David Lagercrantz über Alan Turing
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David Lagercrantz

David Lagercrantz über seine Faszination für das Genie Alan Turing

Donnerstag, 10. Dezember 2015 von Piper Verlag


Alan Turing antwortete David Lagercrantz auf die Frage eines Journalisten, welcher Person der Weltgeschichte er am liebsten begegnen würde. Im Nachwort zu »Der Sündenfall von Wilmslow« erklärt er seine Faszination für dieses berühmte Genie und wie ihn die originalen Ermittlungsakten zu seinem Ermittler Leonard Corell inspirierten.

Ich war jung, kleidete mich schwarz und wollte um jeden Preis intellektuell werden, und deshalb bewunderte ich natürlich Ludwig Wittgenstein, den Urtyp des großen Denkers.

Ich war verhext von seiner Lebensgeschichte und seiner Kompromisslosigkeit, aber seine Philosophie sprach mich nie an, obwohl ich das natürlich nicht zugab, und vielleicht verhielt ich mich zu Wittgenstein wie zu meinen Hardrockgruppen einige Jahre zuvor. Ich mochte sie nicht, fand es aber angesagt, so zu tun, als ob, doch am Ende begehrte ich gegen die Autoritäten auf. Mit der ganzen Arroganz der Jugend erklärte ich, der große Philosoph gehe mich nichts an, und diese Worte ebneten den Weg für mein Interesse an Alan Turing. Turing war in Wittgensteins Biografie eine Fußnote.

Die beiden hatten 1939 über die Bedeutung von Widersprüchen in logischen Systemen diskutiert, und auch das klang eher nach einer akademischen Haarspalterei, doch dann entdeckte ich in einem Nebensatz, Turings Arbeit mit Paradoxen habe zum modernen Computer geführt, und das erschien mir bemerkenswert. Wie konnte ein kleines abstraktes Problem, das dermaßen isoliert zu sein schien, etwas so Bedeutendes und Handfestes erschaffen? Ich versuchte, mich einzulesen, doch es gelang mir nicht, die Dinge richtig zu verstehen, noch war ich übermäßig fasziniert. Die Computer waren zu jener Zeit ja auch noch nicht so großartig – es war weit vor dem Internet –, und ich gab auf. Mein Leben nahm eine neue Richtung. Ich studierte Journalismus und verbrachte einige Jahre mit Dummheiten. (Nun ja, nicht nur Dummheiten.) Aber es dauerte, bis ich die Möglichkeit bekam, mich wieder den Grübeleien der Studienjahre zuzuwenden. Auf dem Höhepunkt des IT-Booms begann ich eine Biografie des Erfinders Håkan Lans. Es wurde ein spannendes Projekt, aber am Anfang war es lähmend langweilig.

Ich pflügte mich durch Patentanmeldungen, und die ganze grässliche Juristenprosa stand mir bis zum Hals. Ich kam auf die Idee, das Buch zu retten, indem ich auch die Geschichte des Computers erzählte. (Jedermann sprach damals von der gesegneten Zukunft des Computers, doch nur wenige interessierten sich dafür, wie alles angefangen hatte.) Dabei stieß ich erneut auf den Namen Alan Turing, und diesmal las ich mich gründlicher ein und war gefesselt, nicht nur von seinem Denken und von der Entschlüsselung der Codes in Bletchley, sondern vom Ergreifenden in seiner ganzen Gestalt, seinem Stottern und seiner gehemmten Persönlichkeit.

Dennoch reifte die Idee, einen Roman über ihn zu schreiben, nur langsam, und im Nachhinein denke ich, dass die alte klassische Frage »Welcher historischen Person würdest du am liebsten begegnen?« ein auslösender Faktor war. Ein junger Journalist aus Umeå stellte sie mir, und ich behandelte sie mit einem gewissen Ernst. Wen wollte ich treffen? Irgendeine Größe der Geschichte und dastehen und vor ihrer Majestät erzittern? Nein, es wäre natürlich besser, mit ein wenig Licht aus der Zukunft zu kommen, und dann würde einer der in ihrer Gegenwart Verkannten, aber später Berühmten doch gut passen, wie Kafka oder warum nicht Van Gogh. Ich entschied mich für Turing und sagte, ich wolle an einem der letzten düsteren Tage seines Lebens in Wilmslow an seine Tür klopfen und etwas Freundliches sagen, das ein Lächeln in seinem Gesicht aufleuchten ließe. Diese Szene blieb in mir haften, und ich begann mit Recherchen zu diesem Thema.

Ich fand bedauerlich wenig über sein Innenleben. Im Unterschied zu so vielen Autoren hatte er seine Gefühle nicht in langen Briefen verströmt. Er blieb eine schwer zu greifende Gestalt, und wie um Himmels willen sollte ich seine Mathematik in einem Roman ausbreiten? Ich konnte kaum in seinen Kopf eindringen. Nein, ich benötigte einen Doktor Watson, der ihn von außen sah und Turings Ideen auf sein eigenes Niveau übertrug, aber wer sollte das sein, ein Freund, ein Liebhaber?

Lange kam ich nicht weiter und erwog, mich etwas Einfacherem zuzuwenden, aber eines Abends landete ich im Internet im Turing Digital Archive, und dort fand ich die polizeiliche Ermittlung, die nach seinem Tod durchgeführt wurde, eine miserable Ermittlung, schlecht geschrieben und allem Anschein nach rein routinemäßig durchgeführt. Ich stellte fest, dass ein gewisser Kriminalinspektor Cottrell sie verfasst hatte. Es war der Herbst 2005, und an einem jener Tage ging ich am Skeppsbron in Stockholm entlang, ohne dem Buch auch nur einen Gedanken zu widmen. Da kam mir die Idee: Selbstverständlich musste der Polizeibeamte mein Held sein, nicht gerade Cottrell, sondern eine gewitztere, hungrigere Person, die ein Geheimnis ahnte, ja, die begriff, dass sich hinter dem, was wie der einfache Selbstmord eines verurteilten Homosexuellen aussah, in Wahrheit etwas viel Größeres verbarg.

Das Buch musste ganz einfach mit dem Ende beginnen, mit Turings Tod, und mit dem Polizisten, der ihn im Bett neben dem halben Apfel findet. Ich sah ein, dass die Geschichte dann nicht nur ein klassischer Bildungsroman sein konnte. Wie ein Kriminalroman würde sie auch von dem Rätsel vorangetrieben werden können, das Turings Leben umgab, und ich würde Möglichkeiten erhalten, die Klischees des Kalten Krieges von innen heraus zu hinterfragen und ein wenig mit den Schablonen des Spionageromans zu spielen.

 

In meinem Corell schuf ich eine Art Spiegelgestalt zu Turing, eine Figur, die Züge von mir selbst annehmen konnte, genauso wie einige weitere fiktive Gestalten, Farley, Vicky, Fredric Krause und Pippard. Doch dann war da der Mathematiker selbst. Alle ihn betreffenden Fakten versuchte ich korrekt zu beschreiben, und ich rang mit seinen Theoremen und Gedanken, weiß Gott, und natürlich fuhr ich nach England. Auch da war Herbst, und herrje, wie ich mich sofort in Cambridge verliebte! Die Stadt umbrauste mich wie eine Oper, und ich ging umher und dachte an Alan Turing, schlenderte durch das Torgewölbe vom King’s College, an der Kapelle vorbei, stieg eine Treppe hinauf zum Lesesaal des Archivs. Selbstverständlich gab ich mir Mühe, weltgewandt auszusehen, doch ich fühlte mich winzig und schrieb auf kleine weiße Zettel, welche Dokumente ich einsehen wollte. Dann wartete ich in der ein wenig feierlichen Stille. Als mein kleiner Kasten hereingebracht wurde, nahm ich seine alten Briefe in die Hand und roch an ihnen, als erwartete ich, jenen Bittermandelgestank wahrzunehmen, aber vor allem erinnere ich mich daran, wie ein Umschlag mit etwas Hartem herausfiel. Ich hatte diesen Umschlag nicht bestellt und öffnete ihn ein wenig geistesabwesend. Darin lag ein schöner englischer Teelöffel, und ich wog ihn eine Weile in der Hand: Was ist das hier?

