Lieferung innerhalb 1-3 Werktage
Bezahlmöglichkeiten
Vorbestellung möglich
Kostenloser Versand*
SpinnenblitzSpinnenblitz

Spinnenblitz

Elemental Assassin 13

Taschenbuch
€ 14,00
E-Book
€ 11,99
€ 14,00 inkl. MwSt.
In den Warenkorb
Gratis-Lieferung ab 9,00 €
Geschenk-Service
Versand und Lieferbedingungen
€ 11,99 inkl. MwSt.
sofort lieferbar
In den Warenkorb
Gratis-Lieferung ab 9,00 €
Geschenk-Service
Versand und Lieferbedingungen

Spinnenblitz — Inhalt

Seit „die Spinne“ Gin Blanco – unfreiwillig – zur Königin der Unterwelt Ashlands geworden ist, schwebt sie in Gefahr. Vermutlich ist das der Preis für ihren Sieg über einige der ehemaligen Unterweltbosse. Zum Glück helfen ihr ihre Eis- und Steinmagie dabei, in ihrer unberechenbaren neuen Position zu überleben. Gerade als Gin denkt, dass die Dinge sich endlich etwas beruhigen, wird während eines geheimen Unterwelt-Meetings ein Mordanschlag auf sie verübt. Die größte Überraschung für Gin ist jedoch, dass der schattenhafte Angreifer ihr seltsam bekannt vorkommt ...

€ 14,00 [D], € 14,40 [A]
Erschienen am 02.03.2020
Übersetzt von: Vanessa Lamatsch
416 Seiten, Broschur
EAN 978-3-492-28209-3
€ 11,99 [D], € 11,99 [A]
Erschienen am 02.03.2020
Übersetzt von: Vanessa Lamatsch
416 Seiten, WMEPUB
EAN 978-3-492-99487-3

Leseprobe zu „Spinnenblitz“

1

„Ich sehne mich gerade wirklich danach, jemanden zu erstechen.“

Silvio Sanchez, mein persönlicher Assistent, warf mir aus dem Augenwinkel einen Blick zu. „Ich würde davon abraten“, murmelte er. „Das könnte die falsche Botschaft aussenden.“

„Genau“, schaltete sich Phillip Kincaid ein. „Nämlich dass du zu deinem tödlichen Profikiller-Lebensstil zurückgekehrt bist und wieder anfangen wirst, Leute umzubringen, statt sie anzuhören, wie du es tun solltest.“

„Ich glaube nicht, dass ich diesen Lebensstil je hinter mir gelassen habe“, antwortete ich. »Wenn [...]

weiterlesen

1

„Ich sehne mich gerade wirklich danach, jemanden zu erstechen.“

Silvio Sanchez, mein persönlicher Assistent, warf mir aus dem Augenwinkel einen Blick zu. „Ich würde davon abraten“, murmelte er. „Das könnte die falsche Botschaft aussenden.“

„Genau“, schaltete sich Phillip Kincaid ein. „Nämlich dass du zu deinem tödlichen Profikiller-Lebensstil zurückgekehrt bist und wieder anfangen wirst, Leute umzubringen, statt sie anzuhören, wie du es tun solltest.“

„Ich glaube nicht, dass ich diesen Lebensstil je hinter mir gelassen habe“, antwortete ich. „Wenn man bedenkt, dass ich jeden hier umbringen und heute Nacht trotzdem schlafen könnte wie ein Baby.“

Phillip kicherte leise, während Silvio nur die Augen verdrehte.

Wir drei saßen an einem langen Konferenztisch, der auf dem Deck der Delta Queen aufgestellt war, dem luxuriösen Flussschiff-Casino, das Phillip gehörte. Normalerweise wären einarmige Banditen, Poker- und Roulette-Tische auf dem Deck aufgebaut worden, in Vorbereitung auf einen Abend voller Glücksspiel. Doch heute diente das Schiff als Treffpunkt für ein Meeting zwischen einigen von Ashlands unzähligen Unterweltbossen.

