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Der Tanz des Maori

Der Tanz des Maori

Ein Neuseeland-Roman

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Der Tanz des Maori — Inhalt

Neuseeland: Eine exotische Welt voller Gefahren und eine Liebe, die Jahrhunderte überdauert - für alle Fans von Sarah Lark

Die Berliner Studentin Sina erfüllt sich einen Herzenswunsch: Sie wandert gemeinsam mit ihrer Freundin durch Neuseeland. Doch es plagen sie seit ihrer Ankunft seltsame Träume: Jede Nacht erscheint ihr ein tanzender Maori. Als sie in einem alten Fotoalbum das Bild einer Frau entdeckt, die ihr bis aufs Haar gleicht, ist sie schockiert: Wer war die mysteriöse Unbekannte, die Anfang des Jahrhunderts hier lebte? Erst, als sich Sina in Brandon verliebt und alle Zeichen gegen ihre Liebe stehen, beginnt sie zu ahnen, dass sie das letzte Glied in einer langen Kette miteinander verbundener Schicksale zu sein scheint...

»Rasend spannend.« Joy  

€ 4,99 [D], € 4,99 [A]
Erschienen am 20.06.2018
416 Seiten, WMEPUB
EAN 978-3-492-98453-9

Leseprobe zu »Der Tanz des Maori«

1.

 

 

Sein dunkles Gesicht war nass, die Augen weit aufge­rissen. Er trommelte sich auf seine Brust, schrie und stampfte dazu auf den Boden. Die schwarzen Haare lagen in feuchten Locken um sein Gesicht, während ihm der Regen ins Gesicht peitschte. Er brüllte etwas Un­verständliches. Es klang wie eine Kampfansage. Aus den dunklen Wolken schüttete es, ein Blitz zuckte über den Himmel, während der Mann im hohen Gras drohend zwei Schritte in ihre Richtung machte …

 

Sina schreckte hoch und starrte in die Dunkelheit. Regen prasselte gegen die Zeltplane, in [...]

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1.

 

 

Sein dunkles Gesicht war nass, die Augen weit aufge­rissen. Er trommelte sich auf seine Brust, schrie und stampfte dazu auf den Boden. Die schwarzen Haare lagen in feuchten Locken um sein Gesicht, während ihm der Regen ins Gesicht peitschte. Er brüllte etwas Un­verständliches. Es klang wie eine Kampfansage. Aus den dunklen Wolken schüttete es, ein Blitz zuckte über den Himmel, während der Mann im hohen Gras drohend zwei Schritte in ihre Richtung machte …

 

Sina schreckte hoch und starrte in die Dunkelheit. Regen prasselte gegen die Zeltplane, in der Ferne grollte ein Donner. Neben ihr atmete Katharina tief und ruhig. Ihr Gesicht, umrahmt von dunklem Haar, war in der schwachen Beleuchtung nur ein heller Fleck. Benommen schüttelte Sina den Kopf. Sie hatte nur einen üblen Traum gehabt, kein Grund, sich aufzuregen. Das hier war der lang ersehnte Traumurlaub in Neuseeland. Gemeinsam mit ihrer besten Freundin Katharina wanderte sie durch ein märchenhaftes Tal im Schatten der Farnbäume an dem kleinen Fluss Mohikinui entlang. Trotzdem: Der Eindruck aus dem lebhaften Traum ließ sich so schnell nicht vertreiben. Immer noch sah sie das dunkle Gesicht des wütenden Mannes vor sich.

Ein weiteres Donnern, diesmal lauter, ließ sie zusammenzucken. Direkt danach schien der Regen noch heftiger zu werden. Sina seufzte leise. Hier an der Westküste änderte sich das Wetter ständig, und leider regnete es viel zu häufig für ihren Geschmack. Sie konnte sich jetzt nicht einmal vor dem Zelt einen Tee zur Beruhigung machen – so wie sich das Prasseln anhörte, war man im Freien innerhalb von Sekunden bis auf die Haut durchnässt.

Woher kam nur dieser Traum, der sie seit ihrer ­Ankunft vor zwei Wochen in Neuseeland quälte? Immer wieder wachte sie auf, immer an der gleichen Stelle – wenn der geheimnisvolle Mann im Regen drohend auf sie zukam.

Sie sah erneut zu Katharina hinüber, die immer noch selig schlief. Von dieser Reise hatten sie geträumt, seitdem sie sich im ersten Semester an der Universität kennengelernt hatten. Sie erinnerte sich noch gut an den Moment, als sie nebeneinander in der Schlange an der Mensa standen und Katharina nachdenklich die bräun­liche Masse auf ihrem Teller betrachtet hatte. »Billig und sättigend. Was will ich mehr?«, hatte sie gemurmelt.

