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Das Rad der Zeit 0 (Das Rad der Zeit 0)Das Rad der Zeit 0. Das Original (Das Rad der Zeit 0)

Das Rad der Zeit 0 (Das Rad der Zeit 0)

Robert Jordan
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Der Ruf des Frühlings. Die Vorgeschichte

Paperback
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Das Rad der Zeit 0 (Das Rad der Zeit 0) — Inhalt

Die Vorgeschichte zum High-Fantasy-Klassiker „Das Rad der Zeit“

Robert Jordans „Rad der Zeit“ ist eines der größten Fantasyepen, die je geschrieben wurden – und in „Der Ruf des Frühlings“ erfahren wir endlich die Vorgeschichte. Hier werden die Ereignisse erzählt, die sich zwanzig Jahre vor dem ersten „Rad der Zeit“-Band ereigneten. Der Leser wird mitgenommen in eine spannende Zeit, in der die Prophezeiung um den Wiedergeborenen Drachen zum ersten Mal auftaucht. Die junge Moiraine Damodred erfährt durch Zufall davon und macht es sich zur Aufgabe, den Wiedergeborenen Drachen zu finden. Doch auch die Schwarze Ajah, die grausame Schergin des Dunklen Königs, ist ihm auf den Fersen … Eine mitreißende Geschichte für alle Fans von „Das Rad der Zeit“!

€ 20,00 [D], € 20,60 [A]
Erschienen am 29.07.2021
Übersetzt von: Andreas Decker
352 Seiten, Klappenbroschur
EAN 978-3-492-70725-1
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€ 9,99 [D], € 9,99 [A]
Erschienen am 12.11.2013
Übersetzt von: Andreas Decker
352 Seiten, WMePub
EAN 978-3-492-95931-5
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Leseprobe zu „Das Rad der Zeit 0 (Das Rad der Zeit 0)“

KAPITEL 1
Der Haken


Ein kalter Wind wehte über die schneebedeckte Landschaft hinweg, in der in den vergangenen drei Tagen Männer einander getötet hatten. Die Luft war frostig, wenn auch nicht so eisig, wie Lan für die Jahreszeit erwartet hatte. Es war kalt genug, dass sein Harnisch die Kälte durch den Mantel trug und sich sein Atem in Nebel verwandelte, solange ihn der Wind nicht fortriss. Die Dunkelheit des Himmels war gerade im Begriff, sich aufzulösen, die tausend Sterne, eine dichte Schicht aus Diamantenstaub, verblassten allmählich. Die Mondsichel [...]

