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Neunzehn Minuten

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Neunzehn Minuten — Inhalt

»Es ist vorbei, sagte er. Doch das war es nicht, es fing gerade erst an.« Nach seiner unaussprechlichen Bluttat in der Sterling Highschool zweifelt niemand an der Schuld des 17-jährigen Peter Houghton. Doch während der kleine Ort mit den Folgen dieser 19 Minuten zu ringen hat, wird das Rätsel um den Ablauf der Tragödie immer größer … Die Bestsellerautorin Jodi Picoult lotet die Hintergründe von großer Schuld und der verzweifelten Suche nach Gerechtigkeit aus.

Erschienen am 01.06.2009
Übersetzer: Klaus Timmermann, Ulrike Wasel
480 Seiten, Broschur
ISBN 978-3-492-25398-7
Erschienen am 17.09.2012
Übersetzer: Klaus Timmermann, Ulrike Wasel
480 Seiten, WMEPUB
ISBN 978-3-492-95975-9

Leseprobe zu »Neunzehn Minuten«

TEIL EINS


Wenn wir nie die Richtung ändern, steht schon vorher
fest, wo unser Weg enden wird.

 

CHINESISCHES SPRICHWORT




Wenn Du das hier liest, bin ich hoffentlich tot.
Man kann das, was geschehen ist, nicht ungeschehen machen;
man kann kein Wort zurücknehmen, das einmal ausgesprochen
wurde. Du wirst über mich nachdenken und Dir wünschen, Du
hättest mir die Sache ausreden können. Du wirst Dir das Hirn
zermartern, was Du besser gesagt oder getan hättest. Und ich
sollte Dir wahrscheinlich versichern: Du musst Dir keine Vorwürfe
machen, es ist nicht Deine Schuld, [...]

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TEIL EINS


Wenn wir nie die Richtung ändern, steht schon vorher
fest, wo unser Weg enden wird.

 

CHINESISCHES SPRICHWORT




Wenn Du das hier liest, bin ich hoffentlich tot.
Man kann das, was geschehen ist, nicht ungeschehen machen;
man kann kein Wort zurücknehmen, das einmal ausgesprochen
wurde. Du wirst über mich nachdenken und Dir wünschen, Du
hättest mir die Sache ausreden können. Du wirst Dir das Hirn
zermartern, was Du besser gesagt oder getan hättest. Und ich
sollte Dir wahrscheinlich versichern: Du musst Dir keine Vorwürfe
machen, es ist nicht Deine Schuld, aber das wäre gelogen.
Wir wissen beide, dass ich nicht von allein an diesen Punkt gelangt
bin.
Du wirst auf meiner Beerdigung weinen. Du wirst sagen, es
hätte nicht so weit kommen müssen. Du wirst Dich so verhalten,
wie alle es von Dir erwarten. Aber wirst Du mich vermissen?
Entscheidender noch – werde ich Dich vermissen?
Wollen wir wirklich die Antwort darauf haben?

 

 

6. März 2007

 

 

In neunzehn Minuten kann man den Rasen vor dem Haus

mähen, sich die Haare färben, Brötchen backen, sich vom Zahnarzt
eine Füllung machen lassen oder die Wäsche für eine fünfköpfige
Familie zusammenlegen.
Neunzehn Minuten dauert die Fahrt mit dem Auto von der
Grenze Vermonts nach Sterling in New Hampshire. In neunzehn
Minuten kann man einem Kind eine Gutenachtgeschichte vorlesen
oder einen Ölwechsel machen lassen. Man kann eine Meile
gehen. Man kann einen Saum nähen.
In neunzehn Minuten kann man die Welt anhalten oder einfach
von ihr abspringen.
In neunzehn Minuten kann man Rache nehmen.

Alex Cormier war spät dran, wie üblich. Zweiunddreißig Minuten
dauerte die Fahrt von ihrem Haus in Sterling bis zum Kammergericht
in Grafton County, New Hampshire, und das auch
nur, wenn sie sich in Orford nicht ans Tempolimit hielt. Sie hastete
auf Strümpfen nach unten, die Pumps in der einen Hand, die
Akten, die sie übers Wochenende bearbeitet hatte, in der anderen.
In der Diele drehte sie sich das volle, kupferrote Haar zu
einem Knoten und steckte es im Nacken fest. Im Spiegel sah sie
jetzt die Person, die sie draußen sein musste.
Alex war seit genau vierunddreißig Tagen Richterin am Kammergericht.
Nach fünf Jahren als Bezirksrichterin hatte sie geglaubt,
der neue Posten würde ihr weniger Probleme bereiten.
Aber mit vierzig war sie in ganz New Hampshire noch immer die
Jüngste in ihrem Amt und musste nach wie vor beweisen, dass sie
unparteiisch Recht sprach – bei einer ehemaligen Pflichtverteidigerin
argwöhnten die Staatsanwälte stets, sie würde die Verteidigung
bevorzugen. Alex war Richterin geworden, weil sie den
ehrlichen Wunsch hatte, dafür zu sorgen, dass jeder Angeklagte
bis zum Beweis seiner Schuld als unschuldig zu gelten hatte. Sie
hätte nie geglaubt, dass ihr selbst dieses Recht nicht eingeräumt
wurde.
Frischer Kaffeeduft lockte Alex in die Küche. Ihre Tochter saß
über eine dampfende Tasse gebeugt am Tisch und las in einem
Schulbuch. Josie sah hundemüde aus – ihre blauen Augen waren
gerötet, die kastanienbraunen Haare zu einem unordentlichen
Pferdeschwanz gebunden. »Bitte sag mir, dass du nicht die ganze
Nacht auf warst«, sagte Alex.
Josie hob nicht einmal den Blick. »Ich war nicht die ganze
Nacht auf«, gehorchte sie.
Alex goss sich einen Kaffee ein und setzte sich auf den Stuhl
gegenüber ihrer Tochter. »Ehrlich?«
»Ich hab gesagt, was ich sagen sollte«, erwiderte Josie. »Du
hast nicht nach der Wahrheit gefragt.«
Alex runzelte die Stirn. »Du solltest keinen Kaffee trinken.«
»Und du solltest nicht rauchen.«
Alex spürte, wie sie rot wurde. »Ich hab nicht –«
»Mom«, seufzte Josie, »auch wenn du das Badezimmerfenster
aufmachst, ich riech es an den Handtüchern.«
Alex zog es vor, das Thema nicht weiter zu vertiefen. Immerhin
war das Rauchen ihr einziges Laster. Für mehr hatte sie überhaupt
keine Zeit. Sie wünschte, sie hätte mit Gewissheit sagen
können, dass auch Josie keine Laster außer einer Tasse Kaffee
zuviel am Tag hatte. Aber damit würde sie nur den gleichen
voreiligen Schluss ziehen wie alle, die Josie kennenlernten: eine
hübsche, beliebte Musterschülerin, die besser als die meisten
wusste, welche Folgen es haben konnte, vom Pfad der Tugend
abzuweichen. Ein Mädchen, das es mal weit bringen würde. Eine
junge Frau, die genauso war, wie Alex sich ihre Tochter gewünscht
hatte.
Noch ein paar Jahre zuvor war Josie unglaublich stolz gewesen,
eine Richterin zur Mutter zu haben. Sie ließ keine Gelegenheit
aus, den Beruf ihrer Mutter zu erwähnen, und wollte
immer alles über Alex’ Prozesse und Urteile wissen. Aber das
hatte sich vor drei Jahren geändert, als Josie auf die Highschool
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Picoult19Minuten_1-478 07.11.2007 16:03 Uhr Seite 10
gekommen und die Kommunikation zwischen ihnen immer
spärlicher geworden war. Alex glaubte nicht unbedingt, dass
Josie ihr mehr verheimlichte als irgendein anderer Teenager seiner
Mutter, aber es gab einen wesentlichen Unterschied: Die
anderen Mütter konnten die Freunde ihrer Kinder nur im übertragenen
Sinne verurteilen, Alex dagegen konnte es im juristischen
Sinne.
»Was steht heute bei dir an?«, fragte Alex.
»Klausur. Und bei dir?«
»Haftprüfungen«, erwiderte Alex. Sie warf einen Blick auf
Josies Schulbuch. »Chemie?«
»Katalysatoren.« Josie rieb sich die Schläfen. »Substanzen, die
chemische Reaktionen beschleunigen, aber unverändert bleiben.
Wenn du zum Beispiel Kohlenmonoxid und Wasserstoff nimmst
und Zink und Chromoxid untermischst, dann…«
»Okay, okay, ich war in Chemie nie eine Leuchte. Hast du
gefrühstückt?«
»Kaffee«, sagte Josie.
»Kaffee zählt nicht.«
»Aber schon, wenn du es eilig hast«, entgegnete Josie.
Müsste eine Siebzehnjährige nicht in der Lage sein, sich morgens
allein zu versorgen? Alex beschloss, sich um weitere fünf
Minuten zu verspäten, und holte Eier, Milch und Schinkenspeck
aus dem Kühlschrank. »Ich musste mal entscheiden, ob eine Frau
gegen ihren Willen in der Psychiatrie bleiben sollte. Sie hielt sich
für Fernsehkoch Emeril, und ihr Mann hatte sie einweisen lassen,
nachdem sie ein Pfund Schinkenspeck im Mixer püriert hatte und
dann mit einem Messer auf ihn losgegangen war.«
Josie blickte von ihrem Buch auf. »Echt?«
»Oh, glaub mir, so was denke ich mir nicht aus.« Alex schlug
zwei Eier in die Pfanne. »Als ich sie fragte, wieso sie den Schinkenspeck
püriert habe, hat sie mich bloß angesehen und gesagt,
sie und ich hätten wohl unterschiedliche Methoden in der Küche.«
Josie stand auf und lehnte sich gegen die Arbeitsplatte, schaute
ihrer Mutter am Herd zu. Kochen war nicht gerade ihre Stärke.
»Entspann dich«, sagte Alex trocken. »Ich krieg das hin, ohne
das Haus abzufackeln.«
Aber Josie nahm ihr trotzdem die Pfanne aus der Hand und
legte die Schinkenspeckstreifen ordentlich nebeneinander hinein.
»Wieso ziehst du dich so an?«, fragte sie.
Alex sah an sich herunter, auf ihre Bluse, den Rock und die
Pumps. »Wieso? Zu sehr wie Maggie Thatcher?«
»Nein, ich meine…ist doch eigentlich egal, was du anhast.
Sieht doch eh keiner unter der Robe. Du könntest, was weiß ich,
einen Pyjama drunter tragen.«
»Nun, man erwartet von mir, dass ich mich…na ja, richterlich kleide.«
Josies Gesicht verfinsterte sich, als hätte Alex irgendwie die
falsche Antwort gegeben. Alex musterte ihre Tochter – die abgekauten
Fingernägel, die Sommersprosse hinter dem Ohr, der
Zickzackscheitel – und sah stattdessen das kleine Mädchen, das
im Haus der Tagesmutter am Fenster wartete, wenn die Sonne
unterging, weil sie wusste, dass Alex sie dann abholen kam. »Ich
hatte zwar noch nie einen Pyjama bei der Arbeit an«, gab Alex
zu, »aber manchmal schließ ich meine Bürotür ab und mache ein
Nickerchen auf dem Fußboden.«
Ein überraschtes Lächeln machte sich auf Josies Gesicht breit,
nur für einen Moment. Dann legte sie den Speck zum Abtropfen
auf Küchenpapier. »Ich kapier noch immer nicht, wieso ich was
frühstücken muss und du nicht«, murmelte sie.
»Weil man erst ab einem bestimmten Alter das Recht hat, sich
zu ruinieren.« Alex zeigte auf die Eier in der Pfanne. »Versprichst
du mir, dass du das isst?«
Josie sah sie an. »Versprochen.«
»Dann bin ich jetzt weg.«
Alex nahm ihre Thermoskanne mit Kaffee. Als sie aus der
Garage fuhr, kreisten ihre Gedanken bereits um die vielen Haftanträge,
die seit Freitag bestimmt auf ihrem Schreibtisch gelandet
waren. Sie war weit weg von zu Hause, wo ihre Tochter gerade
das Rührei aus der Pfanne in den Mülleimer kratzte.

