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Der Markt der Weihnachtswunder

Felicitas Kind
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Roman

„Hier bekommt man einen sehr unterhaltsamen, humorvollen und romantischen Weihnachtsroman, geprägt von Zusammenhalt und Fürsorge!“ - aebbies.buechertruhe

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Der Markt der Weihnachtswunder — Inhalt

Ein einzigartiges Geschenk rettet Johanns Zuhause und lässt die Herzen im Dorf höherschlagen.

Das ostfriesische Himmelshusen ist Johanns Heimat, doch der 79-jährige hat weder Mittel noch Kraft, sein altes Haus zu sanieren. Zum Glück hat die junge Antea eine Idee: Ein Weihnachtsmarkt soll her, um Johann mit dem Erlös unter die Arme zu greifen. Gemeinsam mit ihrem Freund Thore versucht sie, die Dorfgemeinschaft zu überzeugen. Zunächst stoßen die beiden auf wenig Zuspruch, aber sie geben ihre Bemühungen nicht auf und kommen sich dabei immer näher. Schafft es Anteas kleiner Funke Hoffnung doch, das ganze Dorf zu verändern und Herzen zusammenzubringen?

Ein gefühlvoller Weihnachtsroman von Felicitas Kind, dem erfolgreichen Autorinnenduo Regine Kölpin und Gitta Edelmann.

€ 13,00 [D], € 13,40 [A]
Erschienen am 28.09.2023
288 Seiten, Broschur
EAN 978-3-492-31972-0
Download Cover
€ 10,99 [D], € 10,99 [A]
Erschienen am 28.09.2023
288 Seiten, WMePub
EAN 978-3-492-60534-2
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Leseprobe zu „Der Markt der Weihnachtswunder“

Kapitel 1

Antea brauchte frische Luft. Der Tag in der Tourist-Info war überaus anstrengend gewesen, denn es ging auf Weihnachten zu, und überall wurden die Märkte geplant. Hier fehlte was, dort fehlte was, und immer wieder gab es neue Fragen. Da die meisten Veranstaltungen nur jeweils ein Wochenende in verschiedenen Dörfern stattfanden, waren Koordination und Werbung stets eine Heidenarbeit. Antea war immer froh, wenn das Jahr vorbei war und es im Januar etwas ruhiger zuging.

Zur Entspannung tat an diesem Abend ein kleiner Spaziergang sicher gut.

Draußen [...]

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Kapitel 1

Antea brauchte frische Luft. Der Tag in der Tourist-Info war überaus anstrengend gewesen, denn es ging auf Weihnachten zu, und überall wurden die Märkte geplant. Hier fehlte was, dort fehlte was, und immer wieder gab es neue Fragen. Da die meisten Veranstaltungen nur jeweils ein Wochenende in verschiedenen Dörfern stattfanden, waren Koordination und Werbung stets eine Heidenarbeit. Antea war immer froh, wenn das Jahr vorbei war und es im Januar etwas ruhiger zuging.

Zur Entspannung tat an diesem Abend ein kleiner Spaziergang sicher gut.

Draußen herrschte leider das typisch norddeutsche Schietwedder. Von weihnachtlichem Schneegestöber waren sie an der Küste meist so weit entfernt wie der Mars von der Erde, obwohl schon bald der erste Advent ins Haus stand und sich alle nach einem echten Winter sehnten.

Antea schlüpfte in ihren dicken Mantel. Sie hatte ihn aus wunderbar weichem Walkloden genäht, und er erhellte mit seinem satten Gelb sogar solch trübe Tage wie heute.

Ein weiterer Griff ging zum passenden Schal und zu ihrem selbst gestrickten Beanie. Alles passte perfekt zusammen. Es harmonierte mit ihren roten Locken, die sich durch nichts bändigen ließen und auch jetzt wie kleine Flammen unter der Mütze hervorlugten.

Draußen war die Luft zum Schneiden dick. Der Nebel hielt sich zäh in den Gassen von ihrem Rundwarfendorf Himmelshusen in der Binsenlohne. Wenn sie den Straßennamen nannte, wurde sie oft gefragt, was Lohne bedeutete, denn geläufig war den „Außerfriesischen“, wie sie Gäste gern nannte, der Begriff nicht. Eine Lohne war ein schmaler Weg, meist von Hecken gesäumt, der aufwärts in Richtung Kirche führte, alles andere war eben eine Straße, ein Weg oder ein Padd.

In Himmelshusen war ohnehin einiges anders als im übrigen Ostfriesland. Vergleichbar war das Nachbardorf Rysum, bei dem es sich ebenfalls um ein Rundwarfendorf handelte. Davon gab es eben nicht viele. In Himmelshusen war der Kirchturm allerdings ein kleines bisschen erhabener als in Rysum, also kam man dem Himmel näher, was auch der um zwei Meter höheren Warf geschuldet war. Daher stammte der Name des Dorfes. Der Draht nach oben war hier also etwas kürzer als in den anderen Ortschaften.

