Corona Bücher
Lieferung innerhalb 1-3 Werktage
Bezahlmöglichkeiten
Vorbestellung möglich
Kostenloser Versand*

Coronavirus Bücher

Corona: Daten, Fakten, Hintergründe

Die wichtigsten Antworten zur globalen Pandemie. Unsere Autoren beschäftigen sich mit den unterschiedlichen Aspekten von Sars-CoV-2 und beantworten die wichtigsten Fragen zu Gesundheit, Wirtschaft, Gesellschaft und Politik in Zeiten von Corona.

Wirtschaft und Gesellschaft nach der Corona-Krise

Nominiert für den Deutschen Wirtschaftsbuchpreis 2020

Blick ins Buch
Die neue AufklärungDie neue Aufklärung

Wirtschaft und Gesellschaft nach der Corona-Krise - Nominiert für den Deutschen Wirtschaftsbuchpreis 2020

Zeit für einen neuen Humanismus!Die Corona-Pandemie hat die Gesellschaften und Ökonomien in die tiefste Krise seit dem Zweiten Weltkrieg gestürzt. Die Gefahr ist groß, dass sie die Weltgemeinschaft weiter spaltet. Es gibt gute Gründe für Pessimismus, aber es gibt bessere für Optimismus. Die Pandemie zeigt uns die Widersprüche unseres Handelns auf. Sie hat zu einem moralischen Bewusstsein geführt, das uns als Gesellschaft einen hohen Wert auf Gemeinschaft und den Schutz der Schwächsten legen lässt. Dieser neue Humanismus erfordert Reformen des Sozialstaats, um allen Menschen Chancen und gesellschaftliche Teilhabe zu ermöglichen. Freiheit, Gerechtigkeit und Humanismus, die drei Ideale der Aufklärung, sind heute wichtiger denn je und werden entscheiden, wie die Welt und wir als Gesellschaft aus dieser Pandemie herauskommen werden.Der renommierte Experte legt eine tiefgreifende Gesellschaftsanalyse vor und hält ein engagiertes Plädoyer, die Krise als Chance für Gesellschaft, Staat und Wirtschaft zu nutzen.

Einleitung

Die Corona-Pandemie hat die Gesellschaften und Ökonomien in die tiefste Krise seit dem Zweiten Weltkrieg gestürzt. Selten zuvor hat ein Ereignis die gesamte Menschheit gleichermaßen in so kurzer Zeit so stark getroffen. Kein Menschenleben ist durch das Virus unberührt geblieben. Viele Hunderttausende Menschen haben ihr Leben verloren, mehr als 15 Millionen weltweit waren bereits Ende Juli 2020 infiziert worden. Die Pandemie hat Gesundheits- und Sozialsysteme überfordert und zum Teil zum Zusammenbruch gebracht. Sie hat das Leben eines und einer jeden zumindest vorübergehend eingeschränkt und für viele dauerhaft verändert. Sie hat dazu geführt, dass Menschen- und Bürgerrechte temporär beschnitten wurden. Die Auswirkungen des Virus haben die Weltwirtschaft in einen Kollaps getrieben: Mehr als 100 Millionen Menschen haben ihre Arbeit und noch viel mehr ihre Lebensgrundlage verloren.

Und die Krise ist noch lange nicht vorbei. Die Hoffnung auf eine schnelle Erholung und Normalisierung wird sich als unbegründet erweisen. Die Arbeitslosigkeit wird weltweit und auch in Deutschland weiter steigen, Einschränkungen bleiben bestehen, und Sorgen und Ängste werden groß bleiben. Viele Länder sind bei Weitem stärker bedroht als Deutschland. Wirtschaftliche Depression bis hin zu Hungersnöten, die große Migrationsströme und militärische Konflikte verursachen, sind reale Risiken. Wenig wird wieder so sein, wie es einmal war; auch in Deutschland werden sich Wirtschaft, Gesellschaft und Politik grundlegend ändern. Die Pandemie hat die Welt in ihren Grundfesten erschüttert und ist dabei, sie für immer zu verändern.

Dabei kennt das Virus keine Grenzen und unterscheidet nicht zwischen Hautfarbe, Vermögen oder Herkunft. Niemanden trifft die Schuld und Verantwortung für sein Auftreten und die Ausbreitung. Niemand sollte sich moralisch erhöhen und der eigenen Verantwortung verweigern. Die Krise macht uns bewusst, dass die zentralen Fragen der Menschheit – von der Bekämpfung der Pandemie bis hin zu Frieden und einer intakten Umwelt – alle gleichermaßen betreffen und Lösungen nur gemeinsam gefunden werden können.

Das Zeitalter der Extreme

So überraschend die Pandemie die Welt überwältigt hat, ist sie doch der Höhepunkt einer ganzen Reihe von Konflikten und Krisen der vergangenen dreißig Jahre – seit Francis Fukuyama mit dem Ende des Kalten Krieges und der deutschen Wiedervereinigung „das Ende der Geschichte“ ausrief. Selten zuvor hat die Welt so grundlegende Veränderungen und so große Herausforderungen erlebt wie zu Beginn des 21. Jahrhunderts. Davon sind zahlreiche Veränderungen große Erfolge einer Epoche, die von Globalisierung und technologischem Wandel dominiert wird.

Die vergangenen Jahrzehnte waren gezeichnet von einem fast unfassbaren Anstieg des wirtschaftlichen Wohlstands, der Milliarden Menschen aus der Armut gehoben und ihnen eine Zukunftsperspektive eröffnet hat. Dies gilt vor allem, aber nicht nur für China und zum Teil für Indien, die zusammen ein Drittel der Weltbevölkerung ausmachen. Vor allem China hat sich von einer politisch marginalen und wirtschaftlich abgehängten Nation zum Beginn seiner Transformation 1979 zu einer politischen und wirtschaftlichen Weltmacht entwickelt. Auch andere Teile Asiens und Lateinamerika sind dabei, im Vergleich mit dem Westen wirtschaftlich aufzuholen.

Der wirtschaftliche Wohlstand ist einhergegangen mit einem Anstieg der Lebensqualität und der Autonomie großer Teile der Menschheit. Lebenserwartung und Gesundheit haben sich für die meisten deutlich erhöht. Immer mehr junge Menschen haben Zugang zu Bildung, die Zahl der Analphabeten geht deutlich zurück. Der Ausbau der Sozialsysteme hat den ungleichen Zugang zu Bildung, Gesundheit und zum Arbeitsmarkt in den meisten Teilen der Welt reduziert. Auch politische und militärische Konflikte zwischen Staaten haben abgenommen, und es starben weniger Menschen durch solche Konflikte.

Kurzum: Selten zuvor hat die Menschheit so großen Fortschritt erlebt und so viel Gutes geschaffen wie in den vergangenen dreißig Jahren. Gleichzeitig haben diese Erfolge jedoch auch eine Kehrseite, stehen ihnen doch große Versagen der Weltgemeinschaft und vor allem der westlichen Demokratien gegenüber. Zwar hat die Welt eine gigantische Konvergenz in Bezug auf Wohlstand, Bildung und Lebensqualität zwischen Ländern und Regionen erlebt, aber gleichzeitig hat die wirtschaftliche und soziale Ungleichheit innerhalb der allermeisten Nationen zugenommen. Es sind meist die wirtschaftlichen und politischen Eliten, die besonders vom Wandel der Globalisierung und des technologischen Fortschritts profitieren. Viele Millionen Europäer und Amerikaner haben durch die Globalisierung ihre Arbeit verloren und Schwierigkeiten, sich in einer Welt, die ein hohes Maß an Flexibilität, Anpassungsfähigkeit, Mobilität und eine gute Bildung verlangt, zu behaupten. Einkommen, Vermögen und Lebenschancen sind in vielen westlichen Gesellschaften ungleicher geworden. Viele haben Schwierigkeiten, sich zu verorten und zu identifizieren in und mit einer Welt des stetigen Wandels, die eben nicht immer als Chance, sondern auch als Bedrohung empfunden wird.

Viele Europäer und Amerikaner vermissen eine ausreichende Gerechtigkeit, und sie sind zunehmend unzufrieden mit Politik und Gesellschaft. Das Vertrauen in Staat und Politik schwindet fast überall in der westlichen Welt. Das Resultat ist eine zunehmende soziale und politische Polarisierung, die weltweit zu einer Politik der drei P – Populismus, Protektionismus und Paralyse – geführt hat. Zahlreiche Politiker und Parteien ziehen ihre Macht aus dieser Polarisierung und dem systematischen Ausspielen gesellschaftlicher Gruppen gegeneinander. Nationalismus, Abschottung und der Versuch einer Zementierung des Status quo sind die Gegenreaktion in einer Welt des Wandels, die zunehmend von Globalisierung und Technologie geprägt ist.

Hinzu kommt, dass die vergangenen Jahrzehnte von einer Reihe tiefer wirtschaftlicher und sozialer Krisen gekennzeichnet waren, die vor allem zulasten der Schwächsten und Verletzlichsten gingen: Die Transformation zu demokratischen Gesellschaftsordnungen in Zentral- und Osteuropa sowie in Teilen Asiens und Lateinamerikas hat viele Menschen nicht nur gefordert, sondern auch überfordert. Die Sehnsucht nach Sicherheit, Stabilität und einem starken Staat hat autokratischen Kräften Auftrieb gegeben. Der wirtschaftliche Wandel hat zahlreiche tiefe Wirtschafts- und Finanzkrisen verursacht, von denen vor allem die globale Finanzkrise 2008/2009 einen enormen wirtschaftlichen und sozialen Schaden gerade für die verwundbaren Länder und Menschen weltweit bedeutet hat.

Die vier Konfliktlinien unserer Zeit

Die Krise hat ungelöste Konflikte an die Oberfläche gebracht – von nationalen Konflikten in Europa über politische Konflikte innerhalb von Demokratien bis hin zu offenem Widerstand gegen Diskriminierung von Schwarzen in den USA und anderswo. Dabei läuft die Welt seit Jahren offenen Auges in eine Reihe weiterer Krisen. Die Ursachen der Flüchtlingskrise seit 2015 sind genauso wenig überwunden wie zahlreiche Konflikte in vielen Teilen Afrikas und des Mittleren Ostens. Vor allem aber ist die schwelende und sich stetig verschärfende Klimakrise ungelöst. Seit dreißig Jahren kann niemand mehr die Tatsache des Klimawandels und die katastrophalen Folgen leugnen. Trotzdem fehlt es global, und auch national in Deutschland, am politischen Willen, der Wahrheit ins Auge zu schauen und die notwendigen Konsequenzen zu ziehen.

Die Corona-Krise ist zwar der Höhepunkt dieser Konflikte und Krisen, sie ist aber auch grundlegend anders als die Krisen der Vergangenheit: Sie ist universell und betrifft sofort und unmittelbar jedes Land und jeden Menschen. Sie ist in vielerlei Hinsicht blind in Bezug auf Hautfarbe, Einkommen, Nationalität, Geschlecht und andere individuelle Merkmale. Sie erlaubt es nicht, irgendjemandem die Schuld für die Katastrophe zu geben, sondern fordert Gemeinsamkeit der Verantwortung. Und sie offenbart das Unvermögen aller, selbst der mächtigsten und reichsten Länder der Welt, eine überzeugende Antwort auf die Krise anzubieten.

Wieso gab es in den letzten dreißig Jahren so viele Katastrophen und Krisen, obwohl die Welt so viel Gutes geschaffen hat? Wieso bleiben so viele Fragen und Herausforderungen unserer Zeit ungelöst, obwohl Technologie und Wissen eigentlich Antworten parat halten? Und wieso sind so viele Menschen, vor allem in der westlichen Welt, so unzufrieden und verunsichert, obwohl die globalisierte Welt so viele Chancen und Möglichkeiten anbietet?

Die Antworten auf diese Fragen sind in vier grundlegenden Konflikten zu finden: zwischen Ethik und Wirtschaft, zwischen Staat und Markt, zwischen Multilateralismus und Nationalismus und zwischen Wissenschaft, Medien und Politik. In der Corona-Pandemie haben sie sich schmerzvoll offenbart. Die Lösung dieser Konflikte wird entscheidend für unsere Zukunft sein.

Eine neue Aufklärung

Die Corona-Pandemie könnte deshalb einen Wendepunkt darstellen, der ein neues Zeitalter einläutet – ein Zeitalter der Aufklärung, das die Herausforderungen unserer Zeit meistert und mit einem Bewusstseinswandel hin zu einem neuen Humanismus einhergeht; ein Zeitalter, in dem die Eigenverantwortung des Individuums, die Wissenschaft und Rationalität sowie die Fokussierung auf die großen Fragen unserer Zeit im Mittelpunkt stehen.

