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Die Saphirkrone (Gargoyle Queen 1)

Jennifer Estep
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Roman

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Die Saphirkrone (Gargoyle Queen 1) — Inhalt

Gemma, die Kronprinzessin von Andvari, liebt hübsche Ballkleider und Juwelen. Zumindest denkt das jeder. Allerdings versteckt sie hinter dieser Fassade die Tatsache, dass sie eine mächtige Mentalmagierin ist – und eine Spionin. Um herauszufinden, wer Andvaris königliches Bergwerk ausraubt, begibt sich Gemma mit dem loyalen Gargoyle Grimley auf eine geheime Mission in das feindliche Königreich Morta. Dort warten nicht nur höfische Intrigen und mordlustige Adelige auf die junge Spionin, sondern auch Gemmas persönlicher Erzfeind: der gerissene und gut aussehende mortanische Prinz Leonidas.

€ 18,00 [D], € 18,50 [A]
Erschienen am 29.09.2022
Übersetzt von: Vanessa Lamatsch
480 Seiten, Klappenbroschur
EAN 978-3-492-70751-0
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€ 14,99 [D], € 14,99 [A]
Erschienen am 29.09.2022
Übersetzt von: Vanessa Lamatsch
480 Seiten, WMePub
EAN 978-3-492-60247-1
Download Cover

Leseprobe zu „Die Saphirkrone (Gargoyle Queen 1)“

Teil I: Prinzessin

Kapitel 1


Ich liebe mein Leben als Prinzessin.

Die wunderschönen Kleider. Die glitzernden Juwelen. Das leckere Essen. Und natürlich die Bälle und alles, was dazugehört: das Kleiderkaufen, das Tanzen, das Flirten.

O ja. Ich liebe all das und mehr.

Vielleicht sollte ich nicht so empfinden. Schließlich haben die meisten Angehörigen königlicher Familien einen schrecklich schlechten Ruf. Königinnen sind kalt, Könige grausam, Prinzen aufgeblasen. Würde man fragen, so würden die meisten Leute sagen, dass ich eine verwöhnte Prinzessin bin. Ich [...]

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Teil I: Prinzessin

Kapitel 1


Ich liebe mein Leben als Prinzessin.

Die wunderschönen Kleider. Die glitzernden Juwelen. Das leckere Essen. Und natürlich die Bälle und alles, was dazugehört: das Kleiderkaufen, das Tanzen, das Flirten.

O ja. Ich liebe all das und mehr.

Vielleicht sollte ich nicht so empfinden. Schließlich haben die meisten Angehörigen königlicher Familien einen schrecklich schlechten Ruf. Königinnen sind kalt, Könige grausam, Prinzen aufgeblasen. Würde man fragen, so würden die meisten Leute sagen, dass ich eine verwöhnte Prinzessin bin. Ich würde die Liste der verwöhnten Prinzessinnen sogar anführen, sowohl auf dem Kontinent Buchovia als auch darüber hinaus – und diese Tatsache erfüllt mich durchaus mit Stolz. Wenn dir schon so etwas nachgesagt wird, dann solltest du auch die Beste darin sein. Und ich bin verdammt gut darin, Gemma Armina Merilde Ripley zu sein, Kronprinzessin von Andvari, weit und breit bekannt als Mode-Trendsetterin, hervorragende Tänzerin und Meisterin im Flirten.

Aber es gibt etwas, das ich noch mehr liebe als mein Prinzessinnendasein – die Arbeit als Spionin.

„Bist du bereit, Gemma?“, fragte eine Stimme.

Ich sah zu der Frau um die fünfzig, die an der Wand stand. In ihrem dunkelbraunen, zum Dutt gebundenen Haar glänzten mehrere silberne Strähnen, und ihr Gesicht war von Runzeln gezeichnet, besonders um ihre haselnussbraunen Augen herum – als hätte sie jahrelang besorgt das Gesicht verzogen. Und das stimmte wahrscheinlich sogar … schließlich war ich diejenige, auf die sie aufpassen musste.

Die Frau trug eine dunkelgraue Tunika über einer engen, schwarzen Hose und Stiefeln. Auf ihrer Kleidung war weder ein Wappen noch ein anderes Symbol zu sehen, doch das silberne Schwert und der passende Dolch, die von ihrem schwarzen Ledergürtel hingen, verrieten, dass sie viel mehr war als eine einfache Bürgerliche.

Ich lächelte Topacia, meine langjährige, persönliche Leibwache, an. „Fast. Ich kontrolliere nur noch mal meine Verkleidung.“

Ich musterte meine Reflexion in dem frei stehenden Spiegel in einer Ecke des Wohnzimmers. Bevor wir letzte Woche heimlich nach Blauberg gereist waren, hatte ich meine Kleider und meinen Schmuck zur Seite gelegt. Ich hatte mir mein langes, dunkelbraunes Haar abgeschnitten, bis es mir nur noch auf die Schultern fiel, und es schwarz gefärbt. Ich wollte anders aussehen als normalerweise – auch wenn ich mir die Mühe gespart hatte, die Wölbung meiner Wangen oder die Form meiner Nase mit einem magischen Ring zu verändern. Das war nicht nötig, denn sobald ich die Mine betrat, färbte Dreck meine helle Haut dunkel.

Mein jetzt schwarzes Haar war im Nacken zu einem Pferdeschwanz gebunden, den ich unter dem grauen Metallhelm auf meinem Kopf verstaut hatte. Wie Topacia trug auch ich eine dunkelgraue Tunika über einer engen, schwarzen Hose, auch wenn beides momentan von einem hellgrauen Overall verborgen wurde. An den Füßen hatte ich stabile Arbeitsstiefel.