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KAPITEL 1
Der Haken


Ein kalter Wind wehte über die schneebedeckte Landschaft hinweg, in der in den vergangenen drei Tagen Männer einander getötet hatten. Die Luft war frostig, wenn auch nicht so eisig, wie Lan für die Jahreszeit erwartet hatte. Es war kalt genug, dass sein Harnisch die Kälte durch den Mantel trug und sich sein Atem in Nebel verwandelte, solange ihn der Wind nicht fortriss. Die Dunkelheit des Himmels war gerade im Begriff, sich aufzulösen, die tausend Sterne, eine dichte Schicht aus Diamantenstaub, verblassten allmählich. Die Mondsichel hing niedrig am Himmel und verbreitete kaum genug Helligkeit, um die Silhouetten der Männer erkennen zu können, die das Lager, in dem keine Feuer brannten, in dem weitläufigen Wäldchen aus Eichen und Zwerglorbeer bewachten. Feuer hätten die Aiel auf sie aufmerksam gemacht. Er hatte schon lange vor diesem Krieg gegen die Aiel gekämpft, im Marschland von Shienar, weil er bei Freunden in der Pflicht gestanden hatte. Aiel-Männer waren schon schlimm genug bei Tageslicht. Wenn man ihnen in der Nacht gegenübertrat, konnte man genauso gut sein Leben von einem Münzwurf abhängig machen, da bestand kein großer Unterschied.
Er legte die Hand in dem Panzerhandschuh auf den Griff des Schwerts in seiner Scheide, zog den Umhang enger und fuhr damit fort, durch den wadentiefen Schnee zu stapfen und die Wachtposten zu kontrollieren. Es war ein uraltes Schwert, mit der Einen Macht geschmiedet, während des Krieges mit dem Schatten vor der Zerstörung der Welt, als der Dunkle König eine Zeit lang die Welt berührt hatte. Von diesem Zeitalter waren nur Legenden übrig, sah man vielleicht einmal davon ab, was die Aes Sedai wussten, aber die Klinge war eine harte Tatsache. Sie war unzerbrechlich und musste nie geschärft werden. Der Griff war im Verlauf vieler Jahrhunderte zahllose Male ersetzt worden, aber die Klinge konnte nicht einmal anlaufen. Einst war es das Schwert der malkierischen Könige gewesen.
Die nächste Wache, zu der er kam, war ein kleiner, stämmiger Bursche mit einem langen, dunklen Umhang, der mit nach vorn gesunkenem Kopf an einer knorrigen Eiche lehnte. Lan berührte den Mann an der Schulter, und er schreckte hoch und ließ dabei um ein Haar den Reiterbogen aus Horn fallen, den er in den behandschuhten Händen hielt. Die Kapuze seines Umhangs rutschte zurück und enthüllte kurz den konischen Stahlhelm, bevor er die Kapuze wieder hastig nach vorn schob. Im schwachen Mondlicht konnte Lan das Gesicht des Mannes hinter den waagrechten Visierstangen nicht erkennen, aber er kannte ihn. Lan trug einen offenen Helm im Stil des untergegangenen Malkier, der über der Stirn einen stählernen Sichelmond aufwies.
„Ich habe nicht geschlafen, mein Lord“, sagte der Bursche hastig. „Nur einen Moment geruht.“ Er war ein Domani mit kupferfarbener Haut; er klang verlegen, und das mit gutem Grund. Das war nicht seine erste Schlacht, nicht mal sein erster Krieg.
„Ein Aiel hätte dich geweckt, indem er dir den Hals aufgeschlitzt oder einen Speer ins Herz gerammt hätte, Basram“, sagte Lan ganz ruhig. Männer hörten ruhig vorgetragenen Worten besser zu als dem lautesten Gebrüll, solange die Ruhe von Überzeugung und Festigkeit begleitet wurde. „Vielleicht wäre es besser, nicht die Versuchung eines Baumes in der Nähe zu haben.“ Er sparte sich die Bemerkung, dass er, sofern ihn die Aiel nicht töteten, Erfrierungen riskierte, wenn er zu lange an einer Stelle stehen blieb. Basram wusste das selbst. Die Winter in Arad Doman waren fast so kalt wie in den Grenzländern.
Der Domani murmelte eine Entschuldigung, berührte respektvoll den Helm und entfernte sich drei Schritte vom Baum. Er hielt sich jetzt aufrecht und spähte in die Dunkelheit. Er bewegte auch die Füße, um sich gegen schwarze, faulige Zehen zu schützen. Gerüchten zufolge gab es in der Nähe des Flusses Aes Sedai, die Heilen konnten, Verletzungen und Krankheiten verschwinden ließen, als hätte sie es nie gegeben, aber für gewöhnlich waren Amputationen der einzige Weg, wenn man verhindern wollte, dass ein Mann seinen Fuß wegen Brand verlor und möglicherweise sogar sein Bein. Aber wie auch immer, es war besser, sich nicht mehr als unbedingt notwendig mit Aes Sedai einzulassen. Jahre später musste man vielleicht die Entdeckung machen, dass eine von ihnen einem Fessel angelegt hatte, nur für den Fall, dass sie einen brauchte. Aes Sedai planten weit voraus und schienen sich selten darum zu kümmern, wen sie bei ihren Intrigen benutzten oder wie. Das war ein Grund, warum Lan ihnen aus dem Weg ging.
Wie lange würde Basrams neue Wachsamkeit andauern? Lan wünschte sich, die Antwort darauf zu kennen, aber es war sinnlos, den Domani noch länger zur Rede zu stellen. Sämtliche Männer seines Kommandos waren hundemüde. Vermutlich war jeder Mann des Heers der so großartig benannten Großen Koalition – manchmal bezeichnete man sie als die Große Koalition, dann wieder als die Große Allianz oder auch mit einem halben Dutzend anderer Begriffe, von denen einige alles andere als schmeichelhaft waren –, vermutlich war jeder von ihnen der völligen Erschöpfung nahe. Eine Schlacht war schweißtreibende Arbeit, ob nun Schnee lag oder nicht, und ermüdend. Muskeln konnten sich auch dann vor Anspannung verknoten, wenn man ihnen Gelegenheit bot, sich eine Zeit lang auszuruhen, und die letzten paar Tage hatten nur wenig Möglichkeiten geboten, eine längere Pause einzulegen.