Die erste Epoche der Aufklärung im 17. und 18. Jahrhundert war geprägt von Fortschritt in Wissenschaft, Bildung und Technologie, von grundlegenden politischen Veränderungen mit einer Stärkung der Menschenrechte und der Freiheit des Einzelnen, vom Aufstieg des Nationalstaats und einer Säkularisierung, aber auch von Veränderungen gesellschaftlicher Werte und Moralvorstellungen. Dabei ist es natürlich nicht so, dass es solche Veränderungen nicht auch in den Jahrhunderten und Jahrtausenden zuvor gegeben hätte. Der Fortschritt in der Wissenschaft mag zum Beispiel in Zeiten der Renaissance noch bedeutender gewesen sein und bezogen auf Technologie und Wirtschaft auch in der chinesischen Tang-Dynastie zwischen dem 7. und 10. Jahrhundert.

Was die Epoche der Aufklärung jedoch so einzigartig macht, ist die Kulmination von grundlegenden Veränderungen in den unterschiedlichen Bereichen von Politik, Gesellschaft, Wissenschaft und Wirtschaft, die zusammengenommen disruptiv waren. Die Französische und die US-amerikanische Revolution sind nur zwei – allerdings wichtige – Beispiele. Die Welt wurde auf einen grundlegend anderen Entwicklungspfad gesetzt, der die industrielle Revolution und den technologischen Fortschritt ermöglichte. Der heutige wirtschaftliche Wohlstand liegt hier begründet. Vieles, was unser Leben und Denken heute bestimmt, wurde mit der Epoche der Aufklärung und durch sie geprägt.

„Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit“, beschrieb Immanuel Kant die Bedeutung dieser Epoche für die Menschheitsgeschichte. Dabei handelt es sich bei der Aufklärung nicht nur um ein Zeitalter, sondern vielmehr um ein Bewusstsein, um eine Geisteshaltung, die die Vernunft als zentrales Element für das Handeln der Menschen identifiziert. Wie oben zitiert, sieht Kant die Aufklärung als das Resultat eines Prozesses, bei dem sich der Mensch aus seiner eigenen Unmündigkeit befreit. Dies erfordert nicht nur ein kritisches Bewusstsein, sondern auch den Willen und die Freiheit zu selbstbestimmtem und eigenverantwortlichem Handeln. Der Philosoph Michel Foucault beschrieb die Aufklärung als ein kritisches Bewusstsein in der Tradition des griechischen Ethos, einer Art des Denkens und Fühlens und des Handelns und Verhaltens.

Nicht alle bewerteten und bewerten die Aufklärung und deren Resultat jedoch als uneingeschränkt positiv. Vertreter der Kritischen Theorie der Frankfurter Schule wie Max Horkheimer und Theodor Adorno sahen darin die Entzauberung der Welt. Die „instrumentelle Vernunft“, wie Horkheimer es ausdrückte, hat eben nicht nur zu einer Herrschaft des Menschen über die äußere und innere Natur beigetragen, sondern auch zur institutionalisierten Herrschaft von Menschen über Menschen, auch in den heutigen Demokratien der westlichen Welt. Die „Verschlingung von Mythos und Aufklärung“, so Jürgen Habermas, führe eben nicht erzwungenermaßen zur Befreiung, sondern könne einen Selbstzerstörungsprozess in Gang setzen. Eine kritische Betrachtung der Aufklärung und ihrer Instrumente sei daher essenziell, um diesem Prozess Einhalt zu gebieten.

Freiheit, Gerechtigkeit und Humanismus

Der französische Historiker Tzvetan Todorov beschreibt die drei essenziellen Elemente der Aufklärung als Autonomie, Universalismus und Humanismus. Das Ideal der Autonomie zielt auf die Freiheit eines jeden Einzelnen, ein selbstbestimmtes Leben nach den eigenen Vorstellungen führen zu können. Universalismus meint die Gleichheit eines jeden Menschen in Bezug auf die Grundrechte und die Achtung seiner oder ihrer Menschenwürde. Und der Humanismus unterstreicht die Rolle des Menschen als soziales Wesen, das durch Vernunft, Empathie und die Suche nach Fortschritt das gemeinschaftliche Leben gestaltet.

Die zentrale These dieses Buches lautet, dass diese drei Ideale der Aufklärung heute wichtiger sind denn je und dass sie darüber entscheiden werden, wie die Welt und wir als Gesellschaft aus dieser Pandemie herauskommen. Sie waren und sind die Grundlage für den Fortschritt und den Wohlstand, den die Welt in den vergangenen zwei Jahrhunderten hat erringen können. Die großen Probleme und Fehler unserer Zeit – von einer wachsenden sozialen Polarisierung und schwindenden Gerechtigkeit über ein Erstarken von Populismus und autokratischen Regimen bis hin zu einer drohenden Klimakatastrophe – können nur gelöst werden, wenn wir uns auf diese drei Prinzipien der Aufklärung besinnen und sie neu denken.

Dies erfordert ein neues Bewusstsein dafür, wie die Herausforderungen unserer Zeit bewältigt werden können. Die Pandemie ist ein Weckruf, der uns die Widersprüche unseres Handelns bewusst macht, aber auch einen neuen Weg in die Zukunft weist. Das Prinzip der Autonomie erfordert, dass Freiheit nicht nur das Privileg einiger weniger sein darf, sondern viel breiter und umfassender geteilt werden muss. Nicht nur zwischen Ländern, sondern auch innerhalb von Gesellschaften, auch in Deutschland, sind die Chancen für Eigenverantwortung und ein selbstbestimmtes Leben sehr ungleich verteilt. Durch das Bildungssystem, den Arbeitsmarkt und aufgrund von Diskriminierung verfestigen sich nicht nur soziale Klassen, sondern werden Frauen, Menschen mit Migrationshintergrund und zahlreichen anderen Gruppen wichtige Chancen verwehrt.

Universalität erfordert Reformen, um dem Gefühl der Ungerechtigkeit und der Entfremdung vieler Menschen unserer Gesellschaft zu begegnen. Dies macht einen gesellschaftlichen Diskurs darüber notwendig, wie Leistung honoriert und Bedürfnisse in einer zunehmend diversen Gesellschaft befriedigt werden können. Gerechtigkeit hat auch eine wichtige gesellschaftsübergreifende Dimension. Gerade wohlhabende Gesellschaften wie die deutsche dürfen nicht die Augen vor den Bedürfnissen anderer verschließen. Und Gerechtigkeit hat eine wichtige Dimension über Generationen hinweg. Gerade in der Diskussion um den Schutz von Klima, Umwelt und Biodiversität wird uns bewusst, dass die gegenwärtigen Generationen zu lange auf Kosten künftiger Generationen gelebt haben und noch immer leben.

Humanismus erfordert eine neue Definition von Fortschritt. Die Corona-Pandemie zeigt, dass wir einen großen Schritt hin zu einer solchen Definition tun können. Die Krise hat zu einem beeindruckenden Bewusstsein einer Moral geführt, die die meisten Gesellschaften einen hohen Wert auf Gemeinschaft und den Schutz der Schwächsten legen lässt. Sie sind gewillt, einen signifikanten wirtschaftlichen Preis dafür zu zahlen. Mehr noch, diese Gesellschaften haben die Krise meist besser gemeistert als andere, die eine dominante Marktwirtschaft oder einen überbordenden autokratischen Staat haben. Dieser Humanismus erfordert auch Reformen des Sozialstaats, der nicht mehr nur eine Absicherung gewährleisten soll, sondern befähigend wirken muss, um Menschen Chancen zu eröffnen und eine gesellschaftliche Teilhabe zu ermöglichen.

Ein neuer Humanismus erfordert es, Nationalismus und Populismus zurückzudrängen und Multilateralismus und globale Kooperation zu stärken. Dies gilt für die Bekämpfung von Pandemien und der Ursachen von Konflikten genauso wie für den Schutz von Klima, Umwelt und Diversität. Und es gilt für die Herausforderungen durch Globalisierung und technologischen Wandel. Digitalisierung und künstliche Intelligenz könnten unser Leben in den nächsten Jahrzehnten so grundlegend verändern, dass sie zwar viele neue Chancen und Wohlstand ermöglichen, aber auch die Ursache für neue Konflikte sein könnten.

Die Pandemie könnte eine wichtige Bewusstseinsveränderung herbeiführen, die eine neue Balance zwischen Staat und Markt, zwischen starken Sozialsystemen und einer innovativen Wirtschaft und zwischen Wissenschaft und Politik hervorbringt sowie eine Stärkung Europas und des Multilateralismus. Die Gefahr ist allerdings groß, dass die Corona-Krise die Weltgemeinschaft spaltet und weniger zukunftsfähig macht. Die Krise ist jedoch auch eine Chance, die überfälligen Konsequenzen aus den Konflikten der vergangenen Jahrzehnte zu ziehen und eine neue Phase der Aufklärung einzuläuten.

Als Wissenschaftler ist es meine Aufgabe, nicht zu glauben oder zu fühlen, sondern Wissen zu schaffen und dieses zu teilen. Die Corona-Pandemie macht mir bewusst, wie wenig wir wirklich über unsere Welt wissen. Als Mensch und Bürger ist es unmöglich, die Krise ausschließlich rational zu betrachten und nicht zutiefst berührt zu sein von dem Leid, das sie verursacht, aber auch von der Menschlichkeit des Umgangs vieler miteinander. Und als Ökonom, der auch einen Background in Philosophie und politischer Philosophie hat, realisiere ich, wie inadäquat die Disziplin der Wirtschaftswissenschaften und auch meine eigene Forschung ist, um Antworten auf die wichtigen Fragen unserer Zeit zu finden.

Das Buch ist mein Versuch als Wissenschaftler, Erkenntnis zu ziehen aus dem, wie Politik, Gesellschaft und Wirtschaft auf diese noch nie da gewesene Krise reagieren und wie dies unser Bewusstsein über die großen Herausforderungen unserer Zeit verändern wird.

Dieses Buch zeigt, wie eine neue Aufklärung aussehen und wie die Stärkung der drei Ideale Freiheit, Gerechtigkeit und Humanismus gelingen kann. Bei allen Risiken und Gefahren ist der Grundtenor von Optimismus geprägt. Die technologischen, wirtschaftlichen, politischen und sozialen Voraussetzungen, um den Herausforderungen unserer Zeit zu begegnen, sind bereits vorhanden. Die Pandemie hat viele dieser positiven Ansätze verstärkt und einen Weg in die Zukunft aufgezeigt. Nun gilt es, diese größte globale Krise seit 75 Jahren klug zu nutzen und den Weg hin zu einer neuen Aufklärung frei zu machen.


Teil 1: Ethik versus Wirtschaft

„Eine Welt, die Platz für die Öffentlichkeit haben soll, kann nicht nur für eine Generation errichtet oder nur für die Lebenden geplant sein; sie muss die Lebensspanne sterblicher Menschen übersteigen.“

Hannah Arendt

 

Die Corona-Pandemie hat die Welt und auch Deutschland zum größten Teil unvorbereitet getroffen. Trotz einiger Warnungen von Experten in den vergangenen Jahren und der Aufforderung, sich besser auf mögliche Pandemien vorzubereiten, hat die Welt das Risiko größtenteils ignoriert. Zwar sterben jeden Winter viele Tausende Menschen in Deutschland an der Grippe (Influenza); da dies jedoch zur Normalität geworden ist, konnte oder wollte man sich nicht vorstellen, wie viele Opfer eine weltweite Pandemie fordern könnte.

Als Mitte Januar 2020 auch in Europa bekannt wurde, wie ernst die Epidemie, die in der chinesischen Großstadt Wuhan ihren Ursprung hatte, in China grassierte und sich ausbreitete, ignorierten Europa und der Rest der Welt das Problem und erwarteten, dass das Virus – ähnlich wie SARS 2003 und 2004 – ein regionales Problem Chinas oder Asiens bleiben würde. Erst als einige Hundert Menschen in Italien Symptome des Virus zeigten, wachte die Weltgemeinschaft auf und verfiel zunächst einmal in Panik. Schnell wurden Maßnahmen und Strategien konzipiert, mit wenig Abstimmung und Koordination, und vor allem, ohne viel über das Virus und dessen Verbreitung zu wissen.

Innerhalb weniger Wochen im März 2020 veränderte sich das Leben in Europa grundlegend. Die Schließung von Unternehmen, Geschäften, Schulen und vielen anderen Einrichtungen brachte das öffentliche Leben fast zum Stillstand. Jede Regierung und jedes Land ergriffen unterschiedliche Maßnahmen und verfolgten diverse Strategien. Alle mussten jedoch die gleiche Abwägung treffen: Welche Rolle soll dem Schutz der Gesundheit, vor allem der Risikogruppen und der Schwächsten der Gesellschaft, zukommen? Wie wichtig sollen in der Pandemie wirtschaftliche Aspekte sein, insbesondere der Erhalt von Arbeitsplätzen und die Vermeidung der Insolvenzen von Unternehmen, die für viele die wirtschaftliche Lebensgrundlage bilden? Wie weit kann die Beschneidung der Grundrechte gehen, und wie lange kann diese aufrechterhalten bleiben?

