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Der Gesang des Maori

Der Gesang des Maori

Ein Neuseeland-Roman

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Der Gesang des Maori — Inhalt

Der große Traum vom Glück am anderen Ende der Welt in Neuseeland: Ein uraltes Geheimnis, das bis heute über Liebe und Hass, über das Schicksal vieler Menschen bestimmt - für alle Fans von Sarah Lark

Die Journalistin Katharina soll für ihre Zeitschrift eine Reportage über Neuseeland schreiben. Sie ist begeistert: Endlich kann sie ihre Freundin Sina wieder treffen, die mit ihrer Familie glücklich in Christchurch lebt. Doch kurz nach Katharinas Ankunft überschlagen sich die Ereignisse: Ein Erdbeben verwüstet die Stadt und Sinas kleine Tochter erkrankt schwer. Auf der Suche nach Hilfe begegnet Katharina einem jungen Mann, der sie auf Anhieb fasziniert – und der ein mysteriöses altes Lied singt, das Katharina nicht mehr aus dem Kopf geht. Auf ihrer Reise taucht sie tief ein in die Geschichte der Pazifikinsel und kommt einem uralten Geheimnis auf den Grund, das bis heute über Liebe und Hass, über das Schicksal vieler Menschen bestimmt …

€ 4,99 [D], € 4,99 [A]
Erschienen am 20.06.2018
416 Seiten, WMEPUB
EAN 978-3-492-98454-6

Leseprobe zu »Der Gesang des Maori«

Für Georg und die Maus

 

INDISCHER OZEAN, 1953

 

 

 

1.

 

Die Gluthitze der Kohle brannte heiß auf seinem Gesicht. Seine Arme fühlte er schon seit Stunden kaum noch, aber John schaufelte weiter die schwarzen Brocken in die gleißende Luke. Ein Nachlassen konnte er sich nicht leisten. Der Aufseher hatte sie alle im Auge. Er sah sofort, wenn einer der Arbeiter im immer gleichen Takt des Schaufelns langsamer wurde. Dann sparte er nicht mit Hieben auf den Rücken, die Beine und die Arme. Als ob die bei der pausenlosen Arbeit nicht ohnehin schon genug [...]

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Für Georg und die Maus

 

INDISCHER OZEAN, 1953

 

 

 

1.

 