Die Garnmeister in Glitnir, dem königlichen Palast von Andvari, wären wahrscheinlich in Ohnmacht gefallen, hätten sie mich in meinem Minenarbeiteroutfit gesehen. Schließlich war das etwas ganz anderes als die Seiden-, Satin- und Samtstoffe, die ich gewöhnlich trug. Ich hatte nichts gegen einfache Kleidung – auch wenn ich mir wünschte, der Overall wäre weicher und der schwere Stoff würde mich nicht ständig im Nacken kratzen. Vielleicht sollte ich nach meiner Rückkehr nach Glitnir eine Kampagne für bequemere Kleidung für die Minenarbeiter meines Königreiches starten.

Darüber würden sich wahrscheinlich alle im Palast amüsieren und diesen Vorschlag für schrecklich närrisch halten. Doch ich hatte genug Zeit in engen Korsetten, kneifenden Schuhen und mit schweren Tiaras auf dem Kopf verbracht, um zu wissen, wie wichtig bequeme Arbeitskleidung war. Und Bälle zu besuchen, zu tanzen und mit Adeligen zu plaudern, war harte Arbeit. Außerdem würde diese scheinbar lächerliche Idee ganz wunderbar zu meiner sorgfältig errichteten Fassade passen.

Für die meisten Leute war Prinzessin Gemma Ripley ein hübsches Schmuckstück; ein weiteres Juwel, das am Hof von Glitnir glitzerte und strahlte. Und ich hatte nicht vor, die Leute wissen zu lassen, dass ich mehr war als ein hübscher Dekorationsgegenstand. Die Tatsache, dass man mich unterschätzte, hatte mir schon mehr als einmal geholfen … besonders auf meinen Geheimmissionen. Und meine aktuelle Unternehmung war viel wichtiger als die meisten früheren.

Topacia musterte mich. „Dein Haar abzuschneiden und zu färben, war auf jeden Fall eine clevere Idee. Vielleicht solltest du aber doch darüber nachdenken, einen Glamour-Ring zu tragen und deine Augenfarbe zu verändern.“ Ein Lächeln umspielte ihre Mundwinkel. „Besonders, weil du die blauesten Augen in allen Königreichen hast. So heißt es doch in dem Lied?“

Ich stöhnte über ihren Witz. Vor ein paar Jahren, zu meinem fünfundzwanzigsten Geburtstag, hatte ein Musikmeister und potenzieller Freier „Die blaueste Krone“ komponiert, ein zugegebenermaßen sehr einprägsames, flottes Lied, in dem das Blau meiner Augen mit den Saphiren in einer der Königskronen der Ripleys verglichen wurde. Zu meinem großen Entsetzen hatte sich das Lied wie ein Lauffeuer in Andvari und allen anderen Königreichen verbreitet. Inzwischen sangen die Leute das Lied fast jedes Mal, wenn ich als Prinzessin Gemma öffentlich auftrat – oder sie spielten zumindest eine Instrumentalversion davon. Mir hatte der Song gefallen – die ersten paar Male. Inzwischen – Hunderte von schief gekreischten Versionen später – knirschte ich schon bei dem Gedanken an die Melodie mit den Zähnen.

Topacia kommentierte meine missmutige Miene mit einem leisen Lachen. Ich ignorierte sie, löste mit Mühe meine Zähne voneinander und vollführte eine Geste, die meinen Helm, den Overall und die Stiefel einschloss.

„So gekleidet wird mich niemand erkennen. Und wir haben doch bereits darüber geredet: Soweit die Öffentlichkeit weiß, befindet sich Prinzessin Gemma gerade auf einem belanglosen Ausflug nach Svalin und erlebt sicher kein Abenteuer in Blauberg.“

Topacia zog eine Augenbraue hoch. „Abenteuer? Nennen wir das jetzt so? Und ich dachte, die Arbeit in einer Mine wäre schwer und dreckig.“

„Oh, das ist sie auf jeden Fall.“ Ich grinste. „Aber genau deswegen handelt es sich auch um ein Abenteuer. Und ich liebe aufregende Abenteuer.“

Topacia schnaubte.

„Es ist ein Abenteuer“, wiederholte ich mit Nachdruck. „Und was noch besser ist: Du und Grimley seid auch dabei. Richtig, Grims?“

Ich sah zu dem Gargoyle hinüber, der ausgestreckt auf dem Teppich vor dem Kamin lag. Er war ungefähr so groß wie ein Pferd, auch wenn sein dunkelgrauer Steinkörper viel gedrungener war … und seine Beine kürzer. Alle Gliedmaßen bestanden fast nur aus Muskeln. Aus seinen großen, wolfsähnlichen Tatzen ragten schwarze Klauen, die perfekt dafür geeignet waren … na ja, alles zu zerreißen. Seine breiten Flügel lagen momentan wie zwei geschlossene Fächer an seinen Seiten, aber aus seiner Stirn ragten zwei gebogene Hörner, und sein Schwanz lief in einer Spitze aus wie ein Pfeil.

Der Gargoyle öffnete seine saphirblauen Augen … die ebenfalls in diesem dämlichen Lied verewigt waren. Grims gähnte und enthüllte dabei ein Maul voller rasiermesserscharfer Zähne.