Jedes Land hat eine andere Antwort auf diese Fragen gegeben. Entscheidungen mussten trotz hoher Unsicherheit und Unwissenheit getroffen werden, wohl wissend, dass diese, auch wenn sie heute sinnvoll und richtig erscheinen, sich morgen schon als falsch und schädlich erweisen könnten. Fast alle Länder haben im Laufe der Pandemie ihre Strategien und Maßnahmen angepasst, um neuen Fakten und Realitäten Rechnung zu tragen. Andere, wie Großbritannien, haben eine komplette Kehrtwende in ihrer Strategie vollzogen, auch weil man in der Politik außer Acht gelassen hatte, dass eine erfolgreiche Strategie letztlich auf einer hohen gesellschaftlichen Akzeptanz der getroffenen Maßnahmen beruht.

Der erste Teil des Buches diskutiert diese Abwägung zwischen den häufig, aber nicht zwingendermaßen miteinander konkurrierenden Zielen in Bezug auf Gesundheit, Wirtschaft und Grundrechte. Die Entscheidungen in jedem Land, auch in Deutschland, sagen viel über die Werte der jeweiligen Gesellschaft aus. Und die Erfahrungen zeigen, dass die Pandemie zu einem neuen Bewusstsein, einer Besinnung und Stärkung von gesellschaftlichen Werten geführt hat, die unser Zusammenleben und unseren Gesellschaftsvertrag nachhaltig ändern werden.

Kapitel 1: Die Kosten der Pandemie für Menschen und Gesundheit

Die Corona-Pandemie hat bereits im Sommer 2020 enormes menschliches Leiden verursacht. Bei mehr als 15 Millionen Menschen weltweit war das Virus bis Ende Juli 2020 nachgewiesen worden, 600 000 Menschen haben ihr Leben verloren. Dies ist nur eine Momentaufnahme, und es sind lediglich die offiziellen Statistiken – die Pandemie breitete sich in manchen Ländern weiter aus, und die Gefahr einer zweiten Welle ist omnipräsent.

Zudem waren wohl viele Menschen infiziert, ohne es zu wissen und ohne getestet worden zu sein. Vor allem in ärmeren Ländern sind vermutlich viele am Virus gestorben, ohne dass eine offizielle Statistik das Leiden und die Opfer erfassen konnte. Die Pandemie hat eine globale menschliche Tragödie ausgelöst, die es – abgesehen von den Kriegen – zuletzt während der Spanischen Grippe 1918 bis 1920 gegeben hatte, bei der schätzungsweise zwischen 17 und 100 Millionen Menschen starben.[i]

In diesem Buch geht es jedoch nicht um die gesundheitlichen Aspekte und Auswirkungen des Coronavirus, sondern um die Auswirkungen auf unsere Gesellschaft, auf unsere Wirtschaftsordnung, auf die globale Weltordnung und um das gesellschaftliche Bewusstsein, das sich durch diese Krise verändert. Trotzdem sollen die wichtigsten Fakten und Entwicklungen der Pandemie kurz skizziert werden, um besser darstellen zu können, warum sie unser Leben so grundlegend verändert.

Die Ausbreitung des Virus

Die Fakten zeigen, dass zwar kein Land ungeschoren der Pandemie entkommt, aber Länder und bestimmte Bevölkerungsgruppen sehr unterschiedlich betroffen sind. Das reichste Land der Welt, die USA, hatten über den Sommer 2020 hinaus die bei Weitem höchsten Infektions- und Opferzahlen zu beklagen. Ärmere Länder wie Brasilien, Indien und Russland folgten als die Länder mit der nächsthöchsten Zahl an Infizierten und Toten. Das Virus macht also an keinen Ländergrenzen halt, unterscheidet nicht nach Einkommen, Wohlstand, Geschlecht oder Hautfarbe.

Gleichzeitig gilt auch: Nicht alle Menschen haben das gleiche Risiko, an dem Virus zu sterben. Zur Gruppe derer, die besonders gefährdet sind, an einem schweren Krankheitsverlauf zu leiden, zählen ältere Menschen, Menschen mit Vorerkrankungen (wie Diabetes oder Herz-Kreislauf-Erkrankungen) und möglicherweise auch Menschen mit einem spezifischen Konsumverhalten (zum Beispiel Raucher). In Deutschland gehören 38 Prozent aller Bürgerinnen und Bürger zu dieser Risikogruppe. Doch die Gefahr, die von dem Virus ausgeht, geht über die einzelne Person hinaus: Auch wenn man selbst keiner Risikogruppe angehört, gibt es wohl in jeder Familie eine oder mehrere Personen, die einer Gruppe mit erhöhtem Risiko angehören und damit eher bedroht sind, am Virus zu sterben oder zumindest erhebliche gesundheitliche Schäden davonzutragen. Das Virus lässt also niemanden unberührt.[ii]

Die vergangenen Monate haben die meisten von uns wohl viel über Epidemiologie und öffentliche Gesundheit gelehrt. Dennoch ist es sinnvoll, einige Schlaglichter hervorzuheben, um den Vergleich von Ländern zu ermöglichen. Dabei ist es hilfreich, eine grundsätzliche Unterscheidung zwischen Faktoren vorzunehmen, die durch menschliches Handeln beinflussbar sind, und virusspezifischen Eigenschaften, die nicht beeinflussbar sind.

Die virusspezifischen Eigenschaften spielen eine große Rolle, indem sie die Grundlage für jede Einschätzung des Pandemieverlaufs darstellen. Dazu gehören die Inkubationszeit, also die Zeit, bis die Krankheit nach der Infektion bei der betreffenden Person ausbricht, der Beginn und die Dauer der Infektiosität, die Saisonalität und die mögliche Immunität von Personen in der Bevölkerung. Problematisch ist, dass viele dieser Eigenschaften besonders zu Beginn einer Pandemie schwierig abzuschätzen sind.

Das Coronavirus – SARS-CoV-2 – und die dadurch ausgelöste Infektionskrankheit COVID-19 zeichnen sich durch einige Aspekte aus, die eine Bekämpfung von Anfang an schwieriger gestalten, als das bei anderen Krankheiten der Fall ist. Die relativ lange Inkubationszeit – die Anzahl der Tage, die es braucht, bis sich Symptome zeigen – sowie die relativ lange Infektiosität einer Person sind Beispiele dafür. Derzeit wird davon ausgegangen, dass infizierte Personen bereits vor dem Erkrankungsbeginn – das heißt hier vor dem Beginn der Symptome – andere Personen anstecken können. Eine Person ist laut aktuellen Schätzungen im Mittel zehn Tage ansteckend. Das bedeutet, dass eine infizierte Person viele Menschen anstecken kann, ohne zu wissen, dass er oder sie das Virus bereits in sich trägt und weiterverbreitet. Auch sind die Symptome der Krankheit relativ generisch und häufig nicht von den Anfangssymptomen einer Erkältung zu unterscheiden – oder sie können ganz ausbleiben.

Eine weitere fundamentale Größe zur Einschätzung der Situation ist die Basisreproduktionszahl R0. Sie gibt an, wie viele Personen eine infektiöse Person zu Beginn der Ausbreitung ansteckt, das heißt in einer Bevölkerung, in der sonst niemand infiziert ist. Je höher diese Zahl, desto schneller schreitet die Verbreitung des Virus voran. An der sperrigen Beschreibung wird allerdings bereits klar, dass die Basisreproduktionszahl eine nicht in der Realität beobachtbare Größe ist und ihrerseits geschätzt werden muss. Dabei spielen eine ganze Reihe von Faktoren eine Rolle: die durchschnittliche Zahl der Kontakte einer infektiösen Person pro Tag, die Übertragungswahrscheinlichkeit bei einem solchen Kontakt und die durchschnittliche Dauer der Infektiosität. In den frühen Studien wurde die Basisreproduktionszahl auf einen Wert zwischen zwei und drei geschätzt. Dies würde bedeuten, dass eine Person im Mittel zwei bis drei Personen mit dem Virus ansteckt. Im Vergleich zu anderen übertragbaren Krankheiten würde das Coronavirus damit zwar weit unterhalb der Reproduktionszahl von Masern (R0 bei etwa 10–18) oder auch Pocken (R0 bei etwa 3,5–6) liegen. Dennoch liegt sie aber weit oberhalb von vielen gewöhnlichen Grippewellen.

Wie stark sich bereits kleine Änderungen in der Reproduktionszahl auswirken, macht ein Beispiel deutlich: Eine Reproduktionsrate von zwei bedeutet, dass ein einzelner Infizierter zwei weitere Personen ansteckt, die wiederum jeweils zwei Personen infizieren. Nach zehn Infektionsrunden haben mehr als tausend Menschen das Virus, da sich die Anzahl der Infizierten bei jeder Runde potenziert. Eine Reproduktionsrate von drei dagegen bedeutet, dass nach zehn Infektionsrunden fast 60 000 Menschen mit dem Virus infiziert sind. Ein scheinbar moderater Anstieg der Reproduktionsrate hat also dramatische Auswirkungen auf die Ausbreitung des Virus in der Bevölkerung.

Neben der relativ hohen Ansteckungsgefahr ist das Coronavirus so gefährlich, weil es bislang weder eine Impfung noch eine verlässlich wirksame Behandlung gibt. In den meisten Fällen können Ärzte und Ärztinnen nur unterstützende Maßnahmen durchführen. Dieser Punkt unterstreicht die Wichtigkeit der Eindämmung der Ansteckungen.[iii]

Wie tödlich COVID-19 tatsächlich ist, lässt sich bisher nicht feststellen. Dazu müsste die tatsächliche Zahl der erkrankten Fälle bekannt sein. Doch da nur ein kleiner Teil der tatsächlich Erkrankten bekannt ist, überschätzt die häufig behelfsmäßig verwendete Kennziffer des Fall-Verstorbenen-Anteils die „Tödlichkeit“ der Krankheit tendenziell. Der Fall-Verstorbenen-Anteil, gibt an, wie hoch der Anteil bestätigter Todesfälle durch/mit Corona gegenüber der Zahl der bestätigten Infizierten ist. Mitte Juli 2020 lag sie ungefähr bei 4,4 Prozent weltweit – von tausend als infiziert bestätigten Personen sterben also durchschnittlich etwas mehr als 44 Personen. Damit läge der Fall-Verstorbenen-Anteil weit über dem der üblichen saisonalen Grippe.

Diese Kombination aus einer relativ hohen Ansteckungsgefahr, einer vergleichsweise hohen Fall-Verstorbenen-Rate und der Nichtverfügbarkeit wirksamer und verlässlicher medizinischer Behandlungsmöglichkeiten macht das Coronavirus so gefährlich. Sobald sich eine Person angesteckt hat und die Krankheit einen schweren Verlauf nimmt, kann häufig nur eine künstliche Beatmung helfen, um das Leben der Person zu retten. Doch genau hier besteht ein Engpass in jedem Gesundheitssystem: In der Anfangsphase der Pandemie im März und April 2020 hatte man in Deutschland ungefähr 28 000 Notfallbetten mit Beatmungsgeräten. Die große Sorge war, dass Infizierte nicht behandelt werden könnten, weil nicht genügend Beatmungsgeräte zur Verfügung stehen.

Daher galt die Ansteckungsreduktion von Anfang an als eines der wichtigsten Ziele. Erst wenn die Reproduktionsrate kleiner als eins ist, wird die Ausbreitung graduell verlangsamt. Eine geringe Reproduktionsrate heißt jedoch nicht, dass das Virus gestoppt ist. Eine solche Verlangsamung war in den meisten Ländern, auch in Deutschland, ein wichtiges Ziel, damit die Kapazitäten des Gesundheitssystems nicht überlastet werden.

Deshalb ist in diesem Zusammenhang von flattening the curve – der Abflachung der Infektionskurve – die Rede. Langfristig infizieren sich also nicht zwangsläufig weniger Menschen mit dem Virus, sondern der Zeitpunkt der Infektion wird für viele in die Zukunft verschoben, um eine Überlastung der Kapazitäten im Gesundheitssystem zu vermeiden.

Dieses Ziel ist in Deutschland erreicht worden – das Gesundheitssystem war in den allermeisten Fällen nicht überlastet. Schon allein weil alle Statistiken mit großer Vorsicht behandelt werden müssen, sollten wir natürlich vorsichtig mit vorschnellen Urteilen sein. Aufgrund der Tatsache, dass in den allermeisten Ländern nur vergleichsweise wenige Menschen getestet werden können, wissen wir nicht mit Sicherheit, wie viele Menschen sich infiziert haben und wie viele tatsächlich an und mit COVID-19 gestorben sind.

Einer der Indikatoren, die aber zumindest einen Eindruck geben können, ist die sogenannte Übersterblichkeit. Kurz gefasst, vergleicht sie die Zahl der verstorbenen Personen in einem bestimmten Zeitraum mit der entsprechenden Zahl der Vorjahreszeiträume. Die Übersterblichkeit ist also keine Kennzahl, die spezifisch auf das Coronavirus als Todesursache abstellt, sondern sie erfasst alle Verstorbenen ganz unabhängig von der Ursache. Diese Zahl gilt oftmals als robusterer Vergleichsrahmen im internationalen Kontext als die gezählten COVID-19-Toten. Denn: Zwar sterben einige Menschen mit und nicht an Covid-19, das Virus mag für sie also nicht die ausschlaggebende Todesursache sein; in vielen Ländern könnten jedoch sehr viele Menschen gestorben sein, ohne dass sie getestet wurden, sodass die wirkliche Anzahl von Infizierten und Todesopfern wohl deutlich über den offiziellen COVID-19-Statistiken liegt.