Die Gluthitze der Kohle brannte heiß auf seinem Gesicht. Seine Arme fühlte er schon seit Stunden kaum noch, aber John schaufelte weiter die schwarzen Brocken in die gleißende Luke. Ein Nachlassen konnte er sich nicht leisten. Der Aufseher hatte sie alle im Auge. Er sah sofort, wenn einer der Arbeiter im immer gleichen Takt des Schaufelns langsamer wurde. Dann sparte er nicht mit Hieben auf den Rücken, die Beine und die Arme. Als ob die bei der pausenlosen Arbeit nicht ohnehin schon genug schmerzen würden. Der Krug mit dem Wasser war der einzige Luxus, der den Arbeitern auf der Pacific Maiden gestattet wurde. Kein Wunder, sonst würden sie bei der Arbeit im Funkenflug der Kohleglut innerhalb eines halben Tages zusammenbrechen.
Als John sich um diesen Job beworben hatte, war ihm klar, dass keine entspannte Überfahrt auf ihn wartete. Aber so hart hatte er es sich doch nicht vorgestellt. Kohle schaufeln – das klang nach schwerer Arbeit, und die hatte er in seinem Leben noch nie gescheut.Aber tatsächlich herrschte hier unten, bei den riesigen Maschinen im Bauch der Pacific Maiden, eine nahezu unerträgliche Hitze. Dazu kam ein Mangel an Sauerstoff, der für ständige Kopfschmerzen sorgte. Das unablässige Stampfen der großen Kolben machte alles noch schlimmer.
Die Schlafquartiere lagen nicht weit entfernt von den Maschinen. Die Männer ruhten dort dicht gedrängt auf den durchgelegenen Pritschen, die die Arbeiter der anderen Schicht erst kurz zuvor geräumt hatten. John hatte keine Ahnung, mit wem er seine Pritsche teilte – aber er schlief immer mit dem Schweiß des anderen in der Nase.
Ein schriller Pfiff beendete seine Schicht für diesen Tag. Oder war es Nacht? John hatte jedes Zeitgefühl verloren. Aber heute wollte er nicht einfach nur einen harten Kanten Brot essen und dann in einen tiefen Schlaf fallen – heute wollte er unbedingt einmal kurz an Deck gehen und seine Lunge mit frischer Luft füllen. Das hatte er sich eigentlich für jeden Abend vorgenommen, aber an den letzten Tagen hatte stets eine lähmende Müdigkeit gesiegt.
Erschöpft stieg er die vielen Stufen nach oben, es kam ihm vor, als ob er aus dem Schlund der Hölle allmählich wieder ans Licht gelangen würde. Eine letzte Stiege noch, dann schob er eine Metalltür auf und fand sich auf den sauber geputzten Planken des großen Dampfers wieder. Langsam ging er zur Reling.Tief unter ihm glitzerte der Indische Ozean, Plankton leuchtete in der Bugwelle auf und verlieh der Schiffswand einen nahezu magischen Glanz. Sie befanden sich irgendwo südlich von Indien. Nicht mehr lange, und sie würden den Suezkanal durchqueren. John würde davon wahrscheinlich kaum etwas mitbekommen, sondern wieder im Bauch des Schiffes festsitzen und Kohle schaufeln.
Neugierig sah er sich um. Das Schiff gehörte seinem Vater, wie alle Schiffe, die »Pacific« im Namen trugen. Er kannte seine Geschwindigkeit,seine Größe,sein schon reichlich hohes Alter – so wie er es von allen Schiffen der Pacific Shipping Company kannte.Wahrscheinlich war er sogar schon irgendwann einmal an Bord gewesen, hatte sich dem Kapitän vorgestellt und höflich gelächelt, als die Männer Witze über Erben und Nachfolge gemacht hatten. Johns Vater war noch rüstig,der würde sich noch einige Jahrzehnte lang die Zügel der Reederei nicht aus den Händen nehmen lassen – da war John sicher. Aber jetzt hatte er Abschied von diesem Leben genommen. Endgültig. Er war nur einer der Männer, die Kohle schaufelten – nicht mehr der Sohn des Besitzers. So hatte er es gewollt, als er sich als »John Miller« in die Liste eingetragen hatte.
Versonnen sah er in den Himmel hinauf. Es war Nacht, das Kreuz des Südens lag auf der Seite, knapp über dem Horizont. Nicht mehr lange, und er würde es nicht mehr sehen, das Gestirn, das während seiner ganzen Kindheit über seinen Schlaf gewacht hatte. Künftig wollte er ein Leben in Deutschland führen, bei seiner eigentlichen Familie. Neuseeland war Vergangenheit, nur eine Episode, die fast zwei Jahrzehnte gedauert hatte …