Grimley war mein bester Freund. Seit dem Tag, als ich ihm in den Nadelbergen begegnet war – nach dem Sieben-Türme-Massaker auf meiner Flucht aus Bellona –, war der Gargoyle ständig an meiner Seite. Damals hatte ich dringend einen Freund gebraucht, daher war Grimley mir wie ein Geschenk der Götter erschienen. Er hatte mir in diesen finsteren, wilden und gefährlichen Tagen mehr als einmal das Leben gerettet … seitdem waren wir unzertrennlich.

Grimley hob den Kopf und spähte zu mir. Er musste meine turbulenten Gedanken durch unsere geistige Verbindung gespürt haben. Eilig verdrängte ich die Erinnerungen an das Massaker und seine Folgen, wanderte hinüber und ging vor ihm in die Hocke. Grimley rollte sich auf die Seite, damit ich ihm den Bauch kraulen konnte. Die flexible Steinhaut dort hatte dieselbe raue, verwitterte Struktur wie am Rest seines Körpers. Dank der Hitze des Kamins war er so warm wie ein Stein, der in der Sommersonne gelegen hatte.

Du faules Stück, dachte ich und richtete die Worte mithilfe meiner Magie an ihn. Du könntest zumindest so tun, als wärst du aufgeregt wegen unserer Mission.

Ich fühle mich viel zu wohl, um aufgeregt zu sein. Grimleys tiefe Stimme erklang in meinem Kopf. Sie klang ein bisschen wir Kieselsteine, die aneinandergerieben wurden. Außerdem ist es deine Mission, in der Mine zu arbeiten. Meine Aufgabe ist es, dafür zu sorgen, dass du sicher nach Hause zurückkehrst, wie dein Vater es befohlen hat. Die Nickerchen nicht zu vergessen, natürlich.

Obwohl ich neunundzwanzig Jahre alt war und sehr gut auf mich selbst aufpassen konnte, wäre es Dominic Ripley – dem Kronprinzen von Andvari – lieber gewesen, wenn ich in Glanzen, unserer Hauptstadt, geblieben wäre, um mich dort um höfische Angelegenheiten zu kümmern und den Rest meiner Tage mit Einkaufstouren, Teekränzchen und Bällen zu füllen. Das hätte auch meinem Großvater sehr gefallen, Heinrich Ripley, dem aktuellen König von Andvari. Beide wären verzückt gewesen, hätte ich nie wieder einen Schritt aus dem königlichen Palast heraus gemacht, statt als reisende Botschafterin für unser Königreich zu arbeiten – eine Position, die ich eigens geschaffen hatte, um eine Tarnung für meine Spionagemissionen zu haben.

Doch mein Vater und mein Großvater hatten mich – wahrscheinlich zu ihrem großen Bedauern – zu tief empfundenem Pflichtbewusstsein erzogen. Und meine Pflicht verlangte von mir, dass ich alles in meiner Macht Stehende tat, um mein Volk zu beschützen. Was meiner Meinung nach beinhaltete, mich nicht dort aufzuhalten, wo jeder mit mir rechnete. Stattdessen brach ich zu Abenteuern auf und begab mich hin und wieder in moderate Gefahr.

In Prinzessin Gemmas Gegenwart neigten die Leute dazu, entweder zu faseln oder zu protzen. Gewöhnlich waren nur ein paar freundliche Worte und ein paar Minuten meiner Aufmerksamkeit nötig, um jemanden davon zu überzeugen, mir alle Gerüchte und Neuigkeiten anzuvertrauen. Ich setzte diese Informationen dann ein, um große und kleine Vergehen aufzudecken – mal hielt ich Händler davon ab, zu viel für ihre Waren zu verlangen; mal brachte ich Adelige dazu, ihre Steuern zu bezahlen; und hin und wieder spürte ich Banditen auf, die eine Siedlung terrorisierten. Meine scheinbar unschuldigen Reisen hatten mir außerdem erlaubt, ein Netzwerk von Quellen in ganz Andvari und darüber hinaus aufzubauen, die mich durch Briefe gerne über alles auf dem Laufenden hielten, was in ihrem Teil des Kontinents vor sich ging.

Grimley verschob seinen Körper ein wenig auf dem Teppich, um eine noch gemütlichere Stellung zu finden. Ich habe durchaus vor, die Befehle deines Vaters zu befolgen, sollte das nötig werden. Doch bis dahin überlasse ich dich dir selbst, weil du ganz gut auf dich selbst aufpassen kannst. Während du mich meinem Nickerchen überlässt, das ich sehr genießen werde. Abgemacht?

Ich streckte dem Gargoyle meine Zunge heraus, so wie ich es schon seit Kindertagen tat. Er brummte amüsiert, schloss die Augen und schlief wieder ein, die kurzen Beine in die Luft gestreckt.

Grimley hatte recht. Ich konnte auf mich selbst aufpassen, trotz meiner Fassade der verwöhnten Prinzessin. Als Mentalmagierin besaß ich die Fähigkeit, Gegenstände mit bloßer Gedankenkraft zu bewegen, die oberflächlichen Gedanken von anderen Menschen zu belauschen und in Träume einzudringen … unter anderem. Ich war viel mächtiger und gefährlicher, als es den meisten Leuten bewusst war – wenn meine Magie denn funktionierte.

Eine alte, vertraute Sorge flammte pochend auf wie ein Splitter in meinem Herzen. Ich stand auf, packte meine silberne Halskette und zog das Schmuckstück unter der Kleidung hervor.

An der Kette baumelte ein Anhänger. Auf einem Silberplättchen waren kleine Stücke schwarzer Gagat so arrangiert, dass sie ein knurrendes Gargoylegesicht darstellten – das königliche Wappen der Ripleys. Winzige, mitternachtsblaue Zährensteinsplitter bildeten Hörner, Augen, Nase und Zähne und sorgten dafür, dass der Anhänger aussah wie Grimleys Gesicht.

