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Klima-Bücher

Die Umweltkrisen sind leider sehr real. Vor 50 Jahren überstieg der ökologische Fußabdruck des Menschen erstmals die Biokapazität der Erde, und wenn wir so weitermachen wie bisher, bräuchten wir 2050 drei Erden.


Ulrich Eberl

Aussagen wie diese von Ulrich Eberl machen deutlich, wie akut die Lage auf der Erde hinsichtlich der Erderwärmung sowie des Klimawandels und den daraus resultierenden Folgen ist. Mit dem Ziel, die Augen unserer LeserInnen zu öffnen, finden sich hier unsere wichtigsten Bücher rund um das Thema 'Klima'. Denn auch wenn die AutorInnen auf die fatalen Auswirkungen hinweisen, die jetzt schon zu spüren sind, appellieren sie immer auch an jede und jeden, sein eigenes Handeln zu überdenken und einen Beitrag zu umweltbewussterem Leben auf der Erde zu leisten – noch ist es nicht zu spät!

Innovationen für eine lebenswerte Zukunft

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Unsere ÜberlebensformelUnsere Überlebensformel
Hardcover (24,00 €) E-Book (21,99 €)
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Neun globale Krisen und die Lösungen der Wissenschaft

Klimawandel und Abholzung der Regenwälder, Konsumexplosion und Vermüllung der Meere – all das bedroht die Vielfalt des Lebens auf der Erde und mehr noch: unser eigenes Überleben. Die 2020er-Jahre sind die letzte Chance umzusteuern. Viele innovative Ideen geben Hoffnung auf ein besseres Leben nicht gegen, sondern im Einklang mit der Natur. Ulrich Eberl bewertet fachlich fundiert die Lösungsstrategien. Er schildert anschaulich die spannendsten Projekte aus führenden Labors der Welt und stellt die Forscherinnen und Forscher vor, die mit aller Kraft dafür kämpfen, dass sie Wirklichkeit werden.

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Wussten Sie beispielsweise, dass …

… seit der Mondlandung zwei Drittel aller wilden Tiere von der Erde verschwunden sind?
… die Wiedervernässung der weltweit trockengelegten Moore nicht nur der Artenvielfalt helfen, sondern pro Jahr rund die Hälfte aller Klimagase der EU aus der Luft holen würde?
… die weltweit 1,4 Milliarden Rinder allein durch das Rülpsen von Methan mehr Treibhausgase verursachen als der Betrieb aller Pkws?
… Rinder, die jeden Tag außer ihrem Grün- und Kraftfutter noch 80 Gramm einer Rotalge verschlingen, 80 Prozent weniger Methan ausstoßen?

Überleben mit dem Klimawandel

Klima außer KontrolleKlima außer Kontrolle
Paperback (20,00 €) E-Book (19,99 €)
€ 20,00 inkl. MwSt. Erscheint am: 28.07.2022 In den Warenkorb
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Fluten, Stürme, Hitze – Wie sich Deutschland schützen muss

Überleben mit dem Klimawandel

Wie gut ist Deutschland vorbereitet, wenn Bäche zu reißenden Strömen werden, Städte in immer heißeren Sommern unbewohnbar werden oder sich das Meer die Küste zurückerobert?

Die Journalistinnen Susanne Götze und Annika Joeres haben in ganz Deutschland recherchiert, wie wenig Bund, Länder und Kommunen tun, um uns alle vor den Folgen der Klimakrise zu schützen. Sie decken auf, wie ausgeliefert wir der neuen Klimarealität sind: Unsere Städte sind schlecht auf Hitzewellen vorbereitet, Krankenhäuser nicht ausreichend vor Stromausfällen geschützt und flussnahe Eigenheime oftmals kaum gegen Überschwemmungen gewappnet. Auch unsere Natur, Äcker und Wälder können sich nicht so schnell auf die neuen Wetterverhältnisse einstellen. Die Autorinnen zeigen konkrete Wege auf, die künftig unser Überleben sichern können – mit und nicht gegen die Natur. Fest steht: Es bedarf einer gewaltigen Anstrengung, doch die Anpassung an die Klimakrise ist möglich und nötig.

„Das Wetter wird extremer, daran müssen wir uns anpassen. Susanne Götze und Annika Joeres zeigen, was dringend getan werden muss und wie wir uns vorbereiten können. Ein wichtiges Buch.“ Sven Plöger

Wir können den Klimawandel nicht mehr aufhalten, sondern die Krise nur noch abmildern. Wir müssen jedes weitere Zehntelgrad Erderwärmung verhindern – aber uns zugleich auf die vielen großen und kleinen Anpassungen konzentrieren, die schon heute möglich und nötig sind. Denn das ist die Chance, die uns die Klimakrise – neben all den Gefahren – bietet: Sie öffnet ein Fenster für grundlegende Veränderungen zum Besseren. Zu grüneren Städten, lokal produzierter Nahrung, vielfältigen Wäldern und lebendigen statt leer geräumten Landschaften. Wir haben jetzt die Gelegenheit, uns neu mit der Natur und ihren Gewalten zu arrangieren. Uns stehen alle Werkzeuge zur Verfügung, es gibt hoch spezialisierte Expertinnen, kreative Wissenschaftler und viele engagierte Menschen, die überall auf der Welt gegen die Zerstörung und für unser Überleben kämpfen. Wir müssen es nur angehen.

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Wetterküche Alpen – die Ursprünge unseres Klimas

Blick ins Buch
Die Alpen und wie sie unser Wetter beeinflussenDie Alpen und wie sie unser Wetter beeinflussen

„Sven Plöger zeigt mit Sachverstand und Erzählfreude, wie wichtig die Berge für unsere klimatische Zukunft sind. Ein Buch weit über Meeresniveau. Auch für Großstädter und Flachlandbewohner ein Muss!“ Professor Eckart von Hirschhausen, Gründer der Stiftung Gesunde Erde Gesunde Menschen

Zwei profilierte Autoren, die faszinierende Fakten und Hintergründe anschaulich, seriös und unaufgeregt präsentieren:

Meteorologe Sven Plöger und Wissenschaftsjournalist Rolf Schlenker erklären, wie die Alpen als Taktgeber für unterschiedlichste Wetterphänomene auch im Flachland wirken. Wie Hitzerekorde, Trockenperioden, Saharastaub und Starkregen, Föhnstürme und Orkanböen entstehen. Mit welchen Strategien Alpentiere überleben; wie das evolutive Gedächtnis von Alpenpflanzen funktioniert. Und welche Ideen es vor Ort gibt, mit denen wir dem Klimawandel entgegentreten können.

„Das Wetter in den Alpen und der Klimawandel sind spannende Themen. Sie interessieren nicht nur uns Bergsteiger. Sven Plöger gibt Einblicke, für die ich dankbar bin.“ Reinhold Messner

Fünf Vegetationszonen, die sich von der Arktis bis zum Mittelmeer über 5000 Kilometer erstrecken: Im Alpenraum sind sie auf knapp 5000 Höhenmetern verdichtet. Wie dieses Gebirge als transkontinentale Barriere wirkt, davon berichten die Autoren in diesem Buch. Anschaulich und seriös präsentieren sie Fakten und Hintergründe aus der Meteorologie und beleuchten die faszinierende Dynamik aus Bergen, Wetter und Klima. Dabei treffen sie Sennerinnen und Bergführer, Alpenbotaniker und Gletscherforscher, Lawinenüberlebende und Tourismusplaner. Vom Appenzellerland bis Südtirol, von der Innerschwyz bis Vorarlberg, von der Zugspitze bis zum Mont Blanc stellen sie Regionen vor, die tagtäglich unser aller Leben prägen – auch in ferner gelegenen Ballungsgebieten und Großstädten.

„Nirgendwo ist man vom Wetter so abhängig wie in den Bergen. Wer es versteht, wird sich sicherer und freudiger darin bewegen können. Danke, Sven, dass ich von Dir so viel Neues lernen durfte.“ Felix Neureuther