Manchmal empfand Josie ihr Leben als ein Zimmer ohne Türen
und Fenster. Es war ein Luxuszimmer, zugegeben, ein Zimmer,
um das die halbe Sterling Highschool sie beneidet hätte, aber es
war auch ein Zimmer, aus dem es kein Entrinnen gab.
Josie hielt ihr tränennasses Gesicht in den Strahl der Dusche –
das Wasser war viel zu heiß, ließ die Scheiben innerhalb weniger
Sekunden beschlagen. Sie zählte bis zehn, dann stieg sie aus der
Dusche und trat tropfnass vor den Spiegel. Ihr Gesicht war verquollen
und rot. Das Haar klebte ihr in dicken Strähnen an den
Schultern. Sie drehte sich seitlich, begutachtete ihren flachen
Bauch und zog ihn ein wenig ein. Sie wusste, was Matt sah, wenn
er sie betrachtete, was Courtney und Maddie und Brady und
Haley und Drew sahen – sie wünschte nur, sie könnte es auch
sehen. Wenn Josie in den Spiegel schaute, sah sie jemand, der sie
nicht sein wollte, oder jemand, den keiner wollte.
Sie wusste, wie sie auszusehen und sich zu verhalten hatte. Sie
trug das Haar lang und glatt. Sie kaufte ihre Klamotten nur bei
Abercrombie & Fitch und hörte Musik von Dashboard Confessional
und Death Cab for Cutie. Sie genoss es, die Augen der
anderen Mädchen an der Schule auf sich zu spüren, wenn sie sich
in der Cafeteria Courtneys Make-up auslieh. Sie genoss es, wenn
Lehrer bereits am ersten Unterrichtstag ihren Namen wussten.
Sie genoss es, von Jungs angestarrt zu werden, wenn sie mit Matts
Arm um ihre Taille den Gang hinunterging.
Doch es verging kaum ein Tag, an dem Josie sich nicht fragte,
was wohl passieren würde, wenn sie ihnen ihr Geheimnis verriete
– dass sie morgens manchmal Mühe hatte, aufzustehen und
das Lächeln einer Fremden aufzusetzen. Dass sie sich fühlte wie
eine Schauspielerin, die über die richtigen Witze lachte und den
richtigen Klatsch tuschelte und auf den richtigen Typen anziehend
wirkte, eine Schauspielerin, die vergessen hatte, wie es sich
anfühlte, echt zu sein…und die sich auch gar nicht mehr daran
erinnern wollte, weil das nur noch schmerzhafter gewesen wäre.
Es gab niemanden, mit dem sie reden konnte. Wenn du auch
nur leise Zweifel hegtest, ob du zu den privilegierten, beliebten
Leuten gehörtest, hattest du nichts bei ihnen verloren. Und Matt –

nun, der war auf Josies schöne Fassade reingefallen, wie alle anderen
auch. Das war die verquere Logik der Highschool: Eine Prinzessin
war sie nur, weil sie mit Matt ging. Und Matt ging mit ihr,
weil sie eine der Prinzessinnen an der Sterling High war.
Josie konnte sich auch nicht ihrer Mutter anvertrauen. Ich
höre nicht auf, Richterin zu sein, nur weil ich Feierabend habe,
sagte ihre Mutter oft. Deshalb trank Alex Cormier nie mehr als
ein Glas Wein in der Öffentlichkeit; deshalb wurde sie auch niemals
laut, fiel nie aus der Rolle. Vieles von dem, worauf ihre Mutter
so stolz war – die hervorragenden Noten ihrer Tochter, dass
sie gut aussah, zu den »richtigen« Leuten gehörte – hatte Josie
nicht erreicht, weil sie selbst es unbedingt wollte, sondern weil
sie so große Angst davor hatte, nicht perfekt zu sein.
Josie schlüpfte in eine Jeans und zog zwei langärmelige
T-Shirts übereinander, in denen ihre Brüste zur Geltung kamen.
Sie sah auf die Uhr – wenn sie nicht zu spät kommen wollte,
musste sie sich beeilen.
Doch ehe sie ihr Zimmer verließ, zögerte sie. Sie ging vor
ihrem Bett in die Hocke und zog den Plastikbeutel hervor, den
sie unten am Rahmen befestigt hatte. Darin bewahrte sie ihren
geheimen Vorrat Stilnox auf – das Schlafmittel, das ihre Mutter
sich regelmäßig verschreiben ließ. Fünfzehn Tabletten hatte sie
ihr im Lauf von fast sechs Monaten geklaut, einzeln, damit es
nicht auffiel. Wenn sie sie mit reichlich Wodka runterspülte,
müsste es reichen, dachte sie. Nicht dass sie einen konkreten Plan
hatte, sich demnächst umzubringen – es war eher so etwas wie
ein Plan für den Notfall: Wenn die Wahrheit herauskam und keiner
mehr etwas mit ihr zu tun haben wollte, würde Josie sich
selbst auch nicht länger ertragen.
Sie verstaute die Tabletten wieder unter dem Bett und eilte
nach unten. Als sie in die Küche kam, um ihren Rucksack zu
holen, sah sie, dass ihr Chemiebuch noch aufgeschlagen auf dem
Tisch lag – mit einer langstieligen Rose darauf.
Matt lehnte am Kühlschrank in der Ecke. Er musste durch die
offene Garage hereingekommen sein. Wie immer kamen ihr bei
seinem Anblick die Jahreszeiten in den Sinn – sein Haar hatte
sämtliche Farben des Herbstes, seine Augen waren leuchtendblau
wie ein Winterhimmel, sein Lächeln strahlend wie die Sommersonne.
Er trug eine nach hinten gedrehte Baseballkappe und
ein T-Shirt vom Eishockey-Team der Sterling High über einem
Thermohemd, das Josie einmal einen ganzen Monat lang in ihrer
Wäschekommode versteckt hatte, damit sie seinen Geruch einatmen
konnte, wann immer sie das Bedürfnis hatte. »Bist du
noch sauer?«, fragte er.
Josie zögerte. »Wer von uns beiden war denn sauer?«
Matt stieß sich vom Kühlschrank ab und kam näher, schlang
die Arme um Josies Taille. »So bin ich eben.«
Ein Grübchen erschien auf seiner rechten Wange, und schon
merkte Josie, wie sie weich wurde. »Ich hätte dich wirklich gern
gesehen. Aber ich musste lernen.«
Matt strich ihr das Haar aus dem Gesicht und küsste sie. Genau
deshalb hatte Josie ihn am Vorabend gebeten, nicht rüberzukommen
– wenn sie mit ihm zusammen war, hatte sie das Gefühl,
sich in Luft aufzulösen.
Er schmeckte nach Ahornsirup, nach Entschuldigungen. »Das
ist alles deine Schuld, weißt du«, sagte er. »Ich würde mich nicht
so bescheuert verhalten, wenn ich dich nicht so lieben würde.«
In dem Augenblick konnte Josie sich nicht an die Tabletten
erinnern, die sie in ihrem Zimmer hortete, nicht an ihre Tränen
unter der Dusche. Sie konnte sich an nichts anderes erinnern als
an das Gefühl, abgöttisch geliebt zu werden. Was hab ich doch
für ein Glück, dachte sie, was hab ich für ein Riesenglück.
Patrick Ducharme, der einzige Detective bei der Polizei von Sterling,
saß ganz hinten auf der Bank in der Umkleidekabine und
hörte, wie die Kollegen von der Streife einen Neuling aufs Korn
nahmen, der um den Bauch etwas füllig war. »He, Fisher«, sagte
Eddie Odenkirk, »wer kriegt denn eigentlich das Baby, du oder
deine Frau?«
»Meine Güte, Eddie«, sagte Patrick, der Mitleid mit Fisher
empfand. »Kannst du nicht wenigstens warten, bis wir alle eine
Tasse Kaffee intus haben?«