Für Deutschland lag die Übersterblichkeit im Jahr 2020 bis zum 7. Juni bei 9800 gegenüber dem Durchschnitt der Jahre 2016 bis 2019. Natürlich ist die Zahl von fast 10 000 verstorbenen Personen erschreckend. In anderen europäischen Ländern war die Situation jedoch noch erschütternder: Großbritannien (✝65 700, 26. Juni), Spanien (✝48 500, 21. Juni) und Italien (✝48 600, 29. April) haben besonders hohe Zahlen zu beklagen.


[i] Siehe Johnson, N. P. and J. Mueller (2002), „Updating the accounts: global mortality of the 1918–1920 ›Spanish‹ influenza pandemic“. Bulletin of the History of Medicine, 76(1), S. 105–115, und: Patterson, K. D. and G. F. Pyle (1991), „The geography and mortality of the 1918 influenza pandemic“. Bulletin of the History of Medicine, 65(1), S. 4.

[ii] Laut Analysen und Angaben des RKI: www.rki.de/DE/Content/InfAZ/N/Neuartiges_Coronavirus/Steckbrief.html

[iii] Siehe www.rki.de/DE/Content/Infekt/EpidBull/Archiv/2020/35/Art_01.html

Vom Leben im Lockdown

Blick ins Buch
StillstandsturmStillstandsturm

Briefe aus dem Lockdown

Als die Corona-Krise Deutschland erreicht, beschließen Ursula März und Stephan Lebert, sich täglich E-Mails zu schreiben, in denen sie sich von ihrem Umgang mit der veränderten Lage erzählen. Und von allem, was sie sonst noch beschäftigt. Persönlich, reflektiert, politisch informiert. Sie eröffnen dem Leser die Möglichkeit, sich zu erinnern und eine andere Perspektive einzunehmen. Eine berührende Auseinandersetzung mit einer Situation, die uns alle noch lange beschäftigen wird.

Von: Ursula März

Datum: Mittwoch, 18. März 2020 um 15:11

An: Stephan Lebert

Betreff: Auf Sicht fahren

 

Lieber Stephan,

ich hole ein bisschen aus: Wir kennen uns, weil wir Kollegen bei der ZEIT sind. Vor ungefähr zwei Jahren hast Du ein paar von uns eingeladen, um jenseits des laufenden Berufsgeschäfts über neue Themen nachzudenken – vor allem über neue Formen, die irgendwie frischer, origineller, vielleicht auch persönlicher sind als die gewohnten. Themen sind uns immer leichtgefallen, bei den Formen waren wir eher ratlos. Und ehrlich gesagt habe ich auch nicht hundertprozentig verstanden, worauf Du hinauswillst. Ich dachte: Es gibt tolle und fade Reportagen, spritzige und mittelmäßige Essays, das hat mit der Genreform nichts zu tun. Vielleicht ist Lebert einfach ein wenig zeitungsmüde (sorry) …

Jetzt haben wir Corona. Wir sind nicht nur virologisch in einer „dynamischen Situation“, wir sind es auch gesellschaftlich, intellektuell, emotional. Was man heute schreibt, kann morgen überholt sein. Ich selbst denke alle zwei Stunden was anderes. Am Wochenende (heute ist Mittwoch, der 18. März) fand ich es toll, wie gelassen die Deutschen mit dem Shutdown umgehen. Am Montag war ich mir sicher, zwischen klopapierraffenden Idioten zu leben, die eine Revolte anfangen werden, wenn ihr Kanarenurlaub platzt. Gestern Abend war ich so frustriert über die ganzen Absagen an beruflichen Terminen, dass ich mehr getrunken habe, als mir guttut. Heute Morgen bin ich in regelrechter Kriseneuphorie.

Spinne ich oder ist die BILD-Zeitung momentan wirklich so seriös wie noch nie? Finde ich Jens Spahn nur gut, weil mich Corona politisch infantil macht? Wäre eine sofortige Ausgangssperre richtig oder rational betrachtet Quatsch? Keine Ahnung. So geht es ja nicht nur mir. Das ganze Land befindet sich im Experimentzustand, in Vorläufigkeitsstimmung. Und da bieten sich vielleicht wirklich andere, offenere Schreibformen an. Hast Du gewollt! Deshalb mein Vorschlag mit den Briefen bzw. Mails. Das meine ich mit Schreiben, das „auf Sicht fährt“.

Wir versuchen’s mal, okay?

 

Von: Stephan Lebert

Datum: Mittwoch, 18. März 2020 um 19:11

An: Ursula März

Betreff: Re: Auf Sicht fahren

 

Liebe Ursula,

zwei Jahre ist es also schon wieder her, dass wir mit den Treffen angefangen haben? Zwei Jahre. Heute habe ich mit meiner alten Tante telefoniert, sie lebt in Zürich, allein in ihrer Wohnung, draußen tobt auch bei ihr die Corona-Hölle. Sie ist tapfer. Und sie hat heute gesagt: früher. Und meinte: vor zwei Wochen, als sie noch einkaufen konnte, als sie im Park spazieren gehen konnte. Wird man später mal sagen können, dass mit Corona eine neue Zeitrechnung begonnen hat? Was tippst Du?

Es stimmt: Ich bin ein bisschen müde geworden, was das Lesen von Zeitungen angeht. Ich sehe so oft die gleichen Szenen, die gleichen Anfänge, die gleichen Erzählmuster. Deshalb unsere Treffen damals. Die Suche nach … tja, irgendwas Neuem. Jetzt läuft es irgendwie andersherum. Draußen passiert etwas Unglaubliches und wir schreiben uns Briefe. Wenigstens nicht mit Tinte und Löschblatt. Obwohl, vielleicht wäre auch das nicht so schlecht, denn ich finde gerade alles gut, was langsam ist. Jeder Blick auf BILD online – ich gucke da auch ziemlich oft drauf – ist eine Art rasender Science-Fiction-Film. Ich habe heute drei Dosen Ravioli von Maggi gekauft. Das war nicht unbedingt mein Hamstertrieb. Diese Ravioli habe ich als Kind immer gern gegessen. Und später habe ich sie mir immer gekauft, wenn ich krank war. Ich bin nicht krank, keine Sorge, noch nicht jedenfalls, aber die Ravioli sind für mich so etwas wie Geborgenheit. Hat sich gut angefühlt, als ich sie vorhin ins Regal gestellt habe.

In meinem Kopf läuft gerade einiges rückwärts. Mir fällt eine Szene in einem alten „Don Camillo“-Film ein. Es ist eine Flutkatastrophe in dem kleinen Ort in Italien(!) passiert, das ganze Dorf steht unter Wasser. Die Menschen sind in ein Zeltlager geflüchtet, auf einer Anhöhe über dem Ort. Don Camillo, der Pfarrer, predigt ganz alleine in seiner Kirche, die auch unter Wasser steht. Auch Don Camillo steht bis zur Hüfte im Wasser. Sehr pathetische Worte spricht er. Über das Leben, wie es vorher war, und dass sich jetzt alle danach zurücksehnen, obwohl alle immer vor allem darüber gemeckert haben, über alles …

An diese Szene musste ich heute denken. Und fragte mich, wo ist eigentlich in Zeiten von Corona der Papst, wo sind die anderen Kirchenfürsten? Wo sind ihre pathetischen, tröstenden Worte?

Ich muss aufhören. Jetzt kommt gleich Angela Merkel im Fernsehen. Mit ihrer Rede an die Nation. Es ist Mittwoch, der 18. März, 19:08 Uhr.

Liebe Grüße,

Stephan

 

Von: Ursula März

Datum: Donnerstag, 19. März 2020 um 09:35

An: Stephan Lebert

Betreff: Re: Auf Sicht fahren

 

Guten Morgen,

Stephan, ganz ehrlich: Ich hätte nicht gedacht, dass mir bei einer Rede von Angela Merkel mal die Tränen runterlaufen! Tun sie aber auch jetzt noch in der Erinnerung an gestern Abend. Und da bin ich mir ganz sicher, es hat nicht mit coronabedingter Infantilisierung zu tun.

Dass die Rede inhaltlich genau richtig war, ist eh klar. Und zu Deiner Frage, ob es eine Zeitrechnung vor und nach Corona geben wird: Das weiß man jetzt. Aber was mich unter anderem so gerührt hat, war der Eindruck, dass und wie Merkel alles tat, um über ihren Schatten zu springen, den sie natürlich auch kennt, um Emphase in die Wohnzimmer zu transportieren. Es wurde ihr schon tausendmal vorgehalten, wie sie Politik technokratisch verwaltet, wie wenig sie kommuniziert, wie wenig Charisma sie hat. Und man sieht tatsächlich, dass sie sich nicht genießt in so einer Rede an die Nation, anders als Macron mit seinem „Krieg gegen Virus“. Aber genau dieser Mangel an Selbstgenuss hat mich umgehauen, vielleicht auch, weil er die echte, komplett strategiefreie SORGE einer, jetzt sag ich es, sehr großen Kanzlerin beglaubigt, die ich nie gewählt habe. Meine Tochter (sie hat am Sonntag ihren 24. Geburtstag, das wird auch eher was Klein-Improvisiertes) hat Merkel sozusagen noch weniger je gewählt. Wir haben die Rede zusammen angeschaut, und sie fand sie „sehr gut“. Dann kann ich nicht falschliegen.

Überhaupt habe ich den Eindruck, in diesen Wochen lernen sich Politik und Gesellschaft noch mal neu kennen. Wie in einer alten Ehe, wo man sich eigentlich nicht mehr viel zu sagen und gegenseitig ziemlich satthat. Dann passiert was, das Haus brennt ab, das Kind bekommt eine schwere Krankheit, und die Ehe schüttelt sich neu. In den ersten Wochen von Corona hat die Bevölkerung ihre Politiker neu kennen- und schätzen gelernt, ich sage nur: Jens Spahn. Jetzt, mit den drastischen Maßnahmen und Schließungen, ist es fast umgekehrt. Die Politik ist dabei, das Volk kennenzulernen. Jetzt merkt man auch, dass das Misstrauen schon lange gegenseitig war. Wir schauten angewidert auf den Parteiensumpf der Politik, und die Politiker schauten genervt zurück. Auf uns unverlässliches Wahlvolk, pöbelndes Fußballvolk, ordinäres Social-Media-Volk, Staatsvertreter beleidigendes Düstervolk.

Das ist nur ein Momenteindruck, kann alles noch ganz anders werden. Ich denke oft an den Sommer/Herbst 2015 der Flüchtlingskrise. Erst die Welcome-Euphorie und dann der Absturz in die kollektive Gereiztheit.

Anfang der Woche habe ich noch gedacht: Na gut, dann ist jetzt mal wirklich freie Zeit. Keine Termine, keine Lesungen, keine Reisen. Ich ziehe mich schön zurück und mache, was ich immer mal machen wollte. Lese ein paar Tausend Seiten Proust, sortiere das Durcheinander von Fotos, tue was gegen mein miserables Englisch. Seit gestern weiß ich, dass das nicht klappt und mir auch nicht guttut. Es sind eben keine richtigen kontemplativen Ferien. ich komme besser zurecht, wenn ich „dran“ bleibe, diszipliniert arbeite. Ich habe eine große Begabung zum Fernsehjunkie, das würde eine Woche Spaß machen, aber dann wär’s der gefühlte Niedergang.

Über Deine Frage, ob die Stimmen der Kirchenoberen fehlen, muss ich noch nachdenken. Nur vorläufig: Wann warst Du zum letzten Mal sonntags in der Kirche? Wir haben uns schon über einiges unterhalten. Aber haben wir uns je gefragt, ob wir protestantisch oder katholisch oder überhaupt in der Kirche sind? Ich habe, was Dich betrifft, keinerlei Ahnung. Und nun plötzlich die Arme Richtung Rom ausstrecken?

Jetzt ist es 9:20 Uhr am Donnerstagmorgen, den 19. März, ich fahre mit dem Auto an den Schlachtensee und laufe. Dann sitz ich wieder hier am Schreibtisch.

Mach’s gut, danke für Deine Antwort (apropos: Merkel hat auch gesagt, jetzt sei die Zeit für Skypen, Telefonieren oder „mal wieder einen Brief“. Ha!)

Liebe Grüße,

Ursula

 

Von: Stephan Lebert

Datum: Donnerstag, 19. März 2020 um 18:57

An: Ursula März

Betreff: Re: Auf Sicht fahren

 

Liebe Ursula,

heute im Büro jagte ein Gerücht das andere: Immer wieder ein anderer will von irgendjemanden gehört haben, dass jetzt ganz sicher eine Ausgangssperre kommt. Angeblich, ganz sicher, echt, wird heute Abend der Regierende Bürgermeister Müller, selbst in Quarantäne, die Ausgangssperre für ganz Berlin verkünden.