»Geschmack wäre kein Fehler«, war damals Sinas Antwort gewesen. Wenig später saßen sie gemeinsam mit ihrem »Rahmgulasch« an einem der langen Tische und hatten sich über die Suche nach einer bezahlbaren Wohnung und den Kampf um einen Platz in einem Seminar unterhalten. Es dauerte nicht lange und sie wussten, dass sie einen gemeinsamen Traum hatten: Einmal im Leben für ein paar Monate nach Neuseeland! Sina hatte diesen Traum, seit sie in einem Bildband ein paar Fotos von klaren Fjorden und verwunschenen Buchten gesehen hatte. Ihr war damals so, als ob diese Landschaft sie rufen würde, wie ein vertrautes, aber vergessenes Haus. Katharinas Gründe waren simpler. Sie wanderte für ihr Leben gern, die Trecks, die kreuz und quer über die beiden ­Pazifik­inseln führten, bedeuteten für Katharina das Paradies.

Es vergingen ein paar Jahre, bis sie es endlich geschafft hatten: Drei Monate lang wollten sie hierbleiben, mitten im deutschen Winter genossen sie das Land ihrer Träume … Und ausgerechnet jetzt wurden ihre Träume von einem immer wiederkehrenden Albtraum begleitet. Dabei hatte sie noch nie Probleme mit Ängsten und Träumen gehabt. Eher im Gegenteil: Ihre Mutter hatte sie immer lachend »meine nüchterne Tochter« genannt – und sie hatte sich mit ihrem Medizinstudium ganz bewusst für eine Naturwissenschaft entschieden. In der Medizin ging es um Fakten, Zahlen und Formeln – nicht um Philosophien und Meinungen. Ihre Freundin Katharina war da ganz anders: Sie studierte Politik und Soziologie und konnte sich stundenlang über irgendwelche Gesellschaftstheorien auslassen.

Ein Blitz erhellte das Zelt, Bruchteile von Sekunden später beendete ein lauter Donnerschlag sogar Katharinas legendär festen Schlaf. Mit einem Schreckenslaut richtete sie sich auf.

»Was war das denn?«

Sina zuckte mit den Schultern – eine überflüssige Bewegung, in dem Zelt konnte man nur Schemen erkennen.

»Ein Unwetter an der Westküste. Hat man uns davor nicht gewarnt?«

»Vielleicht hört es ja bis morgen früh wieder auf?« Katharinas verschlafene Stimme klang hoffnungsvoll.

»Sicher«, grinste Sina. »Es könnte aber auch sein, dass es eine Woche lang nicht mehr aufhört. Alles ist möglich am anderen Ende der Welt …«

Als wollte er antworten, wurde der Regen erneut stärker, das Prasseln auf der Zeltplane wurde zu einem ohrenbetäubenden Lärm. Dazu mischte sich ein beunruhigendes Rauschen. Misstrauisch lauschte Sina. Was konnte das jetzt schon wieder sein? Vorsichtig kroch sie durch das Vorzelt, griff nach dem Reißverschluss und öffnete ihn einen winzigen Spalt, um mit einer ­Taschenlampe in die finstere Nacht hinauszuleuchten. Der Himmel hatte alle seine Schleusen geöffnet, die Gräser lagen flach auf dem Boden. Nichts erinnerte mehr an die herb-schöne Landschaft des Vorabends. Sie hatten sich herumliegendes Holz zusammengesammelt, ein kleines Lagerfeuer gemacht und in den Nacht­himmel gesehen, während es allmählich dunkler wurde. Jetzt war von der Feuerstelle kaum noch etwas zu sehen. Stattdessen der Bach, der zu einem reißenden Wildflüsschen angeschwollen war. Täuschte sie sich, oder war er breiter geworden? Dann bemerkte sie die breiten Rinnsale, die sich links und rechts von ihrem Zelt ihren Weg bahnten, um sich mit dem Bach zu vereinigen – und das Rauschen wurde immer lauter. Erschrocken zog Sina den Reißverschluss wieder hoch und drehte sich zu Katharina um.

