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Die Krieger der AltaiiDie Krieger der Altaii

Die Krieger der Altaii

Roman

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Die Krieger der Altaii — Inhalt

Nr.-1-New-York-Times-Bestsellerautor und Fantasylegende Robert Jordan ist weltbekannt durch seine epische Fantasysaga „Das Rad der Zeit“. Jetzt erscheint erstmals sein bislang unveröffentlichtes Debüt: Die Wasserlöcher der Ebenen trocknen, dunkle Gestalten fallen in die Siedlungen ein. Das Böse ist auf dem Vormarsch. Wulfgar, Anführer der Altaii, muss das Unmögliche wagen: die berüchtigten Zwillingsköniginnen, Feldherren, Propheten und Magier einen, um die Altaii zu retten. Eine Besucherin aus einer anderen Welt, trägt die Antworten zur Rettung in sich, aber Wulfgar muss lernen, die richtigen Fragen zu stellen. Nur was, wenn das Wissen, das die Altaii rettet, sie auch zerstören wird?

€ 28,00 [D], € 28,80 [A]
Erschienen am 16.03.2020
Übersetzt von: Andreas Decker
384 Seiten, Hardcover mit Schutzumschlag
EAN 978-3-492-70563-9
€ 24,99 [D], € 24,99 [A]
Erschienen am 16.03.2020
Übersetzt von: Andreas Decker
384 Seiten, WMEPUB
EAN 978-3-492-99590-0

Leseprobe zu „Die Krieger der Altaii“

Vorwort

Die Rechte des Romans Die Krieger der Altaii wurden zweimal verkauft, er ist aber noch nie zuvor veröffentlicht worden. Bis jetzt.

Wie konnte das geschehen?

Kommt näher und hört zu, wie Wulfgar sagen würde.

Das erste Mal las ich das Manuskript 1978 – vor vierzig Jahren –, ungefähr ein Jahr, nachdem ich von New York zurück in meine Heimatstadt Charleston, South Carolina, gezogen war. In New York hatte ich bei Ace Books für den Herausgeber Tom Doherty als Editorial Director gearbeitet. Nun hatte ich mit einem Burschen namens Richard Gallen, der [...]

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Vorwort

Die Rechte des Romans Die Krieger der Altaii wurden zweimal verkauft, er ist aber noch nie zuvor veröffentlicht worden. Bis jetzt.

Wie konnte das geschehen?

Kommt näher und hört zu, wie Wulfgar sagen würde.

Das erste Mal las ich das Manuskript 1978 – vor vierzig Jahren –, ungefähr ein Jahr, nachdem ich von New York zurück in meine Heimatstadt Charleston, South Carolina, gezogen war. In New York hatte ich bei Ace Books für den Herausgeber Tom Doherty als Editorial Director gearbeitet. Nun hatte ich mit einem Burschen namens Richard Gallen, der eine viel größere Rolle bei der Gründung von kleinen Verlagen spielte, als mir bewusst war, einen Vertrag abgeschlossen, der kaum länger als eine Seite war. Unsere Abmachung war ganz simpel. Ich würde die Autoren finden, er würde die Vorschüsse investieren, und wir würden die Profite teilen. Profite? Ha! Aber das ist eine andere Geschichte.

Also wo würde man Autoren finden? In einer Buchhandlung! Ich besuchte ein Geschäft, das einem Zeitschriftengroßhändler in der Gegend gehörte. Dort gab es Taschenbücher, Magazine und Zeitungen aus dem ganzen Land. Tatsächlich kannte die Managerin einen Mann, der regelmäßig Taschenbücher kaufte und erzählt hatte, er würde selbst schreiben. An seinen Namen konnte sie sich nicht mehr erinnern.

Ich bat um einen Zettel und einen Bleistift, schrieb meinen Namen und die Telefonnummer auf, und bat sie, das dem Kunden bei seinem nächsten Besuch zu geben. Was sie auch tat.

Er starrte die Nachricht ungläubig an – Bleistift? Ein Zettel? – und wollte sie zerreißen, als sie ihn darüber informierte, ich sei bei Ace Editorial Director gewesen und sei auf der Suche nach neuen Autoren. Eigentlich wollte ich eine neue Kathleen Woodiwiss, jemanden, der „Bodice Ripper“, historische Liebesromane mit Erotik, für ein weibliches Publikum schreiben konnte.

