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Coq Rouge

Coq Rouge

Thriller

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Coq Rouge — Inhalt

Graf Hamilton alias »Coq Rouge« ist Millionär aus adeligem Hause, überzeugter Linker und erfahrener Spionage-Profi. Er ist schnell, intelligent - und bei den Frauen begehrt. Sein erster Auftrag führt Hamilton quer durch Skandinavien bis in den Nahen Osten. Dort gerät er nicht nur zwischen die politischen Fronten, sondern auch zwischen zwei Frauen: Die eine steht in Diensten der Palästinenser, die andere auf Seiten der israelischen Regierung. Mit seiner »Coq Rouge«-Serie avancierte Jan Guillou zu einem der meistgelesenen Thriller-Autoren Schwedens. Seine Bücher wurden in zahlreiche Sprachen übersetzt und erfolgreich verfilmt.

€ 4,99 [D], € 4,99 [A]
Erschienen am 10.12.2013
Übersetzer: Hans Joachim Maass
448 Seiten, WMEPUB
ISBN 978-3-492-98023-4

Leseprobe zu »Coq Rouge«

Leseprobe

1

Das Geschoß war durch das rechte Brillenglas des Opfers in den Kopf gedrungen, hatte das Auge durchschlagen, den oberen Teil des Stammhirns durchquert und sich dann beim Aufprall auf den Schädelknochen des Hinterkopfes gedreht. Daher gab es kein gewöhnliches Austrittsloch, sondern einen Krater im Hinterkopf, und die Druckwelle hatte etwa ein Drittel der Gehirnsubstanz hinausgepreßt.

Die starke Verunreinigung des Brillengestells durch Ruß- und Korditreste deutete darauf hin, daß der Schuß aus einer Entfernung von weniger als zwanzig [...]

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Leseprobe

1

Das Geschoß war durch das rechte Brillenglas des Opfers in den Kopf gedrungen, hatte das Auge durchschlagen, den oberen Teil des Stammhirns durchquert und sich dann beim Aufprall auf den Schädelknochen des Hinterkopfes gedreht. Daher gab es kein gewöhnliches Austrittsloch, sondern einen Krater im Hinterkopf, und die Druckwelle hatte etwa ein Drittel der Gehirnsubstanz hinausgepreßt.

Die starke Verunreinigung des Brillengestells durch Ruß- und Korditreste deutete darauf hin, daß der Schuß aus einer Entfernung von weniger als zwanzig Zentimetern abgefeuert worden war. Es gab keinerlei Spuren eines Kampfes.

Schon der bloße Tathergang hätte genügt, um sofort umfassende polizeiliche Ermittlungen in Gang zu setzen. Aber dies war in jeder Hinsicht ein Mord, der weit über das Alltägliche hinausging.

Die meisten Morde, die sich in Schweden ereignen, knapp zehn im Monat, sind triste Geschichten, die in der eigentlichen Bedeutung des Wortes nicht aufgeklärt werden müssen, weil Täter und Opfer sich kennen und sich in betrunkenem Zustand entweder totschlagen oder einander mehr oder weniger versehentlich erstechen; oder aber ein Ehemann ist der Meinung, sein Leben sei zu Ende, weshalb er seine Frau und schlimmstenfalls auch seine Kinder ermorden müsse. Dann packt ihn die Reue in dem Augenblick, in dem er Selbstmord begehen will; diese Mörder stellen sich selbst oder werden in der Regel betrunken am Tatort oder ganz in dessen Nähe festgenommen. Sie sind verwirrt und von tiefer Reue erfüllt. In gut der Hälfte aller Fälle kommt man zu der Ansicht, sie litten an einer psychischen Abnormität, die einer Geisteskrankheit gleichzustellen sei, was einen kürzeren oder längeren Aufenthalt in einer sogenannten geschlossenen psychiatrischen Anstalt nach sich zieht.

Die meisten schwedischen Mörder werden im Lauf eines Jahres von dieser Therapie befreit, wobei die Dauer der Therapie gewöhnlich mit der gesellschaftlichen Stellung des Mörders zusammenhängt. Bei Minderbemittelten ist man so gut wie ausnahmslos der Ansicht, daß sie einen längeren Anstaltsaufenthalt benötigen als Wohlhabende. All dies geschieht mit dem stillen Einverständnis der Gesellschaft, und außerhalb des Bezirkes, in dem der Mord begangen wurde, wird die Angelegenheit nie Aufsehen erregen.

In diesem Fall jedoch war alles anders, ausgenommen vielleicht der Tod selbst. Aber genau besehen war diesmal auch der Tod anders, da er sofort eingetreten war.

Der Mord hatte zwischen sieben Uhr morgens, dem ungefähren Zeitpunkt, an dem das Opfer seine Wohnung verlassen hatte, und acht Uhr morgens stattgefunden, als man den Mann in seinem Dienstwagen an Manillavägen auf Djurgården fand, dreihundertvierzig Meter von der Brücke an Djurgårdsbrunns Värdshus entfernt. Der Ermordete hatte die Villa in Bromma demnach wie gewöhnlich verlassen und sich in seinen Wagen gesetzt. Daraufhin war er in die Stadt gefahren, hatte irgendwo den Mörder aufgelesen, und dann hatte die anschließende Autofahrt irgendwo auf Djurgården ihr Ende gefunden.

Die Mordwaffe lag noch im Auto, im Seitenfach der Tür neben dem Beifahrersitz. Der Mörder war nach dem Schuß noch sitzengeblieben, vielleicht um Fingerabdrücke oder andere Spuren zu entfernen. Dann hatte er die Waffe in das Seitenfach der Tür gesteckt, war ausgestiegen und weggegangen. Der Waffentyp war in der schwedischen Kriminalgeschichte noch nie aufgetaucht. Es war eine 7,62 mm Tokarew m/59 mit einem achtschüssigen Magazin, eine Standardwaffe der Roten Armee.

Der Reichspolizeichef erhielt die Nachricht, als er fünf Minuten nach neun in seinem Wagen zum Flughafen Arlanda unterwegs war. Bei der nächsten Abfahrt befahl er dem Fahrer umzukehren und fuhr mit Blaulicht in die Stadt zurück. Punkt zehn Uhr hatte er eine ansehnliche Zahl seiner untergebenen Abteilungsleiter zu einer Konferenz versammelt.

Von den in diesem Zusammenhang selbstverständlichen Teilnehmern abgesehen, den Leitern der Dezernate Gewaltverbrechen und Fahndung, war noch eine Gruppe anwesend, die nur selten in Mordermittlungen eingeschaltet wird. Ihre Anwesenheit war jedoch durchaus begreiflich, denn der Mann, der am Morgen ermordet worden war, war einer ihrer Kollegen aus der sogenannten »Firma«.

Axel Folkesson war stellvertretender Polizeipräsident in der Sicherheitsabteilung der Reichspolizeidirektion gewesen. Weniger formell könnte man sagen, daß er ein hoher Beamter der Sicherheitspolizei war, und wenn man das Ganze noch weiter verdeutlichen will – was die Abendzeitungen ohne Zweifel schon am selben Nachmittag tun würden –, läßt sich kurz sagen, daß der Mann, der die höchste operative Verantwortung für die Terroristenbekämpfung der schwedischen Sicherheitspolizei hatte, von einem Terroristen ermordet worden war.

Die Schlußfolgerung lag, gelinde gesagt, auf der Hand.

Wer einen hohen Sicherheitsbeamten in dessen eigenem Wagen erschießt, handelt vollkommen überlegt und muß sich der nachfolgenden Großfahndung wohl bewußt sein. Der merkwürdige Umstand, daß der Mörder die ungewöhnliche Waffe am Tatort zurückgelassen und sie überdies in die Seitentasche der Autotür gesteckt hatte, statt sie beispielsweise dem Opfer in die Hand zu legen, um wenigstens eine Zeitlang Unsicherheit um die Frage eines eventuellen Selbstmords zu schaffen, ließ zwei Deutungen zu.

Erstens mußte sich der Mörder vollkommen sicher sein, daß es unmöglich sein würde, die Tatwaffe mit ihm oder seiner Organisation in Verbindung zu bringen, und daß weder Waffe noch Tatort Fingerabdrücke oder andere Spuren aufwiesen. Zweitens mußte der Täter einiges über Polizeiarbeit wissen; da er sich nicht einmal die Mühe gemacht hatte, einen Selbstmord vorzutäuschen. Als er die Pistole in die Seitentasche steckte, war das eher so etwas wie ein arroganter Gruß an die künftigen Verfolger.

Die meisten Täter in der Haut des Mörders hätten die Waffe beim Verlassen des Tatorts mitgenommen. Ein Mörder dieser Art will nicht gefaßt werden. Wird er von irgendeinem zufällig auftauchenden Polizeibeamten oder einem Zeugen mit staatsbürgerlicher Verantwortung verfolgt, schießt er, um den Verfolger abzuschrecken oder um eventuell ein zweites Mal zu töten.

Kommt es zu keinem unerwarteten Zwischenfall, hätte er in diesem Fall die Waffe in den Djurgårdsbrunnskanal geworfen und wäre dann ohne auffällige Eile vom Tatort wegspaziert.

Dieser Mörder aber hatte entweder noch eine Waffe bei sich, oder er war erfahren genug, um einzusehen, daß es zwar keinen Zeugen für den Mord im Wagen geben konnte, daß es aber sehr wohl einen zufälligen und überflüssigen Zeugen geben könnte, wenn er die Waffe in den Djurgårdsbrunnskanal werfen würde.

Schon vor Beginn der technischen Untersuchungen waren die Polizeibeamten überzeugt, daß man es mit einer Person oder einer Gruppe zu tun hatte, die höchst professionell vorging.

Das alles erforderte sofortige Entscheidungen. Erstens erhöhte Wachsamkeit an den Grenzübergängen. Zweitens mußten die Kollegen von der Reichsmordkommission diesem Fall vor allen anderen Vorrang einräumen. Drittens sollte jede Information nach draußen, also den Massenmedien gegenüber, über ein oder zwei besonders abgestellte Beamte laufen, die aus der Abteilung Öffentlichkeitsarbeit bei der Reichspolizei kamen und dem Reichspolizeichef direkt unterstellt wurden.

Einerseits war es von höchster Bedeutung, von der Öffentlichkeit und eventuellen Zeugen Informationen und Hinweise zu erhalten. Aus diesem Grund war eine gewisse Publizität nötig.

Andererseits ließ sich leicht einsehen, daß der Druck der Massenmedien ungewöhnlich stark sein würde und daß die Besonderheit des Verbrechens zu Spekulationen führen würde.

Diese letzte Schlußfolgerung war eine so komische Untertreibung, daß die Beamten an diesem Tag zum erstenmal und für lange Zeit zum letztenmal lachten.

Viertens würde man zwei parallel arbeitende Fahndungsgruppen einrichten. Die beteiligten Abteilungen der »offenen« Polizeiarbeit würden wie gewohnt ihrer Arbeit nachgehen. Innerhalb der Sicherheitsabteilung würde man jedoch eine eigene Fahndungsgruppe einrichten, die in erster Linie nach dem Motiv zu dem Verbrechen suchen sollte. Da aber durchaus vorstellbar war, daß die Angelegenheit die Sicherheit des Reiches oder das Verhältnis zu einer fremden Macht berühren konnte, sollte die Kommunikation zwischen den beiden Fahndungsgruppen über den Chef von Abteilung B der Sicherheitsabteilung laufen. Grundsätzlich sollten alle Informationen aus der offenen Polizeiarbeit den Kollegen von der Sicherheitsabteilung so schnell wie möglich zugestellt werden. Die Fahndungsergebnisse jedoch, die eventuell bei der Sicherheitsabteilung einliefen, durften nicht an die Kollegen von der offenen Arbeit weitergeleitet werden, ohne daß sie zuvor der Sektionschef von Büro B oder notfalls der Reichspolizeichef persönlich gefiltert hatten.

Bevor der Reichspolizeichef zu Vier-Augen-Gesprächen mit den Chefs der Sicherheitsabteilung überging, fragte er, ob er noch irgendwelche Fragen beantworten könne. Es saßen rund zehn Männer im Raum. Ihr Durchschnittsalter lag um die Fünfzig, und ihre kumulierte Erfahrung in der Polizeiarbeit betrug sicher mehr als ein Vierteljahrtausend. Die meisten Fragen, die sie gern gestellt hätten, die aber niemand stellte, galten einer einzigen Sache: und zwar den beiden parallellaufenden Ermittlungen, wobei die eine Abteilung, nämlich die der Sicherheitsabteilung, der Arbeit der regulären Polizei irgendwie übergeordnet sein sollte.

Das würde Krach geben, das war allen klar. Die Gegensätze zwischen den beiden Gruppen bezogen sich auch schon in gewöhnlichen Fällen auf etwas, was die Sicherheitsleute bei den Kollegen von der offenen Arbeit als Mangel an Gesellschaftskunde und was diese Polizeibeamten wiederum voller Überlegenheit als den vollständigen Mangel seitens der Sicherheitsleute an normaler Polizeierfahrung betrachteten. Und jetzt, wo es galt, möglichst rasch einen Polizistenmörder zu finden, würden diese Gegensätze schnell eskalieren.

Der einzige, der Fragen hatte, war ein Vertreter der Abteilung Information von der obersten Polizeiführung. Er war als Liberaler bekannt, rauchte teure englische Pfeifen mit eigentümlichem Design und hatte überdies in Büro A der Sicherheitsabteilung gedient (wo er mit größter Wahrscheinlichkeit der einzige Liberale gewesen war). Dort war er mit der Begründung ausgestiegen, er fühle sich aufgrund seiner demokratischen Überzeugung als Sicherheitsmann nicht wohl. Er trug außerdem einen Cordanzug, sorgfältig gebügelt zwar, aber immerhin einen Cordanzug.

»Also, wenn es um die Information nach draußen geht, stellt sich ja sofort die Frage, was wir über Folkessons Arbeitsgebiet sagen sollen, ob wir bekanntgeben sollen, welche Art Mordwaffe verwendet worden ist … Ich meine, es war ja eine russische Waffe? Und dann die üblichen Fragen, ob wir Hinweise oder Spuren haben, ob wir etwas über Motive und derlei des Mörders wissen oder zu glauben meinen?«

Die Polizeibeamten um den ovalen, gemaserten Birkentisch hatten sich schon erhoben und scharrten mit den Stühlen. Ihre Erfahrung war mehr als ausreichend, um ihnen zu sagen, daß diese Fragen völlig überflüssig waren. All das, was hier aufgezählt worden war, würde schon am selben Nachmittag mehr oder weniger wahr und mehr oder weniger intelligent in den Zeitungen stehen. Hinzu kam noch, daß von allen Anwesenden gerade der Mann mit dem Cordanzug und der englischen Pfeife in der nächsten Zeit am allerwenigsten von Journalisten belästigt werden würde.

Und genau wie schon vermutet, schilderten die Massenmedien an diesem Tag Verbrechen und Motiv sehr viel deutlicher und schärfer, als es einer der Männer am Konferenztisch des Reichspolizeichefs hätte tun können; nicht notwendig wahrer, aber entschieden deutlicher und schärfer. Die Nachmittagszeitungen konnten nur wenige Stunden später und mit kleinen Varianten folgendes feststellen:

CHEF DER SICHERHEITSPOLIZEI
IM EIGENEN WAGEN
VON TERRORISTEN
ERMORDET

Der stellvertretende Polizeipräsident Axel Folkesson, 56, bei der Sicherheitspolizei für die Überwachung von Terroristen zuständig, wurde heute morgen im Stockholmer Stadtteil Djurgården in seinem Wagen ermordet aufgefunden. Die Mordwaffe ist eine russische Armeepistole des Typs, den auch die palästinensischen Guerilleros verwenden. Der Mord wurde von eiskalten Berufsmördern ausgeführt, und die Sicherheitspolizei befürchtet jetzt, daß sich ein Terroristenkommando der berüchtigten Palästinenser-Organisation Schwarzer September in Stockholm aufhält. Es wird vermutet, daß die jüngst erfolgten Ausweisungen mutmaßlicher palästinensischer Terroristen in diesem Zusammenhang eine Rolle spielen. Die schwedische Botschaft in Beirut bekam zuletzt in der vergangenen Woche eine anonyme telefonische Drohung des Schwarzen September. Die Drohung galt gerade diesen Ausweisungen, und falls diese nicht aufhörten, werde sich die Organisation rächen. Axel Folkesson war bei der Sicherheitspolizei für die Ausweisungen von Terroristen verantwortlich.

Einer anderen Theorie der Polizei zufolge war Axel Folkesson der Terrororganisation auf die Spur gekommen und hatte versucht, Sabotageakte auf schwedischem Boden zu verhindern. Es ist üblich, daß die schwedische Sicherheitspolizei so arbeitet. Man schlägt zu, bevor Spione oder Terroristen Schaden anrichten können.

Aber wenn dies der Hintergrund des Mordes ist, dann muß Axel Folkesson einen folgenschweren Fehler begangen haben. Statt ihre Pläne aufzugeben, beschlossen die Terroristen, den schwedischen Sicherheitsbeamten aus dem Weg zu räumen …

Der Reichspolizeichef las die Abendzeitungen erst gegen vier Uhr, eine Stunde, bevor er den beiden Nachrichtensendungen des Fernsehens wie versprochen Fragen beantworten wollte. Er hatte schon um die Mittagszeit beschlossen, persönlich für die Polizei zu sprechen, damit das, was an die Öffentlichkeit gegeben wurde, halbwegs unter Kontrolle blieb. Er war Beamter und war immer Beamter gewesen, hatte als Staatsanwalt Karriere gemacht und den Posten eines Kronanwalts erreicht und saß jetzt ein paar Jahre als Reichspolizeichef ab, bevor er Landeshauptmann werden und durch einen sozialdemokratischen Reichspolizeichef abgelöst werden würde, falls es bei der nächsten Wahl nicht zu einer bürgerlichen Regierung kam.

Seine Erfahrungen mit dem harten Druck der Massenmedien war folglich begrenzter, als wenn er eine gewöhnliche Polizeikarriere hinter sich gebracht hätte.

Jetzt saß er in einer Mischung aus Wut und Verblüffung mit Stockholms zwei Abendzeitungen vor der Nase und ertappte sich zum erstenmal seit vielen Jahren bei dem Wunsch, daß es in bestimmten Situationen eine Zensur geben sollte.

Was in den beiden Abendzeitungen stand, stimmte zwar recht genau mit einigen Theorien und Vermutungen überein, die im Polizeihaus im Lauf des Tages die Runde gemacht hatten. Natürlich lag der Schluß nahe, daß die Mörder Terroristen waren, das war eine durchaus mögliche Hypothese. Und natürlich war es möglich, daß Axel Folkesson selbst präventiv einen Kontakt gesucht hatte. Dieses Verfahren wird gelegentlich angewendet, wenn man einen Ausländer nachrichtendienstlicher Tätigkeit verdächtigt: Ein Sicherheitsbeamter wendet sich an eine Person, die im Verdacht steht, Informant einer fremden Macht zu sein, und tut dann so, als warne er den Verdächtigten in aller Freundschaft vor ungeeigneten oder gefährlichen Kontakten. Je nach Reaktion des Verdächtigten kann man in manchen Fällen eine Bestätigung dafür erhalten, daß dieser oder jener sowjetische Diplomat tatsächlich als Führungsoffizier bestimmter Informanten arbeitet (es hatte ein paar vereinzelte Operationen dieser Art gegeben, was die Presse später zum Anlaß nahm, so etwas zum Regelfall zu erheben; und die Sicherheitspolizei hatte diese Fälle dann als Erklärung dafür verwendet, weshalb man niemals Spione fasse, da man nämlich schon vorher »zuschlage«, bevor sie Spione werden könnten).

Natürlich ließ sich denken, daß der Täter Palästinenser war, wenn man in Axel Folkessons verschiedenen Arbeitsbereichen botanisierte. Die westdeutschen Terroristen waren in ihrer ersten, international ausgerichteten Generation ausgerottet, und die jetzt vorhandene dritte Terroristengeneration in der Bundesrepublik war, jedenfalls nach dem Urteil der westdeutschen Kollegen, an Aktionen in Schweden weder interessiert noch überhaupt dazu fähig.

Möglicherweise ließen sich Kurden oder Armenier als Alternative vorstellen, aber diese besaßen wiederum nicht die Kompetenz der Palästinenser, also waren Palästinenser als Täter wahrscheinlicher. Die russische Armeewaffe hatte die Gedanken wie selbstverständlich in Richtung Naher Osten geführt.

Die Spekulationen der Zeitungen waren an und für sich gar nicht so dumm, es sei denn in der Frage des »Schwarzen September«, denn die Kollegen von Axel Folkessons Abteilung hatten versichert, daß Schwarzer September eher so etwas wie ein Sammelbegriff ganz verschiedener palästinensischer Aktionen mit manchmal völlig unterschiedlichen Motiven und Urhebern sei.

Der Reichspolizeichef tobte, obwohl die Spekulationen weder dumm noch unrealistisch waren. Daß aber vage Arbeitshypothesen schon am ersten Tag in der Presse auftauchten, war ein offenkundiger operativer Nachteil (der ehemalige Staatsanwalt hatte seiner Sprache in zweijährigem Umgang mit dem Sicherheitsdienst einige Begriffe dieser Art einverleibt). Wenn nun das, was in den Zeitungen stand, völlig falsch war, würde der Gegner erfahren, daß ihm niemand auf der Spur war. Das war nicht gut. Denn wenn das Motiv nun wirklich gewesen wäre, Axel Folkesson aus dem Weg zu räumen, damit dieser eine größere Operation nicht mehr vereiteln konnte, war die Situation ja tatsächlich so, daß man keine Ahnung hatte, wo, wann oder wie etwas passieren würde.

In Schweden gibt es mindestens fünftausend denkbare Sabotageziele, wenn man nur die Sachziele rechnet. Hinzu kommen rund hundert Personen an der Spitze von Industrie, Polizei, Militär und Verwaltung, die sämtlich keinen Personenschutz genießen, und theoretisch ließe sich auch etwa das halbe diplomatische Corps als Zielscheibe von Terroraktionen denken. Wenn sich nun eine qualifizierte Terroristengruppe in Schweden aufhielt und mit ihren Vorbereitungen schon so weit gekommen war, daß man einen leitenden Mann beim Sicherheitsdienst lieber tötete als die Aktion abzublasen, und wenn diese Terroristengruppe schwedischen Boden betreten hatte, ohne daß sich beim Sicherheitsdienst auch nur der kleinste Hinweis darauf fand und ohne daß einer der verbündeten europäischen Sicherheitsdienste auch nur den kleinsten Tip gegeben hatte … und wenn diese Terroristen nun durch die Presse darüber aufgeklärt wurden, daß die Luft rein war, konnte es jederzeit und überall, in ein paar Stunden oder Tagen, zur Katastrophe kommen.

Der Reichspolizeichef war fest entschlossen, alle Gerüchte zu dementieren. Das versuchte er wohl auch, aber der Versuch geriet so, daß das Auftreten des Reichspolizeichefs in Rundfunk und Fernsehen an diesem ersten Tag in allen Punkten als Bestätigung dessen diente, was man in den Fluren des Polizeihauses schon vermutet hatte und was dann per Telefon der Presse zugeflüstert worden war.

Und falls der Reichspolizeichef noch nach zwei Jahren als formal höchster Vertreter der Polizei naive Vorstellungen davon hatte, er könne mit seinen beamtenhaften und korrekten Aussagen die Massenmedien korrigieren, erhielt er an diesem Tag eine harte Lektion.

Das eigentliche Fernseh-Ritual hatte er schon mindestens zehnmal miterlebt. Auch die Fragen waren vorhersehbar. Die Fernsehleute würden natürlich wissen wollen, ob die palästinensische Terrororganisation Schwarzer September den hohen Beamten der Sicherheitsabteilung ermordet hatte, der unter anderem für die Jagd auf palästinensische Terroristen zuständig gewesen war. Die korrekte Antwort lautete, das wisse man nicht.

Wirklich fest stand nur, daß Axel Folkesson etwa um 7.30 Uhr in seinem Wagen erschossen worden und die Mordwaffe sowjetischer Herkunft war und daß der Mörder mit einer Kälte und Gelassenheit gehandelt hatte, die nur einen Schluß zuließ: Er war ein Profi.

Die vorläufigen technischen Untersuchungen des Tages hatten nur die erwarteten negativen Ergebnisse erbracht. Die Waffe wies keine Fingerabdrücke auf, und die sieben restlichen Patronen im Magazin waren sorgfältig abgewischt und gesäubert worden. Die Fingerabdrücke, welche die Techniker bislang im Wagen selbst hatten sichern können, stammten, soweit sich bisher ermitteln ließ, entweder von Folkesson selbst oder einem Mitglied seiner Familie. Außerdem war der ganze Fahrgastraum um den Beifahrersitz herum sorgfältigst gereinigt worden. Der Mörder war nach dem Schuß also noch kurz, im Wagen geblieben – eine Bestätigung seiner Kaltblütigkeit.

Man konnte davon ausgehen, daß der Mord einen politischen oder sicherheitspolizeilichen Hintergrund hatte. Soweit sich beurteilen ließ, hatte Folkesson alle persönlichen Gegenstände noch bei sich. In der Innentasche steckte seine Brieftasche, die mehrere tausend Kronen in Hundertern enthielt, Geld, über das er verfügte, um Tips oder Informanten zu bezahlen. Das hatte den Mörder also nicht im geringsten interessiert. Und im Handschuhfach des Wagens lag Folkessons Dienstpistole ohne Schulterholster. Die Waffe war mit einem vollen Magazin geladen, jedoch gesichert.

Man konnte folglich jedes finanzielle oder persönliche Motiv ausschließen, aber dies war bis auf weiteres eine nur auf Erfahrung gegründete Vermutung.

Es dürfte also keine Spekulationen geben, dachte der Reichspolizeichef, als das erste Fernsehteam sein Amtszimmer betrat und die Spotlights aufbaute. Die Nachrichtensendung Rapport sollte den Anfang machen, während das Aktuellt-Team noch draußen saß und wartete.

Der Rapport-Reporter trug einen grünen Parka mit der gelben Aufschrift Sveriges Radio auf der einen Schulter. Er warf die Jacke lässig auf einen der Besucherstühle, während sein Begleiter die Bühne für das kommende Verhör herrichtete.

Ein Techniker hielt dem Reichspolizeichef einen Belichtungsmesser direkt unter die Nase, im nächsten Augenblick kam ein anderer mit einer Filmklappe und schlug sie genau dort zusammen, wo sich soeben der Belichtungsmesser befunden hatte, während er gleichzeitig in eins der Mikrophone brummelte: »Die Kralle, A-01«.

Das war der Spitzname, den der Reichspolizeichef verabscheute, selbst aber nur selten zu hören bekam; in seiner Kindheit war eine Hand durch Kinderlähmung entstellt und nach innen gekrümmt worden, was den Spitznamen verständlich machte.

»Kamera läuft«, sagte der Kameramann, und dann begann das Verhör.

»Wissen Sie, wer hinter diesem Mord steckt?«

»Selbst wenn ich es wüßte, wäre nicht angezeigt, darüber zu sprechen.«

»Aber Sie wissen es nicht?«

»Kein Kommentar.«

»Aber Sie haben einen bestimmten Verdacht?«

»Wir verfolgen mehrere Spuren, ja.«

»Stimmt es, daß Herr Folkesson für die Überwachung palästinensischer Terroristen zuständig war?«

»Ja, das stimmt. Aber seine Zuständigkeit ging noch weiter, da sie jede unsere Sicherheit bedrohende Tätigkeit im Hinblick auf den Nahen Osten umfaßte, aber ich möchte betonen, die Gelegenheit benutzen zu unterstreichen, daß es keine bestimmten Hinweise gibt, jedenfalls keine, mit denen wir in der jetzigen Lage an die Öffentlichkeit gehen möchten, also Hinweise, daß es sich um die eine oder andere bestimmte Terrororganisation aus dem Umfeld des Nahen Ostens handeln könnte. Das sind alles reine Spekulationen, die den Massenmedien natürlich freistehen, aber …«

»Können Sie ausschließen, daß es sich um palästinensische Terroristen handelt?«

»Nein, natürlich nicht. Es kann durchaus sein, daß bei unserer Fahndungsarbeit einige Palästinenser-Organisationen von primärem Interesse sein werden.«

»Wissen Sie, ob sich gegenwärtig palästinensische Terroristen in Schweden aufhalten?«

»Ja, aber aus fahndungstechnischen Gründen möchte ich dieser Frage hier nicht weiter nachgehen.«

»Welche Schlüsse ziehen Sie daraus, daß die Mordwaffe sowjetischer Herkunft ist?«

»Daß der oder die Mörder zu sowjetischen Waffen Zugang hatten.«

»Wie es beispielsweise palästinensische Terroristen haben?«

»Ja, aber so wie der internationale Waffenmarkt aussieht, kann sich so gut wie jeder sowjetische Waffen beschaffen. Aus dem Fabrikat der Waffe lassen sich also keine automatischen Schlußfolgerungen ziehen.«

»Welche Maßnahmen haben Sie ergriffen, um die Mörder zu fassen?«

»Es wäre nicht klug, darüber Auskunft zu geben.«

»Ist es nicht einfach so, daß Sie gar nicht wissen, nach wem Sie suchen?«

»Ich möchte betonen, daß die Situation außerordentlich ernst ist. Es handelt sich um ein Verbrechen, das in diesem Land ohne Beispiel ist. Wir sind in Schweden von derlei bislang verschont geblieben. Selbstverständlich betrachten wir mit größter Sorge, was sich hier ereignet hat, und wir gehen jetzt mit allen verfügbaren Mitteln mehreren guten Hinweisen nach.«

»Besten Dank«, sagte der Fernsehreporter plötzlich, und dann sammelten er und die drei Techniker ohne weiteren Kommentar ihre Taschen und Kabel zusammen, und gleichzeitig war das nächste Fernsehteam auf dem Weg ins Zimmer, um in etwa die gleiche Prozedur und die gleichen Fragen zu wiederholen.

Hinterher war der Reichspolizeichef überzeugt, so korrekt und klar geantwortet zu haben, daß weitere unnötige Spekulationen sich auf keinen Fall auf ihn selbst würden zurückführen lassen.

Aber als er sich ein paar Stunden später die abendliche Rapport-Sendung ansah, wurden sowohl er wie die Sache völlig anders dargestellt. Was ihn selbst betraf, konnte er sich zwar im Bild Wiedererkennen und sich Dinge sagen hören und sehen, die er selbstverständlich geäußert hatte. Aber trotzdem geriet alles zum genauen Gegenteil dessen, was er von seiner Seite als Dementi ausgegeben hatte.

Die Rapport-Sendung widmete die ersten neun Minuten dem Mord selbst. Ein Ereignis, das einer Nachrichtensendung ganze neun Minuten wert ist, ist von der gleichen Güteklasse wie ein größerer Kriegsausbruch oder der Rücktritt eines Justizministers.

Erst wurden Bilder vom Tatort gezeigt, dann Bilder von Folkessons Wagen, in dem man an der Decke und auf dem Rücksitz Blut und Gehirnsubstanz sah. Es folgten Polizeibeamte am Tatort, Absperrungen, Polizeibeamte, die sich vor die Kamera zu stellen versuchten, so daß das Bild verwackelt wurde, dann folgten Aufnahmen von Axel Folkesson.

Dazu berichtete der Fernsehreporter, daß der Terrorismus seit mehreren Jahren zum erstenmal wieder in Schweden zugeschlagen habe und daß es sich diesmal vermutlich um einige der gefürchtetsten Terrororganisationen der Welt handle, nämlich um die palästinensischen Ausbrecherfraktionen, die sich von Jassir Arafats Bestrebungen abgewandt hätten, mit diplomatischen Methoden zu arbeiten (eingeblendetes Bild von Arafat, der Olof Palme begrüßt), und daß die schwedische Polizei und die Sicherheitspolizei jetzt in erster Linie mit der Theorie arbeiteten, daß es sich um eine Organisation handle, die dem sogenannten Schwarzen September nahestehe. Und an dieser Stelle wurde der Reichspolizeichef zum erstenmal mit der folgenden, völlig korrekt wiedergegebenen Äußerung eingeblendet:

»Wir verfolgen mehrere Spuren, ja.« Und dann die nächste Frage:

»Stimmt es, daß Herr Folkesson für die Überwachung palästinensischer Terroristen zuständig war?«

Und dann die verstümmelte Antwort: »Ja, das stimmt.«

Dann kam der Fernsehreporter selbst groß ins Bild, und der Reichspolizeichef notierte im stillen, daß sich der Reporter inzwischen ein Jackett angezogen und eine Strickkrawatte umgebunden hatte.

Der Fernsehreporter stellte ohne Umschweife fest, das wahrscheinliche Motiv der palästinensischen Mörder sei, daß die schwedische Sicherheitspolizei gerade gegen ein Terrorkommando auf schwedischem Boden zuschlagen wollte und daß die Terroristen damit geantwortet hätten, den verantwortlichen Leiter der Fahndung bei der Sicherheitspolizei zu töten. Danach erklärte der Reporter, es sei das erste Mal, daß der palästinensische Terrorismus Schweden ernsthaft getroffen habe, und daß dies die Polizeiarbeit noch mehr erschwere.