Da frage ich mich: Darfst Du morgen dann noch joggen? Oder schwimmen? Gehört das zum verbotenen Ausgang? Was macht dann ein Hund?

Es ist alles nicht lustig. Gar nicht. Und trotzdem fragte ich mich heute, wann eigentlich die Corona-Witze anfangen. Wahrscheinlich gibt es sie längst, ich kenne aber noch keinen (nur heitere Videos im Netz haben schon Konjunktur). Ein Kollege, Spezialgebiet Terror, erzählte mir von seiner Komödienidee: Terroristen planen einen Anschlag auf das KaDeWe in Berlin, jahrelang bereiten sie alles vor – und einen Tag, bevor es losgehen soll, wird das KaDeWe wegen Corona geschlossen. Wird wahrscheinlich keine berühmte Komödie werden.

Ich verstehe Deine Rührung von gestern Abend sehr gut. Ich fand Angela Merkel auch beeindruckend. Von großen Schauspielern heißt es doch, sie würden sich ganz leer machen, damit die jeweilige Rolle in sie reinschlüpfen kann. So wirkte das für mich, der Ernst der Lage schlüpfte in sie hinein – und sie als Kanzlerin wird aber davon nicht aufgefressen, sondern sie versucht die Dramatik zu steuern. Robert Habeck sagte nach der Rede im ZDF, ihm habe gefallen, dass sie den Dialog mit den Menschen begonnen hat.

Das macht sie anders als zum Beispiel Macron. Der spricht vom Krieg. Was kommt da als Nächstes? Atomkrieg?

Ich war gestern in meinem Lieblingscafé, im Manzini in der Ludwigkirchstraße. Ein paar Leute saßen draußen an den Tischen – im gebotenen Abstand natürlich. Dann kam Ferdinand von Schirach, der hier ein Stammgast ist, und setzte sich an einen Tisch an der Ecke, stellte ein Desinfektionsfläschchen vor sich hin, rieb sich die Hände ein und sagte fröhlich in die Runde: „Ist Distanz nicht was Herrliches?“ Ein paar Meter weiter, in der Uhlandstraße, fuhr einige Momente später ein Mannschaftswagen der Polizei vor. Die Polizisten gingen in die Geschäfte, die noch geöffnet waren. Sie verklickerten den Ladenbesitzern anscheinend, dass sie zumachen müssen. Eine Frau in einem Design-Geschäft fing laut zu weinen an.

Ich bin übrigens katholisch. Auch noch in der Kirche. Als ich ganz klein war, hat meine Mutter vor dem Einschlafen mit mir gebetet: Maria breit den Mantel aus … In Kirchen bin ich öfters, meistens zum Kerzenanzünden für irgendjemanden. Ich mag Kirchen. Das letzte Mal in einem Gottesdienst war ich am Heiligen Abend in der Mitternachtsmesse – in Italien, am Lago Maggiore, Maccagno heißt der Ort. Wir haben kein Wort verstanden, aber es war irgendwie schön. Menschen kommen zusammen, weil sie wissen, wie klein und zerbrechlich sie sind, das hat mir immer gut gefallen. Ich feiere in Maccagno immer mit meinem Bruder Weihnachten, seit unsere Mutter gestorben ist. Nur wir beide. Er hat da ein sehr hübsches Häuschen. Maccagno ist Corona-Sperrgebiet. Dieser kleine, fröhliche Ort. Unseren Freunden und Bekannten dort geht es gut, sagen sie. Und sie fügen hinzu: Wir leben noch.

Du kannst über mich spotten, aber ich fände es gut, wenn die Kirche gerade in diesem Moment eine Stimme hätte und die Geschichte von Gott und Teufel erzählen würde. Ich würde gerne zuhören, auch wenn ich mich vielleicht ärgern würde, aber es kommt nichts. Ein Religionswissenschaftler hat heute Morgen im Deutschlandfunk gesagt, glücklicherweise habe der Kinderglaube vom lieben Gott in Deutschland abgedankt. Er lese mit seinen Studenten schon immer Die Pest von Albert Camus, da stünde alles Wesentliche zum Thema Religion drin.

Kinderglaube. Da häng ich anscheinend noch drin fest.

Sag mal, wir erleben einen Ausnahmezustand. Was, glaubst Du, wird passieren mit unserer Gesellschaft? Wird sie auseinanderplatzen? Oder wird es ein Gemeinschaftsgefühl geben? Was hält uns eigentlich zusammen? Was könnte es sein?

Ich bin eher pessimistisch heute Abend. Liegt vielleicht daran, dass heute kein guter Tag war. So viele Enden, keine Verbindung. Ich versuche mich nachher zu entspannen mit alten Folgen der Serie „Mit Schirm, Charme und Melone“. Es ist 18:54 Uhr. Gerade kommt die Meldung, dass es in Italien mehr Corona-Tote gibt als in China.

Bis morgen.

Lieben Gruß,

Stephan

 

Von: Ursula März

Datum: Freitag, 20. März 2020 um 13:09

An: Stephan Lebert

Betreff: Re: Auf Sicht fahren

 

Lieber Stephan,

ein paar Sachen muss ich geraderücken.

Zum einen, ich jogge nicht. Mit Laufen meine ich Laufen, zügiges Spazieren.

Zum anderen hat sich der Pegel meines gestrigen Merkel-Pathos auf Maß und Mitte gesenkt. „Sehr große Kanzlerin“ war schon peinlich übertrieben, sie ist nicht Churchill. Da hat mich die Sentimentalität weggetragen. Die Rede war gut, finito.

Zum Dritten: Ich bin katholisch und in der Kirche, besuche Gotteshäuser ungefähr so wie Du. Aber mein Glaube ist schon sehr schütter. Ich will es mal so sagen: Aus Respekt vor den wirklich Gläubigen und vor dem, was viele Kirchenmitglieder für die Gesellschaft nach wie vor leisten, verbiete ich es mir, in einer Ausnahmesituation wie jetzt auf einen Zug aufzuspringen, neben dem ich sonst nur herlaufe. Verstehst Du, was ich meine? Ich finde es auch zweifelhaft, wenn Leute, die mit der Kirche eigentlich komplett abgeschlossen haben, sie plötzlich als Eventbude mit Feierlichkeitsfaktor für Hochzeiten und Beerdigungen beanspruchen. Oder sich im August schnell taufen lassen, damit das Kind im September auf eine katholische Schule kommt, wo „die Werte abendländischer Bildung vermittelt werden“, wo, im Klartext, nicht so viele Kinder mit muslimischem Migrationshintergrund vermutet werden …

Aber Du hast recht: Es herrscht ein seltsames, fast gespenstisches Schweigen seitens der Kirchenoberhäupter. Wo ist die niederdonnernde Stimme aus Rom, die die augenblickliche Evakuierung der Lager auf Lesbos verlangt und die Untätigkeit der Menschheitsgemeinde verdammt? (Guter Text gestern von Caterina Lobenstein auf der S. 1 der ZEIT.)

Warum bist Du, sind die Kollegen eigentlich im Büro? Müsst Ihr? Wollt Ihr? Was hat sich denn im beruflichen Firmenumgang verändert? Ich arbeite ja sowieso zu Hause und bin generell, auch abends, gern dort zu Hause. Bis jetzt spüre ich keine grundstürzende Veränderung in meinem Alltag. Und fürs Alleinsein bin ich eh sehr begabt. Ich kenne alles Mögliche an schlimmen Gemütszuständen, zum Ausgleich hat mich die Natur vom Gefühl der Langeweile verschont. Sage ich jetzt. Wie es nach sechs Wochen Ausgangssperre aussähe, habe ich keine Ahnung. Auf Café, Kino, Restaurant zu verzichten ginge. Aber radikal drinzubleiben wäre schon schwierig. Was würde Dir am meisten fehlen?

Zu Deiner Frage, was ich denke, ob Corona die Gesellschaft positiv verändert oder zerreißt – ich weiß es nicht. Und ich denke, das kann man jetzt nicht wissen. Momentan ist ja durchaus solidarisches Miteinander da. Aber ich habe eben 2015 als Blaupause im Kopf. Vorstellen kann ich mir, dass der individuelle Egoismus vorübergehend herunterfährt, aber der nationale erheblich hochfährt.

Ich überlege noch was anderes, nur eine vage Idee: Vielleicht können wir, wenn diese Pandemie und ihre sicher gewaltigen Folgen irgendwann hinter uns liegen, die Not unserer Eltern und Großeltern besser verstehen, von den Schrecken zu erzählen, die sie erlebten. „Das kann sich heute niemand mehr vorstellen“ kenne ich als Standardsatz. Er hatte immer etwas Resigniertes den Nachkommen gegenüber, die nicht wissen, wovon die Rede ist. Versteh mich nicht falsch: ich verwechsle Corona nicht mit Krieg und Hungersnot … Aber es könnte ja sein, dass Enkel nichts anderes kennen als eine Welt, in der die Medizin ad hoc mit jedem Virus fertigwird. Wie erzählt man dann, dass es 2020 nicht so war?

Für die wirklich guten Corona-Witze ist es noch zu früh. Oder zu spät, weil die neue Moralzensur dem richtig scharfen schwarzen Humor die Luft abschneidet. Spannend wäre, was Harald Schmidt, der ja schwarzen Humor kann, als Vollhypochonder jetzt einfiele.

Das war etwas viel auf einmal, entschuldige. Morgen kürzer. Heute Abend kommt „Let’s Dance“, das schaue ich.

Jetzt ist Freitag, der 20. März, 13:08 Uhr.

Liebe Grüße,

Ursula

 

Von: Stephan Lebert

Datum: Freitag, 20. März 2020 um 18:15

An: Ursula März

Betreff: Re: Auf Sicht fahren

 

Liebe Ursula,

ich bin bisschen enttäuscht. Zügiges Spazieren? Ich hatte schon anderes im Kopf: joggen, schwimmen, Iron Ursula. Aber Spazieren soll ja auch gut sein fürs Denken.

Ich fahre bisher noch jeden Tag für einige Stunden ins Büro, die meisten sind schon weg. Bei uns auf der Etage sind nette Leute, es ist besser, da zu sein als nicht da zu sein. Aber wahrscheinlich wird bald alles dichtgemacht, wenn ein erster Coronafall auftritt. Ich mag das Büro, weil man – wie heute – auch lustige Geschichten erfährt. Ein Kollege von einer anderen Zeitung hat sich krankgemeldet und will sich schnell testen lassen, weil er mit einer Frau aus dem Politikbetrieb in Kontakt war, die positiv getestet wurde. Alle wunderten sich, vor allem seine Ehefrau, dass er diese Frau überhaupt kennt. Und um überhaupt einen Test machen lassen zu können, musste er einräumen, dass er sie viel näher kennt … So was nennt man wohl Kollateralschaden. Es kam zum großen Ehekrach, er wollte ausziehen, aber wohin in diesen Zeiten? Die Hotels haben schon alle zu – und welcher Freund nimmt so jemanden ungetestet bei sich auf? Wahrscheinlich keine guten Zeiten für Affären jeglicher Art.

In jeder Rede sagen Wissenschaftler und Politiker: Bleiben Sie einfach zu Hause! Was denken wohl Obdachlose, wenn sie das hören? Sind ja nicht wenige in einer Stadt wie Berlin. Sollen sich diese Menschen in die Heime verkriechen, um sich dort zu stapeln? Wohl auch keine Lösung. Wenn eine Ausgangssperre in Kraft tritt, was heißt Ausgang für Menschen ohne Wohnsitz?

Eine Frage möchte ich Dir noch zurufen: Wir erleben gerade, wie entscheidend wichtig ein starker Staat ist. Alle schauen auf die Politik: Was macht sie? Macht sie doch hoffentlich bitte das Richtige? Ich finde, die Politiker sind eigentlich ganz überzeugend bislang. Wenn diese Krise irgendwann vorbei und die große Katastrophe ausgeblieben ist: Ist die Rückkehr des starken Staates gut? Die Sehnsucht nach einer starken Hand? Was meinst Du?

Wenn der Shutdown kommt, würde mir am meisten die Möglichkeit fehlen, mich in ein Café zu setzen oder ein Restaurant. Ich liebe das sehr. Dass einem verboten wird rauszugehen, halte ich für ausgeschlossen.

Ich merke übrigens, ich trinke abends mehr Wein als vor der Krise.

Es ist jetzt Freitag, der 20. März, 18:13 Uhr. Heute ist übrigens Frühlingsanfang.

Lieben Gruß,

Stephan

 

Von: Ursula März

Datum: Samstag, 21. März 2020 um 12:47

An: Stephan Lebert

Betreff: Re: Auf Sicht fahren

 

Lieber Stephan,

wir haben einen etwas schwierigen Tag hier und müssen was erfinden, um nicht in so eine Mama-Tochter-Gereiztheit reinzurutschen. Beziehungsweise in eine Zeit zurückzufallen, die für eine erwachsene junge Frau und ihre Mutter längst nicht mehr stimmt. Antonia wollte ja nur für zwei Wochen zu Besuch sein. Die verlängern sich jetzt auf unbestimmte Zeit. Ich weiß: Andere haben es echt dramatischer. Gott sei Dank können wir gut reden. Machen wir jetzt. Ich schreibe später wieder.

