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Coronavirus Bücher

Corona: Daten, Fakten, Hintergründe

Die wichtigsten Antworten zur globalen Pandemie. Unsere Autoren beschäftigen sich mit den unterschiedlichen Aspekten von Sars-CoV-2 und beantworten die wichtigsten Fragen zu Gesundheit, Wirtschaft, Gesellschaft und Politik in Zeiten von Corona.

„Ein Jahr ist es her, dass SARS-CoV-2 von jetzt auf gleich in unser Leben trat und es nachhaltig veränderte. Manch Blick zurück auf ein Silvester mit knallenden Korken, freudiger Erwartung und all den guten Wünschen wurde bald zum ungläubigen Staunen, wie man nur so unbeschwert hatte sein können. Heute, viele Monate später, sind wir um einige Erfahrungen reicher. Nie zuvor haben die Menschen so viel über eine Pandemie erfahren und sich mit einem Virus derart intensiv und breit auseinandergesetzt. Kein Thema hat 2020 die Medien und die öffentliche Debatte stärker bestimmt.

Die Coronapandemie ist eine weltweite Herausforderung, das haben alle hautnah zu spüren bekommen. Eine Aufgabe, die wir nur gemeinsam bewältigen können. Die Globalisierung wirkt da wie ein Brandbeschleuniger und hat gezeigt, dass wir auf eine solche Situation schlecht vorbereitet sind, und das nicht nur aus medizinischer Sicht, sondern ebenfalls aus sozioökonomischer, gesellschaftlicher, wirtschaftlicher und humanitärer Perspektive.

Auch durch die Mobilität der Menschen und ihre weltweiten Verbindungen konnte sich das Virus beinahe ungebremst auf den verschiedenen Kontinenten in großer Geschwindigkeit ausbreiten, wodurch die Abhängigkeit der einzelnen Volkswirtschaften vom Weltmarkt radikal offengelegt wurde. Und die reflexartige Reaktion der Staaten, sich erst einmal selbst zu helfen, die Landesgrenzen zu schließen, Schutzausrüstung zu horten und nationale Strategien zum Pandemiemanagement zu entwickeln, war zu kurz gegriffen, denn auch die Bekämpfung des Virus ist eine globale Aufgabe.“ Hendrik Streeck

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Hotspot Hotspot

Leben mit dem neuen Coronavirus

Eine globale HerausforderungDer erste große Ausbruch von COVID-19 in Deutschland bot eine unglaubliche Chance. Denn was in Heinsberg passierte, würde bald überall passieren. Für Hendrik Streeck stand deshalb fest, dass man nicht tatenlos zuschauen konnte, wie sich das Infektionsgeschehen entwickelte. Vielmehr stellte er sich die Frage: Was können wir dazu beitragen, das Virus zu bekämpfen, seine Ausbreitung einzudämmen? Antworten darauf fand er bei seiner Studie in Gangelt im Kreis Heinsberg, denn dort gab es zu dieser Zeit eine solche Dichte an Infizierten wie nirgendwo sonst in Deutschland, und da das öffentliche Leben dort weitestgehend zum Erliegen gekommen war, ließ sich das Infektionsgeschehen gut nachvollziehen. Dadurch bot sich die einmalige Gelegenheit, kurz- und langfristig Wissen auf vielen Ebenen zu generieren, um damit das neuartige Virus und das Pandemiegeschehen besser einschätzen zu können: Wie breitete sich das Virus aus, welches Ausmaß hatte das Infektionsgeschehen überhaupt? Wie verhielt es sich mit der Immunität? Und was machte dieses Virus mit dem Menschen, was waren die Symptome, und wie reagierte das Immunsystem?„Hotspot“ bietet einen spannenden Einblick in die aktuelle Forschung und liefert zugleich neueste Erkenntnisse zu Sars-CoV-2 und dem Pandemiegeschehen.

Kapitel 1

Ein neues Virus

21. Januar 2020, am Nachmittag. Ich eilte den Venusberg hinunter, um den Zug nach Brüssel noch zu bekommen. Gerade einmal ein paar Monate war es her, dass ich meine neue Stelle am Institut für Virologie an der Medizinischen Fakultät der Universität Bonn angetreten hatte, und seitdem war ich vollauf damit beschäftigt, mich in dem neuen Job einzurichten. Vor allem mit den engen Mitarbeitern, der großen Gruppe an Diagnostikern, den vielen medizinisch-technischen Assistenten und Wissenschaftlern führte ich Kennenlerngespräche und verschaffte mir Einblicke in die Forschungsarbeiten und die Klinik.

Anfang Januar, ich war erst drei Monate zuvor von Essen nach Bonn umgezogen, erreichte uns die Nachricht aus Wuhan von Infektionen mit einem neuartigen Coronavirus. 44 Fälle einer schweren Pneumonie waren am 31. Dezember 2019 der Weltgesundheitsorganisation (WHO) gemeldet worden, von denen die meisten stationär behandelt werden mussten. Sie alle hatten gemeinsam, dass sie auf einem sogenannten Wet Market, einem Nassmarkt, in der chinesischen Stadt Wuhan gewesen waren. Der Huanan-Großhandelsmarkt für Fische und Meeresfrüchte ist berüchtigt dafür, dass hier nicht nur Meerestiere, sondern auch Säugetiere, Vögel, Reptilien, Amphibien und Insekten verkauft werden, die meisten von ihnen lebend, oder sie werden auf dem Markt direkt geschlachtet. Daher der Name Nassmarkt. Ich selbst habe ihn einmal gesehen, als wir im Rahmen eines Forschungsaustauschs die Kollegen der Universität von Wuhan und vom virologischen Institut besuchten. Das war 2015, aber ich kann mich noch gut daran erinnern, dass mich der Markt zugleich faszinierte wie befremdete. Auch mit dem Essen in Wuhan konnte ich mich wie viele der deutschen Kollegen nie so richtig anfreunden.

Dass es in China, wo die Menschen in engem Kontakt mit Tieren leben und Wildtiere als Delikatesse gelten, zu einer Zoonose, also einem Virusübertritt vom Tier auf den Menschen gekommen war, überraschte mich wenig. Ein solcher Nassmarkt war ein ideales Milieu für eine derartige Ausbreitung. Verursacht vielleicht durch einen Bauern, der Schuppentiere hielt oder in freier Wildbahn fing und von ihnen mehrfach angeschnäuzt worden war. Die vom Aussterben bedrohten Schuppentiere gelten in China nicht nur als Leckerbissen, sondern finden auch in der traditionellen chinesischen Medizin Verwendung. Vor allem die Schuppen sollen potente Mittel gegen Hautprobleme und Lähmungen sein. Die Schuppentiere tragen wie viele andere Tiere Coronaviren in sich. Häufig werden sie gar nicht krank davon; in seltenen Fällen aber kann solch ein Virus von einem Tier auf den Menschen übergehen.

Es ist schwer, im Nachhinein festzustellen, wann und wo der Übertritt stattgefunden haben könnte und von welchem Tier das Virus überhaupt kam, aber die genetischen Sequenzen liefern einige Hinweise. Zwar ist es nicht bewiesen, aber man geht davon aus, dass das Virus von einer Fledermaus wahrscheinlich irgendwann einmal auf ein Schuppentier übergegangen ist und von dort auf den Menschen. Das würde in einem Apokalypsefilm dann so aussehen, dass sich in der Nacht eine Fledermaus auf ein Schuppentier stürzt und es beißt. Dabei tritt das Virus über. Das Schuppentier erkrankt, wird vom Jäger eingefangen und niest dem Jäger ins Gesicht. Der Jäger geht mit dem Schuppentier auf den Markt, will es verkaufen, ist aber bereits erkrankt. Lauthals versucht er, das Tier an den Mann zu bringen, und verteilt dabei die Viren über den Markt.

 

Am 7. Januar 2020 meldete die chinesische Gesundheitsbehörde, dass es sich um ein neues Coronavirus handele, novel Coronavirus 2019 (nCoV-2019), wie es zunächst hieß. Bereits am 10. Januar wurde die Sequenz des neuen Coronavirus veröffentlicht, die eine Ähnlichkeit zu SARS-Viren aufwies und auf deren Basis viele Labore nun an Nachweistests arbeiteten. Am Vortag waren erste Einzelfälle aus den Nachbarländern Thailand, Japan und Südkorea gemeldet worden. Das ließ den Gedanken an eine Pandemie zu, aber das Virus war weit weg. Zudem gab es bislang noch unter 100 Fälle, und man versuchte in Asien mit Hochdruck, jeden Infizierten zu erkennen und zu isolieren, um eine Pandemie zu verhindern. Eine lokale Eindämmung schien möglich.

Am Vormittag des 21. Januar hatten wir noch ein Diagnostikmeeting im Institut abgehalten, um neben den anderen diagnostischen Aufgaben auch zu besprechen, ob es sinnvoll wäre, den Test auf das neuartige Coronavirus im Institut zu etablieren. Die Grundlage für die Testentwicklung war die Genomsequenz, die in China veröffentlicht worden war. Zudem hatte mein Vorgänger am Institut, Christian Drosten, bereits einen Test an der Berliner Universitätsklinik Charité entwickelt, der leicht adaptierbar war. Wir diskutierten, ob es sinnvoll wäre, ihn bei uns einzuführen. Aufgrund des Mangels an Personal und der großen Arbeitsbelastung der Mitarbeiter entschieden wir uns vorerst dagegen. Wir wollten abwarten.

Am Abend dieses 21. Januar saß ich in Brüssel mit amerikanischen Bekannten zusammen, als plötzlich die Meldung kam: In den USA war ein Mann positiv auf den neuen Erreger getestet worden. Der erste Fall außerhalb Asiens! Mit einem Mal war das neue Virus bedenklich nahe gerückt. Wir mussten uns vorbereiten. Wir brauchten den Test. Ich rief meine Stellvertreterin an, um mit ihr die neue Situation zu besprechen. Wir diskutierten, wie lange wir brauchen würden, um den Test zu etablieren. Es war Dienstag, und wir wollten ihn bereits Ende der Woche einsatzfähig haben. Meine Sorge bestand darin, dass es schon erste Fälle in Deutschland gab, die wir übersehen hatten.

Die Verbindungen zwischen China und vielen Städten in Nordrhein-Westfalen waren rege. Auch ich hielt noch Kontakt zu meinen Kollegen in Wuhan. Die Bilder von dort, die in den folgenden Tagen in den sozialen Medien auftauchten, waren erschreckend – Szenen, die das chinesische Staatsfernsehen nicht zeigte. Menschen, die reihenweise umzukippen schienen, eine Frau, die eine Fledermaus aß, ein Mann, der lebende Mäusebabys verspeiste. Dann geheime Aufnahmen. „Mein Gott, so viele Tote“, kommentierte einer den Anblick eines Leichenwagens vor dem Krankenhaus. Doch viele der Bilder waren falsch. Die Menschen, die umkippten, starben nicht an dem neuen Virus; es waren zum Teil alte Aufnahmen und der Grund zum Beispiel ein Herzinfarkt. Die Frau, die die Fledermaus aß, tat dies auf den Philippinen für eine Reisesendung. Aber wer wusste schon, was stimmte oder nicht. Hier begann bereits eine Infodemie, die sich durch die gesamte Coronakrise ziehen sollte.

Am nächsten Morgen fuhr ich mit dem ICE zurück nach Bonn.

Webasto – Der erste Fall in Deutschland

Das Virus hatte die Grenzen Chinas verlassen, und dass es nun auch zu uns kommen würde, stand außer Frage. Es begann ein Warten, in welchem deutschen Labor der erste Fall auftauchen würde. Wir tauschten uns aus. Der Test war gut etabliert. Er zeigte verlässlich unsere Positivkontrolle an und war verlässlich negativ. Da lag aber meine Sorge. Ich befürchtete, dass der Test zwar funktionierte, aber nicht das Virus detektierte. Bisher hatte nämlich noch niemand in Deutschland eine Probe des Virus und damit die Möglichkeit, das Virus selbst nachzuweisen. Die Positivkontrolle war bis dahin nur ein künstlich erzeugter Strang Ribonukleinsäure, abgekürzt RNA. Aus dem Labor, kein Virus. Der Gedanke, das Virus könnte sich ohne unsere Kenntnis ausbreiten, sorgte bei mir für Anspannung.

Wir hatten im Labor viel Erfahrung mit Coronaviren, nicht nur mit SARS, sondern auch mit fünf weiteren, die den Menschen krank machen können. Darüber hinaus gibt es unzählig viele Coronaviren im Tierreich. Man nennt sie Coronaviren, da sie in ihrem Aussehen unter dem Elektronenmikroskop der Sonnenkorona ähneln. Das Bild entsteht durch die Spikes – den auf der Oberfläche der Viren sitzenden stachelartigen Proteinen, die für den Eintritt in die Wirtszelle zuständig sind. Bekannt wurden Coronaviren der Allgemeinheit mit dem SARS-Virus. Im Jahr 2002 ging es vermutlich von Schleichkatzen auf den Menschen über und breitete sich weltweit aus. Auch damals war es ein bis dahin unbekanntes Coronavirus; es gab rund 8400 Infizierte und 800 Todesopfer. Das Besondere an SARS ist, dass es tief in der Lunge repliziert und dadurch eine schwere atypische Lungenentzündung verursacht. Durch diese Lage in der Lunge ist es sehr viel gefährlicher als das neue SARS-CoV-2-Virus, aber da es nicht im gleichen Maß im Rachen aktiv ist, überträgt es sich schlechter. Den Ausbruch damals hatten die chinesischen Behörden versucht zu verheimlichen. Umso skeptischer wurden die derzeitigen Berichte aus China betrachtet. Es schien aber, als wollte man nun alles richtigmachen.

Später folgte ein weiteres Coronavirus: das Middle East Respiratory Syndrome Related Virus, MERS, das von Kamelen auf den Menschen übergegangen war. In mehreren Ländern kam es in verschiedenen Wellen zu Ausbrüchen, wobei die größten in Saudi-Arabien, den Vereinigten Arabischen Emiraten und der Republik Korea zu verzeichnen waren. Das Virus scheint aber zum Glück nicht ohne Weiteres von Person zu Person übertragen zu werden, es sei denn, es besteht ein enger Kontakt. Aber es ist tödlich, rund 35 Prozent der Infizierten versterben.

Während SARS seit dem Ausbruch 2002 nicht mehr aufgetreten ist, kommt MERS immer mal wieder sporadisch vor, sodass verstärkt nach einem Impfstoff gegen MERS geforscht wird. Aber auch an einem universellen Coronavirus-Impfstoff wurde schon vor SARS-CoV-2 geforscht. Denn nicht nur MERS und SARS plagen die Menschen, sondern eine ganze Reihe an Viren, die schon vor Jahrzehnten, ja Jahrtausenden auf den Menschen übergegriffen haben. Diese Coronaviren sind bei uns heimisch oder endemisch. Das letzte von ihnen ist vor rund 130 Jahren auf den Menschen übergegangen, die anderen vor mehreren Tausend Jahren. 1891 löste das Coronavirus OC43 vermutlich die Russische Grippe aus, eine weltweite Pandemie, bei der geschätzt eine Million vor allem ältere Menschen verstarben. Das OC43-Virus war von der Kuh auf den Menschen übergegangen; dem kam man auf die Spur, weil plötzlich viele Kühe gleichzeitig krank wurden. Heute ist auch dieses Virus bei uns heimisch geworden. Über OC43 hinaus kennen wir weitere drei dieser endemischen Coronaviren, die Namen wie HKU1, NL63 und 229E tragen. Sie alle sind für 10 bis 30 Prozent der grippalen Infekte verantwortlich, die uns in jeder Herbst-/Wintersaison heimsuchen.

Nun war also ein neues Coronavirus auf den Menschen übergegangen. Nannte man es Ende Januar 2020 noch novel Coronavirus 2019, so legte das Expertengremium ICTV (International Committee on Taxonomy of Viruses) später die Bezeichnung SARS-CoV-2 fest. Grund war die enge Verwandtschaft zum schon bekannten SARS-CoV, mit dem es eine genetische Ähnlichkeit von rund 80 Prozent aufweist. Im Februar führte die WHO dann für die Erkrankung an SARS-CoV-2 die Bezeichnung COVID-19 ein: Coronavirus Infectious Disease 2019.

SARS-CoV-2 war auch für uns als Wissenschaftler noch schwer einzuschätzen. Aus China kamen Bilder Schwerstkranker auf Intensivstationen, Wuhan wurde unter Quarantäne gestellt. Je mehr dieser Bilder und Meldungen von schweren Verläufen die Menschen erreichten, umso größer wurde die allgemeine Unsicherheit. Vor allem die Frage nach der Gefährlichkeit des neuen Erregers machte Angst. SARS war tödlich, und es bestand die Sorge, dass sich SARS-CoV-2 ähnlich verhalten würde.

 

Nur Tage später hatten wir dann tatsächlich den ersten Fall in Deutschland: Ein 33-jähriger Beschäftigter des bei München angesiedelten Automobilzulieferers Webasto war mit dem neuen Coronavirus infiziert, wie man am 27. Januar bekannt gab. Er hatte keine starken Symptome, eher eine milde Erkältung. Man wurde auf ihn aufmerksam, da die chinesischen Behörden mitteilten, dass eine Infizierte Webasto besucht hatte. Eine chinesische Mitarbeiterin, die sich vermutlich bei ihren Eltern in Wuhan angesteckt hatte, war vom 20. bis 22. Januar in Deutschland gewesen und hatte in der Stockdorfer Webasto-Zentrale an einigen Workshops und Meetings teilgenommen und das Virus dort weitergegeben – so erste Erklärungsversuche über den Infektionsweg. Angeblich hatte sie keine Symptome, doch das stellte sich im Nachgang als falsch heraus. Die meisten Kontaktpersonen bei Webasto waren lange Zeit gemeinsam mit ihr in einem Raum gewesen und hatten über Stunden zusammengesessen. Wie überraschend ein Übertragungsweg sein kann, zeigte die Geschichte von einem Salzstreuer, die bald die Runde machte. In der Kantine hatten wohl zwei der später Infizierten Rücken an Rücken gesessen: Der eine fragte den anderen nach dem Salzstreuer, und auf diese Weise kamen sie in engen Kontakt. Diese kurze Begegnung hatte für die Virusweitergabe ausgereicht.

Unser Institut wurde von verschiedenen Seiten um eine Einschätzung der Situation gebeten und gefragt, ob wir bereit seien, Tests durchzuführen. Wir testeten mit dem für das neue Coronavirus angepassten PCR-Test (Polymerase Chain Reaction). PCR-Tests werden vielseitig in der Diagnostik von viralen Erregern eingesetzt, aber auch, um den Verlauf einer viralen Erkrankung zu dokumentieren. Sie sind sehr sensitiv, erkennen also bereits eine sehr geringe Viruslast. Der Test arbeitet mit dem genetischen Material des Virus, der Desoxyribonukleinsäure (DNA) oder im Falle von SARS-CoV-2 der Ribonukleinsäure (RNA). Aus dem extrahierten genetischen Material wird ein Abschnitt vermehrt und detektiert, was über Signalsonden geschieht. Man extrahiert also aus dem Rachenabstrich eines potenziell Infizierten die gesamte RNA. Aus diesem Material werden dann einzelne virusspezifische Genabschnitte amplifiziert, das heißt vermehrt. Das geschieht mithilfe eines Enzyms der Taq-Polymerase. Aus einem werden zwei, aus zwei vier, aus vier acht, aus acht sechzehn und so weiter. Dieser Prozess läuft unter einer bestimmten Temperatur ab; bei manchen Temperaturen arbeitet das Enzym, bei anderen hört es auf. Schließlich fährt man die Temperatur hoch, wodurch der Prozess gestoppt wird. Die Abschnitte fallen auseinander und man hat ein neues Substrat. Mit den nunmehr zwei Abschnitten startet man den Prozess neu und erhält vier und so weiter. Auf diese Weise können viele gleiche Genabschnitte produziert werden. Bei jedem Durchlauf spricht man von einem Zyklus. Es handelt sich also um ein Verfahren, bei dem man Zyklen anfahren lässt und wieder stoppt, erneut anfahren lässt und erneut stoppt.

In der Regel lässt man 40 bis 45 Zyklen durchlaufen, wodurch RNA-Ketten vom gleichen Abschnitt entstehen – daher der Name Polymerase-Ketten-Reaktion für dieses Laborverfahren. Wann das Signal positiv wird, liest man am CT-Wert ab (Cycle Threshold), dem Zykluswert. Ein niedriger CT-Wert bedeutet, dass bereits mehr Virus im Ausgangsmaterial vorhanden war als bei einem hohen und der Wert daher früher positiv wird. Sind 40 bis 45 Zyklen ohne Nachweis durchgelaufen, ist es unwahrscheinlich, dass das genetische Material des Virus in der Probe enthalten ist. Es kann immer mal zu Verschleppungen kommen; das heißt, dass Material von der einen Probe aus Versehen in Kleinstmengen in der anderen landet. Da aber das genetische Material in großen Mengen vermehrt wird, reicht so wenig Material aus, um das Testergebnis zu verfälschen. Daher wird in den meisten Laboren eine Infektion durch einen weiteren Test, bei dem man einen anderen Genabschnitt des Virus nachweist, noch einmal bestätigt.

Wir hatten den Test im Labor etabliert, und er funktionierte – mit dem artifiziellen RNA-Strang, der uns als Positivkontrolle diente. Ob er tatsächlich den Nachweis einer Infektion beim Menschen lieferte, konnten wir bisher nicht mit Sicherheit sagen, denn dafür brauchten wir einen positiven Fall. Und den hatten wir bislang nicht. Dabei tauchten erstaunlich viele Patienten mit Bezug zur Region Wuhan bei uns auf, wie zum Beispiel ein Mann aus einem 100 Kilometer von dort entfernten Ort, der schwere und eigentlich typische Symptome aufwies. Auch sein Sohn hatte Symptome, und wir waren überzeugt davon, dass es sich um SARS-CoV-2 handelte. Doch selbst er war nicht infiziert. Wir testeten viel – entgegen der allgemeinen Vorgaben, nur gezielte Tests durchzuführen –, immer mit negativem Ergebnis, und uns beschlich ein erster Zweifel an der Aussagekraft des Tests oder ob er bei uns im Labor tatsächlich funktionierte.

 

Auf gleich zwei Infizierte stieß Anfang Februar eine Kollegin von der Uniklinik in Frankfurt beim Testen der Menschen, die bei der Rückholaktion der Bundesregierung von Deutschen aus Wuhan ins Land kamen. Wir kannten uns aus unserer gemeinsamen Zeit in Essen, waren befreundet und weiterhin in engem Kontakt. Eigentlich sollten die Rückkehrer gar nicht durchgetestet werden. Sie tat es trotzdem. Beide Infizierte hatten keine erkennbaren Symptome, da war es schon erstaunlich, sie herauszufischen. Ich fragte meine Kollegin, ob ich eine Probe des Amplifikats zum Testen bekommen könnte, um zu sehen, ob unser Test funktionierte. Ein paar Tage später kam das Paket bei uns an, und wir konnten zeigen, dass auch wir das neue Coronavirus nachzuweisen vermochten. Damit waren alle bisherigen Getesteten auch wirklich negativ, es gab also nach wie vor keinen SARS-CoV-2-Fall in unserer Klinik. Und das, obwohl einige Patienten starke Krankheitssymptome gezeigt hatten. Umso mehr überraschten die milden Symptome bei den Patienten in München und Frankfurt.

In den nächsten Tagen vermuteten wir hinter jedem Patienten auch mit milder grippaler Symptomatik, der zu uns in die Klinik kam, eine COVID-19-Erkrankung. Alle waren in der ständigen Erwartung, auf Infizierte zu stoßen. Auch unter den Webasto-Mitarbeitern und ihren Angehörigen stieg die Zahl an Infizierten weiter (schlussendlich waren es 15 Personen).

Aus Sorge vor Ansteckung diskutierten wir intern mit den Hygienikern und dem Vorstand ein Karneval-Verbot für unsere Mitarbeiter. Vor allem aus der Hygieneabteilung kamen Bedenken. Und tatsächlich muss man im Nachhinein feststellen, dass der Karneval die perfekte Umgebung für eine Verbreitung gewesen wäre und es nur dem frühen Zeitpunkt im gesamten Infektionsgeschehen zu verdanken war, dass flächendeckende Neuinfektionen ausblieben. Das Rheinland hatte Glück gehabt. Wir hatten Glück gehabt. Nach damaligem Wissensstand schien ein Verbot nicht angemessen, und es wurde daher nur zur Vorsicht gemahnt.

Schon jetzt, Ende Januar, fanden erste Treffen im Gesundheitsamt in Bonn statt, um über das neue Coronavirus zu informieren und Teststrategien abzusprechen. Wir bereiteten uns auf mögliche Szenarien vor – aber alles in noch recht sorgloser Atmosphäre. Anfragen zu Röteln, HIV oder anderen Erkrankungen, die uns für gewöhnlich täglich erreichten, gingen jedoch in den Wochen danach merklich zurück, und das Thema Corona wurde immer bestimmender.

Am Universitätsklinikum war auf Initiative der Notaufnahme eine Taskforce entstanden. Es ging darum, den Ernstfall durchzusprechen. Was würde es bedeuten, wenn viele Infizierte auf einmal bei uns einträfen? Wie hoch waren unsere Kapazitäten? Wie konnten wir isolieren? Welche Stationen konnten wir im Notfall umfunktionieren? Wie sollten wir mit schweren Fällen verfahren? Die Verlegung in ein Krankenhaus mit einer Intensivstation, die auch mit Erregern der Klasse 3 umgehen konnte, wurde diskutiert.

Mikroorganismen werden nach ihrer Gefährlichkeit in unterschiedliche Schutzstufen eingeteilt. Bei der Risikogruppe 1 handelt es sich um Erreger, bei denen es unwahrscheinlich ist, dass sie den Menschen krank machen. Zum Beispiel Milchsäurebakterien, die auf der Haut vorkommen. Bei der Risikogruppe 2 handelt es sich um Erreger, die eine Krankheit beim Menschen hervorrufen können, bei denen aber eine Verbreitung in der Bevölkerung unwahrscheinlich und eine Vorbeugung oder Behandlung möglich ist. Hierzu zählen zum Beispiel die Herpesviren, aber auch das Hepatitis A-Virus. Zur Risikogruppe 3 zählen Erreger, die eine schwere Krankheit beim Menschen hervorrufen können und bei denen die ernste Gefahr einer Verbreitung in der Bevölkerung besteht. Normalerweise ist eine wirksame Vorbeugung oder Behandlung möglich. Hierzu zählen nicht nur das SARS-CoV-2-Virus, sondern auch HIV und Hepatitis C. Zur höchsten Sicherheitsstufe 4, zu der auch das Ebolavirus gerechnet wird, gehören Erreger, die eine schwere Krankheit beim Menschen hervorrufen, bei denen die Gefahr einer Verbreitung in der Bevölkerung groß ist und für die es keine wirksame Vorbeugung oder Behandlung gibt.