»Wenn mich nicht alles täuscht, dauert es nur noch ein paar Minuten, und wir zelten mitten in einem Flussbett!« Sie bemühte sich, keine Panik in ihrer Stimme zu zeigen. Möglichst ruhig redete sie weiter. »Was sollen wir jetzt nur tun?«

Katharina konnte ihre Gefühle schwerer verbergen. »Bist du dir sicher? Dann müssen wir fliehen! Wir könnten in diesem Zelt ertrinken!«

»Aber wohin?«, gab Sina zu bedenken. »Den letzten Unterstand haben wir vor ein paar Stunden gesehen. Eine Straße ist zwar ziemlich nah, aber an diesem gottverlassenen Ende der Welt wird wohl kaum jemand vorbeikommen!«

Für eine Sekunde hörte man in dem Zelt nur das ­Geräusch des Regens. Dann räusperte Katharina sich. »Vielleicht hält das Zelt ja dicht? Dann können wir warten, bis es hell wird, und uns dann zur Straße durchschlagen. Irgendwann im Laufe des Tages wird schon jemand vorbeikommen.«

Sina versuchte, sich an die Gebrauchsanweisung des Zeltes zu erinnern. Sie war sich sicher, dass sie sie durchgelesen hatte – sie las jede Gebrauchsanweisung durch. Sogar die von einem Toaster. Ihr letzter Freund hatte sich in einem fort darüber lustig gemacht. Aber jetzt war dieser kleine Tick ziemlich nützlich. »Keine Ahnung, ob das wirklich dicht hält – aber bis zu etwa zehn Zenti­meter Höhe sitzen wir in einer Art Gummiwanne. Und von oben schützt uns das Zelt vor dem Regen. Wahrscheinlich ist es besser, hier drin zu sitzen, als un­geschützt auf der Wiese zu stehen.«

Die nächsten Minuten drängten sie sich in der Mitte ihres kleinen Kuppelzeltes aneinander und überprüften immer wieder, ob nicht doch schon Wasser ins Innere drang. Aber der Verkäufer in dem kleinen Outdoor-­Laden hatte nicht zu viel versprochen, als er ihr das Zelt wegen seiner »Allwettertauglichkeit« empfohlen hatte. Sie blieben im Trockenen sitzen. Worte fielen ­wenige. Sie waren zu müde und zu ängstlich, nickten immer wieder ein, um dann beim nächsten Donner wieder aufzufahren und erneut die Wasserfestigkeit ihres Zeltes zu überprüfen. Eine gefühlte Ewigkeit später dämmerte es draußen, und der Regen wurde etwas schwächer.

Sina wagte einen weiteren Blick vor die Zelttür – und musste kichern, als sie sah, wo ihr Zelt inzwischen stand: inmitten des inzwischen gar nicht mehr kleinen Baches, der etwa knöcheltief um ihr Zelt herumfloss. Sie hatten ihr Zelt hinter einem Busch aufgeschlagen, der sie jetzt vor der stärksten Strömung bewahrte. Der Himmel war immer noch grau verhangen, ein scharfer Wind zerrte an den Zeltplanen.

»Ich glaube, es hat keinen Sinn mehr, noch länger zu warten«, beschloss Sina. »Wir sollten zusammenpacken und möglichst schnell ein trockenes Plätzchen finden.«

Katharina nickte. »Okay. Vielleicht gibt es an deinem trockenen Plätzchen sogar einen heißen Kaffee …«

Die Rucksäcke hatten sie am Abend unter dem ­Vorzelt verstaut – für diese großen Trumms gab es einfach keinen Platz im Inneren des Zeltes. Aber das Vorzelt hatte das Wasser, wie sie jetzt entsetzt feststellen mussten, nicht so zuverlässig abgewiesen. Ihre Ruck­säcke waren tropfnass und zentnerschwer. Sina wollte sich nicht einmal vorstellen, dass von der letzten Unterhose bis zum dicken Wollpulli jetzt wahrscheinlich einfach alles tropfte. Wie sollten sie nur die nächsten Tage halbwegs trocken überstehen? Schweigend stopften sie ihre feuchten Schlafsäcke dazu. Sie packten das Zelt zusammen. Dann zwängten sie ihre nassen Füße in die klammen Wan­derstiefel, schlüpften in die atmungsaktiven, tropfenden Regenjacken und schulterten die Rucksäcke. Katharina fluchte in der nächsten Stunde nur ab und zu leise vor sich hin – sie war ohne einen Kaffee zum Frühstück ohnehin nicht zu genießen. Sina setzte einfach einen Fuß vor den anderen und hoffte auf ein Wunder.