Vermeintlich ging es bei diesem Treffen um die friedliche Beilegung des schwelenden Konflikts zwischen zwei der führenden Verbrecher der Stadt: Dimitri Barkov und Luiz Ramos. Sie waren sich im Moment nicht ganz einig, wer das Recht hatte, eine Reihe von Waschsalons zu kaufen, um, na ja, das Geld aus ihren Glücksspiel-Unternehmungen zu waschen. Nicht, dass irgendetwas an der Art, wie Dimitri und Luiz sich seit fünf Minuten gegenüberstanden und sich anschrien, friedlich gewesen wäre. Ihre jeweiligen Wachen standen hinter ihnen und warfen sich gegenseitig böse Blicke zu, die Hände zu Fäusten geballt, als hätten sie nichts lieber getan, als mitten auf dem Deck eine Schlägerei anzufangen.

Nun, das wäre unterhaltsam gewesen. Ich grinste. Vielleicht sollte ich sie einfach loslegen lassen. Und der Sieger bekam dann alles. So wäre diese Meinungsverschiedenheit beigelegt.

Silvio stieß mich mit dem Ellbogen an und kniff die grauen Augen zusammen, als wüsste er genau, was ich gerade dachte.

„Pass auf“, murmelte er. „Du sollst dir eigentlich die Fakten anhören, damit du eine faire, neutrale Entscheidung treffen kannst, schon vergessen?“

„Ich könnte fair und neutral sein, indem ich sie beide ersteche.“

Silvio warf mir einen missbilligenden Blick zu.

Ich seufzte. „Immer verdirbst du mir den Spaß.“

„Das ist mein Job“, antwortete der Vampir.

Ich ließ eines der Steinsilber-Messer aus meinen Ärmeln in meine Hand gleiten und zeigte es meinen Freunden unter dem Tisch, sodass die anderen Verbrecherbosse und ihre Männer es nicht sehen konnten.

„Komm schon“, flüsterte ich. „Lass mich wenigstens einen von ihnen erstechen. Dann hält der andere sicher auch die Klappe.“

Phillip kicherte wieder, Silvio hingegen stieß nur ein leises, trauriges Seufzen aus. Er schätzte meinen Führungsstil nicht besonders. Keine Ahnung, warum.

Meine Freunde richteten ihre Aufmerksamkeit wieder auf Dimitri und Luiz, die sich immer noch anschrien und mit dem Zeigefinger vor dem Gesicht des anderen herumwedelten. Doch statt ihnen zuzuhören, sah ich die dritte Unterweltgestalt an, die zu diesem Treffen erschienen war: Lorelei Parker.

Anders als Dimitri und Luiz, die beide schicke Business-Anzüge trugen, präsentierte sich Lorelei in schwarzen Stiefeln mit Stiletto-Absatz, dunklen Jeans und einer schwarzen Lederjacke, genau wie ich. Ihr schwarzes Haar war zu einem Zopf geflochten und ihre blauen Augen hatte sie auf ihr Handy gerichtet, weil sie damit beschäftigt war, Nachrichten zu schreiben. Durch die schnellen Bewegungen ihrer Finger blitzte ein Runenring aus Steinsilber an ihrer rechten Hand auf: eine dornenumrankte Rose, von der Blut tropfte, das Ganze eingerahmt von dicken Diamanten.

Lorelei war die faszinierendste der drei Unterweltbosse. Die Schmugglerin war überall dafür bekannt, dass sie alles für jeden – und jederzeit – organisieren konnte. Waffen, Juwelen und kostspielige Antiquitäten waren nur ein paar der Dinge, mit denen sie ihr Geld verdiente.

Hinter ihr stand nur ein einziger Bodyguard: Jack Corbin, ihre rechte Hand. Auch er war in Stiefel, Jeans und Lederjacke gekleidet, doch seine kalten, blauen Augen glitten ständig über das Deck und alles, was sich darauf befand.

Corbin sah, dass ich ihn beobachtete, und nickte mir kurz zu, bevor er näher an seine Chefin herantrat, bereit, sie vor jedem auf dem Schiff zu beschützen, inklusive mir. Ich erwiderte das Nicken. Mein verstorbener Mentor, Fletcher Lane, hatte eine dicke Akte über Corbin in seinem Büro, also wusste ich, dass er viel gefährlicher war, als er wirkte.