Unser Wissen über SARS-CoV-2 basierte immer noch auf den Daten und Bildern aus Wuhan. Die Vorstellung war, dass es vornehmlich zu schweren Krankheitsverläufen kommen würde – die milden Verläufe bei den Rückkehrern und den Webasto-Infizierten erstaunten uns eher. COVID-19 wurde allgemein wahrgenommen als schwere Lungenentzündung.

Auch aus Norditalien kamen in den nächsten Wochen Bilder und Nachrichten von Schwerkranken und überfüllten Krankenhäusern und wirkten wie eine Bestätigung. Intensivmediziner aus Bergamo berichteten plastisch von heftigen Erkrankungen und sterbenden Menschen auf ihren Stationen. Die Situation sah dramatisch aus und blieb auch auf uns nicht ohne Wirkung. In Deutschland wuchs die Sorge, Krisensitzungen und Interviewanfragen nahmen zu, die öffentliche Wahrnehmung der Situation veränderte sich.

Viele Fragen und kaum Antworten

Wie kann man theoretisch etwas einschätzen, das man praktisch nicht kennt? Die Zeit raste; in einer Woche passierte so viel wie sonst in Monaten nicht. Gesundheitsämter, Bürger, Presse, Politiker wollten alle eine Expertise, Fragen kamen von allen Seiten. Fragen nach Masken, Fragen nach Desinfektionsmitteln, Fragen nach Übertragung draußen und drinnen. „Habe ich Corona?“, „Mein Nachbar ist Chinese. Ist das gefährlich?“, „Kann ich mich an Paketen aus China anstecken?“, „Kann ich noch chinesisch essen gehen?“ Und viele Fragen rund um das Virus, deren Beantwortung schwer war, da wir noch immer kaum etwas über SARS-CoV-2 wussten. Man fragte, ob es stimme, dass Knoblauch oder Sesamöl vor einer Coronainfektion schützten und ob die Pharmaindustrie (oder Bill Gates) das Virus im Labor gezüchtet bzw. finanziert und patentiert habe.

Es war ein Gefühl des Wartens und Vorbereitens auf den Ernstfall wie vor einem Feuerwehreinsatz. Er würde kommen, man wusste nur nicht, wann, wie und wo. Denkbar war ein einzelner Fall, aber auch gleich ein ganzer Ausbruch. Bei einem positiven SARS-Befund sollte eine E-Mail-Kaskade an den breiten Verteiler der Taskforce losgehen, damit alle schnell alarmiert waren.

Teststrategien wurden erörtert. Das Robert Koch-Institut (RKI) formulierte Richtlinien, wer getestet werden sollte: bei Krankheitsanzeichen und Bezug zu einem Infektionsland. Doch damals musste man schon aus der Provinz Hubei kommen, deren Hauptstadt Wuhan ist, und Symptome haben, um getestet zu werden. Ein Vorgehen, das mit heute nicht mehr zu vergleichen ist. Daran gemessen waren unsere Testkapazitäten sehr gut, aber die Nachfrage stieg, und wenn wir Leute, die von irgendwoher zurückkehrten, testen würden, blieben wir unter Umständen auf den Kosten sitzen. Und es kamen immer mehr Menschen zu uns und wollten sich testen lassen, weil sie überzeugt waren, infiziert zu sein. Viele waren bereit, den Test selbst zu bezahlen. Ende Januar hatten wir immerhin bereits etwa 100 Tests durchgeführt, die meisten davon bei Selbstzahlern.

Im Institut und am Klinikum tauchten praktische Fragen auf, da wir die internationale Nachfrage nach den gleichen Erzeugnissen spürten: Was war mit Desinfektionsmitteln – könnten wir sie notfalls selbst produzieren? War ein Desinfektionsmittel nicht nur wirksam gegen das Virus, sondern auch verträglich für die Haut? Wie sahen die Mundschutz-Ressourcen für die Klinikmitarbeiter aus? Welche Mundschutze brauchten wir eigentlich für welche Mitarbeiter? FFP3-Masken, FFP2-Masken, OP-Masken?

Im normalen Krankenhausalltag kommen FFP2- und FFP3-Masken dort zum Einsatz, wo eine Aerolisierung stattfindet, also die Verteilung von Virusmaterial durch kleinste Luftpartikel. Das kann beispielsweise bei einer Intubation zum Problem werden, wenn eine Röhre direkt in die Atemwege des Patienten eingeführt wird, oder auch beim Weglasern von Warzen. Dabei können sich Aerosole mit lebendem Virus in der Luft verteilen, sich im Rachenbereich des Personals ablagern und eine Infektion auslösen. Auch im Labor, wo mit Erregern gearbeitet wird, tragen die Mitarbeiter eine FFP2- oder FFP3-Maske zum Selbstschutz. Bei uns im Stufe-3-Labor (es gibt 4 Sicherheitsstufen, wobei die 4. die höchste ist) tragen wir sogar externe Respiratoren, die gefilterte Frischluft unter den Helm pusten. Bei den FFP2- und FFP3-Masken handelt es sich um partikelfiltrierende Schutzvorrichtungen, die sich in Dicke und Durchlässigkeit und damit auch statischer Ladung voneinander unterscheiden – darin, wie viele Schadstoffe und Viren sie abhalten. Beide Ausführungen gibt es mit und ohne Filter, wobei ein Filter den Vorteil hat, dass es keinen CO2-Rückstau unter der Maske gibt und das Atmen somit weniger beeinträchtigt wird.

FFP2- und FFP3-Masken waren schon Mitte Februar schwer zu bekommen, denn die Produktion ging in großen Mengen nach China. Vor allem aber wurde die Sicherstellung von ausreichend OP-Masken zum Problem. Diese Masken dienen dazu, den Patienten bei einer Operation zu schützen, denn sie verhindern, dass der Behandelnde beim Sprechen versehentlich bakterienhaltige Tröpfchen (und wir haben viele Bakterien im Mund) in die Wunde lässt und sich dort eine Infektion bildet. OP-Masken waren im Klinikalltag äußerst wichtig, schließlich wurden sie bei jeder Operation gebraucht – doch gerade diese Masken wurden in den kleineren Krankenhäusern schon zur Mangelware. So standen wir vor dem Problem, dass vielleicht nicht nur Corona, sondern auch der Mangel an Masken zur Gefahr für die Gesundheit würden, wenn nämlich eine OP nicht mehr durchgeführt werden könnte.

Aber auch die Utensilien für die PCR-Tests waren knapp. Welche Swabs waren die besten, und waren diese auch in großen Mengen verfügbar? Swabs sind gebrauchsfertige Abstrichtupfer zur Probenentnahme im Rachenbereich mit den dazugehörigen Transportröhrchen. Am liebsten waren uns sogenannte flocked swabs – kleine Bürstchen, die Zellen und Bestandteile aus dem Rachen gut aufnehmen. Wattestäbchen waren auch geeignet, aber besser noch waren Stäbchen mit Bürstchen, um brauchbares Material aus dem Rachen zu kratzen. Auch auf die Materialien für die PCR-Tests würde bald ein Run einsetzen – das war schon jetzt absehbar. Es ging um Enzyme und ganze Testkits, die wir in großen Mengen vorhalten mussten. Selbst bei Plastikmaterialien sollte es eng werden. Pipettenspitzen, Kartuschen, Platten, Kappen und und und. Weltweit stieg die Nachfrage. Plötzlich wurden chaotrope Salze, die für die Herstellung der Kits verwendet wurden, knapp. Wen hatten diese Salze vor der Pandemie interessiert?

Wie weit und wie schnell konnten wir unsere Kapazitäten hochskalieren? Waren wir in der Lage, 2000, 3000 Tests in der Woche oder besser am Tag zu machen? Und immer wieder die Frage: Wer sollte abgestrichen werden, wer sollte selbst zahlen? Zwar wuchs weltweit die Anzahl der Regionen mit Clusterausbrüchen, jedoch kam das RKI nur langsam mit der Ausweisung von Risikogebieten nach. Die Gesundheitsämter richteten Hotlines ein. Es war wie die angespannte Ruhe vor einem Sturm, der vorerst ausblieb. Auch in Baden-Württemberg wurden nun erste vereinzelte Coronainfektionen bestätigt. Die Einschläge kamen näher.

Gangelt – Das erste große Ausbruchsgeschehen in Deutschland

26. Februar. Ein Mann aus dem Kreis Heinsberg, knapp 120 Kilometer von Bonn entfernt, war tags zuvor positiv auf SARS-CoV-2 getestet worden und wenig später auch seine Frau. Beiden ging es schlecht, sie hatten schwere Symptome. So wie wir es von den Berichten aus Bergamo kannten. Sie wurden bald auf die Intensivstation des Uniklinikums Düsseldorf verlegt, denn diese war auf komplizierte und gefährliche Infektionserreger ausgelegt. Das Paar hatte am 15. Februar an einer Kappensitzung im Ortsteil Langbroich der Gemeinde Gangelt teilgenommen und sich wohl dort infiziert, wie man vermutete. Es bestand die Sorge, dass sich viele auf der Feier angesteckt haben könnten. Womöglich war der gesamte Landkreis betroffen. Sollte es das erste Superspreadingevent in Deutschland sein? Zumindest war es das erste große Ausbruchsgeschehen in Deutschland und der erste Fall in Nordrhein-Westfalen, direkt vor unserer Haustür.

Im Kreis Heinsberg selbst lief die Nachverfolgung der Kontaktpersonen des infizierten Ehepaars sofort an, und alle Teilnehmer der Kappensitzung wurden aufgerufen, sich zu melden und sich mit den Angehörigen ihres Haushalts in eine 14-tägige Quarantäne zu begeben. Aber es wurde wenig getestet, nur die direkten Kontaktpersonen. Am Abend des 27. Februar war die Anzahl der bestätigten COVID-19-Fälle auf 20 hochgegangen, bereits 37 waren es dann nur einen Tag später. Vornehmlich in Gangelt und der direkten Umgebung. Und die Zahlen sollten schnell noch stärker ansteigen, auch wenn nur ein Bruchteil aller Infektionen erfasst wurde, wie sich später herausstellte.

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Das Jahrhundert der PandemienDas Jahrhundert der Pandemien

Eine Geschichte der Ansteckung von der Spanischen Grippe bis Covid-19

Die vergangenen einhundert Jahre waren geprägt von teils verheerenden Krankheitsausbrüchen. Die Spanische Grippe, ein tragisches Erbe des Ersten Weltkriegs, kostete Millionen Menschen das Leben. 1924 wütete eine Lungenpest und versetzte die Bewohner von Los Angeles in blanke Panik. Schlimmer noch fegte die Angst vor der Papageienkrankheit kurz nach dem Wall-Street-Crash von 1929 durch die Vereinigten Staaten. Hinzu kamen Legionärskrankheit, AIDS, SARS, Ebola, Zika und schließlich Covid-19. Dieses Buch erzählt die Geschichten dieser Massenerkrankungen: Wir begegnen engagierten Krankheitsdetektiven, trägen Verwaltungsapparaten und begabten Forscherinnen. Ein fesselnder Bericht über die Grenzen der Wissenschaft und die Zukunft der Menschheit.„So lebhaft, dass im Kopf gleich ein Film zu laufen beginnt.“ New York Times„Die faszinierende Darstellung eines zutiefst wichtigen Themas.“ The Observer„Lebendig, schaurig und meisterhaft ... eine hervorragende Mischung aus Medizingeschichte und Zeitzeugnis.“ Kirkus„Honigsbaums Buch über das immer wiederkehrende Thema der öffentlichen Gesundheit verdient große Aufmerksamkeit.“ Publishers Weekly

Prolog
Haie und andere Prädatoren

In den gemäßigten Gewässern des Nordatlantiks greifen Haie Badende niemals an. Und ein Hai kann das Bein eines Schwimmers auch nicht mit einem einzigen Biss abtrennen. So dachten die meisten Haiexperten im glühend heißen Sommer des Jahres 1916, als die Bewohner von New York und Philadelphia an die Strände im Norden von New Jersey strömten, um dort vor der drückenden Hitze im Inland Abkühlung zu finden. Im selben Sommer hatte an der Ostküste eine Polio-Epidemie gewütet, und das hatte zu Warnhinweisen geführt, es bestehe das Risiko, sich in öffentlichen Schwimmbädern mit „Kinderlähmung“ zu infizieren. Die Küste von Jersey galt jedoch als prädatorenfreie Zone.
„Das Risiko, von einem Hai angegriffen zu werden“, erklärte Frederic Lucas, Direktor des American Museum of Natural History, im Juli 1916, „ist ungleich geringer, als vom Blitz getroffen zu werden … die Gefahr eines Haiangriffs an unseren Küsten liegt praktisch bei null.“ Als Beweis verwies Lucas auf die Belohnung von 500 Dollar, die der Millionär und Bankier Hermann Oelrichs „für einen authentischen Fall“ ausgesetzt hatte, „dass ein Mensch in gemäßigten Gewässern [in den Vereinigten Staaten nördlich von Cape Hatteras, North Carolina] von einem Hai attackiert wird“ – eine Summe, die niemals eingefordert worden war, seit Oelrichs dieses Angebot 1891 in der New York Sun gemacht hatte.
Aber Oelrichs und Lucas irrten sich, und das galt auch für Henry Fowler und Henry Skinner, zwei Kuratoren der Academy of Natural Sciences in Philadelphia, die 1916 kategorisch festgestellt hatten, dass einem Hai die Kraft fehle, einem Menschen ein Bein abzubeißen. Das war die bekannte Faktenlage – bis zur ersten Ausnahme am Abend des 1. Juli 1916. Damals entschloss sich Charles Epting Vansant, ein reicher junger Börsenmakler, der mit Frau und Familie in New Jersey Urlaub machte, vor dem Abendessen in der Nähe seines Hotels in Beach Haven noch mal kurz ins Wasser zu gehen. Vansant oder „Van“, wie er von seinen Freunden genannt wurde, hatte 1914 an der University of Pennsylvania seinen Abschluss gemacht; er war ein Nachkomme einer der ältesten Familien des Landes – niederländische Einwanderer, die sich 1647 in der Neuen Welt niedergelassen hatten – und berühmt für seine Sportlichkeit. Wenn er irgendwelche Sorgen gehabt haben sollte, sich an diesem Abend in die kühlen Wasser des Atlantiks zu wagen, so wurden sie vom vertrauten Anblick des Rettungsschwimmers Alexander Ott, Mitglied des amerikanischen olympischen Schwimmteams, und eines freundlichen Chesapeake Bay Retriever vertrieben, der auf ihn zurannte, als er in die Brandung eintauchte. Nach Art junger edwardianischer Männer jener Tage schwamm Vansant aus dem mit Leinen abgetrennten Bereich direkt aufs offene Meer hinaus, bevor er sich umdrehte, um Wasser zu treten und den Hund zu sich zu rufen. Inzwischen waren sein Vater, Dr. Vansant, und seine Schwester Louise an den Strand gekommen und bewunderten vom Rettungsschwimmerhäuschen aus seine gute Form. Zu ihrer großen Belustigung weigerte sich der Hund, ins Wasser zu gehen. Wenige Augenblicke später wurde der Grund dafür klar – im Wasser tauchte eine schwarze Flosse auf, die sich von Osten her auf Vansant zubewegte. Verzweifelt winkte der Vater seinem Sohn zu, zurück an Land zu schwimmen, doch Vansant erkannte die Gefahr zu spät, und als er sich noch rund 50 Meter vom Strand entfernt befand, spürte er einen plötzlichen heftigen Ruck und einen schrecklichen Schmerz. Als sich das Wasser um ihn rot verfärbte, griff Vansant nach unten und stellte fest, dass sein linkes Bein nicht mehr da war, glatt am Oberschenkelknochen durchtrennt.
Inzwischen war ihm Ott zu Hilfe geeilt und zog ihn durch das Wasser in die Sicherheit des Engleside Hotels, wo sein Vater verzweifelt versuchte, die Blutung zu stillen. Aber es war zwecklos – die Wunde blutete zu stark –, und zum Entsetzen seines Vaters und seiner jungen Frau starb Vansant an Ort und Stelle, das erste bekannte Opfer eines Haiangriffs im Nordatlantik. Von diesem Moment an würde keiner von beiden jemals wieder auf den Atlantik am Strand von New Jersey blicken können, ohne sich das mörderische Gebiss vorzustellen, das unter der Oberfläche lauerte.
Sie waren nicht allein. Innerhalb von zwei Wochen wurden vier weitere Schwimmer an der Küste von New Jersey angegriffen und drei getötet, was eine geradezu hysterische Furcht vor „menschenfressenden“ Haien auslöste, die bis heute anhält. Dabei spielt es kaum eine Rolle, dass Sichtungen von Weißen Haien und anderen großen Haiarten im Nordatlantik selten und Angriffe auf Schwimmer noch seltener sind. Strandbesucher wissen inzwischen, dass sie sich beim Schwimmen besser nicht zu weit von der Küste entfernen, und sollten sie die Risiken unterschätzen oder die Gefahr mit einem Achselzucken abtun, so gibt es stets eine Wiederholung von Der weiße Hai oder eine Folge von Shark Week auf Discovery Channel, um ihnen den Kopf zurechtzurücken. Daher fürchten sich viele Kinder und auch zahlreiche Erwachsene davor, in der Brandung zu spielen, und selbst diejenigen, die sich hinter die Brecher wagen, wissen, dass es ratsam ist, die Wasseroberfläche immer wieder nach einer verräterischen Rückenflosse abzusuchen.


Auf den ersten Blick scheinen die Haiangriffe in New Jersey wenig mit der Ebola-Epidemie in Westafrika 2014 oder der Zika-Epidemie zu tun zu haben, die im Folgejahr in Brasilien ausbrach. Doch das ist ein Irrtum, denn genauso, wie sich die meisten Biologen keinen Haiangriff in den kalten Gewässern des Nordatlantiks vorstellen konnten, konnten sich die meisten Experten für Infektionskrankheiten im Sommer 2014 nicht vorstellen, dass Ebola, ein Virus, dessen Vorkommen sich zuvor auf abgelegene Waldregionen in Zentralafrika beschränkt hatte, eine Epidemie in einer Großstadt in Sierra Leone oder Liberia auslösen könnte, noch viel weniger jenseits des Atlantiks, in Europa oder den Vereinigten Staaten. Aber genau das geschah, als das Ebolavirus kurz vor Januar 2014 aus einem unbekannten Tierreservoir auftauchte, im Dorf Méliandou im Südosten von Guinea einen zweijährigen Jungen infizierte und von dort auf dem Landweg nach Conakry, Freetown und Monrovia und weiter auf dem Luftweg nach Brüssel, London, Madrid, New York und Dallas gelangte.
Und etwas sehr Ähnliches geschah 1997, als ein bislang obskurer Stamm aviärer Influenzaviren namens H5N1, der zuvor in Entenvögeln und anderem wilden Wassergeflügel zirkuliert hatte, plötzlich begann, große Mengen an Geflügel in Hongkong zu töten, und eine weltweite Panik vor der Vogelgrippe auslöste. Auf die Furcht vor der Vogelgrippe folgte 2003 die Panik vor dem Schweren Akuten Respiratorischen Syndrom (SARS), auf das 2009 wiederum die Schweinegrippe folgte – ein Ausbruch, der in Mexiko begann und Angst vor einer weltweiten Influenza-Pandemie auslöste, die die Lagerbestände antiviraler Arzneimittel schrumpfen ließ und zur Produktion von Impfstoffen im Wert von vielen Milliarden Dollar führte.
Die Schweinegrippe entwickelte sich nicht zu einem „Menschenfresser“ – die Pandemie tötete weltweit weniger Menschen, als gewöhnliche Influenzastämme in den Vereinigten Staaten und Großbritannien in den meisten Jahren an Opfern fordern –, im Frühjahr 2009 wusste das aber noch niemand. Während sich Infektionsfachleute auf das Wiederauftauchen der Vogelgrippe in Südostasien konzentrierten, hatte tatsächlich niemand mit dem Auftauchen eines neuartigen Schweinegrippevirus in Mexiko gerechnet, geschweige denn eines Virus mit einem ähnlichen genetischen Profil wie dem des Erregers der sogenannten Spanischen Grippe von 1918 – einer Pandemie, die Schätzungen zufolge mindestens 50 Millionen Menschen weltweit tötete und zu einem Symbol für ein virales Armageddon geworden ist.


Im 19. Jahrhundert gingen medizinische Experten davon aus, ein besseres Verständnis der sozialen und umweltspezifischen Bedingungen, die zu Infektionen führten, würde sie in die Lage versetzen, Epidemien vorherzusagen und „die Panik zu bannen“, wie es der viktorianische Epidemiologe und Sanitärexperte William Farr 1847 ausdrückte. Als Fortschritte in der Bakteriologie jedoch zur Entwicklung von Impfstoffen (Vakzinen) gegen Typhus, Cholera und Pest führten und die Furcht vor den großen epidemischen Seuchen der Vergangenheit allmählich nachließ, gerieten andere Erkrankungen ins Blickfeld, und neue Ängste entwickelten sich. Ein gutes Beispiel ist die Poliomyelitis, kurz Polio genannt. In dem Monat, bevor die Haiangriffe auf Badende an den Stränden von New Jersey begannen, war in der Nähe des Hafengebiets in South Brooklyn eine Polio-Epidemie ausgebrochen. Mitarbeiter der New Yorker Gesundheitsbehörde beschuldigten sofort italienische Immigranten, die kürzlich aus Neapel eingewandert waren und in einem Bezirk namens „Pigtown“ in höchst beengten, unhygienischen Mietskasernen lebten, für den Ausbruch verantwortlich zu sein. Als sich die Poliofälle häuften und die Zeitungen sich mit herzzerreißenden Berichten über gelähmte oder verstorbene Kinder füllten, führte diese öffentliche Aufmerksamkeit zu einer wahren Hysterie und der Flucht wohlhabender Einwohner aus der Stadt (viele New Yorker machten sich an die Küste von New Jersey auf). Innerhalb von Wochen hatte die Panik auch die Nachbarstaaten an der Ostküste ergriffen, was zu Quarantänemaßnahmen, Reiseverboten und Zwangseinweisungen in Krankenhäuser führte. Diese hysterischen Reaktionen spiegelten zum Teil die damals vorherrschende medizinische Überzeugung wider, dass es sich bei Polio um eine Atemwegserkrankung handele, die durch Husten und Niesen sowie Fliegen weiterverbreitet werde, die sich inmitten von Abfall vermehrten.
In seiner Geschichte der Poliomyelitis beschreibt der Epidemiologe John R. Paul die Epidemie von 1916 als „den Höhepunkt bei den Versuchen zur Durchsetzung von Isolations- und Quarantänemaßnahmen“. Als die Epidemie mit den sinkenden Temperaturen im Dezember 1916 allmählich abklang, zählte man in 26 Bundesstaaten insgesamt 27 000 Fälle und 6000 Tote, was die Epidemie zum größten Polio-Ausbruch der damaligen Zeit machte. Allein in New York wurden 8900 Fälle und 2400 Tote registriert; die Mortalitätsrate betrug also rund eins von vier Kindern.
Die Größenordnung des Ausbruchs ließ Kinderlähmung als ein spezielles amerikanisches Problem erscheinen. Was die meisten Amerikaner aber nicht wussten, war, dass Schweden fünf Jahre zuvor einen ähnlich verheerenden Ausbruch erlebt hatte. Während dieses Ausbruchs hatten schwedische Wissenschaftler wiederholt Polioviren aus dem Dünndarm der Opfer isoliert – ein wichtiger Schritt zur Erklärung der wahren Ursachen der Entstehung (Ätiologie) und Krankheitsverläufe (Pathologie) der Krankheit. Den Schweden gelang es überdies, das Virus in Tieraffen zu kultivieren, die den Absonderungen von asymptomatischen menschlichen Trägern des Virus ausgesetzt worden waren. Das nährte den Verdacht, das Virus könne die Zeit zwischen den einzelnen Ausbrüchen in „gesunden Überträgern“ überdauern. Diese Erkenntnisse wurden jedoch von führenden Polio-Experten ignoriert. Deshalb sollte es bis 1938 dauern, bis Forscher der Yale University die schwedischen Studien aufgriffen und bestätigten, dass asymptomatische Überträger häufig Polioviren mit dem Stuhl ausschieden und die Viren bis zu zehn Wochen in unbehandelten Abwässern überleben konnten.
Wie wir heute wissen, bestand in der Ära vor Entwicklung eines Poliovakzins die größte Hoffnung, Lähmungserscheinungen zu vermeiden, darin, bereits in früher Kindheit eine immunisierende Infektion durchzumachen, denn dann ist die Wahrscheinlichkeit geringer, dass Polio schwere Komplikationen hervorruft. So gesehen war Dreck ein Freund der Mütter, und man konnte es als rationale Strategie ansehen, Babys mit poliokontaminiertem Wasser und Lebensmitteln in Kontakt zu bringen. Um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert waren die meisten Kinder aus Nachbarschaften, in denen arme Einwanderer lebten, auf genau diese Weise immun gegen den Erreger geworden. Das höchste Risiko, die paralytische Form der Erkrankung zu entwickeln, trugen die Kinder aus gepflegten Mittelklassewohngegenden – Menschen wie Franklin Delano Roosevelt, der künftige 32. Präsident der Vereinigten Staaten, der dem Polio-Erreger in seinen Teenagerjahren entkam, nur um sich 1921 als 39-Jähriger bei einem Urlaub auf Campobello Island, New Brunswick, mit dem Virus zu infizieren.