Antea lief zunächst die Binsenlohne hinauf bis zum Karkpadd, hielt sich dann zu De Markt und schaute wehmütig auf den Platz, auf dem früher der jährliche Weihnachtsmarkt stattgefunden hatte. Heute stand dort ihr neues Wahrzeichen. Ein Petrus mit Fischernetz, ihr Piet, den die Himmelshuser auf einen Findling gebaut hatten, weil Wilko Lüttjemann, der Vorsitzende des Bürgervereins, der Ansicht gewesen war, das Denkmal könnte, ähnlich wie der Cristo Redentor in Rio de Janeiro oder der in Lissabon, Massen von Besuchern nach Himmelshusen locken. Bei Emden gab es zudem das Dorf Suurhusen mit einem Kirchturm, der schiefer war als der Turm von Pisa. Das konnte ihr Petrus doch locker toppen.

Leider war es nicht so gekommen, obwohl die Statue sogar feierlich enthüllt worden war und seitdem in allen Touristikbeilagen gewürdigt wurde.

Antea störte das nicht, sie hatte es ohnehin lieber ruhig.

„Himmelshusen ist einfach unschlagbar schön“, murmelte sie. „Selbst im dichten Nebel hat es Charme.“

Es wurde dennoch Zeit, dass die Dörfler ihre Weihnachtsbeleuchtung anbrachten, dann würden die zahlreichen Sprossenfenster in den roten Backsteinhäusern anheimelnd mit vielen kleinen Lichtern erstrahlen.

Antea umrundete die Kirche und gelangte zur Mühle, die sich unscharf im Dunst abzeichnete und deutlich machte, warum Nebel hier auch Lüttje Welt genannt wurde. Heute konnte man keine zehn Meter weit sehen.

Sie rieb sich die Schultern, denn die feuchte Kälte fraß sich selbst durch ihren dicken Mantel.

Ich schau nur kurz bei Johann vorbei, beschloss sie. Ihr Freund war zwar Ende siebzig, aber ein enger Vertrauter von Antea. Da ihr Großvater schon früh gestorben war, hatte der alte Seebär schnell die Rolle des Ersatzgroßvaters eingenommen, und sie war stets dankbar, dass sie einen Anlaufpunkt hatte.

Johanns Haus in der Karklohne war dunkel. Wie ungewöhnlich. Der alte Mann mochte Licht und Wärme, weshalb sein Ofen auch immer gut geheizt war.

Da stimmte etwas nicht! Anteas Herz schlug vor Sorge schneller.

Zum Glück schloss in Himmelshusen keiner ab, und sie konnte sofort ins Haus.

„Moin!“ Antea betrat den Flur. Es roch abgestanden nach Erbsensuppe, aber auch nach kaltem Rauch aus dem Kamin.

Anteas Bauch grummelte leicht.

Sie wartete kurz, ob sie eine Antwort bekam, doch als es still blieb, ging sie beherzt in die Küche.

Dort saß Johann tatsächlich mit aufgestütztem Kopf an seinem großen rechteckigen Eichentisch, den wie immer ein weißes Deckchen mit Lochstickerei zierte. Er schaute sie nicht einmal an.

Das passte so gar nicht zu ihm.

„Was ist los?“ Antea machte einen Schritt auf ihn zu.

Endlich sah er auf. Seine Augen waren rot unterlaufen, sein Blick wirkte verzweifelt.

„O nein“, entfuhr es Antea. „Nun sag bloß nicht, dass du krank bist!“

Johann presste die Lippen aufeinander. Er atmete schwer durch. „Ik bün nich krank, min Deern. Ik muss hier bloß wech.“

Antea runzelte die Stirn. Was wollte Johann ihr mitteilen?

„Wie, du musst weg?“

„Nach Emden. Ist beschlossene Sache“, erklärte er.

Antea bekam es noch immer nicht zusammen. Weil es nicht sein konnte!

Himmelshusen ohne Johann, das war … das war wie Kuchen ohne Zucker. Wie Bockwurst ohne Senf. Oder wie Weihnachten ohne Kerzen. Kurzum: unvorstellbar.

„Aber warum?“

Jetzt nahm Johann eine aufrechte Haltung ein. „Meine Tochter hat eben angerufen.“

„Na, das tut sie ja selten genug“, entfuhr es Antea. Johanns Tochter Stine lebte in Amerika und ließ sich nur alle Jubeljahre mal in Himmelshusen blicken; bei Johann rief sie nicht gerade oft an. „Was wollte sie?“

„Sie hat mir einen Platz im Emder Seniorenhaus ›Moi Diek‹ besorgt. Immerhin am Fehntjer Tief. Mit Blick aufs Wasser. Hat ja auch nicht jeder.“ Johann bemühte sich, zuversichtlich zu klingen. „Ist ja kein richtiges Altenheim. Nur zum Wohnen.“

„Du brauchst das doch nicht. Du brauchst Himmelshusen!“, rief Antea aus.

„Es ist, wie es ist“, widersprach Johann. „Ich kann das große Haus nicht halten, siehst ja selbst, dass hier dringend mal wieder renoviert werden müsste. Allein der Garten. Er verwildert. Stine meinte, so ginge das alles nicht mehr. Sie kommt kurz vor Wiehnacht hergeflogen und dann bekakeln wir das. Zum Fest bin ich schon in Emden.“

Antea nahm sich einen Stuhl, ließ sich darauf plumpsen und schaute Johann fassungslos an. Sie hatte mit allem gerechnet, aber nicht damit, dass das Urgestein Johann jemals aus Himmelshusen fortgehen würde.