Der Anhänger war ein Geschenk von Alvis gewesen, dem königlichen Juwelier von Andvari – einem Metallsteinmeister. Alvis gehörte zu den wenigen Personen, die wussten, welche fürchterlichen Dinge ich mit meiner Magie anstellen konnte. Er hatte den Anhänger vor Jahren für mich geschaffen, um mir die Kontrolle über meine Magie zu erleichtern. Der schwarze Gagat half mir dabei, mich vor den banalen Gedanken der Leute um mich herum abzuschirmen. Die blauen Zährensteinsplitter dagegen konnten meine eigene Magie aufnehmen und speichern, um mir für den Fall der Fälle ein wenig zusätzliche Kraft zu verleihen. Allerdings hatte ich die Splitter noch nie auf diese Weise nutzen müssen.

Ich trug den Gargoyle-Anhänger immer und nahm ihn für nichts und niemanden ab – egal, wie oft Yaleen, meine Garnmeisterin, sich darüber beschwerte, dass das Schmuckstück nicht zur Farbgebung ihrer Abendroben passte.

Ich hatte zu viel Angst vor dem, was passieren konnte – was ich anrichten konnte –, wenn ich den Anhänger je ablegte.

Ich rieb mit dem Daumen über die Zährensteinsplitter im Gesicht des Gargoyles. Das Kratzen der Edelsteine an meinen Fingern milderte meine Sorgen, also schob ich den Gargoyle wieder unter meinen Overall. Die kühle Silberkette um meinen Hals und das Gewicht des Anhängers über meinem Herzen beruhigten mich.

Sieh den Anhänger als kleine Ausgabe von Grimley, der dich bewacht, hörte ich Alvis’ Stimme in meinem Kopf rumpeln. So hatte er durch die Blume die finstere Wahrheit ausgesprochen, die wir beide kannten – dass der Anhänger eher andere Leute vor meiner Magie beschützte als mich.

Ich ging zum Tisch und schnappte mir den Dolch, der auf der Platte lag. Die Waffe bestand aus hellgrauem Zährenstein, mit Grimleys knurrendem Gesicht in Gagat und Zährenstein auf dem Heft. Ein weiteres Geschenk von Alvis. Auf dem Tisch lagen auch noch das dazu passende Schwert sowie das Schild, jeweils mit demselben Wappen darauf. Doch diese Waffen waren viel zu groß und auffällig, um sie mit in die Mine zu nehmen.

Ich schob den Dolch in die Scheide im Schaft meines Stiefels. Dann schnappte ich mir die Blechdose mit meinem Mittagessen und sah erneut Topacia an. „Lass uns gehen. Wird Zeit, dass sich Minenarbeiterin Gemma zum Dienst meldet.“

 

Topacia und ich ließen den schnarchenden Grimley vor dem Kamin zurück und gingen hinaus. Die Hütte, die Topacia unter falschem Namen für mich gemietet hatte, stand einsam in einem kleinen Wäldchen, aber ich rief trotzdem meine Magie, um sicherzustellen, dass wir allein waren.

Alles in der Welt hatte eine eigene Energie, eine Art Aura … egal, ob es sich um einen Meuchelmörder handelte, der mir im Wald auflauerte, einen Schmetterling, der durch die Zweige flatterte, oder einen im Gras versteckten Stein. Als Mentalmagierin konnte ich meinen Geist aussenden und diese Energie beeinflussen. Ich konnte den Meuchelmörder zum Stolpern bringen, den Schmetterling gegen einen Ast schnippen oder den Stein aus dem Boden lösen und den Hügel nach unten rollen lassen.

Als ich noch jünger gewesen war und noch lernen musste, meine Macht zu kontrollieren, hatte ich immer so getan, als wäre ich eine Puppenspielerin, an deren Fingern unsichtbare Fäden befestigt waren, die mich mit allem und jedem um mich herum verbanden. Ich musste die Fäden nur packen oder loslassen, daran ziehen oder sie von mir stoßen, um Dinge geschehen zu lassen – mit allen möglichen Folgen.

Jetzt spürte ich niemanden zwischen den Bäumen. Es war nur ein kleiner Gedanke nötig, um die Tür hinter uns zu schließen. Ich wedelte mit der Hand und beeinflusste damit die unsichtbaren Energieströme, die mich mit der Tür verbanden, sodass auch das Schloss einrastete.

Wir traten auf den Trampelpfad, der zu einer mit Kopfsteinen gepflasterten Straße führte, auf der sich Fußgänger, Kutschen und Fuhrwerke tummelten. Es war kurz nach sieben Uhr morgens, und die Leute drängten in die Stadt, um sich an ihre Arbeitsplätze zu begeben.

Wie im Großteil von Andvari waren die Minen die wichtigsten Arbeitgeber in Blauberg, einer mittelgroßen Stadt nur fünf Kilometer entfernt von der Grenze zu Morta. Die meisten Fußgänger auf der Straße trugen die grauen Overalls und Helme, die sie als Minenarbeiter kenntlich machten. Die wohlhabenderen Adeligen und Händler rollten in Kutschen und Karren vorbei.

In der kalten Luft Ende September schwebten kleine Dampfwolken vor den Gesichtern der Leute, und auch die Pferde vor den Kutschen und Karren stießen dichte Wolken aus. Blauberg lag hoch oben im Gebirge – war gleichsam in die Felsen des namensgebenden Berges geschlagen –, daher hatte hier der Herbst bereits Einzug gehalten. Die Bäume an der Straße präsentierten ihre Blätter in leuchtenden Rot- und Goldtönen.

