüte, und ich lasse im Restaurant mein Essen zurückgehen, wenn es mir nicht schmeckt. Alles Anlässe für Finn, so zu tun, als kenne er mich nicht. So schaut er auch jetzt scheinbar unbeeindruckt nach vorn. Natürlich weiß er, dass es genau dieser Teil meiner Persönlichkeit ist, der nach einigen Umwegen dazu geführt hat, dass ich seit fast zwei Jahrzehnten meinen Lebensunterhalt als Kabarettist verdiene. Einen Job, den er nach eigener Aussage »cool« findet und der immerhin so viel abwirft, dass ich ihm unter anderem ein Highschool-Jahr in den USA finanzieren konnte. Das heißt aber noch lange nicht, dass er meine unernsten Ausbrüche auch mögen muss.

Hinter einer Kurve kommt zum ersten Mal Dortmunds frisch renoviertes Fußballstadion in unser Blickfeld. Wie ein riesiges Raumschiff ragt es über die Bergarbeitersiedlungen der Umgebung hinaus.

»Die VIP-Lounge eines Fußball-Bundesligisten für euren Ball!« Ich pfeife anerkennend. »Darunter macht ihr es wohl nicht? Wie seid ihr denn da drangekommen?«

»Der Onkel von Lukas arbeitet im Management des Vereins, und da haben wir ’nen super Preis gekriegt.« Er lenkt das Auto in die Zufahrt zum Stadion. »Danke, Papa, dass ich fahren durfte.«

Da ist er wieder, der »Papa«. Ich mag dieses Wort nicht besonders. Ich hätte es eigentlich lieber, Finn würde mich einfach bei meinem Vornamen nennen. Aber er ignoriert diesen Wunsch, seit er Papa sagen kann. Und er ist ja nicht der Einzige. Praktisch alle Heranwachsenden und inzwischen auch Herangewachsenen nennen ihre Eltern Papa und Mama. Das wäre mir und meinen Kumpels früher nicht eingefallen. Jedenfalls nicht in der Öffentlichkeit. Wir haben unsere Eltern untereinander meist »der alte Herr« oder »meine alte Dame« genannt, um uns möglichst weit von ihnen abzugrenzen. Und das war noch eher freundlich gemeint. Gab’s Stunk, hießen sie einfach »meine Alten«. Meine Mutter bildete da eine Ausnahme. Sie war unter meinen Freunden und denen meiner Geschwister ziemlich gut angesehen. Sie war liberal und interessierte sich wirklich für das, was uns und unsere Freunde bewegte, auch wenn sie oft anderer Meinung war. Das brachte ihr den Ehrentitel »Mutter Courage« ein. Für mich blieb sie dennoch immer »meine alte Dame«, wenn ich anderen gegenüber von ihr sprach. »Papa« jedenfalls klingt auch jetzt noch für mich nach Kindergarten, nach Sandkasten, nach Schnuller, das hätte keiner von uns gesagt.

Und ich sowieso nicht. Zu wem denn auch?

Nachdem unser Vater uns verlassen hatte, hat unsere Mutter jahrzehntelang keine Anstalten gemacht, sich nach einem anderen Mann umzusehen. Das hat uns Kindern nicht immer gefallen. Eine immer wieder gern kolportierte Anekdote ist, dass wir in den Sechzigerjahren wohl einmal einen Bauarbeiter auf der Straße angesprochen, ihn mit nach Hause genommen und unserer Mutter mit der Ankündigung »Wir haben einen Mann für dich!« vorgestellt haben. Unsere Mutter schwört Stein und Bein, dass die Geschichte stimmt, obwohl sie sich nicht mehr erinnern kann, wie sie den Mann wieder aus dem Haus bekommen hat. Auch bleibt unklar, ob dies ein Akt der Barmherzigkeit von uns gegenüber unserer Mutter war oder ob wir vor allem die freie Position des Vaters besetzen wollten. Aber »Papa« hätten wir zu dem niemals gesagt.

