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Wiedersehen in Stormy Meadows

Wiedersehen in Stormy Meadows

Roman

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Wiedersehen in Stormy Meadows — Inhalt

Nach nur sechs Monaten Ehe verliert Natalie Forrester die Liebe ihres Lebens bei einem Autounfall und ist am Boden zerstört.. Doch nicht nur in ihrem Leben ist eine nicht zu füllende Lücke entstanden - auch Cassie, die Tochter ihres verstorbenen Mannes, hat jede Orientierung verloren. Als sie eines Tages von der Schule fliegt, nimmt Natalie sie mit nach Cornwall auf die Farm ihrer Mutter Laura. Damit schließt sich der Kreis der generationenübergreifenden Konflikte, denn Natalie hat mit Laura noch ein paar alte Rechnungen offen ...

€ 4,99 [D], € 4,99 [A]
Erschienen am 13.03.2017
Übersetzt von: Marieke Heimburger, Sabine Schulte
352 Seiten, WMEPUB
EAN 978-3-492-98339-6

Leseprobe zu »Wiedersehen in Stormy Meadows«

Für Owen und Helen
12. 11. 2011

 

 

 

Magna, der amerikanische Verlagskonzern mit Sitz in New York, hat neben Paris und Hongkong auch in London eine Niederlassung. Das Bürogebäude an der Euston Road mit seinen zweiundzwanzig Stockwerken ist eines dieser Bauwerke, die das natürliche Licht der Umgebung reflektieren und daher unglaublich filigran wirken, obwohl sie aus sehr solidem Glas und Stahl bestehen. Seit Robs Tod ist dieses Gebäude so gut wie mein Zuhause – jedenfalls mehr als das Einfamilienhaus, in dem wir zusammengelebt haben.
Seit sechs Jahren [...]

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Für Owen und Helen
12. 11. 2011

 

 

 