Über der Straße segelten Gargoyles durch die Luft, weg von den Leuten und den Gebäuden. Manche der Kreaturen waren größer als Grimley, mit Flügeln, die über die Straße hinausreichten, während andere kaum größer waren als Caladriusse, diese eulenähnlichen Vögel, die für ihr schneeweißes Federkleid und ihre starke Magie bekannt waren. Jeden Morgen flogen die Gargoyles in die umliegenden Wälder und Berge, um Ratten, Kaninchen und anderes Getier zu jagen. Dann, am Abend, kehrten sie zum Schlafen auf die Dächer der Stadt zurück.

Topacia und ich bogen um eine Kurve. Die Bäume lichteten sich und gaben den Blick auf die Stadt frei. Blauberg erstreckte sich über mehrere Ebenen, die sich am Berg nach oben zogen. Steinerne Stufen verbanden die verschiedenen Etagen in geraden Strichen. Die Straßen dagegen zogen sich im Zickzack über den Berg, um die Höhenunterschiede auszugleichen.

Viele der aus grauem Stein erbauten Läden und Wohnhäuser ragten hoch und schmal in den Himmel. Ihre steilen, mit schwarzem Schiefer gedeckten Dächer ließen sie wirken wie Türme – als wäre die gesamte Stadt ein einziger großer Märchenpalast, der so tief in den Berg eingesunken war, dass nur noch die Türme zu sehen waren.

Diese Illusion eines versunkenen Schlosses wurde verstärkt von den vielfältigen Schnitzereien und anderen künstlerischen Verzierungen, die an den Gebäuden prangten. Reben, Blätter und Blüten zogen sich über viele der hölzernen Fensterläden, und manche der schöneren Häuser wurden von Steinsäulen gestützt, die so gearbeitet waren, dass sie aussahen wie blühende Bäume. Wetterfahnen aus Bronze in Form von Gargoyles zierten beinahe jedes Dach, wo sie sich quietschend in der Brise bewegten.

Blauberg war bei Weitem nicht so wohlhabend und schön wie Glanzen, die Hauptstadt. Doch mich amüsierte es blendend, im Gehen nach den vereinzelten, glänzenden Monden auf Säulen oder den Stiefmütterchen aus Saphiren auf einer Tür Ausschau zu halten.

Und was noch besser war: Dieses Spiel half mir dabei, die Gedanken der Leute um mich herum auszublenden.

Metzger, Bäcker und andere Händler priesen bereits aus Ladentüren und Karren heraus ihre Waren an, während die Kunden um den Preis für Fleisch, Puffmais oder Stoff feilschten. Die Geräuschkulisse war schon schlimm genug, aber der stetige Strom von Gedanken um mich herum war besonders unerträglich.

Die Leute dachten ständig. Jede verdammte Sekunde an jedem verdammten Tag. Und mich in der Umgebung von so vielen Leuten aufzuhalten, bedeutete, dass unzählige Gedanken um meinen Kopf summten wie unsichtbare Bienen.

Der Gargoyle-Anhänger erwärmte sich auf meiner Haut, als würde ein heißer Stein an meine Brust gedrückt. Die Gagatsplitter blockierten so viele Gedanken wie möglich … aber es waren einfach zu viele Leute, als dass es den Juwelen gelingen konnte, die mentale Flutwelle zu stoppen.

Muss dieses Fleisch verkaufen, bevor es schlecht wird …

Dieser Puffmais schmeckt schal …

Die blaue Seide bekomme ich auch billiger …

Diese und Dutzende weiterer Gedanken drängten auf mich ein, als ich über einen der vielen Plätze der Stadt eilte. Das ständige Murmeln im Kopf war unglaublich ermüdend – als wäre ich gezwungen, mir eine Musik anzuhören, die niemals verstummte. Und noch schlimmer: Ich konnte auch noch die Emotionen der Leute spüren, was die Kakofonie in meinem Kopf und meinem Herzen nur verstärkte.

In solchen Momenten fühlte ich mich nicht wie eine Puppenspielerin, die alle Fäden in der Hand hielt und alle Anwesenden damit geschickt manipulierte. Nein, in diesem Augenblick war ich eher ein winziges, zerbrechliches Schiff, das in einen tosenden Sturm geraten war. Die Gedankenwellen schleuderten mich hin und her auf einer See aus Gefühlen. Alles, von eisiger Verachtung über lauwarmem Interesse bis zu kochender Wut, schwappte über mein angeschlagenes Deck hinweg.

Topacia und ich betraten eine weniger belebte Straße. Das unablässige Brummen in meinen Ohren ließ nach, der Anhänger brannte nicht mehr auf meiner Haut, und mein inneres Schiff richtete sich langsam wieder auf, weil der Sturm der plappernden Gedanken verklang. Ich seufzte vor Erleichterung.

Wir umrundeten den Blauberg, um uns dem Felsmassiv von hinten zu nähern. In dieser Gegend gab es hauptsächlich Läden, deren Waren zugeschnitten waren auf die Bedürfnisse der Minenarbeiter. Die Straße öffnete sich auf einen riesigen Platz, an dessen Rändern Verkaufskarren standen. In der Mitte erhob sich ein grauer Springbrunnen mit einer Gargoylestatue mit weit ausgebreiteten Flügeln. Immer wieder hielten Minenarbeiter davor an, um einen Penny in das plätschernde Wasser zu werfen. Andvarische Minen gehörten zu den sichersten auf dem buchovischen Kontinent. Trotzdem konnte es nicht schaden, die Götter um ein Quäntchen Extraglück zu bitten, bevor man in die Dunkelheit hinabstieg.