In diesem Buch geht es darum, wie wachsendes Wissen über Viren und andere Krankheitserreger (Pathogene) medizinische Forscher blind für diese ökologischen und immunologischen Erkenntnisse sowie für die Epidemie, die direkt um die Ecke lauert, machen kann. Seit der deutsche Bakteriologe Robert Koch und sein französischer Kollege Louis Pasteur in den 1880er-Jahren die „Keimtheorie“ von Krankheiten aus der Taufe gehoben hatten, indem sie zeigten, dass Tuberkulose eine bakterielle Infektion war, und Impfstoffe gegen Anthrax (Milzbrand), Cholera und Tollwut entwickelten, haben Wissenschaftler – und die Beamten des öffentlichen Gesundheitswesens, deren Arbeit auf den Methoden der Forscher fußten – davon geträumt, alle pathogenen Mikroorganismen zu besiegen. Aber während die medizinische Mikrobiologie und damit verknüpfte Gebiete, wie Epidemiologie, Parasitologie, Zoologie und in letzter Zeit auch Molekularbiologie, neue Möglichkeiten schufen, die Übertragung und Ausbreitung neuartiger Pathogene zu verstehen und sie für Kliniker sichtbar zu machen, stellten sich diese wissenschaftlichen Erkenntnisse und Methoden allzu oft als nicht ausreichend heraus. Das liegt nicht einfach nur daran, dass Mikroorganismen ständig mutieren und sich weiterentwickeln, was unsere Fähigkeit überfordert, mit ihrer sich pausenlos wandelnden Genetik und ihren Übertragungsmustern Schritt zu halten, wie manchmal argumentiert wird. Tatsächlich liegt es auch daran, dass Medizinforscher dazu neigen, Gefangene bestimmter Paradigmen und Theorien zu Krankheitsursachen zu werden, was sie blind für die Gefahren bekannter und unbekannter Pathogene macht.
Nehmen wir zum Beispiel Influenza, das Thema des ersten Kapitels. Als in der Endphase des Ersten Weltkriegs, im Sommer 1918, die Spanische Grippe ausbrach, nahmen die meisten Ärzte an, sie werde sich ähnlich wie vorangegangene Grippe-Epidemien verhalten, und taten sie als lediglich lästig ab. Nur wenige glaubten, der Erreger könne eine tödliche Bedrohung für junge Erwachsene darstellen, noch viel weniger für Soldaten auf dem Marsch zu den alliierten Linien in Nordfrankreich. Schließlich hatte niemand Geringerer als Kochs Schützling Richard Pfeiffer die Ärzteschaft darüber informiert, dass Influenza von einem winzigen, gramnegativen Bakterium übertragen werde und es nur eine Frage der Zeit sei, bis in deutschen Labormethoden ausgebildete Bakteriologen einen Impfstoff gegen den Influenza-Bazillus liefern würden, genauso wie es ihn schon gegen Cholera, Diphtherie und Typhus gab. Aber Pfeiffer und all diejenigen, die auf seine experimentellen Methoden vertrauten, irrten sich: Der Erreger der Influenza ist kein Bakterium, sondern ein Virus, zu klein, um durch die Linse eines normalen Lichtmikroskops gesehen zu werden. Überdies passierte das Virus problemlos die Porzellanfilter, die damals verwendet wurden, um Bakterien zu isolieren, wie man sie häufig im Nasen- und Rachenraum von Grippekranken fand. Auch wenn einige britische und amerikanische Forscher bereits früh den Verdacht hegten, der Influenza-Erreger könne ein „Filterpassierer“ sein, sollte es viele Jahre dauern, bis Pfeiffers Fehleinschätzung korrigiert und die virale Ätiologie des Influenza-Erregers deutlich wurde. In der Zwischenzeit wurde viel Forschungszeit verschwendet, und Millionen junger Menschen starben.
Es wäre jedoch ein Irrtum zu glauben, dass es ausreicht, die Identität eines Erregers und die Ätiologie einer Krankheit zu kennen, um eine Epidemie unter Kontrolle zu bringen, denn auch wenn die Präsenz eines Infektionserregers eine notwendige Bedingung für Krankheit ist, ist sie selten hinreichend. Mikroorganismen interagieren auf verschiedene Weise mit unserem Immunsystem, und ein Erreger, der bei einer Person zu einer Erkrankung führt, lässt eine andere vielleicht unbeeinflusst oder löst nur leichte Symptome aus. Tatsächlich können viele bakterielle und virale Infektionen jahrzehntelang in Zellen und Geweben „schlafen“, bevor sie durch äußere Ereignisse oder Prozesse (re-)aktiviert werden, ob durch eine Koinfektion mit anderen Mikroorganismen, durch einen plötzlichen systemischen Schock aufgrund eines äußeren Stressors oder durch ein Nachlassen der Immunabwehr im höheren Alter. Noch wichtiger ist aber: Indem wir uns auf spezifische mikrobielle Prädatoren konzentrieren, riskieren wir, das größere Ganze aus dem Blick zu verlieren. Beispielsweise gehört das Ebolavirus vielleicht zu den tödlichsten Erregern, die uns bekannt sind, doch nur wenn tropische Regenwälder abgeholzt und die Fledermäuse, die vermutlich das Reservoir des Virus zwischen den Epidemien bilden, aus ihren Unterschlüpfen vertrieben werden oder wenn Jäger Schimpansen töten und zerlegen, um sie als „Bushmeat“ (Fleisch von Wildtieren) zu verkaufen, kommt es dazu, dass Ebola auf Menschen überspringt und sich verbreitet. Und nur wenn die via Blut übertragene Krankheit durch schlechte Krankenhaushygiene weiteren Schub erhält, ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass sie sich weiter ausbreitet und schließlich auch urbane Regionen erreicht. Unter solchen Umständen lohnt es, sich an das zu erinnern, was George Bernard Shaw 1906 in Des Doktors Dilemma ausdrückte: „Es war auch klar, dass die charakteristische Mikrobe einer Krankheit ebenso gut ein Symptom wie eine Ursache sein kann.“ Wenn man Shaws Axiom aktualisiert, könnte man in der Tat sagen, dass Infektionskrankheiten fast immer breiter gefächerte umweltbedingte und soziale Ursachen haben. Solange wir die ökologischen, immunologischen und verhaltensbiologischen Faktoren, die das Auftauchen und die Verbreitung neuartiger Pathogene beeinflussen, nicht mitberücksichtigen, wird unser Wissen um solche Erreger und ihre Verbindungen zu Krankheiten zwangsläufig bruchstückhaft und unvollständig bleiben.
Um fair zu sein, hat es immer medizinische Forscher gegeben, die bereit waren, einen nuancierteren Blick auf unsere komplexen Wechselbeziehungen mit Mikroorganismen zu werfen. Beispielsweise wetterte René Dubos, Forscher am Rockefeller Institute, auf dem Höhepunkt der Antibiotikarevolution 1959 heftig gegen kurzsichtige technische Lösungen medizinischer Probleme. Zu einer Zeit, als die meisten seiner Kollegen die Überwindung von Infektionskrankheiten für selbstverständlich hielten und glaubten, die Ausrottung der häufigen bakteriellen Infektionsursachen stehe kurz bevor, warnte Dubos, der 1939 das erste kommerzielle Antibiotikum isoliert hatte und wusste, wovon er sprach, vor der allgemeinen medizinischen Hybris. Er verglich die Menschheit mit dem „Zauberlehrling“ und mahnte, die medizinische Wissenschaft habe „potenziell zerstörerische Kräfte“ in Gang gesetzt, die eines Tages den Traum von einem medizinischen Utopia zunichtemachen könnten. „Der moderne Mensch glaubt, dass er sich zum fast völligen Herrscher der Naturkräfte aufgeschwungen habe, die seine Evolution in der Vergangenheit geformt haben, und dass er nun sein eigenes biologisches und kulturelles Schicksal kontrollieren könne“, schrieb Dubos. „Aber das könnte sich als Illusion erweisen. Wie alle anderen Lebewesen ist er Teil eines ungeheuer komplexen ökologischen Systems und durch unzählige Verbindungen mit all seinen Komponenten verknüpft.“ Ein vollständiges Freisein von Krankheiten, so Dubos, sei eine „Fata Morgana“, und die Natur werde „zu einem unvorhersehbaren Zeitpunkt und in unvorhersehbarer Weise zurückschlagen“.
Aber obwohl Dubos’ Schriften in den 1960er-Jahren in der amerikanischen Öffentlichkeit ungeheuer populär waren, wurden seine Warnungen vor einem kommenden Krankheits-Armageddon von seinen wissenschaftlichen Kollegen weitgehend ignoriert. Daher war die medizinische Welt auch völlig überrascht, als die Centers for Disease Control and Prevention (CDC, eine Behörde des US-Gesundheitsministeriums, die sich auf Infektionskrankheiten konzentriert) kurz nach Dubos’ Tod 1982 das Akronym AIDS für eine ungewöhnliche Autoimmunkrankheit prägten, die plötzlich in der Homosexuellengemeinschaft in Los Angeles aufgetaucht war und sich nun auf andere Teile der Bevölkerung auszubreiten begann. Aber die CDC hätten eigentlich nicht überrascht sein sollen, denn etwas ganz Ähnliches war erst acht Jahre zuvor geschehen: Damals hatte der Ausbruch einer untypischen Lungenentzündung (Pneumonie) bei einer Gruppe von Kriegsveteranen, die an einem Treffen der American Legion in einem Luxushotel in Philadelphia teilgenommen hatten, eine allgemeine öffentliche Hysterie ausgelöst. Epidemiologen bemühten sich verzweifelt, den „Philly Killer“ zu identifizieren. Zunächst verblüffte der Ausbruch die Infektionsdetektive der CDC, und erst einem Mikrobiologen gelang es, den Erreger, Legionella pneumophila, zu identifizieren, ein winziges Bakterium, das in wässriger Umgebung gedeiht, so auch in den Kühltürmen einer Klimaanlage des Hotels. In diesem Jahr (1976) kam es nicht nur zu einer Panik aufgrund der Legionärskrankheit, sondern auch wegen des plötzlichen Auftretens eines neuen Schweinegrippestamms auf einer Basis der US-Armee in New Jersey – ein Ereignis, auf das die CDC und die Mitarbeiter der Gesundheitsbehörden gleichermaßen unvorbereitet waren und das schließlich zu der unnötigen Impfung von Millionen Amerikanern führen sollte. Und etwas ganz Ähnliches wiederholte sich 2003, als ein älterer chinesischer Professor für Nephrologie im Metropole Hotel in Hongkong eincheckte und damit für grenzüberschreitende Ausbrüche einer schweren Atemwegserkrankung sorgte, die anfangs dem Vogelgrippevirus H5N1 zugeschrieben wurde, doch, wie wir inzwischen wissen, von einem neuartigen, SARS-ähnlichen Coronavirus ausgelöst wurde. In diesem Fall wurde eine Pandemie durch raffinierte mikrobiologische Detektivarbeit und eine beispielhafte Kooperation zwischen Netzwerken von Wissenschaftlern verhütet, die ihre Informationen miteinander teilten, aber es war eine knappe Sache, und seitdem gab es noch mehrere weitere unerwartete – und anfangs fehldiagnostizierte – kritische Infektionsereignisse.
In diesem Buch geht es um diese Ereignisse und Prozesse und um die Gründe, warum sie uns immer wieder überraschen, obwohl wir uns doch nach Kräften bemühen, sie vorherzusagen und vorbereitet zu sein. Einige dieser Geschichten, wie die Panik im Rahmen der Ebola-Epidemie 2016–18 oder die AIDS-Hysterie in den 1980er-Jahren, werden den Lesern bekannt sein; andere, wie der Ausbruch einer Pneumonie-Seuche im mexikanischen Viertel von Los Angeles 1924 oder die große Psittakose-Panik, die ein paar Monate nach dem Wall-Street-Crash von 1929 über die Vereinigten Staaten fegte, wohl weniger. Aber ob vertraut oder nicht – all diese Epidemien zeigen, wie rasch das anerkannte medizinische Wissen durch das Auftauchen neuer Pathogene auf den Kopf gestellt werden kann und wie ungewöhnlich erfolgreich solche Epidemien beim Verbreiten von Panik, Hysterie und Furcht sind, solange es keine Laborergebnisse, effektiven Impfstoffe und wirksamen Arzneimittel gibt.
Statt die Panik zu bändigen, können besseres medizinisches Wissen und eine bessere Überwachung von Infektionskrankheiten aber auch neue Ängste schüren und Menschen übersensibel auf epidemische Gefahren reagieren lassen, deren sie sich zuvor gar nicht bewusst waren. Genauso, wie Rettungsschwimmer das Meer nach bedrohlichen Rückenflossen absuchen, um Badende warnen zu können, durchsucht die Weltgesundheitsorganisation (WHO) nämlich routinemäßig das Internet nach Berichten über ungewöhnliche Ausbrüche und testet Mikroorganismen auf Mutationen, die das Auftauchen des nächsten Pandemievirus signalisieren könnten. Bis zu einem gewissen Grad ist diese Hypervigilanz sinnvoll, aber der Preis, den wir zahlen, ist ein Zustand ständiger latenter Angst vor dem nächsten „Big One“, der nächsten großen Pandemie. Die Frage ist nicht, ob es zur Apokalypse kommt, hören wir immer wieder, sondern wann. In dieser fiebrigen Atmosphäre ist es nicht überraschend, dass sich Experten für öffentliche Gesundheit manchmal irren und den Panikknopf drücken, wenn tatsächlich gar kein Anlass zur Panik besteht. Oder sie verstehen die Bedrohung, wie im Fall der westafrikanischen Ebola-Epidemie, völlig falsch.
Um es deutlich zu sagen: Die Medien sind Teil dieser Prozesse – schließlich verkauft sich nichts so gut wie Furcht –, aber auch wenn Nachrichtenkanäle, die 24 Stunden lang sieben Tage die Woche senden, und die sozialen Medien dazu beitragen, Panik, Hysterie und die Stigmatisierung zu schüren, die mit dem Ausbruch von Infektionskrankheiten einhergehen, sind Journalisten und Blogger meistenteils lediglich Boten. Ich argumentiere, dass die medizinische Wissenschaft – und insbesondere die Epidemiologie –, die uns auf neue Infektionsquellen aufmerksam macht und bestimmte Verhaltensweisen als „riskant“ bezeichnet, letztendlich auch die Quelle dieser irrationalen und oft schädlichen Urteile ist. Niemand bestreitet, dass ein besseres epidemiologisches Verständnis für die Ursachen von Infektionskrankheiten zu großen Fortschritten geführt hat, was das Vorbereitetsein auf Epidemien angeht, oder dass sich unsere Gesundheit und unser Wohlergehen dank technischer Fortschritte in der Medizin immens verbessert haben; dennoch sollten wir nicht vergessen, dass aus diesem Wissen ständig neue Sorgen und Ängste erwachsen.
Jede in diesem Buch diskutierte Epidemie illustriert einen anderen Aspekt dieses Prozesses und zeigt, wie der Ausbruch jedes Mal das Vertrauen in das vorherrschende medizinische und wissenschaftliche Paradigma untergrub, was die Gefahr von blindem Vertrauen in bestimmte Technologien auf Kosten eines umfassenderen ökologischen Verständnisses für die Ursachen von Krankheiten unterstreicht. Dabei stütze ich mich auf soziologische und philosophische Einsichten in die Struktur naturwissenschaftlicher Erkenntnisse und argumentiere, dass sich das, was vor dem Auftauchen (Emergenz) der neuartigen Infektion „bekannt“ war – dass Kühltürme und Klimaanlagen kein Risiko für Hotelgäste und Krankenhauspatienten darstellen, dass Ebola nicht in Westafrika zirkuliert und keine Großstadt erreichen kann, dass Zika eine relativ harmlose, von Stechmücken übertragene Krankheit ist –, als falsch herausstellte, und ich erkläre, wie all diese Epidemien in der Rückschau eine intensive Gewissenserforschung über „bekannte Bekannte“ und „unbekannte Unbekannte“ auslösten und was Wissenschaftler und Gesundheitsexperten tun sollten, um solche erkenntnistheoretisch blinden Flecken in Zukunft zu vermeiden.
Die in diesem Buch diskutierten Epidemien unterstreichen überdies die Schlüsselrolle, die umweltbedingte, soziale und kulturelle Faktoren dabei spielen, die Prävalenz- und Emergenzmuster einer Infektion zu verändern. Eingedenk von Dubos’ Erkenntnissen über die Ökologie von Pathogenen argumentiere ich, dass sich die Emergenz von Krankheiten in den meisten Fällen auf Störungen des ökologischen Gleichgewichts oder Veränderungen der Umwelt zurückführen lässt, in der der Erreger gewöhnlich heimisch ist. Das gilt besonders für Viren tierischen Ursprungs oder zoonotische Viren (die von Tier zu Mensch und umgekehrt übertragen werden können) wie das Ebolavirus, aber auch für kommensale (schmarotzende, aber nicht schädigende) Bakterien wie Streptokokken, die Hauptursache für ambulant erworbene Pneumonie. Der natürliche Wirt des Ebolavirus ist vermutlich ein Flughund. Aber obwohl Antikörper gegen das Ebolavirus in verschiedenen in Afrika heimischen Fledertierarten gefunden wurden, sind aus ihnen noch nie vermehrungsfähige Viren isoliert worden. Das liegt höchstwahrscheinlich daran, dass das Ebolavirus, wie andere Viren, die sich im Lauf einer langen gemeinsamen Evolution an ihren Wirt angepasst haben, vom Immunsystem der Fledertiere sehr rasch aus dem Blutstrom eliminiert wird, aber vermutlich nicht, bevor es auf ein anderes Fledertier übertragen wurde. Das führt dazu, dass das Virus ständig in Fledertierpopulationen zirkuliert, ohne dass Virus oder Wirt geschädigt werden. Etwas Ähnliches geschieht bei Viren, die sich im Lauf ihrer Evolution ausschließlich auf den Befall von Menschen spezialisiert haben, wie Masern- und Polioviren: Eine Erstinfektion in der Kindheit führt gewöhnlich nur zu einem leichten Verlauf der Erkrankung; anschließend erholen sich die Betroffenen und sind lebenslang immun. Aber von Zeit zu Zeit wird dieser immunologische Gleichgewichtszustand gestört. Das kann natürliche Ursachen haben, zum Beispiel wenn eine genügend große Anzahl von Personen in der Kindheit nicht erkrankt, sodass die Herdenimmunität schwindet, oder wenn das Virus plötzlich mutiert – wie es beim Influenzavirus häufig vorkommt – und es zur Zirkulation eines neuen Virenstamms kommt, gegen den die Population kaum oder gar keine Immunität besitzt. Aber so etwas kann auch passieren, wenn wir uns unabsichtlich zwischen das Virus und seinen natürlichen Wirt stellen. Das war vermutlich beim Ebolavirus 2014 der Fall, als Kinder in Méliandou begannen, Angola-Bulldoggfledermäuse zu necken, die in einem hohlen Baum in der Mitte des Dorfes lebten. Und vermutlich löste ein sehr ähnliches Ereignis in den 1950er-Jahren den Spillover („Übersprung“) des HI-Vorläufervirus von Schimpansen auf Menschen im Kongo aus. Im Fall von AIDS besteht kaum Zweifel, dass die Einführung des Dampfschiffsverkehrs auf dem Kongo um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert und der Bau neuer Straßen und Schienenwege in der Kolonialzeit eine wichtige Rolle bei der Verbreitung des Virus spielten, ebenso die Gier von Holzfällern und Holzfirmen. Aber auch soziale und kulturelle Faktoren hatten Einfluss: Wäre es nicht allgemein üblich gewesen, Bushmeat zu verzehren, und hätte die Prostitution rund um die Lager der Schienen- und Holzarbeiter nicht derart floriert, hätte sich das Virus wahrscheinlich nicht so weit verbreitet und so rasch vervielfältigt. Und hätte es nicht so tief verwurzelte kulturelle Überzeugungen und Gepflogenheiten in Westafrika gegeben – vor allem das Festhalten der Einheimischen an traditionellen Begräbnisriten und ihr Misstrauen gegenüber wissenschaftlicher westlicher Medizin –, hätte sich das Ebolavirus wohl kaum zu einer großen regionalen Epidemie entwickelt, geschweige denn zu einer globalen Gesundheitskrise.
Die vielleicht wichtigste Erkenntnis, die uns die Medizingeschichte vermitteln kann, ist jedoch die lange und enge Verbindung zwischen Epidemien und Krieg. Spätestens seit der attische Staatsmann Perikles den Athenern befahl, die spartanische Belagerung ihrer Hafenstadt 430 v. Chr. „auszusitzen“, gelten Kriege als Vorläufer tödlicher Ausbrüche von Infektionskrankheiten (was zweifellos auch 2014 in Westafrika der Fall war, wo ein jahrzehntelanger Bürgerkrieg und bewaffnete Konflikte dazu führten, dass die Gesundheitssysteme in Liberia und Sierra Leone am Boden lagen und völlig unzureichend ausgestattet waren). Auch wenn der Erreger, der für die Seuche in Athen verantwortlich war, niemals identifiziert wurde und vielleicht auch niemals identifiziert werden wird (zu den Kandidaten zählen unter anderem Anthrax, Pocken, Typhus und Malaria), bestehen kaum Zweifel, dass der entscheidende Faktor die drangvolle Enge war, die hinter den Langen Mauern der griechischen Stadt herrschte, denn dort suchten bis zu 300 000 Athener und Flüchtlinge aus ganz Attika Schutz. Dieses erzwungene Zusammenleben auf engstem Raum schuf ideale Bedingungen für die Verbreitung des Virus – wenn es denn ein Virus war – und verwandelte Athen in ein Leichenhaus (wie Thukydides schreibt, gab es keine Häuser, um die Flüchtlinge aus dem Umland zu empfangen, daher „mußten sie in der heißen Jahreszeit des Jahres in stickigen Kabinen untergebracht werden, wo die Sterblichkeit ungehemmt wütete“ ). Das führte dazu, dass Athen nach der dritten Infektionswelle um 426 v. Chr. ein Viertel bis Drittel seiner Bevölkerung verloren hatte.
Im Fall der Attischen Seuche verschonte die Krankheit aus ungeklärten Gründen die Spartaner und breitete sich offenbar auch nicht weit über die Grenzen Attikas aus. Doch vor 2000 Jahren waren Städte und Dörfer stärker isoliert, und es gab weitaus weniger Ortsbewegung von Menschen und damit von Pathogenen zwischen Ländern und Kontinenten. Leider ist das heute nicht mehr der Fall. Dank des weltweiten Handels und Reiseverkehrs überqueren neue Viren und ihre Überträger (Vektoren) ständig Grenzen und Zeitzonen, und an jedem Ort treffen sie auf eine andere Mischung von ökologischen und immunologischen Bedingungen. Das galt ganz besonders für den Ersten Weltkrieg: Damals boten das Zusammentreffen von zigtausend jungen amerikanischen Rekruten in Ausbildungslagern an der Ostküste der Vereinigten Staaten sowie ihre anschließende Überfahrt nach Europa und wieder zurück ideale Bedingungen für den bislang tödlichsten Ausbruch einer Pandemie in der menschlichen Geschichte.

Wirtschaft und Gesellschaft nach der Corona-Krise

Nominiert für den Deutschen Wirtschaftsbuchpreis 2020

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Die neue AufklärungDie neue Aufklärung

Wirtschaft und Gesellschaft nach der Corona-Krise - Nominiert für den Deutschen Wirtschaftsbuchpreis 2020

Zeit für einen neuen Humanismus!Die Corona-Pandemie hat die Gesellschaften und Ökonomien in die tiefste Krise seit dem Zweiten Weltkrieg gestürzt. Die Gefahr ist groß, dass sie die Weltgemeinschaft weiter spaltet. Es gibt gute Gründe für Pessimismus, aber es gibt bessere für Optimismus. Die Pandemie zeigt uns die Widersprüche unseres Handelns auf. Sie hat zu einem moralischen Bewusstsein geführt, das uns als Gesellschaft einen hohen Wert auf Gemeinschaft und den Schutz der Schwächsten legen lässt. Dieser neue Humanismus erfordert Reformen des Sozialstaats, um allen Menschen Chancen und gesellschaftliche Teilhabe zu ermöglichen. Freiheit, Gerechtigkeit und Humanismus, die drei Ideale der Aufklärung, sind heute wichtiger denn je und werden entscheiden, wie die Welt und wir als Gesellschaft aus dieser Pandemie herauskommen werden.Der renommierte Experte legt eine tiefgreifende Gesellschaftsanalyse vor und hält ein engagiertes Plädoyer, die Krise als Chance für Gesellschaft, Staat und Wirtschaft zu nutzen.

Einleitung

Die Corona-Pandemie hat die Gesellschaften und Ökonomien in die tiefste Krise seit dem Zweiten Weltkrieg gestürzt. Selten zuvor hat ein Ereignis die gesamte Menschheit gleichermaßen in so kurzer Zeit so stark getroffen. Kein Menschenleben ist durch das Virus unberührt geblieben. Viele Hunderttausende Menschen haben ihr Leben verloren, mehr als 15 Millionen weltweit waren bereits Ende Juli 2020 infiziert worden. Die Pandemie hat Gesundheits- und Sozialsysteme überfordert und zum Teil zum Zusammenbruch gebracht. Sie hat das Leben eines und einer jeden zumindest vorübergehend eingeschränkt und für viele dauerhaft verändert. Sie hat dazu geführt, dass Menschen- und Bürgerrechte temporär beschnitten wurden. Die Auswirkungen des Virus haben die Weltwirtschaft in einen Kollaps getrieben: Mehr als 100 Millionen Menschen haben ihre Arbeit und noch viel mehr ihre Lebensgrundlage verloren.

Und die Krise ist noch lange nicht vorbei. Die Hoffnung auf eine schnelle Erholung und Normalisierung wird sich als unbegründet erweisen. Die Arbeitslosigkeit wird weltweit und auch in Deutschland weiter steigen, Einschränkungen bleiben bestehen, und Sorgen und Ängste werden groß bleiben. Viele Länder sind bei Weitem stärker bedroht als Deutschland. Wirtschaftliche Depression bis hin zu Hungersnöten, die große Migrationsströme und militärische Konflikte verursachen, sind reale Risiken. Wenig wird wieder so sein, wie es einmal war; auch in Deutschland werden sich Wirtschaft, Gesellschaft und Politik grundlegend ändern. Die Pandemie hat die Welt in ihren Grundfesten erschüttert und ist dabei, sie für immer zu verändern.

Dabei kennt das Virus keine Grenzen und unterscheidet nicht zwischen Hautfarbe, Vermögen oder Herkunft. Niemanden trifft die Schuld und Verantwortung für sein Auftreten und die Ausbreitung. Niemand sollte sich moralisch erhöhen und der eigenen Verantwortung verweigern. Die Krise macht uns bewusst, dass die zentralen Fragen der Menschheit – von der Bekämpfung der Pandemie bis hin zu Frieden und einer intakten Umwelt – alle gleichermaßen betreffen und Lösungen nur gemeinsam gefunden werden können.

Das Zeitalter der Extreme

So überraschend die Pandemie die Welt überwältigt hat, ist sie doch der Höhepunkt einer ganzen Reihe von Konflikten und Krisen der vergangenen dreißig Jahre – seit Francis Fukuyama mit dem Ende des Kalten Krieges und der deutschen Wiedervereinigung „das Ende der Geschichte“ ausrief. Selten zuvor hat die Welt so grundlegende Veränderungen und so große Herausforderungen erlebt wie zu Beginn des 21. Jahrhunderts. Davon sind zahlreiche Veränderungen große Erfolge einer Epoche, die von Globalisierung und technologischem Wandel dominiert wird.

Die vergangenen Jahrzehnte waren gezeichnet von einem fast unfassbaren Anstieg des wirtschaftlichen Wohlstands, der Milliarden Menschen aus der Armut gehoben und ihnen eine Zukunftsperspektive eröffnet hat. Dies gilt vor allem, aber nicht nur für China und zum Teil für Indien, die zusammen ein Drittel der Weltbevölkerung ausmachen. Vor allem China hat sich von einer politisch marginalen und wirtschaftlich abgehängten Nation zum Beginn seiner Transformation 1979 zu einer politischen und wirtschaftlichen Weltmacht entwickelt. Auch andere Teile Asiens und Lateinamerika sind dabei, im Vergleich mit dem Westen wirtschaftlich aufzuholen.