Und danach wurde der Reichspolizeichef erneut mit einem korrekt wiedergegebenen Zitat eingeblendet, das wiederum einen völlig anderen Sinn bekam, als er beabsichtigt hatte

»Ich möchte betonen, daß die Situation außerordentlich ernst ist. Es handelt sich hier um ein Verbrechen, das in diesem Land ohne Beispiel ist. Wir sind in Schweden von derlei bislang verschont geblieben. Selbstverständlich betrachten wir mit größter Sorge, was sich hier ereignet hat, und wir gehen jetzt mit allen verfügbaren Mitteln mehreren guten Hinweisen nach.«

Danach gab der Fernsehreporter eine Art politischen Kommentar ab, in dem er behauptete, das Ereignis werde für die in den letzten Jahren zunehmend palästinenserfreundliche Haltung Schwedens nicht ohne Folgen bleiben, und die zunehmend schwächere und zersplitterte Palästinenser-Bewegung werde jetzt erleben, wie die Unterstützung in Westeuropa nachlassen werde.

Der Rest des Beitrags bestand aus einem historischen Rückblick auf verschiedene palästinensische Terroranschläge, beginnend bei der Flugzeugentführung in Jordanien 1969 über den Terrorangriff auf israelische Sportler in München 1972 bis hin zum Mord an dem palästinensischen Friedensemissär bei der Sozialistischen Internationale (Bild von Olof Palme und dem palästinensischen Diplomaten Izzam Sartawi).

Manchmal wurde auch das Terroristengespenst par excellence genannt, Abu Nidal, und der Bericht endete mit der Vermutung, er halte sich gegenwärtig in Schweden auf: »… bei der Sicherheitspolizei wird jetzt befürchtet, daß das palästinensische Terrorkommando, das sich vermutlich noch im Lande befindet, unter dem Befehl Abu Nidals steht.«

Es folgten Kurzinterviews mit einigen Politikern, die ihrem Abscheu vor dem Terrorismus Ausdruck gaben, während sie gleichzeitig darauf hinwiesen, daß die Palästina-Frage sich nicht mit Gewalt lösen lasse und daß die Existenz Israels von allen Parteien anerkannt werden müsse.

Der Reichspolizeichef schaltete den Fernseher aus.

In diesem Augenblick war er fest entschlossen, sich nie mehr auf Fernsehinterviews einzulassen. Er rieb sich mit Daumen und Zeigefinger an der Nasenwurzel und versuchte bis fünfzig zu zählen, um den Kopf freizubekommen. Er verlor aber schnell die Geduld und schaltete die Direktleitung zu seinen Untergebenen ein. Es war Zeit für die nächste Konferenz.

Als erster betrat Sektionschef Henrik P. Näslund den Raum, der Mann, dem am Vormittag die operative Verantwortung für sowohl Fahndungsarbeit wie eventuelle Operationen übertragen worden war. Falls der Sektionschef auch in diesem Fall so gearbeitet hatte, wie es bei ihm üblich war, hatte zweifellos er die Massenmedien zu all diesen wilden Spekulationen verleitet, die jetzt sogar beim Sicherheitsdienst offen Unterstützung fanden.

»Ich finde diese spekulative Publizität höchst unglücklich«, sagte der Reichspolizeichef kalt. »Entweder liegen wir mit diesen vorläufigen Hypothesen völlig schief, und dann dürfen sie nicht in die Massenmedien. Oder aber sie treffen zu, und dann dürfen sie erst recht nicht bekannt werden.«

Der Sektionschef ließ sich dadurch keineswegs aus der Fassung bringen. Er strich sich ein paarmal durch sein nach hinten gekämmtes Haar – Bauernmanieren, dachte der Reichspolizeichef –, bevor er sich mit dem Fuß einen Stuhl heranzog und sich setzte. Dann lächelte er fröhlich und antwortete vollkommen unberührt auf die versteckte Beschuldigung, die man soeben gegen ihn vorgebracht hatte.

»Betrachte die Sache doch mal so. Entweder haben wir recht, und dann glauben diese Scheißkerle, daß wir hinter ihnen her sind, und das ist einmal ein operativer Vorteil in manchen Situationen, zum anderen könnte das eine Aktion verhindern, von der wir bislang nichts wissen. Oder aber wir liegen völlig falsch. Dann wird es zu einem operativen Vorteil, weil diejenigen, die wir suchen, der Meinung sind, daß wir uns auf der falschen Fährte befinden.«

Der Reichspolizeichef antwortete nicht. Er polierte mit ausdruckslosem Gesicht seine Brillengläser, während die anderen sein Dienstzimmer betraten.

2

Es ließ den Osloer Polizeibeamten Roar Hestenes völlig kalt, daß es regnete und daß sein Auftrag im Augenblick mit größter Wahrscheinlichkeit völlig sinnlos war und nur zu den Arbeiten gehörte, die eben erledigt werden müssen. Es war halb elf Uhr vormittags, exakt drei Stunden nach dem Zeitpunkt, zu dem Axel Folkesson in der Hauptstadt des Nachbarlandes gestorben war.

Aber davon hatte Roar Hestenes noch nicht die blasseste Ahnung. Er war ausnahmsweise einmal außerordentlich gut postiert.

Eigentlich war dies ein Fahndungsauftrag wie viele andere in seinen letzten beiden Jahren beim Drogendezernat. Man sitzt in einem Wagen und starrt auf eine Tür, bis man abgelöst wird, und einmal von zwanzig passiert etwas, und schlimmstenfalls hat man in einem Hauseingang gestanden und erreicht, daß man der Polizei als Exhibitionist gemeldet wird, die dann mit eingeschaltetem Blaulicht ankommt und im Handumdrehen sowohl ungesetzlichen Drogenhandel wie weiteres polizeiliches Eingreifen vereitelt, und bestenfalls sitzt man irgendwo in einer gemieteten Wohnung und betrachtet ein Fenster, bis man abgelöst wird und erst am Tag danach erfährt, daß die Gesuchten zwanzig Minuten nach der Ablösung auftauchten und gefaßt werden konnten.

In dieser Hinsicht gab es keinen Unterschied zwischen Drogendezernat und overvåkingstjenesten (Überwachungsdienst). Aber jetzt saß Hestenes im Café des Grand Hotel, als hätte der Wechsel vom Drogendezernat zur Sicherheitspolizei eine sofortige Erhöhung des Lebensstandards mit sich gebracht. Er war schon beim zweiten Kännchen Kaffee und seinem zweiten dänischen Smörrebröd angelangt und genoß insgeheim, daß er ohne weiteres ein komplettes Menü würde verzehren können, ohne daß jemand über die Kosten jammerte. Beim Überwachungsdienst der norwegischen Polizei fragt man kaum nach dem Tun und Lassen des Personals, nicht einmal nach Kosten und Auslagen.

Hestenes hatte außerdem eine perfekte Aussicht auf den Eingang des Hotels Nobel, der fünfzehn Meter von seinem Fenstertisch entfernt war. Niemand konnte heraus oder hinein, ohne daß er es sah, und er hatte schon neun Personen notiert, von denen er vier hatte identifizieren können. Die anderen waren Menschen, um die er sich aus verschiedenen Gründen nicht zu kümmern brauchte; ausländische Geschäftsleute gesetzten Alters, zwei ältere Frauen in norwegischer Kleidung, ein Teenager mit wuscheligem Haar, der vermutlich zum Personal gehörte, und so weiter.

Roar Hestenes hielt nach Terroristen Ausschau, und dies war Oslo, und er war sicher, daß nichts passieren würde.

Natürlich fing es so an.

Der Mann, der aus dem Taxi Nummer 1913 stieg, trug eine grüne Jägerjacke und hatte eine Tasche in der Hand, eine schwarze Pilotentasche von genau der Größe, die man bei Flügen als Handgepäck mitnehmen kann.

So reisen nur Profis, schaffte Roar Hestenes noch zu denken. Aber als der Mann in der grünen Jacke sich umdrehte, so daß Hestenes sein Profil erkennen konnte, und etwas zum Taxifahrer sagte, begriff Roar Hestenes, daß es jetzt losging. Er war seiner Sache vollkommen sicher. Es war eins von rund dreißig Gesichtern, die er auf Fotos studiert hatte, bevor er zu seiner Schicht ging. Aber jetzt war dieses Gesicht hier völlig real und durch ein Fenster aus weniger als fünfzehn Metern Abstand vor dem Grand Hotel zu erkennen. Eins von dreißig denkbaren und gefürchteten Objekten war soeben angekommen, und Roar Hestenes wußte, daß der Mann sein Zimmer nicht unter dem eigenen Namen gebucht hatte.

Der Auftrag, bei dem nichts passieren konnte, bestand also darin, ein Hotel zu überwachen, in dem vor der israelischen Delegation am nächsten Tag kein interessanter Gast ankommen würde. Aber sicherheitshalber oder zu reiner Beschäftigungstherapie oder aufgrund der Vorsehung oder weil die Leitung des Überwachungsdienstes einen sechsten Sinn besaß, hatte der Polizeibeamte Roar Hestenes jetzt einen seiner ersten Fahndungsaufträge als Sicherheitspolizist, und in der ersten Stunde dieses Auftrags spazierte ihm eins der denkbaren Objekte direkt vor die Nase, stieg aus einem Taxi und betrat das Hotel.

Hestenes handelte im folgenden völlig richtig. Erst wartete er drei bis vier Minuten. Das Objekt war offenbar schon im Hotel verschwunden. Es gab nur einen Ausgang.

Hestenes brach ohne erkennbare Eile auf. Draußen auf der Straße unterdrückte er einen Impuls, schräg über den Zebrastreifen hinwegzugehen, wartete statt dessen Grün ab, ging erst über die Karl Johans Gate, bog dann nach rechts über die Rosenkrantz Gate ab und ging das kurze Stück zur Telefonzelle. Nachdem er die Nummer 66 90 50 gewählt hatte, drehte er sich um, so daß er den Hoteleingang noch im Auge behalten konnte. Es läutete dreimal, bevor er seinen Chef erreichte, und in dieser Zeit konnte er noch sehen, wie im vierten Stock des Hotels Nobel in einem der Zimmer Licht gemacht wurde.

Hestenes teilte kurz mit, Objekt Nummer 17 habe sich soeben ein Zimmer genommen, also vor weniger als fünf Minuten, und der Betreffende sei mit Taxi Nummer 1913 vorgefahren, das sich mit größter Wahrscheinlichkeit noch in der Osloer Innenstadt aufhalte.

Er bekam natürlich Order, abzuwarten, bis Verstärkung eintreffe und er Funksprechkontakt habe. Soweit war alles normal und ähnelte der üblichen Drogenfahndung. Die nächsten dreißig Stunden würden jedoch erheblich von der üblichen Routine abweichen.

Für die Überwachung oder Verfolgung eines Rauschgiftkriminellen gibt es ein paar einfache Faustregeln. Man hat es mit einer Person zu tun, die entweder völlig selbstsicher ist und sich mühelos verfolgen läßt, oder aber mit jemandem, der schon in dem Moment, in dem er aus einer Tür tritt, vor dem eigenen Schatten Angst zu haben scheint und sich im folgenden verhält, als wären zwanzig unsichtbare Polizisten hinter ihm her.

Mit dem letztgenannten Typus kommt man nur schwer zurecht, aber mit drei oder vier Mann läßt es sich machen, wenn man sich in einer Stadt ohne großes U-Bahn-Netz befindet. Um eine Person, die eventuelle Verfolger abschütteln will, kreuz und quer durch das Londoner oder selbst das Stockholmer U-Bahn-Netz zu verfolgen, ist ein Personaleinsatz erforderlich, der mindestens fünfmal so groß ist. Aber dieses Problem hat man in Oslo nicht. Dort kann man normalerweise niemanden aus den Augen verlieren, wenn mehrere Personen, die zueinander Funkkontakt halten und außerdem sowohl zu Fuß wie per Auto operieren, zusammenwirken.

Und so war es jetzt. Roar Hestenes stand noch immer an der Telefonzelle gegenüber dem Hotel Nobel an der Karl Johans Gate. Sein Kollege Atlefjord stand einen Straßenblock weiter in der Rosenkrantz Gate, und Kolle Selnes saß anderthalb Blocks weiter in der Karl Johan in einem Wagen hinter der Taxischlange vor dem Tostrupskeller. Ein Fehlschlag war also kaum möglich.

Das Objekt erschien nach drei Stunden und sechsundvierzig Minuten, und Hestenes sah den Mann als erster. Im selben Moment, in dem das Taxi vor dem Hotel vorfuhr, entdeckte Hestenes seine Kollegen. Das Objekt bestieg tatsächlich das Taxi, und Kollege Atlefjord teilte kurz über Funk mit, daß er jetzt zu seinem geparkten Wagen gehe und die Rosenkrantz Gate hinunterfahren werde, sobald er grünes Licht habe.

Kollege Selnes hinter der Taxischlange oben in der Karl Johan war schon gestartet.

Das Taxi mit dem Objekt bog von der Rosenkrantz Gate her um die Ecke auf die Karl Johan ein. Hestenes teilte seinen beiden Kollegen, die sich jetzt in weniger als zweihundert Meter Abstand vom Objekt in je einem Wagen befanden, mit, das Objekt sei losgefahren. Hestenes brauchte nur ein paar Minuten zu warten, da kam der nächste Kollege und holte ihn ab. Das Objekt hatte jetzt keinerlei Möglichkeit, den Verfolgern zu entkommen.

Sie verloren ihr Objekt jedoch innerhalb von drei Minuten aus den Augen, als Hestenes immer noch an der Telefonzelle stand und auf seinen Wagen wartete. Er hörte über Funk, wie das Ganze vor sich ging.

Es war frech, aber einfach.

Das Objekt war die Karl Johan nur zwei Straßenblocks hinuntergefahren. Dann war der Mann bei einer roten Ampel plötzlich ausgestiegen und im Eingang der Holmenkollen-Bahn verschwunden. Die beiden Kollegen saßen in der Autoschlange dahinter und schrien verzweifelt in ihre Funkgeräte.

Als Hestenes zu den Bahnsteigen hinunterlief, war das Objekt nicht mehr zu sehen. Entweder hatte der Mann soeben die Kolsås-Bahn genommen oder war einfach wieder hinausgegangen.

Es dauerte sieben Stunden, bis sie wieder Kontakt bekamen.

In der Nacht und in den frühen Morgenstunden hatte die Angelegenheit an Bedeutung gewonnen. Sie war dem Chef der gesamten Sicherheitspolizei vorgetragen worden, Geir Ersvold, und wurde anschließend dem operativen Chef vorgelegt, dem Polizeiadjutanten Iver Mathiesen, da der Fall eher in sein Zuständigkeitsgebiet fiel Sabotage, inländischer Rechtsextremismus und ausländischer Terrorismus – als unter Spionage und ähnliche Verbrechen.

Mathiesen wiederum hatte einen älteren Polizeifahnder abgestellt, der jetzt das unmittelbare Kommando über Hestenes und seine beiden Kollegen übernahm, die um zehn Uhr ihre Morgenschicht begannen.

Der Vortrag war kurz.

Das Objekt sei um 01.36 Uhr ins Hotel zurückgekehrt, augenscheinlich nüchtern. Kommando A werde das Hotel jetzt bis 11.30 Uhr überwachen, wonach es von Kommando B abgelöst würde, das aus Hestenes, Atlefjord und Selnes bestand.

Das Objekt sei mit der Neun-Uhr-Maschine von Stockholm auf dem Flughafen Fornebu angekommen und habe dann das Taxi Nr. 1913 genommen. Der Mann habe kein Zimmer reserviert, aber offensichtlich eins bekommen und sich unter dem eigenen Namen eingetragen. Das Flugticket sei ebenfalls auf seinen richtigen Namen ausgestellt, aber ein Rückflug sei nicht gebucht. Es habe den Anschein, als hätte er darauf vertraut, ein Zimmer zu bekommen. Das Nebenzimmer werde erst um zwölf Uhr frei werden, und dann ziehe das technische Personal ein. Eine Telefonüberwachung sei schon eingeleitet worden, aber das Objekt habe das Telefon bislang nicht benutzt, und das sei vielleicht auch gar nicht zu erwarten.

Als das Objekt spät in der Nacht ins Hotel zurückkehrte, sei es aus Richtung Rosenkrantz Gate gekommen.

Folglich habe man keinerlei Beobachtungen machen können, die den Aufenthalt des Objekts in Oslo erklärten.

Wenn der Mann das nächstemal das Hotel verlasse, sei es absolut notwendig, Kontakt zu halten. Damit es nicht zu einer Wiederholung des Tricks mit der Holmenkollen-Bahn komme, sei ein Kollege schon unten in der Eingangshalle postiert worden. Der Betreffende werde sofort abberufen, falls das Objekt einen anderen Weg wähle (die Abteilung war durch Überstunden stark belastet und mußte sparsam mit ihren Fahndungsstunden pro Einheit umgehen).

Wenn das Objekt das Hotel verlasse, werde man sofort die Reservegruppe C aktivieren, um bei Schwierigkeiten eingreifen zu können.

Was jetzt bevorstehe, sei vermutlich ein entscheidender Kontakt. Es stehe zu befürchten, daß dieser Kontakt wiederum am nächsten Tag eine Terroristenaktion auslösen oder vorbereiten werde, nämlich bei der Ankunft der israelischen Delegation im Hotel.

Jeder Kontakt, den das Objekt von nun an herstelle, so unbedeutend er auch scheinen möge, müsse registriert werden. Die Spur könne zu einer palästinensischen Terrororganisation führen. Es gebe jetzt gute Gründe für die Annahme, daß eine palästinensische Organisation dieser Art eine größere Aktion in Skandinavien vorbereite. Kollegen aus dem befreundeten Ausland hätten bestimmte Hinweise in dieser Richtung.

Als die Sachlage klar zu sein schien, betrat Iver Mathiesen den Raum. Er blieb eine Weile mit den Händen in den Jackentaschen am Fenster stehen und blickte über den Fjord und den tristen Dezemberdunst hinaus. Die anderen warteten ab. Mathiesen zündete sich eine seiner englischen Zigaretten an und drehte sich um.

»Ich habe mit unseren israelischen Kollegen Kontakt aufgenommen«, begann er. »Nun ja, ich weiß, daß wir an dieser Zusammenarbeit nicht nur Freude gehabt haben« (er lächelte über die offenkundige Untertreibung; die Verbindungen zwischen den norwegischen und israelischen Sicherheitsdiensten hatten sich von der mißglückten Mordoperation der Israelis in Lillehammer nie richtig erholt, obwohl seitdem mehr als ein Jahrzehnt vergangen war), »aber in diesem Fall ist es nicht ohne Bedeutung, wie sie die Situation beurteilen. Sie sagen, sie erwarteten in der nächsten Zeit eine palästinensische Operation, aber nicht hier, sondern in Stockholm. Ihr habt doch sicher von dem gestrigen Mord an einem schwedischen Kollegen gehört, Folkesson von der Terroristenüberwachung.«

Mathiesen sog ein paarmal energisch an seiner Zigarette und ging langsam um den Konferenztisch herum.

»Die Schweden wiederum reden eine Menge dummes Zeug. Näslund behauptet wie üblich, mal diesen, mal jenen Verdacht zu haben, und daraus kann man keine Schlußfolgerungen ziehen. Und wir selbst haben, wie ihr wißt, keinerlei Hinweise auf die Anwesenheit palästinensischer Terroristen in Norwegen, keinerlei Hinweis außer diesem Burschen dort unten im Hotel Nobel. Und daraus sollen wir also jetzt Schlüsse ziehen. Welche Schlüsse? Du da, wie heißt du?«

»Hestenes.

»Also, Hestenes, welche Schlußfolgerungen?«

»Entweder ist eine ganze Truppe qualifizierter Terroristen nach Skandinavien gekommen, ohne daß wir oder die Israelis oder, na ja, die Schweden auch nur den kleinsten Hinweis erhalten haben, oder …«

Hestenes zögerte. Mathiesen drückte mit einer plötzlichen, entschlossenen Geste seine halbgerauchte Zigarette in der nächsten Kaffeetasse aus und fixierte Hestenes.

»Nun«, sagte er, »sprich weiter, Hestenes. Oder was?«

»Oder es handelt sich nur um falschen Alarm.«

»Genau das«, sagte Mathiesen und ging zur Tür, »genau das. Und wenn es sich um falschen Alarm handelt, kriegt ihr es heraus, wenn ihr darauf achtet, daß ihr diesen Hotelgast nicht noch einmal verliert oder ihm diesmal wenigstens etwas länger als drei Minuten auf den Fersen bleibt. So stehen die Dinge also«, sagte Mathiesen und drehte sich in der Tür um. »Entweder ist es gar nichts, oder es handelt sich um eine schlimmere Sache, als wir uns überhaupt vorstellen können.„

Er blieb eine Weile stumm, bevor er fortfuhr. »Seid jetzt so nett und laßt euch von diesem Scheißkerl nicht noch mal abhängen.« Dann ging er, ohne die Tür zu schließen.

Um 11.28 Uhr löste Hestenes seinen Kollegen aus der Gruppe A ab und nahm die gleiche angenehme Position am Fenstertisch des Grand Hotel unten im Café ein, die er schon am Vortag eingenommen hatte. Seinen Mantel mit dem verborgenen Funksprechgerät hängte er neben sich über den Stuhl. Als er die Kaffeetasse umrührte, spürte er die Schwere seines Revolvers in der rechten Achselhöhle (Hestenes war Linkshänder). Zum erstenmal während seines Dienstes bei der Überwachungspolizei trug er eine Waffe.

Irgendwo dort oben im Hotel befand sich das Objekt. Vermutlich hatte der Mann vor zehn gefrühstückt, da der Speisesaal um diese Zeit schloß. Dann war er wieder auf sein Zimmer gegangen, wo er sich jetzt seit mehr als eineinhalb Stunden aufhielt.

Vielleicht auch nicht. Im Hotel hielt sich ja kein einziger Beamter auf. Die Kollegen vom Erkennungsdienst würden erst in zwanzig Minuten mit ihrem Gepäck ankommen. Im Augenblick spazierte das Objekt vielleicht im dritten und vierten Stock herum, wo in fünf oder sechs Stunden die israelische Delegation ihre Quartiere beziehen würde. Der Mann inspizierte die Örtlichkeiten, untersuchte die Hintertüren, erkundete, wie er das Hotel durch das Reisebüro im ersten Stock verlassen oder wieder betreten konnte. Das Hotel war merkwürdig abgeschnitten, weil im ersten Stock ein Reisebüro untergebracht war. Weder die Hoteltreppe noch der Fahrstuhl besaßen eine Verbindung mit dem Obergeschoß und dem dortigen Reisebüro.

Das war natürlich die richtige Methode, sich Einlaß zu verschaffen. Statt den Hauseingang zu nehmen – der Betreffende mußte ja davon ausgehen, daß er überwacht wurde –, drangen die Terroristen erst ins Reisebüro ein und brachten das dortige Personal zum Schweigen. Dann würden sie die Feuertür aufbrechen, die verschlossen war, wobei man sich fragen kann, wofür verschlossene Feuertüren gut sein sollen, und würden über die Hintertreppe unerwartet im zweiten oder dritten Stock ankommen. Dann wäre alles nur noch das Werk einiger Augenblicke, und während der ausbrechenden Panik würden sie sich auf dem gleichen Weg zurückziehen.

Sollte man also die Überwachung besser auf den Eingang des Reisebüros in der Karl Johan Gate konzentrieren als auf den Hoteleingang in der Rosenkrantz Gate?

Irgend etwas tat der Mann dort oben jedenfalls, es konnte alles mögliche sein, allerdings telefonierte er nicht. Der Mann dort oben war kein nervöser kleiner Dealer. Hier war es anders, hier wurde nicht mehr Räuber und Gendarm gespielt, wo die Polizei fast immer gewinnt.

Und falls die Pilotentasche des Mannes nun etwas anderes enthielt als Kleidung und Zahnbürste und Rasierapparat und Newsweek? Sagen wir sechs bis sieben Kilo TNT; eine solche Ladung, richtig plaziert, würde das ganze Hotel in die Luft jagen.

Nein, das würde nicht passieren. Da jetzt tatsächlich Befehl gegeben worden war zu suchen, würden die Techniker mühelos jeden Sprengstoff finden.

Der einzige Vorteil des Sicherheitsdienstes bestand im Augenblick darin, daß der Mann nichts von der Überwachung wußte. Oder doch? Warum sollte ein Profi nicht von dieser Möglichkeit ausgehen? Vielleicht war dies alles ein Scheinmanöver, aus dem sich später nie ein Beweis machen ließ. Vielleicht sollte dieses Objekt Nummer 17 nur die Aufmerksamkeit auf sich lenken und sich verfolgen lassen; der Mann war ja sogar unter eigenem Namen abgestiegen.

Plötzlich stand der Mann vor dem Hoteleingang, die Hände in den Taschen der grünen Jägerjacke. Die schwarze Tasche hatte er nicht bei sich, obwohl er jetzt offenbar das Hotel verlassen wollte. Also TNT? Nein, warum sollte er dann nicht die leere Tasche bei sich haben?

Es sah aus, als betrachtete er das Wetter. Er blickte zum Dach und dem Oberteil der Fassade des Grand Hotel hoch. In Wahrheit hatte er wohl eher die umliegenden Straßenecken in Augenschein genommen. Dann knöpfte er nachdenklich seine Jacke zu.

Hestenes hatte zur stummen Verblüffung seiner Tischnachbarn die Nachricht über Funk weitergeleitet (»B 2 an B 1 und 3 – Der Fuchs auf dem Weg nach draußen«) – und verließ dann das Lokal, während das Objekt gleichzeitig schräg über die Straße ging, direkt auf das Fenster zu, an dem Hestenes noch vor wenigen Sekunden gesessen hatte.

Hestenes stand am Eingang des Grand Hotel und sah das Objekt aus wenigen Metern Abstand an sich vorbeigehen.

So, jetzt werden wir mal sehen, ob du mich abschütteln kannst, dachte Hestenes, während er sich entschlossen seinen Mantel anzog und ein paar schnelle Schritte auf die Straße machte, worauf er sofort wieder in den Hoteleingang zurückstürzen mußte.

Das Objekt war an einem Schaufenster gleich neben dem Hoteleingang stehengeblieben. Es gehörte zu einem Uhrengeschäft, das eine beachtliche Kollektion der bei weitem teuersten Rolex-Uhren Oslos führte; sie lagen im Fenster als eine schreiende Aufforderung an motorisierte Diebe, Ziegelsteine zu werfen und anschließend gewisse Hehlereiprobleme zu bekommen (die teuersten Uhren kosteten an die 200 000 norwegische Kronen). Immer wenn Hestenes an diesem Schaufenster vorbeikam, blieb er stehen und sah sich die Uhren an. Einerseits entrüstete sich der Polizist in ihm, weil ihm diese Zurschaustellung wie eine Aufforderung zu einem Verbrechen vorkam, andererseits regte er sich als armer Bauernsohn vom Vestlandet bei dem Gedanken auf, daß es Landsleute gab, die Armbanduhren im Wert von zwei unversteuerten Jahresgehältern eines jüngeren Sicherheitspolizisten mit sich herumtrugen.

Aber jetzt mußte Hestenes zu einem schnellen Entschluß kommen. Es ging nicht an, noch mal auf die Straße zu hüpfen und dann wieder umzukehren. Er durfte auch nicht stehenbleiben und das Objekt aus den Augen verlieren. Er hatte es mit einem Profi zu tun und durfte nicht zögern.

Er trat hinaus und überquerte die Straße rasch in Richtung Stortinget. Als er die Auffahrt des Storting erreichte, blieb er stehen, bückte sich und »schnürte sich den Schuh zu«, während er nach dem Objekt Ausschau hielt.

Das Objekt war nicht zu sehen.

Hestenes drehte sich um, stand auf und griff mit einem Gefühl von Verzweiflung oder Angst, beichten zu müssen, daß es ihm gelungen war, den gestrigen Rekord zu schlagen, nach dem Funksprechgerät. Es konnte doch nicht sein; niemand kann sich einfach so in Rauch auflösen.

Im selben Moment, in dem er auf den Sendeknopf drückte, sah er die grüne Jacke in einer kleinen Menschenmenge vor Christian Kroghs Standbild. Das Objekt sprach mit zwei Personen, die Flugblätter verteilten und mit Sammelbüchsen klapperten. Die beiden jungen Leute hielten eine Flagge hoch, die Hestenes wohlbekannt war. Grün, Weiß, Rot und Schwarz – die Palästinenser-Flagge.

Hestenes meldete es über sein Funkgerät. Kollege Atlefjord sollte die beiden jungen Leute mit den Sammelbüchsen fotografieren. Er mußte ja ganz in der Nähe sein.

Hestenes gab seine Position durch und erreichte Atlefjord, der sich im Augenblick vor dem Eingang des Grand Hotel befand. Sie nickten sich zu.

Die Jagd ging weiter. Atlefjord fotografierte erst, ging dann zu den jungen Leuten hinüber und nahm sich eins der Flugblätter. (Wie sich später herausstellte, enthielt das Flugblatt nichts, was sich unmittelbar mit Terrorismus in Verbindung bringen ließ. Es enthielt drei Textpassagen mit den Überschriften:

VERTEIDIGT DIE UNABHÄNGIGKEIT DER PLO
SCHLIESST EUCH DER SOLIDARITÄTSARBEIT AN
UNTERSTÜTZT DIE HILFSKOMITEES DER PLO

Ferner wurde für etwas geworben, was man ein Solidaritätskonzert mit Tanz in dem Studententreff Château Neuf nannte; nichts davon hatte für die Fahndungsarbeit auch nur die geringste Bedeutung, aber die beiden jungen Leute, die kurz mit dem Objekt gesprochen hatten, konnten jetzt vorschriftsmäßig ins Sympathisantenregister aufgenommen werden, da die Bedingung in Paragraph 4, letzter Absatz, der Anweisungen für den Sicherheitsdienst erfüllt war, nämlich: »Eine Mitgliedschaft in einer legalen politischen Organisation oder legale politische Betätigung bildet allein noch keine Grundlage für die Einholung und Speicherung von Erkenntnissen.« (Mit einem Terroristen zu sprechen war mehr als »allein«.)

Hestenes setzte die Jagd fort.

Auf den nächsten beiden Straßenblocks nahm das Objekt mit niemandem Verbindung auf. Hestenes folgte ihm auf der anderen Straßenseite. Das Objekt sah sich nicht um, nicht einmal bei den zwei oder drei Gelegenheiten, bei denen es stehenblieb, um sich Schaufenster anzusehen.

Oder? Nein. Roar Hestenes hatte immerhin ganze vier Jahre als Fahnder bei der Kripo und beim Drogendezernat gearbeitet. Wer vor einem Schaufenster stehenbleibt, um sich in der Spiegelung des Glases die andere Straßenseite anzusehen oder die Umgebung zu beobachten, verrät sich durch sein unnatürliches Verhalten; man merkt ihm an, daß er etwas anderes betrachtet als die Auslagen.

Der Spaziergang ging gemächlich ein paar Straßenblocks weiter. Plötzlich lief das Objekt quer über die Straße auf die Seite, auf der sich Hestenes befand, und betrat Oppegårds, einen Laden, in dem Stickereien verkauft werden, geflochtene Körbe und zu dieser Jahreszeit außerdem noch Weihnachtsschmuck.

Hestenes zögerte. Der Laden war so klein, daß man ihn nicht betreten konnte, ohne aufzufallen. Und er hatte es hier mit einem Profi zu tun, von dem zu erwarten war, daß er alle Personen in seiner Umgebung gespannt beobachtete. Wenn man sich offen zeigte, wäre die Gefahr allzu groß, daß der Mann einen später Wiedererkennen würde. Andererseits hatte das Objekt jedoch kaum einen natürlichen Grund, einen Laden mit Stickereien und Weihnachtsschmuck zu betreten.

Hestenes gab über Funk seine Position durch. Anschließend näherte er sich entschlossen dem nächstliegenden Schaufenster. Er konnte in den Laden hineinsehen.

Das Objekt sah sich einige Sträuße mit Strohblumen an, ohne auch nur einmal den Blick zu heben und den draußen stehenden Hestenes anzusehen. Außerdem war der Laden hell erleuchtet, und es war nicht sonderlich wahrscheinlich, daß man in dem diffusen Dezemberlicht jemanden auf der Straße erkennen konnte.

Das Objekt wählte drei Sträuße mit Strohblumen aus, einen roten, einen grünen und einen blauen, wie Hestenes notierte, und reihte sich darauf in die Schlange vor der Kasse ein, um zu bezahlen. Die übrigen Personen in der Schlange waren ohne jeden Zweifel gewöhnliche norwegische Bürger und zudem ausschließlich Frauen mittleren Alters.

Hestenes konnte das Objekt in der Kassenschlange ständig im Auge behalten. Dort wurde definitiv kein Kontakt aufgenommen.

Das Objekt trat mit den Sträußen in einer weißen Plastiktüte mit rotem Weihnachtsdekor auf die Straße und setzte den Weg in Richtung Stortorvet fort.