In Kürze wieder lieferbar

Mein Weg in die Alpen und zu diesem Buch
Sven Plöger
Zu meinem 40. Geburtstag – der inzwischen mehr als eine Dekade zurückliegt – bekam ich ein großartiges Geschenk von meinen Eltern. Sobald ich halbwegs verständliche Worte aussprechen und in eine einigermaßen sinnvolle Reihenfolge bringen konnte, hatten sie begonnen, immer eine Notiz zu machen, wenn ich etwas aus ihrer Sicht Wertvolles oder Lustiges von mir gab. Die Kladde, die mir an diesem runden Geburtstag überreicht wurde, ist erstaunlich umfangreich, und sie durchzulesen trieb mir zuweilen Tränen in die Augen. Meistens vor Lachen, oft aber auch, weil es einfach rührend war zu sehen, wie empathisch meine Eltern sind, die wohl wussten, dass ich mich über diese Sammlung aus der eigenen Vergangenheit in einigen Jahrzehnten maßlos freuen würde.
Der Eintrag, der mich bis heute am meisten bewegt, stammt aus meinem dritten Lebensjahr. Mein Vater stellte mir die – in diesem Lebensabschnitt sicher höchst sinnvolle – Frage, was ich denn später beruflich mal machen wolle. „Ich will Vogel werden!“, lautete meine selbst aus heutiger Sicht bemerkenswerte Antwort. Auch wenn ich dieses Ziel erwartungsgemäß verfehlt habe, so sagt der Satz alles über meine Interessen. Ich war schon damals ein Hans Guckindieluft, und ich wollte in ebendieser Luft auch möglichst zu Hause sein, also fliegen können. Ich war sicher nicht das erste Kind, das diesen Wunsch hegte, aber den Blick auch beruflich gen Himmel zu richten und später mit den Hobbys Segelfliegen, Gleitschirmfliegen und schließlich ein bisschen Motorfliegen anzufangen war offensichtlich vorgezeichnet. Auch wenn es dafür in meiner Familie keinen naheliegenden Grund gab. Meteorologen und allgemein Naturwissenschaftler spürt man bei uns kaum auf. Geisteswissenschaften, Literatur, klassische Musik und auch das Interesse an Geschichte hatten einen viel höheren Stellenwert. Mathematische Gleichungen und Physik wurden eher mit Skepsis, um nicht zu sagen Erstaunen betrachtet.
Ein Schnelldurchlauf durch meine früheste Jugend zeigt, dass ich offensichtlich mit einem Wetter-Gen zur Welt kam. Als in der dritten Klasse der Grundschule in Sankt Augustin bei Bonn das Thema Wetter behandelt wurde, flippte ich vor Freude fast aus. Alle denkbaren Wetterbücher für meine Altersstufe hatte ich innerhalb weniger Wochen verschlungen und konnte jede Zeile daraus wiedergeben. Meine Umgebung wurde, unabhängig von ihrem Interesse am Thema, erfolgreich von mir drangsaliert. Im Unterricht mussten wir dann eine Woche lang das Wetter beobachten, die Regenmenge messen, die täglichen Temperaturen auf Millimeterpapier eintragen und sagen, welche Wolken mit welchem Bedeckungsgrad über uns hinwegzogen.
Ich schaute ab da nur noch nach oben und machte über Monate hinweg mit meinen Aufzeichnungen weiter, obwohl die Unterrichtsreihe längst abgeschlossen war. Selbst Cumulonimbus capillatus incus (die bis auf rund zwölf Kilometer hinaufreichende Gewitterwolke) hatte ich als Wort aufgesogen. Doch meine Eltern begleiteten diese Entwicklung durchaus kritisch. Wäre die Bezeichnung „Nerd“ oder „Wetternerd“ damals schon gebräuchlich gewesen – auf mich hätte sie perfekt gepasst. Als dann im heißen und trockenen Sommer 1976 irgendwann ein heftiges Gewitter mit wahren Regenfluten und heftigem Hagel über unseren Wohnort donnerte, der Strom in der ganzen Siedlung ausfiel und die Familie ehrfürchtig staunend an der Haustür stand, war es endgültig um mich geschehen. Ich konnte „Meteorologe“ zwar nicht schreiben, aber ich wollte es partout werden.
Unser Heizungsmonteur, der immer freundlich dreinblickende Herr Dorndorf, war der festen Überzeugung, ich würde später Professor werden. Daraus wurde zwar nichts, aber meine Mitschüler in der siebten Klasse hatten ein untrügliches Gespür für meine Zukunft. Ich würde später sicher mal im Fernsehen den Wetterbericht machen, so ihr einhelliges Urteil. Ich fand das albern, aber irgendwie müssen sie mich besser gekannt haben als ich mich selbst.
In Jahrgangsstufe 11 freute ich mich sehr über ein „notenloses“ Klausurergebnis bei einer Arbeit zum Thema Wetter: Zu lesen war dort „65/32 Punkte“ und statt einer Note die Formulierung „Nicht bewertbar“. Mein Geografielehrer klärte mich auf: „Deine Arbeit geht weit über alle Unterrichtsinhalte hinaus, und so hast du 65 Punkte bekommen, obwohl es nur 32 gibt. Würde ich dir nun aber eine Eins geben, dann hätte der Zweitbeste gerade noch eine Vier. Dann wäre der Klassenspiegel zu schlecht, und ich müsste die Klausur neu schreiben lassen.“ Bevor Sie nun in mir einen typischen Streber vermuten: Es gab so einige Fächer, allen voran Latein, in denen ich bei der Benotung das andere Extrem ausreizte. Nur mit sehr viel Wohlwollen der Pädagogen schaffte ich es hier, jeweils zur Versetzung eine Fünf zu packen, und – ganz ehrlich – sie war nie gerechtfertigt. Dafür im Nachhinein ein herzliches Dankeschön!
Die Schule war vollbracht, und ich wechselte an die Uni Köln. Voller Energie wollte ich loslegen. Ich kam mir vor wie ein Husky, der schon wild am noch angepflockten Schlitten zog und einfach nicht mehr warten konnte. Doch mit Wucht kam die Ernüchterung. Ich hatte wohl vergessen, das Wort „Meteorologie“ vernünftig zu übersetzen. Und das heißt nun einmal „Physik der Atmosphäre“ und nicht etwa „Wettervorhersage machen“. Wer aber Physik quantitativ betreiben, also etwas ausrechnen will, der braucht als wichtigstes Hilfsmittel die Mathematik. Und zwar so richtig! Da gab es für Meteorologen keine großzügigen Erleichterungen. Mathematik für Mathematiker war angesagt und füllte etwa die Hälfte meiner Vorlesungspläne aus. Schließlich sollte am Ende ja ein echter Profi im Lösen nicht linearer Differenzialgleichungssysteme aus mir werden. Jetzt nur nicht müde werden!
Während die Worte der Dozenten in den Vorlesungen an mir vorbeizogen, hatte ich zunächst das dumpfe Gefühl, für meinen Berufswunsch angemessen bestraft zu werden – vielleicht vorab schon für alle eventuellen Fehlvorhersagen meines späteren Berufslebens. Physik liegt mir, und mathematisches Denken ist mir auch nicht völlig suspekt. Trotzdem war das Grundstudium eine zähe Quälerei. Wo war die schöne Cumulus-humilis-Wolke, deren Leben ich verfolgen wollte? Wo waren die Wetterkarten mit den Frontensystemen und die Satellitenbilder? Wo die wissenschaftlichen Messgeräte, die ich bei Orkan installieren, ablesen und auswerten wollte? Von alldem keine Spur. Immer nur Hörsäle und Professoren, die monoton ihre Skripte wiedergaben.
Nur ein Mathe-Prof stach heraus: Seine überbordende Freude an komplexen Gleichungen führte zu massivem Speichelfluss, der sich stets auf dem damals genutzten Tageslichtprojektor in Form eines „Starkregens“ entlud und zu einem skurril-künstlerischen, vor allem aber gänzlich unleserlichen Bild führte. Diese Form des Starkregens war meine erste ernsthafte Begegnung mit der Meteorologie in der frühen Studienzeit. Doch die große Erkenntnis jener Tage war: Halte durch, und lass dich nicht ins Bockshorn jagen! Irgendwann musste es bergauf gehen, und das tat es dann auch.
Im Hauptstudium schlossen sich viele Dinge zu einem großen Ganzen zusammen, der Spaßfaktor wuchs und die Qualität dessen, was ich ablieferte, gleich mit. Neben dem guten und soliden Fundament für meine heutige Tätigkeit in vielen Bereichen zwischen Wetter und Klima lehrte das Studium mich aber auch, dass mir Prüfungen liegen. Das ist ein Glücksfall, denn während viele Menschen unter der Last der Situation leiden und ihre Nerven ihnen dann einen Streich, manchmal bis hin zu völliger Verwirrtheit, spielen, fallen mir unter Stress lauter Dinge ein, die ich ohne diesen Druck einfach nicht auf dem Schirm habe.
Durch diesen dankbaren Umstand und aufgrund meiner daraus resultierenden Prüfungsergebnisse wurden mir am Ende der Studienzeit zwei Doktorarbeiten angeboten, was mich ehrte und freute, zumal sie auch thematisch interessant waren. Doch irgendetwas zog mich hinaus in die große weite Welt und vor allem auch weg von einem Alltag an der Universität, obwohl er für mich durch die Promotionsangebote durchaus positiv besetzt war. Zunächst wollte ich meinem Steckenpferd Synoptik (der analytischen „Zusammenschau“ und damit letztendlich Wettervorhersage) nachgehen, Jahre später sollten dann die Themen Klima und Klimawandel immer mehr Bedeutung für mich gewinnen.
Der Deutsche Wetterdienst, bei dem ich mir sehnlichst eine Arbeitsstelle als Meteorologe auf einer Flugwetterwarte wünschte – es war mein großer beruflicher Traum, Piloteure für ihre Flugroute zu beraten –, hatte leider gerade einen totalen Aufnahmestopp für Neubewerber, denn den Kollegen aus der ehemaligen DDR musste damals vorrangig eine neue Perspektive geboten werden. Ich brauchte also Alternativen und bewarb mich blind bei privaten Wetterdienstleistern. Zwei Bewerbungen schrieb ich, zweimal wurde ich eingeladen, und mein erstes Vorstellungsgespräch führte mich … in die Alpen. Genauer gesagt in die Ostschweiz, in den wundervollen Ort Gais im Appenzellerland, wo ich im Sommer 1996 der 2783. Einwohner werden sollte – so stand es jedenfalls dann in der Zeitung.
Der Tag des Bewerbungsgesprächs einen Monat zuvor, der 30. Mai, war ein sonniger Frühlingstag, mein Zug erreichte gegen Mittag St. Gallen, und ich wurde vom Abwart – dem Hausmeister, wie ich schnell lernte – in die Firma Meteomedia gefahren. Ihre Zentrale lag wundervoll auf 1150 Meter Höhe, und die 20-minütige Autofahrt dorthin war umwerfend. Hatte ich jemals so ein intensives Grün erblickt? Hatte ich jemals so viele Bauern gleichzeitig heuen gesehen? Hatte ich jemals einen so blauen Himmel und einen so frischen Geruch der Landschaft wahrgenommen? Hatte ich jemals fast den ganzen Bodensee auf einmal gesehen, so wie jetzt beim Blick in den Rückspiegel?
Dann kamen wir um eine Kurve herum, und vor mir baute sich das gesamte Alpsteinmassiv mit dem Hausberg Säntis (2502 m) und seinem Nebenbuhler Altmann (2435 m) auf. Alles da oben war noch eingepackt in hellweißen Schnee – ein wahnwitziger Kontrast zum Wiesengrün.
Plötzlich hielt das Auto, viele Menschen traten auf den Plan: „Grüezi wohl, Herr Plööggr. Sind Sie guat aachoo, isch d’ Fahrt aagnehm gsi?“ Damals mussten sich meine Ohren noch etwas eingewöhnen, aber weil ich diese Sprache mit ihrem so sympathischen alpin-gutturalen Klang immer schon gemocht hatte, habe ich mich bis heute so sehr eingehört, dass ich gar nicht mehr bemerke, ob jemand Mundart oder Hochdeutsch spricht, und so mancher im Land lobt mich sogar für das Schwyzerdütsch, das ich nach einem bald halben Leben in den Alpen heute selbst sprechen kann. Aber ein Schmunzeln ist dabei immer zu sehen, denn die „Sven-Plöger-Variante“ bleibt – sagen wir es positiv – irgendwie individuell.
An jenem Maitag beim Bewerbungsgespräch hatte ich schlicht und einfach Glück. Es war sonnig, und es würde in den kommenden Tagen sonnig bleiben. Genau deshalb bestand ich auch diese meteorologische „Prüfung“. Ich musste mir die verschiedenen Wettermodelle ansehen und für die Folgetage Wettersymbole und verschiedenste Temperaturen in Städten, Tälern und auf Bergen in der gesamten Schweiz nördlich und südlich der Alpen überlegen und sie eintragen. Das Ganze war für eine große, landesweit erscheinende Tageszeitung gedacht. Dazu war noch die Wetterlage zu erläutern, was bei einem stabilen Hoch mit Sonnenschein eine recht überschaubare Aufgabe ist.
Aber hätte ich auch bestanden, wenn eine Kaltfront etwa aus Nordwesten ins Land gebraust oder kräftiger Föhn aufgekommen wäre? Heute kann ich es ja offen sagen: niemals! Zwar hatte ich ein Diplom mit Auszeichnung in der Tasche, doch hier wäre ich krachend gescheitert. Einfach weil ich keine Ahnung von den lokalen Gegebenheiten, keine Kenntnis von der Wirkung von Luftströmungen in alpinen Tälern und absolut keine Erfahrung und kein Bauchgefühl – ja, auch das braucht man bei der Wettervorhersage – für das Hochgebirgswetter hatte. Theoretisch war ich zweifellos fit und verstand auch die Großwetterlage, aber was das für Lausanne, Sion, das Mittelland, die Windverhältnisse am Zürich- oder Vierwaldstättersee oder gar die Täler im Tessin oder in Graubünden bedeutete, war mir ebenso unklar wie die Frage, ob es morgen auf dem Gspaltenhorn oder dem Oberalpstock frostiger würde. Was wäre wohl aus mir geworden, wenn der 30. Mai 1996 im Appenzellerland ein windiger Regentag gewesen wäre? Schlüsselmomente im Leben machen immer wieder nachdenklich.
Recht zügig gelang mir aber, das zu erwartende sonnige Wetter in einen schlüssig klingenden Zeitungstext zu fassen. Nachdem ich Glück und ein bisschen Verstand gehabt und mich bemüht hatte, einen möglichst freundlichen Eindruck zu vermitteln, wurde ich nach wenigen Tagen informiert, dass ich anfangen könne. Bereits am 1. Juli begann somit mein unbefristetes Arbeitsverhältnis in einer wunderschönen Region, die andere Menschen vorwiegend besuchen, um dort Urlaub zu machen. Ich war wirklich glücklich.
Mit Spaß und Energie fuchste ich mich in das Schweizwetter rein, starrte stundenlang auf Landkarten, bis die Täler und Bergketten im Hirn eingefräst waren. Ich paukte Ortsnamen, schaute mir gefühlt Millionen verschiedener Wetterlagen an und staunte über viele Wetterdaten. Aber vor allem versuchte ich, von meinen grandiosen neuen Kollegen zu lernen. Zuhören und schweigsam aufsaugen war meine Devise, und ich gebe es ganz ehrlich zu: Es dauerte ziemlich genau ein Jahr, bis ich mich innerlich traute zu sagen, ich sei jetzt in etwa auf dem Niveau angekommen, das meteorologisch gefordert war.
Doch warum ist die Wettervorhersage in den Alpen so schwer? Schlicht und einfach, weil diese so stark zerklüftete Landschaft mit der über ihr liegenden Atmosphäre in intensivster Wechselwirkung steht. Luftmassen werden ständig gestaut, gehoben oder sausen hinunter, sie werden gestaucht, gestreckt und gedehnt oder gepresst – das Gebirge lässt die Luft nicht einfach in Ruhe strömen. Hinzu kommt noch die Thermodynamik, die das für uns und die Atmosphäre so wichtige Wasser immer wieder zwischen den drei Aggregatzuständen fest, flüssig und gasförmig hin- und herwechseln lässt und dabei stets die Energieerhaltung berücksichtigt. Kondensation, der Übergang von Wasserdampf zu Wasser, setzt Energie, sprich Wärme frei, und die Verdunstung, der umgekehrte Prozess, benötigt Wärme. Auf diese Weise kühlt der Schweiß uns beispielsweise ab, wenn er verdunstet.
Das Alpenwetter zu begreifen bedeutet, es als einen Organismus zu sehen, bei dem alles voneinander abhängt und in sich logisch ist. Schließlich spielt sich dort Physik ab. Mit diesem Blick lassen sich die Prozesse fast spielerisch entschlüsseln. Wenn ich heute eine Alpenwettervorhersage mache, so kann ich – freilich nur, nachdem ich vorher die Wettermodelle betrachtet habe – die Augen schließen, und dann spüre und „sehe“ ich das Geschehen am Folgetag. Diese Intensität des Alpenwetters beeindruckt mich, es zieht mich seit Jahren in seinen Bann.
Verstehen und Erfühlen des Wetters bleiben aber auch für mich als Meteorologe immer zwei Dinge. Schon in den ersten Tagen in Gais wurde mir klar: Entweder scheint hier die Sonne, oder es wird wild, der typische bewölkte Rheinlandtag kommt hier nur selten vor. Was zur Folge hatte, dass ich fast ein Viertel mehr Sonnenschein abbekam als in meiner alten Heimat, aber gleichzeitig über das Jahr gemittelt auch mehr als die doppelte Niederschlagsmenge.
Mein erster Wettertag, an dem ich aus dem Staunen nicht mehr herauskam, war der 2. Juli 1996, also gleich Arbeitstag Nummer zwei. Der Sommer hatte begonnen, doch es schüttete bei nicht einmal drei Grad Höchsttemperatur den ganzen Tag wie aus Eimern. Als die Wolken tags darauf allesamt verschwunden waren, erstrahlte der Alpstein für einen Tag als sommerliche Winterlandschaft – was für ein Anblick! Seither wollte ich nie wieder weg, ich war gekommen, um zu bleiben: in den Alpen zu bleiben und von ihrem Wetter, ihrem Klima und der ganzen Region zu erzählen.
Und erzählen ist besonders schön, wenn man Gleichgesinnte trifft – hier kommt nun Rolf ins Spiel! „Meteorologe trifft auf Wissenschaftsjournalisten“ war für uns beide ein echter Gewinn, und die Freude an der daraus entstehenden gemeinsamen Arbeit möchten wir nun mit Ihnen – liebe Leserinnen und Leser – teilen. In diesem Buch präsentieren Rolf und ich Ihnen viele Themen aus der Meteorologie, insbesondere natürlich im Zusammenhang mit den beeindruckenden Bergen der Alpen, und möchten Theorie und Praxis dabei in leicht verständlichen Gedanken zusammenbringen. 
So finden Sie an entsprechender Stelle auch die etwas dunkler unterlegten Wissensboxen „Wer es genauer wissen will“, in denen wir uns in prägnanter Form einigen zentralen Aspekten des Faszinosums „Berge, Wetter und Klima“ vertiefend widmen. Abbildungen illustrieren Schlüsselmomente – schwarz-weiß im Text, farbig im Bildteil zusammengefasst oder mittels eines QR-Codes anzusteuern. 
Und darüber hinaus wird Ihnen jeder von uns für sich noch von einigen persönlichen Erfahrungen mit dieser Gebirgslandschaft berichten. Einer Gebirgslandschaft, deren Schönheit so viele Besucher auch aus ferneren Regionen zu sich zieht und die durch ihre Auswirkungen auf das Wetter tagtäglich auch das Leben vieler Menschen in der Ferne mit beeinflusst.


Teil 1: Alpenwetter
Was wäre, wenn …
Neapel, 14. März. Der Blizzard tobt nun schon den vierten Tag in der Stadt am Fuße des Vesuvs. Wieder einmal. Dass er so heftig ausfallen würde, hatten die Meteorologen des staatlichen Wetterdienstes nicht vorausgesehen. Schon binnen weniger Stunden war das Centro Storico unter einer 1,30 Meter dicken Schneedecke versunken, zu Tausenden versuchen die Neapolitaner jetzt, die gigantischen Schneemengen aus den engen Gassen und von den ächzenden Dächern zu schaffen und ins Meer zu kippen – vergeblich. Denn die eisigen Sturmböen, die mit Geschwindigkeiten um 80 Kilometer in der Stunde durch die Stadt fegen, türmen Schneeverwehungen schneller auf, als sie der Mensch beseitigen kann. So ist die mächtige Front des altehrwürdigen Museo Archeologico Nazionale bereits hinter einer 15 Meter hohen Schneemauer verschwunden. Das Chaos ist unbeschreiblich: Der gesamte Verkehr ist zusammengebrochen, die Strom- und Wasserversorgung ausgefallen, Menschen erfrieren selbst in ihren Wohnungen – Neapel im Würgegriff des Blizzards.
Mooooment! Neapel? Schneeverwehungen?? Blizzard??? In der Stadt, in der man selbst im Dezember gute Chancen hat, seinen Espresso in einem der vielen Straßencafés zu nehmen?
Erwischt! Aber ersetzen Sie „Neapel“ einfach durch „New York City“, und das Szenario stimmt. Das kleine Gedankenspiel soll lediglich illustrieren, was wäre, wenn es einen etwa 200 000 Quadratkilometer großen Landstrich im Herzen Europas nicht gäbe: die Alpen. Kalte Nordlagen könnten dann ungebremst bis in den tiefsten Süden unseres Kontinents hinunterziehen und dort für Winterchaos sorgen. Der Vergleich Neapel/New York ist dabei nicht zufällig gewählt: Beide Städte liegen auf demselben Breitengrad und sollten damit – so könnte man ja vielleicht denken – ein ähnliches Klima haben. Haben sie aber nicht. Denn in den USA gibt es eben keinen mächtigen Gebirgsriegel, der den Big Apple vor den eisigen Unbillen des Nordens schützt, immer wieder wird New York deshalb von solchen Blizzards durchgeschüttelt: 2016, 2010, 2006, 1996, 1947 und davor der schlimmste vom 11. bis 14. März 1888 mit den oben beschriebenen Begleiterscheinungen, ein Monsterschneesturm, der 100 New Yorker das Leben kostete.
Umgekehrt: Ohne die Mauer der Alpen könnte feuchtwarme Luft aus dem Mittelmeerraum ungehindert bis weit hinauf in den Norden gelangen und dort auf polare Kaltluft prallen, ein explosiver Mix, der zu Zuständen wie in der berüchtigten „Tornado Alley“ führen könnte, einem Landstrich zwischen Texas und South Dakota, in dem von März bis Mai bis zu 800 Tornados wüten. Insgesamt sind es im Jahr in den Vereinigten Staaten bei stark schwankender Zahl zwischen 900 und 1800 Tornados. Auch in Deutschland gibt es jährlich 20 bis 60 dieser Wirbelstürme, aber die stärkeren und schlimmeren gibt es in den USA.
Blizzards und Tornados zeigen, welch entscheidende Rolle die Alpen für unser Klima in ganz Europa spielen. Sie sind eine mächtige breitenparallele Barriere mittendrin, eine gewaltige Wetterküche; sie trennen den kühlen Norden vom milden Süden; sie zwingen die woher auch immer kommenden Wolken, die gegen dieses Bollwerk prallen, zum Abregnen; sie speichern diese gewaltigen Wassermengen im Innern ihrer riesigen Steinmassive und werden so zum Quellgebiet der wichtigsten europäischen Flüsse. Kurz, gerade mal ein Fünfzigstel der Fläche des gesamten Kontinents gibt klimatisch den Ton fürs Ganze an.
Die Alpen sind eine Art Alphatier unter den anderen klimabestimmenden Faktoren Europas – den Hochs von den Azoren, den Tiefs aus Island, der trockenen Luft aus den Weiten Russlands oder der feuchten Luft von den Meeren –, das zeigt der Umstand, dass dieses Gebirge quasi ein ganzer Kontinent im Kleinen ist. So entspricht zum Beispiel eine Wanderung vom Süden Europas bis in den hohen Norden der Arktis in den Alpen gerade mal einer Tour von Nizza auf den Mont Blanc – zumindest in floristischer Hinsicht. Zugegeben, klingt nach einer äußerst steilen These. Ist aber so.
Zum Verständnis: Mal angenommen, Sie würden wirklich von der Côte d’Azur in die Polregion loswandern, dann würde Sie Ihr Weg gleich durch mehrere höchst unterschiedliche Vegetationszonen führen: zunächst aus der milden mediterranen Zone der Hartlaubgewächse hinein in die für Mitteleuropa typische Laub- und Mischwaldzone, dann über die in Nordeuropa beheimatete Nadelwaldzone in die Flechtenlandschaft der Tundra nördlich des Polarkreises und von da aus noch mal ein gutes Stück weiter in die Arktis mit ihrer polaren Eiskappe. Über etwa 5000 Kilometer erstreckt sich Ihre Tour durch diese fünf Vegetationszonen.
Wenn Sie nun die Möglichkeit hätten, diese 5000 Kilometer in einem Kraftakt auf ein Tausendstel, also auf fünf Kilometer, zusammenzuquetschen und das Ganze hochkant zu stellen, dann hätten Sie … die Alpen erschaffen.
Für die besagte Bergtour bedeutet das: Auf einer Route von Nizza (Meereshöhe null) hoch auf den Mont Blanc (Meereshöhe 4807 Meter) würde die durchwanderte Höhendifferenz von etwa fünf Kilometern – was Anzahl und Natur der Vegetationszonen angeht – Ihrem 5000-Kilometer-Marsch entsprechen. Unten in Nizza die Palmen, oben auf dem Gipfel des Mont Blanc das Dauerweiß des Permafrosts, dazwischen Laub- und Nadelwald plus tundraähnliche Grasheiden. Diese schwer vorstellbare Verdichtung von so grundverschiedenen Vegetationszonen auf einem so kleinen Raum ist die Ursache dafür, dass die Naturdynamiken in den Alpen um so vieles stärker und das Wetter um so vieles wilder ist als unten in der Ebene.
Das ist die eine Seite dieses mächtigen Gebirges. Die andere: So wuchtig sie auch wirken, die Alpen reagieren sensibel wie kaum eine andere europäische Landschaft auf die Veränderungen durch den Klimawandel.
All dies macht sie so spannend für uns. Kaum irgendwo sonst in Europa gibt es auf kleinstem Raum solch große klimatische Unterschiede: Während es im einen Tal regnet, knallt in dem daneben die Sonne herab; eine im Schatten liegende Bergflanke kann eine völlige andere Vegetation aufweisen als der sonnenbeschienene Hang ein paar Hundert Meter gegenüber; hinter jedem Felsen kann die Temperatur um 20 Grad tiefer liegen als auf der Wiese davor. Dieses komplexe System zu begreifen ist eine faszinierende Herausforderung. Für jeden Meteorologen. Für jeden Wissenschaftsjournalisten. Und für jeden Naturliebhaber.
Die Alpen: Wenn es sie nicht gäbe, sähe Europa völlig anders aus.
Aber es gibt sie ja. Deshalb kann der Neapolitaner selbst im tiefsten Winter auf der Terrasse des Gran Caffè Cimmino sitzen, während die New Yorkerin ihre durchfrorenen Finger an einem Becher Americano to go wärmen muss. Andererseits dürfen wir im deutschen September milde Altweibersommertage genießen, während man am Fuße des Vesuvs immer noch unter schwülen 30 Grad stöhnt – così è la vita, so ist das Leben. Den Alpen sei Dank.