„Ist ja hier sowieso nicht mehr dasselbe wie früher“, resümierte er. „Denk nur dran, dass sie da jetzt so einen ollen Piet hingebaut haben. Wat för een malle Gedoo!“

Antea musste grinsen, auch wenn ihr nicht nach Lachen zumute war. Aber es war wirklich ein albernes Treiben, das sah sie genauso.

Sie wurde schnell wieder ernst. „Johann, das akzeptiere ich nicht. Petrus hin oder her. Du musst bei uns bleiben.“

Johann zuckte ergeben mit den Schultern. „Wenn Stine sich was in den Kopf setzt, hilft kein Lamentieren“, sagte er. „Und vielleicht ist es wirklich die beste Lösung, bevor hier mit mir noch een Malör geschieht.“

„Ich pass doch auf dich auf. Welches Unglück soll denn da kommen?“

„Ich könnt stürzen, seggt Stine. Und ich krieg Essen.“

„Niemals! Soll ich einmal mit ihr reden?“

Johann schüttelte den Kopf. „Das wird wohl nicht viel helfen. Ist ja schon alles festgezurrt.“

Antea schluckte. „Ich mach uns jetzt einen Tee, und dann schnacken wir noch mal. Himmelshusen ohne Johann – das geht jedenfalls nicht.“

*

Mit einem tiefen Seufzer schloss Gabriela die dicke Glastür zu ihrer Galerie ab. Eigentlich gab es nichts zu seufzen, mahnte sie sich. Sie hatte heute zwei Bilder verkauft, und die alte Dame, die sich für die kleine Bronzestatue interessierte, würde gewiss wiederkommen. So wie ihre Augen beim Anblick der Meerjungfrau aufgeleuchtet waren, würde sie sich das Stück nicht entgehen lassen.

Gabriela konnte ihren Kundinnen und Kunden fast immer ansehen, wenn sie einen Bezug zu einem Kunstwerk entwickelten und sich davon fesseln ließen. Und nur selten verließen diese Menschen die Galerie Schmitz endgültig, ohne das Objekt ihrer Begierde mitzunehmen.

Dennoch.

Gabriela schob ihre Mütze tiefer ins Gesicht und wickelte sich den Schal ein drittes Mal um den Hals. Sie ließ die Schlüssel in die Jackentasche gleiten und zog ihre dicken Wollhandschuhe an. Es war nicht weit bis zu dem Sträßchen, in dem sie ihren Wagen geparkt hatte. Aber das Wetter heute war ganz besonders usselig – nasskalt und ungemütlich. Dazu schlug ihr, anders als im heimischen Köln, ein scharfer Wind entgegen, sobald sie um die Ecke bog.

Sie legte einen Zacken zu und erreichte schließlich ihr knallgrünes Autochen, das wie eine exotische Blume zwischen den grauen und schwarzen Wagen hervorzublinzeln schien. Mit einem erneuten Seufzer der Erleichterung ließ sie sich auf den Fahrersitz fallen und zog rasch die Tür hinter sich zu. Jetzt aber schnell nach Hause!

Gabriela steckte das Handy in die Halterung, verband es mit dem Autoradio und stellte Musik an. Die energischen Rhythmen von Kasalla tönten aus dem Lautsprecher, und mit einem lauten „Kölle ahoi!“ scherte Gabriela aus der Parklücke.

Sie hatte Emden noch nicht hinter sich gelassen, als die Musik jäh von einem Klingelton unterbrochen wurde. Lis, stand auf dem Display.

„Hallo, Lisbet, wie isset?“, begrüßte sie ihre Freundin.

„Weihnachtlich. Ich hab mal angefangen, Geschenke einzupacken, bevor die Kleinen von meiner Mutter zurückkommen. Ach, was bin ich froh, dass die mir die Pänz ab und zu abnimmt. Sonst käm ich zu gar nichts mehr. Und du so?“

„Hab heut ganz gut verkauft.“

Gabriela reihte sich hinter einem Transporter ein, der sich ihrer Meinung nach unendlich langsam fortbewegte.

„Schade!“

„Ey, gönnst du mir meinen Lebensunterhalt nicht?“

Lisbet lachte. „Doch, natürlich. Obwohl er dich davon abhält zurückzukommen.“

„Wenn ich in Köln erschwingliche Räumlichkeiten für meine Galerie finde, bin ich sofort wieder da! Ich hab inzwischen noch einen zweiten Makler darauf angesetzt, aber eine Lage wie hier in Emden, fast direkt neben der Kunsthalle, die den Leuten Appetit macht, sich selbst eine Skulptur oder ein Gemälde zu gönnen …“

„Ich weiß, ich weiß. Aber ich hoff doch, du kommst wenigstens über die Feiertage her.“

„Hab ich geplant. Sogar schon etwas früher – ich will mal wieder so richtig mit dir auf den Weihnachtsmarkt gehen! Am liebsten wäre mir der auf dem Neumarkt. Die hatten da immer so guten Glühwein.“

„Gibt’s das bei euch im Norden etwa nicht?“

Gabriela druckste herum. „Nicht so.“ Das war nicht geflunkert. Natürlich gab es auch hier ganz nette kleine Weihnachtsmärkte, aber eben nicht schon ab Mitte November durchgehend bis zum Heiligen Abend. Und selbst der große Engelkemarkt in Emden schloss abends bereits um 20 Uhr, wenn man in Köln oft erst losging. Vor allem jedoch hatte sie hier keine Freundin, mit der sie sich die Stände ansehen und anschließend Glühwein trinken konnte, um sich aufzuwärmen.