Der wirtschaftliche Wohlstand ist einhergegangen mit einem Anstieg der Lebensqualität und der Autonomie großer Teile der Menschheit. Lebenserwartung und Gesundheit haben sich für die meisten deutlich erhöht. Immer mehr junge Menschen haben Zugang zu Bildung, die Zahl der Analphabeten geht deutlich zurück. Der Ausbau der Sozialsysteme hat den ungleichen Zugang zu Bildung, Gesundheit und zum Arbeitsmarkt in den meisten Teilen der Welt reduziert. Auch politische und militärische Konflikte zwischen Staaten haben abgenommen, und es starben weniger Menschen durch solche Konflikte.

Kurzum: Selten zuvor hat die Menschheit so großen Fortschritt erlebt und so viel Gutes geschaffen wie in den vergangenen dreißig Jahren. Gleichzeitig haben diese Erfolge jedoch auch eine Kehrseite, stehen ihnen doch große Versagen der Weltgemeinschaft und vor allem der westlichen Demokratien gegenüber. Zwar hat die Welt eine gigantische Konvergenz in Bezug auf Wohlstand, Bildung und Lebensqualität zwischen Ländern und Regionen erlebt, aber gleichzeitig hat die wirtschaftliche und soziale Ungleichheit innerhalb der allermeisten Nationen zugenommen. Es sind meist die wirtschaftlichen und politischen Eliten, die besonders vom Wandel der Globalisierung und des technologischen Fortschritts profitieren. Viele Millionen Europäer und Amerikaner haben durch die Globalisierung ihre Arbeit verloren und Schwierigkeiten, sich in einer Welt, die ein hohes Maß an Flexibilität, Anpassungsfähigkeit, Mobilität und eine gute Bildung verlangt, zu behaupten. Einkommen, Vermögen und Lebenschancen sind in vielen westlichen Gesellschaften ungleicher geworden. Viele haben Schwierigkeiten, sich zu verorten und zu identifizieren in und mit einer Welt des stetigen Wandels, die eben nicht immer als Chance, sondern auch als Bedrohung empfunden wird.

Viele Europäer und Amerikaner vermissen eine ausreichende Gerechtigkeit, und sie sind zunehmend unzufrieden mit Politik und Gesellschaft. Das Vertrauen in Staat und Politik schwindet fast überall in der westlichen Welt. Das Resultat ist eine zunehmende soziale und politische Polarisierung, die weltweit zu einer Politik der drei P – Populismus, Protektionismus und Paralyse – geführt hat. Zahlreiche Politiker und Parteien ziehen ihre Macht aus dieser Polarisierung und dem systematischen Ausspielen gesellschaftlicher Gruppen gegeneinander. Nationalismus, Abschottung und der Versuch einer Zementierung des Status quo sind die Gegenreaktion in einer Welt des Wandels, die zunehmend von Globalisierung und Technologie geprägt ist.

Hinzu kommt, dass die vergangenen Jahrzehnte von einer Reihe tiefer wirtschaftlicher und sozialer Krisen gekennzeichnet waren, die vor allem zulasten der Schwächsten und Verletzlichsten gingen: Die Transformation zu demokratischen Gesellschaftsordnungen in Zentral- und Osteuropa sowie in Teilen Asiens und Lateinamerikas hat viele Menschen nicht nur gefordert, sondern auch überfordert. Die Sehnsucht nach Sicherheit, Stabilität und einem starken Staat hat autokratischen Kräften Auftrieb gegeben. Der wirtschaftliche Wandel hat zahlreiche tiefe Wirtschafts- und Finanzkrisen verursacht, von denen vor allem die globale Finanzkrise 2008/2009 einen enormen wirtschaftlichen und sozialen Schaden gerade für die verwundbaren Länder und Menschen weltweit bedeutet hat.

Die vier Konfliktlinien unserer Zeit

Die Krise hat ungelöste Konflikte an die Oberfläche gebracht – von nationalen Konflikten in Europa über politische Konflikte innerhalb von Demokratien bis hin zu offenem Widerstand gegen Diskriminierung von Schwarzen in den USA und anderswo. Dabei läuft die Welt seit Jahren offenen Auges in eine Reihe weiterer Krisen. Die Ursachen der Flüchtlingskrise seit 2015 sind genauso wenig überwunden wie zahlreiche Konflikte in vielen Teilen Afrikas und des Mittleren Ostens. Vor allem aber ist die schwelende und sich stetig verschärfende Klimakrise ungelöst. Seit dreißig Jahren kann niemand mehr die Tatsache des Klimawandels und die katastrophalen Folgen leugnen. Trotzdem fehlt es global, und auch national in Deutschland, am politischen Willen, der Wahrheit ins Auge zu schauen und die notwendigen Konsequenzen zu ziehen.

Die Corona-Krise ist zwar der Höhepunkt dieser Konflikte und Krisen, sie ist aber auch grundlegend anders als die Krisen der Vergangenheit: Sie ist universell und betrifft sofort und unmittelbar jedes Land und jeden Menschen. Sie ist in vielerlei Hinsicht blind in Bezug auf Hautfarbe, Einkommen, Nationalität, Geschlecht und andere individuelle Merkmale. Sie erlaubt es nicht, irgendjemandem die Schuld für die Katastrophe zu geben, sondern fordert Gemeinsamkeit der Verantwortung. Und sie offenbart das Unvermögen aller, selbst der mächtigsten und reichsten Länder der Welt, eine überzeugende Antwort auf die Krise anzubieten.

Wieso gab es in den letzten dreißig Jahren so viele Katastrophen und Krisen, obwohl die Welt so viel Gutes geschaffen hat? Wieso bleiben so viele Fragen und Herausforderungen unserer Zeit ungelöst, obwohl Technologie und Wissen eigentlich Antworten parat halten? Und wieso sind so viele Menschen, vor allem in der westlichen Welt, so unzufrieden und verunsichert, obwohl die globalisierte Welt so viele Chancen und Möglichkeiten anbietet?

Die Antworten auf diese Fragen sind in vier grundlegenden Konflikten zu finden: zwischen Ethik und Wirtschaft, zwischen Staat und Markt, zwischen Multilateralismus und Nationalismus und zwischen Wissenschaft, Medien und Politik. In der Corona-Pandemie haben sie sich schmerzvoll offenbart. Die Lösung dieser Konflikte wird entscheidend für unsere Zukunft sein.

Eine neue Aufklärung

Die Corona-Pandemie könnte deshalb einen Wendepunkt darstellen, der ein neues Zeitalter einläutet – ein Zeitalter der Aufklärung, das die Herausforderungen unserer Zeit meistert und mit einem Bewusstseinswandel hin zu einem neuen Humanismus einhergeht; ein Zeitalter, in dem die Eigenverantwortung des Individuums, die Wissenschaft und Rationalität sowie die Fokussierung auf die großen Fragen unserer Zeit im Mittelpunkt stehen.

Die erste Epoche der Aufklärung im 17. und 18. Jahrhundert war geprägt von Fortschritt in Wissenschaft, Bildung und Technologie, von grundlegenden politischen Veränderungen mit einer Stärkung der Menschenrechte und der Freiheit des Einzelnen, vom Aufstieg des Nationalstaats und einer Säkularisierung, aber auch von Veränderungen gesellschaftlicher Werte und Moralvorstellungen. Dabei ist es natürlich nicht so, dass es solche Veränderungen nicht auch in den Jahrhunderten und Jahrtausenden zuvor gegeben hätte. Der Fortschritt in der Wissenschaft mag zum Beispiel in Zeiten der Renaissance noch bedeutender gewesen sein und bezogen auf Technologie und Wirtschaft auch in der chinesischen Tang-Dynastie zwischen dem 7. und 10. Jahrhundert.

Was die Epoche der Aufklärung jedoch so einzigartig macht, ist die Kulmination von grundlegenden Veränderungen in den unterschiedlichen Bereichen von Politik, Gesellschaft, Wissenschaft und Wirtschaft, die zusammengenommen disruptiv waren. Die Französische und die US-amerikanische Revolution sind nur zwei – allerdings wichtige – Beispiele. Die Welt wurde auf einen grundlegend anderen Entwicklungspfad gesetzt, der die industrielle Revolution und den technologischen Fortschritt ermöglichte. Der heutige wirtschaftliche Wohlstand liegt hier begründet. Vieles, was unser Leben und Denken heute bestimmt, wurde mit der Epoche der Aufklärung und durch sie geprägt.

„Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit“, beschrieb Immanuel Kant die Bedeutung dieser Epoche für die Menschheitsgeschichte. Dabei handelt es sich bei der Aufklärung nicht nur um ein Zeitalter, sondern vielmehr um ein Bewusstsein, um eine Geisteshaltung, die die Vernunft als zentrales Element für das Handeln der Menschen identifiziert. Wie oben zitiert, sieht Kant die Aufklärung als das Resultat eines Prozesses, bei dem sich der Mensch aus seiner eigenen Unmündigkeit befreit. Dies erfordert nicht nur ein kritisches Bewusstsein, sondern auch den Willen und die Freiheit zu selbstbestimmtem und eigenverantwortlichem Handeln. Der Philosoph Michel Foucault beschrieb die Aufklärung als ein kritisches Bewusstsein in der Tradition des griechischen Ethos, einer Art des Denkens und Fühlens und des Handelns und Verhaltens.

Nicht alle bewerteten und bewerten die Aufklärung und deren Resultat jedoch als uneingeschränkt positiv. Vertreter der Kritischen Theorie der Frankfurter Schule wie Max Horkheimer und Theodor Adorno sahen darin die Entzauberung der Welt. Die „instrumentelle Vernunft“, wie Horkheimer es ausdrückte, hat eben nicht nur zu einer Herrschaft des Menschen über die äußere und innere Natur beigetragen, sondern auch zur institutionalisierten Herrschaft von Menschen über Menschen, auch in den heutigen Demokratien der westlichen Welt. Die „Verschlingung von Mythos und Aufklärung“, so Jürgen Habermas, führe eben nicht erzwungenermaßen zur Befreiung, sondern könne einen Selbstzerstörungsprozess in Gang setzen. Eine kritische Betrachtung der Aufklärung und ihrer Instrumente sei daher essenziell, um diesem Prozess Einhalt zu gebieten.

Freiheit, Gerechtigkeit und Humanismus

Der französische Historiker Tzvetan Todorov beschreibt die drei essenziellen Elemente der Aufklärung als Autonomie, Universalismus und Humanismus. Das Ideal der Autonomie zielt auf die Freiheit eines jeden Einzelnen, ein selbstbestimmtes Leben nach den eigenen Vorstellungen führen zu können. Universalismus meint die Gleichheit eines jeden Menschen in Bezug auf die Grundrechte und die Achtung seiner oder ihrer Menschenwürde. Und der Humanismus unterstreicht die Rolle des Menschen als soziales Wesen, das durch Vernunft, Empathie und die Suche nach Fortschritt das gemeinschaftliche Leben gestaltet.

Die zentrale These dieses Buches lautet, dass diese drei Ideale der Aufklärung heute wichtiger sind denn je und dass sie darüber entscheiden werden, wie die Welt und wir als Gesellschaft aus dieser Pandemie herauskommen. Sie waren und sind die Grundlage für den Fortschritt und den Wohlstand, den die Welt in den vergangenen zwei Jahrhunderten hat erringen können. Die großen Probleme und Fehler unserer Zeit – von einer wachsenden sozialen Polarisierung und schwindenden Gerechtigkeit über ein Erstarken von Populismus und autokratischen Regimen bis hin zu einer drohenden Klimakatastrophe – können nur gelöst werden, wenn wir uns auf diese drei Prinzipien der Aufklärung besinnen und sie neu denken.

Dies erfordert ein neues Bewusstsein dafür, wie die Herausforderungen unserer Zeit bewältigt werden können. Die Pandemie ist ein Weckruf, der uns die Widersprüche unseres Handelns bewusst macht, aber auch einen neuen Weg in die Zukunft weist. Das Prinzip der Autonomie erfordert, dass Freiheit nicht nur das Privileg einiger weniger sein darf, sondern viel breiter und umfassender geteilt werden muss. Nicht nur zwischen Ländern, sondern auch innerhalb von Gesellschaften, auch in Deutschland, sind die Chancen für Eigenverantwortung und ein selbstbestimmtes Leben sehr ungleich verteilt. Durch das Bildungssystem, den Arbeitsmarkt und aufgrund von Diskriminierung verfestigen sich nicht nur soziale Klassen, sondern werden Frauen, Menschen mit Migrationshintergrund und zahlreichen anderen Gruppen wichtige Chancen verwehrt.

Universalität erfordert Reformen, um dem Gefühl der Ungerechtigkeit und der Entfremdung vieler Menschen unserer Gesellschaft zu begegnen. Dies macht einen gesellschaftlichen Diskurs darüber notwendig, wie Leistung honoriert und Bedürfnisse in einer zunehmend diversen Gesellschaft befriedigt werden können. Gerechtigkeit hat auch eine wichtige gesellschaftsübergreifende Dimension. Gerade wohlhabende Gesellschaften wie die deutsche dürfen nicht die Augen vor den Bedürfnissen anderer verschließen. Und Gerechtigkeit hat eine wichtige Dimension über Generationen hinweg. Gerade in der Diskussion um den Schutz von Klima, Umwelt und Biodiversität wird uns bewusst, dass die gegenwärtigen Generationen zu lange auf Kosten künftiger Generationen gelebt haben und noch immer leben.

Humanismus erfordert eine neue Definition von Fortschritt. Die Corona-Pandemie zeigt, dass wir einen großen Schritt hin zu einer solchen Definition tun können. Die Krise hat zu einem beeindruckenden Bewusstsein einer Moral geführt, die die meisten Gesellschaften einen hohen Wert auf Gemeinschaft und den Schutz der Schwächsten legen lässt. Sie sind gewillt, einen signifikanten wirtschaftlichen Preis dafür zu zahlen. Mehr noch, diese Gesellschaften haben die Krise meist besser gemeistert als andere, die eine dominante Marktwirtschaft oder einen überbordenden autokratischen Staat haben. Dieser Humanismus erfordert auch Reformen des Sozialstaats, der nicht mehr nur eine Absicherung gewährleisten soll, sondern befähigend wirken muss, um Menschen Chancen zu eröffnen und eine gesellschaftliche Teilhabe zu ermöglichen.

Ein neuer Humanismus erfordert es, Nationalismus und Populismus zurückzudrängen und Multilateralismus und globale Kooperation zu stärken. Dies gilt für die Bekämpfung von Pandemien und der Ursachen von Konflikten genauso wie für den Schutz von Klima, Umwelt und Diversität. Und es gilt für die Herausforderungen durch Globalisierung und technologischen Wandel. Digitalisierung und künstliche Intelligenz könnten unser Leben in den nächsten Jahrzehnten so grundlegend verändern, dass sie zwar viele neue Chancen und Wohlstand ermöglichen, aber auch die Ursache für neue Konflikte sein könnten.

Die Pandemie könnte eine wichtige Bewusstseinsveränderung herbeiführen, die eine neue Balance zwischen Staat und Markt, zwischen starken Sozialsystemen und einer innovativen Wirtschaft und zwischen Wissenschaft und Politik hervorbringt sowie eine Stärkung Europas und des Multilateralismus. Die Gefahr ist allerdings groß, dass die Corona-Krise die Weltgemeinschaft spaltet und weniger zukunftsfähig macht. Die Krise ist jedoch auch eine Chance, die überfälligen Konsequenzen aus den Konflikten der vergangenen Jahrzehnte zu ziehen und eine neue Phase der Aufklärung einzuläuten.

Als Wissenschaftler ist es meine Aufgabe, nicht zu glauben oder zu fühlen, sondern Wissen zu schaffen und dieses zu teilen. Die Corona-Pandemie macht mir bewusst, wie wenig wir wirklich über unsere Welt wissen. Als Mensch und Bürger ist es unmöglich, die Krise ausschließlich rational zu betrachten und nicht zutiefst berührt zu sein von dem Leid, das sie verursacht, aber auch von der Menschlichkeit des Umgangs vieler miteinander. Und als Ökonom, der auch einen Background in Philosophie und politischer Philosophie hat, realisiere ich, wie inadäquat die Disziplin der Wirtschaftswissenschaften und auch meine eigene Forschung ist, um Antworten auf die wichtigen Fragen unserer Zeit zu finden.

Das Buch ist mein Versuch als Wissenschaftler, Erkenntnis zu ziehen aus dem, wie Politik, Gesellschaft und Wirtschaft auf diese noch nie da gewesene Krise reagieren und wie dies unser Bewusstsein über die großen Herausforderungen unserer Zeit verändern wird.

Dieses Buch zeigt, wie eine neue Aufklärung aussehen und wie die Stärkung der drei Ideale Freiheit, Gerechtigkeit und Humanismus gelingen kann. Bei allen Risiken und Gefahren ist der Grundtenor von Optimismus geprägt. Die technologischen, wirtschaftlichen, politischen und sozialen Voraussetzungen, um den Herausforderungen unserer Zeit zu begegnen, sind bereits vorhanden. Die Pandemie hat viele dieser positiven Ansätze verstärkt und einen Weg in die Zukunft aufgezeigt. Nun gilt es, diese größte globale Krise seit 75 Jahren klug zu nutzen und den Weg hin zu einer neuen Aufklärung frei zu machen.


Teil 1: Ethik versus Wirtschaft

„Eine Welt, die Platz für die Öffentlichkeit haben soll, kann nicht nur für eine Generation errichtet oder nur für die Lebenden geplant sein; sie muss die Lebensspanne sterblicher Menschen übersteigen.“

Hannah Arendt

 

Die Corona-Pandemie hat die Welt und auch Deutschland zum größten Teil unvorbereitet getroffen. Trotz einiger Warnungen von Experten in den vergangenen Jahren und der Aufforderung, sich besser auf mögliche Pandemien vorzubereiten, hat die Welt das Risiko größtenteils ignoriert. Zwar sterben jeden Winter viele Tausende Menschen in Deutschland an der Grippe (Influenza); da dies jedoch zur Normalität geworden ist, konnte oder wollte man sich nicht vorstellen, wie viele Opfer eine weltweite Pandemie fordern könnte.

Als Mitte Januar 2020 auch in Europa bekannt wurde, wie ernst die Epidemie, die in der chinesischen Großstadt Wuhan ihren Ursprung hatte, in China grassierte und sich ausbreitete, ignorierten Europa und der Rest der Welt das Problem und erwarteten, dass das Virus – ähnlich wie SARS 2003 und 2004 – ein regionales Problem Chinas oder Asiens bleiben würde. Erst als einige Hundert Menschen in Italien Symptome des Virus zeigten, wachte die Weltgemeinschaft auf und verfiel zunächst einmal in Panik. Schnell wurden Maßnahmen und Strategien konzipiert, mit wenig Abstimmung und Koordination, und vor allem, ohne viel über das Virus und dessen Verbreitung zu wissen.

Innerhalb weniger Wochen im März 2020 veränderte sich das Leben in Europa grundlegend. Die Schließung von Unternehmen, Geschäften, Schulen und vielen anderen Einrichtungen brachte das öffentliche Leben fast zum Stillstand. Jede Regierung und jedes Land ergriffen unterschiedliche Maßnahmen und verfolgten diverse Strategien. Alle mussten jedoch die gleiche Abwägung treffen: Welche Rolle soll dem Schutz der Gesundheit, vor allem der Risikogruppen und der Schwächsten der Gesellschaft, zukommen? Wie wichtig sollen in der Pandemie wirtschaftliche Aspekte sein, insbesondere der Erhalt von Arbeitsplätzen und die Vermeidung der Insolvenzen von Unternehmen, die für viele die wirtschaftliche Lebensgrundlage bilden? Wie weit kann die Beschneidung der Grundrechte gehen, und wie lange kann diese aufrechterhalten bleiben?

Jedes Land hat eine andere Antwort auf diese Fragen gegeben. Entscheidungen mussten trotz hoher Unsicherheit und Unwissenheit getroffen werden, wohl wissend, dass diese, auch wenn sie heute sinnvoll und richtig erscheinen, sich morgen schon als falsch und schädlich erweisen könnten. Fast alle Länder haben im Laufe der Pandemie ihre Strategien und Maßnahmen angepasst, um neuen Fakten und Realitäten Rechnung zu tragen. Andere, wie Großbritannien, haben eine komplette Kehrtwende in ihrer Strategie vollzogen, auch weil man in der Politik außer Acht gelassen hatte, dass eine erfolgreiche Strategie letztlich auf einer hohen gesellschaftlichen Akzeptanz der getroffenen Maßnahmen beruht.

Der erste Teil des Buches diskutiert diese Abwägung zwischen den häufig, aber nicht zwingendermaßen miteinander konkurrierenden Zielen in Bezug auf Gesundheit, Wirtschaft und Grundrechte. Die Entscheidungen in jedem Land, auch in Deutschland, sagen viel über die Werte der jeweiligen Gesellschaft aus. Und die Erfahrungen zeigen, dass die Pandemie zu einem neuen Bewusstsein, einer Besinnung und Stärkung von gesellschaftlichen Werten geführt hat, die unser Zusammenleben und unseren Gesellschaftsvertrag nachhaltig ändern werden.

Kapitel 1: Die Kosten der Pandemie für Menschen und Gesundheit

Die Corona-Pandemie hat bereits im Sommer 2020 enormes menschliches Leiden verursacht. Bei mehr als 15 Millionen Menschen weltweit war das Virus bis Ende Juli 2020 nachgewiesen worden, 600 000 Menschen haben ihr Leben verloren. Dies ist nur eine Momentaufnahme, und es sind lediglich die offiziellen Statistiken – die Pandemie breitete sich in manchen Ländern weiter aus, und die Gefahr einer zweiten Welle ist omnipräsent.

Zudem waren wohl viele Menschen infiziert, ohne es zu wissen und ohne getestet worden zu sein. Vor allem in ärmeren Ländern sind vermutlich viele am Virus gestorben, ohne dass eine offizielle Statistik das Leiden und die Opfer erfassen konnte. Die Pandemie hat eine globale menschliche Tragödie ausgelöst, die es – abgesehen von den Kriegen – zuletzt während der Spanischen Grippe 1918 bis 1920 gegeben hatte, bei der schätzungsweise zwischen 17 und 100 Millionen Menschen starben.[i]

In diesem Buch geht es jedoch nicht um die gesundheitlichen Aspekte und Auswirkungen des Coronavirus, sondern um die Auswirkungen auf unsere Gesellschaft, auf unsere Wirtschaftsordnung, auf die globale Weltordnung und um das gesellschaftliche Bewusstsein, das sich durch diese Krise verändert. Trotzdem sollen die wichtigsten Fakten und Entwicklungen der Pandemie kurz skizziert werden, um besser darstellen zu können, warum sie unser Leben so grundlegend verändert.

Die Ausbreitung des Virus

Die Fakten zeigen, dass zwar kein Land ungeschoren der Pandemie entkommt, aber Länder und bestimmte Bevölkerungsgruppen sehr unterschiedlich betroffen sind. Das reichste Land der Welt, die USA, hatten über den Sommer 2020 hinaus die bei Weitem höchsten Infektions- und Opferzahlen zu beklagen. Ärmere Länder wie Brasilien, Indien und Russland folgten als die Länder mit der nächsthöchsten Zahl an Infizierten und Toten. Das Virus macht also an keinen Ländergrenzen halt, unterscheidet nicht nach Einkommen, Wohlstand, Geschlecht oder Hautfarbe.

Gleichzeitig gilt auch: Nicht alle Menschen haben das gleiche Risiko, an dem Virus zu sterben. Zur Gruppe derer, die besonders gefährdet sind, an einem schweren Krankheitsverlauf zu leiden, zählen ältere Menschen, Menschen mit Vorerkrankungen (wie Diabetes oder Herz-Kreislauf-Erkrankungen) und möglicherweise auch Menschen mit einem spezifischen Konsumverhalten (zum Beispiel Raucher). In Deutschland gehören 38 Prozent aller Bürgerinnen und Bürger zu dieser Risikogruppe. Doch die Gefahr, die von dem Virus ausgeht, geht über die einzelne Person hinaus: Auch wenn man selbst keiner Risikogruppe angehört, gibt es wohl in jeder Familie eine oder mehrere Personen, die einer Gruppe mit erhöhtem Risiko angehören und damit eher bedroht sind, am Virus zu sterben oder zumindest erhebliche gesundheitliche Schäden davonzutragen. Das Virus lässt also niemanden unberührt.[ii]

Die vergangenen Monate haben die meisten von uns wohl viel über Epidemiologie und öffentliche Gesundheit gelehrt. Dennoch ist es sinnvoll, einige Schlaglichter hervorzuheben, um den Vergleich von Ländern zu ermöglichen. Dabei ist es hilfreich, eine grundsätzliche Unterscheidung zwischen Faktoren vorzunehmen, die durch menschliches Handeln beinflussbar sind, und virusspezifischen Eigenschaften, die nicht beeinflussbar sind.

Die virusspezifischen Eigenschaften spielen eine große Rolle, indem sie die Grundlage für jede Einschätzung des Pandemieverlaufs darstellen. Dazu gehören die Inkubationszeit, also die Zeit, bis die Krankheit nach der Infektion bei der betreffenden Person ausbricht, der Beginn und die Dauer der Infektiosität, die Saisonalität und die mögliche Immunität von Personen in der Bevölkerung. Problematisch ist, dass viele dieser Eigenschaften besonders zu Beginn einer Pandemie schwierig abzuschätzen sind.

Das Coronavirus – SARS-CoV-2 – und die dadurch ausgelöste Infektionskrankheit COVID-19 zeichnen sich durch einige Aspekte aus, die eine Bekämpfung von Anfang an schwieriger gestalten, als das bei anderen Krankheiten der Fall ist. Die relativ lange Inkubationszeit – die Anzahl der Tage, die es braucht, bis sich Symptome zeigen – sowie die relativ lange Infektiosität einer Person sind Beispiele dafür. Derzeit wird davon ausgegangen, dass infizierte Personen bereits vor dem Erkrankungsbeginn – das heißt hier vor dem Beginn der Symptome – andere Personen anstecken können. Eine Person ist laut aktuellen Schätzungen im Mittel zehn Tage ansteckend. Das bedeutet, dass eine infizierte Person viele Menschen anstecken kann, ohne zu wissen, dass er oder sie das Virus bereits in sich trägt und weiterverbreitet. Auch sind die Symptome der Krankheit relativ generisch und häufig nicht von den Anfangssymptomen einer Erkältung zu unterscheiden – oder sie können ganz ausbleiben.

Eine weitere fundamentale Größe zur Einschätzung der Situation ist die Basisreproduktionszahl R0. Sie gibt an, wie viele Personen eine infektiöse Person zu Beginn der Ausbreitung ansteckt, das heißt in einer Bevölkerung, in der sonst niemand infiziert ist. Je höher diese Zahl, desto schneller schreitet die Verbreitung des Virus voran. An der sperrigen Beschreibung wird allerdings bereits klar, dass die Basisreproduktionszahl eine nicht in der Realität beobachtbare Größe ist und ihrerseits geschätzt werden muss. Dabei spielen eine ganze Reihe von Faktoren eine Rolle: die durchschnittliche Zahl der Kontakte einer infektiösen Person pro Tag, die Übertragungswahrscheinlichkeit bei einem solchen Kontakt und die durchschnittliche Dauer der Infektiosität. In den frühen Studien wurde die Basisreproduktionszahl auf einen Wert zwischen zwei und drei geschätzt. Dies würde bedeuten, dass eine Person im Mittel zwei bis drei Personen mit dem Virus ansteckt. Im Vergleich zu anderen übertragbaren Krankheiten würde das Coronavirus damit zwar weit unterhalb der Reproduktionszahl von Masern (R0 bei etwa 10–18) oder auch Pocken (R0 bei etwa 3,5–6) liegen. Dennoch liegt sie aber weit oberhalb von vielen gewöhnlichen Grippewellen.