»Würd ich ja, Captain«, lachte Eddie, »aber wie’s aussieht, hat
Fisher alle Donuts aufgefuttert und – ich seh wohl nicht richtig.«
Patrick folgte Eddies Blick nach unten, auf seine Füße. Er zog
sich normalerweise nicht bei den Streifenkollegen um, aber heute
Morgen war er ins Präsidium gejoggt, statt mit dem Auto zu
kommen, um ein paar von den Kalorien abzuarbeiten, die er
übers Wochenende zu sich genommen hatte. Er hatte Samstag
und Sonntag nämlich mit seiner fünfeinhalbjährigen Patentochter
Tara Frost verbracht. Ihre Mutter Nina war Patricks älteste
Freundin, und seine große Liebe, über die er wohl nie hinwegkommen
würde, während sie ohne ihn recht gut klarkam. So
hatte er Tara nach zig Memory-Runden und Huckepackritten erlaubt
– ein kapitaler Fehler –, ihm die Zehennägel neonpink zu
lackieren, was er bis zu diesem Moment völlig vergessen hatte.
»Die Frauen stehen drauf«, sagte Patrick trocken, während
die sieben Männer sichtlich Mühe hatten, nicht in schallendes
Gelächter über ihren Vorgesetzten auszubrechen. Patrick streifte
sich rasch Socken über, schlüpfte in seine Slipper und marschierte
aus dem Raum, die Krawatte noch in der Hand. Eins, zählte er.
Zwei, drei. Prompt brach die Lachsalve los und verfolgte ihn den
Flur hinunter.
In seinem Büro schloss Patrick die Tür, band sich die Krawatte
um und nahm an seinem Schreibtisch Platz.
Zweiundsiebzig E-Mails hatten sich übers Wochenende angesammelt
– und alles über fünfzig bedeutete in der Regel Überstunden.
Er fing an, sie zu sichten, ergänzte gelegentlich die höllische
Liste mit Dingen, die der Erledigung harrten. Die Liste
wurde einfach nicht kürzer, egal, wie hart er arbeitete.
Als einziger Detective in einer Kleinstadt lief Patrick stets
auf Hochtouren. Anders als die Kollegen in größeren Präsidien
musste Patrick sich um alles persönlich kümmern, was auf seinem
Schreibtisch landete. Es war nicht leicht, sich für Fälle wie einen
ungedeckten Scheck zu begeistern oder einen Ladendiebstahl,
für den der Täter maximal zweihundert Dollar Geldstrafe aufgebrummt
bekam, während es das Fünffache an Steuergeldern
kostete, weil Patrick eine Woche Arbeit in die Sache investiert
hatte. Doch jedes Mal, wenn er seine Fälle als reine Lappalien
empfand, wurde er wieder unmittelbar mit einem Opfer konfrontiert:
die aufgelöste Mutter, der man das Portemonnaie gestohlen
hatte, das Rentnerehepaar, das auf einen Trickbetrüger
reingefallen war, der fassungslose Lehrer, dem man das Konto
leergeräumt hatte. Hoffnung, so wusste Patrick, war genau der
Abstand zwischen ihm und der Person, die sich Hilfe suchend
an ihn wandte. Wenn Patrick sich nicht hundertprozentig einsetzte,
dann würde das Opfer immer Opfer bleiben. Und genau
deshalb hatte Patrick bislang in Sterling jeden einzelnen Fall
gelöst. Und dennoch. Wenn er nachts im Bett lag, fielen ihm nicht
seine Ermittlungserfolge, sondern die begangenen Taten der anderen
ein. Wenn er den gestohlenen Wagen ausgeschlachtet im Wald
entdeckte oder der schluchzenden Frau, die bei einem Date vergewaltigt
worden war, ein Taschentuch reichte, hatte Patrick das
Gefühl, zu spät gekommen zu sein. Er bekämpfte das Verbrechen,
aber er konnte es nicht verhindern. Es war ihm stets einen
Schritt voraus.


Es war der erste warme Tag im März, an dem man zum ersten
Mal glauben konnte, dass der Schnee doch demnächst schmelzen
würde. Josie saß auf der Motorhaube von Matts Saab auf dem
Schülerparkplatz und dachte daran, dass sie in knapp drei Monaten
in die Abschlussklasse kam.
Neben ihr lehnte Matt an der Windschutzscheibe, das Gesicht
der Sonne zugewandt. »Komm, wir machen blau«, sagte er.
»Wenn du blaumachst, kommst du auf die Reservebank.«
Am Nachmittag sollte die Highschool-Eishockeymeisterschaft
von New Hampshire anfangen, und Matt spielte Rechtsaußen.
Sterling hatte letztes Jahr den Titel geholt und rechnete fest
damit, ihn erfolgreich zu verteidigen. »Zum Spiel sind wir zurück.
Du kommst mit«, sagte Matt. Er war es nicht gewohnt, Fragen
zu stellen. Er machte Ansagen.
»Aber nur wenn du richtig gut bist.«
Matt grinste und zog Josie an sich. »Bin ich denn nicht immer
richtig gut?«, sagte er, aber er sprach nicht mehr vom Eishockey,
und sie spürte, wie sie rot anlief.
Plötzlich prasselte ein Hagelschauer auf Josies Rücken. Als sie
und Matt sich aufsetzten, sahen sie Brady Pryce aus der Footballmannschaft
Hand in Hand mit Haley Weaver, die auf dem
letzten Oberstufenball zur Schönheitskönigin gekürt worden
war. Haley warf einen zweiten Pennyhagel – so wünschte man
auf der Sterling High einem Sportler Glück. »Zeig’s ihnen, Royston
«, rief Brady.
Ihr Mathelehrer kam über den Parkplatz, in der einen Hand
eine abgegriffene schwarze Lederaktentasche, in der anderen
einen Becher Kaffee. »He, Mr. McCabe«, rief Matt. »Wie hab ich
in der Klausur abgeschnitten?«
»Zum Glück haben Sie noch andere Talente, Mr. Royston«,
sagte der Lehrer und griff in die Hosentasche. Er zwinkerte Josie
zu, als er die Münzen warf, Pennys, die ihr vom Himmel auf die
Schultern fielen. Wie verlorene Sterne.


Na toll, dachte Alex, während sie weiter in ihrer Handtasche
wühlte. Sie hatte ihre Keycard vergessen, und jetzt kam sie nicht
durch den Personaleingang ins Gerichtsgebäude.
»Verdammter Mist«, knurrte sie, während sie auf dem Weg
zum Vordereingang den Pfützen auswich. Auf keinen Fall wollte
sie sich ihre Krokodillederpumps ruinieren.
Vorne am Eingang hatte sich eine Schlange von zwanzig
Leuten gebildet, doch die Sicherheitsbeamten erkannten Alex
und winkten sie nach vorn. Als sie allerdings die Metalldetektorschleuse
passierte, lösten ihr Schlüsselbund und die Thermoskanne
aus Edelstahl den Alarm aus, sodass alle in der Lobby sich
umdrehten. Mit gesenktem Kopf eilte Alex über den glänzenden
Fliesenboden, während ein untersetzter Mann anzüglich grinste.
»He, Baby, deine Schuhe gefallen mir.«
Alex hastete weiter. Von ihren Kollegen und Kolleginnen hatte
sonst niemand dergleichen zu fürchten. Richter Wagner war
ein netter Kerl, aber er hatte ein Gesicht, das aussah wie ein Kürbis
nach Halloween. Richterin Gerhardt trug Blusen, die älter als
Alex waren. Als Alex anfing, hatte sie gedacht, es könnte von
Vorteil für den Job sein, wenn eine relativ junge, recht attraktive
Frau auftauchte – gerade weil sie nicht dem Klischee entsprach.
Aber nach Situationen wie heute Morgen bezweifelte sie das.
In ihrem Büro warf sie die Handtasche auf den Boden, zog
ihre Robe an und nahm sich noch fünf Minuten Zeit, um ihren
Kaffee zu trinken und die Haftanträge zu sichten. Jeder Fall hatte
eine eigene Akte, aber Fälle von Wiederholungstätern waren mit
einem Gummiband zusammengebunden, und manchmal schrieben
die Richter sich gegenseitig auf einem Post-it-Zettel in der
Akte Kommentare. Alex schlug eine auf und sah ein Strichmännchen
mit Gittern vor dem Gesicht – ein Hinweis von Richterin
Gerhardt, dass der Delinquent noch eine letzte Chance bekommen
sollte, bevor er beim nächsten Mal ins Gefängnis wandern würde.
Alex drückte den Summer, um dem Gerichtsdiener zu signalisieren,
dass es losgehen konnte, und wartete auf ihr Stichwort:
»Bitte erheben Sie sich. Den Vorsitz hat die ehrenwerte Richterin
Alex Cormier.«
Alex ging mit forschen Schritten hinter die Bank und setzte
sich. Siebzig Haftanträge standen heute Morgen auf dem Programm,
und der Saal war bis auf den letzten Platz gefüllt. Der
erste Kandidat wurde aufgerufen und schlurfte mit gesenktem
Blick nach vorn.
»Mr. O’Reilly«, sagte Alex, und als der Mann sie ansah, erkannte
sie in ihm den Typen, der sich in der Eingangshalle über
ihre Schuhe geäußert hatte. Ihm war jetzt sichtlich unbehaglich
zumute. »Sie sind doch der Gentleman, dem ich vorhin schon begegnet
bin, nicht?«
Er schluckte. »Ja, Euer Ehren.«
»Wenn Sie gewusst hätten, dass ich die Richterin bin, Mr.
O’Reilly, hätten Sie dann auch gesagt, ›He, Baby, deine Schuhe
gefallen mir?‹«
Der Mann schlug die Augen nieder. »Ich glaub schon, Euer
Ehren«, sagte er schließlich. »Es sind echt tolle Schuhe.«
Der ganze Gerichtssaal wartete gebannt auf ihre Reaktion.
Alex lächelte.
»Mr. O’Reilly, da bin ich völlig Ihrer Meinung.«

Lacy Houghton beugte sich über das Gesicht ihrer schluchzenden
Patientin. »Sie schaffen das«, sagte sie mit fester Stimme.
»Und lang wird’s nicht mehr dauern.«
Nach sechzehn Stunden Wehen waren alle erschöpft – Lacy,
die Patientin und der zukünftige Vater. »Bitte stellen Sie sich hinter
Janine«, sagte Lacy zu ihm, »und stützen Sie ihr den Rücken.
Janine, Sie schauen mich jetzt an und pressen noch einmal mit
aller Kraft…«
Die Frau biss die Zähne zusammen und tat wie geheißen, verausgabte
sich bis zur Selbstaufgabe, um einen neuen Menschen
hervorzubringen. Lacy tastete nach dem Kopf des Kindes, ohne
dabei jedoch den Blickkontakt mit ihrer Patientin zu verlieren.
»Die nächsten zwanzig Sekunden wird Ihr Baby der neueste
Mensch auf diesem Planeten sein«, sagte Lacy. »Möchten Sie es
endlich kennenlernen?«
Die Antwort war ein mächtiges Pressen. Höchste Willenskraft,
ein Aufschrei, ein glitschiger, lila Körper, den Lacy der
Mutter rasch in die Arme legte, damit das Neugeborene, wenn es
den ersten Schrei seines Lebens tat, gleich getröstet werden konnte.
Die junge Mutter fing wieder an zu weinen – Tränen hatten
eine ganz andere Melodie, wenn kein Schmerz mitschwang. Die
frischgebackenen Eltern beugten sich über ihr Baby, ein in sich
geschlossener Kreis. Lacy trat zurück und schaute zu. Auf sie
als Hebamme wartete gleich nach einer Geburt reichlich Arbeit,
aber im Augenblick wollte sie nichts anderes als das kleine Wesen
zu betrachten. Denn Lacy sah einen Blick, in dem Weisheit und
Frieden lagen – acht Pfund unverstellter Möglichkeiten. Neugeborene
erinnerten sie an winzige Buddhas, Gesichter voller
Göttlichkeit. Dieser Zustand war aber nur von kurzer Dauer.
Wenn Lacy die Babys eine Woche später zur Kontrolluntersuchung
wiedersah, hatten sie sich bereits in normale – wenn
auch winzige – Menschen verwandelt. Das Heilige war verschwunden,
und Lacy fragte sich jedes Mal, wohin.