Die Tür hinter ihm quietschte leise, als sie noch einmal aufschwang. Das Geräusch eines Feuerzeugs, für Sekunden beleuchtete die Flamme ein dunkles Gesicht mit scharf geschwungener Nase, dann das Aufglimmen einer Zigarette und wieder Dunkelheit. Der kurze Moment hatte John gereicht, um den ersten Maat zu erkennen. Der direkte Vorgesetzte all der Matrosen, die für einfache Tätigkeiten wie Kohleschaufeln oder Kartoffelschälen an Bord waren. Leise seufzte John. Er hatte auf einen Moment Einsamkeit hier oben an Deck gehofft. Der war ihm wohl nicht vergönnt.
Der Maat stellte sich neben John, zog noch einmal an seiner Zigarette und schnippte die Asche in das Meer. Er sah ihr nachdenklich hinterher und meinte dann in beiläufigemTon: »Kann es sein, dass ich dich schon einmal gesehen habe?«
John zuckte mit den Achseln. »Wenn du auch aus Christchurch bist, kann das schon sein … so groß ist das ja nicht«, sagte er möglichst ruhig. Er konnte nur darauf hoffen, dass er nicht erkannt wurde.
Kopfschüttelnd erklärte der Maat: »Nein, das muss irgendwo an Bord gewesen sein, ich komme nur nicht mehr drauf. Du bist dir sicher, dass du noch nie irgendwo angeheuert hast?«
John lachte auf. »Ganz sicher. Ich will nur nach Hamburg, und das hier erschien mir eine gute Möglichkeit. Ich bin jung, ich bin stark – da sollte ich mir so eine Überfahrt wohl verdienen können.«
Wieder schnippte der Maat ein wenig Asche ins Meer. Für einen Moment herrschte Schweigen, und John nahm schon fast an, dass dieses Gespräch damit wohl beendet war. Dann fuhr der Maat plötzlich herum und hielt das brennende Feuerzeug direkt neben Johns Gesicht.
»Jetzt fällt es mir wieder ein. Das war mit Cavanagh, unserem feinen Herrn Reeder. Du bist hinter ihm hergeschlichen und hast zu allem immer nur genickt. Du bist sein Sohn!«
Abwehrend schüttelte John den Kopf. »Wo denkst du hin? Wäre ich der Sohn des Reeders, würde ich jetzt in der Offiziersmesse ein Glas kalten Wein trinken und danach in meine wunderbare Kajüte auf dem Oberdeck gehen. Ich würde ganz sicher nicht an den Maschinen stehen und Kohle schaufeln! Oder meine Pritsche mit einem stinkenden Kameraden teilen.«
Der Maat sah ihn mit zurückgelegtem Kopf an. »Es sei denn, du willst nicht, dass dein alter Herr dich findet.Wenn du heimlich nach Europa durchbrennst,dann kann es durchaus sein, dass du dafür ein paar Wochen Kohleschippen in Kauf nimmst, oder etwa nicht?«
»Und warum sollte ich abhauen?«, gab John zurück. »Als Erbe der Pacific Shipping Company hätte ich wohl kaum Grund zur Flucht, oder? Wenn du recht hast, dann muss ich es mir ja nur gut gehen lassen, bis der alte Cavanagh abkratzt.« Er schickte dem Satz ein verächtliches Schnauben hinterher, um deutlich zu machen, was für eine idiotische Idee der Maat da gehabt hatte. Heimlich machte sich allerdings ein wenig Furcht in ihm breit.Was, wenn die Mannschaft des Schiffes ihre Chance für ein bisschen billige Rache an dem unbeliebten Reeder sah? Er sah die niedrige Reling plötzlich mit anderen Augen.Wie schnell konnte man einen Menschen in das Meer stürzen – und wie lange würde man wohl den kleiner werdenden Positionslichtern des großen Frachters hinterhersehen, bevor man endgültig in den Tiefen des Ozeans versank?
Der Maat ließ sich jetzt nicht mehr von seiner Idee abbringen. »Doch, du bist dieser John. Hast damals die ganze Zeit ein Gesicht aufgesetzt, als ob du etwas Besseres wärst. Dabei hattest du sicher keine Ahnung, was dein alter Herr von uns verlangt.Wer weiß, vielleicht hat er dich ja zu uns geschickt, damit du schaust, wie man uns noch besser ausnehmen kann.Wen interessiert es schon, dass alle Männer in den Maschinenräumen irgendwann das reine Blut kotzen? DeinVater stellt nicht so schnell auf Diesel um,der nicht.Solange es noch Kohle in Neuseeland gibt, so lange lässt er seine Schiffe noch damit fahren!«
John hob abwehrend die Hände. »Ich habe wirklich keine Ahnung, von was du da redest! Ich will einfach nur nach Hamburg …«