Er rief mich an. Auf dem Weg zu meinem Haus ließ er sich eine Handlung für einen „Bodice Ripper“ einfallen. Es war einfach nur schlecht. Ich erinnere mich nur noch, dass es bei der obligatorischen Sexszene eine Ente gab. Ich dankte ihm und konnte es nicht erwarten, die Tür hinter ihm zu schließen. Wie sich herausstellte, verfügte er ungefähr über genauso viel Östrogen wie Conan der Barbar.

Zwölf Monate vergingen. Ohne dass ich etwas davon erfuhr, hatte er im August 1977 Die Krieger der Altaii an DAW Books verkauft. Bei dem Vertrag hatte er um ein paar Änderungen gebeten. Im September 1977 hatte DAW das Angebot zurückgezogen. Der erste Verkauf, die erste Rückgabe der Rechte.

Nach diesen acht Monaten hatte ich eine Durststrecke und blätterte mein Adressbuch nach neuen Kandidaten durch. Ich rief ihn an. Er erzählte mir, er hätte einen Fantasyroman mit Barbaren mit dem Titel Die Krieger der Altaii geschrieben, und ich bat ihn, ihn mir ansehen zu dürfen. Der Roman hatte einen Anfang, eine Mitte und ein Ende, und er war gut.

In der Zwischenzeit hatte sich Tom Doherty bereit erklärt, die Bücher meines Programms von Ace vertreiben zu lassen. Tom hatte einen großartigen Science-Fiction-Lektor, Jim Baen, und meiner Meinung nach war dieser Roman genau das, was Tom in meinem Programm nicht haben wollte.

Also schickte ich ihm das Manuskript und fragte ihn, ob er Interesse hätte, das Buch bei Ace zu veröffentlichen.

Baen kaufte es 1979. Jedenfalls gewissermaßen. Der Vertrag trug das Datum vom April 1980. Der zweite Verkauf.

In der Zwischenzeit beschritt Ace neue Wege. Es wurde Teil der Berkley Publishing Group, die die Verlage Berkley, Jove, Ace Science Fiction, Charter, Tempo und Second Chance umfasste. In der Verlagsindustrie kursierte das Gerücht, dass jemand am Empfang einen Anruf mit den Worten „Pac-Man Books“ entgegengenommen hatte und bei Sonnenuntergang gefeuert war.

Wie dem auch sei, die für die Science-Fiction verantwortliche Lektorin dieser sperrigen Entität verlangte ein paar Änderungen. Der Autor erklärte sich einverstanden, er bat um eine Liste – aber sie schickte die Liste mit den gewünschten Änderungen nicht.

Im Januar 1983 schrieb er ihr einen Brief. „Mein Manuskript wird in irgendeiner dunklen Ecke Ihres Büros auf einem abgelegenen Regal zu einem Pilzgarten. Da haben wir beide nichts davon.“

Im Juni 1983 gab Berkley die Rechte zurück. Das zweite Mal, dass die Rechte an den Autor zurückgingen.

Aber richten wir unsere Aufmerksamkeit wieder auf 1979.

Robert Jordan – damals noch James Oliver Rigney jr., wie sein Geburtsname lautete – stand kurz davor, zu Reagan O’Neal zu werden. Er erzählte mir, er hätte ein paar neue Ideen. Ich machte einen Termin. Er kam vorbei, aber mein vorheriger Termin war noch nicht beendet. Die Autorin wollte einen Roman über Josef von Arimathea schreiben, der das Christuskind in den Westen von England brachte. Sie war für ihr historisches Wissen bekannt, und ich hatte gehofft, sie würde einen historischen Roman über South Carolina schreiben, aber nicht über den Bürgerkrieg. Das sagte ich in Rigneys Anwesenheit.

Er verkündete, leidenschaftliches Interesse an einem Roman über South Carolina zu haben, der während der Amerikanischen Revolution spielte. (Ich bin fest davon überzeugt, dass er die Idee noch nicht gehabt hatte, als er das Zimmer betrat.) Er versprach mir, am nächsten Tag ein Konzept einzureichen. Er lieferte den Handlungsabriss für einen Roman, der die Abenteuer eines gewissen Michael Fallon während der Revolution erzählte. Zwei weitere Fallon-Romane sollten folgen, vom Krieg von 1812 bis zur Gründung der Republik Texas.