Während seine Mutter auf der anderen Seite der Stadt den neuesten
Bürger von Sterling, New Hampshire, auf die Welt holte,
wurde Peter Houghton gerade geweckt: Sein Vater klopfte an die
Tür, ehe er zur Arbeit fuhr. Wie jeden Morgen. Unten würde eine
Schüssel und die Packung Frühstücksflocken auf ihn warten –
daran dachte seine Mutter selbst dann, wenn sie morgens um
zwei zu einer Geburt gerufen wurde. Sie würde ihm auch einen
Zettel hingelegt haben, auf dem sie ihm einen guten Schultag
wünschte. Als wenn das so einfach wäre.
Peter stand auf. Er tappte in seiner Pyjamahose zum Schreibtisch,
setzte sich vor den PC und ging ins Internet.
Die Wörter auf dem Message Board waren verschwommen.
Er griff nach seiner Brille, die immer neben dem PC lag. Als er
sie aufgesetzt hatte, fiel ihm das Etui auf die Tastatur – und plötzlich
erschien er wieder, dieser Text, den er nie mehr hatte sehen
wollen.
Peter drückte CONTROL + ALT + DELETE, aber er sah ihn
noch immer vor seinem geistigen Auge, auch nachdem der Bildschirm
endlich leer geworden war, auch nachdem er die Augen geschlossen
hatte. Nachdem er schon angefangen hatte zu weinen.


In der Cafeteria-Schlange stand Josie hinter Natalie Zlenko, einer
bekennenden Lesbe, die wenig Kontakt zu den anderen Schülern
und Schülerinnen pflegte.
Neben Josie stand Courtney Ignatio, das Alphaweibchen an
der Sterling High. Mit ihrem honigblonden Haar, das ihr wie ein
Seidentuch über die Schultern hing, und ihren mega-hippen Outfits
hatte sie eine ganze Entourage von Klonen hervorgebracht.
Auf Courtneys Tablett befanden sich eine Flasche Wasser und
eine Banane. Auf Josies stand ein Teller Pommes. Inzwischen
war sie ausgehungert.
»He«, sagte Courtney so laut, dass Natalie es mitbekommen
musste. »Sagst du der Vagitarierin mal, sie soll uns vorbeilassen?«
Natalie errötete, und sie drückte sich gegen das Geländer der
Salatbar, damit Courtney und Josie vorbeikonnten. Sie bezahlten
ihr Essen und suchten sich einen Tisch.
In der Cafeteria kam Josie sich manchmal vor wie eine Naturforscherin,
die verschiedene Spezies in ihrem natürlichen Lebensraum
beobachtete. Da saßen die Streber, blätterten in Schulbüchern
und lachten über Mathewitze, die außer ihnen keiner
auch nur verstehen wollte. Dahinter kamen die Kunstfreaks, die
heimlich Nelkenzigaretten rauchten und auf den Rand ihrer
Schulhefte Mangas zeichneten. Nicht weit von den Besteckkästen
hockten die Tüftler, die schwarzen Kaffee tranken und auf
den Bus warteten, mit dem sie nach dem Nachmittagsunterricht
zur Technical High drei Orte weiter fuhren; und schließlich die
Drogies, die morgens um neun schon zugedröhnt waren. Dann
waren da noch ein paar Außenseiter – Leute wie Natalie und
Angela Phlug, die notgedrungen flüchtig miteinander befreundet
waren, weil sonst niemand sie wollte.
Und es gab Josies Clique. Sie nahmen zwei Tische in Beschlag,
nicht weil sie so viele waren, sondern weil sie überlebensgroß
waren: Emma, Maddie, Haley, John, Brady, Trey, Drew. Josie
konnte sich noch gut daran erinnern, dass sie die Namen am Anfang
immer durcheinandergebracht hatte, so austauschbar waren
sie.
Sie sahen sich auch alle ähnlich – die Jungs trugen ihre kastanienbraunen
Eishockeytrikots und die Kappen nach hinten gedreht,
helle Haarsträhnen lugten aus den Ösen auf der Stirn. Die
Mädchen waren alle Abziehbilder von Courtney, bis ins Detail.
Josie hatte sich ihnen unauffällig anschließen können, weil auch
sie wie Courtney aussah. Sie hatte ihr gewelltes Haar glatt geföhnt,
und ihre Absätze waren sieben Zentimeter hoch, obwohl
noch immer Schnee lag. Wenn sie äußerlich genauso aussah wie
die anderen, ließ es sich wesentlich leichter ignorieren, dass sie
gar nicht wusste, wie sie sich innerlich fühlte.
»Hi«, sagte Maddie, als Courtney sich neben sie setzte.
»Hi.«
»Hast du das mit Fiona Kierland gehört?«
Courtneys Augen leuchteten auf. »Die mit den verschieden
großen Titten?«
»Nein, die jüngere Fiona.«
»Die dauernd mit ner Packung Kleenex herumläuft, weil sie
Heuschnupfen hat?«, fragte Josie, während sie Platz nahm.
»Von wegen«, sagte Haley. »Ratet mal, wer wegen Koksen in
die Reha musste.«
»Erzähl keinen Quatsch!«
»Es kommt noch dicker«, fügte Emma hinzu. »Ihr Dealer war
der Leiter dieser Bibelgruppe, die sich manchmal nach der Schule
trifft.«
»Das gibt’s nicht!«, sagte Courtney.
»Kannst du laut sagen.«
»Hi.« Matt ließ sich auf dem Stuhl neben Josie nieder. »Wo
warst du denn so lange?«
Sie wandte sich ihm zu. An seinem Ende des Tisches drehten
die Jungs aus Strohhalmhüllen und Spucke Kügelchen, während
sie über das Ende der Skisaison sprachen. »Was meint ihr, wie
lange die Halfpipe in Sunapee noch geöffnet ist?«, fragte John
und beschoss einen Schüler, der einen Tisch weiter eingeschlafen
war, mit einem Kügelchen.
Der Junge hatte im letzten Jahr zusammen mit Josie das Wahlfach
Gebärdensprache belegt. Er hatte dünne, weiße Arme und
schnarchte mit offenem Mund.
»Daneben, du Penner«, sagte Drew. »Wenn Sunapee zumacht,
ist Killington noch auf. Die haben Schnee bis August.« Sein
Kügelchen landete im Haar des Jungen.
Derek. Der Junge hieß Derek.
Matt warf einen Blick auf Josies Pommes. »Die willst du doch
wohl nicht essen, oder?«
»Ich hab nen Bärenhunger.«
Er kniff ihr in die Hüfte, prüfend und kritisch zugleich. Josie
blickte auf ihre Pommes. Vor zehn Sekunden hatten sie noch
goldbraun ausgesehen und himmlisch geduftet. Jetzt sah sie nur
noch das Fett, das den Pappteller befleckte.
Matt nahm sich eine Handvoll und reichte den Rest an Drew
weiter, der gerade den schlafenden Jungen getroffen hatte: in den
offenen Mund. Würgend und hustend fuhr Derek hoch.
»Super!« Drew und John klatschten einander ab.
Derek spuckte in eine Serviette und wischte sich heftig den
Mund ab. Er blickte sich um, um zu sehen, wer sonst noch zugeschaut
hatte. Josie fiel plötzlich wieder ein Zeichen aus ihrem
Gebärdesprachenkurs ein, von dem sie gleich nach der Abschlussklausur
fast alles vergessen hatte. Eine geschlossene Faust, die
kreisend über dem Herzen bewegt wurde, bedeutete, es tut mir leid.
Matt beugte sich zu ihr und küsste sie auf den Hals. »Komm,
wir hauen ab.« Er zog Josie auf die Beine und sagte zu seinen
Freunden: »Bis nachher.«


Die Sporthalle der Sterling Highschool lag im ersten Stock, über
drei Klassenräumen, die statt der nicht genehmigten Schwimmhalle
gebaut worden waren und in denen ständig der Lärm von
Turnschuhgetrappel und springenden Basketbällen zu hören
war. Michael Beach und sein bester Freund, Justin Friedman,
beide in der Unterstufe, saßen am Spielfeldrand und schauten
ihrem Sportlehrer zu, der zum x-ten Mal die Dribbeltechnik vorführte.
Es war reine Zeitverschwendung – Jungs in dem Alter
hatten es entweder im Blut wie Noah James oder sie kriegten es
nie im Leben hin – wie Michael und Justin. Beide saßen im
Schneidersitz und lauschten dem durchdringenden Quietschen
von Coach Spears’ weißen Turnschuhen, während er von einer
Seite des Spielfelds zur anderen dribbelte.
»Zehn Mäuse, dass ich wieder als Letzter in eine Mannschaft
gewählt werde«, flüsterte Justin.
»Wenn die Stunde doch bloß ausfallen würde«, jammerte
Michael. »Vielleicht gibt’s ja eine Feuerschutzübung.«
Justin grinste. »Oder ein Erdbeben. Mir wär alles recht.«

Nach dem Duschen brühte Lacy Houghton sich eine Tasse grünen
Tee auf und schlenderte in aller Ruhe durchs Haus. Wenn ihr,
als die Kinder noch klein waren, manchmal alles zu viel wurde,
hatte Lewis sie oft gefragt, was er tun könne, damit sie sich
besser fühlte. Aus seinem Mund empfand sie die Frage immer
als absurd, denn Lewis’ Spezialgebiet als Volkswirtschaftler am
Sterling College war die Ökonomie des Glücks. Ja, es war ein
seriöses Forschungsgebiet, und er war einer der führenden Experten.
Er gab Seminare und schrieb Aufsätze und war auf CNN
dazu interviewt worden, wie sich Spaß und Glück finanziell
niederschlugen – und doch hatte er keine Ahnung, worüber Lacy
sich freuen würde. Über ein schönes Essen im Restaurant? Eine
Pediküre? Ein Nickerchen? Wenn sie ihm dann sagte, was ihr
größter Wunsch wäre, schüttelte er verständnislos den Kopf. Sie
wünschte sich nichts sehnlicher, als ganz allein zu Haus zu sein,
ohne irgendetwas Dringendes erledigen zu müssen.
Sie öffnete die Tür zu Peters Zimmer und stellte ihre Tasse auf
der Kommode ab, um das Bett zu machen. Was soll das bringen,
sagte Peter jedes Mal, wenn sie ihn ermahnte, sein Bett gefälligst
selbst zu machen, in ein paar Stunden ist ja doch alles wieder
durcheinander.
Ansonsten betrat sie Peters Zimmer eigentlich nur, wenn er
drin war. Vielleicht hatte sie deshalb das Gefühl, dass irgendwas
mit dem Raum nicht stimmte, dass irgendetwas Wichtiges fehlte.
Das Zimmer kam ihr einfach leer vor, weil Peter nicht da war,
vermutete sie zunächst. Doch dann fiel ihr auf, dass der Computer
– ein ständiges Summen, ein grüner Bildschirm – ausgeschaltet war.
Sie zog das Laken straff und stopfte die Ecken in die Ritzen;
dann breitete sie die Decke darüber und schüttelte die Kissen auf.
An der Tür blieb sie kurz stehen und lächelte: Das Zimmer sah
perfekt aus.