 

Es war ein Löffel, den Alan Turing in einer jener Nächte in seiner Hobbywerkstatt in Wilmslow vergoldet hatte, und es versetzte mir einen Stoß. Hatte auch er diesen Löffel in der Hand gehalten? Ich verspürte eine Lust, ihn in meine Tasche gleiten zu lassen, fragte mich jedoch stattdessen, warum er hier im King’s College gelandet war. Hätte ein so feines Stück nicht an einen Erben gehen müssen?

Es zeigte sich, dass Sara Ethel, Turings Mutter, ihn als eine Einlassung in der Debatte um den Tod ihres Sohns dorthin geschickt hatte. Alans Freunde und die Polizei sowie der Untersuchungsrichter Mr Ferns – der wirklich gesagt hatte, dass ein impulsgesteuertes Handeln typisch sei für das Verhalten eines Mannes dieser Art – waren ja alle überzeugt, dass es sich um Selbstmord handelte, und das empörte Mrs Turing. In ihrer Welt konnte sich der Sohn unmöglich das Leben genommen haben, und ihr bester Beweis dafür war der Löffel.

 

Der Löffel war mit dem Gold einer alten Uhr vergoldet worden, und zur Durchführung einer solchen Prozedur ist Zyankali erforderlich. Alan musste ganz einfach unvorsichtig gewesen sein, meinte sie, und das klang wohl ein wenig wie der klassische Versuch einer Mutter, den Schmerz der Trauer zu mildern. Aber es brachte mich dazu nachzudenken, und ich ging erneut die Umstände seines Todes durch. Es war leicht, der Mutter darin recht zu geben, dass die ganze Prozedur seltsam umständlich gewesen zu sein schien. Wenn Alan Turing sich nur das Leben nehmen wollte, warum hängte er dann Stromleitungen an die Decke und kochte einen ganzen Kessel Zyanid auf der Heizplatte?

Natürlich wusste ich auch, dass der Mutter und den Freunden entscheidende Informationen nicht zugänglich waren. Keiner von ihnen hatte eine Ahnung davon, auf welch extrem sensiblen Kenntnissen Turing saß und wie ängstlich er vom Nachrichtendienst überwacht wurde. Die Geheimhaltung aus der Kriegszeit war in den 1980er-Jahren noch kaum gelockert worden, als schon Konspirationstheorien zu florieren begannen, dass er aus dem Weg geräumt worden sei. Konnten diese verzwickten Umstände Anzeichen für einen Mord sein?

 

Diese Frage war eine wunderbare Versuchung für einen Autor, der sein Buch in der Art eines Kriminalromans einzuleiten gedachte. Ein Mörder, eine Verkörperung des ganzen britischen Argwohns und Verfolgungswahns während des Kalten Krieges, würde natürlich leicht diesen Platz ausfüllen, ja, eine Weile machte ich mir Sorgen, die Leute könnten enttäuscht sein, falls ich keine derartige Figur aus dem Hut zaubern konnte, wenn am Ende des Buchs die Fäden verknüpft werden. (Es heißt ja zuweilen, dass gewisse Genres einen Pakt mit dem Leser schließen.)

Aber nein, je mehr ich darüber las, desto weniger glaubte ich daran und desto weniger Lust bekam ich, den Gedanken auch nur zu denken. Hier war beispielsweise der alte, richtige Polizist Cottrell trotz allem eine Hilfe, weil er so deutlich geschrieben hatte, die Gesichtszüge des Toten seien ergeben und resigniert gewesen. Nein, ich tendierte mehr und mehr zu der Theorie von Andrew Hodges, Turing habe seinen Tod so arrangiert, damit die Mutter glauben konnte, es habe sich um ein Unglück gehandelt, ein Experiment mit Elektrizität und Zyanid, das schiefgegangen sei; vor allem fand ich, dass ein Mörder im traditionellen Sinn – besonders einer, an den ich nicht glaubte – der Geschichte ihre Stärke nehmen würde.

 

Dass Alan Turing faktisch an den Rand der Verzweiflung getrieben worden war, bewies die Schwere der Übergriffe gegen ihn, und ich war froh, als Lotta Olsson in ihrer feinen Rezension in Dagens Nyheter schrieb, dass »Mord nicht notwendigerweise von dem begangen wird, der den vergifteten Apfel in der Hand hält«.

Dahinter kann sich eine ganze schuldige Mitwelt befinden.

 

In meinem Roman versuchte ich, Turings wesentlichste Gedanken zu popularisieren, doch natürlich fand nicht alles Eingang in das Buch, und jetzt im Nachhinein ist es vor allem eine seiner Zeilen, die sich bei mir festgesetzt hat: »Wir dürfen hoffen, dass Maschinen eines Tages in allen intellektuellen Bereichen mit dem Menschen konkurrieren können.« Dies schrieb er im Jahre 1950, und sicher, vielleicht kann man darauf hoffen, auf jeden Fall, wenn man ein in neuen Bahnen denkender einsamer Sonderling in Wilmslow ist, aber dennoch … wenn Maschinen mit uns wetteifern können, können sie uns wohl auch überholen, und was geschieht dann?

Ja, rein logisch gesehen sollten sie dann auch etwas erschaffen können, was intelligenter ist als sie selbst, oder zumindest über die Fähigkeit verfügen, kleine Verbesserungen an ihrer Konstruktion vorzunehmen, und diese neuen Updates sollten ja ihrerseits sich selbst weiterentwickeln können, nicht wahr, und bald stehen wir Menschen da und sind für die neueste Maschine nicht interessanter als kleine weiße Mäuse.

 

Ich erinnere mich, dass ich diesen Gedanken zuerst mit Håkan Lans diskutierte und dass er ihn daraufhin als ein Argument gegen die Möglichkeiten der Forschung zur Künstlichen Intelligenz verwendete. Die Konsequenzen eines Computers, der schlauer ist als wir, sind schwindelerregend, ja nahezu paradoxal.

Aber damals kannte ich die umfassende Forschung nicht, die auf diesem Feld schon stattfindet, und auch die Besorgnis nicht, die real existiert, keineswegs nur bei von Matrix und Terminator faszinierten Narren. Das Mooresche Gesetz – dass sich die Kapazität des Computers alle zwei Jahre zu verdoppeln scheint – sowie die Erfahrung, dass die technischen Paradigmenwechsel immer dichter aufeinandergefolgt sind, ja die Tatsache als Ganzes, dass wir uns in einer zunehmend beschleunigten Entwicklungsspirale befinden, haben dazu geführt, dass viele herausragende Theoretiker wie Bill Joy, einer der Gründer von Sun Microsystem, es verhängnisvoll ahnungslos findet, den Gedanken einfach abzutun, wir könnten eines schönen Tages von der Technik überholt werden.

 

Jack Good, Freund und Kollege von Turing in Bletchley Park und später Berater von Stanley Kubrick bei 2001: Odyssee im Weltraum (Sie wissen, mit dem Supercomputer HAL), hat es sehr hübsch formuliert: »Die ultraintelligente Maschine ist die letzte Erfindung, die der Mensch zu machen braucht!« Danach bleibt nur noch eine Entwicklung jenseits unserer Kontrolle, eine »technologische Singularität«, um den derzeit geläufigen Terminus zu benutzen. (Schlagen Sie den Ausdruck bei Wikipedia nach, und lesen Sie, was zum Beispiel der Physiker Stephen Hawking dazu sagt.)

Es lohnt sich, über das Szenario nachzudenken, und sei es nur, um seine Perspektiven zu erweitern und einen Schritt weiter zu denken. Aber was mich besonders verwundert – vor allem, nachdem ich Douglas Hofstadters Life and Legacy of a great Thinker gelesen habe –, ist, dass Turing selbst nichts hierüber schreibt, obwohl er doch glaubte, Computer könnten schon in unserer Zeit seinen Turing-Test bestehen.