Am 20. März 1979 schickte ich ihm einen Vertrag für den ersten Fallon, verfasst unter dem Namen Reagan O’Neal. Ein Verkauf, der wegen seines Fantasyromans zustande kam. Die meisten Leute, die ihren ersten Roman beginnen, schreiben ihn nie zu Ende, aber er hatte das getan. Und er hatte einen guten Roman geschrieben, der den meisten Erstlingsromanen weit überlegen war.

Er und ich heirateten am 28. März 1981.

Kurz darauf sicherte sich Tom Doherty bei Conan Properties die Rechte für einen neuen Conan-Roman, und er wollte ihn rechtzeitig zu dem neuen Conan-Film auf den Markt bringen. Doch Baen hatte keine Autoren, die einen überzeugenden Conan produzieren konnten. Also versicherte ich ihm, Rigney wäre durchaus dazu imstande (wegen Die Krieger der Altaii), und ich bat meinen Mann, ihn zu schreiben. Er weigerte sich.

Ich hoffte, Tom würde es vergessen, aber das ist nicht seine Art. Wochen später meldete er sich wieder bei mir.

Ich flehte Rigney an. Er sagte: „Harriet, hör auf, mit diesem Ding zu zittern (er meinte mein bebendes Kinn). Ich mache es ja.“ Und das tat er dann auch. Geschrieben unter dem Namen Robert Jordan, wurde sein Werk als „der beste der modernen Conan-Romane“ besprochen. Er machte sich damit auf dem Gebiet der Fantasy einen Namen. Die Arbeit gefiel ihm, und er schrieb sechs weitere.

Und die ganze Zeit über dachte er – genau wie bei der Niederschrift der Fallon-Bücher – über die Themen und Schatten, die Figuren und Geschehnisse von Das Rad der Zeit nach.

Als ich Die Krieger der Altaii diesen Winter nach langer Zeit erneut las, war ich erstaunt, wie sehr der Roman Das Rad der Zeit vorwegnimmt. Man findet hier viele Andeutungen der Dinge, die noch folgen sollten. Eine der offensichtlichen ist der Name des wichtigen Bergmassivs – der Rücken der Welt. Im Rad der Zeit ist es das Rückgrat der Welt. Ich glaube, es wird Ihnen Spaß machen, die Hinweise zu finden, während Sie diesen brandneuen Robert Jordan lesen – ein guter Wein, der sein perfektes Alter erreicht hat.

Und jetzt lesen Sie, was Wulfgar Ihnen zu erzählen hat.

 

Freundliche Grüße,

Harriet P. McDougal






I. Die Spuren der Morassa

Im fünften Monat im Jahr der Steinechse saß ich im Wind aus Kafhara auf einem kleinen Hügel nicht weit von der großen Stadt Lanta entfernt auf meinem Pferd. Die Lantaner nennen das Land die Steppe – hier, wo es überall grünt.

Nur einen kurzen Ritt von der Stadt entfernt gab es Bäume, die einen Mann im Sattel weit überragten. Aber den verweichlichten Männern der Städte mochte das bereits wie die Steppe erscheinen.

Im Norden kreiste ein Rudel Dril langsam am Himmel. Auf ihren schuppigen Flügeln spiegelte sich die Sonne. Irgendwo dort draußen lag etwas Totes. Oder etwas, das bald tot sein würde.

Die Zeit dafür war richtig, eine Zeit zum Sterben.

Oben am Himmel jagte Loewin über das Firmament, getrieben von seinem ewigen Kampf mit Ban und Wilaf, mit t’Fie und Mondra. Ein wohlbekanntes Zeichen für Unglück. Darüber hinaus war der Kafharawind in diesem Jahr früh gekommen. Loewin und den frühen Wind zur gleichen Zeit am Himmel zu haben, stellte ein selten gesehenes Omen dar, und wenn alles vorbei ist, spricht man einen Segen. Aber ich war nicht nur hier, um Omen zu lesen. Ich richtete mein Mundtuch, das den vom Wind getragenen Staub abhalten sollte, der selbst dort war, wo die grünen Dinge wuchsen, und wartete auf denjenigen, der wie ich wusste kommen würde. Der Wind schickte eine Staubwolke vor mir in die Höhe. Als sie sich wieder auflöste, kamen sie in Sicht.

Zwanzig Männer ritten in Zweierreihe. Ihre Lanzenspitzen waren geschwärzt, damit sie kein Licht widerspiegelten, und ihre Arme waren nackt. Sie waren nicht die Art Männer, die ihre Arme in Rüstungen steckten; sie schützten sie nicht einmal mit Tuch vor dem Wind. Sie hatten Ehre. Ich wollte ihren Anführer treffen.