Endlich, das Ortsschild! Hoffentlich fuhr der Transporter vor ihr jetzt ein wenig schneller! Gabriela sehnte sich nach einem heißen Bad, einer Pizza Diavolo aus dem Tiefkühlschrank mit einem Gläschen Rotwein und nach einem spannenden Krimi.

„Sonst was Neues?“, fragte sie.

„Nä.“

„Dann leg auf, Liebelein, ich muss jetzt nämlich mal überholen.“

Lisbets Lachen tönte aus dem Lautsprecher. „Lass dich nicht stören. Ich meld mich wieder. Oder du.“

„Tschö, Lis.“

„Tschö, Gabi.“

Mit einem letzten Blick in den Rückspiegel setzte Gabriela zum Überholmanöver an und zog zufrieden an dem Transporter vorbei. Die Freude währte allerdings nur kurz, denn wieder einmal lag Nebel über der Krummhörn. Aber immerhin war es jetzt nicht mehr allzu weit nach Hause. Na ja, besser gesagt dorthin, wo sie wohnte.

Ein richtiges Zuhause war das nicht, zumindest nicht, seit Geert sich im Frühjahr Hals über Kopf entschlossen hatte, die angebotene Position in Dubai anzunehmen. Er hatte sie nicht einmal gefragt, ob sie mitkommen wollte!

Natürlich wäre sie nicht mit ihm in den Orient gezogen – was sollte sie dort? War es nicht genug, dass sie Geert erst vor zweieinhalb Jahren aus dem Rheinland nach Ostfriesland gefolgt war und ganz neu angefangen hatte?

Zu Beginn hatte es ihr hier auch richtig gut gefallen, es gab viele malerische Ecken anzuschauen, und die Luft war an der Nordsee einwandfrei besser als in der Kölner Bucht. Die Miete für die Galerie war nicht allzu hoch, und sie hatte im vergangenen Jahr zwei sehr interessante regionale Künstlerinnen entdeckt, die sie nun online auch international anbot. Aber sollte sie etwa nur deswegen ihren Lebensabend hier verbringen?

Zugegeben, bis zum Lebensabend war es einige Zeit hin, sie war schließlich erst zweiundfünfzig.

Gabriela bog von der Hauptstraße in den Seeschwalbenweg ab, der nach Himmelshusen hineinführte, und fuhr nun im Schritttempo weiter. Hier sprangen häufig Kinder beim Spielen auf die Fahrbahn, weil nur selten Autos entlangkamen und sie daher nicht damit rechneten. Aber heute in der Dunkelheit und bei diesem Nebel waren keine Pänz zu sehen.

Und während sich Geert in Dubai tummelte, saß sie hier in Ostfriesland fest! Wenn auch ihre Galerie und der Kunsthandel erfreulich gut liefen, so war ihr Privatleben doch alles andere als befriedigend. Sie hatte nie richtigen Kontakt zu ihren Nachbarn gefunden und weder hier noch in Emden Freundschaften geschlossen. Woran es auch liegen mochte, denn untereinander waren alle stets miteinander im Gespräch, allerdings oft auf Platt. Das war eine eigene Sprache, und sie unterschied sich oft von Ort zu Ort. Da war es nicht einfach, mitzukommen. Obwohl die Himmelshuser sie immer freundlich grüßten und sie sich anfangs durchaus willkommen gefühlt hatte, blieb sie irgendwie außen vor.

Geert schien das nur recht zu sein, er neigte zur Eifersucht und hatte sie gern für sich allein. Anfangs hatte ihr das geschmeichelt, aber zum Schluss war sie fast froh gewesen, als er gegangen war. Doch so beschränkten sich ihre sozialen Kontakte seit Längerem überwiegend auf Videogespräche mit alten Bekannten. Und ab und zu besuchte sie die Besitzerin des kleinen Wollgeschäfts in Emden, mit der sie wenigstens nett plaudern konnte, während sie sich Garn für ihr nächstes Handarbeitsprojekt aussuchte.

Die Gassen von Himmelshusen innerhalb der Äußeren Ringstraße lagen im Dunkeln, nur aus wenigen Fenstern drang ein milchig-heller Schimmer. Anders als im fröhlichen Rheinland, wo sicher schon wieder Weihnachtsmänner an den Fassaden hingen und überall bunte Lichter blitzten, gab es hier immer noch keine einzige weihnachtliche Beleuchtung. Das schien einfach nicht die Himmelshuser Art zu sein. Die meisten fingen erst nach dem Totensonntag oder Ewigkeitssonntag, wie man im Norden sagte, damit an, für das Fest zu schmücken.

Als Gabriela endlich ihr Auto parkte und ausstieg, entrang sich ihr erneut ein tiefer Seufzer.

Nein. Ein Zuhause war dies nicht. Niemand wartete auf sie. Die ganze Sache mit Geert und der angeblich so großen Liebe war eine Schnapsidee gewesen. Wie hatte sie nur glauben können, dass auf ihren kölschen Topf ein ostfriesischer Deckel passen würde?