 

Meinte er wirklich, dass die Maschinen danach durch eine Art mystischen Prozess in der Entwicklung innehalten würden, oder dachte er, ein wenig wie Håkan Lans, dass das menschliche Gehirn aufgrund eines ihm innewohnenden Gesetzes nichts Klügeres als es selbst zu schaffen vermag, nicht einmal, wenn tausend und abertausend Hirne zu diesem Zweck zusammenarbeiten? Nein, das kann ich nicht glauben, nicht von Alan Turing, der auch davon sprach, wie das Einfache, Seelenlose, unabhängig davon, ob es sich um Neuronen oder um Elektronik handelt, in einer komplexen, vielleicht quantenmechanischen Struktur etwas unerhört Ausgeklügeltes zu bilden vermag. Nun kann man sich natürlich wie der Philosoph und Erfinder Ray Kurzweil eine gute Welt mit ultraintelligenten Maschinen vorstellen, eine Zukunft, in der unser Gehirn mit Nanotechnik verlinkt ist und in der die Computer ihren Schöpfer ehren und ihm helfen, ein reicheres, vollkommeneres Leben zu führen.

 

Außerdem ist es ja möglich zu denken, dass der Mensch, ebenso gut wie etwas anderes, nur ein Glied auf dem Weg der Evolution zu etwas Größerem werden kann. Warum nicht die Maschinen übernehmen lassen? Die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts, die Turing erlebte, konnte ja kaum als besonders gute Reklame für die menschliche Vernunft gelten. Nein, nein, das klingt nicht wie mein Alan. Ich erinnere mich an mein Erstaunen darüber, wie er in der Beschreibung seines Turing-Tests betonte, dass wir die Maschinen nicht diskriminieren dürfen.

Steckt darin möglicherweise auch die Hoffnung, dass die Maschinen eines Tages uns nicht diskriminieren würden?

 

Während ich dies schreibe, im Herbst 2009, stecke ich tief in einem anderen Roman, aber ständig werde ich an Alan Turing erinnert, ja, oft kommt er mir vor wie ein lieber alter Freund aus der Vergangenheit, und zuweilen bringt er mich dazu, mitten in einem Gedanken an etwas ganz anderes zu lächeln. Kürzlich erhielt ich eine Mail. Hast du dies hier gesehen, schrieb ein Freund, und ich las, während meine Augen sich mit Tränen füllten und der ganze Abend sich aufhellte. Sie wissen, Alan Turing starb unbemerkt. Nicht einmal ein Begräbnis wurde abgehalten, und die Zeitungen brachten nur Randnotizen. Er verschwand aus der Geschichte, und als in den späten 1970er-Jahren das erste Buch über Bletchley Park erschien, wurde er nur als Name einer Maschine erwähnt.

Als ich meinen eigenen Roman begann, saß er zwar als Statue im Sackville Park in Manchester, und eine Reihe von Gelehrten hatte sich mit seinen Gedanken beschäftigt. Dennoch schien er auf merkwürdige Art vergessen zu sein. Nicht einmal der Bibliothekar in Wilmslow wusste, wer er war, äußerst wenige gebildete Schweden hatten von ihm gehört, und nie sah ich Homosexuelle, die ihn als Helden und Märtyrer feierten. Doch eine Veränderung bahnte sich an.

 

In England forderte eine Anzahl tonangebender Persönlichkeiten, darunter Richard Dawkins, Ian McEwan und Stephen Fry, dass die Regierung Alan eine postume Entschuldigung aussprechen solle, und am 11. September 2009 kam sie wirklich, gegen jede Wahrscheinlichkeit. Fünfundfünfzig Jahre nach Alan Turings Tod erklärte Premierminister Gordon Brown feierlich, und darauf erhebe ich mein Glas:

»Es ist keine Übertreibung zu sagen, dass ohne seinen hervorragenden Einsatz der Zweite Weltkrieg anders hätte aussehen können. Er war wirklich eine jener Persönlichkeiten, die wir hervorheben können, deren einzigartiger Beitrag uns half, das Kriegsgeschehen zu wenden. Im Licht unserer großen Dankbarkeit erscheint es noch entsetzlicher, dass er so unmenschlich behandelt wurde … Im Namen der britischen Regierung und all derer, die dank Alans Arbeit in Freiheit leben, bin ich stolz, sagen zu können: Es tut uns leid, du hattest so viel Besseres verdient!«

 