Hestenes dachte nach.

Die Blumensträuße ließen sich als Erkennungssignale verwenden, teils einzeln, teils durch eine Kombination von Farben. Aber jetzt waren sie in der Plastiktüte verborgen.

Das Objekt ging schnell von der Kreditkasse zu den Blumenständen auf dem Stortorvet hinüber, hielt inne und wechselte ein paar Worte mit einer Verkäuferin an einem fahrbaren Blumenstand (Arne Dalens Gärtnerei und Gartencenter; die Verkäuferin wurde noch am selben Abend mit negativem Ergebnis verhört; sie erinnerte sich nicht mal an das Gesagte oder daran, ob norwegisch oder schwedisch gesprochen worden war).

Das Objekt steuerte geradewegs auf das große Warenhaus Glasmagasinet zu, wo das Weihnachtsgeschäft in vollem Gang war und wo sich Tausende von Menschen drängten und in Mengen hinein- und hinausströmten. Es war ein idealer Treffpunkt für einen schnellen Kontakt.

Also. Hier handelte es sich nicht um irgendwelche kleinen Gauner, hier ging es um Leute, die ihr Handwerk beherrschten.

Hestenes gab seinen Kollegen per Funk die neue Position durch und bat den Kollegen Atlefjord, bei der Zentrale die Reservegruppe anzufordern. Ein Warenhaus im Weihnachtsgeschäft läßt sich nicht mit drei Mann abdecken.

Die Verfolgung eines Menschen in einem Warenhaus kann schon schwierig genug sein, auch wenn das Fahndungsobjekt völlig unerfahren ist. Und wenn man einen Profi jagt, kann sich die Situation schnell zu einem Alptraum von Peinlichkeiten und unmöglichen Situationen entwickeln, und Hestenes’ düstere Vorahnungen wurden schon bestätigt, als sich beide, er und das Objekt, im Erdgeschoß des Warenhauses befanden.

Das Objekt legte keinerlei Eile, Ungeduld oder Nervosität an den Tag. Der Mann hielt sich lange bei den Vitrinen mit Kristallglas und Vasen auf. Hestenes’ Problem bestand darin, daß man durch die Vitrinen hindurchsehen konnte und daß sie überdies voller Spiegel waren, die eine wirkliche Kontrolle über die tatsächliche Blickrichtung des Objekts unmöglich machten. Außerdem mußte Hestenes ziemlich nahe an dem Mann dranbleiben, um ein eventuelles Signal oder einen Kontakt zu observieren, und während er das Objekt anstarren mußte, mußte er sich gleichzeitig den Anschein geben, als betrachtete er Gläser und Vasen in einer Preislage, von der er nicht einmal träumen konnte.

Bei einer Gelegenheit waren die beiden Männer nur vier Meter voneinander entfernt. Das Objekt hielt ein Weinglas in der Hand und schien tief in den Anblick des geschliffenen Musters versunken zu sein. Der Mann sah entspannt und völlig natürlich aus.

Der Mann dort in grüner Jägerjacke und Cordhose mit der weißen Plastiktüte, die drei Sträuße mit verschiedenfarbigen Strohblumen enthielt, sah wie irgendein x-beliebiger Skandinavier aus, jedoch mehr wie ein Sportler oder Freizeitmensch als wie ein politischer Intellektueller, war also eher Norweger als Schwede. Nichts an ihm gemahnte auch nur entfernt an einen Terroristen. Möglicherweise wirkte das Weinglas, das er jetzt gegen das Licht hielt, etwas unmarxistisch, weil es einen breiten Goldrand hatte und blitzende, geschliffene Muster.

Sie standen jetzt drei Meter voneinander entfernt, hatten aber ein paar Glasvitrinen und mehrere spiegelnde Wände zwischen sich; es gab keine direkte Blickrichtung zwischen ihnen, aber Roar Hestenes sah dem Terroristen über einen Spiegel in der Vitrine mit den goldgeränderten Gläsern ins Gesicht.

Der Terrorist wandte den Blick plötzlich von dem Glas ab, blickte direkt in den Spiegel und begegnete dem Blick von Roar Hestenes. Es konnte kaum mehr als eine Sekunde gewesen sein, aber Hestenes würde dieser Moment für immer wie eine Unendlichkeit vorkommen.

Der Terrorist lächelte fein. Fast unmerklich tat er, als prostete er Hestenes zu. Dann verschwand er. Übrig blieb das Glas.

Roar Hestenes war zehn Meter vom nächsten Ausgang entfernt, und diesen Weg hatte der Terrorist jedenfalls nicht genommen. Hestenes fühlte, wie er ins Schwitzen geriet.

Er konnte nur eins tun, auch wenn es peinlich war. Er begab sich ins Gedränge, traf draußen auf die kühle Luft, die er als Trost empfand, und teilte über Funk mit, daß einer der Kollegen im Warenhaus übernehmen müsse, da er selbst Gefahr laufe, observiert zu werden. Atlefjord befand sich schon im Warenhaus, hörte die Mitteilung in seinem Kopfhörer, und es gelang ihm rasch, das Objekt zu orten. Es ist aber eine teuflische Arbeit, in einem Warenhaus einen Profi zu verfolgen. Wenn es nur darum geht, eine kurze Mitteilung zu übergeben, läßt sich das ohne jeden persönlichen Kontakt machen. Das Objekt steht zu einem exakt verabredeten Zeitpunkt an einem verabredeten Ort, und wenn es bei dieser Gelegenheit drei Knöpfe seiner Jacke zugeknöpft hat statt nur einen oder zwei, übermittelt er eine Nachricht an eine Person, die das Objekt selbst vielleicht weder sieht noch kennt; vielleicht hält es auch den Schal in der einen Hand und betrachtet einen braunen Handschuh statt einen schwarzen oder grauen, und derjenige, der in diesem Augenblick die Nachricht erhält, kann unter Hunderten von Personen in der Nähe jeder beliebige sein.

Und selbst bei einer schwierigeren Operation, wie etwa einem Drop, wenn also eine schriftliche Nachricht oder ein Mikrofilm übergeben werden soll, kann eine Observation genauso unmöglich werden. Denn wenn das Objekt jetzt einen grauen Handschuh anprobiert und ihn in den Haufen mit den braunen Handschuhen zurücklegt, muß ein Mann das Objekt weiterverfolgen, während ein Kollege bleiben muß, um zu kontrollieren, wer als nächster die Hand in den grauen Handschuh steckt.

Ein trainierter Spion oder Terrorist kann all dies inmitten der Sicherheitsleute der Gegenseite erledigen.

Es stellte sich schnell heraus, daß Atlefjord und Selnes im Warenhaus ordentlich ins Schwitzen gerieten. Der Terrorist hatte sich von der Glasabteilung im Erdgeschoß in den ersten Stock und in die Abteilung für Damenunterwäsche begeben, wo er als einsamer Mann auffiel. Wenn man sich aber einen norwegischen Sicherheitspolizisten mit zugeknöpftem Mantel dazudenkt (Funksprechgerät und Dienstwaffe, also zugeknöpfter Mantel), der ohne Schuhe 1,95 Meter mißt, würde die Szene allmählich einer Filmparodie ähneln.

Atlefjord war also gezwungen, Abstand zu halten.

Und im folgenden sah es aus, als würde der Terrorist mit seinen Verfolgern spielen. Er spulte das ganze Programm wie aus dem Lehrbuch ab, wechselte urplötzlich die Richtung, in die er sich bewegte, und suchte den einen unmöglichen Ort nach dem anderen auf, beispielsweise am Ende der Abteilung Bettwäsche im zweiten Stock, wo jede Annäherung ebenso unmöglich ausgesehen hätte wie bei der Damenunterwäsche. Als das Ganze endlich zu Ende ging, hatte der Terrorist in der Hausratsabteilung im zweiten Stock für zweihundertfünfundachtzig Kronen eine kleine Kupferkasserolle gekauft. Er bezahlte mit einer American-Express-Karte auf den eigenen Namen, etwa so, als wollte er eine Visitenkarte überreichen oder auf jeden Fall festhalten, daß er zu genau diesem Zeitpunkt dagewesen war.

Und anschließend wurde es nicht lustiger. Der Mann ging auf dem kürzesten Weg zum Hotel zurück, ohne auch nur vor einem Schaufenster stehenzubleiben, ohne sich ein einziges Mal umzusehen – und die Kollegen hatten kaum Zeit gehabt, ihre Plätze in der Umgebung des Hotels einzunehmen, da erschien er auch wieder, diesmal mit leeren Händen.

Das Objekt setzte den Weg über die Rosenkrantz Gate fort, hinauf zu dem Uhrmacher, wo er von neuem stehenblieb und eine Rolex-Uhr in Weißgold mit Brillanten für 191 260 Kronen betrachtete (Selnes stand ganz in der Nähe und hatte einen guten Überblick); anschließend ging er ein kurzes Stück weiter und war fast wieder bei den Palästina-Aktivisten angelangt. Er schien das Storting zu betrachten. Er überquerte die Straße und betrachtete weiter das Storting. Fünf Sicherheitspolizisten in der Nähe folgten ihm jetzt gespannt mit den Blicken.

In diesem Moment erschien ein Taxi auf der anderen Straßenseite bei einem Taxenstand. Es gab keine Schlange, und das Objekt lief jetzt so hastig wie überraschend wieder auf die andere Straßenseite zurück und sprang in den Wagen, der sofort anfuhr.

Kurze, chaotische Umgruppierung auf Autos und eine Reihe von Funkmeldungen der Sicherheitsbeamten untereinander, die Fahrtrichtung und Taxinummer an die Reservegruppe durchgaben, die sich irgendwo in der Nähe befand. Niemand wußte wo.

Der weitere Verlauf geriet genauso peinlich wie die Verwicklungen im Warenhaus Glasmagasinet. Die Kollegen im ersten Verfolger-Auto hatten das Taxi jedoch nach ein paar Minuten entdeckt, und die Fahrt ging ohne weitere Umwege weiter, zum Stadtteil Tøyen und zum Munch-Museum.

Die Kollegen gingen wie nach dem Lehrbuch vor. Die beiden ersten, die Kontakt mit dem Objekt bekommen hatten, trennten sich. Einer von ihnen setzte die Verfolgung ins Museum fort, der andere blieb im Auto und berichtete über Funk. Innerhalb von fünf Minuten waren zwei weitere Kollegen da. Einer der Neuankömmlinge betrat das Museum. Sie waren also jetzt zu viert, zwei Mann drinnen und zwei draußen.

Da dies ein trüber Wochentag Anfang Dezember war, hielten sich nur wenige Besucher im Museum auf, und niemand von ihnen ließ spontan an den Nahen Osten denken. Die meisten waren ohne jeden Zweifel gewöhnliche Norweger. Eine Schulklasse kam vorbei.

Der Terrorist kaufte einen Ausstellungskatalog, den er später nur bei einer Gelegenheit öffnete, als wollte er ein Detail nachprüfen. An zwei Stellen hielt er sich besonders lange auf. Erst saß er fast zwanzig Minuten auf einer Bank vor vier frühen Gemälden aus den 1890er Jahren (Madonna, Der Kuß, Das Mädchen und der Tod und Vampir). Soweit es sich erkennen ließ, wandte das Objekt seine Aufmerksamkeit ausschließlich den Bildern zu.

Anschließend ging der Mann um die Ecke und widmete einem Bild besonders viel Zeit, das zwar auch Frauen darstellte, jedoch völlig anders. (Die Mädchen auf der Brücke, etwa 1927).

An dieser Stelle nahm das Objekt mit einem älteren Herrn Kontakt auf. Es hatte den Anschein, als sprächen sie über das Bild.

Als der ältere Mann kurze Zeit später das Museum verließ, wurde er von den Kollegen fotografiert (und zwei Tage später war er sicher identifiziert; er hieß Germund Braathe, war ehemaliger Reeder, Millionär, lebte zurückgezogen in einer Villa in Østfold außerhalb von Moss).

Möglicherweise nahm der Terrorist auch Kontakt zu einer älteren Dame auf, der er zu Hilfe eilte, nachdem sie ihren Stock verloren hatte. Auch sie konnte später identifiziert werden (pensionierte Oberschwester vom Osloer Zentrum für Kinder- und Jugendpsychiatrie).

Daneben kam es nur noch zu einem weiteren Kontakt, den man ohne weiteres ignorieren konnte; der Terrorist hatte etwas zu einem der Schulkinder gesagt, einem etwa achtjährigen Mädchen.

Das war alles, was sich in zweiundvierzig Minuten ereignete.

Als wollte er seine Verfolger auf den Arm nehmen, spazierte der Terrorist anschließend wieder in die Stadt zurück, statt einen Bus oder ein Taxi zu nehmen. Zwei der Kollegen mußten bei den Autos abwarten, um später nachzukommen. Die beiden anderen nahmen zu Fuß die Verfolgung auf.

Der Terrorist ging ruhig die Tøyengata hinunter, als wäre er auf dem Rückweg in die Stadtmitte. Nach zweihundert Metern blieb er jedoch stehen, verweilte und blickte in den Botanischen Garten zur rechten Hand. Dann bückte er sich und »schnürte den Schuh zu«, und als er sich umsah, konnte er hinter sich nichts anderes als zwei Sicherheitsbeamte gesehen haben, mochten sie auch verschieden großen Abstand halten und auf verschiedenen Straßenseiten gehen.

Danach blickte sich der Terrorist kein einziges Mal mehr um. Er änderte jedoch plötzlich den Kurs und bog nach links in die Hagegata ein. Es sah aus, als wollte er direkt zur U-Bahn-Station Tøyens. Statt dessen bog er aber wiederum in Richtung Innenstadt ab und ging über die Sørligata, Jens Bjelkes Gate und Borggata schnurstracks zu dem neuen Polizeigebäude bei Grønland hinunter.

Als er dort angekommen war, ging er ein Stück die Auffahrt hinauf, betrachtete das Polizeihaus, trat zu einem Schild, auf dem zu lesen stand, daß das düstere Gebäude daneben Oslos altes Kreisgefängnis sei.

Dann kehrte er um und ging ohne stehenzubleiben und ohne sich umzusehen zum Hotel zurück.

Die Kollegen gruppierten sich rechtzeitig vor dem Hotel um. Der Terrorist erschien auf der Karl Johans Gate auf der Seite des Stortings. Aber statt beim Grand Hotel die Straße zu überqueren und sich wie gewohnt die Rolex-Uhren anzusehen, ging er geradeaus weiter, überquerte die Rosenkrantz Gate und ging zu dem kleinen grünen Zeitungskiosk, wo er vier oder fünf norwegische Tageszeitungen kaufte und unmittelbar darauf die danebenliegende rote Telefonzelle betrat.

Roar Hestenes war etwa dreißig Meter entfernt. Keiner der Kollegen befand sich näher an der Telefonzelle. Die Gefahr war groß, daß der Terrorist Hestenes schon früher, nämlich im Warenhaus Glasmagasinet, identifiziert hatte, aber dieses Risiko mußte er eingehen. Der Terrorist wandte ihm den Rücken zu.

Während Hestenes sich näherte, konnte er die Bewegungen zählen, als der Terrorist wählte. Sechsmal, also weder ein Fern- noch ein Auslandsgespräch: Nach kurzer Zeit legte der Terrorist den Hörer auf. Es hatte offensichtlich niemand abgenommen, nachdem er sechs oder sieben Signale abgewartet hatte (jedoch läßt sich eine Nachricht auch dadurch überbringen, daß man das Telefon für Mitteilung A eine bestimmte Zahl von Malen läuten läßt, für Mitteilung B eine andere Zahl).

Der Terrorist begann, eine neue Nummer anzuwählen. Hestenes stand jetzt direkt hinter ihm, weniger als einen Meter entfernt. Aber als Hestenes jetzt versuchte, so um die Telefonzelle herumzugehen, daß er wenigstens einige der Zahlen erkennen konnte, die der Terrorist wählte, bewegte sich der Mann dort drinnen entsprechend, so daß er dem Polizisten ständig die Sicht versperrte.

Das Gespräch war sehr kurz, und Hestenes konnte nicht hören, worum es ging, aber er hörte etwas auf schwedisch, was sich wie eine Bestätigung der Uhrzeit, 16.30, anhörte.

Kurz vor Ende des Gesprächs wandte sich der Terrorist hastig und überraschend um, und zum zweitenmal an diesem Tag sahen sich die beiden Männer direkt in die Augen. Und diesmal gab es keinen Zweifel. Der Terrorist lächelte und winkte Hestenes langsam und ironisch zu, legte auf, drängte sich hinaus und ging auf den Hoteleingang auf der anderen Straßenseite zu.

Danach wurde es womöglich noch peinlicher. Der Terrorist holte sein Gepäck aus dem Hotel und nahm unmittelbar darauf ein Taxi nach Fornebu, wo er seine Pilotentasche aufgab, die Plastiktüte mit den Strohblumen jedoch als Handgepäck bei sich behielt (die Tasche enthielt unter anderem neben Unterwäsche zum Wechseln zwei Extra-Hemden, Toilettenartikel, eine Kupferkasserolle mit Deckel, ein pro-palästinensisches Flugblatt in norwegischer Sprache sowie einen liniierten Schreibblock der Größe DIN-A-4 mit rund zwanzig handbeschriebenen Seiten voller Aufzeichnungen über Ereignisse in Afghanistan; das alles wurde nach dem üblichen Streit mit den Zollfahndern fotografiert, der der Frage galt, wer in Fornebu eigentlich das Sagen hatte, und auch diese Fahndungsaktion ergab nichts, was auch nur den geringsten Wert besessen hätte, und zu dieser Zeit erwartete das auch niemand mehr).

Der Terrorist ging dann eine Treppe hinauf, flanierte an der Cafeteria vorbei und betrat das fast leere Restaurant. Die Lunchzeit war längst vorbei, und für das Abendessen war es noch zu früh. Er setzte sich ganz hinten hin und behielt den einzigen Eingang des Restaurants im Auge. Er blieb eine Stunde und sechsundzwanzig Minuten sitzen, wobei er die Zeitungen las und Meereskrebse in Curry aß, die nach einem orientalischen Rezept zubereitet waren. Er trank Farris, ein Mineralwasser.

Die Sicherheitsbeamten hatten weitgehend resigniert. Das erste Team hatte Kaffee und Smörrebröd bestellt, was in einem Restaurant eine auffallend bescheidene Bestellung war, überdies eine Mahlzeit, deren Einnahme kaum mehr als eine halbe Stunde dauern konnte. Danach wurden sie von zwei Mann der Reservegruppe abgelöst.

Der Terrorist hatte den Flug nach Stockholm für die Maschine um 16.30 Uhr gebucht. Er blieb ruhig bis 16.15 Uhr sitzen und ging erst dann zur Paßkontrolle (in der Transithalle kaufte er fünf Minuten später eine Flasche Johnny Walker Black Label und zehn Schachteln amerikanische Zigaretten; nahm keinen sichtbaren Kontakt auf, sprach mit niemandem).

Auf dem Weg aus dem Restaurant faltete er jedoch das Blatt Verdens Gang auseinander. Die anderen Zeitungen hatte er auf dem Tisch zurückgelassen. Und genau in dem Moment, in dem er an Atlefjords Tisch vorbeikam, blieb er stehen und faltete die Zeitung zweimal, bevor er sie den beiden verlegenen Sicherheitsbeamten hinstreckte, sie kurz über den Tisch hielt und schließlich auf die Reste von Atlefjords Smörrebröd fallen ließ.

»Danke für die Begleitung und friedliche Weihnachten«, sagte er, ehe er seinen Weg fortsetzte.

Nur das, nicht ein Wort mehr.

Stöhn, dachte Atlefjord und senkte den Blick auf die Zeitung, um seinem Kollegen nicht in die Augen sehen zu müssen.

Mitten im Zeitungstext hatte der Terrorist mit einem Kugelschreiber eine Passage eingekreist, die sehr richtig davon handelte, daß die israelische Delegation im Lauf des Tages in Oslo erwartet werde und daß ihre Pressekonferenz im Hotel Nobel abgehalten werden solle, wo sie während ihres Oslo-Aufenthalts auch wohnen werde. Hotel Nobel war unterstrichen.

Eine Dreiviertelstunde später hielt Polizeiadjutant Iver Mathiesen im kleinen Konferenzraum des Überwachungsdienstes im dritten Stock des weißen Polizeihauses draußen bei Grønland einen zusammenfassenden Vortrag. Die Atmosphäre war verlegen.

Mathiesen faßte zunächst zusammen, was man tatsächlich wußte. Es war nicht sehr viel. Lediglich beim Besuch im Munch-Museum konnte Mathiesen etwas abschweifen und einen kurzen kunstgeschichtlichen Exkurs machen. Das Interessante an einem Vergleich der drei Frauenbilder aus den frühen 90er Jahren des 19. Jahrhunderts mit dem späteren Bild aus der Zeit um 1920 sei ja, daß die frühen Gemälde eine recht spannende Ambivalenz des Munchschen Frauenbildes verrieten; die Frau sei, wie eines der Gemälde sehr richtig heiße, ein »Vampir«, das heißt Verführerin, böse und eine Versuchung. Das Bild aus den zwanziger Jahren sei demgegenüber fast eine harmonische bürgerliche Idylle. Nun, das gehöre strenggenommen nicht zur Sache.

Interessant seien natürlich der demonstrative Abstecher zum Polizeihaus und noch deutlicher die kaum versteckten Hinweise im weiteren Verhalten des Verdächtigen. Er habe Hestenes zugewinkt und Atlefjord mit der Zeitschrift Verdens Gang eine Nachricht zukommen lassen.

Was das Vorhaben des Mannes betreffe, könne man nur feststellen, daß Anfang Dezember niemand auf eigene Kosten per Euroclass nach Oslo fliege, nur um Strohblumen und eine Kupferkasserolle zu kaufen. Daliege die entscheidende, unbeantwortete Frage.

Es bleibe die rein praktische Frage, wie, wann und warum der Mann entdeckt habe, daß man ihn verfolge. Der erste sichere Hinweis darauf sei also von Hestenes gekommen, dem Neuen in der Abteilung. Nun, wie ist es zugegangen?

Es wurde still im Raum. Die sieben Männer sahen Hestenes an, der einen unsichtbaren Ring auf die Tischplatte malte und sich räusperte, bevor er zu antworten versuchte.

Diese Frage sei gar nicht leicht zu beantworten. Der Verdächtige habe sich wie ein x-beliebiger Tourist verhalten. Sein Auftreten sei nicht verdächtig gewesen, er habe sich nicht umgesehen, jedenfalls nicht erkennbar. Wenn er, Hestenes, aber ehrlich sein wolle, müsse er zugeben, daß es nach einer Weile wie ein Spiel gewesen sei. Erst dieses Zuprosten im Glasmagasinet. Und dann habe der Mann in der Telefonzelle sogar gewinkt.

Atlefjord hatte etwa die gleichen Erlebnisse zu vermelden. Was ihn betraf, hatte das Ganze ja sogar mit einer Art scherzhaftem Hinweis auf das denkbare Terroristenziel geendet, mit dieser Zeitung, in der der Name des Hotels im Text unterstrichen worden sei.

Einer der Kollegen vom Erkennungsdienst betrat den Raum und legte Mathiesen ein Papier auf den Tisch. Dieser brauchte nur zehn oder fünfzehn Sekunden zu lesen. Dann lächelte er.

»Also schön. Dieser Bericht kommt kaum überraschend. Den Technikern zufolge befindet sich im Hotelzimmer nicht eine interessante Spur. Soweit sich beurteilen läßt, hat sich außer ihm niemand dort aufgehalten. Alle Flächen sind sorgfältig abgewischt, zu welchem Zweck auch immer. Er mußte doch wissen, daß wir seine Fingerabdrücke schon von der schwedischen Polizei haben. Im Bett nicht einmal ein Haar. Sogar die Zahnputzgläser waren abgewischt. Nun, welche Schlußfolgerungen haben wir daraus zu ziehen?«

Es gab nicht sehr viele Schlußfolgerungen, dagegen eine Arbeitshypothese.

Ein Terrorist war in die Stadt gekommen, um vor einer eventuellen Aktion gegen eine Gruppe israelischer Politiker im Hotel Nobel das Gelände zu sondieren. Aber nachdem er entdeckt hatte, daß man ihn beobachtete, habe er seine Aktion abgeblasen, seinen Überwachern höflich auf Wiedersehen gesagt und das Land verlassen. Das war alles.

Die Kollegen in Stockholm waren aus irgendeinem Grund aufgeregt und wünschten einen ausführlichen Bericht. Polizeifahnder Larsen erhielt den Auftrag, die Berichte der einzelnen Beamten zusammenzufassen und am nächsten Tag einen Gesamtbericht abzuliefern. Die Überwachung des Hotels lief mit verkleinerter Mannschaft weiter.

Mathiesen stand auf, und die anderen gingen zur Tür. In diesem Moment rief er Hestenes zurück. Er nahm seine goldgeränderte Brille ab und ließ sie auf seinem ausgestreckten Zeigefinger pendeln, während er sich in einen der Sessel hinten am Fenster setzte.

Draußen war es dunkel geworden. Die Schwärze des Fjords schnitt wie ein Keil in das glitzernde Licht auf beiden Seiten hinein. Roar Hestenes hatte sich wieder an den Konferenztisch gesetzt und betrachtete die braune, polierte Tischplatte. Der Tisch wirkte wie ein typischer, altmodischer norwegischer Wohnzimmertisch. Merkwürdig, dachte Hestenes, es ist, als wären wir immer noch ein Volk von Fischern und Bauern.

»Nun«, sagte Mathiesen schließlich von seinem Sessel aus, ohne den Blick von seiner Brille zu wenden, die er immer noch auf dem Zeigefinger balancierte. »Nun, was hast du für ein Gefühl?«

»Ich weiß nicht, was ich darauf antworten soll«, erwiderte Hestenes wahrheitsgemäß.

»Ich meine es so: Fühlst du dich verarscht?«

»Ja, das kann ich nicht leugnen. Es war vermutlich meine Schuld, daß er uns entdeckte. Mich hat er wohl zuerst gesehen.«

»Glaubst du, du hast einen Fehler gemacht?«

»Ja, weil er mich entdeckt hat.«

Mathiesen setzte die Brille auf und blickte zu Hestenes hoch. Er lächelte, aber durchaus nicht ironisch. »Du bist ein guter Polizist, Hestenes, das weiß ich. Das ist auch der Grund, warum du bei uns bist, aber ich finde nicht, daß du die Aktion als Mißerfolg ansehen solltest.«

»Manches spricht aber doch dafür, daß wenn er uns nicht entdeckt hätte …«

»Ja, und was? ›Der Sicherheitsdienst hat die Aufgabe, allen Verbrechen, soweit sie eine Gefahr für die Sicherheit des Reiches darstellen, vorzubeugen und ihnen entgegenzuwirken‹ … und so weiter. Das sind die ersten Zeilen in Paragraph 2 unserer Dienstanweisung. Was heißt das?«

»Also vorbeugen und entgegenwirken …«

»Jetzt nimm mal an, daß wir eine Bande palästinensischer Terroristen in der Stadt haben. Dann sind sie immerhin so qualifiziert, daß sie ins Land gekommen sind, ohne daß wir, die Israelis oder sonst jemand auch nur den kleinsten Hinweis darauf erhalten haben. Die Erkundung besorgt ein Skandinavier, der sich ungehindert in Oslo bewegt. Ich halte es für einen außerordentlichen Glücksfall, daß du ihn entdeckt hast. Denn wenn die Brüder im Hotel jetzt eine Aktion in Gang gebracht hätten, ja, etwa so, wie du es dir überlegt hast, ich habe nämlich dein kleines Memorandum mit dem Hinweis auf den Weg über das Reisebüro und die Feuerleiter gelesen, nun, was wäre dann passiert?«

»Wir hätten sie vermutlich geschnappt.«

»Erstens, bist du dir dessen sicher? Na ja, nichts wie ran mit der ganzen Anti-Terror-Truppe, mit kugelsicheren Westen und Maschinenpistolen und Tränengas und allem Material, natürlich. Aber um welchen Preis?«

»Du meinst, uns hätte nichts Besseres passieren können?«

»Ohne Zweifel. Geh mal davon aus, daß wir es hier mit sehr viel qualifizierteren Gegnern zu tun hatten als je zuvor in Norwegen, und dabei schließe ich diese verfluchten israelischen Mörder oben in Lillehammer ein. Also, Leute mit jahrelanger Kampferfahrung im Nahen Osten, bewaffnet mit Handgranaten und AK 47, sieben bis acht Mann, die in zwei Gruppen gleichzeitig ins Hotel eindringen. Wann hätten wir sie also geschnappt?«

»Du meinst hinterher, wenn es zu spät gewesen wäre.«

»Ja. Versuch dir mal vorzustellen, was das bedeutet hätte.«

»Ja, aber, ich habe mein Objekt doch aus den Augen verloren.«

Mathiesen stand heftig auf und leuchtete fast vor Energie und Irritation – er erinnerte Hestenes plötzlich an den Eislaufstar Hjallis Andersen –, ging zu dem Dokumentenstapel am kurzen Ende des Konferenztischs und zog eine Aufnahme des schwedischen Terroristen hervor. Dann setzte er seinen Weg um den Tisch herum fort und legte das Bild vor Hestenes. Anschließend ging er noch eine halbe Runde um den Tisch, so daß er Hestenes genau gegenüberstand, beugte sich vor und stützte sich mit beiden Fäusten auf.

»Jetzt hör mal zu, Hestenes. Du hast den Drachen zu sehen bekommen, und betrachte das als eine gute Lektion und eine Erinnerung fürs Leben, und sei ja dankbar, daß der Drache dich nicht so unterschätzt hat wie du ihn. Unsere Aufgabe ist es doch, Terrorakten vorzubeugen, und diese Aufgabe haben wir heute glänzend gelöst. Aus diesem Grund ist es zu keiner Operation gekommen, und geh jetzt in dein Zimmer und schreibe deinen Bericht, damit die Schweden ihn bekommen, und untersteh dich, diesen Tag als Mißerfolg anzusehen.«

Mathiesen blieb in der gleichen Haltung stehen und lächelte still vor sich hin, als Hestenes zu seinem Zimmer trottete. Ein guter Junge, dachte Mathiesen.

Ein paar Minuten später saß Hestenes still in seinem Zimmer, vor sich auf dem Schreibtisch das Foto. Sein Zimmer war klein und trist, mit einer Aussicht auf die Rückseite des Polizeihauses und die Einfahrt zur Tiefgarage mit dem Lieferanteneingang.

Der Mann auf dem Foto sah angenehm aus, ein norwegischer Frischluftfan. Aber, bildete sich Hestenes ein, da gibt es zwei völlig verschiedene Ausdrücke in den Augen dieses Mannes. Wenn man das linke Auge mit der Handfläche zudeckte, bekam das Gesicht einen humorvollen, sympathischen Ausdruck. Deckte man dagegen das rechte Auge zu, sah der Blick eiskalt aus. Dies war also ein Profi, den man nicht mal in einer Stadt wie Oslo verfolgen konnte, ein Profi, der seine Verfolger sogar begrüßte.

Der Drache, dachte Hestenes, ich war dem Drachen so nahe, daß ich ihn beinahe hätte greifen können.

Er blätterte eine Weile, bis er das richtige Formular gefunden hatte, legte das Bild des Drachen beiseite und begann mit der Abfassung eines quälend detaillierten Berichts. Er enthielt unter anderem den Hinweis, daß er am Nachmittag während seines Fahndungsauftrags zweimal entdeckt worden war. Es war nicht angenehm, das hinzuschreiben. Aber Mathiesen hatte vielleicht recht – wenn er sich bei diesem Weinglas im Warenhaus nun nicht dem Drachen enthüllt hätte, was hätte dann passieren können?

Es ist wahr, daß die Palästinenser bei ihren Aufträgen hauptsächlich den automatischen Karabiner AK 47 Kalaschnikow verwenden. Roar Hestenes hatte während eines Ausbildungsaufenthalts in der Bundesrepublik Deutschland selbst mit einer solchen Waffe geschossen. Zwanzig Schuß im Magazin, liegt völlig still und ausbalanciert, selbst bei Schnellfeuer aus der Hüfte. Erstaunlich hohe Präzision bei Einzelschüssen und bei Verwendung als Gewehr. Die AK 47 ist eine respekteinflößende, furchtbare Waffe.

Auf der Stuhllehne hinter ihm hing sein Schulterholster mit der Dienstwaffe, einer Smith & Wesson, Kaliber 38, Modell 10.

Er unterbrach das Schreiben und streckte wieder die Hand nach dem Foto mit dem Terroristen aus. Er deckte das humorvolle Auge zu und blickte eine Weile in das kalte Auge.

Es spielt ja keine große Rolle, dachte er, es spielt wirklich keine große Rolle, ob man nun ein guter Polizist oder ein Anfänger bei der Sicherheitspolizei ist, wenn man fünf oder sechs solchen Leuten begegnet und dabei selbst einen Revolver in der Hand hat, während die mit der AK 47 arbeiten.

Er zog die unterste Schreibtischschublade heraus und entließ das Bild in die vermeintliche Vergessenheit. Er schloß die Schreibtischschublade und beendete seinen Bericht für die schwedischen Kollegen.

