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Tod in der Atacama

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Tod in der Atacama — Inhalt

Ausgeraubt und ermordet - so lautet zumindest die offizielle Version der Polizei zum Tod des deutschen Entwicklungshelfers Willi Balsen. Doch war es wirklich nur ein einfacher Raubmord oder verbergen sich hinter der Tat andere Motive als reine Geldgier? Hängt Balsens Tod mit seinem umstrittenen Bewässerungsprojekt in der Oase San Pedro de Atacama zusammen? Jedenfalls

hat er sich damit sowohl bei den dörflichen Gemeinden als auch bei den reichen Unternehmern unbeliebt gemacht. Bei seinen Nachforschungen findet Cayetano Brulé heraus, dass Balsen mit

Abgeordneten des chilenischen Parlaments verkehrte, und kommt außerdem dem Handel mit gefälschten Kunstgegenständen auf die Spur. Der Kreis der Verdächtigen weitet sich aus und droht den Ermittler in ein undurchschaubares Geflecht aus Politik, Wirtschaft und Entwicklungshilfe zu führen.

€ 9,99 [D], € 9,99 [A]
Erschienen am 18.02.2012
Übersetzer: Carsten Regling
352 Seiten, WMEPUB
ISBN 978-3-8270-7513-0

Leseprobe zu »Tod in der Atacama«

Las Tacas, Sonntag, der 5. April, 11:17 Uhr
Nie zuvor in deinem Leben, mein ehrenwerter Abgeordneter
Mariano Patiño, hast du eine solche Angst
verspürt.
Nie zuvor.
Bis zu diesem verdammten Augenblick.
Dem Augenblick, in dem du erschrocken in der
Sonntagszeitung liest, dass der Deutsche tot ist.
Der Deutsche, murmelst du fassungslos vor dich hin,
der Deutsche. Eine Schlagzeile und eine aus fünf Absätzen
bestehende Kolumne, verfasst in San Pedro de
Atacama, informieren in knappen, aber anschaulichen
Worten über den Todesfall: Am Samstagnachmittag
wird er in seinem [...]