Magna, der amerikanische Verlagskonzern mit Sitz in New York, hat neben Paris und Hongkong auch in London eine Niederlassung. Das Bürogebäude an der Euston Road mit seinen zweiundzwanzig Stockwerken ist eines dieser Bauwerke, die das natürliche Licht der Umgebung reflektieren und daher unglaublich filigran wirken, obwohl sie aus sehr solidem Glas und Stahl bestehen. Seit Robs Tod ist dieses Gebäude so gut wie mein Zuhause – jedenfalls mehr als das Einfamilienhaus, in dem wir zusammengelebt haben.
Seit sechs Jahren arbeite ich für die Frauenzeitschrift Naked, eine der großen Publikationen von Magna. Meine Arbeit war mir immer ausgesprochen wichtig, nicht zuletzt, weil ich hier den beiden Menschen begegnet bin, die in den vergangenen Jahren am meisten Einfluss auf mein Leben hatten: zuerst Petra, die mich von Anfang an unter ihre Fittiche nahm, und dann Rob.
Rob habe ich kennengelernt, als ich einen Artikel über Männer in der von Frauen dominierten Welt des Balletts schrieb. Er war ein aufstrebender Theaterdirektor und einer meiner letzten Interviewpartner für diese Geschichte. Um ein Haar wären wir uns gar nicht begegnet, denn er sagte unser erstes Treffen ab und ich unser zweites. Als wir einen erneuten Versuch starteten, hatte ich eigentlich schon genug Material zusammen und wollte endlich loslegen, aber irgendetwas hielt mich davon ab, das Interview ganz abzusagen.
Im Nachhinein bilde ich mir gern ein, dass das Schicksal höchstselbst hier seine Hand im Spiel hatte, aber wenn ich ganz ehrlich bin, wollte ich wohl einfach nicht unhöflich sein.
Als wir uns schließlich trafen, erschien Rob zwar zehn Minuten zu spät, voller Entschuldigungen, weil er mich hatte warten lassen, aber sein Lächeln war so gewinnend, dass es mir im Sinn blieb, drei Wochen lang, bis er endlich den Mut aufbrachte, mich anzurufen und ein gemeinsames Abendessen vorzuschlagen.
Über meinen Job bei Naked lernte ich also den Mann kennen, der mich lehrte, wieder zu lieben, und dafür werde ich ewig dankbar sein. Inzwischen bedeutet die Zeitschrift mir mehr als je zuvor. Sie ist mein Rettungsanker.
In den letzten zwanzig Monaten habe ich praktisch nichts anderes gemacht als gearbeitet.
Zwanzig Monate.
Nicht zu glauben, dass es schon so lange her ist. Die Zeit scheint allen Naturgesetzen zu trotzen, sie rennt schneller als der schnellste Läufer und steht dabei still. Unser Hochzeitstag, Weihnachten, Robs Geburtstag, der Jahrestag des Unfalls … Alles kam und ging, als fände es irgendwo jenseits der Wirklichkeit statt.
Ich lag am Boden und habe mich aufgerappelt, habe mir den Staub von den Hosen geklopft und gehe seitdem wie eine Schlafwandlerin durchs Leben. Weil ich nicht zurechtkomme mit dem, was vorgefallen ist, lenke ich mich ab. Von früh bis spät schufte ich härter als je zuvor in meinem Leben, dann falle ich erschöpft ins Bett. Aber schlafen kann ich nicht. Mein Kopf steckt so voller Gedanken, dass ich keine Zeit für Gefühle habe. Und auch keine Zeit, um über Rob nachzudenken.
Auch Petra ist mein Rettungsanker.
Petra James, die Überfliegerin. Eine Kunstsachverständige, deren Meinung so gefragt ist wie Centre-Court-Tickets für Wimbledon. Ihre Tätigkeit als Associate Art Director bei Naked ist für das Ansehen der Zeitschrift wichtiger als für ihr eigenes. Ihr Name taucht bei uns regelmäßig als Aufmacher auf der Titelseite auf, um eine breitere Leserschaft anzulocken.