Das Lager beherbergte über dreihundert Männer, von denen zu jeder Zeit ein volles Viertel Wache hielt. Gegen die Aiel wollte Lan so viele wachsame Augen haben, wie es ihm nur möglich war. Zweihundert Schritte weiter, und er hatte noch drei Männer wecken müssen; einer hatte sogar im Stehen geschlafen. Jaims Kopf war hoch erhoben, er hatte sogar die Augen geöffnet. Das war ein Trick, den manche Soldaten lernten, insbesondere alte Soldaten wie Jaim. Lan schnitt die Proteste des graubärtigen Mannes ab, er habe gar nicht schlafen können, nicht im Stehen, und versprach ihm, es seinen Freunden zu erzählen, wenn er ihn noch einmal schlafend erwischte.
Einen Augenblick lang sah Jaim ihn mit offen stehendem Mund an, dann schluckte er schwer. „Es wird nicht wieder vorkommen, mein Lord. Das Licht soll meine Seele verbrennen, wenn es noch einmal passiert!“ Er klang ehrlich bis auf die Knochen. Es gab Männer, die Angst gehabt hätten, dass ihre Freunde sie besinnungslos prügeln würden, weil sie den Rest in Gefahr gebracht hatten, aber bei den Leuten, mit denen Jaim sich umgab, fürchtete er eher die Demütigung, erwischt worden zu sein.
Als Lan weiterging, musste er unwillkürlich kichern. Er lachte nur selten, und es war albern, darüber zu lachen, aber es war besser zu lachen, als sich über Dinge zu sorgen, die er nicht ändern konnte, so wie erschöpfte Männer, die auf Wache dösten. Oder sich um den Tod zu sorgen. Was man nicht ändern konnte, musste man ertragen.
Plötzlich blieb er stehen und hob die Stimme. „Bukama, was schleichst du denn da herum? Du bist mir gefolgt, seit ich aufgewacht bin.“ Hinter ihm ertönte ein Grunzen. Zweifellos hatte Bukama geglaubt, sich lautlos zu bewegen, und tatsächlich hätten nur sehr wenige Männer das leise Knirschen seiner Stiefel im Schnee wahrgenommen, aber er hätte wissen müssen, dass es Lan nicht verborgen bleiben würde. Schließlich war er einer von Lans Lehrern gewesen, und eine der ersten Lektionen hatte darin bestanden, sich ständig seiner Umgebung bewusst zu sein, selbst im Schlaf. Keine leichte Lektion für einen Jungen, aber nur die Toten konnten sich Unachtsamkeit leisten. In der Ödnis jenseits der Grenzländer wurden die Unachtsamen bald zu den Toten.
„Ich habe deinen Rücken beschützt“, verkündete Bukama mürrisch und trat an seine Seite. „Bei der Sorgfalt, die du walten lässt, könnte sich einer dieser schwarz verschleierten Aiel-Schattenfreunde anschleichen und dir die Kehle durchschneiden. Hast du alles vergessen, was ich dir beigebracht habe?“ Bukama war breit und fast so groß wie Lan, größer als die meisten Männer, und er trug einen Malkier-Helm ohne Kamm, obwohl er dazu das Recht hatte. Er sorgte sich mehr um seine Pflichten als um seine Rechte, was sich auch so gehörte, aber Lan wünschte sich, er würde seine Rechte nicht so verschmähen.
Als die Nation Malkier unterging, hatte man zwanzig Männern die Aufgabe übertragen, den Säugling Lan Mandragoran in Sicherheit zu bringen. Nur fünf von ihnen hatten die Reise überlebt, Lan von Kindesbeinen an großgezogen und ausgebildet, und Bukama war der letzte Überlebende. Sein Haar war jetzt grau und auf Schulterlänge geschnitten, wie es die Tradition befahl, aber sein Rücken war ungebeugt, seine Arme stark und seine blauen Augen klar und scharf. Bukama war tief in Traditionen verwurzelt. Eine dünne geknotete Lederschnur hielt sein Haar zurück und ruhte in der Furche, die sie im Laufe der Jahre in seine Stirn hineingegraben hatte. Nur noch wenige Männer trugen den Hadori. Lan tat es. Er würde ihn tragen, wenn er starb, und er würde ihn tragen, wenn man ihn in die Erde bettete, ihn und nichts anderes. Falls es jemanden gab, der ihn begrub, wenn er starb. Er blickte nach Norden, in die Richtung der fernen Heimat. Die meisten Leute würden es für einen seltsamen Ort halten, um ihn als Heimat zu bezeichnen, aber er hatte seine Lockung gespürt, seit er in den Süden gekommen war.
„Ich erinnere mich an genug, um dich zu hören“, erwiderte er. Es war zu dunkel, um Bukamas faltiges Gesicht erkennen zu können, aber er wusste auch so, dass er finster dreinblickte. Er konnte sich nicht erinnern, seinen Freund und Lehrer jemals anders gesehen zu haben, selbst wenn er ein Lob aussprach. Stahl war sein Wille, Pflicht seine Seele. „Glaubst du noch immer, dass die Aiel dem Dunklen König verschworen sind?“
Der Malkieri machte eine Geste, um das Böse abzuwehren, als hätte Lan den wahren Namen des Dunklen Königs ausgesprochen. Shai’tan. Sie hatten beide das Unglück gesehen, das folgte, wenn man den Namen laut aussprach, und Bukama gehörte zu jenen, die der Ansicht waren, dass allein schon der Gedanke an ihn die Aufmerksamkeit des Dunklen Königs erregte. Der Dunkle König und die Verlorenen sind in Shayol Ghul gebunden, rezitierte Lan den Katechismus in Gedanken, gebunden vom Schöpfer im Augenblick der Schöpfung. Mögen wir im Licht sichere Zuflucht finden, in des Schöpfers Hand. Er glaubte nicht, dass es schon reichte, wenn man an den Namen dachte, aber wenn es um den Schatten ging, war es besser, auf alles gefasst zu sein.
„Wenn sie es nicht sind, warum sind wir dann hier?“, fragte Bukama säuerlich. Und überraschenderweise. Er nörgelte gern, aber stets über nichtige Dinge oder das, was die Zukunft bringen würde. Nie über die Gegenwart.
„Ich habe mein Wort gegeben, bis zum Ende zu bleiben“, erwiderte Lan leise.