Als sie am Vortag im strahlenden Sonnenschein die kleine Straße passiert hatten, war es Sina so vorgekommen, als ob sie nur wenige Minuten später das Zelt aufgeschlagen hätten. Jetzt zog sich der Weg eine kleine Ewigkeit. Immer wieder rutschten sie auf den mat­schigen Pfaden aus, kleine Rinnsale waren zu reißenden ­Bächen geworden, in denen rutschige Steine nur wenig Halt boten. Wenigstens wurde der Regen allmählich weniger, bis es nur noch nieselte.

»Ist das ein Auto?« Katharina blieb wie angewurzelt stehen. Ein kleines rotes Auto schoss nur wenige Meter entfernt vorüber und verschwand um eine Kurve. Sie hatten die Straße erreicht. Sina sah dem Auto hinterher und seufzte.

»Wahrscheinlich war das die Rushhour des Tages – das nächste Auto kommt garantiert erst heute Abend vorbei …«, stöhnte Katharina.

»Sei doch nicht so pessimistisch …«, wollte Sina ­gerade antworten, als das kleine rote Auto auch schon ­wieder auftauchte und direkt neben ihnen stehen blieb. Eine Fensterscheibe öffnete sich, und freundliche Augen sahen die beiden durchnässten Freundinnen an.

»Was zum Teufel macht ihr denn bei diesem Wetter in der Wildnis?«, fragte die Fahrerin, die auffallend blaue Augen hatte und einen einfachen Pferdeschwanz in einem undefinierbaren Blond trug.

»Gestern war es noch schön!«, grinste Sina zur Ver­teidigung.

»Und morgen scheint vielleicht wieder die Sonne, ich weiß.« Die Frau lachte, stieg ohne Umschweife aus ihrem Auto und öffnete den Kofferraum. »Ihr seht aus wie gebadete Mäuse. Ich schlage vor, ihr kommt erst einmal mit zu mir, und wir schauen, ob wir euch wieder trocken bekommen.«

Wenig später saßen sie dicht gedrängt in dem kleinen Auto. »Wir machen alles nass«, entschuldigte Sina sich.

»Macht nichts«, war die fröhliche Antwort. »In diesem Teil der Welt wird alles mal nass. Morgen ist es wieder trocken, und bis dahin habe ich mit meiner Rückbank nichts Großes vor.« Sie drehte sich kurz um und musterte ihre Gäste neugierig. »Woher kommt ihr denn? Euren Akzent habe ich noch nie gehört.«

»Aus Deutschland. Wir sind seit vierzehn Tagen in Neuseeland, und gestern Morgen sind wir losgewandert. Der Plan war einfach: Wir wollten am Mohikinui entlanglaufen, vielleicht bis zum Kahurangi-Nationalpark.«

»Ganz schönes Stück, das ihr euch da vorgenommen habt«, bemerkte die Frau nur und bog schwungvoll in eine Auffahrt zu einem kleinen, blau gestrichenen Holzhaus ein.

Sie machte eine einladende Bewegung. »Fühlt euch wie zu Hause. Die Haustür ist offen, in der Küche findet ihr einen Trockner und eine Kaffeemaschine. Das Zelt könnt ihr in der Garage aufhängen.«

Sie sah ihre bewegungslosen Passagiere an. »Was ist los? Ich muss jetzt zur Arbeit, wir können uns heute Abend unterhalten.«

»Aber …« Sina schnappte nach Luft. »Sie kennen uns doch gar nicht!«

»Aber ihr braucht ein trockenes Plätzchen, und ich habe eins. Das sollte doch reichen, oder?« Die Frau lachte wieder, und Sina sah die vielen freundlichen Fältchen um ihre Augen. »Und jetzt steigt endlich aus, sonst bekomme ich Ärger mit meinem Chef. Ihr könnt auch ein heißes Bad nehmen, Handtücher sind im Schrank.«

Zögernd stiegen Sina und Katharina aus dem Auto, wuchteten die tropfenden Rucksäcke aus dem Kofferraum und sahen verblüfft, wie die Frau mit viel Schwung rückwärts aus der Ausfahrt fuhr und verschwand.

»Das können wir doch nicht annehmen«, murmelte Katharina.

Sina sah ihr Gepäck an, das im leichten Nieselregen in der Auffahrt stand. Allmählich bildete sich eine Pfütze rings um die Rucksäcke. »Ich fürchte, uns bleibt nicht viel anderes übrig, wenn wir in den nächsten Tagen auch nur halbwegs trocken schlafen wollen.«

Sie nahm ihren Rucksack, machte sich auf den Weg zur Eingangstür und drückte vorsichtig dagegen. Sie war tatsächlich nicht verschlossen und schwang mit einem leichten Knarren auf.