Finn stellt den Motor ab und reißt mich aus meinen Gedanken. Ich schaue mich um. »Na, wenigstens gibt es heute keine Parkprobleme hier«, sage ich. Vor uns erstreckt sich der für Zehntausende Autos angelegte Stadionparkplatz. Die paar Dutzend Fahrzeuge, die sich in der Nähe des Eingangs zur Lounge sammeln, wirken auf dem riesigen Areal etwas verloren.

Ich imitiere die sachliche Stimme des Sprechers aus dem Siebten Sinn: »Auch auf großen Parkplätzen herrschen die Regeln der Straßenverkehrsordnung. Dennoch kommt es immer wieder zu Unfällen, besonders wenn Anfänger …«

»Papa, ich muss dir was sagen, bevor wir da reingehen«, unterbricht mich Finn plötzlich. Mit ernstem Gesicht schaut er Richtung Windschutzscheibe. Ich verstumme. Schon als kleiner Junge hatte er diese Momente, in denen er sehr ernst werden konnte. Dann sagte er Sachen wie: »Wahrscheinlich habe ich Schnupfen, weil ich im Mitsubishi Lancer Kombi XL das Fenster offen gelassen habe.« Jetzt scheint es aber um Gravierenderes zu gehen.

»Vielleicht ist das jetzt auch gar nicht der richtige Zeitpunkt«, druckst er herum.

»Nein, nein«, ermuntere ich ihn, »schieß los, ich bin ganz Ohr, wir haben ja noch Zeit.« Für meinen Geschmack sind wir eh viel zu früh losgefahren. Finn hasst es, zu spät zu kommen. Ich dagegen finde es eher peinlich, irgendwo eine Viertelstunde dumm rumzustehen, weil man zu rechtzeitig vor Ort ist.

»Ich wollte es dir ja schon länger sagen, aber …«, wieder zögert er, »ich hab mich nicht getraut …, also ich bin …«

»… doch schwul!«, beende ich seinen Satz. So viel zum Thema Zuhören. Ich werfe in Sekundenbruchteilen über Bord, was für mich in letzter Zeit eigentlich zur Gewissheit geworden war. Dass er eben nicht schwul ist. Aber was juckt mich mein Gefühl von gestern?

»Aber Junge, das ist doch nicht schlimm«, deute ich seinen gequälten Gesichtsausdruck falsch. »Im Gegenteil. Einige meiner besten Freunde sind schwul.« Das ist zwar übertrieben. Ich habe ein paar homosexuelle Bekannte, aber so richtig befreundet bin ich mit keinem. Aber das ist ja jetzt nicht wichtig, ich will ihm erst einmal die Angst nehmen.

»Blödsinn, Papa!«, ruft Finn empört und schüttelt den Kopf. »Nein, es geht um etwas ganz anderes …« Sein Blick ist auf den Parkplatz vor uns geheftet, als würde er dort die Lösung einer schwierigen Rechenaufgabe finden. »Ich will …«

»Heiraten?« Das sähe ihm ähnlich, meinem für meinen Geschmack viel zu ernsten Sohn. Wenn schon Mädchen, dann gleich Nägel mit Köpfen. »Wer ist denn die Glückliche? Kenne ich sie? Ist es das Mädchen, von dem du in letzter Zeit öfter erzählst, diese … Nadja? Nadine? Nein, Nora, oder? Du, ist es nicht ein bisschen früh dafür?«

»Jetzt hör mir doch mal zu!« Mit beiden Händen schlägt Finn aufs Lenkrad. Immer noch schaut er mich nicht an. Dann spricht er ganz leise, ich muss mich ein wenig zu ihm herüberbeugen, um ihn zu verstehen.

»Ich möchte Pfarrer werden. Ich werde mich für Theologie einschreiben.«

Für einen Moment verschlägt es mir die Sprache.

»Theologie?«, frage ich dann gedehnt, um Zeit zu gewinnen und das Gedankenchaos in meinem Kopf ordnen zu können. Finn nickt sehr ernsthaft und schnallt sich ab.

»Ehrlich?« Ich bin total konsterniert.

»Aber doch wenigstens evangelisch?«

»Nee. Richtig«, sagt er, steigt aus und schlägt die Tür zu.