Bukama kratzte sich an der Nase. Vielleicht hätte man sein Grunzen als peinlich berührt bezeichnen können. Es war schwer zu sagen. Eine seiner Lektionen hatte besagt, dass das Wort eines Mannes so gut wie ein unter dem Licht geschworener Eid sein musste, oder es taugte nichts.
Die Aiel waren in der Tat wie eine Horde Schattenfreunde erschienen, als sie plötzlich über die gewaltige Bergkette strömten, die man das Rückgrat der Welt nannte. Sie hatten die große Stadt Cairhien niedergebrannt, die Nation Cairhien geplündert und sich in den seitdem vergangenen zwei Jahren durch Tear und Andor gekämpft, bevor sie schließlich zu diesem Schlachtfeld gekommen waren – vor der riesigen Stadtinsel von Tar Valon. In den vielen Jahren, seit die heutigen Nationen aus Artur Falkenflügels Imperium entstanden waren, hatten die Aiel die Wüste niemals verlassen. Möglicherweise waren sie schon davor als Invasoren gekommen; da konnte niemand sicher sein, außer vielleicht die Aes Sedai in Tar Valon, aber wie so oft verloren die Frauen der Weißen Burg darüber kein Wort. Was die Aes Sedai wussten, das behielten sie für sich, und falls sie sich doch anders entschieden, gaben sie nur Bruchstücke und Andeutungen preis. Doch in der Welt außerhalb von Tar Valon hatten viele Männer behauptet, ein Muster erkennen zu können. Zwischen der Zerstörung der Welt und den Trolloc-Kriegen hatten tausend Jahre gelegen, das behaupteten zumindest die meisten Geschichtskundigen. Diese Kriege hatten die damals bestehenden Nationen zerstört, und keiner bezweifelte, dass die Hand des Dunklen Königs dahintergesteckt hatte, ob er nun eingekerkert war oder nicht, so sicher, wie er hinter dem Krieg des Schattens gesteckt hatte – und der Zerstörung der Welt und dem Ende des Zeitalters der Legenden. Nach den Trolloc-Kriegen vergingen tausend Jahre, bis Falkenflügel ein Reich errichtete, und auch das war nach seinem Tod im Hundertjährigen Krieg zerstört worden. Manche Gelehrte behaupteten, auch hierin die Hand des Dunklen Königs erkennen zu können. Und jetzt, fast tausend Jahre nach dem Untergang von Falkenflügels Reich, kamen die Aiel und mordeten und brandschatzten. Es musste ein Muster sein. Sicherlich musste der Dunkle König sie gelenkt haben. Lan wäre nie nach Süden gereist, hätte er das nicht geglaubt. Er tat es nicht länger. Aber er hatte sein Wort gegeben.
Er wackelte mit den Zehen in den Stiefeln. Ob es nun so kalt war, wie er gewohnt war, oder nicht, wenn man im Schnee zu lange an einer Stelle stehen blieb, grub sich die Eiseskälte in die Füße. „Lass uns weitergehen“, sagte er. „Ich habe keinerlei Zweifel, dass ich noch ein Dutzend Männer wecken muss. Oder auch zwei.“ Und eine weitere Runde machen musste, um andere zu wecken.
Doch bevor sie einen Schritt machen konnten, ließ sie ein Laut alarmiert verharren; ein Pferd, das durch den Schnee stapfte. Lans Hand griff zum Schwert und lockerte die Klinge beinahe schon unbewusst in ihrer Scheide. Das kaum hörbare Schaben von Stahl auf Leder kam von Bukama, der das Gleiche tat. Keiner von ihnen fürchtete einen Angriff; Aiel ritten nur, wenn es sich nicht vermeiden ließ, und selbst dann nur zögerlich. Aber ein einsamer Reiter zu dieser Stunde musste ein Bote sein, und in diesen Tagen brachten Boten nur selten gute Nachrichten. Vor allem nicht nachts.
Pferd und Reiter schälten sich aus der Dunkelheit und folgten einem schlanken Mann zu Fuß, dem Reiterbogen in seiner Hand nach zu urteilen eine der Wachen. Das Pferd hatte den geschwungenen Hals aus guter tairenischer Züchtung, und der Reiter kam offensichtlich ebenfalls aus Tear. Zum einen trug der Wind ihm Rosenduft voraus, der von dem Öl in seinem Spitzbart ausging, und nur Tairener waren dumm genug, Parfüm zu verwenden, als hätten die Aiel keine Nasen. Außerdem trug niemand sonst Helme mit einem hohen Kamm und einem Rand, der das schmale Gesicht des Mannes in Schatten tauchte. Eine einzelne weiße Feder auf dem Helm zeichnete ihn als Offizier aus, eine seltsame Wahl für einen Boten, wenn auch einen niederrangigen Offizier. Er hockte zusammengesunken auf dem Sattel und hielt den dunklen Umhang eng um den Körper gezogen. Er schien zu zittern. Tear lag tief im Süden. An der Küste von Tear schneite es niemals. Lan hatte das nie so recht glauben können, als er es gelesen hatte, bis er es selbst erlebt hatte.
„Hier ist er, mein Lord“, sagte die Wache heiser. Der ergraute Saldaeaner namens Rakim hatte diese Stimme vor einem Jahr durch einen Aiel-Pfeil davongetragen, zusammen mit einer gezackten Narbe, mit der er gern prahlte, wenn er trank. Rakim schätzte sich glücklich, noch am Leben zu sein, und da hatte er recht. Unglücklicherweise war er auch der Ansicht, dass er, da er den Tod einmal betrogen hatte, dies auch weiterhin tun würde. Er ging Risiken ein und prahlte mit seinem Glück, auch wenn er nicht trank, was ein närrisches Verhalten darstellte. Es brachte nichts, das Schicksal herauszufordern.