Schuld war der Toni …
Rolf Schlenker
Es war ungefähr so oder so ähnlich: Als sich die dichten Staub- und Abgasschwaden verziehen, werden die noch schneebedeckten Gipfel und die sattgrünen Weiden mit dem Milchvieh langsam wieder sichtbar. Und auch der Junge in der kurzen Lederhose, der neben dem Schotterweg steht. Verträumt sieht er den Autos hinterher, die mit halsbrecherischer Geschwindigkeit durch die ansonsten stille Hochgebirgslandschaft brettern …
Okay, heute hätte eine solche Szene in einem Jugendbuch wohl nichts mehr zu suchen. Anfang der 1960er-Jahre aber, als ich Oliver Hassencamps „Die Testfahrer und der fixe Toni“ in die Hände bekam, war das noch völlig anders. 
Die Geschichte des Bergbauernsohns Toni, auf dessen väterlichem Hof sich eine Testfahrer-Crew mit einer Flotte von hochgeheimen „Erlkönigen“ einquartiert, nahm mich sofort gefangen – erst viel später wurde mir klar, warum mir von meinen vielen Kinderbüchern ausgerechnet dieses noch so bildhaft in Erinnerung ist. Ich entsinne mich, dass mich damals die aufregende, spritgeschwängerte Welt der Testfahrer so gut wie gar nicht interessierte, dafür sehr viel mehr die Schilderungen, wie Toni im Winter mit den Ski zur Schule fährt, in den Sommerferien die Kühe hütet und abends bei prasselndem Kachelofenfeuer mit Eltern und Geschwistern in der holzvertäfelten Stube sitzt: Die „Faszination Alpen“ übertraf die „Faszination Technik“ bei Weitem. Bei mir jedenfalls.
Und dann gab es ja auch noch Alpinlegenden wie Luis Trenker, der zwischen 1959 und 1973 im Fernsehen hocherfolgreiches – wie es im Fachjargon heißt – Storytelling betrieb: „Buam und Maderln, heut erzähl ich euch die G’schicht, wie ich als Bub …“ Dann saß man vor dem Bildschirm, als ob’s im Keller donnerte. Dass der wild vor einem Herrgottswinkel gestikulierende Trenker vom Hundertsten ins Tausendste kam („Dabei fällt mir ein …“) und seine Geschichten nicht immer stringent zu Ende erzählte – schnurzegal. Es war das Sonnengegerbte, das Zünftig-Fröhliche, das Alpenländisch-Naturburschenhafte, das mich fesselte.
„Alpen bringen Quote“ – diese Fernsehweisheit galt auch noch Jahrzehnte später, als ich für den SWR einen Dokumentationsplatz betreute. Sicher, viele europäische Naturlandschaften haben ihren eigenen Reiz, aber kaum eine – außer vielleicht dem Meer – ist zu einem solchen Sehnsuchtsort geworden wie die Alpen.
Warum berühren uns die Berge so stark? Ist es dieses Gefühl, Weitsicht und Überblick zugleich zu haben, wenn man auf einem Gipfel steht? Oder die Illusion, die Uhr wäre stehen geblieben und es wäre alles noch so wie früher? Ist es einfach nur der Kontrast zum Gewohnten? Diese Urgewalt der Natur mit ihren unberechenbaren Wetterstürzen, Schnee-, Fels- und Schlammlawinen? Und die Bewunderung für die Fähigkeit der Alpenbewohner, nicht nur mit ihr zu leben, sondern sie auch zu begreifen?
Und warum treiben Menschen, die als Kind maulend („Wie weit ist’s noch?“) von ihren Eltern über steile Felspfade getrieben wurden, nachdem sie selbst Eltern geworden sind, ihre eigenen Kinder durch die Berge? Und die wiederum ihre …?
Wohl jeder Alpenfan hat seine eigene Geschichte zu erzählen, warum, wann und wie ihn die Faszination für dieses Gebirge packte. Was bei vielen Johanna Spyris „Heidi“ war, war bei mir eben „Die Testfahrer und der fixe Toni“ – für mich roch diese Geschichte schlichtweg nach Tannen, Heu und Holzfeuer und nicht nach Motoröl und Auspuffqualm.
Übrigens: Am Ende des Buches verlässt Toni den Berghof und geht bei den Testfahrern in die Lehre. Wäre diese Fortsetzungsgeschichte auch noch geschrieben worden, ich hätte sie wohl nicht gelesen.

Wie mächtige Netzwerke den Klimaschutz sabotieren

Blick ins Buch
Die KlimaschmutzlobbyDie KlimaschmutzlobbyDie Klimaschmutzlobby

Wie Politiker und Wirtschaftslenker die Zukunft unseres Planeten verkaufen


„Wer wirklich wissen will, warum das alles nicht so läuft mit Energiewende und Klimaschutz, der kaufe und lese dieses Buch. Großartig aber auch erschreckend! So darf es nicht weitergehen, wir müssen die Klimabremser endlich stoppen.“ Prof. Dr. Harald Lesch


Spätestens seit „Fridays for Future“ ist das Thema „Klimawandel“ als eines der dringlichsten Probleme unserer Zeit erkannt worden. Doch trotz eindeutiger Verpflichtungen zu den Zielen des Pariser Weltklimaabkommens sind wir weit davon entfernt, diese auch zu erreichen – warum?

Ihre Argumente sind krude, ihre Finanzen undurchsichtig, aber ihr Einfluss reicht bis in Regierungen. Klimawandelskeptiker und Lobbyisten der Fossilindustrie sind nicht nur in den USA aktiv, sondern auch in Europa. Ihr Ziel: Klimaschutzgesetze torpedieren, die Verbrennung fossiler Rohstoffe fördern und die Staaten dazu bewegen, aus dem Pariser Weltklimaabkommen auszusteigen. Dieses Buch zeigt, mit welchen Strategien, Netzwerken und Argumenten die Klimaschutz-Bremser gegen die europäische Klimaschutzpolitik kämpfen. Die Autorinnen erklären, warum Deutschland seine Klimaziele wirklich verfehlt und welche Interessengruppen unsere Zukunft verbauen. Ein erschütternder Bericht darüber, dass gutgemeinte Selbstverpflichtungen gar nichts bringen und ein Weckruf: Wir brauchen eine starke Klimapolitik!

 




Einleitung

Mitten im heißen Klima-Herbst 2019 reist Bundeskanzlerin Angela Merkel ins Badische. Die hügelige Landschaft ist beschaulich – kleine Waldstückchen, saftige Wiesen, gemütliche Gasthäuser. Im Städtchen Sinsheim aber wird diese Idylle durchbrochen: Autobahnen und Fernstraßen durchschneiden die Landschaft, riesige Gewerbeparks zersiedeln die sattgrüne Senke. Die Fußwege sind schmal, Radwege gibt es kaum. An jenem sonnigen Oktobertag, als die Klimaaktivistengruppe Extinction Rebellion vor dem Kanzleramt campt und ihre Anhänger die Hauptstadt lahmlegen, nimmt Merkel um neun Uhr morgens ihren Flieger Richtung Sinsheim. Auf ihrer Agenda: die „Klima Arena“ eröffnen – ein privates Ausstellungshaus über die Gefahren des Klimawandels. Gebaut wurde es von Dietmar Hopp, Mitgründer des Softwarekonzerns SAP und einer der reichsten Deutschen. Seine „Klima Arena“ ist nur mit dem Auto zu erreichen. An den günstigen Autobahnanschluss haben die Veranstalter gedacht, dass Gäste mit dem Zug oder zu Fuß kommen, ist nicht vorgesehen. Trotzdem laufen einige wenige Besucher entlang der Leitplanken an der Schnellstraße, vorbei an Schallschutzwänden des Autobahnkreuzes. Wer hätte gedacht, dass jemand mit öffentlichen Verkehrsmitteln zur Einweihung einer Klimaausstellung anreist? Ist man einmal angekommen, geben die knallbunten Stellwände der Ausstellung aber den guten Rat: Zu Fuß gehen schützt das Klima am besten.

Schickeria und Lokalgrößen von Baden-Württemberg sind mit ihren Limousinen gekommen, auch der grüne Ministerpräsident Winfried Kretschmann. Es gibt Schnittchen und schöne Worte. Die „Arena“ ist ein Neubau mitten auf dem freien Feld. Für das Gelände wurden 2,6 Hektar Freifläche versiegelt. Sogar eine eigene Straße, die Dietmar-Hopp-Straße, führt zum Autobahnzubringer, gleich um die Ecke. Direkt neben der „Klima Arena“ steht ein imposantes Parkhaus, davor eine betonierte Fläche mit Dutzenden SUVs und Porsches. Als der ehemalige SAP-Chef Hopp bei der Eröffnung sagt, dass „alle beim Klimaschutz mitmachen müssen“, applaudiert das Publikum. „Seid Teil der Klimabewegung.“ Der Klimawandel ist, zumindest verbal, bei den deutschen Eliten angekommen.

Drei Wochen zuvor hatte Bundeskanzlerin Merkel ihr Klimaschutzprogramm 2030 vorgelegt, das nach Ansicht vieler Wissenschaftler bei Weitem nicht ausreicht, um Deutschland aus dem fossilen Zeitalter zu führen. Merkel verteidigt ihr Programm in der „Klima Arena“. Man wolle die Ziele schrittweise erreichen. Die Christdemokratin spricht von „einigen Kontroversen“, die es um ihr Klimaprogramm gegeben habe. „Als wir das erste Mal vor zwei Jahren von der ›Klima Arena‹ erfuhren, konnte ja keiner wissen, dass das Thema heute so präsent ist“, entfuhr es der Kanzlerin. Nein? Das hätte niemand wissen können? Ein entblößender Satz angesichts eines seit 30 Jahren aktuellen, globalen Themas. Hatte Kanzlerin Merkel nicht schon 2007 mit dem damaligen Umweltminister Sigmar Gabriel in roten Anoraks auf Grönland gestanden und einen strengeren Klimaschutz angemahnt? Wollte sie nicht schon damals „schrittweise“ vorgehen? Und hatte sie nicht schon als CDU-Umweltministerin Mitte der 1990er-Jahre die erste UN-Klimaschutzkonferenz in Berlin eröffnet?

Ja, das war dieselbe Bundeskanzlerin, deren Klimaziele 2020 scheitern. Alle Prognosen prophezeien seit Jahren, dass Deutschland seine angestrebte Senkung von Treibhausgasen um 40 Prozent im Jahr 2020 weit verfehlen wird. Es sind noch immer rund 86 Millionen Tonnen CO₂ zu viel jedes Jahr. Die Klimaziele für 2020 werden wir wahrscheinlich erst 2025 erreichen. Doch dann winkt schon das nächste Klimaziel 2030: Da werden wir mindestens doppelt so viel einsparen müssen. Für ihre Versäumnisse muss die Bundesregierung in den nächsten Jahren sogar Hunderte Millionen Euro zurücklegen, um damit Verschmutzungsrechte aus anderen EU-Mitgliedsländern zu kaufen. Auf den Steuerzahlern lasten laut Finanzplan der Merkel-Regierung also zusätzliche 100 Milliarden Euro im Jahr. Das ist die traurige Bilanz von drei Jahrzehnten Klimaschutzpolitik in Deutschland. Auch mit dem aktuellen Klimapaket für 2030 sitzt die Große Koalition die Klimakrise weiter aus. Doch aus der Krise droht bald eine Katastrophe zu werden. Mit ihrer Politik des „Machbaren“ ist die Kanzlerin gescheitert. Sie reicht nicht aus, um den Fakten der Wissenschaft gerecht zu werden. Sie reicht höchstens für ein bisschen Klima-Show – wenn es sein muss, auch im badischen Sinsheim. Dabei weiß die Regierung selbst, dass sie handeln müsste. Ihr Sachverständigenrat für Umweltfragen – das wissenschaftliche Beratungsgremium der deutschen Bundesregierung – errechnete die Restmenge an klimaschädlichen Gasen, die ab 2020 in Deutschland noch emittiert werden dürfen, um die Erde nach den Pariser Klimazielen nicht mehr als 1,75 Grad aufzuwärmen: 6600 Millionen Tonnen. Derzeit stoßen wir 866 Millionen Tonnen Treibhausgase jährlich aus. Übrig bleibt ein Budget, das mit unserem Lebensstil nur noch für knapp acht Jahre reicht.

Die Klimaschmutzlobby hält zusammen

Eigentlich müsste die Kanzlerin im Herbst 2019 mit ihren Ministern Tag und Nacht zusammensitzen, um einen Schlachtplan für den deutschen Klimaschutz zu entwerfen. Doch gerade mal zwölf Stunden nahm sich die Kanzlerin im September 2019, um mit ihren Ministern das Klimapaket zu besprechen – inszeniert als dramatische Nachtsitzung.

Dabei wären jetzt wirksame Gesetze nötig, etwa für weniger Fleisch in Kantinen, kostenlose Nahverkehrskarten, Kerosinbesteuerung oder den Abbau umweltschädlicher Subventionen für Kohlekraftwerke. Der Autoverkehr muss verringert werden, die Wärme erneuerbar und die Landwirtschaft CO₂-freundlich gemacht werden. Doch in Wirklichkeit findet nichts davon statt. Obwohl wir seit 30 Jahren über Klimaschutz reden, hängt die deutsche Wirtschaft immer noch am Kohle-, Öl- oder Gas-Tropf. Immer noch funktionieren rund 85 Prozent der deutschen Gesellschaft nur dank fossiler Brennstoffe – lediglich 15 Prozent unserer Energie zum Autofahren, Heizen, Laternenanknipsen und Kochen sind klimafreundlich. So steht es auf den Seiten des Bundeswirtschaftsministeriums. Nur noch auf Platz 23 von 57 Industrie- und Schwellenländern liegt Deutschland laut dem Klimaschutz-Index 2019, weit abgeschlagen hinter Ländern wie Schweden und Marokko. Auch in vielen anderen Ländern Europas sieht es nicht besser aus: Die großen europäischen Klimasünder in der Energiewirtschaft, in Verkehr und Landwirtschaft befeuern seit Jahrzehnten ungebremst den Klimawandel. Und nicht nur in Europa, auch in anderen Teilen der Welt werden die gefährlichen Folgen der Erderwärmung ignoriert. Trotz eines stark erhöhten Risikos für Katastrophen wie Flächenbrände, die in Australien zuletzt den Lebensraum von mindestens 500 Millionen Tieren und Tausenden Menschen bedrohten, hält der australische Premier Scott Morrison an seiner fatalen Klimapolitik fest. Er werde seine Pläne für weitere Kohlekraftwerke nicht ändern, sagte der Konservative.