„Los“, sagte ich. Nach einem Schenkeldruck trabte mein Pferd den Hügel hinunter. Meine zwanzig Lanzenreiter folgten mir.

Die Neuankömmlinge hielten an, um uns zu erwarten. Der Mann, den ich treffen wollte, wartete ein Stück vor ihnen. Er war groß, sogar noch größer als ich, und mich hält man im Allgemeinen für einen großen Altaii.

Ich bedeutete meinen Männern anzuhalten und ritt weiter auf ihn zu. Er zog das Staubtuch herunter und betrachtete mich ohne ein Lächeln. Nach einer Weile streckte ich die linke Hand aus. Bei einigen Völkern ist es Brauch, die Waffenhand auszustrecken, die rechte Hand, damit man sie als Zeichen der Harmlosigkeit ergreifen kann. Aber das ist kein Brauch der Altaii. Fest ergriff er meine linke Hand.

„Es ist lange her, Harald.“ Ich konnte mein Lächeln nicht länger unterdrücken. „Es ist lange her, und ich freue mich, dich wiederzusehen.“

„Es ist gut, auch dich wiederzusehen, Wulfgar. Im vergangenen Jahr gab es einige Augenblicke, in denen ich glaubte, das würde nie wieder geschehen.“

Harald, der Sohn von Bohemund, dem König und Kriegsherrn der Nation der Altaii, stand mir so nahe, wie es einem Mann nur möglich war oder jemals sein würde. Wenn mir kein Blutsbruder mehr bleibt, wenn sie alle dem Stahl oder der Steppe zum Opfer gefallen sind, würde dieser Mann noch immer mein Bruder sein.

Als mein Vater bei dem großen Sieg über Kaiser Basrath bei den Hügeln von Tybal fiel, war es Bohemund, der mich in seinen Haushalt aufnahm. Man zog mich als seinen Sohn auf, als Haralds Bruder. Wir bewahrten mehr von dieser Nähe als so manche Brüder vom selben Blut.

„Mayra hat gesehen, dass du diesen Weg nach Lanta nimmst“, sagte ich. „Habt ihr gute Beute gemacht?“

„In den vergangenen vier Zehntagen haben nicht weniger als drei große Karawanen meinen Weg gekreuzt.“ Er schüttelte den Kopf. „Wie gewöhnlich verfluchen die Karawanenmeister dafür das Schicksal. Wenn sie schon die Steppe durchqueren, sollten sie eigentlich damit rechnen, dass einige von ihnen uns zum Opfer fallen. Sie sollten es als Steuer betrachten. Und wie ist es dir ergangen?“

Mein Lächeln verblasste, ich holte tief Luft. „Ich habe in den letzten sechs Zehntagen eine Karawane gesehen, und in den sieben davor eine weitere. In dieser Zeitspanne haben Fanghörner neunmal die Herden angegriffen. Zweimal fand ich ausgetrocknete und zerstörte Wasserlöcher, und erst vor vier Tagen hatten dreißig meiner Lanzen einen Zusammenstoß mit Läufern. Soweit wir feststellen konnten, haben meine Männer mehr als hundert von ihnen niedergemacht, aber da wir nichts weiter als Knochen fanden, ist es uns schwergefallen, da sicher zu sein.“

„Schlimme Worte, Wulfgar. Schlimme Worte.“

Er zögerte, bevor er erneut sprach, aber da war dann keine Belustigung mehr zu hören. „Alle Karawanen waren klein, und nur eine hatte Sklaven dabei. Ausgerechnet die kleinste. Eine beförderte Tuch, Töpfe und Erdwaren. Die dritte war auf dem Rückweg zu der Weinkellerei in Thisk und transportierte leere Fässer. Es war ein so verhungerter Haufen von Strohmännern, dass ich sie laufen ließ. Hätte ich sie behalten, wäre ich sie nie losgeworden. Niemand mit einem Funken Verstand hätte diesen Haufen auch nur als Geschenk angenommen.“

„Und die Fanghörner? Die Läufer?“

„Keine Läufer, und Fanghörner gibt es immer.“

„Dieses Jahr sind es mehr. Mehr als je zuvor.“

„Na schön, es gibt mehr von ihnen. Die Steppe war niemals einfach. Man lebt nicht in der Steppe, man führt Krieg gegen sie.“

„Komm mir nicht mit Sprichwörtern, Harald. Ich weiß, dass man gegen die Steppe Krieg führen muss. Aber ich hätte nie gedacht, dass sie mal gewinnt.“

Das Unbehagen war ihm anzusehen. Zweifellos dachte er an ein anderes Sprichwort, bei dem es ums Ausharren ging. Plötzlich runzelte er die Stirn.