Zoe Patterson fragte sich, wie es wohl war, einen Jungen zu küssen,
der eine Zahnspange trug. Nicht dass das für sie auf absehbare
Zeit auch nur im Entferntesten konkrete Formen annehmen
könnte, aber es war auf jeden Fall ratsam, schon mal darüber
nachzudenken, um nicht völlig überrumpelt zu werden, wenn es
denn passierte. Eigentlich fragte sie sich, wie es wohl war, einen
Jungen zu küssen, Punkt aus – selbst einen, der nicht kieferorthopädisch
behindert war wie sie. Und es gab keinen besseren
Zeitpunkt für derartige Gedankenspielchen als eine langweilige
Mathestunde, auch wenn Mr. McCabe redlich bemüht war, den
trockenen Algebra-Stoff etwas aufzulockern.
Zoe warf einen Blick auf die Uhr an der Wand. Sie zählte mit,
bis der große Zeiger auf 9.50 sprang, schoss dann von ihrem Stuhl
hoch und reichte Mr. McCabe ihre Entschuldigung. »Aha, Kiefernorthopäde«,
las er laut. »Tja, aber pass auf, dass er dir nicht
den Mund zudrahtet, Zoe.«
Zoe warf sich ihren Rucksack über die Schulter und spazierte
aus dem Klassenzimmer. Ihre Mom würde sie um zehn vor der
Schule abholen, und so eilte sie nach einem kurzen Abstecher ins
Sekretariat, wo sie sich abmeldete, durch die leeren Flure nach draußen.
Es war warm genug, um die Jacke zu öffnen und vom Sommerlager
zu träumen und davon, wie es wäre, wenn sie ihren
Gaumenexpander endlich los wäre. Wenn man einen Jungen
küsste, der keine Zahnspange hatte, und zu fest drückte, konnte
der sich dann im Mund irgendwas aufschneiden? Und wenn er
auch eine Spange hatte, würden sie sich dann ineinander verhaken
und müssten in der Notaufnahme getrennt werden?

Wäre das nicht unendlich peinlich?
Zoe fuhr sich seufzend mit der Zungenspitze über den Metallzaun
im Mund. Dann spähte sie die Straße hinunter, ob der grüne
Explorer ihrer Mom nicht allmählich in Sicht kam. Als plötzlich
irgendetwas explodierte.


Patrick wartete in seinem Zivilwagen vor einer roten Ampel, um
auf den Highway einzubiegen. Neben ihm auf dem Beifahrersitz
lag eine Papiertüte mit einem Arzneifläschchen voller Kokain.
Der Dealer, den sie an der Highschool geschnappt hatten, hatte
gestanden, dass es Kokain war, und trotzdem musste Patrick
einen halben Tag damit verplempern, eine Probe davon ins Labor
zu bringen, damit jemand in einem weißen Kittel ihm etwas
bestätigte, das er bereits wusste. Er drehte gerade am Lautstärke-
knopf des Funkgeräts, als die Zentrale meldete, dass die Feuerwehr
wegen einer Explosion auf dem Weg zur Highschool sei.
Wahrscheinlich der Heizkessel. Kein Wunder, das Schulgebäude
war alt und fiel langsam auseinander. Hauptsache, es hatte keine
Verletzten gegeben.
Schüsse gemeldet…
Die Ampel sprang auf Grün, aber Patrick rührte sich nicht.
Schüsse in der Highschool… Sterling High…
Die Stimme wurde schneller, eindringlicher. Patrick wendete
und raste mit Blaulicht Richtung Schule. Weitere, von statischem
Rauschen untermalte Stimmen meldeten sich über Funk – Officer,
die ihren Standort durchgaben, der diensthabende Einsatzleiter,
der alle Kräfte koordinierte und Verstärkung aus Hanover
und Lebanon anforderte. Die Stimmen vermischten sich, übertönten
einander, bis kein Wort mehr zu verstehen war.
Signal 1000, meldete die Zentrale. Signal 1000.
In Patricks gesamter Laufbahn als Detective hatte er diesen
Code nur zweimal gehört. Einmal in Maine, als ein Vater, der seiner
Unterhaltspflicht nicht nachkam, einen Officer als Geisel
genommen hatte. Und einmal in Sterling, als ein Bankraub gemeldet
wurde, der sich dann aber als falscher Alarm entpuppte.
Signal 1000 bedeutete, dass alle Einsatzkräfte die Funkfrequenz
ab sofort ausschließlich für die Zentrale frei zu lassen hatten.
Es bedeutete, dass sie es mit einem absoluten Ernstfall zu tun
hatten.

Es herrschte pures Chaos. Schüler, die in Panik aus der Schule
rannten, trampelten über am Boden liegende Verletzte hinweg.
Ein Junge hielt ein selbst geschriebenes Schild mit der Aufschrift
HILFE an ein Fenster im oberen Teil des Gebäudes. Zwei Mädchen
umschlangen einander schluchzend. Blut färbte den Schnee
rosa, Eltern trafen zuerst vereinzelt ein, dann kamen mehr und
mehr, bis sie ein tosender Strom waren und die Namen ihrer
vermissten Kinder zu einem einzigen unverständlichen Schrei
wurden. Chaos, das war eine Fernsehkamera direkt vor deinem
Gesicht, nicht genug Rettungswagen, nicht genug Officer und
keinen Schimmer, wie du reagieren solltest, wenn die Welt in
Stücke brach.
Patrick hielt halb auf dem Gehweg und schnappte sich seine
Schutzweste vom Rücksitz. Das Adrenalin pulsierte durch seine
Adern, schärfte seine Sinne. Er rannte zu Chief O’Rourke, der
mit einem Megafon mitten im Tohuwabohu stand. »Wir wissen
noch nicht, womit wir es zu tun haben«, sagte der Chief. »Die
Spezialeinheit ist auf dem Weg.«
Patrick interessierte das nicht. Bis die Einheit vor Ort war,
konnten noch zig weitere Schüsse fallen. Es konnte Tote geben.
Er zog seine Pistole. »Ich geh rein.«
»Kommt gar nicht infrage. Das ist gegen die Vorschriften.«
»Für so was gibt es keine Vorschriften«, fauchte Patrick. »Feuern
können Sie mich später.«
Als er die Stufen zur Schule hinauflief, nahm er wahr, dass
zwei weitere Officer sich über die Befehle ihres Chiefs hinweggesetzt
hatten und ihm auf den Fersen folgten. Patrick schickte
sie in der Eingangshalle jeweils in einen anderen Korridor und
schob sich durch das Gedränge fliehender Schüler den Hauptgang
hoch. Durch den Lärm der gellenden Alarmanlage konnte
Patrick die weiterhin fallenden Schüsse kaum hören. Er hielt
einen Jungen an der Jacke fest. »Wer schießt da?«, brüllte er.
Der Junge schüttelte nur stumm den Kopf und riss sich los.
Patrick sah ihm nach, wie er panisch den Gang hinunterrannte
und durch die Doppeltür in ein Rechteck aus Sonnenlicht stürmte.
Schüler brandeten um Patrick herum, als wäre er ein Felsbrocken
in einem Fluss. Rauchschwaden brannten ihm in den
Augen. Wieder hörte er eine Reihe von Schüssen. »Wie viele sind
es?«, rief er einem vorüberrennenden Mädchen zu.
»Ich…ich weiß nicht…«
Der Junge neben ihr drehte sich um und schrie: »Nur einer…
ein Schüler…der schießt auf alles, was sich bewegt.«
Das genügte ihm. Sofort schwamm Patrick weiter gegen den
Strom. Der Boden war übersät mit losen Blättern. Patronenhülsen
rollten ihm vor die Füße. Deckenplatten waren herunter-
geschossen worden, und die verrenkten Körper von Verletzten,
die vereinzelt herumlagen, waren mit feinem grauem Staub bedeckt.
Patrick ignorierte das alles, hielt sich an keine Grundregel
seiner Ausbildung – lief an Türen vorbei, hinter denen ein Täter
lauern konnte, sicherte keinen einzigen Raum – sondern eilte einfach
nur weiter, mit gezückter Pistole, während ihm das Herz bis
zum Hals schlug.
Er rannte durch Flure, die alle kreisförmig aufeinander zuzulaufen
schienen. »Wo?«, bellte er jedes Mal, wenn er an einem
Schüler auf der Flucht vorbeikam – seine einzige Navigationsmöglichkeit.
Er sah Blut, Schüler, die sich am Boden krümmten,
doch er zwang sich wegzusehen. Er lief die Haupttreppe hinauf,
und kaum war er oben angelangt, öffnete sich eine Tür einen
Spaltbreit. Patrick wirbelte herum, die Pistole schussbereit. Eine
junge Lehrerin sank mit erhobenen Händen auf die Knie. Hinter
dem weißen Oval ihres Gesichts waren ein Dutzend andere zu
sehen, konturlos und verängstigt. Patrick nahm den Geruch von
Urin wahr.
Er senkte die Waffe und winkte Richtung Treppe. »Los raus«,
befahl er der Lehrerin und ihren Schülern, wartete aber nicht ab,
ob sie auch tatsächlich losliefen.
Als Patrick um eine Ecke bog, war der Boden rutschig von
Blut, und dann fiel wieder ein Schuss, diesmal so laut, dass
Patrick die Ohren klingelten. Er stürmte durch die offene Doppeltür
in die Sporthalle und ließ den Blick über die hingestreckten
Körper schweifen, den umgestürzten Basketballkarren, die
Bälle, die bis zur entgegengesetzten Wand gerollt waren – aber es
war kein Schütze zu sehen.
Patrick wusste, dass er am anderen Ende des Gebäudes angelangt
war. Der Schütze hielt sich also irgendwo hier in der Halle
versteckt, oder er war wieder zurückgelaufen, ohne dass Patrick
ihn bemerkt hatte … er könnte sich sogar in diesem Moment von
hinten anschleichen.
Patrick wirbelte herum Richtung Eingang. Im selben Augenblick
hörte er einen weiteren Schuss. Er lief zu einer Tür, die er
bislang noch gar nicht bemerkt hatte. Sie ging von der Sporthalle
ab und führte in einen Umkleideraum, dessen Wände und Boden
weiß gefliest waren. Er warf einen Blick hinein, sah Blutspritzer
zu seinen Füßen und schob den Kopf vorsichtig um die Ecke.
Zwei Körper lagen reglos an einem Ende der Umkleide. Am
anderen hockte ein schmächtiger Junge neben einer Reihe Spinde.
Er trug eine Nickelbrille, die ihm schief im mageren Gesicht saß.
Er zitterte heftig.
»Bist du verletzt?«, flüsterte Patrick, um dem Schützen nicht
seine Position zu verraten.
Der Junge blinzelte ihn nur an.
»Wo ist er?«, fragte Patrick.
Der Junge zog unter dem Oberschenkel eine Pistole hervor
und hielt sie sich an den Kopf.
Eine neue Hitzewelle durchströmte Patrick. »Keine Bewegung
«, brüllte er und zielte auf den Jungen. »Lass die Waffe
fallen, oder ich schieße.« Der Schweiß brach ihm am ganzen Körper
aus, und er spürte, wie ihm der Pistolengriff aus den Händen
zu rutschen drohte, aber er war entschlossen, den Jungen mit
Kugeln zu durchsieben, wenn es sein musste.
Patrick hatte den Zeigefinger fest am Abzug, als der Junge die
Finger spreizte. Die Pistole fiel zu Boden und schlitterte über die
Fliesen.
Patrick stürzte sich auf ihn. Einer der beiden Officer, der ihm
inzwischen gefolgt war, nahm die Waffe des Jungen an sich.
Patrick drehte den Jungen auf den Bauch, drückte ihm ein Knie
in den Rücken und legte ihm Handschellen an. »Ist noch jemand
bei dir?«
»Ich bin allein«, stieß der Junge hervor.
Patrick war schwindelig und sein Puls raste, aber er nahm vage
wahr, wie der Officer über Funk Meldung machte: »Sterling, wir
haben einen Verdächtigen festgenommen; wir wissen nicht, ob
noch jemand beteiligt ist.«
So plötzlich, wie es begonnen hatte, war es vorbei – soweit so
etwas überhaupt je vorbei sein konnte. Patrick wusste nicht, ob
irgendwo in der Schule womöglich Sprengsätze versteckt waren.
Er wusste nicht, wie viele Menschen getötet worden waren, wie
viele Verletzte das Dartmouth-Hitchcock Medical Center und
das Alice Peck Day Hospital aufnehmen konnten. Der mutmaßliche
Täter war überwältigt, aber wie viel nicht wiedergutzumachenden
Schaden hatte er angerichtet? Patrick begann, am
ganzen Körper zu zittern, und er wusste, dass er für so viele
Schüler und Eltern und Bürger wieder einmal zu spät gekommen
war. Er machte ein paar Schritte und fiel auf die Knie, eigentlich,
weil ihm einfach die Beine wegknickten, doch er tat so, als wollte
er sich um die beiden Opfer kümmern, die am anderen Ende des
Raumes lagen. Er hörte, wie der Officer den Schützen abführte,
aber er drehte sich nicht noch einmal um, sondern konzentrierte
sich ganz auf den Körper vor ihm auf dem Boden.
Ein Junge, der ein Hockeytrikot trug. Unter einer Seite war
eine Blutlache, und er hatte eine Einschusswunde in der Stirn.
Patrick hob die Baseballkappe auf, die dem Jungen vom Kopf
gefallen war. Sie trug den gestickten Schriftzug STERLING HOCKEY.
Das Mädchen daneben lag mit dem Gesicht nach unten, Blut
breitete sich unter ihrer Schläfe aus. Sie war barfuß, und ihre
Zehennägeln waren leuchtend pink lackiert – fast die gleiche
Farbe, mit der Tara Patrick aus Spaß die Nägel verziert hatte. Sein
Herz setzte einen Schlag aus. Dieses Mädchen war genau wie
seine Patentochter und ihr Bruder und Millionen andere Mädchen
und Jungen heute Morgen aufgestanden und zur Schule
gegangen, ohne die Gefahr auch nur zu ahnen, in die sie geraten
würde. Sie hatten darauf vertraut, dass all die Erwachsenen
ihre Sicherheit garantieren würden. Sie vor Angriffen schützen
würden. Plötzlich bewegte sich das Mädchen. »Helfen…Sie…mir…«
»Ich bin ja da«, sagte Patrick und berührte sie sanft. »Bleib
ganz ruhig.« Er drehte sie ein wenig herum, bis er sah, woher das
Blut kam. Sie hatte eine Wunde am Kopf, aber nicht von einer
Kugel, wie er vermutete. Er tastete ihre Gliedmaßen ab. Er murmelte
ihr beruhigende Worte zu, damit sie wusste, dass sie nicht
mehr allein war. »Wie heißt du?«
»Josie …« Sie versuchte, sich aufzusetzen, doch Patrick hinderte
sie daran und schob sich zwischen sie und den Jungen. Sie
stand bereits unter Schock, und er wollte nicht, dass sie völlig
durchdrehte. Sie hob eine Hand an die Stirn, und als sie das Blut
fühlte, fragte sie panisch: »Was…ist denn passiert?«
Anstatt ihr zu antworten, hob Patrick Josie auf und trug sie aus
dem Umkleideraum, in dem sie beinahe getötet worden wäre, die
Treppen hinunter und durch die Schultür nach draußen, als
könnte er sie beide retten.