3

Etwa zur gleichen Stunde, als der stellvertretende Polizeipräsident Axel Folkesson draußen in Djurgården in seinem Wagen starb, erwachte Carl Gustaf Gilbert Hamilton aus einem Alptraum.

Es hatte als vollkommen normale Havarieübung in dem achtzehn Meter tiefen Tauchtank in Karlskrona begonnen. Er war auf der roten Leiter in die Tiefe gestiegen, und als er unten auf dem Grund angelangt war, nahm er das Mundstück ab, zwängte sich aus dem Preßluftgerät, blies anschließend ein Viertel der Luft aus den Lungen, um beim Auftauchen durch die Druckveränderung keinen Lungenriß zu bekommen, und begann mit dem langsamen Aufstieg in dem schimmernden Licht des 35 angenehme Grad warmen Wassers.

Wenn man die Zehn-Meter-Marke erreicht hat, braucht man sich normalerweise keine Mühe mehr zu geben, sondern treibt automatisch nach oben; wenn man ertrinken will, wie die Ausbilder sich auszudrücken pflegten, muß man es immer in einer Tiefe unter zehn Metern tun, wenn der Wasserdruck den Körper hinunterpreßt, sonst treibt man nach oben.

Als er die Zehn-Meter-Marke erreichte und sich nach oben treiben lassen wollte, wurde das Wasser plötzlich kalt, und die acht starken Scheinwerfer im Tank erloschen gleichzeitig, während der Druck ihn nach unten zu saugen begann. Er passierte die Achtzehn-Meter-Marke, wo sich soeben der Boden befunden hatte und wo die erst rote, dann grüne, dann schwarze und schließlich weiße Leiter endete; der Boden löste sich in Dunkelheit auf.

Anfänglich machte er den Versuch, jede Panik zu vermeiden. Der Druck wurde aber stärker, und er sank unerbittlich und immer schneller in die Tiefe und war jetzt in einem dicken, mit Wasser gefüllten Rohr auf dem Weg in die Unterwelt, ohne den Ablauf der Ereignisse steuern oder beeinflussen zu können, und der Druck auf das Trommelfell ließ sich nicht mehr ausgleichen, dazu sank er viel zu schnell, und der Druck auf die Gesichtsmaske wurde allmählich so stark, daß das Plexiglas an den Augenbrauen und Wangenknochen anlag und die Augen nach innen und zur Seite gedrückt wurden, so daß er immer weniger sehen konnte; alles wurde schwarz, und als ihm aufging, daß er nicht überleben würde, kam die Panik.

Er wachte auf. Er hatte sich in den Laken verheddert und ein Kissen auf dem Kopf. Er brauchte ein paar Sekunden, um den Zusammenhang zu erkennen. Seit der Kindheit hatte er keine Alpträume mehr gehabt.

Er schleuderte die Bettwäsche mit einem Ruck zur Seite, richtete sich auf und stellte fest, daß er schwer und kurzatmig Luft holte, als befände er sich noch immer im Tauchtank in Karlskrona.

Jetzt reicht’s aber, verdammt noch mal, sagte er sich, ging ins Badezimmer und stellte die Dusche auf Kalt.

Er keuchte unter dem Wasserstrahl. Er hatte kaltes Wasser schon immer verabscheut, zwang sich aber, ruhig stehenzubleiben, als wäre es eine Strafe, was es strenggenommen auch war. Jetzt muß endlich Schluß sein mit diesen Dummheiten.

Er stieg aus der Dusche und strich sich mit beiden Handflächen das Haar zurück, trat vor den Badezimmerspiegel und betrachtete kurz seine leicht blutunterlaufenen Augen. Zum erstenmal in seinem neunundzwanzigjährigen Leben machte ihn sein eigener Anblick entschieden mißvergnügt.

Er rasierte sich ruhig, sorgfältig und besonders lange. Dann ging er ins Wohnzimmer, stellte sich nackt mitten auf den Fußboden und sah sich um. Sein Körper hatte schon zu trocknen begonnen, aber es tropfte noch immer auf das dunkle Eichenparkett. Was er um sich herum sah, bekräftigte ihn nur in seiner stillschweigenden Abmachung mit sich selbst, in gewisser Hinsicht ganz entschieden die Lebensführung zu ändern. Es roch nach Rauch, nach verbrauchter Luft und nach Parfum. Unter Aschenbechern und Weingläsern auf dem Couchtisch neben ihm fand er eine mit Lippenstift geschriebene verschmierte Nachricht. Erlas sie nicht; das unbeholfen gemalte Herz, das die Nachricht abschloß, genügte ihm. Da stand, sie müsse früh gehen, um ihr Kind im Heim abzugeben, was offenbar bei vielen schwedischen Müttern der Fall war. Wie schön, daß sie gegangen war.

Er überlegte, ob er die Wohnung jetzt sofort und ein für allemal aufräumen sollte, aber dann ging ihm auf, daß er sich schon jetzt verspätet hatte. Er ging zum Fenster und öffnete es. Die feuchte Kühle hüllte ihn sofort in eine weitere ernüchternde Strafe ein. Es schneite. Schwere, nasse, große Flocken, und direkt unter ihm lag schon eine mehrere Zentimeter dicke Schicht auf Sankt Georg und dem Drachen.

Etwa eine Viertelmillion Einwohner Stockholms sind alleinstehende Männer. Unter ihnen würde es kaum einen geben, der Carl Hamilton nicht um seine Wohnung in Gamla Stan, der Altstadt, mit Sankt Georg und dem Drachen unter dem Fenster und der herrlichen Aussicht auf Hausdächer und das Wasser des Strömmen beneiden würde.

Überhaupt hätten die meisten Männer Carl Hamilton beneiden können. Erstens war er reich. Außerdem war er auf besonders bequeme Art reich geworden. Vor sieben Jahren, bevor er ins Ausland gegangen war, hatte er Aktien im Wert einer guten halben Million geerbt. Er hatte einen Schulfreund, der bei der Börsenmaklerfirma Jacobson & Ponsbach so etwas wie ein Lehrling war, gebeten, sich um die Papiere zu kümmern, was dieser mit Nachdruck getan hatte – und zwar genau in jenen fünf Jahren, in denen die Aktienkurse an der Stockholmer Börse wie Raketen stiegen, Tag für Tag, Woche für Woche, Monat für Monat, Jahr für Jahr. Er selbst hatte sich nicht näher dafür interessiert, aber bei der Heimkehr entdeckte er, daß er mehrfacher Aktien-Millionär geworden war. Aber da er schon immer eine Abneigung gegen Aktien und Spekulationsgewinne gehabt hatte, verkaufte er sofort und verwandelte das Geld in Staatsanleihen und ein paar Immobilien. Und jetzt, ein paar Jahre später, stellte sich heraus, daß er gerade rechtzeitig verkauft hatte, bevor die Aktienkurse in den Keller gingen. Dafür waren die Immobilienpreise in die Höhe geschossen. So war er noch einmal mehrfacher Millionär geworden und wohnte daher so, wie er wohnte.

Außerdem war er ein ziemlich gutaussehender Mann, ehemaliger Handballspieler, ehemaliger Quarterback in einer amerikanischen Football-Universitätsmannschaft und überdies mit einem Grafentitel versehen, mit einer vollständigen Ausbildung in allen Regeln der Etikette, guten Manieren also, war Reserveleutnant der Marine und er hatte einen MA in Staatswissenschaft und elektronischer Datenverarbeitung von der University of Southern California; nach dem Ableben des Radikalismus der sechziger und siebziger Jahre und nach den Wertvorstellungen der neuen Zeit konnte man ihn ohne jede Ironie als einen Offizier und Gentleman bezeichnen. Er teilte diese Wertvorstellungen zwar nicht, auch wenn die fünf seltsamen Jahre in den USA sämtliche Voraussetzungen seines Lebens verändert hatten.

Dennoch hatte er sein Leben noch nie für so verfehlt gehalten wie jetzt, als er in seinem Wohnzimmer stand und durch die Dunkelheit auf das Wasser des Strömmen blickte, zu einem hell erleuchteten Schiff in der Ferne, falls man diese schwimmenden Hochhäuser im Finnland-Verkehr als Schiffe bezeichnen kann.

Die Kälte vom offenen Fenster her begann zu schmerzen. Er schloß es und kleidete sich rasch mit völlig neuen Kleidern an, übersprang den Frühstückskaffee und ging ins Schneetreiben hinaus.

Der Wagen stand nicht auf dem gewohnten Platz vor der Telegraphenstation gegenüber dem Königlichen Schloß. Er sah einen Augenblick auf seine nassen Halbschuhe hinunter und überlegte, ob er nach Hause gehen und ein »Bitte-warten-Sie« rufen sollte. Aber dann ging er mit unterdrückter Wut auf die Ström-Brücke zu, wobei ihm der Schneematsch um die Füße spritzte; er machte sich nicht einmal die Mühe, vorsichtig zu gehen. Der Wagen stand da, wo er ihn zwar erlaubterweise, aber doch unüberlegt vor dem Café Opera hatte stehen lassen. Dicker Schnee auf den Scheiben, kein Kratzer am Wagen. Er zog einen in Kunststoff eingeschweißten Ausweis mit dem kleinen Reichswappen aus der Tasche und kratzte die Scheiben frei. Hier würde er den Wagen künftig nicht mehr parken.

Auf der Fahrt zur Insel Kungsholmen schlitterte und rutschte er im Schneematsch hin und her. Amerikanische Wagen sind für skandinavische Winter nicht geeignet, und dieser Wagen mußte endlich verkauft werden. Das war ein weiterer Beschluß, an dem festgehalten werden mußte. Alle Beschlüsse des Tages mußten endgültig sein. Er hatte den Wagen aus Kalifornien mitgebracht, und anfänglich hatte das schwedische Nummernschild auf dem blauen kalifornischen Schild gesessen, so daß man den Text »The Golden State« immer noch lesen konnte. Das war nicht nur kindisch; es war eine weitere dieser völlig regelwidrigen Indiskretionen, mit denen er sich umgab, ein stummer, aber alberner Protest gegen den Job, in dem er vorübergehend gelandet war. »Vorübergehend« – das war jetzt zwei Jahre her. Der Job war wahrlich nicht das geworden, was er sich einmal vorgestellt hatte.

Auf Norr Mälarstrand wurde der Verkehr stärker. Die Straßenverwaltung hatte vor kurzem ein schwer durchdringliches Dickicht aus Zementblöcken an bestimmten strategisch berechneten Stellen aufgestellt, um unter den Autofahrern, die jeden Morgen und Abend gezwungen waren, über Kungsholmen zu fahren, so viel Irritation zu erzeugen, daß sie – so hatte sich die Stadtverwaltung das tatsächlich gedacht – aus Überdruß oder Zorn das Autofahren aufgeben und statt dessen mit Bus oder Bahn in die Stadt fahren würden.

Es dauerte fast zehn Minuten, die Verkehrsampel an Kungsholms Torg zu erreichen. Carl grübelte weiter über sein verpfuschtes Leben und seine guten Vorsätze, sich künftig zu bessern, nach.

Sie hatten ihn schon während seines Wehrdienstes angeworben, noch als er zum Marinetaucher ausgebildet wurde. Das war jetzt mehr als acht Jahre her. Er war damals politisch radikal gewesen oder, um es ohne Umschreibungen zu sagen – denn »radikal« war er ohne Zweifel auch jetzt noch –, Kommunist und Mitglied der Studentenorganisation Clarté, die sich seit einer Reihe von Jahren hauptsächlich auf »Marxismus-Leninismus-Maoismus« stützte, eine Phrase, die sich für alles verwenden ließ.

Das war ganz am Ende der politischen sechziger Jahre gewesen, das heißt ein paar Jahre nach dem Sieg Vietnams und der Befreiung Saigons 1975. Clarté hatte ihren besonders überzeugten Genossen die Aufgabe gestellt, die Streitkräfte zu unterwandern.

Was eigentlich damit gemeint war, blieb etwas unklar, aber es ging keineswegs um irgendwelche traditionellen pazifistischen Absichten, sondern die Idee lief vielmehr darauf hinaus, möglichst viele Genossen in möglichst vielen wichtigen Positionen in der Armee unterzubringen.

Das Ganze wurde damit erklärt, daß man diese politisch bewußten Genossen in der Stunde der Gefahr brauchen werde – nämlich beim Angriff der sozialimperialistischen Supermacht –, damit sie defätistische und landesverräterische, das heißt mitläuferisch prosowjetische Tendenzen bekämpfen könnten. Die bürgerliche Armee sei in nationaler Hinsicht nämlich nicht ganz zuverlässig.

Es darf nicht erstaunen, daß weder der Sicherheitsdienst der Streitkräfte noch die Sicherheitspolizei je begreifen konnten, welche Absichten hinter dieser minimalen Links-Unterwanderung steckten. Bei den Sicherheitsdiensten saßen die Experten für die politische Linke und rauften sich die Haare, weil sie aus dieser neuen kommunistischen Variante nicht schlau wurden. Man neigte zu der Ansicht, das Ganze sei eine Art Trick.

Die sogenannten Fachleute in der Sicherheitsabteilung der Reichspolizeiführung (»Säpo«) hatten sich hartnäckig in den Kopf gesetzt, daß es sich um die Vorbereitung eines Staatsstreichs handelte: Wenn genügend Clartéisten die Streitkräfte unterwandert hätten, würden Heer, Luftwaffe und Marine unter roten Fahnen und dem klingenden Spiel des Musik-Korps der Roten Armee auf Stockholm marschieren.

Carl Hamilton, neuerdings wenigstens nach außen hin Offizier und Gentleman, lächelte über diese Erinnerungen, und damit lächelte er an diesem Tag zum ersten und einzigen Mal.

Die Anwerbung hatte im Monat März stattgefunden, ganz zu Anfang seiner Ausbildung zum Marinetaucher. Zu dieser Zeit fährt der auszubildende Jahrgang von Berga nach Karlskrona hinunter, um sich zum erstenmal mit dem Tauchtank bekanntzumachen und um ein paar grundlegende Dinge zu üben, die mit dem Aufstieg aus einer Taucherglocke, mit Atemtechnik und derlei zu tun haben.

Hoch oben in dem Turm, der den eigentlichen Tauchtank umschließt, ist es ziemlich eng. Der Übungsleiter sitzt auf einer Art Katheder nahe der Decke, und die Wehrpflichtigen schaukeln auf der Wasseroberfläche darunter wie Entenkinder, während drei Ausbilder die verschiedenen Tauchphasen vor dem Üben mit der Taucherglocke erläutern. Es folgen Einzelübungen in verschiedenen Tiefen, und ein Arzt kontrolliert, daß jeder nach dem Aufsteigen noch volle Kontrolle über seine körperlichen Funktionen hat. Schon in einer Tiefe von sechzig Zentimetern kann es auf höchst unerwartete Weise zu einem Lungenriß kommen. Ein Lungenbläschen platzt, und eine Luftblase saust durch den Blutkreislauf und bleibt irgendwo im Gehirn hängen. Wenn man Glück hat, bleibt das Luftbläschen dort und blockiert so nur den Tastsinn eines Fingers, so daß man es nach ein paar Stunden in der Druckkammer ohne Schwierigkeiten wegdrücken kann. Hat man Pech, bleibt das Luftbläschen unverrückbar mitten im Sprechzentrum.

Carl fühlte sich während der Übung merkwürdig beobachtet. Auf einem kleinen hölzernen Podium saß ein Mann von etwa fünfundfünfzig Jahren, der hier keine vernünftige Aufgabe zu haben schien, auch wenn ihn die jüngeren Ausbilder mit einer Mischung aus Selbstverständlichkeit und Respekt vor einem Vorgesetzten behandelten.

Am zweiten und letzten Übungstag saß er nicht mehr dort.

Während einer der letzten Übungen behauptete der Arzt, bei Carl seien im einen Auge einige kleine Blutgefäße geplatzt. Es sehe nicht gut aus, man müsse eine Kontrolluntersuchung vornehmen. Carl wurde in ein Krankenrevier beordert, während die anderen sich ankleideten, um nach Stockholm und zu ihrem Wochenendurlaub zurückzukehren.

Das Krankenrevier war leer. Man führte ihn in ein Zimmer, in dem seine Kleidungsstücke lagen. Er zog sich an, etwas beunruhigt, weil es irgendwo in ihm, obwohl er nichts spürte, trotz allem einen Defekt geben konnte, aber eine Spur mehr irritierte ihn, daß ein Wochenende zerstört zu werden drohte.

Nach einiger Zeit erschien ein Fregattenkapitän und bat ihn mitzukommen. Sein Urlaub sei aufgrund der Krankmeldung gestrichen; er sei aber nicht krank und brauche sich nicht zu beunruhigen. Sie würden zu einer kurzen Reise aufbrechen. Eine weitere Erklärung erhielt Carl nicht.

Der Fregattenkapitän fuhr ihn in einem Zivilwagen anderthalb Stunden nach Süden, während sie sich über die Ausbildung unterhielten, über die Zukunft der Marine, die Schlacht bei Trafalgar und andere offenkundige Belanglosigkeiten. Als die Provinz Blekinge zu Ende ging, folgten sie der Küste ein Stück nach Süden, durch Österlen, wo Schonen so aussieht, wie Schonen auf Bildern auszusehen pflegt, mit weichen, wogenden Hügeln, die zu dem blauen Meer hin abfallen. Es war März, und der Frühling war ungewöhnlich früh gekommen. Als sie sich Kivik näherten, war die Landschaft in Nebel gehüllt. Sie bogen von der Straße ab und fuhren zu einer kleinen Apfelplantage, und der Mann von dem Holzpodium oben im Tauchtank kam ihnen mit einer kräftigen Gartenschere in der Hand entgegen.

So begegnete Carl zum erstenmal dem Alten. Er hatte jedenfalls nie aufgehört, die Abkürzung so zu deuten, auch wenn »D. A.« nie anders als DA genannt wurde. DA war seit ein paar Jahrzehnten Leiter des geheimen Teils des militärischen Nachrichtendienstes.

Jedoch – seit den Presseskandalen vor einigen Jahren war durchaus zweifelhaft, ob man diesen Nachrichtendienst noch als »geheim« bezeichnen konnte. Die Genossen bei der Zeitschrift Folket i Bild/Kulturfront hatten ja sowohl DA wie einen großen Teil seiner Mitarbeiter beim Nachrichtendienst in ganzen Serien ausführlicher Porträts vorgestellt; die Verwicklungen um diese Affäre hatten damit geendet, daß ein paar Genossen von der Zeitschrift ins Gefängnis gingen, während die Regierung versicherte, an dem, was in der Zeitschrift gestanden habe, sei kein wahres Wort, und im übrigen sei es nicht üblich, daß der neue Nachrichtendienst linksgerichtete Organisationen verfolge, und auf jeden Fall habe er völlig andere Direktiven. Sollte es dennoch dazu gekommen sein, dann versehentlich, und im übrigen seien diese Fälle verjährt oder Ausnahmen, die sich künftig nicht wiederholen würden.

Und jetzt stand also Carl Hamilton, zweiundzwanzig Jahre alt und noch immer Mitglied der Clarté, auf der Terrasse des offiziell pensionierten Alten mit einem Glas hausgemachten Apfelweins in der Hand. Der Fregattenkapitän hatte sich zurückgezogen.

DA ähnelte seinen Fotos, sah aber in Farbe und Wirklichkeit und in dreidimensionalem, beweglichem Bild eher wie ein pensionierter Apfelpflanzer aus als wie der Chef oder ehemalige Chef des geheimsten Teils des militärischen Nachrichtendienstes. Pensioniert oder nicht, er war im Dienst. Denn auf dem Marmortisch auf der Terrasse lag eine Mappe, die rund fünfzig DIN-A-4-Bögen in Maschinenschrift zu enthalten schien. Auf der Mappe standen Carls Name und seine Personennummer.

DA erzählte eine Weile von seiner radikalen Jugend und seiner einfachen Herkunft, die sich ja von der Carl Hamiltons ganz wesentlich unterscheide. Und weil er aus guten Gründen davon ausgehen konnte, daß Carl alles las, was in Folket i Bild/Kulturfront über den Nachrichtendienst stand, dieses ganze Zeug von einer »sozialdemokratischen Spionageorganisation« und so weiter, nahm DA diesen Besuch jetzt zum Anlaß, ein paar Dinge richtigzustellen.

Alle Nachrichtendienste oder Sicherheitsorgane der ganzen Welt, welchem politischen System sie auch dienten, hätten hauptsächlich ein einziges Problem gemeinsam. Man laufe Gefahr, einen so einheitlichen Mitarbeiterkreis zu schaffen, das heißt politisch einheitlich, daß das Blickfeld verengt werde. In Westeuropa sei vor allem typisch, daß die Nachrichtendienste von konservativen Offizieren beherrscht würden, die im Fall Schwedens einen moskautreuen Kommunisten kaum von einem Mitglied des sozialdemokratischen Jugendverbands unterscheiden könnten, oder die im Fall der Bundesrepublik Deutschland unfähig seien, irgendwelche Nuancen zwischen der Baader-Meinhof-Bande und dem sozialdemokratischen Kulturbund zu erkennen, von den homosexuellen Eton-Boys in Großbritannien und deren ständigen Mißgriffen ganz zu schweigen.

Diese Homogenität führe nicht nur zu mangelnder Effizienz, sie sei überdies unangebracht und sogar gefährlich. In Schweden wolle man nun versuchen, eine etwas gemischtere Gesellschaft zu schaffen, und zu diesem Zweck habe man etwa die Hälfte der Mitglieder aus dem Offizierskorps rekrutiert und die andere Hälfte bei verschiedenen Organisationen der Arbeiterbewegung angeworben. Er, DA, habe persönlich die meisten dieser Anwerbungen verantwortet.

Im Augenblick bestehe die Gefahr, daß diese Strategie zerschlagen werde. Die neue bürgerliche Regierung habe es sich in den Kopf gesetzt, daß konservative Offiziere die einzige national garantiert zuverlässige Bevölkerungsgruppe des Landes seien, und man habe die Skandale der alten Nachrichtendienst-Affäre ausgenutzt, um so den neuen Dienst zu militarisieren; was die Organisation schwerfällig gemacht habe. Und jetzt kämen wir der Sache also etwas näher.

DA zeigte mit dem Daumen auf Carls Mappe vor sich und erklärte, da er trotz allem noch einen gewissen Einfluß auf den ganzen Laden habe, habe er auch die Absicht, seine eigene Anwerbungspolitik fortzusetzen und gelegentlich den einen oder anderen vernünftigen Mann einzuschleusen.

Er klappte die Akte auf und holte Carls vierzehn Tage alten Antrag heraus, nach abgeschlossener Grundausbildung zum Marinetaucher an der Seekriegsschule mit der weiteren Ausbildung zum Reserveoffizier der Marine zu beginnen. Hier, sagte der Alte und schlug mit dem Daumen wieder aufs Papier, hier haben wir, wie ich glaube, einen geeigneten Offizier gefunden, der zwar nicht durch und durch konservativ ist, aber aus einer fast verdächtig guten Familie kommt.

Carl war sprachlos. Er versuchte sich einzureden, daß alles nur ein Scherz sei, irgendein subtiler militärischer Test seiner Zuverlässigkeit oder was auch immer, aber wahr könne es nicht sein.

Es klang vollkommen unsinnig. Der Nachrichtendienst hatte es sich unter anderem zur Aufgabe gemacht, alle möglichen Organisationen zu unterwandern, angefangen bei gewöhnlichen ehrlichen FNL-Gruppen vom Lande bis hin zu radikalen Studentenorganisationen, unter denen natürlich auch die Clarté war; der Nachrichtendienst hatte persönliche Daten schwedischer Palästina-Aktivisten an Israel verkauft, er hatte »gewerkschaftliche Unruhestifter« gejagt und die Mitglieder aller verdächtigen Organisationen wie der Clarté registriert, als wären sie irgendwelche potentiellen Landesverräter. Oder etwa nicht? Ging man jetzt tatsächlich und ernsthaft davon aus, daß Carl so ohne weiteres in diesen Geheimdienst hineinspazieren würde, wenn man ihn nur riefe?

DA verlor weder die Geduld noch die Beherrschung. Er hielt einen langen Vortrag.

Erstens enthielten diese überall herumschwirrenden Pressemeldungen über die sogenannte Unterwanderung mehr als nur eine Halbwahrheit. Zweitens müsse man sich klarmachen, daß dieses Blatt Folket i Bild/Kulturfront nur die Bereiche der nachrichtendienstlichen Tätigkeit beschrieben habe, gegen die man protestieren wollte. Das sei an und für sich so sympathisch wie verständlich. Das Ergebnis sei aber unglücklicherweise ein grotesk verdrehtes Bild der Arbeit insgesamt.

Der Nachrichtendienst sei ein wichtiger Teil der Landesverteidigung, und seine Hauptaufgaben bestünden wahrlich nicht darin, Leute zu registrieren, die vor den staatlichen Schnapsläden mit Sammelbüchsen klapperten. In der operativen Abteilung habe es zwar einige solcher Aktivitäten gegeben, aber dabei habe man in erster Linie das Ziel verfolgt, die Operateure beschäftigt zu halten (hier hörte Carl zum erstenmal das Wort »Operateur«).

Die einzige „wesentliche Aufgabe des Nachrichtendienstes bestehe darin, als eine Art Fühler des Landes zu arbeiten und Kenntnisse über militärische oder paramilitärische Tätigkeiten zu erwerben, die sich gegen Schweden richteten oder richten könnten. Wie gesagt.

Und jetzt sei man dabei, die Abteilung neu aufzubauen, jetzt würden Teile der militärischen Führung sowie die regierende bürgerliche Koalition Militärs vorgerückten Alters in die Organisation einschleusen. Das sei nicht gut.

Und gerade bei der Schaffung einer neuen Generation von Operateuren gebe es ein spezielles Problem. Die Achillesferse der früheren Organisation sei zugegebenermaßen der Mangel an kompetenten Operateuren gewesen. Es gebe in Schweden keine geeigneten Ausbildungsmöglichkeiten, und hätte es sie gegeben, hätte das übrigens nur direkt zu Beschwerden beim Justiz-Ombudsmann und bei der Zeitung Expressen und zu nationalem Wehgeschrei über ungeeignete und häßliche Methoden sowie zu anderem geführt, was der neuen Organisation nicht gerade zum Vorteil gereicht hätte.

Aber hier haben wir doch einen angehenden Reserveoffizier, nicht wahr? Nun, dann sei es vielleicht an der Zeit, den Vorschlag zu konkretisieren.

Es geht also um die Funktion als Operateur in der neuen, künftigen Organisation. Dafür gebe es in Schweden keine geeignete Ausbildung, und die werde es aus den genannten Gründen auch nicht geben können. Es gebe aber eine sehr konkrete Möglichkeit, nämlich folgende.

Carl werde ein Stipendium für eine Ausbildung in Staatswissenschaft und Datentechnik an der University of Southern California erhalten, und zwar bei einer Fakultät außerhalb von San Diego. Die Ausbildungszeit werde normalerweise mit drei bis vier Jahren veranschlagt. Alles werde vom Verteidigungsministerium bezahlt, obwohl es sich offiziell um ein gewöhnliches amerikanisches Universitätsstipendium für begabte ausländische Studenten handele. Carl werde mit seiner Universitätsausbildung zeitlich jedoch erheblich ins Hintertreffen geraten. Dafür werde man ein gewisses Verständnis haben, etwa wie bei bestimmten Spitzensportlern.

Man werde ihn nämlich für eine etwas kompliziertere Ausbildung bei einer Spezialschule der US-Navy und des FBI in San Diego einschreiben lassen. Hier gebe es die vermutlich beste Ausbildung von Operateuren in der ganzen Welt, zumindest jedoch der westlichen Welt. Das Angebot umfasse bis auf weiteres beide Ausbildungen.

Und mit einem nur einmonatigen Aufbaukurs an einer gewöhnlichen amerikanischen Militärakademie werde Carl seine ganze Ausbildungszeit in San Diego auf die vorgeschriebenen drei Jahre an der Seekriegsschule angerechnet bekommen. Man brauche nur ein wenig zu schummeln. Also, Carl werde mit einer Universitätsausbildung und gleichzeitig mit dem Patent eines Reserveoffiziers nach Hause zurückkehren. Außerdem habe er ja noch immer die Möglichkeit abzuspringen. Man könne niemanden zum Nachrichtendienst zwingen, jedenfalls nicht in Schweden. Man könne jedoch bestimmte Angebote machen. Die endgültige Entscheidung brauche zudem erst in fünf Jahren zu fallen.

Das Angebot schien glänzend. Was die mehr als vierjährige Ausbildung zu einem field operator eigentlich bedeutete, davon hatte Carl nichts weiter als filmromantische Phantasievorstellungen. Auf schwedisch hörte sich das in den Worten des Alten völlig unschuldig an: »Operateur«.

Es war eine stark geschönte Umschreibung.

Fünf Jahre lang und zu Kosten von gewiß ein paar Millionen hatte Carl zwischen einem gewöhnlichen Studentenleben von ein paar Tagen pro Woche und einem geheimen Leben in San Diego hin- und hergependelt und eine umfassende Ausbildung bekommen: Wohnungseinbrüche, Einbrüche in Autos, Verfolgung mit Auto, Verfolgung ohne Auto, Lauschoperationen, Fotografieren mit Teleobjektiven, Tarnung und Maskierung, Funker-Ausbildung; Austausch von Mitteilungen, Sabotage, angefangen beim Sprengen von Automobilen bis hin zu der Kunst, ganze Kraftwerke auszuschalten, Ausbildung im Umgang mit osteuropäischen Handfeuerwaffen, mit westeuropäischen, israelischen und amerikanischen Handfeuerwaffen, mit Gewehren, automatischen Karabinern, Granatwerfern, dem Granatengewehr RPG, Infrarot-Zielfernrohren, Ausbildung im Häusernahkampf, Nahkampf im Gelände, Nahkampf im Dunkeln mit und ohne Feuerwaffen oder mit Messern, und all dies immer und immer wieder, vorwärts und rückwärts, und das Ganze fünf Jahre lang; kurz, eine gediegene Grundausbildung in allem, nur nicht im Zögern und in christlicher Ethik – ideal für einen field operator.

Außenstehenden hatte er nie etwas davon erzählt, nicht nur, weil dies alles natürlich mit strengster Geheimhaltung belegt war und weil man ihn als Ausländer besonders ermahnt hatte, keinen Skandal auf sich zu ziehen und der Ausbildungseinheit keine Schande zu machen, sondern vielleicht eher, weil er – abgesehen von den reinen Schießübungen – so etwas wie ambivalente Scham empfand.

Er war ja einmal Sportler gewesen; vielleicht hatten seine Gefühle etwas mit diesem Hintergrund zu tun. Als er zum erstenmal nach San Diego kam, bestand seine körperliche Identität darin, daß er Marinetaucher der schwedischen Marine war, was völlig normal und anständig ist, und daß er zudem ein Handballspieler war, der in einer Mannschaft der höchsten schwedischen Spielklasse spielte. Handball ist ein hartes Spiel mit viel Körperkontakt, mit harten Zusammenstößen und einem gelegentlich intensiven Kampf mit einem fließenden Regelsystem, bei dem das Kriminalitätsniveau von Spiel zu Spiel ein wenig verschoben wird, je nachdem, was auf dem Spiel steht oder wer gerade Schiedsrichter ist. Es ist jedoch ein Spiel ebenbürtiger Gegner, und man kann nicht mogeln.

Der größte Teil der Ausbildung eines field operator ist in sportlicher Hinsicht jedoch Mogelei. Die Gegner haben selten auch nur die kleinste Chance.

Während die fünf Jahre in San Diego in Carl für den Rest seines Lebens Spuren hinterließen, während jedes Detail all dieser Regelverstöße so eingeübt worden war, daß es zu einem automatischen Reflex wurde, versuchte er gleichzeitig, alles aus seinem Bewußtsein zu verdrängen. Gelegentlich trieben die Erinnerungsbilder wie stumme Eisschollen vorüber. Er hatte nie jemandem etwas erzählt. Er war unerschütterlich loyal gewesen.

Und jetzt konnte man dennoch der Meinung sein, alles sei vergeudete Zeit gewesen. Denn bei seiner Heimkehr nach Schweden wartete kein Posten in dem neuen Nachrichtendienst auf ihn, sondern etwas, was der Alte entschuldigend »vorläufigen Dienst in Erwartung neuer Richtlinien« nannte, was im großen und ganzen ein Warten auf neue politische Komplikationen bedeutete. Erst hatte die neue bürgerliche Regierung mit dem jungen waffenverrückten Staatssekretär der Konservativen an der Spitze den Nachrichtendienst militarisiert, dann hatte die nachfolgende sozialdemokratische Regierung in hartem Kampf mit der Gewerkschaft in den Streitkräften versuchsweise Umbesetzungen vorgenommen, die jedoch zwangsläufig auf die Streitkräfte beschränkt blieben, und jetzt seien alle Posten besetzt, wie es hieß, und da Schweden nun mal Schweden ist, so sind auch Angehörige des Nachrichtendienstes durch verschiedene gewerkschaftliche Bestimmungen und Kündigungsschutzgesetze gesichert, die darauf hinauslaufen, daß jeder lebenslänglich angestellt ist, wenn er es erst mal geschafft hat, einen Vertrag zu ergattern.