Andererseits galt das auch für mich.

Lorelei war hier, weil die fraglichen Waschsalons im Moment noch ihr gehörten und sie bereit war, sie zu verkaufen – an den Meistbietenden, natürlich. Ich wusste nicht, ob sie wegen des Verkaufs selbst an Dimitri und Luiz herangetreten war oder ob die beiden sich bei ihr gemeldet hatten. Und ich hatte bisher auch keine Chance bekommen, Fragen zu stellen, weil sich die beiden Männer die gesamten sechs Minuten meines Aufenthaltes auf der Delta Queen nur angeschrien hatten. Auf jeden Fall konnten sich die beiden Bosse nicht einigen, wer was bekommen sollte, und die Sache war inzwischen so eskaliert, dass Dimitri und Luiz kurz davor standen, sich den Krieg zu erklären. Das hätte wilde Schießereien, Messerstechereien, das Einschlagen von Kniescheiben und jede Menge andere schmutzige Verbrechen bedeutet.

Verstehen Sie mich nicht falsch. Als Spinne hatte ich im Zuge meiner Arbeit selbst jede Menge Dreck hinterlassen. In gewisser Weise war das sogar mein Markenzeichen.

Doch vor ein paar Wochen hatte ich Madeline Magda Monroe getötet, eine Säuremagierin, die sich selbst zur neuen Königin der Unterwelt von Ashland erklärt hatte, um damit in die Fußstapfen ihrer Mutter Mab zu treten.

Und genau wie ich es vor ein paar Monaten mit ihrer Mutter gemacht hatte, hatte ich Madeline mit meiner Eis- und Steinmagie getötet. Da jetzt keine Monroe mehr übrig war, um die Kontrolle über die Unterwelt zu übernehmen, hatten die anderen Bosse mich quasi zu ihrem Oberhaupt erklärt. Zumindest bis sie anfangen würden, Pläne zu schmieden, um mich auszuschalten, damit einer von ihnen den Thron besteigen konnte, nach dem sie sich alle so verzehrten.

Fast wünschte ich mir, einem von ihnen würde es gelingen, mich von meinem Elend zu erlösen.

Entgegen der allgemeinen Auffassung war es kein Zuckerschlecken, die Unterwelt von Ashland zu beherrschen. Es war überhaupt kein Genuss. Es bereitete mir einfach nur jede Menge Kopfschmerzen – wie die, die im Moment in meinen Schläfen pochten. Ich hatte gedacht, ich wäre schon bisher ein begehrtes Zielobjekt gewesen, doch inzwischen belästigten mich die Bosse noch mehr als zuvor. Und sie wollten tatsächlich mit mir reden. Ununterbrochen. Über Geschäftsabschlüsse und Verträge und darüber, wer es seinen Gangmitgliedern erlaubte, ihre Rune im Territorium einer anderen Gang an die Hauswände zu sprühen. Als würde mich das tatsächlich interessieren. Doch ich war jetzt der Big Boss, also war es anscheinend mein Job, ihnen zuzuhören. Zumindest behauptete das Silvio.

Ich hätte am liebsten so lange Leute erstochen, bis es endlich alle kapierten, mich in Ruhe ließen und ihre Probleme selbst lösten.

Lorelei war diejenige, die um dieses Treffen gebeten hatte. Obwohl, eigentlich war sie an Phillip herangetreten. Es sah so aus, als wollte Lorelei meine neue Autorität nicht offen anerkennen oder riskieren, dass ich mich in ihre Angelegenheiten mischte. Das oder sie hasste mich aus irgendeinem Grund einfach. Spielte eigentlich keine große Rolle, weil ich sie ebenso wenig schätzte wie sie mich.

Doch Phillip war mein Freund und er hatte mir von diesem Meeting erzählt. Also saß ich, als Gin Blanco, die Spinne, neue Königin der Unterwelt von Ashland, jetzt hier und war bereit, zum ersten Mal einen großen Konflikt zu lösen. Jepp. Ich.