Wie stark sich bereits kleine Änderungen in der Reproduktionszahl auswirken, macht ein Beispiel deutlich: Eine Reproduktionsrate von zwei bedeutet, dass ein einzelner Infizierter zwei weitere Personen ansteckt, die wiederum jeweils zwei Personen infizieren. Nach zehn Infektionsrunden haben mehr als tausend Menschen das Virus, da sich die Anzahl der Infizierten bei jeder Runde potenziert. Eine Reproduktionsrate von drei dagegen bedeutet, dass nach zehn Infektionsrunden fast 60 000 Menschen mit dem Virus infiziert sind. Ein scheinbar moderater Anstieg der Reproduktionsrate hat also dramatische Auswirkungen auf die Ausbreitung des Virus in der Bevölkerung.

Neben der relativ hohen Ansteckungsgefahr ist das Coronavirus so gefährlich, weil es bislang weder eine Impfung noch eine verlässlich wirksame Behandlung gibt. In den meisten Fällen können Ärzte und Ärztinnen nur unterstützende Maßnahmen durchführen. Dieser Punkt unterstreicht die Wichtigkeit der Eindämmung der Ansteckungen.[iii]

Wie tödlich COVID-19 tatsächlich ist, lässt sich bisher nicht feststellen. Dazu müsste die tatsächliche Zahl der erkrankten Fälle bekannt sein. Doch da nur ein kleiner Teil der tatsächlich Erkrankten bekannt ist, überschätzt die häufig behelfsmäßig verwendete Kennziffer des Fall-Verstorbenen-Anteils die „Tödlichkeit“ der Krankheit tendenziell. Der Fall-Verstorbenen-Anteil, gibt an, wie hoch der Anteil bestätigter Todesfälle durch/mit Corona gegenüber der Zahl der bestätigten Infizierten ist. Mitte Juli 2020 lag sie ungefähr bei 4,4 Prozent weltweit – von tausend als infiziert bestätigten Personen sterben also durchschnittlich etwas mehr als 44 Personen. Damit läge der Fall-Verstorbenen-Anteil weit über dem der üblichen saisonalen Grippe.

Diese Kombination aus einer relativ hohen Ansteckungsgefahr, einer vergleichsweise hohen Fall-Verstorbenen-Rate und der Nichtverfügbarkeit wirksamer und verlässlicher medizinischer Behandlungsmöglichkeiten macht das Coronavirus so gefährlich. Sobald sich eine Person angesteckt hat und die Krankheit einen schweren Verlauf nimmt, kann häufig nur eine künstliche Beatmung helfen, um das Leben der Person zu retten. Doch genau hier besteht ein Engpass in jedem Gesundheitssystem: In der Anfangsphase der Pandemie im März und April 2020 hatte man in Deutschland ungefähr 28 000 Notfallbetten mit Beatmungsgeräten. Die große Sorge war, dass Infizierte nicht behandelt werden könnten, weil nicht genügend Beatmungsgeräte zur Verfügung stehen.

Daher galt die Ansteckungsreduktion von Anfang an als eines der wichtigsten Ziele. Erst wenn die Reproduktionsrate kleiner als eins ist, wird die Ausbreitung graduell verlangsamt. Eine geringe Reproduktionsrate heißt jedoch nicht, dass das Virus gestoppt ist. Eine solche Verlangsamung war in den meisten Ländern, auch in Deutschland, ein wichtiges Ziel, damit die Kapazitäten des Gesundheitssystems nicht überlastet werden.

Deshalb ist in diesem Zusammenhang von flattening the curve – der Abflachung der Infektionskurve – die Rede. Langfristig infizieren sich also nicht zwangsläufig weniger Menschen mit dem Virus, sondern der Zeitpunkt der Infektion wird für viele in die Zukunft verschoben, um eine Überlastung der Kapazitäten im Gesundheitssystem zu vermeiden.

Dieses Ziel ist in Deutschland erreicht worden – das Gesundheitssystem war in den allermeisten Fällen nicht überlastet. Schon allein weil alle Statistiken mit großer Vorsicht behandelt werden müssen, sollten wir natürlich vorsichtig mit vorschnellen Urteilen sein. Aufgrund der Tatsache, dass in den allermeisten Ländern nur vergleichsweise wenige Menschen getestet werden können, wissen wir nicht mit Sicherheit, wie viele Menschen sich infiziert haben und wie viele tatsächlich an und mit COVID-19 gestorben sind.

Einer der Indikatoren, die aber zumindest einen Eindruck geben können, ist die sogenannte Übersterblichkeit. Kurz gefasst, vergleicht sie die Zahl der verstorbenen Personen in einem bestimmten Zeitraum mit der entsprechenden Zahl der Vorjahreszeiträume. Die Übersterblichkeit ist also keine Kennzahl, die spezifisch auf das Coronavirus als Todesursache abstellt, sondern sie erfasst alle Verstorbenen ganz unabhängig von der Ursache. Diese Zahl gilt oftmals als robusterer Vergleichsrahmen im internationalen Kontext als die gezählten COVID-19-Toten. Denn: Zwar sterben einige Menschen mit und nicht an Covid-19, das Virus mag für sie also nicht die ausschlaggebende Todesursache sein; in vielen Ländern könnten jedoch sehr viele Menschen gestorben sein, ohne dass sie getestet wurden, sodass die wirkliche Anzahl von Infizierten und Todesopfern wohl deutlich über den offiziellen COVID-19-Statistiken liegt.

Für Deutschland lag die Übersterblichkeit im Jahr 2020 bis zum 7. Juni bei 9800 gegenüber dem Durchschnitt der Jahre 2016 bis 2019. Natürlich ist die Zahl von fast 10 000 verstorbenen Personen erschreckend. In anderen europäischen Ländern war die Situation jedoch noch erschütternder: Großbritannien (✝65 700, 26. Juni), Spanien (✝48 500, 21. Juni) und Italien (✝48 600, 29. April) haben besonders hohe Zahlen zu beklagen.


[i] Siehe Johnson, N. P. and J. Mueller (2002), „Updating the accounts: global mortality of the 1918–1920 ›Spanish‹ influenza pandemic“. Bulletin of the History of Medicine, 76(1), S. 105–115, und: Patterson, K. D. and G. F. Pyle (1991), „The geography and mortality of the 1918 influenza pandemic“. Bulletin of the History of Medicine, 65(1), S. 4.

[ii] Laut Analysen und Angaben des RKI: www.rki.de/DE/Content/InfAZ/N/Neuartiges_Coronavirus/Steckbrief.html

[iii] Siehe www.rki.de/DE/Content/Infekt/EpidBull/Archiv/2020/35/Art_01.html

Kleine Maßnahme, große Wirkung – viele Fragen!

Blick ins Buch
ImpfenImpfen
Es ist ein Wettlauf gegen die Zeit. Während der Corona-Pandemie beobachtet die ganze Welt die fieberhafte Forschung nach einem erlösenden Impfstoff: Kann er überhaupt sicher sein nach so kurzer Zeit? Viele Impfstoffe begleiten die meisten von uns schon seit der frühen Kindheit und dennoch wissen wir kaum etwas darüber: Seit wann gibt es sie? Wie funktionieren sie in unserem Körper? Und welche Risiken bergen sie? Am Ende steht oft eine Entscheidung: impfen oder nicht impfen? Dieses Buch gibt Antworten auf diese und andere wichtige Fragen.

Einleitung

Als ich vom Piper-Verlag gefragt wurde, ob ich ein Buch über das Impfen schreiben wolle, habe ich als jemand, in dessen Leben Impfungen immer eine herausragende Rolle spielten, gerne zugesagt.

Meine Eltern waren beide Ärzte, und schon als Kind erfuhr ich, dass meine Großmutter im Kindbett an der Influenza gestorben war. Infektionen haben mich seitdem eigentlich immer sehr beschäftigt, zumal ich kaum eine ausgelassen habe in dieser Zeit, in der es fast noch keine Möglichkeit eines Schutzes durch Impfung gab. Verstärkt wurde das durch die Tätigkeit meiner Mutter auf einer Infektionsstation während eines Ausbruchs an Kinderlähmung, die ja durchaus nicht nur Kinder befiel. Immer wieder sprach sie mit meinem Vater darüber, dass wieder neue „Eiserne Lungen“ gelaufen seien (diese frühe Möglichkeit künstlicher Beatmung kennt heute kaum noch jemand), als sie am Morgen ihren Dienst angetreten habe.

Zuvor hatte meine Mutter eine Zeit lang im „Amerika-Haus“ gearbeitet und daher noch gute Kontakte in die USA. 1955 bekam sie auf ihren Wunsch hin zwei Portionen eines neu entwickelten Impfstoffs gegen Polio. Und so wurde ich zusammen mit meiner kleinen Schwester auf unserem Küchentisch (der heute noch in meiner Küche steht) mit dem von Jonas Salk entwickelten ersten Impfstoff gegen Polio immunisiert. Ich denke, dass wir sicher zu den ersten Kindern in Deutschland gehörten, die damals gegen diese so schlimme Krankheit geimpft wurden. Heute befindet sich das 1988 von der WHO gestartete Programm zur Ausrottung der Polio im „Endgame“, nachdem im August 2020 feierlich erklärt werden konnte, dass nun auch ganz Afrika frei von Polio-Wildviren sei. Nur in Afghanistan und Pakistan gibt es heute noch wenige Erkrankungen durch Polio-Wildvirus, durch das zuvor in aller Welt unzählige Menschen gelähmt wurden oder starben.

Jahre später begann ich dann wie selbstverständlich mein Medizinstudium. Doch schon wenige Semester später plagten mich Zweifel, ob das wirklich eine gute Idee sei. Ich absolvierte gerade in der Uniklinik in Gießen mein Praktikum in der Krankenpflege, als ein kleines Mädchen eingeliefert wurde. Es lebte bei seinen Großeltern auf dem Land und hatte sich beim Schaukeln den großen Zeh geklemmt. Etwa 14 Tage später ging es der Kleinen gar nicht gut, und der Hausarzt vermutete einen grippalen Infekt. Dann kam das Wochenende, dem Mädchen ging es noch schlechter, aber die Großeltern wollten den Hausarzt an seinem wohlverdienten Wochenende nicht stören. Doch am Sonntag konnte sie den Mund nicht mehr aufmachen. Vom Kreiskrankenhaus wurde sie sofort zu uns in die Uniklinik gebracht. Unterwegs hatte sie den ersten Atemstillstand, den die Rettungssanitäter zum Glück überbrücken konnten. Die Kleine war an Tetanus erkrankt – Wundstarrkrampf.

Sie wurde in einen künstlichen Schlaf versetzt, bekam ein von Curare – einem Pfeilgift, das die indigenen Völker Südamerikas zum Jagen nutzen – abgeleitetes Medikament zur Muskelerschlaffung und musste künstlich beatmet werden. Knapp vier Wochen lang habe ich gefühlt Tag und Nacht an ihrem Bettchen gesessen, sie versorgt und gepflegt und nach dieser Zeit erleben dürfen, wie sie wieder aufgeweckt wurde und mit Tränen in den Augen „Mama“ zu mir sagte. Das kleine Mädchen hatte überlebt, und diese Erfahrung hat mich so berührt, dass ich beschloss, mein Medizinstudium fortzusetzen.

Ich wurde Arzt für Virologie und Infektionsepidemiologie und sah das Leid, das durch Rötelninfektionen in der Schwangerschaft verursacht wurde; das furchtbare Sterben von Kindern an SSPE, einer Spätfolge von Masern, die Jahre nach der Erkrankung das Gehirn zersetzte; die Ausgrenzung von Kindern und Jugendlichen durch eine chronische Hepatitis B und manch anderes trauriges Schicksal, das wir heute durch Schutzimpfungen vermeiden können.

Als Leiter der Abteilung für Umwelt- und Infektionshygiene am Gesundheitsamt einer Großstadt (Dienstbezeichnung: Seuchenreferent) erlebte ich noch einen letzten schweren Ausbruch von Diphtherie, der zu Panik in der Stadt führte. Nur das Gesundheitsamt impfte damals gegen diese Krankheit, und der Andrang war so groß, dass die Geimpften von der Feuerwehr durch die Fenster des Gebäudes ausgeschleust werden mussten. Es war eine Zeit, in der Schutzimpfungen von den Krankenkassen nicht bezahlt werden durften und daher hauptsächlich direkt in den Gesundheitsämtern im Rahmen von öffentlichen Terminen erfolgten. Ich erinnere mich an die vielen Impfungen gegen Kinderlähmung und Röteln und auch daran, wie sehr man sich schon damals eine Impfung gegen AIDS gewünscht hat.

23 Jahre war ich Mitglied der STIKO. Auch dort sah ich immer wieder, wie segensreich Impfungen sind, wie sorgfältig und mit welch hohem wissenschaftlichen Standard die Empfehlungen der Kommission vorbereitet und beschlossen werden.

 

Ich hoffe, dass ich in diesem Band zeigen kann, wie wertvoll Schutzimpfungen sind und wie dankbar wir für diese Möglichkeit einer effektiven und sehr sicheren Prävention schwerer und ohne Impfungen oftmals tödlicher Krankheiten sein können – und sollten.


1. Wie funktioniert unsere Abwehr, das Immunsystem?

Wir Menschen, aber auch alle Tiere, werden von unzähligen Mikroben als Lebensraum genutzt. Einige davon sind für uns einfach nur harmlos, andere sogar nützlich. Diese haben im Verlauf der Evolution eine Entwicklung vollzogen, die man als „Symbiose“ bezeichnet. Das bedeutet, sie profitieren von uns, aber wir auch von ihnen. Die Gesamtheit dieser eher nützlichen Mikroorganismen wird als „Mikrobiom“ bezeichnet. Und man geht davon aus, dass in und auf uns mindestens noch mal so viele Mikroorganismen leben, wie unser Körper Zellen hat.

Mit diesen fast 40 Billionen Mikroorganismen befasst sich dieser Band allerdings nicht, sondern mit den schädlichen Bakterien, Pilzen und Viren, die bedrohliche Erkrankungen verursachen können. Und da trifft es sich gut, dass Menschen und Tiere im Laufe der Evolution zum Schutz ein „Abwehrsystem“ entwickelt haben, das Immunsystem.

Das Wort „immun“ kommt aus dem Lateinischen. Da bedeutet es „unberührt, frei“. Wir kennen das auch z. B. von unseren Abgeordneten, deren Immunität vom Bundes- oder Landtag aufgehoben werden muss, bevor sie vor ein Gericht gestellt werden dürfen. In der Medizin bedeutet „immun“ so viel wie „geschützt“. Dieser Schutz vor schädlichen Mikroorganismen, in gewissem Maße aber z. B. auch vor bösartig gewordenen Krebszellen, ist dreistufig.

Die erste Hürde gegen das Eindringen von Mikroben bilden eine Reihe von Barrieren, die wie ein natürlicher Schutzwall wirken. Dazu gehören unter anderem die äußere Haut mit ihrem leicht sauren Schutzmantel, die Magenschleimhaut mit der starken Magensäure, die Schleimhäute von Nase und Rachen mit den Flimmerhärchen, die Fremdkörper wieder hinausbewegen, sowie Eiweißstoffe, sogenannte Enzyme, in der Tränenflüssigkeit und im Speichel, die die Zellwand mancher Bakterien zerstören können.

Beim eigentlichen Immunsystem wird ein angeborener Teil (zweite Stufe der Abwehr) von einem erworbenen (dritte und komplexeste Stufe) unterschieden. Die angeborene oder unspezifische Immunität steht mit ihren Zellen und löslichen Enzymen gleichsam bereit, um eingedrungene Schädlinge abzutöten. Das geschieht hauptsächlich durch sogenannte „Fresszellen“, zu denen die sich aus bestimmten Blutzellen, den „Monozyten“, entwickelnden „Makrophagen“ sowie die „neutrophilen Granulozyten“ gehören, die etwas mehr als die Hälfte der „weißen Blutkörperchen“ (Leukozyten) überhaupt ausmachen. Diese Fresszellen können schädliche Mikroorganismen aufnehmen und „verdauen“. Und die „Körnchen“ (Granula) der Granulozyten enthalten chemische Stoffe, die Mikroorganismen ebenfalls abtöten.

Die Riesenmenge an neutrophilen Granulozyten (bei einem Erwachsenen ca. 100 Milliarden pro Tag!) entsteht im Knochenmark. Sie wandern ins Blut und zirkulieren mit dem Blutstrom. Wenn sie ein Signal erhalten, dass irgendwo schädliche Mikroorganismen in den Körper eindringen, verlassen sie an der jeweiligen Stelle den Blutstrom und wandern ins Gewebe, wo sie gemeinsam mit ebenfalls eingewanderten Makrophagen eine „Entzündung“ hervorrufen, die sich durch Rötung, Schwellung, Überwärmung, Schmerzen und Funktionseinschränkungen bemerkbar macht. Der sich dabei oft bildende „Eiter“ ist nichts anderes als eine Ansammlung von Leukozyten und bekämpften Bakterien, die durch bestimmte Enzyme mehr oder weniger verflüssigt werden.

Im Gegensatz zum angeborenen Immunsystem, das ab dem Zeitpunkt unserer Geburt direkt mit der Arbeit beginnt, wenn das Eindringen von Krankheitserregern signalisiert wird, braucht die dritte Stufe der Abwehr, die erworbene Immunität, mehr Zeit. Die wichtigsten Zellen dieses Systems sind die Lymphozyten, die ebenfalls zu den Leukozyten gehören. Die Lymphozyten werden außer im Knochenmark noch in den lymphatischen Organen gebildet (Lymphknoten, Milz, Thymusdrüse, Mandeln und wohl auch Blinddarm). Im Knochenmark (engl. bone marrow) werden die Lymphozyten zu B-Zellen, in der Thymusdrüse zu T-Zellen. Die Lymphozyten müssen während ihrer Entwicklung „lernen“, welche Strukturen zu unserem Körper selbst gehören, damit sie diese nicht angreifen, sondern in Ruhe lassen. Auch das geschieht z. B. in der Thymusdrüse. Wenn diese Unterscheidung zwischen „selbst“ und „fremd“ nicht richtig funktioniert (was nur selten der Fall ist), kann es dazu kommen, dass die Lymphozyten fälschlich körpereigene Strukturen angreifen. Man spricht dann von „Autoimmunerkrankungen“.

Wenn die B-Zellen ein Fremdeiweiß (Antigen) erkennen, teilen sie sich und wandeln sich in sogenannte Plasmazellen um, die Antikörper produzieren, mit denen die jeweiligen Antigene unschädlich gemacht werden können. Einige werden auch in „Gedächtniszellen“ umgewandelt, die lange überleben und schnell wieder reagieren können, wenn das gleiche Antigen erneut festgestellt wird.

Die Rolle der T-Lymphozyten ist komplizierter und umfangreicher. Sie sind vor allem für intrazelluläre Antigene „zuständig“. Wenn ein T-Lymphozyt erkennt, dass eine Zelle z. B. durch ein Virus infiziert oder durch eine Mutation verändert ist, kann er diese zerstören (Killerzelle) oder zusätzliche Immunzellen anlocken (Helferzelle). Regulatorische T-Zellen verhindern überschießende Angriffe des Immunsystems auf körpereigene Strukturen. Und andere T-Zellen wandeln sich in T-Gedächtniszellen um und sorgen so ebenfalls für eine langfristige Immunität.

Das Virus, das uns alle bedroht

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Das Virus, das uns alle bedrohtEine weltweite Pandemie, Zehntausende Todesopfer, Ausgangsbeschränkungen und eingeschränkte Grundrechte, ein internationaler Notstand, ausgerufen von der Weltgesundheitsorganisation: Das Coronavirus SARS-CoV-2 hält die Welt im Griff – mit unabsehbaren Folgen. Wir alle haben drängende Fragen: Wie gefährlich ist das neuartige Coronavirus wirklich? Wie kann man sich schützen? Wann wird die Forschung Therapie- und Impfmöglichkeiten gefunden haben? Was ist die richtige Strategie, um Neuinfektionen unter Kontrolle zu halten? Welche Maßnahmen retten unsere Unternehmen und unsere Arbeitsplätze? Was kann jeder Einzelne jetzt tun? Dieses Buch beantwortet die wichtigsten Fragen zu Gesundheit, Wirtschaft, Gesellschaft und Politik in Zeiten von Corona.

Einleitung

Dieses Buch ist im Laufe des März 2020 entstanden. Als die ersten Zeilen geschrieben wurden, war COVID-19 für viele Menschen noch ein vor allem asiatisches Problem. Zum 1. März hatte die Zahl an bestätigten Infektionen in Deutschland gerade die 100 überschritten. Viele von uns haben dieses Virus wohl zunächst unterschätzt und wurden dann von den Ereignissen und Bildern überrollt. Während die letzten Kapitel verfasst wurden, überschritt die Zahl der weltweit registrierten Infektionen gerade die Millionenmarke. Epizentrum war nicht mehr die Region rund um Wuhan, sondern New York.

Im Strom der Nachrichtenticker sollen diese 33 Antworten auf drängende Fragen Orientierung vermitteln, wichtige Hintergründe erklären und Zusammenhänge deuten, um diese beispiellose Krise besser zu verstehen. Immer wieder hilft dabei ein Blick in die Medizingeschichte. Wenn COVID-19 selbst dereinst in diese Annalen eingegangen sein wird, wird man darin lesen können, wie radikal ein Virus die Welt innerhalb weniger Wochen verändert hat.

In Coronazeiten ist vieles anders. Wenn dieses Buch erscheint, sind vermutlich schon einige Informationen darin nicht mehr aktuell. Und das ist auch gut so. Wohl noch nie zuvor ist der wissenschaftliche Erkenntnisgewinn so schnell vorangeschritten wie in den ersten Wochen und Monaten dieser Pandemie. Genauso schnell hat sich unser Alltag verändert: Am einen Tag noch undenkbar, waren am Tag darauf bereits Ausgangsbeschränkungen beschlossen und die Freiheitsrechte beschränkt. Weil es die schier unberechenbare Gesundheitsgefahr erfordert, die von diesem Virus ausgeht, kaum größer als 140 Nanometer. Ein Nanometer ist übrigens ein Millionstel Millimeter.

Als Gesundheitsjournalist begegne ich dieser überwältigenden Krise wie jeder andere Mensch auch: gleichermaßen als Laie wie als Experte. Zu viel hat sie durcheinandergewirbelt, was unhinterfragt und so selbstverständlich war. Das Vertrauen in wissenschaftliche Erkenntnis hat derweil ein erfreuliches Comeback gefeiert. Was für die Expertise von Virologen gilt, gilt aber auch für dieses Buch: Wissen ist immer nur vorübergehend.

Das Wörtchen „Corona“ hat sich rasend schnell zum Inbegriff einer medizinischen genauso wie zu einer ökonomischen, politischen, sozialen und psychischen Ausnahmesituation entwickelt. Mein wichtigster Seismograf für die wirklich relevanten Fragen waren in diesen Wochen meine lieben Bürokolleginnen. Danke dafür! Ein besonderer Dank geht an L. für viel Verständnis, für noch mehr Liebe und das Wissen, sich mit niemand anderem zusammen lieber von Ausgangsbeschränkungen einengen lassen zu wollen.

Wenn auf den folgenden Seiten auf die weibliche Form zum Beispiel von Berufsbezeichnungen verzichtet wird, ist dies einzig der besseren Lesbarkeit geschuldet.


1. Erkältung, Grippe – oder doch Corona?

Ein leichtes Kratzen im Hals, ein wenig trockener Husten, ein bisschen Kopf- und Gliederschmerzen. Was man im Winter halt so an Erkältungssymptomen mit sich herumschleppt. Oder könnte es doch das neuartige Coronavirus sein? Die Verunsicherung und die Angst vor einer Epidemie, deren Auswirkungen nicht abzusehen sind, können belastender sein als die Symptome selbst – zumindest für 80 Prozent der mit dem neuartigen Virus Infizierten, bei denen die Krankheit mild oder ganz ohne Symptome verläuft.

Laut Robert Koch-Institut (RKI), das sich als höchste Behörde in Deutschland um Infektionskrankheiten kümmert, kommt es nach einer Infektion mit SARS-CoV-2 am häufigsten zu Symptomen wie Fieber, trockenem Husten und Abgeschlagenheit. Schon deutlich seltener leiden Betroffene unter Atemproblemen, Kratzen im Hals, Kopf- und Gliederschmerzen sowie Schüttelfrost. Nur wenige leiden an Übelkeit und Durchfall, zu schweren Verläufen mit einer Lungenentzündung kommt es fast ausschließlich bei älteren Patienten oder Menschen mit einer Vorerkrankung.

Genau in diese Risikogruppe fielen die ersten beiden COVID-19-Todesopfer in Deutschland, die am 9. März 2020 vermeldet wurden: eine 89-jährige Frau aus Essen, gestorben an einer Lungenentzündung, sowie ein 78-Jähriger aus Heinsberg, vorbelastet mit Diabetes mellitus und Herzbeschwerden. Klare Risikogruppe, klarer Fall – und doch gar nicht so viel anders als bei der Influenza, also der echten Grippe.

Die wird genauso wie COVID-19 von Viren hervorgerufen: die Influenza von Influenzaviren, COVID-19 von dem neuartigen Coronavirus SARS-CoV-2. Beides sind Atemwegserkrankungen, die sehr unterschiedlich verlaufen können. Bei der Infektion mit dem neuartigen Coronavirus fehlt aber häufig der Schnupfen, selbst wenn sich COVID-19 nur in den oberen Atemwegen festsetzt – falls es dann überhaupt zu Beschwerden kommt. Dies kann ein hilfreiches Unterscheidungsmerkmal sein. Außerdem überfallen einen die Symptome einer Grippe meist schlagartig. Sie hat eine kürzere Inkubationszeit, zwischen Ansteckung und ersten Beschwerden vergehen meist nur ein oder zwei Tage. Bei COVID-19 sind es im Durchschnitt fünf bis sechs, in manchen Fällen vermutlich bis zu 14 Tage. Oder aber die Infektion geht vorbei, ohne bemerkt zu werden.

Bei der Therapie geht es weiter mit den Gemeinsamkeiten. Es stehen nur begrenzt Medikamente zur Verfügung, die gegen das jeweilige Virus selbst wirken. Im Vordergrund steht, die konkreten Beschwerden zu lindern und im Notfall im Krankenhaus die beeinträchtigten Körperfunktionen zu unterstützen, zum Beispiel mit einem Gerät zur Beatmung. Präventiv rät Bundesgesundheitsminister Jens Spahn, beim neuartigen Coronavirus alles genau so zu machen, „als würde man sich im Alltag vor Erkältung oder Grippe schützen“. Dazu gehören die richtige Nies- und Hustenetikette genauso wie altbewährte Hygieneregeln.