Mit einer brüsken Bewegung riss der Maat die Tür zu der steilen Stiege auf und rief in das Dunkel. »McTaggart? Bist du da? Komm doch mal hoch, und schau dir an, was ich hier gefunden habe!«
Augenblicke später betrat ein großer Mann das Deck. Offensichtlich ein Maori-Mischling mit dunklen Augen, muskelbepackten Oberarmen und gut einen Kopf größer als John. Er hatte ihn schon einige Male vor den Öfen gesehen, wenn er scheinbar völlig mühelos Kohle schippte. Jetzt musterte ihn dieser Mann nur einen kurzen Augenblick und nickte dann. »Das ist er, du hattest doch recht. Ich habe ihn in all dem Dreck überhaupt nicht erkannt. DerTyp ist hinter dem alten Cavanagh hergelaufen und sah aus wie einer dieser Privatschüler, denen irgendwann einmal die ganze Welt gehört.« Er dachte einen kurzen Moment nach, bevor er die naheliegende Frage stellte. »Was macht so einer denn hier bei uns?«
Der Maat zog wieder an seiner Zigarette. »Uns ausspionieren. Oder von Papa weglaufen, weil er auf das große Abenteuer hofft. Du weißt doch … Hamburg und die Reeperbahn!« Sie brachen in Gelächter aus. »Das wird es wohl sein. Sollen wir dem Kapitän melden, welch kostbare Fracht er da an Bord genommen hat? Was meinst du?«
Unwillkürlich riss John die Augen auf und schüttelte den Kopf. Ein Fehler, wie ihm im selben Moment klar wurde. Damit hatte er seine Identität preisgegeben. Der Maat trat einen Schritt näher und packte John mit dreckiger Pranke an seinem mit Kohlestaub verschmierten Kragen.
»Der Kapitän soll also nichts erfahren, richtig? Ich hab zwar keine Ahnung, warum, aber auf keinen Fall soll er mitkriegen, wen wir da unter uns haben? Du würdest nie zu ihm laufen und ihm sagen, was du für uns tun musst …« Die beiden Männer sahen sich an und brachen in derbes Gelächter aus.
Ohne Vorwarnung holte McTaggart mit einem Bein aus und trat John in die Kniekehle. Die Stiefel waren aus schwerem Leder mit kräftigen Stahlkappen. Der Schmerz fuhr wie ein Blitz durch Johns Bein, er ging in die Knie. Sofort landete die gleiche Stiefelspitze in seiner Magengrube. John schnappte nach Luft. »Was soll …«, wollte er noch protestieren, als ein Faustschlag seine Lippe platzen ließ. Er krümmte sich am Boden zusammen wie ein Neugeborenes, aber nichts konnte ihn vor den Schlägen und der Wut der beiden Matrosen schützen. Sie hatten ihre Chance, sich an dem Reeder zu rächen, und sie taten es. Gründlich.Wen interessierte es da, dass sie nicht George Cavanagh erwischten, sondern nur seinen Sohn? Irgendwann verlor John das Bewusstsein, gnädige Dunkelheit senkte sich über ihn. Er bemerkte weder, dass die beiden von ihm abließen, noch hörte er ihr höhnisches Gelächter.
Als er wieder zu sich kam, zeigte sich am Horizont schon die erste Dämmerung. John öffnete stöhnend seine zugeschwollenen Augen und bewegte vorsichtig das eine Bein, dann das andere. Es schien nichts gebrochen zu sein. Langsam setzte er sich auf. Es gab keinen Quadratzentimeter seines Körpers, der nicht heftig schmerzte. Auf seinem Hemd zeichneten sich Blutflecken ab. Er war froh, dass er die Haut darunter nicht sehen musste – es fühlte sich an, als ob das rohe Fleisch direkt unter dem Stoff läge. Unendlich langsam erhob er sich und stützte sich auf die Reling. Immerhin hatten die beiden Männer ihn nicht über Bord geworfen. Obwohl ihn das vielleicht vor viel Schmerzen bewahrt hätte. John zog eine Grimasse. Diese paar Wochen würde er schon durchstehen. Und in Hamburg würde sowieso alles anders werden. Er nahm einen tiefen Atemzug der frischen Luft, ließ seinen Blick noch einmal über den fernen Horizont streifen und drehte sich dann um.
Als er die leicht quietschende Tür aufschob, zögerte er einen Moment. Da unten wartete die Hölle mit McTaggart und dem Maat als Teufel und Beelzebub auf ihn. Aber an eine Flucht war auf so einem Schiff nicht zu denken.Es blieb ihm keine Wahl, das musste er aushalten. Als die Tür hinter ihm zufiel, klang es in seinen Ohren wie die Tür eines Kerkers.