 

 

Siebzehn Jahre zuvor

 

 

Lacy wusste natürlich besser als irgendwer sonst, dass alle

Babys verschieden waren – winzige Geschöpfe mit eigenen Vorlieben
und Gewohnheiten und Launen und Wünschen. Aber sie
war unwillkürlich davon ausgegangen, dass ihr zweiter Anlauf
in Sachen Mutterschaft ein Kind wie ihr erstes hervorbringen
würde – wie Joey, ein richtiges Wonnebaby, das immer von Passanten
bewundert worden war, wenn sie ihn im Kinderwagen
spazieren fuhr. Ein Sonnenschein, der jeden mit einem Strahlen
bedachte. Peter war genauso schön, aber er war eindeutig viel
anstrengender. Er schrie endlos, wenn er Koliken hatte, und beruhigte
sich erst wieder, wenn er in seinem Autositz auf den
vibrierenden Wäschetrockner gestellt wurde. Und manchmal
wollte er sich partout nicht stillen lassen, ohne dass Lacy die leiseste
Idee gehabt hätte, was mit ihrem zweiten Sohn los sein
könnte. Es war zwei Uhr morgens, und die übermüdete Lacy versuchte,
Peter wieder zum Einschlafen zu bringen. Anders als
Joey, der immer auf der Stelle einschlief, wehrte Peter sich vehement
dagegen. Sie streichelte seinen Rücken und rieb kleine
Kreise zwischen seinen winzigen Schulterblättern, während er
wimmerte und heulte. Eines stand fest, ihr war auch nach Heulen
zumute. Seit zwei Stunden mühte sie sich nun schon ab, und
vor Erschöpfung tat ihr alles weh. »Was ist denn nur los, lieber
kleiner Mann?«, seufzte sie. »Wie kann ich dich bloß glücklich
machen?«
Glück war relativ, laut ihrem Mann. Er musste es wissen, denn
er befasste sich beruflich damit, einen Preis für Freude festzusetzen,
und das war schließlich genau das, was Volkswirtschaftler
machten: für die immateriellen Dinge im Leben messbare Werte
zu finden. Lewis’ Professoren-Kollegen am Sterling College hatten
Aufsätze über die relativen Vorteile einer guten Ausbildung
oder allgemeiner Gesundheitsfürsorge oder Zufriedenheit im
Beruf verfasst. Lewis’ Spezialgebiet war nicht weniger wichtig,
wenn auch unorthodox. Es machte ihn zu einem beliebten Gast
in Talkshows, denn offenbar wurde das Jonglieren mit Zahlen
erotischer, wenn es um den Gegenwert eines herzhaften Lachens
ging oder auch um den von regelmäßigem Sex.
Allerdings konnte einem Menschen das, was ihn früher glücklich
gemacht hatte, heute bedeutungslos erscheinen. So hätte
Lacy vor fünf Jahren alles dafür gegeben, von ihrem Mann einen
Strauß roter Rosen zu bekommen; während bei ihr heute die
Aussicht darauf, zehn Minuten ungestört zu schlafen, reines Entzücken
ausgelöst hätte.
Lewis hatte eine mathematische Formel für Glück aufgestellt:
R:E, Realität dividiert durch Erwartungen. Es gab zwei Wege
zum Glück: die Realität verbessern oder die Erwartungen niedriger
schrauben. Einmal hatte Lacy ihn auf einer Party gefragt, was
passieren würde, wenn ein Mensch gar keine Erwartungen hätte.
Hieß das, dass man nie glücklich werden könne, wenn man alle
Schläge des Lebens einsteckte? Später, auf der Fahrt nach Hause,
hatte Lewis ihr ärgerlich vorgeworfen, sie habe ihn blamieren
wollen. Lacy verdrängte die Frage, ob Lewis und sie und die Kinder
wirklich eine glückliche Familie waren. In letzter Zeit, wenn
Lewis Überstunden machte, weil er wieder mal einen Abgabetermin
hatte, und Lacy vor Erschöpfung im Stehen hätte einschlafen
können, redete sie sich sein, es sei einfach eine Phase, die
wieder vorübergehen würde. Schließlich hatte sie einen Mann,
der sie liebte, zwei gesunde Jungs und einen Beruf, an dem sie
sehr hing – und sie war gern bereit, Strapazen auf sich zu nehmen,
wenn sie ihn nur weiter ausüben konnte. War nicht gerade
das die Definition vom Glücklichsein, dass man bekam, was man
schon immer hatte haben wollen?
Sie merkte, dass Peter wunderbarerweise an ihrer Schulter
eingeschlafen war, die süße Pfirsichwange an ihre nackte Haut
gedrückt. Auf Zehenspitzen schlich sie die Treppe hinauf, legte
ihn behutsam in sein Bettchen und warf dann einen Blick zu dem
Bett hinüber, in dem Joey schlief. Das Mondlicht liebkoste ihn
förmlich. Sie fragte sich, wie Peter wohl in Joeys Alter sein
würde. Sie fragte sich, ob Eltern ein zweites Mal so viel Glück
haben konnten.
Alex Cormier war jünger, als Lacy gedacht hatte. Vierundzwanzig
– das entnahm Lacy dem Anmeldeformular für den Geburtsvorbereitungskurs
–, aber Alex Cormier strahlte so viel Selbstbewusstsein
aus, dass sie zehn Jahre älter wirkte. »Was machen
Sie beruflich?«, fragte Lacy.
Alex blickte sie einen Moment skeptisch an. »Juristin«, sagte
sie dann.
»Sie sind Anwältin?«, fragte Lacy und blickte von ihren Notizen
auf.
»Pflichtverteidigerin. Seit Kurzem.« Alex machte sich innerlich
auf eine abfällige Bemerkung gefasst.
»Das ist bestimmt eine anspruchsvolle Arbeit«, sagte Lacy.
»Wissen Ihre Kollegen bereits von Ihrer Schwangerschaft?«
Alex schüttelte den Kopf. »Nicht nötig«, sagte sie knapp. »Ich
werde nämlich keinen Mutterschaftsurlaub nehmen.«
»Und wenn Sie es sich doch noch anders überlegen, sobald –«
»Ich behalte das Baby nicht«, verkündete Alex.
Lacy lehnte sich zurück. »Verstehe.« Sie verurteilte grundsätzlich
keine Mutter, die sich gegen ein Kind entschied. »Wir können
auch über andere Optionen reden«, sagte Lacy. In der elften
Woche konnte Alex sich noch immer für einen Schwangerschaftsabbruch
entscheiden.
»Ich hatte eine Abtreibung vor«, sagte Alex, als hätte sie
Lacys Gedanken gelesen. »Aber ich hab den Termin verpasst.«
Sie blickte auf. »Zweimal.«
»Wenn das so ist«, sagte sie, »kann ich Ihnen Informationsmaterial
über Adoptionen geben, falls Sie sich noch nicht selbst
an entsprechende Stellen gewandt haben.« Sie griff in eine Schublade
und holte Broschüren heraus – konfessionelle Adoptionsvermittlungen,
Anwälte, die auf private Adoptionen spezialisiert
waren. Alex nahm die Faltprospekte und hielt sie wie Spielkarten
in der Hand. »Aber fürs Erste können wir auch über Sie reden,
darüber, wie Sie sich fühlen.«
»Ich fühl mich prima«, erwiderte Alex prompt. »Mir ist nicht
übel, ich bin nicht müde.« Sie sah mit einem Anflug von Gereiztheit
auf die Uhr. »Ich habe allerdings einen dringenden Termin.«