„Du hast von zerstörten Wasserlöchern gesprochen. Ich selbst habe drei entdeckt.“ Er fummelte unter seiner Tunika herum. „Und bei einem habe ich das hier im getrockneten Schlamm gefunden.“

Er gab mir ein Halstuch, ein kleines, primitives gewebtes Halstuch mit einem schlichten Dreiecksmuster, das sich ständig wiederholte.

„Morassa“, stieß ich hervor. „Niemand würde sich mit einem so armseligen Stück Stoff abgeben, also ist das keine Handelsware. Morassa waren am Wasserloch, als es zerstört wurde?“

„Es kann nicht anders sein. Das Tuch lag im getrockneten Schlamm, und in diesem Teil der Steppe trocknet der Schlamm sehr schnell.“

„Morassa“, flüsterte ich. Sie waren Leichenfledderer, die sich an den Überresten der Beutezüge anderer Männer bedienten. Falls sie jemals selbst einen Überfall durchführten, dann nur bei jemandem, bei dem sie sich sicher sein konnten, dass er schwächer war. Trotzdem konnte ich es selbst mit dem Beweis in meinen Händen kaum glauben.

In der Steppe ist Wasser Leben. Ein Wasserloch bedeutet Leben. Das Fehlen von Wasser ist der Tod. So einfach ist das. Aus dieser Tatsache erwuchs Respekt. Ein Mann, der ein Wasserloch vernichtete oder vergiftete, wurde auf der Stelle getötet. Und es machte keinen Unterschied, wenn sein Motiv darin bestand, einem Feind das Wasser vorzuenthalten. Es würde der Tag kommen, und zwar mit absoluter Sicherheit, an dem sein eigenes Volk das Wasser brauchte. Nicht einmal die Morassa würden Wasser vernichten.

„Hast du eine Schwester der Weisheit gebeten, sich das Wasserloch anzusehen?“

Er nickte. „Sie hat nichts entdeckt. Das Loch war eine Weile lang mit einem Zauber belegt. Davor war es in Ordnung. Danach war es zerstört. Dazwischen war die Sicht vernebelt. Beim nächsten zerstörten Wasserloch bat ich sie erneut, und wieder fand sie den Nebel.“

„Also ist jemand dabei … was tut er? Das gesamte Wasser in der Steppe vernichten? Warum?“

Der Wind nahm an Schärfe zu, und Harald zog den Umhang enger um den Körper. „Ich weiß es nicht, Wulfgar, und ich werde auch nicht hier stehen bleiben und darüber nachdenken, bis ich erfriere.“

„Nun gut. Auf nach Lanta. Zur Perle der Steppe. Wir lassen sie wissen, dass wir in Frieden kommen, und vielleicht bringen ein paar von ihnen genug Mut zusammen, um rauszukommen und etwas zu kaufen. Gibt es bei deiner Beute Güter, die sie wiedererkennen könnten? Irgendwelche Freunde, die sie auf dem Auktionsblock entdecken könnten?“

„Hat sie das jemals zuvor gehindert?“

„Nein, hat es nicht. Lass uns reiten.“ Ich trieb mein Pferd an, und Harald galoppierte los, um mich einzuholen. Unsere Lanzenreiter folgten uns.

Auch wenn ich die Wasserlöcher nicht mehr erwähnte, dachte ich dennoch weiter darüber nach. Die Zerstörung von Wasser ließ an Verrückte denken, aber kein Verrückter konnte sich den Preis leisten, den eine Schwester der Weisheit für so viele Verschleierungen verlangen würde. Jemand mit Reichtum vernichtete das Wasser, aber wer? Und warum? Die Fragen gingen mir nicht mehr aus dem Kopf, aber es wollten mir keine Antworten einfallen. Nicht einmal ansatzweise. Und dann war keine Zeit mehr für vage Fragen. Wir erklommen einen Hügel, und da war Lanta.