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Las Tacas, Sonntag, der 5. April, 11:17 Uhr
Nie zuvor in deinem Leben, mein ehrenwerter Abgeordneter
Mariano Patiño, hast du eine solche Angst
verspürt.
Nie zuvor.
Bis zu diesem verdammten Augenblick.
Dem Augenblick, in dem du erschrocken in der
Sonntagszeitung liest, dass der Deutsche tot ist.
Der Deutsche, murmelst du fassungslos vor dich hin,
der Deutsche. Eine Schlagzeile und eine aus fünf Absätzen
bestehende Kolumne, verfasst in San Pedro de
Atacama, informieren in knappen, aber anschaulichen
Worten über den Todesfall: Am Samstagnachmittag
wird er in seinem Schlafzimmer tot aufgefunden, niedergestreckt
von zwei Schüssen. Jemand flieht mit einer
großen Summe Bargeld.
Die Furcht lässt dich tief und schmerzhaft aufschnauben,
als wollte sie dir den Atem rauben. Unruhig
windest du dich im Lehnstuhl deines Penthouses in Las
Tacas. In der vagen Hoffnung, dich getäuscht zu haben,
liest du die Nachricht ein zweites Mal. Nein. Du hast
richtig gelesen. Du weißt jetzt nicht nur, dass es sich bei
dem Deutschen in der Oase um Willi Balsen handelt,
dir wird auch klar, dass von nun an auch dein eigenes
Leben in Gefahr ist.
Sie haben ihn aus dem Weg geräumt, daran gibt es
nichts zu rütteln. Das Blut schießt dir in dein schmales
Gesicht, du gerätst in Panik. Du musst auf der Stelle
handeln, irgendetwas tun. Deine zitternden, schweißnassen
Hände falten den Mercurio zusammen, während
du überlegst, vor die Presse zu treten und alles
ans Licht zu bringen. Selbst wenn du dafür deine Karriere
an den Nagel hängen musst. Noch heute wirst du
die Cessna nehmen, um gleich am Montag in der Früh
eine Pressekonferenz einzuberufen. Durch den Tod des
Deutschen verliert alles seinen Sinn, sogar das Wochenende
mit deiner Sekretärin.
Du lässt die Zeitung auf den Boden fallen und richtest
deinen Blick auf die kleine Bucht, die der Pazifik
um diese Uhrzeit mit seinen kühlen, grauen Händen
umschmeichelt. Du gehst zur Bar, wo du dir einen
doppelten Hennessy einschenkst, den du hastig hinunterstürzt.
Leise betrittst du das im Halbdunkel liegende
Zimmer – die Fensterläden sind noch immer geschlossen
–, in dem Solange Farías schläft. Man hat dich
reingelegt, denkst du, während ein angenehm tröstendes
Brennen durch deine Eingeweide strömt, man hat
dich betrogen, und jetzt wird sich zeigen, ob der Angriff,
so wie im Krieg oder in der Politik, immer noch
die beste Verteidigung ist. Du beugst dich zu der Frau
im Bett hinunter und küsst mit einer väterlichen Geste
ihre Augenlider.
»Wohin gehst du?«, fragt sie schläfrig. Ein paar
lange, dunkle Haarsträhnen sind ihr in das Gesicht mit
der Adlernase gefallen, zwischen den Laken schaut ein
straffer, appetitlicher Oberschenkel hervor, während
sich ihr Hintern auf prächtige Weise unter der Bettdecke
abzeichnet.
»Schwimmen«, flüsterst du, bevor du das stille, in
Dämmerlicht gehüllte Zimmer verlässt und auf die
Terrasse hinaustrittst, wo du deine Glieder streckst
und dein verschwommenes Spiegelbild in der Fensterscheibe
betrachtest. Du siehst schlank aus, drahtig, hast
etwas von einem Jagdhund. Die Angst hat noch keine
Spuren in deinem Gesicht mit den hellen Augen, der
geraden, fast griechisch anmutenden Nase und den zarten
Lippen hinterlassen, einem Gesicht, das dein größter
Trumpf bei den Frauen ist. Bedächtig lässt du den
Blick über die Spuren der letzten Nacht streifen: Reste
einer Pizza Marinara, zwei halbleere Gläser mit Margarita,
ein Rock, der sich auf magische Weise in einen weichen
Ring auf dem glänzenden Boden aus italienischem
Marmor verwandelt hat. In diesem Augenblick erscheint
plötzlich mit der Flüchtigkeit eines Blitzes das
Bild von Solange vor deinem geistigen Auge. Solange,
die mit entblößtem Busen und fest auf deine Brust gestützten
Händen ungestüm auf deinen Hüften reitet
und ihr spitzes Stöhnen in der Nacht erklingen lässt.
Du liegst regungslos auf dem Rücken, eingeschüchtert