Das letzte Mal, als Alex’ Körper nicht auf ihren Verstand gehört
hatte, war sie schwanger geworden. Es hatte ganz harmlos angefangen
– Logan Rourke, ihr Professor für Prozessrecht, hatte sie
in sein Büro bestellt, um ihr zu sagen, dass sie den Gerichtssaal
mit Kompetenz beherrsche, dass kein Geschworener die Augen
von ihr lassen könne – genauso wenig wie er. Für Alex war Logan
Starjurist und Gott in einem. Prestige und Macht konnten einen
Mann so attraktiv machen, dass es einem den Atem raubte – und
Logan in das verwandeln, wonach sie ihr Leben lang gesucht
hatte. Sie glaubte ihm, wenn er sagte, er habe in seinen zehn Jahren
an der Fakultät noch keine Studentin erlebt, die eine so rasche
Auffassungsgabe hatte wie Alex. Sie glaubte ihm, als er sagte,
seine Ehe bestehe nur noch auf dem Papier. Und sie glaubte ihm,
als er sie nach der Uni nach Hause fuhr, ihr Gesicht in beide
Hände nahm und sagte, sie sei der Grund, warum er morgens aufstand.
Nachdem Alex sich mit Logan eingelassen hatte, verlor sie ihre
nüchterne Zielstrebigkeit. Auf einmal verschob sie Pläne, wartete
auf seinen Anruf, der manchmal kam und manchmal nicht. Sie tat
so, als würde sie nicht mitbekommen, wenn er mit den Erstsemesterinnen
flirtete, die ihn genauso anhimmelten wie sie ihn
einst. Und als sie kurz vor dem Examen schwanger wurde, redete
sie sich ein, sie würden für immer zusammenbleiben.
Logan hatte ihr gesagt, sie solle es wegmachen lassen. Sie hatte
sofort einen Termin für eine Abtreibung vereinbart, dann jedoch
vergessen, ihn in ihren Kalender einzutragen. Sie vereinbarte
einen neuen Termin, merkte aber zu spät, dass er sich mit einer
Examensklausur überschnitt. Danach war sie zu Logan gegangen.
Es ist ein Zeichen, hatte sie gesagt.
Sei vernünftig, hatte Logan gesagt. Du hast jetzt den Abschluss,
aber eine alleinerziehende Mutter wird es nie zur Prozessanwältin
bringen. Sie müsse sich zwischen Karriere und Baby
entscheiden.
Doch in Wahrheit meinte er, sie müsse sich zwischen dem
Baby und ihm entscheiden.
Als Alex Logan Rourke kurze Zeit später eröffnete, sie würde
eine Stelle als Pflichtverteidigerin annehmen, hatte er gelacht.
Das hältst du keine Woche durch, hatte er gesagt. Dazu bist du
viel zu weich.
»Ich weiß, es kommt Ihnen wie eine Ewigkeit vor«, sagte Lacy
zu der Frau auf dem Geburtsbett. »Aber wenn Sie noch eine
Stunde schön mitmachen, ist Ihr Baby da.«
Lacy wies gerade den Ehemann an, seine Frau von hinten zu
stützen, während sie presste, als sie an der Taille ihrer meerblauen
Kluft den Piepser vibrieren spürte. Wer zum Teufel konnte das
sein? Ihre Sekretärin wusste doch, dass sie schon bei einem Einsatz
war.
»Entschuldigen Sie mich bitte«, sagte sie und bat eine Krankenschwester,
sie kurz abzulösen, während sie nach nebenan zum
Telefon ging. »Was ist denn?«, fragte sie, als sich ihre Sekretärin
meldete.
»Eine Patientin will unbedingt mit Ihnen sprechen.«
»Ich hab zu tun«, sagte Lacy knapp.
»Sie hat gesagt, sie wartet. Egal wie lange.«
»Wer ist sie denn?«
»Alex Cormier«, erwiderte die Sekretärin.
Die Juristin, dachte Lacy, die mit den dringenden Terminen,
die ihr Baby nicht behalten will. Normalerweise hätte Lacy der
Sekretärin gesagt, sie solle die Patientin zu einer anderen Hebamme
in der Praxis schicken. Aber Alex Cormier hatte irgendetwas
an sich, das Lacy nicht genau benennen konnte, irgendetwas,
das nicht ganz stimmig war und sie neugierig machte.
»Also schön«, sagte Lacy. »Aber sagen Sie ihr, es kann eine ganze
Weile dauern.«
Sie hängte ein und eilte zurück in den Geburtsraum.
Vierzig Minuten später verabschiedete Lacy sich von den
glücklichen Eltern eines sechs Pfund schweren Mädchens und
eilte den Gang hinunter zum Personalraum, wo sie sich Wasser
ins Gesicht spritzte und eine frische Montur anzog. Dann ging
sie hinauf ins Wartezimmer. Alex Cormier erhob sich bei ihrem
Anblick sofort, mit roten Augen und unsicher, als würde sie von
Lacy magnetisch auf die Beine gezogen.
»Guten Tag, Alex«, sagte sie, »bitte kommen Sie doch mit.«
Sie führte Alex in einen leeren Untersuchungsraum und nahm
ihr gegenüber auf einem Stuhl Platz. Im selben Augenblick fiel
Lacy auf, dass Alex ihren blassblauen Pullover verkehrt herum
trug – das Etikett lugte vorn aus dem Kragen. So etwas konnte
natürlich jedem passieren, wenn er es eilig hatte. Aber nicht Alex
Cormier.
»Ich hatte eine Blutung«, sagte Alex mit ruhiger Stimme.
»Nicht stark, aber, ähm, doch ein bisschen.«
Ebenso ruhig erwiderte Lacy: »Dann schauen wir mal nach.«
Sie führte Alex den Gang hinunter zum Ultraschall und bat sie,
sich auf der Liege auszustrecken. Lacy schaltete das Gerät ein
und bewegte den Schallkopf über Alex’ Bauch. In der sechzehnten
Woche sah der Fötus winzig, knochig und bereits verblüffend
vollkommen aus. »Sehen Sie das da?«, fragte Lacy und zeigte auf
einen winzigen schwarz-weiß blinkenden Trommelschlag. »Das
ist das Herz.«
Alex drehte das Gesicht weg, aber Lacy hatte die Träne
auf ihrer Wange noch gesehen. »Dem Baby geht’s gut«, sagte
sie.
»Ich dachte, ich hätte eine Fehlgeburt.«
»Bei einem normal entwickelten Baby wie Ihrem liegt das
Risiko einer Fehlgeburt bei einem Prozent. Anders ausgedrückt –
Ihre Chance, ein gesundes Baby zur Welt zu bringen, beträgt
neunundneunzig Prozent.«
Alex nickte und wischte sich mit dem Ärmel über die Augen.
»Gut.«
Lacy zögerte. »Es geht mich ja wirklich nichts an. Aber Alex,
für eine Frau, die ihr Kind nicht behalten will, wirken Sie ungemein
erleichtert darüber, dass das Kleine gesund ist.«
»Ich – ich kann nicht –«
»Denken Sie einfach mal drüber nach«, sagte Lacy.
Ich hab schon eine Familie, sagte Logan Rourke, als Alex ihm
eröffnete, dass sie das Baby behalten würde. Ich brauche nicht
noch eine.
Und noch am selben Abend vollzog Alex eine Art Exorzismus.
Sie warf ihren Holzkohlegrill an und verbrannte jede Hausarbeit,
die sie je für Logan Rourke geschrieben hatte. Sie hatte
keine Fotos von ihnen beiden, keine Liebesbriefe von ihm – im
Nachhinein wurde ihr klar, wie vorsichtig er gewesen war, wie
leicht er sich aus ihrem Leben tilgen ließ. Und sie sich aus seinem.
Dieses Baby, beschloss sie, würde ihr allein gehören. Sie schaute
den Flammen zu und dachte, wie viel Raum es in ihr einnehmen
würde. Sie stellte sich vor, wie ihre Organe, selbst ihr Herz, beiseite
rückten und ihre Haut sich dehnte, um Platz zu machen. Sie
dachte nicht darüber nach, ob sie das Baby bekommen wollte, um
zu beweisen, dass sie sich die Beziehung zu Logan Rourke nicht
nur eingebildet hatte, oder um ihm heimzuzahlen, wie er sie behandelt
hatte. Denn wie jede Prozessanwältin weiß, stellt man
Zeugen keine Fragen, auf die man selbst die Antwort nicht kennt.
Noch Jahre später fragte Alex sich manchmal, ob sie deshalb eine
gute Pflichtverteidigerin geworden war, weil sie wirklich das
Zeug dazu hatte oder weil sie Logan hatte beweisen wollen, dass
er sich getäuscht hatte. Wie auch immer, Alex urteilte nicht über
ihre Mandanten, als Juristin tat sie alles für sie, egal, was sie persönlich
über sie dachte. Sie hatte es sich schlicht zum Prinzip
gemacht, Straftätern – und darunter waren wirklich üble, gewalttätige
Burschen – zu ihrem Recht zu verhelfen, ohne sie dabei an
sich herankommen zu lassen.
Den Fehler hatte sie einmal gemacht – mit Logan.
Fünf Wochen nachdem sie sie untersucht hatte, war Lacy nicht
mehr nur Alex’ Hebamme. Sie war ihre Vertraute, ihre beste
Freundin, ihr Kummerkasten. Obwohl sie normalerweise keine
Privatkontakte mit Patientinnen pflegte, hatte sie bei Alex die
Regeln gebrochen. Sie begründete diese Ausnahme vor sich selbst
damit, dass Alex jetzt, da sie das Baby behalten wollte, Unterstützung
brauchte, weil sie sonst niemanden hatte, bei dem sie
sich wohlfühlte. Alex und Lacy waren zwar grundverschieden –
so verdrehte Alex die Augen, wenn Lacy einem stadtbekannten
Penner einen Zehndollarschein zusteckte, den der doch nur in die
nächste Kneipe tragen würde –, aber sie mochten sich gern.
Wenn sie Zeit hatten, trafen die beiden Frauen sich auf einen
Kaffee. Meistens hatte Lacy dann den kleinen Peter bei sich. Alex
beobachtete fasziniert, wie selbstverständlich Lacy mit ihrem
Baby umging, es etwa mühelos aus einigen Schichten Kleidung
schälte und sich auf den Schoß setzte. Oder sich, während sie
plauderten, ein Tuch über die Schulter legte und Peter stillte.
»Ist das schwer?«, wollte Alex eines Tages wissen.
»Das Stillen?«
»Nicht nur das«, sagte Alex. »Ich meine, alles.«
»Naja, es ist eindeutig eine erlernte Fähigkeit.« Lacy hob den
Kleinen an ihre Schulter. Er kickte ihr mit seinen Schühchen
gegen die Brust, als wollte er jetzt schon Distanz zu ihr herstellen.
»Aber verglichen mit deinem Job ist Mutterschaft vermutlich
ein Klacks.«
Lacy putzte Peter behutsam die Nase.
»Darf ich dich mal was fragen?«, begann sie, und Alex nickte
langsam. »Wieso wolltest du dein Baby zuerst abgeben?«
»Weil der Zeitpunkt nicht gut war«, sagte Alex.
Lacy lachte. »Ich weiß nicht, ob es überhaupt einen guten
Zeitpunkt gibt, ein Baby zu bekommen. Das Leben wird so oder
so auf den Kopf gestellt.«
Lacy richtete kurz das Hemdchen ihres Babys. »In gewisser
Weise sind unsere Berufe gar nicht so verschieden.«
»Wahrscheinlich ist die Rückfallquote ungefähr gleich«, sagte
Alex.
»Nein…ich meine, wir sehen die Menschen, mit denen wir zu
tun haben, im unverfälschten Zustand. Deshalb bin ich so gern
Hebamme. Da sieht man, wie stark jemand in einer Extremsituation
ist.« Sie blickte Alex an. »Wenn man sich auf das Wesentliche
konzentriert, sind Menschen erstaunlich ähnlich, findest du
nicht?«