Mir ist, als hätte er sie mir vor den Kopf geschlagen. Mein Sohn ein Pfarrer? Kann das sein? Finn, Teil einer Einrichtung, gegen die ich Sturm gelaufen bin, solange ich politisch denken kann? Und dann auch noch katholisch? Inquisition, Hexenverbrennungen, Missionierung mit dem Schwert – im wilden Stakkato poppen in meinem Hirn die Schlagwörter der Todsünden auf, die die katholische Kirche in meinen Augen im Lauf der Geschichte begangen hat. Und dem Zölibat will sich der Junge auch noch unterwerfen? Ja, geht’s denn noch? Was ist denn dann mit Enkeln?

Aber Moment! Ich stutze. Da stimmt doch etwas nicht. Ich befreie mich von meinem Sicherheitsgurt und springe aus dem Auto.

»Aber du hast dich doch evangelisch taufen lassen!«, rufe ich, während ich ihm über den Parkplatz des Fußballstadions nachlaufe. Ich erinnere mich noch gut an die ziemlich freudlose Zeremonie in einer ziemlich kalten Kirche, als er sich als Zwölfjähriger ein bisschen Wasser hat über den Kopf laufen lassen, um nachzuholen, was wir Eltern nach seiner Geburt vorsätzlich unterlassen hatten. Das mit der Taufe sollte er später selber entscheiden, fanden wir. Und das meinte eigentlich: nie. Dass er es dann aber doch sehr früh tatsächlich durchgezogen hat, hat mir imponiert, trotz aller inhaltlichen Differenzen. Und davon gab es einige.

Besonders in den ersten Jahren nach der Taufe war er überzeugt, dass, wer nicht für Gott ist, gegen ihn sein muss, dass ich also, der hartnäckig die Existenz Gottes leugnete, auf der anderen Seite, der Seite des Teufels, stehe. Ein Konflikt, der ihn mit dreizehn oder vierzehn Jahren fast zerriss, bis ich zur Vernunft kam und aufhörte, ihn mit meinem Atheismus zu konfrontieren und kindisch auf meinem Standpunkt zu bestehen. Ich vermied stattdessen von da an diese Themen, in der Hoffnung, dass die Zeit für mich arbeiten und er irgendwann wieder von dem Trip herunterkommen würde. Na, die Taktik hat ja super funktioniert, denke ich jetzt, als ich ihm nachlaufe.

»Du bist doch evangelisch!«, wiederhole ich, als ich leicht schnaufend zu ihm aufschließe.

Finn dreht sich plötzlich um.

»Papa!«, sagt er mit tadelndem Unterton. Und wirkt plötzlich viel erwachsener als ich. »Natürlich evangelisch. Du bist nicht der Einzige von uns beiden, der schlechte Scherze machen kann.«

Ich atme auf. Wenigstens etwas.

»Junge, wie kannst du deinem alten Vater so einen Schrecken einjagen?«, schimpfe ich mit gespielter Empörung. »Aber was ist denn mit deiner Banklehre?«, versuche ich mich zu sammeln. »Du wolltest doch eigentlich Banker werden.« Plötzlich kommt als kleineres Übel daher, was mir vor einem halben Jahr noch undenkbar erschien.

Finn hatte schon von klein auf ein gutes Händchen, mich mit seinen Berufswünschen aus der Bahn zu werfen. Schon mit sechs wollte er Polizist werden. Sehr zu meinem Leidwesen. Ich hatte in meiner Schulzeit und danach einige ziemlich unerfreuliche Zusammentreffen mit der Polizei. Damals ging man nicht immer zimperlich mit Teilnehmern von Demonstrationen oder Kundgebungen um. Insofern gehörten Polizisten zum mir auch heute noch suspekten Staatsapparat. Ich versuchte, mehr oder weniger subtil, ihn umzustimmen. Leider erfolglos. Wenn ich seine in meinen Augen nicht unbeträchtlichen Fähigkeiten auf musikalischem Gebiet lobte und ihm vorschlug, vielleicht Schlagzeuger zu werden, stimmte er begeistert zu: »Genau! In einer Polizeikapelle!« Und als wir eines Abends einen Dokumentarfilm von Jaques Cousteau im Fernsehen anschauten und ich ihn fragte, ob Unterwasserforscher nicht auch ein toller Beruf sei, antwortete er: »Ja! Ich werde Polizeitaucher.«

Und mit siebzehn eröffnete er mir dann eben, dass er Banker werden wollte.