von der pulsierenden Lebenskraft dieser Frau, unfähig,
ihre hemmungslose Leidenschaft zu zähmen, während
du ihren halboffenen Mund betrachtest, aus dem sich
eine Zunge windet und die fülligen Lippen befeuchtet,
Lippen, die nicht müde werden zu flüstern, diese Nacht
möge niemals zu Ende gehen.
Der laute Schrei einer Möwe reißt dich mit einem
Schlag wieder in die Wirklichkeit dieses verfluchten
Sonntagmorgens zurück. Als würde deine Angst es
verscheuchen, löst sich das Bild von Solange in Luft
auf. Morgen wirst du vor die Presse treten müssen. Dir
bleiben nur wenige Stunden, um zu entscheiden, was
du deiner Partei und der Öffentlichkeit erklären wirst.
Mach dir nichts vor, du weißt genau, keiner deiner Kollegen
wird dir zur Seite stehen. Du kannst dir gut vorstellen,
wie einige von ihnen sogar Moralpredigten halten
werden, um dich von deinem Stuhl im Parlament zu
stoßen.
Du verlässt die Wohnung, steigst die Treppe hin ab
und gehst mit eiligen Schritten an den Palmen und
ockerfarbenen Gebäuden mit spanischen Ziegeldächern
entlang, während du dir sagst, dass du mit allergrößter
Besonnenheit vorgehen musst. Der Strand ist
menschenleer. Du weißt, du bist von grenzenloser Einsamkeit
umgeben. Du erreichst das Ufer, wo das sanfte
Rauschen der Brandung zu hören ist, atmest den salzigen
Duft ein, als wolltest du alle Luft dieses hohen,
klaren und transparenten Himmels in dich einsaugen,
und wirfst das Handtuch, das gerade noch deine Schultern
bedeckte, in den Sand. Dann tauchst du fröstelnd
in das Wasser ein, und dein Körper schaukelt sanft auf
den Wellen, fern den parlamentarischen Ausschüssen,
dem ständigen Zigarettenqualm und den aufdringlichen
Interviews. In der Weite des Pazifiks zu treiben und zu
wissen, dass Solange ganz in deiner Nähe ist, hilft dir,
dich von dem Schrecken zu erholen.
Solange könnte deine Tochter sein. Du weißt nicht,
warum dir dieser Gedanke gerade jetzt durch den Kopf
geht. Vielleicht weil deine Eifersucht dich ständig daran
denken lässt, viel zu oft in letzter Zeit. Sie ist dreißig
und hat einen fröhlichen, sinnlichen Charakter, den
ihre langen Aufenthalte in Medellín mit allen möglichen
tropischen Zutaten gewürzt haben. Du brauchst
sie. Jetzt mehr denn je. Mehr als einmal ist dir der Gedanke
gekommen, dass du keine Sekunde gezögert hättest,
dich von Olaya zu trennen, wenn dir Solange etwas
früher begegnet wäre. Aber im Moment hast du
weder Lust, dich von romantischen Gefühlsausbrüchen
leiten zu lassen, noch, an die große Liebe zu glauben.
Was jetzt allein zählt, ist, der Öffentlichkeit eine solide
Familie zu präsentieren, die deine Karriere sichert.
Du schwimmst zurück und betrachtest den Küstenstreifen.
Die Terrassen mit den geschlossenen Fensterläden,
den grünen Teppich der Mittagsblumen rund um
das Restaurant El Chiringuito, die sanft geneigten Palmen
und, über allem, die kargen Hügel mit ihrer primitiven,
ursprünglichen Atmosphäre – das schüchterne
Vorspiel der Atacamawüste. Dir fällt auf, dass
diese Landschaft eine faszinierende Ähnlichkeit mit der
nordafrikanischen Küste besitzt.
Du kennst dich aus in der arabischen Welt. Ein Teil
der Produktion deiner Konservenfabrik ist für den dortigen
Markt bestimmt. Und auch wenn es nicht einfach
ist, sich an die muslimische Mentalität zu gewöhnen, so
entwickeln sich die Geschäfte doch prächtig, und die
Zahlungen erfolgen, wenn auch nicht immer pünktlich.
Auf Drängen deiner Frau begannen die geschäftlichen
Beziehungen mit der arabischen Welt vor fünf Jahren
mit einer bescheidenen Ladung getrockneter Zitronen
und kandierter Früchte nach Ägypten. Für die genialen Ideen in deinem Haus war schon immer Olaya zuständig
gewesen, die älteste Tochter libanesischer Einwanderer,
eine Frau mit großen schwarzen Augen, fein
gezeichneten Augenbrauen und dunklem Teint. Dein
neuster Plan ist – immer vorausgesetzt, du kommst bei
dieser ganzen Geschichte mit dem Leben davon, denkst