Die militärische Führung hatte den Spezialrekruten des Alten mit einer gewissen Skepsis betrachtet, obwohl die auf der Apfelplantage verabredete Anrechnung der amerikanischen Ausbildung erfolgt war. Carl Hamilton war zwar der Mann des Alten, hatte aber auch eine kommunistische Vergangenheit. Die Herren sagten etwas vage, man werde eine geeignete Vakanz abwarten.

Damit war Carl Abteilungsleiter in der Sicherheitsabteilung der Reichspolizeiführung geworden, mit besonderen Arbeitsgebieten in der EDV-Einheit. Das war in doppelter Hinsicht eine Ironie, einmal wenn man die Art der Ausbildung in San Diego bedachte, zum andern wenn man sich den Status des Abteilungsleiters als Sicherheitsrisiko für das System vor Augen führte, in dem er jetzt selbst saß, für das System, mit dem er umging, das er modernisierte und an die neue Technik anpaßte.

Carl ging also davon aus, daß die Ausbildung in San Diego in der Praxis nie erprobt werden würde. Nach zwei Jahren als Abteilungsleiter schien diese Prognose völlig natürlich zu sein.

Sie war jedoch falsch. Innerhalb von zehn Stunden würde er Waffen gebrauchen, innerhalb von drei Wochen würde er vier Menschen töten.

Er hatte sich reichlich verspätet und mußte in Bergsgatan, Polhemsgatan und Kungsholmsgatan mehrere Runden drehen, bis er einen Parkplatz fand. Er parkte, ohne eine Münze in die Parkuhr zu stecken; es wäre doch zwecklos gewesen, da die Politessen aus unergründlicher Prinzipientreue gerade die Blocks um die Polizeihäuser auf Kungsholmen unter besonders sorgfältiger Bewachung hielten, so daß Polizeibeamte, die aufgrund ihres niedrigen Dienstgrads keinen Anspruch auf einen Platz in der Tiefgarage des Polizeihauses hatten, wie die Eichhörnchen rein und raus laufen mußten, um die Parkuhren mit Münzen zu füttern. Und – jedenfalls nach Carls persönlicher Erfahrung – früher oder später konzentrierten sie sich so unglücklich auf die Verbrechensbekämpfung, daß sie das Hinauslaufen vergaßen und damit in der Falle saßen. Er selbst bezahlte neuerdings lieber die Strafzettel – bündelweise.

Er betrat das Gebäude der Reichspolizeiführung durch den Haupteingang an Polhemsgatan, versuchte mit einem einfachen Gruß an dem ABAB-Wächter vorbeizukommen, wurde aber natürlich zum siebten oder achtenmal in diesem trüben Dezember gezwungen, die Plastikkarte mit dem kleinen Reichswappen vorzuzeigen; er fuhr mit dem Fahrstuhl in den Keller und ging durch den Gang zum nächsten Gebäude und nahm dort den Fahrstuhl bis zum zweithöchsten Stockwerk.

Home sweet home, knurrte er, als er an der Glas- und Stahltür den Code eingab. Auf dem Weg durch den Korridor mit den weißen Wänden und den eigentümlichen Bildern (das war ein Einfall dieses Kunstclubs) und den verstaubten, großblättrigen Topfpflanzen machte er zwei Beobachtungen. Der gelbbraune Kokosfaser-Teppich war voller Matsch und Fußspuren – hier schienen heute morgen schon viele Leute herumgelaufen zu sein. Und ganz hinten im Korridor stand eine Gruppe von Männern mit Kaffeebechern in den Händen, und mehrere Türen standen offen. Das war ungewöhnlich. Jeder Beamte im Sicherheitsdienst ist verpflichtet, beim Verlassen seines Dienstzimmers die Tür zu schließen. Die Leute ständen nicht draußen im Flur und quatschten, wenn nichts Besonderes passiert war, beispielsweise ein entscheidendes Eishockey-Endspiel.

Carl betrat sein Zimmer direkt, ohne das Zimmer der Abteilungssekretärin zu passieren; er mochte nicht zeigen, daß er sich verspätet hatte. Er schloß seinen zwei Meter hohen Panzerschrank auf und entdeckte zu seiner Zufriedenheit, daß er sich richtig erinnert hatte. Dort unten standen ein paar trockene Schuhe. Er streifte Schuhe und Strümpfe ab, wrang die Strümpfe über dem Papierkorb aus und hängte sie auf den Heizkörper. Dann drückte er den Knopf seiner Gegensprechanlage zur Sekretärin.

»Guten Morgen, Britta, besser spät als nie. Heute, glaube ich, bin ich mit dem Kaffee dran«, sagte er und erwartete keine besondere Antwort.

»Du mußt sofort zu Näslund rauf, die erwarten dich im Konferenzraum C 1«, erwiderte sie in einem Tonfall, als sollte er vors Kriegsgericht.

Er seufzte und sah nur auf seine nackten Füße. Dann nahm er die Strümpfe von der Heizung, zog sie widerwillig an und bewegte ein wenig die Zehen, bevor er die Füße in die trockenen Schuhe steckte.

Auf dem Weg nach draußen schaute er bei der Sekretärin vorbei. »Was will Näslund, ist was passiert?« fragte er mit der Hand auf dem Türgriff.

»Hast du denn nichts gehört«, sagte sie fast tonlos, »man hat Axel Folkesson erschossen, du weißt, den Sektionschef von Büro B.«

Er blieb mit der Hand am Türgriff stehen.

»Folkesson erschossen? Ist er tot? Wer denn, wann und wo?«

Sie schüttelte nur den Kopf. Es sah aus, als kämen ihr die Tränen. Er ging schnell eine Treppe hinauf und blieb eine Weile beim Eingang hängen, weil sein Code in diesem Stockwerk nicht funktionierte. Nach einer Minute kam ein Kollege vorbei und ließ ihn ein.

Im Konferenzraum saßen sechs Männer an dem ovalen, gemaserten Birkenholztisch mit den tomatenfarbenen Lederstühlen. Am einen schmalen Ende saß der Chef von Büro B, Henrik P. Näslund, in der Praxis der eigentliche Chef der schwedischen Sicherheitspolizei, da sein Büro für die entscheidenden Aufgaben zuständig war, die Jagd auf Spione und Terroristen. Zwei der anderen Männer erkannte Carl als Kollegen von der Sicherheitspolizei. Die anderen drei kannte er gar nicht, aber sie waren ohne Zweifel Polizeibeamte.

Näslund brachte Carls einleitende Versuche, die durch das morgendliche Verkehrsgewühl verursachte Verspätung zu entschuldigen, mit einer irritierten Handbewegung zum Schweigen. Es herrschte eine eigentümliche Stimmung im Raum.

»Okay«, sagte Näslund, »dann fangen wir an. Wir müssen also zwei parallel laufende Ermittlungen anlegen und die Ergebnisse hier in meiner Abteilung zusammenführen. Falls du die Kollegen noch nicht kennst, Hamilton, dies sind Ljungdahl, Persson und Assarsson vom Dezernat für Gewaltverbrechen, und dann Fristedt, der in derselben Abteilung gearbeitet hat wie Folkesson, und dann Appeltoft von der Ermittlungseinheit.«

Die fünf Männer nickten Carl mürrisch zu.

»Nun, wie euch klar sein dürfte, hat diese Angelegenheit Priorität vor allem anderem«, fuhr Näslund fort, »und wenn ich Priorität sage, dann meine ich es auch. Nichts darf dieser Sache vorgehen.«

Die fünf Polizeibeamten, oder die sechs, wenn man Carl Hamilton dazuzählte, die jetzt hier saßen und dem Chef von Büro B zuhörten, hätten sich unter normalen Umständen kaum an einen Kaffeetisch gesetzt.

Drei von ihnen waren gewöhnliche Polizisten und Ermittlungsbeamte, und angesichts der Natur dieser Angelegenheit durfte man davon ausgehen, daß sie zu den besten des Landes gehörten. Und solche Polizisten haben normalerweise keine hohe Meinung von ihren vornehmeren Vettern in der Sicherheitsabteilung, besonders nicht von jüngeren Sicherheitsbeamten mit akademischem Hintergrund statt fünfzehnjähriger Polizeipraxis, und Carl Hamilton war nur zu offenkundig so ein Taugenichts.

Und bei der eigentlichen Firma, also bei der Sicherheitspolizei, sah es nicht viel besser aus. Arne Fristedt und Erik Appeltoft waren beide Kriminalkommissare, die auf der Ochsentour Karriere gemacht hatten. Sie waren erst zehn bis fünfzehn Jahre lang gewöhnliche Polizeibeamte der üblichen Laufbahn gewesen und dann nach dem alten Modell handverlesen und in die Firma berufen worden, nach dem alten Ritus, demzufolge nur besonders gute Beamte rekrutiert wurden. Sie gehörten also zu der älteren Schule. Solche Sicherheitsleute waren Polizeibeamte und keine Volljuristen, die den Quereinstieg als Abteilungsleiter mit dieser neumodischen Erfindung geschafft hatten, die vor allem Näslund so weit entwickelt hatte, daß die Firma allmählich einem Seminar für jüngere Akademiker ähnelte. Zumindest aus der Perspektive der älteren Polizeibeamten.

Die jüngere Gruppe, zu der die Anwesenden jetzt mit gewissem Recht auch Carl zählten, pflegte eine Abwehrhaltung gegen dieses Vorurteil einzunehmen, verstanden sie sich doch kraft ihrer besseren und moderneren Ausbildung und möglicherweise auch ihrer größeren Intelligenz wegen eher als die alten Kommißbullen als Repräsentanten eines modernen Sicherheitsdienstes.

Aus diesen Gründen hätten die sechs Männer sich unter normalen Umständen nie vorstellen können, gemeinsam an einem Kaffeetisch zu sitzen.

Bei allen Polizisten jedoch, unabhängig von Karriere, Ausbildung und familiärem Hintergrund, gibt es ein paar Dinge, die Gegensätze dieser Art blitzschnell überbrücken. Ein Polizistenmord ist in dieser Hinsicht wichtiger als alles andere.

Eine halbe Stunde später stand Carl mit seinen älteren Kollegen Arne Fristedt und Erik Appeltoft vor Folkessons plombiertem Dienstzimmer. Arne Fristedt, offensichtlich der dienstältere der beiden Kriminalkommissare, hatte automatisch den Befehl über die beiden anderen. Er nickte seinem Kollegen Appeltoft bestätigend zu, die Plombe am Türschloß zu entfernen.

Sie betraten den Raum, in dem sie jetzt vielleicht die ersten wichtigen Spuren der Mörder oder des Mörders finden würden.

Das Zimmer war perfekt aufgeräumt. Es hatte zwei quadratische Fenster, die so hoch angebracht waren, daß sie keine Aussicht erlaubten. Die meisten Dienstzimmer sahen etwa so aus. Unterschiede gab es nur bei der Zahl der Fenster, entweder eins oder zwei, je nach Dienstrang des Inhabers. Der Grundgedanke dürfte mal gewesen sein, daß man durch Fenster, durch die man nicht hinausblicken kann, auch nicht hineinsehen kann, obwohl es in diesem Fall kaum einen Ort in der Nähe gab, der eine Einsicht in diese Räume hoch oben im zweiten Polizeihaus bot.

Der Schreibtisch war sorgfältig aufgeräumt. Eine Schreibunterlage aus hellem Leder, ein Foto von zwei heranwachsenden Mädchen und einer Frau, wohl deren Mutter. Daneben stand ein Mobile mit sechs hängenden Stahlkugeln. Neben dem Mobile lag ein Bürokalender. Das Zimmer sah dennoch persönlicher und wohnlicher aus als die meisten Diensträume der Sicherheitsabteilung. Das lag vor allem daran, daß die Wände voller Graphiken waren; Axel Folkesson war der Vorsitzende des Kunstclubs der Sicherheitspolizei gewesen.

Im übrigen enthielt der Raum zwei Sessel, eine Leselampe und einen kleinen Tisch. Auf dem Tisch stand ein Aschenbecher, geleert, und neben dem Aschenbecher ein Pfeifenständer mit vier sorgfältig gereinigten Pfeifen. Keine Tabakkrümel, keine Asche.

Am anderen Ende des Zimmers, hinter dem Schreibtisch, stand der große Panzerschrank, das gleiche Modell wie bei allen Beamten des Sicherheitsdienstes. Davor lag ein kleiner Flickenteppich in verschiedenen blauen Farbtönen.

Die drei Männer blieben eine Weile stumm. Erik Appeltoft hob eine der Stahlkugeln hoch und ließ sie dann los, so daß die Pendelbewegung begann; eine Zeitlang war im Raum nichts anderes zu hören als das Klicken der aneinanderschlagenden Stahlkugeln des Mobiles. Arne Fristedt zog ein kleines schwarzes Diktiergerät aus der Tasche.

»Also«, sagte er und schaltete das Diktiergerät ein, »dann fangen wir mal an:

Hausdurchsuchung, nein, quatsch, streich das, sagen wir Besichtigung von Polizeipräsident Axel Folkessons Dienstzimmer. Anwesend: Kriminalkommissar Arne Fristedt, Kriminalkommissar Erik Appeltoft und Polizeiassistent, nein, was zum Teufel bist du eigentlich, streich das mal, also Abteilungsleiter … Abteilungsleiter Carl Hamilton. Es ist 10.16 Uhr, Datum 9. Dezember. Das Dienstzimmer ist in ordentlichem Zustand und wie üblich möbliert. Wir beginnen mit der Öffnung des Panzerschranks. Laut Bescheid des Sektionschefs ist der Code 365-356-389, und … mach du mal auf, Hamilton … und auch die Ordnung im Panzerschrank ist gut. Auf dem obersten Stahlregal liegt ein leeres Schulterholster für die übliche Dienstwaffe, daneben eine Schachtel mit Munition, fünfzig Stück 7,65 mm, sonst weiter nichts. Auf dem zweiten Regal liegen das Journal und etwas, was eine schriftliche Zusammenstellung bestimmter Beobachtungen zu sein scheint … hm … die offenbar etwas mit terroristischer Tätigkeit im Zusammenhang mit dem Nahen Osten zu tun haben. Der Bericht, den wir im folgenden A 1 nennen wollen, kann ausländischen Ursprungs sein, die Sprache ist Englisch. Neben dem Bericht liegt eine DIN-A-4-Akte mit der Nummer 16 B, die wir im Protokoll als A 2 bezeichnen, und auf dem großen Regal stehen 23 DIN-A-4-Aktenordner, numeriert bis 16 A, dann kommt ein Zwischenraum, und dann geht es mit 17 A und so fort weiter. Der untere Teil des Schranks enthält eine weitere Schachtel mit Munition 7,65 mm, ein paar Hausschuhe sowie zwei Notizblocks mit handgeschriebenen Aufzeichnungen. Die Notizblocks bezeichnen wir künftig als A 3.

Die Besichtigung geht beim Schreibtisch weiter. Außer Schmuckgegenständen und Fotos, von denen wir bis auf weiteres annehmen, daß es sich um Familienfotos handelt … ach so, du bist sicher, na schön … die also Aufnahmen von seiner Familie sind, liegt da ein gewöhnlicher Bürokalender mit verschiedenen Aufzeichnungen nach Tagebuch-Art. Bezeichnung B 1. Und wenn wir dann zu den Schubladen übergehen, so finden wir zunächst, daß sie unverschlossen sind … Die oberste Schublade enthält folgendes: ein Schlüsselbund mit sieben verschiedenen Schlüsseln, Bezeichnung B 2, einige Bleistifte, ein Lineal, einen Taschenrechner der Marke Sony, einen Taschenkalender für das vergangene Jahr, Bezeichnung B 3 …«

Die Inspektion erfolgte schnell und professionell. Eine erkennungsdienstliche Untersuchung des Zimmers hätte nichts ergeben, da sich außer Folkesson kaum jemand darin aufgehalten haben konnte. Die Tätigkeit des Sicherheitsdienstes ist, wie es heißt, strikt in Sektionen aufgeteilt. Das bedeutet in aller Kürze, daß ein Beamter weder weiß, noch wissen darf, woran der Kollege im Nebenzimmer arbeitet, noch weniger denkbar ist, daß es zu häufigen gegenseitigen Besuchen kommt.

Als das Protokoll fertig war, begannen die drei Männer, Stücke des Materials einzusammeln, die an Ort und Stelle untersucht werden konnten, wie etwa der Bürokalender auf dem Schreibtisch und das Journal aus dem Panzerschrank. Daraus hofften sie Aufschluß zu erhalten, womit sich Axel Folkesson in der letzten Zeit beschäftigt hatte.

Unter dem Datum des Tages war im Bürokalender eine einzige Aufzeichnung eingetragen. Dort stand:

301 163 anrufen oder überprüfen

Sonst nichts.

Für den gestrigen Tag fand sich eine Notiz, die sich als Konferenztermin um die Mittagszeit mit dem Chef von Büro B entziffern ließ, sowie eine weitere Eintragung, unter der stand:

Wegen Plan Dalet Kontakt aufnehmen?

Unter den entsprechenden Daten im Journal, das im Panzerschrank gelegen hatte, entdeckten sie beide Eintragungen wiederholt, aber ohne nähere Angaben. Dagegen fand sich dort eine ausführlichere Eintragung von zwei Tagen vorher, am Montag, und diese Eintragung hatte im Bürokalender keine Entsprechung:

Treffen m. Shulamit Hanegbi. Warnt vor Plan Dalet. Kurz bevorstehend. Vertr. Mitteilung, darf nicht weitergegeben werden.

Die letzten drei Worte waren unterstrichen.

»Da«, sagte Fristedt und setzte seinen Zeigefinger auf die unterstrichenen Worte, »da haben wir also den ersten Hinweis. Wer zum Teufel ist dieser Shula-dingsbums?«

»Sicherheitschef der Israelis. Der Botschaft«, erwiderte Appeltoft.

Die drei Männer beugten sich über die Eintragungen. Der Sicherheitschef der israelischen Botschaft hatte vermutlich die Initiative ergriffen, da nichts darauf hindeutete, daß Folkesson den Kontakt gesucht hatte. Und bei einem persönlichen Zusammentreffen, denn ein Telefonat war ganz unwahrscheinlich, mußte er Folkesson vor irgendeinem »Plan Dalet« gewarnt haben, und zwei Tage später war Folkesson ermordet worden.

Fristedt traf ein paar schnelle Entscheidungen. Er selbst und Appeltoft würden sich um diese Telefonnummer kümmern, Folkessons ausländischen Bericht über Terrorismus und den Inhalt der Akte 16 B durchgehen, die offenbar mit Folkessons allerletzten Arbeitsaufgaben zu tun hatte, und außerdem würde man mit Näslund klären, worum es bei der Konferenz um die Mittagszeit am Vortag des Mordes gegangen sein konnte. Und Carl Hamilton durfte losfahren und diesen Sicherheitschef befragen. Bei den Israelis gebe es da keine Schwierigkeiten, man müsse nur vorher anrufen.

Fünf Minuten später riß Carl den Strafzettel von der Windschutzscheibe des Wagens, zerknüllte ihn und warf ihn weg. Dann fuhr er zum Stadtteil Östermalm und zur israelischen Botschaft in Torstenssonsgatan.

Die Botschaft war in einem der oberen Stockwerke untergebracht, und von außen sah die Tür wie eine gewöhnliche Wohnungstür aus. Auf der Innenseite war sie jedoch mit Panzertüren verstärkt, und man trat zunächst durch einen Metalldetektor in einen kleinen, geschlossenen Vorraum. Der einsame Wachtposten im Vorraum trug Jeans und Polohemd und kaute Kaugummi. Über ihm hing eine Videokamera.

»Legitimation, please«, grüßte er und schnipste mit den Fingern. Er warf kaum einen Blick auf die Plastikkarte mit dem kleinen Reichswappen, sondern schnippte sie mit Daumen und Zeigefinger schnell wieder durch die Luft. Carl schnappte unbeholfen nach der Karte, bis er sie wieder fest im Griff hatte. Normalerweise hätte ihn ein solches Verhalten provoziert.

Der Sicherheitsbeamte drückte einen Knopf der Gegensprechanlage und sagte etwas auf hebräisch, zeigte dann mit dem Daumen über die Schulter auf eine der geschlossenen Türen, und Carl ging hin und stellte sich vor die Tür; er ging davon aus, daß sie verschlossen war, was auch zutraf.

Nach einer Weile rasselte es im Schloß, und auf der anderen Seite stand ein kleinwüchsiger Mann von etwa fünfunddreißig Jahren. Wieder Kaugummi. Der Mann machte eine nachlässige Geste mit dem Kopf, Carl solle hereinkommen, und verriegelte dann wieder die Tür, bevor sie beide einen kurzen Flur hinuntergingen, wo der Israeli ohne anzuklopfen eine Tür öffnete, Carl mit der Hand in den Raum wies und den Flur weiterging, ohne etwas zu sagen.

Dort drinnen saß Shulamit Hanegbi. Carl war darauf eingestellt, einen jungen Sicherheitsoffizier vorzufinden, war aber dennoch erstaunt. Die Frau, die sich auf der anderen Seite des unordentlich überladenen Schreibtischs erhob, schien in seinem Alter oder sogar noch einige Jahre jünger zu sein. Außer ihnen befand sich niemand im Raum. In einem der Bücherregale hinter ihr lag eine 9 mm Uzi-Maschinenpistole mit eingeschobenem Magazin, jedoch gesichert; der Tragriemen war stark abgenutzt. Die Waffe mußte schon seit etlichen Jahren in Gebrauch sein.

Sie war blauäugig, schwarzhaarig und sehr schön. Sie trug das Haar im Nacken zu einer Art Pferdeschwanz zusammengebunden, den sie sich in den Kragen ihres grünen Pullovers gesteckt hatte. Selbstverständlich wurde Carl Hamilton verlegen, und ebenso selbstverständlich wurde er durchschaut, was er an ihrem vorsichtigen, feinen Lächeln erkannte.

»Ich habe nicht gewußt, daß du eine Frau bist«, sagte er entschuldigend, nachdem er sich gesetzt hatte.

»Nun, was hat denn eine so hohe Priorität?« erwiderte sie, ohne auch nur so zu tun, als hätte sie Carls Bemerkung gehört.

Carl erklärte kurz, was am Morgen geschehen war, und berichtete von den Aufzeichnungen in Folkessons Panzerschrank. Also, was sei Plan Dalet überhaupt, worum gehe es bei der Warnung, warum habe die Sicherheitsabteilung der Botschaft sich entschlossen, sie zu äußern, worin bestehe der vermutete oder wahrscheinliche Zusammenhang zwischen dieser Warnung und dem Mord?

Shulamit Hanegbi hatte den Pferdeschwanz hervorgezogen und wickelte ihn sich immer wieder um den Zeigefinger, während sie zuhörte. Sie verriet mit keiner Miene, was sie dachte, oder ob sie etwas von dem, was sie zu hören bekam, überhaupt überraschte. Als Carl mit seinem Vortrag fertig war, seufzte sie und streckte die Hand nach einer kleinen gelben Zigarettenschachtel in dem Gewimmel auf dem Schreibtisch aus, nahm die Schachtel in die Hand und machte eine fragende Geste, aber Carl schüttelte den Kopf. Sie zündete sich eine Zigarette an, trat ans Fenster und blickte auf die Straße. Carl stellte fest, daß sie sich nicht direkt vor das Fenster stellte, sondern neben die Gardine. Es war wie ein automatisches Verhalten, sich nie zu einer größeren Zielscheibe als unbedingt notwendig zu machen.

So blieb sie eine Weile halb abgewandt stehen, ohne etwas zu sagen. Carl wartete. Die Fragen waren ja kristallklar gewesen und bedurften keiner weiteren Erklärung.

Schließlich ging sie zu ihrem Platz am Schreibtisch zurück, rutschte auf den Stuhl und zog heftig an der übelriechenden Zigarette, bevor sie Carl fest in die Augen blickte und endlich antwortete.

»Wir Israelis sind meist nicht sonderlich bürokratisch. Aber soviel ich weiß, liegen die Dinge hier so, daß ich ganz einfach nicht das Recht habe, deine Fragen zu beantworten. Ich gehe davon aus, daß du berechtigt bist, sie zu stellen, du bist ja ein Angestellter des schwedischen Sicherheitsdienstes und darfst fragen, wen und was du willst. Die Kontakte zwischen uns müssen aber wohl den normalen Weg nehmen, also über den Leiter von Büro B. Tut mir leid, aber so ist es nun mal.«

»Ja, aber dann wird mein Chef zu deinem Chef gehen und die Fragen wiederholen, und dann kommt mein Chef von deinem Chef zu mir und meinen Kollegen zurück, die mit der Ermittlung beschäftigt sind, und dann gehen vierundzwanzig Stunden nur für eine Formalität drauf. Soll ich dich so verstehen?«

»In operativer Hinsicht klingt das nicht sonderlich praktisch, das gebe ich zu.«

»Nun? Und?«

»Ich befinde mich in einer unangenehmen Lage, ich kann nicht viel mehr sagen.«

»Aber es stimmt natürlich?«

»Was denn?«

»Daß du ihn gewarnt hast?«

»Ich werde vermutlich in eine Lage kommen, in der ich das abstreiten muß. Aber das mußt du doch verstehen, und ich natürlich genauso, daß wenn Axel, es tut mir übrigens wirklich leid, daß ihm das widerfahren ist, er war ein netter Mann, aber wenn Axel eine solche Aufzeichnung gemacht hat, was ich im Grunde bedaure … Tja, es wäre eigentlich blöd von mir, es zu leugnen.«

»Vor wem hast du ihn gewarnt? Vor Palästinensern?«

»Dieser Gedanke liegt, gelinde gesagt, sehr nahe. Aber ich kann deine Fragen nicht beantworten. Tut mir leid.«

»Ja, es sollte dir leid tun. Stell dir mal die umgekehrte Lage vor. Hättest du diesem verfluchten Schweden nicht eins auf die Schnauze gegeben, wenn er sich geweigert hätte, dir zu helfen?«

»Es fällt mir wirklich schwer, mir die umgekehrte Situation vorzustellen, und das aus mehreren Gründen.«

»Was bedeutet Dalet? Ist das ein Ortsname oder was?«

»Also gut, diese Zeit kann ich dir wenigstens ersparen. Dalet ist die hebräische Entsprechung des Buchstaben D. Plan Dalet bedeutet also kurz und gut Plan D.«

»Und wer hat sich Plan Dalet ausgedacht?«

»Sorry. Das geht nicht, mehr sage ich jetzt nicht.«

Carl schwieg eine Weile und sah in ihre Augen, wurde durch ihr Aussehen abgelenkt, versuchte aber, irgendeine gefühlsmäßige Reaktion zu erkennen, und sei sie noch so klein. Die Situation war vollkommen absurd.

»Wir versuchen einen Mörder zu fassen«, machte er einen neuen Anlauf.

»Ich bin mir dessen sehr wohl bewußt«, erwiderte sie mit dem gleichen reglosen Gesichtsausdruck, und so blieben sie beide wieder eine Weile stumm. Er bekam eine plötzliche Eingebung, mit der er zumindest ihren Gesichtsausdruck aufzubrechen hoffte.

»Können wir abends vielleicht mal zusammen essen, selbstgegrillte Schweinekoteletts oder so was?«

Sie lächelte tatsächlich. Sie lächelte erst, dann lachte sie auf, blickte auf den Tisch und strich sich das Haar mit der gleichen Geste zurück, mit der sie ihren Gesichtsausdruck glättete.

»Das klingt im Moment wie ein doppelt ungehöriger Vorschlag«, entgegnete sie.

»In Ordnung, Lammkoteletts?«

Sie dachte eine Weile nach, offensichtlich über ganz andere Dinge als Lammkoteletts. Dann bat sie um seine private Anschrift. Er legte seine Visitenkarte auf den Tisch und ging.

Unten auf der Straße knüllte er den zweiten Strafzettel des Tages zusammen, bevor er den V-Acht mit einem brüllenden Aufheulen starten ließ und lärmend um den Block zu Strandvägen hinunterfuhr.

Diese Israelin wußte etwas, was von größter Bedeutung war und was sie auf keinen Fall erzählten wollte. Sie hatte Folkesson vor einer palästinensischen Operation mit der Bezeichnung Plan Dalet gewarnt, aber das konnte ja die Bezeichnung oder Übersetzung der Israelis sein. Obwohl sie den schwedischen Sicherheitsdienst einmal gewarnt hatte, war die Sache jetzt so geheim geworden, daß nichts weiter mehr darüber gesagt werden durfte. Das paßte nicht zusammen. Es würde vermutlich zu einer diplomatischen Angelegenheit werden, wenn nichts anderes half, aber unterdessen wuchs der Vorsprung der Mörder, und eventuell rückte auch Plan Dalet näher, ohne daß die Firma erfuhr, wann, wo und wie. Warum hatte er übrigens diese alberne Einladung zum Essen ausgesprochen? Und warum hatte sie um seine private Adresse gebeten?

Carl Hamilton ging auf direktem Weg zu Näslund ins Zimmer, ohne anzuklopfen. Näslund telefonierte gerade und machte eine Handbewegung, die ein Mittelding zwischen »Scher dich zum Teufel« und »Setz dich« war. Carl gab der letzteren Deutung den Vorzug und setzte sich.

Bei dem Telefonat ging es um die Ereignisse des Tages, aber der Teilnehmer am anderen Ende konnte nicht in der Firma sitzen, da Näslund gelegentlich meinte, das habe ich nicht gesagt, und ganz so kann man das nicht deuten, ja, etwa so, da ist sicher was dran, und so weiter. Er unterhielt sich also mit einem Journalisten. Carl blickte demonstrativ auf seine Uhr, und Näslund, der sich zunehmend belästigt anhörte, beendete das Gespräch mit der Entschuldigung, er müsse in eine wichtige Konferenz und werde später zurückrufen.

»Nun«, sagte er und wandte sich Carl zu. Er sah aus wie ein Gebrauchtwagenhändler mit Halbstarken-Vergangenheit in den fünfziger Jahren. Man hätte ziemlich viel in dieser Richtung vermuten können, wenn man nach seinem Aussehen urteilte, aber keineswegs, daß er der Chef des empfindlichsten Teils des Sicherheitsdienstes war. Carl überkam eine intuitive Abneigung gegen den Mann. Er wirkte unzuverlässig, obwohl das vielleicht nur am Aussehen lag.

Carl berichtete kurz vom Ergebnis seines Gesprächs in der israelischen Botschaft.

Näslund brummte, er werde die Israelis anrufen, und machte einige Aufzeichnungen. Dann wechselte er das Thema.

»Du fragst dich vielleicht, warum ich dich in diese Fahndungsgruppe gesteckt habe?« begann er.

Es gebe besondere Gründe. Einmal könne es zu einer komplizierten Suche in den EDV-Dateien nach verschiedenen Terroristen und deren Hilfsgruppen im Land kommen, zum anderen gebe es da noch etwas. Näslund wußte ja sehr wohl, was sonst niemand in der Firma wußte, nämlich welche Ausbildung der junge gräfliche Akademiker in Kalifornien neben dem Universitätsstudium und der EDV-Ausbildung genossen hatte. Und die Fahndungsarbeit könne sich ja plötzlich und besorgniserregend auch ins Feld verlagern, es könne also zum offenen Kampf kommen, und ältere Kollegen wie Fristedt und Appeltoft hätten bei innerer Fahndungsarbeit und Analyse außerordentliche Verdienste. Dagegen sei es kein angenehmer Gedanke, daß noch mehr unausgebildetes Personal der Firma mit der Person zusammenstoßen könne, die Sicherheitsbeamten aus zwanzig Zentimetern Abstand ins Auge schieße.

»Aber das muß unter uns bleiben«, schloß Näslund seine Erklärungen ab, die eher Andeutungen als Erklärungen waren.

Carl antwortete nicht, sondern wartete auf nähere Erläuterungen. Das war Näslund unangenehm, aber er vertiefte die Angelegenheit trotzdem nicht.

»Kurz gesagt. Im Fall einer Konfrontation im Feld würde ich es lieber sehen, wenn du in diese Lage gerätst und nicht deine älteren Kollegen. Ist das klar?«

Carl nickte, daß er begriffen hatte, auch wenn es nicht ganz den Tatsachen entsprach. Er hatte den möglichen Fertigkeiten Appeltofts und Fristedts im Umgang mit Handfeuerwaffen keinen Gedanken gewidmet, weil er davon ausgegangen war, daß sie darin genauso kompetent waren wie alle Sicherheitsleute auf der ganzen Welt. Aber das war offensichtlich nicht der Fall.

»Wenn das so ist, gibt es ein kleines Problem«, meinte Carl.

»Ich weiß«, entgegnete Näslund, »das habe ich heute herausgefunden. Keiner von euch dreien hat in den letzten drei Jahren die obligatorischen Schießübungen abgelegt. Ihr dürftet also gar keine Dienstwaffe tragen. Aber ich habe das arrangiert, ihr fahrt heute nachmittag nach Ulriksdal, ich habe draußen Bescheid gesagt.«

»Ach so, aber das habe ich nicht gemeint«, erwiderte Carl. »Mein praktisches Problem betrifft den Waffentyp.«

»Das kann ich mir wirklich nicht vorstellen. Du hast doch wohl keine Angst, bei der obligatorischen Schießprüfung der schwedischen Polizei durchzufallen«, grinste Näslund.