Wie kann das sein? Wir wollten verstehen, warum sich seit drei Jahrzehnten nichts tut. Wir wollten wissen, warum heute nahezu alle Politiker und Wirtschaftslenker Klimaschutz predigen, aber doch Gesetze verabschieden, die diesen verhindern. Warum sie Millionen Klimabewegten auf der Straße applaudieren und am nächsten Tag Subventionen für Gaspipelines, Kohlekonzerne und Fleischfabriken verlängern. Wir haben uns deshalb auf die Suche gemacht: nach den Klimaschmutzlobbys – also jenen Verbänden, Thinktanks, Unternehmen und Schlüsselfiguren in Politik und Wirtschaft, die wirksamen Klimaschutz ausbremsen und verhindern.

Die Vereinten Nationen definieren Lobbyismus als den Versuch, direkten Einfluss auf Gesetze zu nehmen. Lobbyismus ist weder strafbar noch illegal, sondern Teil unserer Demokratie. Grundsätzlich gilt: Wo sich Interessengruppen formieren, gibt es auch Menschen, die diese Interessen voranbringen wollen. Alle politischen Gruppierungen, Unternehmen und Vereine betreiben Lobbyismus – egal, wo sie im politischen Spektrum verordnet sind. Doch der Unterschied ist: Einige haben viel, andere wenig Einfluss. Viele Akteure der alten fossilen Weltordnung haben enormes Gewicht in unseren Gesellschaften. Sie lobbyieren schon seit Jahrzehnten für ihre Interessen, bauen sich Netzwerke auf und strecken ihre Fühler nach Entscheidungsträgern in der Politik aus. Ihr Lobbyismus gegen Klimaschutz kommt uns alle teuer zu stehen: Der jährliche UNO-Report zu den Gesundheitskosten des Klimawandels muss seine Zahlen in jedem neuen Bericht nach oben korrigieren: Aktuell kosten uns diese Folgen 300 Milliarden Dollar – pro Jahr. Und das sind nur Zahlen für Infektionen und Hitzetote. Wer wirksame Klimagesetze verschleppt, bedroht uns alle. Dieses Buch gibt dieser gefährlichen Klimaschmutzlobby Namen und Gesichter. Es ist naheliegend, dass auch „grüne“ Konzerne und Politiker ihre Interessen durchsetzen wollen – und diese zielen nicht immer nur auf die „Weltrettung“ ab. Korruption und Interessenkonflikte finden sich überall, wo Menschen versuchen, Einfluss zu üben. Dieses Buch widmet sich aber ausschließlich jenen Wirtschaftsnetzwerken, Thinktanks und Zirkeln, die seit Jahrzehnten dazu beitragen, Europas Klimaschutz zu bremsen. Dabei zeigen wir, wie neoliberales Denken, rechtspopulistische Parteien, Klimawandel-Leugner, passive Entscheidungsträger und eingefahrene Strukturen den Stillstand organisieren. Die Schlüsselfiguren der Klimaschmutzlobby müssen endlich benannt, ihre Netzwerke offengelegt und ihre Motivationen kritisch hinterfragt werden.

Bremser, Leugner und Populisten – die Akteure der Klimaschmutzlobby

Wir haben in unserer Recherche verschiedene Gruppen gefunden, die Klimaschutz seit Jahrzehnten verschleppen: Es sind diejenigen, die den menschengemachten Klimawandel grundsätzlich bestreiten, die sogenannten Klimawandel-Leugner. Der harte Kern der Leugner ist eine zahlenmäßig eher kleine Gruppe, sie liefert aber Argumente für andere Klimaschutz-Verhinderer, beispielsweise Rechtspopulisten. Auch die einflussreichere Gruppe der Klimaschutz-Bremser profitiert von der Unsicherheit und dem Zweifel, den Skeptiker und Leugner säen. Die Klimaschutz-Bremser verzögern ehrgeizige Ziele und Klimaschutzgesetze, aber die meisten von ihnen grenzen sich zumindest in Europa stark von den Skeptikern ab, weil eine Anti-Klimaschutz-Rhetorik schlecht fürs Image ist. Zu den Bremsern gehören Politiker und Wirtschaftsvertreter, die mit ganz unterschiedlichen Methoden versuchen, Klimaschutz zu sabotieren. Dabei geht es nie um Fakten. Die Warnungen der Klimawissenschaft sind lange bekannt. Das Ziel dieser Klimaschutz-Bremser ist es, die profitablen Geschäfte mit fossilen Energien so lange wie möglich am Laufen zu halten. Diese Akteure haben bisher auf die Verzögerungstaktik gesetzt und halten sich bewusst mit öffentlichen Polemiken gegen Klimaschutz zurück. Sie sind im System des 20. Jahrhunderts verhaftet, das ihnen mit viel Kohle, Öl und Autos eine Menge Wohlstand brachte. Klimaschutz gefährdet dieses System. Diese Verteidiger des vorigen Jahrhunderts sind die unsichtbaren Klimaschutz-Bremser, und sie sind gefährlicher als die einfachen Verschwörungstheoretiker. Denn sie sitzen seit Jahrzehnten an der Macht.

In diesem Buch fassen wir diese unterschiedlichen Gruppen unter dem Begriff „Klimaschmutzlobby“ zusammen – denn sie eint dasselbe Ziel: Sie wollen effektiven Klimaschutz verhindern, um ihre wirtschaftlichen, ideologischen oder politischen Interessen nicht zu gefährden. Viele Marktgläubige, Kohlelobbyisten und Öl- oder Gasunternehmer haben nämlich handfeste Gründe, den Wandel in den Ländern zu verlangsamen oder gar zu verhindern. Ihnen widerstrebt die Idee einer Ordnungspolitik, die ein effizienter Klima- und Umweltschutz benötigt. Für ein klimafreundliches Wirtschaften braucht es neue Regeln – die Industrie aber will das Spiel dem Markt überlassen und ihre finanzielle Stellung sichern. Paradoxerweise hat genau diese Industrie steuerliche Vergünstigungen oder Subventionen u. a. für fossile Kraftstoffe und für Energieträger wie Braun- und Steinkohle akzeptiert und nur durch diese überlebt. Natürlich haben Unternehmen kein Interesse daran, dass diese Vergünstigungen, Zuschüsse und Steuerausnahmen wegfallen oder sie sogar steuerlich schlechtergestellt werden. Dass die erdrückende Mehrzahl der fossilen Unternehmen den Klimawandel nicht ernst nimmt, zeigt nicht nur ihr jahrzehntelanger Lobbyismus, sondern zeigen auch die Zahlen: Keiner der großen Öl- und Gaskonzerne orientiert sich an den Pariser Klimazielen. Während die Welt auf UN-Gipfeln ihre Fortschritte feiert, gaben Exxon, Shell und andere Firmen im vergangenen Jahr 21 Milliarden Dollar aus, um klimaschädliche Ressourcen zu fördern. Die Geschäfte laufen bestens. Innerhalb von etwas mehr als zwölf Monaten sind laut einer 2019 publizierten Studie von Carbon Tracker Projekte mit einem Wert von 50 Milliarden US-Dollar genehmigt worden. Allein ExxonMobil steckte 2,6 Milliarden in ein neues Projekt zur Förderung von kanadischen Teersanden, die als besonders klimaschädlich gelten. Es ist also auch nicht verwunderlich, dass diese Unternehmen Gesetze zum Klimaschutz zumindest aufhalten wollen. Dafür nutzen sie – je nach Land und Branche – unterschiedliche Wege, um sich Gehör zu verschaffen. Ihre Lobbyarbeit ist also wenig überraschend – zunächst ist es aber erstaunlich, wie erfolgreich sie über Jahrzehnte damit waren, ihre Einzelinteressen als maßgeblich für das Wohl aller Bürgerinnen und Bürger darzustellen. Ein Grund für ihren Erfolg ist die Intransparenz: Lobbyisten müssen nur wenig von ihrer Aktivität offenlegen. Um diese Blackbox aufzuhellen, haben wir drei Jahre lang intensiv recherchiert, auf portugiesischen Klimawandel-Leugner-Konferenzen, in der französischen Nationalversammlung, in polnischen Kohleregionen, in Berliner Ministerien und in Brüsseler Ausschüssen. Wir haben Lobbyregister gefilzt und Informanten getroffen, Trump-Berater in New Orleans interviewt, einen Londoner Lord besucht. Klimawandel-Leugner haben uns aus einem Münchner Hotel rausschmeißen und mit einer Unterlassungsklage einen Bericht verhindern wollen. Vor dem größten Kohlekraftwerk Europas in Polen schützte uns auch der Presseausweis nicht davor, von der Security ins Kreuzverhör genommen zu werden. Führungen und Interviews wurden uns verweigert. Als Journalistinnen sind wir an Menschen gewöhnt, die Recherchen behindern wollen, weil viele von ihnen lieber im Verborgenen agieren wollen. Dennoch waren wir perplex angesichts der Aggressivität und Gereiztheit vieler Protagonisten. Nicht nur von Klimawandel-Leugnern, sondern auch von Wirtschaftsverbänden und einigen Professoren erhielten wir sehr unhöfliche und abfällige Antworten auf unsere Fragen. Manche schickten uns noch mal in den „Biologieunterricht der 10. Klasse“, andere wollen in ihrer „Restlebenszeit“ nichts mehr mit uns zu tun haben. Einige Akteure, die wir mit unseren Recherchen konfrontierten, lehnten es ab, auf sachliche Nachfragen zu antworten, darunter auch ein hochrangiger Abteilungsleiter eines Ministeriums. Das gab uns zu denken: Klimaschutz ist zu einem höchst emotionalen Thema geworden. Dabei geht es um wissenschaftliche Fakten, die von Klimaforschern seit Jahren benannt werden.

Die Renaissance des Klimawandel-Leugnens

Dank einer Reihe von Leaks und Veröffentlichungen wurde bekannt, wie viel Geld die Leugner-Szene über Jahrzehnte in Kampagnen gegen Klimaschutz investierte. Ölkonzerne wie Exxon finanzierten vor allem in den USA jahrelang den Zweifel am menschengemachten Klimawandel, oft mit prominenter Unterstützung aus dem konservativen Lager. Auch der Ölkonzern Shell wusste schon lange von den desaströsen Folgen des Klimawandels – seine hausinternen Forscher warnten im April 1986 vor drohenden Dürren und Überschwemmungen und forderten den Konzern auf, unverzüglich zu handeln. Shell tat das Gegenteil, wie die Publikation eines internen Berichts von 2018 bewies: Die Studie The Greenhouse Effect wurde vom Ölkonzern verheimlicht, der Klimawandel fortan als unsicher dargestellt. All dies ist inzwischen öffentlich, und Shell bekennt sich zumindest verbal zum Klimaschutz. Ab 2010 wurde es erstmals stiller um die Leugner-Szene, erst in Europa und mit der Ära von US-Präsident Barack Obama auch in den USA. Schließlich berichteten die Medien kaum mehr über die „abtrünnigen Klimaleugner“; die Bemühungen, alle Länder an einen UN-Weltklimavertrag zu binden, wurden stärker, der fünfte Bericht des Weltklimarates in den Jahren 2013 und 2014 sorgte dafür, dass Politiker aus Mitgliedsstaaten der UN-Klimarahmenkonvention sich unter Zugzwang sahen, endlich zu handeln.

Und dann passierte es wirklich: „Adopted“ – „angenommen“, hallte es am 12. Dezember 2015 gegen 18:30 Uhr durch den Plenarsaal La Seine auf dem Pariser Konferenzgelände Le Bourget. Keine Einwände mehr, keine Widersprüche! „Der Weltklimavertrag von Paris ist somit verabschiedet“, hatte Laurent Fabius, französischer Außenminister und Vorsitzender der UN-Klimakonferenz COP21, soeben erklärt. Jubel bricht aus, Diplomaten und Politiker liegen sich in den Armen, Tränen, beherztes Auflachen, Erleichterung. Das erste Mal in der Geschichte haben sich 197 Staaten auf ein Dokument zur Eindämmung der globalen Erwärmung geeinigt. Es war der vorläufige Triumph der wissenschaftlichen Vernunft über Fake News und fossile Industrieinteressen der Öl- und Kohlekonzerne.

Dieser bewegende Moment in der Geschichte der Menschheit hätte gleichzeitig auch das historische Aus für die Klimawandel-Leugner sein können. Wenn sich 197 Staaten einig sind, die Klimaerwärmung zu bekämpfen, wenn 197 Staaten 2015 sogar das Pariser Abkommen unterzeichnen, um die Erderwärmung auf höchstens 1,5 Grad zu begrenzen: Was zählen dann noch ein paar Spinner, die aus der Reihe tanzen? Die Klimawandel-Leugner, so vermuteten viele, würden ähnlich belächelt und einflusslos bleiben wie die Aluhut-Bewegung oder die „Flache-Erde“-Bewegung der „Flat Earther“. Doch es geht um mehr als ein paar Verschwörungstheoretiker.

Als der wohl berühmteste Klimawandel-Skeptiker der Welt, Marc Morano, ein Jahr später den Klimavertrag auf der UN-Klimakonferenz in Marrakesch vor einem Aufsteller mit dem designierten US-Präsident Donald Trump öffentlich schredderte, versuchten das die meisten der 30 000 Klimadiplomaten zwar zu ignorieren. Dennoch wussten auch sie, dass diese Inszenierung nur ein kleiner Vorgeschmack auf das „Comeback“ der Klimawandel-Leugner sein sollte. Mit der Wahl Donald Trumps zum US-Präsidenten änderte sich alles. Das zarte Pflänzchen der globalen Klimadiplomatie – das Pariser Abkommen – konnte zwar gerade noch rechtzeitig vor diesem Wendepunkt in die Erde gebracht werden – aber wird es den ersten harten Winter auch überstehen?

Noch ist es zumindest in vielen Ländern Europas verpönt, sich gegen Klimaschutz auszusprechen – erst recht im Zuge der „Fridays for Future“-Bewegung. Laut Umfragen sehen viele Bürger den Klimawandel als größte Bedrohung für die Menschheit. Aber Donald Trump war nur der Anfang eines weltweiten rechtskonservativen Rollbacks, das längst nicht mehr nur die USA, sondern auch Länder in Lateinamerika und Europa erfasst hat. Der brasilianische Präsident Jair Bolsonaro repräsentiert diese neue globale Rechte. Auch in Europa sind bereits in vielen Ländern rechtspopulistische Parteien in Parlamente gewählt oder sogar in Regierungen. Die Rechtspopulisten setzen sich in ihren Programmen und später auch in Regierungen fast ausnahmslos dafür ein, Gesetze zum Klimaschutz wieder abzuschaffen. Denn Klimaschutz, so ihre Begründung, sei ein Projekt von „oben“ und gegen die Bürger – deswegen müsse er verhindert werden. Es ist nicht auszuschließen, dass sich die „unsichtbaren Bremser“, potenzielle Verlierer des Klimaschutzes und Rechtspopulisten bald auch weltweit formieren. Eine solche Allianz könnte so mächtig werden wie in den USA. Dort arbeiten längst Klimawandel-Leugner, fossile Konzerne und die Regierungen zusammen, um ihre Interessen durchzusetzen.

Mittlerweile finanziert das millionenschwere amerikanische Heartland Institute europäische Veranstaltungen, US-amerikanische Leugner verbinden sich mit polnischen Gewerkschaften, und konservative Denkfabriken in den USA, die Trump unterstützen, überlappen sich mit dem europäischen Netzwerk der Marktgläubigen und Rechtspopulisten.

Ganz offen präsentieren sich diese rechtsextremen Parteien in Europa als Klimawandel-Leugner. Denn das Thema eignet sich wie sonst nur Flüchtlingsdebatten dazu, Stimmung gegen die „Lügenpresse“ oder die „Elite“ zu machen und Verschwörungstheorien zu verbreiten. Klimaschutz abzulehnen ist eine Strategie, Wählern einfache Antworten statt komplexer Diskurse und Verzichtsforderungen zu präsentieren. Während in der Migrationspolitik einfach gefordert wird, die Grenzen zu schließen und die Flüchtlinge ihrem Schicksal zu überlassen, wird beim Thema Klimawandel schlicht die Wissenschaft angezweifelt. So sprachen hochrangige AfD-Politikerinnen in Interviews ganz offen darüber, dass die Sonne, nicht der Mensch maßgeblich am Klimawandel schuld sei. Kein menschengemachter Klimawandel – kein Problem. Grenzen zu – keine Flüchtlinge, die Deutschen bleiben unter sich. So einfach scheint die Welt zu sein, die uns Rechtspopulisten auftischen wollen.