Dahinter öffnete sich ein kleiner Flur, in dem klobige Pantoffeln, lehmverschmierte Wanderschuhe und ab­geschabte Sneakers wild durcheinanderlagen. An der Garderobe hingen Regenjacken, Wollmäntel und Sweatshirts übereinander. Sina ging weiter in die Küche. Helles Holz, große Fenster und – wie versprochen: eine Kaffeemaschine, eine Waschmaschine und ein Trockner. Ein Paradies. Sina winkte Katharina, ihr zu folgen. »Komm, hier können wir wirklich alles wieder trocken kriegen.«

Später an diesem Vormittag rumpelte der Trockner mit seiner dritten Ladung, die Kaffeemaschine blubberte leise, in der Garage trocknete das aufgespannte Zelt. Sina rubbelte sich nach einer heißen Dusche mit einem genussvollen Seufzer ab. »So etwas gibt es einfach nicht in Deutschland, oder? Wir wissen noch nicht einmal, wie unsere Wohltäterin überhaupt heißt!«

Katharina deutete auf einen Bibliotheksausweis, der an einem Pinnbrett hing. »Mary-Ann McAulister. Sie ist vierunddreißig.«

Sina schlüpfte in die bereits getrockneten Jeans und flocht ihre noch feuchten Haare zu einem Zopf. »Wir sollten Mary-Ann etwas zum Abendessen kochen. Die Nachbarin kann uns sicher sagen, wo der nächste Supermarkt ist. Oder wenigstens das Ortszentrum. Dann erfahren wir vielleicht sogar, ob der Ort einen Namen hat, der ein bisschen ansprechender als ›in der Mitte von Nirgendwo‹ klingt.«

Katharina nickte nur. »Gute Idee!«

 

Wenig später wussten sie, dass sie in Seddonville gelandet waren. Das Ortszentrum war nicht zu verfehlen. In einem kleinen Laden gab es von Zeitschriften über Ziga­retten bis hin zu Gemüse, Eiern und Fleisch einfach alles. Sina und Katharina einigten sich schnell auf einen typisch deutschen Eintopf – eine Art Pichelsteiner, bei dem sie statt Rindfleisch Lammfleisch nahmen. Das riss kein großes Loch in ihre knapp berechnete Reisekasse. Dazu noch zwei Flaschen feinen Weißwein aus Marlborough, und schon war ihr Einkauf für das Dankeschön-Mahl fertig.

Zufrieden machten sie sich mit ihrer großen Tüte wieder auf den Heimweg, als Katharina wie angewurzelt vor einem kleinen Schaufenster stehen blieb. Mit gol­denen Lettern wurden hier »Antiques« angepriesen.

»Ich würde gerne mal sehen, was es hier gibt. Anti­quitäten in einem Land mit gerade mal hundertfünfzig Jahren Geschichte!« Katharina konnte ihre Neugier nicht bremsen. Sina nickte nachsichtig.

»Klar, schauen wir uns ein bisschen um.«

Quietschend öffnete sich die Tür des Ladens, der nur von zwei funzeligen Lampen erleuchtet wurde. Katharina kniete vor einer Nähmaschine nieder. »Wahnsinn, das Ding ist fast hundert Jahre alt. Das muss noch eine der Siedlerinnen mitgebracht haben!«

Während Katharina begeistert das Fußpedal inspizierte und nach einem Firmennamen suchte, sah Sina sich weiter um. Angeschlagene Waschschüsseln, emaillierte Töpfe aus vergangenen Zeiten, Sessel mit abgegriffenen Lehnen, abgetretene Teppiche … Der Laden beherbergte ein wildes Sammelsurium von Erinnerungen längst verstorbener Menschen. Auf einem kleinen runden Tisch mit kunstvoller Holzeinlegearbeit stapelten sich ein paar in Leder gebundene Alben. Neugierig nahm Sina eines davon in die Hand und blätterte ein wenig durch die Seiten. Kleine schwarz-weiße Fotos aus einer anderen Zeit. Frauen mit weißen Schürzen über dunklen Kleidern, die Haare in einem strengen Knoten aus dem Gesicht gehalten. Männer mit Schaufeln, die auf einem steinigen Weg standen und so ernst dreinblickten, als ob die Geschicke der Welt von ihrer Arbeit abhingen. Nachdenklich legte Sina das Album wieder auf den Stapel und strich über den Ledereinband, der mit ein paar einfachen Prägungen verziert war.