»Nein, das glaube ich nicht. Aber ich habe eigene Waffen. Darf ich die statt dieser Walther-Pistole anwenden?«

»Was für Waffen?«

»Eine italienische Pistole und einen amerikanischen Revolver, je nach Aufgabe. Brauchst du Marke und Waffenscheinnummer und so was?«

»Nein, das ist schon in Ordnung so. Ich hatte nur Angst, du hättest etwas extravagantere Waffen im Auge. Vergiß nicht, daß wir deine Ausbildung für uns behalten, das habe ich DA versprochen, als ich dich herholte. Einverstanden?«

»Ja, einverstanden.«

Carl ging in sein Dienstzimmer und fand einen Zettel auf dem Schreibtisch. Appeltoft teilte mit, sie müßten wegen des Zielschießens sofort die Arbeit abbrechen, sobald er zurück sei. Carl öffnete seinen Panzerschrank und nahm seine weinrote Aktentasche heraus, die von außen wie jede x-beliebige Beamten-Aktentasche aussah. Bei einer Durchleuchtung auf einem Flughafen würde sich zeigen, daß sie eine Fotoausrüstung enthielt. In Wahrheit barg sie einen großen Teil von Carls persönlichem Arsenal.

Jetzt war die Frage Pistole oder Revolver. Die Entscheidung hing in erster Linie vom Ziel ab. Wenn das Ziel ein lebender Mensch war, würde Carl ohne Zögern seinen Revolver wählen, einen Smith & Wesson Combat Magnum Kaliber 38; er hatte rund fünfzig verschiedene Marken und Modelle durchprobiert, bis er herausgefunden hatte, daß gerade diese Waffe ihm am meisten lag.

In San Diego war ihnen fast unbegrenzte Wahlfreiheit eingeräumt worden, und die neuen Rekruten mußten den ersten Monat damit zubringen, genau die Waffen zu finden, die ihnen am besten paßten – gefordert wurden ein Revolver und eine Pistole –, und danach mußte jeder bei diesen Waffen bleiben. Dieser Revolver war Carls zweites persönliches Exemplar; nach dreißigtausend Übungsschüssen wird die Waffe gegen eine neue ausgetauscht.

Zweimal hatte er den Revolver auf einen lebenden Menschen gerichtet. Beim erstenmal hatte er gezögert, war fast getötet worden, und dafür hatte er sich ein paar Tage später einen heftigen Anpfiff eingehandelt. Eine dieser dunklen Eisschollen der Erinnerung trieb sacht im Hinterkopf vorbei. Dann schüttelte Carl sein Unbehagen ab und legte den Revolver in die Tasche zurück.

Denn jetzt ging es um Zielscheibenschießen, das war etwas anderes. Einmal garantierte die Pistole eine größere Präzision, und zum anderen hat ein Revolver nur sechs Schüsse. Carl wußte nicht, wie die Übungen und Schießproben in Schweden ablaufen, ihm war nur bekannt, daß die Polizei eine Pistole im Kaliber 7,65 mit acht Schuß im Magazin verwendet.

Seine Pistole war eine Beretta 92 S 9 mm mit fünfzehn Schuß im Magazin. In San Diego hatte man ihm zum Abschied ein neues Exemplar geschenkt. Seine Ausbilder hatten sie als Sonderanfertigung bestellt, und es war ihnen irgendwie auch gelungen, über die amerikanische Botschaft in Stockholm ein Bild seines Familienwappens zu erhalten. Mitten auf dem weißen Perlmuttgriff – die Standardausführung hatte dunkelbraunes Walnußholz – saß folglich ein schwarzer Wappenschild mit drei roten Rosen und einem silbernen Halbmond. Der Schild wurde von einer fünfzackigen Krone in Gold gekrönt. Das war völlig richtig. So sah das Familienwappen der Hamiltons aus, des gräflichen Geschlechts Nummer 86.

Carl wog die Pistole in der Hand. Geladen wog sie etwas mehr als ein Kilo, war zweihundertsiebzehn Millimeter lang und einhundertsiebenunddreißig Millimeter hoch. Wenn er gelegentlich einen Pistolenschützenclub in Danderyd besuchte, hatte er nur diese Waffe bei sich. Der Revolver hätte unnötiges Aufsehen erregt.

Er lud nachdenklich ein paar Magazine, schob eins in den Kolben, zog die Jacke aus und schnürte mit gewohnten Griffen das Schulterholster fest. Ein Zusatzmagazin und eine Patronenschachtel steckte er in die Jackentaschen. Er zog sich das Jackett an, rückte die Krawatte zurecht und suchte die beiden Kriminalkommissare auf, die unten im Kaffeeraum im Flur wie Gewitterwolken dasaßen und auf ihn warteten.

»Hast du schon mal unsere Schießprüfungen abgelegt?« wollte Fristedt wissen.

»Nein«, erwiderte Carl vollkommen wahrheitsgemäß. Er hatte keine Ahnung, wie es bei den schwedischen Schießprüfungen zugeht.

»Kannst du schießen?« fragte Appeltoft mit einem feinen Lächeln, das Carl nicht entgehen konnte.

»Ja«, erwiderte er. Er blickte aber gleichzeitig weg, um nicht zu zeigen, daß er sich von dem höhnischen Glitzern in den Augen der anderen hatte provozieren lassen.

Die beiden älteren Polizeibeamten wechselten einen raschen, amüsierten Blick, weil sie Carls reservierte Haltung mißverstanden und weil sie sich diesen kleinen Scherz mit dem jungen Abteilungsleiter geleistet hatten.

Auf dem Weg in die Tiefgarage faßten sie schnell zusammen, was sie bisher herausgefunden hatten. Carl erzählte von der israelischen Sicherheitsbeamtin, die sich aus Gründen, die er nicht begreifen könne, geweigert habe, mehr zu bestätigen oder zu erklären, als daß sie mit Folkesson gesprochen hatte und daß Plan Dalet auf hebräisch nur Plan D bedeutet.

Fristedts Gespräch mit Näslund hatte nichts erbracht. Näslund behauptete, er und Folkesson hätten sich bei ihrem Treffen am Tag vor dem Mord nur über Dinge unterhalten, die mit Terrorismus und dem Nahen Osten nichts zu tun gehabt hätten. Das ergab keinen rechten Sinn. Denn wenn Folkesson einem terroristischen Unternehmen auf die Spur gekommen war, hätte er es doch erwähnen müssen?

Appeltoft hatte herausgefunden, daß die Telefonnummer 301 163 zu einem Kurzwarenladen in Sibyllegatan im Stadtteil Östermalm gehörte. Es schien unwahrscheinlich, daß Folkesson in einem Kurzwarenladen privat zu tun gehabt hatte. Man hatte sicherheitshalber seine Frau fragen wollen, sie aber nicht angetroffen.

Die verschiedenen Berichte, aus deren Unterbringung in Folkessons Panzerschrank man den Schluß ziehen konnte, daß sie seine letzte Arbeit gewesen waren, betrafen zwei verschiedene Gebiete. Beim ersten ging es um Attentate in Europa, die von Palästinensern gegen Diplomaten und ähnliche Ziele verübt worden waren oder gegen andere Palästinenser. Der ausländische Bericht handelte vorwiegend von solchen Dingen und bestand zum Teil aus allgemeinen taktischen Analysen der Terroristenorganisationen in Europa und ihrer Fähigkeit oder ihren Plänen, sich bei Sympathisanten Verbindungslinien und logistische Stützpunkte zu verschaffen.

Das Ganze war also nicht so angelegt, daß man sofort erraten konnte, womit sich Folkesson in den letzten Tagen beschäftigt hatte, nur daß es dabei um Palästinenser gegangen war. Für Folkesson mußte das so etwas wie Routine-Material gewesen sein.

Appeltoft fuhr den Volvo, Fristedt saß auf dem Beifahrersitz und Carl hinten. Polizeibeamte setzen sich automatisch so. Wer das Kommando führt, sitzt neben dem Fahrer, der Rangniedrigste sitzt hinten.

Die beiden Kriminalkommissare machten saure Gesichter. Es erschien ihnen völlig idiotisch, die Arbeit zu unterbrechen, nur um zu einem Schießplatz zu fahren. Dieser Näslund zeigte sich oft sehr pingelig, wenn es um Paragraphen und Bestimmungen ging, und jetzt ging es in erster Linie um die Vorschriften für den Schußwaffengebrauch im Dienst, Abschnitt FAP 104/2, die wiederum auf einer Königlichen Verordnung aus dem Jahre 1969 beruhten. In der offenen Polizeitätigkeit zirkulierten die Beamten laufend im Schießübungssystem, aber in der Firma – in der niemand mehr Schußwaffen verwendet hatte, solange man sich zurückerinnern konnte – war es üblich, daß ältere Beamte wie Appeltoft und Fristedt ihre Waffen einfach in den Panzerschrank legten und sie dann weder bei sich trugen noch mit ihnen übten.

Appeltofts und Fristedts Irritation richtete sich überdies etwas diffus gegen Carl. Denn Carl war ja ein typischer Näslund-Schützling, einer dieser akademischen Neuzugänge, die vermutlich zu Näslund laufen und petzen würden, falls etwas Unpassendes gesagt oder getan wurde. Um Carl absichtlich zu provozieren oder um vielleicht seine Reaktionen zu testen, begannen die beiden älteren Beamten jetzt mit etwas Firmenklatsch über Näslund.

»Du hast sicher von seiner Großtat mit dem Jukkasjärvi-Mann gehört?« fragte Fristedt.

Carl, der in Wahrheit sehr wenig mit Näslund zu tun gehabt hatte und vom Firmenklatsch kaum etwas wußte, schüttelte den Kopf, und Fristedt erzählte mit sichtlicher Schadenfreude.

Es war eins der teuersten und größten Fiaskos der Firma gewesen. Näslund war damals Distriktsstaatsanwalt irgendwo da oben in der Lappenhölle (Fristedt war Stockholmer, und alles, was nördlich von Gävle lag, war schlicht »die Lappenhölle«).

Näslund hatte in der Region die Verantwortung für Sicherheitsfragen und wollte sich bei dieser Gelegenheit bis nach Stockholm einen Namen machen, denn er war einem Großspion auf der Spur. In Jukkasjärvi.

Sechs Jahre lang waren die örtlichen Fahnder der Firma umhergeschlichen, hatten Lauschoperationen durchgeführt und Gerüchte gesammelt und in anderen Bezirken sogar Verstärkung requiriert, um den Großspion festzunageln. Und am Ende hatte Distriktsstaatsanwalt Näslund beschlossen, die endgültigen Beweise zu sichern. Er organisierte eine Aktion mit zwanzig Mann, darunter rund zehn Spezialisten aus Stockholm, mit einem Hubschrauber (dessen Aufgabe, gelinde gesagt, unklar war), mit schußsicheren Westen und allem technischen Drum und Dran. Die Streitmacht marschierte auf Jukkasjärvi zu – man schlug »einen eisernen Ring um Jukkasjärvi« – und nahm den Mann in seiner Wohnung fest, stopfte seinen gesamten Hausrat in numerierte schwarze Kunststoffsäcke, und danach trat Distriktsstaatsanwalt Näslund – damals wie auch später immer – vor die Presse und trompetete den großen Triumph hinaus, was für einen gefährlichen Staatsfeind man unschädlich gemacht habe.

Vier Monate später war man gezwungen, den Mann freizulassen, der sich als Spanner erwiesen hatte – daher die bestimmten eigentümlichen Verhaltensweisen, die zu einigem unklaren Gerede geführt hatten; es ist nicht leicht, in der Geographie, die die Lappenhölle zu bieten hat, ein Spanner zu sein –, und überdies hatte er bei einer gesicherten Gelegenheit eine einwöchige Kreuzfahrt nach Leningrad unternommen.

Von Spionage jedoch nicht der leiseste Hauch, auch nicht von einem Verbrechen gegen die Sicherheit des Landes. Näslund konnte einen Spanner aus Norrland also nicht von einem Kim Philby unterscheiden. Und wegen dieser strahlenden Tat war er so gut wie augenblicklich nach Stockholm berufen und zum Leiter von Büro B gemacht worden.

Es war fast so, als hätte jemand in der Regierung bewußt beabsichtigt, der Firma zu schaden. Wie sollte man sich sonst erklären, daß sie auf die Idee gekommen waren, den Helden von Jukkasjärvi zum Chef zu machen? Sein einziges Verdienst bestand ja darin, daß er in der Presse so viel log, von Jukkasjärvi an bis in alle Zukunft. Das werde Carl schon bald herausfinden, schloß Appeltoft.

»Wenn du also in den Zeitungen liest, womit wir uns beschäftigen, und dich nicht richtig wiedererkennst, dann mach dir nichts draus. Ich oder Fristedt oder diese Kriminaler von der offenen Arbeit – das sind gute Leute – haben mit diesen Presseberichten nichts zu tun. Hier geht es nur um Näslund, damit du’s weißt.«

»Damit es unter uns nicht zu unnötigen Mißverständnissen kommt«, fügte Fristedt hinzu.

Carl zuckte die Achseln. Er begriff ihre unterdrückte Aggressivität gegen Näslund nicht, dazu wußte er über die Firma zu wenig.

Inzwischen waren sie bei der Polizeischule von Ulriksdal angekommen. Ein für diesen Anlaß herbeibeorderter Ausbilder sollte sich um ihre Schießübungen kümmern. Damit rückte auch Appeltofts und Fristedts kleiner Scherz näher, der sich strenggenommen eher gegen Näslund als gegen Carl richtete. Sie hatten mit dem Ausbilder zuvor einige Abmachungen getroffen.

Am Schießstand befanden sich fünfzehn Tafeln in einer Reihe nebeneinander. Hinten an der holzverkleideten langen Wand hatte der Ausbilder ein Ziel befestigt, eine ⅓-Gestalt mit den Maßen 52, x 48 Zentimeter (man sieht einen Kopf mit Helm, ein Gesicht und den oberen Teil des Rumpfes). Der Ausbilder hatte zwanzig Meter vom Ziel entfernt Gehörschutz und Munitionsschachteln hingelegt.

Im Übungsprogramm der Polizei war dies eine Aufstellung für Übung Nummer acht, bei der in einer Zeit, die zwanzig Sekunden nicht überschreiten darf, normalerweise fünf Schuß abgegeben werden müssen, und von diesen fünf Schüssen müssen drei Treffer sein, damit die Übung als bestanden gilt.

Das Ziel sollte normalerweise jedoch stillstehen. Hier hatte der Ausbilder nach Absprache ein wenig improvisiert, denn er hatte die Zieltafel in einem der Stahlgestelle befestigt, die man für bestimmte Zeiträume wegklappen konnte.

»Hast du hier schon mal geschossen?« fragte der Ausbilder Carl mit einem fröhlichen Lächeln.

»Nein«, erwiderte Carl, »nicht aus diesem Abstand auf ein solches Ziel.«

Der Abstand erschien ihm nämlich für ein so großes Ziel reichlich kurz.

»Ist deine Waffe in Ordnung?« fuhr der Ausbilder fort, der gleichzeitig Appeltoft zublinzelte, vermutlich ohne daß Carl es sehen sollte.

»Ja«, erwiderte Carl, ohne im mindesten zu zeigen, daß er es bemerkt hatte.

»Okay. Diese Drittelfigur taucht auf, wenn ich Bescheid sage, und dann bleibt sie sieben Sekunden. Verschwindet für drei Sekunden, kommt für sieben wieder, und so weiter. In diesem Zeitraum mußt du fünf Schuß abgeben, ist das klar?«

»Nun ja«, sagte Carl, »in sieben Sekunden. Ist die Figur sieben Sekunden lang zu sehen und drei Sekunden lang verschwunden?«

»Ja. Irgendwelche Unklarheiten?«

»Nein.«

»Wir schießen also jeder drei Serien. Bist du bereit?«

Carl zog das Jackett aus und setzte sich den Gehörschutz auf. Er hatte die schwedische Übungspraxis noch nie gesehen, und dies war also ein Teil des Scherzes, aber er wußte auch nichts von der in Schweden üblichen Ausgangsstellung, nämlich mit gezogener Waffe, die schon auf das Ziel gerichtet ist.

Er fühlte sich provoziert. Wäre er zehn Jahre älter gewesen, hätte er sich nicht provozieren lassen, aber in den Blicken von Fristedt und Appeltoft lag etwas, was ihn ärgerte. Die beiden hatten ebenfalls ihre Jacken ausgezogen, standen mit auf der Brust verschränkten Armen da und lächelten ihn an.

»Nimm’s nicht so schwer, Junge«, tröstete Appeltoft mit gespieltem Mitgefühl.

Carl stand breitbeinig mit dem Rücken zum Ziel – seine gewöhnliche, antrainierte Ausgangsstellung beim Schnellschießen. Die Übung, die nach seiner Erfahrung die größte Ähnlichkeit mit dieser hatte, fand bei größerem Abstand und auf eine schwarze Ganzfigur statt, die ein rotes Herz von der Größe einer Faust hatte, das auf die linke Seite des Brustkorbs aufgemalt war. Die Ganzfigur drehte sich wie eine Duellschießscheibe, tauchte drei Sekunden auf, verschwand für eine beliebige Zeit zwischen einer und zehn Sekunden, tauchte dann wieder drei Sekunden auf, und so fort. Bei dieser Übung kam es auch darauf an, fünf Schuß abzufeuern – jedoch in drei Sekunden – und drei Schuß in dem roten Herzen zu plazieren (das ein Fünftel so groß war wie diese Drittelfigur). Carl ging auf, daß er diese Übung mit verschiedenen Waffen mehrere tausendmal absolviert haben mußte.

Carl gab durch ein Kopfnicken nach hinten zu erkennen, daß er bereit war. Die drei Polizeibeamten blickten sich verblüfft an, als sie sahen, welche Ausgangsstellung Carl gewählt hatte. Appeltoft zuckte die Achseln.

»Fertig!« rief der Ausbilder.

Carl ließ die Hände an den Seiten herabhängen. Der Rücken war noch immer dem Ziel zugewandt.

Appeltoft war derjenige der drei Männer, der sich hinterher am deutlichsten erinnerte, was eigentlich geschehen war.

Im selben Moment, in dem die Maschinerie dort unten die Zielscheibe umdrehte, wirbelte Carl herum und zog und entsicherte seine Waffe mitten im Schwung. In der nächsten Bewegung sank er in etwas, was in schwedischer Ausbildersprache wohl am ehesten »hockende Schießstellung mit Stützhand« genannt wurde, und feuerte zwei Schüsse in dichter Folge ab und dann, nach einer kurzen Pause, drei weitere Schüsse. Darauf drehte er sich wieder in seine Ausgangsstellung zurück, und danach, wie es schien nach einer Ewigkeit, waren die sieben Sekunden vergangen, und das Ziel wurde weggeklappt.

Die gleiche Prozedur wurde vor den Augen der sprachlosen Polizeibeamten noch zweimal wiederholt. Als Carl zum letztenmal seine schwere ausländische Pistole ins Schulterholster schob, befanden sich noch zwei Patronen in der Luft auf dem Weg zum Fußboden. Sie fielen klirrend in die absolute Stille.

Flapp, klang es, als die durchlöcherte Zielgestalt weggeklappt wurde.

Niemand sagte etwas. Der Ausbilder ging selbst hinunter, um die Zielfigur zu holen. Einer der Treffer lag an der Helmkante der Figur. Die anderen vierzehn Schüsse saßen dicht beieinander im Gesicht der Figur.

»Tjaha«, sagte der Ausbilder, während er die Zielfigur Appeltoft und Fristedt hinhielt und ihnen dabei einen Blick zuwarf, der etwa sagen sollte, und ihr habt mir erzählt, der ist ein grüner Neuling: »Für einen Anfänger schon ganz schön. Aber was hast du für eine Waffe, mein Junge?«

»Eine Beretta 92 S mit 9-mm-Hochgeschwindigkeitsmunition Parabellum. Ich habe die Erlaubnis des Sektionschefs, sie statt einer Walther zu verwenden. Ich kann die Übung natürlich mit einer Walther wiederholen, aber dann muß man ja zwischenladen.«

Carl gab sich äußerste Mühe, ohne jeden Gesichtsausdruck zu antworten. Es tat ihm schon leid.

»Wo hast du das gelernt?« fragte Fristedt mit leiser Stimme.

Carl schüttelte den Kopf.

»No comment«, sagte er.

»Ja, nach dieser Anfängerprobe können wir vielleicht zu den echten alten Experten der Sicherheitspolizei übergehen«, sagte der Ausbilder säuerlich, »aber dann machen wir es wohl lieber mit einer Walther und fünf statt fünfzehn Schuß pro Serie, könnte ich mir vorstellen.«

Appeltoft seufzte, holte seine Waffe hervor und stellte sich in die vorschriftsmäßige Ausgangsposition der schwedischen Polizei. Sie schossen eine halbe Stunde lang auf verschiedene, bedeutend leichtere Ziele. Appeltoft bewältigte seine Proben mit recht gutem Ergebnis, und Fristedt, der die Pistole ganz offenkundig verabscheute, nur mit knapper Not. Carl ließ es im folgenden ruhig angehen und schoß gerade nur so, wie es die verschiedenen Übungen erforderten. Jedoch ohne auch nur einen Schuß zu verfehlen.

Im Auto auf dem Rückweg in die Stadt herrschte anfänglich nachdenkliches Schweigen. Draußen war es inzwischen pechschwarz geworden, und es regnete. Nachdem sie Norrtull passiert hatten und in Richtung Kungsholmen unterwegs waren, schrien ihnen die hellerleuchteten Schlagzeilen-Plakate der Zeitungen entgegen.

»Mach dir nichts draus, am liebsten solltest du gar nichts lesen, denn sonst wirst du nur wütend«, sagte Fristedt.

»Oder du fragst dich, ob wir diese Ermittlungen betreiben oder die Presse«, erläuterte Appeltoft weiter.

Die beiden Kriminalkommissare hatten einen kollegialeren und etwas weniger väterlichen Tonfall angelegt, wenn sie jetzt mit Carl sprachen.

Sie waren unterwegs, um die Kollegen von der »offenen Arbeit« zu treffen, wie man in der Firma die reguläre Polizei nannte. Ljungdahl, Chef des Dezernats für Gewaltverbrechen, erwartete sie mit den Ergebnissen der erkennungsdienstlichen Untersuchungen und weiteren Erkenntnissen des heutigen Tages.

Ljungdahl erschien mit einem dünnen Stapel technischer Berichte in der einen Hand und einer Plastiktüte mit einer Pistole in der anderen. Man hatte ihnen im Verlauf des Tages ein gemeinsames Arbeitszimmer eingerichtet, mit Panzerschrank, Kaffeemaschine und zwei Fenstern (Merkmal einer Chefposition), mit drei Sesseln und einem kleinen Konferenztisch aus gelbweißer, gemaserter Birke. Eine der Sekretärinnen hatte gerade Kaffee gekocht, und der letzte Rest Wasser gurgelte aus der Maschine und tropfte in den Filter, als sie den Raum betraten.

Ljungdahl war ein sehr hochgewachsener Mann mit grauem, kurzgeschorenem Haar und dicken, kräftigen Armen. Er war für sein hitziges Temperament und seine unbestreitbare Geschicklichkeit bekannt. Er war einer dieser wenigen Polizeibeamten, denen fast alles gelingt und die fast nie Klagen auf sich ziehen (sofern man nicht bis in seine Vorzeit als Streifenpolizist zurückging, als der eine oder andere Randalierer, wie es in der Polizeisprache heißt, möglicherweise einen Anflug von spürbarer Grobheit hätte beklagen können; seine Hände waren von der Größe kleinerer Bratpfannen).

»Summa summarum«, sagte Ljungdahl, »hat die technische Untersuchung etwa das ergeben, was zu erwarten war. Dies ist die Mordwaffe (er hielt die Plastiktüte hoch, ließ sie mit einem kleinen Knall auf den Tisch fallen und lächelte darüber, daß der junge Abteilungsleiter wie vor Angst zusammenzuckte), und an der haben wir keinerlei Fingerabdrücke gefunden, weder außen noch auf einer der Patronen. Der Täter ist eine Person, die nichts dem Zufall überläßt. Entweder hat er Handschuhe angehabt oder, was wahrscheinlicher ist, die Waffe hinterher abgewischt.«

»Warum ist das wahrscheinlicher?« wollte Fristedt wissen. »Weil es leichter ist, sich das Ganze so vorzustellen«, entgegnete Ljungdahl. »Es hätte für euren Kollegen sicher merkwürdig ausgesehen, wenn der Mann mit Handschuhen im Wagen gesessen hätte. Wir gehen ja davon aus, daß es ein freiwilliges Treffen war und nicht so eine verdammte Entführung. Außerdem ist die gesamte Umgebung des Beifahrersitzes in Folkessons Wagen sorgfältig abgewischt worden.«

Fristedt und Appeltoft nickten zum Zeichen ihres Einverständnisses mit diesem Gedankengang.

»Darf ich die Waffe mal ansehen und anfassen?« fragte Carl.

»Aber gern«, sagte Ljungdahl, »das haben wir ja selbst getan, und die technischen Ergebnisse stehen schon fest.«

Carl öffnete die Plastiktüte, legte die Pistole vor sich und wühlte in der Jackentasche nach seinem Schlüsselbund. Am Schlüsselbund saß ein Gegenstand, der wie ein wohlausgerüstetes Taschenmesser aussah. Er klappte ein kleines Instrument heraus, das wie ein Schraubenzieher aussah.

Die Pistole vor ihm hatte auf dem Handgriff des Kolbens einen großen fünfzackigen Stern, und um den Stern herum standen die Buchstaben CCCP. Die Herkunft der Waffe war somit selbst für einen Amateur offenkundig.

»Eine Tokarew 7,62, ein sehr ungewöhnliches Kaliber«, sagte Carl und legte sein Instrument auf den Tisch. Dann machte er mit der Hand eine schnell ausholende Bewegung, so daß eine Kugel, die im Lauf gesteckt hatte, auf den Tisch hüpfte.

»Das war der Grund dafür, daß mir vorhin etwas unbehaglich war, als du die Waffe so fallengelassen hast«, sagte Carl erklärend zu Ljungdahl, »denn bei dieser Waffe gibt es keine normale Sicherung. Es ist eine vereinfachte Variante des Colt-Browning-Modells 38, aber gerade diese Tokarew ist 1959 modifiziert worden und später noch einmal, es gibt sie auch in einem Modell für die Marine, aber dies ist die Armeevariante. Sieht nicht aus, als wäre sie besonders oft in Gebrauch gewesen.«

Fristedt und Appeltoft wechselten einen kurzen, entzückten Blick und schielten dann ihren verblüfften Kollegen von der offenen Arbeit an, während Carl seine Überlegungen fortsetzte.

»Acht Schuß im Magazin wie beim Original«, fuhr Carl fort, zog das Magazin heraus und legte es auf den Tisch. »Keine Präzisionswaffe, aber sie ist ja für den militärischen Gebrauch gedacht. Kann man in irgendeinem Waffenregister der Russen feststellen, wo die herkommt?«

»Das wissen wir nicht, es scheint ja nicht einmal eine Seriennummer zu geben«, brummte der verblüffte Kriminalbeamte.

»Das liegt daran, daß die Seriennummer aus irgendeinem Grund auf der Unterseite des eigentlichen Laufs sitzt«, sagte Carl, zog den Mantel aus, ergriff sein auf dem Tisch liegendes Instrument und nahm die ganze Waffe in weniger als zehn Sekunden auseinander.

»Hier ist sie«, fuhr Carl fort, während er den freigelegten Lauf in der Hand drehte und ihn Fristedt hinüberreichte.

Fristedt notierte die deutlich sichtbare Seriennummer, die auf der Unterseite des Laufs eingraviert war, genau dort, wo Carl angegeben hatte, dann schob er den Lauf wieder zu Carl hinüber, der die Pistole rasch zusammensetzte.

»Ja, uns bleibt heute dann nicht mehr viel zu tun«, fuhr Ljungdahl fort, der sich von seinem Erstaunen über Carls Darbietung schon erholt zu haben schien. »Wir haben telefonisch mit drei oder vier Personen Verbindung gehabt, die nach dem Erscheinen der Zeitungen anriefen. Zwei scheinen die üblichen Irren zu sein, einer ist schon von früher her für absonderliche Beobachtungen bekannt, aber dann haben wir noch eine ältere Dame. Sie sagt, sie sei mit dem Hund spazieren gewesen und habe sich in der Nähe befunden, als ein Mann aus dem Wagen gestiegen sei. Sie sagt, sie sei sich sowohl des Wagens wie des Orts sicher.«

»Dann hat sie den Mörder also gesehen«, stellte Fristedt fest.

Ljungdahl nickte und fuhr fort.

»Wir hören uns heute abend an, was sie zu sagen hat, dann könnt ihr morgen früh alle Einzelheiten haben, habe ich mir gedacht. Und was Fußabdrücke und derlei betrifft, ist alles in die Hose gegangen, denn es sind zu viele Touristen um das Auto herumgetrampelt, aber wir haben vermutlich nichts Wesentliches versäumt, was das Auftreten des Täters betrifft.«

»Wie ging es zu, als die Waffe abgefeuert wurde? Habt ihr eine Vorstellung davon?« fragte Fristedt, während er wie absichtslos die sowjetische Pistole betrachtete, die Carl wieder in die Plastiktüte gesteckt hatte.

»Nun ja. Folkesson sitzt auf seinem Platz hinterm Lenkrad und hat den Wagen angehalten. Während sie sich unterhalten – falls die Fahrt dorthin nicht unter Drohung mit Waffengewalt erfolgt ist –, zieht der Täter seine Waffe und richtet sie in einer Entfernung von etwa zehn Zentimetern auf das Opfer, das im Augenblick des Schusses das Gesicht auf jeden Fall dem Täter zugewandt hat. Als das Opfer den Täter ansieht, schießt dieser ihm direkt ins Auge. Ungefähr so. Wir haben es folglich mit einem schlimmen Typ zu tun. Das ist soweit unser Material für heute, und was habt ihr gefunden? Darf man fragen, ohne gegen die Sicherheit des Reiches zu verstoßen?«

Fristedt ignorierte die Ironie, dachte aber nach, bevor er antwortete.

»Wie du weißt, ist uns ja Sherlock Holmes persönlich als Filter vorgeschaltet worden –, was nicht unsere Idee gewesen ist. Aber wir wissen definitiv nicht, wen Folkesson abholen sollte oder warum. Wir haben Hinweise darauf, daß er von einer ausländischen Botschaft vor einem bevorstehenden Terroranschlag gewarnt wurde, und da kann es ohne Zweifel einen Zusammenhang geben, aber wir wissen nichts Genaues.«

»Das ist ja sehr erhellend«, seufzte Ljungdahl, »was zum Teufel sollen wir jetzt tun?«

»Wir trinken erst mal Kaffee«, sagte Appeltoft und ging zu dem Stapel mit Plastikbechern und roten und blauen Becherhaltern neben der Kaffeemaschine. Er goß vier Tassen ein und stellte sie zusammen mit einem Paket Zucker auf den Tisch. Außer Carl nahm niemand Zucker.

»Ach ja, da ist noch etwas, das wir erwähnen könnten«, sagte Appeltoft, während er aus unerfindlichen Gründen seine Tasse ohne Zucker umrührte. »Diese Telefonnummer gehört doch zu einem Kurzwarenladen in Sibyllegatan auf Östermalm. Was machen wir damit?«

»Das übernehme ich«, sagte Carl. »Ich erkundige mich nach dem Besitzer, seiner Verwandtschaft und noch ein paar Dingen und jage das Ganze durch unsere Computer.«

»Wie lange dauert das?« wollte Fristedt wissen.

»Das weiß ich nicht, vielleicht kommt gar nichts dabei raus, aber ein paar Stunden wird es schon dauern.«

Die Arbeitsaufteilung bis zum nächsten Morgen wurde dann schnell vorgenommen. Ljungdahl wollte die Dame mit dem Hund selbst aufsuchen. Fristedt sollte versuchen, mit den russischen Kollegen Kontakt aufzunehmen. Die anderen zuckten bei diesem Vorschlag zusammen; »die russischen Kollegen« war kein sonderlich gebräuchlicher Terminus, da der KGB und dessen militärische Entsprechung, GRU, die ewig gegnerische Mannschaft waren. Aber warum sollte man nicht fragen? Die Russen konnten ja wohl kaum verdächtig sein oder sich etwa selbst als Verdächtige begreifen? Aber andererseits weiß man ja nie, wie die Russen reagieren, sie würden vermutlich eine Provokation wittern. Vielleicht sollte Fristedt mit Sherlock Holmes persönlich konferieren, das heißt mit Näslund, bevor er diese Verbindung herstellte?

»Nein«, sagte Fristedt. »Ich glaube nicht, daß ich die Zeit finde, Näslund noch so spät zu stören.«

Damit war die Frage blitzschnell erledigt.