Kapitel 2

„Nun erzähl bitte mal, wie Stine darauf kommt, dich wie ein altes Flaggschiff aufs Trockendeck zu legen?“, fragte Antea. Das Wasser im Kessel war inzwischen heiß, und sie goss den Tee auf.

Zum Glück kannte sie sich bei Johann aus und wusste, wo sie Tassen, Kluntjes und Sahne finden konnte. Mit flinken Fingern stellte sie alles auf den Tisch.

Johann saß wie gelähmt auf seinem Stuhl und rieb die Wangen, als müsse er sich auf diese Weise deutlich machen, dass er noch lebte und fühlte. Antea kam es vor, als wäre ihr Freund seit gestern um Jahre gealtert. Der Kummer fraß ihn sichtlich auf.

Es dauerte, ehe Johann antwortete. „Sagte ich doch eben schon. Das Haus müsste renoviert und der Garten auf Vordermann gebracht werden. Stine findet auch, dass es mit dem Einkaufen ein Unding ist.“

Antea verstand nicht recht. „Warum das? Ich nehme dich doch gern mit oder besorge, was fehlt. Wo liegt das Problem?“

Sie nahm das Teesieb aus der Kanne und stellte sie aufs Stövchen. Dann setzte sie sich ebenfalls und saß nun Johann gegenüber. Sie schaute ihn abwartend an.

„Weil ich nicht selbstständig bin“, erklärte der.

„Bist du in Emden erst recht nicht“, meinte Antea. „Da kümmern sich außerdem Wildfremde um dich.“

„Aber dafür bezahl ich.“

Antea rollte mit den Augen und legte Johann ein Kluntje in die filigrane Tasse, auf der die typische Teerose prangte. Sie goss beiden ein und reichte ihm den Rahm.

Johanns Hand zitterte, als er mit dem Sahnelöffel das Wulkje hineinlaufen ließ. Am liebsten hätte Antea den alten Mann jetzt in den Arm genommen und abwechselnd gedrückt und geschüttelt. Er konnte es unmöglich akzeptieren, hier fortzugehen!

„Wir leben in Himmelshusen, und da ist jeder für den anderen da“, stieß sie schließlich hervor.

Johann seufzte. „Das war einmal, min Deern. Als du een lüttje Wicht warst, da war die Welt noch in Ordnung. Aber nun? Allens dreiht sück, und es hat sich viel verändert. Auch in Himmelshusen.“

Das wollte sie nicht akzeptieren. „Es stimmt. Als ich ein kleines Mädchen war, haben die Himmelshuser mehr zusammengehalten und sind viele Dinge gemeinsam angegangen. Es gab Feste und Zusammenkünfte. Das ist heute anders. Das bedeutet jedoch nicht, dass die Nachbarschaft auch gelitten hat. Wir sind für dich da! Und das weißt du.“

Johann spitzte die Lippen und schien zu überlegen, was er darauf antworten sollte.

„Ik seh das ja allens nicht so dramatisch wie Stine. Nun ist es, wie es ist. Ab morgen muss ich wohl beginnen zu packen. Ich kann nicht viel mitnehmen – der Rest wird verschenkt oder verschleudert.“

Antea nahm einen Schluck Tee, das beruhigte sie ein wenig. „Pass auf! Ich finde eine Lösung für dein Haus und den Garten. Es wäre doch gelacht. Kein Himmelshuser wird zulassen, dass man dich aus dem Dorf vertreibt. Du gehörst in die Karklohne wie die Ruten an die Mühlen.“

„Die Flügel sind aber auch schon einmal ab gewesen und mussten neu gemacht werden, als der gescheckte Nagekäfer die Flügelwelle beschädigt hat. So ist das nun mal. Das Alte muss dem Neuen weichen.“

Johanns Stimme kippte. Dann liefen ihm Tränen über die runzlige Wange.

„Ich finde eine Lösung!“, versprach Antea. Ihr brach bei Johanns Anblick beinahe das Herz. „Ich finde eine!“

*

Gabriela hatte eine ganze Weile im duftenden Melissenbad verbracht. Inzwischen war das Wasser deutlich abgekühlt, und sie begann zu frösteln. Also stieg sie aus der Wanne und hüllte sich in ein dickes Badetuch.

Während sie ihr kurzes Haar mit den lila Strähnen frottierte und danach zurechtzupfte, machte sie in Gedanken einen Haken an den ersten Punkt für diesen Abend: ein heißes Bad nehmen.

Sie trocknete sich ab und schlüpfte in schwarze Thermoleggings und das knallbunte Oberteil, das für ein Kleid zu kurz aber für ein Shirt zu lang war. Dies waren die idealen Klamotten für einen Zuhause-Abend. Sie sah auch anständig aus, wenn noch jemand klingelte und sie an die Tür gehen musste.

Wenn jemand klingelte …

Wer zum Teufel sollte das tun? Der Paketbote lieferte alles, was sie sich schicken ließ, in die Galerie. Vielleicht war das ein Fehler? Falls eine Himmelshuser Nachbarin ihre Pakete annehmen würde, hätte Gabriela einen Grund, sich bei ihr zu melden, und es würde sich möglicherweise ergeben, dass …

„Schluss!“, rief sie sich laut zur Ordnung. „So einsam bist du nun auch nicht, dass du dich bei den Nachbarn anbiedern musst.“

Mit einem tiefen Seufzer verließ sie das Bad und marschierte in die Küche. Die Pizza stand schon im Ofen bereit, sie brauchte den nur noch einzuschalten. Dazu ein Gläschen Primitivo.