Ein leises Hüsteln aus der dunklen Ecke des Ladens ließ sie zusammenfahren. Eine kleine Gestalt erhob sich von einem der alten Stühle und trat in das schwache Licht. Weiße, kurz geschnittene Haare und ein dunkles Gesicht mit tief liegenden schwarzen Augen, die Sina durchdringend musterten. Die drahtige Frau wirkte ­eigentlich selber wie ein Ausstellungsstück, eine poly­nesische Mumie. Sina konnte ihr Alter beim besten Willen nicht schätzen. Um der wortlosen Musterung zu entkommen, griff sie spontan nach dem Album und ­lächelte. »Das würde ich gerne kaufen.«

Die Alte nickte, als ob sie mit dieser Erklärung gerechnet hätte. »Sicher willst du das«, sagte sie mit einer erstaunlich jungen, kraftvollen Stimme. »Du siehst genauso aus wie sie!«

Sina war sich nicht sicher, ob sie richtig gehört hatte. »Wie sie?«

Die Alte nickte überzeugt. »Wie meine Schwester!«

Sina schüttelte den Kopf. Die Schwester dieser kleinen Frau, die an ein zähes Stück Leder erinnerte, sah ihr bestimmt nicht ähnlich. An Sina war nichts Dunkles. Ihre Haare waren von einem dunklen Blond mit warmen Goldreflexen, ihre Augen je nach Stimmung hellgrün oder hellblau. Ihre Haut war nach zwei ­Wochen in Neuseeland leicht gebräunt, auf der Nase zeichneten sich ein paar Sommersprossen ab.

Die Alte ließ sich von ihrer Einschätzung jedoch nicht abbringen. Mit einem festen Griff fasste sie an Sinas Kinn und drehte ihr Gesicht in das schwache Licht. Ihre schwarzen Augen musterten Sina und sahen sie prüfend an. Sina hatte für einen kurzen Moment das Gefühl, die Frau könnte ihre geheimsten Gedanken lesen. Dann nahm sie sogar mit ihren knotigen Fingern Sinas Zopf zwischen die Finger. Wie zur Bestätigung nickte sie noch einmal, diesmal heftiger. »Genau wie sie!«

Um dieser offensichtlich verwirrten Alten zu entkommen, machte Sina ein paar Schritte rückwärts. »Ich glaube, Sie verwechseln mich. Ich bin zum ersten Mal in Neuseeland, ich habe hier sicher keine Verwandtschaft.« Sie zwang sich zu einem Lachen, das sogar in ihren eigenen Ohren etwas zu schrill klang. »Außerdem: Sind Sie nicht eine Maori?«

»Ich schon«, nickte die Alte. »Aber nicht meine Schwester.«

Sina hatte endgültig genug von dem wirren Gebrabbel der alten Maori. Sie sah sich nach Katharina um. Die hatte ihrer kleinen Unterredung offensichtlich keine Beachtung geschenkt, sondern untersuchte immer noch mit gerunzelter Stirn die alte Nähmaschine und bewegte probeweise das Schwungrad mit einer Hand. Sina legte ihrer Freundin die Hand auf die Schulter. »Komm, wir gehen!«, erklärte sie.

Katharina hörte die Dringlichkeit in Sinas Stimme. Sie stand auf und klopfte sich den Staub von ihrer Hose. »Was ist denn los? Wir haben doch noch gar nicht alles gesehen. Findest du das nicht alles wahnsinnig aufregend? Wenn diese Sachen reden könnten …«

Sina schüttelte den Kopf und deutete möglichst unauffällig zu der Ladenbesitzerin, die ihr zum Glück nicht gefolgt war. »Die alte Schachtel erzählt mir ständig, dass ich ihrer Schwester ähnlich sehe. Völliger Blödsinn, das ist eine Maori …«

Schulterzuckend wandte Katharina sich zur Tür. »Okay, gehen wir zu Mary-Ann und kümmern uns um unseren Eintopf. Wird sonst sowieso zu spät …«

Eine Spur zu hastig riss Sina die Tür auf und flüchtete aus der staubigen Atmosphäre des Ladens. Sie holte tief Luft. Mit einem Mal war ihr die Anwesenheit der alten Frau beklemmend vorgekommen. Doch noch bevor sie ihre Lungen ein zweites Mal mit der klaren frischen Luft gefüllt hatte, klingelte noch einmal die Türglocke des kleinen Antiquitätenladens. Die alte Maori tauchte neben ihr auf und hielt ihr das in Leder gebundene Album auffordernd vor das Gesicht. »Das musst du mitnehmen! Es gehört dir!«, erklärte sie dabei mit ernster Miene.