 

»Na los, du Muttersöhnchen, beweg dich!«
Im Halbdunkel des Mannschaftsraumes beugte sich der dunkelhaarige Maat mit seinem schlechten Atem über John. Um den Worten den nötigen Nachdruck zu verleihen, rammte er ihm auch noch ein Knie in die Seite. Überflüssig, denn John saß längst auf der Kante seiner schmalen Pritsche und erhob sich. Mit einem Griff nahm er sein Hemd, das schon lange nicht mehr weiß war, zog es sich über den Kopf – mit den Knöpfen vertat man nur wertvolle Zeit – und verließ, so schnell es ging, die Mannschaftskabine. Nicht schnell genug für den Mann, der ihn geweckt hatte. Der hatte einen Wischmopp mit langem Stiel in der Hand und schlug John damit immer wieder gegen die Beine.Er machte sich einen Spaß daraus, so oft und so hart wie möglich zu treffen. John senkte den Kopf. Seitdem er vor ein paar Tagen auf Deck verprügelt worden war, ließen der Maat und sein Kumpel keinen Tag von ihm ab. Die Platzwunden und blauen Flecken dieser ersten »Lehrstunde« konnten kaum verheilen.
»Etwas schneller, wenn ich bitten darf ! Dein Vater zahlt uns nicht fürs Sternezählen. Das Schiff muss sauber sein – und wir müssen schnell ankommen. Jetzt musst du eben daran mitarbeiten, dass wir beides schaffen. Deine Aufgabe heute findest du in der Latrine. Sogar unsere härtesten Matrosen beschweren sich über den Geruch, da wird es höchste Zeit, dass sich so ein feines Bürschchen wie du darum kümmert!«
Damit drückte er John den Wischmopp in die Hand, deutete auf einen Eimer, der auf dem Boden stand, und verschwand wieder entlang des nur spärlich erleuchteten Ganges.
John gähnte und streckte sich vorsichtig, soweit es seine schmerzenden Rippen eben zuließen. Es war irgendwann am frühen Morgen,das Schiff bewegte sich inzwischen westlich von Indien, nicht weit entfernt vom Horn von Afrika. Es würden noch Wochen vergehen, bevor sie endlich in Hamburg anlegen würden. In den Gängen herrschte eine drückende Hitze. Als John die Tür zur Latrine aufschob, kam ihm ein Schwall übel riechender Luft entgegen. Für eine Sekunde spürte er, wie sein Magen rebellierte. Tiefes Durchatmen half in diesem Fall nicht weiter – und er konnte wohl kaum die ganze Zeit die Luft anhalten. Er musste die Zähne zusammenbeißen und an bessere Tage denken.
Er füllte den Eimer mit Wasser, gab ein wenig krümelige Kernseife dazu und machte sich an das eine Waschbecken, das unter dem halb blinden Spiegel hing.Während er an den Armaturen rieb und versuchte, wenigstens den gröbsten Dreck zu entfernen, sah er sein eigenes Gesicht in dem blank polierten Metallstück, das den Männern als Spiegel dienen sollte. Das blonde Haar mit dem eigentümlichen Goldton hing ihm strähnig in die Stirn. Seine Augen mit dem auffallend hellen Grün – oder war es doch ein Meerblau? – sahen ihn nur noch müde an. Unter den hohen Backenknochen die eingefallenenWangen, tiefe Augenringe und aufgerissene Lippen – die Fahrt hatte ihre Spuren in seinem Gesicht hinterlassen. Seine Nase war geschwollen und saß ein wenig schief, offensichtlich war sie ihm vor ein paar Tagen gebrochen worden. Er hatte geahnt, dass sein Vater in seiner Reederei die Reichtümer nicht mit Nettigkeiten verdiente. Aber so schlimm hatte er sich die drückende Hitze bei den langen Fahrten durch tropische Gewässer nicht vorgestellt. Oder den Gestank, der unter Deck herrschte, wenn Dutzende von ungewaschenen, verschwitzten Männern auf engstem Raum zusammenleben mussten. Oder die groben Witze, mit denen sie sich grölend unterhielten, wenn ihre Schicht vorbei war und sie sich mit einem lauwarmen Bier bei Laune zu halten versuchten. Oder zu betäuben.