„Lord Mandragoran?“ Der Reiter zügelte vor Lan und Bukama das Pferd. Er blieb im Sattel sitzen und betrachtete sie unsicher, zweifellos, weil ihre Rüstung schmucklos und ihre Mäntel und Umhänge aus einfachem Tuch und etwas verschlissen waren. Ein paar Stickereien waren eine feine Sache, aber manche Männer aus dem Süden staffierten sich wie Wandteppiche aus. Vermutlich trug der Tairener unter dem Umhang einen vergoldeten Brustharnisch und einen in den Farben seines Hauses gestreiften Seidenmantel. Seine hohen Stiefel waren jedenfalls mit Schnörkeln verziert, die im Mondlicht silbern glitzerten. Aber wie dem auch sein mochte, der Mann sprach fast sofort weiter. „Soll das Licht meine Seele verbrennen, ich war mir sicher, dass Ihr am nächsten seid, aber ich dachte schon, ich würde Euch nie finden. Lord Emares folgt etwa fünf- oder sechshundert Aiel mit sechshundert seiner Waffenmänner.“ Er schüttelte unmerklich den Kopf. „Merkwürdigerweise reisen sie vom Fluss weg nach Osten. Auf jeden Fall hält sie der Schnee genauso auf wie uns, und Lord Emares glaubt, dass, wenn Ihr einen Amboss auf dem Hügelkamm namens Haken bildet, er sie im Rücken mit dem Hammer erwischen kann. Lord Emares bezweifelt, dass sie vor dem ersten Tageslicht da sein können.“
Lans Lippen wurden schmal. Einige dieser Südländer hatten seltsame Vorstellungen von Höflichkeit. Nicht abzusteigen, bevor er sprach, sich nicht vorzustellen. Als Gast hätte er sich zuerst vorstellen sollen. Jetzt konnte Lan das nicht tun, ohne prahlerisch zu klingen. Der Kerl hatte nicht einmal die guten Wünsche oder die Empfehlungen seines Lords übermittelt. Und er schien zu glauben, sie wüssten nicht, dass Osten die entgegengesetzte Richtung vom Erinin war. Vielleicht achtete er nicht auf seine Worte, aber der Rest war Unhöflichkeit. Bukama hatte sich nicht gerührt, aber Lan legte ihm trotzdem die Hand auf den Schwertarm. Sein ältester Freund konnte empfindlich sein.
Der Haken lag eine gute Meile vom Lager entfernt, und die Nacht neigte sich ihrem Ende zu, aber er nickte. „Sagt Lord Emares, dass ich beim ersten Licht dort bin“, sagte er dem Reiter. Der Name Emares klang unvertraut, aber das Heer war so groß – fast zweihunderttausend Männer aus mehr als einem Dutzend Nationen, dazu kamen noch Burgwächter aus Tar Valon und sogar ein Kontingent Kinder des Lichts –, dass es unmöglich war, mehr als eine Handvoll Namen zu kennen. „Bukama, weck die Männer.“
Bukama grunzte, diesmal wilder; er bedeutete Rakim, ihm zu folgen, stapfte ins Lager und brüllte: „Aufstehen und in den Sattel! Wir reiten! Aufstehen und in den Sattel!“
„Reitet schnell“, sagte der namenlose Tairener mit einem Hauch Kommandoton in der Stimme. „Lord Emares würde es bedauern, gegen die Aiel zu reiten, ohne dass der Amboss bereitsteht.“ Er schien andeuten zu wollen, dass es Lan bedauern würde, wenn dieser Emares Grund hatte, etwas zu bedauern.
Lan formte das Bild einer Flamme in seinem Bewusstsein und nährte sie mit Gefühlen, nicht nur mit Zorn, sondern mit allem, jeder Kleinigkeit, bis es den Anschein hatte, als würde er im Nichts schweben. Nach Jahren der Übung brauchte es weniger als einen Herzschlag, um Ko’di zu erlangen, das Einssein. Gedanken und sein Körper rückten in die Ferne, aber in diesem Zustand wurde er eins mit dem Boden unter seinen Füßen, der Nacht und seinem Schwert, das er nicht gegen diesen unhöflichen Kerl führen würde. „Ich sagte, dass ich da sein werde“, erwiderte er ganz ruhig. „Was ich sage, das gilt auch.“ Er wollte den Namen des Mannes nicht länger wissen.
Der Tairener machte im Sattel eine knappe Verbeugung, wendete das Pferd und trieb das Tier mit den Stiefeln zu einem schnellen Trott an.
Lan hielt das Ko’di noch einen Augenblick lang aufrecht, um sicher zu sein, dass er seine Gefühle fest im Griff hatte. Es war mehr als nur unklug, mit Wut in die Schlacht zu reiten. Wut schränkte die Sicht ein und ließ einen dumme Entscheidungen treffen. Wie hatte es dieser Kerl nur geschafft, so lange am Leben zu bleiben? In den Grenzländern hätte er an einem Tag ein Dutzend Duelle vom Zaun gebrochen. Erst als Lan davon überzeugt war, ganz ruhig zu sein, fast so ruhig, als wäre er noch immer mit allem eins, drehte er sich um. Sich das im Schatten liegende Gesicht des Taireners vorzustellen brachte keinen Zorn mit sich. Gut.
Als er die Mitte des Lagers unter den Bäumen erreicht hatte, wäre es den meisten Männern wie ein aufgescheuchter Ameisenhaufen erschienen. Für jemanden, der Bescheid wusste, stellte es eine geordnete und beinahe lautlose Aktivität dar. Keine Bewegung war verschwendet. Es mussten keine Zelte abgebaut werden, da Lasttiere im Kampf nur eine Behinderung gewesen wären. Einige Männer waren bereits aufgesessen, die Brustharnische umgeschnallt, die Helme auf den Köpfen, die mit Stahlspitzen versehenen Lanzen in den Händen. Fast der ganze Rest schnallte Sattelgurte enger oder befestigte Lederfutterale mit Reiterbogen und volle Köcher mit Pfeilen hinter den hohen Sattelhörnern. Die Langsamen waren im ersten Jahr des Kampfes gegen die Aiel gestorben. Die meisten waren jetzt Saldaeaner und Kandori, der Rest Domani. Ein paar Malkieri waren nach Süden gekommen, aber Lan würde sie nicht anführen, nicht einmal hier. Bukama ritt mit ihm, aber er folgte ihm nicht.
Bukama gesellte sich mit einer Lanze und seinem Rotschimmel Sonnenlanze an den Zügeln zu ihm, gefolgt von einem Jungen namens Caniedrin, der vorsichtig Lans Katzentänzer führte. Der braune Hengst war erst zur Hälfte ausgebildet, aber Caniedrin war wohlberaten, ihn mit Vorsicht zu behandeln. Selbst ein nur teilweise ausgebildetes Kriegspferd war eine formidable Waffe. Natürlich war der Kandori nicht ganz so unschuldig, wie sein unverbrauchtes Gesicht denken ließ. Als effizienter und erfahrener Soldat und Bogenschütze von außerordentlichem Können war er ein fröhlicher Mörder, der im Kampf oft lachte. Die Vorstellung des kommenden Kampfes ließ ihn lächeln. Katzentänzer warf ungeduldig den Kopf zurück.