»Mein Sohn, ein Banker? Niemals!«, hatte ich damals getobt. Ich fand das erstens so furchtbar bieder, dass es schon wehtat, und zweitens macht man sich als Bankier zum Büttel des Kapitals. »Was sollen denn die Nachbarn denken?«, scherzte ich nur halb. »Wozu haben wir in den besetzten Häusern gefroren und das unsoziale Miet- und Kreditsystem angeprangert?«, polterte ich weiter.

Natürlich war das übertrieben. Ich habe nie in einem besetzten Haus übernachtet. Ich war sicher, ich würde da kein Auge zumachen. Aber immerhin kannte ich einige Kumpels, die in besetzten Häusern gelebt hatten.

»Wozu haben wir uns auf Demos mit Tränengas besprühen lassen? Damit der Herr Sohn sich zum Helfer der Finanzhaie macht?«

Ich verschwieg ihm, dass ich damals bei all den Protesten einen Heidenspaß gehabt hatte, ja, dass das vielleicht sogar die beste Zeit meines Lebens gewesen war. Die ganze Aufregung, die ständigen Diskussionen, Aktionen, Demonstrationen. Nächte, in denen wir Bier trinkend und rauchend Plakate entwarfen, Flugblätter druckten, Häuserwände besprühten. Und Nächte, die ich bis über beide Ohren verliebt mit Finns Mutter, Ruth, auf der Matratze in meinem kleinen WG-Zimmer zugebracht hatte. Ich verschwieg ihm, dass ich damals in Wahrheit keinen Gedanken an meine Zukunft verschwendet hatte, geschweige denn an die Zukunft eines noch lange nicht existierenden Sohnes.

Irgendwann habe ich mich aber mit einem gewissen Fatalismus an den Gedanken gewöhnt, dass mein Sohn ins Finanzestablishment wollte. Wenigstens kann es nicht schlimmer kommen, dachte ich damals in völliger Verkennung der Lage.

»Das mit der Banklehre war doch nie richtig ernst gemeint«, verkündet Finn jedoch jetzt. »Ich war ja noch jung.«

Und was bist du jetzt?, will ich ihn fragen. Alt und weise? Und denkst du, dass ein Theologiestudium eine reifere Entscheidung ist als eine Banklehre? Für mich klingt das eher wie die Wahl zwischen Pest und Cholera.

Fragen an Georg Koeniger zu »Abiball«

Was waren die größten Unterschiede zwischen Ihrem Abiball und dem Ihres Sohnes?

Naja, der größte Unterschied besteht darin, dass mein Abiball gar nicht stattgefunden hat. So etwas gab es nämlich gar nicht in den Siebzigerjahren. Schon gar nicht in einer Jungenschule wie meiner. Bei uns gab es nur eine mehr oder weniger feierliche Zeugnisübergabe im Rathaussaal. Und die wollte ich damals zusammen mit einem Kumpel auch noch sabotieren, aus Solidarität mit den Ländern der Dritten Welt. Wir ahnten noch nichts von Abizeitung, Abistreich, Abifahrt – und vor allem ahnten wir nichts von dem superschicken Abiball, auf dem die Mädels sich dressen wie zur Hochzeit und die Jungs noch nicht ganz passende Designeranzüge tragen. Bei mir hat die zerschlissene Jeansjacke ausgereicht. Umso schlimmer für mich, dass mich mein Sohn dann zwang, im ganz feinen Zwirn auf seinem Abiball zu erscheinen.

 

Wieso hat der Abiball so eine große Bedeutung für die Abiturienten?