Trotzdem wäre ich vollkommen damit zufrieden gewesen, dieses Meeting sausen und zuzulassen, dass Dimitri und Luiz ihre Differenzen selbst auskämpften, bis einer von ihnen den anderen umbrachte. Doch Silvio hatte korrekterweise darauf hingewiesen, dass sie, wenn ich den Disput heute löste, nicht morgen in meinem Restaurant, dem Pork Pit, auftauchen würden. Da ich nicht wollte, dass Kriminelle meine Gäste verschreckten, hatte ich entschieden, eine gute Königin zu sein und dem Meeting tatsächlich beizuwohnen.

Als ich mit Silvio an Bord gekommen war, hatten alle an dem Konferenztisch gesessen. Doch kaum hatten sie mich entdeckt, waren Dimitri und Luiz aufgesprungen und hatten angefangen, sich gegenseitig Beschuldigungen ins Gesicht zu brüllen, als würde ich denjenigen unterstützen, der am lautesten und längsten schreien konnte.

Inzwischen verfluchte Dimitri Luiz auf Russisch, während Luiz auf Spanisch vom Leder zog. Nachdem es nicht so aussah, als wollten sie in nächster Zeit damit aufhören, nicht einmal, um Luft zu holen, blendete ich das Geschrei so gut wie möglich aus und schaute über die Messingreling.

Der Aneirin floss am weißen Flussschiff vorbei, durch die schnelle Strömung schwankte die Delta Queen ganz leicht. Auf der Oberfläche des blaugrauen Wassers glänzte die Novembersonne und ließ sie glitzern wie einen Diamanten, während eine leichte Brise den Geruch von Fisch herantrug. Ich rümpfte die Nase. An den Bäumen auf der anderen Seite des Flusses hingen noch vereinzelt rote und orangefarbene Blätter, auch wenn sie schon bald im Wind zu Boden trudeln würden …

In den Bäumen genau mir gegenüber blitzte etwas auf.

Ich runzelte die Stirn, lehnte mich zur Seite und konzentrierte mich auf die Stelle. Und tatsächlich, einige Sekunden später entdeckte ich den nächsten Lichtblitz. Die Sonne reflektierte auf irgendetwas, das zwischen den Bäumen versteckt lag …

Silvio stieß mich erneut mit dem Ellbogen an. Erst da wurde mir klar, dass Dimitri und Luiz ihr Schreiduell abgebrochen hatten und mich mit erwartungsvollen Mienen ansahen, die Arme vor der Brust verschränkt. Auf den gegenüberliegenden Seiten des Decks trugen ihre Bodyguards ähnlich feindselige Mienen zur Schau, die Hände immer noch zu Fäusten geballt.

„Also, Blanco?“, drängte Dimitri mit tiefer, rumpelnder Stimme. „Wie lautet deine Entscheidung?“

„Genau“, schaltete Luiz sich mit seiner viel höheren Stimme ein. „Wer bekommt die Waschsalons?“

Ich sah zwischen den beiden hin und her. »Ähm …«

Dimitri runzelte die Stirn. Wut blitzte in seinen dunklen Augen auf. „Du hast uns nicht mal zugehört!“

„Nun, es war auch schwer, euch zu folgen“, gab ich zu. „Besonders, da ich kein Russisch spreche und meine Spanisch-Kenntnisse auch nicht gerade fantastisch sind.“

Dimitri riss die Hände in die Luft und schoss die nächste russische Tirade ab, wobei jedes Wort verdammt nach einem Fluch klang.

Phillip beugte sich vor. „Ich glaube, er hat gerade deine Mutter beleidigt.“

Ich stöhnte, doch dann hob ich die Hände, in dem Versuch, den russischen Mafioso zu beruhigen. „Okay, okay. Das reicht. Hör auf. Bitte.“

Dimitri verstummte, schenkte mir aber immer noch einen angewiderten Blick. „Ich wusste, dass das hier Zeitverschwendung sein würde. Ich hätte Lorelei einfach töten und mir die Waschsalons auf diese Art schnappen sollen. Genau wie ich dir am Abend von Madelines Party einfach eine Kugel in den Kopf hätte jagen sollen, um mich selbst an die Spitze der Unterwelt zu setzen. Genau wie ich es jetzt auch tun sollte.“

Schweigen breitete sich auf dem Deck aus. Das einzige Geräusch stammte vom stetigen Plätschern des Wassers um den Rumpf des Schiffes.