John tauchte seinenWischmopp in dasWasser und machte sich an den Boden, auf dem eine trübe Brühe hin und her schwappte. Ob seine Mannschaftskameraden nicht einmal mehr versuchten, die aufgestellten Eimer zu treffen? Er trug sie einzeln ans Oberdeck und versuchte, dabei möglichst wenig von der stinkenden Brühe auf seine Hosen zu kippen. Aber der Seegang war zu heftig, immer wieder traf ihn ein Spritzer. In seinem Mund machte sich ein säuerlicher Geschmack breit, als er endlich den letzten Eimer zurück an seinen Platz stellte und sich wieder über den Schmutz auf dem Boden hermachte. Es schien eine Ewigkeit zu vergehen, bis er allmählich den Boden erkennen konnte. Gerade, als er den letzten Tropfen der Dreckbrühe aus dem Mopp auswrang, schwang die Tür auf. Der Mann, der ihn geweckt hatte, marschierte mit prüfendem Blick herein.
»Schon fertig?«
John nickte. Der Maat wollte keinerlei Erklärungen und wurde aggressiv, wenn man ihm etwas sagen wollte. Doch dieses Mal lächelte ihn der Mann nur mit seinen fauligen Zähnen an, nestelte am Reißverschluss seiner Hose herum und holte sein Geschlechtsteil heraus. John starrte auf den Boden. Im hohen Bogen urinierte der Maat auf den Boden. Er wollte nicht einmal in die Nähe der Eimer treffen, er zielte vielmehr auf Johns Füße. Der machte unwillkürlich einen Schritt zur Seite.
»Habe ich dir erlaubt, wegzutreten, Matrose?«, schrie der Maat, ohne mit seinem Tun aufzuhören.
John erstarrte. Diese Fahrt hatte sich zu einem Albtraum entwickelt und wurde seit seiner Enttarnung auf dem Deck von vielen Monstern begleitet. Dieser Maat war jedoch einer der Gefährlichsten.Wenn man ihm widersprach oder nicht tat, was er wollte, dann schlug er schnell und hart zu. Offensichtlich stellte er sich dabei immer vor, dass er Johns Vater schlug. George Cavanagh, den Besitzer der großen Pacific Shipping Company. Ein Reeder, der im letzten Krieg zu Reichtum gekommen war und jetzt alles daransetzte, diesen Reichtum auch zu behalten.
John nahm den abgegriffenen, klebrigen Holzstiel seines Mopps fester in die Hand und senkte den Kopf. Der Maat pinkelte ihm jetzt einfach auf die Schuhe, tat nicht einmal mehr so, als ob es aus Versehen geschähe.
Irgendwann war auch die größte Blase entleert. Mit einer abschätzigen Geste deutete der Maat auf den Boden.
»Das nennst du sauber? Das ist ja noch nicht einmal annähernd das, was ich meinen Matrosen zumuten möchte. Wenn du nicht mit dem Mopp umgehen kannst, dann musst du eben auf die Knie, um den Boden richtig sauber zu kriegen!«
Er nahm einen dreckigen Lappen, der über einem rostigen Rohr hing, und warf ihn vor Johns Füßen auf den Boden.
»Mach sauber.Wenn du hier fertig bist, dann muss sogar der Kapitän von dem Boden dieser Latrine essen können, klar?«
Langsam ließ John sich auf die Knie nieder. Er spürte, wie die Nässe durch den schweren Stoff seiner Arbeitshose drang und seine Haut anfeuchtete.Wieder schluckte er den sauren Geschmack in seinem Mund herunter. Dieser Maat hatte keine Macht über ihn. Nicht wirklich. Nicht über seine Seele. John konzentrierte sich auf sein großes Ziel. Er wollte in Hamburg von Bord gehen und ein neues Leben anfangen. Er griff nach dem Lappen und fing an, ein zweites Mal an diesem Morgen den Boden zu wischen.