Für mich zählt in erster Linie, dass sie meine beste Freundin ist.
Petra ist Amerikanerin, eins achtzig groß, ihre Haare haben die Farbe von Blutbuchenlaub. Und sie hat ein äußerst gesundes Selbstbewusstsein. Sie kann durchaus einschüchternd wirken, doch unter ihrer harten Schale ist sie der freundlichste, rücksichtsvollste Mensch, den ich je kennengelernt habe.
Seit Robs Unfall gibt sie mir Kraft.
Petra teilt ihre Zeit zwischen London und New York auf und fliegt regelmäßig hin und her. Für ihre Aufenthalte in London mietet sie sich eine schöne Wohnung in einem alten, denkmalgeschützten Haus am Regent’s Park. Doch in den letzten zwanzig Monaten hätte sie sich die Kosten dafür sparen können, denn nach dem Unglück ist sie praktisch bei mir eingezogen.
Heute Abend komme ich wieder einmal spät von der Arbeit nach Hause. Petra erwartet mich mit einem Essen vom Chinesen und einer gekühlten Flasche Weißwein. Sie empfängt mich an der Tür, nimmt mir die Arbeitsordner ab, die ich mitgebracht habe, und reicht mir stattdessen ein Glas Chardonnay. Erst dann darf ich mir die Schuhe ausziehen und meinen Mantel aufhängen.
»Heute Abend wird nicht gearbeitet, Nat«, bestimmt sie und packt meine Sachen auf den Telefontisch. »Der Abend ist zum Ausruhen da. Kennst du das Wort überhaupt noch? Aus- ru-hen. «
Ich will protestieren, schließlich muss ich noch etwas lesen, aber Petra schneidet mir mit einer Handbewegung das Wort ab.
»Für eine Siebentagewoche und Schuften rund um die Uhr zahlt Elaine dir einfach nicht genug, also keine Widerrede. Jetzt geh nach oben und zieh dir was Bequemeres an … und mach schnell. Ich hab eine Überraschung für dich.«
Dankbar nippe ich an dem Wein, gebe Petra das Glas zurück und trotte wie befohlen nach oben.
Als ich zurückkomme, steht Petra in der Küche. Hinter dem Rücken verbirgt sie etwas, dabei grinst sie wie ein Honigkuchenpferd.
»Was hast du denn da?« Ich verrenke mir fast den Hals, um hinter sie zu sehen.
»Ich hab dir ein Geschenk mitgebracht.« Langsam weicht sie zur Seite und gibt den Blick auf eine große Glaskugel voll Wasser frei, die auf der Arbeitsplatte steht. Darin schwimmt ein einsamer Goldfisch.
»Ein Fisch«, stelle ich verdattert fest.
»Nee, das ist ein Papagei«, witzelt sie. »Heißt Meryl.« Wieder grinst Petra mich an.
»Woher weißt du denn, dass er ein Mädchen ist?«
»Na, wenn sie ein Junge wäre, dann hieße sie doch Bob oder so, stimmt’s ? « Petra schiebt mir das Goldfischglas hin, und etwas zögernd nehme ich es in die Hände.
» Danke. «
»Du hältst mich für verrückt, was?«
»Ja, aber das hat nichts mit dem Fisch zu tun«, antworte ich, während ich beobachte, wie Meryl unter einer kleinen blauen Brücke hindurchschießt und sich dann zwischen ein paar grünen Wedeln versteckt, weil sie sieht, dass ich in ihr Glas hineinschaue. Das Fischlein beäugt mich einen Moment, dann kommt es wieder hervor und drückt die kleine Nase an die Glaswand. Mit schwarzen Kugelaugen glotzt es mich an.
»Siehst du? Sie mag dich!«, ruft Petra vergnügt.