du, während du spürst, wie dir ein eisiger Schauer über
den Rücken läuft –, deine Aktivitäten in die Karibik
auszuweiten, vor allem nach Kuba, die Insel, die sich in
den letzten Jahren in wirtschaftlicher Hinsicht von einer
einfachen Raupe in einen hübschen Schmetterling
verwandelt hat.
Du breitest die Arme aus, öffnest ein wenig die Augen
und lauschst dem Wellenschlag an deinen Ohren.
Du musst an deine Frau denken, die um diese Uhrzeit
wahrscheinlich längst wieder, auch heute, am Sonntag,
in dem von ihr geleiteten Institut für politische Forschung
in Santiago ihrer Arbeit nachgeht.
Olaya träumt davon, eines Tages Abgeordnete zu
werden. Mit einem Abschluss an der Sorbonne und einer
Promotion in Washington weist sie eine Laufbahn
auf, um die sie ihre Kollegen beneiden. Vor Kurzem bot
ihr der Präsident den Posten des Botschafters in irgendeinem
osteuropäischen Land an, doch sie lehnte mit der
Begründung ab, lieber bei ihren zwei studierenden Söhnen
und ihrem Ehemann in Chile bleiben zu wollen.
»Bist du verrückt?«, rief sie, als du mit ihr über das
Angebot reden wolltest. »Ich weiß doch ganz genau,
wer alles davon träumt, dass ich in einem dieser trostlosen
und rückständigen ehemaligen kommunistischen
Länder abtauche. Mir kann keiner was vormachen!«
Womit sie recht hat. Täglich liest du in ihren hübschen,
hellwachen Augen, die begierig alles zu verschlingen
scheinen, was sie hinter der Versace-Brille erblicken,
dass sie über deine Affäre Bescheid weiß, es
aber in ihrem besessenen Streben, gewählte Abgeordnete
der Republik zu werden, hinnimmt. Sie ist sich bewusst,
dass es von Vorteil ist, im Land zu bleiben und
ein klares Image von sich zu pflegen, fern der Vetternwirtschaft
der traditionellen Politik, fern einer möglichen
Scheidung, die die katholische Kirche nach wie
vor scharf verurteilt. Und du weißt, Olaya wird ihr Ziel
erreichen. Sie verfügt über den Ehrgeiz, die Fähigkeit
und die nötigen finanziellen Mittel.
Du machst ein paar kräftige Schwimmzüge, während
du dir eingestehen musst, dass sie dir als Parlamentarier
überlegen wäre. Du bist ein Mann, der dazu verurteilt
ist, eine Region zu vertreten, die nicht die deine ist.
Du stammst aus Santiago, vom Norden weißt du nur,
was du in der Schule, während der Ausflüge in die Gegend,
und aus Solanges eifrigen Berichten gelernt hast,
und trotzdem vertrittst du die Bergbauregion im Abgeordnetenhaus.
Dir ist klar, dass du diesen Posten nur
bekleidest, weil du bei den letzten internen Wahlen auf
zahlreiche finstere Machenschaften, Lügen und miese
Tricks zurückgegriffen hast, um den Kandidaten aus
dem Norden zu besiegen.
Die Kälte zwingt dich, zum Ufer zurückzuschwimmen.
Völlig starr tauchst du aus dem Wasser auf, und
die sanfte Frühlingssonne empfängt dich. Du läufst
über den Sand, greifst hastig nach dem Handtuch und
beginnst dich kräftig abzureiben, als wären allein schon
diese energischen Bewegungen imstande, deinen Entschluss
in die Tat umzusetzen.
»Ich mach sie fertig«, sagst du, während deine Zähne
vor Kälte klappern. »Gleich morgen werde ich alles erzählen.«
Es sollte dir nicht gelingen.
Deine Cessna 180, die du erst vor Kurzem einem in
Boca Raton lebenden kolumbianischen Millionär abgekauft
hattest, gelangte nie an ihr Ziel. Eine Stunde nachdem
sie von der Startbahn des kleinen Flugplatzes von
Las Tacas abgehoben hatte, zerschellte sie am Boden.
Zwei Tage später wurdest du in der Hauptstadt beigesetzt.
Mit allen Ehren, wie es einem Abgeordneten
der Republik gebührt.

Roberto Ampuero

Über Roberto Ampuero

Biografie

Roberto Ampuero, 1953 in Valparaíso, Chile geboren, ist einer der erfolgreichsten Autoren seines Landes. Nach Aufenthalten in Kuba, der DDR und der BRD lebte er lange Jahre in den USA, wo er an der University of Iowa lehrte. Seit 2012 ist er chilenischer Botschafter in Mexiko. Sein Werk, in...

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