Sina schüttelte den Kopf. »Ich habe es doch gar nicht bezahlt, es gehört mir also ganz sicher nicht!«

»Doch.« Die Frau hielt ihr das Album noch drängender hin. »Du musst es nicht kaufen. Es gehörte dir von Anbeginn an.«

Hilfe suchend sah Sina Katharina an. »Sag was!«, flüsterte sie leise.

Katharina machte eine wegwerfende Handbewegung. »Nimm das Ding einfach. Vielleicht nervt sie dann nicht mehr.«

Sie hatte deutsch gesprochen, die Maori konnte sie also nicht verstehen. Trotzdem nickte die Alte so überzeugend, als hätte sie verstanden, was Katharina da vorgeschlagen hatte.

Mit einem Seufzer nahm Sina das alte Album in die Hand. Das Leder fühlte sich weich und abgegriffen an. Zufrieden nickte die alte Frau ein letztes Mal, drehte sich um und verschwand wieder in ihrem Laden, noch bevor Sina etwas sagen konnte.

Verblüfft sah Sina auf das Album in ihrer Hand. Katharina nahm es und blätterte ein bisschen darin herum. »Unglaublich, diese alten Bilder. Wenn man sich vorstellt, wie die vor siebzig, achtzig Jahren hier gelebt haben – das muss ja so primitiv gewesen sein.«

Sina konnte sich jetzt nicht auf die alten Bilder konzentrieren. »Klar. Und keiner weiß, warum eine verwirrte Greisin mir unbedingt dieses Album schenken wollte.« Trotzdem nahm sie es wieder in die Hand.

Sie blätterte noch ein wenig weiter – und starrte plötzlich auf eine Studioaufnahme. Sie zeigte eine ernste junge Frau, die mit unbewegter Miene in die Kamera blickte, eine Hand auf einen Stuhl gestützt, die andere auf den Bauch gelegt. Ihre Kleidung sah teuer aus, die Haare waren kunstvoll aufgesteckt. Sina fühlte sich einen Moment lang unsicher, sie hatte das Gefühl, als ob der Boden unter ihr schwankte. Das Gesicht der Frau hatte sie schon Hunderte Male gesehen. Jedes Mal, wenn sie in den Spiegel blickte, sahen ihr genau diese Augen ­ent­gegen, verzogen sich genau diese Lippen zu einem ­Lächeln. Unter dem Bild stand weiter nichts als ein Name: Ava. Keine Jahreszahl, kein Hinweis, wer diese Ava sein sollte. Sina schüttelte den Kopf, als ob sie einen Traum vertreiben wollte. Das musste ein Zufall sein, ein launiges Ergebnis des Gen-Roulettes, das bei der Erschaffung jedes neuen Menschen gespielt wurde. Ein wenig zu hastig klappte sie das Album wieder zu.

Sie steckte es in ihre Einkaufstüte und wandte sich zum Gehen, ohne Katharina das Bild von dieser Ava zu zeigen. »Komm, wir sollten für Mary-Ann unser Dankeschön-Essen machen. Am besten, bevor sie nach Hause kommt.«

 

Eine halbe Stunde später durchzog der Geruch von gebratenem Fleisch und Gemüse das gemütliche blau gestrichene Haus. Katharina deckte den Tisch, schmückte ihn mit ein paar Blumen aus dem Garten und sah dann zufrieden das Ergebnis ihrer Mühe an. Gerade recht­zeitig. Der kleine rote Wagen, der sie ein paar Stunden vorher aus dem kalten Regen gerettet hatte, bog mit Schwung in die Auffahrt. Mary-Ann betrat das Haus, hob ihre Nase und lachte ihre Gäste an. »Das riecht einfach wunderbar! Genau das, wovon ich seit einer Stunde träume …«

Gemeinsam setzten sie sich an den einfachen Holztisch. Nachdem sie sich einander endlich namentlich vorgestellt hatten, füllte Sina die tiefen Teller aus blau-weißer Keramik, schenkte den kalten Weißwein in die Gläser ein und ließ sich dann selber auf einen der Stühle fallen. Sie hob das Glas. »Auf unsere wunderbare Ret­terin! Ohne dich wären wir jetzt nicht schon wieder trocken und guter Dinge!« Sie deutete auf das Fenster. Es dämmerte allmählich und ein frischer Wind lud zu allem anderen als eine Nacht in einem Zelt ein.