Also gut, dachte Alex. So ist das also, wenn man stirbt.
Eine weitere Wehe durchbohrte sie, Schüsse auf Metall.
Sie musste an den Geburtsvorbereitungskurs denken, zu dem
Lacy sie überredet hatte, in dem sie die einzige Teilnehmerin
ohne Partner war. Sie hatten Fotos zu sehen bekommen von
Frauen in den Wehen, Frauen mit verzerrten Gesichtern und
zusammengebissenen Zähnen, Frauen, die nicht mehr wie sie
selbst aussahen. Alex hatte bloß spöttisch die Nase gerümpft. Die
zeigen die schlimmsten Fälle, hatte sie sich eingeredet. Jeder
Mensch hat eine andere Schmerzverträglichkeit.
Die nächste Wehe wand sich wie eine Kobra an ihrer Wirbelsäule
hinab, wickelte sich um ihren Bauch und schlug ihre Fangzähne
in ihre Eingeweide. Alex fiel in der Küche hart auf die
Knie.
In dem Kurs hatte sie gelernt, dass die Wehenphase zwölf
Stunden oder länger dauern könnte.
Wenn sie bis dahin nicht längst tot war.


Als Lacy in der Hebammenausbildung war, hatte sie stets ein
kleines Lineal zum Messen dabei. Jetzt, nach Jahren in dem Beruf,
konnte sie mit einem einzigen Blick den Durchmesser einer
Tasse oder einer Orange schätzen. Sie zog die Finger zwischen
Alex’ Beinen hervor und streifte sich den Latexhandschuh ab.
»Zwei Zentimeter«, sagte sie, und Alex brach in Tränen aus.
»Nur zwei? Das schaff ich nicht«, schnaufte Alex und krümmte
den Rücken, um die Schmerzen zu lindern. Sie hatte versucht ihre
Qual hinter der kompetenten Maske zu verbergen, die sie normalerweise
trug, merkte aber, dass sie ihr irgendwo abhandengekommen
war.
»Ich weiß, du bist enttäuscht«, sage Lacy. »Aber sieh’s mal
positiv – du machst deine Sache gut. Wenn eine Frau ihre Sache
bei zwei Zentimetern gut macht, dann auch bei acht. Also, lassen
wir’s langsam angehen, schön eine Wehe nach der anderen.«
In einer Wehenpause half Lacy Alex aus dem Bett und führte
sie zum Whirlpool. Sie dimmte das Licht, stellte die Entspannungsmusik
an und zog Alex den Bademantel aus. Alex hatte
inzwischen jede Schamhaftigkeit abgelegt, wäre zu allem bereit
gewesen, wenn dadurch nur die Wehen aufhörten.
»Rein mit dir«, sagte Lacy, und Alex ließ sich auf sie gestützt
in den Whirlpool hinab.
»Lacy«, keuchte Alex, »du musst mir was versprechen…«
»Was denn?«
»Dass du es ihr nicht erzählst. Der Kleinen.«
Lacy ergriff Alex’ Hand. »Dass ich ihr was nicht erzähle?«
Alex schloss die Augen und presste die Wange an den Rand der
Wanne. »Dass ich sie erst nicht wollte.«
Ehe sie antworten konnte, sah Lacy, wie Alex sich erneut verkrampfte.
»Ganz ruhig atmen«, sagte sie. »Ganz ruhig.«


Wer große Schmerzen hat, zieht sich in sich selbst zurück. Lacy
hatte das unzählige Male erlebt. Endorphine – das natürliche
Morphium des Körpers – werden freigesetzt und tragen dich
weit weg, dorthin, wo der Schmerz dich nicht finden kann.
Seit drei Stunden nun hatte Alex die Fassung wieder gewonnen,
dank des Anästhesisten, der ihr eine Epiduralanästhesie
gegeben hatte. Sie hatte eine Weile geschlafen; sie hatte mit Lacy
Karten gespielt. Doch jetzt hatte sich das Baby gesenkt und sie
begann zu pressen. »Wieso hab ich wieder Schmerzen?«, fragte
sie mit zunehmend hysterischer Stimme.
»So ist das bei der Epiduralanästhesie. Wenn wir die Dosis
erhöhen, kannst du nicht pressen.«
»Ich kann kein Baby kriegen«, platzte Alex heraus. »Ich bin
noch nicht so weit.«
»Na«, sagte Lacy. »Darüber sollten wir vielleicht noch mal
reden.«
»Ich weiß überhaupt nicht, was ich hier mache. Ich bin keine
Mutter, ich bin Anwältin. Ich weiß ja nicht mal, wie man ein
Baby wickelt.«
»Die kleinen aufgedruckten Figürchen gehören nach vorne«,
sagte Lacy, nahm Alex’ Hand und führte sie zwischen ihre Beine,
wo der Kopf des Babys bereits hervorschaute.
Alex riss ihre Hand weg. »Ist das…?«
»Ja.«
»Es kommt?«
»Ob du so weit bist oder nicht.«
Wieder setzte eine Wehe ein. »Oh, Alex, ich kann die Augenbrauen
sehen …« Lacy zog das Baby aus dem Geburtskanal, hielt
den kleinen Kopf gebeugt. »Ich weiß, das tut höllisch weh … das
ist das Kinn…wunderschön …« Lacy wischte dem Baby das
Gesicht ab, säuberte den Mund. Sie schwang die Nabelschnur
über den Hals des Babys und blickte ihre Freundin an. »Alex«,
sagte sie. »Den Rest machen wir zusammen.«
Lacy legte Alex’ zitternde Hände um den Kopf der Kleinen.
»Halt sie so, ich versuch die Schulter zu fassen…«
Als das Baby schließlich in Alex’ Hände glitt, ließ Lacy los.
Schluchzend, erleichtert, hob Alex den kleinen, sich windenden
Körper an ihre Brust. Wie immer war Lacy überwältigt davon,
wie präsent ein Neugeborenes ist. Sie rieb den Rücken des Kindes
und sah, wie die Kleine die verschwommenen blauen Augen
das erste Mal auf ihre Mutter richtete. »Alex«, sagte Lacy. »Sie
gehört dir, nur dir.«
Niemand will das wahrhaben, aber es wird immer wieder
Schlimmes geschehen. Vielleicht deshalb, weil alles mit allem zusammenhängt
und irgendwer vor langer Zeit als Erster etwas
Schlimmes getan hat, was dazu führte, dass ein anderer seinerseits
etwas Schlimmes tat und so weiter.
Aber vielleicht geschehen schlimme Dinge ja auch deshalb,
damit wir uns daran erinnern, wie das Gute aussehen sollte.

Jodi Picoult

Über Jodi Picoult

Biographie

Jodi Picoult, geboren 1967 auf Long Island, studierte in Princeton Creative Writing und in Harvard Erziehungswissenschaften.1992 veröffentlichte sie ihren ersten Roman und gehört heute zu den beliebtesten amerikanischen Erzählerinnen weltweit. Sie lebt zusammen mit ihrem Mann und ihren drei Kindern...

Medien zu »Neunzehn Minuten«

Pressestimmen

Kölner Stadt-Anzeiger

»Dieser Roman ist nicht nur spannend, sondern auch ergreifend bis zur letzten Seite.«

Süddeutsche Zeitung

Jodi Picoult hat ein sagenhaftes Gespür für Themen, sie zeigt immer genau dahin, wo das offene Feuer durch die Ritzen der Gesellschaft bricht.

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