Ich spüre, wie ein Lächeln meine Mundwinkel nach oben zieht. Zu den vielen Eigenschaften, die ich an Petra liebe, zählt ihre Fähigkeit, mich zum Lachen zu bringen, egal, wie schlecht es mir gerade geht. Ohne sie hätte ich niemals überlebt. Mit einer nahe- zu telepathischen Fähigkeit spürt sie, wann ich sie brauche und wann ich lieber allein sein möchte. Sie denkt an die Dinge, die ich vergesse, füllt meinen Kühlschrank auf, holt meine Klamotten aus der Reinigung oder zaubert sogar noch eine frische Milch herbei, wenn der letzte Tropfen gerade in einer meiner ungezählten Tassen Kaffee verschwunden ist. Und sie ist jederzeit bereit, mir zuzuhören, auch wenn ich ihr alles schon tausendmal erzählt habe.
Nach dem Essen sinken wir auf das Sofa im Wohnzimmer. Die Flasche Wein steht vor uns auf dem Couchtisch, daneben dreht Meryl in ihrem Glas endlos ihre Runden.
Während ich den kleinen Goldfisch beobachte, fühle ich mich ihm seltsam verbunden. Ziehe ich nicht auch endlos Kreise? Aus lauter Angst, dass ich zu Leblosigkeit erstarren könnte, wenn ich einmal zur Ruhe käme … und dann würde ich untergehen und ertrinken. Also halte ich nicht inne und sperre alles tief in mir weg, so tief, dass ich es nicht berühren und dass es auch nicht nach mir greifen kann. Wohl kaum die gesündeste Art, mit meiner Situation umzugehen, das weiß ich. Ich bin ständig in Bewegung, komme aber nicht vorwärts, denn ich fürchte mich so sehr vor dem Schmerz, dass ich ihn nicht zulassen und mich folglich auch nicht davon befreien kann.
Petra hat erkannt, dass ich mir damit schade. Ständig will sie mich dazu bringen, über Rob zu sprechen, mich zu öffnen und so zu genesen. Ich will nicht über ihn sprechen, will auch nicht an ihn denken, aber der Wein löst mir die Zunge, und endlich entspinnt sich das Gespräch, auf das Petra schon den ganzen Abend – nein, das ganze Jahr – hingearbeitet hat.
»Ich vermisse ihn so sehr.«
»Ja, ich weiß.«
» Weißt du auch, wann ich das immer ganz besonders merke ? «
Petra antwortet nicht. Schweigend ermutigt sie mich, weiterzusprechen. Ich genehmige mir noch einen Schluck Wein, dann wende ich mich mit einem dünnen Lächeln zu ihr.
»Wenn ich kalte Füße habe.«
»Kalte Füße?« Erstaunt sieht sie mich an.
»Ja. Bis ich Rob kennenlernte, hatte ich im Bett immer eisige Füße. Er hat meine Füße warm gehalten. Zwischen seinen. Das war, als würde ich neben einer Heizdecke schlafen. Einer lebendigen Heizdecke. «
Erinnerungen.
An dem Tag, als er starb, hatten wir uns geliebt, im trüben Licht eines kalten Februarmorgens, noch im Halbschlaf, langsam und wohlig. Küsse im Nacken weckten mich, eine sanfte Hand schob sich über meinen Bauch abwärts bis in die weichen Höhlungen zwischen meinen Schenkeln, holte mit rhythmisch pulsierendem Druck meine Sinne aus dem Schlaf, bis ich vor Lust keuchte.
Am nächsten Morgen erwachte ich zur gleichen Zeit. Ich musste geschlafen haben, nur ein paar Minuten, aber das hatte gereicht, um den Unfall zu vergessen – um zu vergessen, dass Rob nicht neben mir liegen würde, wenn ich die Hand nach ihm ausstreckte, nie mehr.
Manchmal scheint es mir, als wäre ich damals ein anderer Mensch gewesen. Tatsächlich habe ich mich in den vergangenen zwanzig Monaten verändert. Gezwungenermaßen. Man sagt, die Zeit heilt alle Wunden, und in gewissem Maße stimmt das auch. Der Schmerz nimmt ab, aus einem anhaltenden Fortissimo wird ein ständiges An- und Abschwellen der Gefühle. Manchmal ist dir eine Pause vergönnt, vielleicht kannst du sogar lachen und dich wieder ein bisschen freuen, aber dann meldet die Trauer sich erneut mit voller Kraft.