 

Als er wenig später in den Mannschaftsraum ging, um ein wenig zu essen zu holen, rückten sogar die freundlichsten der Matrosen zur Seite. »Was hast du nur angestellt, dass er dich so hasst?«, murmelte einer der älteren Männer, bevor er seinen Teller nahm und sich lieber einen Tisch weiter setzte. »Und sei nicht böse, Junge, aber du stinkst einfach bis zum Himmel. Das ist sogar für mich zu viel.«
John fing an, möglichst schnell den klebrigen Haferbrei in sich hineinzuschaufeln. Keine Ahnung, wann McTaggart oder der Maat wiederauftauchten, aber dann war seine Essenspause mit Sicherheit beendet. Dazu ein paar Schlucke lauwarmes Wasser – und dann möglichst schnell wieder an die großen Kessel und weiter Kohle schaufeln. Fast freute er sich auf die harte Schicht. In dieser Zeit ließen ihn seine Peiniger wenigstens in Ruhe.
Stunden später sank er auf seine Pritsche. Das Schnarchen der anderen Männer in dem engen, heißen Raum – und seine angebrochenen Rippen – sorgten dafür, dass er trotz seiner Müdigkeit nicht mehr einschlafen konnte. Wach lag er auf dem Rücken und starrte in die Dunkelheit. Seine Gedanken wanderten zurück zu dem Tag, an dem er beschlossen hatte, eines Tages aus Neuseeland zu fliehen …