David Lagercrantz


Blick ins Buch
Der Sündenfall von WilmslowDer Sündenfall von Wilmslow

Roman

David Lagercrantz machte als Autor von Stieg Larssons Millennium-Serie Furore – der Roman »Der Sündenfall von Wilmslow«, eine perfekte Mischung aus Kriminalroman und Zeitgeschichte, war sein internationaler Durchbruch als Schriftsteller: England 1954, ein toter Mathematiker, ein mit Zyankali versetzter Apfel – alles deutet auf Selbstmord hin. Oder hat der Tod des weltbekannten Alan Turing doch etwas mit seiner Arbeit für den Geheimdienst zu tun? Detective Sergeant Leonard Corell setzt die Teile eines Puzzles zusammen, das vielleicht eines der am besten gehüteten Geheimnisse des Kriegs offenbart.
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1
Wann hatte er sich entschieden ?
Er wusste es selbst nicht. Aber als die Zweifel sich legten und nur noch als entfernte Lockrufe zu hören waren, ging die dumpfe Schwere in seinem Körper in eine pochende Unruhe über, die er eigentlich vermisst hatte. Eine Steigerung des Lebensgefühls. Selbst die blauen Eimer in der Hobbywerkstatt bekamen einen neuen, schimmernden Glanz. In jeder Wahrnehmung war eine ganze Welt enthalten, eine ganze Kette von Ereignissen und Gedanken, und allein die Idee, sie zusammenfassen zu wollen, wäre ein eitles Unterfangen, wenn nicht gar verlogen.
Er nahm ein Wirrwarr von inneren und äußeren Bildern wahr, und obwohl seine Atmung schon jetzt so schnell war, dass es ihn schmerzte, vibrierte in seinem Körper ein intensives Gefühl von Gegenwärtigkeit, ein Gefühl, das ans Lustvolle grenzte, gerade so, als hätte der Entschluss zu sterben ihm das Leben zurückgegeben. Vor ihm, auf ­einem grauen Tisch voller Flecken und kleiner Löcher, die zum Teil Brandspuren, zum Teil etwas anderes waren, befanden sich eine Heizplatte, ein paar Flaschen mit schwarzer Flüssigkeit und dann ein vergoldeter Teelöffel, der eine gewisse Rolle in der Geschichte spielen sollte. Von draußen hörte man den Regen. Er fiel und fiel. Nie hatte sich der Himmel über England an Pfingsten derart weit geöffnet, und vielleicht beeinflusste auch das seinen Entschluss.
Oder vielleicht waren es eher die kleineren Dinge, wie sein Heuschnupfen oder die Tatsache, dass seine Nachbarn, Mr und Mrs Webb, gerade fortgezogen waren nach Styal, die bei ihm das Gefühl ausgelöst hatten, dass das ­Leben sich entfernte oder sogar anderswo abspielte, an ­einem Ort, an den er nicht eingeladen war. Es sah ihm nicht ähnlich, sich über so etwas aufzuregen. Anderseits sah es ihm auch nicht unähnlich. Es ist wahr, dass er nicht, wie wir anderen, vom Alltäglichen berührt wurde. Er besaß die großartige Fähigkeit, sich nicht um den Klatsch und Tratsch in seiner Umgebung zu scheren. Aber er wurde auch ohne jeden Anlass von düsteren Stimmungen befallen. Lappalien konnten zu drastischen Beschlüssen oder zu absonderlichen Ideen führen.
Jetzt wollte er die Welt verlassen und sich dabei von ­einem Kinderfilm über lustige Zwerge inspirieren lassen, was natürlich eine Ironie des Schicksals war. An Ironien und Paradoxen mangelte es nicht in seinem Leben. Er hatte die Dauer eines Krieges verkürzt und tiefer als die meisten Menschen über die Grundlagen der Intelligenz nachgedacht, trotzdem war er für unzurechnungsfähig erklärt und gezwungen worden, eine widerwärtige Medizin einzunehmen. Kürzlich war er von einer Wahrsagerin in Blackpool zu Tode erschrocken worden, und einen ganzen Tag lang war nicht mit ihm zu reden gewesen.
Was tat er jetzt ?
Er schloss zwei Leitungen, die von der Decke hingen, an einen Transformator an, der auf dem Tisch stand. Dann stellte er einen Kessel mit schwarzer Schmiere auf die Kochplatte. Anschließend entschied er sich für einen graublauen Pyjama und nahm einen roten Apfel aus einer blauen Fruchtschale neben dem Bücherregal. Äpfel waren seine Lieblingsfrucht, nicht nur wegen des Geschmacks. Äpfel waren auch … egal. Er spaltete den Apfel in zwei Hälften und kehrte in die Hobbywerkstatt zurück, und da, in diesem Moment, kam die Einsicht. Sein ganzes System begriff, und mit blinden Augen blickte er hinaus auf den Garten. Ist das nicht seltsam, dachte er, ohne richtig zu wissen, was er meinte. Dann erinnerte er sich an Ethel.
Ethel war seine Mutter. Ethel wird eines Tages ein Buch über ihn schreiben, ohne eine blasse Ahnung davon zu ­haben, womit er sich beschäftigt hatte, aber zu ihrer Verteidigung kann man sagen, dass es auch nicht leicht war. Das Leben dieses Mannes bestand aus zu vielen Ziffern und Geheimnissen. Es war anders als andere Leben. Außerdem war er jung, zumindest in den Augen einer Mutter, und ­obwohl er nie als Schönheit angesehen worden und seine gute Läuferphysis nach einem Gerichtsbeschluss in Knutsford verfallen war, sah er nicht schlecht aus. Seit er als Kind rechts und links nicht hatte unterscheiden können und glaubte, dass Weihnachten in einigen Jahren oft und in anderen selten vorkam, so wie andere schöne Tage, hatte er Gedanken gedacht, die ganz und gar unzeitgemäß waren. Er war ein Mathematiker geworden, der sich etwas so Prosaischem wie der Ingenieurskunst widmete, ein unkonventioneller Denker, der sich vorstellte, dass unsere ­Intelligenz mechanisch ist und sogar rechnerisch erfassbar als eine lange, gewundene Zahlenreihe.
Aber vor allem, und das zu verstehen fällt Müttern immer schwer, vermochte er an diesem Tag im Juni nicht länger zu leben, und er setzte deshalb seine Vorbereitungen fort, die im Nachhinein seltsam ausgeklügelt erscheinen würden. Nur dass er in seiner Konzentration gestört wurde. Er hörte etwas, Schritte unten an der Haustür, so glaubte er zumindest, das Knirschen von Kies, und ihm kam der absurde Gedanke : Jemand kommt mit guten Nachrichten, vielleicht von weit her, aus Indien oder aus einer anderen Zeit. Er lachte auf oder schluchzte, schwer zu sagen, was von beidem. Dann setzte er sich in Bewegung, und auch wenn nichts mehr zu hören war, nichts anderes als die ­Regentropfen auf dem Dach, blieb er an dem Gedanken hängen : Dort draußen ist jemand. Ein Freund, wert, dass man ihn anhört, und als er am Schreibtisch vorbeiging, dachte er : Ich will, ich will nicht, wie ein Kind, das Blütenblätter von einer Blume reißt. Er erfasste jede Einzelheit im Flur mit einer solch vibrierenden Exaktheit, dass es ihn an einem besseren Tag fasziniert hätte. Wie ein Schlafwandler trat er ins Schlafzimmer und sah den Observer auf dem Nachttisch und die Armbanduhr mit dem schwarzen Leder­armband, und genau daneben legte er den halben Apfel. Er dachte an den Mond, der hinter dem Schulhaus in Sherborne leuchtete, und er legte sich auf den Rücken aufs Bett. Er sah gefasst aus.