Gleichzeitig wird hier aber der maßgebliche Unterschied deutlich: Unser aller Immunsystem ist auf das neuartige Coronavirus nicht vorbereitet, denn es war bislang unbekannt. Gegen die Grippe steht jedes Jahr ein Impfstoff zur Verfügung. Auch wenn sich gerade einmal 35 Prozent der über 60-Jährigen gegen die Influenza impfen lassen – viel zu wenige. In der vergleichsweise harten Grippesaison 2017/2018 kostete sie laut Robert Koch-Institut 25 100 Menschen in Deutschland das Leben. Bis Anfang April 2020, also bis zum Ende der Grippesaison 2019/2020, hatte das RKI 183 531 nachgewiesene Influenzafälle gezählt – darunter 411 Todesfälle. Bei COVID-19 näherte sich die Fallzahl zu diesem Zeitpunkt gerade erst der 100 000 an. Bei mehr als 1400 Toten. Spätestens hier endet das Gegenrechnen aber, da über die jeweilige Dunkelziffer viel zu wenig bekannt ist und es schlicht zu früh ist, die Mächtigkeit von SARS-CoV-2 als neuem Krankheitserreger seriös beurteilen zu können.

Das mussten sich Wissenschaftler wie der Virologe Prof. Christian Drosten, Leiter des Instituts für Virologie an der Charité Universitätsmedizin Berlin, eingestehen, als sie komplexe Berechnungen zum weiteren Verlauf der Epidemie ausgewertet hatten. Viele Virusarten lieben kalte Temperaturen, im Sommer tun sie sich deutlich schwerer, sich zu verbreiten. Grippewellen enden zuverlässig, sobald die Temperaturen steigen. Im Falle von SARS-CoV-2 haben Experten aber die Hoffnung früh begraben, die Infektionswelle könne allein durch das Wetter zum Stillstand kommen. Umso wichtiger wird sein, dass bald passende Medikamente und ein wirksamer Impfstoff zur Verfügung stehen. Und umso wichtiger wird sein, sich selbst, vor allem aber Risikopersonen zu schützen.

Wer aufgrund der beschriebenen typischen Symptome befürchtet, sich mit dem neuartigen Coronavirus angesteckt zu haben, sollte zum Telefon greifen und nicht in die Hausarztpraxis fahren. Zu groß könnte das Infektionsrisiko für die Mitmenschen im Wartezimmer sein. Auch der Patientenservice des ärztlichen Bereitschaftsdienstes ist rund um die Uhr unter der Nummer 116 117 für solche Fälle zu erreichen. In dem Telefonat wird es vor allem darum gehen, inwieweit im Laufe der vergangenen zwei Wochen Kontakt zu einer infizierten Person bestanden hat oder ob man aus einem Risikogebiet eingereist ist. Lautet mindestens eine Antwort ja, schafft nur ein Labortest Klarheit. Den Abstrich nimmt ein Arzt während eines Hausbesuchs oder bei einem gesonderten Termin außerhalb der regulären Praxisöffnungszeiten. Bis das Testergebnis da ist, sollten Verdachtspersonen zu Hause bleiben, um niemanden zu gefährden.

Das leichte Kratzen im Hals soll also nicht in Panik münden. Ein wenig Achtsamkeit bei jedem Einzelnen macht es dem neuartigen Virus aber deutlich unbequemer, sich breitzumachen. „Dazu brauchen wir die gesamte Gesellschaft“, mahnte Gesundheitsminister Spahn angesichts der ersten Corona-Toten an. „Wir brauchen jeden einzelnen Bürger und jede einzelne Bürgerin.“

 

Tipp: Die meisten Infektionen mit dem neuartigen Virus SARS-CoV-2 verlaufen unproblematisch. Bleiben Sie ruhig, wenn Sie einen Verdacht auf COVID-19 haben – und schützen Sie Ihre Mitmenschen, indem Sie Menschenansammlungen meiden und einfache Hygieneregeln beachten.

Vom Leben im Lockdown

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StillstandsturmStillstandsturm

Briefe aus dem Lockdown

Als die Corona-Krise Deutschland erreicht, beschließen Ursula März und Stephan Lebert, sich täglich E-Mails zu schreiben, in denen sie sich von ihrem Umgang mit der veränderten Lage erzählen. Und von allem, was sie sonst noch beschäftigt. Persönlich, reflektiert, politisch informiert. Sie eröffnen dem Leser die Möglichkeit, sich zu erinnern und eine andere Perspektive einzunehmen. Eine berührende Auseinandersetzung mit einer Situation, die uns alle noch lange beschäftigen wird.

Von: Ursula März

Datum: Mittwoch, 18. März 2020 um 15:11

An: Stephan Lebert

Betreff: Auf Sicht fahren

 

Lieber Stephan,

ich hole ein bisschen aus: Wir kennen uns, weil wir Kollegen bei der ZEIT sind. Vor ungefähr zwei Jahren hast Du ein paar von uns eingeladen, um jenseits des laufenden Berufsgeschäfts über neue Themen nachzudenken – vor allem über neue Formen, die irgendwie frischer, origineller, vielleicht auch persönlicher sind als die gewohnten. Themen sind uns immer leichtgefallen, bei den Formen waren wir eher ratlos. Und ehrlich gesagt habe ich auch nicht hundertprozentig verstanden, worauf Du hinauswillst. Ich dachte: Es gibt tolle und fade Reportagen, spritzige und mittelmäßige Essays, das hat mit der Genreform nichts zu tun. Vielleicht ist Lebert einfach ein wenig zeitungsmüde (sorry) …

Jetzt haben wir Corona. Wir sind nicht nur virologisch in einer „dynamischen Situation“, wir sind es auch gesellschaftlich, intellektuell, emotional. Was man heute schreibt, kann morgen überholt sein. Ich selbst denke alle zwei Stunden was anderes. Am Wochenende (heute ist Mittwoch, der 18. März) fand ich es toll, wie gelassen die Deutschen mit dem Shutdown umgehen. Am Montag war ich mir sicher, zwischen klopapierraffenden Idioten zu leben, die eine Revolte anfangen werden, wenn ihr Kanarenurlaub platzt. Gestern Abend war ich so frustriert über die ganzen Absagen an beruflichen Terminen, dass ich mehr getrunken habe, als mir guttut. Heute Morgen bin ich in regelrechter Kriseneuphorie.

Spinne ich oder ist die BILD-Zeitung momentan wirklich so seriös wie noch nie? Finde ich Jens Spahn nur gut, weil mich Corona politisch infantil macht? Wäre eine sofortige Ausgangssperre richtig oder rational betrachtet Quatsch? Keine Ahnung. So geht es ja nicht nur mir. Das ganze Land befindet sich im Experimentzustand, in Vorläufigkeitsstimmung. Und da bieten sich vielleicht wirklich andere, offenere Schreibformen an. Hast Du gewollt! Deshalb mein Vorschlag mit den Briefen bzw. Mails. Das meine ich mit Schreiben, das „auf Sicht fährt“.

Wir versuchen’s mal, okay?

 

Von: Stephan Lebert

Datum: Mittwoch, 18. März 2020 um 19:11

An: Ursula März

Betreff: Re: Auf Sicht fahren

 

Liebe Ursula,

zwei Jahre ist es also schon wieder her, dass wir mit den Treffen angefangen haben? Zwei Jahre. Heute habe ich mit meiner alten Tante telefoniert, sie lebt in Zürich, allein in ihrer Wohnung, draußen tobt auch bei ihr die Corona-Hölle. Sie ist tapfer. Und sie hat heute gesagt: früher. Und meinte: vor zwei Wochen, als sie noch einkaufen konnte, als sie im Park spazieren gehen konnte. Wird man später mal sagen können, dass mit Corona eine neue Zeitrechnung begonnen hat? Was tippst Du?

Es stimmt: Ich bin ein bisschen müde geworden, was das Lesen von Zeitungen angeht. Ich sehe so oft die gleichen Szenen, die gleichen Anfänge, die gleichen Erzählmuster. Deshalb unsere Treffen damals. Die Suche nach … tja, irgendwas Neuem. Jetzt läuft es irgendwie andersherum. Draußen passiert etwas Unglaubliches und wir schreiben uns Briefe. Wenigstens nicht mit Tinte und Löschblatt. Obwohl, vielleicht wäre auch das nicht so schlecht, denn ich finde gerade alles gut, was langsam ist. Jeder Blick auf BILD online – ich gucke da auch ziemlich oft drauf – ist eine Art rasender Science-Fiction-Film. Ich habe heute drei Dosen Ravioli von Maggi gekauft. Das war nicht unbedingt mein Hamstertrieb. Diese Ravioli habe ich als Kind immer gern gegessen. Und später habe ich sie mir immer gekauft, wenn ich krank war. Ich bin nicht krank, keine Sorge, noch nicht jedenfalls, aber die Ravioli sind für mich so etwas wie Geborgenheit. Hat sich gut angefühlt, als ich sie vorhin ins Regal gestellt habe.

In meinem Kopf läuft gerade einiges rückwärts. Mir fällt eine Szene in einem alten „Don Camillo“-Film ein. Es ist eine Flutkatastrophe in dem kleinen Ort in Italien(!) passiert, das ganze Dorf steht unter Wasser. Die Menschen sind in ein Zeltlager geflüchtet, auf einer Anhöhe über dem Ort. Don Camillo, der Pfarrer, predigt ganz alleine in seiner Kirche, die auch unter Wasser steht. Auch Don Camillo steht bis zur Hüfte im Wasser. Sehr pathetische Worte spricht er. Über das Leben, wie es vorher war, und dass sich jetzt alle danach zurücksehnen, obwohl alle immer vor allem darüber gemeckert haben, über alles …

An diese Szene musste ich heute denken. Und fragte mich, wo ist eigentlich in Zeiten von Corona der Papst, wo sind die anderen Kirchenfürsten? Wo sind ihre pathetischen, tröstenden Worte?

Ich muss aufhören. Jetzt kommt gleich Angela Merkel im Fernsehen. Mit ihrer Rede an die Nation. Es ist Mittwoch, der 18. März, 19:08 Uhr.

Liebe Grüße,

Stephan

 

Von: Ursula März

Datum: Donnerstag, 19. März 2020 um 09:35

An: Stephan Lebert

Betreff: Re: Auf Sicht fahren

 

Guten Morgen,

Stephan, ganz ehrlich: Ich hätte nicht gedacht, dass mir bei einer Rede von Angela Merkel mal die Tränen runterlaufen! Tun sie aber auch jetzt noch in der Erinnerung an gestern Abend. Und da bin ich mir ganz sicher, es hat nicht mit coronabedingter Infantilisierung zu tun.

Dass die Rede inhaltlich genau richtig war, ist eh klar. Und zu Deiner Frage, ob es eine Zeitrechnung vor und nach Corona geben wird: Das weiß man jetzt. Aber was mich unter anderem so gerührt hat, war der Eindruck, dass und wie Merkel alles tat, um über ihren Schatten zu springen, den sie natürlich auch kennt, um Emphase in die Wohnzimmer zu transportieren. Es wurde ihr schon tausendmal vorgehalten, wie sie Politik technokratisch verwaltet, wie wenig sie kommuniziert, wie wenig Charisma sie hat. Und man sieht tatsächlich, dass sie sich nicht genießt in so einer Rede an die Nation, anders als Macron mit seinem „Krieg gegen Virus“. Aber genau dieser Mangel an Selbstgenuss hat mich umgehauen, vielleicht auch, weil er die echte, komplett strategiefreie SORGE einer, jetzt sag ich es, sehr großen Kanzlerin beglaubigt, die ich nie gewählt habe. Meine Tochter (sie hat am Sonntag ihren 24. Geburtstag, das wird auch eher was Klein-Improvisiertes) hat Merkel sozusagen noch weniger je gewählt. Wir haben die Rede zusammen angeschaut, und sie fand sie „sehr gut“. Dann kann ich nicht falschliegen.

Überhaupt habe ich den Eindruck, in diesen Wochen lernen sich Politik und Gesellschaft noch mal neu kennen. Wie in einer alten Ehe, wo man sich eigentlich nicht mehr viel zu sagen und gegenseitig ziemlich satthat. Dann passiert was, das Haus brennt ab, das Kind bekommt eine schwere Krankheit, und die Ehe schüttelt sich neu. In den ersten Wochen von Corona hat die Bevölkerung ihre Politiker neu kennen- und schätzen gelernt, ich sage nur: Jens Spahn. Jetzt, mit den drastischen Maßnahmen und Schließungen, ist es fast umgekehrt. Die Politik ist dabei, das Volk kennenzulernen. Jetzt merkt man auch, dass das Misstrauen schon lange gegenseitig war. Wir schauten angewidert auf den Parteiensumpf der Politik, und die Politiker schauten genervt zurück. Auf uns unverlässliches Wahlvolk, pöbelndes Fußballvolk, ordinäres Social-Media-Volk, Staatsvertreter beleidigendes Düstervolk.

Das ist nur ein Momenteindruck, kann alles noch ganz anders werden. Ich denke oft an den Sommer/Herbst 2015 der Flüchtlingskrise. Erst die Welcome-Euphorie und dann der Absturz in die kollektive Gereiztheit.

Anfang der Woche habe ich noch gedacht: Na gut, dann ist jetzt mal wirklich freie Zeit. Keine Termine, keine Lesungen, keine Reisen. Ich ziehe mich schön zurück und mache, was ich immer mal machen wollte. Lese ein paar Tausend Seiten Proust, sortiere das Durcheinander von Fotos, tue was gegen mein miserables Englisch. Seit gestern weiß ich, dass das nicht klappt und mir auch nicht guttut. Es sind eben keine richtigen kontemplativen Ferien. ich komme besser zurecht, wenn ich „dran“ bleibe, diszipliniert arbeite. Ich habe eine große Begabung zum Fernsehjunkie, das würde eine Woche Spaß machen, aber dann wär’s der gefühlte Niedergang.

Über Deine Frage, ob die Stimmen der Kirchenoberen fehlen, muss ich noch nachdenken. Nur vorläufig: Wann warst Du zum letzten Mal sonntags in der Kirche? Wir haben uns schon über einiges unterhalten. Aber haben wir uns je gefragt, ob wir protestantisch oder katholisch oder überhaupt in der Kirche sind? Ich habe, was Dich betrifft, keinerlei Ahnung. Und nun plötzlich die Arme Richtung Rom ausstrecken?

Jetzt ist es 9:20 Uhr am Donnerstagmorgen, den 19. März, ich fahre mit dem Auto an den Schlachtensee und laufe. Dann sitz ich wieder hier am Schreibtisch.

Mach’s gut, danke für Deine Antwort (apropos: Merkel hat auch gesagt, jetzt sei die Zeit für Skypen, Telefonieren oder „mal wieder einen Brief“. Ha!)

Liebe Grüße,

Ursula

 

Von: Stephan Lebert

Datum: Donnerstag, 19. März 2020 um 18:57

An: Ursula März

Betreff: Re: Auf Sicht fahren

 

Liebe Ursula,

heute im Büro jagte ein Gerücht das andere: Immer wieder ein anderer will von irgendjemanden gehört haben, dass jetzt ganz sicher eine Ausgangssperre kommt. Angeblich, ganz sicher, echt, wird heute Abend der Regierende Bürgermeister Müller, selbst in Quarantäne, die Ausgangssperre für ganz Berlin verkünden.

Da frage ich mich: Darfst Du morgen dann noch joggen? Oder schwimmen? Gehört das zum verbotenen Ausgang? Was macht dann ein Hund?

Es ist alles nicht lustig. Gar nicht. Und trotzdem fragte ich mich heute, wann eigentlich die Corona-Witze anfangen. Wahrscheinlich gibt es sie längst, ich kenne aber noch keinen (nur heitere Videos im Netz haben schon Konjunktur). Ein Kollege, Spezialgebiet Terror, erzählte mir von seiner Komödienidee: Terroristen planen einen Anschlag auf das KaDeWe in Berlin, jahrelang bereiten sie alles vor – und einen Tag, bevor es losgehen soll, wird das KaDeWe wegen Corona geschlossen. Wird wahrscheinlich keine berühmte Komödie werden.

Ich verstehe Deine Rührung von gestern Abend sehr gut. Ich fand Angela Merkel auch beeindruckend. Von großen Schauspielern heißt es doch, sie würden sich ganz leer machen, damit die jeweilige Rolle in sie reinschlüpfen kann. So wirkte das für mich, der Ernst der Lage schlüpfte in sie hinein – und sie als Kanzlerin wird aber davon nicht aufgefressen, sondern sie versucht die Dramatik zu steuern. Robert Habeck sagte nach der Rede im ZDF, ihm habe gefallen, dass sie den Dialog mit den Menschen begonnen hat.

Das macht sie anders als zum Beispiel Macron. Der spricht vom Krieg. Was kommt da als Nächstes? Atomkrieg?

Ich war gestern in meinem Lieblingscafé, im Manzini in der Ludwigkirchstraße. Ein paar Leute saßen draußen an den Tischen – im gebotenen Abstand natürlich. Dann kam Ferdinand von Schirach, der hier ein Stammgast ist, und setzte sich an einen Tisch an der Ecke, stellte ein Desinfektionsfläschchen vor sich hin, rieb sich die Hände ein und sagte fröhlich in die Runde: „Ist Distanz nicht was Herrliches?“ Ein paar Meter weiter, in der Uhlandstraße, fuhr einige Momente später ein Mannschaftswagen der Polizei vor. Die Polizisten gingen in die Geschäfte, die noch geöffnet waren. Sie verklickerten den Ladenbesitzern anscheinend, dass sie zumachen müssen. Eine Frau in einem Design-Geschäft fing laut zu weinen an.

Ich bin übrigens katholisch. Auch noch in der Kirche. Als ich ganz klein war, hat meine Mutter vor dem Einschlafen mit mir gebetet: Maria breit den Mantel aus … In Kirchen bin ich öfters, meistens zum Kerzenanzünden für irgendjemanden. Ich mag Kirchen. Das letzte Mal in einem Gottesdienst war ich am Heiligen Abend in der Mitternachtsmesse – in Italien, am Lago Maggiore, Maccagno heißt der Ort. Wir haben kein Wort verstanden, aber es war irgendwie schön. Menschen kommen zusammen, weil sie wissen, wie klein und zerbrechlich sie sind, das hat mir immer gut gefallen. Ich feiere in Maccagno immer mit meinem Bruder Weihnachten, seit unsere Mutter gestorben ist. Nur wir beide. Er hat da ein sehr hübsches Häuschen. Maccagno ist Corona-Sperrgebiet. Dieser kleine, fröhliche Ort. Unseren Freunden und Bekannten dort geht es gut, sagen sie. Und sie fügen hinzu: Wir leben noch.

Du kannst über mich spotten, aber ich fände es gut, wenn die Kirche gerade in diesem Moment eine Stimme hätte und die Geschichte von Gott und Teufel erzählen würde. Ich würde gerne zuhören, auch wenn ich mich vielleicht ärgern würde, aber es kommt nichts. Ein Religionswissenschaftler hat heute Morgen im Deutschlandfunk gesagt, glücklicherweise habe der Kinderglaube vom lieben Gott in Deutschland abgedankt. Er lese mit seinen Studenten schon immer Die Pest von Albert Camus, da stünde alles Wesentliche zum Thema Religion drin.

Kinderglaube. Da häng ich anscheinend noch drin fest.

Sag mal, wir erleben einen Ausnahmezustand. Was, glaubst Du, wird passieren mit unserer Gesellschaft? Wird sie auseinanderplatzen? Oder wird es ein Gemeinschaftsgefühl geben? Was hält uns eigentlich zusammen? Was könnte es sein?

Ich bin eher pessimistisch heute Abend. Liegt vielleicht daran, dass heute kein guter Tag war. So viele Enden, keine Verbindung. Ich versuche mich nachher zu entspannen mit alten Folgen der Serie „Mit Schirm, Charme und Melone“. Es ist 18:54 Uhr. Gerade kommt die Meldung, dass es in Italien mehr Corona-Tote gibt als in China.

Bis morgen.

Lieben Gruß,

Stephan

 

Von: Ursula März

Datum: Freitag, 20. März 2020 um 13:09

An: Stephan Lebert

Betreff: Re: Auf Sicht fahren

 

Lieber Stephan,

ein paar Sachen muss ich geraderücken.

Zum einen, ich jogge nicht. Mit Laufen meine ich Laufen, zügiges Spazieren.

Zum anderen hat sich der Pegel meines gestrigen Merkel-Pathos auf Maß und Mitte gesenkt. „Sehr große Kanzlerin“ war schon peinlich übertrieben, sie ist nicht Churchill. Da hat mich die Sentimentalität weggetragen. Die Rede war gut, finito.

Zum Dritten: Ich bin katholisch und in der Kirche, besuche Gotteshäuser ungefähr so wie Du. Aber mein Glaube ist schon sehr schütter. Ich will es mal so sagen: Aus Respekt vor den wirklich Gläubigen und vor dem, was viele Kirchenmitglieder für die Gesellschaft nach wie vor leisten, verbiete ich es mir, in einer Ausnahmesituation wie jetzt auf einen Zug aufzuspringen, neben dem ich sonst nur herlaufe. Verstehst Du, was ich meine? Ich finde es auch zweifelhaft, wenn Leute, die mit der Kirche eigentlich komplett abgeschlossen haben, sie plötzlich als Eventbude mit Feierlichkeitsfaktor für Hochzeiten und Beerdigungen beanspruchen. Oder sich im August schnell taufen lassen, damit das Kind im September auf eine katholische Schule kommt, wo „die Werte abendländischer Bildung vermittelt werden“, wo, im Klartext, nicht so viele Kinder mit muslimischem Migrationshintergrund vermutet werden …

Aber Du hast recht: Es herrscht ein seltsames, fast gespenstisches Schweigen seitens der Kirchenoberhäupter. Wo ist die niederdonnernde Stimme aus Rom, die die augenblickliche Evakuierung der Lager auf Lesbos verlangt und die Untätigkeit der Menschheitsgemeinde verdammt? (Guter Text gestern von Caterina Lobenstein auf der S. 1 der ZEIT.)

Warum bist Du, sind die Kollegen eigentlich im Büro? Müsst Ihr? Wollt Ihr? Was hat sich denn im beruflichen Firmenumgang verändert? Ich arbeite ja sowieso zu Hause und bin generell, auch abends, gern dort zu Hause. Bis jetzt spüre ich keine grundstürzende Veränderung in meinem Alltag. Und fürs Alleinsein bin ich eh sehr begabt. Ich kenne alles Mögliche an schlimmen Gemütszuständen, zum Ausgleich hat mich die Natur vom Gefühl der Langeweile verschont. Sage ich jetzt. Wie es nach sechs Wochen Ausgangssperre aussähe, habe ich keine Ahnung. Auf Café, Kino, Restaurant zu verzichten ginge. Aber radikal drinzubleiben wäre schon schwierig. Was würde Dir am meisten fehlen?

Zu Deiner Frage, was ich denke, ob Corona die Gesellschaft positiv verändert oder zerreißt – ich weiß es nicht. Und ich denke, das kann man jetzt nicht wissen. Momentan ist ja durchaus solidarisches Miteinander da. Aber ich habe eben 2015 als Blaupause im Kopf. Vorstellen kann ich mir, dass der individuelle Egoismus vorübergehend herunterfährt, aber der nationale erheblich hochfährt.

Ich überlege noch was anderes, nur eine vage Idee: Vielleicht können wir, wenn diese Pandemie und ihre sicher gewaltigen Folgen irgendwann hinter uns liegen, die Not unserer Eltern und Großeltern besser verstehen, von den Schrecken zu erzählen, die sie erlebten. „Das kann sich heute niemand mehr vorstellen“ kenne ich als Standardsatz. Er hatte immer etwas Resigniertes den Nachkommen gegenüber, die nicht wissen, wovon die Rede ist. Versteh mich nicht falsch: ich verwechsle Corona nicht mit Krieg und Hungersnot … Aber es könnte ja sein, dass Enkel nichts anderes kennen als eine Welt, in der die Medizin ad hoc mit jedem Virus fertigwird. Wie erzählt man dann, dass es 2020 nicht so war?

Für die wirklich guten Corona-Witze ist es noch zu früh. Oder zu spät, weil die neue Moralzensur dem richtig scharfen schwarzen Humor die Luft abschneidet. Spannend wäre, was Harald Schmidt, der ja schwarzen Humor kann, als Vollhypochonder jetzt einfiele.

Das war etwas viel auf einmal, entschuldige. Morgen kürzer. Heute Abend kommt „Let’s Dance“, das schaue ich.

Jetzt ist Freitag, der 20. März, 13:08 Uhr.

Liebe Grüße,

Ursula

 

Von: Stephan Lebert

Datum: Freitag, 20. März 2020 um 18:15

An: Ursula März

Betreff: Re: Auf Sicht fahren

 

Liebe Ursula,

ich bin bisschen enttäuscht. Zügiges Spazieren? Ich hatte schon anderes im Kopf: joggen, schwimmen, Iron Ursula. Aber Spazieren soll ja auch gut sein fürs Denken.

Ich fahre bisher noch jeden Tag für einige Stunden ins Büro, die meisten sind schon weg. Bei uns auf der Etage sind nette Leute, es ist besser, da zu sein als nicht da zu sein. Aber wahrscheinlich wird bald alles dichtgemacht, wenn ein erster Coronafall auftritt. Ich mag das Büro, weil man – wie heute – auch lustige Geschichten erfährt. Ein Kollege von einer anderen Zeitung hat sich krankgemeldet und will sich schnell testen lassen, weil er mit einer Frau aus dem Politikbetrieb in Kontakt war, die positiv getestet wurde. Alle wunderten sich, vor allem seine Ehefrau, dass er diese Frau überhaupt kennt. Und um überhaupt einen Test machen lassen zu können, musste er einräumen, dass er sie viel näher kennt … So was nennt man wohl Kollateralschaden. Es kam zum großen Ehekrach, er wollte ausziehen, aber wohin in diesen Zeiten? Die Hotels haben schon alle zu – und welcher Freund nimmt so jemanden ungetestet bei sich auf? Wahrscheinlich keine guten Zeiten für Affären jeglicher Art.

In jeder Rede sagen Wissenschaftler und Politiker: Bleiben Sie einfach zu Hause! Was denken wohl Obdachlose, wenn sie das hören? Sind ja nicht wenige in einer Stadt wie Berlin. Sollen sich diese Menschen in die Heime verkriechen, um sich dort zu stapeln? Wohl auch keine Lösung. Wenn eine Ausgangssperre in Kraft tritt, was heißt Ausgang für Menschen ohne Wohnsitz?