 

Es war einer dieser sonnendurchfluteten Tage gewesen, wie es sie nur in Neuseeland gab. Das Haus seinesVaters lag hoch über dem Pazifik, vom leicht abfallenden Garten konnte man das türkisfarbene Meer mit den kleinen Schaumkrönchen sehen. Darüber der dunkelblaue Himmel, den keine einzige Wolke verunzierte. Es waren nur noch wenige Tage bis Weihnachten, 1944 würde schon bald zu Ende gehen.
John hatte es sich auf der Terrasse bequem gemacht und saß über seinen Hausaufgaben, als sein Vater plötzlich auftauchte. Er hatte völlig gegen seine Gewohnheiten eine Bierflasche in der Hand und sah aus seinen dunklen Augen düster in den wunderbaren Sommertag. John erinnerte sich noch genau, dass er in diesem Moment eine erste silberne Strähne im dichten, schwarzen Haarschopf seinesVaters entdeckt hatte. Das turbulente Leben und der Krieg waren auch an ihm nicht einfach vorübergegangen. Mit langen Zügen leerte George Cavanagh seine Flasche und schleuderte sie schließlich in hohem Bogen in seinen Garten. Er konnte sicher sein, dass einer der Maori-Gärtner die Flasche später aufheben und wegwerfen würde. John wollte sich schon wieder seinen Büchern zuwenden, als sein Vater lospolterte.
»Frieden! Alle reden von Frieden.Als ob das etwas besonders Gutes wäre. Meine Umsätze werden einbrechen, bloß weil plötzlich alle Händchen halten wollen und friedlich in den Sonnenuntergang ziehen. Dieser Hitler hält nicht durch, das wird langsam klar.« George Cavanagh ließ dieser Äußerung ein verächtliches Schnauben folgen.»Die letzten Nachrichten aus Europa haben es gerade bestätigt: Deutschland liegt am Boden. Schon im Frühling wird wieder Frieden herrschen …« Bei ihm klang das wie die Ankündigung einer Katastrophe.
»Aber das ist doch eine gute Sache!«, erklärte John unbefangen. »Die Soldaten kommen endlich nach Hause. Der Vater von Rose ist schon seit drei Jahren in Europa …«
Er kam nicht dazu, den Satz zu beenden. Sein Vater, der ihn bis zu diesem Moment noch nicht einmal bemerkt hatte, fuhr herum und funkelte ihn an. »Was interessiert mich der Vater von dieser Rose? Oder irgendjemand, der in diesem Krieg ist? Es geht darum, dass unsere Reederei Kohle nach Europa fährt. Das lohnt sich nur, wenn die Stahlwerke alle auf Hochtouren laufen, damit immer neue Kugeln, Panzer und Kanonen für den Krieg entstehen. Du magst es, wenn du dir keine Sorgen ums Geld machen musst? Dann bete dafür, dass dieser Krieg ewig dauert!«
Er sah seinen Sohn auffordernd an und erwartete offensichtlich eine einsichtige Antwort. Das wäre wohl auch die einfachste Lösung gewesen. Aber John hatte damals noch nicht gelernt, wann es besser war, einfach den Kopf zu senken, zu schweigen und sich seinen Teil zu denken. Er war noch zu unerfahren mit dem Zorn und derWut von George Cavanagh. Er war noch keine elf Jahre alt.
»Wir können doch auch andere Sachen nach Europa bringen. Wolle oder Früchte, vielleicht sogar Fleisch …«, schlug er vor. »Vielleicht werden wir damit nicht ganz so reich wie jetzt, aber wir leben in einer besseren Welt. Meine Lehrerin sagt immer, dass Krieg nur etwas für Menschen ist, die zu dumm sind, um den Frieden zu bewahren.«
»Dann zeigt sie nur, dass die Dummen einfach nicht aussterben. Und du bist der lebende Beweis dafür, dass sich die schlechten Eigenschaften eines Menschen am besten vererben. Deine Mutter träumte auch von einer besseren Welt. Hat ihr auch nichts gebracht. Im Gegenteil …«
In diesem Moment hörten sie aus der offen stehenden Terrassentür des Wohnhauses einen ohrenbetäubenden Lärm. George Cavanagh drehte auf dem Absatz um, rannte die wenigen Schritte zum Haus und verschwand durch die Tür. John lief ihm hinterher, eher neugierig als beunruhigt. Was sollte schon groß passiert sein?
Als er das große Wohnzimmer hinter der weit aufstehenden Terrassentür sah, bemerkte er als Erstes seinen kleinen Bruder.Ewan saß wie ein Häufchen Elend neben einem leeren Podest,Tränen liefen aus seinen dunklen Augen, die so sehr denen seines Vaters ähnelten. Neben ihm lagen Dutzende von Eisen- und Holzteilchen. Ein wirres Mikado, aus dem sogar zerbrochene Teile ragten. John Cavanagh stand daneben und sah sich das Durcheinander an. Offensichtlich rang er noch nach angemessenen Worten für seinen Zorn. Als ihm nichts Passendes einfiel, hob er seine Hand und hieb den kleinen Ewan mit aller Kraft in die Rippen. Der fiel unter der Wucht des Aufpralls einfach um, blieb liegen und wisperte: »Entschuldigung, ich habe das nicht gewollt. Ein Schmetterling hat sich auf die Reling gesetzt, den wollte ich fangen. Dabei ist das Schiff einfach heruntergefallen. Verzeih, Vater, verzeih.«
Die Reue des Achtjährigen schien den Reeder nicht zu beruhigen. »Hast du eine Ahnung, was du da achtlos heruntergeworfen hast? Das ist ein Modell der Pacific Miriam! Mein erstes Schiff, die Grundlage unserer Reederei, benannt nach deiner Mutter! Hast du denn vor nichts und niemand Achtung, du kleiner Wurm?«

Über Emma Temple

Biografie

Emma Temple ist das Pseudonym der deutschen Autorin Katrin Tempel. Sie wurde 1967 in Düsseldorf geboren und wuchs in München auf. Während ihres Studiums der Geschichte und der Politik entdeckte sie ihre Liebe zu Neuseeland und verbrachte ein Jahr auf einer Farm in der Nähe von Christchurch – ein...

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