2
Es regnete auch am darauffolgenden Tag, als der junge Kriminalassistent Leonard Corell die Adlington Road entlang­ging. Auf der Höhe von Brown’s Lane nahm er den Trilby ab, denn trotz des Regens war ihm warm. Er dachte an sein Bett, nicht an das elende Bett in seiner Wohnung, sondern an das, welches bei seiner Tante in Knutsford wartete, und während er dies dachte, sank ihm der Kopf auf die Schulter, als wäre er im Begriff einzuschlafen.
Er mochte seinen Beruf nicht. Er mochte das Gehalt nicht, nicht die langen Fußwege, nicht die Schreibtisch­arbeit, er mochte das ganze verdammte Wilmslow nicht, in dem nie etwas passierte. Es war so weit gekommen, dass er selbst jetzt nur Leere fühlte. Obwohl die Haushälterin, die ihn angerufen hatte, von weißem Schaum um den Mund des Toten und einem Giftgeruch im Hause gesprochen hatte. In früheren Jahren hätte eine solche Nachricht seine Lebensgeister erweckt. Jetzt trottete er missmutig zwischen den Wasserpfützen und den Büschen der Gärten vor sich hin. Dahinter lagen die Felder und die Eisenbahn. Es war Dienstag, der 8. Juni 1954, und er blickte auf die Namensschilder der Häuser.
Als er die Adresse Hollymeade fand, bog er links ein und stand vor einer großen Weide, die wie ein alter Besen aussah, und ohne dass es nötig gewesen wäre, blieb er stehen und band sich die Schuhe. Ein Gang aus Ziegelplatten erstreckte sich durch den Vorgarten, endete jedoch abrupt auf halbem Wege, und er dachte : Was hier wohl passiert sein mag ? Auch wenn er natürlich einsah, dass es, was ­immer es sein mochte, nichts mit dem Ziegelgang zu tun hatte. Drüben an der linken Haustür stand eine ältere Frau.
» Sind Sie die Haushälterin ? «, fragte er, und sie nickte. Sie war eine farblose kleine Alte mit traurigen Augen. Früher hätte Corell sicher freundlich gelächelt und ihr eine Hand auf die Schulter gelegt. Jetzt sah er grimmig zu Boden und folgte ihr ins Haus, eine steile Treppe hinauf, was kein Spaziergang war, der ihm Spaß machte. Es lag keine Spannung darin, keine polizeiliche Neugier, kaum ein Schauer, der ihm über den Rücken lief, nur die immer gleiche Frage : » Warum mache ich eigentlich weiter ? «
Schon im Flur spürte er eine ungewöhnliche Präsenz, eine Dichte in der Luft, und als er das Zimmer betrat, schloss er die Augen und hatte, obwohl es sich in Anbetracht der Umstände vermutlich merkwürdig ausnahm, den einen und anderen unpassenden Gedanken sexueller Natur, was an dieser Stelle der Geschichte nicht weiter wichtig ist, es sei denn insofern, als auch ihm diese Gedanken absurd erschienen. Als er die Augen öffnete, blieben seine Assozia­tionen noch wie eine surreale Hülle über dem Raum hängen, lösten sich dann jedoch auf, als er das Bett entdeckte, das schmale Junggesellenbett, und darauf den toten Mann, der auf dem Rücken lag.
Der Mann war dunkelhaarig und vermutlich gut dreißig Jahre alt. Aus dem Mundwinkel war Schaum über seine Wange gelaufen und zu einem weißen Puder getrocknet. Die Augen waren halb offen und lagen tief unter einer ­vorstehenden, gewölbten Stirn. Obwohl das Gesicht kaum Frieden ausstrahlte, ließen die Gesichtszüge eine gewisse Resignation erahnen, und Corell hätte mit Gleichmut reagieren sollen. Der Tod war ihm nicht unbekannt, und dies hier war kein schrecklicher Tod. Trotzdem war ihm übel, und er begriff noch nicht, dass es der Geruch war, der Gestank von Bittermandel, der im Raum lag ; er sah aus dem Fenster auf den Garten und versuchte, zu den unpassenden Gedanken zurückzukehren, was ihm jedoch nicht gelang. Stattdessen bemerkte er einen halben Apfel auf dem Nachttisch. Corell dachte, was ihn verwunderte, dass er Obst hasste.
Er hatte nie etwas gegen Äpfel gehabt. Wer hatte schon etwas gegen einen Apfel? Er zog seinen Notizblock aus der Brusttasche. Der Mann liegt in nahezu normaler Körperhaltung, schrieb er und fragte sich, ob die Formulierung gut war, war sie wohl nicht, anderseits war sie auch nicht übermäßig schlecht. Vom Gesicht abgesehen, könnte der Mann ebenso gut schlafen. Nachdem er noch ein paar ­hastige Zeilen hingeworfen hatte – mit denen er ebenfalls unzufrieden war –, untersuchte er den Körper. Der Tote war mager, ziemlich gut trainiert, aber mit einer ungewöhnlich weichen, beinahe weiblichen Brust, und auch wenn Corell nicht übertrieben gewissenhaft vorging, fand er keine Zeichen von Gewalteinwirkung, keine Kratzspuren oder blauen Stellen. Nur ein wenig schwarze Farbe an den Fingerspitzen und natürlich den Schaum im Mundwinkel. Er roch daran und verstand, warum ihm so schlecht war. Der Gestank von Bittermandel drang in sein Bewusstsein, und er kehrte wieder in den Flur zurück.
Ganz am Ende des Ganges entdeckte er etwas Sonder­bares. In einer Ecke mit einer Fensternische zum Garten hingen zwei Kabel von der Decke, und auf einem Tisch blubberte ein Kessel. Er näherte sich der Szene nur langsam – konnte es riskant sein ? Unsinn ! Der Raum war eine Art Experimentierwerkstatt. Es gab einen Transformator und Klemmen für die Kabel und daneben Flaschen, Einmachgläser und Krüge. Bestimmt nichts, wovor man sich fürchten musste. Doch der Gestank kroch ihm unter die Haut ; nur widerwillig beugte er sich über den Topf. An dessen Boden blubberte eine widerliche Masse, und plötzlich erinnerte er sich an einen Nachtzug, der dahinbrauste, weit entfernt in seiner Kindheit, und er stieß sich schwer atmend vom Tisch ab. Er eilte hinaus und öffnete im angrenzenden Zimmer ein Fenster. Es regnete. Verrückt, wie es regnete. Aber Corell fluchte ausnahmsweise nicht darüber. Er freute sich, dass der Gestank und die schlechten Erinnerungen mit dem Wind und dem Wasser verschwanden. Dann war er wieder einigermaßen ruhig geworden und sah sich im Haus um.
Die Wohnung hatte etwas Bohemehaftes. Die Möbel ­waren fein, aber achtlos hingestellt ; offenbar gab es keine ­Familie, auf jeden Fall keine Kinder. Corell nahm einen Notizblock von der Fensterbank. Er enthielt mathema­tische Gleichungen, von denen Corell vor langer Zeit vielleicht etwas verstanden hätte. Jetzt begriff er nichts, sicher auch deshalb, weil die Handschrift schwer lesbar und mit Tintenklecksen durchsetzt war, und er reagierte gereizt, vielleicht war er neidisch. Mürrisch durchsuchte er eine Vitrine rechts vom Fenster und fand Weingläser, Silber­besteck, einen kleinen Porzellanvogel und eine Flasche mit schwarzem Inhalt. Sie erinnerte an die Behälter in der Experimentierwerkstatt, aber im Unterschied zu diesen war sie mit einem aufgeklebten Zettel versehen, auf dem das Wort »Kaliumzyanid« stand.