»Vermisst du den Sex?« Petras Stimme unterbricht meinen Gedankengang.
Blinzelnd öffne ich die Augen und schaue sie einen Moment an, bevor ich antworte: »Ich vermisse den Sex mit Rob. Weiter habe ich bisher noch nicht gedacht.«
» Gar nicht ? «
» Nein «, erwidere ich aufrichtig. » Weißt du, das ist so komisch, ich habe neulich mal ein ernstes Wort mit mir geredet, von wegen Zusammenreißen und so. Ich habe überlegt, wer oder was mir aus dieser Situation heraushelfen könnte. Da wurde mir klar, dass der einzige Mensch, der mir helfen könnte, ausgerechnet der ist, der … « Ich verstumme, denn ich finde nicht die richtigen Worte.
»Schon gut, ich weiß, was du meinst.«
»Wenn Rob hier wäre, würde er mich da rausholen.«
»Was würde er denn sagen, wenn er hier wäre?«
»Reiß dich zusammen, lass den Kopf nicht hängen, fang wieder an zu leben, genieße dein Leben in vollen Zügen.«
» Und damit hätte er recht, Nattie. Er fände es ganz schrecklich, dich so unglücklich zu sehen.«
»Ich möchte ja wieder glücklich sein, Petra, wirklich. Anfangs gab es eine Zeit, da wollte ich mich nie wieder freuen. Ich wollte mich nur noch zusammenrollen und verschwinden, einfach nicht mehr existieren. Ich wollte bei Rob sein, wo das auch sein mag. Und das will ich immer noch, aber ich sehne mich nicht mehr so danach, einfach alles zu vergessen.«
Behutsam nimmt Petra meine Hand und hält sie eine Weile.
»Mir fehlt die Musik«, gestehe ich meiner Freundin, um das Thema zu wechseln. »Ich kann keine Musik mehr hören. Jedenfalls nicht die alten Sachen, die wir zusammen gehört haben. Neue CDs schon eher, aber keine Liebeslieder, und damit fallen drei Viertel der gängigen Musik weg.«
»Ich kann dir ja ein paar Heavy-Metal-CDs besorgen.« Petra lächelt zaghaft.
»Im Moment ist es bestimmt nicht leicht, meine Freundin zu sein«, sage ich.
»Es ist noch nie leicht gewesen, deine Freundin zu sein.« Sie streckt mir die Zunge heraus. » Was hast du eigentlich Weihnachten vor, Nat? Hast du schon darüber nachgedacht?«
»Weihnachten?«, frage ich nach, als hätte ich das Wort noch nie gehört.
Kaum zu glauben, aber es ist mir gelungen, völlig auszublenden, dass Weihnachten nur noch ein paar Wochen hin ist. Die Reklame, die Dekorationen in den Geschäften und auf den Straßen, die mit bunten Lichtern behängten Bäume, die einem aus fast allen Fenstern zuzwinkern, die Weihnachtskarten, die sich jetzt schon auf dem Telefontisch an der Haustür stapeln – das alles habe ich kaum wahrgenommen.
»Es sind nur noch fünf Wochen.«
»Ich glaube, für mich ist es im Moment am besten, Weihnachten einfach zu ignorieren.«
»Weihnachten kann man doch nicht ignorieren!«
»Warum nicht? Habe ich letztes Jahr doch auch gemacht.«
»Ich weiß. Ich fasse es immer noch nicht, dass du über Weihnachten gearbeitet hast«, sagt Petra kopfschüttelnd.
»Viele Leute arbeiten über Weihnachten.«
»Klar – wenn man im Krankenhaus Dienst hat oder so, aber doch nicht für eine blöde Zeitschrift.«
»Also, du warst in New York …«
»Aber ich hatte dich gefragt, ob du mitkommen möchtest«, unterbricht sie mich rasch.
»… und Cassie war Ski fahren.«
»Deine Mutter hatte dich nach Cornwall eingeladen.«
Ich antworte nicht.
»Und dieses Jahr? Was ist mit Cassie? Sie hat doch bald Geburtstag, oder ? «
»Ja, aber letztes Jahr habe ich sie zu ihrem Geburtstag auch nicht gesehen. Sie wollte lieber mit ihren Freundinnen feiern.«