Gabriela öffnete die Flasche und goss sich ein. Dann stellte sie sich sicherheitshalber den Kurzzeitwecker. Nicht dass sie auf dem Sofa einnickte wie letzte Woche, als die Pizza ziemlich schwarz geworden war. Hoffentlich gab es eine spannende Krimiserie zu streamen, die sie bisher nicht kannte.

Als in der Küche der Wecker rasselte und die Pizza fertig war, durchsuchte sie immer noch die verschiedenen Streamingdienste und Mediatheken. Verdammp. Wie konnte es sein, dass sie alle britischen und skandinavischen Serien, die sie besonders liebte, schon kannte?

Ja, sie musste sich eingestehen, dass ihr Film- und Serienkonsum seit Geerts Abreise deutlich gestiegen war. Also setzte sie sich mit dem Teller auf den Knien aufs Sofa, nahm das erste Stück Pizza in die Hand und verfolgte zunächst einmal kauend die Nachrichten.

Wenn sie abends aus der Galerie kam, war es kalt und dunkel, und die einzigen Hobbys, denen sie dann noch nachgehen mochte, waren Häkeln oder Stricken. Dazu passte hervorragend ein gemütlicher oder auch ein richtig schön gruseliger Krimi. Und beim Essen fühlte man sich ebenfalls nicht so allein, wenn der Fernseher lief.

Ein leises Weinen ließ sie zusammenzucken. Es schien direkt aus ihrem Garten zu kommen. Hatte sich ein Kind verirrt? War es misshandelnden Eltern weggelaufen? Oder Entführern? Nein, hier war Himmelshusen, kein TV-Krimi.

Gabriela legte vorsichtig das angebissene Pizzastück ab, stellte den Teller zur Seite und ging zur Terrassentür. Niemand war zu sehen. Doch wieder hörte sie einen kurzen Schrei.

Irritiert öffnete sie die Tür und spähte in den Garten. Nichts.

Plötzlich stolzierte ihr aus den Büschen eine getigerte Katze entgegen und maunzte laut.

Gabriela fing an zu lachen.

„Jetzt hab ich dich doch glatt für ein Baby gehalten!“, erklärte sie der Katze, die ein paar Meter entfernt von ihr stehen blieb und mit einem „Mau“ erwiderte, dass sie selbstverständlich kein Baby war. Zumindest interpretierte Gabriela das so.

„Wer bist denn du?“

„Mau“, antwortete die Katze wieder.

„Angenehm, Herr oder Frau Mau. Ich bin die Gabriela Schmitz und wohne hier. Was kann ich für Sie tun? Haben Sie Hunger? Ist Ihnen kalt? Ich nehme nicht an, dass Sie Kölsch verstehen? Bleiben wir bei Hochdeutsch? Platt kann ich nämlich nicht so gut.“ Oder gar nicht, fügte sie in Gedanken hinzu.

„Mau.“

„Das habe ich mir schon gedacht. Ein paar Streicheleinheiten gefällig?“

Gabriela hockte sich hin und streckte die Finger der rechten Hand aus. Schnuppernd kam die Katze zwei Schritte näher. Dann aber reckte sie den Schwanz, drehte sich um und trabte in Richtung Straße davon.

Unter der Straßenlaterne spazierte dort gerade eine Frau in einem leuchtend gelben Mantel vorbei. Obwohl sie ihren Namen nicht wusste, kannte Gabriela sie vom Sehen. Beim Bäcker hatte sie auch schon gelegentlich ein paar Worte mit der Himmelshuserin gewechselt. Sie war stets freundlich und wirkte aufgeschlossen. Dennoch zuckte Gabriela nun unwillkürlich zusammen und eilte ins Haus zurück, bevor die Frau sie entdecken konnte. Hoffentlich hatte die nicht gehört, wie idiotisch und albern sie mit der Katze gesprochen hatte. So langsam wurde sie in diesem Ostfriesenland wunderlich. Es wurde Zeit, über eine Veränderung nachzudenken.

Verdammp, vor lauter Miauen hatte sie die Tür weit offen stehen lassen. Gabriela fluchte. Nun war es kühl im Haus, und die Pizza war auch nur noch lauwarm. Aber zum Glück schmeckte sie ja kalt fast genauso gut wie heiß, vor allem, wenn man sie mit Rotwein begleitete. Und dazu würde sie jetzt einfach mal, passend zur baldigen Adventszeit, einen Weihnachtsfilm auswählen. Einen, der hoffentlich nicht so kitschig war, dass man hinterher das Schmalz vom Bildschirm wischen musste, wie ihr Vater das immer genannt hatte. Vielleicht kam sie dann in bessere Stimmung.

Und dazu konnte sie den Ärmel für den tannengrünen Zopfmusterpullover beginnen, den wollte sie bis Weihnachten unbedingt fertig haben. Sie liebte diese Farbe. Vor allem in Kombination mit ihrer winterroten Hose würde der Pulli toll aussehen. Allerdings müsste sie wohl ihre Haare ein wenig umfärben. Der augenblickliche Lilaton biss sich mit dem Rot.

Gabriela wollte eben die Tür schließen, als die Katze plötzlich wie wild über die Auffahrt tobte.