Mary-Ann winkte ab. »Das ist doch selbstverständlich! Vor allem, wenn man so belohnt wird!«

Neugierig sah Sina sich um. »Was arbeitest du denn?«

Mary-Ann zuckte mit den Achseln. »Nichts Aufregendes. Ich sitze in der Buchhaltung bei einer Kohlemine. Ein klassischer Job, der einen nicht zu sehr aufregt, aber auch nicht die echte Erfüllung bringt. Aber ich darf mich nicht beschweren: Hier an der Westküste sind die Jobs nicht zu reichlich gesät. Das Einzige, was es bei uns ohne Ende gibt, sind Sandflöhe und Seehunde …«

Alle lachten.

»Und – was verschlägt euch nach Neuseeland? Was macht ihr, wenn ihr nicht in trockenen Flussläufen campt?« Mary-Ann sah ihre Gäste fragend an.

»Ich studiere Medizin«, erklärte Sina. »Nächstes Jahr bin ich fertig, dann muss ich mich um meine weitere Ausbildung in Krankenhäusern kümmern. Dieses Jahr ist meine letzte Chance, um noch einmal einen richtig langen Urlaub zu machen!«

»Bei mir ist es fast das Gleiche«, stimmte Katharina ihr zu. »Ich studiere Politik und Soziologie – da wartet zwar kein anstrengender Job im Krankenhaus auf mich –, aber ich muss mir wirklich was einfallen lassen, um überhaupt eine Arbeit zu finden.« Sie zog eine Grimasse. »Die Menschheit hat nicht gerade auf Soziologen und Politologen gewartet …«

Mary-Ann nickte mitfühlend. »Ich denke, das ist nirgendwo anders. Und was sagen eure Familien zu so einem langen Trip hierher?«

Katharina zuckte lässig mit den Achseln. »Die sind von mir nichts anderes gewöhnt. Seitdem ich mich geweigert habe, die Lehrstelle in der Bank anzutreten, sind meine Eltern der festen Überzeugung, dass ich ohnehin bereits auf die schiefe Bahn geraten bin.«

»Ich glaube, meine Eltern freuen sich, dass ich mal nicht so wahnsinnig ehrgeizig bin«, bekannte Sina.

Mary-Ann schenkte eine weitere Runde Wein aus. »Und eure Freunde?«

»Freunde? Du meinst Männer?« Sina schüttelte den Kopf. »Die gibt es in unserem Leben nicht. Irgendwie sind sie immer entweder nicht interessiert oder schon besetzt oder so langweilig wie ein Meter Landstraße.«

Mary-Ann nahm einen kräftigen Schluck und grinste. »Glaubt ja nicht, dass es hier anders ist. Hier an der Küste kommt allerdings oft noch ein verwegener Aussteiger-Typ dazu. Von dem man übrigens auch die Finger lassen sollte.«

Es wurde sehr spät, bis sie endlich ins Bett gingen, zu den ersten Flaschen gesellte sich noch eine weitere aus dem Kühlschrank von Mary-Ann – und sie hatten das Gefühl, als ob sie sich schon seit Jahren kannten.

 

Die Sonne strahlte am nächsten Morgen von einem leuchtend blauen Himmel – so als ob sie sich für ihr schlechtes Benehmen zwei Tage vorher entschuldigen wollte. Sina und Katharina umarmten ihre Gastgeberin. Die Adressen hatten sie schon ausgetauscht, sie wollten sich auf jeden Fall wiedersehen, bevor sie sich auf den Heimweg nach Deutschland machten. Aber jetzt sollte es erst einmal weitergehen: die Westküste Richtung Süden, zu den großen Gletschern und den berühmten Fjorden. Mary-Ann hatte sie zu einer kleinen Kreuzung gebracht, um ihre Chancen beim Autostopp zu erhöhen. »Steigt aber nicht gleich bei jedem Typen ein!«, warnte sie noch. »Inzwischen gibt es auch bei uns in Neuseeland die Freaks, die nur darauf warten, dass ihnen eine wehrlose Touristin in die Finger fällt!«

Sina winkte noch einmal, dann standen sie alleine am Straßenrand. Katharina setzte ihre Sonnenbrille auf und lachte: »Das Abenteuer geht weiter!«

Über Emma Temple

Biografie

Emma Temple ist das Pseudonym der deutschen Autorin Katrin Tempel. Sie wurde 1967 in Düsseldorf geboren und wuchs in München auf. Während ihres Studiums der Geschichte und der Politik entdeckte sie ihre Liebe zu Neuseeland und verbrachte ein Jahr auf einer Farm in der Nähe von Christchurch – ein...

Pressestimmen

Joy

»Rasend spannend.«

Die Rheinpfalz

»Geschickt arrangierte Geschichte.«

Frizz - Das Magazin

»Eine kurzweilige Geschichte aus einer exotischen Welt.«

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