»Kommt sie über Weihnachten nach Hause?«
»Das bezweifle ich. Sie ist ja kaum noch hier gewesen, seit …« Mit einem Seufzer streiche ich mir das Haar aus dem Gesicht. » Ich glaube, sie betrachtet dieses Haus nicht mehr als ihr Zuhause. Wahrscheinlich besucht sie eine Freundin, das war jedenfalls bisher ihr Plan. Ich kann mir nicht vorstellen, dass sie Weihnachten plötzlich mit mir verbringen will – du etwa? Letztes Jahr war sie doch bloß beim Skifahren, damit sie nicht herkommen musste. «
Petras Schweigen ist Antwort genug. Wir wissen beide, das Cas ihr Möglichstes tut, um mir aus dem Weg zu gehen. Dabei bin ich ihr Vormund.
Ich habe mich so bemüht, diese Rolle positiv zu sehen und für Cassie da zu sein, wenn sie mich braucht, aber sie lehnt mich ab. Schon als Rob noch lebte, hatte ich als ihre Stiefmutter einen schweren Stand. Wenn sie zu Hause war, hatte ich das Gefühl, ich wäre mit dem ganzen Packen an Problemen konfrontiert, den das Muttersein mit sich bringt, ohne aber die üblichen Belohnungen für diese Plackerei zu bekommen : die Zuneigung, die Umarmungen und die Küsse, den Stolz und das Gefühl, zu einer Familie zu gehören.
Cas tat alles, um mir klarzumachen, dass ich nicht dazugehörte. Sie verstand es meisterhaft, eine Wand um sich und ihren Vater herum zu errichten, eine undurchdringliche Mauer. Sie schlug Unternehmungen vor, die mich ausschlossen – mit Vorliebe Ausflüge zur Kirmes oder in Vergnügungsparks, wo man bei den Fahrten zu zweit nebeneinandersaß, sodass ich allein danebenstand und wartete, bis sie und ihr Vater lachend und Hand in Hand wieder auf dem Erdboden landeten.
Ich habe mich immer bemüht, diese Kränkungen nicht persönlich zu nehmen und daran zu denken, dass Cassie früh ihre Mutter verloren hatte und daher zwangsläufig jeden Menschen ablehnen musste, der die Zuneigung ihres Vaters fand. Mein Mantra war: Sie ist noch ein Kind. Mit der Zeit würde sie sich an mich gewöhnen, so hoffte ich. Ich erwartete ja nicht, dass sie mich als Ersatz für ihre Mutter akzeptierte, aber ich hoffte, dass wir eines Tages Freundinnen sein könnten. Inzwischen ist sie fast sechzehn und noch so distanziert wie eh und je.
Cassies Hass ist beinahe greifbar. Während ich mich an die Arbeit klammere, um weiterleben zu können, nährt Cassie sich von ihrem Hass auf mich. Sie sucht einen Sündenbock, und aus irgendeinem Grund macht sie mich verantwortlich für ihren Verlust, nicht den betrunkenen Autofahrer, der Rob auf der falschen Straßenseite entgegenkam und ihn zu diesem plötzlichen Ausweichmanöver zwang, und auch nicht das Glatteis, das Robs Wagen ins Schleudern brachte.
Die Schuld liegt bei mir.
Einzig und allein bei mir.
In den zwanzig Monaten seit Robs Tod haben wir uns genau fünf Mal gesehen, davon einmal bei seiner Beerdigung und ein anderes Mal beim Rechtsanwalt. Cassies Internat informiert mich regelmäßig über ihr Befinden, aber von Cassie selbst höre ich nichts.
Offenbar ist Cas überzeugt, dass ihr Vater noch leben würde, wenn ich nicht in sein Leben getreten wäre. Manchmal überkommt mich selbst sogar dieses Gefühl, und das macht alles noch schlimmer.
Habe ich irgendetwas getan, was zu seinem Tod führte?
Hätte ich irgendetwas tun können, um den Unfall zu verhindern ?
Wenn Rob doch nur …
Wenn ich doch nur …
Wenn, wenn, wenn …