Liebe Grüße,

Ursula

Das Virus, das uns alle bedroht

Blick ins Buch
CoronavirusCoronavirus
Das Virus, das uns alle bedrohtEine weltweite Pandemie, Zehntausende Todesopfer, Ausgangsbeschränkungen und eingeschränkte Grundrechte, ein internationaler Notstand, ausgerufen von der Weltgesundheitsorganisation: Das Coronavirus SARS-CoV-2 hält die Welt im Griff – mit unabsehbaren Folgen. Wir alle haben drängende Fragen: Wie gefährlich ist das neuartige Coronavirus wirklich? Wie kann man sich schützen? Wann wird die Forschung Therapie- und Impfmöglichkeiten gefunden haben? Was ist die richtige Strategie, um Neuinfektionen unter Kontrolle zu halten? Welche Maßnahmen retten unsere Unternehmen und unsere Arbeitsplätze? Was kann jeder Einzelne jetzt tun? Dieses Buch beantwortet die wichtigsten Fragen zu Gesundheit, Wirtschaft, Gesellschaft und Politik in Zeiten von Corona.

Einleitung

Dieses Buch ist im Laufe des März 2020 entstanden. Als die ersten Zeilen geschrieben wurden, war COVID-19 für viele Menschen noch ein vor allem asiatisches Problem. Zum 1. März hatte die Zahl an bestätigten Infektionen in Deutschland gerade die 100 überschritten. Viele von uns haben dieses Virus wohl zunächst unterschätzt und wurden dann von den Ereignissen und Bildern überrollt. Während die letzten Kapitel verfasst wurden, überschritt die Zahl der weltweit registrierten Infektionen gerade die Millionenmarke. Epizentrum war nicht mehr die Region rund um Wuhan, sondern New York.

Im Strom der Nachrichtenticker sollen diese 33 Antworten auf drängende Fragen Orientierung vermitteln, wichtige Hintergründe erklären und Zusammenhänge deuten, um diese beispiellose Krise besser zu verstehen. Immer wieder hilft dabei ein Blick in die Medizingeschichte. Wenn COVID-19 selbst dereinst in diese Annalen eingegangen sein wird, wird man darin lesen können, wie radikal ein Virus die Welt innerhalb weniger Wochen verändert hat.

In Coronazeiten ist vieles anders. Wenn dieses Buch erscheint, sind vermutlich schon einige Informationen darin nicht mehr aktuell. Und das ist auch gut so. Wohl noch nie zuvor ist der wissenschaftliche Erkenntnisgewinn so schnell vorangeschritten wie in den ersten Wochen und Monaten dieser Pandemie. Genauso schnell hat sich unser Alltag verändert: Am einen Tag noch undenkbar, waren am Tag darauf bereits Ausgangsbeschränkungen beschlossen und die Freiheitsrechte beschränkt. Weil es die schier unberechenbare Gesundheitsgefahr erfordert, die von diesem Virus ausgeht, kaum größer als 140 Nanometer. Ein Nanometer ist übrigens ein Millionstel Millimeter.

Als Gesundheitsjournalist begegne ich dieser überwältigenden Krise wie jeder andere Mensch auch: gleichermaßen als Laie wie als Experte. Zu viel hat sie durcheinandergewirbelt, was unhinterfragt und so selbstverständlich war. Das Vertrauen in wissenschaftliche Erkenntnis hat derweil ein erfreuliches Comeback gefeiert. Was für die Expertise von Virologen gilt, gilt aber auch für dieses Buch: Wissen ist immer nur vorübergehend.

Das Wörtchen „Corona“ hat sich rasend schnell zum Inbegriff einer medizinischen genauso wie zu einer ökonomischen, politischen, sozialen und psychischen Ausnahmesituation entwickelt. Mein wichtigster Seismograf für die wirklich relevanten Fragen waren in diesen Wochen meine lieben Bürokolleginnen. Danke dafür! Ein besonderer Dank geht an L. für viel Verständnis, für noch mehr Liebe und das Wissen, sich mit niemand anderem zusammen lieber von Ausgangsbeschränkungen einengen lassen zu wollen.

Wenn auf den folgenden Seiten auf die weibliche Form zum Beispiel von Berufsbezeichnungen verzichtet wird, ist dies einzig der besseren Lesbarkeit geschuldet.


1. Erkältung, Grippe – oder doch Corona?

Ein leichtes Kratzen im Hals, ein wenig trockener Husten, ein bisschen Kopf- und Gliederschmerzen. Was man im Winter halt so an Erkältungssymptomen mit sich herumschleppt. Oder könnte es doch das neuartige Coronavirus sein? Die Verunsicherung und die Angst vor einer Epidemie, deren Auswirkungen nicht abzusehen sind, können belastender sein als die Symptome selbst – zumindest für 80 Prozent der mit dem neuartigen Virus Infizierten, bei denen die Krankheit mild oder ganz ohne Symptome verläuft.

Laut Robert Koch-Institut (RKI), das sich als höchste Behörde in Deutschland um Infektionskrankheiten kümmert, kommt es nach einer Infektion mit SARS-CoV-2 am häufigsten zu Symptomen wie Fieber, trockenem Husten und Abgeschlagenheit. Schon deutlich seltener leiden Betroffene unter Atemproblemen, Kratzen im Hals, Kopf- und Gliederschmerzen sowie Schüttelfrost. Nur wenige leiden an Übelkeit und Durchfall, zu schweren Verläufen mit einer Lungenentzündung kommt es fast ausschließlich bei älteren Patienten oder Menschen mit einer Vorerkrankung.

Genau in diese Risikogruppe fielen die ersten beiden COVID-19-Todesopfer in Deutschland, die am 9. März 2020 vermeldet wurden: eine 89-jährige Frau aus Essen, gestorben an einer Lungenentzündung, sowie ein 78-Jähriger aus Heinsberg, vorbelastet mit Diabetes mellitus und Herzbeschwerden. Klare Risikogruppe, klarer Fall – und doch gar nicht so viel anders als bei der Influenza, also der echten Grippe.

Die wird genauso wie COVID-19 von Viren hervorgerufen: die Influenza von Influenzaviren, COVID-19 von dem neuartigen Coronavirus SARS-CoV-2. Beides sind Atemwegserkrankungen, die sehr unterschiedlich verlaufen können. Bei der Infektion mit dem neuartigen Coronavirus fehlt aber häufig der Schnupfen, selbst wenn sich COVID-19 nur in den oberen Atemwegen festsetzt – falls es dann überhaupt zu Beschwerden kommt. Dies kann ein hilfreiches Unterscheidungsmerkmal sein. Außerdem überfallen einen die Symptome einer Grippe meist schlagartig. Sie hat eine kürzere Inkubationszeit, zwischen Ansteckung und ersten Beschwerden vergehen meist nur ein oder zwei Tage. Bei COVID-19 sind es im Durchschnitt fünf bis sechs, in manchen Fällen vermutlich bis zu 14 Tage. Oder aber die Infektion geht vorbei, ohne bemerkt zu werden.

Bei der Therapie geht es weiter mit den Gemeinsamkeiten. Es stehen nur begrenzt Medikamente zur Verfügung, die gegen das jeweilige Virus selbst wirken. Im Vordergrund steht, die konkreten Beschwerden zu lindern und im Notfall im Krankenhaus die beeinträchtigten Körperfunktionen zu unterstützen, zum Beispiel mit einem Gerät zur Beatmung. Präventiv rät Bundesgesundheitsminister Jens Spahn, beim neuartigen Coronavirus alles genau so zu machen, „als würde man sich im Alltag vor Erkältung oder Grippe schützen“. Dazu gehören die richtige Nies- und Hustenetikette genauso wie altbewährte Hygieneregeln.

Gleichzeitig wird hier aber der maßgebliche Unterschied deutlich: Unser aller Immunsystem ist auf das neuartige Coronavirus nicht vorbereitet, denn es war bislang unbekannt. Gegen die Grippe steht jedes Jahr ein Impfstoff zur Verfügung. Auch wenn sich gerade einmal 35 Prozent der über 60-Jährigen gegen die Influenza impfen lassen – viel zu wenige. In der vergleichsweise harten Grippesaison 2017/2018 kostete sie laut Robert Koch-Institut 25 100 Menschen in Deutschland das Leben. Bis Anfang April 2020, also bis zum Ende der Grippesaison 2019/2020, hatte das RKI 183 531 nachgewiesene Influenzafälle gezählt – darunter 411 Todesfälle. Bei COVID-19 näherte sich die Fallzahl zu diesem Zeitpunkt gerade erst der 100 000 an. Bei mehr als 1400 Toten. Spätestens hier endet das Gegenrechnen aber, da über die jeweilige Dunkelziffer viel zu wenig bekannt ist und es schlicht zu früh ist, die Mächtigkeit von SARS-CoV-2 als neuem Krankheitserreger seriös beurteilen zu können.

Das mussten sich Wissenschaftler wie der Virologe Prof. Christian Drosten, Leiter des Instituts für Virologie an der Charité Universitätsmedizin Berlin, eingestehen, als sie komplexe Berechnungen zum weiteren Verlauf der Epidemie ausgewertet hatten. Viele Virusarten lieben kalte Temperaturen, im Sommer tun sie sich deutlich schwerer, sich zu verbreiten. Grippewellen enden zuverlässig, sobald die Temperaturen steigen. Im Falle von SARS-CoV-2 haben Experten aber die Hoffnung früh begraben, die Infektionswelle könne allein durch das Wetter zum Stillstand kommen. Umso wichtiger wird sein, dass bald passende Medikamente und ein wirksamer Impfstoff zur Verfügung stehen. Und umso wichtiger wird sein, sich selbst, vor allem aber Risikopersonen zu schützen.

Wer aufgrund der beschriebenen typischen Symptome befürchtet, sich mit dem neuartigen Coronavirus angesteckt zu haben, sollte zum Telefon greifen und nicht in die Hausarztpraxis fahren. Zu groß könnte das Infektionsrisiko für die Mitmenschen im Wartezimmer sein. Auch der Patientenservice des ärztlichen Bereitschaftsdienstes ist rund um die Uhr unter der Nummer 116 117 für solche Fälle zu erreichen. In dem Telefonat wird es vor allem darum gehen, inwieweit im Laufe der vergangenen zwei Wochen Kontakt zu einer infizierten Person bestanden hat oder ob man aus einem Risikogebiet eingereist ist. Lautet mindestens eine Antwort ja, schafft nur ein Labortest Klarheit. Den Abstrich nimmt ein Arzt während eines Hausbesuchs oder bei einem gesonderten Termin außerhalb der regulären Praxisöffnungszeiten. Bis das Testergebnis da ist, sollten Verdachtspersonen zu Hause bleiben, um niemanden zu gefährden.

Das leichte Kratzen im Hals soll also nicht in Panik münden. Ein wenig Achtsamkeit bei jedem Einzelnen macht es dem neuartigen Virus aber deutlich unbequemer, sich breitzumachen. „Dazu brauchen wir die gesamte Gesellschaft“, mahnte Gesundheitsminister Spahn angesichts der ersten Corona-Toten an. „Wir brauchen jeden einzelnen Bürger und jede einzelne Bürgerin.“

 

Tipp: Die meisten Infektionen mit dem neuartigen Virus SARS-CoV-2 verlaufen unproblematisch. Bleiben Sie ruhig, wenn Sie einen Verdacht auf COVID-19 haben – und schützen Sie Ihre Mitmenschen, indem Sie Menschenansammlungen meiden und einfache Hygieneregeln beachten.

Urlaub zuhause

Blick ins Buch
Gebrauchsanweisung fürs DaheimbleibenGebrauchsanweisung fürs Daheimbleiben
Urlaub zu Hause verbringen: Den meisten von uns ist der Gedanke so fremd wie früheren Generationen die Vorstellung einer Auslandsreise. Dabei ist Daheimbleiben kein Bekenntnis zur Langeweile, sondern die Möglichkeit, genau das zu finden, was wir in der Ferne oft vergeblich suchen: uns selbst. Es ist außerdem ein Akt der Rebellion – gegen Jetlags, CO2-Irrsinn und den Irrglauben, der geistige Horizont eines Menschen korreliere mit seinem Meilenkonto. Das beste Rezept gegen Stau ist immer noch, gar nicht erst loszufahren; man muss nur etwas mit sich und seiner Zeit anzufangen wissen. Harriet Köhler zeigt uns, wie wir zu Entdeckern in unserer Stadt werden, zu Weltenbummlern im eigenen Viertel und zu glücklichen Urlaubern in der eigenen Wohnung.