„Zweifel ist unser Produkt“

Heute erkennt fast jeder Mensch an, dass Zigaretten und Lungenkrebs direkt korrelieren. Und hoffentlich wird eines heißen Tages jeder unterschreiben, dass der Klimawandel eine existenzielle Bedrohung und Klimaschutz somit eine zentrale Aufgabe der Menschheit ist. Aber auch das jahrzehntelang sorglose Rauchen basierte auf einer erfolgreichen Lobby: Die inzwischen veröffentlichten Tobacco Papers brachten ans Licht, wie die Tabakindustrie die öffentliche Meinung bewusst manipuliert hat. Der Marketingchef der Tabakindustrie sagte in einem dokumentierten Meeting: „Doubt is our product“ – „der Zweifel ist unser Produkt“. Und weiter: Da die Tabakindustrie „leider“ keine Beweise dafür habe, dass Rauchen gut für die Gesundheit sei, müsse sie eine Kontroverse starten und Unsicherheit schüren. Diese Szene stammt aus dem Jahre 1969 – aber die gleiche Strategie nutzen heute auch Klimawandel-Leugner und Klimaschutz-Bremser: Zweifel schüren, wo eigentlich wissenschaftlicher Konsens herrscht. Der Studienverband für die Tabakindustrie, der Council for Tobacco Research (CTR), fand in seinen 6400 bestellten oder betreuten Studien nicht einen einzigen Hinweis auf einen Zusammenhang zwischen Nikotin und Lungenkrebs. Nicht einen einzigen.

Rechte Stimmungsmacher, Klimawandel-Leugner sowie Thinktanks verbreiten Fake News und bauschen Unsicherheiten der Klimaforschung auf, um Wissenschaftler zu diskreditieren. Weil Regierungen weltweit die Wende verschleppten, haben es nun Populisten und Klimawandel-Leugner leicht, den Menschen Angst und Zweifel einzureden. Auch in den Reihen der alten Parteien – von liberal bis konservativ – sitzen immer noch Ausbremser der Energiewende. Viele von ihnen sagen ihre Meinung allerdings längst nicht so unverblümt in die Kamera wie Rechtsextreme. Aber hinter den Kulissen sägen sie am Klimakonsens – teils aus Überzeugung, teils im Dienste der fossilen Lobbyverbände, marktradikaler Überzeugungen oder parteihistorischer Traditionen.

Manchmal begegnete uns folgender Einwand, etwa von Mitarbeitern von Wissenschaftlern und Klimaexperten: Wir sollten diese Leute nicht großschreiben und lieber ignorieren, dann würde sich das schon erledigen. Wie wenig aussichtsreich diese Strategie ist, sieht man in den USA, Brasilien, aber auch in Polen und bis vor Kurzem noch in Österreich und Italien. Dort sind längst rechtspopulistische Präsidenten oder Parteien an der Macht. Sie treiben nicht nur eine nationalistische, fremdenfeindliche Politik voran, sondern halten Umwelt- und Klimaschutz für eine links-grüne Verschwörung und Einsparungen von Treibhausgasen für Steuerverschwendung. Klimaschutz ist ihnen vor allem deshalb suspekt, weil er zumindest am Anfang eher von links orientierten Menschen ausging, Menschen also, gegen die sie polemisieren. Und häufig ist es auch eine wirtschaftliche Ideologie, ein Glaube an den Vorrang der Industrie, der sie Maßnahmen gegen den Treibhauseffekt ablehnen lässt. Wir haben herausgefunden: Die Klimaschmutzlobby besteht aus verschiedenen Netzwerken, deren Zusammenspiel verheerend ist. Sie zögern rasche und wegweisende politische Aktionen hinaus, verpulvern Milliarden an fossile Branchen, streuen Zweifel an Klimafakten und bereichern sich auf Kosten unserer Erde. Deshalb ist es nun an der Zeit, sie ins Licht der Öffentlichkeit zu ziehen und ihre Verbindungen aufzuzeigen. Wir wollen mit diesem Buch die fossilen Kräfte enttarnen. In diesem Buch beziehen wir uns einzig und allein auf wissenschaftliche Fakten und sichere Quellen. Wann immer die Quellenlage unklar ist, machen wir das kenntlich, denn es geht nicht darum, Menschen zu verleumden oder ihnen schräge Machenschaften zu unterstellen. Wir haben recherchiert, weil wir aufklären wollen. Deshalb schreiben wir nicht nur über die Klimaschmutzlobby, wir haben mit deren Vertretern gesprochen. Wir haben Wissenschaftler interviewt und nachgefragt bei Energie- und Klimaexperten, Historikern, ehemaligen Ministeriumsmitarbeitern und amtierenden Politikern. Damit künftig nicht mehr die Klimaschmutzlobby das Sagen hat, sondern aufgeklärte Bürger, Aktivisten und mutige Politiker.

Fakten zum Thema Klimawandel:

Der menschengemachte Klimawandel ist seit Langem wissenschaftlicher Konsens. Die Wirkung von Kohlenstoffdioxid auf das Erdklima wurde schon Ende des 19. Jahrhunderts erstmals vom schwedischen Physiker Svante Arrhenius festgestellt und im 20. Jahrhundert durch Tausende Studien bestätigt. Unstrittig ist auch, dass durch menschliche Produktionsweisen besonders seit 200 Jahren enorme Mengen an Treibhausgasen – vorrangig Kohlenstoffdioxid und Methan – in die Atmosphäre abgegeben wurden. Eine überwältigende Mehrheit der Wissenschaft geht davon aus, dass sich mit den veränderten Klimabedingungen unser globales Ökosystem radikal verändert. Bei einem ungebremsten Klimawandel schmilzt das Eis der Polkappen ab, und der Meeresspiegel steigt. Millionen Menschen müssen umgesiedelt werden. Auch Menschen in Europa sind durch Wasserknappheit und Trockenheit im Mittelmeerraum betroffen. Weltweit tauen Permafrostböden auf. In einigen Regionen kommt es häufiger zu Orkanen und Starkregen, während andernorts zunehmend extreme Hitzewellen und Dürren auftreten. Ein starker Klimaschutz könnte all dies deutlich abmildern.

Welche Spuren werden wir einst hinterlassen?

Die Welt ohne unsDie Welt ohne uns

Reise über eine unbevölkerte Erde

Was wäre, wenn wir Menschen von einem Tag auf den anderen verschwinden würden? Zum Beispiel morgen. Ein ungeheures Gedankenexperiment! Alan Weisman entwirft in seinem Weltbestseller das Szenario einer unbevölkerten Erde – gestützt auf das Wissen von Biologen, Geologen, Physikern, Architekten und Ingenieuren und mit atemberaubender Phantasie. Schritt für Schritt vollzieht Weisman nach, wie die Natur unseren Planeten zurückerobert, und führt dem Leser dabei zweierlei vor Augen: was der Mensch in Jahrtausenden zu schaffen vermochte und über welch unerhörte Macht die Natur verfügt.

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Der globale Plan für unser Klima

Blick ins Buch
Wie wir die Klimakatastrophe verhindernWie wir die Klimakatastrophe verhindernWie wir die Klimakatastrophe verhindern

Welche Lösungen es gibt und welche Fortschritte nötig sind

In diesem dringlichen, maßgebenden Buch legt Bill Gates einen weitreichenden, praktischen – und zugänglichen – Plan dafür vor, wie die Welt die Treibhausgasemissionen rechtzeitig auf null senken kann, um eine Klimakatastrophe zu verhindern.

Seit einem Jahrzehnt untersucht Bill Gates die Ursachen und Auswirkungen des Klimawandels. Mithilfe von Experten aus Physik, Chemie, Biologie, Ingenieurwesen, Politikwissenschaft und Finanzwesen hat er sich auf das konzentriert, was getan werden muss, um die Umweltkatastrophe zu verhindern, die unserem Planeten bevorsteht. In diesem Buch erklärt er nicht nur, warum wir auf eine Netto-null-Emission der Treibhausgase hinarbeiten müssen, sondern auch, was wir konkret tun müssen, um dieses überaus wichtige Ziel zu erreichen.
Mit klarem Blick beschreibt er die Herausforderungen, vor denen wir stehen. Ausgehend von seinem Verständnis von Innovation und dem, was nötig ist, um neue Ideen auf den Markt zu bringen, beschreibt er die Bereiche, in denen die Technologie bereits zur Emissionsreduzierung beiträgt, wo und wie die aktuelle Technologie effektiver gestaltet werden kann, wo bahnbrechende Technologien benötigt werden und wer an diesen wesentlichen Innovationen arbeitet. Abschließend legt er einen konkreten, praktischen Plan vor, wie sich die Emissionen auf null reduzieren lassen. Er empfiehlt nicht nur politische Maßnahmen, die Regierungen ergreifen sollten, sondern zeigt auch, was wir als Einzelne tun können, um unsere Regierung, unsere Arbeitgeber und uns selbst in diesem entscheidenden Unterfangen in die Pflicht zu nehmen.
Bill Gates macht deutlich, dass das Ziel der Emissionsfreiheit nicht leicht zu erreichen sein wird, aber wenn wir dem Plan folgen, den er hier vorlegt, ist dieses Ziel, durchaus erreichbar. Wie Bill Gates deutlich macht, wird das Ziel von null Emissionen nicht einfach oder leicht zu erreichen sein, aber wenn wir den von ihm hier dargelegten Plan befolgen, ist es ein Ziel, das durchaus in unserer Reichweite liegt.

Einführung
Von 51 Milliarden auf null

Es gibt zwei Zahlen, die Sie über den Klimawandel kennen sollten. Die erste ist 51 Milliarden. Die andere ist null.
Die 51 Milliarden beziffern die Menge der Tonnen an Treibhausgasen, die typischerweise weltweit jedes Jahr in die Atmosphäre freigesetzt werden. Diese Zahl kann von Jahr zu Jahr ein bisschen steigen oder fallen, aber im Großen und Ganzen nimmt sie zu. Das ist der Stand der Dinge heute.
Null ist das Ziel, das wir uns setzen müssen. Um die Erderwärmung zu stoppen und die schlimmsten Auswirkungen des Klimawandels zu verhindern – und diese Folgen werden verheerend sein –, müssen die Menschen aufhören, der Atmosphäre Treibhausgase zuzuführen.
Das klingt schwierig, denn es wird schwierig sein. Die Menschheit hat noch nie etwas so Großes unternommen. Es bedeutet, dass jedes Land seine Gewohnheiten wird ändern müssen. Bei so gut wie allen Aktivitäten des modernen Lebens – Landwirtschaft, Industrie, Transport und Verkehr – werden Treibhausgase freigesetzt, und nach und nach werden immer mehr Menschen diesen modernen Lebensstil übernehmen. Das ist gut, weil es bedeutet, dass ihr Leben besser wird. Wenn sich aber nichts anderes ändert, wird die Menschheit immer weiter Treibhausgase produzieren, der Klimawandel wird sich immer weiter verschärfen, und seine Folgen für die Menschheit werden aller Wahrscheinlichkeit nach katastrophal sein.
Aber „Wenn sich nichts anderes ändert“ ist ein großes „Wenn“. Ich glaube, die Dinge können sich ändern. Wir verfügen schon jetzt über einige der Werkzeuge, die wir dafür benötigen – und was jene angeht, über die wir noch nicht verfügen, bin ich aufgrund von all dem, was ich über Klima und Technologie gelernt habe, optimistisch, dass wir sie erfinden, einsetzen und eine Klimakatastrophe verhindern können, wenn wir nur schnell genug handeln.
In diesem Buch geht es darum, was getan werden muss, um das zu erreichen, und warum ich glaube, dass wir es schaffen können.

Vor zwanzig Jahren hätte ich nie erwartet, dass ich eines Tages Vorträge über den Klimawandel halten, geschweige denn ein Buch darüber schreiben würde. Mein Background ist Softwareentwicklung, nicht Klimawissenschaften, und heutzutage ist mein Vollzeitjob, gemeinsam mit meiner Frau Melinda für die Gates Foundation zu arbeiten, wo wir uns voll und ganz auf globale Gesundheit und Entwicklung sowie das Bildungswesen in den USA konzentrieren.
Mein Interesse am Klimawandel entstand auf einem Umweg – und zwar über das Problem von Energiearmut.
Anfang der 2000er-Jahre, als unsere Stiftung gerade mit ihrer Arbeit begann, fing ich an, in einkommensschwache Länder in Subsahara-Afrika und in Südasien zu reisen, um mir vor Ort ein Bild zu machen über Kindersterblichkeit, HIV und die anderen großen Probleme, mit denen wir uns beschäftigen. Doch auf solchen Reisen dachte ich nicht nur an Krankheiten. Hin und wieder, wenn ich in einer Großstadt angekommen war, schaute ich abends aus dem Fenster und dachte: Warum ist es bloß so dunkel da draußen? Wo sind all die Lichter, die ich sehen würde, wenn das hier New York, Paris oder Peking wäre?
In Lagos, der größten Stadt Nigerias, kam ich durch unbeleuchtete Straßen, wo die Menschen sich um Feuer drängten, die sie in alten Öltonnen entfacht hatten. In abgelegenen Dörfern sprachen Melinda und ich mit Frauen und Mädchen, die jeden Tag stundenlang Feuerholz sammeln mussten, um vor ihrer Hütte im Dorf über einem offenen Feuer kochen zu können. Wir trafen Kinder, die ihre Hausaufgaben bei Kerzenlicht machen mussten, weil es im Dorf keinen Strom gab.
Melinda und ich treffen oft Kinder wie den neunjährigen Ovulube Chinachi, der in Lagos, Nigeria lebt und seine Hausaufgaben bei Kerzenlicht macht.