 

Ich habe meinen Job immer geliebt. Leidenschaftlich. Ich musste mir jeden Schritt auf dem Weg zu meiner jetzigen Stellung erkämpfen, und das verschafft mir eine Befriedigung, die ich wohl nicht empfände, wenn mir alles mühelos zugefallen wäre.
Naked gehört zu den eher seriösen Zeitschriften, in denen es nicht in jedem zweiten Artikel darum geht, wie man sein Sexleben aufpeppt oder seinen Freund in vier Schritten vom Primitivling zum Sexgott erzieht. Nein, wir behandeln ernsthafte Themen – gesellschaftspolitische Zusammenhänge, Armut, Hunger, Krankheiten –, und zur Erholung befassen wir uns zwischendurch mit den schönen Künsten.
Die Menschen, mit denen ich zusammenarbeite, sind wie eine Familie für mich. Manche mag ich sehr gerne, andere würde ich am liebsten nur zu Weihnachten sehen müssen.
Dora gehört zu denen, die mir ans Herz gewachsen sind. Sie hat die Gesichtsfarbe und den runden Kopf einer Matroschka, mit rabenschwarzen Locken, blasser Haut und rosa Wangen. Klein und rundlich, frisch und hübsch. Sie duftet immer gut, genehmigt sich nur selten etwas anderes als Rohkost und hat die samtig schimmernde Haut einer Frau, die eine Zweiliterflasche Wasser neben sich auf dem Tisch stehen hat und diese auch wirklich Tag für Tag austrinkt. Wenn man Doras Willenskraft bewundert, lacht sie nur und erklärt, man brauche nun wirklich keine Willenskraft, um sich nicht zu verhalten wie ein Mülleimer.
Ich wünschte, ich könnte mir in Bezug auf das Essen ihre Philosophie zu eigen machen. Das, was sie als Müll bezeichnet, ist nämlich meine Seelennahrung. Wenn ich ausnahmsweise mal daran denke, überhaupt etwas zu mir zu nehmen, sind das immer ungesunde Nahrungsmittel. In meiner oberen linken Schreibtischschublade bewahre ich derzeit zwei Marmeladen-Donuts und einen Beutel mit Mars-Riegeln auf. Umso erstaunlicher ist es, dass ich trotzdem mehr als sechs Kilo abgenommen habe. Ich greife nach einem Donut und beiße einen großen Happen ab.
»Telefon für dich, Nattie.«
»Wer ist denn dran?«, forme ich lautlos mit den Lippen und lecke mir Marmelade vom Kinn.
»Tut mir leid, sie hat ihren Namen zwar gesagt, aber ich habe ihn nicht richtig verstanden. Sie möchte mit Mrs. Forester sprechen. «
»Aha?« Mein Herz schlägt ein wenig schneller.
»Ja.« Dora nickt. »Ich glaube, deshalb habe ich auch ihren Namen nicht mitgekriegt, ich war so verdutzt, dass sie dich Mrs. Forester genannt hat.«
Als ich Rob heiratete, wollte ich unbedingt meinen Nachnamen behalten. Warum sollte ich meinen Namen aufgeben? Ich war ihm doch nicht plötzlich untergeordnet, bloß weil wir beide eine Heiratsurkunde unterzeichnet hatten. Rob und ich waren ein Team. Wir sprachen zwar auch über einen Doppelnamen, aber nur kurz, denn wir waren uns schnell einig, dass wir weder Dunne-Forester noch Forester-Dunne heißen wollten.
Also entschieden wir, dass keiner von uns seinen Namen ändern würde. Rob würde Robert Alexander Forester bleiben und ich Natalie Dunne.
Jetzt wünschte ich, ich wäre nicht so emanzipiert gewesen.
Dora stellt den Anruf zu mir durch.
»Mrs. Forester?« Die Stimme ist mir unbekannt.
» Am Apparat. «
»Hier ist Eleanor Brice von Cheal.«
Ich brauche einen Moment, um die Anruferin einzuordnen, dann fällt der Groschen. Eleanor Brice ist die Schulleiterin von Cassies Internat. Ich habe sie nie persönlich kennengelernt, aber ihr Name ist häufig gefallen, erst in Unterhaltungen mit Rob, dann in Gesprächen mit den Anwälten. Ein Name, der in kultivierter Handschrift unter Briefen und Schulzeugnissen steht. Ihre Stimme ist leise, fast monoton, doch ich höre eine besondere Kraft heraus. Nach allem, was ich über sie weiß, muss die Frau ein wahres Energiebündel sein.
»Es tut mir leid, dass ich Sie bei der Arbeit stören muss, aber leider hat es hier einen recht unglücklichen Zwischenfall gegeben. «
»Ist Cassie etwas passiert?«, unterbreche ich rasch, und mir stockt der Atem.
»Ich kann Ihnen versichern, dass Cassandra körperlich bei bester Gesundheit ist«, antwortet Mrs. Brice langsam nach einer kurzen Pause. » Aber leider bereitet ihr Verhalten uns Probleme. «
» Ja ? «
»Schwerwiegende Probleme sogar.«
Nicht nur Ihnen, seufze ich lautlos und voller Mitgefühl. Nein, nicht nur Ihnen.