» Das hätte ich mir denken sollen «, murmelte er, eilte ins Schlafzimmer und roch an dem Apfel. Er stank wie die Flasche und der Kessel.
» Hallo «, rief er. » Hallo ! «
Er erhielt keine Antwort. Er rief noch einmal, dann waren Schritte zu hören, ein paar dicke Waden überquerten die Türschwelle. Er starrte auffordernd in das graue Gesicht mit den verschwindend schmalen Lippen.
» Was sagten Sie, wie der Herr hieß ? «
» Doktor Alan Turing. «
Auf seinem Block notierte Corell, dass der Apfel nach Bittermandel roch und dass der Name ihm bekannt vorkam oder zumindest, wie so vieles andere in der Wohnung, dunkle Erinnerungen in ihm weckte.
» Hat er etwas hinterlassen ? «
» Was meinen Sie ? «
» Einen Brief oder etwas anderes, das eine Erklärung für seinen Tod liefern könnte. «
» Meinen Sie, er hätte … «
» Ich meine gar nichts. Ich habe nur eine Frage gestellt «, sagte er viel zu streng, und als die arme Frau erschrocken den Kopf schüttelte, versuchte er, freundlicher zu klingen.
» Kannten Sie den Toten gut ? «
» Ja, oder nein. Er war immer sehr freundlich zu mir. «
» War er krank ? «
» Jetzt im Frühling litt er unter Heuschnupfen. «
» Wussten Sie, dass er mit Giften hantierte ? «
» Nein, nein, um Gottes willen. Aber er war Wissenschaftler. Beschäftigen die sich nicht … «
» Das kommt ganz darauf an «, unterbrach er sie.
» Er hat sich für vieles interessiert. «
» Alan Turing «, fuhr er fort, als dächte er laut. » War er für etwas Besonderes bekannt ? «
» Er hat an der Universität gearbeitet. «
» Was hat er da gemacht ? «
» Er hat Mathematik studiert. «
» Was für eine Art von Mathematik ? «
» So etwas dürfen Sie mich nicht fragen. «
» Nein, natürlich «, murmelte er.
Alan Turing. Etwas war mit dem Namen, er wusste nur nicht, was, außer dass er in seinem Kopf keinen guten Klang hatte. Vermutlich hatte der Kerl etwas Dummes angestellt. Die Chancen dafür standen ja nicht schlecht, falls Corell bei seiner Arbeit schon einmal auf den Namen gestoßen war. Immer nervöser ging er im Haus umher. Zerstreut und verärgert zugleich sammelte er Beweismaterial ein – oder vielleicht war »Beweismaterial« auch zu viel gesagt, zumindest aber waren es Materialien, die Giftflasche aus der Vi­trine und Glasbehälter aus der Experimentierwerkstatt, ein paar Schreibblöcke mit Berechnungen und dann noch drei Bücher mit der handgeschriebenen Überschrift Träume.
Im Erdgeschoss zupfte er an einer nicht gestimmten Geige und las die einleitenden Zeilen von Anna Karenina, eines der wenigen Bücher im Haus, die er kannte, neben ­einigen von Forster, Orville, Butler und Trollope, und wie so oft flüchteten seine Gedanken in Landschaften, in denen sie nichts verloren hatten.
Es klingelte an der Tür. Alec Block, sein Kollege. Er kannte Alec bemerkenswert schlecht, wenn man bedachte, wie eng sie zusammenarbeiteten, und wenn er ihn hätte beschreiben sollen, wäre er auf nicht viel mehr gekommen, als dass er schüchtern und ängstlich war und von den meisten auf dem Revier schäbig behandelt wurde, und vor allem wäre ihm eingefallen, dass Alec Sommersprossen hatte und rothaarig war, unerhört rothaarig.
» Der Mann scheint in dem Topf dahinten Gift gekocht, einen Apfel in die Soße getunkt und ein paarmal davon abgebissen zu haben «, erklärte Corell.
» Selbstmord ? «
» Sieht so aus. Mir ist schlecht von diesem verdammten Gestank. Kannst du nachsehen, ob du einen Abschiedsbrief findest ? «
Als der Kollege verschwand, dachte Corell noch einmal an den dahinbrausenden Nachtzug, wovon seine Stimmung nicht besser wurde. Zu der Haushälterin, mit der er im Flur zusammenstieß, sagte er :
» Ich muss noch ausführlich mit Ihnen sprechen. Aber ich möchte, dass Sie draußen auf mich warten. Wir sperren das Haus ab. « In einem Anflug von Freundlichkeit griff er im Hauseingang nach einem Schirm, und als sie pro­testierte und sagte, das sei doch Doktor Turings Schirm, schnaubte er insgeheim ; war das nicht ein bisschen zu viel der Ehrfurcht ? Den Schirm würde sie sich wohl ausleihen können. Nachdem sie doch noch eingewilligt hatte und in den Garten hinausgegangen war, machte er eine weitere Runde durchs Haus. Oben bei dem Toten fand er ein Exem­plar des Observer vom 7. Juni, was darauf schließen ließ, dass der Mann gestern noch gelebt hatte. Er notierte das und noch einige weitere Beobachtungen. Als er ein neues Heft mit mathematischen Berechnungen durchsah, überkam ihn die eigentümliche Lust, ein paar Ziffern hinzuzufügen, welche die Gleichungen des Mannes hätten vervollständigen sollen. Er war kein übermäßig zielorientierter Polizist, was bei Block natürlich anders aussah.
Er tauchte auf mit einer Miene, als habe er etwas äußerst Interessantes gefunden. Was natürlich nicht der Fall war ; einen Abschiedsbrief zumindest hatte er nicht. Immerhin hatte er etwas gefunden, das in eine andere Richtung zu führen schien : zwei Theaterkarten für die kommende ­Woche sowie eine Einladung zu einer Sitzung der Wissenschaftsakademie am 24. Juni, für die der Mann zugesagt, diese Zusage jedoch nicht abgeschickt hatte, und obwohl Block einsah, dass dies keine großartigen Funde waren, so hoffte er anscheinend, eine Spur aufgetan zu haben. Mit Morden waren sie in Wilmslow wahrlich nicht verwöhnt, aber Corell verwarf den Gedanken sogleich.
» Das hat nichts zu bedeuten. «
» Warum denn nicht ? «
» Weil wir alle komplizierte Vögel sind «, sagte Corell.
» Wie meinst du das ? «
» Auch jemand, der sterben will, kann für die Zukunft planen. Außerdem kann ihm die Idee im letzten Moment gekommen sein. «
» Er scheint ziemlich gelehrt gewesen zu sein. «
» Das mag wohl sein. «
» Ich habe noch nie so viele Bücher gesehen. «
» Ich schon. Aber da ist noch etwas «, fuhr Corell fort.
» Was denn ? «
» Ich komme nicht darauf. Ich weiß nur, dass irgendwas mit ihm nicht stimmt. Hast du die Heizplatte da oben ausgestellt ? «
Alec Block nickte. Es sah so aus, als wollte er noch ein paar Worte hinzufügen, wüsste aber nicht, ob er sich trauen sollte.
» Hat er nicht reichlich viel Gift im Haus ? «, sagte er schließlich.
» Doch «, antwortete Corell.
Es war genug Gift, um eine ganze Kompanie zu töten. Sie diskutierten eine Weile darüber, kamen aber zu keinem Ergebnis.
» Kommt mir ein bisschen so vor, als hätte er sich als ­Alchemist versucht. Oder zumindest als Goldschmied «, sagte Block.
» Wie kommst du darauf ? «
Block erklärte, dass er in der Experimentierwerkstatt ­einen vergoldeten Löffel gefunden habe.
» Ein ziemlich schöner Löffel. Aber man sieht trotzdem, dass er ihn selbst gemacht hat. Du kannst ihn dir da oben ansehen. «
» Ach, tatsächlich «, sagte Corell mit gespieltem Interesse.
Er war wieder in Gedanken versunken.