Hinter dem Springbrunnen trennte eine niedrige Mauer den Rest des Platzes von der Mine ab. Ein schwarzes Loch öffnete sich in der Seite des Berges, als wäre das Maul eines Kraken in dauerhaftem Gähnen erstarrt. Mit Erz gefüllte Karren wurden aus dem Haupteingang und den Nebenstollen gerollt und über Metallgleise zu einem großen Gebäude in der Ferne geschoben.

In der Raffinerie würden andere Arbeiter dann die Zährensteine, Juwelen und alles andere von Wert sorgfältig vom umgebenden, normalen Gestein trennen. Dann würden die gewonnenen Rohstoffe weiterverarbeitet, geschliffen und poliert, um ein verkaufsfertiges Endprodukt herzustellen.

Ich nickte Topacia zu, und wir glitten in eine schmale Gasse zwischen zwei Bäckereien.

Topacia musterte die Leute, die sich auf der Straße bewegten. „Ich habe Gerüchte gehört, dass sich irgendwelche Mortaner in Blauberg aufhalten. Nicht einfach normale Händler, sondern wohlhabende Höflinge von hohem Stand, zusammen mit ihren Wachen. Bisher habe ich sie aber nicht gesehen – noch nicht.“

Während ich in der Hütte lebte und in der Mine arbeitete, hatte Topacia sich in einem der Gasthöfe der Stadt einquartiert und besuchte regelmäßig Läden und Tavernen. Denn meine Freundin war nicht nur eine herausragende Kämpferin, vielmehr liebte sie es, mit Leuten zu schwatzen. Für Topacia war jeder Fremde ein Bekannter, den sie noch kennenlernen musste. Sie war sehr begabt darin, Gerüchte zu belauschen und beiläufig all die Fragen zu stellen, auf die ich mir eine Antwort wünschte. Ihre Informationen über Mortaner in Blauberg machten mich noch misstrauischer.

Andvari und Morta waren immer schon verfeindet. Die königliche Familie der Morricones hatte schon lange ein Auge auf die Minen der Ripleys und ihren Reichtum an Edelmetallen und Juwelen aller Art geworfen. Doch einer der entscheidendsten Momente in der Jahrhunderte währenden Feindschaft zwischen den zwei Königreichen war das Sieben-Türme-Massaker gewesen.

Vor etwas mehr als sechzehn Jahren hatte König Maximus Morricone von Morta seine uneheliche Schwester Maeven ausgesandt, um die königliche Familie von Bellona, die Blairs, zu töten. Maeven hatte den Angriff sogar meinem Onkel, Prinz Frederich Ripley, in die Schuhe geschoben, der mit seinen andvarischen Begleitern zu diesem Zeitpunkt Bellona besucht hatte.

Ich gehörte zu den wenigen Leuten, die diese schreckliche Tragödie überlebt hatten.

Damals war ich zwölf Jahre alt gewesen … doch manchmal fühlte es sich an, als wäre es gestern gewesen, als Kronprinzessin Vasilia Blair einen Dolch in Onkel Frederichs Herz gerammt hatte – bei einem Mittagessen auf dem königlichen Rasen. Im Anschluss daran hatte sie Lord Hans, den andvarischen Botschafter, mit ihrer Blitzmagie umgebracht. Danach hatte ich mich wie ein Feigling unter einem Tisch versteckt und beobachtet, wie die verräterischen Wachen alle um mich herum abgeschlachtet hatten.

Rufe und Schreie hallten in meinem Kopf wider, unterlegt von dem leiseren, aber umso schrecklicheren Wimmern aus Schmerz und Angst und dem gepressten, tränenerfüllten Flehen um Gnade.

Doch Gnade hatte es an diesem Tag nicht gegeben – nur Tod.

Ich wäre ebenfalls gestorben, hätte Everleigh Blair mich nicht aus meinem Versteck und über den Rasen gezerrt, um mich an Lady Xenia Rubin zu übergeben, eine mächtige Ogermorphin.

Ich erinnerte mich noch genau daran, wie Xenias Arm sich um meine Taille gelegt hatte, enger als eine Schraubzwinge aus Kalteisen. Sie hatte mich in die Luft gehoben, als wöge ich nicht mehr als ein Babygargoyle. Maeven hatte Xenia mit ihren purpurfarbenen Blitzen beschossen, um unsere Flucht zu stoppen, doch Xenia war weitergerannt … und irgendwann hatten wir den Palast erreicht.

Dort hatte Alvis, der damals als königlicher Juwelier in Sieben Türme gearbeitet hatte, uns bei der Flucht durch ein paar alte Stollen geholfen, die unter dem Palast verliefen. Allerdings hatte es uns im Anschluss Wochen gekostet, in meine Heimat Andvari zurückzukehren.

Nach dem Massaker hatten Andvari und Bellona kurz vor einem Krieg gestanden – bis Everleigh die mortanische Intrige aufgedeckt, ihre verräterische Cousine Vasilia getötet und selbst den bellonischen Thron bestiegen hatte.

König Maximus war schon lange tot, aber jetzt regierte Königin Maeven, also existierten die Spannungen zwischen Andvari und Morta bis heute. Die zwei Königreiche standen eigentlich immer kurz vor einem Kriegsausbruch.

In letzter Zeit schienen sich die Spannungen allerdings noch zu verstärken, und unheilvolle Gerüchte waren im Umlauf.