Ob sie ein Zuhause hatte?, überlegte Gabriela. Wahrscheinlich. Hier in Himmelshusen hatten alle irgendwie ein Zuhause, nur sie nicht. Außerdem hatte das Tierchen weder ungepflegt noch hungrig gewirkt.

Sie griff nach ihrer Pizza und biss hinein. Warum hatte sie eigentlich nicht die Gelegenheit genutzt und die Frau in Gelb gefragt, ob sie wusste, wohin die Katze gehörte?

*

Antea hatte es nach ihrem Besuch bei Johann eilig, nach Hause zu kommen. Sie wollte nicht, dass ihr Freund in eine Seniorenanlage ziehen musste, nur war ihr selbst klar, dass es beinahe unmöglich war, das zu verhindern. Sie verfügte nicht über die finanziellen Mittel, die nötig wären, um das Haus instand zu setzen. Und ihr handwerkliches Geschick war auch eher als rudimentär einzustufen. Sie allein würde folglich gar nichts ausrichten können.

Antea war es unangenehm, dass sie so große Töne gespuckt hatte, denn jetzt musste sie liefern. Nur wie?

Sobald ich zu Hause bin, rufe ich Thore an, beschloss sie. Er hat vielleicht eine Idee.

Thore Hansen war seit Kindesbeinen ihr bester Freund, und sie konnte alles, wirklich alles mit ihm besprechen. Er tröstete Antea, wenn sie beruflichen Ärger hatte, aber auch, wenn sie von Liebeskummer geplagt wurde. Versank die Welt um sie herum, war er an ihrer Seite. Umgekehrt verhielt es sich genauso.

Es gab in ihrer beider Leben keinen anderen Menschen, auf den sie sich ähnlich stets und immer verlassen konnten.

Wenn Antea an Thore dachte, kam ihr oft das Lied Landunter von Herbert Grönemeyer in den Sinn, in dem er in der Nacht das Licht anzündete, weil er der Fixpunkt war und zur Rettung bereitstand. Genauso verhielt es sich mit Thore und ihr. Sie hielten füreinander die Wacht.

Endlich stand Antea vor ihrer kleinen Kate, die immer ein wenig schüchtern zwischen den zum Teil sehr ansehnlichen ostfriesischen Gehöften wirkte. Während die von großen Bauerngärten umgeben waren und mindestens ein, manchmal zwei Stockwerke hatten und wundervolle Giebel ihr Eigen nannten, duckte sich ihre kleine Kate dazwischen. Antea lebte im Erdgeschoss, ein winziger Dachboden schloss sich nach oben hin an. Für sie allein reichte es, war gemütlich und schenkte ihr die Behaglichkeit, die sie brauchte.

Sie schloss auf, trat ins Haus und hängte den Mantel an den Garderobenhaken.

Gerade als sie das Telefon von der Ladestation nahm, um Thore anzurufen, klopfte es, und ihr Freund kam herein.

„Hast du geahnt, dass ich eben mit dir telefonieren wollte?“ Antea fiel Thore um den Hals und gab ihm das obligatorische Küsschen auf die Wange.

„Ich ahne so etwas doch immer.“ Er feixte und schob sich eine blonde Locke aus seinem braun gebrannten Gesicht. Obwohl Thore im Hafenamt in Emden tätig war, hielt er sich so oft im Freien auf, dass er stets den Anschein vermittelte, er käme gerade aus dem Urlaub zurück.

Manchmal neckte Antea ihn und nannte ihn „meinen Wikinger“, denn muskelbepackt war er zudem, und er fuhr gern mit seinem Segelboot auf der Nordsee herum.

„Jetzt mal im Ernst, warum bist du gekommen?“, fragte sie.

Thore ließ sich in den roten Samtohrensessel fallen und kreuzte die Beine. Er verschränkte die Hände hinter dem Hals, legte den Kopf hinein und schloss die Augen. „Rieke“, sagte er nur.

Antea verstand sofort. Rieke und Thore, das war so etwas wie „Die unendliche Geschichte“. Es war eine ständige On-off-Beziehung, und Rieke machte ihm das Leben mit Eifersucht und Überwachung schwer. Sie konnte da ziemlich penetrant sein und forderte ständig Thores Zuwendung.

„Willst du drüber reden?“, bot Antea an.

Thore schüttelte den Kopf. „Ne, ich bin froh, bei dir zu sein und meine Ruhe zu haben. Das Gekeife war eben nervig. Ich habe genug Stress auf der Arbeit, da muss das nicht auch noch sein.“

Antea stand auf und holte zwei Malzbier. Das war schon immer ihr beider Lieblingsgetränk gewesen. Sie mochten den Malzgeschmack und das leichte Schäumen im Gaumen.

Als Thore ein paar Schlucke genommen hatte, atmete er tief durch. „So – und nun zu dir. Warum wolltest du mich anrufen?“

Antea fasste das Drama um Johann mit wenigen Worten zusammen und schloss damit, dass sie ihm Hilfe angeboten hatte.