3
Seit den Kriegsjahren hatte Corell die Vorstellung, dass man Irrsinn schon aus der Entfernung erahnen konnte, als eine Verdichtung in der Luft oder sogar als einen Geruch, wenn auch nicht gerade als den Gestank von Bittermandel, aber als er in den Regen hinaustrat, war er tatsächlich überzeugt, dass das, was er dadrinnen gespürt hatte, ein verkappter Wahnsinn sein musste. Das Gefühl, mit etwas Ungesundem in Berührung gekommen zu sein, verließ ihn nicht einmal, als die Sanitäter um zwanzig vor sieben den Leichnam forttrugen. Ein wärmerer Wind wehte inzwischen aus Osten, der Regen fiel nur noch leicht. Er sah zu der Haushälterin hinüber, die mit ihrem geliehenen Schirm im Licht unter der Laterne saß und so sonderbar klein wirkte wie ein sehr altes Kind, und, vorsichtig jetzt, begann er sie zu vernehmen.
Sie hieß Eliza Clayton und wohnte nicht weit entfernt am Mount Pleasant Lacey Green. Vier Tage in der Woche habe sie Doktor Turing geholfen, und es habe nie ein Problem gegeben, sagte sie, nur dass sie nicht immer gewusst habe, wohin mit all den Papieren und Büchern. Heute Nachmittag war sie mit ihrem eigenen Schlüssel hinein­gegangen. Im Schlafzimmer war Licht gewesen. Weder die Milchflaschen noch die Zeitung waren hereingeholt worden, und in der Küche lagen die Reste einer Portion Lammkoteletts. Doktor Turings Schuhe standen vor der Toilette, was sie seltsam gefunden habe, und im Schlafzimmer habe er genau so gelegen, » wie der Herr Inspektor es gesehen hat «, die Decke bis zur Brust hochgezogen. Sie habe seine Hände angefasst. Sie seien kalt gewesen, und sie habe sicher geschrien. » Es war ein solcher Schock, ein so furchtbarer Schock «, und weil Doktor Turing kein Tele­fon habe, habe sie von der Nachbarin Mrs Gibson aus ­angerufen, » und dann sind Sie gekommen, das ist alles, was ich weiß. «
» Das ist nicht so sicher. «
» Nicht ? «
» Die Zeit davor ist interessant «, sagte er, und da nickte sie und erzählte, dass Alan Turing am vorherigen Wochenende Besuch von seinem Freund Doktor Gandy erhalten habe und dass sie es » sehr schön « gehabt hätten und » viel Spaß «, und am Dienstag habe er die Nachbarn Mr und Mrs Webb, die dann am Mittwoch oder Donnerstag um­gezogen seien, zum Essen eingeladen, auch das sei » sehr ­gelungen « gewesen.
» Doktor Turing war in guter Laune. Er war fröhlich. Er hat mit mir gescherzt. «
Er widersprach nicht und machte sich nicht die Mühe zu fragen, was für Scherze Turing gemacht habe. Er ließ sie reden und machte sich sporadisch Notizen. Es klang mehr nach einer Verteidigungsrede als nach einer Zeugenaussage, und er verstand das sehr gut. Selbstmord war eine Straftat, und sicher fühlte sie eine gewisse Verantwortung. Sie war die Haushälterin. Eine andere Frau schien es im Haushalt nicht gegeben zu haben. Mehrmals erwähnte sie seine Mutter Ethel.
» Oh mein Gott, was soll ich ihr sagen ? «
» Im Moment nichts. Wir nehmen mit den Angehörigen Kontakt auf. Haben Sie selbst jemanden, mit dem Sie reden können ? «
» Ich bin Witwe, aber ich komme schon zurecht «, sagte sie, und nach einigen weiteren Fragen verabschiedete er sich. Er wanderte an den dicht belaubten Gartendickichten des Viertels vorbei zum Polizeirevier in der Green Lane, und bald danach hörte es auf zu regnen.
Wie schön es sich anfühlte ohne Niederschlag. Er konnte sich nicht erinnern, je einen solchen Regen erlebt zu ­haben, tagein und tagaus, ständig trat er in Wasserpfützen. Aus ­einem Fenster hörte er Doris Day : So I told a friendly star. The way that dreamers often do. Das Lied hatte im Frühjahr ganz oben auf den Hitlisten gestanden, und er summte mit – er hatte den Film Calamity Jane, aus dem das Lied stammte, gesehen. Während er weiterging, verklang die Musik, und er schaute zum Himmel auf ; graue Schwaden zogen dahin. In Gedanken ging er noch einmal durch, was er im Haus ­gesehen hatte, und fragte sich, was abgesehen vom Fehlen eines Abschiedsbriefs darauf hindeutete, dass es sich nicht um Selbstmord handelte. Er fand nicht viel. Allerdings blieb er nicht besonders lange konzentriert. Er verirrte sich auf Nebengleise, und schon bald war von dem ganzen Fall in seinen Gedanken nichts weiter übrig als ein dunkles Gefühl von Unbehagen. Obwohl der Fall ihn ein wenig bei der ­Arbeit hätte stimulieren sollen, entglitt er ihm, verlor sich in einer diffusen Tristesse, lediglich die mathematischen Berechnungen flackerten in seinem Bewusstsein auf, wie irrlichternde Bilder aus einer besseren Welt.
Leonard Corell war achtundzwanzig Jahre alt, jung genug, um gerade eben dem Krieg entgangen zu sein, schon alt genug, um das Gefühl zu haben, dass das Leben an ihm vorbeilief. Ungewöhnlich früh hatte er die Uniform ab­legen können und war zur Kriminalabteilung in Wilmslow versetzt worden, ein ziemlich schneller Aufstieg für einen Polizisten, trotzdem war es nicht das, was er von der Welt erwartet hatte, nicht allein wegen der Gesellschaftsschicht, in die er hineingeboren und aus der er herausgefallen war, sondern wegen seines klugen Kopfes. Auch er war ein Junge gewesen, dem die Zahlen leichtgefallen waren.
Er war im Londoner West End geboren. Doch schon die Weltwirtschaftskrise 1929 versetzte der Familie den ersten fatalen Stoß. Der Vater, ein Intellektueller, der der Bloomsburygruppe nahestand, hielt lange den Schein des Wohlstands aufrecht und bewirkte dadurch einen doppelten Schaden. Nicht nur, dass das Geld noch rascher aus dem Haus floss, weil der Vater die Katastrophe nicht zur Kenntnis nehmen wollte. Mit seiner Beredsamkeit und der grandiosen Fassade gelang es ihm außerdem, seinen Sohn davon zu überzeugen, dass die Familie zu etwas Besonderem auserwählt sei und Leonard werden könne, was immer er wolle. Aber das waren eitle Versprechen. Die Welt und die Möglichkeiten schrumpften, und das Einzige, was am Ende zurückblieb, war das Gefühl, getäuscht worden zu sein. Manchmal sah Corell seine Jugend als ein Land, das ihm Stück für Stück genommen worden war. Seine Kindheit erschien ihm wie eine Reise in die Einsamkeit : Die Dienst­boten mussten gehen, einer nach dem anderen, und als sie schließlich nach Southport zogen, waren nur noch er und seine Eltern übrig. Aber auch der Vater und die Mutter sollten verschwinden, jeder auf seine Weise. Alles wurde ihm entrissen. Natürlich wäre es eine Vereinfachung, die Schuld für seine gesamte Situation bei den äußeren Umständen zu suchen. Das wäre gerade die Art von Romantisierung, der er sich viel zu oft hingab, die allzu sentimentale und selbstmitleidige Sicht auf ein Leben, in dem es trotz allem viele Chancen gegeben hatte. Es stimmte aber wohl, dass die Welt ihm seinen Anteil an Schlägen und Tragödien beschert hatte und ein Teil seiner Persönlichkeit, wie er meinte, mit den Jahren im Keim erstickt oder verkümmert war. Wenn er sein Leben wie aus der Distanz betrachtete, dann bekam er es nicht zusammen mit der Vorstellung, die er noch von sich selbst hatte. Zuweilen konnte er nicht verstehen, dass die Person, die in den Straßen von Wilmslow umherging, wirklich er selbst war.
Die Eile in der Ermittlung verwunderte ihn. Jemand in der Polizeiführung in Chester entschied, dass noch am gleichen Abend eine vorläufige Obduktion vorgenommen werden und Corell dabei anwesend sein sollte. Hinterher hatte er nur diffuse Erinnerungen daran. Er verabscheute Obduktionen ; die meiste Zeit hielt er den Blick abgewandt. Was leider nicht viel half. Das Geräusch des Skalpells, die Dämmerung draußen und der Gestank von Bittermandel, der auch aus den Eingeweiden aufstieg, waren deutlich genug. Mein Gott, was für eine grässliche Arbeit ! Doktor Charles Bird murmelte: » Vergiftung, ganz klar Vergiftung «, und Corell träumte von Farbe, von schöner blauer Farbe, mit der er die blanke Angst dadrinnen übermalen wollte. Er hörte kaum noch auf die Fragen des Gerichtsmediziners, er antwortete Ja oder Nein, wo ausführliche Erklärun­gen am Platz gewesen wären, und vielleicht war das der Grund dafür, dass der Obduzent sich das Haus mit eigenen Augen ansehen wollte. Corell sollte ihm als Führer dienen, und zuerst dachte er : Nein, nie im Leben, von dem Ort habe ich genug gesehen. Dann änderte er seine Meinung. Er mochte Bird nicht. Der Arzt war ein hochnäsiger Typ. Er betrieb zwar auf liebenswürdige Weise Konversation, doch mit leisen Untertönen und bedeutungsvollen ­Seitenblicken signalisierte er, dass er derjenige war, der über Bildung und Status verfügte. Er sah abstoßend aus. Über seinen Pupillen lag eine Art Dunstschleier oder Schmutz. Corell wäre jede andere Gesellschaft lieber gewesen. Anderseits hatte er keine Lust, zu sich nach Hause zu gehen, und es war ­bestimmt gut, das Haus noch einmal zu sehen, so viele ­Dämonen es auch wachrief. Und so wanderte er erneut über den schmalen Bürgersteig zu dem Haus in der Adlington Road. Der Doktor redete die ganze Zeit, als hätte es seine Lebensgeister erfrischt, in seiner freien Zeit noch eine weitere Leiche obduzieren zu können.