Trotz Caniedrins Erfahrung überprüfte Lan Katzentänzers Sattelgeschirr sorgfältig, bevor er die Zügel nahm. Ein loser Gurt konnte genauso schnell töten wie ein Speerstoß.
„Ich habe ihnen gesagt, was wir heute Morgen vorhaben“, murmelte Bukama, nachdem Caniedrin fortgegangen war, um sein eigenes Pferd zu holen. „Aber bei den Aiel kann sich ein Amboss in ein Nadelkissen verwandeln, wenn der Hammer zu langsam niedersaust.“ Vor den Männern beschwerte er sich nie, immer nur bei Lan allein.
„Und der Hammer kann ein Nadelkissen werden, wenn er zuschlägt, ohne dass der Amboss da ist“, erwiderte Lan und schwang sich in den Sattel. Der Himmel hatte sich grau verfärbt. Noch war es ein dunkles Grau, aber es waren nur noch eine verstreute Handvoll Sterne zu sehen. „Wir werden hart reiten müssen, um den Haken vor dem ersten Licht zu erreichen.“ Er hob die Stimme. „Aufsitzen!“
Und sie ritten hart, eine halbe Meile in leichtem Galopp, dann im langsamen Trab, schließlich führten sie die Tiere im schnellen Schritttempo am Zügel, bevor sie wieder aufsaßen und von vorn anfingen. In den Heldengeschichten galoppierten die Männer stets zehn Meilen weit oder auch zwanzig, aber selbst ohne den Schnee hätte der Galopp über die ganzen vier oder fünf Meilen die Hälfte der Pferde lahmen lassen und den Rest lange vor dem Ziel völlig erschöpft. Die Stille der verblassenden Nacht wurde nur vom Knirschen der Hufe oder Stiefel auf der Schneedecke, dem Ächzen des Sattelleders und manchmal von den gemurmelten Flüchen der Männer gebrochen, die sich die Zehen an verborgenen Steinen stießen. Niemand verschwendete seinen Atem für Beschwerden oder Unterhaltungen. Sie alle hatten das hier schon oft gemacht, und Männer und Pferde verfielen in einen mühelosen Rhythmus, der sie die Entfernung schnell überbrücken ließ.
Das Land um Tar Valon bestand größtenteils aus hügeligen Ebenen und war mit weit auseinanderliegenden Dickichten und Wäldchen gesprenkelt, von denen zwar nur wenige weitläufig, aber alle voller Dunkelheit waren. Ob groß oder klein, Lan betrachtete diese Baumansammlungen sorgfältig, während er seine Männer daran vorbeiführte, und er hielt mit seinem Zug immer einen gebührenden Abstand ein. Aiel waren ausgesprochen gut darin, jede erdenkliche Deckung auszunutzen, Orte, von denen Männer überzeugt waren, dass sich dort nicht einmal ein Hund verstecken könnte, und ihre Hinterhalte waren legendär. Aber nichts rührte sich. Soweit es Lan betraf, hätte die Gruppe, die er anführte, aus den einzigen lebenden Menschen auf der Welt bestehen können. Der Ruf einer Eule war der einzige Laut, den er hörte, der nicht von ihnen stammte.
Der Himmel im Osten war bedeutend heller geworden, als der niedrige Hügelkamm namens Haken in Sicht kam. Keine Meile lang, erhob sich der baumlose Kamm kaum mehr als vierzig Fuß über die Umgebung, aber bei der Verteidigung gewährte jede Anhöhe einen Vorteil. Der Name kam von der Krümmung am nördlichen Ende, wo der Hügel einen Bogen nach Süden beschrieb, ein deutlich sichtbares Merkmal, während Lan seine Männer oben auf dem Kamm rechts und links von sich in einer Reihe postierte. Allmählich wurde es heller. Im Westen glaubte er die bleiche Masse der Weißen Burg ausmachen zu können, die sich in der Mitte des drei Meilen entfernt liegenden Tar Valons erhob.
Der Turm der Weißen Burg war das höchste Gebäude in der bekannten Welt, und er wurde von der Masse des einsamen Berges überschattet, der jenseits der Stadt auf der anderen Flussseite aus der Ebene emporragte. Das war auch beim geringsten Licht deutlich zu sehen. In der tiefsten Nacht verdeckte er die Sterne. Der Drachenberg wäre auch am Rückgrat der Welt ein Riese gewesen, aber hier auf der Ebene war er monströs, durchbohrte die Wolken und stieg noch höher auf. Höher über den Wolken, als die meisten Berge hoch waren, entließ sein zersplitterter Gipfel stets einen Rauchstrom. Ein Symbol der Hoffnung und der Verzweiflung. Ein Berg der Prophezeiung. Bukama warf einen Blick darauf und machte wieder ein Zeichen gegen das Böse. Niemand wollte, dass sich diese Prophezeiung erfüllte. Aber natürlich würde das eines Tages geschehen.
Von dem Kamm führte sanft gewelltes Terrain mehr als eine Meile nach Westen zu einer der größeren Baumgruppen, die etwa eine Meile breit war. Im Schnee kreuzten sich drei Trampelpfade, wo größere Gruppen aus Reitern oder Fußtruppen vorbeigezogen waren. Aus dieser Entfernung war es unmöglich zu sagen, wer hier vorbeigekommen war, Aiel oder Männer der sogenannten Koalition, es war nur klar, dass die Spuren entstanden waren, seitdem der Schneefall vor zwei Tagen am späten Nachmittag aufgehört hatte.
Von den Aiel war noch nichts zu sehen, aber wenn sie die Richtung nicht geändert hatten, was immer möglich war, konnten sie jeden Augenblick zwischen den Bäumen hervorkommen. Ohne auf Lans Befehle zu warten, stießen seine Männer die Lanzen mit den Spitzen zuerst in den Boden unter dem Schnee, wo man sie mühelos aufnehmen konnte, wenn sie gebraucht wurden. Sie holten die Reiterbögen hervor, zogen Pfeile aus den Köchern und klemmten sie ein, spannten die Sehnen aber noch nicht. Nur Anfänger glaubten, einen Bogen lange Zeit gespannt halten zu können. Lan trug als Einziger keinen Bogen. Seine Aufgabe bestand darin, den Kampf zu lenken, nicht Ziele auszusuchen. Der Bogen war die bevorzugte Waffe gegen die Aiel, auch wenn viele Südländer nichts davon hielten. Emares und seine Tairener würden mit ihren Lanzen und Schwertern direkt in die Aiel hineinreiten. Es gab Augenblicke, in denen das der einzige Weg war, aber es war töricht, ohne Not Männer zu verlieren, bevor man es musste, und im Nahkampf gegen Aiel verlor man unweigerlich Männer.