„Gemma?“, fragte Topacia und riss mich damit aus meinen finsteren Gedanken. „Was soll ich in Bezug auf die Mortaner unternehmen? Wenn sie wüssten, dass du hier bist – besonders, falls sich jemand aus dem direkten Umfeld der Morricones hier herumtreibt –, dann werden sie Himmel und Hölle in Bewegung setzen, um dich zu entführen. Oder Schlimmeres.“

Wieder hallten Schreie durch meinen Kopf. Ich wusste genau, wie viel schlimmer es werden konnte, wenn man es mit den Morricones zu tun hatte. Trotzdem zwang ich mich zum logischen Denken. Aufgrund von Mutmaßungen zu handeln, konnte leicht dafür sorgen, dass Topacia und ich den Tod fanden.

„Es sind immer ein paar Mortaner in Blauberg, weil die Stadt so nah an der Grenze liegt“, sagte ich. „Schließlich ist dies eine der wenigen Städte, in denen Handel zwischen den zwei Königreichen tatsächlich notwendig ist und begünstigt wird – wegen der abgeschiedenen Lage, umgeben von Bergen und Wildnis.“

„Aber was ist mit deiner Theorie, dass die Morricones etwas planen?“, meinte Topacia. „Also, dass sie etwas noch Fieseres planen als gewöhnlich?“

In den letzten zwei Monaten hatte ich durch mein Netzwerk von mehreren verstörenden Vorfällen in Andvari gehört – und alle hatten sich in der Nähe der mortanischen Grenze ereignet. Alle Händler einer Karawane waren von Banditen ermordet worden. In einer kleinen Mine war ein Schacht kollabiert, wodurch mehrere Arbeiter den Tod gefunden hatten. Eine Gruppe königlicher Wachen war in einem heftigen Gewitter und der daraus entstehenden Springflut ums Leben gekommen.

Einzeln betrachtet, wirkten diese Vorkommnisse nur wie zufällige Tragödien … doch die zeitliche und örtliche Nähe der Vorfälle hatten mich misstrauisch gemacht. Also hatte ich die letzten Wochen in meiner Rolle als Botschafterin damit verbracht, die Orte der jeweiligen Attacken und Unglücksfälle zu besuchen. Ich hatte den Angehörigen der Opfer mein Beileid ausgesprochen und gleichzeitig diskret meine eigene Untersuchung vorangetrieben. Und ich hatte einen gemeinsamen Nenner bei allen Vorfällen entdeckt – Zährenstein.

Die Händlerkarawane, die Mine und die Wachen hatten alle Hunderte Pfund Zährenstein in ihrem Besitz gehabt – Zährenstein, der nie wieder aufgetaucht war.

Zährenstein wurde oft für Schmuck und Kunstwerke verwendet, doch daraus konnten auch Waffen gemacht werden – wie der Dolch, der in meinem Stiefel steckte. Meine Theorie lautete, dass jemand Zährenstein hortete – jemand in Morta, wenn man bedachte, dass alle Vorfälle sich nur wenige Kilometer von der Grenze entfernt ereignet hatten. Natürlich verdächtigte ich hauptsächlich die Morricone-Familie und besonders Königin Maeven, auch wenn es noch ein paar andere mortanische Adelsfamilien gab, die reich und mächtig genug waren, um all diesen Zährenstein spurlos verschwinden zu lassen.

Was diese Person allerdings mit dem Rohstoff wollte … nun, ich zweifelte stark daran, dass es um so etwas Harmloses wie Schmuckstücke oder Statuen ging, so viele Leute, wie bereits dafür getötet worden waren. Ich befürchtete, dass Maeven den Zährenstein irgendwie dazu einsetzen wollte, einen Mordanschlag auf meinen Vater und Großvater zu verüben – mal wieder.

Mehrere Monate nach dem Sieben-Türme-Massaker hatte die Bastard-Brigade – eine Gruppe aus unehelichen Mitgliedern der Morricone-Königsfamilie – versucht, meinen Vater zu ermorden. Zudem hatten sie meinem Großvater heimlich das Gift des Amethystaugen-Kaktus verabreicht. Dank Königin Everleighs Einschreiten hatten Vater und Großvater Heinrich zwar beide überlebt, aber es war knapp gewesen.

Ich hatte bereits Onkel Frederich durch Maevens Intrigen verloren. Ich würde nicht zulassen, dass sie mir noch jemanden raubte.

Vor zwei Monaten hatte ich aber erst angefangen, mir wirklich Sorgen zu machen. Eine Vorarbeiterin namens Clarissa hatte einen Brief nach Glitnir geschickt – an Großvater Heinrich –, um ihn wissen zu lassen, dass mehrere Lieferungen Zährenstein aus der Blauberg-Mine verschwunden waren. Viel größere Lieferungen als alle, die bisher gestohlen worden waren.

In Minen verschwand immer wieder mal etwas – letztendlich waren sie ja nichts anderes als tiefe Löcher im Boden –, also hatten mein Großvater und mein Vater dem Brief keine allzu große Beachtung geschenkt. Doch für mich war das ein weiterer verdächtiger Vorfall in einer langen und besorgniserregenden Reihe von Tragödien – besonders, da Clarissa drei Tage später bei einem Minenunfall ums Leben kam.

Clarissas Tod schien mir viel zu gut zu allem anderen zu passen, also war ich nach Blauberg geeilt, um Nachforschungen anzustellen. An die anderen Orte war ich zu spät gekommen, um viel herauszufinden. Ich hoffte inständig, dass es diesmal anders laufen würde.