» Habe ich erzählt, dass mein Sohn ein Medizinstudium beginnen wird ? «
» Nein. «
» Sie scheinen heute nicht sehr gesprächig zu sein. «
» Schon möglich. «
» Aber Sie interessieren sich für Himmelsphänomene, nicht wahr ? Sie haben sicher gehört, dass eine totale Sonnenfinsternis bevorsteht ? «
» Ich glaube schon. «
» Das wird richtig spannend, oder ? «
» Ich weiß nicht genau. Geht so eine Finsternis nicht schnell vorüber ? «
» Der Orgasmus geht auch schnell vorüber, aber die Menschheit scheint ihn dennoch zu schätzen «, sagte der Arzt und gab ein grässliches Lachen von sich, das Corell ignorierte ; er zog sich in sich selbst zurück, während der Arzt eine Art Theorie über die Sonnenfinsternis und das menschliche Auge darlegte und anschließend auf die ­Rationierung zu sprechen kam, die im Sommer enden würde :
» Endlich kann man sich wieder der Völlerei hingeben. «
Schon die Vorstellung, wie Charles Bird das Essen in sich hineinstopfte, weckte Corells Ekel, und er blickte schweigend vor sich auf den Bürgersteig, aber möglicherweise stammelte er dennoch irgendetwas, denn der Doktor konterte mit einem unbegreiflichen » Man wird schon sehen ! «. Vor ihnen ragte die Weide auf. Als Richtmarke erfüllte sie ihren Zweck. Die Häuser in der Adlington Road hatten keine Nummern, nur individuelle Namen, und als Corell durch das Gartentor mit dem nachlässig gemalten Schild » Hollymeade « trat, sah er neugierig zu dem unfertigen Ziegelgang hin, als erwartete er, dass dieser auf seiner Reise zur Haustür ein Stück weitergekommen wäre, doch der Gang lag immer noch da wie ein Gleis, das sich im Nichts verlor. Nachdenklich öffnete er mit dem Schüssel, den er von der Haushälterin erhalten hatte, die Haustür. Im Eingangsflur schnüffelte er vorsichtig. Etwas war verändert. Er begriff nicht gleich, was es war, dann fiel ihm auf, dass der Gestank nicht mehr so intensiv war.
» Zyanid, eindeutig Zyanid «, murmelte der Doktor wie ein stolzer Connaisseur, bevor er mit eiligen Schritten die Treppe hinaufstieg.
Corell blieb unten stehen und wollte nichts lieber als wieder umkehren. Das Haus verursachte ihm weiterhin Unbehagen, und er versuchte, sich in die gleichen unpassenden Gedanken zu flüchten wie zuvor, aber nichts half. Unter dem Hemd brach ihm der Schweiß aus. Dennoch ging er nach oben, natürlich, und als er ins Schlafzimmer kam, entspannte er sich sogar. Der Raum schien verwandelt und sah in seinem lässigen Durcheinander nun beinahe unschuldig aus. Das Laken und die Bettdecke lagen lässig zerknüllt auf der Matratze, als wäre jemand ganz unspektakulär aufgestanden und hätte lediglich vergessen, anschließend das Bett zu machen.
» Und dies hier ist der Apfel, von dem Sie gesprochen haben ? «
Der Arzt beugte sich über die Frucht und stocherte mit einem Streichholz an einer der braunen Bissstellen herum.
» Der Apfel sollte vermutlich den bitteren Geschmack abmildern «, fuhr er fort.
» Mr Turing war wohl nicht gerade auf ein Geschmacks­erlebnis aus «, sagte Corell.
» Der Mensch versucht immer, sein Leiden zu mildern. «
» Warum dann gerade ein Apfel ? «
Corell wusste selbst nicht recht, worauf er hinauswollte, er verspürte nur die unbändige Lust, zu widersprechen.
» Was wollen Sie mir sagen ? «
» Dass der Apfel vielleicht eine Bedeutung hat. «
» Eine symbolische Bedeutung ? «
» Vielleicht sogar das. «
» Etwas Biblisches ? Eine Art Sündenfall. «
Ohne richtig zu wissen, was er meinte, murmelte Corell :
» Paradise Lost. «
» Ah, Sie spielen auf Milton an «, parierte der Arzt mit seiner gewohnten Überheblichkeit, und Corell dachte : » Fahr zur Hölle. «
Er sagte jedoch nichts, sondern ging wortlos hinaus in den Flur und hinüber in das Zimmer zur Linken, wo er die Zyankaliflasche gefunden hatte. Am Fenster stand ein Mahagonischreibtisch, dessen Platte mit grünem Samt bezogen war. Es war ein schönes Stück. Schöne Schreibtische weckten immer eine Sehnsucht in ihm ; er strich mit der Hand über die goldfarbenen Beschläge der Schlüssellöcher. Als er den Schreibblock in die Hand nahm, den er schon vorher eingesehen hatte, schienen die Zahlen mit ihm zu sprechen. » Komm, löse mich «, flüsterte die Gleichung. Er erinnerte sich an etwas, das ein Lehrer am Marlborough College einmal zu ihm gesagt hatte :
» Du begreifst schnell, Leonard. Rechnest du überhaupt ? «
» Nein, Sir, ich sehe. «
Früher einmal hatte er gesehen. Jetzt gelang es ihm nur, das erste Glied der Gleichung nachzuverfolgen, und das ärgerte ihn. Mit verwirrter Miene blickte er sich im Zimmer um. Eigentlich war nichts übertrieben seltsam oder anders als bei seinem ersten Besuch, aber in diesem Moment erschien ihm das Haus wie ein Rätsel, das es zu lösen galt, und auch wenn er einsah, dass die meisten Details ­lediglich blinde Spuren abgaben, interessant für einen Biografen oder einen Psychologen, aber unwichtig für die ­polizeiliche Ermittlung, fesselte ihn etwas am Gesamtbild als solchem.
Überall schienen Dinge in Gang gewesen zu sein, Experi­mente, Aufzeichnungen, Berechnungen, als wäre das Leben mitten in der Bewegung abgebrochen worden. Der Mann, der hier gewohnt hatte, war vielleicht des Lebens müde, gleichzeitig aber noch tief darin involviert gewesen. Das war an sich wohl nicht so außergewöhnlich, wir müssen ja alle leben, bis wir sterben. Aber wenn es sich nun um Selbstmord handelte, war dann die Vorgehensweise nicht seltsam umständlich ? Wenn der Mann sich das Leben hatte nehmen wollen, warum hatte er nicht einfach aus einer der Giftflaschen getrunken und war umgesunken ? Stattdessen hatte er eine komplizierte Prozedur mit einem blubbernden Kessel, Stromkabeln von der Decke und einem halben Apfel inszeniert. Es war doch nicht unmöglich, dass er damit etwas hatte sagen wollen ! Der verfluchte Bird konnte sich zum Teufel scheren. Plötzlich neugierig, durchsuchte Corell die Schreibtischschubladen.
Es gehörte zwar zu seiner Arbeit, doch er fühlte sich nicht wohl dabei, schon gar nicht, als draußen die Schritte des Arztes zu hören waren und er in der untersten linken Schublade etwas fand, was der Besitzer anscheinend hatte verbergen wollen. Es war eine Medaille, ein silbernes Kreuz mit einem Ring aus roter Emaille in der Mitte, das auf ­einer Samtunterlage ruhte. Das Motto lautete » Für Gott und das Empire «. Wofür hatte Mr Turing die bekommen ? Es war keine Sportmedaille, nichts in der Art. Diese war feiner, vielleicht eine Kriegsauszeichnung. Einen Augenblick wog Corell die Medaille in der Hand und stellte sich vor, dass er selbst sie für eine außerordentliche Leistung erhalten hätte, aber obwohl er normalerweise im Handumdrehen Heldentaten erfinden konnte, fiel ihm diesmal nichts ein, und beschämt legte er die Medaille an ihren Platz zurück. Er suchte weiter. In allen Schubläden lagen Dokumente und Gegenstände, einige sandfarbene Steine, ein Winkelmesser, Rechenstäbe und ein braunes Taschenmesser. Ganz oben rechts unter einem Umschlag von Walton Athletic Club fand er ein paar handgeschriebene Papiere, einen Brief an einen Mann namens Robin, und ohne selbst zu verstehen, warum, steckte er die Seiten heimlich in die ­Innentasche und ging hinaus in den Flur. Er begegnete Doktor Bird, der krank und zugleich feierlich aussah. Der Arzt hielt eine kleine Flasche mit Gift in der Hand.
» Zyanidvergiftung aus eigenem Antrieb. Das ist meine vorläufige Schlussfolgerung, aber das haben Sie sich wohl schon selbst ausgerechnet «, sagte er.
» Ich habe mir nichts ausgerechnet. Ich versuche, keine vorschnellen Schlüsse zu ziehen «, erwiderte Corell.
» Das ehrt Sie natürlich. Wobei Langsamkeit nicht immer eine Tugend ist. Aber gehen wir, ich brauche jetzt unbedingt ein Glas Sherry «, sagte der Doktor, und so stiegen sie die Treppe hinunter und traten draußen in den schwachen Schein der Straßenlaterne.
Am Gartentor, neben dem Farn und der Brombeerhecke, verabschiedeten sie sich, und Corell ging davon in der Hoffnung, auf Block zu stoßen, den er beauftragt hatte, in der Nachbarschaft Erkundigungen einzuziehen. Aber es war viel zu spät. Niemand war mehr unterwegs. Nur der Regen und das Winseln eines Hundes waren zu hören. Er ging immer eiliger, und oben am Wilmslow Park begann er zu laufen, als könnte er nicht schnell genug nach Hause kommen.

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