Eine Frage möchte ich Dir noch zurufen: Wir erleben gerade, wie entscheidend wichtig ein starker Staat ist. Alle schauen auf die Politik: Was macht sie? Macht sie doch hoffentlich bitte das Richtige? Ich finde, die Politiker sind eigentlich ganz überzeugend bislang. Wenn diese Krise irgendwann vorbei und die große Katastrophe ausgeblieben ist: Ist die Rückkehr des starken Staates gut? Die Sehnsucht nach einer starken Hand? Was meinst Du?

Wenn der Shutdown kommt, würde mir am meisten die Möglichkeit fehlen, mich in ein Café zu setzen oder ein Restaurant. Ich liebe das sehr. Dass einem verboten wird rauszugehen, halte ich für ausgeschlossen.

Ich merke übrigens, ich trinke abends mehr Wein als vor der Krise.

Es ist jetzt Freitag, der 20. März, 18:13 Uhr. Heute ist übrigens Frühlingsanfang.

Lieben Gruß,

Stephan

 

Von: Ursula März

Datum: Samstag, 21. März 2020 um 12:47

An: Stephan Lebert

Betreff: Re: Auf Sicht fahren

 

Lieber Stephan,

wir haben einen etwas schwierigen Tag hier und müssen was erfinden, um nicht in so eine Mama-Tochter-Gereiztheit reinzurutschen. Beziehungsweise in eine Zeit zurückzufallen, die für eine erwachsene junge Frau und ihre Mutter längst nicht mehr stimmt. Antonia wollte ja nur für zwei Wochen zu Besuch sein. Die verlängern sich jetzt auf unbestimmte Zeit. Ich weiß: Andere haben es echt dramatischer. Gott sei Dank können wir gut reden. Machen wir jetzt. Ich schreibe später wieder.

Liebe Grüße,

Ursula

Urlaub zuhause

Blick ins Buch
Gebrauchsanweisung fürs DaheimbleibenGebrauchsanweisung fürs Daheimbleiben
Urlaub zu Hause verbringen: Den meisten von uns ist der Gedanke so fremd wie früheren Generationen die Vorstellung einer Auslandsreise. Dabei ist Daheimbleiben kein Bekenntnis zur Langeweile, sondern die Möglichkeit, genau das zu finden, was wir in der Ferne oft vergeblich suchen: uns selbst. Es ist außerdem ein Akt der Rebellion – gegen Jetlags, CO2-Irrsinn und den Irrglauben, der geistige Horizont eines Menschen korreliere mit seinem Meilenkonto. Das beste Rezept gegen Stau ist immer noch, gar nicht erst loszufahren; man muss nur etwas mit sich und seiner Zeit anzufangen wissen. Harriet Köhler zeigt uns, wie wir zu Entdeckern in unserer Stadt werden, zu Weltenbummlern im eigenen Viertel und zu glücklichen Urlaubern in der eigenen Wohnung.

„Na, diese Reise fängt ja vielversprechend an!“

Erzherzog Franz Ferdinand unterwegs nach Sarajewo, als eine Achse seines Salonwagens heiß gelaufen war

LONELY PLANET

Vom Fernweh

„Da, wo du nicht bist, ist das Glück.“

Franz Schubert

Ein Buch über das Daheimbleiben sollte vermutlich nicht ausgerechnet an einem nasskalten Februartag vor einem Reisebüro beginnen, wenn der Winter schon so lang ist, dass man sich nicht mehr an das Gefühl erinnern kann, im T-Shirt durch die Stadt zu laufen, und der Frühling noch so fern, dass man sich kaum vorstellen kann, dass er überhaupt jemals wieder übers Land ziehen wird. Es sollte vielleicht nicht unbedingt an einem Tag beginnen, an dem für jeden, der auch nur ein bisschen Platz für Träume in sich hat, das Fernweh unbezwingbar wird.

Ich lebe in Berlin, einer Stadt, von der ich manchmal scherzhaft behaupte, sie läge nicht im Osten Deutschlands, sondern in Westsibirien. Der Winter hier dauert ungefähr neun Monate, und spätestens im Februar verliere ich regelmäßig den Glauben daran, dass er überhaupt jemals wieder geht. Die Pappeln in meinem Kiez säumen dann den Straßenrand wie eine Armee von Toten; in den von den Nachbarn im Sommer liebevoll gepflegten Baumscheiben beugen sich welke Funkien und Farne; und der Himmel hängt so tief, dass er einem auf die Schultern drückt.

In jenem Februar, in dem mich aus wolkenverhangenem Himmel plötzlich das Fernweh packte, war der Winter besonders grimmig. Oder vielleicht kam er mir auch nur besonders grimmig vor, denn ich hatte gerade einen kleinen Sohn geboren und konnte mich plötzlich nicht mehr einfach so vor der Kälte draußen verkriechen. Unser Baby schlief nämlich nicht, zumindest nicht in seinem Bettchen; obendrein war es oft schon gegen fünf Uhr morgens wach, weshalb ich nicht selten in der Morgendämmerung einen ersten Spaziergang unternahm, bei dem ich zwar erbärmlich fror, es hingegen, dick in Wolle gepackt und gemütlich schuckelnd, endlich, endlich ins Land der Träume glitt.

Ich werde diesen Winter nie vergessen: wie ich über die Rollsplittdünen auf den vereisten Gehwegen stapfte und den Kinderwagen durch die gefrorene Stadt bugsierte, vorbei an tiefgekühlten Hundehaufen, rußpatinierten Schneebergen und vergessenen Weihnachtsbäumen, in denen noch Lamettareste hingen. Ich werde die Kälte nicht vergessen, die ihren Weg noch durch die Maschen meiner dicksten Wollmütze fand. Die jeden meiner Schritte knirschen und jeden meiner Atemzüge einen Augenblick lang weiß in der Luft stehen ließ, ehe er sich in nichts auflöste.

Ich hatte mir in diesem Winter angewöhnt, mir einmal am Tag ein winziges Italiengefühl zu verschaffen und nach meiner morgendlichen Runde auf einen Cappuccino und ein Panino bei der kleinen italienischen Salumeria an der übernächsten Ecke einzukehren. Ich mochte die sizilianische Familie, die den Laden betrieb: Papa Nino, der jeden Morgen kistenweise frisches Gemüse in die Küche trug und die herrlichsten Antipasti wieder herausbrachte; seine Frau Maria, die mir stets einen Extrakeks auf die Untertasse legte; Carmelo und Salvatore, die beiden Söhne, die immer für einen Plausch zu haben waren und die das Baby, das mich regelmäßig an meine Grenzen brachte, jeden Tag aufs Neue mit einer Begeisterung feierten, dass ich mich meiner unglücklichen Gefühle fast ein bisschen schämte.

Doch an diesem Februarmorgen kam ich nicht bis zur Salumeria. Ich wurde aufgehalten: von den braun gebrannten Beinen einer Frau, von einem weißen Sandstrand und türkisfarbenem Wasser.

Direkt neben der Salumeria gibt es ein kleines Reisebüro, dem ich bis dahin keine große Beachtung geschenkt hatte. Ich hatte in meinem ganzen Leben noch nie eine Reise aus dem Katalog gebucht – als ich jünger war, gehörte ich eher zu den Leuten, die einfach ohne Planung losfliegen und dann sehen, wohin der Wind sie trägt; später dann hatte ich meine Reisen stets selbst im Internet zusammenbastelt, war Empfehlungen gefolgt oder einfach dorthin gereist, wohin ich eingeladen war. Reisebüro, das hatte für mich immer ein bisschen nach all-inclusive gerochen, nach reservierten Sonnenliegen und Abendessen vom Büffet.

An diesem Tag im Februar aber stand ich plötzlich vor einem Aufsteller, der für 14 Tage in einem Fünf-Sterne-plus-Resort auf den Malediven warb, inklusive Flug.

14 Tage.

Fünf Sterne plus.

Malediven.

Eigentlich bin ich nicht der Typ für Strandurlaub. Ich finde es unbequem, lange auf einem Handtuch zu liegen, die Sonne ist mir zu heiß, und ich hasse es, mich ständig akribisch eincremen zu müssen. Und die Malediven fand ich als Reiseziel eher befremdlich – wer wollte schon freiwillig 14 Tage auf einer Insel verbringen, die man schneller umrundet hat als die Reichstagskuppel?

Doch jetzt blieb ich stehen, schuckelte den Kinderwagen von Hand weiter und betrachtete die herrliche Bräune der Frau, ihre schlanken Glieder, die sich im warmen Sand rekelten. Ich spürte in meinen Körper hinein: Wann hatte ich meine Beine eigentlich das letzte Mal bewusst gesehen? In den letzten Wochen war ich morgens bloß hastig in die lange Wollunterwäsche geschlüpft und abends in den karierten Flanellpyjama. Den Rest des Tages hatten sie mich mit schnellen Schritten durch die immergrauen Tage getragen, hatten ohne Luft und Tageslicht ihren Dienst verrichtet.

Mein Blick wanderte zum sich in der Ferne erstreckenden Horizont. Das Rauschen des Meeres – ich konnte es beinahe hören. Ich stellte mir vor, wie die glitzernden Wellen alles davonspülen würden: die bleierne Müdigkeit, die beinahe zum Normalzustand geworden war; das Gefühl der Unzulänglichkeit, das mich durch die Tage begleitete; die Kälte, die in den letzten Monaten nie ganz aus meinem Körper gewichen war. Ich stellte mir vor, wie sich meine Zehen in den warmen, feinen Sand krallen würden.

Eigentlich hatten mein Mann und ich erst wenige Wochen zuvor beschlossen, uns in unserem Reiseverhalten einzuschränken. Bis dahin hatten wir zu den Leuten gehört, die eigentlich ständig irgendwohin fuhren: im Sommer zu einer abgeschiedenen Bergpension in Südtirol, nach Korsika oder Marseille, im Frühling nach Palermo oder Palma, im Spätherbst nach Arles, nach Südafrika, nach Namibia. Wir verbrachten Weihnachten in Brügge oder Tallinn, Silvester in einem Haus in der Uckermark, Karneval in Köln, Ostern auf Capri. Wann immer wir mal drei freie Tage hatten, guckten wir, ohne darüber nachzudenken, nach Flügen – weil es irgendwie zum Leben dazugehörte, weil wir Lust darauf hatten und weil wir es uns halbwegs leisten konnten. Wir verreisten, weil wir das Gefühl hatten, dass die Welt uns offenstand und wir sie uns einfach nehmen konnten. Wir reisten, weil es schön war, beim Wiederkommen etwas zum Erzählen zu haben. Und wir reisten auch, weil es gesellschaftlich legitimiert war: Schließlich habe ich von klein auf gelernt, dass Reisen bildet.

Unseren Urlaub einfach zu Hause zu verbringen? Oder auch nur ein paar freie Tage? Auf die Idee wären wir im Leben nicht gekommen.

Nun hatten wir uns jedoch vorgenommen, uns beim Reisen deutlich zu beschränken. Oder zumindest etwas. Nicht, dass wir ganz und gar auf Urlaub verzichten wollten – wir nahmen uns nur vor, nicht mehr anlass- und gedankenlos in den Flieger zu steigen. Wir beschlossen, in Zukunft eingehend zu prüfen, ob eine Reise wirklich nötig war, und dann zu gucken, wie wir möglichst klimaverträglich dorthin kommen würden.

Aber jetzt, an diesem Februartag, an dem es draußen so kalt war, dass an den Fensterscheiben mancher Altbauten Eisblumen blühten, wusste ich plötzlich: Der Ernstfall war eingetreten. Ich musste verreisen, musste fort von hier.

Da war es, das Fernweh.

Fernweh – das Gefühl der Sehnsucht danach, an einem anderen Ort zu sein, kennt wahrscheinlich jeder. Dabei ist der Begriff noch gar nicht besonders alt; in Wörterbüchern tauchte er zum ersten Mal in den Dreißigerjahren des 20. Jahrhunderts auf, als Analogbildung zum viel älteren „Heimweh“. Die Gefühle, die die beiden Begriffe beschreiben, sind eigentlich gar nicht so verschieden; sie richten sich weniger auf einen Ort in der Außenwelt als auf eine innere Empfindung. Wer Heimweh hat, sehnt sich eher nach einem idealisierten Ort als einem realen. Er fühlt sich unbehaust, einsam und vermisst eine Zeit, in der er sich aufgehoben wähnte im Kreise seiner Freunde, seiner Familie. Wer unter Fernweh leidet, wünscht sich nicht einfach woanders hin. Klar: Wir sehnen uns nach den betörenden Gerüchen auf fremden Märkten, der unverständlichen Melodie fremdsprachigen Stimmengewirrs. Wir sehnen uns nach der Unübersichtlichkeit großer Städte, in denen man sich immer ein bisschen lebendiger, schneller, aufmerksamer fühlt. Wir sehnen uns danach, eine menschenleere Landschaft zu überblicken. Aber schon die Tatsache, dass sich das Wort „Fernweh“ durchgesetzt hat und nicht das ältere „Wanderlust“, deutet darauf hin, dass wir eigentlich ein Gefühl der Defizienz damit beschreiben, einen Mangel, einen Schmerz, ein Unbehagen: Wir sehnen uns vor allem nach einem anderen Leben – danach, nicht nur die winterliche Wollunterwäsche, sondern auch den Alltag abzustreifen. Danach, dass sich unter einer fremden Sonne alles auflöst, was uns von uns selbst entfernt, und nur noch übrig bleibt, was wir wirklich sind.

Es gibt bestimmt viele Gründe, warum Menschen ins Auto, in den Zug oder ins Flugzeug steigen und ihre kostbaren Urlaubstage dazu verwenden, an die abwegigsten Orte der Welt zu reisen, in eine gigantomanische Stadt oder an einen ausschließlich von Stechmücken besiedelten finnischen See: Wir haben das Bedürfnis nach Erholung, wollen unseren Horizont erweitern, die Welt sehen. Aber von allen Gründen, die Menschen fürs Reisen haben, ist das Fernweh vermutlich der stärkste. Erholen könnten wir uns ja auch bei einem Spaziergang im Stadtpark und einem anschließenden Bad. Von der Welt sieht man mehr, wenn man sich eine gut fotografierte Reisereportage im Fernsehen anschaut. Unseren Bildungshunger stillt auch ein gutes Buch oder der Besuch einer Sonderausstellung im Museum.

Doch die Sehnsucht danach, an einem anderen Ort etwas anderes zu erleben und dabei unser Alltags-Ich abzustreifen – die können wir nicht beiseitefegen. Für viele Menschen ist es ein echtes Bedürfnis: das Fremde zu entdecken, das schließlich auch in uns haust. Unsere deutsche Kartoffeligkeit hinter uns zu lassen. Unsere Korrektheit und Penibilität und Funktionskleidungsmentalität. Kein Wunder, dass wir uns grämen, wenn wir im Urlaub von Touristen umzingelt werden, die unsere Metamorphose ständig stören, weil sie uns immer wieder ins Gedächtnis rufen, wer wir eigentlich sind!

Steckt nicht in jeder von uns der Glamour einer Pariserin? Wir müssten nur durchs Marais flanieren. Sind wir nicht eigentlich großstädtische Kosmopoliten? Auf nach New York! Und wie herrlich es mal wieder wäre, seinen sizilianischen Stolz und seine Lässigkeit herauszukehren – man müsste nur nach Palermo fliegen und dort auf einer Terrasse mit Blick aufs Meer ein Glas sizilianischen Weißweins trinken!

Verbarg sich nicht auch in mir, der übernächtigten Mutti im dicken Daunenparka, noch ein anderer Mensch? Der Mensch, der ich früher einmal gewesen war? Einer, der gelassener, eleganter, interessanter, klüger, abenteuerlustiger, präsentabler, einfach irgendwie besser war als die Frau, der das Babyschuckeln so sehr in Fleisch- und Blut übergegangen war, dass sie abends, wenn das Baby im Bett war, auf dem Küchenstuhl weiterwippte wie eine Hospitalismuspatientin? Die Frau, die ich wirklich war?

Das Reisebüro habe ich dann natürlich nicht betreten, so viel Individualreisendenehre hatte ich auch nach der Geburt meines ersten Kindes noch im Leib. Doch die Sehnsucht verging nicht so einfach. Mir fiel ein Artikel in einem englischsprachigen Magazin ein, den ich ein paar Wochen zuvor gelesen hatte – zum Glück fand ich das Heft noch, es war sogar noch an der richtigen Stelle aufgeschlagen. Der Text handelte von einer Region im Südwesten Portugals, zwischen Lissabon und Algarve, die vom Tourismus noch kaum erschlossen war, dafür jedoch mit spektakulären Stränden und großartigen Fischlokalen aufwarten konnte, mit rauer, unberührter Landschaft und einfachen Steinhäusern. Ich klappte meinen Laptop auf und googelte ihren Namen: Alentejo.

Eigentlich hatten wir uns ja vorgenommen, nach Möglichkeit nicht mehr zu fliegen, aber mit dem Zug nach Portugal, noch dazu mit einem Säugling – das war natürlich Quatsch. Die Fotos, die nun auf dem Monitor erschienen, von steilen Klippen und dem schäumenden Ozean, verwandelten das in mir lodernde Fernweh in eine Feuersbrunst, die alle meine Bedenken mit flammender Zunge fraß. Ich rief meinen Mann an, der von der Idee begeistert war und mir einen Zeitraum im Sommer nannte, an dem sich die Reise für ihn gut einrichten ließe. Bis dahin war es zwar noch eine ganze Weile, aber, so frohlockten wir, das bedeutete auch, dass das Baby dann bestimmt aus dem Gröbsten raus sein würde.

Bei Airbnb entdeckte ich ein winziges Ferienhaus, ein altes Gebäude, das einmal zu einer Mühle gehört hatte und von einem Architekten modern-schlicht umgebaut worden war – mit bodentiefen Fenstern und altmodischen Zementfliesen, wie sie damals in Berlin jeder haben wollte. Es gehörte zu einem Estate mit mehreren anderen Ferienhäuschen, die wie zufällig über ein kleines Flusstal versprenkelt waren; unten am Fluss gab es ein schattiges, mit Teppichen und Sofas ausgestattetes marokkanisches Zelt und ein Kanu, das man sich ausleihen konnte. Jeden Tag, so versprachen es die Vermieter, würde uns morgens frisches Brot gebracht, einmal die Woche käme eine Yogalehrerin an den zum Anwesen gehörenden Pool, bis zum fantastischen, kinderfreundlichen Sandstrand waren es nur ein paar Kilometer.

Eine Yogastunde am Pool – das kam mir, die ich es in den letzten Monaten nur mit Mühe und Not zum Rückbildungskurs geschafft hatte, vor wie ein Heilsversprechen. Ich buchte drei Flüge nach Faro, einen Mietwagen und kompensierte, so viel Umweltbewusstsein hatten wir dann doch noch, bei Atmosfair die 1,7 Tonnen CO2, die wir dabei in die Luft pusten würden. Bei einer Reisebuchhandlung in der Nähe kaufte ich einen dicken Reiseführer, in dem ich immer mal wieder blätterte. Wenn mir langweilig war, klickte ich mich durch die Badebekleidungssortimente der großen Onlinehändler.

Immer noch schob ich im dicken Daunenparka Tag für Tag den Kinderwagen über verschneite Gehwege. Aber allein die Aussicht auf unsere geplante Reise führte dazu, dass mir mein Leben nicht mehr ganz so beengt vorkam und der Himmel über Berlin nicht mehr ganz so grau und grimmig. Manchmal, während ich eine besonders stille Sackgasse auf- und abmarschierte, malte ich mir aus, wie es sein würde, wenn ich das Flugzeug betrat: auf dem Arm das Baby, das jetzt noch ein schreiendes Bündel war, im Sommer aber vielleicht schon laufen können würde. Ich stellte mir vor, wie wir in unseren Mietwagen stiegen und die Küste entlang zu unserem hübschen Häuschen fahren würden. Ich spürte bereits die portugiesische Sonne auf der Haut und schon einen Augenblick später die erquickende Brandung des Atlantiks, der sich glitzernd auf einem Körper brach, der dann schon wieder mir gehören würde.

Enttäuschte Erwartungen

„Unter Wasser geht das Land weiter.“

Ludwig Fels

Als ich ein paar Tage nach unserer Rückkehr aus Portugal die Nachbarin aus der Wohnung gegenüber im Treppenhaus traf und sie sich erkundigte, wie unser Urlaub gewesen sei, erzählte ich von einem stillen, grünen Tal, durch das sich ein flüsternder, dunkler Fluss schlängelte, und von der Stelle, an der das Tal sich plötzlich zu einem weiten, weißen Sandstrand öffnete und sich in einer verschwenderischen Mündung mit dem Atlantik vermählte. Ich erzählte vom fangfrischen Fisch in einem ganz einfachen Restaurant an einer Landstraße, von Serpentinenstraßen in einer kargen, bergigen Landschaft, von Männern mit gegerbten Gesichtern, die mit Strohhut und Spitzhacke auf ihrem kleinen Stück Ackerland standen und in der Gluthitze der portugiesischen Nachmittagssonne versuchten, der dürren Erde etwas abzuringen. Ich erzählte vom schlichten, aber köstlichen Abendessen auf unserer Veranda und der flirrenden Hitze über der Terrasse am Pool, von der aus man einen Blick übers ganze Tal hatte. Und weil der Mann unserer Nachbarin Weinliebhaber war, hängte ich auch noch einen Exkurs über die fantastischen portugiesischen Weißweine an, von deren Qualität kaum jemand in Deutschland wusste und die man vor Ort selbst im Supermarkt in exzellenter Qualität bekam.

Nachdem ich in den Monaten zuvor fast ausschließlich über Babyschlaf, Babyzubehör und Babybrei gesprochen hatte, hörte mich fast wieder an wie ein richtiger Mensch. Ich hörte mich an wie eine Frau, die bereit war, ins Berufsleben zurückzukehren, abends auszugehen und nicht mehr ausschließlich mit Leuten zu verkehren, die ebenfalls Kinder hatten.

Ich hörte mich fast wieder an wie ich selbst.

Und log ich etwa? Natürlich nicht. Alles, was ich meiner Nachbarin erzählte, stimmte. Es war ein wunderbarer Urlaub gewesen. Portugal war toll, das Alentejo einer der schönsten Landstriche, in denen ich je gewesen war.

Und doch erzählte ich nur ein Teil der Wahrheit.

Ich erzählte jenen Teil der Wahrheit, der sich – weil unser Hirn dazu neigt, Erwartung und Realität in Einklang zu bringen, weshalb uns der Wein im Urlaub stets besser zu schmecken scheint und wir schwören könnten, dass das teure Ariel besser wäscht als das billige Tandil – aus der Vielzahl der Eindrücke durchgesetzt hatte. Jener Teil, der zu meiner Erinnerung geworden war.

Angela Merkel hat mal gesagt, sie möge an Deutschland besonders gern, dass die Fenster so schön schließen. Ich hatte immer über diesen Satz gelacht, aber in dem südportugiesischen Flusstal begriff ich, was sie damit meinte.

Denn die Wahrheit über unsere Reise ins Alentejo war auch: Das vermeintliche Architektenhaus wirkte wie von einem Hobbyhandwerker zusammengeschraubt. Die Küchenausstattung beschränkte sich auf zwei Herdplatten und eine Nespressomaschine; es gab keine brauchbaren Pfannen oder Messer, die Türen schlossen nicht richtig, und abends hatte man die Wahl zwischen greller LED-Beleuchtung, dem funzeligen Schein einer Stumpenkerze und kompletter Dunkelheit. Wenn man im feuchtkalten Schlafzimmer die Matratze des Bettes anhob, schlug einem der Geruch von Schimmel entgegen. Am Esstisch konnte man nur auf unbequemen Hockern sitzen, die umfielen, wenn man sich nur ein bisschen zu weit nach hinten lehnte.

Ohne Kind wäre das alles nicht weiter tragisch gewesen. Wir wären abends ins Restaurant gegangen und anschließend müde ins Bett gefallen und hätten uns um die Details unserer Behausung nicht weiter gekümmert. So aber versuchten wir Abend für Abend aus den sehr mäßigen Zutaten, die es im fast zwanzig Kilometer entfernten Supermarkt zu kaufen gab, ein brauchbares Essen zusammenzurühren, das wir dann auf Zehenspitzen auf die unbeleuchtete Terrasse trugen und im Schein einer Grabkerze einnahmen, weil die Tür zum Schlafzimmer nicht richtig schloss und wir panische Angst hatten, unseren Sohn zu wecken. Der war nämlich in den letzten Monaten erst so richtig ins Gröbste hineingeraten und schlief nun überhaupt nicht mehr (und wir in Folge auch nicht). Wir betranken uns mit tatsächlich großartigem Wein, allerdings aus bunten, eisbecherförmigen Gläsern. Wir ließen uns von den Mücken zerstechen, die Abend für Abend als gigantisches Geschwader aus der saftigen Vegetation am Fluss stiegen und sich auf uns stürzten. Wir redeten nur leise und hielten jedes Mal den Atem an, wenn auch nur das verhaltenste Knacksen aus dem Babyphone drang.

Das waren die Nächte. Die Tage verbrachten wir zu großen Teilen im Auto, weil das der einzige Ort war, an dem sich unser Sohn hin und wieder zu einem Nickerchen hinreißen ließ. Während wir fuhren, schwiegen wir, zum einen, weil wir befürchteten, das Kind zu wecken, zum anderen, weil wir uns in diesen Tagen über alles Mögliche stritten und nicht sonderlich wild darauf waren, überhaupt miteinander zu reden. Dass wir so schlecht drauf waren, lag nicht in erster Linie am Schlafmangel und auch nicht am anstrengenden Baby, sondern vor allem daran, dass wir merkten, dass wir durch einen bloßen Ortswechsel doch keine anderen Menschen geworden waren. Das, was sich in Berlin noch angefühlt hatte wie Urlaubsbedürftigkeit und Erschöpfung, fiel nicht plötzlich von uns ab, bloß weil wir im Urlaub waren. Was hatten wir uns nur von dieser Reise versprochen? Wir waren Mutter und Vater geworden und würden es auch bleiben, egal wohin wir flüchteten. Wir konnten unsere neuen Rollen nicht abschütteln, ob wir nun in Belize, Barcelona oder Berlin waren. Unser Leben hatte sich verändert, wir mussten es neu justieren, es ließ sich nicht einfach so abstreifen wie ein Winterparka.

Wer in die Fremde fährt, findet sich dort nicht, sondern hat sich selbst im Gepäck – das hätten wir eigentlich wissen müssen. Wer hat noch nie die Erfahrung gemacht, dass er in einem abgeschiedenen Ferienhaus Büroprobleme wälzt? Wer saß noch nie im Wellnessbereich eines fernen Hotels, zu gestresst, um seine Behandlung auch nur ansatzweise zu genießen? Wer hat noch nie erlebt, dass eine vermeintlich große Liebe dem Härtetest des ersten gemeinsamen Urlaubs nicht standhält? Wir entkommen uns nicht, egal wie weit wir wegfahren. Warum nur erhoffen wir uns genau das dann doch immer wieder? Warum bleiben wir nicht einfach zu Hause und machen das Beste aus dem, was wir sind?