Gute Frage. »Das ist das letzte Mal, dass wir in dieser Zusammensetzung zusammenkommen«, hatte mein Sohn mir einmal erklärt. »Das muss man doch gebührend feiern«. Klar, aber bloß weil das Wort Gebühr drinsteckt, muss es auch viel Geld kosten? Vielleicht ist es ja das Bedürfnis, in einer immer schwerer zu überschauenden Welt Meilensteine zu setzen, das zu solch pompösen Feiern führt. Sicher hat das Ganze aber auch viel mit der Amerikanisierung unserer Gesellschaft zu tun. So wie der Weihnachtsmann von Coca-Cola eingeführt wurde und der Valentinstag auch bei uns nicht mehr wegzudenken ist, so wie Halloween immer mehr Freunde findet, so prägen auch die amerikanischen Highschool-Abschlussbälle, die sogenannten Proms, die Vorstellung hiesiger Schüler von einer würdigen Abschlussfeier. Kein Wunder also, dass sie diesen Bildern nacheifern, die sie in den Medien oder bei USA-Aufenthalten sehen. Aber vielleicht sollte man die ganze Sache auch nicht zu hoch aufhängen. Vielleicht ist das Fest für die Schüler ja auch nur eine Art Maskenball, auf dem sie der Lust frönen, sich herauszuputzen und eine richtig große Sause zu erleben.

Hat sich auch die Beziehung zwischen Eltern und Kindern seitdem verändert?

Zu meiner Zeit zeigte sich niemand gerne mit seinen Eltern, weil sie uns so unendlich kleinbürgerlich und spießig vorkamen. Mein Leben lang habe ich mich bemüht, nicht so zu werden. Heute werden Eltern den Kindern schnell peinlich, wenn sie sich eben nicht konventionell verhalten, sondern aus der Masse herausstechen und in der Öffentlichkeit auffallen. Ich glaube, mir hätte das damals bei meinen Eltern imponiert. Dafür entwickeln sich die Enkel unserer Eltern nun genauso, wie sie sich das für schon ihre Kinder gewünscht hatten.

 

Was ist die lustigste Erinnerung vom Abiball ihres Sohnes?

Dass ich mit dem zweiten Mann meiner Ex-Frau (wegen dem sie mich damals verlassen hatte) an einem Tisch saß, und sie mit ihrem dritten Ehemann an einem anderen. Sie wollte an diesem Abend mit keinem ihrer Ex-Männer den Tisch teilen. So verbrachte ich einen großen Teil des Festes mit Small Talk mit meinem Nachfolger. Das war so grotesk, dass ich wahrscheinlich laut aufgelacht hätte, wäre ich nicht selbst beteiligt gewesen und wäre nicht mein Sohn den ganzen Abend über unruhig und unglücklich zwischen den beiden Tischen hin- und hergependelt. Dieses Erlebnis war auch der Auslöser, warum ich das Buch »Abiball« geschrieben habe: die verrückten Familienverhältnisse, die auf einem Abschlussball im wahrsten Sinne des Wortes zum Tanzen gebracht werden.

 

Was empfehlen Sie anderen Vätern in Vorbereitung auf den Abiball ihrer Kinder? Haben Sie Überlebenstipps?

Ziehen Sie etwas an, in dem Sie sich wohl fühlen. Egal wie es aussieht. Trinken Sie nicht zu viel. Essen Sie vor dem Ball ausreichend, damit Sie nicht hungrig in der Buffetschlange warten müssen. Wenn es irgendwie geht: lassen Sie sich vorher nicht scheiden. Wenn Sie also noch mit der Mutter des/der Abiturienten/in zusammen sind: Machen Sie ihr ein Kompliment und benehmen Sie sich, als wären Sie beide selbst Abiturienten. Das mögen Ihre Kinder peinlich finden, ist aber gut für die Beziehung. Wenn sich die Scheidung nicht vermeiden ließ: Seien Sie zumindest freundlich. Geben Sie dem Abend eine Chance. Am Ende haben Sie vielleicht sogar Spaß. Und das verpasste Fußballspiel kann man später immer noch in der Mediathek anschauen ...

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