Ich legte die Hände flach auf den Tisch und stand langsam auf. Das Kratzen meines Stuhls über den Boden schien so laut wie eine Maschinengewehrsalve.

Ich starrte Dimitri an. „Das war genau die falsche Äußerung.“

Alle hörten die Kälte in meiner Stimme und konnten das Eis in meinen wintergrauen Augen erkennen.

Dimitri schluckte. Er war sich bewusst, dass er einen Fehler begangen hatte, doch er wollte vor Zeugen keinen Rückzieher machen, also schob er das Kinn vor und nahm die Schulter zurück. „Das glaube ich kaum. Du bist allein. Ich habe drei Männer dabei.“

Ich lächelte kalt. „Das liegt daran, dass du Wachen brauchst. Ich nicht. Hatte ich noch nie nötig. An deiner Stelle würde ich mich also bei mir entschuldigen. Und zwar pronto.“

Dimitri leckte sich die Lippen. „Oder?“

Ich zuckte mit den Achseln. „Oder deine Männer werden die Überreste von dir an Land schleppen und Phillip wird mir die Rechnung für die Deckreinigung zukommen lassen.“

Dimitri schnappte nach Luft, doch gleichzeitig trat wütende Röte in seine Wangen. „Niemand droht mir.“

„Oh, Süßer“, meinte ich gedehnt. „Das ist keine Drohung.“

Dimitri starrte mich weiter an, wobei er schwer durch den offenen Mund atmete, als wäre er ein Stier, der mich niedertrampeln wollte. Phillip und Silvio neben mir standen ebenfalls auf.

„Versuch, ein wenig Zurückhaltung zu zeigen“, flüsterte Silvio, als er an mir vorbeiging.

Zurückhaltung war nicht gerade eines meiner Lieblingswörter, aber ich nickte, um ihn wissen zu lassen, dass ich verstanden hatte. Wenn ich Dimitri und Luiz umbrachte, würde das die anderen Bosse nur davon überzeugen, dass ich sie alle tot sehen wollte, also würden sie erneut anfangen, Mordanschläge auf mich zu verüben. Ich hatte hart um ein bisschen Ruhe und Frieden gekämpft und ich wollte das nicht für ein paar unwichtige Mafiosi aufs Spiel setzen.

Selbst wenn ich große Lust hatte, auf die beiden einzustechen. Heftig. Grausam. Immer wieder.

Phillip und Silvio gingen ans andere Ende des Tisches, wo Lorelei Parker immer noch saß. Lorelei hatte aufgehört, Nachrichten zu schreiben, und starrte mich inzwischen an, doch sie blieb auf ihrem Stuhl hocken, mit Jack Corbin an ihrer Seite. Die beiden waren nicht so dumm, sich mit mir anzulegen, zumindest nicht persönlich. Doch bei den anderen zwei Bossen war ich mir da nicht so sicher.

Dimitri fehlte der Mut, sich allein mit mir anzulegen, also wandte er sich an Luiz: „Wenn du mir bei Blanco hilfst, kannst du die Waschsalons haben. Alle.“

Luiz kniff die Augen zusammen. „Ich will die Waschsalons und diesen Imbiss, den du auf der Carver Street besitzt.“

Dimitri seufzte, dann nickte er.

Ich verdrehte die Augen. Noch vor einer Minute hätten sie sich liebend gerne gegenseitig umgebracht, aber jetzt wollten sie bei dem Versuch, mich zu töten, zusammenarbeiten. Nun, zumindest war Luiz klug genug, dem anderen Gangster so viel wie möglich abzuverlangen. Dafür musste man ihn bewundern. Selbst wenn er sich für die falsche Seite entschieden hatte.

Dimitri und Luiz schüttelten sich die Hände, um ihren eiligen Handel zu besiegeln, dann drehten sie sich beide zu mir um. Ihre Bodyguards standen hinter ihnen und ließen in Erwartung der Abreibung, die sie mir verpassen wollten, die Knöchel knacken. Narren.