Ich erfuhr, dass weltweit etwa eine Milliarde Menschen keinen zuverlässigen Zugang zum Stromnetz hatten und dass die Hälfte von ihnen in Subsahara-Afrika lebte. (Seither hat sich die Lage ein bisschen verbessert; heute haben noch etwa 860 Millionen Menschen keinen Strom.) Ich dachte an das Motto unserer Stiftung – „Jeder Mensch verdient die Chance, ein gesundes und produktives Leben zu führen“ –, und mir wurde klar, wie schwierig es ist, gesund zu bleiben, wenn die örtliche Klinik Impfstoffe nicht kühlen kann, weil der Kühlschrank keinen Strom hat. Es ist schwierig, produktiv zu sein, wenn man kein Licht hat, um zu lesen. Und es ist unmöglich, eine Wirtschaft aufzubauen, in der jeder Mensch die Chance auf einen Arbeitsplatz hat, wenn für Büros, Fabriken und Callcenter kein erschwinglicher Strom zuverlässig und in großen Mengen zur Verfügung steht.
Ungefähr zu dieser Zeit schickte mir der Wissenschaftler David MacKay von der University of Cambridge, der leider inzwischen verstorben ist, eine Grafik, in der die Beziehung zwischen Einkommen und Energieverbrauch dargestellt ist: zwischen dem Pro-Kopf-Einkommen eines Landes und dem Stromverbrauch seiner Menschen. In der Grafik war auf der einen Achse das Pro-Kopf-Einkommen diverser Länder aufgetragen und auf der anderen der Energieverbrauch pro Person – und sie machte mir unmissverständlich klar, dass die beiden Zahlen zusammenhängen:
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Während ich all diese Informationen sacken ließ, begann ich darüber nachzudenken, wie die Menschheit es schaffen könnte, Energie für die Armen der Welt erschwinglich und zuverlässig zu machen. Für unsere Stiftung war es nicht sinnvoll, dieses riesige Problem anzupacken – wir mussten auf unsere eigentliche Mission fokussiert bleiben –, doch ich fing an, mich mit einigen Erfindern in meinem Freundeskreis über verschiedene Ideen zu unterhalten. Ich las sehr viel zu diesem Thema, unter anderem einige sehr aufschlussreiche Bücher des Wissenschaftlers und Historikers Vaclav Smil, der mir klarmachte, was für eine kritische Rolle Energie für eine moderne Zivilisation spielt.
Damals hatte ich noch nicht verstanden, dass wir auf null kommen müssen. Die reichen Länder, die für den größten Teil der Emissionen verantwortlich sind, hatten begonnen, den Klimawandel zur Kenntnis zu nehmen, und ich dachte, das würde genügen. Mein Beitrag, so glaubte ich, würde darin bestehen, mich dafür einzusetzen, dass eine zuverlässige Stromversorgung auch für Arme erschwinglich wird.
Zum einen würden sie am meisten davon profitieren. Für sie würde billigere Energie nicht nur bedeuten, abends Licht zu haben, sondern auch günstigere Düngemittel für ihre Felder und Zement für ihre Häuser. Und zum anderen haben die Armen durch den Klimawandel am meisten zu verlieren. Die meisten von ihnen sind Kleinbauern, die ohnehin schon am Rande des Existenzminimums leben und noch mehr Dürren und Überflutungen nichts entgegenzusetzen haben.
Doch dann änderte ich meine Perspektive, als ich mich Ende 2006 mit zwei früheren Microsoft-Kollegen traf, die im Begriff waren, Non-Profit-Organisationen im Bereich Energie und Klima ins Leben zu rufen. Sie hatten zwei Klimawissenschaftler mitgebracht, die sich mit diesen Problemen gut auskannten, und die vier zeigten mir die Daten, die Treibhausgasemissionen mit dem Klimawandel verknüpften.
Ich wusste, dass Treibhausgase die Temperaturen steigen lassen, aber ich hatte angenommen, dass es zyklische Schwankungen oder andere Faktoren geben müsse, die eine echte Klimakatastrophe auf natürlichem Wege verhindern würden. Und es fiel mir schwer zu akzeptieren, dass die Temperaturen immer weiter steigen werden, solange der Mensch weiterhin Treibhausgase freisetzt – ganz egal, in welchen Mengen.
Ich traf mich noch einige Male mit dieser Gruppe, weil ich weitere Fragen hatte. Und schließlich begriff ich: Die Menschheit muss mehr Energie bereitstellen, damit die Ärmsten besser leben können, doch wir müssen diese Energie erzeugen, ohne noch mehr Treibhausgase freizusetzen.
Jetzt kam mir das Problem noch gewaltiger vor. Es genügte nicht, billige und zuverlässige Energie für Arme zu liefern – sie musste auch noch sauber sein.
Ich sog weiterhin möglichst viele Informationen über den Klimawandel auf. Ich traf mich mit Experten für Themen wie Klima, Landwirtschaft, Ozeane, Meeresspiegel, Gletscher, Stromnetze und anderes mehr. Ich las die Berichte, die vom Intergovernmental Panel on Climate Change ((IPCC) veröffentlicht werden, dem Ausschuss der Vereinten Nationen, der den wissenschaftlichen Konsens zu diesem Thema herstellt. Ich sah mir Earth’s Changing Climate an, eine Reihe von fantastischen Video-Vorlesungen von Professor Richard Wolfson, die im Rahmen der Serie „Great Courses“ erhältlich sind. Ich las Weather for Dummies – nach wie vor eines der besten Bücher zum Thema Wetter, die ich gefunden habe.
Mir wurde klar, dass unsere heutigen Quellen erneuerbarer Energien – hauptsächlich Wind- und Solarenergie – ein großer Schritt zur Lösung des Problems sein könnten, wir aber nicht genug tun, um sie einzusetzen. Und mir wurde auch klar, warum diese Quellen allein nicht reichen werden, um uns den weiten Weg bis zur Null hinunterzubringen. Der Wind weht nicht immer, die Sonne scheint nicht immer, und wir haben keine bezahlbaren Batterien, die so große Energiemengen, wie sie zur Versorgung einer Stadt gebraucht werden, lange genug speichern könnten. Davon abgesehen entfallen nur etwa 27 Prozent aller Treibhausgasemissionen auf die Stromerzeugung. Selbst wenn wir einen riesigen Durchbruch in der Batterietechnologie erreichten, müssten wir immer noch die restlichen 73 Prozent loswerden.
Nach einigen Jahren war ich von drei Tatsachen überzeugt:
1. Um eine Klimakatastrophe zu vermeiden, müssen wir auf null kommen.
2. Wir müssen die Tools, die wir schon haben – etwa Sonnen- und Windenergie –, schneller und klüger zum Einsatz bringen.
3. Und wir müssen bahnbrechende Technologien entwickeln und in der Praxis einsetzen, mit denen wir den Rest des Weges schaffen können.

Die Argumente für „null“ standen – und stehen – so fest wie der sprichwörtliche Fels in der Brandung. Wenn wir nicht aufhören, Treibhausgase in die Atmosphäre zu blasen, wird die Temperatur immer weiter steigen. Hier ist eine Analogie, die ich besonders anschaulich finde: Das Klima ist wie eine Badewanne, die langsam voll Wasser läuft. Selbst wenn wir den Wasserhahn bis auf ein Tröpfeln zudrehen, wird die Badewanne doch irgendwann voll sein und überlaufen, sodass der Fußboden überschwemmt wird. Das ist die Katastrophe, die wir verhindern müssen. Wenn wir uns das Ziel setzen, unsere Emissionen nur zu reduzieren, sie aber nicht zu eliminieren, wird das nicht ausreichen – das einzig vernünftige Ziel ist die Null. (Mehr über die Null, was ich damit meine und über die Folgen des Klimawandels ist in Kapitel 1 zu finden.)
Doch als mir das damals alles klar wurde, war ich nicht auf der Suche nach einem weiteren Problem, das es anzupacken galt. Melinda und ich hatten globale Gesundheit und Entwicklung sowie das US-Bildungswesen als die beiden Bereiche ausgewählt, in denen wir eine Menge lernen, Expertenteams engagieren und unsere Ressourcen einsetzen wollten. Zudem sah ich, dass viele bekannte Persönlichkeiten den Klimawandel auf ihre Agenda setzten.
Also engagierte ich mich zwar stärker, machte jedoch den Klimawandel nicht zu einer meiner Top-Prioritäten. Wenn ich konnte, las ich mehr zu diesem Thema und sprach mit Experten. Ich investierte in einige Start-ups im Bereich saubere Energie und stellte mehrere 100 Millionen Dollar zur Verfügung, um ein Unternehmen zu gründen, das ein Atomkraftwerk der nächsten Generation entwickeln sollte, das saubere Energie erzeugt und bei dem kaum Atommüll anfällt. Im Jahr 2010 hielt ich einen TED-Talk zum Thema „Innovating to Zero!“, doch hauptsächlich konzentrierte ich mich auf die Arbeit der Gates Foundation.
Dann, im Frühjahr 2015, beschloss ich, dass ich mehr tun und mich vernehmbarer äußern müsste. In den Nachrichten hatte ich Berichte gesehen über Studenten, die Sit-ins abhielten und forderten, dass die Stiftungen ihrer Hochschulen ihre Investitionen im Bereich fossiler Brennstoffe abstoßen. Im Zuge dieser Initiative startete die britische Tageszeitung The Guardian eine Kampagne, die von unserer Stiftung forderte, den geringen Anteil ihres Stiftungsvermögens, der in Öl-, Gas- und Kohlekonzernen angelegt war, zu verkaufen. Es wurde ein Video gedreht, das Menschen aus aller Welt zeigt, wie sie mich auffordern, solche Aktien abzustoßen.
Ich kann verstehen, warum der Guardian ausgerechnet unsere Stiftung und mich aufs Korn nahm. Und ich bewunderte die Leidenschaft der Aktivisten – vor vielen Jahren hatte ich Studenten gesehen, die gegen den Vietnamkrieg protestierten und später gegen das Apartheidregime in Südafrika, und ich wusste, dass sie tatsächlich etwas bewirkt hatten. Es war inspirierend für mich zu sehen, wie diese Art von gesellschaftlicher Energie sich gegen den Klimawandel richtet.
Aber andererseits musste ich immer wieder daran denken, was ich auf meinen Reisen gesehen hatte. Indien zum Beispiel hat eine Bevölkerung von 1,4 Milliarden Menschen, von denen viele zu den ärmsten der Welt zählen. Ich hielt es nicht für fair, dass irgendjemand daherkommt und den Indern sagt, ihre Kinder dürften kein Licht haben, um Hausaufgaben zu machen, oder dass bei jeder Hitzewelle Tausende von Indern sterben müssten, weil es umweltschädlich sei, Klimaanlagen zu installieren. Die einzige Lösung, die ich mir vorstellen konnte, war, saubere Energie so billig zu machen, dass jedes Land sie lieber nutzen würde als fossile Brennstoffe.
So sehr ich auch den leidenschaftlichen Einsatz der Protestierenden bewunderte, konnte ich nicht verstehen, wie allein das Abstoßen von Aktien den Klimawandel aufhalten oder Menschen in armen Ländern helfen könnte. Es war eine Sache, Aktien von Großkonzernen zu verkaufen, um gegen Apartheid zu kämpfen – also gegen eine politische Institution, die auf wirtschaftlichen Druck reagieren würde (und reagiert hat). Doch es ist ganz etwas anderes, das weltweite Energiesystem – eine Industrie, die jedes Jahr etwa 5 Billionen Dollar umsetzt und das Fundament der modernen Wirtschaft bildet – nur dadurch transformieren zu wollen, dass man Aktien von Ölkonzernen verkauft.
Das sehe ich auch heute noch so. Doch mir ist klar geworden, dass es andere Gründe gibt, warum ich keine Aktien von Unternehmen besitzen sollte, die fossile Energieträger produzieren – nämlich weil ich nicht davon profitieren will, wenn ihre Aktien steigen, weil wir keine CO2-freien Alternativen entwickeln. Ich würde mich schlecht fühlen, wenn ich von einer Verzögerung auf dem Weg zur Null profitieren würde. Also habe ich 2019 alle meine direkten Beteiligungen an Öl- und Gaskonzernen abgestoßen, ebenso wie die Treuhandgesellschaft, die das Vermögen der Gates Foundation verwaltet. (Zu diesem Zeitpunkt hatte ich schon seit etlichen Jahren kein Geld mehr in Kohlekonzerne investiert.)
Dies ist eine persönliche Entscheidung, die zu treffen ich glücklicherweise in der Lage bin. Doch mir ist durchaus bewusst, dass sie keinen nennenswerten Beitrag zur Reduzierung der Emissionen leisten wird. Es erfordert eine wesentlich breiter angelegte Strategie, um auf null zu kommen: Wir müssen einen umfassenden Wandel bewirken, indem wir alle uns zur Verfügung stehenden Mittel einsetzen, darunter staatliches Handeln, aktuelle Technologien, neue Erfindungen und die Fähigkeit der Privatwirtschaft, unzählige Menschen mit Gütern zu versorgen.
Etwas später im Jahr 2015 bot sich mir eine Gelegenheit, mich für Innovation und neue Investitionen einzusetzen: die COP 21, eine bedeutende Klimakonferenz, die von den Vereinten Nationen im November/Dezember jenes Jahres in Paris abgehalten wurde. Einige Monate vor der Konferenz traf ich mich mit François Hollande, dem damaligen Präsidenten Frankreichs. Er zeigte sich interessiert, private Investoren für die Teilnahme am Kongress zu gewinnen, und ich wollte erreichen, dass Innovation auf die Tagesordnung gesetzt wird. Wir sahen beide eine Chance: Er dachte, ich könnte helfen, Investoren an den Tisch zu bringen; ich sagte ihm, das sei sehr gut möglich, aber es könnte leichter erreicht werden, wenn auch Regierungen sich verpflichten würden, ihre Forschungsetats im Bereich Energie zu erhöhen.
Das würde nicht unbedingt ein Spaziergang werden. Selbst in den Vereinigten Staaten war der Etat für Energieforschung deutlich niedriger als in anderen wichtigen Sektoren wie Gesundheitswesen und Verteidigung (und ist es immer noch). Und auch wenn einige Länder ihre Forschungsetats moderat erhöht hatten, waren sie immer noch sehr niedrig. Und diese Länder zögerten, mehr zu tun, solange sie nicht davon überzeugt waren, dass vom privaten Sektor genug Geld kommen würde, um ihre Ideen aus dem Labor zu holen und sie in Produkte zu verwandeln, die ihren Leuten tatsächlich helfen.
Doch spätestens 2015 trockneten private Investitionen zusehends aus. Viele der Risikokapitalgeber, die in grüne Technologien investiert hatten, zogen sich zurück, weil die Renditen so niedrig waren. Sie waren es gewohnt, in Bio- und Informationstechnologie zu investieren, wo sich oft sehr schnell Erfolge einstellen und weniger staatliche Regulierung zu beachten ist. Saubere Energie war ein völlig anderes Spiel, und daraus zogen sie sich zurück.
Es lag auf der Hand, dass wir neues Geld einwerben und eine andere, für saubere Energie maßgeschneiderte Strategie verfolgen mussten. Im September, also zwei Monate vor Beginn der Pariser Konferenz, schickte ich E-Mails an zwei Dutzend wohlhabende Personen aus meinem Bekanntenkreis. Ich hoffte, sie überzeugen zu können, Risikokapital bereitzustellen, um die Erhöhungen der staatlichen Forschungsetats zu ergänzen. Ihre Investitionen mussten langfristig orientiert sein – ein Durchbruch im Energiesektor kann jahrzehntelange Entwicklungszeit erfordern –, und sie mussten bereit sein, hohe Risiken einzugehen. Um den Schlaglöchern aus dem Weg zu gehen, in die frühere Risikokapitalgeber gestolpert waren, versprach ich, dass wir ein kompetentes Expertenteam aufbauen würden, das die infrage kommenden Firmen auf Herz und Nieren prüfen würde und Investoren helfen konnte, sich in den Komplexitäten der Energieindustrie zurechtzufinden.
Die Resonanz auf diese E-Mails übertraf meine kühnsten Erwartungen. Die erste Zusage von einem Investor kam innerhalb von knapp vier Stunden. Als zwei Monate später die Pariser Konferenz begann, waren 26 weitere hinzugekommen, und wir hatten der Initiative einen Namen gegeben: Breakthrough Energy Coalition. Die Organisation, die heute unter dem Namen Breakthrough Energy bekannt ist, vereint gemeinnützige Projekte sowie Bemühungen von Interessensverbänden und privaten Geldgebern, die in mehr als vierzig Firmen mit vielversprechenden Ideen investiert haben.
Auch die Regierungen leisteten ihren Beitrag: In Paris setzten sich zwanzig Staats- und Regierungschefs zusammen und verpflichteten sich, ihre Forschungsetats zu verdoppeln. Präsident Hollande, US-Präsident Barack Obama und der indische Premierminister Narendra Modi hatten sich für die Initiative starkgemacht; tatsächlich kam Premierminister Modi auf den Namen: Mission Innovation. Heute machen bei Mission Innovation 24 Länder mit, und die Europäische Kommission hat 4,6 Milliarden Dollar pro Jahr für Forschungen im Bereich saubere Energien freigegeben – eine Erhöhung von über 50 Prozent in nur einer Handvoll Jahren.
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Der nächste Wendepunkt in dieser Geschichte wird jedem, der dieses Buch liest, bitter vertraut sein.
Im Jahr 2020 entfaltete sich eine Katastrophe, als ein neuartiges Coronavirus sich auf der ganzen Welt ausbreitete. Für jeden, der die Geschichte von Pandemien kennt, kamen die von COVID-19 angerichteten Verheerungen nicht unerwartet. Da ich mich für globale Gesundheit interessiere, hatte ich mich schon seit Jahren über den Verlauf von Krankheitsausbrüchen informiert und war vor diesem Hintergrund zutiefst beunruhigt, weil die Welt nicht darauf vorbereitet war, mit einer Pandemie wie der Spanischen Grippe von 1918 fertigzuwerden, die Zigmillionen Menschen das Leben gekostet hatte. Im Jahr 2015 hatte ich einen TED-Talk gehalten und mehrere Interviews gegeben, in denen ich dafür plädierte, ein System zu entwickeln, um große Krankheitsausbrüche frühzeitig zu erkennen und darauf wirkungsvoll zu reagieren. Auch andere, etwa der ehemalige US-Präsident George W. Bush, hatten ähnliche Forderungen erhoben.
Leider tat die Welt wenig, um sich vorzubereiten, und als das neuartige Coronavirus um sich griff, verursachte es so große Verluste an Menschenleben und so umfassende wirtschaftliche Verwerfungen, wie wir sie seit der Great Depression (der Weltwirtschaftskrise der 1930er-Jahre) nicht mehr erlebt hatten. Obwohl ich auch einen großen Teil meiner Arbeit zum Klimawandel fortsetzte, machten Melinda und ich COVID-19 zur Top-Priorität der Gates Foundation und zum Schwerpunkt unserer eigenen Arbeit. Jeden Tag sprach ich mit Wissenschaftlern an Universitäten und in kleinen Firmen, mit CEOs von Pharmakonzernen oder mit Regierungschefs, um herauszufinden, wie unsere Stiftung dazu beitragen kann, die Arbeit an COVID-19-Tests, medizinischen Behandlungen und Impfstoffen voranzutreiben. Bis November 2020 hatten wir für die Bekämpfung der Krankheit über 445 Millionen Dollar an Zuschüssen bereitgestellt und weitere Hunderte Millionen über verschiedene finanzielle Investitionen, um Impfstoffe, Tests und andere wichtige Produkte schneller in einkommensschwache Länder zu bringen.
Da die wirtschaftlichen Aktivitäten dermaßen zurückgefahren wurden, wird die Menschheit in diesem Jahr weniger Treibhausgase emittieren als im Vorjahr. Wie gesagt, wird dieser Rückgang wahrscheinlich im Bereich von circa 5 Prozent liegen. Das bedeutet in absoluten Zahlen, dass wir statt 51 Milliarden Tonnen das Äquivalent von 48 oder 49 Milliarden Tonnen CO2 (Kohlenstoffdioxid) freisetzen werden.
Das ist eine nennenswerte Reduzierung, und wir wären gut im Rennen, wenn wir diese Reduzierung jedes Jahr erreichen könnten. Aber leider können wir das nicht.
Überlegen Sie einmal, was notwendig war, um diesen Rückgang um 5 Prozent zu erreichen. Über eine Million Menschen starben, und Zigmillionen wurden arbeitslos. Um es milde auszudrücken, ist das eine Entwicklung, von der niemand ernsthaft wünschen kann, dass wir sie fortsetzen oder wiederholen. Und dennoch gingen die weltweiten Treibhausgasemissionen wahrscheinlich nur um 5 Prozent zurück, womöglich noch weniger. Was ich erstaunlich finde, ist nicht so sehr, um wie viel die Emissionen wegen der Pandemie zurückgingen, sondern vielmehr, um wie wenig.
Dieser geringe Rückgang der Emissionen beweist, dass es nicht einfach sein wird, auf null Emissionen zu kommen – oder auch nur in die Nähe davon –, indem wir weniger fliegen und fahren. Ganz so, wie wir im Kampf gegen das neuartige Coronavirus neue Tests, medizinische Behandlungsverfahren und Impfstoffe brauchen, brauchen wir auch im Kampf gegen den Klimawandel neue Tools: emissionsfreie Verfahren, um Strom zu erzeugen, Güter zu produzieren, Landwirtschaft zu betreiben, Gebäude zu heizen und zu kühlen und um Menschen und Produkte rings um die Welt zu transportieren. Und wir brauchen neue Initiativen und andere Innovationen, um den ärmsten Menschen der Welt – von denen viele Kleinbauern sind – zu helfen, sich an ein wärmeres Klima anzupassen.
Natürlich sind auch noch andere Hürden zu überwinden, und sie haben nichts mit Wissenschaft oder Forschungsetats zu tun. Vor allem in den Vereinigten Staaten ist die gesellschaftliche Debatte über den Klimawandel von der Politik aufs Abstellgleis geschoben worden. An manchen Tagen könnte man den Eindruck bekommen, dass kaum noch Hoffnung besteht, überhaupt etwas zu schaffen.
Ich denke eher wie ein Ingenieur als wie ein Politikwissenschaftler, und für die politischen Probleme des Klimawandels habe ich keine Lösung. Stattdessen möchte ich erreichen, dass die Debatte sich darauf konzentriert, was getan werden muss, um das Ziel von null Emissionen zu erreichen: Wir müssen die Leidenschaft und die wissenschaftliche Intelligenz von Menschen in aller Welt darauf lenken, die jetzt vorhandenen Lösungen für saubere Energie einzusetzen und neue zu erfinden, damit wir endlich aufhören können, immer mehr Treibhausgas in die Atmosphäre zu blasen.