Die Reise nach Portugal steckte mir noch lange in den Gliedern, auch als ich längst einen Termin mit einer Schlafberaterin in Berlin-Mitte vereinbart hatte und plötzlich süße, lange Nächte durchschlief. Sie steckte mir noch in den Gliedern, als mein Mann und ich uns längst wieder zusammengerauft und begriffen hatten, dass wir uns unglücklich machen würden, wenn wir mit den engen Grenzen haderten, die einem so ein Kleinkind setzt; dass wir annehmen mussten, was uns das Leben gebracht hatte, anstatt ständig dagegen anzukämpfen. Ich verspürte ihre Nachwirkungen sogar noch während der Kita-Eingewöhnung unseres Sohnes, als die zarte Urlaubsbräune auf meinem Gesicht längst verblasst war. Eigentlich verstrich sie erst, als ich endlich einmal dazu kam, die Urlaubsfotos, die ich mit meiner Kamera gemacht hatte, auf meinen Laptop zu überspielen, wo ich sie leicht bearbeitete – und beim Durchblättern plötzlich die Empfindung hatte, dass es doch ein ziemlich schöner Urlaub gewesen war. Die Bilder, die ich vom Flusstal gemacht hatte, waren herrlich. Das Ferienhaus: wunderschön mit seinen großen Fenstern und alten Kacheln. So niedlich: das vergnügt an einer Fritte nuckelnde Baby. Spektakulär: der Atlantikstrand.

 

Wenn eine Pandemie die Welt verändert

1918 – Die Welt im Fieber

Wie die Spanische Grippe die Gesellschaft veränderte

Der Erste Weltkrieg geht zu Ende, und eine weitere Katastrophe fordert viele Millionen Tote: die Spanische Grippe. Binnen weniger Wochen erkrankt ein Drittel der Weltbevölkerung. Trotzdem sind die Auswirkungen auf Gesellschaft, Politik und Kultur weitgehend unbekannt. Ob in Europa, Asien oder Afrika, an vielen Orten brachte die Grippe die Machtverhältnisse ins Wanken, womöglich beeinflusste sie die Verhandlung des Versailler Vertrags und verursachte Modernisierungsbewegungen. Anhand von Schicksalen auf der ganzen Welt öffnet Laura Spinney das Panorama dieser Epoche. Sie füllt eine klaffende Lücke in der Geschichtsschreibung und erlaubt einen völlig neuen Blick auf das Schicksalsjahr 1918.
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Lungenentzündungen mit Hilfe der richtigen Atemtechnik bekämpfen

Blick ins Buch
Breath - AtemBreath - Atem

Neues Wissen über die vergessene Kunst des Atmens

Unsere Atmung kann uns helfen abzunehmen, unseren allgemeinen Gesundheitszustand positiv beeinflussen und sogar unser Leben verlängern. Wer richtig atmet, ist selbstbewusster und kann sich besser fokussieren. Egal, was wir essen, wie viel Sport wir machen, wie gut unsere Gene sind, wie schlank oder jung wir sind - nichts davon spielt eine Rolle, wenn wir falsch atmen. Dieses Buch will uns die verlorene Kunst des guten Atmens wieder näherbringen. James Nestor trifft Spitzenwissenschaftler in Harvard und studiert die Auswirkungen von Atembeschwerden. Er bringt uns das Wissen von Schwimmtrainern ebenso nahe wie das von indischen Mystikern und strengen russischen Kardiologen, um zu zeigen, was die Atmung in unserem Körper auslösen kann.

Einleitung

Es sah aus wie ein Haus in Amityville: Von den Wänden blätterte die Farbe, die Fenster waren staubig, das Mondlicht warf drohende Schatten. Ich ging durch ein Tor, eine knarrende Freitreppe hinauf und klopfte.
Die Tür öffnete sich, eine Frau in den Dreißigern mit buschigen Augenbrauen und übergroßen weißen Zähnen bat mich herein. Ich musste die Schuhe ausziehen, dann geleitete sie mich in ein riesiges Wohnzimmer mit himmelblauer Decke, die mit weißen Wölkchen bemalt war. Ich setzte mich neben ein Fenster, das im Wind klapperte, und schaute im Licht der gelbsüchtigen Straßenlampen zu, wie die anderen hereinkamen. Ein Mann mit Augen wie ein Häftling. Ein streng dreinblickender Typ mit Jerry-Lewis-Koteletten. Eine Blondine mit einem unsymmetrisch platzierten Bindi auf der Stirn. Das gedämpfte Geräusch von Fußtritten und geflüsterten Hallos wurde überlagert von einem die Straße entlangrumpelnden Lkw; aus der Fahrerkabine dröhnte Paper Planes, die unentrinnbare Hymne des Tages. Ich legte den Gürtel ab, öffnete den Knopf am Bund der Jeans und setzte mich zurecht.
Ich war auf Empfehlung meines Arztes hier, der mir gesagt hatte: „Ein Atemtechnikkurs würde Ihnen guttun.“ Ich sollte meine versagenden Lungen stärken, mein zerfahrenes Gemüt beruhigen, vielleicht eine neue Perspektive gewinnen.
Mir ging es schon seit Monaten ziemlich schlecht. Ich hielt den Druck der Arbeit nicht mehr aus, und mein 130 Jahre altes Haus fiel auseinander. Ich hatte mich gerade von einer Lungenentzündung erholt. Im letzten Jahr hatte ich ebenfalls eine gehabt. Und im Jahr davor. Ich verbrachte die meiste Zeit zu Hause, keuchte vor mich hin, arbeitete und aß drei Mahlzeiten am Tag aus derselben Schüssel – auf dem Sofa, über wochenalte Zeitungen gebeugt. Ich war in einer Routine gefangen – körperlich, geistig und auch sonst. Nachdem ich einige Monate so dahinvegetiert hatte, befolgte ich den Rat des Arztes und meldete mich für einen Einführungskurs in einer Atemtechnik namens Sudarshan Kriya an.
Um 19 Uhr schloss die Frau mit den buschigen Augenbrauen die Haustür ab, setzte sich in die Mitte der Gruppe, legte eine Audiokassette in einen alten Gettoblaster und drückte die Play-Taste. Über dem Zischen der Grundfrequenz hörte man eine Männerstimme mit indischem Akzent. Die Stimme klang hoch, leiernd und unnatürlich melodiös; unweigerlich dachte ich an eine Comicfigur. Sie wies uns an, langsam durch die Nase einzuatmen und dann langsam wieder auszuatmen. Uns auf den Atem zu konzentrieren.
Wir atmeten ein paar Minuten lang nach Anweisung. Ich griff mir eine Decke aus einem Stapel und wickelte sie mir um die Beine, um meine besockten Füße vor der Zugluft des undichten Fensters zu schützen. Ich atmete und atmete, aber nichts geschah. Keine Gelassenheit überkam mich, keine Anspannung wich aus meinen verkrampften Muskeln. Nichts.
Zehn Minuten vergingen, vielleicht auch zwanzig. Ich begann mich zu ärgern und bereute schon, dass ich einen Abend damit verschwendete, auf dem Fußboden einer viktorianischen Bruchbude staubige Luft zu atmen. Ich öffnete die Augen und schaute mich um. Alle schauten ernüchtert und gelangweilt drein. Der mit den Häftlingsaugen schien zu schlafen. Jerry Lewis sah aus, als machte er sich in die Hose. Die Bindi-Frau saß erstarrt da und grinste wie ein Honigkuchenpferd. Ich überlegte, ob ich einfach gehen sollte, aber das kam mir unhöflich vor. Die Sitzung war kostenlos, die Kursleiterin war eine Freiwillige. Es gehörte sich, dass ich ihre Wohltätigkeit respektierte. Also schloss ich wieder die Augen, wickelte die Decke fester um mich und atmete weiter ein und aus.
Dann geschah etwas, auch wenn ich mir gar keiner Verwandlung bewusst war. Ich spürte keine Entspannung, der Schwarm nervtötender Gedanken verschwand nicht aus meinem Kopf. Aber es war, als wäre ich von einem Ort weg an einen anderen versetzt worden, und zwar übergangslos.
Die Kassette war zu Ende. Ich öffnete die Augen. Auf meinem Kopf spürte ich etwas Nasses. Ich hob die Hand, um es abzuwischen, und merkte, dass mein Haar triefnass war. Ich wischte mit der Hand übers Gesicht, spürte das Brennen von Schweiß in den Augen und schmeckte Salz. Ich schaute an mir hinunter und sah Schweißflecken auf Pullover und Jeans. Im Zimmer herrschten vielleicht 20 Grad, unter dem zugigen Fenster war es noch um einiges kühler. Alle trugen Jacken und Kapuzensweatshirts, um sich warm zu halten. Aber ich hatte meine Sachen unerklärlicherweise nass geschwitzt wie bei einem Marathonlauf.
Die Kursleiterin kam zu mir und fragte, ob alles in Ordnung sei, ob ich mich krank fühlte oder Fieber hätte. Ich antwortete, es gehe mir gut. Dann sagte sie etwas über Körperwärme und wie jedes Einatmen uns mit neuer Energie versorge und jedes Ausatmen alte, verbrauchte Energie freisetze. Ich versuchte, das zu verstehen, konnte mich aber nur schlecht konzentrieren. Mir ging dauernd im Kopf herum, wie ich in meinen durchweichten Sachen auf dem Fahrrad die fünf Kilometer von Haight-Ashbury nach Hause überstehen sollte.
Am nächsten Tag ging es mir sogar noch besser. Ich spürte tatsächlich die versprochene Ruhe und Gelassenheit in mir, die ich schon lange nicht mehr kannte. Ich schlief gut. Die kleinen Alltagsprobleme machten mir nicht mehr so zu schaffen. Meine Schultern- und Nackenmuskeln waren nicht mehr verspannt. Dieser Zustand hielt einige Tage an, bevor er langsam nachließ.
Was genau war da geschehen? Wie kann es zu einer so tiefgreifenden Reaktion kommen, wenn man sich eine Stunde lang in einem schäbigen Haus mit gekreuzten Beinen auf den Boden setzt und ein- und ausatmet?
Ich besuchte auch die nächste Sitzung des Atemtechnikkurses: wieder dasselbe Erlebnis, diesmal aber mit weniger Schweiß. Meiner Familie und den Freunden erzählte ich nichts davon, aber ich gab mir Mühe, zu verstehen, was geschehen war, und verbrachte schließlich mehrere Jahre damit, es herauszubekommen.

Während dieser folgenden Jahre reparierte ich mein Haus, riss mich zusammen und fand aus meiner erstarrten Routine heraus. Und ich entdeckte eine mögliche Antwort auf meine Fragen zur Atmung. Ich fuhr nach Griechenland, um eine Geschichte über das Apnoetauchen zu schreiben – die uralte Kunst, mit angehaltenem Atem Dutzende Meter tief zu tauchen. Zwischen den Tauchgängen befragte ich Dutzende Experten und hoffte, so eine Anschauung ihrer Technik und ihrer Beweggründe zu gewinnen. Ich wollte wissen, wie diese äußerlich unauffälligen Menschen – Programmierer, Werbeagenturmanager, Biologen, Ärzte – es schafften, ihren Körper so zu trainieren, dass er zwölf Minuten am Stück ohne Luft auskam, und dabei Tiefen erreichten, die die Wissenschaft vor einigen Jahren noch für unmöglich hielt.
Die meisten Leute, die im Schwimmbad zu tauchen versuchen, geben bei drei Meter Tiefe nach wenigen Sekunden auf, weil die Ohren heftig schmerzen. Die Apnoetaucher erzählten mir, sie hätten auch so angefangen. Ihre Verwandlung war reine Übungsleistung; sie hatten ihre Lungen gezwungen, härter zu arbeiten und ihre schlummernden Fähigkeiten zu nutzen, die wir anderen ignorieren. Sie bestanden darauf, dass sie nichts Besonderes seien. Jeder einigermaßen gesunde Mensch, der bereit sei, die Trainingszeit zu investieren, könne 30, 60, sogar 100 Meter tief tauchen. Es komme nicht aufs Alter, aufs Körpergewicht oder die erblichen Voraussetzungen an. Apnoetauchen, sagten sie, erfordere nichts weiter, als die Kunst des Atmens zu beherrschen.
Für sie war das Atmen keine unbewusste Handlung – nichts, das einfach so ablief. Es war eine Kraft, eine Arznei und ein Mechanismus, durch den sie fast übermenschliche Macht gewinnen konnten.
Eine Ausbilderin, die einmal über acht Minuten lang die Luft angehalten und einmal tiefer als 100 Meter getaucht war, sagte: „Es gibt so viele Arten des Atmens, wie es Nahrungsmittel gibt. Und jede Atemtechnik wirkt sich anders auf den Körper aus.“ Ein anderer Taucher erklärte mir, dass manche Atemtechniken das Gehirn mit Nährstoffen versorgen, während andere die Neuronen abtöten; dass manche gesund sind, andere aber das Leben verkürzen.
Sie erzählten verrückte Geschichten, wie sie durch besonderes Atmen die Ausdehnung ihrer Lungen um mehr als 30 Prozent vergrößert hatten. Sie berichteten von einem indischen Arzt, der mehrere Pfund Gewicht verloren hatte, indem er einfach anders einatmete, und von einem anderen Mann, der sich das bakterielle Endotoxin E. coli injizieren ließ und in einem rhythmischen Muster atmete, das sein Immunsystem stimulierte und so die giftigen Bakterien in wenigen Minuten vernichtete. Sie erzählten von Frauen, die ihren Krebs in Remission geschickt hatten, und von Mönchen, die mit ihrem nackten Körper über Stunden hinweg den Schnee im Umkreis zum Schmelzen brachten. Das klang alles absurd.
Wenn ich bei meinen Unterwasserrecherchen ein bisschen Freizeit hatte, meistens spätabends, arbeitete ich mich durch Stapel von Literatur zu diesem Thema. Sicher hatte sich doch die Forschung mit den Wirkungen des bewussten Atmens auf Landratten befasst? Irgendwo musste es doch Belege für die fantastischen Geschichten der Apnoetaucher über Atemtechniken zum Abnehmen, für mehr Gesundheit und Langlebigkeit geben?
Ich fand genug Material, um eine Bibliothek zu füllen – allerdings waren die Quellen allesamt Hunderte, teils Tausende Jahre alt.
Sieben Bücher des chinesischen Tao, die auf etwa 400 v. Chr. datiert werden, befassen sich ausschließlich mit dem Atmen – wie es uns tötet oder heilt, je nachdem, wie man es einsetzt. Diese Manuskripte enthielten genaue Anweisungen, wie man den Atem reguliert, verlangsamt, anhält und hinunterschluckt. Die Hindus hielten in noch früheren Zeiten Atem und Geist für identisch und schilderten aufwendige Verfahren, um die Atmung ins Gleichgewicht zu bringen und körperlich und geistig gesund zu bleiben. Es folgten die Buddhisten, die mit der Atemtechnik nicht nur ihr Leben verlängern, sondern höhere Bewusstseinsstufen erreichen wollten. Für alle diese Menschen und Kulturen war das Atmen starke Medizin.
„Daher wird der Gelehrte, der sein Leben nähren will, die Form verfeinern und seinen Atem nähren. Ist dies nicht offenbar?“, heißt es in einem alten Tao-Text.
So offenbar ist es wohl nicht. Ich schaute mich nach einer Bestätigung dieser Behauptungen in der neueren pulmonologischen Forschung um. Die Pulmonologie befasst sich innerhalb der Medizin mit Lungen und Atemwegen. Ich fand so gut wie nichts. Die Atemtechnik, so hieß es höchstens, sei nicht wichtig. Viele Ärzte, Forscher und Wissenschaftler, die ich befragte, bestätigten diese Haltung: 20-mal pro Minute, 10-mal durch den Mund, die Nase oder einen Tubus, egal. Wichtig ist, Luft in die Lungen zu bekommen – der Körper erledigt den Rest.
Um eine Vorstellung zu bekommen, wie die moderne Medizin das Atmen betrachtet, müssen Sie nur an Ihre letzte Vorsorgeuntersuchung denken. Der Arzt hat wahrscheinlich Blutdruck, Pulsfrequenz und Temperatur gemessen und Ihnen ein Stethoskop auf die Brust gedrückt, um den Zustand von Herz und Lunge zu prüfen. Vielleicht hat er mit Ihnen über Ernährung, Vitaminzufuhr, Arbeitsstress gesprochen. Irgendwelche Verdauungsbeschwerden? Schlafprobleme? Werden die Pollenallergien schlimmer? Asthma? Was machen Ihre Kopfschmerzen?
Er wird aber kaum Ihre Atemfrequenz gemessen haben oder das Gleichgewicht von Sauerstoff und Kohlendioxid im Blutkreislauf. Wie Sie atmen und welche Qualität die einzelnen Atemzüge haben, stand nicht zur Debatte.
Wenn die Apnoetaucher und die alten Texte jedoch recht haben, hängt alles davon ab, wie wir atmen. Wie kann etwas gleichzeitig so wichtig und unwichtig sein?

Ich grub weiter, und langsam schälte sich eine Geschichte heraus. Wie ich feststellte, war ich nicht der Einzige, der in letzter Zeit diese Fragen stellte. Während ich Texte durchging und Apnoetaucher und Superatmer befragte, waren Forscher an den Universitäten Harvard und Stanford und anderen angesehenen Institutionen gerade dabei, einige der fantastischsten Geschichten, die ich zu hören bekam, zu bestätigen. Aber das geschah nicht etwa in den Labors der Pulmonologie. Pulmonologen, so erfuhr ich, befassen sich hauptsächlich mit spezifischen Lungenkrankheiten – Kollaps, Krebs, Emphysem. „Wir sind für die Notfälle zuständig. So funktioniert das System“, erklärte mir ein erfahrener Vertreter des Fachs.
Nein, diese grundsätzliche Atemforschung spielt sich anderswo ab: in den schlammigen Ausgrabungsstätten antiker Gräber, den Behandlungsstühlen von Zahnarztpraxen und den Gummizellen psychiatrischer Krankenhäuser. Nicht gerade Orte, an denen man Spitzenforschung zu einer grundlegenden Lebensfunktion erwarten würde.
Wenige dieser Forscher hatten sich ursprünglich mit Atmung befassen wollen, aber sie stellten fest, dass sie es nicht vermeiden konnten. Sie fanden heraus, dass unsere Atemfähigkeit sich im Laufe der langen menschlichen Evolutionsgeschichte verändert und unsere Atemtechnik sich seit Beginn des Industriezeitalters beträchtlich verschlechtert hat. Sie entdeckten, dass 90 Prozent der Menschen – darunter sehr wahrscheinlich ich, Sie und fast jeder, den Sie kennen – falsch atmen und dass dieser Fehler eine lange Liste chronischer Krankheiten entweder verursacht oder verschlimmert.
Immerhin nicht ganz so deprimierend ist, dass einige dieser Forscher auch zeigen konnten, wie viele moderne Krankheiten – Asthma, Angstzustände, Aufmerksamkeitsdefizit, Hyperaktivität, Schuppenflechte und andere – gemildert oder sogar überwunden werden können, wenn man nur lernt, anders ein- und auszuatmen.
Diese Ergebnisse stellten traditionelle Annahmen in der westlichen Medizin auf den Kopf. Doch, Atmen in verschiedenen Rhythmen kann wirklich unser Körpergewicht und die Gesundheit insgesamt beeinflussen. Doch, unsere Atemtechnik verändert wirklich Größe und Funktion der Lungen. Doch, mit Atemübungen können wir unser Nervensystem bewusst beeinflussen, unsere Immunreaktionen kontrollieren und unsere Gesundheit verbessern. Doch, eine veränderte Atmung verlängert das Leben.
Wie sehr wir auch auf die Ernährung achten, wie viel Sport wir treiben, wie widerstandsfähig unsere Gene sein mögen, wie schlank, jung und klug wir auch sind – das alles hilft nichts, solange wir nicht richtig atmen. Das haben diese Forscher herausgefunden. Der fehlende Stützpfeiler der Gesundheit ist die Atmung. Sie steht am Anfang.

Das vorliegende Buch ist eine wissenschaftliche Abenteuerreise zur verlorenen Kunst und Technik des Atmens. Es erforscht die Verwandlung, die alle 3,3 Sekunden in unserem Körper stattfindet – so lange braucht der Durchschnittsmensch für einen Atemzug. Es erklärt, wie die Milliarden und Abermilliarden Moleküle, die man mit jedem Einatmen in seinen Körper holt, Knochen, Muskelscheiden, Blut, Gehirn und Organe aufbauen, und die neuen Erkenntnisse, wie diese mikroskopisch kleinen Bausteine Gesundheit und Zufriedenheit jedes Einzelnen morgen, nächste Woche, nächsten Monat, nächstes Jahr und die nächsten Jahrzehnte beeinflussen.
Ich spreche von einer „verlorenen Kunst“, weil viele dieser neuen Erkenntnisse so neu gar nicht sind. Die meisten Methoden, mit denen ich mich im Folgenden befasse, gibt es seit Hunderten, manchmal Tausenden von Jahren. Sie wurden in einer anderen Kultur zu einer anderen Zeit geschaffen, beschrieben, vergessen und entdeckt, um wieder vergessen zu werden. Das ging jahrhundertelang so.
Viele Pioniere dieses Fachgebiets waren keine Wissenschaftler. Sie waren Bastler, eine Gruppe unabhängiger Geister, die ich „Pulmonauten“ nenne und die über die Kraft des Atmens stolperten, weil ihnen nichts sonst mehr half. Sie waren Feldarzt im Amerikanischen Bürgerkrieg, französischer Friseur, anarchistischer Opernsänger, indischer Mystiker, reizbarer Schwimmtrainer, streng dreinblickender ukrainischer Kardiologe, tschechischer Olympiateilnehmer oder Chorleiter aus North Carolina.
Wenige dieser Pulmonauten haben zu Lebzeiten viel Ruhm oder Respekt geerntet, und mit ihnen wurden auch ihre Forschungsergebnisse begraben und zerstreut. Noch faszinierender war es, zu erfahren, dass ihre Methoden in den letzten Jahren wiederentdeckt, wissenschaftlich erforscht und bewiesen wurden. Die Früchte dieser ehemals abseitigen, oft vergessenen Forschungen bestimmen jetzt das Potenzial des menschlichen Körpers neu.

Aber wieso soll ich denn atmen lernen? Ich atme schon mein ganzes Leben lang.
Diese Frage, die Sie sich jetzt vielleicht gerade stellen, begegnet mir seit dem Beginn meiner Recherchen immer wieder. Wir nehmen einfach an, Atmen sei eine passive Tätigkeit – etwas, das halt zum Leben gehört: Solange man atmet, lebt man; wenn man aufhört, stirbt man. Aber Atmen ist nicht binär, und je mehr ich mich mit dem Thema befasste, desto mehr wurde es mir zum persönlichen Anliegen, diese grundlegende Erkenntnis weiterzugeben.
Wie die meisten Erwachsenen habe ich schon einen Haufen Atemwegserkrankungen durchgemacht. Das hat mich damals auch in den Atemtechnikkurs geführt. Und wie die meisten Menschen merkte ich, dass kein Antiallergen, Inhalator oder Vitaminpräparat und keine Diät besonders viel bewirken. Heilung – und noch weit mehr als Heilung – fand ich erst durch eine neue Generation von Pulmonauten.
Der durchschnittliche Leser braucht ungefähr 10 000 Atemzüge, um dieses Buch ganz durchzulesen. Wenn ich meine Sache gut gemacht habe, werden Sie von jetzt an mit jedem dieser Atemzüge ein vertieftes Verständnis des Atmens gewinnen und lernen, wie man es am besten anfängt. Ob 20-mal oder 10-mal pro Minute, ob durch Mund, Nase, Luftröhrenschnitt oder Beatmungsschlauch, ist eben nicht dasselbe. Es ist wichtig, wie man atmet.
Beim 1000. Atemzug werden Sie wissen, wieso der moderne Mensch die einzige Tierart mit chronisch schiefen Zähnen ist und was das für die Atmung bedeutet. Sie werden erfahren, wie unsere Atemfähigkeit im Laufe der menschlichen Entwicklung abgenommen hat und warum der Urmensch nicht geschnarcht hat. Sie werden zwei Männern mittleren Alters bei ihren Bemühungen gefolgt sein, eine 20-tägige, ebenso bahnbrechende wie masochistische Studie der Stanford University durchzustehen, die klären sollte, ob es wirklich nicht darauf ankommt, ob man durch Mund oder Nase atmet. Einige Ihrer neuen Erkenntnisse werden Ihnen Tage und Nächte ruinieren, besonders wenn Sie schnarchen. Aber in den folgenden Atemzügen finden Sie Rezepte zur Heilung.
Beim 3000. Atemzug kennen Sie die Grundlagen der heilenden Atmung. Diese langsamen und langwierigen Methoden stehen jedem offen – Alten und Jungen, Kranken und Gesunden, Reichen und Armen. Sie werden im Hinduismus, Buddhismus und Christentum sowie in anderen Religionen seit Jahrtausenden praktiziert, aber erst seit Kurzem wissen wir, dass man damit den Blutdruck senken, sportliche Leistungen steigern und das Nervensystem ins Gleichgewicht bringen kann.
Mit dem 6000. Atemzug befinden Sie sich im Land ernsthaften, bewussten Atmens. Sie werden über Mund und Nase hinaus tiefer in die Lungen vorstoßen, und wir begegnen einem Pulmonauten des 20. Jahrhunderts, der Veteranen des Zweiten Weltkriegs von ihren Emphysemen heilte und Kurzstreckenläufer trainierte, die bei Olympischen Spielen Goldmedaillen gewannen – beides, indem er die Kraft des Ausatmens nutzte.
Beim 8000. Atemzug werden Sie noch tiefer in den Körper vorgedrungen sein, um – ausgerechnet – das Nervensystem anzuzapfen. Sie werden die Kraft der Hyperventilation entdecken. Sie werden Pulmonauten treffen, die mithilfe der Atmung verkrümmte Wirbelsäulen begradigen, Autoimmunerkrankungen beherrschen und sich bei Temperaturen unter dem Gefrierpunkt innerlich aufheizen. Das ist alles eigentlich gar nicht möglich, aber Sie werden sehen, dass es doch funktioniert. Auch ich werde auf dieser Reise einiges lernen und zu verstehen versuchen, was vor einem Jahrzehnt in dieser viktorianischen Villa mit mir geschehen ist.
Wenn Sie den 10 000. Atemzug und das Ende dieses Buchs erreichen, werden Sie und ich wissen, wie die Luft, die in Ihre Lungen eintritt, jeden Augenblick Ihres Lebens beeinflusst und wie Sie Ihr volles Potenzial bis zu Ihrem letzten Atemzug ausnutzen.
In diesem Buch geht es um viele Fachgebiete: Evolutionsgeschichte, Medizingeschichte, Biochemie, Physiologie, Physik, Sportwissenschaft und andere. Aber hauptsächlich geht es darin um Sie.
Als Durchschnittsmensch werden Sie 670 Millionen Atemzüge im Leben tun. Vielleicht haben Sie die Hälfte schon hinter sich. Vielleicht sind Sie schon bei Nummer 669 000 000. Vielleicht möchten Sie ja noch ein paar Millionen dazu.