Lanta die Unbesiegbare, die Perle der Steppe. Sie nannten sich auch die Sieger über Basrath, aber in Wahrheit hatte er sein Heer weggeführt, als er erkannte, dass die Stadt seiner Belagerung standhalten würde. Lanta hatte ihn nie besiegt, sich ihm nicht einmal im offenen Kampf gestellt. Er war das endlose Warten einfach leid geworden.

Was das anging, hatten die Bürger Grund, stolz zu sein. Von den Städten, die ich kenne, kam ihm nur Caselle gleich, was die Größe anging. Angeblich gibt es im Land der Liau drei oder vier Städte, die genauso groß oder größer sind, aber die habe ich nicht gesehen. Vielleicht ist es einfach nur das Gerede von Reisenden.

Die Mauern waren ein Wunderwerk, und Männer mit Interesse an solchen Dingen nahmen weite Reisen auf sich, um sie sich anzusehen. Die Außenmauer hatte die zehnfache Größe eines Mannes. Oben gab es einen Wehrgang für die Soldaten. Die Innenmauer war noch höher, möglicherweise doppelt so hoch, und auch sie verfügte über einen Wehrgang. Die Männer, die weit gereist waren, um sich dieses Bollwerk anzusehen, behaupteten, es sei ein gewaltiges Bauwerk, dessen Länge und Größe es zu einem Wunder machte. Für mich war es nur von Interesse, weil man es nie bezwungen hatte. Das war niemandem gelungen, nicht einmal Basrath.

Wir ritten zum Barbarentor, ohne einen Angriff zu fürchten. Dieses Tor wird so genannt, weil es das einzige der Zwölf Tore ist, das direkten Zugang zur Steppe bietet. Karawanen, die es benutzen, gehen das größte Risiko ein, auf die Lanzenreiter der Altaii zu stoßen. Oder die der Eikonan oder sogar der Morassa. Dennoch brachen sie auf. Denn jede Karawane, die es bis zu den Bergen schaffte, um dort um Edelsteine und Edelmetalle, Pelze, Parfüm und die seltsamen Gegenstände aus den Ländern jenseits der Berge zu feilschen, machte alle Verluste durch die Steppenvölker durchaus wett. Außerdem kauften Händler uns oftmals die Waren ihrer Rivalen ab. Und manchmal die Rivalen gleich mit.

Am Tor löste sich ein Offizier der Stadtwache aus der Gruppe und trat uns entgegen, und wir wurden langsamer, bis er uns durchwinken würde. Das tat er aber nicht. Nervös blickte er von Harald zu mir und dann wieder zurück, zupfte an seinem Bart herum. Als wir die Pferde zügelten, hob er den Kopf.

„Wer seid ihr? Was wollt ihr hier?“

Einige meiner Männer lachten. Sie glaubten, er würde einen Scherz machen oder hätte eine Beleidigung im Sinn. Ich dachte an den Wind und an Loewin, der uns am Himmel passierte, und war mir da nicht so sicher. Davon abgesehen war vor drei Tagen ein Gromit mit zwei Zehen in meinem Zelt gewesen. Langsam brach die Dunkelheit herein, aber war das nur ein weiteres Omen oder sollte an diesem Ort alles enden?

Plötzlich wurde mir bewusst, dass alle schwiegen und darauf warteten, dass ich eine Antwort gab. Auf Haralds Gesicht lag ein erwartungsvolles Lächeln. Ich beugte mich nach unten und setzte meinerseits ein Lächeln auf, das vermutlich grimmiger als beabsichtigt war.

„Hast du keine Augen im Kopf? Es ist doch wohl offensichtlich, dass ich ein Kaufmann aus Devia bin, und das da ist eine Truppe cerduanischer Tanzmädchen.“

Die Lanzen lachten und hieben sich auf die Schenkel. Selbst ein paar Lantaner unterdrückten ihr Lächeln. Der Offizier lächelte nicht.

„Ich muss wissen, was ihr hier wollt. Bis dahin werdet ihr die Stadt nicht betreten.“

Endlich wurde Harald bewusst, dass das nicht das übliche Geplänkel am Tor war.

„Was sollen diese Fragen?“, knurrte er. „Hast du Angst, dass vierzig Lanzen der Altaii deine Stadt erobern?“

Der Offizier schluckte schwer und wurde blass. Er stolperte zurück und hob die Hand. Plötzlich standen wir einem Dutzend Armbrüsten gegenüber; ihre Träger versperrten in einer Reihe das Tor. Hinter mir lockerten Männer Schwerter in ihren Scheiden und machten Lanzen los.