Darf man heutzutage überhaupt noch Fleisch essen?

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FleischkonsumFleischkonsum

Das Thema Fleisch polarisiert und wirft Fragen auf: Darf man mit Genuss Fleisch essen? Ist das gut oder schlecht für die Gesundheit? Was bedeutet das für die Tiere? Wie wirkt sich ein hoher Fleischverbrauch global aus? Sind Klimaschutz und Fleischkonsum vereinbar? Was hat Fleischkonsum mit Menschenrechten und Insektensterben zu tun? Soll man doch besser vegetarisch leben – oder sogar vegan? Dieses Buch beantwortet die wichtigsten Fragen zu einem Thema, das uns täglich beschäftigt.

Einleitung

Als die Grünen im Bundestagswahlkampf 2013 vorschlugen, in Kantinen den „Veggie Day“ einzuführen, also einen fleischfreien Tag pro Woche, brach – angeheizt durch eine falsche Berichterstattung der Bild-Zeitung – ein lauter Sturm der Empörung los. Als hätten die Grünen Fleischessen, Autofahren und Fliegen für alle und immer verboten. Dabei hatte die Partei nur einen vorsichtigen Vorschlag gemacht für etwas, was aus wissenschaftlicher Sicht sehr schnell geschehen muss: Der Fleischkonsum muss sinken. Weltweit wird so unfassbar viel Fleisch produziert, dass die Biomasse der sogenannten Nutztiere um ein Vielfaches größer ist als die Masse aller wild lebenden Tiere auf der ganzen Welt.

Die vielen Milliarden Tiere in der Landwirtschaft haben Folgen für das Klima, den Boden, das Grundwasser, die Biodiversität und unsere Gesundheit. Der in weiten Teilen der Welt immer noch völlig sorglose Umgang mit Antibiotika bringt multiresistente Keime hervor, sodass Mediziner ein postantibiotisches Zeitalter kommen sehen.

Die EAT-Lancet-Kommission, ein gemeinsames Forschungsprojekt von Medizinern und Erdsystemwissenschaftlern, bringt es auf den Punkt: Die Fleischfrage entscheidet über die Zukunft des Planeten. Und sie spaltet unsere Gesellschaft – nicht nur Tierrechtler und Schweinemäster stehen sich unversöhnlich gegenüber. Der Sonntagsbraten ist politisch geworden.

Doch für einen echten Wandel bräuchte es ganz andere Gesetze – und Konsumgewohnheiten.

Immerhin: Jeder kann hier etwas tun, nämlich viel weniger Fleisch essen, und wenn, dann aus ökologischer Weidehaltung. Und nicht nur Steak, sondern vom ganzen Tier.

1. Haben die Menschen schon immer Fleisch gegessen?

Unsere frühesten bekannten Vorfahren lebten vor etwa 55 Millionen Jahren, sie waren etwa sieben Zentimeter lang (mit Schwanz fast zwanzig) und ernährten sich von Insekten. Einige der Nachfahren dieser frühen Primaten stiegen auf Früchte und Blätter um. Unser naher Verwandter, der Menschenaffe Australopithecus, der vor viereinhalb bis zwei Millionen Jahren in Afrika lebte, aß vor allem Nüsse, Samen und Wurzeln. Heute würde man ihn wohl als Flexitarier bezeichnen, denn vermutlich verzehrte er bei Gelegenheit auch ein wenig tierische Nahrung: Aas und Insekten. Irgendwann in dieser Zeit begannen die frühen Menschen, Werkzeuge zu schnitzen und zu jagen – nach vielen Millionen Jahren einer beinahe vegetarischen Lebensweise ihrer Vorfahren.

Diese Ernährungswende hatte es in sich: Je besser und gehaltvoller die Nahrung wurde, desto mehr wuchs das Gehirn des Homo sapiens, und dies wiederum ließ ihn zu einem besseren Jäger werden, was wiederum seine Nährstoffversorgung verbesserte. Das machte die frühen Menschen flexibler als ihre nächsten Verwandten, die Paranthropus-Arten, die sich weiterhin von Pflanzen ernährten und später ausstarben. Auch der Homo sapiens, also unsere Art, die vor gut 300 000 Jahren in den Savannen Ostafrikas entstanden ist, jagte Tiere und aß ihr Fleisch, aber auch weiterhin pflanzliche Nahrung, weshalb wir Menschen als Omnivoren, also Allesfresser, gelten. Wie hoch der Anteil von pflanzlicher oder tierischer Nahrung in dieser Zeit war, ist unbekannt.

Ende der 1980er-Jahre schlug der amerikanische Mediziner Stanley Boyd Eaton vor, dass wir uns auch heute an der Ernährung der Steinzeitmenschen orientieren sollten, um gesünder zu leben. Das menschliche Genom habe sich seit der Zeit der Sammler und Jäger nicht verändert, argumentiert Eaton, weshalb wir auch heute noch am besten an die Lebensmittelauswahl der Steinzeit angepasst seien. Dazu gehörten Wildpflanzen, Fleisch von wilden Tieren und auch Fisch. Im Vergleich zu heute konsumierten die Steinzeitmenschen weniger Zucker und Getreide, so gut wie keine gesundheitsschädlichen Transfettsäuren, dafür viel Ballaststoffe. Und anders als heute mussten sie körperlich schuften für ihre Mahlzeiten. Übersetzt in die heutige Zeit hieße das: viel Obst und Gemüse, wenig Getreide, dafür Fleisch. Und Bewegung. Wobei es ziemlich schwer ist, wirklich nach einer Steinzeitdiät zu leben, denn die Wildtiere damals wiederum lebten und ernährten sich ganz anders als die Stalltiere heute, sodass ihr Fleisch auch eine andere Zusammensetzung hatte.

Schon lange bevor die Menschen selbst Feuer machen konnten, hielten sie die Feuer von Bränden in Gang, um ihre Nahrung darin zu garen, mindestens seit 300 000 bis 400 000 Jahren. Das wären mehr als 10 000 Generationen, das ist lange genug für unser Verdauungssystem, sich an die gekochte Nahrung anzupassen. Deshalb sind wir Menschen eigentlich keine Omnivoren, sondern Cucinivoren.

Heute weiß man, dass sich Gene schneller an veränderte Lebensbedingungen anpassen, als Eaton und seine Kollegen vor wenigen Jahrzehnten angenommen hatten. Vor rund 12 000 Jahren begannen die Menschen im Nahen Osten, Felder zu bewirtschaften und Getreide zu züchten. Die neue Ernährung hat offensichtlich Gene der Ackerbauern verändert. Sie produzieren mehr von dem Enzym Amylase, das man braucht, um Stärke zu verdauen. Jäger in der Arktis, Hirten oder Regenwaldbewohner haben weniger davon in ihrem Speichel.

Noch eine genetische Anpassung: Vor etwa 10 000 Jahren domestizierten die Menschen Ziegen, Schafe, Rinder, Schweine und Hühner, und nur wenige Tausend Jahre danach entwickelten die frühen Ackerbauern und Tierzüchter in Europa die Fähigkeit, Laktose auch nach dem Ende der Säuglingszeit zu verdauen. Damit konnten sie die Milch ihrer Rinder, Schafe und Ziegen verwerten.

Die menschliche Anatomie zeigt, wie gut wir an pflanzliche Ernährung angepasst sind: Fleischfresser reißen Fleisch aus ihrer Beute, schlingen sie hinunter und haben große Mägen zum Verdauen. Unsere Mägen hingegen sind kleiner, der Dünndarm ist dafür länger, und unser Dickdarm enthält Muskelschichten und Ausbuchtungen, die typisch für Pflanzenfresser sind. Die breiten Backenzähne dürften wir geerbt haben, weil unsere Vorfahren Rinden und Blätter zermahlen mussten. Das macht uns flexibel bei der Nahrungszusammenstellung. Wir können uns beinahe ausschließlich von Fleisch ernähren, wie manche Pastoralisten, also nomadisch lebende Hirten, aber auch vegetarisch. Das hat unsere Vorfahren so flexibel gemacht bei ihrer Ausbreitung über die ganze Erde. Überall haben sie etwas gefunden, womit sie sich ernähren konnten. Fleisch war oft dabei, aber nicht immer.

Wie heiß muss es denn noch werden, bevor etwas passiert?

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KlimawandelKlimawandel

Kein Thema beherrscht so sehr die aktuelle Debatte wie der Klimawandel. Kein Wunder: Dürre und Hitzesommer häufen sich inzwischen auch in unseren Breiten. Extreme Wetterphänomene nehmen zu, die Polgebiete schmelzen, und die Folgen für Ernährung und Gesundheit beunruhigen die Menschen. Die Klimakrise, lange abstraktes Thema für Fachleute, klopft an unsere Türen. Doch schon die Frage, ob es überhaupt einen menschengemachten Klimawandel gibt, schürt Emotionen, und die Erreichung der Klimaziele rückt in immer weitere Ferne. Dieses Buch erklärt, was der Klimawandel für uns alle bedeutet, wer ein Interesse daran hat, Klimaschutz zu verzögern, wozu die Staaten sich verpflichtet haben, wie die Wirtschaft gefordert ist – und was wir selbst tun können, ganz konkret.

Einleitung
UN-Generalsekretär António Guterres nennt ihn „die größte Herausforderung unserer Geschichte“: Der Klimawandel bewegt inzwischen weltweit die Gemüter, er verursacht Krisen und Konferenzen, er stellt das Wetter auf den Kopf und unsere Lebensweise infrage.
Die Veränderungen in unserer Atmosphäre, auf den Kontinenten und in den Ozeanen waren lange nur eine theoretische Möglichkeit und Stoff für wissenschaftliche Debatten. Heute ist die Erwärmung mit teilweise drastischen Auswirkungen bei uns angekommen. Aber „Klimawandel“ beschreibt mehr als eine chemisch-physikalische Reaktion. Wer eine Katastrophe verhindern will, muss tief in die Grundlagen unserer modernen Gesellschaften eingreifen, deren Erfolgsrezept für Wohlstand und Gerechtigkeit bisher zu großen Teilen auf der Verbrennung von Kohle, Öl und Gas beruht. Wer dieses System ändern will, provoziert Fragen.
33 davon sind hier mit ihren Antworten zusammengefasst. Sie sollen helfen, dieses komplexe Thema zu verstehen und eigene Entscheidungen treffen zu können. Sie sollen auch helfen, Mythen zu überpüfen, Ängste zu beseitigen und falschen Informationen zu widersprechen. Um dem Klimawandel zu begegnen, braucht es eine Menge Entscheidungen auf der ökonomischen, sozialen und politischen Ebene. Wer diese Entscheidungen fällt oder sie kritisiert, braucht das Wissen um die Hintergründe und die Konsequenzen unseres Handelns – und unseres Nichthandelns.

Bei der Arbeit an diesem Buch haben mir viele Menschen geholfen: Martin Janik vom Piper Verlag mit seinem Vertrauen, Steffen Geier mit rigorosem Lektorat und Fact-Checking. Christiane Textor von der deutschen IPCC-Koordinierungsstelle war von unschätzbarem Wert bei wissenschaftlichen Detailfragen.
Zu dem Thema erscheinen immer schneller umfangreiche neue Studien. Ich habe großen Wert darauf gelegt, Zahlen und Fakten aktuell und korrekt zu zitieren und am Ende weiterführende Literatur zu empfehlen. Mögliche Fehler gehen aber selbstverständlich nur auf meine Rechnung.
Meinen Kolleginnen und Kollegen in der tageszeitung bin ich dankbar, dass sie mir seit vielen Jahren für die Berichterstattung zum Klima den Rücken frei halten. Und meine Familie erträgt es schon lange vorbildlich, wenn ich wieder mal mit Verweis auf den Klimaschutz versuche, Urlaubsflüge zu hintertreiben.