„Na, diese Reise fängt ja vielversprechend an!“

Erzherzog Franz Ferdinand unterwegs nach Sarajewo, als eine Achse seines Salonwagens heiß gelaufen war

LONELY PLANET

Vom Fernweh

„Da, wo du nicht bist, ist das Glück.“

Franz Schubert

Ein Buch über das Daheimbleiben sollte vermutlich nicht ausgerechnet an einem nasskalten Februartag vor einem Reisebüro beginnen, wenn der Winter schon so lang ist, dass man sich nicht mehr an das Gefühl erinnern kann, im T-Shirt durch die Stadt zu laufen, und der Frühling noch so fern, dass man sich kaum vorstellen kann, dass er überhaupt jemals wieder übers Land ziehen wird. Es sollte vielleicht nicht unbedingt an einem Tag beginnen, an dem für jeden, der auch nur ein bisschen Platz für Träume in sich hat, das Fernweh unbezwingbar wird.

Ich lebe in Berlin, einer Stadt, von der ich manchmal scherzhaft behaupte, sie läge nicht im Osten Deutschlands, sondern in Westsibirien. Der Winter hier dauert ungefähr neun Monate, und spätestens im Februar verliere ich regelmäßig den Glauben daran, dass er überhaupt jemals wieder geht. Die Pappeln in meinem Kiez säumen dann den Straßenrand wie eine Armee von Toten; in den von den Nachbarn im Sommer liebevoll gepflegten Baumscheiben beugen sich welke Funkien und Farne; und der Himmel hängt so tief, dass er einem auf die Schultern drückt.

In jenem Februar, in dem mich aus wolkenverhangenem Himmel plötzlich das Fernweh packte, war der Winter besonders grimmig. Oder vielleicht kam er mir auch nur besonders grimmig vor, denn ich hatte gerade einen kleinen Sohn geboren und konnte mich plötzlich nicht mehr einfach so vor der Kälte draußen verkriechen. Unser Baby schlief nämlich nicht, zumindest nicht in seinem Bettchen; obendrein war es oft schon gegen fünf Uhr morgens wach, weshalb ich nicht selten in der Morgendämmerung einen ersten Spaziergang unternahm, bei dem ich zwar erbärmlich fror, es hingegen, dick in Wolle gepackt und gemütlich schuckelnd, endlich, endlich ins Land der Träume glitt.

Ich werde diesen Winter nie vergessen: wie ich über die Rollsplittdünen auf den vereisten Gehwegen stapfte und den Kinderwagen durch die gefrorene Stadt bugsierte, vorbei an tiefgekühlten Hundehaufen, rußpatinierten Schneebergen und vergessenen Weihnachtsbäumen, in denen noch Lamettareste hingen. Ich werde die Kälte nicht vergessen, die ihren Weg noch durch die Maschen meiner dicksten Wollmütze fand. Die jeden meiner Schritte knirschen und jeden meiner Atemzüge einen Augenblick lang weiß in der Luft stehen ließ, ehe er sich in nichts auflöste.

Ich hatte mir in diesem Winter angewöhnt, mir einmal am Tag ein winziges Italiengefühl zu verschaffen und nach meiner morgendlichen Runde auf einen Cappuccino und ein Panino bei der kleinen italienischen Salumeria an der übernächsten Ecke einzukehren. Ich mochte die sizilianische Familie, die den Laden betrieb: Papa Nino, der jeden Morgen kistenweise frisches Gemüse in die Küche trug und die herrlichsten Antipasti wieder herausbrachte; seine Frau Maria, die mir stets einen Extrakeks auf die Untertasse legte; Carmelo und Salvatore, die beiden Söhne, die immer für einen Plausch zu haben waren und die das Baby, das mich regelmäßig an meine Grenzen brachte, jeden Tag aufs Neue mit einer Begeisterung feierten, dass ich mich meiner unglücklichen Gefühle fast ein bisschen schämte.

Doch an diesem Februarmorgen kam ich nicht bis zur Salumeria. Ich wurde aufgehalten: von den braun gebrannten Beinen einer Frau, von einem weißen Sandstrand und türkisfarbenem Wasser.

Direkt neben der Salumeria gibt es ein kleines Reisebüro, dem ich bis dahin keine große Beachtung geschenkt hatte. Ich hatte in meinem ganzen Leben noch nie eine Reise aus dem Katalog gebucht – als ich jünger war, gehörte ich eher zu den Leuten, die einfach ohne Planung losfliegen und dann sehen, wohin der Wind sie trägt; später dann hatte ich meine Reisen stets selbst im Internet zusammenbastelt, war Empfehlungen gefolgt oder einfach dorthin gereist, wohin ich eingeladen war. Reisebüro, das hatte für mich immer ein bisschen nach all-inclusive gerochen, nach reservierten Sonnenliegen und Abendessen vom Büffet.

An diesem Tag im Februar aber stand ich plötzlich vor einem Aufsteller, der für 14 Tage in einem Fünf-Sterne-plus-Resort auf den Malediven warb, inklusive Flug.

14 Tage.

Fünf Sterne plus.

Malediven.

Eigentlich bin ich nicht der Typ für Strandurlaub. Ich finde es unbequem, lange auf einem Handtuch zu liegen, die Sonne ist mir zu heiß, und ich hasse es, mich ständig akribisch eincremen zu müssen. Und die Malediven fand ich als Reiseziel eher befremdlich – wer wollte schon freiwillig 14 Tage auf einer Insel verbringen, die man schneller umrundet hat als die Reichstagskuppel?

Doch jetzt blieb ich stehen, schuckelte den Kinderwagen von Hand weiter und betrachtete die herrliche Bräune der Frau, ihre schlanken Glieder, die sich im warmen Sand rekelten. Ich spürte in meinen Körper hinein: Wann hatte ich meine Beine eigentlich das letzte Mal bewusst gesehen? In den letzten Wochen war ich morgens bloß hastig in die lange Wollunterwäsche geschlüpft und abends in den karierten Flanellpyjama. Den Rest des Tages hatten sie mich mit schnellen Schritten durch die immergrauen Tage getragen, hatten ohne Luft und Tageslicht ihren Dienst verrichtet.

Mein Blick wanderte zum sich in der Ferne erstreckenden Horizont. Das Rauschen des Meeres – ich konnte es beinahe hören. Ich stellte mir vor, wie die glitzernden Wellen alles davonspülen würden: die bleierne Müdigkeit, die beinahe zum Normalzustand geworden war; das Gefühl der Unzulänglichkeit, das mich durch die Tage begleitete; die Kälte, die in den letzten Monaten nie ganz aus meinem Körper gewichen war. Ich stellte mir vor, wie sich meine Zehen in den warmen, feinen Sand krallen würden.

Eigentlich hatten mein Mann und ich erst wenige Wochen zuvor beschlossen, uns in unserem Reiseverhalten einzuschränken. Bis dahin hatten wir zu den Leuten gehört, die eigentlich ständig irgendwohin fuhren: im Sommer zu einer abgeschiedenen Bergpension in Südtirol, nach Korsika oder Marseille, im Frühling nach Palermo oder Palma, im Spätherbst nach Arles, nach Südafrika, nach Namibia. Wir verbrachten Weihnachten in Brügge oder Tallinn, Silvester in einem Haus in der Uckermark, Karneval in Köln, Ostern auf Capri. Wann immer wir mal drei freie Tage hatten, guckten wir, ohne darüber nachzudenken, nach Flügen – weil es irgendwie zum Leben dazugehörte, weil wir Lust darauf hatten und weil wir es uns halbwegs leisten konnten. Wir verreisten, weil wir das Gefühl hatten, dass die Welt uns offenstand und wir sie uns einfach nehmen konnten. Wir reisten, weil es schön war, beim Wiederkommen etwas zum Erzählen zu haben. Und wir reisten auch, weil es gesellschaftlich legitimiert war: Schließlich habe ich von klein auf gelernt, dass Reisen bildet.

Unseren Urlaub einfach zu Hause zu verbringen? Oder auch nur ein paar freie Tage? Auf die Idee wären wir im Leben nicht gekommen.

Nun hatten wir uns jedoch vorgenommen, uns beim Reisen deutlich zu beschränken. Oder zumindest etwas. Nicht, dass wir ganz und gar auf Urlaub verzichten wollten – wir nahmen uns nur vor, nicht mehr anlass- und gedankenlos in den Flieger zu steigen. Wir beschlossen, in Zukunft eingehend zu prüfen, ob eine Reise wirklich nötig war, und dann zu gucken, wie wir möglichst klimaverträglich dorthin kommen würden.

Aber jetzt, an diesem Februartag, an dem es draußen so kalt war, dass an den Fensterscheiben mancher Altbauten Eisblumen blühten, wusste ich plötzlich: Der Ernstfall war eingetreten. Ich musste verreisen, musste fort von hier.

Da war es, das Fernweh.

Fernweh – das Gefühl der Sehnsucht danach, an einem anderen Ort zu sein, kennt wahrscheinlich jeder. Dabei ist der Begriff noch gar nicht besonders alt; in Wörterbüchern tauchte er zum ersten Mal in den Dreißigerjahren des 20. Jahrhunderts auf, als Analogbildung zum viel älteren „Heimweh“. Die Gefühle, die die beiden Begriffe beschreiben, sind eigentlich gar nicht so verschieden; sie richten sich weniger auf einen Ort in der Außenwelt als auf eine innere Empfindung. Wer Heimweh hat, sehnt sich eher nach einem idealisierten Ort als einem realen. Er fühlt sich unbehaust, einsam und vermisst eine Zeit, in der er sich aufgehoben wähnte im Kreise seiner Freunde, seiner Familie. Wer unter Fernweh leidet, wünscht sich nicht einfach woanders hin. Klar: Wir sehnen uns nach den betörenden Gerüchen auf fremden Märkten, der unverständlichen Melodie fremdsprachigen Stimmengewirrs. Wir sehnen uns nach der Unübersichtlichkeit großer Städte, in denen man sich immer ein bisschen lebendiger, schneller, aufmerksamer fühlt. Wir sehnen uns danach, eine menschenleere Landschaft zu überblicken. Aber schon die Tatsache, dass sich das Wort „Fernweh“ durchgesetzt hat und nicht das ältere „Wanderlust“, deutet darauf hin, dass wir eigentlich ein Gefühl der Defizienz damit beschreiben, einen Mangel, einen Schmerz, ein Unbehagen: Wir sehnen uns vor allem nach einem anderen Leben – danach, nicht nur die winterliche Wollunterwäsche, sondern auch den Alltag abzustreifen. Danach, dass sich unter einer fremden Sonne alles auflöst, was uns von uns selbst entfernt, und nur noch übrig bleibt, was wir wirklich sind.

Es gibt bestimmt viele Gründe, warum Menschen ins Auto, in den Zug oder ins Flugzeug steigen und ihre kostbaren Urlaubstage dazu verwenden, an die abwegigsten Orte der Welt zu reisen, in eine gigantomanische Stadt oder an einen ausschließlich von Stechmücken besiedelten finnischen See: Wir haben das Bedürfnis nach Erholung, wollen unseren Horizont erweitern, die Welt sehen. Aber von allen Gründen, die Menschen fürs Reisen haben, ist das Fernweh vermutlich der stärkste. Erholen könnten wir uns ja auch bei einem Spaziergang im Stadtpark und einem anschließenden Bad. Von der Welt sieht man mehr, wenn man sich eine gut fotografierte Reisereportage im Fernsehen anschaut. Unseren Bildungshunger stillt auch ein gutes Buch oder der Besuch einer Sonderausstellung im Museum.

Doch die Sehnsucht danach, an einem anderen Ort etwas anderes zu erleben und dabei unser Alltags-Ich abzustreifen – die können wir nicht beiseitefegen. Für viele Menschen ist es ein echtes Bedürfnis: das Fremde zu entdecken, das schließlich auch in uns haust. Unsere deutsche Kartoffeligkeit hinter uns zu lassen. Unsere Korrektheit und Penibilität und Funktionskleidungsmentalität. Kein Wunder, dass wir uns grämen, wenn wir im Urlaub von Touristen umzingelt werden, die unsere Metamorphose ständig stören, weil sie uns immer wieder ins Gedächtnis rufen, wer wir eigentlich sind!

Steckt nicht in jeder von uns der Glamour einer Pariserin? Wir müssten nur durchs Marais flanieren. Sind wir nicht eigentlich großstädtische Kosmopoliten? Auf nach New York! Und wie herrlich es mal wieder wäre, seinen sizilianischen Stolz und seine Lässigkeit herauszukehren – man müsste nur nach Palermo fliegen und dort auf einer Terrasse mit Blick aufs Meer ein Glas sizilianischen Weißweins trinken!

Verbarg sich nicht auch in mir, der übernächtigten Mutti im dicken Daunenparka, noch ein anderer Mensch? Der Mensch, der ich früher einmal gewesen war? Einer, der gelassener, eleganter, interessanter, klüger, abenteuerlustiger, präsentabler, einfach irgendwie besser war als die Frau, der das Babyschuckeln so sehr in Fleisch- und Blut übergegangen war, dass sie abends, wenn das Baby im Bett war, auf dem Küchenstuhl weiterwippte wie eine Hospitalismuspatientin? Die Frau, die ich wirklich war?