Ich musterte die Soldaten vor mir, und mir wurde klar, dass das nicht geplant war. Sie waren genauso unsicher und nervös wie ihr Offizier. Hätten sie uns töten wollen, hätten sie dementsprechende Befehle und es wären mehr von ihnen aufmarschiert. Selbst wenn jeder Armbrustschütze sein Ziel treffen würde, standen hier doppelt so viele Lanzenreiter, die sie niedermachen und dann wegreiten würden.

„Es reicht“, sagte ich. „Schon seit Jahrhunderten ist es der Brauch unseres Volkes, den Zwillingsthron zu besuchen, wenn wir an eurer Stadt vorbeikommen. Um die Bürger wissen zu lassen, dass wir zum Handeln und nicht zum Kämpfen gekommen sind. Das weißt du genauso gut wie ich. Du hast jetzt zwei Möglichkeiten. Du kannst deinen Männern den Befehl zum Schießen geben. Ihr werdet nicht alle von uns töten. Einige werden überleben und zurück zu unseren Zelten reiten, um dort zu verkünden, was hier geschehen ist. Dann werden mein Geist“, ich befreite die Lanze aus ihrer Halterung im Sattelschuh, „und dein Geist zusehen können, wie viele Lanzenreiter der Altaii nötig sind, um die Mauern von Lanta niederzureißen. Andernfalls solltest du aus dem Weg gehen. Wir reiten jetzt in die Stadt.“ Mit den Knien trieb ich mein Pferd an.

Er zögerte kurz, dann gab er nach. „Macht Platz“, rief er. Dann vergaß er seine Würde, als er uns auf sich zureiten sah, eilte aus dem Weg und fiel bäuchlings in den Dreck.

Die Armbrustschützen wichen verwirrt an den Straßenrand. Wir beschleunigten zum Trab und ritten in einer Staubwolke an ihnen vorbei.

Sobald wir sie hinter uns gelassen hatten, hob ich die Faust. Wir verfielen wieder in Schritt. Die Schützen machten keinerlei Anstalten, uns aufzuhalten. Sie blickten uns hinterher, während sich der von unseren Pferden aufgewühlte Staub wieder senkte.

Die Distanz von der Außenmauer zur Innenmauer betrug vielleicht zweihundertfünfzig Schritte. Die Strecke zwischen den Wehrgängen war eine Ansammlung aus Hütten, Tavernen und Diebesmärkten, die man Unterstadt nannte. Es war immer ein lärmender Ort, erfüllt von trunkener Fröhlichkeit und den Rufen der Händler. Ein Mann konnte sieben unmoralische Angebote erhalten und dreimal den Geldbeutel an Diebe verlieren, bevor er dort fünf Minuten gegangen war. Jetzt ritten wir durch ein leeres, stummes Viertel zum Innentor. Die Bewohner hatten den Ärger vor der Stadt gespürt und waren dem Instinkt gefolgt, den Leute, die an solchen Orten hausten, nun einmal hatten. Sie waren verschwunden. Sobald wir weg waren, würden sie wieder zum Vorschein kommen.

Am Innentor schienen Dutzende der Händler aus der Unterstadt hin- und hergerissen zwischen dem Drang zur Flucht und der Rettung ihrer Waren zu sein. Die hatten sie für die Bürger der Stadt ausgebreitet, die sich bis zum Tor wagen, aber keinen Fuß ins Armenviertel setzen würden. Die dort postierten Wächter warfen uns misstrauische Blicke zu, als wir sie passierten. Sie spähten zum Außentor, aber da kein Signal oder Alarmzeichen zu entdecken war, beschränkten sie sich darauf, an ihren Waffen herumzufummeln und uns finstere Blicke zuzuwerfen.

Harald stieß die Luft aus, und mir wurde bewusst, dass ich sie ebenfalls angehalten hatte.