1.
Warum ist der Klimawandel ein Problem?
„Die Grundlagen der Klimawissenschaft sind eigentlich ganz einfach und waren es schon immer“, schreibt der US-Klimaforscher Michael E. Mann. „Kohlenstoffdioxid in der Atmosphäre fängt die Wärme ein, und wir fügen der Atmosphäre stetig mehr Kohlenstoffdioxid hinzu. Der Rest sind Details.“
Klimawandel und Treibhauseffekt sind natürliche Phänomene. Zum Problem für das Leben auf der Erde werden sie, weil sie nach geologischen Maßstäben sehr schnell ablaufen. Der Treibhauseffekt sorgt dafür, dass ein Teil der Wärmestrahlung, die von der Sonne auf der Erde landet, nicht ins All reflektiert wird, sondern die Erde erwärmt. Ohne den Treibhauseffekt wäre die Erde ein kalter Steinbrocken von minus 18 Grad Celsius. Diesen Effekt durch Spurengase wie Wasserdampf, Kohlenstoffdioxid (auch Kohlendioxid oder CO2) und Methan hat der schwedische Physiker und Chemiker Svante Arrhenius bereits 1896 beschrieben. Das „Treibhaus“ wird immer dichter, die Temperatur steigt.
Der Grund dafür sind in erster Linie Gase, die aus der Verbrennung von Kohle, Öl und Gas und durch das Abholzen der Wälder in die Atmosphäre gelangen. Auch wenn die meisten Aerosole (kleine Partikel in der Luft) dem Treibhauseffekt ein wenig zuwiderarbeiten und die Temperaturen leicht senken – vor allem CO2 ist nach der einhelligen Ansicht der Wissenschaftler der Hauptverursacher für die zunehmende Erwärmung der Erde und für andere Veränderungen wie die Versauerung der Ozeane. Kohle, Öl und Gas werden als fossile Brennstoffe bezeichnet, weil sie sich aus Kohlenstoff bilden, der vor Millionen von Jahren als abgestorbene Pflanzen oder Tiere unter der Erde eingelagert wurde. Der Kohlenstoff aus diesen Lebewesen wird nun durch die Verbrennung in Kraftwerken und Motoren in die Atmosphäre entlassen – wo er sich nur langsam abbaut: Bis zu 40 Prozent des CO2 können etwa 2000 Jahre in der Atmosphäre verbleiben.
Aus fossilen Brennstoffen und Landnutzung entstanden 2018 nach Zahlen des Forschungsverbunds „Global Carbon Project“ und der UNO etwa 41,5 Milliarden Tonnen CO2. Rechnet man alle Treibhausgase zusammen, kommt man auf etwa 54 Milliarden Tonnen. Diese vergleichsweise geringen Mengen an Treibhausgasen verändern die Atmosphäre, während die etwa acht Mal so hohen natürlichen CO2-Quellen die Bilanz nicht beeinflussen – sie werden von natürlichen Kreisläufen schnell wieder ausgeglichen. Dort sind Aufnahme und Abgabe von Kohlendioxid etwa durch Pflanzen in einem Gleichgewicht, sie gelten als CO2-neutral. Land und Ozeane „schlucken“ etwa die Hälfte des menschengemachten CO2, der Rest jedoch treibt die Erwärmung an.
Der Begriff „Klimawandel“ in der politischen und wissenschaftlichen Debatte ist verkürzt. Er bezeichnet fast immer den menschengemachten („anthropogenen“) Klimawandel. Das Erdklima ist schon immer Schwankungen unterworfen: Es gab lange Phasen, in denen die CO2-Konzentration mehr als doppelt so hoch war wie heute, dann Eiszeiten, deren letzte auf der Nordkugel erst vor etwa 12 000 Jahren endete. Damals lagen die Temperaturen um circa 5 Grad Celsius höher, ein Wert, der heute zu den Horrorszenarien der Klimawissenschaften gehört. Aber am Ende der Eiszeit ließ sich das Klima für diesen Prozess mehrere Tausend Jahre Zeit. Heute droht uns eine solche Erwärmung innerhalb eines Jahrhunderts.
Die Wissenschaft ist sich heute sicher, dass der ökologische Fußabdruck des Menschen für den aktuellen Klimawandel verantwortlich ist. Wichtig ist nicht nur die absolute Erwärmung von einer weltweiten Durchschnittstemperatur von heute 15 Grad Celsius, sondern das Tempo: Tiere und Pflanzen etwa können sich an eine so schnelle Veränderung der Lebensbedingungen wie Temperatur, Niederschlag, Blühzeiten von Pflanzen nur sehr schwer anpassen. Während ein Wald bei langsamen Veränderungen „wandern“ kann, überfordert ihn eine relativ schnelle Zunahme der Temperatur.
Die Folgen, die bereits zu sehen sind und noch kommen werden, sind gewaltig. Tausende von Forscherinnen und Forschern haben sie über die letzten Jahrzehnte in der größten Untersuchung zusammengetragen, die die Wissenschaft je unternommen hat. Der Zwischenstaatliche Ausschuss zum Klimawandel (Intergovernmental Panel on Climate Change, IPCC, oft auch „Weltklimarat“ genannt) hat in inzwischen fünf umfangreichen Berichten und vielen Sonderreports den Stand der Forschung veröffentlicht.
Demnach verändert der menschengemachte Klimawandel tief greifend die physikalische und chemische Beschaffenheit der globalen Atmosphäre, der Ozeane, der Landmassen und der Eisgebiete unseres Planeten. Die Temperaturen sind im Schnitt um 1 Grad Celsius seit dem Beginn der Industrialisierung gestiegen, in der Arktis schon um mehr als 2 Grad. Der CO2-Anteil in der Luft ist so hoch wie seit mindestens 800.000 Jahren nicht mehr. Die Meere werden wärmer, ihr Pegel ist im 20. Jahrhundert um knapp zwanzig Zentimeter gestiegen, bis 2100 kann insgesamt mehr als ein Meter Anstieg drohen. Die Ozeane werden durch die vermehrte Aufnahme von CO2 saurer. Das erschwert die Bildung von Kalkskeletten und bedroht Korallenbänke und andere Lebewesen, die ein wichtiger Teil des Nahrungsnetzes sind. Fast alle Eisgebiete der Erde haben zu schmelzen begonnen, die Gletscher auf den Bergen, das Eis der Arktis, die Permafrostböden.
Die Erwärmung des Erdsystems verändert Niederschläge, Wettermuster und Nahrungsketten, Zyklen von Niederschlag und Trockenheit. Zusammenhänge zwischen Tierwanderungen und Pflanzenblüte und die Anpassung von Menschen, Tieren und Pflanzen an Winde, Niederschläge, Wärme oder Eisbildung, die über Jahrtausende eingespielt sind, geraten aus den Fugen. „Die Erwärmung des Klimasystems ist eindeutig“, urteilt der IPCC in seinem aktuellen Report, „und seit den 1950er-Jahren sind viele der beobachteten Veränderungen beispiellos über Jahrzehnte bis Jahrtausende.“

Fazit: Der menschengemachte Klimawandel ist für die Ökosysteme der Erde ein Problem, weil er die seit Jahrtausenden eingespielten Zusammenhänge zwischen Atmosphäre, Meeren und Landmassen so schnell und nachhaltig verändert, dass er die Lebensbedingungen von Pflanzen, Tieren und Menschen aus dem Gleichgewicht bringt.

2.
Verändert sich das Klima überall gleich?
Die politisch bedeutsame globale Mitteltemperatur ist eine theoretische Größe. Denn die Wärme auf der Erde schwankt regional sehr unterschiedlich, je nach Breitengrad, Jahreszeit, Höhe, klimatischer und geografischer Bedingungen etc. Der Anstieg ihres Mittelwerts soll nach dem Pariser Klimaabkommen von 2015 „gegenüber dem vorindustriellen Niveau“ bis 2100 „deutlich unter 2 Grad Celsius“ bleiben, die Staaten wollen „Anstrengungen unternehmen, die Erhöhung auf 1,5 Grad zu begrenzen“. Diese politischen Aussagen sind in einigen Punkten unscharf.
Zunächst gibt es auch wegen fehlender Daten keine allgemeine Definition, was das „vorindustrielle Niveau“ der weltweiten Temperatur ist. Die meisten Studien nehmen dafür einen Durchschnitt der Messungen von 1850 bis 1900. Die wichtigsten Datensätze stammen aus der USA und aus Großbritannien, sie messen seit 1880 beziehungsweise 1850 die Temperaturen an Land und an der Oberfläche des Meeres. Die globale Durchschnittstemperatur zwischen 1951 und 1980 beträgt demnach 14 Grad Celsius. Gegenüber dem „vorindustriellem Niveau“ hat sich die mittlere Temperatur laut UN-Weltklimarat um etwa 1 Grad Celsius (0,8 bis 1,2 Grad) erhöht.
Aber, wie das Sprichwort sagt: „Man kann auch in einem See ertrinken, der im Durchschnitt einen halben Meter tief ist.“ Denn bei der Erwärmung gibt es regional große Unterschiede. Am deutlichsten zeigt sich der Erwärmungseffekt in der Arktis, wo im Schnitt bereits mehr als 2 Grad Erwärmung gemessen werden. Und eine Erhitzung um 3 bis 5 Grad im Winter bis Mitte des Jahrhunderts gilt dort als sicher. Mit gravierenden Folgen, wie die UNO warnt: Das Eis rund um den Nordpol wird bei jetzigen Trends zur Mitte des Jahrhunderts im Sommer verschwinden, die Fläche des tiefgefrorenen Permafrostbodens etwa um die Hälfte abnehmen und zusätzliches im Boden gespeichertes Methan freisetzen – das wiederum den Klimawandel weiter anfeuert.
Auch die Antarktis bereitet den Forschern zunehmend Sorgen. Dort liegt im westlichen Teil an der ehemaligen US-Polarstation Byrd Station einer der sich am schnellsten erwärmenden Punkte der Erde: Zwischen 1958 und 2010 nahm die Durchschnittstemperatur um 2,4 Grad Celsius zu. Die riesigen Gletscher der West-Antarktis haben wegen des wärmeren Meerwassers begonnen, schneller ins Meer zu fließen – zwar immer noch langsam, aber unaufhaltsam. Auch der östliche Teil des eisigen Kontinents, der lange als stabil galt, zeigt nach jüngsten Studien Anzeichen von Instabilität. Immer wieder lösen sich spektakulär riesige Eisberge von den Eisschelfs und treiben ins Meer, 2017 ein Eisstück namens A-68 von der doppelten Größe Luxemburgs. Anders als bei arktischem See-Eis, das bereits im Wasser schwimmt, trägt die Schmelze der Gletscher direkt zur Erhöhung der Meeresspiegel bei.
In den bewohnten Gebieten warnt der IPCC vor verschiedenen Auswirkungen, je nach Lage und Verwundbarkeit: Auf fast allen Kontinenten drohen vor allem wirtschaftliche Schäden durch mehr Überschwemmungen und durch Dürren sowie Gesundheitsgefahren durch Hitzewellen. In Afrika etwa kommt die Bedrohung für ganze Ernten hinzu, in Australien das Absterben der Korallenriffe. Asien fürchtet einen Mangel an Nahrung und Süß- beziehungsweise Trinkwasser, Nordamerika großflächige Waldbrände und die Bedrohung seiner Küsten. In Mittel- und Südamerika wächst außerdem die Angst vor immer neuen Krankheiten, während die kleinen Inselstaaten in der Südsee ihre Küstenregionen verlieren werden.
Die allgemeine Erwärmung trifft auf Trends, die ihre Effekte noch vergrößern oder abbremsen können. Der Meeresspiegel steigt, aber Unterschiede in Meeresströmungen, Winden und der Geografie der Küsten können vor Ort ganz andere Bedingungen bilden: In weiten Teilen Skandinaviens etwa sinkt der Meeresspiegel, weil sich die Landmassen immer noch seit der letzten Eiszeit heben.
Gibt es auch Orte, an denen es kühler wird? Auf den Messkarten der Meteorologen sind das meist Messfehler – mit einer Ausnahme: ein Gebiet im nördlichen Atlantik widersetzt sich hartnäckig dem allgemeinen Trend zur Erwärmung. In dem Meeresabschnitt südwestlich von Grönland zeigt sich sogar eine leichte Abkühlung. Der Grund dafür ist nach Überzeugung der Forscher aber paradoxerweise die globale Erwärmung: Weil sich die große Meeresströmung im Nordatlantik, der Golfstrom, abschwächt, transportiert er weniger Wärme nach Norden. Immer mehr Schmelzwasser aus Grönland verdünnt das salzige Meereswasser und verlangsamt die Zirkulation des Wassers zusätzlich.
Diese Beispiele zeigen: Klimawandel bedeutet nicht, dass es einfach überall ein bisschen wärmer wird. Es bedeutet, dass sich Regionen ganz unterschiedlich entwickeln, dass sich das Land stärker erwärmt als das Meer, die Arktis stärker als der Rest der Welt. Was in manchen Regionen noch in die normale Schwankungsbreite der allgemeinen Temperatur fällt, kann in anderen Gegenden tief greifende Prozesse auslösen, die das natürliche Gleichgewicht aus dem Tritt bringen. Klar ist allerdings, dass diese Veränderung praktisch alle Ecken und Enden der Erde erreicht hat.

Fazit: Das Klima verändert sich überall auf der Welt anders. Je nach örtlichen Besonderheiten kann die Mitteltemperatur deutlich überschritten werden und können die Folgen schon heute gravierend sein.

3.
Können wir den Klimawandel zurückdrehen oder uns anpassen?
Es ist eine dieser kaum beachteten Aussagen in den Berichten des Weltklimarats IPCC, die ein leichtes Gruseln hervorrufen können: Was würde passieren, wenn heute alle menschlichen CO2-Emissionen stoppen würden? Antwort: Das Problem würde sich nicht mehr vergrößern, aber auch nicht verschwinden. Es gäbe eine „nahezu konstante Temperatur über viele Jahrhunderte“, schreiben die Forscher.
Das zeigt: Den menschengemachten Klimawandel können wir nicht mehr zurückdrehen. Er ist bei „für unsere Gesellschaft relevanten Zeitskalen“ irreversibel in der Erdgeschichte angelegt. Anders als in politischen Entscheidungen, die sich rückgängig machen lassen, anders als klassische Umweltprobleme wie verschmutzte Gewässer oder abgeholzte Wälder hat die Veränderung der Atmosphäre und des Kohlenstoffkreislaufs bereits jetzt Prozesse angestoßen, die von selbst weiterlaufen – und sich teilweise in „positiven Feedbacks“ (zu Deutsch: Teufelskreisen) selbst verstärken. Das geschieht zum Beispiel bereits beim Abtauen des Eisschildes von Grönland oder dem Auftauen der Permafrostböden in der Arktis, die große Mengen von Treibhausgasen freisetzen.
Wie gravierend die Veränderungen aber sein werden, hängt von den nächsten Jahren ab. Alle Modelle der Wissenschaftler zeigen, dass die globalen Emissionen zwischen 2020 und 2030 etwa um die Hälfte sinken müssen, damit wir weltweit überhaupt noch eine Chance haben, den Klimawandel auf 2 oder gar 1,5 Grad in 2100 zu begrenzen. Die Kurve wäre deutlich flacher, die Anstrengungen vor uns deutlich geringer, wenn mit der Reduktion der Emissionen vor einem oder zwei Jahrzehnten begonnen worden wäre. Wenn also nach der UN-Umweltkonferenz 1992 in Rio, nach der Konferenz von Kyoto 1997, nach dem Klimagipfel von Kopenhagen 2009 oder dem erfolgreichen Abschluss des Pariser Abkommens 2015 die Emissionen gesunken wären. Das sind sie aber nicht.
Können wir uns dann nicht einfach an steigende Temperaturen anpassen, wie es die Menschheit seit Jahrtausenden tut? Ja und nein – auch hier kommt es darauf an, wie schnell und wie weit sich die Erderhitzung entwickelt. Und vor allem darauf, welche Maßnahmen vor Ort sinnvoll und machbar sind.
Anpassung ist neben der CO2-Minderung zum beherrschenden Thema der UN-Konferenzen und der globalen Klimapolitik geworden. Dabei geht es einerseits darum, verwundbaren Ländern und Gemeinschaften zu helfen: Wie lassen sich Felder effizienter bewässern, wenn es trockener wird? Wo ist es sinnvoll, Deiche gegen den steigenden Meeresspiegel zu bauen? Wie bereiten sich Städte auf höhere Temperaturen und stärkeren Niederschlag vor? Ein UN-Report schätzt den jährlichen Bedarf zur Finanzierung dafür im Jahr 2030 auf irgendwo zwischen 140 und 300 Milliarden Dollar. Zum Vergleich: Für die Anpassung an den Klimawandel und zur Vermeidung von Emissionen haben die Industriestaaten den armen Ländern ab 2020 Unterstützung in Höhe von jährlich 100 Milliarden Dollar versprochen.
Manche Beobachter argumentieren, die Weltgemeinschaft solle sich auf die Anpassung konzentrieren und den Kampf gegen die CO2-Emissionen hintanstellen. Doch es wird kaum möglich sein, sich langfristig an die Folgen einer ungebremsten Erderhitzung anzupassen. Solange die Ausschläge im Klima- und Wettersystem noch gering sind, mag das teilweise gelingen – vor allem für Länder, die so reich sind, dass sie wie in Miami Beach ihre Straßen und Häuser einfach höherlegen.
Doch andere Berichte legen nahe, dass etwa in Bangladesch durch eine Erhöhung des Meeresspiegels um einen Meter die Heimat von 20 Millionen Menschen gefährdet wird. Auch der Verlust der Gletscher etwa im Himalaja oder in den Anden als Süßwasserreserve für ganze Regionen ist nicht wirklich zu kompensieren. Und schließlich ist es schon logisch schwer zu argumentieren, es sei besser, die Folgen von Schäden zu bekämpfen, als deren Ursache zu beseitigen. Das wäre, als würde man bei einem Rohrbruch nur das Wasser aufwischen, aber nicht den Hahn abdrehen.

Fazit: Das CO2 in der Atmosphäre wird noch jahrhundertelang die Temperaturen mindestens so hoch halten wie derzeit. Eine komplette Anpassung an einen schnell fortschreitenden Klimawandel ist kaum möglich.