Lan hatte nicht die Befürchtung, dass die Aiel ausweichen würden, sobald sie ihn sahen. Ganz egal, was auch behauptet wurde, sie waren keine kopflosen Kämpfer; sie mieden die Schlacht, wenn die Chancen zu schlecht standen. Aber sechshundert Aiel würden die Chancen als gerade richtig betrachten; sie würden gegen weniger als vierhundert Mann antreten, auch wenn diese die höhere Position einnahmen. Sie würden anstürmen und von einem Pfeilhagel begrüßt werden. Ein guter Reiterbogen konnte einen Mann auf dreihundert Schritte töten und auf vierhundert verletzen, wenn der Schütze über die nötigen Fertigkeiten verfügte. Das war ein langer Stahlkorridor, durch den die Aiel da mussten. Unglücklicherweise trugen auch sie Bögen aus Horn und Sehnen, die genauso effektiv wie die Reiterbögen waren. Das Schlimmste würde sein, wenn die Aiel stehen blieben und den Beschuss erwiderten; beide Seiten würden Männer verlieren, ganz egal, wie schnell Emares eintraf. Das Beste wäre es, wenn sich die Aiel zum Nahkampf entschieden; ein laufender Mann konnte einen Bogen nicht mit der nötigen Genauigkeit abfeuern. Aber am allerbesten würde es sein, wenn sich Emares nicht verspätete. Dann würden die Aiel vielleicht versuchen, gegen die Flanken anzurennen, vor allem, wenn sie wussten, dass sie verfolgt wurden, und das würde das Hornissennest mit einem Tritt öffnen. Aber was auch geschah, wenn Emares sie im Rücken angriff, würde Lan die Lanzen sammeln und in die Tiefe reiten.
Das war im Grunde Hammer und Amboss. Eine Streitmacht band die Aiel an Ort und Stelle, bis die andere zuschlagen konnte, dann schlossen beide den Kreis. Eine einfache Taktik, aber effektiv; die meisten effektiven Taktiken waren einfach. Sogar die verbohrten Cairhiener hatten gelernt, sie zu benutzen. Eine Menge guter Altaraner und Murandianer waren gestorben, weil sie nicht hatten lernen wollten.
Das graue Zwielicht verwandelte sich zu Tageslicht. Bald würde die Sonne hinter ihnen über den Horizont klettern und sie auf dem Kamm als Silhouetten erscheinen lassen. Eine Windbö fing Lans Umhang ein, aber er versenkte sich wieder in Ko’di und ignorierte die Kälte. Er konnte Bukama und die anderen Männer neben sich atmen hören. Pferde scharrten ungeduldig mit den Hufen im Schnee. Ein Falke schwebte über das offene Gelände und jagte am Rand des breiten Unterholzes.
Plötzlich drehte der Falke ab und die Aiel erschienen, eine zwanzig Mann breite Phalanx kam in schnellem Laufschritt zwischen den Bäumen hervor. Der Schnee schien sie nicht besonders zu behindern. Sie hoben die Knie und bewegten sich so schnell wie die meisten anderen Männer auf freiem Gelände. Lan zog das Fernrohr aus dem am Sattel festgeschnallten Lederköcher. Es war ein gutes Fernrohr, hergestellt in Cairhien, und als er die Messingröhre ans Auge hielt, schienen die noch eine Meile entfernten Aiel plötzlich auf ihn zuzuspringen. Sie waren hochgewachsene Männer, viele von ihnen waren so groß wie er und noch größer, in Mänteln und Hosen in Grau und Braun, das sich vom Schnee abhob. Jeder hatte ein Tuch um den Kopf gewunden, ein dunkler Schleier verbarg das Gesicht bis zu den Augen. Es mochten einige Frauen dabei sein – manchmal kämpften Aiel-Frauen an der Seite der Männer –, aber die meisten waren Männer. Jeder trug einen kurzen Speer in der einen Hand, die andere hielt einen Rundschild aus Ochsenleder und mehrere zusätzliche Speere. Ihre Bögen steckten in Futteralen auf ihren Rücken. Mit diesen Speeren konnten sie ein tödliches Werk verrichten. Und ihren Bögen.
Die Aiel hätten blind sein müssen, um die auf sie wartenden Reiter nicht zu sehen, aber sie kamen ohne das geringste Zögern heran, und ihre Reihe war wie eine fette Schlange, die sich zwischen den Bäumen heraus dem Kamm entgegenwand. Weit entfernt im Westen ertönte ein Signalhorn, das durch die Entfernung ganz leise klang, gefolgt vom nächsten; um so dünn zu klingen, mussten sie in Flussnähe sein, möglicherweise sogar noch am anderen Ufer. Die Aiel liefen weiter. Ein drittes Signalhorn ertönte, dann ein viertes und fünftes, aber weit entfernt. Bei den Aiel wurden Köpfe gedreht, blickten zurück. Erregten die Signalhörner ihre Aufmerksamkeit, oder wussten sie, dass Emares ihnen folgte?
Immer mehr Aiel fluteten aus dem Waldstück. Jemand hatte sich böse verzählt, oder es hatten sich weitere Aiel der ersten Gruppe angeschlossen. Jetzt waren schon mehr als tausend in Sicht, und es kamen noch immer welche hinzu. Eintausendfünfhundert, und noch mehr kamen. Lan schob das Fernrohr zurück in seine Hülle.
„Umarmt den Tod“, murmelte Bukama und klang wie kalter Stahl, und andere Grenzländer nahmen die Worte auf. Lan, dachte sie bloß; das reichte. Irgendwann kam für jeden Mann der Tod, und selten an dem Ort und zu der Stunde, wo und wann er ihn erwartete. Natürlich starben manche Männer auch in ihren Betten, aber Lan hatte von Kindheit an gewusst, dass das auf ihn nicht zutreffen würde.