„Wir sind drin, Wulfgar, aber ich sage dir, das gefällt mir alles nicht. Nicht im Mindesten. Ich hatte schon früher Auseinandersetzungen mit der Stadtwache vor dem Tor, es fielen hitzige Worte und Flüche. Aber so etwas habe ich noch nie erlebt.“

„Wir sollten besser hoffen, dass der Weg hinaus nicht schwieriger wird als der Weg hinein.“

Er sah mich an, als wäre ihm diese Möglichkeit noch gar nicht in den Sinn gekommen. „Hältst du das denn für möglich?“

„Loewin ist tagsüber am Himmel zu sehen. Der Wind kommt dieses Jahr früh. Und ich habe vor drei Tagen einen zweizehigen Gromit gesehen.“

„Du bist heute ja ein Mann voller guter Botschaften. Hast du Blut im Wein gesehen? Hat sich ein Dril in dein Zelt verirrt?“

„Das weiß ich nicht“, sagte ich ruhig. „Ich sehe bei meiner Rückkehr nach.“

„Wenigstens bist du bereit, über die Rückkehr zu sprechen. Bei dieser Fülle der Vorzeichen glaubte ich bereits, wir sollten uns einfach die Adern aufschlitzen und es hinter uns bringen.“

„Noch nicht.“ Ich wandte mich an die Lanzen. „Orne. Bartu.“

Die beiden Männer ritten an meine Seite. Keiner von ihnen sah wie ein Altaii aus, obwohl beide in den Zelten geboren worden waren. Bartu war klein und hatte O-Beine, seine Augen waren dunkel. Orne war sogar noch größer als Harald, und sein Haar war so rot wie das eines Freibeuters.

„Sagt den anderen Bescheid. Seid für plötzlichen Ärger bereit, der über das Übliche hinausgeht, aber lasst euch nicht in Kämpfe verwickeln. Es sei denn, ihr werdet angegriffen. Habt ihr das verstanden?“

„Verstanden, Wulfgar“, sagte Orne. Bartu sah enttäuscht aus. „Und haltet euch von den Frauen fern.“

Bartu murrte. Es war schwer zu sagen, was er mehr liebte: Frauen oder Kämpfe. Von einem davon abgehalten zu werden, war eine Härte für ihn.

Orne nickte, und die beiden verringerten das Tempo, um sich wieder zu den Lanzen zu gesellen.

„Erwartest du wirklich Ärger?“, fragte Harald.

Tatsächlich war das hier nicht der Ort, an dem man für gewöhnlich mit einem Angriff rechnete. Die Straßen waren dicht bevölkert. Auf dem Marktplatz vor der Mar’yan-Arena waren Kaufleute fleißig damit beschäftigt, Geschäfte im Wert von Tausenden goldener Kaiserkronen abzuschließen, während daneben Bettler Süßigkeiten für eine Kupfermünze verkauften.

Ein paar der Leute warfen uns nervöse Blicke zu; vielleicht würden sie bald mit einer Karawane abreisen, die die Steppe durchqueren wollte. Aber die meisten ignorierten uns. In dieser Stadt konnten ein paar Reiter aus der Steppe kein Aufsehen erregen. Sie konnten nicht mit den Reisenden aus fernen Ländern mithalten, die die Straßen bevölkerten. Tatsächlich schien die Hälfte der Leute, die ich sah, von weit entfernten Orten zu kommen.

Ein Edelsteinhändler in den purpurnen und roten Farben von Tyria drängte sich gefolgt von seiner Begleitung an einer Gruppe aus Hyksos im Süden vorbei. Kaufleute aus Tallis und Asyat stritten sich lautstark über Ballen aus Schneekrabblerfellen. Zwei Seeleute aus Telmark oder Varangia feilschten um den Preis für Fisch. Ein verhüllter Krieger der Tafawri saß vor einer Taverne und schlürfte Tee; er wollte nicht bei den Ungläubigen sitzen und ignorierte die Menge.

Nein, hier erregten ein paar Männer aus der Steppe keine Aufmerksamkeit. Oder hätten es zumindest nicht tun sollen. Warum hatte ich dann das Gefühl, dass man uns beobachtete, so wie ich die Spielsteine beim Kriegsspiel beobachtete?

Und dann kamen wir zu dem gewaltigen Platz in der Mitte der Stadt. Auf der gewaltigen Fläche aus poliertem Stein drängten sich keine Menschenmengen, es gab keine Händler und auch keinen Lärm. Hier gab es nichts außer dem großen, leeren Platz und dem Palast, zu dem wir wollten. Der Palast des Zwillingsthrons, der Palast der Königinnen von Lanta.

 

Robert Jordan

Über Robert Jordan

Biografie

Robert Jordan, geboren 1948 in South Carolina, begeisterte sich schon in seiner Jugend für fantastische Literatur von Jules Verne und H.G. Wells. Als ihm der Lesestoff ausging, begann er selbst zu schreiben. 1990 erschien der Auftakt zu seinem Zyklus „Das Rad der Zeit“, einem einzigartigen epischen...

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