Appeltoft sollte die Berichte mit nach Hause nehmen, um weiterzulesen und zu sehen, ob dabei etwas herauskam. Damit gingen die Männer auseinander.

Ljungdahls Auftrag war der leichteste und angenehmste. Er pfiff leicht amüsiert vor sich hin, als er sich ins Auto setzte, um zu einer alten Dame im Stadtteil Gärdet zu fahren. Er sollte nur eine Zeugin befragen, was er schon mehrere tausendmal getan haben mußte, bevor er Abteilungschef wurde. Er hatte selbst mit der Dame gesprochen, als sie anrief, und seine Intuition sagte ihm nach kurzer Zeit, daß sie sich absolut vernünftig anhörte und tatsächlich etwas gesehen haben konnte, was von Bedeutung war.

Er sollte nicht enttäuscht werden. Genau wie er erwartet hatte, wohnte sie allein, unter Familienfotos und Kristalleuchtern und mit einem Pudel – der direkten Ursache für die Zeugenaussage also, und Ljungdahl stellte zufrieden fest, daß er sogar die Hunderasse richtig geraten hatte. Sie servierte ihm Kaffee und Gebäck und nannte ihn Herr Wachtmeister. Ljungdahl schnurrte wie eine Katze.

Es falle ihr schwer, morgens zu schlafen, und darum gehe sie dann mit dem Hund spazieren, auch bei schlechtem Wetter wie heute. Sie habe die Wohnung zwanzig nach sieben verlassen. Sie sei sich dieser Zeit sicher, weil die Morgenzeitung gerade gekommen sei, und die komme immer um Viertel nach sieben.

Sie sei über das freie Feld zum Djurgårdsbrunns Värdshus hinuntergegangen, das sei ihre gewöhnliche Route, aber auf der anderen Seite der Brücke sei ihr Weg nicht immer gleich, das hänge vom Wetter und ihrer Laune ab. Damals sei sie aber nur ein paar hundert Meter auf Manillavägen gegangen, als sie sich entschlossen habe umzukehren.

Sie sei schon auf dem Rückweg gewesen, als sie einen geparkten Wagen bemerkte. Die Innenbeleuchtung war eingeschaltet, und sie habe gesehen, daß zwei Personen auf den Vordersitzen gesessen hätten. Das sei ihr aufgefallen, denn sonst sei ja niemand in der Nähe gewesen, weder Autos noch Menschen. Als sie fast beim Wagen angekommen sei, sei das Licht im Wagen wieder ausgemacht worden, und ein Mann sei rechts ausgestiegen und auf sie zugegangen, obwohl der andere noch sitzengeblieben war.

Süßer Jesus, daß die Tante das überleben durfte, dachte Ljungdahl. Er war vollkommen sicher, daß ihr Bericht den Tatsachen entsprach. Alles, was sie über den Standort des Wagens und dessen Aussehen gesagt hatte, stimmte zwar nicht mit den Zeitungsberichten vom Nachmittag überein, jedoch mit den wirklichen Tatsachen.

»Wie sah der Mann aus?« fragte Ljungdahl.

»Darüber kann ich leider nichts Genaues sagen. Er hatte so eine grüne Jacke mit Kapuze an, und die zog er sich sofort über, als er aus dem Auto stieg.«

»In welchem Abstand haben Sie sich in diesem Moment etwa befunden?«

Ja, Herr Wachtmeister, wissen Sie, ich kann Entfernungen nicht so gut abschätzen, aber es hätten da vier oder fünf Autos zwischen uns stehen können.«

»Aha. Der Mann stieg aus und zog sich die Kapuze über, und was haben Sie dann getan?«

»Ich blieb stehen, denn Maja war gerade dabei … ja, Herr Wachtmeister, Sie verstehen.«

»Ja, ich verstehe. Der Mann ging also an Ihnen vorbei, während Sie stehenblieben?«

»Ja, wir waren nur etwa einen Meter voneinander entfernt, und da fragte ich ihn, ob etwas nicht in Ordnung sei, weil der andere im Wagen sitzenblieb.«

»Und was antwortete er?«

»Gar nichts. Er blickte nur auf die Erde und ging direkt an mir vorbei. Das fand ich natürlich merkwürdig, aber es kann ja auch ein Ausländer sein, dachte ich mir.«

»Warum haben Sie das gedacht? Sah er wie ein Ausländer aus?«

»Das kann ich nicht sagen. Ich habe ihn wegen der Kapuze nicht richtig gesehen, und außerdem blickte er auf die Erde.«

»Wie groß war er, war es ein großer oder ein kleiner Mann?«

»Er sah recht kräftig aus, war aber nicht sehr groß, nur etwas größer als ich selbst.«

»Wie groß sind Sie?«

»Einen Meter siebzig. Aber er ging leicht vornübergebeugt. Zwischen einem Meter fünfundsiebzig und einem Meter achtzig, würde ich schätzen.«

»Sie haben nichts von seinem Gesicht gesehen?«

»Doch, er hatte keinen Bart, aber wahrscheinlich einen Schnurrbart. Dann glaube ich, daß er dunkle Augen hatte, aber das kann auch an der Dunkelheit gelegen haben.«

»Haben Sie sein Alter schätzen können? Auch wenn man jemanden nicht deutlich sieht, bekommt man ja einen Eindruck davon, ob dieser Mensch alt oder jung ist.«

»Er war nicht so alt. Damit meine ich, vielleicht nicht so alt wie Sie, Herr Wachtmeister. Aber ich glaube, daß es ein Mann Mitte Dreißig gewesen ist, vielleicht auch ein junger Mann, denn er trug solche Jeans.«

»Da sind Sie sicher?«

»Ja, denn als er nicht antwortete, dachte ich, das ist typisch für diese ungezogenen Leute mit Jeans. Das war vielleicht dumm von mir, aber so habe ich jedenfalls gedacht.«

»Sie sind also sicher, daß er eine grüne Jacke mit hochgezogener Kapuze trug und Jeans?«

»Ja, absolut, das kann ich beschwören.«

»Nun, das wird kaum nötig sein, wenn Sie ihrer Sache sicher sind. Haben Sie gesehen, was er an den Füßen trug?«

»Nein, darauf habe ich nicht geachtet.«

»Und Sie sind sicher, daß er nichts sagte, als Sie ihn ansprachen?«

»Ja, völlig sicher.«

»Aber Sie wissen nicht, ob er Sie verstanden hat?«

»Nein, aber er muß ja bemerkt haben, daß ich etwas zu ihm sagte. Aber er blickte trotzdem nicht auf, sondern ging einfach vorbei.«

»Schien er es eilig zu haben?«

»Nein, nicht direkt. Er ging mit entschlossenen Schritten, könnte man sagen, aber er rannte nicht oder so.«

»Sie haben davor keinen Schuß gehört, keinen merkwürdigen Laut?«

»Nein, o nein. Dann hätte ich ja Angst bekommen, und das hatte ich nicht.«

Ljungdahl ging das Ganze noch dreimal durch. Es war kein Zweifel möglich. Die alte Dame hatte den Mörder gesehen, und hier war jedenfalls der Anfang einer Personenbeschreibung. Und dazu weitere Hinweise auf das Verhalten des Mörders, das auf Ljungdahl einigen Eindruck machte. Ein völlig verängstigter Gelegenheitsmörder, der in Panik vom Tatort flüchtet, hätte die Dame zur Seite gestoßen und wäre gelaufen, hätte sie angeflucht, schlimmstenfalls geschossen und wäre dann Hals über Kopf weggerannt. Dieser Mann in Jeans und grüner Jacke wußte genau, was er tat. Daß er nicht antwortete, konnte daran gelegen haben, daß er Ausländer war und sich nicht verraten wollte, vielleicht hatte er auch nichts verstanden. Aber auch ein Schwede, der so kaltblütig aufgetreten wäre, hätte darauf verzichtet, seine Stimme zu verraten.

Ljungdahl klappte sein Notizbuch zu. Er zog es vor, sich Aufzeichnungen zu machen, obwohl er bei Vernehmungen gleichzeitig ein Tonband laufen ließ. Er griff immer auf seine eigenen Notizen zurück und nicht auf die unendlich mühseligen wörtlichen Abschriften. Er verbeugte sich, bedankte sich für den Kaffee, fuhr zurück nach Kungsholmen und gab das Band zum Schreiben weg, bevor er zum Feierabend nach Hause fuhr.

Fristedt war direkt in sein Zimmer gegangen und hatte die Nummer der sowjetischen Botschaft gewählt. Beim Wählen lächelte er über die Absurdität der Situation. Am anderen Ende nahm jemand ab, der gebrochen Schwedisch sprach. Fristedt fragte nach Michail Subarow und wurde gleich durchgestellt.

Man kann den KGB also tatsächlich per Telefon erreichen, dachte er, während er darauf wartete, mit dem Residenten höchstpersönlich verbunden zu werden, das heißt mit dem Schweden-Chef des KGB. Das Gespräch war kurz und wurde in englischer Sprache geführt.

Als er sich in seiner Eigenschaft als Kommissar der Sicherheitsabteilung der Reichspolizeiführung vorstellte und gleichzeitig um ein baldiges Zusammentreffen in einer äußerst wichtigen Angelegenheit bat, folgte zunächst ein langes Schweigen.

»Rufen Sie in offiziellem Auftrag an?« wollte der Resident wissen.

Fristedt dachte nach. Was heißt offiziell. Es war ja nicht gerade ein heimliches Telefongespräch, und außerdem wurden sie in diesem Moment von mindestens zwei, vermutlich drei Sicherheits- oder Nachrichtendiensten auf Band aufgenommen.

»Ja«, erwiderte er, »es ist eine offizielle Angelegenheit, die ich Ihnen persönlich darlegen möchte, und es ist sehr dringend.«

Wieder ein langes Schweigen.

»Dann schlage ich vor, daß Sie sofort in die Botschaft kommen«, erwiderte der KGB-Chef schließlich.

Kaum eine Viertelstunde später saß Fristedt in Subarows Zimmer oder zumindest in einem großen und spärlich möblierten Dienstzimmer mit zugezogenen Gardinen im oberen Stock des Botschaftsgebäudes. Die Wände waren mit Gemälden geschmückt, die offenbar verschiedene Episoden in Lenins Leben zeigten. Hinter dem Schreibtisch, an dem Subarow saß, hing ein großes Foto von Gorbatschow. Fristedt notierte beiläufig, daß das Porträt, das da früher gehangen hatte, vermutlich eins von Breschnjew, größer gewesen war. Man sah auf der Eichentäfelung noch immer die Umrisse des früheren Bildes.

Ein jüngerer Diplomat – oder vielleicht auch nur ein Marinesoldat oder etwas ähnliches, wie es bei der CIA der Fall gewesen wäre – bot Fristedt ein kleines Glas mit armenischem Cognac an und zog sich dann schnell zurück.

»Also«, sagte der Resident, »dies ist ja ein ungewöhnlicher Besuch, aber ich möchte Sie zunächst willkommen heißen und zweitens den großen Respekt unserer Botschaft vor dem schwedischen Sicherheitsdienst zum Ausdruck bringen, den Sie vertreten, Herr Kommissar.«

Fristedt glaubte, die Andeutung eines Lächelns zu erkennen. Er verneigte sich jedoch leicht zum Dank, und dann kippten sie beide ihren Cognac. Fristedt hatte das Gefühl, so sei es am stilechtesten, was sich auch als völlig korrekt erwies.

»Und damit«, fuhr Subarow fort und stellte das leere Cognacglas mit einem Knall auf den Schreibtisch, »zum Geschäft. Was können wir für Sie tun? Eine sehr dringende Angelegenheit, sagten Sie?«

Fristedt überlegte sorgfältig. Erwies zunächst darauf hin, daß er selbst kein Diplomat sei, aber hoffe, die Angelegenheit trotzdem richtig zu erklären, ohne gegen irgendwelche diplomatischen Regeln zu verstoßen. Es gehe also darum, daß einer der Unseren heute morgen ermordet worden sei. Es gebe Grund zu der Annahme, daß die Mörder Ausländer seien, aber es gebe keinerlei Anlaß zu vermuten, daß sie sowjetische Staatsbürger seien oder aus einem kommunis… Fristedt korrigierte sich und sagte sozialistischen Land. Die Mordwaffe sei allerdings eine Armeepistole sowjetischen Fabrikats…

Weiter kam er nicht, als er schon von Subarow unterbrochen wurde, der seine Entgegnung mit einem Gesichtsausdruck herausbellte, der plötzlich jede Freundlichkeit verloren hatte.

»Die Botschaft der Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken bedauert natürlich dieses Ereignis, und es ist unsere Hoffnung, daß Sie die Mörder aufspüren und bestrafen werden. Unser Land hat mit dieser Angelegenheit jedoch nichts zu schaffen.«

»Nein, dessen sind wir uns bewußt«, beharrte Fristedt und wünschte sich gleichzeitig weit weg, »aber Sie können uns in einem Punkt helfen, das ist es, worum wir Sie bitten.«

»Und wobei?« fragte Subarow kalt.

»Ich habe hier die Seriennummer der Waffe. Wir hoffen, daß Sie uns mit deren Hilfe das Herkunftsland nennen können; ich meine nicht das Land, in dem die Waffe hergestellt worden ist, sondern in welchem Land sie gelandet ist … äh … bevor sie hier landete, falls Sie verstehen.«

»Ich verstehe genau, was Sie meinen. Und wie Sie vielleicht wissen, befindet sich unser Land unglücklicherweise in einer Situation, in der wir zu Aufrechterhaltung des Friedens eine beträchtliche Waffenproduktion unterhalten müssen. Wir würden uns wünschen, daß es nicht so wäre, aber das sind die Realitäten. Eine einfache Handfeuerwaffe der von Ihnen erwähnten Art kann bei jedem beliebigen unserer Verbündeten gelandet sein, die wir nicht in Verruf bringen wollen, oder bei unseren Feinden oder deren Feinden. Ich bedaure, aber wir möchten nicht unverschuldet in die Sache verwickelt werden.«

»Bedeutet das, daß Sie uns nicht helfen wollen?«

»Wenn Sie mit meinem Bescheid nicht zufrieden sind, müssen Sie das schwedische Außenministerium bitten, offiziell vorstellig zu werden. Aber unter uns, lieber Kollege, ist der Bescheid, den ich Ihnen soeben gegeben habe, mit großer Wahrscheinlichkeit auch das, was Sie nach einem offiziellen Antrag zur Antwort bekommen. Es ist sehr angenehm gewesen, Sie auf diese inoffizielle Art und Weise kennenzulernen.«

Und damit erhob sich der KGB-Chef und reichte Fristedt zum Abschied die Hand.

Fristedt fluchte auf dem ganzen Heimweg vor sich hin. Er wollte jedoch nicht aufgeben. Ans Außenministerium war überhaupt nicht zu denken, aber es gab eine Möglichkeit an der Grenze oder vermutlich schon jenseits der Grenze zu einem Dienstvergehen. Wenn die Ermittler jedoch nicht in Erfahrung brachten, woher die Waffe stammte, würden weitere Nachforschungen unmöglich werden, so wie es jetzt aussah. Und ein Kollege war ermordet worden. Nein, dann lieber ein Dienstvergehen.

Carl ging in sein Zimmer, entfernte die Abdeckhaube von der Tastatur und schaltete den Bildschirm ein. Zunächst wählte er den Zentralcomputer an, der erst die Fragen stellte, wer sich und warum er sich melde. Carl gab seinen Erkennungscode ein und begann eine Arbeit, die ihn weniger als eine Stunde kostete, die aber vor nur zehn Jahren, in einem völlig anderen technologischen Zeitalter, mehrere Tage erfordert hätte, vermutlich sogar für mehrere Personen.

Kurzwarenladen in Sibyllegatan Nummer XX. Wer ist der Eigentümer? fragte er das Immobilien- und Adressenregister.

Eigentümer war eine alleinstehende Frau Anfang Fünfzig.

Welche nahen Verwandten? fragte er im zentralen Melderegister.

Sechzehn Namen, darunter eine Tochter Anfang Zwanzig, tauchten auf dem grünen Bildschirm auf. Carl studierte die Namensliste und die Adressen. Einige ältere Verwandte, einige entferntere Verwandte auf dem Land, Nein, die Tochter schien am interessantesten zu sein, aber er speicherte alle Namen.

Welche Angestellten? befragte er die Steuerrolle.

Drei Namen. Zwei ältere Frauen, eine jüngere Frau im selben Alter wie die Tochter. Auch die wurden gespeichert.

Er nahm die Namen der beiden jüngeren Frauen und befragte das Immobilien- und Adressenregister, falls unter deren Adressen noch andere Personen wohnten. Die Tochter bewohnte mit einem Studenten eine Zweizimmerwohnung in Hägersten, das im Kurzwarenladen angestellte Mädchen wohnte allein.

Das war Schritt Nummer eins.

Der nächste Schritt war spannender, denn jetzt wollte Carl in das Register des Sicherheitsdienstes hineingehen. Dazu war erforderlich, daß er eine besondere Anfrage eingab, wieder seine Identität nannte, sowie seine security clearance, die darüber entschied, wie tief er in den Geheimnissen des Reiches wühlen durfte. Nach einer Sekunde kam die Antwort: OK.

Darauf prüfte Carl, ob die Personen, die er sich notiert hatte, im Datenspeicher des Sicherheitsdienstes verzeichnet waren.

Die Antwort kam blitzschnell. Ein älterer Verwandter in Vänersborg war Kommunist seit 1946. Die Tochter der Besitzerin des Kurzwarenladens wohnte mit einem siebenundzwanzigjährigen Studenten namens Nils Ivar Gustaf Sund zusammen, der seit sieben Jahren Mitglied der schwedischen Palästina-Gruppen war. Vor zwei Jähren war er Redakteur der Zeitschrift Palästinensische Front gewesen. Sund war dreimal im Nahen Osten gewesen und hatte außer beim letztenmal dabei mehrere Länder besucht. Beim letztenmal vor zwei Jahren hatte er nur den Libanon besucht. Im übrigen verwies der Computer auf Berichte über Sund, die offenbar im Archiv der Firma gespeichert waren.

Carl dachte eine Weile nach, während er die grünen, flimmernden Texte betrachtete. Falls es einen Zusammenhang zwischen Folkesson und der Tochter der Ladenbesitzerin gab, würde dieser vielleicht zu dem Palästina-Aktivisten weiterführen. Aber warum war die Tochter nicht gespeichert? Junge Leute dieser Art dürften kaum zusammenwohnen, wenn ihre Interessen stark voneinander abwichen. Bei zwei zusammenwohnenden Zwanzigjährigen war es beispielsweise höchst unwahrscheinlich, daß der eine Clartéist war und der andere Sozi. Warum war das Mädchen nicht gespeichert?

Die sogenannte Gesinnungsdatei ist jedoch alles andere als perfekt. Gewöhnliche Menschen, gewöhnliche Beamte, müssen erst die Angaben sammeln, bevor sie in den fehlerfreien Computern landen können. Es konnte so gewesen sein, daß man das Mädchen einfach übersehen hatte. Oder es lag an einer gesetzlichen Formalität. Den Jungen konnte man speichern, weil er diese Auslandsreisen gemacht und bestimmte Führungspositionen bekleidet hatte, das reichte als gesetzlicher Grund aus, ihn im Register zu speichern. Aber sie war vielleicht nur einfaches Mitglied ohne Führungsposition, ohne Auslandsreisen? Das konnte ein Grund dafür sein, daß sie nicht verzeichnet war. Carl ließ sich das Mietshaus in Hägersten geben und betrachtete die Namen der dortigen Mieter. Das Durchschnittsalter war gering, vielleicht untervermietete Wohnungen, niedrige Mieten, Studenten. Carl hatte einen Einfall, glich das Mieterregister mit dem Säpo-Register ab und wurde sofort fündig.

Zwei weitere Personen, die in dem Mietshaus wohnten, waren in der Palästina-Bewegung aktiv. Die Spur aus dem Kurzwarenladen führte also zu vier Palästina-Aktivisten in Hägersten. Da war der Zusammenhang mit der von Folkesson notierten Telefonnummer.

Carl schrieb eine Bestellung beim Archiv nieder, das am nächsten Morgen das Grundmaterial über die vier Aktivisten liefern sollte. Dann schaltete er den Bildschirm aus, zog die Abdeckhaube über die Tastatur und ging auf die Straße hinunter.

Aus unerfindlichen Gründen kein Strafzettel am Wagen. Es regnete und war dunkel. Ihm fiel ein, daß er den ganzen Tag nichts gegessen hatte, und so hielt er auf dem Heimweg vor einer Hamburger-Bar.

Zu Hause räumte er eine Stunde lang in wütendem Tempo auf und wechselte die Bettwäsche. Dann ließ er sich in seinen Lesesessel fallen, griff zu den Kopfhörern der Stereoanlage und legte ein Klarinettenquintett von Mozart auf.

Ihm war unbehaglich zumute. Es waren also Palästina-Aktivisten, die er jagte, Genossen, die in etwa wegen der gleichen Sünden gespeichert worden waren wie er selbst. Er hatte ja auch einmal so eine Reise nach Beirut gemacht, vor ziemlich vielen Jahren, als Beirut noch nicht durch mehrere Kriege in Schutt und Asche gelegt worden war. Damals konnten er und die Genossen noch von Büro zu Büro gehen und einen Vertreter der palästinensischen Befreiungsbewegung nach dem anderen sprechen. Er hatte es selbst getan. Wo stand er jetzt?

Nein, es war zwar unbehaglich, aber er konnte sich nicht davonstehlen. Es lag ein ganzer Ozean von Unterschieden zwischen gewöhnlicher legaler Solidaritätsarbeit und Terrorismus. Weder er selbst noch einer der Genossen in der Clarté wäre je auf den Gedanken gekommen, sich an der Ermordung schwedischer Polizeibeamter zu beteiligen.

Es war eine unangenehme Lage, aber keine schwierige moralische Frage. Die Genossen, die Polizisten ermordeten oder dabei halfen, waren letztlich keine Genossen, ebensowenig wie die Baader-Meinhof-Bande etwas mit Sozialismus zu tun hatte. Aber gab es denn überhaupt schwedische Terroristen? Jetzt, so viele Jahre nach der linken Welle? Oder vielleicht gerade darum? Was in den Massenbewegungen der sechziger und siebziger Jahre unmöglich war, konnte inzwischen vielleicht Realität sein, nachdem die Linke auf unbedeutende kleine Sekten zusammengeschrumpft war. Ein Ausbruch von Verzweiflung?

Wie er sich auch drehte und wendete: Carl Gustaf Gilbert Hamilton, neunundzwanzig Jahre, ehemaliges Mitglied der Clarté, unter anderem deswegen von den Sicherheitsdiensten registriert sowie wegen unerwünschter Auslandsreisen in dem Register gespeichert, das er jetzt benutzte, dazu Reserveleutnant der Marine und Abteilungsleiter beim Sicherheitsdienst des Reiches; dieser er selbst, der ein anderer Mensch geworden war, mit dunklen Eisschollen in sich, Erinnerungsbildern an die fünfjährige Ausbildung zum field operator, beteiligte sich jetzt an der Jagd auf Palästina-Aktivisten.

Er schlief mit den Kopfhörern ein. Die Mozart-Platte lief weiter.

Erik Appeltoft saß zu Hause in der Küche auf einem einfachen Holzstuhl. Er hatte abgewaschen, den Müll hinuntergebracht und den Tisch abgedeckt; seitdem seine Frau im vergangenen Jahr einen Herzanfall erlitten hatte, hatte er den größten Teil der Haushaltsarbeit übernommen, jedenfalls das meiste von dem, was nach siebzehn Uhr zu erledigen war. Sie waren seit einunddreißig Jahren verheiratet, aber in den letzten achtzehn Jahren, in denen er in der Firma gearbeitet hatte, hatten sie nie über seinen Job gesprochen.

Offiziell ist es verboten. Kein Angestellter beim Sicherheitsdienst des Reiches ist berechtigt, wie es heißt, privat über Angelegenheiten zu sprechen, die mit geheimem Material zu tun haben. Und alles, was die Firma betrifft, muß als geheim betrachtet werden. In dieser Hinsicht gab es bei den Kollegen zwei verschiedene Schulen. Sie verhielten sich entweder wie Appeltoft oder so wie Fristedt etwa, der alles mit seiner Frau ausdiskutierte, zwar nicht gerade mit den Kindern, aber immerhin mit seiner Frau. In der Firma selbst wurde nicht über diese Dinge gesprochen; jeder mußte das Problem nach eigener Veranlagung und nach eigenem Gewissen lösen. Fristedt hatte irgendwann beiläufig angedeutet, daß er ganz einfach nicht denken könne, wenn er alles für sich behalten solle.

Aber Appeltoft behielt alles, was die Firma betraf, für sich, wenn er zu Hause war. Er wußte trotzdem sehr wohl, daß seine Frau schnell an seinem Gesicht ablesen konnte, was los war, wenn er nach Hause kam. Jetzt vor dem Essen war sein Gesicht sicher wie ein offenes Buch gewesen. Sie hatte beide Abendzeitungen vor sich liegen, und wenn er überhaupt nicht auf die Sache einging, war ihr klar, daß er beruflich damit zu tun hatte. Also kam es zu der gewohnten Prozedur. Sie trank nach dem Essen ihre Tasse Kaffee und ging zum Fernsehen ins Wohnzimmer. Er wischte sorgfältig den Küchentisch ab und breitete die vertraulichen Akten vor sich aus.

Das Material aus Folkessons Panzerschrank wies hier und da schwache Unterstreichungen mit Bleistift auf. Appeltoft wußte, daß Folkesson solche diskreten Unterstreichungen vornahm; sie hatten vor ein paar Jahren zusammengearbeitet, bevor Appeltoft auf eigenem Antrag von Büro B nach Büro C versetzt worden war, wo er sich mit strategischer Analyse beschäftigte, wie es hieß. Das lief darauf hinaus, daß er manchmal die gesammelten internationalen Erkenntnisse über verschiedene Variationen des modus operandi, das typische Verhaltensmuster von Spionen oder Terroristen, auf dem laufenden halten mußte. Normalerweise war das eine stille Arbeit an der Grenze zur Langeweile, aber er hatte sich aufgrund seiner persönlichen Abneigung gegen Näslund von Büro B versetzen lassen.

Das schwedische Material, mit dem sich Folkesson ein paar Tage vor seinem Tod möglicherweise beschäftigt hatte, war Appeltoft daher mehr als wohlbekannt. Es war ein Memorandum mit der Überschrift Zusammenfassende Darstellung des modus operandi im modernen Terrorismus.

Appeltoft hatte sich einen Notizblock geholt, auf dem er jetzt die Passagen notierte, die Folkesson an dem im übrigen recht dürren Text offenbar interessiert hatten.

Die erste Unterstreichung fand sich im ersten Satz unter der Zwischenüberschrift Indirekter Terrorismus – Ersatz-Terrorismus. Der indirekte Terrorismus richtet sich gegen Menschen oder Objekte, die mit dem Staat oder der Behörde zu identifizieren sind, den die Terroristen angreifen wollen. Die beiden Worte oder Behörde waren unterstrichen.

Am Rand stand hier ein kleines gekritzeltes Fragezeichen.

Die nächste Markierung fand sich unter der Zwischenüberschrift Direkter Terrorismus – Repressiver Terrorismus. In dieser Passage ging es um Mord und Attentate sowie die Schwierigkeiten eines Sicherheitsdienstes, solchen vereinzelten Gewalttaten zu begegnen, und am Ende war ein ganzer Absatz unterstrichen:

… Die Gründe für das aus der Sicht des Auftraggebers erfolgreiche Ergebnis dürften vor allem in folgenden Umständen zu finden sein:

a) logistische Unterstützung im Operationsland

b) sorgfältige Planung

c) Schnelligkeit der Operation

d) der direktimportierte Mörder

e) Möglichkeit zu schneller Flucht aus dem Zielland

f) keine unmittelbaren Mittäter im Zielland

Zwei Zeilenwaren doppelt unterstrichen, nämlich die mit den Hinweisen auf logistische Unterstützung im Operationsland und den direktimportierten Mörder.

Dann dauerte es noch ein paar Seiten, bis sich wieder eine Spur von Folkessons besonderem Interesse zeigte. Aber bei der Zwischenüberschrift Logistische Unterstützung gab es viele dicke Unterstreichungen. Und die nach Folkessons Ansicht interessanten Passagen waren offensichtlich die folgenden gewesen:

»… internationaler Terrorismus setzt einen langen Zeitraum für den Aufbau logistischer Stützpunkte voraus. Diese Unterstützung ist für eine internationale Terrororganisation von äußerster Wichtigkeit. Eine logistische Unterstützung kann sich in den verschiedensten Formen und Arten manifestieren. Gerade hier spielen die Sympathisanten oder Mitglieder der verschiedenen Organisationen eine große Rolle.«

Das Wort Sympathisanten war dick unterstrichen. Und weiter:

»Der internationale Terrorismus könnte ohne logistische Unterstützung nicht existieren. Bei der Terroristenbekämpfung muß daraus die Konsequenz gezogen werden, die logistische Unterstützung zu. beschneiden.

Einige Beispiele für logistische Unterstützung sind:

a) vorbereitende Propaganda,

b) Personen, die Papiere und Reisedokumente herstellen und bereitstellen, welche die Terroristen bei der Fahrt vom Ausgangsland zum Zielland brauchen,

c) Personen, welche die Gewohnheiten des Opfers im Zielland erkunden und darüber Bericht erstatten, beispielsweise Muster des Personenschutzes, Wohnung, Arbeitsplatz, Bewegungsbilder, Fotos von Objekt/Opfer etc.

d) Personen, welche die Attentäter unterstützen, wenn diese sich bei der Fahrt zum Zielland in fremden Ländern aufhalten oder sie passieren,

e) Personen, die im Heimatland Reisepapiere beschafft haben,

f) Personen, die entweder im Zielland oder im Ausland Waffen beschafft haben und sie im letztgenannten Fall ins Zielland transportieren,

g) Personen, die im Zielland in Erscheinung treten und für Transporte, Anmietung von Fahrzeugen und so weiter verantwortlich sind,

h) Personen, die den Attentätern im Zielland vorübergehend Wohnraum beschaffen, sie mit Nahrung versorgen, Karten, Kursbücher, Fahrausweise für den Nahverkehr und ähnliches beschaffen,

i) Personen, die sonstwie behilflich sind, beispielsweise durch Propaganda vor, nach und während der Zeit der Tat, durch Überwachung dessen, was die Behörden im Zielland aus Anlaß des Angriffs unternehmen, Inszenierung sonstiger Unruhen, um das Handeln der Behörden zu zersplittern etc.

Der Aufbau einer Basisorganisation, die sich später zu logistischer Unterstützung nutzen läßt, kann in der Hauptsache auf zwei verschiedene Arten erfolgen. Entweder setzt man im Zielland schon vorhandene Kader von Sympathisanten ein, oder die Organisation muß durch Etablierung einzelner Vertreter der Organisation im Zielland die Voraussetzungen für eine organisierte Einschleusung zuverlässiger, aktiver Mitglieder ins Zielland schaffen. Selbstverständlich führt der erstgenannte Weg schneller zum Ziel – zur Durchführung des Attentats …

In diesem Abschnitt schien der Punkt h, die Frage der Unterstützung der Attentäter im Zielland durch Beschaffung von Wohnraum, Nahrung, Karten und so weiter, Folkessons besonderes Interesse erweckt zu haben.

Weiter unten im Text fand sich ein dicker Strich unter schon vorhandene Kader von Sympathisanten und führt schneller zum Ziel.

Appeltoft grübelte eine Weile.

Folkesson hatte sich also über schwedische Sympathisanten Gedanken gemacht, die bei der Wohnraumbeschaffung und dergleichen logistische Unterstützung bieten konnten. Hingegen würden die Terroristen ihre Waffen selbst einführen, selbst ausländische Reisepapiere besorgen und für die Transporte stehen?

In diesem Fall mußte man mit wohlorganisierten Terroristen rechnen. Die Unterstützung durch Sympathisanten mochte zwar wichtig sein, aber inwieweit hatte sie direkt mit der Aktion zu tun?

Ein paar Seiten zuvor gab es ja schon eine Unterstreichung bei dem direktimportierten Mörder.

Also. Eine Aktion, die hauptsächlich von außen gesteuert wurde, wobei den Terroristen große Hilfsmittel zur Verfügung standen. Hinzu kam eine begrenzte logistische Unterstützung durch Sympathisanten in Schweden.

Folkesson selbst war diesem »direktimportierten Mörder« zweifellos begegnet, denn er hatte sich als ausgewachsener Profi erwiesen.

Aber Folkesson konnte kaum das Ziel gewesen sein. Oder? Worauf sollte seine frühere Unterstreichung eigentlich hinweisen: oder Behörde?

Der Sicherheitsdienst war in hohem Maße eine Behörde. Obwohl er selbst, Folkesson, dort ein Fragezeichen an den Rand gesetzt hatte. Bedeutete dies, daß er sich ein denkbares Ziel vorgestellt und sich gefragt hatte, ob dieses Ziel eine Behörde sei? Oder bedeutete es, daß die Firma die fragliche Behörde sein konnte?