„Meine Theorie ist genau das – eine Theorie. Bis ich Beweise finde, dass sie zutrifft“, antwortete ich Topacia endlich. „Geh wieder in die Stadt und schau, ob du noch mehr Gerede über die mortanischen Adeligen hörst. Ich werde meine Schicht antreten und dabei vielleicht herausfinden, wer Zährenstein aus der Mine schmuggelt.“

Topacia nickte, dann glitt sie aus der Gasse und verschwand.

Ich wollte gerade zum Mineneingang gehen, als etwas meinen Geist streifte. Die unerwartete Präsenz fühlte sich weich an, wie Federn auf der Haut, aber ich erstarrte trotzdem. Ich hörte keine Gedanken, doch auf meiner Haut erwärmte sich der Gargoyle-Anhänger, und meine Fingerspitzen kribbelten, als hielte ich einen Blitz. Dieses Kribbeln war besorgniserregend – denn es bedeutete, dass jemand oder etwas in der Gegend Magie besaß.

Eine sehr mächtige Magie.

Ich ließ den Blick über die Straße, den Platz und den Eingang zur Mine gleiten, doch alles sah aus wie immer. Minenarbeiter, die zur Arbeit gingen, Händler und Marktfrauen, die ihre Waren anpriesen, quietschende Karren voller Erz und Juwelen auf ihren Gleisen.

Ein Schatten glitt über den Himmel und verdunkelte für einen Moment die Sonne. Und genau in dem Moment fühlte ich wieder diese Präsenz. Wer – oder was – war das?

Ich zog den Dolch aus meinem Stiefel und ging ans andere Ende der Gasse. Dann schickte ich meine Magie aus, um nach der vagen Präsenz zu suchen. Sie befand sich … dort drüben.

Ich glitt von einer Gasse in die nächste, als jagte ich eine Feder im Wind. Irgendwann öffnete sich die letzte Gasse in Richtung eines kleinen Wäldchens. Ich huschte zwischen die Bäume und schlich weiter, spähte um einen Ahornstamm herum und …

… entdeckte auf der Lichtung dahinter einen Strix.

Der falkenähnliche Vogel war in etwa so groß wie Grimley, also ungefähr so wie ein Pferd. Allerdings war Grimleys Körper breiter und fester gebaut. Die Federn des Strix zeigten ein leuchtendes Amethyst-Purpur, und an den Enden der breiten, mächtigen Flügel glänzten Onyxspitzen, die so hart, scharf und tödlich waren wie die Pfeilspitzen, an die sie erinnerten.

Die großen, leuchtenden Augen des Vogels hatten dieselbe Färbung wie seine Federn, während der spitze Schnabel und die gebogenen Krallen schwarz glänzten. Eine wunderschöne, wenn auch gefährliche Kreatur.

In den Nadelbergen um Blauberg lebten viele Strixe. Die wilden Vögel glitten oft über die Stadt hinweg, auch wenn sie gewöhnlich sehr hoch unterwegs waren, um den Gargoyles auszuweichen … die zwei Spezies mochten sich nicht besonders. Ich konnte weder Sattel noch Zügel am Strix erkennen, doch er wirkte nicht wie ein wilder Vogel. Aber wo war sein Besitzer?

„Siehst du, Lyra?“, erklang in diesem Moment eine tiefe Männerstimme wie als Antwort auf meine stumme Frage. „Ich habe dir doch gesagt, dass der Flug über die Berge nicht allzu schlimm werden würde.“

„Besserwisser“, zwitscherte der Strix mit hoher, melodischer Stimme, doch ich konnte die Zuneigung im Tonfall hören.

Ein Mann trat um den Strix herum. Er schien etwa ein oder zwei Jahre älter als ich zu sein, also um die dreißig Jahre. Sein relativ langes, schwarzes Haar glänzte wie die Onyxspitzen an den Flügeln des Strix. Seine Augen waren von einem tiefen Amethystblau. Dazu hatte er hohe Wangenknochen und eine gerade Nase. Seine Haut war gebräunt wie die eines Menschen, der viel Zeit unter freiem Himmel verbringt.

Er trug eine enge, schwarze Hose und Stiefel, dazu Handschuhe, ein Hemd und eine lange, schwarze Reittunika. Um seine Schultern lag zudem noch ein schwarzer Mantel. Die Stoffschichten betonten seinen großen, muskulösen Körper und verliehen ihm eine souveräne Aura. An seinem schwarzen Ledergürtel hing ein hellgraues Zährensteinschwert mit passendem Dolch. Doch ich hatte den Eindruck, dass die Waffen bei Weitem nicht so gefährlich waren wie der Mann selbst.

Er drehte sich in meine Richtung … und da entdeckte ich ein mit silbernem Faden eingesticktes Wappen direkt über seinem Herzen – ein schickes, kursives M in einem Kreis aus Strixfedern.

Vor Schreck fuhr ich zusammen. Topacia hatte recht gehabt: Es gab wirklich einen Mortaner in der Stadt.

Prinz Leonidas Luther Andor Morricone, Sohn von Königin Maeven Morricone, der Zweite in der Thronfolge von Morta.

Mein Erzfeind.

Jennifer Estep

Über Jennifer Estep

Biografie

Jennifer Estep ist SPIEGEL- und internationale Bestsellerautorin und immer auf der Suche nach ihrer nächsten Fantasy-Romanidee.

In ihrer Freizeit trifft sie sich gerne mit Freunden und Familie, macht Yoga und liest Fantasy- und Liebesromane. Außerdem sieht sie viel zu viel fern und liebt alles, was...

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