„Also, was willst du jetzt tun?“, fragte Dimitri höhnisch. „Gegen uns alle?“

„Ich? Ich werde endlich ein wenig Spaß haben. Das habe ich mir verdient, nachdem ich zugehört habe, wie ihr beide euch gezankt habt wie zwei Kinder, die um ein Eis streiten.“

Anscheinend brachte diese Beleidigung das Fass zum Überlaufen, weil Dimitris Wangen noch heißer brannten und er mit dem Finger auf mich zeigte.

„Schnappt sie euch!“, brüllte er.

„Tötet Blanco!“, rief Luiz.

Die beiden Bosse und ihre Wachen stürzten sich auf mich, wobei Dimitri sich über den Konferenztisch beugte und nach mir griff, als wolle er mich erwürgen.

Ich trat mit dem Fuß gegen das Tischbein, sodass das ganze Ding nach vorne rutschte, direkt in den Schmerbauch des Russen. Er keuchte und klappte zusammen, dabei rutschte ihm fast sein wirklich schlechtes, wirklich offensichtliches und wirklich zerzaustes, schwarzes Toupet vom Kopf.

Doch ich hatte mich bereits der nächsten Bedrohung zugewandt. Ich lehnte mich vor, schnappte mir den Metallstuhl, auf dem ich gesessen hatte, und rammte ihm dem ersten Riesen-Bodyguard ins Gesicht. Er schrie auf und stolperte rückwärts, die Hände vor seine blutige Nase. Dabei kam er an Silvio vorbei. Der Vampir stellte ein Bein vor und brachte ihn zum Stolpern. Der Riese knallte mit dem Kopf gegen die Reling. Dabei gab die Messingstange ein lautes, volltönendes Geräusch von sich, als wäre gerade eine Glocke angeschlagen worden. Der Riese sackte bewusstlos auf dem Deck zusammen. Ding-Dong. Einer bereits außer Gefecht.

Silvio schenkte mir ein Lächeln und zeigte mit den Daumen nach oben. Ich grinste ihn an, dann wandte ich mich dem nächsten Bodyguard zu.

Phillip war klug genug gewesen, dafür zu sorgen, dass niemand die Delta Queen bewaffnet betrat – außer mir –, also machte ich mir keine Sorgen, ich könne erschossen werden. Und selbst wenn es jemandem gelungen wäre, eine Pistole oder ein Messer an Bord zu schmuggeln, konnte ich immer noch meine Steinmagie einsetzen, um meine Haut zu verhärten und mich vor Kugeln und Klingen zu schützen.

Immer noch mit demselben Stuhl prügelte ich mich zwischen zwei weiteren Wachen hindurch und fügte ihnen Prellungen oder Schnitte im Gesicht, am Hals und den Armen zu. Als ich mit diesen Riesen fertig war, war die Sitzfläche aus Plastik in meiner Hand zersprungen, also riss ich zwei der Metallbeine ab und setzte sie als Kampfstäbe ein.

Plock-plock-plock-plock-plock.

Ich schlug mit den Metallstangen auf jeden Riesen ein, den ich erreichen konnte, knallte ihnen die Stuhlbeine gegen die Knie, die Kehle, die Schläfen und zwischen die Beine. Ein Stöhnen und Keuchen hallte wie Nebelhörner über das Deck und mehr als nur ein wenig Blut spritzte durch die Luft, um in feinem Regen auf das glänzende Holz und die schimmernde Messingreling niederzugehen.

„Zurückhaltung!“, rief Silvio, nachdem ich dem Riesen, der am dichtesten bei mir war, das Ende des Stuhlbeins ins Gesicht gerammt hatte. „Zurückhaltung bitte, Gin!“

„Was?“, schrie ich zurück. »Ich schlitze sie nicht mit meinen Messern auf … noch nicht!«

Bei meinen Worten erstarrte der Riese, gegen den ich gerade kämpfte, die Faust noch zurückgezogen, um mich zu schlagen. Doch anscheinend wollte er meine Warnung ernst nehmen, denn statt mich tatsächlich anzugreifen, wirbelte er herum und eilte zur Landungsbrücke auf der gegenüberliegenden Seite des Bootes. Alle anderen kauerten bereits auf dem Deck und versuchten, wieder Kraft zum Aufstehen zu finden oder die Welt davon abzuhalten, sich um sie zu drehen.