Das Reisebüro habe ich dann natürlich nicht betreten, so viel Individualreisendenehre hatte ich auch nach der Geburt meines ersten Kindes noch im Leib. Doch die Sehnsucht verging nicht so einfach. Mir fiel ein Artikel in einem englischsprachigen Magazin ein, den ich ein paar Wochen zuvor gelesen hatte – zum Glück fand ich das Heft noch, es war sogar noch an der richtigen Stelle aufgeschlagen. Der Text handelte von einer Region im Südwesten Portugals, zwischen Lissabon und Algarve, die vom Tourismus noch kaum erschlossen war, dafür jedoch mit spektakulären Stränden und großartigen Fischlokalen aufwarten konnte, mit rauer, unberührter Landschaft und einfachen Steinhäusern. Ich klappte meinen Laptop auf und googelte ihren Namen: Alentejo.

Eigentlich hatten wir uns ja vorgenommen, nach Möglichkeit nicht mehr zu fliegen, aber mit dem Zug nach Portugal, noch dazu mit einem Säugling – das war natürlich Quatsch. Die Fotos, die nun auf dem Monitor erschienen, von steilen Klippen und dem schäumenden Ozean, verwandelten das in mir lodernde Fernweh in eine Feuersbrunst, die alle meine Bedenken mit flammender Zunge fraß. Ich rief meinen Mann an, der von der Idee begeistert war und mir einen Zeitraum im Sommer nannte, an dem sich die Reise für ihn gut einrichten ließe. Bis dahin war es zwar noch eine ganze Weile, aber, so frohlockten wir, das bedeutete auch, dass das Baby dann bestimmt aus dem Gröbsten raus sein würde.

Bei Airbnb entdeckte ich ein winziges Ferienhaus, ein altes Gebäude, das einmal zu einer Mühle gehört hatte und von einem Architekten modern-schlicht umgebaut worden war – mit bodentiefen Fenstern und altmodischen Zementfliesen, wie sie damals in Berlin jeder haben wollte. Es gehörte zu einem Estate mit mehreren anderen Ferienhäuschen, die wie zufällig über ein kleines Flusstal versprenkelt waren; unten am Fluss gab es ein schattiges, mit Teppichen und Sofas ausgestattetes marokkanisches Zelt und ein Kanu, das man sich ausleihen konnte. Jeden Tag, so versprachen es die Vermieter, würde uns morgens frisches Brot gebracht, einmal die Woche käme eine Yogalehrerin an den zum Anwesen gehörenden Pool, bis zum fantastischen, kinderfreundlichen Sandstrand waren es nur ein paar Kilometer.

Eine Yogastunde am Pool – das kam mir, die ich es in den letzten Monaten nur mit Mühe und Not zum Rückbildungskurs geschafft hatte, vor wie ein Heilsversprechen. Ich buchte drei Flüge nach Faro, einen Mietwagen und kompensierte, so viel Umweltbewusstsein hatten wir dann doch noch, bei Atmosfair die 1,7 Tonnen CO2, die wir dabei in die Luft pusten würden. Bei einer Reisebuchhandlung in der Nähe kaufte ich einen dicken Reiseführer, in dem ich immer mal wieder blätterte. Wenn mir langweilig war, klickte ich mich durch die Badebekleidungssortimente der großen Onlinehändler.

Immer noch schob ich im dicken Daunenparka Tag für Tag den Kinderwagen über verschneite Gehwege. Aber allein die Aussicht auf unsere geplante Reise führte dazu, dass mir mein Leben nicht mehr ganz so beengt vorkam und der Himmel über Berlin nicht mehr ganz so grau und grimmig. Manchmal, während ich eine besonders stille Sackgasse auf- und abmarschierte, malte ich mir aus, wie es sein würde, wenn ich das Flugzeug betrat: auf dem Arm das Baby, das jetzt noch ein schreiendes Bündel war, im Sommer aber vielleicht schon laufen können würde. Ich stellte mir vor, wie wir in unseren Mietwagen stiegen und die Küste entlang zu unserem hübschen Häuschen fahren würden. Ich spürte bereits die portugiesische Sonne auf der Haut und schon einen Augenblick später die erquickende Brandung des Atlantiks, der sich glitzernd auf einem Körper brach, der dann schon wieder mir gehören würde.

Enttäuschte Erwartungen

„Unter Wasser geht das Land weiter.“

Ludwig Fels

Als ich ein paar Tage nach unserer Rückkehr aus Portugal die Nachbarin aus der Wohnung gegenüber im Treppenhaus traf und sie sich erkundigte, wie unser Urlaub gewesen sei, erzählte ich von einem stillen, grünen Tal, durch das sich ein flüsternder, dunkler Fluss schlängelte, und von der Stelle, an der das Tal sich plötzlich zu einem weiten, weißen Sandstrand öffnete und sich in einer verschwenderischen Mündung mit dem Atlantik vermählte. Ich erzählte vom fangfrischen Fisch in einem ganz einfachen Restaurant an einer Landstraße, von Serpentinenstraßen in einer kargen, bergigen Landschaft, von Männern mit gegerbten Gesichtern, die mit Strohhut und Spitzhacke auf ihrem kleinen Stück Ackerland standen und in der Gluthitze der portugiesischen Nachmittagssonne versuchten, der dürren Erde etwas abzuringen. Ich erzählte vom schlichten, aber köstlichen Abendessen auf unserer Veranda und der flirrenden Hitze über der Terrasse am Pool, von der aus man einen Blick übers ganze Tal hatte. Und weil der Mann unserer Nachbarin Weinliebhaber war, hängte ich auch noch einen Exkurs über die fantastischen portugiesischen Weißweine an, von deren Qualität kaum jemand in Deutschland wusste und die man vor Ort selbst im Supermarkt in exzellenter Qualität bekam.

Nachdem ich in den Monaten zuvor fast ausschließlich über Babyschlaf, Babyzubehör und Babybrei gesprochen hatte, hörte mich fast wieder an wie ein richtiger Mensch. Ich hörte mich an wie eine Frau, die bereit war, ins Berufsleben zurückzukehren, abends auszugehen und nicht mehr ausschließlich mit Leuten zu verkehren, die ebenfalls Kinder hatten.

Ich hörte mich fast wieder an wie ich selbst.

Und log ich etwa? Natürlich nicht. Alles, was ich meiner Nachbarin erzählte, stimmte. Es war ein wunderbarer Urlaub gewesen. Portugal war toll, das Alentejo einer der schönsten Landstriche, in denen ich je gewesen war.

Und doch erzählte ich nur ein Teil der Wahrheit.

Ich erzählte jenen Teil der Wahrheit, der sich – weil unser Hirn dazu neigt, Erwartung und Realität in Einklang zu bringen, weshalb uns der Wein im Urlaub stets besser zu schmecken scheint und wir schwören könnten, dass das teure Ariel besser wäscht als das billige Tandil – aus der Vielzahl der Eindrücke durchgesetzt hatte. Jener Teil, der zu meiner Erinnerung geworden war.

Angela Merkel hat mal gesagt, sie möge an Deutschland besonders gern, dass die Fenster so schön schließen. Ich hatte immer über diesen Satz gelacht, aber in dem südportugiesischen Flusstal begriff ich, was sie damit meinte.

Denn die Wahrheit über unsere Reise ins Alentejo war auch: Das vermeintliche Architektenhaus wirkte wie von einem Hobbyhandwerker zusammengeschraubt. Die Küchenausstattung beschränkte sich auf zwei Herdplatten und eine Nespressomaschine; es gab keine brauchbaren Pfannen oder Messer, die Türen schlossen nicht richtig, und abends hatte man die Wahl zwischen greller LED-Beleuchtung, dem funzeligen Schein einer Stumpenkerze und kompletter Dunkelheit. Wenn man im feuchtkalten Schlafzimmer die Matratze des Bettes anhob, schlug einem der Geruch von Schimmel entgegen. Am Esstisch konnte man nur auf unbequemen Hockern sitzen, die umfielen, wenn man sich nur ein bisschen zu weit nach hinten lehnte.

Ohne Kind wäre das alles nicht weiter tragisch gewesen. Wir wären abends ins Restaurant gegangen und anschließend müde ins Bett gefallen und hätten uns um die Details unserer Behausung nicht weiter gekümmert. So aber versuchten wir Abend für Abend aus den sehr mäßigen Zutaten, die es im fast zwanzig Kilometer entfernten Supermarkt zu kaufen gab, ein brauchbares Essen zusammenzurühren, das wir dann auf Zehenspitzen auf die unbeleuchtete Terrasse trugen und im Schein einer Grabkerze einnahmen, weil die Tür zum Schlafzimmer nicht richtig schloss und wir panische Angst hatten, unseren Sohn zu wecken. Der war nämlich in den letzten Monaten erst so richtig ins Gröbste hineingeraten und schlief nun überhaupt nicht mehr (und wir in Folge auch nicht). Wir betranken uns mit tatsächlich großartigem Wein, allerdings aus bunten, eisbecherförmigen Gläsern. Wir ließen uns von den Mücken zerstechen, die Abend für Abend als gigantisches Geschwader aus der saftigen Vegetation am Fluss stiegen und sich auf uns stürzten. Wir redeten nur leise und hielten jedes Mal den Atem an, wenn auch nur das verhaltenste Knacksen aus dem Babyphone drang.

Das waren die Nächte. Die Tage verbrachten wir zu großen Teilen im Auto, weil das der einzige Ort war, an dem sich unser Sohn hin und wieder zu einem Nickerchen hinreißen ließ. Während wir fuhren, schwiegen wir, zum einen, weil wir befürchteten, das Kind zu wecken, zum anderen, weil wir uns in diesen Tagen über alles Mögliche stritten und nicht sonderlich wild darauf waren, überhaupt miteinander zu reden. Dass wir so schlecht drauf waren, lag nicht in erster Linie am Schlafmangel und auch nicht am anstrengenden Baby, sondern vor allem daran, dass wir merkten, dass wir durch einen bloßen Ortswechsel doch keine anderen Menschen geworden waren. Das, was sich in Berlin noch angefühlt hatte wie Urlaubsbedürftigkeit und Erschöpfung, fiel nicht plötzlich von uns ab, bloß weil wir im Urlaub waren. Was hatten wir uns nur von dieser Reise versprochen? Wir waren Mutter und Vater geworden und würden es auch bleiben, egal wohin wir flüchteten. Wir konnten unsere neuen Rollen nicht abschütteln, ob wir nun in Belize, Barcelona oder Berlin waren. Unser Leben hatte sich verändert, wir mussten es neu justieren, es ließ sich nicht einfach so abstreifen wie ein Winterparka.

Wer in die Fremde fährt, findet sich dort nicht, sondern hat sich selbst im Gepäck – das hätten wir eigentlich wissen müssen. Wer hat noch nie die Erfahrung gemacht, dass er in einem abgeschiedenen Ferienhaus Büroprobleme wälzt? Wer saß noch nie im Wellnessbereich eines fernen Hotels, zu gestresst, um seine Behandlung auch nur ansatzweise zu genießen? Wer hat noch nie erlebt, dass eine vermeintlich große Liebe dem Härtetest des ersten gemeinsamen Urlaubs nicht standhält? Wir entkommen uns nicht, egal wie weit wir wegfahren. Warum nur erhoffen wir uns genau das dann doch immer wieder? Warum bleiben wir nicht einfach zu Hause und machen das Beste aus dem, was wir sind?

Die Reise nach Portugal steckte mir noch lange in den Gliedern, auch als ich längst einen Termin mit einer Schlafberaterin in Berlin-Mitte vereinbart hatte und plötzlich süße, lange Nächte durchschlief. Sie steckte mir noch in den Gliedern, als mein Mann und ich uns längst wieder zusammengerauft und begriffen hatten, dass wir uns unglücklich machen würden, wenn wir mit den engen Grenzen haderten, die einem so ein Kleinkind setzt; dass wir annehmen mussten, was uns das Leben gebracht hatte, anstatt ständig dagegen anzukämpfen. Ich verspürte ihre Nachwirkungen sogar noch während der Kita-Eingewöhnung unseres Sohnes, als die zarte Urlaubsbräune auf meinem Gesicht längst verblasst war. Eigentlich verstrich sie erst, als ich endlich einmal dazu kam, die Urlaubsfotos, die ich mit meiner Kamera gemacht hatte, auf meinen Laptop zu überspielen, wo ich sie leicht bearbeitete – und beim Durchblättern plötzlich die Empfindung hatte, dass es doch ein ziemlich schöner Urlaub gewesen war. Die Bilder, die ich vom Flusstal gemacht hatte, waren herrlich. Das Ferienhaus: wunderschön mit seinen großen Fenstern und alten Kacheln. So niedlich: das vergnügt an einer Fritte nuckelnde Baby. Spektakulär: der Atlantikstrand.

 

Themenspecial
30. Oktober 2020
Mehr Zeit zum Lesen
Warum wir wieder mehr lesen sollten: Hier gibt es Buchtipps als Alternative zu Netflix und Co.