Er schaute gelassen nach rechts und links die Reihe seiner Männer entlang. Die Saldaeaner und Kandori standen reglos da, aber er sah erfreut, dass auch keiner der Domani Zeichen von Nervosität verriet. Niemand spähte über die Schulter nach einem Fluchtweg. Nicht, dass er nach zwei Jahren des Kampfes an ihrer Seite weniger erwartet hätte, aber er hatte den Männern aus den Grenzländern stets mehr Vertrauen entgegengebracht als anderen. Grenzländer wussten, dass man manchmal harte Entscheidungen treffen musste. Es lag ihnen im Blut.
Die letzten Aiel verließen den Schutz der Bäume; es waren leicht zweitausend, eine Zahl, die alles veränderte und gar nichts. Zweitausend Aiel waren genug, um seine Männer zu überrennen und sich danach um Emares zu kümmern, es sei denn, das Glück des Dunklen Königs war mit ihnen. Der Gedanke an einen Rückzug kam ihm erst gar nicht. Wenn Emares zuschlug, ohne dass der Amboss an Ort und Stelle war, würden die Tairener abgeschlachtet werden, aber wenn er die Stellung bis zu seinem Eintreffen halten konnte, dann würden sowohl Hammer wie auch Amboss möglicherweise erfolgreich sein. Außerdem hatte er sein Wort gegeben. Sicher, er wollte hier nicht sinnlos sterben, genauso wenig sollten seine Männer sinnlos sterben. Sollte Emares noch nicht aufgetaucht sein, wenn die Aiel auf zweihundert Schritte heran waren, würde er seine Kompanie den Kamm hinunterreiten lassen und versuchen, die Aiel zu umgehen, um sich den Tairenern anzuschließen. Er zog das Schwert aus der Scheide und hielt es locker an der Seite nach unten. Jetzt war es nur ein Schwert; nichts daran erregte Aufmerksamkeit. Es würde nie wieder etwas anderes sein als ein gewöhnliches Schwert. Aber es verkörperte seine Vergangenheit und seine Zukunft. Im Westen ertönten die Signalhörner jetzt beinahe ununterbrochen.
Plötzlich hob einer der Aiel an der Spitze der Reihe den Speer über den Kopf und hielt ihn drei Schritte lang erhoben. Als er ihn herunternahm, kam die Reihe zum Stehen. Gut fünfhundert Schritte trennten sie von dem Hügelkamm, jenseits der Schussreichweite. Warum, beim Licht? Sobald sie stehen geblieben waren, drehte sich die Hälfte der Reihe in die Richtung, aus der sie gekommen waren. Waren sie bloß vorsichtig? Es war besser, von der Annahme auszugehen, dass sie von Emares wussten.
Er holte mit der linken Hand das Fernrohr erneut hervor und musterte die Aiel. Die Männer in den vorderen Reihen beschatteten mit den Speerhänden die Augen und studierten die Reiter auf dem Kamm. Es ergab keinen Sinn. Bestenfalls konnten sie dunkle Umrisse ausmachen, die sich gegen die aufgehende Sonne abzeichneten, vielleicht einen Helmkamm. Mehr aber auch nicht. Die Aiel-Männer schienen miteinander zu reden. Einer der Männer in der vordersten Reihe hob plötzlich die Hand mit dem Speer hoch, und die anderen folgten seinem Beispiel. Lan senkte das Fernrohr. Jetzt schauten wieder alle Aiel nach vorn, und ein jeder hielt den Speer in die Höhe. So etwas hatte er noch nie zuvor gesehen.
Die Speere fuhren wie einer nach unten, und die Aiel riefen ein einziges Wort, das deutlich die Distanz zwischen ihnen überbrückte und den Hall der fernen Signalhörner übertönte. „Aan’allein!“
Lan wechselte mit Bukama einen fragenden Blick. Das war die Alte Sprache, die Sprache, die im Zeitalter der Legenden gesprochen worden war sowie in den Jahrhunderten vor den Trolloc-Kriegen. Die beste Übersetzung, die Lan einfiel, lautete: „Ein Mann allein.“ Aber was hatte das zu bedeuten? Warum sollten die Aiel das rufen?
„Sie gehen los“, murmelte Bukama, und das taten die Aiel in der Tat.
Aber nicht auf den Kamm zu. Die Reihe verschleierter Aiel wandte sich nordwärts und hatte bald den Laufschritt wieder aufgenommen, und sobald die ersten ein gutes Stück am Ende des Kamms vorbei waren, schlugen sie wieder die östliche Richtung ein. Das wurde immer verrückter. Es handelte sich nicht um ein Flankenmanöver, nicht, wenn es nur auf einer Seite stattfand.
„Vielleicht gehen sie zurück in die Wüste“, rief Caniedrin. Er klang enttäuscht. Andere Stimmen riefen ihn laut nieder. Der allgemeinen Ansicht nach würden die Aiel niemals gehen, bevor sie alle tot waren.
„Folgen wir ihnen?“, fragte Bukama leise.
Nach einem Moment schüttelte Lan den Kopf. „Wir suchen Lord Emares und sprechen – höflich – mit ihm über Hämmer und Ambosse.“ Er wollte auch herausfinden, was es mit den vielen Signalhörnern auf sich hatte. Dieser Tag fing merkwürdig an, und Lan hatte das Gefühl, dass es noch mehr Seltsamkeiten geben würde, bevor er zu Ende war.

Robert Jordan

Über Robert Jordan

Biografie

Robert Jordan, geboren 1948 in South Carolina, begeisterte sich schon in seiner Jugend für fantastische Literatur von Jules Verne und H. G. Wells. Als ihm der Lesestoff ausging, begann er selbst zu schreiben. 1990 erschien der Auftakt zu seinem Zyklus „Das Rad der Zeit“, einem einzigartigen epischen...

Medien zu „Das Rad der Zeit 0 (Das Rad der Zeit 0)“
Kommentare zum Buch
Zwischen Original-Band 10 und 11 lesen!
Viktor P. am 20.08.2014

Achtung, Fans, Piper, Buchhändler! Dieses Buch ist ein Prequel, das zwischen Original-Band 10 und 11 veröffentlicht wurde, und etwa an dieser Stelle sollte es auch gelesen werden, da es sonst zuviel verrät! Es wäre dringend wünschenswert, dass dies auf dem Buchumschlag (sobald es als Buch erscheint) erwähnt würde. Vielleicht mit einer "10,5" auf dem Buchrücken(?)

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