 

Am nächsten Tag fahre ich nach Cheal. Mein Termin mit Eleanor Brice ist um elf. Am Telefon war sie ausgesprochen einsilbig und meinte nur, sie würde mir die Einzelheiten zu »Cassandras Fehlverhalten« lieber in einem persönlichen Gespräch erläutern.
Ich frage mich, was sie wohl ausgefressen hat. Ich habe Cassie seit dem Sommer nicht gesehen. In den Sommerferien hatte sie es fertiggebracht, fast eine ganze Woche bei mir in Hampstead zu verbringen. Das ist ein Rekord.
Seit Robs Tod haben sich ihre schulischen Leistungen stetig verschlechtert. Ich habe dies bisher mit einer Mischung aus Frustration, Angst und Schuldgefühlen beobachtet, wohl wissend, dass ich eigentlich etwas dagegen unternehmen müsste, doch ich habe nicht die leiseste Ahnung, was das sein könnte. Aus der Ferne schaue ich zu, wie sie immer mehr in Bedrängnis gerät.
Überrascht bin ich nicht, dass ich heute in die Schule zitiert wurde, bloß enttäuscht – enttäuscht von mir selbst, denn meine Angst, dass Cassie mich noch mehr hassen könnte, wenn ich etwas falsch mache, hat mich davon abgehalten, überhaupt etwas für sie zu tun.
Im achtzehnten Jahrhundert war Highdown House im Herzen von Sussex der Landsitz eines bekannten Ministers, und seit zweihundert Jahren beherbergt es die Sandra Cheal School of Dancing. Das private Mädcheninternat ist stolz auf seinen guten Ruf. Neben dem hervorragenden Schulunterricht ist die Ausbildung in den Bereichen Tanz und Theater praktisch konkurrenzlos. Letzteres ist einer der Hauptgründe dafür, dass Cassie diese Schule besucht.
Cas will in die Fußstapfen ihrer Mutter treten und verfolgt dieses Ziel wie eine Besessene. Eve, Robs erste Frau, war Tänzerin, eine Primaballerina. Ein Gemälde von ihr hing in Robs Wohnzimmer über dem Kamin, noch als wir uns kennenlernten. Es fiel mir sofort ins Auge, als ich zum ersten Mal den Raum betrat. Eve Forester besaß eine fast ätherische Schönheit, wie ein mythisches Wesen, das durch einen Zauber in einen Bilderrahmen verbannt worden war.
Eve starb, als Cassie erst zwei war. Ihr Tod war fast so dramatisch wie ihr Leben, allerdings starb sie nicht auf der Bühne, sondern hinter den Kulissen, während sie auf ihren Auftritt wartete. Ein geplatztes Aneurysma. Wegen ihres strapaziösen Terminkalenders hatte die angeborene Schwachstelle zum Tode geführt. Natürlich verehrt Cassie die tote Eve viel mehr, als sie eine lebende Mutter jemals bewundern könnte. Dem Hörensagen nach war Eve schwierig und recht egozentrisch. Für Cassie jedoch wird sie immer schön, tadellos und engelsgleich bleiben.
Ganz im Gegensatz zu mir, der bösen Stiefmutter.

Sarah Harvey

Über Sarah Harvey

Biografie

Sarah Harvey, geboren 1969, lebte viele Jahre in einem alten Herrensitz in Cornwall. Vor Kurzem ist sie wieder zurück in ihre Heimat Northhampton gezogen, wo sie heute gemeinsam mit ihren Hunden in einem Cottage wohnt. Mit ihren atmosphärischen Romanen, die häufig den Schauplatz Cornwall haben,...

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