„Er ist doch so etwas wie mein Großvater. Aber ich habe null Plan, wie ich ihm wirklich helfen soll.“

Thore nagte an der Unterlippe. „Benefiz!“, schlug er schließlich vor. „Wir müssen in Himmelshusen was auf die Beine stellen, womit Geld reinkommt. Und der Erlös geht an Johann.“

Antea lachte bitter auf. „Du weißt, dass Himmelshusen so gut wie tot ist! Da hat kein Mensch mehr Lust, was auf die Beine zu stellen, seit das Ding mit dem Piet gescheitert ist.“

Thore trank nachdenklich einen weiteren Schluck. „Es führt kein Weg daran vorbei, es zu ändern. Wenn es jemand kann, dann du: Antea Grotelüschen.“

Sie wiegte den Kopf. Nett, dass Thore so dachte, aber hatte sie wirklich einen solchen Einfluss?

„Hast du eine Idee? Ein Basar bringt nicht genug. Es muss was Größeres sein. Etwas, das auch Leute aus Emden, Grootsiel und Rysum herlockt.“

„Das ist richtig“, antwortete Thore. „Du bist doch vom Fach. Schlaf eine Nacht darüber, und ich bin sicher, dass dir im Traum eine wunderbare Erleuchtung kommt. Manchmal hast du ja so was wie das Zweite Gesicht und kannst in die Zukunft schauen.“

„Blödmann.“ Antea knuffte ihn in die Seite.

Bevor Thore antworten konnte, ging sein Handy. „Rieke“, sagte er nur, als erklärte das alles.

Antea rollte mit den Augen. Ihrer Meinung nach sollte Thore sich endlich von dieser Frau lösen. Sie tat ihm nicht gut. Da gab es bestimmt andere, die ihren Freund glücklich machen könnten.

„Ja doch, ich komme sofort. Entspann dich, ich bin nur bei Antea!“, erklärte Thore. „Malzbier trinken.“

Er debattierte eine Weile hin und her, stand schließlich im Gespräch auf und kippte sich während einer Schimpftirade von Rieke den letzten Rest Bier in den Hals.

„Du musst los?“, fragte Antea. „Wenn du meine Meinung zu dem Thema hören willst …“

Thore winkte ab. „Du hast recht. Aber jetzt braucht sie mich. Ihr PC spinnt.“

„Wenn es nicht der PC ist, dann das Handy, ein anderes Mal glaubt sie, die Maus in der Scheune hat Flöhe. Mann, Thore, sie nutzt dich aus!“

Er zuckte mit den Schultern. „So langsam habe ich auch keinen Bock mehr. Ich werde sie gleich auf den PC-Doktor verweisen und mir allein einen schönen Abend machen.“

„Dein Wort in Gottes Ohr“, sagte Antea. Sie glaubte nicht daran, aber ihr Freund musste das schließlich selbst wissen.

Sie brachte Thore zur Tür und setzte sich an den Tisch.

Dort schrieb sie alles auf, was ihr durch den Kopf schoss, um an Geld für Johann zu kommen. Das meiste konnte sie gleich wieder durchstreichen, weil es unrealistisch war, zu aufwendig oder zu wenig bringen würde.

Am Ende blieb nur ein Wort auf ihrem Zettel und das lautete: Weihnachtsmarkt.

Weihnachtsmärkte zogen immer, und da kamen die Menschen in Scharen. Im Nachbardorf Grootsiel veranstalteten sie jährlich ein Riesenfest, es gab sogar eine beleuchtete Kutterfahrt. Okay, damit konnten sie in Himmelshusen nicht dienen, weil sie weder einen Hafen noch Kutter hatten. Aber es gab den kleinen Marktplatz mit der Wiese, wo jetzt der Piet stand. Himmelshusen war ein wunderschönes historisches Warfendorf. Jede Straße konnte miteinbezogen werden. Antea dachte an einen Kunsthandwerkermarkt, Nostalgie rund um die Kirche und das Museum in der Kornmühle. Man könnte die Flügel des Galerieholländers beleuchten, das wäre mindestens so schön wie der mit Lichtern geschmückte Kutter.

Antea schmunzelte, als sie daran dachte, wie hübsch sich leuchtende Sternchen in Piets Fischernetz machen würden. Endlich käme er zu ausreichender Beachtung, denn sie könnten den Weihnachtsmarkt den Pietmarkt nennen. Dann wäre auch der Bauunternehmer Wilko Lüttjemann mit im Boot, schließlich hatte er als Vorsitzender des Bürgervereins einen großen Anteil an der Existenz des neuen Himmelshuser Wahrzeichens. Aber der Name war doof.

„Wilko könnte die Buden zimmern und den Verein motivieren!“, sagte Antea zu sich. „Ich geh da jetzt hin. So spät ist es noch nicht, da kann ich ihm gleich auf den Zahn fühlen.“

Sie bedankte sich innerlich bei Thore für den Input und schlüpfte in ihre Jacke.

Felicitas Kind

Über Felicitas Kind

Biografie

Hinter Felicitas Kind verbergen sich die Autorinnen Gitta Edelmann und Regine Kölpin. Beide Schriftstellerinnen schreiben in verschiedenen Genres und haben sich auch als Schreibteam einen Namen gemacht. Mit einem ihrer Weihnachtskalender standen sie wochenlang auf der SPIEGEL-Bestsellerliste. Sie...

Pressestimmen
aebbies.buechertruhe

„Hier bekommt man einen sehr unterhaltsamen, humorvollen und romantischen Weihnachtsroman, geprägt von Zusammenhalt und Fürsorge!“

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