„Du!“, brüllte Dimitri, der endlich wieder Luft bekam. Eilig schob er sein Toupet dorthin, wo es hingehörte. „Ich werde dich umbringen, und wenn es das Letzte ist, was ich tue!“

Mit einem lauten Aufschrei stürzte sich der Verbrecherboss auf mich. Doch statt ihn mit dem Stuhlbein zu schlagen, wie ich es bei all den Wachen getan hatte, ging ich einfach nur in die Hocke. Dann, als er direkt über mir war, richtete ich mich auf und warf ihn über die Reling.

»Aaah …«, schrie Dimitri auf dem Weg nach unten.

Platsch.

Schritte erklangen und aus dem Augenwinkel heraus entdeckte ich Luiz, der auf mich zustürmte. Eilig ging ich wieder in die Hocke, um dann, als er mich erreicht hatte, schnell aufzustehen und auch ihn über die Seite des Schiffes zu werfen.

Ein weiterer lauter Schrei, ein weiteres, sehr befriedigendes Platschen.

Meine Augen huschten von rechts nach links, doch es gab keine Feinde mehr zu bekämpfen. Also sah ich Lorelei Parker und Jack Corbin an, die sich nicht gerührt hatten.

„Wollt ihr beide auch ein wenig Spaß haben?“, fragte ich und ließ die Stuhlbeine in meinen Händen rotieren. „Ich habe mich gerade warm gelaufen.“

Lorelei schnaubte abfällig und schüttelte den Kopf, während Corbin in gespielter Kapitulation die Hände hob.

Leise Schreie erklangen – „Hilfe! Hilfe!!“ – und ich ging zur Reling. Phillip und Silvio traten rechts und links neben mich, dann sahen wir gemeinsam nach unten.

Im Fluss klammerten sich Dimitri und Luiz aneinander. Beide strampelten wie wild und versuchten, sich über Wasser zu halten, indem sie den anderen ertränkten. Dimitri hatte es irgendwie geschafft, sein Toupet festzuhalten, mit dem er jetzt auf Luiz’ Gesicht einschlug. Beide sahen aus wie die nassen, schleimigen Ratten, die sie auch waren.

Ich grinste Phillip an. „Du hattest absolut recht. Leute über Bord zu werfen macht wirklich Spaß. Ich fühle mich bereits viel besser.“

„Habe ich dir doch gesagt“, erklärte Phillip selbstgefällig. Seine blauen Augen funkelten vor Vergnügen.

Silvio seufzte. „Ermutige sie nicht auch noch.“

Die ausgeschalteten Riesen auf dem Deck stöhnten und ächzten. Ich warf meine Stuhlbeine zur Seite, drehte mich um und lehnte mich gegen die Reling. Alle Bodyguards sahen mich fragend an, um herauszufinden, was ich als Nächstes tun würde.

„Also“, rief ich und deutete mit dem Daumen über die Schulter. „Möchte noch irgendjemand baden?“

Seltsamerweise wollte niemand mein freundliches Angebot annehmen.

Jennifer Estep

Über Jennifer Estep

Biografie

Jennifer Estep ist SPIEGEL-Bestsellerautorin und lebt in Tennessee. Sie schloss ihr Studium mit einem Bachelor in Englischer Literatur und Journalismus und einem Master in Professional Communications ab. Bei Piper erscheinen ihre Young-Adult-Serien um die „Mythos Academy“, »Mythos Academy...

Pressestimmen
schreiblust-leselust.de

„Das Ganze hat viel Tempo, inzwischen jede Menge Wiedererkennungswert und als Besonderheit die so nirgends anders beschriebene Elementar-Magie. So wird auch dieser Band die Anhänger der Reihe wieder fesseln.“

Kommentare zum Buch
Kommentieren Sie diesen Beitrag:
(* Pflichtfeld)
Kommentar senden