Appeltoft schrieb seine Aufzeichnungen ins reine, legte das Modus-operandi-Material beiseite und holte sich frischen Kaffee, bevor er mit dem ausländischen Bericht weitermachte. Die Akte war mehr als zehn Jahre alt. Ihre Herkunft wurde nicht genannt, aber Appeltoft brauchte nicht lange zu lesen, bis ihm klar war, daß es sich um eine israelische Quelle handeln mußte.

Das Material bestand hauptsächlich aus einem Verzeichnis palästinensischer Terroroperationen, die in zwei Hauptkategorien eingeteilt waren. Die erste Kategorie betraf Aktionen, die sich gegen Araber gerichtet hatten:

Ghassan Kanafani, in Beirut am 8. Juni von einer Autobombe getötet. Funktion: Redakteur der PFLP-Zeitung Al Hadaf (»Das Ziel«). Vermutlicher Urheber des Verbrechens: DPFLP.

Bassam Sharif, Briefbombe, schwer verletzt. Nachfolger Kanafanis. Bestätigter Urheber des Verbrechens: DPFLP.

Dr. Anis Sayegh, Briefbombe, leichte Verletzungen. Funktion: Chef bei der Forschungszentrale der PLO in Beirut. Vermutlicher Urheber des Verbrechens: PFLP-Oberkommando.

Palästinensische Buchhandlung in Paris, am 4. September durch einen Sprengkörper zerstört. Bestätigter Urheber des Verbrechens: die irakische Abweichlerfraktion ALF, die unter Leitung von Abu Nidal aus der PLO ausgeschert ist.

Abu Khalil, Briefbombe, schwere Verletzungen, 24. Oktober. Funktion: Repräsentant der PLO in Algerien. Vermutlicher Urheber des Verbrechens: As Saika (von Syrien unterstützte Abteilung der PLO).

Wail Zaeter, in einem Hotelfahrstuhl ermordet. Funktion: extremistischer Exilschriftsteller. Bestätigter Urheber des Verbrechens: Rased.

Omar Sufan, Briefbombe, leichte Verletzungen. Funktion: Vertreter der Al Fatah in Stockholm. Vermutlicher Urheber des Verbrechens: PFLP.

Ahmed Abdallah, Briefbombe, leichte Verletzungen, 30. November. Funktion: Vertreter des palästinensischen Studentenverbands in Kopenhagen. Bestätigter Urheber des Verbrechens: PFLP.

Mahmoud Hamshari, durch eine per Funksignal am 8. September ausgelöste Bombe ermordet. Funktion: Vertreter der PLO in Paris. Bestätigter Urheber des Verbrechens: Rased.

Hussein Abu Khair, durch eine per Funksignal ausgelöste Sprengbombe ermordet. Funktion: Vertreter der PLO auf Zypern. Vermutlicher Urheber des Verbrechens: Schwarzer September.

Ziad Helou, Autobombe, leichte Verletzungen. Funktion: Mitglied des Schwarzen September. Vermuteter Urheber des Verbrechens: Rased.

Bassel Kubaissy, aus nächster Nähe erschossen. Funktion: Vertreter der PFLP. Vermuteter Urheber des Verbrechens: Rased.

So ging es mit weiteren zwanzig Namen weiter. Vor mehr als zehn Jahren hatte zwischen den verschiedenen palästinensischen Organisationen zwei Jahre lang fast so etwas wie ein Bürgerkrieg getobt.

Dieser Teil des Berichts stand jedoch in starkem Gegensatz zum folgenden Abschnitt, bei dem es ausschließlich um größere Palästinenser-Aktionen gegen Botschaften, Reisebüros, einzelne Diplomaten und so weiter ging. Die meisten Ereignisse waren schon so bekannt, daß sich jeder Nachrichtendienstmann Europas an sie erinnern würde.

Die Zahl der Angriffe gegen Einzelpersonen, bei denen sich die Araber offensichtlich gegenseitig liquidierten, wurde kurz nach 1973 geringer, und dann kam eine lange Pause bis zu einem recht aktuellen Ereignis, als nämlich ein gewisser Hissam Sartawi beim Treffen der Sozialistischen Internationale in Portugal ermordet wurde. Das Verzeichnis führte die PFLP, die Volksfront zur Befreiung Palästinas, als »bestätigten« Urheber des Verbrechens auf.

Die Berichte über Palästinenser-Angriffe gegen nichtpalästinensische Ziele umfaßten dagegen die Zeit vor 1973 bis in die jüngste Zeit.

In der israelischen Zusammenstellung hatte Folkesson nicht eine einzige Notiz gemacht und keine Unterstreichungen vorgenommen. Was hatte ihn dann interessiert? Angriffe auf Einzelpersonen unter Arabern oder Angriffe auf diplomatische und vergleichbare Ziele? Das ließ sich nicht erraten. Man konnte jedoch feststellen, daß die letztere Kategorie häufiger war und sich nicht nur auf einen Zeitraum konzentrierte, der schon mehr als ein Jahrzehnt zurücklag.

Appeltoft zuckte plötzlich zusammen, als er aus dem Wohnzimmer ein vertrautes Geräusch hörte. Er ging hinein und sah seine Frau wie erwartet mit offenem Mund vor dem rauschenden Fernseher schlafen. Er hob sie vorsichtig aus dem Sessel und trug sie ins Schlafzimmer. Sie wachte auf und begann, sich schlaftrunken auszuziehen. Er half ihr, deckte sie zu und küßte sie auf die Stirn, bevor er in die Küche zurückkehrte.

Logistische Unterstützung durch schwedische Sympathisanten hatte es seines Wissens nur in einem gesicherten Fall gegeben. 1977 hatte ein westdeutscher Stümper der Terroristenbranche eine Aktion vorbereitet, mit der die damalige Einwanderungsministerin Anna-Greta Leijon entführt werden sollte. Zumindest hatte er versucht, seine Umgebung davon zu überzeugen, daß er eine solche Aktion vorbereitete. Ein westdeutscher Räuber namens Rudi Hecht, der sich eine Strafmilderung verschaffen wollte, ging zur Firma, landete bei Axel Folkesson und erbot sich, eine Terroristenbande zu verraten, wenn man seinen Raubüberfall als Gegenleistung in etwas anderes verwandelte und ihm zusicherte, daß er in Schweden bleiben dürfe. Überdies sollte man ihm noch garantieren, daß er in einer bestimmten Steuersache keine Schwierigkeiten bekam.

Folkesson hatte sich auf diesen Handel eingelassen, und das Ganze endete damit, daß eine Anzahl mehr oder weniger beteiligter Ausländer als mehr oder weniger schuldige Terroristen des Landes verwiesen wurden. Die beiden, die in der Bundesrepublik gelandet waren, Kröcher und Adomeit hießen sie, erhielten natürlich einen warmen Empfang und wurden nach gewohnter bundesdeutscher Art zu zwanzig bis dreißig Jahren Haft verurteilt. Die anderen Ausländer, die man nach Großbritannien, Griechenland und Kuba geschickt hatte, wurden nicht einmal vor Gericht gestellt.

In Schweden gab es jedoch noch ein rundes Dutzend schwedischer Sympathisanten, die wegen Sabotage und Menschenraub und ähnlicher Delikte angeklagt wurden. Die Strafsache wurde jedoch nicht einem der gewöhnlichen Spionage-Staatsanwälte überantwortet, sondern einem ganz bestimmten Distrikts-Staatsanwalt aus Norrland anvertraut, der nach Stockholm reiste und dem es mit Hilfe Folkessons und anderer Angehöriger der Firma gelang, die meisten dieser jungen Leute verurteilen zu lassen. Die Anklage gegen den Denunzianten wegen schweren bewaffneten Raubüberfalls wurde in »Diebstahl« umgewandelt.

So war es gewesen, wie sich Appeltoft erinnerte. Näslund war nicht sofort nach seinem glänzenden Einsatz bei der Ergreifung des Meisterspions von Jukkasjärvi Chef von Büro B geworden. Er hatte außerdem die Strafsache gegen die angeblichen jungen Terroristen gewonnen, und damit war er reif für die große Beförderung. So war es zugegangen.

Und das sollte das einzige bekannte Beispiel für schwedische jugendliche sein, die sich tatsächlich als logistische Terroristen betätigt hatten? Doch, so war es.

Und jetzt sollte es um junge Leute gehen, die mit der Palästina-Bewegung in Verbindung standen?

Appeltoft hatte da seine Zweifel. Ein Beispiel dieser Art hatte es seit zwanzig Jahren nicht mehr gegeben. Näslund jedoch würde schon beim bloßen Gedanken in Begeisterung geraten, auch wenn es noch gar keine Verdächtigen gab.

Appeltoft kramte seine Papiere zusammen und steckte sie in seine Aktentasche, die er sorgfältig verschloß, bevor er in der Küche das Licht ausmachte und ins Badezimmer ging. Er wusch sich das Gesicht mit kaltem Wasser. Er ertappte sich bei dem Gedanken, welch ein Glück es war, daß Näslund diesmal keine jungen Schweden auf Lager hatte.

Er hatte ja keine Ahnung davon, was Carl Hamilton, dieser komische Wildwestheld, auf seinem grünen Computerbildschirm gefunden hatte.

4

Carl betrat den Raum drei Minuten nach acht. Die beiden anderen saßen schon da, ihren Kaffee in Plastikbechern vor sich. Sie nickten einander zu. Appeltoft goß einen dritten Plastikbecher voll und schob Carl das Zuckerpaket hin.

»Also, dann können wir loslegen«, sagte Fristedt, »und das Ergebnis meiner gestrigen Anstrengungen läßt sich ganz kurz zusammenfassen. Ich bin beim KGB gewesen und habe die gebeten, uns zu helfen, und die haben kurz und bündig gemeint, ich soll mich zum Teufel scheren.

»Wen hast du getroffen?« fragte Appeltoft.

»Subarow höchstpersönlich«, erwiderte Fristedt.

Appeltoft ließ einen Pfiff hören: »Teufel auch.«

»So weit also zu dieser Sache, aber ich werde es mit einer neuen Variante versuchen«, fuhr Fristedt fort. »Und wie steht’s bei dir?«

Die Frage war natürlich an Appeltoft gerichtet. Anders als Juristen halten Polizeibeamte ihre internen Vorträge in der Rangordnung von oben nach unten.

Appeltoft zog seine Notizen aus der Aktentasche und referierte zunächst die Fakten. Die erste Notiz galt dem Fragezeichen bei oder Behörde. Dann wandte sich das Interesse der Anwesenden Appeltofts Bericht der wichtigsten Punkte aus den beiden Memoranden über den internationalen Terrorismus und vor allem dem terroristischen Umfeld zu.

»Sympathisanten und logistische Unterstützung im Zielland werden ja ziemlich herausgestellt, obwohl das in diesem Fall schwedische Palästina-Aktivisten sein müßten«, schloß Appeltoft seinen Bericht. Er überlegte eine Weile, bevor er fortfuhr:

»Eins kann ich aber jetzt schon sagen, daß es nämlich keine klaren Präzedenzfälle gibt. Ich habe heute morgen nachgesehen, und das einzige in dieser Richtung ist ein schwedisches Mädchen, das vor sieben oder acht Jahren ein paar Palästinensern dabei half, in einem Wohnwagen Handfeuerwaffen nach Uppsala zu schmuggeln. Die schienen aber eher Gangster gewesen zu sein, und sie ein ganz normales Mädchen, das sich in einen dieser Typen verliebt hatte. Es ist also kein guter Vergleichsfall.«

Fristedt machte sich einige kurze Notizen.

»Und du«, sagte er und blickte zu Carl hoch, »hast du in den Maschinen was gefunden?«

»Ja, und das scheint mit den Hinweisen übereinzustimmen, auf die Appeltoft gestoßen ist.«

Carl legte kurz die Ergebnisse seiner Arbeit dar: Die Tochter aus dem Kurzwarenladen in Sibyllegatan lebe mit einem Veteranen der Palästina-Bewegung zusammen. Und im selben Haus wohnten zwei weitere bekannte Palästina-Aktivisten. Die Telefonnummer führe also indirekt zu vier Sympathisanten.

»Nun, das wird Näslund mächtig aufmuntern«, meinte Appeltoft düster.

Sie überlegten kurz. Dieses Mädchen hatte die Firma angerufen und war zu Folkesson durchgestellt worden – das könnte man in den Telefonprotokollen der Firma nachprüfen; hatte sie vor etwas warnen wollen, in das sie nicht hineingezogen werden wollte, und dann die Telefonnummer ihrer Mutter am Arbeitsplatz hinterlassen, weil sie zu Hause keine Anrufe von der »Säpo« wünschte?

Das war vorstellbar, aber nur theoretisch.

»Ach was!« sagte Fristedt, »wir sollten hier nicht herumsitzen und raten. Näslund will uns Punkt zehn Uhr zu einer Konferenz bei sich sehen, und bis dahin solltet ihr von diesem Zeug Abschriften und ein paar Kopien machen lassen.«

Jeder ging wieder in sein Zimmer, Appeltoft und Carl, um ihre schriftlichen Zusammenfassungen zu schreiben, und Fristedt, um etwas Erstaunlicheres zu tun.

Als er in seinem Zimmer war, rief er die kleine Abteilung der Firma an, die sich um Personenschutz und derlei zu kümmern hatte, und bat um ein Verzeichnis der Botschaftsveranstaltungen der kommenden Tage.

Innerhalb von zehn Minuten hatte er die aktuelle Wochenübersicht auf dem Tisch und studierte mit großem Interesse, welche Botschaften in den nächsten Tagen welche Feierlichkeiten und ausländische Besucher haben würden. Er fand schnell, wonach er suchte, und kreuzte eine ziemlich interne Begebenheit der rumänischen Botschaft am folgenden Tag an: die Feiern aus Anlaß des 42. Jahrestages der rumänischen Volksarmee. Die nächste Möglichkeit tauchte erst am Ende der folgenden Woche auf. Dann würde die iranische Botschaft ein Kriegsjubiläum feiern, das etwas mit dem Irak zu tun hatte. Das war eine schlechtere Alternative.

Punkt zehn Uhr begann die Konferenz bei Näslund.

Erst berichtete Ljungdahl über die Personenbeschreibung; die man jetzt vom Täter hatte, folglich einem Mann in grüner Jacke und Jeans, einer grünen Jacke mit Kapuze, etwa Mitte Dreißig oder jünger, zwischen 1,75 und 1,80 Meter groß, vermutlich glattrasiert, vielleicht Schnurrbart und unbekannter Nationalität, aber ein Auftreten, das die bisherigen Erkenntnisse über den Hergang des Verbrechens bestätigte.

Fristedt faßte das Ergebnis der internen Ermittlungen der Firma zusammen und verteilte die schriftlichen Berichte. Während er sprach, zog Näslund einen Kamm aus der Tasche und strich sich das Haar an den Schläfen nach hinten. Näslund war offenkundig auf dem Sprung.

»Meine Herren, das Bild wird allmählich klarer, und für nur vierundzwanzig Stunden ist das gar nicht schlecht gepinkelt«, sagte er, als Fristedt geendet hatte. Man sah ihm an, daß er noch etwas besonders Interessantes von sich geben wollte, weil er seine gewohnte Kunstpause machte, während er den Blick um den Tisch schweifen und bei jedem kurz verweilen ließ.

»Ich glaube nämlich, daß wir diesen Mann mit der grünen Jacke haben«, fuhr er fort. »Die norwegischen Kollegen haben so einen Burschen gestern in einem Hotel zu Besuch gehabt, das für palästinensische Terroristen ein perfektes Ziel gewesen wäre. Und damit wird auch der Zusammenhang mit dieser Logistik klar, den Hamilton hier rausgefunden hat. Gute Arbeit übrigens, Hamilton.«

Dann schwieg er in Erwartung einer der selbstverständlichen Fragen. Das war sein übliches Spiel.

»Aha, das ist ja eine gute Nachricht«, sagte Ljungdahl, »und darf man fragen, ob man diesen Mann mit der grünen Jacke hat identifizieren können oder ob unsere Personenbeschreibung verbessert worden ist?«

»Er ist einwandfrei identifiziert«, entgegnete Näslund triumphierend, »und es ist kein Niemand. Es ist nämlich Erik Ponti, Auslandschef beim Echo des Tages, falls den Herren das bekannt ist.«

Die Anwesenden starrten den Abteilungsleiter ungläubig an. »Das soll der Mörder sein?« fragte Fristedt.

»Ein reichlich hochgestellter logistischer Helfer, falls es den Tatsachen entspricht«, knurrte Appeltoft leise und handelte sich einen kurzen Blick Näslunds ein.

»In dieser Mappe«, fuhr Näslund fort, »findet sich das Wichtigste über diesen sogenannten Journalisten, und die Verbindung zwischen ihm und den vier Aktivisten in Hägersten darf als absolut erwiesen betrachtet werden.«

»Wie das?« wollte Fristedt wissen.

»Das seht ihr selbst, wenn ihr das Material durcharbeitet. Jetzt müssen wir folgende Schritte unternehmen. Als erstes machen wir bei diesen Typen draußen in Hägersten und bei Ponti eine Telefonüberwachung. Auch wenn das in Pontis Fall kaum zu einem Ergebnis führen wird, wissen kann man es nie. Dann bleibt die Frage, ob wir oder die offene Polizei die Fahndungseinsätze in Hägersten organisieren sollen, und dann schlage ich vor, daß du das mit der Fahndung besprichst, Ljungdahl, oder möglicherweise mit dem Drogendezernat, falls die uns ein paar Leute ausleihen können, aber das werden sie schon können, wenn sie hören, worum es geht. Und dann wünsche ich, daß ihr (er wandte sich an die drei Mann von der Firma) zunächst dieses norwegische Material durchgeht und dann schnell wie der Blitz, am liebsten heute noch, einen Mann nach Norwegen schickt, damit er sehen kann, ob in Oslo noch mehr zu holen ist. Und dann solltet ihr natürlich noch in den Kreisen um diese vier herum in unseren Dateien und sonstigen Registern suchen. Meine Herren. Wir sind also schon so weit gekommen, daß wir einen entscheidenden Schlag vorbereiten, so daß ich die Bedeutung absoluter Diskretion in dieser Sache nur unterstreichen kann.«

Näslund sprang auf, erklärte die Konferenz für beendet und ging fröhlich vor sich hinpfeifend direkt zum Reichspolizeichef, falls man die Tour Fahrstuhl – Gang – Fahrstuhl – Flur so beschreiben kann, aber das war jedenfalls Näslunds Gefühl.

Zehn Minuten später hatte er einen der furchtbarsten Anpfiffe seines Lebens bekommen. Die Kralle wurde fast hysterisch, als er Näslunds Vorschlag vernahm, und dabei war die Kralle immerhin dafür bekannt, in jeder Lebenslage die Beamtenwürde zu wahren und niemals die Beherrschung zu verlieren.

»Ich höre wohl nicht richtig!« schrie der Reichspolizeichef im Falsett, »korrigiere mich, wenn ich mich irre, und setz dich übrigens, aber dein Vorschlag kommt mir doch ein bißchen übereilt vor.«

Der Reichspolizeichef sank in seinem Stuhl zurück und holte Luft, während er die Brille abnahm und sie mit einer geschickten Bewegung seiner gesunden Hand zu putzen begann. »Also. Du willst die Staatsanwaltschaft einschalten und einen der bekanntesten Journalisten des Landes verhaften lassen. Na schön, ich teile deine Beurteilung, was diese Person betrifft, aber du bist genauso Staatsanwalt gewesen wie ich. Gratuliere, Herr Staatsanwalt. Jetzt stell dir mal einen Haftprüfungstermin vor hundert Journalisten in diesem Scheiß … in diesem ominösen Terroristensaal vor. Warum sollen wir den Redakteur jetzt festnehmen? Weil er eine grüne Jacke trägt und in Oslo ein bißchen seltsam aufgetreten ist, ja! Mit diesem Beweis gegen einen dieser Ärsche Sjöström oder Silbersky oder irgendeinen anderen dieser illustren Advokaten als Verteidiger … Nein, ich will den Gedanken nicht mal weiterdenken. Komm mir mit Beweisen, dann werde ich mit dir Champagner trinken, aber bis auf weiteres, Gott soll uns schützen, wirst du dich mit ganz normaler Telefonüberwachung begnügen müssen. Heißt es so? Ja. Und kein Wort zur Presse über diese Sache, muß ich dir das noch sagen?«

»Aber es gibt unzweifelhafte Zusammenhänge …«, machte Näslund einen neuen Anlauf.

»Ja, das sehe ich schon. Du hast vielleicht recht. Viel Glück. Aber schnapp dir diese Extremisten, wo sie am schwächsten sind. Konzentriert euch vorläufig auf die jungen Leute dort draußen in Hägersten. Und noch etwas, keine Fahndungseinsätze gegen diesen Ponti, außer der Telefonüberwachung natürlich.«

»Aber warum das denn?«

»Falls nun diese Geschichte der Norweger zutrifft, gibt es ja rein … äh … operative Gründe. Man soll keine schlafenden Hunde wecken, du weißt schon. Außerdem. Stell dir vor, die Sache kommt raus, ›Säpo verfolgt Sveriges Radio‹, wie würde das wohl aussehen. Nein, versuch’s auf dem Weg über die anderen, aber rühr mir diesen Ponti nicht an, bevor du dich ganz warm angezogen hast. Ich habe mich hoffentlich klar ausgedrückt?«

»Sehr.« Das war ein Rückschlag für Näslund. Er schüttelte jedoch rasch sein Unbehagen ab. Er hatte es im Gefühl, daß das Ganze trotz allem klappen würde. Dieses sichere Gefühl hatte er schon früher gehabt.

Fristedt und Appeltoft gingen unter dumpfem Schweigen in ihr gemeinsames Arbeitszimmer zurück, während Carl ein paar Schritte hinter ihnen hertrottete. Fristedt trug Näslunds Dokumentenbündel über den Tatverdächtigen.

Fristedt warf die Akten auf den Konferenztisch.

»Aha«, sagte er, »hier haben wir also Näslunds direktimportierten Mörder vom schwedischen Rundfunk. Schöner Job für den, der ihn kriegt, zu Sveriges Radio hinaufzugehen und einen der bekanntesten Journalisten des Landes als Mörder festzunehmen. Wer’s glaubt, wird selig.«

Sie schwiegen eine Weile. Jedem von ihnen waren die unerhörten Konsequenzen klar, falls sich das Ganze als Irrtum herausstellen sollte. Näslund hätte ebensogut einen Reichstagsabgeordneten oder einen General als Täter präsentieren können.

»Da gibt es noch etwas, was mir Kummer macht«, sagte Appeltoft nach einigen Minuten drückenden Schweigens. »Folkesson und dieser Ponti kannten sich recht gut, und das schon seit vielen Jahren. Wer darüber alles weiß, ist unser Kollege Roffe Jansson.«

»Dann bitten wir Roffe Jansson herzukommen«, sagte Fristedt und griff zum Telefon.

Roffe Jansson erschien innerhalb von drei Minuten. Er hatte in der allerersten Zeit mit Folkesson zusammengearbeitet, als die heutige Terroristen-Abteilung von Büro B nur aus ihm selbst und Folkesson bestand. Das war Ende der sechziger Jahre, als der Terrorismus allmählich in Mode kam, als Palästinenser Flugzeuge entführten und die Baader-Meinhof-Bande ihre ersten Anschläge verübte.

Als es um die schwedischen Palästina-Sympathisanten ging, hatte Folkesson sich in den Kopf gesetzt, daß offene Kontakte am besten seien, und überdies seien sie ja nur zwei Mann in der Firma, die sich diesen Aufgaben widmen könnten, so daß es völlig sinnlos sei, in der Gegend herumzulaufen und zu fahnden.

Statt dessen hatten Folkesson und Jansson ganz einfach die Palästina-Gruppe in Stockholm besucht, die damals in einem Keller an Karlavägen hauste. Und sie gingen einfach hin, stellten sich vor, guten Tag, wir sind von der Säpo und würden mit euch gern über die Gefahr von Terroranschlägen sprechen, was habt ihr dazu zu sagen.

Den besten Kontakt bekamen sie mit einem jungen Studenten und künftigen Journalisten namens Erik Ponti. Er hatte sie nach Hause eingeladen und recht viel Mühe darauf verwandt, ihnen den Unterschied zwischen Solidaritätsarbeit, also der Herausgabe dieser Zeitung, von Demonstrationen und so weiter sowie den bewaffneten Aktionen klarzumachen, mit denen sich die Palästinenser selbst beschäftigten. Er hatte die Sicherheitsbeamten überdies zu überzeugen versucht, daß die Gefahr bewaffneter palästinensischer Aktionen in Schweden außerordentlich gering sei, da es zur politischen Strategie der PLO gehöre, sich bei der sozialdemokratischen schwedischen Regierung die gleiche Unterstützung zu beschaffen wie die Vietnamesen. Diese Strategie würde durch Bomben und Attentate zunichte. Damals wirkten diese Worte Pontis vielleicht etwas blauäugig. Die Zeit gab ihm jedoch recht, das ließ sich nicht leugnen. Denn wenn man nachdachte, hatte es seitdem, seit fast zwanzig Jahren, in Schweden tatsächlich keine palästinensischen Terroranschläge mehr gegeben. Ja, möglicherweise bis gestern.

Dieser Ponti sei jedenfalls ein guter Kontakt gewesen. Und Folkesson habe ihn auch aufrechterhalten, um gelegentlich einen anderen Standpunkt zu hören, also keine »Informationen« sondern Meinungen. Und Ponti hatte von Zeit zu Zeit angerufen, nachdem er Journalist war, um sich die Meinung der Firma zu verschiedenen Ereignissen anzuhören. Einmal hatte die Firma übrigens eingreifen müssen, um zu verhindern, daß ein verurteilter israelischer Spion (es war um irgendeine Flüchtlings-Spionage gegangen, über die Ponti geschrieben hatte) losrannte und Ponti erschoß. Damals hatte Ponti selbst Folkesson angerufen, ziemlich lustig übrigens, wenn man es nachträglich bedachte, und gesagt, er würde gern seinen Waffenschein behalten, die Firma solle sich gefälligst selbst um diesen Israeli kümmern, der jetzt von Uppsala aus mit einem geladenen Revolver im Wagen unterwegs sei. Ja, er hatte sogar gescherzt, wenn ein Israeli ihn erwische, würde die Firma die Schuld bekommen, sie tue also gut daran, sich zu beeilen. Es wurde natürlich sofort eine Großfahndung nach diesem Israeli ausgelöst, der zwanzig Minuten später bei Norrtull bewaffnet festgenommen wurde. Die Sache kam in die Zeitungen. Seitdem war Ponti aber ein angenehmer Kontakt gewesen, und obwohl Jansson jetzt nach einigen Jahren andere Aufgabengebiete erhalten hatte, wußte er jedoch, daß Folkesson und Ponti sich zumindest ein paarmal getroffen hatten. Etwa so sehe es aus.

»Wenn Ponti also eines Abends angerufen und gesagt hätte, ich muß dich morgen früh sehen, und es ist verdammt wichtig, wäre Folkesson dann darauf eingegangen?« wollte Fristedt wissen.

»Ja, sofort«, erwiderte Roffe Jansson.

Iver Mathiesen saß in seinem Zimmer im vierten Stock des neuen weißen Polizeihauses draußen bei Grønland in Oslo und studierte die Dienstvorschriften. In Paragraph 8 der Dienstvorschriften des Überwachungsdienstes werden einige grundsätzliche Forderungen aufgestellt. »Jedes Mitglied des Überwachungsdienstes soll genau über seine Pflicht aufgeklärt werden, über alles, wovon er dienstlich Kenntnis erhält, strengstes Stillschweigen zu bewahren – die Schweigepflicht gilt (auch) gegenüber anderen Polizeibeamten, die nicht zum Überwachungsdienst gehören.«

Der schwedische Polizeibeamte, der jetzt im Flugzeug saß, war folglich von der Schweigepflicht betroffen. Aber, in Paragraph 7 gab es eine Zusatzklausel: »Zeugen und andere Quellen dürfen keine Auskünfte überwachungsmäßiger oder sicherheitsmäßiger Art erhalten, es sei denn, dies ist für den Überwachungsdienst unumgänglich, um Auskünfte oder Beistand zu erhalten …«

So konnte man es lösen. Wenn man den schwedischen Kollegen als Quelle und als »Beistand« betrachtete, gab es keinerlei formale Hindernisse, Informationen aller Art auszutauschen. So konnte man es angehen, unabhängig davon, was sie nun über die recht ausführlichen Berichte hinaus erfahren wollten, die sie am frühen Morgen erhalten hatten. Er drückte auf den Knopf seiner Gegensprechanlage und bat die Sekretärin, Roar Hestenes heraufzuschicken.

Gut eine Stunde später stand Roar Hestenes draußen in Fornebu und betrachtete die Fluggäste, die die Stockholmer Maschine verließen. Er stellte sich drei in Frage kommende Männer mittleren Alters als den schwedischen Kollegen vor, bevor er um das Gebäude herum zum Ausgang beim Zoll ging, um den Kollegen zu begrüßen.

Carl Hamilton hatte keine solchen Schwierigkeiten. Unter den Wartenden entdeckte er einen Mann in seinem eigenen Alter in blauer Windjacke der schwedischen Marke Fjällräven, in einem roten Strickpullover, irgendwelchen Sporthosen und Ecco-Schuhen. Der Norweger betrachtete einen Neuankömmling in der Gruppe hinter Carl, als dieser zu ihm trat und seinen Kollegen überraschte.

»Hej«, sagte er, »ich bin Carl Hamilton von der Sicherheitsabteilung in Stockholm.«

Die Autoschlange schlich auf der krummen, kleinen Straße dahin, an der zwischen Fornebu und der Autobahn von Drammen ständig umgebaut wurde. Sie sprachen während der Fahrt kaum ein Wort. Beide waren sie neu beim Sicherheitsdienst, und beide waren sie sich des anderen nicht sicher.

Typischer schwedischer Snob, dachte Hestenes. Krokodilledergürtel, Aktenkoffer in weinrotem Leder, grauer Anzug und gestreifter Schlips; der Schwede sieht aus wie ein Vorstandsassistent von Electrolux, wie ist der bloß in der Firma gelandet?

Karikatur von Norweger, fehlt nur noch die Zipfelmütze, dachte Carl. Wenn man von so einem verfolgt wird, braucht man jedenfalls keine Angst zu haben, daß es einer vom Schwarzen September ist.

»Um es genau zu sagen: Ich weiß nicht recht, worüber wir sprechen dürfen und worüber nicht«, sagte Carl. »Aber ich habe natürlich viele Fragen. Ich habe unterwegs deine Berichte gelesen.«

»Ich auch nicht, ich bin ziemlich neu in diesem Job, also beim Überwachungsdienst. Vorher war ich bei der Drogenfahndung«, erwiderte Hestenes.

Eine halbe Stunde später saßen sie oben bei Mathiesen in Grønland.

»Also«, sagte Mathiesen, »setz uns ins Bild, dann klären wir dich auf, so gut wir können. Ich habe eigentlich nur eine Frage: Da ihr euch für unseren Mann im Hotel Nobel so interessiert, wißt ihr überhaupt, was der dort wollte?«

Carl versuchte nachzudenken, bevor er antwortete. Es war eine merkwürdige Situation. Hier saß er bei einem ausländischen Sicherheitsdienst und sollte Informationen über schwedische Staatsbürger austauschen. Durfte man das so ohne weiteres? In Stockholm hatte man ihm nur gesagt, er solle nach Oslo fliegen und Licht in ein paar Unklarheiten bringen, aber kein Mensch hatte einen Ton gesagt, ob er selbst auf Fragen antworten dürfe. Immerhin ging es ja um Dinge, die früher oder später ohnehin herauskommen würden.

»Wir glauben, daß es zwischen diesem Ponti und dem gestrigen Mord an einem unserer Kollegen einen Zusammenhang geben kann. Die Personenbeschreibung stimmt in etwa, bis auf ein oder zwei Punkte, und überdies gibt es eine Verbindung zwischen dem Journalisten und einigen anderen Verdächtigen.«

»Was stimmt denn nicht an der Personenbeschreibung?« wollte Hestenes wissen.

»Schnurrbart, jedoch ungewiß, aber vor allem die Hosen. Wir sind ziemlich sicher, daß der Mörder gewöhnliche blaue Jeans trug, aber du hast etwas von einer graublauen Cordhose geschrieben. Unsere erste Frage lautet also, ob man diese graublaue Cordhose mit gewöhnlichen Jeans verwechseln kann?«

Jan Guillou

Über Jan Guillou

Biografie

Jan Guillou, Jahrgang 1944, ist einer der meistgelesenen Autoren Schwedens. Bislang verfasste er knapp vierzig Bücher, darunter auch die erfolgreich verfilmte Bestseller-Saga um den Tempelritter Arn Magnusson. Seine elfteilige Thriller-Serie um den Agenten Carl Hamilton alias »Coq Rouge« ist ein...

Pressestimmen

Stern

»Clever mischt Jan Guillou verbürgtes Insiderwissen und realistische Fiktion, und so ist ›Coq Rouge‹ zu einer kompakten Agenten-Reportage geworden, die es mit den Romanen eines John le Carré aufnehmen kann.«

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